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Das Spiel

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11.07.21 17:23
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Es war eisig, so wie schon die Tage zuvor. Der Nieselregen und die Kälte peitschten mir ins Gesicht. Angespannt sah ich mich um, ich fühlte mich beobachtet. Obwohl ich eigentlich wusste, das sich hier niemand auch nur einen feuchten Dreck für mich interessierte. Oder etwa doch? Was wenn sie mich gefunden hatten? Aber wäre ich dann nicht bereits tot? Ich zog mir meine Kapuze tief ins Gesicht. Die Paranoia in mir wuchs auf ein neues Niveau an. Vor vier Monaten bin ich in einer Nacht und Nebel Aktion, völlig überstürzt aus London geflohen. Mein Handy hatte ich seit jener Nacht nicht mehr an. Obwohl ich es jeden Tag bei mir trug. Ich nahm mir täglich vor, es an zuschalten  um meinen Eltern zu schreiben, das es mir gut geht. Das sie sich nicht sorgen müssen. Vor allem aber das es mir leid tat. Das ich einfach abgehauen bin und ihnen ihr Geld gestohlen hatte. Von dem bereits jetzt nicht mehr viel übrig war. Aber sobald ich es in die Hände nahm, schlug mein Herz bis zum Hals. Ich ging über die Kracht, dort wo Mandy mich gefunden hatte. Mandy war die einzige Person, der ich vertraue. Sie fand mich zitternd im Regen stehend, bewaffnet nur mit meinem Rucksack. Jämmerlich, mein ganzes Leben hatte ich in diesem Rucksack. Keine Ahnung wohin ich sollte, stand ich einfach nur da.

Sie kam auf mich zu und sagte kein Wort. Sie legte ihren Arm um meine Schulter und ich ging mit ihr. Mandy strahlte eine Wärme aus, die ich so noch nie gesehen hatte. Wer nahm schon einen wildfremden Menschen mit zu sich nachhause? Ohne auch nur einmal mit ihm gesprochen zu haben. Sie goss mir einen Tee ein und gab mir trockene Kleidung. Sie ließ mich bei sich wohnen, gab mir das Zimmer welches leer stand. Mandy war die erste Person der ich mich anvertraute. Sie war ja auch die erste die ich sah. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, wie schnell das Leben doch zu Ende sein kann. Warum denn auch? Ich mit meinen achtzehn Jahren, sollte mir noch keine Gedanken über den Tod machen müssen.

Doch ich musste ja unbedingt an diesem Spiel teilnehmen, da ich sonst als Angsthase gegolten hätte. Auch Mandy hatte davon gehört, doch in Amsterdam schienen sich die Jugendlichen für andere Dinge zu interessieren. Sie war völlig schockiert, als sie hörte was mir widerfahren war. Schlaf bekam ich seitdem nicht viel. Sobald ich meine Augen schloss, kamen die Bilder. Jene schrecklichen Bilder in der Nacht, als ich das Weite suchte. Die Angst war mein ständiger täglicher Begleiter. Jede Person die an mir vorbei ging und mich etwas zulange ansah, ließ meine Paranoia wachsen. Drei Monate verkroch ich mich in meinem Zimmer und ging nicht vor die Tür. Dann kamen Mandy's Freundinnen, ganz nett aber sehr naiv. Sue arbeitete im Red light District. Damit sie ihr Studium bezahlen konnte. Sie war also ein so genanntes leichtes Mädchen. Linda schlug sich als Bedingung durch, sie arbeitete bis spät in die Nacht und kam kaum über die Runden. Mandy jobbte in diversen Museen und machte Stadtführungen. Auch ihr Vater steckte ihr hin und wieder Geld zu. Ich musste unbedingt einen Job finden, aber ich traute mich einfach nicht vor die Tür. Die Mieten in Amsterdam sind teuer und unsere Wohnung ist nicht die kleinste. Ich wollte nicht länger auf Mandy's kosten leben.

Da, schon wieder einer, der mich für meinen Geschmack etwas zu lange ansah. Er trug einen schwarzen Mantel und sein Blick war finster. Ich zog meine Kapuze noch etwas weiter ins Gesicht und ging schnell über die Brücke. Immer wieder drehte ich mich um und hielt Ausschau nach Personen die meinen Weg kreuzten. Adrenalin pumpte durch meinen Körper, jedes Mal wenn ich den Schutz unserer Wohnung verließ. Ich hatte es Mandy versprochen, zum tausendsten Mal. Erneut einen Rückzieher zu machen kam nicht in frage. Schnell schlüpfte ich in die Bäckerei und schloss die Tür. Der finster dreinschauende Mann, ging ohne mich eines Blickes zu würdigen an der Bäckerei vorbei. Was mein Herz augenblicklich beruhigte. Ich kaufte mir ein Brötchen und trat wieder in den Nieselregen. Als ich um die Ecke bog ließ ich mein eben erworbenes essen vor Schreck fallen. Mein Herz stand kurz still, ehe es wild in meiner Brust hämmerte. Ein junger Mann, der aussah wie mein bester Freund kam auf mich zu. Henry, mir schossen die Tränen in die Augen und ich konnte es nicht verhindern. Ich sah sein Gesicht, blutüberströmt und seine unnatürlich verdrehten Gliedmaße. Wie er dort lag, die Leere in seinen Augen. Ich konnte das hier nicht, ich musste zurück. Zurück in den schützenden Kokon. Ich machte auf dem Absatz kehrt und begann zu laufen, so schnell mich meine Füße trugen. So wie in jener Nacht. Mit zitternder Hand steckte ich den Schlüssel ins Loch und sperrte die Tür auf. Mandy stand in der Küche und drehte sich zu mir um. Sie wollte mich grade Rügen, als sie jedoch mein Gesicht sah, wich ihr die Farbe aus ihrem.

 

„Kat, was ist passiert? Du siehst aus als hättest du einen Toten gesehen?"

 

Das traf den Nagel auf den Kopf. Ich sank zu Boden und begann zu Wippen. Tränen liefen in strömen über meine eisigen Wangen. In null Komma nichts war Mandy bei mir und half mir hoch. Sie brachte mich in mein Zimmer und setzte sich zu mir. Fest nahm Mandy mich in den Arm und mein Herz begann sich allmählich zu beruhigen. Ich mochte diese enge, wenn zwei Körper sich so nah sind. Liebevoll strich sie mir über den Kopf und sprach beruhigend auf mich ein.

 

„Schhht, ist schon gut Kat, ich bin ja hier. Du bist in Sicherheit. Beruhige dich."

 

„Es tut mir leid Mandy, ich wollte es wirklich! Aber da war dieser Junge Mann, er sah aus wie, wie, wie Henry! Die Bilder in meinem Kopf, sie kamen wieder hoch! Ich sah sein Blut und sein kalter leerer Blick! Ich, ich musste einfach da weg!"

 

„Alles ist jetzt gut, du bist zuhause. Hier ist niemand der Dir was tut. Sollen wir nicht vielleicht doch einen Psychiater zu Rat ziehen? Was wenn du dich in etwas reinsteigerst, aus dem du nie wieder alleine heraus kommst?" 

 

Sie hatte ja recht. Aber was sollte ich dem Psychiater erzählen? Das ich gesehen habe wie mein bester Freund ermordet worden ist? Das sie mich gequält hatten und ich nur entkommen konnte weil jemand zufällig dort spazieren ging? Das ich nicht zur Polizei ging sondern einfach die Stadt verlassen hatte. Das ich Paranoid bin und unter Verfolgungswahn litt? Und das alles wegen eines Spieles das über das Internet kursierte. Das ja angeblich nicht echt ist, das die Nachrichten von einem Computer geschrieben werden. Ich wurde eines besseren belehrt, es war wie ein schlechter Horrorfilm. Ich musste das doch irgendwie alleine bewerkstelligt bekommen.

 

„Nein bitte, kein Psychiater Mandy. Ich kriege das schon hin, ich verspreche es! Ich werde gleich morgen wieder raus gehen und vielleicht schaffe ich es."

 

Sie gab mir einen zarten Kuss auf die Wange und verließ mein Zimmer. Mandy musste zur Arbeit und ich lag erneut verkümmert auf meinem Bett. Mein Herzschlag war noch immer leicht erhöht. Ich ärgerte mich über mich selbst. Nie war ich ängstlich gewesen. Ich war stets ein fröhliches Mädchen gewesen. Eine mit der man Pferde stehlen konnte. Die für jeden scheiß zu haben war. Was ist nur aus mir geworden? Wo ist meine Fröhlichkeit und die Lebensfreude hin? Von dem einen auf den anderen Tag war meine Persönlichkeit verschwunden. Bam, mein ich war Tod, so wie Henry und Jen und Torben war bestimmt auch schon Tod. Wieder schwirrten diese kranken Gedanken in meinem Kopf umher. Ich ließ mich in mein Kissen fallen und versuchte mich zu entspannen. Was mir natürlich überhaupt nicht gelingen mochte. Ich stand auf, ging in die Küche und setzte Wasser auf um mir einen Tee zu kochen. Ich schritt ans Fenster und spähte durch die Gardinen hinunter auf die Straße. Die mittlerweile von Menschen gefüllt war. Das klicken des Wasserkochers ließ mich zusammenzucken. Soweit war es schon gekommen Kathlynn, erschrickst vor einem Wasserkocher. So kann es nicht mehr weiter gehen. Ich goss mir meinen Tee auf und nahm mein Handy in die Hand. Was soll schon passieren? Sie konnten mich ja nicht orten, oder? Mein Herz erhöhte seinen Schlag um einige Takte. Ich atmete tief ein und drückte den Knopf. Mein Herz schlug immer schneller, als der Bildschirm erleuchtete. Mit zittrigen Fingern gab ich meinen Pin ein und wartete ungeduldig. Meine Beine wippten unaufhaltsam und ich kaute die bisschen Fingernägel die ich noch hatte ab. Dann brach die Hölle los, am laufenden Band vibrierte es. Jede Menge anrufe und noch mehrere Nachrichten. Ängstlich nahm ich es in die Hand und ging zu den Nachrichten. Augenblicklich sah ich die Nummer, die eine Nummer. Ehe ich mich versah drückte ich auf diese Nachricht und ein Bild, ein so abscheuliches Bild sah mir entgegen. Es war Torben, oder das was noch von ihm übrig war und erneut trieb es mir die Tränen in die Augen. Dann laß ich die Nachricht.

Du bist die nächste, wir werden dich finden. Niemand entkommt uns. Entweder du tust was wir dir sagen, oder du stirbst wie die anderen, Kat.

Herzlich willkommen Paranoia, da war sie wieder. Das was sie verlangten, konnte ich nicht tun. Das konnte kein normaler Mensch. Sowas taten nur Psychopathen, einen Menschen töten. Schnell öffnete ich die Nachricht meiner Mutter. Die immer wieder fragte wo ich bin, ob ich noch lebte und das sie mir nicht böse wären, wenn ich mich doch nur melden würde.

Schnell tippte ich eine Nachricht ein.

Hallo Mama es tut mir alles Wahnsinnig leid und ich weiß ihr versteht das alles nicht. Aber dies tut nun nichts zur Sache. Ihr sollt wissen das ich euch über alles liebe und das es mir gut geht. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Vielleicht ist dies das letzte mal, das ihr von mir hört. Gebt auf euch acht! Grausame Dinge geschehen jeden Tag. 

Kat

Einen Moment verharrte mein Finger über dem senden Knopf. Dann ließ ich ihn sinken und spürte erneut wie die Tränen ihren Weg fanden. Ich wartete nicht auf ihre Antwort, ich schaltete mein Handy aus und entnahm ihm die Karte. Danach legte ich die neue ein, die Mandy mir besorgt hatte.

Mein Herz fühlte sich schwerer an denn je.

Würde ich sie je wieder sehen, meine Eltern?

Ich hoffte es, doch tief im Inneren wusste ich das es nicht so kommen würde. In kleinen Schlucken trank ich meinen Tee, doch er konnte die Kälte in meinem inneren nicht vertreiben. Sie fraß mich innerlich auf und nahm alles in ihren Besitz. Natürlich war ich stolz auf mich, ich hatte es endlich getan. Doch war dies das richtige? Warum musste ich mir dieses Foto ansehen? Sie hatten es mir letzte Woche erst gesendet. Also wussten sie das ich untergetaucht war. Ich schnappte mir meinen Laptop und schaltete ihn ein. Ich musste dringend einen Job finden. So stöberte ich eine ganze Weile auf der Jobbörse herum. Doch alles was ich fand, hatte mit jeder Menge Leute zu tun. Es gab hier keine Jobs wo man im verborgenen blieb. Ich brauchte eine rundum Veränderung. Neue Frisur, neue Haarfarbe, neue Kleidung und am besten ein neues Selbstvertrauen. Ich lief in mein Zimmer und zog die Box unter meinem Bett hervor. Dort bewahrte ich mein Geld auf, schnell zählte ich die Scheine. Alles was ich noch besaß, waren dreitausendzweihundert Euro. Ich schnappte mir dreihundert und zog meine Kapuzenjacke an. Zwei Häuser unterhalb von uns gab es einen Frisör, dieser wird mein erstes Ziel sein. Als ich Richtung  Tür ging begann mein Herz zu pochen. Ich streckte meine zitternde Hand nach dem Türknauf aus und verharrte. Ein innerer Monolog mit mir selbst begann. Noch nie war ich hier um diese Zeit draußen im Freien, unter so vielen Menschen. Mit einem Ruck zog ich die Tür auf und blinzelte hinaus ins Treppenhaus, niemand zusehen. Schnell lief ich die Stufen hinab und trat hinaus ins freie. Mein Ziel war so nah, ich senkte meinen Blick zu Boden. Die Kapuze so weit ins Gesicht gezogen, das ich selbst nur meine Füße sah. Von dem Lärm um mich herum bekam ich nichts mit, das Rauschen in meinen Ohren war viel zu laut. Aber ich hatte es geschafft. Ich stand plötzlich in dem Frisörsalon, ein junges nett aussehendes Mädchen kam direkt auf mich zu.

 

„Hallo, wie kann ich dir helfen?"

 

„Äh ich hätte gerne eine neue Haarfarbe und Frisur, währe das möglich?"

 

Das Mädchen lächelte mich an und zog mich Richtung Stuhl. Unter ihrer Berührung zuckte ich leicht zusammen.

 

„Natürlich setze dich doch, möchtest du etwas trinken?"

 

Ich schüttelte den Kopf und war erleichtert, das niemand außer mir und dem Mädchen sich in dem Laden befand. Sie zeigte mir etliche Frisuren und verschiedene Farben. Ich entschied mich für ein Mahagoni braun das in einem Ombre in ein ganz helles blond überging. Endlich werde ich meine schwarzen Haare los. Sie trug die Farbe auf und ich musste warten. Sehr geduldig war ich schon länger nicht mehr, denn immerhin stand mein Leben auf dem Spiel. Nachdem sie die Farbe ausgewaschen hatte, kam sie mit Kamm und Schere bewaffnet auf mich zu. Ich verlor ein gutes Stück Haare, ich hatte ja mehr als genug davon. Als sie endlich fertig war, sah ich eine völlig veränderte Person im Spiel. Meine Haare fielen mir in Stufen locker über die Schultern. Diese Farbe passte auch viel besser zu meiner viel zu blassen Haut. Es gefiel mir, sehr sogar. Ich gab dem Mädchen das Geld und schlüpfte hinaus in die belebte Stadt. Weit schaffte ich es jedoch nicht, ohne Umwege ging ich zu unserer Wohnung zurück. Trotzdem war ich stolz auf mich, ich habe mich getraut. Mehr als die Monate zuvor, ich brannte darauf es Mandy zu erzählen. Ungeduldig sah ich zur Uhr, es war erst vierzehn Uhr dreißig. Sollte ich einen weiteren Versuch starten? Sollte ich auf die andere Seite der Kracht und mir dort neue Kleidung kaufen? Ich ging Richtung Tür und öffnete sie einen Spalt weit, als ich Schritte hörte. Panisch schloss ich sie wieder und lauschte. Mein Herz polterte und das Innere zittern war zurück. Ich konnte es nicht, nicht noch einmal. Ich sah durch den Spion, es war die alte Dame von gegenüber. Sie war mir unsympathisch, von Anfang an. Sie hatte etwas gruseliges, was mich erschaudern ließ wenn ich sie sah. Da war er aber auch schon wieder hin, mein Mut. Ich weiß nicht wie lange ich einfach nur an der Tür stand und durch den Spion stierte. Etliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Was wenn mich da draußen jemand erkannt hat? Wenn sie all die Zeit nur darauf gewartet hatten, das ich meinen schützenden Kokon verlasse? Ich war so dumm, so naiv. Ich wurde von Minute zu Minute nervöser. Der Blick zur Uhr verriet mir das Mandy gleich nachhause kommen wird. Da Freitag war, wusste ich das sie heute erneut einen Versuch starten würde mich aus dem Haus zu bekommen. Ich hatte ja auch wieder Lust was zu unternehmen, aber ich wusste nicht ob ich schon soweit war. Das Bild von Torben ging mir nicht aus dem Kopf. Er war mein Freund, dennoch traf mich sein Tod nicht so wie der von Henry oder Jen. Vielleicht war ich auch einfach schon zu abgestumpft. Ich hatte genau damit gerechnet und so kam es auch. Konnte ich überhaupt noch was anderes fühlen außer Angst, Trauer und leere? War ich noch fähig mich zu freuen, Spaß zu haben oder zu lieben? Wann hatte ich das letzte mal Sex? Mit mir selbst oder mit einem Mann, das liegt schon sehr lange zurück. Bei dem Gedanke an Sex, zog sich mein Unterleib zusammen. Wenigstens etwas das noch nicht völlig abgestumpft war. Zitternd trat ich zurück ins Wohnzimmer, dort schnappte ich mir erneut den Laptop und laß die Nachrichten aus aller Welt. Eine Schlagzeile fesselte mich augenblicklich. 

Die Überschrift lautete „Das Spiel"

Immer und immer wieder laß ich die Zeilen, was mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen ließ. Ein dicker Klos bildete sich in meinem Hals und nahm mir die Luft zum Atmen.

 

Was klingt wie ein schlechter Horrorfilm, ist perfide Realität und beschäftigt derzeit ganz Europa. Das Online-Spiel gibt es in Russland schon seit mehr als einem Jahr und hat dort nach Angaben der russischen Regierung bisher mindestens 90 Jugendliche das Leben gekostet. Medien sprechen sogar von 130 Toten. Nun gibt es die ersten Todesfälle wohl auch in Europa. Auf Youtube finden sich mittlerweile Videos aus Polen und den baltischen Ländern, in denen Jugendliche über das Online-Spiel berichten.

Alles beginnt über die sozialen Netzwerke wie Facebook, oder Messeger wie WhatsApp. Man schreibt einer Nummer und bekommt eine Nachricht zurück. Viele denken das die Nachricht von einem Computer erstellt und abgesendet wird. Doch dem ist nicht so.

Zuerst werden kleinere Mutproben gefordert, die man durch Fotos beweisen soll. Doch danach beginnt der Psychoterror. Einige werden aufgefordert seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen, anderen wird befohlen ein anderes Leben zu nehmen. Die Strippenzieher betrohen ihre Opfer und fügen Ihnen leid zu. Die Polizei geht von vielen Ermordungen durch diese aus. Viele stehen bereits unter Polizeischutz. Einige sind spurlos verschwunden.

Wendet euch an die Polizei, wenn auch ihr eine solche Nachricht bekommen habt. 

 

Es steht in den Nachrichten, es wurde öffentlich gemacht. Ich traute meinen Augen kaum. Sollte sich doch noch alles zum Guten wenden? Zum ersten Mal seit langer Zeit vernahm ich ein Gefühl, von dem ich nicht wusste, das es noch in mir existierte. Hoffnung.

Als ich das klicken des Schlosses vernahm, sprang ich vor Schreck auf. Das Küchenmesser, dass ich vorher auf dem Tisch platziert hatte, hielt ich plötzlich zitternd in meinen Händen. Die erlösende Stimme von Mandy ließ das Adrenalin jedoch augenblicklich wieder sinken. Schnell schob ich es zurück in den Messerblock. Wenn sie mich damit nun noch erwischte, würde ich wirklich zum Psychiater müssen. Ich stellte den Wasserkocher an und entnahm zwei Tassen aus dem Schrank. Sie war am Telefonieren. Ihr Schrei verursachte mir beinahe einen Herzinfarkt. Ich war drum und dran das Messer erneut aus dem Block zu ziehen, als sie erleichtert Luft einsog.

 

„Kat! Du hast mich erschreckt! Du, du, du warst beim Frisör?! Wow! Du siehst richtig gut aus, so anders. Du warst draußen?! Wirklich?!"

 

„Danke, du hast mich grade auch erschreckt!

Ich dachte schon es wäre jemand bei uns in der Wohnung! Ich, ja, ich habe mich getraut. Es war nicht leicht aber ich habe es geschafft. Mandy, ich habe mein Handy eingeschaltet. Torben, ist Tod! Sie, sie haben mir ein Foto gesendet und ich habe meiner Mutter geschrieben und danach habe ich die neue Karte eingesetzt."

 

Mandy sah mich an als hätte ich ihr grade offenbart das die Welt untergeht. Ungläubig schüttelte sie sich ganz sanft, so als wolle sie Mücken vertreiben.

