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[Projekt: Jeder Monat hat 100 Wörter] Ein Jahr bis Sonnenuntergang

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20.10.2018 10:18
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Der Arzt machte ein sehr ernstes Gesicht. Ich hatte mich ja seit einem halbe Jahr nicht wirklich gut gefühlt und war nicht dazu gekommen mich um meine Gesundheit zu kümmern, aber das es so schlimm war?
"Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass bei Ihnen eine unheilbare Krankheit festgestellt wurde." 
Pause.
"Und, dass sie wahrscheinlich zum Tode führen wird."
Moment, was??
Er machte ein mitleidiges Gesicht. "Ich verstehe, dass Sie das erst einmal verdauen müssen."
"Wie.... Ich verstehe nicht.... Wie kann das... das sein? Kann es sich nicht.... um eine Verwechslung handeln?"
Mir kamen die Tränen. "Das.... MUSS....doch.... eine Verwechslung ....sein!!"

Draußen scheinte die Sonne, doch ich hätte keine Lust nach draußen zu gehen. Ich hasste die Welt.
Was hatte der Arzt gesagt? Weniger als ein Jahr würde mir bleiben.
Warum musste es ausgerechnet mich treffen?!
Warum musste sie unheilbar sein? Und warum musste ich sterben?
Meine Arbeit hatte ich vor drei Wochen gekündigt, ich würde es wahrscheinlich eh nicht mehr schaffen zu Arbeiten und immerhin hatte ich ja noch mein Erspartes.
Ich kuschelte mich in die Decke und atmete tief durch.Shloss meine verweinten Augen.
Warum hatte es nicht so bleiben können wie es wahr?
Das Universum war einfach richtig scheiße.

Sonne schien auf meine blasse Haut und der warme Sommerwind strich mir meine braunen Haare aus der Stirn. Die Dämmerung hatte bereits begonnen und langsam füllte sich die Wiese vor der Kinoleinwand.
Am Ende des letzten Monats hatte ich beschlossen meine verbleibende Zeit im Leben zu nutzen, sinnvoll zu nutzen.
Jeden Tag zu genießen, bis ich gehen musste.
"Ist neben dir noch frei?" Ich schaute auf. Ein junger Mann vielleicht 25, braune Haare, graue Augen, umwerfendes Lächeln, stand vor mir.
"Klar! Setz dich."
Nachdem er seine Sachen abgestellt hatte, hielt er mir seine Hand hin. "Stephan." Ich ergriff sie. "Sophie."

"Warum hast du nichts gesagt, nicht ein Wort?!"
Er schrie schon fast.
"Ich kenn dich erst seit einem Monat, meinst du ich binde jedem auf die Nase, he, ich bin unheilbar krank und werde binnen eines Jahres sterben?"
"Aber mir, mir!!!, hättest du es sagen müssen! Spätestens als es ernster zwischen uns wurde!"
"Wann denn, beim ersten Date, bei Wein? Außerdem konnte ich ja nicht wissen, dass wir auch zusammenkommen! Und ich will dein Mitleid nicht."
Ich verschränkte die Arme und schaute ihn an.
Langsam wurde er wieder ruhiger.
"Ach Sophie." Er seufzte. "Und man kann wirklich nichts dagegen machen?"

Als die Tage grauer wurden, schleppte mich Stephan zu beinahe jedem Arzt im Umkreis. Ich machte es ihm zuliebe mit, immerhin meinte er es nur gut.
Aber langsam konnte ich nicht mehr. Es würde nichts bringen. Ich wollte in der Zeit, die ich hatte, lieber noch das Leben spüren, als in Behandlungszimmern oder Krankenhäusern zu sitzen.
"Stephan?" Ich nahm seine Hand. "Ich verstehe, dass du mich nicht verlieren willst und es gut meinst, aber ich will nicht mehr. Keine Arztbesuche mehr. Ich will noch etwas von der Welt sehen. Leben.Verstehst du? Bitte." Noch einiger Zeit lenkte er endlich ein. Endlich.

Kurz nachdem Stephan es aufgegeben hatte, Heilung zu suchen, machte er mir einen Heiratsantrag.
Und so standen wir jetzt mit Familie unnd Freunden auf einer karibischen Insel am Strand vor einem Pfarrer.
"So frage ich dich, Stephan Scheul, willst du die hier anwesende Sophie zu deiner Frau nehmen und sie begleiten?"
"Ja, ich will."
"Und du, Sophie Meiler, willst du dem hier anwesenden Stephan den Rest deines kurzen Lebens schenken und mit ihm verbringen?"
"Ja, solange ich kann."
Dann küsste wir uns und ich konnte die Tränen nicht aufhalten.
An Stephans Lippen flüsterte ich leise "Danke"und erwiederte seinen Kuss stürmisch.

Nach der Hochzeit begannen wir unsere Reisen, damit ich noch etwas von der Welt, die ich verlassen würde, sah.
Wir tanzten Abends auf den Straßen Südamerikas und machten Strandspaziergänge am Meer, bei denen wir alle beredeten. Ich tat mein Möglichstes um Stephan begreifbar zu machen, dass ich es akzeptiert hatte, denn er haderte immer noch mit meinem bevorstehenden Tod.
"Vielleicht hätten wir uns dann gar nicht getroffen?"
Er sah mich mit traurigen Blick an. "Ich will dich nicht verlieren, ich liebe dich, Sophie."
"Manchmal ist das Leben eben nicht fair." Ich lächelte ihn an. "Es wird vielleicht Zeit für mich."

