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Das Lächeln der Stille

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27.06.22 20:26
18 Ab 18 Jahren
In Arbeit

Tyler

Wie ferngelenkt fiel sein Blick immer wieder auf die große Anzeigentafel, die an der Wand der Eingangshalle befestigt war. Die gleichen Zahlen und Buchstaben, wie gehabt. Es gab nichts Neues zu sehen. Egal, wie oft er hinschaute, die einzige Information, die ihn interessierte, veränderte sich nicht. Munich - Arrival 7:48 Uhr. Gate 7. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Oder hätte sich zumindest unnatürlich verlangsamt. Auch die Zeiger der altmodisch analogen Uhr, die direkt neben dem Flugplan angebracht worden war, schienen stillzustehen. Seufzend holte er sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke, überprüfte die Uhrzeit, aber sie stimmte nach wie vor mit der großen Uhr an der Wand überein. 7:20 Uhr. Nichts zu machen. Noch 28 Minuten.

Tyler steckte sein Smartphone zurück in die Jacke. Ihm fiel auf, dass seine Finger zitterten. Sein Herz klopfte härter als sonst. Er war nervös. Das passierte ihm nicht allzu oft, aber das Warten erschien ihm unerträglich. Fast bereute er es schon, dieses merkwürdig unvorhersehbare Arrangement überhaupt getroffen zu haben. Es hatte ihn eine Stange Geld gekostet, aber darum ging es gar nicht. Vielmehr war es die innere Aufregung, die ihm mittlerweile mehr zu schaffen machte, als er erwartet hatte. Er konnte nicht hundertprozentig abschätzen, wer oder was auf ihn zukommen würde, wenn das Flugzeug aus München erst mal gelandet war.

Nun gut, alles Menschenmögliche war schon im Voraus geregelt worden. Die Frauenstimme am Telefon hatte ihm tausende, teils höchst intime Fragen gestellt, nach seinen Vorstellungen und Wünschen, seinen sexuellen Vorlieben und Abneigungen, Erwartungen und Zugeständnissen. Es war ein gänzlich unangenehmes Telefongespräch gewesen. Viele der Antworten hatte er eigentlich nicht geben wollen, waren sie doch reichlich persönlich. Es war ihm schwergefallen, den Sinn dieses Interviews einzusehen, hatte er doch im Internet auf der Seite der Agentur längst seine Auswahl getroffen und nach reichlicher Überlegung seine Häkchen gesetzt. Letztendlich war er aber bereit einzuräumen, dass diese Peinlichkeit vielleicht nötig war, wollten sie ihm seine geheimsten Wünsche so exakt wie möglich erfüllen.

Trotzdem war der Typ, auf den er hier mit hämmerndem Herzen wartete, nicht seine erste Wahl gewesen. Ärgerlicherweise hatte der von ihm zuerst bevorzugte Mann sich schlicht geweigert, die weite Reise auf sich zu nehmen, hatte es rundweg abgelehnt, sich für ihn in ein Flugzeug zu setzen, um ihm ein Wochenende lang gefällig zu sein. Nach dieser peinlichen Abfuhr hatte ihn beinahe schon der Mut verlassen. Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis er einen zweiten Versuch gestartet hatte, weil ihn diese Chance auf eine neue, spannende und hoffentlich befriedigende Erfahrung einfach keine Ruhe gelassen hatte.

Frustriert schnaufend stand Tyler auf. Er konnte unmöglich noch länger auf dieser harten Plastikschale sitzen, die unverschämter Weise im Wartebereich der Eingangshalle angeboten wurde. Sein erneuter Kontrollblick auf die Anzeigetafel verriet ihm, dass wahrhaftig erst eine einzige Minute vergangen war. Wie sollte er das noch länger aushalten? Er wunderte sich über sich selbst. Normalerweise war er gar nicht so ungeduldig. Als Besitzer der angesagtesten In-Kneipe der Stadt war er es gewohnt zu warten. Darauf, dass die restlos betrunkenen Kunden es schafften ihr Portemonnaie herauszuholen und ihr Kleingeld zu zählen, um ihre ausgereizten, verknitterten Verzehrkarten zu bezahlen. Auf die neuen Lieferungen aus der Großhandlung, die sich grundsätzlich verspäteten. Bis der letzte Gast tief in der Nacht seine Kneipe verließ und er endlich Feierabend machen konnte. Darauf, dass die fast immer endlos erscheinende Nacht verging und er endlich aufstehen konnte, um sich in die Arbeit zu stürzen. Eigentlich wartete er ständig. Auf die monatlichen Abrechnungen seiner weit verstreuten Mitarbeiter, die sich damit gerne allzu viel Zeit ließen, in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt, darauf, dass das lang ersehnte Konzert, für das er schon Monate vorher Karten für sich besorgt hatte, endlich losging.

Tyler Jonas war ein vielbeschäftigter Mann. Für eine ernsthafte Beziehung hatte er nie Zeit gehabt, hatte seine Prioritäten bewusst woanders gesetzt, nämlich darauf, in kurzer Zeit so viel wie möglich zu lernen und zu arbeiten, damit er genug Geld verdienen konnte, um finanziell unabhängig zu werden, so wie es ihm seine Eltern von Klein auf nahegelegt hatten. Er war ein folgsamer Sohn gewesen, hatte nie Ärger gemacht, sich nie aufgelehnt, immer darauf vertraut, dass sein Eltern schon wissen würden, was das Beste für ihn war. Lange hatte er versucht, die seltsamen Gefühle tief in sich zu verdrängen, die ihm im Laufe seiner Jugend immer deutlicher bewusst geworden waren, ihn von den anderen, „normalen” Menschen abzugrenzen schienen und ihn zunehmend belasteten. Er wollte nicht anders sein, konnte aber trotz all seiner Bemühungen nicht aus seiner Haut. Irgendwann hatte er einsehen müssen, dass ihm keine Wahl blieb, als seinen ureigenen Bedürfnissen zu folgen, wollte er nicht emotional verkümmern. Mit seinem Outing zum Anfang seiner Studienzeit war dann auch tatsächlich das passiert, was er immer befürchtet hatte. Das Verhältnis zu seinen Eltern hatte sich rapide verschlechtert, und nach seinem Studium eröffnete er zum Schrecken aller auch noch diese unsägliche LGBTQ-Kneipe, die sein Vater unerträglich fand, und mit der er seiner Meinung nach die ganze Familie in Verruf brachte. Seine Eltern würden ihm seine Homosexualität wahrscheinlich niemals verzeihen.

Zum Glück hatten sich seine beruflichen Hoffnungen trotzdem erfüllt, und fraglos hatte er auch sehr hart dafür gearbeitet. Das mon petit galt mittlerweile als die erste Gay-Location der Stadt. Jeden Abend war sein Laden proppenvoll, die Stimmung ausgelassen und die Community gab sich die Klinke in die Hand. Sein ganzes, in mühevoller Kleinarbeit erdachtes Konzept hatte sogar so gut funktioniert, dass es ihm möglich geworden war, auch in den Nachbarstädten Kneipen mit seinem Namen zu eröffnen, die dankenswerterweise alle recht rentabel waren. Tyler war mit viel Fleiß und Zielstrebigkeit in seiner Welt angekommen.

Natürlich hatte es im Laufe der Jahre auch für ihn schon viele Angebote gegeben und zweifellos hatte er sich reichlich ausgetobt. In seiner Szene herrschte diesbezüglich ein gewisser Druck. Es galt als normal und erwünscht, sich ungehemmt auszuleben. Alle waren jung und immer sexuell potent und es gab keine Regeln oder Beschränkungen, wer mit wem Spaß zu haben vermochte. In der aufregenden Anfangszeit hatte Tyler da nichts anbrennen lassen. Aber inzwischen ödete ihn diese Szene nur noch an. Sie bot keine Verlockungen mehr für ihn. Tief drinnen sehnte er sich nach etwas anderem. Außerdem hatte er sich inzwischen eine derart hohe soziale Stellung erkämpft, dass er sich nicht mehr ohne Bedenken in fremde Abenteuer stürzen konnte. Das Risiko, mit schlechten Schlagzeilen in einer Zeitung zu landen oder auf irgendeine Art ausgenutzt zu werden, war einfach zu groß geworden.

Ruhelos lief er in der riesigen Eingangshalle auf und ab. Um ihn herum hasteten Menschen auf unsichtbaren Pfaden, die meisten zogen einen oder mehrere Rollkoffer hinter sich her, waren mit Taschen und Tüten beladen, offensichtlich irgendwohin unterwegs. Jeder schien einem festgelegten Ziel entgegenzustreben, nur er war zum rastlosen Warten verdammt. Für ihn, den erfolgreichen Geschäftsmann, war das schwer hinzunehmen, denn er war es gewohnt, immer etwas zu tun zu haben, überall gebraucht zu werden. Arbeit half ihm sich abzulenken, hielt ihn davon ab, zu genau nachzudenken, über sein Leben, seine Einsamkeit, die ihn vorzugsweise in den Nächten überfiel, und darüber, ob er eigentlich in seinem Leben alles richtig gemacht und erreicht hatte, wovon er immer geträumt hatte.

Eine Minute war vergangen, als er das nächste Mal die große Anzeigentafel überprüfte. Noch 27 Minuten. Der fremde Mann, auf den er hier gezwungen wurde zu warten, war 28 Jahre alt und damit vier Jahre jünger als er. Aus irgendeinem Grund steigerte dieser Altersunterschied Tylers Nervosität, obwohl er sich bewusst für einen jüngeren Mann entschieden hatte. Er erwartete jemanden, der längst nicht so reif und vernünftig war wie er, wünschte sich einen möglichst wilden, ungezähmten Jungen, der sich auf alles einlassen würde, weil er das Risiko und die Aufregung liebte. Zumindest war das sein Eindruck von dem Kerl gewesen, glaubte er auf dem Foto der Agentur erkannt zu haben. Er vermochte seine Entscheidung nicht genau zu begründen, konnte nicht sagen, was an dem Internetprofil ihn genug interessiert hatte, um gerade diesen Mann zu buchen. Vielleicht war es einfach seine Bereitschaft zu dieser Reise gewesen, seine schwarzen, rätselhaften Tattoos, die überall auf seinem nackten Körper zu finden waren, die Tatsache, dass er auf dem Foto nicht lächelte, oder das außergewöhnliche Grau seiner Augen.