 

„Du hast was?! Kathlynn, hast du den Verstand verloren?! Was wenn sie dich finden? Oh man, was soll ich mit dir bloß machen?"

 

Scheiße, sie hatte sowas von recht. Ich war dumm! Warum habe ich nicht einfach die neue Karte benutzt um meinen Eltern zu schreiben? Warum habe ich mir Torben's Foto angesehen? Mein Herz schlug schneller, die Angst war präsent. Aber ich hatte ihnen nicht geschrieben. Dennoch würden sie sehen, das ich die Nachricht gelesen hatte. Verdammt daran habe ich nicht gedacht.

 

„Mandy, sie werden sehen das ich die Nachricht gelesen habe! Soweit habe ich nicht überlegt. Aber sie können mich nicht finden, oder!?

 

Ich kannte die Stimme, die aus meinem Mund zukommen schien nicht. Sie hörte sich so garnicht nach mir an. Viel zu schrill, voller Angst und Panik war sie gewesen. Warum nur habe ich so überstürzt gehandelt? Mandy rieb sich ihre Augen, sie sah nachdenklich aus. Nachdenklich und viel zu blass.

 

„Beruhige dich erst mal, es  wird schon nichts geschehen. Wenn sie dein Handy orten könnten, wären sie schon längst hier. Aber, du musst vorsichtiger sein! Wenn dir etwas geschieht..."

 

Sie sprach nicht weiter, ihre Augen sprachen Bände. In so kurzer Zeit, sind aus Fremden, Freunde geworden. Nein, sie war mehr, sie war meine Familie. Schweigend nahm sie mich in den Arm. Dann sah sie mir in die Augen.

 

„Ich bin stolz auf dich, auf das was du heute geschafft hast. Du darfst nur nicht unüberlegt handeln. Das war schon ein großer Schritt zurück in ein normales Leben. 

Eigentlich wäre ich heute ja ausgegangen. Aber Linda ist mal wieder knapp bei Kasse. Deshalb kommen sie zu uns. Aber wenn dir nicht danach zumute ist, dann sage ich Ihnen ab. Du musst es mir nur sagen, Kat."

 

Ich haderte mit mir selbst. Eigentlich war mir ganz und garnicht danach. Aber ich wollte auch nicht, dass Mandy wegen mir immer zurück stecken musste. Ich versuchte verkrampf ein Lächeln zustande zu bringen und wusste das sie mir das nicht abkaufen würde. 

 

„Nein, schon gut. Lass sie ruhig kommen. Vielleicht lenkt es mich etwas ab, das hoffe ich zumindest. Ist okay, wirklich."

 

Lächelnd verschwand sie ins Bad und ich stellte die Tassen zurück in den Schrank. Nervös trommelte ich mit den Fingern auf dem Tisch herum. Meine Gedanken formten sich zu einem Knäuel. Unüberlegt zu handeln, hatte mich in diese Situation gebracht. Ich musste vorsichtiger sein. Ich musste Mandy unbedingt von der Schlagzeile erzählen. Nur nicht jetzt, bevor die Mädchen kommen. Ich ging in mein Zimmer und zog mich um. Der Blick in den Spiegel verhieß nichts gutes. Ich sah schrecklich aus, bis auf meine Haare. Meine Wangen waren eingefallen, so dünn war ich doch garnicht. Die schwarzen Ringe unter meinen Rot umsäumten Augen waren größer geworden. Meine Haut wirkte fahl. So konnte ich mich unmöglich zu den Mädchen setzten. Rasch trug ich etwas Make-up auf, wirklich viel half es nicht. Aber ich sah nicht mehr ganz so beschissen aus. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, ich trat ans Fenster und sah hinaus. Die Straße war nach wie vor belebt. Kein Wunder, es war Freitag Abend. Ich sah niemand,der für mich auffällig wirkte. Dennoch schwoll das ungute Gefühl zu einem riesigen Klumpen an, der mich zu ersticken drohte. Lag es vielleicht daran, das ich heute wieder gute Miene zum bösen Spiel machen musste? Oder war das zuvor erlebte einfach Zuviel für mich gewesen. Ich bin heute über meinen Schatten gesprungen und habe die inneren Dämonen besiegt. Doch genau jetzt in diesem Moment schienen sie wieder aus Ihren Höhlen zu kriechen und sich auf mich zu stürzen. Ich schritt vom Fenster zurück und ging zu Mandy, die in der Küche zugange war. Mandy liebte das kochen, ich hingegen ließ sogar das Wasser anbrennen. Mandy schob grade die Lasagne in den Ofen als sie mir die nächste Hiobsbotschaft übermittelte.

 

„Hör mal Kat, ich weiß du magst fremde nicht. Aber Linda hat einen neuen Freund und sie bringt ihn mit hier her zu uns. Sie möchte ihn uns vorstellen."

 

Na super, sie wusste ich hasse es wenn fremde in unsere Wohnung kommen. Niemand kennt ihn und wer weiß in welchen Kreisen er verkehret. Der Knäuel wurde immer größer. Aber mir blieb ja keine andere Wahl.

 

„Und das sagst du mir erst jetzt? Du kennst mich, ich weiß nicht ob ich das schon schaffe! Sieh mich doch nur an Mandy!"

 

Mein ganzer Körper bebte, ich spürte mein Herz deutlich schlagen. Mandy sah mich entschuldigend an und kam zu mir.

 

„Es tut mir leid Kat, grade weil ich dich kenne, habe ich es dir erst jetzt gesagt. Sei einfach du selbst, so wie du bist wenn wir zusammen sind. Du musst ja nicht seine beste Freundin werden. Wenn du dich immer in deinem Zimmer verkriechst, werden die Mädchen irgendwann fragen stellen. Du schaffst das, außerdem habe ich Bier und Prosecco besorgt. Du magst doch Bier und Prosecco?!"

 

Ich hasste es wenn sie recht behielt. Ich durfte nicht Zuviel Aufmerksamkeit erregen. Und wenn ich immer wie ein Mauerblümchen in meinem Zimmer hocke, beginnen sie fragen zu stellen. Ich schritt zum Kühlschrank und sah sie dabei an, während ich mir eine Flasche Bier nahm und sie öffnete. Ich musste mir etwas Mut antrinken. Ich hoffe das dies helfen würde.

Mandy lächelte mich erleichtert und aufmunternd an.

 

„Na komm hilf mir den Tisch zu decken, sie werden jeden Moment da sein."

 

Ich nahm zitternd das Besteck und deckte den Tisch. Das Läuten unsere Klingel ließ mich zusammen zucken. Ich atmete tief ein und gab Augenrollen Mandy das okay, die Tür zu öffnen. Sue fiel Mandy um den Hals und bedeckte ihre Wangen mit küsse.

Dann trat Linda ein und tat es ihr gleich. 

 

„Hey Mandy, darf ich vorstellen, das ist Torben, mein neuer Freund. Wir haben uns im Restaurant kennengelernt. Ich hoffe es ist okay für dich, wir haben seinen Bruder mitgebracht."

 

Mir blieb das Herz stehen. Beinahe hätte ich mich an meinem Bier verschluckt. Ihr Freund heißt Torben. Augenblicklich sah ich das Bild vor Augen und wusste nicht ob ich diesen Abend überleben werde. Gleich zwei fremde in unserer Wohnung.

 

„Freut mich dich kennenzulernen Torben, kommt doch rein. Nein ist schon okay Linda, ich habe Lasagne gemacht. Dann decken wir für eine Person mehr."

 

Als ich seine Stimme hörte lief mir eine Gänsehaut über den Rücken. Sie klang unglaublich gut, rau und dunkel. War das die Stimme von Torben oder die Stimme seines Bruders? 

Dennoch konnte ich keinen von beiden sehen. Sue kam auf mich zugestürmt und fiel mir um den Hals. 

 

„Hey Lynn, schön das du auch dabei bist! Du siehst fantastisch aus, warst du beim Frisör?"

 

Ich hasste es wenn Leute so auf mich zukamen. Das ließ mein Herz augenblicklich schneller schlagen und die Angst wuchs. Ist sie etwa blind? Ich sehe beschissen aus. Ich setzte mein falsches Lächeln auf.

 

„Sue schön das ihr alle da seit, es war längst mal wieder fällig. Danke, ja ich hab mir mal eine neue Frisur gegönnt."

 

Sie ließ von mir ab und setzte sich an den Tisch. Dann war der Blick frei. Ich sah die beiden Männer, die sich so überhaupt nicht ähnlich sahen. Linda hielt einen an der Hand und der andere ging mit gesenktem Blick hinter ihnen her. Er sah überhaupt nicht erfreut aus, hier zu sein. Irgendwie erkannte ich mich in ihm wieder. Seine verschlossene Haltung und seine nervösen Blicke spiegelten mich eins zu eins wieder. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut. Am liebsten wäre ich zurück in meinen Kokon gekrochen. Um ehrlich zu sein war ich wirklich am kämpfen, setzen oder gehen? Schnell setzte ich meine Flasche an und zog einen kräftigen Schluck daraus. Viel zu zittrig ließ ich mich auf meinem Platz nieder.

Linda, die mich grade entdeckt hatte, stürmte los. Augenblicklich versteifte sich jeder Muskel in meinem Körper. 

 

„Kat! Wie schön das du Zeit gefunden hast! Die letzen paar Male warst du nie zuhause. Geht es dir gut? Sag, warst du feiern gestern? Du siehst ja völlig maloch aus!"

 

Alle Blicke waren auf meine Wenigkeit gerichtet. Ich hasste es im Mittelpunkt zu stehen. Der Knoten in meinem Bauch wuchs von Sekunde zu Sekunde an. Ich zog noch einmal an meinem Bier und versuchte zu lächeln.

 

„Ich freue mich auch total euch endlich wiederzusehen. Nein, feiern war ich nicht, ich hab gelesen und dabei die Zeit vergessen."

 

Linda unterbrach mich, sowie sie es immer tat.

Sie stand nämlich gern im Mittelpunkt.

 

„Ja, ach so, okay. Jedenfalls das ist Torben, Torben das ist Kathlynn. Sie ist Mandy's Mitbewohnerin und das ist Ilias , Torben's Bruder." 

 

Alle begannen sofort miteinander zu reden. Wo Torben herkam und was er arbeitete. Ich hielt mich jedoch zurück, mir war das alles Zuviel. Auch Ilias schien hier völlig fehl am Platze. Er hatte noch kein Sterbenswörtchen  von sich gegeben. Ich brauche dringend noch mehr Alkohol um diesen Abend zu überstehen. Also erhob ich mich von meinem Stuhl und ging zum Kühlschrank. Mandy sah mich kurz an, ich wusste, dass sie dachte ich würde zurück in mein Zimmer laufen. Mit zittrigen Händen nahm ich mehrere Bierflaschen heraus und reichte Mandy eine und eine hielt ich Ilias hin. Zum ersten Mal hob er den Kopf und sah mich an. Er hatte wunderschöne grünblaue Augen. Jedoch lag soviel Schmerz und Leid in seinem Blick. Dann sah er auf meine Hand, in der ich die Flasche hielt. Nur ganz kurz, sein Blick blieb für einen Moment an meiner Narbe hängen. Dann nahm er die Flasche zaghaft entgegen und sah mich an. 

 

„Danke Kathlynn."

 

Bei seiner rauen stimme entstand eine Gänsehaut, die Die feinen Härchen auf meinen Armen zu Berge stehen ließen. Seine Stimme klang unglaublich gut.

 

„Gerne, einfach nur Kat oder Lynn."

 

War alles was ich fiepend zustande brachte.

Schnell zog ich meine Hand zurück und knetete wie wild meine Finger. Ich fühlte mich Unbehagen. Mandy nahm die Lasagne aus dem Ofen und wir begannen zu essen. Sie schmeckte Fantastisch, wie immer. Sue war heute verdammt ruhig. Vielleicht lag es aber auch einfach an ihrem niedrigen Alkoholkonsum heute. Ich räumte die Teller ab während Linda mal wieder alle zu textete.

 

„Jedenfalls sind wir im Moment auf der Suche nach einer Wohnung. Meine ist viel zu klein für uns und Torben wohnt mit seinem Bruder zusammen. Ah, habt ihr eigentlich schon von dem neuen Online Spiel gehört? Das muss super genial sein."

 

Meine Alarmglocken schrillen laut auf, bei ihrem letzten Satz. Verstohlen sah ich zu ihr während ich die Gläser abräumte.

 

„Na dieses Spiel eben. Du schreibst einer Nummer und dann bekommt man eine Nachricht zurück. Soll alles per Zufall geschehen. Die Antworten werden von einem Computer erstellt und gesendet. Ich habe es heute ausprobiert, aber bis jetzt noch keine Antwort bekommen."

 

Vor Schreck ließ ich eines der Gläser fallen. Alle sahen mich an. Mandy mahnend, Ilias entsetzt und die anderen desinteressiert.

Mit zittrigen schweißnassen Händen begann ich die Scherben aufzuheben. Als seine Hand plötzlich die meine berührte.

 

„Ist schon gut, ich mach das schon. Nicht das du dich verletzt."

 

Er versuchte mich anzulächeln aber es war kein echtes Lächeln. Eher ein gequältes. Er wollte seine Hände beschäftigen, denn er war plötzlich sehr nervös geworden. Mir gefiel das alles ganz und garnicht. Ich musste dringend mit Mandy sprechen, wir mussten von hier verschwinden. Je schneller desto besser. Linda, du armes Mädchen. Du hast ja keine Ahnung in was du da reingeraten bist. Sue hörte Linda aufgeregt zu.

 

„Ja aber was soll so toll daran sein?"

 

„Naja, da geht es um Mutproben und Zusammenarbeit. Ich habe gehört das man sich dort sogar treffen kann. Man kommt irgendwann in eine Gruppe und muss gemeinsam agieren. Soll ich dir die Nummer mal geben Sue?"

 

„Hört sich interessant an. Also ansehen würde ich mir das schon mal gerne. Wie ist denn die Nummer?"

 

1366613...1366613...1366613 Alles was noch in meinem Kopf war, waren diese Zahlen. Jene Zahlen die mich gebrochen hatten. Sie hatten mich zerstört und jetzt fing alles nochmal von vorne an. Ich stand mit Scherben in meinen Händen da und sah hinab auf Ilias. Er hielt die Scherben fest in seiner zitternden Hand.

Ein süßer Schmerz durchzog meinen Körper.

 

„Die Nummer lautet, 1366613. Ich glaube das Spiel ist nicht länger aktiv. Wie gesagt, ich habe noch keine Nachricht bekommen."

 

Mandy sah panisch zu mir. Mein ganzer Körper vibrierte. Wie angewurzelt stand ich neben Ilias. Die letzten vier Monate meines Lebens zogen an meinem inneren Auge vorbei. Von dem Tag an, als ich die erste Nachricht schrieb, bis heute. Kälte überzog meine Haut, die Paranoia hatte mich erneut fest im Griff. Erst als ich ein Tropfen vernahm, ein Geräusch das ich nur zugut kannte, kam ich wieder zu Sinnen. Voller Entsetzen sah ich auf Ilias hinab. Blut lief an seinem Finger hinab und tropfte zu Boden. Er hatte sich geschnitten. Behutsam fuhr ich ihm an seine Schulter. Unter meiner Berührung zuckte er arg zusammen und sah mich irritiert an, bevor er bemerke was geschehen war.

Er öffnete seine Hand und die Scherben glitten zu Boden. Blut, Blut ängstigte mich seit jener Nacht. Zittrig reichte ich ihm ein Papiertuch und genauso zittrig nahm er es entgegen.

Mandy stand schon längst an meiner Seite, ihr starker Griff beruhigte mich ein wenig.

 

„Setz dich Kat, ich mach das schon."

 

An dem Ton ihrer Stimme, wusste ich das auch sie Angst hatte. Ich nahm mir noch ein Bier, das ich jetzt wirklich dringend benötige und setzte mich zu den Todgeweihten an den Tisch.

Sue und Linda waren immer noch über das Spiel am debattieren. Torben sah seinen Bruder besorgt an, der mittlerweile wieder den Platz neben ihm besetzt hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht, das Ganze stank zum Himmel. Torben flüsterte auf Ilias ein, doch durch das Geschnatter der beiden Hühner neben ihnen, konnte ich kein Sterbenswörtchen verstehen. Die Angst schnürte mir die Kehle zu und die Sirene, die grade unsere Straße passierte, machte das ganze nicht besser. Mandy arbeitete schnell, innerhalb weniger Minuten war sie am Platze neben mir. Sie griff nach meiner Hand und drückte sie. Mandy sah mich kurz an, in ihrem Blick lag pure Angst. Nervös begannen meine Beine zu Wippen. Ich wollte nich länger an diesem Ort sein. Mandy kam mit ihrem Kopf näher um mit mir zu flüstern.

 

„Kat, was sollen wir jetzt tun? Ich kann doch hier nicht einfach weg? Alles zurück lassen was mir wichtig ist."

 

Mandy tat mir leid. Sie liebte ihre Familie genauso wie ich die meine und ich wusste wie schwer das war, sie alle zu verlassen. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Wenn sie eine der beiden Mädchen bekommen, könnten sie mich finden und dann würden sie Mandy nicht am Leben lassen. Das durfte nicht geschehen. Ich war so in Gedanken, das ich viel zu spät bemerkte, dass Linda ein Foto von uns machte. Von jedem von uns. Augenblicklich Schoß mein Puls in die Höhe. Die Stimme, die aus meinem Mund kam, hörte sich so garnicht nach mir an.

 

„Was tust du da Linda?"

 

Lächelnd und mit hochgehobener Nase antwortete sie mir.

 

„Ich habe ein Bild von euch allen gemacht, dies war meine erste Aufgabe! Das Spiel existiert also doch noch. Und senden,tatata!"

 

Mir drehte sich der Magen. Das war's, sie werden mich sofort erkennen. Ich muss von hier verschwinden, auf der Stelle. Mein Gehirn arbeitete viel zu langsam. Mandy stand plötzlich mit geweiteten Augen vor Linda und zog sie vom Stuhl.

 

„Du hast was getan?! Hast du den Verstand verloren?! Ohne mein oder Kat's Einverständnis ein Foto zu versenden! Weißt du überhaupt was du da gerade getan hast?!"

 

Wie in Zeitlupe lief die Szene vor meinen Augen ab. Ich sah das Entsetzen in Ilias Gesicht, es spiegelte mein Ebenbild. Er wusste es, er war bereits wie ich, ein Opfer. Dies konnte ich eindeutig spüren. In meiner Hose spürte ich mein Handy, es Vibrierte. Oder was das nur Einbildung? Ich hatte doch eine neue Nummer. Bibbernd zog ich mein Handy aus der Tasche und starrte auf das Display. Facebook Messenger, natürlich, ich war zu unvorsichtig. Schwer schluckend öffnete ich die Nachricht. 

 

Da bist du also, Kat! 

Amsterdam.

Lauf kleines Kätzchen, lauf!

Wir werden dich finden!

 

Ich bekam kaum noch Luft. Meine Hände hatte ich nicht länger unter Kontrolle. Das Handy glitten mir aus der Hand und fiel zu Boden. Unfähig mich zu bewegen stand ich nur da und japste nach Luft. Hier war es viel zu eng für mich. In meinen Ohren schallte und rauschte es. Meine Wangen waren in Tränen getränkt. Ich spürte mein Herz, das hart und viel zu schnell in meiner Brust schlug. Linda schrie, weshalb ich sie hören konnte.

 

„Was ist euer scheiß Problem! Das ist doch nur ein blödes Spiel! Ich habe schon des öfteren Fotos von euch geschossen! Seid ihr alle durch geknallt?! Und was ist bitte mit der da los?!"

 

Mandy ließ von Linda ab und hob mein Handy auf. Sie zögerte keine Sekunde. Mandy zog mich vom Tisch fort in mein Zimmer, meinen schützenden Kokon. Wie von allen guten Geistern verlassen, kramte sie meinen Rucksack hervor und stopfte wahllos Kleidung und mein Geld hinein. Sie rannte in ihr Zimmer und tat dort wohl das selbe, während ich noch immer bewegungslos in meinem Zimmer stand. Sie wussten wo ich bin, zumindest die Stadt in der ich mich aufhielt. Wie lautete genau die erste Aufgabe? Ich suchte in jeder Ecke meines Hirns nach der Antwort und fand sie. In der Küche herrschte noch immer Gebrüll. Da war plötzlich die Stimme von Ilias, die ich klar und deutlich hörte.

 

„Du wusstest das sie die Nummer besitzt! Torben, du hättest sie davon abhalten müssen! Wir müssen sofort von hier verschwinden, hörst du?! Ich werde keine Minute länger in ihrer Nähe bleiben, sie hat unser aller Todesurteil unterschrieben!"

 

Mandy war dabei, sie alle der Wohnung zu verweisen, als es plötzlich an unserer Tür klopfte. Mein Herz machte einen Aussetzer und das Geschrei verstummte augenblicklich. Befangen setzte ich einen Fuß vor den anderen und schritt zu den anderen in die Küche. Ilias sah mich abgezehrt an, sein ganzer Körper bebte. Mandy war sofort an meiner Seite und flüsterte mir zu.

 

„Was hast du vor Kat? Du weißt nicht wer dort vor unserer Tür steht. Jeder andere würde unsere Klingel benutzen, was sollen wir jetzt nur tun?"