Wir besuchten auch ein paar Länder Asiens, Australien und Neuseeland. Dort, wo es sehr viele giftige Tiere gab. Stephan machte es fast wahnsinnig, dass ich nicht so übervorsichtig war wie er.
Darauf meinte ich immer nur, hey, sterben tue ich eh, was kann mir also noch groß passieren?
In den Nächten kamen wir uns so nahe wie nie. Ich schätze, es lag daran, dass wir beide wussten, dass wir den Moment nutzen mussten, denn wir hatten nicht mehr lange und das wussten wir beide. Juli hatte ich meine Diagnose bekommen. Ein Jahr. Der Größtteil war bereits vorbei. Die Zeit lief.

Langsam wurde es mühsamer Tagesausflüge zu unternehmen. Und doch sah ich die USA und Kanada. Sah die drei großen Seen. Den Grand Canyon und den Yellowstone Nationalpark, New York, L.A. und San Francisco. Stephan merkte, dass mich langsam meine Kraft verließ, stütze mich und ließ mich nicht mehr aus den Augen.
Ich beschloss, ein paar Sachen für Stephan in ein Notizbuch zu schreiben. Es tat mir weh, dass ich ihn zurücklassen würde, ihm wehtuen würde.
"Kommst du rein?" Ich riss mich vom Sonnenuntergang los und warf mich in seine Arme. "Lass uns etwas nicht Jugendfreies machen." Ich grinste ihn an.

Es war auf einer Wanderung durch die schöne Natur Hawaiis, als ich mir plötzlich schwarz vor Augen wurde. Ich verlor das Gleichgewicht und Millisekunden später, spürte ich den Boden, Erde und Steine unter mir. Dann die Hände von Stephan auf meinen Armen.
Und darauf nichts mehr. Leere.
Ich schlug meine Augen auf. Sonne schien durch das Fenster herein.
"Wie gehts dir?" Stephan. Natürlich.
"Gut?"
Dann erst bemerkte ich das Zimmer, dass ganz sicher in einem Krankenhaus war.
"Was ist?"
"Der Arzt hat gesagt, die Krankheit ist sehr weit fortgeschritten." Er holte tief Luft. "Er sagte, du wirst hier wahrscheinlich sterben."

"Ruf Freunde und Familie an. Wenn sie sich noch verabschieden wollen, sollen sie kommen."
Der Blick von Stephan war tränenverschleiert. Meistens musste ich dann auch weinen. Ich breitete die Arme aus. "Komm her."
Er legte sich zu mir aufs Bett.
"Ich hab nicht mehr lange. Sagen die Ärzte auch."
"Ja, auch wenn ich es nicht wahrhaben will."
"Ich habe eine Bitte."
"Ja?"
"Könntest du mit mir noch einen Ausflug machen, auf die Klippe? Ich will nicht hier im Krankenhaus sterben."
"Okay." Er nahm meine Hand und hauchte einen Kuss darauf.

Es kamen alle für den Abschied. Freunde und Familie. Alle.

Schließlich ging es mir an einem Morgen besser. Die Ärzte wussten nicht warum.
Aber ich sah meine Chance und machte mit Stephan, auf dessen Hilfe ich wirklich angewiesen war, den Ausflug zur Klippe.
Seit Vormittag saßen wir dort. Picknickten.
"Ich hab ein Notizbuch vollgeschrieben für dich. Vielleicht hilft es dir."
"Danke."
"Ich freue mich, dich getroffen zu haben. Ich liebe dich. Immer."
Dann küsste ich ihn und genoss seine Wärme, seine Nähe.
Über dem Meer ging die Sonne unter.
"Schöner Sonnenuntergang, nicht?"
Ein letzte Blick von ihm.
Dann ließ ich los, klammerte mich nicht länger ans Leben. Ein wunderschöner Augenblick.

Autorennotiz

Die Figuren sind von mir frei erfunden, genauso wie das Geschehen. Parallelen oder Ähnlichkeiten zu real lebenden Personen sind reiner Zufall und nicht von mir beabsichtigt worden.

Diese Drabble Geschichte war ein Beitrag zu dem Projekt auf Fanfiktion.de Jeder Monat hat 100 Wörter.

Es war der Versuch etwas in Worte zu fassen, was wahrscheinlich immens schwer ist wirklich zu verstehen.

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Larlysias Profilbild
Larlysia Am 10.06.2019 um 22:59 Uhr
Hi! Ich finde, du bringst deine Geschichte in Drabbles sehr gut rüber. In manchen Drabbles beschreibst du nur Gefühle (und es passiert nichts wirklich), in anderen Drabbles passiert viel (dafür werden Gefühle und Beschreibungen etws außen vor gelassen). Mir würden die Drabbles besser gefallen, wenn du alles (also Plot, Gefühle, Beschreibungen) in einem Drabble verbinden würdest!

Autor

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Statistik

Kapitel:12
Sätze:143
Wörter:1.271
Zeichen:7.299

Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch in den Genres Trauriges und Tragödie gelistet.

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