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Das Versprechen

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24.10.2018 11:36
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Für all jene, denen die Spezies Melodie unbekannt ist und die sich auch nicht den Jedipedia-Artikel dazu durchlesen möchten: Die Melodie sind quasi die Meerjungfrauen des Star Wars-Universum, allerdings sind sie bis zu ihrem 20. Lebensjahr kaum von den Menschen zu unterscheiden.

Heute ist es soweit. Du kannst es spüren. Es erfüllt dich, jeder Gedanke ist darauf gerichtet, dein gesamter Körper strebt danach. Schon seit deiner Geburt hast du diesem Tag sowohl mit Angst als auch mit Faszination entgegengeblickt. Dies würde ein Tag werden, an dem sich alles ändern würde – wirklich alles. 

Du stehst langsam von deinem Schlafplatz auf. Es ist noch viel zu früh, die anderen liegen noch mit geschlossenen Augen und gleichmäßig atmend da und in den nächsten Momenten wird sich an diesem Zustand nichts ändern. Du aber bist zu unruhig, als dass du still dasitzen und abwarten könntest. Dein Körper will weg, raus aus der Höhle, rein in die Tümpel. Es ist ein uraltes Verlangen, das deine Spezies erfüllt und schon immer erfüllt hat, sobald ihr euer 20. Lebensjahr erreicht. 

Ungeduldig gehst du auf und ab, wagst dich bis zu dem Höhleneingang vor und schaust mit sehnsuchtsvollem Blick auf die steinige Landschaft hinaus, die sich vor dir ausbreitet. Du siehst die hohen, bedrohlich aufragenden Berge, die den ganzen Mond entlang des Äquators zu bedecken scheinen, und die Sonne Yavin, die allmählich am Horizont auftaucht und die Gebirgslandschaft mit ihren ersten Sonnenstrahlen in warmes Licht taucht. Für einen Augenblick ignorierst du die Gefahr, die außerhalb der schützenden Höhlen herrscht. Du vergisst die Avril, die grausamen Raubvögel, die sich nur zu gerne auf eine unaufmerksame Melodie wie dich stürzen würden. Dich zieht es hinaus, hinfort, zu dem See, dorthin, wo alles anders ist. 

„Levina!“ 
Die Stimme deines Freundes Eskil reißt dich aus deinen Gedanken. Ehe du reagieren kannst, packt er dich am Arm und zerrt dich zurück in die Höhle. 
„Bist du wahnsinnig? Die Vögel könnten dich erwischen, wenn du so weit draußen stehst!“, zischt er wütend. Du weißt, dass er sich nur Sorgen gemacht hat, und doch ärgerst du dich über seinen Tonfall. Schließlich kannst du auch sehr gut auf dich alleine aufpassen. 
„Sie hätten mich nicht schnappen können. Zwei Schritte und ich wäre bereits wieder in der Höhle“, fauchst du ihn an, wobei du etwas lauter bist als du wolltest. Eskil wirft dir einen kurzen, abschätzenden Blick zu, den du nicht richtig deuten kannst, dann zuckt er mit den Schultern und begibt sich wieder in das Innere der einfach eingerichteten Höhle, die euch als zu Hause dient. 
Du folgst ihm, wobei dein Blick auf die breiten Schultern des jungen, dunkelhaarigen Mannes gerichtet ist. Er ist zwei Jahre jünger als du und gehört damit zu den Melodie, die dich und die anderen an diesem Tag und den folgenden beschützen werden. Wie du selbst es in den letzten Jahren auch getan hast, nimmt er seine Aufgabe sehr ernst. Er wird alles geben, um seine Freunde vor den Gefahren dort draußen zu schützen, und nicht weniger wird er brauchen. 
Deine Gedanken schweifen fast sofort wieder ab, zurück zu dem bevorstehenden Ereignis, auf das sich all euer Denken der letzten Tage gerichtet hat. 

Ab heute würde ein Abschnitt deines Lebens beginnen, wie du ihn nie zuvor gekannt hast. Gemeinsam mit anderen Melodie in deinem Alter wirst du die Zeremonie des Wandels vollziehen. Du weißt nur ungefähr darüber Bescheid, was auf dich zukommt, obwohl du schon oft Zeuge dieses Moments gewesen bist. Du weißt, dass dein Körper sich grundlegend verändern wird. Alles Menschliche an dir wird verschwinden; dein Leben hier in den Höhlen wird für dich nicht mehr möglich. Das Wasser wird deine einzige Heimat sein; dein Heim und das der unzähligen Verwandelten. 