 

Ich fand keine Worte, die Angst war viel zu groß um ihr zu antworten. Erneut ertönte das Klopfen und ließ mich zusammenzucken. Ich zog das größte Messer aus dem Block und ging Richtung Tür. Der Spion wurde verdeckt. Das war der Moment, in dem meine innere Stimme so laut schrie, wie noch nie zuvor. 

 

Das sind sie Kat! Sie haben dich gefunden! Nach so langer Zeit, haben Sie deinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht und das nur weil diese dumme Kuh die erste Aufgabe erledigt hat! Du solltest sie zuerst töten! Wegen ihr werden alle hier anwesenden sterben!

 

Von meinem Innern Monolog bekam niemand etwas mit, ich wandte mich zu ihnen um. Mein Inneres ich hatte nicht ganz unrecht. Linda war es, der wir diese Situation zu verdanken hatten. Vier Monate war ich bereits erfolgreich untergetaucht. Dann musste sie ein Foto von mir machen. Ich haderte mit mir selbst, ich war keine Mörderin. Dies war ja auch der Grund, warum ich flüchten musste. Aber Linda hatte den Tod verdient. Es klopfte härter gegen unsere Tür. Und Linda schrie.

 

„Wer zum Teufel ist da?!"

 

Keine Antwort. Mandy hielt noch immer mein Handy in ihrer Hand und es vibrierte.

Als ich das Entsetzen in ihrem Gesicht sah, wusste ich das dort einer der ihren vor unserer Tür stand. Angsterfüllt schüttelte sie ihren Kopf und auch Ilias verneinte eindeutig, dass ich öffnen sollte. Doch was blieb uns für eine Wahl? Kämpfen oder sterben. Mandy zog mich zurück und öffne leise das Küchenfenster. Hatte sie jetzt völlig den Verstand verloren? Ich war viel zu zittrig um aus dem Fenster zu klettern. Ich vernahm ein Geräusch und sah wie der Türknauf sich langsam drehte. Torben stand nicht mehr in unserer Küche, er war bereits aus dem Fenster geklettert. Mein Rucksack, er lag noch auf meinem Bett. Mandy schüttelte energisch den Kopf, doch ohne meinen Rucksack konnte ich hier nicht weg. Mein ganzes Geld, alles was ich noch besitze, was wir noch besitzen, befand sich in meinem Rucksack. Mit wild klopfenden Herzen rannte ich kurzentschlossen los. Ich schnappte meinen Rucksack und lief zurück in die Küche. Mandy kroch erst jetzt durch das Fenster hinaus ins freie. Das Messer hielt ich festumklammert in meiner rechten Hand. Vorsichtig und unbeholfen stieg ich hinaus auf dem Fenster, genau in diesem Moment ging unsere Wohnungstür auf. Ein hochgewachsener junger Mann trat ein und suchte den Raum ab. Als er mich entdeckte, sprintete er grinsend los. Ich sah zur zu Mandy, sie hing an der Regenrinne circa einen Meter unter mir. Meine Angst erreichte ein neues Level. Wenn ich mich jetzt an die Rinne hänge, wird Mandy stürzen. Doch wenn ich es nicht tue, werde ich sterben. Das Messer hinderte mich, halt zu finden, ich ließ es fallen und hoffte das niemand unter uns auf dem Bürgersteig stand oder ging. Ich hörte schreie, schreie der Menschen auf der Straße. Der Hüne hatte mich fast erreicht, ich sah nach unten. Dort direkt unter mir stand ein Auto, ein Geländewagen. Dies würde Schmerzen, aber mir blieb keine andere Wahl. Entweder sterbe ich durch seine Hand, oder ich stürze vielleicht in den Tod. Er zog ein Messer und erwischte mich an meiner Hand, grade als ich los ließ. Rücklings stürzte ich in die Tiefe. Ich hörte Mandy schreien. Schmerzen durchzogen meine Hand und der Mann stand nicht länger an unserem Fenster. Ich schlug hart auf und verlor das Bewusstsein.

 

                                      Ilias 

 

Ich stand unten und half Mandy auf den letzten Metern. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Torben wusste es und hatte nichts unternommen. Er log dieses Mädchen an, dieses Mädchen, das er seine Freundin nannte. Nach allem was sie beide durchgemacht hatten. Seit einem Jahr, waren sie auf der Flucht. Durch drei Länder sind sie gereist und wollten in Amsterdam neu anfangen. Torben wurde leichtsinnig, er sah das alles zu locker. Er war sein bester Freund, doch er hatte einen großen Fehler gemacht, einen Fehler den er ihm so schnell nicht verzeihen würde. Wenn er am Ende dieses Tages überhaupt noch lebte. Linda stand völlig aufgelöst neben Torben, sie verstand nicht was hier los war. Wie denn auch? Dieses dumme naive Mädchen hatte nicht die leiseste Ahnung, was ihr noch alles bevor stand. Ich werde nicht in ihrer Nähe bleiben, soll sie doch selbst sehen, wo sie bleibt. Die Angst war voll und ganz zurück, ich wollte von Anfang an nicht zu diesem blöden Abendessen. Warum nur hatte ich mich dazu überreden lassen? Wegen der Mädchen, klar jeder Junge liebte Mädchen und ich hatte schon ewig keinen Kontakt mehr zu irgendeinem Mädchen. Als ich Kat sah, sah ich mich selbst. Sie sah so verletzt und verschwiegen aus. Auch sie hatte keine Lust auf diesen Abend, das sah jeder blinde. Ich wusste direkt, das auch sie etwas schreckliches gesehen hatte. Sie war vermutlich auch der Grund, warum ich noch an Ort und Stelle stand und nich schon längst über alle Berge war. Sie und Mandy. Jetzt begann das Drama von vorne. Ich wusste genau das uns erneut nur die Flucht bleibt. Ich sah hinauf zu Kat und mein Herz schlug so schnell das mir schwindelig wurde. Sie hing an der Fensterbank im zweiten Stock. Ich konnte mich nicht bewegen, Linda schrie, was mehrere Leute auf uns aufmerksam machte. Jeden Moment werden die Bullen hier auftauchen, wir müssen von hier verschwinden. Denn nach uns wurde gesucht, schließlich galten wir als vermisst. Als Mandy schrie, riss sie mich aus meiner starre. Ich sah wie Kat fiel und auf den Geländewagen aufschlug. Sie rührte sich nicht. Ohne darüber nach zudenken rannte ich auf die beiden zu und nahm sie in meine Arme. So schnell mich meine Füße trugen lief ich los. Ohne Ziel und ohne Ahnung wohin. Mandy war an unserer Seite. Ich drehte mich nicht um und es war mir auch egal was Torben tat. Ich würde heute noch nicht sterben. Und die beiden auch nicht, Hoffte ich zumindest. In meinem Kopf ratterte es, wo sollen wir nur hin? Unter keinen Umständen dort, wo sich große Menschenmassen befinden. Ich erinnerte mich an diesen schönen Ort am Meer, nicht weit von Amsterdam entfernt. Wie hieß er doch gleich, Zandvoort. Dort werde ich uns hinbringen, danach müssen wir aus diesem Land verschwinden. Ich zog meine Kapuze tief ins Gesicht, meine Beine brannten wie Feuer. Mandy war gut in Form, auch sie zog ihren Schal enger und sah zu Boden. Damit man ihr Gesicht nicht sehen konnte. Kat's Kopf lag an meiner Brust, ich hoffte das sie noch am Leben war. An einer Kracht sah ich ein kleines Motorboot, es war führerlos und unbewacht. Ich hoffte das die Schlüssel steckten. Ohne darüber nachzudenken steuerte ich auf das Boot zu. Wir hatten das Glück auf unserer Seite, der Schlüssel steckte. Vorsichtig legte ich Kat ab und half Mandy schnell ins Boot. Ich drehte die Zündung und der Motor heulte auf. Ich steuerte uns auf schnellstem Wege hinaus aufs Meer, weg von diesem Ort, der eigentlich mein neues Zuhause werden sollte. Mandy kniete neben ihrer Freundin und sah erleichtert zu mir auf.

 

„Sie atmet! Sie ist nicht Tod! Was sollen wir jetzt tun? Wo sollen wir hin? Wir müssen sie zu einem Arzt bringen, sie blutet sehr stark, hörst du Ilias!"

 

Ich war erleichtert, Kat lebte. Das war gut, jedoch war ein Arzt oder Krankenhaus keine Option. Sie sind überall. Die Paranoia in mir wuchs wieder, dank Torben und seiner sogenannten Freundin. Ich musste Mandy beruhigen und zur Vernunft bringen. 

 

„Wir können zu keinem Arzt oder ähnliches. Wir müssen uns bedeckt halten! Ich denke du wusstest, was Ihr widerfahren ist. So musst du auch wissen das Sie, genau so wie ich auf der Liste ganz weit oben stehen! Wir haben und den Regeln widersetzt, wir sind ihnen ein Dorn im Auge. Sie haben Angst, wir könnten an die Öffentlichkeit gehen, denn wir haben Morde gesehen! Wir sind ihr größter Feind, aus diesem Grund können wir uns keine Fehltritte erlauben. Ich werde, wenn wir unser Ziel erreicht haben, ihre Wunde versorgen."

 

Fassungslos starrte sie mich an, sagte jedoch kein Wort. Ihr ist noch nicht bewusst, in was sie da reingeraten ist. Sie steht nun auch auf ihrer Liste. Sie wurde mit uns gesehen. Mandy saß neben Kat und hielt zwei Handy's in ihrer Hand. Kreidebleich starrte sie auf die Telefone herab. 

 

„Linda, sie, sie hat grade versucht mich anzurufen."

 

„Geh um Himmelswillen nicht ran! Hörst du, das könnte ein Trick sein! Gib sie mir! Gib mir die Telefone, Mandy!"

 

Sie stand auf und reichte mir die Handy's. Ich verstaute sie in meiner Hosentasche. Amsterdam lag weit hinter uns und ich sah einen langen Strand, den ich ansteuerte. Es begann zu nieseln und die Gicht blies mir ins Gesicht. Ich fühlte nichts, rein garnicht's. War ich wirklich so Gefühlskalt geworden? Hat mich das ganze so abgestumpft. Ich schätze das man so wird, wenn alle die man mochte nicht mehr am Leben waren. Wenn man einigen beim sterben zusehen musste und man rein nichts für sie tun konnte. Ich hörte ihre Schmerzensschreie, das knacken und brechen ihrer Knochen. Das gurgeln und japsen nach Luft, während sie an ihrem eigenen Blut erstickten. Gänsehaut jagte mir über den Rücken und ich versuchte die Erinnerung daran in den Hintergrund zu schieben. Es gab jetzt wichtigeres, ich musste das Boot irgendwo sicher anlegen, ohne das die Wellen uns umwarfen. Denn die Nordsee war wild und Kat noch nicht bei Bewusstsein. Ich fand einen Steg, zu unserem Glück. Dort legten wir an und gingen an Land. Wir blieben am Strand, unter dem Steg. Behutsam legte ich Kat in den Sand und sah mir ihre Wunde an. Es blutete immer noch sehr stark, war aber nicht so tief wie anfangs gedacht. Ich wühlte in ihrem Rucksack und zog ein weißes Top heraus. Das sollte zum abbinden genügen. Danach setze ich mich neben Mandy und lehnte mich an den Hügel hinter uns. Das Adrenalin war dabei, aus meinem Körper zu verschwinden. Was mich augenblicklich müde werden ließ. Das Mandy neben mir bereits schlief, macht das ganze nicht besser. Ich musste wach bleiben, für den Fall das wir entdeckt werden. Leider bemerkte ich nicht, dass ich mich bereits längst im Traumland befand.

Ich roch den vertrauten Geruch des leckeren Braten, den meine Mutter jeden Sonntag für uns zauberte. So wachte ich wie jeden Sonntag auf. Müde setzte ich mich aufrecht hin und rieb mir verschlafen meine Augen. Tequila lag zu meinen Füßen und schnarchte vor sich hin. Ich wusste, wenn ich jetzt aufstehe, würde er raus wollen und der Blick aus dem Fenster verhieß nichts gutes. Es herrschte typisches Londoner Wetter. Ich liebte unser Wetter, aber heute war Sonntag und Sonntag war Gammel Tag. Das war jedoch meinem Hund völlig egal. Also stand ich auf und Tequila hob augenblicklich seinen Kopf. Ich zog meine Lieblings Jogginghose an und stülpte mir meinen schwarzen Kapuzenpulli über. Putze mir meine Zähne und spritze mir etwas Wasser ins Gesicht. Dann lief ich gemeinsam mit Tequila die Treppe hinunter in Richtung Küche.

 

„Guten morgen, ich gehe eben noch schnell mit Tequila raus."

 

„ Okay Kathlynn, aber in dreißig Minuten steht das Essen bereit. Sei bitte pünktlich und noch etwas! Maike hat angerufen, ich soll dich an euren Spiele Abend heute erinnern. Wirst du bei ihr übernachten?"

 

„Ich werde pünktlich sein Mum. Nein du weißt doch das ich nie bei Maike übernachte. Ich gehe mit zu Jenna, wie immer."

 

Mum nickte mir kurz zu, widmete sich dann aber wieder den Bohnen und den Kartoffeln zu. Ich schnappte mir die Leine und Tequila sprang fröhlich um mich herum. Den Spiele Abend hatte ich völlig vergessen. Ich hatte die erste Woche der Ferien damit verbracht, zu lesen und zu schlafen. Natürlich freute ich mich riesig auf heute Abend. Unser monatlicher Spiele Abend, glich einer Party in einem der angesagtesten Clubs Londons. Denn wir feierten bei Henry im Partykeller. Es gab laute Musik, genügend Alkohol und jede Menge Leute um Spaß zu haben. Das hieß aber das der Gammel Tag heute ins Wasser fiel. Tequila liebte den Regen, ich musste auf jede Pfütze achten. Sonst würde ich ihn noch vor dem Essen Baden müssen. Nein mein Freund, heute nicht! Er verrichtete mehrmals sein Geschäft und wir trafen seine Freundin Lu. Ich hatte jedoch nicht genügend Zeit um mich mit Dr. Miller zu unterhalten. Es gab bald essen, also drehten wir um. Als ich den Schlüssel ins Schloss stach und ihn drehte, schlug mir bereits der leckere Duft entgegen. Ich leinte Tequila ab, der sich augenblicklich in sein Körbchen verzog und eilte in die Küche. Mum stellte grade die Bohnen auf den Tisch und Dad schaufelte sich sich bereits Kartoffeln auf seinen Teller. 

 

„Pünktlich wie ich gesagt habe. Es riecht Fantastisch Mum!"

 

Lächelnd setzte sie sich zu uns, Dad strich ihr liebevoll über die Hand. Ihr Braten schmeckte so gut wie immer, das beste an einem verregneten Sonntag. Ich genoss das Essen mit meinen Eltern, Familie stand bei mir ganz weit oben auf meiner Liste. Leider kam unsere gemeinsame Zeit immer viel zu kurz. Dad fuhr Schichten und Mum musste jedes zweite Wochenende im Krankenhaus durcharbeiten. Sie war dort eine der besten Chirurginnen, die unser Land zu bieten hatte. Nach dem Essen räumte ich das Geschirr ab und Mum stellte es in die Spülmaschine.

 

„Wann wirst du zu Jenna gehen? Erst heute Abend? Soll ich euch noch schnell einen Kartoffelsalat machen?"

 

Jeder liebte Mum's Kartoffelsalat, das war eine gute Idee. Ich könnte währenddessen Duschen und mit Maike und Jen schreiben. 

 

„Mum das wäre super, ich würde mich dann danach auf den Weg machen. Muss zuerst noch mit Jenna schreiben, ob sie überhaupt zuhause ist."

 

Sie lächelte nickend und machte sich augenblicklich ans Werk. Ich stürmte derweil die Treppen zu meinem Zimmer hoch und riss meinen Kleiderschrank auf. Innerhalb weniger Minuten, glich mein Zimmer einem Schlachtfeld, überall lagen Hosen und Top's verteilt. Eigentlich waren sie alle ziemlich gleich. Bootcut Jeans in dunkelblau bis schwarz und auch die Top's waren alle in schwarz, dunkelblau oder eben weiß. Ich hüpfte unter die Dusche und stylte mich. Danach schnappte ich mein Handy, mein wertvollstes gut. Was würden wir alle nur ohne die Technik und das Internet machen? 

Ich tippte schnell Maike eine Nachricht, das ich den Spiele Abend nicht vergessen habe und das ich mich darauf freue. Danach schrieb ich Jen.

 

„Hey Jen, bist du Zuhause oder noch unterwegs? Meine Mum kreiert uns noch ihren weltberühmten Kartoffelsalat, danach würde ich mich auf den Weg zu dir machen."

 

Kaum hatte ich auf senden gedrückt, war Jen auch schon online. 

 

„Hey Kitty Kat, ich bin Zuhause. Kannst gerne kommen, vergiss bloß den Salat nicht!"

 

Ich musste grinsen, Jen war schon eine Ulknudel. Sie mochte ich von den Mädchen am liebsten. Sie war aber auch eher burschikos. 

Ich schmiss noch schnell frische Wäsche in meinen Rucksack und lief hinunter zu meinen Eltern. Besser gesagt zum Mum, Dad schlief schon. 

 

„Ich habe euch eine große Schüssel gemacht, ich hoffe sie ist ausreichend. Braucht du noch Geld? Und hast du dein Handy dabei, für den Fall das was passieren sollte?"

 

„Danke Mum, er wird schon reichen. Ich habe noch zwanzig Pfund, das sollte genügen. Natürlich, hast du mich schon mal ohne mein Handy gesehen?"

 

Lächelnd reichte sie mir die Schüssel und zehn Pfund. Gab mir einen Kuss auf die Nase und begann damit die Küche zu säubern.

 

„Pass auf dich auf Liebling. Du schreibst mir, wenn du bei Jenna angekommen bist!"

 

„Natürlich Mum, das mach ich doch immer! Bis morgen."

 

Ich schnappte mir meinen Mantel und stürmte aus dem Haus. Wenn ich mich beeilte, würde ich die Bahn um fünfzehn Uhr dreizehn noch bekommen. Dann wäre ich gegen fünfzehn Uhr fünfundvierzig bei Jen. Ich wusste das wir natürlich früher zu Henry gehen würden. Ich mochte ihn, sehr sogar. Er war mein bester Freund und sah dazu auch noch verdammt gut aus. 

Jen öffnete mir im Bademantel die Tür, sie hatte ihr Handy am Ohr. Augenrollend deutete sie mir, rein zukommen.

 

„Ja natürlich Maike! Du weißt doch das Torben mit Cassy Schluss gemacht hat! Doch! Das hatte ich dir erzählt, ja dann zieh doch halt einen Rock an. Ja, nein, okay. Wir reden später, Kitty ist grade angekommen. Alles klar, Bye!"

 

„Man! Maike kann echt nervig sein! Oh! Deine Mutter ist die beste! Das ist mehr als genug Salat für halb London. Ich ziehe mich noch eben an, dann können wir los. Henry weiß Bescheid und ist froh, das wir früher kommen. Er kann noch etwas Hilfe gebrauchen."

 

„Okay! Ja du kennst ja Maike, sie ist eben so wie sie ist. Will sie immer noch was von Torben?"

 

Jen zog grade ihre Hose an, ich bewunderte ihren makellosen Körper. Kein Gramm Fett und alles richtig proportioniert. Wenn sie ihr Klamotten Figurbetonter tragen würde, stünden die Jungs Schlange.

 

„Na was glaubst du denn! Die wird nicht locker lassen. Nur das Torben außer Sex, nichts von ihr will. Maike ist so blauäugig, es ist immer das selbe bei ihr. Sie gibt sich den Männern zu leicht hin, viel zu leichte Beute. Wetten das sie auf jeden Fall einen Rock tragen wird?!"

 

Ich musste lachen, da brauchte ich auch garnicht zu wetten. Maike wollte auffallen und im Mittelpunkt stehen. Jen sah mit wenigen Handgriffen, wie immer perfekt aus. Ihre kurzen blonden Haare glänzten wie Diamanten.

Sie zwinkerte mir zu und schnappte sich ihre Jacke. 

 

„Na komm, auf zur Party!"

 

Von Jen aus war es nur ein Katzensprung bis zu Henry. Er stand schon in der Tür, als wir sein Haus erreichten. Ich überreichte ihm die Schüssel und wir folgten ihm in den Keller.

Wir redeten über die Uni und natürlich über Maike. Ihr mussten doch die Ohren klingeln. Henry startete erneut einen Annäherungsversuch, ich hätte ihn so gerne auch gewollt. Aber dann würde ich meinen besten Freund verlieren, falls das zwischen uns nicht funktionierte. Das brachte ich einfach nicht übers Herz. Klar hatten wir uns schon geküsst, mehrfach. Aber weiter bin ich nie gegangen. Ich ließ ihn erneut zuckersüß abblitzen.

 

„Du verletzt mich Kitty Kat, brauchst du erst mehr Alkohol, damit ich meinen Kuss bekomme?"

 

Jen lachte und ich stieg mit ein.

 

„Du kennst mich doch Henry, ich kann dir nicht geben, wonach es dir verlangt. Aber Maike kommt ja gleich."

 

Ich zwinkerte ihm zu und gab ihm einen leichten stups auf die Schulter.

 

„Das war nicht sehr nett! Maike ist so garnicht mein Fall! Ah bevor ich es vergesse."