Tyler hatte den Mann erst nach reichlicher Überlegung gewählt, so wie er alles zuerst gründlich überdachte, bevor er eine Entscheidung traf. Dieses Vorgehen war ihm in die Wiege gelegt und im Laufe der Jahre verfestigt worden. Zweifellos hatte seine Umsicht ihm dabei geholfen, seine beruflichen Ziele ohne größere Probleme zu erreichen. Ja, im Job lief es richtig gut für ihn. Sein Freundeskreis war groß. Er hatte keinen Grund sich zu beschweren. Und doch gab es da diese andere Seite, die ganz persönliche, die ihn in der letzten Zeit immer stärker gestochen hatte, das private Bedürfnis nach sexueller Erfüllung, was er, wenn er ehrlich war, noch nie in seinem Leben hatte kosten dürfen. Wahrscheinlich war es vermessen von ihm zu erwarten, dass ausgerechnet ein mit Geld gekaufter Partner ihm diese Erfüllung geben konnte, aber einen Versuch war es allemal wert, fand Tyler. Zumindest war er so gleich von Anfang an in einer Position, seine Wünsche offen einzufordern, weil der andere schon wusste, was von ihm erwartet wurde. Es würde kein peinliches Vorgeplänkel nötig sein, Eifersüchteleien oder Missverständnisse waren ausgeschlossen. Diese völlig neue Voraussetzung und seine überlegende Position hatten ihn zugegebenermaßen enorm gereizt.

Eine Agentur aus der Nähe seiner Stadt im Ruhrgebiet war für Tyler allerdings von Anfang an nie in Frage gekommen. Viel zu groß war die Gefahr der Entdeckung, dass er zufällig an jemanden geriet, der ihn vielleicht aus der Schule, dem Studium oder auch nur in seiner Rolle als Barbesitzer kannte, und das wollte und konnte er nicht riskieren. Also hatte er eine Stadt gewählt, die so weit wie möglich von seiner Heimat entfernt lag, war im Internet auf die Suche nach auswärtigen Agenturen gegangen, zufällig in München gelandet, schnell fündig geworden, hatte alles haarklein arrangiert, die beträchtliche Summe pünktlich überwiesen, und nun stand er hier. Noch 26 Minuten. Dann würde das Flugzeug laut Anzeige endlich landen und hoffentlich denjenigen mitbringen, auf dem blöderweise alle seine intimsten Hoffnungen lagen. Vielleicht war er wirklich nichts weiter als ein hoffnungsloser Dummkopf.

Aufgewühlt lief Tyler zu den Kaffeeautomaten, die er an der hinteren Wand der Eingangshalle entdeckt hatte, holte aus seiner Hosentasche einen Euro und warf die Münze in die dafür vorgesehene Öffnung. Dann stand er eine lange Weile vor dem Kasten, schaute sich ausführlich die aussagekräftigen Fotos der verschiedenen Kaffeesorten an und traf konzentriert und wohlüberlegt seine Entscheidung. Tyler war müde, erst vor fünf Stunden hatte er das mon petit abgeschlossen, um nach Hause zu fahren. Trotzdem sollte er nicht zu viel Koffein konsumieren, dachte er, denn das würde ihn mit Sicherheit nur noch nervöser machen. Stattdessen brauchte er lediglich einen kleinen Muntermacher, etwas, das ihm die kommenden, unverändert endlos erscheinenden Minuten versüßen konnte. Schließlich wählte er einen Cappuccino, drückte die entsprechende Taste und sah ungeduldig dabei zu, wie der Pappbecher herunterfiel und das heiße Getränk automatisch eingefüllt wurde. Nach Beendigung des Vorgangs holte er sich seinen Becher, verbrannte sich fluchend die Fingerspitzen und sah sich unzufrieden nach einer anderen Sitzmöglichkeit als den Hartschalen um, auf denen er bisher gesessen hatte. Suchend lief er ein wenig in der Halle herum, trank seinen Cappuccino und fand ihn fürchterlich. Dennoch trank er den ganzen Becher leer, entsorgte die Pappe in einem Papierkorb, hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Umwelt und strebte danach mangels gefundener Alternativen nur ungern nochmal den Sitzplatz an, den er schon kannte. 22 Minuten.

Sobald er sich auf das unbequeme Plastik gesetzt hatte, holte er wieder sein Handy aus seiner Jacke und ließ das Display mit einem Fingerwisch erwachen. Gezielt wählte er die Seite der Agentur in München und klickte sich weiter bis zu dem einen Mitarbeiterprofil, das er schon vor drei Wochen aus ganz verschiedenen Angeboten ausgewählt hatte. Zum wahrscheinlich tausendsten Male schaute er sich das Foto des Mannes an, der irgendwas an sich hatte, um seine Neugier genug zu erwecken und seine Geldbörse sehr weit zu öffnen. Der Name des Mannes war angeblich Draven, aber Tyler ging davon aus, dass es sich dabei um ein Pseudonym für die Arbeit handelte. Natürlich würde er den Kerl so ansprechen und auch niemals nach seinem richtigen Namen fragen. Das gehörte nicht zu ihrem Arrangement, was sich laut Vertrag ausschließlich auf sexuelle Kontakte beschränken sollte.

Der Gedanke, schon bald mit Draven intim werden zu können, ohne lästige Vorarbeit leisten zu müssen oder dabei ein unkalkulierbares Risiko einzugehen, ließ ihn schon jetzt ganz kribbelig werden. Er hatte sehr genaue Vorstellungen davon, was in seinem Schlafzimmer passieren sollte, sobald er es mit dem Mann an seiner Seite betreten würde. Vom Flughafen aus würde er auf direktem Weg zu seinem Haus fahren und sofort loslegen. Tyler Jonas fühlte sich ausgehungert. Sein letzter Orgasmus war schon ziemlich lange her, auch hatte er ihn seit mindestens einem Jahr ausschließlich selbst herbeigeführt, was zwar körperlich befriedigend, seelisch jedoch enorm belastend für ihn geworden war. Nach jedem Abspritzen hatte er sich einsamer gefühlt, sodass er schließlich immer seltener masturbiert und es irgendwann ganz bleiben gelassen hatte. Seit etlichen Monaten hatte er sich nicht mehr befriedigt, hatte sich erfolgreich mit seiner Arbeit abgelenkt, aber wenn er ehrlich war, konnte er den ersehnten Sex mit einem anderen Körper inzwischen kaum noch erwarten.

Sein Blick wanderte verstärkt interessiert über Dravens nur mit einer schwarzen Boxershorts verhüllte Gestalt. Der risikofreudige Typ aus München war schlank und beneidenswert durchtrainiert, das musste man ihm lassen. Sein Körper war attraktiv, die helle Haut übersät mit schwarzen Tattoos, mit deutlichen Konturen, langen Gliedmaßen, einem flachen, klar definierten Bauch und einem hübschen, derart zarten Gesicht, das ihn beinahe weiblich erscheinen ließ. Ja, das war es. Draven war unbestreitbar hübsch. Das war das Erste gewesen, was ihm in den Sinn gekommen war, als er ihn nach etlichen offensichtlichen Nieten plötzlich entdeckt hatte. Seine Miene war beruhigend neutral. In Dravens Gesicht fehlte dieses berechnende, frivole Lächeln, das all die anderen Männer auf ihren Bewerberfotos offen zur Schau trugen. Dravens Gesicht war irritierend gleichgültig, beinahe wirkte es gelangweilt. Er bemühte sich nicht auffallend darum, beim Betrachter einen möglichst geilen und willigen Eindruck zu erwecken.

Tyler begriff, dass es genau dieses kleine Detail gewesen war, das ihn letztendlich zu seiner Entscheidung veranlasst hatte. Sie war ihm sofort ins Auge gestochen, diese rätselhafte Unberührtheit, als wäre es nicht ein Foto einer Agentur, die Männer für sexuelle Dienste anbot, sondern eine private Aufnahme dieses Menschen. Tyler schaute dem Typen auf dem Bild in die Augen, die, sicherlich aufgrund der vorteilhaften Belichtung und der nachträglichen Bildbearbeitung, ein erstaunlich intensives Grau aufwiesen. Fast wirkten Dravens Augen, als wären sie von silberner Farbe. Sein Haar war im krassen Kontrast dazu pechschwarz, relativ kurz, und stand rebellisch nach allen Seiten ab, was ihm diesen jugendlichen Charme verlieh, der Tyler magisch anzog.

Sein Herz begann verstärkt zu klopfen, als er sich unwillkürlich in allen Einzelheiten ausmalte, was er mit diesem Menschen auf dem Foto tun würde, sobald sie nur endlich in seinem Haus angekommen wären. Der geile Kerl wusste genau, was auf ihn zukam, er hatte sein Einverständnis sogar schriftlich gegeben, also waren keinerlei Probleme zu erwarten. Sie hatten über die Agentur einen einvernehmlichen Vertrag geschlossen, und Tyler hatte sich seine fast uneingeschränkte Dominanz über Draven ziemlich teuer erkauft. Der Erfüllung all seiner geheimsten und intimstem Wünsche stand heute nichts mehr im Wege.

Als ihm das plötzlich richtig bewusst wurde, überkam ihn mit einem Mal eine mächtige Woge der Erregung, die ihm geradewegs in die Weichteile hineinfuhr und seinen Penis unverzüglich anschwellen ließ. Nervös presste Tyler die Knie zusammen, holte tief Luft, spannte seine Muskeln an und ärgerte sich. Das fehlte ihm noch! Dies war weder der richtige Ort noch die Zeit, um eine Erektion zu haben. Außerdem drückte ihn das harte Organ unangenehm in seiner engen Chino. Er sollte sich dringend beruhigen und nicht so voreilig sein, schalt er sich, später wäre noch Zeit genug, um sich den körperlichen Freuden zu widmen. Wütend wischte er das aufregende Foto von Draven vom Display und ließ sein Handy in der Innentasche der Jacke verschwinden. 16 Minuten noch. Kurzentschlossen stand er auf. Es wurde Zeit, sich zum Gate 7 zu begeben, um den Mann aus München direkt in Empfang zu nehmen. Natürlich würde er ihn sofort erkennen. Er hatte sich das zarte Gesicht ganz genau eingeprägt.