Die Furcht vor der Veränderung ist groß, und doch überwiegt die Aufregung. Zu übermächtig ist die Neugierde, zu verlockend das Verlangen nach Klarheit. Und trotzdem, die Angst bleibt vorhanden. Es ist die nagende Gewissheit, dass nicht alle überleben werden, die dich quält. So ungeschützt ist der Ort, an dem du die nächsten Tage verbringen wirst. Wirst du überleben? Du weißt es nicht, und doch bist du bereit, das Wagnis einzugehen. Du hättest auch kaum eine andere Wahl. 

Die anderen sind nun auch wach und bereiten sich auf die bevorstehende Reise zu den Tümpeln vor. Viele rüsten sich bereits mit Steinen aus, um sich gegen mögliche Gefahren schützen zu können. Einige wenige besitzen einen Sperr mit Steinspitze, mit dem sie in der Lage sind, ihre Feinde in einem „Nahkampf“, wenn man es so nennen kann, zu bekämpfen. Du tust es ihnen gleich, obwohl du dich nur für wenige Stunden selbst verteidigen kannst, ehe die Zeremonie dich absolut wehrlos macht. 
Die Melodie, die sich in deinem Alter befinden und die heute dasselbe wie du durchmachen werden, wirken unsicher und nervös. Du fühlst mit ihnen – kein Wunder, schließlich ergeht es dir nicht anders. 

Endlich sind die anderen fertig. Die Jüngeren wirken gefasster, und dennoch kannst du spüren, wie hochkonzentriert sie sind. Die nächsten Tage werden ihnen alles abverlangen, denn schließlich gibt es mehr als genug Raubtiere auf Yavin VIII, die euch während eurer Reise angreifen werden. 
Schaudernd erinnerst du dich an das letzte Mal, als du die älteren Melodie beschützt hast. Damals bist du selbst nur knapp dem Tod entkommen. Immer wieder haben die Avril euch an einem der wenigen Seen des Mondes angegriffen, und wenn sie einmal nicht da gewesen sind, dann sind die Reel, die Spulschlangen, zu den Gewässern hinabgeglitten und haben mit ihren schweren Körpern die vergleichsweise winzigen Melodie zerschmettert, ehe sie sie verspeist haben. 
Du musst schwer schlucken, als du dich daran erinnerst. Zwar haben die meisten von euch damals überlebt, aber trotzdem hat es Verluste gegeben. Verluste, die nur wenige Meter von dir selbst entfernt stattgefunden haben. 

„In Ordnung, los geht’s“, sagt Eskil und lässt seinen Blick über die versammelten Melodie schweifen. Du bildest dir ein, dass er seinen Blick bei dir einen Moment länger als bei den anderen ruhen lässt, doch dieser Moment ist viel zu schnell vorbei, als dass du es mit Sicherheit sagen kannst. 
Schon wendet er sich zum Höhleneingang und verlässt mit zielstrebigen Schritten euer schützendes Heim. Die anderen folgen ihm, du gehst in der Mitte. 

Die Anspannung der Gruppe ist deutlich zu spüren. Sie sind bereit; bereit, sich jederzeit zu verteidigen; bereit, angreifende Raubtiere mit Steinen zu vertreiben und ihre Gefährten zu schützen. Deine Hand umklammert einen großen, kantigen Stein, dessen unebene Oberfläche bereits Abdrücke auf deiner Handfläche hinterlässt. Auch du bist bereit. 
Während des Marsches herrscht vollkommene Stille; keiner wagt es, auch nur einen Ton von sich zu geben. Bisher scheint euch niemand bemerkt zu haben, und du bist dankbar dafür. Trotzdem erwartest du hinter jedem Felsen einen Feind, meinst bei jedem Geräusch ein Raubtier kommen zu hören, bildest dir bei den Schatten der kantigen Felsen bedrohliche Gestalten ein. 