 

Dann läutete die Klingel und Henry ließ uns im Keller stehen. Kurz drauf kam er mit Maike, Torben, Cassy und Colin wieder zurück. Je später es wurde umso mehr füllte sich der Keller. Jede Menge Leute waren da, einige von ihnen kannte ich nicht. Aber es war ein ausgelassener ruhiger Abend, an dem viel Alkohol floss. Ich spürte den Alkohol schon ordentlich, als Henry sich zu uns gesellte.

Unsere Clique war komplett. Maike hing an Torben und Cassy schien darüber nicht grade glücklich. Henry saß wieder viel zu nah bei mir. Der Duft seines leckeren Parfums hüllte mich völlig ein. 

 

„Habt ihr schon von dem neuen Online Spiel gehört?"

 

Wir alle sahen Henry interessiert an und schüttelten die Köpfe.

 

„Also es gibt eine Nummer, der schreibt man eine Nachricht. Irgendwann bekommt man eine zurück, dort werden Aufgaben gestellt. Die Nachrichten werden von einem Computer verfasst. Man wird sogar in Gruppen eingeteilt, manche Aufgaben muss man gemeinsam lösen. Wie ein Rätsel. Ich habe die Nummer von einem Teammitglied unsere Fußballmannschaft bekommen. Hättet ihr Lust dazu? Ein gemeinsames Online Spiel zu spielen? Es soll richtig gut und lustig sein!"

 

Mir war etwas flau in der Magengegend, denn ich hielt nichts von Spielen, bei denen man seine Nummer preis geben musste. Meine Clique hingegen schien begeistert, sie alle sahen mich auffordernd an.

 

„Komm schon Kitty Kat, sei keine Pussy! Was soll denn schon passieren?! Das ist ein Computer, der wird dich schon nicht umbringen!"

 

Sie alle machten mit, wenn ich nicht mit einsteige werden sie ewig auf mir rum hacken. Also gab ich mich geschlagen.

 

„Na schön, wie lautet die Nummer Henry?"

 

Er klatschte in die Hände und zog sein Telefon aus seiner Hosentasche.

 

„Die Nummer lautet 1366613. John sagte ein einfaches Hallo sollte genügen!"

 

Also tippte jeder meiner Freunde, inklusive mir ein Hallo ein und sendete es an diese Nummer. Der Abend ging weiter wie gewohnt. Maike ließ sich von Torben befingern und Cassy trank soviel, dass sie sich einmal übergab. Plötzlich vibrierte mein Handy und das meiner Freunde.

Ich zog es aus der Tasche und las folgende Zeilen.

 

Hallo, schön das du mitspielst. Wie ist dein Name und wer befindet sich in deiner Nähe. Aufgabe Nummer eins lautet: Mach ein Foto von dir und jenen die Mitspielen.

 

Das war ja schon ein seltsamer Beginn des Spiels. Warum wollte dieser Computer ein Foto von mir und meinen Freunden. Mein Bauchgefühl riet mir es nicht zu tun. Doch ich stand bereits im Blitzlicht Gewitter. Jeder meiner Freunde tat das, was verlangt wurde. Also tat ich es ihnen gleich. Henry unterbrach das wilde knipsen und brachte den Vorschlag ein Gruppenfoto zu machen. Also machten wir eins und jeder sendete das Gruppenfoto inklusive seines Namens. Mulmig war mir immer noch, vielleicht machte ich mir darüber auch viel zu viele Gedanken. Das Spiel ist bestimmt wie eine Umfrage aufgebaut. Sowas gab es ja öfter. 

Und es dauerte nicht lange bis die nächste Nachricht kam. 

 

Schönes Foto, Kat. Die nächste Aufgabe lautet: Küsse den Jungen den du am meisten magst, vergiss das Foto nicht!

 

Also gut, das war schon etwas makaber. Aber mit dieser Aufgabe konnte ich leben. Ich hatte genügend Alkohol intus, um mein Verlangen nach Henry zu stillen. Auch er sah mich bereits mit fiebrigem Blick an. Die Aufgaben waren also gleich, oder? Cassy starrte auf ihr Handy, zuckte mit den Schultern und schlug einem Jungen der an uns vorbei ging mitten auf seinen Hintern. Während sie davon ein Foto machte. Okay das war die Antwort, die Aufgaben sind nicht bei allen gleich. Henry kam mir noch näher und hielt sein Handy bereit. Ich tat es ihm lächelnd gleich. Wir küssten uns leidenschaftlich, wie wir es immer taten. Währe er doch nur nicht mein bester Freund. Ich sendete das Foto, ab da an war für den Rest der Nacht Ruhe. Keine weitere Nachricht. Gegen vier Uhr machten Jen und ich uns auf den Heimweg. An einer Kreuzung blieb sie stehen. 

 

„Was ist Jen? Ist Dir schlecht?"

 

„Was? Nein ich muss noch eben meine Aufgabe  erledigen!"

 

Sie machte ein dreihundertsechzig grad Foto, grinste und kam an meine Seite.

 

„Hast du diese Aufgabe nicht? Ich soll ein Foto von einer Kreuzung in meiner Umgebung machen."

 

Ich zog mein Handy raus, keine Nachricht.

 

„Nein ich hatte eben, küsse den Jungen den du am meisten magst. Schon komisch, Henry hatte wohl die selbe Nachricht. Also besteht das Spiel aus kleinen lustigen Mutproben."

 

Mein Zweifel zu Anfangs war wohl umsonst. Ich fand es wirklich lustig. Vor allem wie Cassy dem Fremden jungen auf den Hintern schlug. Ich war gespannt welche Aufgabe wohl als nächstes auf mich wartete. In dieser Nacht schlief ich gut und träumte von Henry's Kuss.

Als ich am Morgen erwachte, sah ich sofort auf mein Handy.

 

Kat, ab heute geht es ans Eingemachte.

 

Was war das denn für eine seltsame Nachricht? 

Keine Aufgabe? Naja ich legte mein Handy wieder weg und rieb mir den Kopf. Ich hatte viel zu viel getrunken. Jen war nicht mehr in ihrem Zimmer. Also stand ich auf und ging runter, sie ist bestimmt in der Küche. Dort war sie auch, sie sah aber so garnicht nach meiner Jen aus. 

 

„Kat, ich habe eine neue Aufgabe. Aber das werde ich definitiv nicht tun!"

 

Erschrocken sah ich sie an. 

 

„Was?! Wie lautet die Aufgabe?!"

 

„Ich soll mir kochendes Wasser über die Hand schütten! Ein Video wird verlangt! Das ist überhaupt nicht lustig! Ich habe zwei Stunden dafür Zeit"

 

Das war wirklich nicht lustig. Wer bitte hat diesen Computer programmiert?  Und was soll schon passieren wenn sie es nicht tut? Sie wird bestimmt ausgeschlossen und hat das Spiel verloren.

 

„Na dann tu es auch nicht, was soll schon groß passieren? Das ist nur ein blödes Spiel! Also wenn ich solch eine Aufgabe bekomme, bin ich auch raus."

 

Sie nickte mir zu und reichte mir einen Kaffee. Er weckte die Lebensgeister in mir, meine Kopfschmerzen verschwanden allmählich. Eine Stunde später erhielt Jen erneut eine Nachricht.

 

Wir warten Jen, die Zeit läuft.

Tick Tack ...

Wir beobachten dich...

 

Jetzt bekamen wir es doch etwas mit der Angst zu tun. Als ihr Telefon klingelte, erschraken wir fürchterlich. Es war Maike und sie war jämmerlich am weinen.

 

„Beruhige dich Maike! Was ist denn los? Du hast was getan?! Oh Gott, bleib wo du bist wir kommen sofort zu dir!"

 

„Wir müssen sofort zu Maike! Ich glaube sie hat den Verstand verloren! Sie hat Ihrer Katze den Schwanz angeschnitten!"

 

Ich glaube ich spinne! Warum nur hat sie das getan? Und warum rief sie uns an? Was war hier los? Ich spürte die Angst in mir, sie wuchs. Wir liefen so schnell wie wir konnten. Als wir bei ihr ankamen, stand der Rest unserer Clique ebenfalls vor Maike's Tür. Tränenüberströmt öffnete sie uns, ihr Kater lag blutüberströmt Tod auf dem Küchenboden. Mir wurde schlecht. Ich verstand nicht was hier los war. Wer tat sowas seinem eigenen Tier an und warum?

 

„Ich, ich weiß nicht was ich tun soll! Ist er Tod?! Er ist Tod, oder?! Ich hab eine Nachricht bekommen von dem blöden Spiel! Sie haben mir gedroht! Wenn ich es nicht tue kommen Sie um mich zu holen!" 

 

Okay, mein Herz schlug schneller. Aber das ist doch nur ein Spiel? Torben trat vor und unterbrach das wirre durcheinander.

 

„Beruhigt euch alle mal! Herr Gott Maike, das ist nur ein Spiel! Du glaubst doch wohl nicht das wirklich jemand gekommen wäre, oder?! Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Ein scheiß Spiel ist das! Ich bin raus, bei sowas mach ich nicht mit!"

 

Da musste ich Torben recht geben. Ich war sowas von raus! Ich hatte von Anfang an ein schlechtes Gefühl bei der Sache und jetzt sowas! Ohne mich! Maike schüttelte energisch den Kopf und wurde laut.

 

„Wenn das, so wie du es sagst Torben, nur ein beschissenes Spiel ist, woher wissen die dann wo ich wohne!? Na?! Hast du dafür auch eine Erklärung?! Das ist nicht mehr lustig! Ich habe wahnsinnige Angst Leute!"

 

Torben zog die Augenbrauen hoch, auch ich musste mich grade verhört haben. Woher sollte ein Computer wissen wo sie wohnt? Irgendwas lief hier grade mächtig aus dem Ruder. Jen verlor sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht. Sie stürmte auf den Wasserkocher zu und stellte ihn an. Sie drückte mir panisch Ihr Handy in die Hand und schrie.

 

„Mach ein Video Kathlynn! Was wenn die, oder wer auch immer das ist, wissen wo ich wohne?!"

 

Jetzt hatte auch sie den Verstand verloren. Doch auch ich hatte Angst. Vielleicht sollten wir zur Polizei gehen? Ich konnte doch nicht zulassen das Jen sich selbst Schmerzen zufügte. 

 

„Jen hör auf! Das wirst du nicht tun! Wir sollten zur Polizei gehen, das wäre das einzig richtige!"

 

Dann vibrierte Jenna's Handy in meiner Hand und mein Herz fing wild an zu schlagen. Meine Hände hatte ich nicht länger unter Kontrolle, sie begannen zu zittern. Ich starrte die geschriebenen Zeilen an.

 

Denkt nicht mal an die Polizei, Kat. Sie werden euch sowieso nicht glauben. Jen hat noch zehn Minuten. Ihr solltet diese Zeit nun wirklich nutzen... 

 

Jen sah mich nervös an. Sie hatte panische Angst. Ihre Stimme war kaum wieder zuerkennen. 

 

„Was Kat, was steht da!? Leute ich habe Angst!"

 

Meine Gedanken überschlugen sich. Wie konnten sie wissen, das ich Jenna's Handy hatte? Das war kein Computer, da waren Menschen am Werk. Kranke Psychopathische Menschen. Verstohlen sah ich aus dem Fenster, doch niemand sah zu uns rein. Ich versuchte mich etwas zu beruhigen, doch es gelang mir einfach nicht. Meine Hände begannen zu zittern. Angstschweiß drückte sich aus meinen Poren. Meine Stimme bebte, als ich zu sprechen begann.

 

„Okay, wir sollten wirklich Ruhe bewahren! Maike, habt ihr Eis da?! Jen, es tut mir wirklich leid aber du musst es tun! Hörst du!?"

 

Maike nickte mir zu und öffnete den Gefrierschrank, während Jen mich mit geweiteten Augen ansah. Sie stellte erneut den Wasserkocher an. Ohne zu zögern nahm sie das kochende Wasser und goss es sich über ihren linken Arm. Den ganzen Liter, während sie vor schmerzen aufschrie, filmte ich diese Selbstverstümmelung. Cassy blickte nervös umher während Torben nicht hinsah. Er schüttelte den Kopf. Henry war kreidebleich, er muss sich schreckliche Vorwürfe machen. Immerhin haben wir diese Situation alleine ihm zu verdanken. Schnell drückte ich auf senden und hoffte das wir noch in der Zeit lagen. Maike reichte Jen augenblicklich das Eis. Schmerzerfüllt drückte sie das kühle Nass auf ihren rot glühenden Arm. 

Unter Tränen begann sie zu sprechen.

 

„Was ist das hier für eine scheiße!? Wer hat dir noch gleich diese Nummer gegeben Henry? Was sollen wir denn jetzt nur tun?! Ich will definitiv nicht alleine bleiben!"

 

Henry raufte sich die Haare und begann in der Küche auf und ab zulaufen. Maike's Kater lag noch immer in seinem Blut.

 

„Wir sollten zuallererst den Kater hier weg schaffen! Leute es tut mir so leid, ich hatte keine Ahnung, dass dieses Spiel real ist! Danach sollten wir, so wie Kat bereits sagte, zur Polizei gehen."

 

„Keine Polizei! Auf keinen Fall gehen wir zur Polizei! Hier steht, wir sollen garnicht erst daran denken! Ich habe keine Ahnung wie sie das machen, aber sie wussten das ich Jenna's Handy hatte und das wir über die Polizei gesprochen haben. Wir müssen zusammen bleiben! Keiner macht mehr einen Schritt, ohne den andern! Habt ihr das alle verstanden!?"

 

Alle schauten sie genauso ängstlich, wie auch ich schauen musste. Henry blieb endlich stehen und nickte mir zu. Es war gut das wir noch Ferien hatten, so konnten wir alle zusammen bleiben. Die Woche verging rasend schnell und die Aufgaben steigerten sich täglich in ihrer Abnormität. Jen hatte eine riesige Brandblase, die sich allmählich entzündete. Maike erzählte ihren Eltern das ihr Kater nicht mehr von seinem Ausflug zurück gekommen sei. Wir schliefen alle zusammen bei Henry. Torben musste sich selbst den kleinen Finger abschneiden. Es war widerlich und grausam. Wenn wir uns auf die Straße trauten, dann nur um Lebensmittel zu besorgen. Geschlafen hatten wir alle nicht mehr richtig. Ich wurde allmählich paranoid. Alle sahen uns seltsam an, mein Hirn spann sich eins und eins zusammen. Irgendwo da draußen waren sie und sie beobachteten uns. Jeder der uns begegnete konnte einer der ihren sein. Die Angst wurde unser täglicher Begleiter. 

Bis jetzt hatte jeder eine weitere Aufgabe bekommen, ich jedoch wartete angsterfüllt auf die meine. Meine Freunde stritten sich täglich mehr und wurden mir gegenüber misstrauisch. Torben und Henry tranken viel zu viel. Cassy war in der Nacht verschwunden. Seit dem fehlte jede Spur von ihr. Ihr Handy war aus und zuhause war sie auch nicht. Was meine Paranoia ungemein förderte. Grade als ich da so vor mich hinvegetierend auf dem Sofa saß, gefangen in meinen paranoiden Gedanken, vibrierte mein Handy.

Mein Herz machte einen Aussetzer, ich hatte Unmenschliche Angst. Doch als ich die Nachricht las, schnürte es mir die Kehle zu. Das von mir verlangte, konnte ich nicht tun.

Meine Freunde sahen mich angespannt an, sie warteten darauf das ich meine Aufgabe preis gab.

 

Kleines Kätzchen, auch du wirst heute an deine Grenzen stoßen. Du bliebst bisher verschont. Deine Aufgabe wird uns mit stolz erfüllen.

Du wirst diejenige sein, die als erste einen ihrer Freunde tötet. Fühle dich geehrt.

 

Das was sie da von mir verlangten, würde ich nicht tun. Ich könnte niemals einen Menschen töten und schon garnicht einen meiner Freunde. Als ich Ihnen meine Aufgabe offenbarte, lag eine unheimliche Stille über uns. Tränen liefen mir über die Wangen, mein Magen rebellierte. Ich musste mich übergeben. Schnell rannte ich ins Badezimmer und ergoss meinen Mageninhalt in die Toilette. Jen stand mit zittrigen Knien hinter mir. 

 

„Kat, alles okay? Geht es dir besser?"

 

War das wirklich ihr Ernst? Warum stellte sie mir diese Frage?

 

„Nein Jen! Nichts ist OKAY! Wie soll es mir schon gehen?! Du hast doch meine Aufgabe gehört und du weißt genauso gut wie ich, das ich dies nicht tun werde! Was glaubst du wohl was sie mit mir machen werden?!"

 

Ohne ein weiteres Wort ließ sie mich alleine im Bad zurück. Nachdem ich ein weiteres Mal meinen Mageninhalt entleerte, ging ich mit weichen Knien zurück zu meinen Freunden.

Es herrschte noch immer stille im Raum. Ich nahm all meinen Mut zusammen und tippte eine Nachricht an diese Psychopathen.

 

Diese Aufgabe kann und werde ich nicht erfüllen. Wenn ihr glaubt ich töte einen Menschen, dann seid ihr nicht ganz dicht!

 

Ehe ich überlegen konnte, was ich da geschrieben hatte drückte ich auf senden. 

Im Nachhinein wusste ich das dies keine gute Idee war, aber ändern konnte ich den letzten Satz sowieso nicht mehr. Noch keine Minute später, bekam ich eine Antwort.

 

Dann hast du somit euer aller Tod besiegelt. Wenn ihr noch eine letzt Chance haben wollt, kommt alle um Mitternacht in den Park. Der, in der Nähe eurer Unterkunft. 

 

Meine Alarmglocken schrillten. Dies war nicht gut. Vielleicht aber war dies auch die Möglichkeit, zusehen ob dieses Spiel tatsächlich real war. Oder ob wir alle uns umsonst verrückt machten. Die Angst in mir war größer wie je zuvor. Doch ich musste mich vergewissern. Jen weigerte sich zuerst auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzten, doch dem Zwang unserer Gruppe, konnte sie sich nicht widersetzen. Paranoid wie ich war, nahm ich ein Messer aus Henry's Küche. Ich würde auf keinen Fall unbewaffnet in diesen Park gehen. Nicht wenn das alles wirklich real war. So hatte ich eine geringe Chance zu überleben, wenn es hart auf hart käme. Mit jeder Stunde die verging wuchs unsere Angst und die Nervosität steigerte sich auf ein neues Level. Als es soweit war, ging mir die Klammer. Es war eine beschissene Idee, mitten in der Nacht in einen dunklen Park zu gehen. Ohne zu wissen, was dort auf uns wartete. Ein winziges Fünkchen Hoffnung bestand in meinem Inneren. Vielleicht war dies doch alles nicht echt und wir waren so dumm darauf reinzufallen. 

Ich schob mir das Messer in den Ärmel meines Mantels und wir gingen hinaus in die Dunkelheit. Jedes knacken, jedes Geräusch ließ mich zusammenzucken. Ich hatte Todesangst, mein Herz raste und meine Beine gehorchten mir nicht länger. Nervös versuchte ich in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Der Nebel und der Nieselregen machte dies jedoch unmöglich. 

Dann ging alles ganz schnell. Ich hörte einen Schuss, dann einen Schrei und dann brach die Hölle los. Unsere Gruppe barst auseinander, jeder lief davon. Ehe ich mich versah, stand niemand mehr in meiner Nähe. Ich hörte Jen schreien und ich schrie ihren Namen. Ich begann zu laufen, ohne auch nur eine Ahnung wohin. Immer wieder drehte ich mich ängstlich um meine eigene Achse. Mehrmals fiel ich zu Boden. Adrenalin pumpte in Massen durch meinen Körper. In einem Gebüsch neben mir vernahm ich ein wimmern, gefolgt von einem gurgeln. Ich sah den Schuh der Person, von der das gurgeln ausging. Es war Maike. Gänsehaut lief in Wellen über meinen Rücken, ihr Fuß zuckte wild umher. Leise rief ich ihren Namen, bekam jedoch keine Antwort und dann kam er zum Erliegen und das gurgelnde Geräusch verstummte. Dies war der Moment der Erkenntnis. Es war alles real, das Spiel war kein Spiel. Es war perfide Realität. Ich musste von hier verschwinden, auf der stelle. Meine Angst jedoch hielt mich fest, sie machte mich bewegungsunfähig. Erneut erklang ein Schrei und ich fing an zu laufen. Das Messer fest umklammert mit nach vorne gerichteter Klinge. Die Äste der Büsche schlugen mir ins Gesicht und rissen mir mehrere Haare aus. Hinter mir vernahm ich Schritte. Das brennen in meinen Beinen ignorierte ich. Ich lief so schnell ich konnte. Dann krachte ich mit voller Wucht zu Boden und schlug mit meinem Kopf hart auf einen Stein auf. Mein Kopf drehte sich. Schmerzen schossen durch meinen Kopf und es dauerte einen Moment bis ich realisierte was grade geschehen war. Ich raffte mich auf und wandte mich um, um zusehen über was ich gestolpert war. Ich traute meinen Augen kaum, mein Magen rebellierte. Ich musste mich übergeben. Zitternd ging ich erneut auf meine Knie. Henry sah mich an. Nur das diese Person vor mir, mit meinem Henry überhaupt nichts mehr gemeinsam hatte. Sein Blick war kalt und leer. Sein Kopf war unnatürlich verdreht. Blut quoll aus seinem Mund und sein Bauch war von unten nach oben aufgeschlitzt. Ich schrie, ich schrie so laut, dass mich halb London hören konnte. Ich kam nur schwer wieder auf die Beine und japste nach Luft. Ich versuchte die Schmerzen zu unterdrücken und spürte etwas warmes an der pochenden stelle meines Kopfes. Als ich meine Fassung wieder fand, begann ich erneut zu laufen. Wo war mein Messer hin? Ich musste er verloren haben. 

