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Aufgeben...?

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10.05.20 21:29
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Leer und ausgelaugt komme ich von der Arbeit nach Hause und stehe minutenlang angelehnt am Türrahmen zum Wohnzimmer. In meinem Kopf hämmert es und immer wieder tauchen diese Gedanken in mir auf. Wie lange geht das noch gut? Breche ich bald zusammen? Mir ist jedenfalls danach. Den Tränen nahe drehe ich mich um, gehe in die Küche und lasse mich dort auf einem Stuhl sinken... Ich kann bald nicht mehr. Fühle mich kraftlos; und die Hoffnung in mir hat sich in ein unauffindbares Nichts aufgelöst. Meine Augen sehen die weißen Fliesen auf dem Fußboden und mein Blick bleibt eine gefühlte Ewigkeit auf ihnen liegen - starr und gläsern. Stille Tränen suchen ihren Weg an den Wangen. Die Fliesen verschwimmen. Der Verzweiflung so nahe, weil ich einfach nicht mehr weiter weiß und keinen Ausweg erkennen kann. Gibt es denn wirklich keinen Lichtschimmer mehr in der tiefen weiten Dunkelheit?... Mein Glaube an mich und das, wofür ich viele Jahre lang gekämpft und gearbeitet habe, ist nicht mehr da. Die schmerzliche Erkenntnis, dass scheinbar alles verloren ist, lässt mich am ganzen Körper erschlaffen. Mein Kopf sinkt in meine Hände und ich schließe meine Augen...ich möchte einfach aufgeben dürfen.

Seit fast 28 Jahren arbeite ich mit behinderten Menschen. Und diese Arbeit war immer Mittelpunkt in meinem Leben. Als junge Frau habe ich mich während meiner Ausbildung zur Erzieherin dafür entschieden, weil ich mich dazu berufen fühlte. Nachdem ich in der Einrichtung, wo ich heute noch arbeite, ein Praktikum während meiner Ausbildung absolviert hatte, stand mein Entschluss fest. Ich wollte den Menschen dort etwas geben, das ich durch sie tief in mir entdeckt hatte: Menschlichkeit in bunten Farben... In den ersten Jahren war ich unter den Kollegen dort das Kücken, das noch viel lernen musste. Aber das war okay, denn es war ja tatsächlich so. Vieles kann man nur durch jahrelange Erfahrung und wachsendem Selbstvertrauen lernen. Damals hatte ich noch Spaß an der Arbeit und wuchs an meinen Aufgaben, die oft eine Herausforderung für mich waren. Ach, es war wirklich eine schöne Zeit, in der es mich sogar an meinen freien Tagen oder im Urlaub dorthin zog. Meine Arbeit war mein Leben geworden...

Doch in den ganzen Jahren hat sich in der Einrichtung vieles geändert. Die Bürokratie ist gewachsen und die Menschlichkeit wurde durch sie immer mehr erdrückt. Die wenigen Mitarbeiter, die noch unter diesem größer werdenden Berg Arbeit durchhalten, sind nicht mehr in der Lage, das dauerhaft durchzustehen - wie ich. Viele brechen weinend zusammen und sagen, dass sie bald nicht mehr können. Und doch kommen sie weiterhin jeden Tag zur Arbeit und begegnen den Menschen dort mit Wärme und Herzlichkeit. - Wie lange das noch gut geht und wir das weiter durchstehen, weiß ich nicht... Ich weiß nur, dass ich morgen wieder dort sein werde...

 

Autorennotiz

Dankeschön, dass Ihr mir ein wenig mit euren Augen "zugehört" habt.

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Autor

Sillys Profilbild Silly

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Sätze:39
Wörter:495
Zeichen:2.835

Kurzbeschreibung

Manchmal wird einem viel abverlangt - manchmal zu viel...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Nachdenkliches gelistet.