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Die Zeituhr

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23.11.21 19:23
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Wenn ich es auch stets betone, dass ich voll Dankbarkeit auf mein Leben zurückblicke, es gibt natürlich auch Phasen, an die ich nicht gerne erinnert werde. Ja, ich gebe es zu, es gibt sogar Vorgänge, an die ich mich nur mit Wut im Bauch erinnere. Ich habe das nicht ständig auf dem Schirm, aber ab und zu, wenn durch irgendein Gespräch oder Ereignis die Erinnerung erwacht, dann stellt sich die alte Wut sofort wieder ein. Über den Zorn auf meine Lehrer habe ich umfassend zu den verschiedensten Anlässen geschrieben. ›Um Bildung getrogen‹, so kommt dieser Teil meines Lebens mir heute vor.

Es gibt einen weiteren Punkt, der Wut bei mir auslöst und der hat mit einer Uhr zu tun. Es war die ganz normale alte, wohl ausrangierte Küchenuhr, die in der Werkstatt hing, in der ich meinen ungeliebten Beruf erlernte. Diese simple Uhr regelte damals die Arbeitszeit. Wir sechs Lehrlinge in dieser Werkstatt fühlten uns aus den verschiedensten Gründen stets ausgebeutet. Einer der Gründe war die Bezahlung. Das Lehrgeld war gestaffelt nach Lehrjahren. Es begann mit 40 Mark im Monat und steigerte sich mit dem weiteren Fortschreiten der Lehre jährlich um 10 Mark. Da die wöchentliche Arbeitszeit bei 45 Stunden lag, ergab das einen Stundenlohn von anfangs ca. 22 Pfennigen. Das war auch damals eine sehr geringe Bezahlung, wurde aber von allen Betroffenen als gottgegeben hingenommen. Ausbeutung war es trotzdem, denn ob ein Geselle oder ein Lehrling die Arbeit machte, den Kunden wurde immer der gleiche Stundensatz berechnet. Der Grad der Ausbeutung ist leicht zu messen, ab dem Tag nach der Beendigung der Lehre stieg mein Stundenlohn auf DM 2,50. Ich komme lieber auf die Uhr zurück. Diese Uhr hatte eine ungute Eigenschaft, sie ging nach – immerhin eine halbe Stunde während eines Arbeitstages.

Morgens, wenn wir die Werkstatt betraten, zeigte die Uhr eine völlig falsche Zeit an. Anhand der Armbanduhr eines älteren Gesellen wurde die Uhr auf 8:00 Uhr gestellt und los ging es mit der Arbeit. Zur Feierabendzeit ging die Uhr dann wieder nach. Unsere ab und zu vorsichtig vorgebrachten Hinweise, die Uhr ginge nach, wurden immer gleich beantwortet. »Wir haben mit dieser Uhr die Arbeit begonnen und somit ist Feierabend, wenn diese Uhr den Feierabend anzeigt.« Wir haben das lange hingenommen. Immer mit Wut im Bauch, aber wir wussten keinen Ausweg aus dieser Misere herauszukommen.

Neben unserem geringen Lohn schenkten wir dem Meister zusätzlich jeden Tag eine halbe Stunde Lebenszeit. Uns war klar, so konnte das nicht weitergehen. Wir fassten eines Tages einen aus der Verzweiflung geborenen Entschluss. Wir platzierten unterhalb der Uhr einen Besen. Der von uns, dessen Arbeitsplatz der Uhr am nächsten lag, griff, wenn er unbeobachtet war, zum Besen und schob mit dem Besenstiel die Zeiger ein wenig weiter. Die zusätzliche Arbeitszeit war damit verschwunden. Problem gelöst, alles war gut. Einige Wochen passierte nichts Ungewöhnliches, außer, dass wir pünktlich Feierabend machten.

Aber allen Menschen wohnt auch eine gewisse Gier inne und das war bei diesem Trupp von Lehrjungen nicht anders. Nachdem unsere Selbsthilfeaktion sich so gut eingespielt hatte, wurden wir tollkühn. Wir stellten die Uhr ein wenig weiter vor und gewannen einige Minuten Freizeit. Das ging wochenlang gut, aber dann stellte sich die Gier ein. Die Uhr zeigte eine Viertelstunde zu früh den Feierabend an, auch das fiel nicht auf. So stieg die Gier. Eines Tages dann, wurden wir tollkühn, die Uhr spendete dreißig Minuten zu früh den Feierabend. Ein schlechtes Gewissen hatten wir bei diesen Taten nicht, schließlich ging die Uhr schon mindestens ein Jahr lang nach. Wir holten uns unserem Gefühl nur gestohlene Lebenszeit zurück.