Aus dem Gebüsch neben mir Schoß eine Hand und riss mich erneut zu Boden. Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, doch es gelang mir nicht. Ich schrie und wehrte mich mit Händen und Füßen. Ein stechender Schmerz durchzog meinen Oberbauch, an der Stelle wo sich meine Rippen befanden. Ich schrie erneut auf als sich das Messer tiefer durch meine Haut bohrte. Schwindel überkam mich und ich drohte in die Bewusstlosigkeit zu triften. Mein Körper Schmerzte an jeder Stelle, ich spürte etliche Wunden. Wie das Blut dort herausquoll und wenn ich jetzt nicht was unternahm, würde ich sterben. Dessen war ich mir bewusst. Ich tastete den Boden ab und fand das wonach ich suchte. Einen Stein. Mit aller letzter Kraft hob ich ihn auf und schlug damit auf meinen Angreifer ein. Er fiel zu Boden und ließ mich frei. Schmerzerfüllt hievte ich mich auf die Beine und lief so schnell ich noch konnte. Ich wagte es nicht mich um zudrehen.

Ich sah Dr. Miller, der mit seiner Hündin und zwei weiteren Männern auf dem Weg in den Park war. Dies war meine Chance. Ich schrie laut und deutlich um Hilfe. Lu bellte und meine Verfolger ließen von mir ab. Ich änderte augenblicklich die Richtung und verließ den Park an einer anderen Stelle. Der Schwindel überkam mich in immer kleiner werdenden Abständen. Ich verlor Blut, sehr viel Blut. Schleppend und nach Luft ringend lief ich weiter. Tränen liefen in Rinnsalen über meine Wangen, als ich endlich mein Zuhause erreichte. 

Ich würde hier nicht bleiben können, ich musste verschwinden. Das war meine einzige Option. Ich spürte die Vibration in meiner Hosentasche, eine Nachricht nach der anderen kam bei mir an. Zittrig schloss ich die Tür auf und Schlich ins Haus. Darauf bedacht meine Eltern nicht zu wecken. Ich kramte mit wild klopfenden Herzen meinen alten Rucksack hervor und warf wahllos einige Klamotten hinein. Immer wieder sah ich aus dem Fenster, ob mir jemand gefolgt war? Schnell ging ich wieder nach unten und öffnete den Save meiner Eltern. 

 

Wo kam diese Luft her? Ich begann mich zu drehen. Schneller und immer schneller, wie in einem Strudel. Ich hörte sie, sie alle sie schrieen meinen Namen. 

Ein Rauschen, ein Rauschen das ich kannte breitete sich um mich aus. Die Schreie wurden lauter und die Atmosphäre änderte sich. Ein Traum! Ich war wieder gefangen in meinem ganz persönlichen Alptraum!

Der selbe Traum, der Realität war. Der Traum der mich seit jener Nacht verfolgte. Der Traum, der mich Nacht für Nacht, immer und immer wieder, diese schlimmste Nacht in meinem Leben erneut erleben ließ.

Schreiend wurde ich wach. Ein stechender Schmerz durchzog meine Hand. Rückwärts kriechend und ohne Orientierung sehe ich mich um, als ich gegen etwas oder besser gesagt jemanden stoße. Mein Herz rast und meine Gedanken drehen sich viel zu schnell. Erneut beginne ich zu schreien. Eine Hand legt sich über meinen Mund, was meinen Schrei geringfügig abdämpft und ein fester griff zieht mich in eine ungewollte Umarmung. Die Angst schnürt mir die Kehle zu. Sie haben mich gefunden. Wie ein Film läuft der Abend vor meinem inneren Auge ab. Die Lücken in meinem Gedächtnis füllen sich kontinuierlich. Sie haben mich gefunden und mich verschleppt! Ich bin ihnen schutzlos ausgeliefert. Verschwommen nehme ich meine Umgebung wahr. Der Strand der mich umgab, war menschenleer. Ein perfekter Ort um einen Mord zu begehen. Mandy, der Gedanke an sie schmerzte so sehr. Sie war bestimmt bereits tot. All mein Bestreben, nicht entdeckt zu werden, mich zu verstecken, unterzutauchen war umsonst. Dies war dann also mein Ende. Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche und liefen meine Wangen entlang. Gelähmt vor Angst rang ich um Luft. Welche Optionen blieben mir? Das Messer hatte ich nicht mehr und diese Arme, die mich fest im Griff hatten, waren viel zu stark, als das ich hätte irgendetwas anrichten können. Hier gab es auch keine Steine, mit denen ich hätte um mich schlagen können. Nur Sand, jede Menge Sand. Sand! Meine wild umher zappelnden Arme kamen zum Erliegen. Ich ergriff zittrig den Sand und wollte ihn grade nach hinten auf meinen Angreifer werfen. Als ich eine Stimme vernahm, die ich nur allzu gut kannte. Diese Stimme ließ mich inne halten. 

 

„Kat, schhhht. Beruhige dich, ich bin hier. Wir sind hier, hör auf zu schreien."

 

Mandy! Das war Mandy's stimme. Es dauerte jedoch noch einen Moment, bis ich dies realisiert hatte. Erleichtert sackte ich zusammen und die Hand gab meinen Mund frei. Auch die Umarmung wurde gelockert. Langsam wandte ich mich um. Mandy sah schrecklich aus, dennoch war ich unglaublich glücklich sie zu sehen. Ich fiel ihr um den Hals. Tränen der Freude mischten sich deren der Angst und Trauer hinzu, sie übernahmen die überhand. Unfähig zu sprechen, hielt ich sie einfach fest in meiner Umarmung. Innerhalb eines Abends hatte nicht nur ich, das mir auf erbaute verloren. Auch Mandy hatte alles verloren, dank Linda. Ein räuspert zog mich in die Realität zurück. Mein Herz schlug zwei Takte schneller. Ich wendete ihm meinen Kopf zu. Ilias saß angelehnt an der Sanddüne, die einen Hügel formte und blickte mich verlegen an. Er wirkte sichtlich nervös. Er schien nach Worten zu suchen. Doch ich kam ihm zuvor.

 

„ Danke! Ich danke dir, dass du Mandy und mich in Sicherheit gebracht hast. Ilias, du, ...du kennst das Spiel oder? Du warst bereits ein Mitspieler, hab ich recht?"

 

Sein Blick verdunkelte sich. Er hatte Dinge gesehen, schlimme Dinge. Ich wusste es von dem Moment an, als ich ihn das erste mal sah. Er wurde gebrochen, genau wie ich. Er musste fliehen, genau wie ich. Sie hatten uns unser Leben genommen. Und jetzt, saß Mandy mittendrin. Es war dumm und leichtsinnig von mir, zu glauben ich hätte eine Chance. Nie hätte ich mit ihr gehen dürfen. Ich trage Mitschuld an ihrer Situation. Ich fühlte mich unglaublich schlecht. Ilias Blick war starr auf das tosende Meer vor uns gerichtet. Er ließ den Sand zwischen seinen Händen zu Boden rieseln. Dann sah er mich an, Schmerz, Wut und Trauer hingen in seinem Blick.

 

„Ich konnte euch nicht zurücklassen. Meinetwegen sind viele Menschen gestorben. Freunde, denen ich damals nicht helfen konnte. Denen ich beim sterben zusehen musste."

 

Seine Stimme versagte.

Weder Mandy noch ich, sagten dazu etwas.

Ich kannte seinen Schmerz nur allzu gut.

All die bösen Erinnerungen, verfolgten mich jeden Tag und Nachts in meinen träumen.

Sie haben mich zu der paranoiden Personen geformt, die ich heute bin. Kaum merklich schüttelte ich meinen Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Wir benötigten einen Plan und das dringend. Mandy zitterte, ihr schien kalt zu sein. Sie ergriff auch das Wort.

 

„Was sollen wir denn jetzt tun? Hier bleiben können wir nicht. Oder wollt ihr jetzt hier am Strand hausen?"

 

Ilias nahm eine andere Position ein und zog seine Jacke noch etwas weiter zu. 

 

„Sobald der Morgen anbricht, werden wir von hier verschwinden. Ich habe zwar noch keine Ahnung wie und wohin, aber mir wird schon etwas einfallen. Ihr könnt beruhigt etwas schlafen, ich bleibe wach."

 

An Schlaf war nicht zu denken. Mein Herz schlug viel zu schnell. Ich konnte und wollte das alles nicht glauben. Warum geschah ausgerechnet mir das ein weiteres Mal. Habe ich nicht zu genügend gelitten? Sollte dies wirklich mein Schicksal sein? Für immer auf der Flucht, bis sie mich dann doch fanden und mich beseitigen? Jedes Geräusch ließ mich zusammenzucken. Ich fand einfach keine Ruhe. Immer wieder ließ ich meinen Blick schweifen und hielt Ausschau nach etwas verdächtiges. Mandy's Brustkorb hob und senkte sich kontinuierlich. Sie schlief. Ich beneidete sie, wie gerne würde auch ich einfach schlafen. Mein Rücken schmerzte bei jeder Bewegung. Beim Aufprall auf den Geländewagen, muss ich mir etliche Prellung zugezogen haben. Ich schob mein Top, das Ilias zum abbinden benutzt hatte etwas hoch, um mir die Wunde genauer anzusehen. Es sah nicht rosig aus. Tief war sie nicht, dennoch muss sie genäht werden. Sie klaffte weit auseinander. Ihr Anblick ließ mein Herz davon galoppieren. Denn ich wusste, ich werde es selbst tun müssen, oder einer der beiden. Ich schob das Top wieder darüber und drehte mich zu Ilias. Er sah gedankenverloren hinauf zu den Sternen. Ilias war wirklich gut aussehend. Er war muskulös gebaut, perfekt proportioniert. Seine Gesichtszüge waren weich und dennoch markant. Mein Bauch zog sich für einen kleinen Moment zusammen. Ich starrte ihn an. Dann traf sein Blick den meinen, er hatte wunderschöne braune Augen, so wie Henry sie hatte. Mein Herz wurde schwer. Beschämt senkte ich meinen Blick. 

 

„Kannst du nicht schlafen?"

 

Seine Stimme bereitete mir erneut eine Gänsehaut. 

 

„Nein, ich schlafe nicht besonders gut, seit jener Nacht. Ich erlebe diesen einen Tag immer und immer wieder. Und du? Was ist Dir widerfahren Ilias?"

 

Seine Muskeln spannten sich an. Er haderte mit sich selbst. Dann sah er mich an.

 

„Schlaf ist so kostbar, doch leider ist er mir auch nicht vergönnt. Auch ich träume von diesen schrecklichen Dingen, die Sie mir, meiner Familie und meinen Freunden angetan haben. 

Lass mir noch etwas Zeit, ich werde es euch erzählen. Sobald ich uns von hier weggebracht habe. Es beginnt zu dämmern, dort hinten an dieser Strandbar gibt es duschen. Diese werden wir besuchen."

 

Mein Bauchgefühl sagte mir das dies keine gute Idee war. Aber wir mussten aus den dreckigen Klamotten raus. Es war zu auffällig und auffällig zu sein, war einfach zu gefährlich.

Widerwillig nickte ich ihm zu.

 

„In Ordnung, ich benötige Nadel und Faden. Meine Wunde muss genäht werden."

 

Mit geweiteten Augen sah er mich an, nickte dann aber. Er wusste genauso gut wie ich das es nötig war. Leise weckte ich Mandy. Gemeinsam gingen wir zu den duschen. Außer der Bedienung, befand sich noch niemand am Strand. Gut für uns. Es brach eine Diskussion ab. Wir dürfen uns nicht trennen und das sah ich genauso. Leider hatte Mandy Hemmungen sich vor ihm zu waschen. Gab dann aber doch klein bei.

Als Ilias sein Shirt auszog, überlief mich eine Gänsehaut. Sein muskulöser Körper war übersättigt etlichen Narben. Einige davon waren Verbrennungsnarben, das konnte ich deutlich erkennen. Auch ich besaß einige Narben, aber bei weitem nicht so viele wie er. Er fühlte sich sichtlich unwohl und wusch sich schnell. Wir taten es ihm gleich. Als das Wasser über meine Wunde lief, spürte ich den Schmerz. 

 

„Hinten bei den Treppen, habe ich ein Geschäft gesehen. Vielleicht finden wir dort Nadel und Faden."

 

Ilias war ein aufmerksamer Beobachter. Was definitiv gut für uns war. Wir machten uns auf den Weg zu dem kleinen Laden von dem er gesprochen hatte. Wir hatten Glück. Ein kleines Nähset für die Handtasche, konnten wir dort ergattern. Mein Herz schlug mir bereits jetzt bis zum Hals. Wir zogen uns unsere Kapuzen ins Gesicht und liefen die Treppen hoch. Weg vom Strand, rein Richtung Stadtmitte. Keine gute Idee. Es tummelten sich bereits einige Leute auf den Straßen rum. Ilias lief schnurstracks auf eine Apotheke zu. Er ging rein und kam kurz darauf wieder raus. Wir liefen weiter bis wir eine ruhige Ecke gefunden hatten. In einer kleinen verwinkelten Gasse. Ich fühlte mich erneut beobachtet. Meine Paranoia hatte mich wieder voll im Griff.

Ilias reichte mir eine Tablette und nahm das Desinfektionsmittel aus der Tüte. 

 

„Wir sollten uns beeilen. Möchtest du es selbst machen oder soll ich?"

 

Meine Hände zitterten wie Espenlaub. Ich konnte es unmöglich selbst erledigen, dafür war ich viel zu nervös. 

 

„Ich, ich kann nicht. Du musst es tun."

 

„Was habt ihr vor?! Seit ihr verrückt geworden? Das muss ein Arzt tun!"

 

Mandy wurde kreidebleich. Ersetzen lag in ihrem Gesicht.

 

„Wir können aber nunmal keinen Arzt aufsuchen. Ein Arzt erkennt sofort, das dies eine Schnittverletzung ist. Er würde die Polizei rufen. Dann haben wir viel zu viel Aufmerksamkeit und das ist es was wir vermeiden sollten."

 

Verständnislos sah sie mich an. Ich zog meine Jacke aus und nahm die Tablette. Ilias entfernte das schmutzige Top und warf es in die Tüte. Vorsichtig spürte er das Desinfektionsmittel auf meine Wunde. Ich presste die Zähne zusammen. Es brannte fürchterlich. Aber das war nichts im Gegensatz zudem was gleich auf mich zukommen würde. Ich sah ihm zu, wie er den Faden in die Öse der Nadel fädelte. Seine Hände waren ruhig. Meine zitterten dafür umso mehr. Mandy schlug sich die Hände vor den Mund, nervös sah sie sich um. 

 

„Ich mache es schnell, aber dies wird sehr schmerzhaft sein. Das sind mindestens zehn bis fünfzehn Stiche. Bereit?"

 

Ich wusste nicht ob ich dazu bereit war, aber mir blieb keine andere Wahl. Also nickte ich und wendete meinen Blick ab. Dann spürte ich den ersten Stich und er ging mir durch Mark und Bein. Der Schmerz explodierte in meinem Arm und verteilte sich in meinem Körper. Schweißperlen fanden ihren Weg auf meine Stirn. Schwindel überkam mich und mir entwich ein Schrei. Der jedoch augenblicklich verstummte als der nächste Stich zu spüren war. Er nahm mir die Luft zum Atmen. Die Schmerzen waren so stark das mir übel wurde.

Tränen liefen mir über die Wangen. Die Welt um mich herum begann sich zu drehen. Mandy griff zittrig um meine Taille und hielt mich fest. Sie redete auf mich ein, jedoch konnte ich nicht verstehen was sie sagte. Die Schmerzen waren zu groß. Dann ließ Ilias von mir ab, sprühte erneut Desinfektionsmittel auf meine Wunde. Mein Arm pochte stark. Er nahm eine Salbe aus der Tüte und salbte meine Wunde ein. Jede seiner Berührungen, ließen den Schmerz erneut explodieren. Ich war am Ende meiner Kräfte. Wenn ich mich jetzt nicht setze, falle ich in Ohnmacht. Zittrig ging ich in die knie und hielt mir die Augen zu. Ilias verband meinen Arm und warf die Tüte in den Müll. 

 

„Nimm noch eine Tablette, der Schmerz wird sonst zu stark werden. Es tut mir leid, dass ich dir schmerzen zugefügt habe."

 

Stotternd und mit trockenen Mund Antworte ich ihm heiser.

 

„Schon okay, es war nötig. Du kannst nichts dafür. Wir sollten von hier verschwinden."

 

Ich nahm noch eine Tablette und die beiden halfen mir auf die Beine. Mir ging es nicht gut.

Mein Kopf glühte. Wahrscheinlich hatte sich meine Wunde schon entzündet, und jetzt wurde sie auch noch so gereizt. Natürlich versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen. Jedoch wurden meine Schritte immer schwerfälliger. Ilias sah mich besorgt an und gab mir eine weitere Tablette. Das pochen in meinem Arm wurde etwas sanfter. Nach einer Weile blieb er stehen und sah sich um. 

 

„Ich weiß dies wird euch nun überhaupt nicht gefallen. Aber wir müssen zum Bahnhof, dort werden wir einen Zug nehmen. Zuerst nach Amsterdam zurück und dort steigen wir um."

 

Mein Herz schlug hart, zurück nach Amsterdam? War er lebensmüde? Mandy sah ihn resigniert an. Sie vertraute ihm und vielleicht sollte ich dies auch tun. 

Wir gingen zum Bahnhof der völlig überlaufen war. Ich senkte meinen Blick. Pure Angst kroch  mir in die Knochen. Ich fühlte mich ausgeliefert. Was wenn sie hier irgendwo sind?

Wenn sie uns bereits beobachten? Tausende fragen schossen durch meinen Kopf und es wurde schlimmer als wir den Zug betraten. Ich kauerte mich auf den Sitz und begann meine Hände wild zu kneten. Mandy zitterte neben mir während Ilias sich ständig umsah. Auch er hatte große Angst, sein Verhalten machte dies deutlich. Nach zwanzig Minuten hatten wir Amsterdam erreicht und er zerrte uns aus dem Zug. Wir liefen die Treppen hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Als ich feststellte welchen Zug wir ansteuerten lief es mir eiskalt den Rücken hinab. Meine Beine versagten. Keinen Schritt würde ich weiter tun. Nicht in diesen Zug. Ich konnte nicht zurück, nicht an jenen Ort. 

 

„Was ist los? Komm Kat wir müssen weiter! Wenn uns hier jemand entdeckt, sind wir geliefert!"

 

Meine Stimme war schrill vor Angst.

 

„Nicht dahin! Bitte, nicht nach London!"

 

Doch er ließ mir keine Wahl. Ilias zog mich weiter. Sein Griff war hart und schmerzte. Warum tat er mir das an? All die Erinnerungen liefen vor meinen Augen ab. London war mein Zuhause. Und doch wollte ich nie mehr dahin zurück. Dort hat alles angefangen. Erst als der Zug seine Türen schloss und sich in Bewegung setzte, ließ Ilias mich los. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Der Zug würde erst halten wenn wir London erreicht haben. Denn er fuhr von Holland nach Frankreich und von dort aus durch den Eurotunnel. Ohne Zwischenstopp.

Meine Gefühle spielten verrückt. Angst, Wut, Freude und Verzweiflung. 

Ohne darüber nachzudenken holte ich aus und gab Ilias eine Backpfeife.

Er sagte nichts. Es tat mir auch augenblicklich leid. Aber er brachte mich zurück. Zurück nach London!

Er hat unseren Tod schneller besiegelt als er ahnte.

Dort waren wir nicht sicher. 

Wir waren nirgends sicher. Verzweiflung machte sich in mir breit. Zitternd setzte ich mich hin und begann zu Wippen. Vor und zurück. Immer und immer wieder. Währen sich vor meinem inneren Auge die schrecklichen Szenen abspielten. Jene Szenen die in London geschehen waren. Würde sich nun alles wiederholen? Musste ich erneut mitansehen wie Freunde starben? Ich war gefangen. Gefangen in mir selbst. In meiner Angst. Und diese Angst wuchs mit jedem Kilometer. Alles noch einmal zu erleben, halte ich nicht aus. Mein Blick fiel auf Mandy. Sie war fahl. Sie schien mir noch verletzbarer zu sein, wie ich selbst. Ich habe nie gewollt das sie mit hineingezogen wird. Jetzt saßen wir wortwörtlich alle im selben Zug.

Und ich hatte keine Ahnung was uns in London erwarten wird.

Die Zugfahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Je näher wir London kamen, umso mehrere Gefühle kochten in mir hoch. Ich überlegte sogar, einfach aus dem fahrenden Zug zu springen. Ich wollte nicht zurück.

Dort hatte alles angefangen. Dort musste ich zusehen, wie all meine Freunde starben. Wie ihren Körpern das Leben entwich. Leere, leblose Augen die mich ansahen. Jene Augen die mich Nacht für Nacht in meinen Träumen verfolgten. Meine Hände wurden bei diesen Gedanken feucht. Ich versuchte meinen Atem zu kontrollieren. 