Es ist immer das Gleiche. Wenn man erwartet, dass etwas kommt, dann erscheint es wie von selbst, so als hätte man es gerufen. 

Mit einem schrecklichen Schrei, bei dem beinahe dein Trommelfell geplatzt wäre, erscheint ein schwarzer Punkt am Himmel, der mit unheimlicher Geschwindigkeit immer größer wird. Reflexartig duckst du dich und hebst abwehrend deinen Arm, um nach dem Angreifer zu werfen, doch er ist nicht nah genug – noch nicht. 
Deine Augen sind starr auf den riesigen Greifvogel gerichtet. Noch ist er weit entfernt, trotzdem ist er nur zu gut zu sehen, ist er doch um ein vielfaches größer als ihr es seid. Der große Schnabel öffnet sich ein weiteres Mal und der Raubvogel stößt einen weiteren Ruf aus, der sich in deinen Ohren wie ein Kampfschrei anhört. Seine Flügel, die eine stolze Spannweite von acht Metern haben, bringen ihn immer näher und näher. 

„In Deckung!“, hörst du einen der anderen brüllen und wirst dadurch aus deiner Starre gerissen. Sofort suchst du Schutz hinter einem der Felsen, den Arm noch immer erhoben, und wartest nur darauf, dass der Vogel über dich hinweg segelt. Sekunden später ist dies der Fall und ein schwarzer Schatten rauscht über dir vorbei. Du holst weit aus und schleuderst den Stein mit aller Kraft in die Richtung des Avrils, der einem wahren Steinhagel ausgesetzt wird. 

Das Tier kreischt wütend auf und bremst seinen Flug ab, die Flügel schlagen wild umher, dann setzt es zu einem Sturzflug an. Sofort schnappst du dir einen neuen Stein und wirfst, doch einige sind nicht so schnell wie du. Und genau die hat sich der Avril ausgesucht. 
Ein verzweifelter Schrei erklingt einige Meter von dir entfernt, als der Vogel sich wieder in die Lüfte erhebt und davonfliegt. Dein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, als du den schmalen Körper eines Melodie in den zwanzig Zentimeter langen Krallen des Greifvogels siehst, dessen Silhouette allmählich hinter den Bergen verschwindet. 

„Nein!“ 
Ein markerschütternder Schrei bringt dich dazu, dass du dich umdrehst. Du siehst, wie eine weibliche Melodie mit blonden Locken entsetzt hinter einem Felsen hervorstürzt und in die Richtung losrennt, in die der Avril verschwunden ist. 
„Nein! Wir müssen ihm helfen, wir müssen ihn zurückholen!“, kreischt sie verzweifelt, als die anderen Melodie sie festhalten und am Weiterlaufen hindern. Du siehst, wie ihre gelben Augen sich mit Tränen des Schmerzes füllen, und du bist kurz davor, es ihr gleich zu tun. Doch es bringt nichts, und so verbietest du es dir, dich der Schwäche hinzugeben. 

„Wir müssen weiter.“ Eskil hält die Melodie noch immer am Arm fest, auch wenn diese nicht mehr den Anschein macht, dass sie ihrem verlorenen Freund hinterher laufen wird. Du begibst dich aus der Deckung und schließt dich deinen Gefährten an, die sich bedrückt wieder auf den Weg machen. Ihr seid erst am Anfang eurer Reise, und die Tatsache, dass ihr bereits einen Toten zu beklagen habt, erschüttert jeden von euch. Denn eines ist sicher: Der entführte Melodie wird bei den Raubvögeln nicht mehr lange leben. 

Den Rest des Weges legt ihr schweigend und unbeschadet zurück. Ihr habt Glück; kein anderes Raubtier greift an, um ein weiteres Opfer zu fordern. Fast ist es schon zu ruhig, zu friedlich. Du wagst es nicht, dich in Sicherheit zu wiegen, glaubst nicht daran, dass die ganze, lange Strecke frei von weiteren Raubtieren ist, musst unwillkürlich an einen Hinterhalt glauben und kannst im nächsten Moment nur den Kopf über dich selbst schütteln. Eure Feinde sind Tiere – gefährliche, tödliche Jäger, ja, aber letztendlich doch nur Tiere. Außerdem haben sie es bei weitem nicht nötig, einen Hinterhalt zu planen. Es werden sich noch genug Gelegenheiten für sie bieten, wenn ihr euer Ziel erreicht habt. 