Draven

„Sir?” Plötzlich spürte er eine leichte Berührung an seiner Schulter. Erschrocken riss er die Augen auf und fuhr aus der halbwegs liegenden Position hoch. Neben ihm im Gang stand eine freundlich lächelnde Stewardess in akkurater Uniform. Sie beugte sich zu ihm herunter und deutete auf die Enden seines Sicherheitsgurtes, der rechts und links unten an seinem Sitz befestigt war. „Bitte schnallen Sie sich an, Sir. Wir landen in wenigen Minuten”, informierte die Frau ihn mit ruhiger Stimme. „Bringen Sie mir bitte noch einen Whiskey?” fragte er die Bedienstete schnell. Sie nickte, lächelte nochmal aufmunternd, richtete sich auf und ging durch den engen Mittelgang zwischen den Sitzreihen davon. Draven fand die Stewardess sympathisch. Die Frau war noch jung und er bemerkte, dass sie eine auffallend gute Figur hatte. Eine Minute lang blieb sein Blick auf ihrem Hintern kleben, der in ihrem engen Kostüm verlockend weich und rund aussah und beim Laufen aufreizend hin und her schwang. Draven spürte eine leichte Erregung in sich aufkommen. Viel zu schnell war die Stewardess am Ende des Ganges hinter einem Vorhang verschwunden.

Er seufzte und rieb sich müde über die Augen. Dann strich er mit den Fingern über sein Gesicht, im Bemühen richtig wach zu werden. Er registrierte eine feuchte Spur aus Spucke auf seiner Haut und wischte sie verlegen weg. Langsam wurde ihm klar, dass er eingeschlafen war, und das ärgerte ihn. Eigentlich hatte er das nicht vorgehabt, sondern wollte den ersten Flug seines Lebens von Anfang bis Ende bewusst genießen. Doch die bleierne Müdigkeit hatte ihn dummerweise ziemlich schnell übermannt, sodass er vom Fliegen nicht viel mitbekommen hatte. Er hatte noch nicht mal das verlockende Display untersucht, das hinten an der Lehne seines Vordermannes befestigt war und womöglich interessante Filme oder das Internet bereithielt. Nun war es zu spät, um sich mit den technischen Möglichkeiten in seiner direkten Umgebung zu beschäftigen. In wenigen Minuten würde das Flugzeug in Düsseldorf landen. Grimmig nahm er sich vor, das Versäumte auf jeden Fall auf dem Rückflug nachzuholen.

Draven seufzte nochmal und tastete fahrig nach dem Gurt an seinen Hüften, um sich wie befohlen anzuschnallen. Es fiel ihm überraschend schwer, seine übermüdeten Finger richtig zu koordinieren, darum war das lästige Anschnallen gar nicht so einfach. Als die Gurtenden endlich einrasteten, atmete er erleichtert auf und sank erschöpft zurück gegen die Rückenlehne seines Sitzes. Dies war definitiv nicht seine Uhrzeit. Für Draven Lindfort war es viel zu früh am Tag. Das verdammte Flugzeug war bereits um 6:30 Uhr von München aus gestartet, und er hatte wahrhaftig schon zwei Stunden früher am Flughafen sein müssen. Zum Glück hatte Julie mit ihrem frühmorgendlichen Anruf dafür gesorgt, dass er entgegen seiner Gewohnheiten rechtzeitig aus dem Bett gekommen war. Sie hatte ihn damit tatsächlich geweckt und hatte ihn praktisch bis zum Einchecken am Flughafenschalter pausenlos angerufen. Ohne Julie, die ihn mittlerweile zweifellos recht gut kannte, hätte Draven diese Sache wahrscheinlich schon von Anfang an verbockt.

Noch immer hatte er die strenge, unerbittliche Stimme seiner Chefin im Ohr: „Denk daran, Draven, du darfst diesen Kunden auf gar keinen Fall enttäuschen. Der ist für uns mehr als Gold wert. Wenn du richtig gut bist, dann wird der dich mit Sicherheit regelmäßig buchen, das habe ich im Gefühl. Von dem wirst du auch kräftig profitieren, Draven! Das könnte deine Chance werden. Du musst alles tun, damit der Typ mit der Agentur zufrieden ist, hörst du?! Du musst unbedingt pünktlich am Flughafen sein! Zeig dich von deiner besten Seite! Du musst dringend tun, was immer er von dir verlangt! Wehe, wenn du diesen wichtigen Auftrag vermasselst, Freundchen!”

Julie war ungewöhnlich aufgeregt und motiviert gewesen, weil dieser neue Kunde der Agentur angeblich so enorm viel Geld bezahlte, wie sie es noch niemals zuvor erlebt oder auch nur irgendwo gehört hatte. Die sexuellen Wünsche des Fremden hielten sich dabei erstaunlicherweise sogar trotzdem im normalen Rahmen, Draven hatte sie aufmerksam durchgelesen und jedem Punkt ohne Bedenken zugestimmt. Abgesehen von der finanziellen Seite war an diesem Auftrag im Grunde nur außergewöhnlich, dass der Interessent wahrhaftig aus einer Stadt im Ruhrgebiet angerufen und flehend nach einem Mann für ein Wochenende verlangt hatte. Gleich am Anfang des Gesprächs hatte er angeboten, sämtliche Kosten der Reise selbstverständlich zu übernehmen. Laut Julie hatte der Typ am Telefon sich angeblich regelrecht verzweifelt angehört.

Bei dem Gedanken daran musste Draven leise lachen. Der Mann, der in Düsseldorf am Flughafen auf ihn wartete, war schon mit der ersten Summe einverstanden gewesen, die Julie ihm zuerst nur auf gut Glück genannt hatte und dann völlig verblüfft erleben musste, wie der Kunde sofort ohne die geringsten Einwände zustimmte. Offensichtlich war dieser fremde Typ mit den finanziellen Gepflogenheiten dieser Branche nicht vertraut. Die seltene Naivität seines zukünftigen Sexualpartners amüsierte Draven. Der dumme Kerl aus dem Ruhrgebiet war von der überaus geschäftstüchtigen Julie ziemlich eiskalt über den Tisch gezogen worden. Zwar kannte Draven die genauen Summen nicht, um die es da ging, aber er konnte sich denken, dass sie tatsächlich beeindruckend sein mussten, bedachte man Julies explodierte Nervosität. Auch ihm hatte seine Chefin für diesen Job verlockend viel Geld angeboten und zum Teil sogar schon bezahlt, was eigentlich gar nicht üblich war. Darum hatte er auch nicht eine Sekunde lang gezögert den seltsamen Auftrag anzunehmen.

Stolz strich Draven über den Ärmel seiner nagelneuen Jacke. Das anthrazitfarbene Leder sah toll aus und fühlte sich herrlich weich an. Das Kleidungsstück hatte eine hervorragende Qualität, es war sorgfältig verarbeitet worden, war super modern und hatte einen total coolen Schnitt. Es beinhaltete viele praktische Taschen und passte ihm wie angegossen. Angenehm sanft schmiegte das hochwertige Material sich an seinen Oberkörper. Die Lederjacke war das Erste gewesen, was er sich von seinem Vorschuss gegönnt hatte. Schon monatelang hatte er diese wundervolle Jacke im Schaufenster bewundert, aber nie ernsthaft damit gerechnet, sie sich jemals irgendwann leisten zu können.

Und dann war ihm plötzlich von Julie dieser ungewöhnliche Job angeboten worden, von dem er annahm, dass er ihm keinerlei Probleme bereiten würde. Im Gegenteil, das unerwartete Angebot war ihm sofort erfreulich verlockend erschienen. Zum ersten Mal überhaupt durfte er mit einem Flugzeug reisen, was für sich allein gesehen für ihn die Sache schon wert war. Er würde eine fremde Stadt kennenlernen, das Wochenende bei diesem Typen würde mit Sicherheit schnell vorbeigehen, und so einen hohen Stundenlohn hatte er nun mal noch nie in seinem Leben verdienen können. Momentan war Draven vollends zufrieden. Er brauchte sich um das bevorstehende Treffen keine Sorgen zu machen. Es war abgemacht, dass der Kerl ihn am Flughafen abholen würde. Der Fremde hatte sein Foto gesehen und würde ihn daher erkennen können. Zwar hatte Draven den Kunden noch nicht gesehen, aber er war dazu in der Lage, über körperliche Unzulänglichkeiten großzügig hinwegzusehen, wenn er seine intime Arbeit verrichtete. Das war auch oft nötig, denn besonders viele weibliche Kunden schwindelten bei der Angabe ihres Alters das Blaue vom Himmel herunter.

Sein Job in der Agentur war für Draven zwar relativ leicht verdientes Geld, weswegen er ihn von allen Arbeiten am liebsten verrichtete, aber blöderweise konnte er allein auf diese Art seine Unkosten nicht mal im Ansatz decken. Darum war er gezwungen noch andere Jobs anzunehmen. Draven arbeitete zusätzlich in einem Burgerladen, als Hausmeister, Auslieferungsfahrer und Gebäudereiniger, einfach alles, was sich ihm gerade anbot. Leider war das für ihn zwingend notwendig, denn normalerweise wurde er in der Agentur viel zu selten gebucht. Julie zufolge lag das hauptsächlich an dem Foto auf seinem Bewerberprofil, das ihn angeblich allzu gleichgültig und desinteressiert darstellte. Draven wollte das Foto aber trotzdem nicht ändern. Das betont geile, aber gänzlich falsche Lächeln der anderen Männer auf ihren Fotos war ihm schlicht zuwider.

Zu seinem Glück war keiner seiner Arbeitskollegen zu der weiten Reise nach Düsseldorf bereit gewesen. Draven nahm an, dass er nur aus diesem Grund den Zuschlag erhalten hatte. Nun gut, der Kunde hatte seinem Foto zugestimmt. Sie hatten beide den überaus detaillierten Vertrag unterschrieben. Mehr brauchte es nicht. Bestimmt würde alles glattgehen. Seines Wissens nach hatte sich noch nie ein Kunde von so weit außerhalb von München bei der Agentur gemeldet, noch niemals wurde einer von ihnen aus so einer räumlichen Entfernung gebucht, dass wahrhaftig eine Flugreise nötig war, um den Auftrag erfüllen zu können. Zwischen seiner Heimat und seinem Ziel lagen immerhin fast 500 km, die er nun bald hinter sich gebracht haben würde. Wollte er der Stewardess glauben, würde das Flugzeug in wenigen Minuten landen.

Der Gedanke an die unmittelbar bevorstehende Landung machte ihn ein wenig nervös. Draven überprüfte den festen Sitz des Sicherheitsgurtes an seinem Bauch und ließ seinen Blick dann müde durch die nähere Umgebung schweifen. Der frühmorgendliche Flug München – Düsseldorf schien nahezu ausgebucht zu sein. Es überraschte ihn, wie viele Menschen in ein Flugzeug hineinpassten. Der freundlich gestaltete, aber recht triste Innenraum war jedenfalls voll davon. Er sah Personen jeden Alters, die meisten von ihnen saßen stumm auf ihrem Platz, lasen irgendwas oder taten nur so, beschäftigten sich mit ihren Handys oder Tablets, lauschten den Kopfhörern an ihren Ohren, stierten auf den eingebauten Bildschirm der Rückenlehnen oder nur so vor sich hin. Ein paar Kinder in der hinteren Ecke lärmten ausgelassen. Draven konnte sie von seiner Position aus zwar nicht sehen, aber dafür umso besser hören. Genervt von dem schrillen Geschrei, wandte er sich in die andere Richtung.