Mandy saß mir gegenüber. Auch ihr merkte man an, wie angespannt sie wirklich war. Bei jedem vorbeigehenden Gast, zuckte auch sie zusammen. Zu viele Blicke ruhten auf uns. Das bescherte mir Unbehagen. Was wenn sie sich schon längst hier im Zug befanden? Wenn der Junge Kerl, der zwei Reihen weiter saß, einer von ihnen war? Die Paranoia hatte mich wieder in ihren Bann.

Ilias schien relativ gefasst. Zumindest wirkte er so. Draußen wurde es allmählich dunkel, dennoch konnte ich nun bereits die Lichter der Stadt sehen. Wir waren fast am Ziel angelangt.

Ilias beugte sich zu mir vor. Ich wollte nicht mit ihm reden. Doch er fixierte mich mit seinen Augen.

 

„Kat, es tut mir leid. Aber ich musste uns dort weg bringen. Einen Vorteil haben wir nun jedoch. Du kennst dich dort aus."

 

In mir brodelte es. Natürlich kannte ich mich dort aus. Doch was wenn mich jemand erkannte? Wenn ich meinen Eltern über den Weg lief? Oder überall vermissten Fotos hingen? Er war hübsch, jedoch dachte er nicht nach.

 

„Ilias, lass gut sein. Ich bin noch nicht bereit mit dir zu reden."

 

Bedrückt sah er zur Seite. Was bitte hatte er erwartet? Das ich ihm freudenstrahlend um den Hals falle? Ja, er hatte uns für den Moment in Sicherheit gebracht. Jedoch war ich mir sicher, das die Gefahr nun um so größer werden würde. Automatisch zog ich meine Kapuze ins Gesicht. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich suchte bereits nach einem Platz. An dem wir uns verstecken konnten. Doch meine Angst hinderte mich weitgehend daran. Ich schloss für einen Moment meine Augen. Bilder rasten an mir vor bei. Blutige Bilder. Mein Herz beschleunigte seinen Rhythmus. Schnell öffnete ich meine Augen wieder. Warum nur geriet erneut alles aus dem Ruder? Ich fühlte mich wie bei Final Destination. Man konnte dem Tod nicht von der Schippe springen, ihn austricksen. War nun meine Zeit abgelaufen? Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Doch es gelang mir nicht. Ich spürte wie der Zug allmählich seine Geschwindigkeit drosselte. Zittern übernahm meine Gliedmaße. Ich hatte keine Kontrolle darüber. Zuviel war hier geschehen. Im Lautsprecher ertönte die Ansage, der Zug habe nun sein Ziel erreicht. Wir blieben jedoch sitzen. Bis alle Gäste den Zug verlassen hatten. Angespannt stieg ich aus und berührte seit langem den Boden meiner Heimat. Die ich einst so sehr liebte. Wir befanden uns im Underground, in der Nähe vom Buckingham Palace. Ein sehr gut bewachtes Stück Land und das einzige was mir im Moment einfiel. Schnell liefen wir die Treppen empor. Ich war wachsamer denn je. Mandy hatte Mühe mit mir mitzuhalten. An der Oberfläche war das Londoner Nachtleben erwacht. Für den Moment war ich gelähmt.

Ich hatte ganz vergessen wie sehr ich London liebte. Zur Begrüßung prasselte der Londoner regen auf uns hinab. Mandy's stimme drang gedämpft, zittrig an mein Ohr.

 

„Kat... Kat, wir müssen hier weg. Bitte..."

 

Ich spürte das Zittern in meinen Beinen. Langsam, aber kontinuierlich wanderte es über meine Beine hinauf zum Rest meines Körpers. Nicht ein Tröpfchen Spuke war mehr in meinem Mund. Ein Junger schwarz gekleideter man stieß unsanft gegen meine Schulter. Grimmig sah er mich an. Mein Herz donnerte los. Schnell senkte ich meinen Blick. Ich setzte mich in Bewegung. Immer schneller trieb ich uns voran. Mein Atem und das donnern meines Herzens, waren alles was ich hörte. Zu sehr konzentrierte ich mich auf diese Geräusche. Schwindel drohte mich zu übermannen. Der Gedanke, erneut schutzlos zu sein überforderte mich. Kurz hob ich meinen Blick. Wir hatten den Park fast erreicht. Dennoch fühlte ich mich unwohl. Beobachtet. Es waren immer noch zu viele Leute unterwegs. Mandy staunte, als wir den Palast erreicht hatten. Er stand da, in seiner vollen Schönheit. Ein Stich Schoß durch mein Herz. Ich wusste, dass dieser Aufenthalt nicht lange andauern würde. Zumindest nicht wenn es nach mir ginge. Ich zog sie weiter. Vor uns erstreckte sich der riesige Park. Schnell steuerte ich eine der großen Trauerweiden an. Die den Park säumten. Dort angekommen, ließ ich meinen wachsamen Blick schweifen. Ehe ich erschöpft zu Boden ging. Mein Körper war ausgelaugt. Mandy ließ sich zu meiner linken nieder. Während Ilias sich mir gegenüber setzte. Ich war immer noch wütend auf ihn. 

Er hob seinen Blick und sah mich voller Reue an. Seine Mimik war voller Schmerz. Er nahm tief Luft. 

 

„Kat...ich ... es tut mir wirklich leid.."

 

Seine Rehbraunen Augen glänzten. Blässe legte sich über seine sanften Gesichtszüge.

 

„Schon okay. Wir werden heute Nacht hier bleiben. Ab zwölf Uhr werden die Eingänge bewacht. Wir müssen uns als ruhig verhalten."

 

Sein Mundwinkel zuckte flüchtig. Dann zog er mein Handy aus seiner Tasche und reichte es mir. Es war noch immer eingeschaltet. Eine Nachricht stand auf dem Display. Sie schrie mich an.

 

Willkommen Zuhause Kitty Kat.

 

Augenblicklich sah ich mich um. Adrenalin pumpte zum wiederholten Male durch meine Venen. Sie wissen das ich hier bin. Zittrig hielt ich Ilias mein Handy hin. Scharf sog er die Luft ein. Mandy riss angsterfüllt ihre Augen auf. 

 

„Wir sind hier nicht sicher, oder?!"

 

Ihre Stimme war schrill und brach. Tränen stiegen ihr in die Augen. Während ich wie in Trance meinen Kopf schüttelte. Ich spürte die Angst. Sie kroch mir in den Nacken. Die Gefahr war allgegenwärtig. Genau jetzt, in diesem Moment. Ilias versuchte währenddessen Mandy zu beruhigen. Sie war laut. Viel zu laut. Es gelang ihm nach kurzer Zeit. Ich war noch immer wie gelähmt. Mehrere Passanten durchquerten den Park. Einige verhielten sich für meinen Geschmack, seltsam. So als würden sie jemanden suchen. Mich! Sie suchen nach mir! Nach uns. Mein Herz raste. Immer wieder linste ich hinter dem Baum hervor. Wir schwiegen. Jedem war die Anspannung anzusehen. 

Noch fünfzehn Minuten. Dann wird der Park geräumt. Dann werden die Wachen ihren Posten beziehen. Noch fünfzehn lange Minuten, in denen man durchaus sterben konnte. Mein Kopf schnellte im Sekundentakt hin und her. Überall hörte ich es knacken und knirschen. Ich versuchte meinen Atem zu kontrollieren. Schloss meine Augen. Ich spürte wie mein Herz allmählich ruhiger wurde. Nur um kurz darauf wieder auszurasten. In meinem Kopf herrschte dicker Nebel. Mehrere Male spielten sich darin Szenarien ab, in denen wir starben. Genau an diesem Platze. Unter der Trauerweide. Ich erschrak fürchterlich. Automatisch warf ich meine Hände schützend über meinen Kopf, als endlich der erlösende Glockenschlag des Big Ben erklang. Zu lange hatte ich ihn nicht mehr gehört. Langsam öffnete ich meine Augen. Erneut linste ich hinter dem Baum hervor. Ruhig und leer lag der Park vor uns. Erst jetzt fiel die Anspannung von mir ab. Was mich jedoch nicht unaufmerksam werden ließ. Ich kannte Schleichwege hinein in den Park und DIE sicherlich auch. Nach weiteren fünfzehn Minuten fühlte ich mich etwas sicherer. Was mich dazu verleitete das schweigen flüsternd zu brechen.

 

„Die Wachen werden nun niemanden mehr hinein lassen. Für den Moment, sind wir in Sicherheit. Wir sollten jedoch weiterhin aufmerksam sein."

 

Mandy nickte mir zu. Schien jedoch wenig überzeugt. Ilias sah am Boden zerstört aus. Was war ihm damals widerfahren? Ich wollte es wissen. Jetzt. Ich stocherte in seiner Wunde.

 

„Ilias, du wolltest uns sagen was dir widerfahren ist."

 

Merklich zuckte er zusammen. Seine Nasenflügel bebten. 

 

„Ich... äh... habe es bisher noch niemandem erzählt...wo soll ich anfangen?"

 

Ich verstand ihn. Mir selbst erging es nicht anders. Mandy war die einzige Person, die alles wusste. Jedes noch so kleine Detail. Wie ungläubig sie damals geschaut hatte. Aber auch wie erleichtert ich war. Ein knacken im Gebüsch erregte kurzzeitig meine Aufmerksamkeit. Augenblicklich spannte ich mich an. Es war jedoch nur ein Eichhörnchen. Davon wimmelte es hier im Park.

 

„Ganz von vorn, würde ich sagen."

 

Nickend sah er an mir vorbei. Seine Augen bewegten sich unaufhaltsam. So, als würde er genau in diesem Moment alles nochmals erleben. 

 

„Es war der 13.07.2018. mein Geburtstag. Torben, mein bester Freund, den ihr als mein Bruder vorgestellt bekamt, plante zusammen mit meiner Freundin eine Überraschungsparty."

 

Erstaunt sah ich ihn an. Torben war nicht sein Bruder? Ich hatte es gewusst, sie sahen sich überhaupt nicht ähnlich. AEr redete weiter.

 

„Sandy war sehr perfektionistisch. Alles musste immer genau nach ihren Vorstellungen ablaufen. Torben war oft genervt von ihr. Er meinte sie hätte die Hosen an. Jedenfalls hatten die beiden eine Kneipe gemietet. Sandy hatte mich unter einem Vorwand dorthin gelotst. Ihr Auto hätte eine Panne. Als ich dort ankam, standen all meine Freunde vor der Kneipe. Natürlich habe ich mich riesig gefreut."

 

Ich erinnerte mich an die schönen Zeiten. An meine Freunde. Wie oft wir zusammen gefeiert hatten. An Henry. Mir wurde schwer ums Herz. Ich konnte Ilias Gefühle spüren. Ich sah dass seine Augen zu glänzen begannen.

 

„Jedenfalls gingen wir hinein und begannen zu feiern. Es war wie immer ein ausgelassener, lustiger Abend. An dem eine Menge Alkohol floss. Doch genau dieser Abend änderte mein Leben. Torben hatte sich mit Isabel amüsiert. Sie war es, die das Spiel in unsere Runde brachte. Zu Anfangs war es noch witzig. Die erste Woche würde ich sagen. So genau weiß ich es nicht mehr."

 

Ich jedoch erinnerte mich sehr genau daran. An jede noch so kleine Winzigkeit. Ich hatte schließlich genügend Erinnerungen auf meinem Handy. Ich wollte nicht vergessen. Ich konnte nicht. Diese Erinnerungen ließen mich vorsichtig werden. Sie retteten mir jeden Tag mein Leben.

 

„Immer wieder kamen neue Aufgaben. Wir erledigten diese brav und schossen unser Beweisfoto. Doch einen morgens läutete mein Handy. Cindy war völlig aufgelöst. Sie wimmerte und weinte. Ich hatte sie kaum verstanden. Als ich bei ihr ankam waren die anderen schon da. Allesamt kreidebleich. Ich drängte mich zu ihr durch. Sie war immerhin die beste Freundin meiner Partnerin. Ich fragte sie was los sei. Sie zeigte mir die Nachricht mit der Aufgabe."

 

Bilder schossen durch meinen Kopf. Es war als würde ich meine eigene Geschichte hören. Ich sah Maike, wie sie vor ihrer Katze stand. Für einen Moment schloss ich meine Augen. Ich spürte eine Träne, sie rollte über meine Wange hinweg.

 

„Kat? Alles in Ordnung?"

 

„Ja, erzähl weiter."

 

Ich sah ihn wieder an. Ilias sah fürchterlich aus. Es machte ihm sehr zu schaffen. Alles wieder erneut zu erleben. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut. Immerhin durchlebte ich dies Tag für Tag. Er nickte mir zu und sprach weiter.

 

„Was dort stand, konnte ich nicht glauben. Sie verlangten, dass sie sich einen Zeh abschneiden soll. So etwas absurdes und widerwärtiges konnte nur ein Fehler im System sein. Dachte ich zumindest. Ich versuchte sie zu beruhigen. Irgendwann schaffte ich es auch. Doch ich hatte ein seltsames Gefühl. Das Gefühl beobachtet zu werden. Ich sah immer wieder zu den Fenstern, doch dort war niemand zu sehen. Wir entschlossen uns bei ihr zu bleiben. Zwei Stunden später kam die nächste Nachricht, inklusive Foto. Cindy's kleiner Bruder Max, war in ihrer Gewalt. Wenn sie nicht das täte, was die von ihr verlangten, würde er sterben. Ich weiß noch genau wie schnell und hart mein Herz schlug. Ohne zu zögern schnappte sie sich die Geflügelschere. Torben hielt sie auf. Er wollte die Polizei Alarmieren. Prompt bekam er eine Nachricht. Wenn er das täte, würden wir alle sterben."

 

Ein zittern durchzog meinen Körper. Nur zu gut erinnerte ich mich daran. Es war ähnlich wie bei uns. Dies würde niemand Außenstehendes verstehen. Angst lähmt. Sie lässt uns gleichgültig werden. Das eigene Leben ist wichtiger, als das eines anderen. Zumindest denkt der Großteil der Menschheit so. Ich jedoch nicht. Ich hätte alles getan um meine Freunde zu retten. Doch jemandem das Leben nehmen, dass konnte ich nicht. Ich war also Schuld, dass sie alle sterben mussten.

 

„Torben reichte ihr die Schere wieder. Er schrie sie an. Alles geriet außer Kontrolle. Ich war wie gelähmt. Ich konnte das einfach nicht glauben. Cindy schnitt sich einfach ihren großen Zeh ab. Es war schrecklich. Sie schrie und wimmerte vor schmerzen. Alles lief wie in Zeitlupe ab. Blut spritzte und sie fiel in Ohnmacht. Sandy übergab sich. Torben bekam die nächste Aufgabe drei Tage später. Er sollte mit einem Mädchen gegen ihren Willen schlafen. Ich konnte nicht glauben, das er dies wirklich getan hatte. Die Freundschaft in unsere Gruppe, bekam Risse. Große Risse. Dennoch saßen wir alle im selben Boot. Niemand ging alleine irgendwo hin. Sandy musste ihre Hand auf die heiße Herdplatte legen. Sie hatte Verbrennungen dritten Grades. Natürlich durften wir nicht zum Art. Stand alles in den Nachrichten, die wir bekamen. Cindy hatte derweil Fieber. Ihre Wunde war mächtig Entzündet und ihr Bruder war nicht mehr aufgetaucht."

 

Das klang alles noch schlimmer, als dass was mir widerfahren war. Niemand von uns hatte ein Familienmitglied verloren. Zumindest konnte ich mich daran nicht erinnern. Erneut knackte es im Gebüsch. Was meinen Kopf in dessen Richtung schnellen ließ. Ilias folgte ebenfalls meinem Blick. Für einen Moment schlug mein Herz viel zu schnell. Doch dort war nichts zu sehen. Mandy sah wieder zu Ilias.

 

„Was ist dann geschehen?"

 

„Dann kam meine Aufgabe. Ich lag neben Sandy auf dem Boden, als ich las was ich tun sollte. Mein Magen begann zu rebellieren. Das war etwas, das ich niemals hätte tun können. Ich sollte einen meiner Freunde töten. Stellt euch das mal vor!"

 

Auch mein Magen rebellierte grade. Ich konnte mir das nur allzu gut vorstellen. Sie hatten ihm die selbe Aufgabe erteilt, wie mir damals. Mandy riss die Augen auf und sah zu mir. Was auch Ilias dazu veranlasste mich anzusehen.

 

„Wie bei dir Kat. Sie haben ihm die gleiche Aufgabe gegeben wie Dir!"

 

Fröstelnd sah ich ihn an. Ein schwaches nicken in seine Richtung. Er nahm tief Luft.

 

„Dann weißt du ja, dass dies eine Aufgabe ist, die kein normaler Mensch tun würde. Ich habe es zumindest nicht getan."

 

Misstrauisch sah er mich an.

 

„Ich könnte so etwas niemals. Ich habe niemandem das Leben genommen. Zumindest ist niemand durch meine Hand gestorben. Auch wenn ich weiß, dass es meine Schuld war. Alle meine Freunde sind meinetwegen gestorben. Weil ich niemanden töten konnte."

 

Seine leichte Berührung meiner Hand, ließ mich erschaudern. Er sah mir tief in die Augen.

 

„Genau wie ich. Ich weiß genau wie du dich fühlst. Ich konnte diese Aufgabe auch nicht erledigen. Ich war sowas von wütend. Ohne groß darüber nachzudenken schrieb ich Ihnen, dass ich dies sicherlich nicht tun würde. Augenblicklich kam eine Nachricht zurück. Ich hätte unser aller Todesurteil unterschrieben. Wenn wir noch eine Chance haben wollten, sollen wir um Mitternacht auf das große Feld des einzigen Bauers kommen. Leider waren wir so töricht, dies zu tun."

 

Die Bilder des Parks, nicht weit weg von hier, schossen mir in den Kopf. Es war unglaublich, dass sie diese Masche überall durchzogen. Ich wusste nicht ob ich dass, was jetzt kam hören wollte. Doch Ilias setzte seine Erzählung fort.

 

„Also gingen wir auf dieses Angebot ein. Ich schnappte mir ein großes Messer in Cindy's Küche. Ihr Fieber hatten wir mit Tabletten einigermaßen in den Griff bekommen. Ängstlich und mit pochendem Herzen machten wir uns gegen Mitternacht auf den Weg. Es lag eine seltsame Ruhe über uns. Nebel versperrte uns die Sicht. Das Feld, welches sich vor uns erstreckte war ein Maisfeld. Er war bereits höher als jeder einzelne von uns. Sandy hatte wahnsinnige Angst. Damit war sie nicht alleine. Torben setzte sich als erster in Bewegung und wir folgten ihm. Dann brach die Hölle los. Ich hörte Kai schreien. Laut und Schmerz erfüllt. Ich begann zu laufen und verlor Sandy. Dann stolperte ich und fiel zu Boden. An meinen Händen klebte Blut. Das Blut von Kai. Als ich sein Gesicht sah, wurde mir schwindelig. Ein Auge sah mich an. Er zuckte wie verrückt. Ehe er für immer still liegen blieb. Angst und Paranoia trieben mich aufzustehen. Ich schrie nach Sandy. In nicht allzu weiter Entfernung konnte ich Torben und Rike hören. Als ich dort ankam, hing meine Freundin an der großen Eiche. Ihre Augen quollen hervor und ihr wunderschönen Gesicht war bereits blau angelaufen. Ich übergab mich. Ihre Eingeweide baumelten aus ihrer Bauchhöhle. Torben schrie mich an. Ich hörte ihn jedoch nicht. Dann sah ich eine Gestalt. Sie kam laufend auf uns zu. Rike wurde vor meinen Augen die Kehle aufgeschlitzt. Ihr Blut übergoss mein Gesicht. Torben riss an mir und ich kam wieder zu Sinnen."

 

Mandy war mittlerweile blass wie eine Leiche. Ilias tat mir leid. Ich fühlte seinen Schmerz deutlich. Dies war alles wie in einem Horrorfilm. Jedoch nach einer wahren Begebenheit. Mein Herz galoppierte davon.

 

„Wir liefen um unser Leben. John lag auf unserem Weg in seiner eigenen Blutlache. Arme und Beine waren abgetrennt worden. Was sich dort abspielte war unglaublich. Ich hoffte jeden Moment aus diesem Alptraum zu erwachen. Torben wurde neben mir zu Boden gerissen. Augenblicklich blieb ich stehen. Er schrie, als ich ein schmatzendes Geräusch vernahm. Jemand stach auf ihn ein. Mein Messer hatte ich fest in der Hand und ging zum Angriff über. Ich spürte Schmerz. Starke Schmerzen, als sein Messer meine Rippen durchbohrte. Doch es war mir egal. Ich musste Torben retten. Der Angreifer ging zu Boden und wir rannten auf das Haus des Bauern zu. Dort steuerte ich seinen Geländewagen an. Wir schleppten uns schwerfällig dort hin. Mit meiner Faust schlug ich die Scheibe ein. Zittrig versuchte ich das Auto kurz zu schließen. Während sich uns drei schwarz gekleidete gestaltet näherten. Torben schrie mich erneut an und entriss mir das Messer. Kurz bevor sie uns erreicht hatten, ertönte das Heulen des Motors und ich trat auf das Gas. Wie in Trance fuhren wir einfach davon. Immer weiter und weiter. Am Tage versteckten wir uns in Wäldern und in der Nacht setzten wir unseren Weg fort. Bis wir schließlich in Amsterdam landeten."