Die brutale Form des Zeiteroberns ging einige Tage gut, dann, wir waren schon auf die Freizeit des Wochenendes eingestellt, erschien der Meister morgens mit Wut in den Backen. Er brüllte sofort herum, wie er es immer tat, wenn er wütend war. Wie immer war er am Tag zuvor nach der Arbeit zu Fuß bis zum Hauptbahnhof gegangen, um von dort aus mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Leider fiel an diesem Tag sein Blick auf die große Uhr oben am Turm des Bahnhofs. Der Weg von der Werkstatt zum Bahnhof war nicht weit und so hatte er leicht feststellt, dass die Feierabendzeit noch nicht erreicht war. Wir wurden verhört. Jedem wurde die gleiche Frage gestellt.
     »Hast du bemerkt, dass die Uhr vorging?«
     »Nein Chef, ich habe keine eigene Uhr.« So oder ähnlich lautete die jeweilige Antwort.
     »Du hast es bestimmt zu Hause bemerkt! Warum hast du nicht gemeldet, dass die Uhr verkehrt geht?«
     »Nein Chef, ich habe wirklich nichts bemerkt!«

Wir hielten dicht. Warum er keinen der Gesellen befragte, war uns schleierhaft. Standen die über jedem Verdacht oder hat er sich nicht getraut? Nun, die Befragung ging noch ein Stündchen weiter, dann war die Sache ausgestanden und doch hatte sie ein Nachspiel. Der Meister fasste einen Entschluss, er befahl einem der Lehrjungen jeweils eine Stunde vor Feierabend am Telefon die Uhrzeit abzufragen und die Uhr nach dieser Ansage zu stellen. So ging einer meiner Kollegen am späteren Nachmittag, ans Telefon und wählte die Rufnummer der Zeitansage.

Beim nächsten Ton ist es 16 Uhr, 5 Minuten und 10 Sekunden, Piep, beim nächsten Ton ist es 16 Uhr, 5 Minuten und 20 Sekunden, Piep, beim nächsten Ton ist es 16 Uhr, 5 Minuten und 30 Sekunden, Piep, usw. usw. So lief die Zeitansage in einer endlosen Schleife. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Noch heutzutage ist dieser Dienst in Betrieb, nur ich weiß nicht, wer dort derzeit noch anruft. Damals wurde die Zeitanzeige recht häufig genutzt und ein Anruf kostete 20 Pfennige. Das war ein nicht zu vernachlässigender Kostenfaktor für den Meister, aber den Verlust, der durch die vorgehende Uhr eingefahren wurde, erschien ihm wohl noch gravierender zu sein.

Nach dem Anruf bei der Zeitansage stellte der Kollege die Uhr, nicht ohne darauf zu achten, sie zumindest ein oder zwei Minuten vorzustellen, denn schließlich war es vom Büro aus einige Meter bis zur Uhr zu gehen und die Uhr ging eben entgegen der Annahme des Meisters nach statt vor.

Dem Meister ist der Betrug, den wir in gemeinsamer Aktion begangen hatten, offensichtlich nie aufgefallen, denn er hat sich nach diesem Befehl nie wieder um die Uhr gekümmert. Ein kurzer Blick auf das nachmittägliche Uhren stellen hätte genügt, ihn zumindest misstrauisch zu machen. Soweit ich mich erinnere, endete die Telefonaktion damit, dass der Meister verstarb. Der neue Meister trennte sich von der Uhr und hing eine neue Uhr für uns unzugänglich hinter die Scheibe des Meisterbüros. Im Nachhinein glaube ich, zumindest er hat als einer der Gesellen um den Betrug gewusst, aber geschwiegen, da auch er seinen Vorteil aus dem Betrug gezogen hatte.

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Schriftstellerin Am 25.11.2021 um 17:01 Uhr
Hallo Bernd Moosecker,
ich fand die Erzählung über Deine Lehrlingszeit sehr interessant. Da kamen bei mir alte Erinnerungen hoch. Falls Du mal was darüber lesen willst: wattpad.com/1152298218-kaputte-traktoren-liebeskummer-und-andere

Ich glaube unsere Erlebnisse nehmen sich nicht viel. Ich habe meine Lehrzeit genauso wenig gemocht wie Du.
Grüße von Schriftstellerin
BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker (Autor)Am 25.11.2021 um 18:50 Uhr
Hallo Schriftstellerin,
stimmt, die Erlebnisse nehmen sich nicht viel! Mit Interesse habe ich Deine Erinnerungen an die Lehrzeit gelesen. Es ist natürlich ein andres Kaliber als Lehrling mit kaputten Traktoren konfrontiert zu werden oder doch nicht? Eine Drehbank zu bedienen, die mindesten so alt wie der eigene Großvater ist, ist für einen vierzehn jährigen eine Herausforderung. Eine Genauigkeit von 0,01 mm dort einzuhalten ist eine schier unlösbare Aufgabe für einen ungeübten Jungen. Ich lernte es trotzdem, irgendwie half wohl die Prügel. Verdammt, jetzt rede ich schon die Prügel schön.
Nun danke ich Dir noch für Deinen Kommentar und wünsche Dir schon einmal ein schönes Wochenende.
Gruß Bernd
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BerndMooseckers Profilbild BerndMoosecker

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Kurzbeschreibung

Mein Arbeitsleben vor 65 Jahren als Grundlage einer Geschichte mag sonderbar erscheinen, aber ich bin über die damaligen Zustände immer noch wütend. Gut, ich schreibe es mit Augenzwinkern, denn ist wirklich lange her und ich habe außer meiner Wut keinen weiteren Dauerschaden erlitten.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Nachdenkliches gelistet.