Leider hatte er keinen Fensterplatz bekommen, darum konnte er nicht richtig aus dem Fenster schauen, was er sehr bedauerte. Er wollte unbedingt mal sehen, wie die Erde von so weit oben wohl aussah und was es da unten von hier aus überhaupt zu sehen gab. Aber von seinem Platz direkt am Gang konnte er durch die vielen kleinen, runden Fenster nur den blauen Himmel und einige weiße Wolken erkennen, sowie einen Teil des silbernen Flügels der Maschine, der in der Sonne glänzte.

Obwohl dieser komische Mann aus dem Ruhrgebiet für seinen Wochenendspaß bereit war so erstaunlich viel Geld auszugeben, hatte er Draven trotzdem nicht die 1. Klasse gegönnt. Darüber ärgerte er sich ein bisschen. Er fand seinen Sitzplatz und die gesamte 2. Klasse ziemlich beengt, die einzelnen Reihen aus dunkelblauen, schmalen Sitzen standen dicht beieinander, seine Knie stießen gegen die Rückenlehne seines Vordermannes. Rechts neben ihm saß ein Mann mittleren Alters im grauen Anzug, der mit einem Kugelschreiber schon die ganze Zeit etwas in einem Notizblock notierte. Wann immer der Mann seine linke Armlehne benutzte, blieb für Draven dort kein Platz mehr, so nah saßen sie nebeneinander. Auf der anderen Seite des Mannes hockte sichtbar verkrampft eine ältere Dame, die unentwegt aus dem Fenster starrte und sich ansonsten nicht bewegte.

„Na, bist du endlich wach?” hörte er plötzlich eine unbekannte Stimme auf seiner linken Seite. Draven drehte den Kopf und erkannte, dass auf dem Sitz neben ihm, nur getrennt durch den schmalen Mittelgang, ein ziemlich attraktives Mädchen saß, das ihn freundlich anlächelte. Die hübsche Kleine war ihm bisher noch gar nicht aufgefallen. Unwillkürlich erschien in seinem Gesicht sein charmantes Flirt-Lächeln. „Ja, ich bin eingeschlafen”, gab er achselzuckend zu, „Das wollte ich eigentlich gar nicht.” „Naja, es ist ja auch noch ziemlich früh am Morgen”, räumte das Mädchen grinsend ein. „Stehst du sonst nicht so früh auf?” wollte sie gleich darauf neugierig wissen. „Eher ungern”, erwiderte Draven und lächelte zufrieden, als das Mädchen daraufhin amüsiert zu lachen anfing. Ihr Lachen war erstaunlich hell, offen und sympatisch. Seine Augen betrachteten die junge Frau ausführlicher. Sie war wohl ungefähr in seinem Alter, blond und blauäugig, trug heiße Shorts und ein enges T-Shirt, unter dem ihre großen Brüste deutlich hervorstachen. Sein Blick erforschte ferngelenkt ihre nackten Oberschenkel und fand sie höchst verlockend.

„Ich bin Sarah”, stellte seine Sitznachbarin sich vor und hielt ihm über den Gang hinweg ihre überraschend kleine Hand hin. Draven ergriff sie sofort und schüttelte behutsam die schmalen, kurzen Finger. „Draven, hi”, nannte er ihr höflich seinen Namen und sah ihr an, wie ungewöhnlich sie seinen Vornamen fand. Diese Reaktion war er gewohnt. Sie zog ihre Hand zurück, betrachtete ihn nachdenklich, und er ließ sie los. „Was führt dich nach Düsseldorf, Sarah?” fragte er das hübsche Mädchen schnell, bevor sie nach der Bedeutung seines Namens fragen konnte. „Ich besuche hier meine Tante”, erzählte Sarah freimütig, „Und was ist mit dir? Was zieht dich ins Ruhrgebiet?” Draven stockte einen Moment. Was sollte er darauf antworten? Schließlich konnte er der fremden Frau unmöglich etwas von seinem Job erzählen, der ihn in diese weit entfernte Stadt führte. Sie würde es unter Garantie nicht verstehen, ihn höchstwahrscheinlich für eine bedauernswerte Hure halten und dieses Gespräch sofort abbrechen. „Och, ich habe hier geschäftliche Dinge zu erledigen”, antwortete er deshalb ausweichend, was Sarah zu einem erneuten Lachen veranlasste. „So, so, ein Geschäftsmann also”, grinste das Mädchen spöttisch. Draven nickte, höchst zufrieden über ihr Lachen. „Naja, irgendwie muss man ja Geld verdienen”, sagte er großspurig und zwinkerte ihr kokett zu. Sie lachte noch lauter und wich verlegen seinem Blick aus. Das lief richtig gut. Erfreut und stolz auf sich, betrachtete er seine ansehnliche Eroberung.

Als Draven vor ungefähr einem Jahr durch eine Anzeige in der Zeitung von der Agentur in München erfahren hatte, die angeblich dringend Mitarbeiter suchte, hatte er sich ohne Bedenken um den Job beworben, ohne genau zu wissen, was dort eigentlich konkret von ihm erwartet wurde. Zu dieser Zeit stand ihm das Wasser mal wieder bis zum Hals. Er hatte keinen Job, war völlig pleite und hatte gerade wegen Mietschulden sein WG-Zimmer verloren. In seiner damaligen Situation hätte er zweifellos jede Art von Arbeit angenommen. Über die prompte Zusage war er heilfroh gewesen.

Nach der zweiwöchigen intensiven Schulung in der Agentur hatte er dann sehr gut verstanden, was das für eine Arbeit war, auf die er sich eingelassen hatte. Aber er hatte sich nur gewundert, wie leicht und bequem man anscheinend in dieser Branche Geld verdienen konnte. Draven hatten diese intimen Dinge und teils delikaten Tätigkeiten nicht schockieren können. Er war jung und potent und fühlte sich den gestellten Aufgaben zumindest körperlich in jeder Hinsicht gewachsen. Dass er von Natur aus keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machte, war seinem Radius natürlich sehr zugute gekommen.

Seitdem arbeitete Draven als sogenannter Callboy, erfüllte in dieser Rolle so gut wie alle sexuellen Wünsche, stand aber auch als Begleiter für Abendessen, gesellschaftliche Anlässe oder für Fotosessions zur Verfügung. Seine Arbeit machte ihm meistens viel Spaß, wenn er denn mal etwas in dieser Richtung zu tun bekam. Leider war die Konkurrenz allein innerhalb seiner Agentur ziemlich groß und die Nachfrage nach ihm dagegen nie groß genug gewesen, um allein von dieser Tätigkeit leben zu können. Gerne hätte er sich nur auf diesen einen Wirkungskreis beschränkt, aber das brachte ihn finanziell nicht über den Tag. Es reichte einfach nicht für sein Leben, so wie er es sich vorstellte.

Beinahe jeden Cent, den er verdiente, verwendete er dazu, um sich endlich seinen größten Traum erfüllen zu können, auch wenn er von der Erfüllung noch immer reichlich weit entfernt war. Draven war immer ein großer Träumer gewesen. Schon als Kind hatte er konkrete Vorstellungen von seinem Leben gehabt, die von den Menschen um ihn herum stets nur milde belächelt worden waren. Als er kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag das Heim hatte verlassen müssen, in dem er die letzten Jahre seiner Jugend versorgt worden war, hatte es ihn vom Land sofort in die Großstadt gezogen, weil er glaubte, dort die besten Chancen zu haben. Die Hauptstadt Berlin war seine erste Wahl gewesen. Aber nach einigen schwierigen Jahren hatte er einsehen müssen, dass die Stadt ihm nichts mehr bieten konnte. Trotz seiner grenzenlosen Hingabe an seine Ziele hatte er letztendlich so gut wie Nichts erreichen können.

Dennoch war Draven noch lange nicht bereit aufzugeben. Mit riesigen Plänen und genauen Visionen war er von Berlin nach München gekommen. Nichts hätte ihn davon abhalten können, weiter sein Glück zu suchen. Nur eine Großstadt konnte ihm die entsprechenden Voraussetzungen und Einrichtungen bieten, die er zur Erfüllung seiner Träume brauchte. Denn Draven Lindfort wollte mit seiner Musik Geld verdienen. Er träumte von einer eigenen Band und einer erfolgreichen Karriere im Musik-Business und war bereit, alles dafür zu tun, um dieses Ziel zu erreichen. Seit er als kleines Kind zum ersten Mal im Radio Musik gehört hatte, hatte ihn sein Traum nicht mehr losgelassen.

Niemals hätte er erwartet, wie verflucht schwer und langatmig dieser Weg für ihn werden würde. Bisher hatte ihn keine der Bands, bei denen er sich auf ihre Suchanzeigen hin beworben hatte, haben wollen, und derartige Anzeigen waren selten. Zwar konnte er Gitarre und Schlagzeug spielen, schien aber nie gut genug zu sein, und auch seine Singstimme konnte scheinbar niemanden beeindrucken. Seitdem hatte er schon viel Lehrgeld bezahlt und war ziemlich oft bitter enttäuscht worden. Mit seiner alten Gitarre spielte er seither auf Bürgersteigen, in Parks und Fußgängerzonen, klapperte unverdrossen Labels und Studios ab, und wurde doch überall nur abgewiesen. Mittlerweile hatte er zumindest ein paarmal als Studiomusiker arbeiten können, hatte bislang aber weder eine Band noch irgendwo ein festes Arrangement gefunden. Bis es endlich so weit war, würde er auch weiterhin jeden verfügbaren Job annehmen, um über die Runden zu kommen.

Draven Lindfort weigerte sich hartnäckig, sich von den vielen Rückschlägen und Enttäuschungen entmutigen zu lassen. Momentan fühlte er sich sogar richtig gut. Dieser lukrative Job in Düsseldorf würde ihn in seinen Träumen nämlich fraglos ein großes Stück weiterbringen. Glücklich überlegte Draven, wie er das viele Geld, das er an diesem einen Wochenende voraussichtlich kinderleicht verdienen würde, am klügsten verwenden sollte. Vielleicht konnte er sich endlich eine bessere Gitarre kaufen oder einen hochwertigen Verstärker zulegen. Auch einen neuen Computer hatte er bitter nötig, damit er seine Demotapes zukünftig in besserer Qualität verschicken konnte. Er würde sich sogar eine Stunde in einem professionellen Studio leisten können und dort richtig gute Aufnahmen machen. Bei dem Gedanken daran, was er alles Vielversprechendes mit seinem Lohn würde anstellen können, lächelte Draven versonnen vor sich hin.