 

Wir schwiegen. Ilas räusperte sich, während er sich umsah. Dann blickte er mir tief in die Augen. Ich wusste was jetzt kam. 

 

„Wie war es bei dir Kat?"

 

Ich nickte und sah zu Boden. Ich hatte alles grade erneut erlebt. Dennoch war ich es Ilias schuldig. Ihm auch meine Geschichte zu erzählen. Also begann ich zu erzählen. Ich ließ nicht das kleinste Detail aus. Es schmerzte, aber es tat gut, zu wissen dass auch ihm ähnliches widerfahren war. Mandy schlief irgendwann ein. Ich jedoch konnte kein Auge zumachen. Immerhin hatte ich hier Zuviel durchgemacht. Ich wollte diese Nacht den Alptraum nicht leben. Auch Ilias schlief nicht. Wir schwiegen jedoch. Die Erinnerung hatte uns voll im Griff. Und mit ihr die Angst, die uns im Nacken saß. Immer wieder knackte und knirschte es um uns herum. Als es zu dämmern begann, wich die Angst und die Müdigkeit hatte mich in ihrem Bann. Ich nickte ein.

Erschrocken fuhr ich hoch. Es war noch dunkel. Erneut wurde ich von meinem schlimmsten Albtraum geplagt. 

Die Tatsache zu wissen, dass ich geträumt hatte, beruhigte mich ein wenig. Doch irgendetwas stimmte hier nicht. Paranoid wandte ich mich kriechend um die eigene Achse. Dies war der Platz unter der großen Trauerweide. Da war ich mir zu einhundert Prozent sicher. Doch weder Ilias noch Mandy waren irgendwo zu sehen. Mein Herz geriet ins Stocken. Warum war ich allein? Die Angst in mir schwoll wie eine riesige Gewitterwolke an. Ließ meine Glieder unkontrolliert zittern. Schnürte mir die Kehle zu und verhinderte mir so das Atmen. Keinen klaren Gedanken konnte ich fassen. Ich war alleine. 

Sie hatten mich alleine gelassen.

Voller Angst krallte ich mich in das feuchte Laub unter meinen Händen fest.

Hatten sie uns gefunden? Wurden sie verschleppt. Adrenalin schoss durch meine Adern. Keuchend begann ich zu wippen. Vor und zurück. Immer und immer wieder.

Steigerte mich hinein in meine Angst. Wimmernd riss ich meine Augen auf. Der Platz and dem Mandy gesessen hatte, erregte meine Aufmerksamkeit. Mit Erde verschmutzten Händen griff ich mir entsetzt an den Mund. Mein Magen rebellierte. Bittere Galle Stoß mir auf. 

Blut. Dort war Blut. 

 

Zittrig streckte ich meinen Finger danach aus. Als sei es nur ein Gespinst meiner paranoiden Gedanken. Doch als ich es berührte, fühlte ich seine klebrige Struktur. In einem Schwall erbrach ich mich. Das zittern nahm zu. Sie sind hier. Sie sind hier. 

Immer wieder sagte ich diese drei kleinen Worte. Beschwor sie. Wie einen Zauberspruch. 

Tränen liefen über meine Wangen hinab. Ich hatte Mandy in Gefahr gebracht. Ich.

Ich hatte ihren Tod besiegelt. Oh Gott. Passend zu meiner Stimmung öffnete der Himmel über mir seine Pforten. Strömender Regen prasselte durch das Blätterdach der Trauerweide hindurch. Ich sah mit an, wie er den Beweis hinfort spülte. Wie er das Blut verdünnte und es mit dem Wasser im Erdreich verschwand. 

Was sollte ich nun tun? Ich war schwach. 

Und müde. Lebensmüde. Wie lange war ich auf der Flucht gewesen? Wog mich zum Ende hin in Sicherheit. Nur um letztendlich dort zu landen, wo das Elend seinen Lauf nahm. Ich war so töricht. So sollte es nun also enden? Mutlos ließ ich meine zitternden Hände sinken und blickte mich um. Suchte nach einem Hinweis. Kroch näher an die Weide heran. Dort wo Ilias gesessen hatte. 

 

Mein Herz hämmerte immer noch viel zu stark. Und es beschleunigte seinen Takt erneut. Da stand etwas. In der Rinde des Baumes. Feinsäuberlich eingeritzt. Ein knacken hinter mir, ließ mich zusammenzucken. Keuchend wandte ich mich in dessen Richtung. Ruhelos wanderte mein Blick umher. Doch dort war niemand. Schwerschluckend widmete ich mir wieder der Rinde zu. Behielt jedoch das Gebüsch weiterhin im Auge. 

 

Traue niemandem Kitty Kat

 

Sprangen die Worte mir entgegen. Zitternd stützte ich mich auf dem Laub ab. Riss jedoch augenblicklich meine Hand zurück. Dort lag etwas. Etwas hartes. Etwas hartes und kaltes. 

Mein Atem ging immer schneller. Ich drohte zu kollabieren. Vorsichtig und auf das schlimmste gefasst, wusch ich die Blätter bei Seite.

Ungläubig und kopfschüttelnd blickte ich hinab.

Nein. Nein nein nein! 

Dort lag in einem Verschlussbeutel säuberlich verpackt, mein Handy.

Ich nahm es mit beiden Händen hoch. Zu stark war das zucken meiner Gliedmaße. Ohne es weiter zu beachten, leß ich es in die Tasche meines Parkers gleiten. Ich war dazu nicht bereit. Ich wollte kein weiteres Bild von einem toten Freund sehen. Dies würde ich nicht verkraften. Schon garnicht wenn es Mandy war.

Plötzlich manifestierte sich ein Gedanke. 

Adrenalin wurde freigesetzt. Ich erstarrte.

Denn sie hatten mich gefunden. Und sie hatten mich am Leben gelassen. Sie spielten mit mir ihr abscheuliches, widerwärtiges Spiel. 

Wie gelähmt kniete ich unter der Trauerweide. Bewegungsunfähig. Die Paranoia hatte mich fest im Griff.

Ich musste von hier verschwinden. Untertauchen. Kat du musst weitermachen!

Schrie ich in mich hinein. Es waren Mandy's Worte. Worte, welche sie mir Tag für Tag gepredigt hatte. 

Wie von Sinnen durchbrach ich meine Mauer und hievte mich am Stamm der Weide aufrecht. Meine Beine gaben nach. Doch ich versuchte es erneut. Ich zog meine Kapuze tief in mein Gesicht. Doch was nun? Einen der Ausgänge des Parks zu nutzen, war keine Option. Die Wachen würden mich umgehend verhaften. Einer der Schleichwege musste es sein. Doch welcher? Was wenn sie dort auf mich warteten? Was wenn sie mir nur den Anschein gaben, sicher zu sein. Mich leben zu lassen, nur um mich an einem der Ausgänge abzufangen? Erneut schoss mein Puls in die höhe. Unentschlossen stand ich da. Sei nicht so feige! Ich atmete tief durch und ging los. 

Erst langsam und wacklig. Blickte mich um. Steuerte auf ein Gebüsch zu, dort wo einer der Wege war. Ich hoffte inständig, dass der Zaun noch nicht repariert worden war. Lauf! Das loch lud mich zur Flucht ein. 

 

Ich begann zu laufen. Schneller und schneller. Planlos fand ich mich auf einer der viel belebten Straßen Londons wieder. Dies war nicht gut. Garnicht gut. 

Paranoid senkte ich meinen Blick und versuchte so unauffällig wie möglich zu wirken. Doch ich spürte förmlich ihre Blicke auf mir ruhen. Zu viele Menschen waren unterwegs. Fieberhaft überlegte ich, wohin ich gehen sollte. Ich musste hier weg. Umgehend. Mir fiel der kleine Hinterhof nahe der Abbey Road ein. Dort war immer abgeschlossen. Doch von dem Baum aus, gelangte man hinein. Vor mich hinnickend beschleunigte ich meinen Schritt. Und bog, sobald es mir möglich war, in eine der ruhigeren Straßen ein. Nicht das ich mich hier sicher  fühlte, nur etwas wohler. 

 

Mandy war allgegenwärtig. Ich hatte sie mit ins Verderben gezogen. Ein winziger Funken Hoffnung keimte in mir auf. Denn ich lebte noch. Und vielleicht taten es die beiden auch. Wie versteinert blieb ich stehen. Warum war dort im Park nur Mandy's Blut gewesen? Oder war es garnicht ihr Blut? War es von Ilias? Verwirrt keuchte ich und setzte mich erneut in Bewegung. Vertraue niemanden. Was wollten sie mir damit sagen? War es von Elias? Nein. Unmöglich. Wie hätte er dazu noch Zeit gehabt. Immer wieder blickte ich mich um. Ich fühlte mich beobachtet. Verfolgt. Als die Abbey Road und der Baum endlich in meinem Sichtfeld erschienen, atmete ich erleichtert auf. Da das Adrenalin sich in meinem Körper verflüchtigt hatte, spürte ich die stechenden Schmerzen in meinem Arm. Viel zu lange schon hatte ich keine Tablette mehr eingenommen. 

 

Mit meiner letzten Kraft kletterte ich auf den Baum und war gerade dabei auf dem Ast zu balancieren. Als das Licht im Hinterhof erleuchtete. Erschrocken hielt ich inne. Mein Herz begann zu Rasen. Ein in die Jahre gekommener Herr mit grauen Haaren, hinkte zu einer der vielen Mülltonnen um seinen Hausmüll zu entsorgen. Genau diese Mülltonnen waren mein Ziel. Dort hinter ihnen, würde ich mich verstecken. Kaum war der man im Haus verschwunden, ging ich weiter und sprang in den Hinterhof hinein. Schnell lief ich zu den Tonnen und zwängte mich dahinter. Es war eng. Doch genau das benötigte ich. Ein enger Kokon. Die enge beruhigte mich ungemein. Ich atmete durch. 

Wie sollte es jetzt nur weiter gehen? Irgendwann musste ich dieses Plätzchen wieder verlassen. 

 

Der Tag war abgebrochen. Jämmerlich saß ich hinter diesen Tonnen und ertrank in Selbstmitleid. Gefühle zwanzig mal hatte ich mein Handy aus der Tasche gezogen und es wieder zurück gesteckt. Für kein Geld der Welt, würde ich es einschalten. 

Erneut kreisten meine Gedanken um Mandy und Ilias. Irgendetwas passte nicht zusammen. Das Blut. Mein Handy und diese Nachricht, welche in die Rinde eingeritzt worden war.

Erneut meldete sich meine Paranoia zurück. 

Was wenn Ilias keiner von den guten war? Was wenn er einen von ihnen war? Mein Herz war kurz vorm Kollaps. Hatte er das alles nur gespielt? Konnte man so etwas überhaupt inszenieren? Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr glaubte ich daran. In mir stieg Wut auf. War das von Anfang an alles geplant? Ein Geräusch schreckte mich auf. Beinahe hätte ich geschrien. Ich machte mich hinter den Tonnen so klein wie möglich. Verhielt mich mucksmäuschenstill. Während ich meinen Herzschlag in meinen Ohren laut und deutlich hörte. Als der Deckel einer der Tonnen herunter krachte, zuckte ich enorm zusammen.

Hier zu sein, in London, war überhaupt nicht gut für mein eh schon zu dünnes Nervenkleid. Ich benötige dringend eine andere bleibe. Und etwas gegen meine wachsenden Schmerzen.

 

Nachdem sich mein Herzschlag weitgehend beruhigt hatte, durchforstete ich meine Gedanken. Wo könnte ich hingehen? Wo war es einigermaßen sicher? Mir kam Henry's Cousin in den Kopf. Andy. Mit Andy hatte ich mich immer gut verstanden. Er war gebildet und war in der Computerbranche tätig. Und zu meinem Glück wohnte er hier ganz in der Nähe. Zumindest hatte er früher hier gewohnt.

Ich begann einen inneren Monolog. Wägte ab. Sollte ich ihn aufsuchen? War das sicher? Es war ein Kampf mit mir selbst. Zweifel kamen auf. Wie würde er reagieren? Würde mir dies überhaupt etwas bringen? Die Angst in mir, machte es sich gemütlich. Breitete sich aus und nahm jeden Winkel von mir ein. 

Es war ein stiller Kampf. Stunde um Stunde verging. Sei nicht so feige! Geh Kat!

 

Bevor ich es mir anderes überlegen konnte, zwängte ich mich aus meinem schützenden Kokon heraus. Das tor zu diesem Innenhof stand noch offen. Also lief ich los. Auch wenn ich ein äußerst ungutes Gefühl hatte. Vielleicht konnte Andy mir helfen. Zumindest baute ich darauf. So schnell ich konnte lief ich die Schleichwege ab. Einer davon verlief jedoch an jenem Ort vorbei, welcher mich das Grauen lehrte. Welcher mein Leben veränderte. Je näher ich diesem Ort kam, um so schlimmer wurde es. Mein Körper gehorchte mir nicht länger. Es war als würde ich alles ein weiteres Mal erleben. Ich sah, wie Maike dort lag. In ihrem Blut. Ich hörte Jen, wie sie schrie. Und ich sah das Bild von Henry vor mir. Wie mich seine leeren Augen anstarrten. Ich versuchte diese schrecklichen Bilder zu verdrängen, doch es wollte mir einfach nicht gelingen. 

Völlig entkräftet und mit wild pochendem Herzen, erreichte ich mein Ziel. 

Andy.

Erneut begann ein innerer Kampf.

Ich stand direkt vor seiner Wohnung. 

Wie ein Baum.

Festgewurzelt. Bewegungslos. 

Innerlich schrie ich. Wehrte mich. Wollte hier weg. Mich verstecken. Doch der Gedanke, das Mandy vielleicht noch leben könnte, ließ mich nicht los. Er war es, der mich voran trieb. 

Ich war kurz vorm durchdrehen. 

Doch ich zwang mich, weiter zu gehen. Mit zittriger Hand betätigte ich die Klingel. 

Ohne nur den Hauch einer Ahnung, was mich erwarten würde.

Doch was hatte ich noch zu verlieren?

Das war eine ganz dumme Idee Kat! Vertraue niemandem.

Hallten die Worte in meinem Kopf. Als ich realisierte, dass ich wirklich den Knopf der Klingel betätigt hatte, wurde mir speiübel.

Ich war erneut drum und dran die Flucht zu ergreifen. Ging bereits zwei Schritte rückwärts. Dann ging das Licht an und ein Schatten zeichnete sich im verspiegeln Glas ab. 

Mir ging ordentlich die Pumpe. Umso erleichterter war ich, dass es tatsächlich Andy war. Ich zitterte am ganzen Leib.

Ungläubig und mit riesigen Augen, blickte er mir entgegen. Sämtliche Farbe wich aus seinem Gesicht.

 

„Kathlynn?! Kat... bist du es wirklich? Aber... wie..."

 

Wankend griff er nach der Tür und hielt sich fest. Ich konnte seine Reaktion nachvollziehen.

Schließlich waren alle anderen Tod, während ich nun quicklebendig vor ihm stand. 

 

„Andy... darf ich rein kommen?"

 

Krächzend und mit einem vibrieren in der Stimme, drangen die Worte aus meinem Mund. Das Gefühl beobachtet zu werden, nahm mich erneut ein. Paranoid wie ich war, blickte ich mich um. Doch die Straße war leer. Alles schien ruhig zu sein. 

Andy nickte mir noch immer ungläubig zu. Kaum dass die Tür geschlossen war, fiel er mir um den Hals. Ich erschrak und zuckte unter seiner Umarmung zusammen. Doch es tat unglaublich gut. Meine Dämme brachen. Ich weiß nicht wie lange wir einfach nur da standen. In seinem schwach beleuchteten Flur und uns weinend in den Armen lagen.

Es war, als würde sich ein tonnenschwerer Felsbrocken einfach in Luft auflösen. 

Zitternd löste ich mich von ihm und blickte ihn an.

 

Andy war noch immer viel zu blass. Er nahm meine Hand und führte mich in sein Wohnzimmer. Als ich das Chaos sah, blieb mir der Atem aus. Ich erkannte das Zimmer kaum wieder. Überall lagen Klamotten und alte Zeitungen. Alte Zeitungen, welche über verschwundene und tot aufgefundene Personen berichteten. Der Boden war kaum noch zu sehen. Auf seinem Tisch lag ein ausgebreiteter Stadtplan. 

London. 

Dort waren überall Punkte verzeichnet. Ungläubig blickte ich auf dieses Gebilde hinab.

An allen Punkten standen Namen. 

Namen die ich kannte. Henry's Name. 

Auch mein Name las ich, hinter dem ein Fragezeichen geschrieben war. 

Mein Herz begann zu Rasen. 

 

„Kat. Du musst es mir erklären. Wo zum Teufel warst du? Weißt du was geschehen ist? Das alle tot sind? Das Henry tot ist?"

 

Gedämpft drangen seine Worte zu mir hindurch. Panik. Panik stieg in mir auf. Wie das Wasser in einem sinkenden Boot. Sie nahm mir erneut die Luft zum Atmen. Andy hatte recherchiert. Doch warum? Zu welchem Zweck? 

 

„Kat? Rede mit mir. Bitte. Ich muss es wissen."

 

Meine Beine wollten mich nicht länger tragen. Sie gaben unter mir nach. Ich war schwach. Viel zu schwach. Erst als der Raum sich zu drehen begann, setzte ich mich auf sein Sofa. Andy verschwand in der Küche und kam mit einem Glas Wasser zu mir zurück. Wortlos reichte er es mir und ich trank es gierig aus. Es tat unglaublich gut. Dann blickte ich kraftlos zu ihm auf.

 

„Was ist das alles? Warum Andy? Warum tust du das?"

 

Er folgte meinem Blick und nahm neben mir Platz. Andy sah unglaublich dürr aus. Ihm ging es nicht gut. Das konnte sogar ein blinder sehen.

 

„Ich möchte einfach nur wissen was hier geschehen ist."

 

Ich rang mit mir. Vertraue niemandem. Schossen mir die kleinen, doch so bedeutsamen Worte in meinen Kopf. Ich kämpfte einen Inneren Kampf. Stillschweigend. All die schlimmen Bilder prasselten erneut auf mich ein. Aber es ist Andy. Andy, den ich schon mein Leben lang kannte. Andy, der mir immer ein guter Freund gewesen ist. Doch konnte ich ihm diese Bürde auflegen? Konnte ich ihm von diesem einen Abend erzählen? Erneut begann ich nervös zu wippen. Mein Nervenkleid war einfach viel zu dünn geworden. Würde er mir überhaupt glauben schenken? Hielt er mich gar für verrückt? Dennoch, ich benötige seine Hilfe. Mandy. Mandy lebte noch. Da war ich mir so sicher, wie das Amen in der Kirche. Ich musste über meinen eigenen Schatten springen. Und dieser war sehr viel größer und stärker, als ich selbst. Ich hatte eine sehr hohe Mauer um mich gezogen. Diese Fassade nun zu durchbrechen, war unglaublich schwer. 

 

„Etwas schreckliches. Etwas sehr sehr schreckliches ist geschehen."

 

Mein Flüstern erfüllte den Raum. Unheimlich, wie laut mir meine eigenen Worte vor kamen. Sie dröhnten mir in den Ohren. Verneinend wankte ich mit meinem Kopf. 

 

„Kat, ich kann dir nicht helfen, wenn du mich nicht einweihst. Bitte."

 

Andy's Stimme vibrierte. Ich sah, wie die Tränen seine Augen füllten. Behutsam griff er erneut nach meiner Hand. Unangenehm. Doch ich ließ es zu. Wenn es auch nur die geringste Chance gab, Mandy zu retten, dann musste ich diese ergreifen. Andy war meine einzige und letzte Möglichkeit. Auch wenn alles in mir schrie, Lauf Kat. Dieses Mal würde ich nicht davon laufen. Nicht mehr. 

 

„Zuerst musst du etwas für mich tun. Kannst du die Ortung meines Handy's abschalten? Ohne es einzuschalten?"

 

Ich zog es auch meiner Tasche und hielt es ihm zitternd entgegen. Denn ich wollte nicht auch noch sein Leben auf's spiel setzten. Es gab schon genügend Tote in meinem Leben.

 

„Natürlich kann ich das." 

 

Argwöhnisch sah er mich an, nahm seinen Laptop unter dem Sofa hervor und schaltete ihn an. Andy verband mein Handy mit seinem Laptop. Nuschelnde laute, gab er von sich. Schüttelte den Kopf. Gab irgendwelche Formeln ein. 

 

„Du hast vier Vieren darauf. Zwei davon dienen zu Ortung. Sogar in ausgeschaltetem Zustand. Die anderen zwei sind ab hör Programme. Kat? Was hat das alles zu bedeuten?"

 

Ängstlich sah er mich an. Während in mir erneut die Angst auf kam. Paranoid blickte ich zum Fenster. Nun wussten sie auch, wo Andy wohnt. Unbewusst und ohne Absicht, hatte ich ihn mit hineingezogen. Wir mussten hier weg. Umgehend.

 

„Kannst du sie entfernen? So schnell wie möglich?!"

 

Ich wurde immer panischer. Begann nervös mit den Beinen zu wippen. Knabberte an meinen nicht vorhandenen Fingernägeln. Andy sah mich verwirrt an, nickte aber. Nach einer gefühlten Ewigkeit, überreichte er mir mein Handy und schloss seinen Laptop. 

