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Der Mann, der die Strassen baute

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13.01.21 17:30
Fertiggestellt

Ich laufen eine Straße entlang, eine dieser geteerten, in denen man mit bloßem Auge die grobe Beschaffenheit durch einzelne Steine erkennen kann. Mein Blick geheftet an das Grau in Grau, das nur von dem noch helleren Farbton der Bordsteinkante unterbrochen wird. Als ich um die Ecke bog, kniete mitten auf der Strasse ein Mann. Neben sich auf dem Boden ein brauner Sack aus grob gewebtem Stoff. Immer wieder, nahezu liebevoll glitten seine Hände in das Säckchen und kamen mit kleinen Steinchen gefüllt wieder zum Vorschein. Lange weilte sein Blick auf der Ausbeute, diese die er zuerst mit dem Auge auserwählte nahm er in die andere Hand und setzte sie behutsam nacheinander in einer Reihe auf den Boden. Erst jetzt bemerkte ich, dass an der Stelle an der er kniete die Strasse abrupt ein Ende nahm. Hier ging der vermeidlich geteerte Belag in einen undefinierten Schotterweg über.

Langsam setzte er die kleinen Steinchen auf den undefinierten Untergrund so aneinander, dass diese sich lückenlos zu einer geteert aussehenden Oberfläche zusammensetzten. Ohne auch nur einem Anflug des Bedauerns platz zu machen schmiss er einige wenige Steinchen aus seiner Hand in das Säckchen zurück, wohlwissend, dass ihre Zeit und ihre Stelle in der nicht endenden Aufgabe die Strasse zusammenzusetzen kommen würde. Erneut glitt seine Hand in das Säckchen, peu a peu immer wieder, die Hand tastend nach weiteren Steinen. Der Blick manchmal unentschlossen zwischen Größe und passenden Farbtönen.

Um dem anstrengendem knien entgegen zu wirken trug der alte Knieschoner aus Kunststoff. Die Stellen die schon seit etlichen Jahren mit der Strasse Kontakt haben mussten waren abgerieben und der Kunststoff ging von der schwarzen Färbung in ein staubiges Grau über. Gegen die Sonnenstrahlen des Sommers trug der Arbeiter einen Hut, dieser war ebenso nur an einer Stelle verschlissen, als ob das altern sich nur auf eine Stelle konzentrieren würde.

Ich wusste nicht warum ich von seinem Anblick so ergriffen war, fürchtete ich ihn?

Ich wollte ihn nicht stören, langsam mit einem sicheren Abstand schlich ich mich um ihn herum und betrachtete den Alten im Seitenprofil. Seine Finger waren von der immer selben Arbeit bereits gekrümmt, seine Haarzipfel die unter dem Hut hervorlugten, schon leicht ergraut. Wahrscheinlich reichte seine Körpergröße nicht aus etwas anderes zu tun, deswegen kniet er hier auf dem Boden, Steinchen sortierend und erbaut die Strassen auf denen andere Ihren Weg fortsetzen.

Irgendwie schien mir diese Tätigkeit so banal, nahezu sinnlos, bösartig fragte ich mich ob es denn keine einfachere Möglichkeit gegeben hätte Steine in der passenden Reihenfolge aneinander zu setzen. Um meinen Weg an Ihm vorbei fortzusetzen musste ich meinen Fuß leicht anheben um über den Mann zu steigen.

Ich bin mir an dieser Stelle meiner Erinnerung nicht sicher wie sich unsere Richtungen so angenähert haben konnten, dass ich Ihn ungewollt berührte und für einen kurzen Moment seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf mir ruhte. Ich denke aber auch, dass es an diesem Teil der Geschichte nicht mehr wichtig ist wie dies genau zustande kam. Sein Kopf hob sich und erschrocken blickte ich ihn an,  automatisch griff er zu seinem Hut genau an die Stelle, die ich zuvor als einzig abgegriffene beschrieb und hob ihn zum Gruße. Ohne zurückzugrüßen wandte ich mich sofort ab, um meinen Weg fortzusetzen. Während die losen Steine unter meinen Füssen knirschten fragte ich mich wann wohl die Fertigstellung dieses Teils der Strasse erfolgen würde. Ich drehte mich um und betrachtete nochmal die Richtung aus der ich gekommen war, am rechten unteren Bildrand kniete immer noch mit einem Strohhut bestückt der alte Mann. Im Hintergrund die dunkle Strasse aus den perfekt aneinander gereihten Steinen. Vor mir verschwommene Umrisse durch die Unebenheit des noch nicht fertig gestellten Weges.

Längst muss der Mann vergessen haben dass wir uns vor kurzen begegnet waren, wie sonst konnte man sich so schnell wieder in monotone Abläufe vertiefen. Ob er jemals mit seinem Bausatz aus Steinchen an die Stelle gelangte an der ich in diesem Moment stand weiß ich nicht.

Heute bin ich froh auf diesem Teil der Strasse gelaufen zu sein, sollte ich doch selbst, Jahre später einen Strohhut tragend an einer anderen Stelle knien und für jemanden einen Teil seines Weges bauen.

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Sätze:24
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Diese Story wird neben Ironie auch in den Genres Vermischtes, Alltag, Nachdenkliches und Angst gelistet.