„Sag mal, schläfst du schon wieder?” riss ihn die Stimme von Sarah aus seinen Überlegungen. „Nein”, erwiderte Draven, „Ich habe nur an etwas gedacht.” „Darf man erfahren an was?” horchte das Mädchen neugierig nach. Ihre blauen Augen blitzten ihn interessiert an. Unwillkürlich stellte er sich vor, mit den Fingern durch ihr langes, blondes Haar zu streicheln. Es würde sich bestimmt gut anfühlen sie anzufassen, dachte er sehnsüchtig und bekam Lust darauf, die junge Frau auf die roten Lippen zu küssen. In diesem Moment brachte die Stewardess ihm das verlangte Glas Whiskey, das er in einem Zug herunterkippte. Er schüttelte sich genüsslich. Dann sah er selig dabei zu, wie die attraktive Frau durch den Mittelgang davonging. „In Düsseldorf werde ich viel Geld verdienen”, eröffnete Draven der hübschen Unbekannten neben sich, „Und danach wird für mich alles besser werden.”

Tyler

Munich – Arrival 7:48 Uhr. Gate 7 - Landed. Ungläubig starrte er auf die heiß ersehnten Buchstaben, die plötzlich laut klappernd auf der Anzeigentafel im Wartebereich von Gate 7 aufgetaucht waren, als wollte er sichergehen, dass seine Augen ihn auch ja nicht täuschten. Die Buchstaben hatten sich mit einem Mal aus dem Nichts heraus herumgedreht, um dem Betrachter eine neue Information mitzuteilen. Das Flugzeug aus München, auf das er nun schon seit gefühlten Ewigkeiten sehnsüchtig wartete, war also angeblich gelandet.

Das bedeutete, dass er in absehbarer Zeit endlich von der quälenden Rolle des untätig Wartenden erlöst werden würde. Es widerstrebte ihm enorm, dieses sinnlose Nichtstun, diese ungewohnte Leere in seinem ansonsten durchgehend verplanten und mit vertrauten, sich regelmäßig wiederholenden Tätigkeiten ausgefüllten Tagesablauf. Dies hier war definitiv neu. Es war trotz all der im Voraus sorgfältig geschlossenen Vereinbarungen im Grunde vollkommen unvorhersehbar für ihn, und darum fand er es wahnsinnig aufregend. Das ganze Wochenende würde gänzlich anders sein als sonst, als es seit Jahren gewesen war, und vielleicht war allein dieser Umstand schon ein verständlicher Grund für seine ständig unvermindert ansteigende Nervosität.

Ruhelos stand Tyler hinter der großen Glasscheibe, von einem Fuß auf den anderen tretend, die Arme unruhig um seinen Körper bewegend, und hielt die Tür im Auge, hinter der sich all seine Hoffnungen verbargen. Diese Tür, die vielleicht fünfzig Meter von ihm entfernt war, stellte offenbar die Verbindung zu Gate 7 dar, an dem laut Anzeige das Flugzeug aus München erwartet wurde. Alle Passagiere mussten durch diesen Durchgang das Gebäude betreten, es gab für sie keinen anderen Weg zur Gepäckausgabe.

Tyler Jonas kannte sich mit Flughäfen aus, seinen bisher recht raren Urlaub hatte er fast jedes Mal mit dem Flugzeug angetreten, war überwiegend in die Länder gereist, die am Mittelmeer lagen, weil ihm die mediterrane Lebensart und das überwiegend warme Klima behagten. In den letzten Jahren hatte es jedoch für ihn nur selten die Gelegenheit gegeben, um Urlaub zu machen. Die Arbeit rund um das mon petit und seiner Zweigstellen hatte ihn zu sehr in Anspruch genommen. Als Unternehmer lag es in seiner Verantwortung, die Läden am Laufen zu halten, er allein trug sämtliche Risiken seiner beruflichen Selbstständigkeit. Sein unermüdlicher Einsatz hatte sich von Anfang an reichlich ausgezahlt, und eigentlich brauchte er sich keinerlei Gedanken um sein finanzielles Auskommen zu machen. Trotzdem war sein letzter Urlaub schon ziemlich lange her. Es hatte ihn einfach zu wenig gereizt, sich wiederholt allein auf die Reise zu machen. Die vorwiegende Ruhe und Untätigkeit im Urlaub hatten ihn im Grunde nur belastet, von daher hatte er berufliche Auszeiten nie wirklich herbeigesehnt.

Durch die riesige Glasscheibe, die neben der Absperrung aus eisernen Geländern die Grenze für Besucher darstellte, konnte er die Tür von Gate 7 gut im Auge behalten. Näher durfte er nicht heran, also wartete er brav in einer kleinen Ansammlung aus fremden Menschen, die offenbar alle einen Reisenden in Empfang nehmen wollten. Er war heilfroh, dass er bisher noch kein bekanntes Gesicht getroffen hatte, wäre es doch ein wenig heikel geworden, seine Anwesenheit auf dem Flughafen erklären zu müssen. Unmöglich konnte er seinen Freunden von seinem delikaten Arrangement erzählen, das wäre einfach nur schrecklich peinlich. Bestimmt würden sie ihn auslachen und nicht verstehen, warum er sich für so viel Geld einen Mann aus München bestellte, wo doch in der Szene so viel kostenloses Fleisch zu finden war. Er hätte nicht erklären können, was genau er in dem Fremden zu finden hoffte oder wonach er eigentlich auf diesem ungewöhnlichen Wege suchte. Während sein Blick gebannt auf der unerwartet spannenden Tür lag, stellte er sich unwohl die entgeisterte Reaktion seiner Freunde und Bekannten vor, würden sie jemals etwas von seiner sexuellen Investition erfahren, und sein schon bei der ersten, vagen Idee gefasster Entschluss, niemals mit Irgendjemandem darüber zu sprechen, wurde nachhaltig gefestigt.

Plötzlich hatte Tyler das Gefühl, sein Herz würde mit dem nächsten Schlag explodieren. Restlos schockiert schnappte er nach Luft, als sich plötzlich der einzige Durchgang zum soeben gelandeten Flugzeug öffnete und der erste Passagier aus München den Flughafen betrat. Es war eine Frau mittleren Alters im ordentlichen Kostüm, vielleicht eine Angestellte auf Geschäftsreise. Direkt hinter ihr tauchte ein Mann in legerer Kleidung auf und dann kamen nach und nach immer mehr Flugreisende in die abgegrenzte Vorhalle.

Tyler Jonas atmete schwer, während er die vielen Menschen angespannt im Auge behielt. Er fragte sich, ob sie ihn auf diese Entfernung und durch die Absperrungen hindurch ebenfalls sehen konnten, so wie er sie allzu neugierig beobachtete, oder ob diese Glasscheibe vielleicht von der anderen Seite aus für Blicke undurchlässig war. Im Grunde konnte er sich das zwar nicht vorstellen, in der tiefe seines Herzens wünschte er sich allerdings die Anonymität. Lieber wäre es ihm gewesen, zuerst mal unsichtbar zu bleiben, damit er das Objekt seiner Begierde zunächst ausführlich hätte betrachten können, ohne dabei Gefahr zu laufen, eventuell vom anderen bemerkt zu werden.

Verwirrt wurde ihm klar, dass er seine eigene Reaktion nicht abschätzen konnte. Wenn er den heiß ersehnten Mann aus München in wenigen Minuten in der Realität erblickte, konnte schließlich alles Mögliche passieren. Vielleicht würde Tyler sogar schlagartig in Ohnmacht fallen, sobald diese auffallend grauen Augen ihn zum ersten Mal treffen würden. Das war zwar ziemlich drastisch, aber objektiv betrachtet gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man die Heftigkeit seines derzeitigen Herzschlages bedachte. Aber seine Sorge war unbegründet, denn keiner der ankommenden Passagiere aus München warf auch nur einen einzigen Blick in seine Richtung, sie waren alle anderweitig beschäftigt. Die Reisenden hatten genug mit der Gepäckausgabe zu tun, vor dessen zwei runden Laufbändern, auf denen unentwegt Gepäckstücke kreisten, sich langsam ein Gedränge zu bilden begann, denn jeder wollte so schnell wie möglich seine Tasche oder seinen Koffer zurückhaben.

Hoffentlich erkenne ich ihn überhaupt, fingen Tylers Gedanken unwillkürlich an, in seinem hypernervösen Kopf herumzuwirbeln, hoffentlich sieht er in der Realität genauso aus wie auf dem Foto der Agentur. Was mache ich nur, wenn ich ihn gar nicht erkennen kann, sorgte er sich im nächsten Moment, dann stehe ich total blöd da und alles wird von vornherein schiefgehen. Wenn ich richtig Pech habe, dann kommt unser geiles Treffen vielleicht gar nicht zustande. Ich weiß nicht, ob ich das ertragen könnte. Ich freue mich so sehr auf ihn, überlegte er, voll mit unvermindert brennender Sehnsucht. Himmel, ich bin so scharf auf diesen fremden Kerl, dass es mich beinahe umbringt, gestand er sich verlegen ein und spürte die peinliche Hitze der Scham in seine Wangen steigen. Unruhig schaute er sich um in der Angst, dass vielleicht jemand seine Gedanken hören könnte, aber zum Glück beachtete ihn niemand, denn alle schienen ungeduldig auf etwas oder Jemanden zu warten. Tyler musste sich davon abhalten, sich unwillkürlich an den Schritt zu fassen, und trat nervös auf der Stelle. Was wird er wohl von mir denken, grübelte er verunsichert, ob ich ihm überhaupt gefalle?

Ich hoffe, diese Agentur in München ist seriös und sie haben mir nicht mein Geld geklaut, kam ihm kurz darauf eine beunruhigende Idee, vielleicht bin ich in meiner Dummheit, Ungeduld und Verzweiflung hinterhältigen Betrügern auf den Leim gegangen, womöglich habe ich mein Geld gemeinen Verbrechern überwiesen, die sofort, nachdem die beträchtliche Summe bei ihnen eingegangen war, das ominöse Konto aufgelöst haben und auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Diese durchaus reelle Möglichkeit bestürzte ihn, hatte er mit der Agentur doch lediglich ein Telefonat geführt, einige Emails ausgetauscht und einen unterschriebenen Vertrag per Fax erhalten. Mehr Beweise für die Existenz der kostspieligen Vereinbarung hatte er nicht in der Hand.