 

„Wir können hier nicht bleiben. Du musst mich begleiten."

 

Meine Stimme zitterte. Alles an mir zitterte. Während Andy mich fragend ansah. Ich stand auf und war zum gehen bereit. 

 

„Kat? Ich verstehe das alles nicht. Was ist geschehen? Warum bist du so nervös."

 

„Ich werde dir alles erklären, versprochen. Aber zuerst müssen wir hier weg. Nimm nur das wichtigste mit. Auf jeden Fall deinen Laptop. Hast du große Küchenmesser?"

 

Drängte ich ihn. Bei meinem letzten Satz, erschauderte ich. Doch ich wusste, dass ich mich damit viel sicherer fühlen würde. Andy nickte kreidebleich und wies in Richtung Küche. Schnellen Schrittes lief ich hinein und begann die Schubladen zu durchwühlen. Ich fand sogar ein kleines Schlachtbeil. Dieses packte ich in meine Tasche. Das große Küchenmesser verschwand in meinem Ärmel. Wie damals. Das andere überreichte ich Andy. Welcher mich noch immer fragend und kopfschüttelnd ansah. 

 

„Wo sollen wir denn nun hin?"

 

Andy flüsterte so leise, dass ich ihn kaum verstand. Vielleicht lag es aber auch an der Lautstärke meines Herzschlages. Sein Einwand war gerechtfertigt. Ich hatte keine Ahnung wohin. Doch eines wusste ich, hier konnten wir nicht bleiben. Denn schon bald würden sie hier auftauchen. Wenn sie nicht schon hier waren und uns beobachteten. Bei diesem Gedanken lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. 

 

„Wir laufen so schnell es geht zur Hauptstraße. Dort nehmen wir eines der vielen Taxis. Bis dahin, wird mir schon ein Platz eingefallen sein."

 

Meine Stimme überschlug sich. Mein Herz hämmerte wild und es wurde noch wilder, als wir die Haustür erreicht hatten. Es waren nur 1000 Meter. Tausend Meter, die uns von der Hauptstraße trennten. Tausend Meter, auf deren weg so viel geschehen konnte. Tausend Meter, auf denen wir sterben konnten. Die Straße lag verlassen vor uns. Ruhig, viel zu ruhig. 

 

„Lauf und bleibe nicht stehen. Blick dich nicht um." 

 

Flüsterte ich zu Andy. Und ohne seine Antwort abzuwarten, lief ich los. Voller Angst. Das brennen in meinen Beinen setzte nach wenigen Minuten ein. Mein Körper war ausgelaugt. Mir fehlten Vitamine. Die Nahrung generell. Ich ignorierte die Schmerzen, die Paranoia trieb mich voran. Andy blieb gleichauf. Auch er sah aus, als würde er jeden Moment zusammenklappen. Ich hörte Schritte. Vielleicht war es auch nur ein Gespinst meiner verkorksten Gedanken. Doch diese Schritte ließen das Adrenalin in mir frei. Ich sah bereits die vielen Lichter der Leuchtreklamen. Hörte den Motorenlärm der Autos. Wir hatten es geschafft. Niemand war auf diesem Weg gestorben. 

 

Ehe ich diesen Gedanken zu Ende denken konnte, wurde ich unsanft zu Boden gerissen. Schockstarre übernahm Besitz von meinem Körper ein. Mir entfuhr ein spitzer Schrei. Es waren nur noch ein paar Meter. 

Die Panik in mir zerbarst den Kokon und ich begann wie wild um mich zu schlagen. Ich schlug und tritt wie von Sinnen nach meinem Angreifer. Schmerz explodierte an sämtlichen Stellen meines eh schon geschundenen Körpers. Andy's Schreie drangen nur gedämpft zu mir durch. Er riss den Angreifer von mir weg. Verschwommen blickte ich mich um. Ich sah das reflektieren der Klinge. Mein Küchenmesser. Erneut hatte ich es fallen lassen. In mich kehrten die Lebensgeister zurück. Wie blöd robbte ich über den nassen Asphalt, hin zu dem Messer. Andy wehrte sich. Schlug auf den Koloss ein. Doch ich wusste, er würde keine Chance haben. Neues Adrenalin wurde frei gesetzt. Ich griff nach dem Messer und rappelte mich zitternd auf. Heute würde nicht noch ein Freund von mir sterben. Wie eine Furie lief ich los. Ignoriere den Schmerz in meinem Bein. Ich war zum Angriff bereit. Ohne groß darüber nachzudenken, rammte ich dem Riesen mein Messer in die Rippen. Trieb seine Klinge in sein Fleisch. Schmatzend verschwand es darin. Er schrie auf. Es ging mir durch Mark und Bein. Zittrig drehte ich die Klinge. Bohrte regelrecht in ihm herum. Dann zog ich es heraus und er ging in die Knie. Das war unsere Chance. Andy sah mich voller Entsetzen an. Ich lief los. Und er folgte mir. Die Blutverschmierte Klinge ließ ich erneut in meinem Ärmel verschwinden. Mein Körper zitterte derweil unkontrolliert. Endlich erreichten wir die Straße und das Glück war auf unserer Seite. Ich stürmte auf das Taxi zu und riss seine Tür auf. Stieg hinten ein. Andy nahm keuchend vorne Platz. Mit weit aufgerissenen Augen wandte er sich zu mir um. Pure Angst. Mein Spiegelbild. 

 

„Baker's street 43 Bitte."

 

Keuchte er und wir fuhren los.

Was wollte Andy in der Baker's street? Warum fiel ihm gerade dieser Ort ein? Ich hatte keine Ahnung. Im Moment war mir auch alles egal. Erneut war ich dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen. Mein Herz schlug noch immer viel zu schnell. So konnte es nicht weiter gehen. Die Angst lähmte mich. Ließ mich unachtsam werden. Wäre er nicht gewesen, wäre ich nun tot. Wild schlug mein Herz und es wollte sich einfach nicht beruhigen. Hinzu explodierten Schmerzen. Überall. Ich versuchte, die Punkte ausfindig zu machen. Blutete ich? War die Feuchte von der Nässe der Straße? Ich hatte keine Ahnung. Die Fahrt war quälend lange, sie schien schier endlos zu sein. Der Taxifahrer warf uns seltsame Blicke zu. Ich sah seine Augen im Rückspiel. Wie er mich ansah. Er redete kein Wort. War ein stiller Beobachter. Dies wiederum entfachte meine Paranoia.

Allmählich stieg meine Nervosität. Vermutlich nahm der Taxifahrer an, wie seinen Junkies. Drogenopfer. Denn wenn ich so mein Spiegelbild in dem Fenster betrachtete, sah ich tatsächlich wie ein Junkie aus. Wie lange hatte ich keine Dusche genossen? Wann hatte ich den letzten Bissen? Schürfwunden und dunkle Ringe zierten mein viel zu dünn gewordenes Gesicht. Kein Wunder, dass alle mich anstarrten. Als der Taxifahrer endlich  anhielt, stieg ich umgehend aus. Ich atmete die feuchte Luft ein und versuchte mich zu beruhigen. Andy zahlte die Fahrt und stieg aus. Mein Blick huschte über das gigantische Gebäude hinauf. Welches sich vor uns erstreckte. Warum ausgerechnet das Bankerviertel? Zugegeben, hier war um einiges weniger los. Aber sicher, fühlte ich mich auch hier nicht. Alles war hellauf beleuchtet und hier war jede Menge Polizei unterwegs. Schnell zog ich meine Kapuze über meinen Kopf.

 

„Komm, ich weiß wo wir hin können."

 

Andy war noch immer Leichenblass. Er zog an mir. Riss mich aus meinen Gedanken. Andy führte mich in den Hinterhof der Baker's street 43. Dort waren mehrere Wohnungen. Meine Alarmglocken schrillten los. Er wollte doch nicht etwa zu jemandem? Kopfschüttelnd blieb ich stehen. 

 

„Bitte. Wir können zu niemandem. Andy.."

 

Redete ich panisch auf ihn ein. Andy jedoch unterbrach mich.

 

„Dort ist niemand. Dies ist meine neue Wohnung Kat. Ich besitze sie seit drei Wochen. Habe es aber bisher nicht geschafft, umzuziehen."

 

Verstand er meine einwende und weihte mich ein. Dies beruhigte mich ein wenig. Zumindest so weit, dass wir weiter gingen. Der nächste Gedanke schoss mit allerdings umgehend in den Kopf. War er dort schon gemeldet? Denn wenn er es war, wussten Sie wo Sie als Nächstes suchen müssten. Erneut hielt ich inne. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

 

„Bist du hier gemeldet?"

 

Das zittern in meiner Stimme nahm zu.

Andy verneinte umgehend.

 

„Nein, auch das habe ich bisher noch nicht gemacht. Jetzt komm. Du musst mir einiges erklären."

 

Sprach er und schloss mit zittriger Hand die Wohnung auf. Eilig schlüpften wir hinein. Bevor er die Tür schloss, sah er sich noch einmal um. Er hatte Angst. Genau wie ich. Gut so, denn dann war auch er nun vorsichtiger. Kaum hatte Andy die Tür verriegelt, gaben meine Beine nach. Umgehend setzte ich mich auf das Sofa. Es war eine schöne Wohnung. Voll eingerichtet. Sie erinnerte mich an Amsterdam. An Mandy's Wohnung. Mandy.

Erneut verspürte ich einen stich in meinem Herzen. Doch Andy ließ mir keine Zeit, um darüber zu grübeln.

 

„Kat, ich möchte von dir wissen, was hier vor sich geht. Was war das für ein Kerl? Warum war er hinter dir her?"

 

Ich presste die Luft aus meinen Lungen und sah ihn an. Tag für Tag erlebte ich diesen schrecklichen Tag aufs Neue. Doch jemandem davon zu erzählen, war als würde es gerade in diesem Moment geschehen. Alles was das Unterbewusstsein verdrängte, kam dann an die Oberfläche. Vergiftete mich und schürte meine Paranoia. Meine Psyche war zerstört. Tränen füllten meine aufgequollenen Augen.

 

„Ich... wo soll ich anfangen. Es gibt ein Spiel..."

 

Stotterte ich vor mich hin. Leider entwich mir sogar ein ängstliches Lachen. Vermutlich dachte er schon jetzt, ich sei verrückt geworden. 

 

„Welches Spiel? Dieses, wovon die Medien berichtet haben?"

 

Fragend und mit geweiteten Augen blickte Andy mich an.

 

„Ja. Du hast also davon gehört. Dieses Spiel ist mir zum Verhängnis geworden."

 

Führte ich meine Erklärung fort.

Dann begann ich, Andy alles zu erzählen. Ich ließ nichts aus. Redete nichts Schön. Ich sah all die schrecklichen Szenen vor mir. Durchlebte sie erneut. Ungläubig schüttelte er seinen Kopf. Immer wieder. Es war grausam. Aber so war es nunmal geschehen. Vor allem als ich von Henry erzählte, brach es mir erneut das Herz.

Ich sah seinen leeren starren Blick. Wie seine einst strahlenden Augen, mir erloschen entgegen blickten. Wie gelähmt, saß Henry mir gegenüber. Die Blässe seiner Hau, hatte eine unnatürliche Farbe angenommen. Ich schluckte schwer. Würde er mir glauben schenken? Oder hielt er mich nun für verrückt?  Er war bisher der dritte Mensch, dem ich davon erzählt hatte. 

 

„Ist... ist das alles wahr? Kat? Warum seid ihr nicht zur Polizei gegangen?"

 

Brach er endlich die quälende stille. Ich konnte seinen Vorwurf verstehen. 

 

„Wir haben es in Erwähnung gezogen. Jedoch haben sie uns gedroht. Allmählich glaube ich auch, dass selbst die Polizei unterlaufen ist. Ich... ich kann niemandem trauen. Und jetzt haben sie Mandy und Ilias. Falls er nicht auch zu ihnen gehört. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich glauben soll."

 

Tränen liefen meine Wangen hinab. Das Adrenalin hatte meinen Körper mittlerweile vollständig verlassen. Mein Herz schlug nur geringfügig schneller. Die Schmerzen explodierten in regelmäßigen Abständen an den verschiedensten Stellen meines geschundenen Körpers. Ich blickte auf meine zittrigen schmutzigen Hände hinab. An ihnen klebte noch das Blut meines Angreifers. 

 

„Wenn das wirklich stimmt, wenn das alles so geschehen ist, dann glaube ich nicht, dass deine Freundin noch am Leben ist. Es ist ein Wunder, dass du noch lebst Kat. Was hast du nun vor?"

 

Schluchzte Andy. Es nahm ihn sichtlich mit. Seine Welt war zerstört und ich gab ihm den Rest. Schwer vorstellbar für jemanden, der so etwas nicht erlebt hat. Doch nun steckte er genauso drin, wie ich. Ich war ratlos. Wie so oft. Die Angst sperrte mich ein. Hielt mich gefangen. Doch wenn die Möglichkeit bestünde, dass Mandy noch lebte, dann musste ich sie retten. Ich musste mich befreien. Meine Ketten sprengen und über meinen Schatten springen. Ich durfte mich nicht länger verstecken. Entweder würde ich das Opfer sein, welches darauf wartete den Tod zu finden. Oder ich würde zum Jäger werden. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mein Leben so oder so beenden würden. Ich zog mein Handy aus der Tasche. Blickte auf es hinab. Mit Abscheu. 

 

„Kannst du auch Handy's Orten?" 

 

Fragend blickte ich zu Andy auf. Innerlich rang ich noch mit mir. Sollte ich mein Handy wirklich einschalten? Waren noch andere Viren darauf? Welche, die Andy nicht gefunden hatte? Wollte ich das wirklich? Aber wie sonst sollte ich Mandy finden? Wie sonst sollte ich sie retten können? Sie und Ilias? 

 

„Natürlich kann ich das. Ich bin Programmierer, Kat. Aber was hast du vor?"

 

Andy nickte. Er sah mich wartend an. Sein Blick huschte hinab auf meine Hände. Auf das, was ich darin hielt. Mein Handy. 

 

„Wenn ich eine Nachricht bekommen würde, könntest du also herausfinden, wo sich der Versender befindet?"

 

Hakte ich weiter nach. Ich spürte bereits wie meine Nervosität zunahm. Ich wollte in einen schützenden Kokon, mich zurückziehen. Mich verstecken. Dies war es, was ich immer tat. Je mehr ich darüber nachdachte, umso paranoider wurde ich. Was könnte ich schon groß bewirken? Ich hatte nichts außer ein Küchenbeil und ein Küchenmesser. Wie sollte ich mich damit wehren? Wieviele dieser abscheulichen Monster würden dort auf mich warten? Würde ich es überhaupt bis zu ihnen schaffen? Ich bemerkte nicht, dass ich erneut am wippen war. 

 

„Ja ich kann deren Aufenthalt herausfinden. Das nennt man hacken. Und jetzt sag mir endlich was genau du vor hast?"

 

Sämtliche Muskeln waren angespannt. Verkrampften sich. 

 

„Ich werde Mandy suchen und sie retten. Dafür benötige ich deine Hilfe. Du wirst mein Handy nutzen, um ihren Aufenthalt ausfindig zu machen."

 

Es war keine Bitte. Zumindest hörte es sich für mich selbst, nicht danach an. Es war eher eine Aufforderung. Doch heute benötige ich erst etwas Schlaf. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Eine heiße Dusche würde mir auch nicht schaden. Ich musste mich stärken. Nur so war ich im Stande, aufmerksam zu sein. 

 

„Kat, das ist verrückt! Wie willst du das anstellen? Einfach ins offene Messer laufen? Das kann ich nicht zulassen."

 

„Das weiß ich noch nicht. Aber mir wird schon noch etwas einfallen. Du steckst nun leider auch mit drin. Entweder du tauchst ab, oder du hilfst mir. Denn eine andere Chance wirst du nicht haben. Früher oder später, werden sie dich finden und sie werden dich töten. Oder jeden der dir wichtig ist."

 

Wenn Andy mir helfen würde, könnten wir es vielleicht schaffen. Wir durften nur nicht überstürzt handeln. Ein Plan musste her. Ein verdammt guter, sicherer Plan. Seinen inneren Monolog, sah ich ihm deutlich an. 

 

„Na Schön Kat. Unter einer Bedingung. Wir gehen die Sache langsam an. Wir werden heute hier schlafen. Morgen werden wir uns überlegen, wie wir an Waffen rankommen. Denn nach allem was ich von dir gehört habe, werden wir die brauchen. Dann werde ich dein Handy hacken und wir gehen deine Freunde retten. Vorausgesetzt, wir überleben solange."

 

Erleichtert presste ich die Luft aus meinen Lungen. Andy an meiner Seite zu haben, ließ mich hoffen. Auch wenn unsere Chancen gleich null waren. Aber ich war nicht länger alleine. Auch wenn dies das selbstsüchtigste war, was ich je getan hatte.

 

„Einverstanden."

 

Mehr brachte ich nicht zu Stande. Ich war zu schwach. Müde. Andy zeigte mir das Badezimmer. Das heiße Wasser war eine Wohltat. Ich schrubbte wie im Wahn meine geschundene Haut. Das Blut färbte das Wasser rosa. Die Wunde an meinem Arm sah schon sehr viel besser aus. Jedoch hatte ich derweil etliche neue Wunden und blaue Flecken. Meine Rippe war bereits jetzt schon dunkelviolett gefärbt. Bei der kleinsten Berührung, zuckte ich vor Schmerzen zusammen. Meine Beine zierten etliche Schürfwunden. Erst als meine Haut vor Reizung errötete, hörte ich auf zu schrubben. Dennoch fühlte ich mich schmutzig. Müde schleifte ich mich zurück ins Wohnzimmer. Andy hatte derweil das Sofa ausgezogen. 

 

„Du kannst ruhig schlafen. Ich werde wach bleiben. Du benötigst den Schlaf eher als ich."

 

Dankend legte ich mich nieder. Kaum hatte ich meine Augen geschlossen, glitt ich auch schon in das Land der Träume. In mein ganz eigenes Land. Das Land meines ganz persönlichen Alptraumes. Dieser Traum war ein Teil von mir, der mich wohl für den Rest meines Lebens verfolgen würde.

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RhodaSchwarzhaars Profilbild
RhodaSchwarzhaar Am 02.06.2021 um 13:49 Uhr
Eine super Geschichte bis jetzt. Ich habe es bis zum 5 Kapitel gelesen und freue mich darauf, wie es in London weitergehen könnte.
Bis auf die Stelle, wo man in Ilas Sicht wechselte, hatte ich einen schönen Lesefluss. Es hat mich etwas rausgerissen, dass seine Sicht vor dem Ende aus Kathlynn Sicht beginnt. Insgesamt würde ich dir bis dahin 4,5 Sterne geben. Freu mich auf eine Fortsetzung.
Sätze, die mir aufgefallen sind:

Erstes Kapitel fünfletzter Absatz
Es klingt wie ein schlechter Horrorfilm, ist perfide Realität und beschäftigt ganz Europa.
(Es würde mit was statt es vorne besser klingen.)

Zweites Kapitel zwölfletzter Absatz:
Linda, du armes Mädchen, Du hast keine Ahnung in was du da reingetan bist. (Ich nehme an, du wolltest reingeraten schreiben.)

Drittes Kapitel Bei Ilas Abschnitt:
Ohne darüber nachzudenken lief ich los und nahm sie auf den Arm. So schnell mich meine Füße trugen lief ich los
(Das ''lief ich los'' zweimal hintereinander liest sich nicht so gut. Beispiel: suchten wir das Weite, floh ich oder eilte ich mit ihr davon.)
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AnkeSabineB (Autor)Am 02.06.2021 um 19:10 Uhr
Hallo RhodaSchwarzhaar,
Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Das freut mich wahnsinnig und danke auch für die Hinweise. Ich werde morgen gleich nochmal drüber lesen und die Fehler ausmerzen. Schön das sich hier auch solche Leser finden.
Ich danke dir :)
Und einen schönen Abend.
0
RhodaSchwarzhaars Profilbild
RhodaSchwarzhaar Am 16.06.2021 um 17:27 Uhr
Mit meinem zweiten Kommentar möchte ich nur kurz loswerden, warum ich erst jetzt eine Bewertung gebe. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, erst zu bewerten, wenn ich das ganze Werk gesehen habe aber ich mochte deine Fortsetzung in London sehr und auch das nach der Nacht gewisse Fragen offenbleiben.
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AnkeSabineB (Autor)Am 03.07.2021 um 9:13 Uhr
Danke dir, freut mich wenn es dir gefällt.

Autor

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Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:9
Sätze:2.896
Wörter:24.952
Zeichen:141.234

Kurzbeschreibung

Es existiert eine Nummer, der du schreibst weil du neugierig bist. Du wirst aufgefordert Dinge zu tun, die sich in ihrer Abnormität stetig steigern. Du denkst, dies sei nur ein Spiel? Das es so etwas nur in Horrorfilmen gibt? Um dich zu versichern, das dies wirklich nur ein Spiel ist, gehst du zum vereinbarten Treffpunkt. Doch was du dort vorfindest, zieht Dir den Boden unter den Füßen weg. Was Dir bleibt, ist die Flucht. Angst und Paranoia wird dein täglicher Begleiter. Werden sie dich finden, wirst du sterben? Oder wirst du überleben? Bist du bereit, dein Leben zu setzen? Traust du dich .... 1366613....

Kategorisierung

Diese Story wird neben Survival auch im Genre Thriller gelistet.