Aber nein, versuchte er sich verstört zu beruhigen, das war doch eine richtige Agentur, die hatten Online viele gute Bewertungen. Verdammt, fluchte er in Gedanken, ich muss mich wirklich dringend wieder einkriegen. Aber das war leichter gedacht als getan, denn es kamen noch immer Menschen aus der Tür, das Objekt seiner Sehnsüchte war noch nicht dabei gewesen, da war er sich ziemlich sicher. Um ihn herum fingen ein paar Wartende an zu jubeln und zu winken, denn offensichtlich hatten sie ihre Bekannten auf der anderen Seite der Absperrung entdeckt.

Tyler glaubte, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so hilflos gefühlt. Er konnte wahrhaftig nichts weiter tun als abzuwarten, es lag nicht in seiner Macht, diese Situation zu entschärfen oder auch nur irgendwie aufzuklären. Sein Körper und seine Seele gerieten in heillose Aufregung, er konnte unmöglich ruhig stehenbleiben, der Schweiß brach ihm aus. Nervös wischte er sich über die Stirn, fühlte die unerwünschte Feuchtigkeit an seinen Fingern und ärgerte sich darüber. Was war nur mit ihm los? Warum war er dermaßen von der Rolle? Er würde auch an diesem Wochenende alles unter Kontrolle haben, schimpfte er mit sich, denn er hatte doch schließlich noch immer jede Herausforderung gemeistert, ganz egal, wie schwierig sie auch gewesen war.

Und dann sah er ihn plötzlich. Er kam aus der besagten Tür, blieb unschlüssig stehen und schaute sich verwirrt suchend um. Offenbar war ein Flughafen und die bevorstehende Gepäckausgabe Neuland für ihn. Draven, auf den er so unendlich lange gewartet hatte, war endlich und wahrhaftig in Düsseldorf angekommen.

Verblüfft riss Tyler die Augen auf. Er glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu können, dachte daran, dass es eventuell auch ein Irrtum sein könnte. Augenblicklich hing sein Blick an dem fremden, auffallend attraktiven Mann fest. Sein Körper versteifte sich innerhalb von Sekunden. Tyler Jonas geriet schlagartig in eine Art Schockstarre, als er Draven Lindfort zum ersten Mal in seinem Leben vor Augen hatte. Himmel, er sieht tatsächlich so aus wie auf dem Foto, fuhr es ihm verdutzt durch den Sinn. Die Agentur hat mich nicht angelogen, dachte er unendlich erleichtert, sie haben mir nicht zu viel versprochen, ich habe mein Geld nicht in den Sand gesetzt, meine Ausgabe hat sich Gott sei Dank gelohnt.

Denn Tyler gefiel überraschend gut, was er dort hinten stehen sah. Der fremde Mann aus München war groß, wohlgestaltet und offensichtlich muskulös. Sein kurzes, pechschwarzes Haar stand genauso rebellisch nach allen Seiten ab, wie Tyler es schon im Internet positiv aufgefallen war. Draven trug eine moderne, anthrazitfarbene Lederjacke und enge, dunkelblaue Jeans, die seine langen, schlanken Beine auf aufregende Weise betonten. An seinen Füßen waren grell rote Sneakers. Sein hübsches, einnehmend zartes Gesicht war auch jetzt seltsam ausdruckslos, als er sich in die Nähe der Laufbänder begab und mitten zwischen den anderen Reisenden Ausschau nach seinem Gepäck hielt.

Eine unglaubliche Erleichterung durchflutete Tyler, als ihm richtig bewusst wurde, das er keinen Betrügereien zum Opfer gefallen war. Der Mann, der ihm versprochen worden war, befand sich wie abgemacht hinter der Absperrung. Sein zukünftiger Sexualpartner war wie erwartet aus dem weit entfernten München hierher zu ihm geflogen. Tyler durfte das ganze Wochenende mit diesem gut aussehenden Menschen verbringen und sich dabei gefahrlos all seine geheimsten Wünsche erfüllen. Eine seltsame Ruhe kam in ihm auf, mit der er nach der hellen Aufregung der letzten Stunde gar nicht mehr gerechnet hatte. Alles war gut. Alles würde gut werden. Draven war endlich angekommen.

Oh nein, jetzt würde er ihm gleich begegnen! Er würde sich zu erkennen geben müssen, denn er konnte sich unmöglich noch länger in der Anonymität verstecken. Alles würde ans Licht kommen. Nie in seinem Leben war Tyler aufgeregter gewesen. Tief atmete er durch und zwang sich zur Besonnenheit. Langsam bewegte er sich zu der automatischen Flügeltür, die sich, durch Bewegungsmelder animiert, pausenlos zu beiden Seiten hin öffnete, weil die Passagiere der Maschine aus München unermüdlich die Gepäckausgabe verließen, um von wartenden Angehörigen in Empfang genommen zu werden oder einfach unbeachtet weiterzugehen.

Plötzlich waren Tylers Füße wie festgeklebt, er hatte das bedrohliche Gefühl, sich keinen Schritt mehr bewegen zu können. Seine Augen hingen völlig fassungslos an dem Schwarzhaarigen fest, der sich langsam dem Ausgang näherte und im nächsten Moment durch die Tür getreten kam. Suchend sah der attraktive Mann aus München sich um, unschlüssig, was jetzt zu tun wäre. Er machte ein paar zögernde Schritte, blieb dann wieder stehen. Seine Augen wanderten Ausschau haltend durch die Umgebung, offenbar war er ratlos. Tyler stand jetzt nicht mal mehr fünf Meter vom Objekt seiner Begierde entfernt, krampfhaft Deckung suchend hinter ein paar anderen Personen, und plötzlich erkannte er, dass Draven auch in Wahrheit diese hellgrauen Augen hatte, die erstaunlicherweise fast silbern wirkten. Sein Herz klopfte Tyler bis zum Hals. Für einen Moment war er versucht, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen, weil das hier schlicht zu nervenaufreibend für ihn war. Ich schaffe das nicht, dachte er matt, völlig erschlagen von der Wucht seiner unbekannten, detonierenden Emotionen, oh Gott im Himmel, jeden Moment werde ich hier tot zusammenbrechen, das wird bestimmt gleich passieren. Sein Körper und seine Seele waren in greller Alarmbereitschaft, Tyler rang nach Luft und glaubte trotz seines Fluchtinstinktes, sich keinen Schritt von der Stelle bewegen zu können.

Hilflos hielt er sich an Dravens Anblick fest. Der Typ aus der weit entfernten Stadt schlenderte jetzt ziellos umher, bewegte sich langsam durch den Wartebereich, die faszinierend hellgrauen Augen unverändert auf der Suche. Offensichtlich ging er davon aus, dass jetzt etwas geschehen würde, jemand müsste kommen, um ihn abzuholen, denn so war es nun mal abgemacht worden. Er wird mich bestimmt nicht mögen, befürchtete Tyler, der sich untypisch eingeschüchtert fühlte, was mache ich nur, wenn er mich nicht leiden kann oder wenn er mich hässlich findet. Vielleicht ist er nicht mal schwul, fuhr es ihm bestürzt durch den Sinn, sicher kann er mit Männern gar nichts anfangen, er wirkt total hetero. Womöglich ist alles ein blöder Irrtum und Draven erwartet eine weibliche Kundin, wirbelten Tylers Gedanken ungehindert herum, dann wird er schön blöd gucken, wenn ich mich plötzlich zu erkennen gebe. Nie im Leben kann ich mit diesem fremden Mann Sex haben, wurde ihm erschüttert klar, ich kenne den doch gar nicht, mit Sicherheit kriege ich keinen hoch, wenn es dann endlich zur Sache gehen soll. Mit einigem Grausen stellte er sich vor, wie er nach leeren Versprechungen in seinem Bett kläglich versagen würde. Verdammte Scheiße nochmal! Ich hätte mich niemals auf so was Bizarres einlassen dürfen, schimpfte er ärgerlich mit sich, das ist doch alles der totale Schwachsinn!

Während er noch immer den aufregend attraktiven Mann vom Internetfoto anschaute, machte Tyler sich innerlich dazu bereit, unverrichteter Dinge den Flughafen zu verlassen. Ich kann das nicht, musste er seufzend einsehen, ich komme mit dieser unkalkulierbaren Situation überhaupt nicht zurecht. Das ist alles viel zu ungenau, ich kann das gar nicht kontrollieren, das macht mich total fertig. Ich blase die ganze Sache lieber jetzt gleich ab. Es ist besser, sofort aufzugeben, solange er mich noch nicht gesehen hat, als sich später unerträglich zu blamieren. Ich bin so ein verdammter Vollidiot!, fällte er ein vernichtendes Urteil über sich. Maßlos enttäuscht warf Tyler noch einen letzten Blick auf den weit gereisten Mann, auf den er noch vor Kurzem alle seine intimsten Vorstellungen projiziert hatte.

In diesem Moment trafen ihn Dravens Augen. Er stand jetzt vielleicht drei Meter von ihm entfernt, bei zufällig freiem Blickfeld. Draven schaute ihn fragend an, und Tyler erkannte schlagartig die Hoffnung, die in diesen außergewöhnlichen Augen steckte. Zu seiner absoluten Verblüffung konnte er die große Verlorenheit sehen, die der Fremde in diesem Moment offenbar fühlte. Der Kerl war in einer ihm fremden Stadt, befand sich in einer unüberschaubaren Situation. Er sehnte sich überraschend heftig danach, dass endlich jemand kam und ihn an die Hand nahm. Tyler blies so heftig Luft aus, dass ihm ungewollt ein Stöhnen entwich, dass tief aus seiner Seele kam. Ohne noch länger überlegen zu können, machte er kurzentschlossen einen Schritt nach dem anderen. Es fiel ihm schwer, seine Beine fühlten sich wie Blei an, sein Herz hämmerte ihm in den Ohren, die Lunge war viel zu eng, um noch problemlos atmen zu können. Aber Tyler Jonas war mutig. Eigentlich hatte er sich noch nie vor einer Herausforderung gedrückt. Beherrscht ging auf den Fremden zu, der nun überrascht stehengeblieben war und ihm erwartungsvoll entgegensah. Etwas passierte mit Tyler, als er zum ersten Mal auf Draven zuging. Da war etwas in diesen unglaublich grauen Augen, das ihn eigenartig stark berührte, ihn augenblicklich festzuhalten schien, in der Erwartung, etwas Wichtiges tun zu können für diesen Menschen. Da war eine Hilflosigkeit, eine tiefe Verlorenheit in dem anderen, die er deutlich spürte. Er ist der Richtige, dachte Tyler nur noch, als er schneller als gedacht direkt vor Draven angekommen war. Mühsam brachte er seine autonomen Füße zum Stillstand, streckte fast ohne Beteiligung seines Verstandes seine Hand aus. „Hallo Draven. Ich bin Tyler”, krächzte er mit schwacher Stimme.

Draven

Obwohl er schon eine Weile auf ihn gewartet und gerade damit angefangen hatte sich Gedanken zu machen, ob vielleicht etwas schiefgelaufen war, es ein Missverständnis gegeben hatte oder ein Fehler in der Buchung passiert war, sodass ihn entgegen der getroffenen Abmachung niemand am Flughafen abholen würde, war Tylers Auftauchen überraschend für Draven. Der fremde Mann kam aus einer Gruppe von Menschen auf ihn zu, tauchte mit einem Mal dort auf, trat plötzlich hinter einer anderen Person hervor, als hätte er sich vorher dort versteckt.

Das Erste, was Draven an dem Typen auffiel, war sein seltsam panischer Gesichtsausdruck, mit großen, weit aufgerissenen Augen, verkrampft zusammengepressten Lippen und starrer Haltung, als hätte er irgendein ernsthaftes Problem. Neugierig geworden blieb Draven stehen und fragte sich, was der andere wohl von ihm wollte, ob er ihn jetzt um Hilfe bitten würde, ausgerechnet ihn. Wo doch um sie herum noch so viele andere Menschen waren, die ihm bestimmt besser Auskunft geben könnten, falls er eine Frage zur Umgebung hatte, denn er, Draven, war schließlich vollkommen fremd hier. Der hektische Flughafen verwirrte ihn und über die Stadt, in der er sich befand, wusste er trotz Sarahs plappernder Schwärmerei rein gar nichts, hatte er dem Mädchen doch kaum zugehört.

Während Draven dem seltsamen Mann entgegenblickte, wanderten seine Augen über das Äußere des Fremden, der auffallend gut angezogen war. Seine Kleidung war eindeutig von hervorragender Qualität, ein modernes, dunkelblaues Sakko, das wie maßgeschneidert an seinem Körper anlag, darunter ein hellblaues Business-Hemd mit Kent Kragen, dazu eine graue Chino und schwarze, italienische Business-Schuhe aus hochwertigem Leder.

Der Mann kam steifbeinig auf ihn zu, mit sonderbar abgehackten Schritten, als müsste er sich zum Laufen zwingen. Mechanisch streckte er seine Hand aus und stellte sich mit krächzender, schwacher Stimme vor, als wäre er stark erkältet oder seine Kehle schlicht zu eng zum Sprechen. Der akkurat gekleidete Typ kannte seinen Namen, sprach ihn sogar auf Anhieb richtig aus, was nur höchst selten vorkam, und in diesem Moment begriff Draven, dass es sich bei dem komischen Kerl offenbar um seinen Kunden handelte, und er war verblüfft, denn damit hatte er nicht gerechnet. Wer so viel Geld für ein Wochenende mit mir ausgeben kann, waren seine logischen Überlegungen gewesen, der muss mit Sicherheit schon älteren Jahrgangs sein.

Der Mann, der vor ihm stand, war aber wohl kaum älter als er, nur ein Stückchen größer, hatte dunkelblondes, exakt geschnittenes Haar, braune Augen und ein attraktives Gesicht. Draven war beeindruckt von seiner wertvollen Kleidung, die ihn als höchstwahrscheinlich wohlhabenden Menschen auszeichnete, fühlte jedoch hauptsächlich Erleichterung bei Tylers Anblick. Der Typ sah zweifellos gut aus, er war noch jung, und Draven ging aus Erfahrung davon aus, dass das Wochenende mit diesem Mann bestimmt nicht allzu stressig für ihn werden würde. Im Gegenteil, das konnte sogar richtig interessant werden, dachte er innerlich grinsend.

Ein erfreutes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er Tylers Hand ergriff, die ein bisschen feucht war, aber nicht so viel, dass es unangenehm gewesen wäre sie anzufassen. Der Händedruck des Fremden war im Gegensatz zu seiner panischen, deutlich eingeschüchterten Miene überraschend fest und energisch, fast schon zu kräftig, fand Draven, der lächelnd die dargebotene Hand schüttelte und „Hi Tyler. Schön dich kennenzulernen”, sagte, sein Standardspruch bei der ersten Begegnung mit einem Kunden, gut geeignet, um gleich von vornherein das Eis zu brechen. Tyler erwiderte sein Lächeln recht zaghaft und Draven spürte, dass Tylers Finger zitterten, bevor der Fremde seine Hand hastig zurückzog. Die schüchterne Nervosität des anderen amüsierte Draven, beruhigte ihn auf irgendeine Art, weil er unweigerlich vermutete, dass von diesem scheuen Mann keine Gefahr ausgehen könnte. Schließlich wusste man bei dieser Arbeit in Wahrheit nie genau, mit wem man es zu tun bekam.

Eine Pause entstand, in der sie voreinander standen und sich unwillkürlich gegenseitig abcheckten. Die beiden Männer schauten sich an und Draven spürte eine Art Verbundenheit zu Tyler, waren sie doch in dieser Gruppe von Menschen die einzigen, die etwas von ihrem recht intimen Arrangement wussten. Ihr gemeinsames Ziel verband sie prompt, und Draven fühlte sich damit erstaunlich wohl. Das war längst nicht immer der Fall, wenn er auf einen neuen Kunden traf, ahnte er doch manchmal schon bei der ersten Begegnung, was für Schwierigkeiten auf ihn zukommen würden. Mit Tyler war aber offenbar nichts dergleichen zu erwarten, darum sah Draven seiner Aufgabe ab sofort gelassener entgegen.

„Ähm... wie war dein Flug?” fragte der Dunkelblonde. Seine krächzende Stimme klang überstürzt, als hätte er Angst vor einer peinlichen Stille zwischen ihnen und beeile sich deshalb, irgendetwas zu sagen. Draven schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln, gerührt über die Unsicherheiten des anderen. „Ich bin eingeschlafen”, gestand er achselzuckend, „Darum habe ich nicht viel mitgekriegt.” „Oh...”, machte Tyler ratlos. Draven lachte. „Das war schon aufregend. Es war mein erster Flug”, erzählte er sanft. Damit entlockte er Tyler ein neues, scheues Lächeln und stellte erstaunt fest, wie gut es dem Kerl stand, wie freundlich er doch sofort wirkte. Die panischen, starren Gesichtszüge seines Kunden schienen sich ein wenig zu entspannen, und Draven schob das seinem Verdienst zu, was ihn seltsam stark befriedigte. Julie würde stolz auf ihn sein, könnte sie ihn hier am Flughafen sehen, dachte er innerlich triumphierend, offenbar machte er alles richtig und das hier lief schon mal richtig gut an.

Aber bereits im nächsten Moment wandte Tyler sich ab, sein Blick huschte abermals nervös durch die Gegend, als würde er nach einer drohenden Gefahr Ausschau halten, was Draven nicht nachvollziehen konnte. „Lass uns zu meinem Auto gehen”, schlug der Mann drängend vor, und Draven begriff, dass der andere Angst hatte mit ihm gesehen zu werden. Dieses Phänomen war ihm nicht unbekannt. Menschen buchten ihn für sexuelle Dienste, wollten aber unter allen Umständen unentdeckt bleiben, und Draven verbot es sich vehement, deswegen auch nur irgendwie gekränkt zu sein, andernfalls hätte er diese Arbeit gar nicht machen können. Ein Geheimnis zu sein, gehörte zu seinem Job einfach dazu.

„Ja, okay, ich möchte mir nur noch schnell irgendwo einen Kaffee holen”, informierte er den unsinnig nervösen Kerl so freundlich wie möglich. Noch immer war es zu früh am Tag, Draven war unverändert müde und sehnte sich nach einem Muntermacher. Der Whiskey, den er im Flugzeug getrunken hatte, beduselte ihn ein wenig, und auf einmal störte ihn das, denn ab sofort wollte er unbedingt alle seine Sinne klar und hellwach beisammen haben. Erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration waren enorm wichtig, gerade in den ersten Minuten mit einem neuen Kunden, das wusste der Callboy aus Erfahrung.

Tyler schaute ihn verwirrt, fast widerstrebend an, als würde ihm Dravens Wunsch nach Kaffee nicht gefallen, hatte sich aber einen Augenblick später besser im Griff und nickte. „Okay”, stimmte er leise zu, „Komm mit.” Sofort wandte er sich zum Gehen, offenbar hatte er es eilig, und Draven bemühte sich ihm zu folgen. Nebeneinander gingen sie durch die Gänge in eine Richtung, die Tyler überraschend zielstrebig bestimmte, sodass Draven vermutete, dass der andere wohl schon wusste, wo in diesem scheinbar riesigen Gebäudekomplex es Kaffee zu kaufen gab.

Schon nach kurzer Zeit bestätigte sich seine Vermutung, denn Tyler steuerte geradewegs einen Kaffeeautomaten an, der am Rand einer weiteren großen Halle stand. Während sie gemeinsam durch den Flughafen gingen, berührten sich ihre Körper nicht, sie hielten instinktiv Abstand zueinander, Draven aus Respekt vor den Wünschen seines Kunden und Tyler aus Furcht vor unerwünschten Zeugen, aber trotzdem spürte Draven verdutzt, dass ihn schon jetzt irgendwas zu dem fremden Typen hinzuziehen schien.

Seine Gedanken fingen an, über die nähere Zukunft zu spekulieren, wie es wohl werden würde, mit diesem Kerl ins Bett zu gehen, und zu seiner eigenen Verwirrung fühlte er eine Art freudige Anspannung bei diesen Gedanken. Die Vorstellung, Tyler bald nackt zu sehen, erregte ihn, was er sich selbst nicht erklären konnte, weil es sonst nie vorkam, wenn er seiner Arbeit als Callboy nachging. Normalerweise ging er ohne Erwartung in diese Treffen, ließ die Sache lieber neutral auf sich zukommen und reagierte dann so angemessen wie möglich, wenn es nötig wurde. Er wollte sich im Voraus nicht zu viele Gedanken machen, die ihn womöglich verunsichern könnten, denn im Grunde hatte er keinerlei Einfluss darauf, musste er doch ausschließlich die Wünsche des Kunden erfüllen. Bei Tyler jedoch hatte er seltsamerweise das Gefühl, als könnte die Sache richtig spannend für ihn werden, und er wunderte sich, wie er denn bloß so voreilig und dumm sein konnte.

Schneller als gedacht waren sie am Kaffeeautomaten angekommen und Draven holte einen Euro aus seinem Portemonnaie, warf die Münze in die Maschine und drückte auf die Taste, auf der Kaffee, schwarz stand. Tyler, der neben ihm stand, schüttelte sich angewidert. „Du trinkst deinen Kaffee schwarz?” fragte er entgeistert, was Draven eigenartig stark rührte, als er ihm einen verstohlenen Seitenblick zuwarf. Dieser gut aussehende Fremde schien schüchtern zu sein, ja, er wirkte regelrecht verschreckt, sodass Draven das seltsam erbauliche Gefühl bekam, er könnte diesem Mann eventuell sogar noch etwas beibringen, sollte er sich beim Sex ebenso ängstlich und unerfahren zeigen. Das passierte nicht oft in seinem Job für die Agentur. Gerade Männer demonstrierten im Bett allzu gerne ihre Überlegenheit an ihm, herrschten ihn an und schubsten ihn herum, so wie sie es in ihrem Leben wahrscheinlich sonst niemals konnten. Tyler schien jedoch das genau Gegenteil davon zu sein, zurückhaltend und höflich, und Draven spürte ein neues, unerwartet warmes Gefühl in seinem Bauch, als er den seltsamen Fremden betrachtete. „Ja, das ist mein morgendlicher Powerdrink”, antwortete er und lächelte über Tylers angewiderte Miene. Schweigend schauten sie dabei zu, wie das Trinkgefäß sich automatisch mit der schwarzen, dampfenden Flüssigkeit füllte, und als der Becher voll war, nahm der müde Callboy ihn vorsichtig in die Hand und sofort einen kleinen Schluck Kaffee.

„Ist es weit bis zu dir?” fragte Draven, der das Bedürfnis verspürte, so viel wie möglich über den Menschen in seiner Begleitung zu erfahren, bevor sie zusammen Sex haben würden. Auch das war etwas Neues für ihn, denn normalerweise erledigte er nur seinen Job und das war's dann, ohne sich näher mit den verschiedenen Körpern zu beschäftigen, die er im Laufe seiner Arbeit recht intim kennenlernte. Sein eigenes, verstärkt erwachtes Interesse an diesem Mann überraschte ihn, war es doch eigentlich gar nicht angebracht. Schließlich würden sie nichts weiter als ein Wochenende miteinander verbringen und Anonymität, Verschwiegenheit, Vertrauen und Diskretion waren zweifellos die wichtigsten Grundpfeiler ihrer geschäftlichen Vereinbarung, wie Julie ihm pausenlos eintrichterte, damit Draven es auch ja nicht vergaß.

„Nein, das ist nicht allzu weit. Nur ungefähr 40 km”, antwortete Tyler leise, zuckte mit den Schultern, wandte sich zum Gehen und machte ein paar eilige Schritte, wahrscheinlich Richtung Ausgang, als wollte er den Flughafen und damit die vielen Menschen um sie herum endlich schnell hinter sich bringen. „Wie bitte?” entfuhr es Draven verblüfft. Unwillkürlich war er stehengeblieben, starrte seinen Kunden verwirrt an und registrierte nebenbei, dass Tylers Rückseite mindestens so attraktiv war wie seine Vorderseite. Die überraschende Antwort des Fremden beunruhigte ihn. In der Agentur war immer nur von Düsseldorf die Rede gewesen, wenn es um diesen Auftrag gegangen war, und nun fürchtete Draven, dass er vielleicht trotz ihrer vielversprechenden Begrüßung an den falschen Kerl geraten war, könnte doch immerhin sein.

„Was denn?” verlangte Tyler irritiert zu wissen und kam langsam zu ihm zurück, offenbar nicht erfreut über die Verzögerung. „Bist du sicher, dass ich der Richtige bin?” fragte Draven spontan und sah ihn fragend an, forschte in dem unbekannten Gesicht misstrauisch nach der Bestätigung seines Auftrages. Zu blöd, dass ich nicht vorher ein Foto von Tyler gesehen habe, dachte er ärgerlich. Auf einmal fühlte er sich dem Kerl auf ganzer Linie unterlegen, war er doch auf seine Worte angewiesen und hatte ansonsten keinerlei Beweise, dass er tatsächlich der Mann war, der ihn abholen sollte. Andererseits hatte ihn niemand sonst angesprochen, keiner schien nach ihm zu suchen, was er mit einem schnellen Rundumblick unwillkürlich überprüfte.

Tyler stieß ein kurzes, abruptes Lachen aus. „Also... ähm... wenn du Draven heißt und aus München kommst, dann wäre es schon ein allzu verrückter Zufall, wenn du nicht der wärst, den ich hier abholen soll”, bemerkte er verlegen grinsend. Draven fiel auf, dass er richtig niedlich aussah, wenn er, wie jetzt, verlegen lächelte, und dass seine Stimme längst nicht mehr so schwach und kratzig klang wie zu Beginn ihrer Begegnung, offenbar gewann der scheue Typ sein Selbstvertrauen langsam zurück. Vielleicht war mein erster Eindruck von ihm völlig falsch und er fährt im Bett die streng dominante Schiene, fuhr es Draven durch den Kopf, der sich mit der Rolle des Unterdrückten nicht nur beim Sex sehr schwer tat, und er spürte kurz ein leichtes Unbehagen in sich aufflackern, beruhigte sich jedoch sofort mit der Gewissheit, dass die konkreten Bedingungen ihrer sexuellen Betätigung ja alle im ausführlichen Vertrag genannt und ohne Bedenken von ihm abgesegnet worden waren. Natürlich kam es vor, dass Kunden sich nicht an die Vereinbarungen hielten, aber in diesem Fall hatte er das Recht, die Sache jederzeit abzubrechen und würde es auch bedenkenlos tun. Draven hatte da schon einige gruselige Stories von seinen Arbeitskollegen gehört, bislang war es bei ihm allerdings zum Glück noch nie so weit gekommen.

„Der Name Draven ist ja in diesen Breitengraden nicht gerade weit verbreitet”, setzte Tyler spöttisch hinzu. Seine braunen Augen blitzten belustigt, was Draven erstaunt zur Kenntnis nahm, sah er in diesen fremden, bislang eher schüchternen Augen doch plötzlich ein nahezu unerschütterliches Selbstbewusstsein. „Okay, dann lass uns mal zu deinem Auto gehen”, schlug er vor, woraufhin Tyler erleichtert nickte und sich ohne Umschweife auf den Weg durch den Flughafen zum Parkdeck machte. Offenbar hatte er sich den Parkplatz, wo er seinen Wagen abgestellt hatte, ganz genau gemerkt, er kannte den Weg mit zweifelloser Sicherheit. Draven hatte Mühe, mit den weit ausholenden, schnellen Schritten seines Kunden mitzuhalten, während er sich gehetzt durch die vielen Gänge, Hallen und unzähligen Menschen bewegte, dabei auch noch seinen Kaffee austrank und den leeren Becher in einem Papierkorb entsorgte.

Er bedauerte es, sich den interessanten Flughafen nicht noch ein bisschen genauer anschauen zu können. Mann, wir sind doch hier nicht auf der Flucht, dachte er angefressen, musste aber im nächsten Moment grinsen, weil ihm einfiel, dass der Typ es vielleicht nicht erwarten konnte, endlich mit ihm ins Bett zu steigen. Ob sie es tatsächlich im Bett treiben würden, überlegte er neugierig, oder hatte der Kerl etwas anderes für sie geplant? Draven war in dieser Beziehung alles recht, solange es nicht übermäßig unbequem oder gar schmerzhaft war, er hatte seine Kunden schon an den seltsamsten Orten bedienen müssen und es so gut wie nie bereut.

Tylers gutem Gedächtnis hatten sie es zu verdanken, dass sie den großen Wagen ohne Probleme fanden, er stand auf Parkdeck 5B und wartete nur darauf, um sie in Tylers Heimatstadt zu fahren. „Wo wohnst du denn?” wollte Draven wissen, als Tyler plötzlich seinen Autoschlüssel aus seiner Chino holte und die Türöffnung betätigte. Mit Ton und Licht sprangen die Türen eines roten Mercedes-AMG GT Sportwagens in der Nähe auf, der Draven auf der Stelle mächtig beeindruckte. Oh Wow!, so ein wunderschönes Auto hätte er liebend gerne auch sein Eigen genannt. Leider besaß er nicht mal einen Führerschein, sein Geld hatte dafür schlicht nie ausgereicht.

„Wir fahren nach Oberhausen”, informierte Tyler ihn beiläufig, der mit den Gedanken scheinbar ganz woanders war. Schon war er bei seiner Luxuskarosse angekommen, öffnete die Tür, stieg im nächsten Moment ein und schlug die Tür zu, als müsste er sich beeilen. Alles in einer einzigen, hastig fließenden Bewegung, die den Callboy staunend auf dem Parkdeck zurückließ, weil er den Eindruck gewann, als wollte sein Kunde ihn eigentlich gar nicht mitnehmen. Draven Lindford stand eine Minute lang dort, bewunderte das tolle Auto und fragte sich, ob der fremde, attraktive Mann gerade vor ihm davonlief, ob er es sich eventuell insgeheim anders überlegt hatte und seinen Auftrag stornieren würde, wobei es dafür jetzt ja nun wirklich zu spät war, oder ob nur seine Schüchternheit zurückgekehrt war. Erst als Tyler ungeduldig auf die Hupe drückte und Draven damit erschrocken zusammenfahren ließ, besann der Schwarzhaarige sich, bewegte sich gelassen zum Auto und stieg ein.

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Schriftstellerin Am 07.06.2022 um 19:29 Uhr
Hallo Tonmond,
superspannende Geschichte. Ich bin schon gespannt, wie es weitergeht.
Gruß Schriftstellerin
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Tonmond (Autor)Am 08.06.2022 um 21:04 Uhr
Hallo Schriftstellerin,
vielen Dank für dein Lob! Dein Interesse an meiner Geschichte freut mich sehr!
Ab jetzt gibt es jede Woche ein neues Kapitel. :)
Viele liebe Grüße
Tonmond

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Kapitel:4
Sätze:548
Wörter:12.102
Zeichen:73.109

Kurzbeschreibung

Er wollte immer beruflichen Erfolg haben, finanziell unabhängig sein, sich ein schönes Zuhause schaffen und sich irgendwo dazugehörig fühlen. Alle diese Wünsche konnte er sich mit Fleiß und Ausdauer im Laufe der Jahre erfüllen. Aber dennoch schien in seinem Leben irgendwas zu fehlen...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Erotik gelistet.