Endlich habt ihr es geschafft, der erste Teil deiner Reise ist vorbei. Vor euch erstrecken sich die Gewässer zwischen den majestätischen, hohen Bergen, in denen die schützenden Höhlen versteckt liegen, die dir bisher ein sicheres Heim geboten haben. Diese Tage aber waren nun vorüber. 
Bei dem Anblick des Wassers vergisst du für einen Augenblick all deine Sorgen und Ängste und spürst wieder die Aufregung, die dich schon heute Morgen aus der Höhle getrieben hat. Dein Herz schlägt mit einem Mal schneller, alles in dir schreit danach, zu dem sumpfartigen See zu laufen, vergessen sind die Bedrohungen, die wie eine schwarze Gewitterwolke über dir geschwebt haben. 

Du kannst dich nicht mehr halten, den Melodie in deinem Alter ergeht es ebenso. Ihr beginnt zu laufen, vorbei an den Jüngeren, weg von den schützenden Felsen, hin zu dem seichten Tümpel. 

In diesem Moment bricht das Chaos aus. 

Schreie ertönen und mit einem Schlag ist alles wieder da, du verspürst wieder Angst. Du schaust nicht mehr zurück, sondern sprintest ohne zu zögern so schnell wie du kannst zu dem See, ehe du angegriffen werden kannst. Neben dir bewegt sich etwas dunkles, du wirst von Panik erfasst. Dein Körper wird von Adrenalin durchflutet und du legst die letzten Meter beinahe fliegend zurück, schließt angsterfüllt die Augen und öffnest sie erst wieder, als deine geschundenen, nackten Füßen das kühle Nass erreicht haben. Du stolperst, fällst hin, willst zu einer tieferen Stelle robben und untertauchen, in Sicherheit schwimmen.

Es kommt nicht dazu. 

Eine Hand packt dich am Knöchel und zieht dich mit einem heftigen Ruck zurück ins Trockene. 
Dein Herz scheint für den Bruchteil einer Sekunde stehen zu bleiben; du willst schreien, doch deine Kehle ist wie zugeschnürt; du verstehst nicht, was passiert. Panisch blickst du dich um und suchst nach einer Erklärung, doch das, was du siehst, hättest du nicht erwartet. 

Nicht ein einziges der dir bekannten Raubtiere hat euch angegriffen. Weder die Avril noch die Reel oder irgendwelche anderen Bestien haben sich zu den Tümpeln gewagt. Nicht sie sind es, die deine Gefährten zum Schreien bringen. 

Dein Blick wandert hoch zu der Gestalt, die dich aus dem Wasser gerissen hat und die dich rücksichtslos hinter sicher her zerrt. 
Du siehst es nur von hinten, jedoch erinnert dich der Kopf des Wesens an den einer Echse, was nicht zuletzt an den grünlichen Schuppen liegt, die scheinbar seinen ganzen Körper bedecken. Es ist mit seinen zwei Armen und zwei Beinen eindeutig humanoid, auch wenn du noch nie in deinem Leben ein solches Geschöpf gesehen hast. Obwohl du das durch deine Lage nicht genau einschätzen kannst, weißt du, dass es groß ist – größer als du. Viel größer. 
Der größte Teil seines Körpers ist mit einer Art leichtem Schutzpanzer bekleidet, welcher die breiten Schultern noch breiter wirken lässt; lediglich der Kopf, die Hände und die Füße zeigen die grünen Schuppen. 
Es trägt keine Schuhe, und so kannst du drei Klauen anstelle eines Fußes erkennen, welche in spitzen und scharfen Krallen enden. Auch die Hand, die dich aus dem Wasser gezerrt hat, hat keine fünf Finger, sondern drei ebenfalls mit Krallen ausgestattete Klauen, die sich schmerzhaft in dein Bein bohren und dich vor Schmerzen aufstöhnen lassen. 
Mit einer ruckartigen Bewegung wendet es den Kopf zu dir und sieht ungehalten auf dich herab, und du schaust wie erstarrt in seine orange-roten Augen, deren Anblick dir einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Du weißt, dass du von ihm keine Gnade zu erwarten hast. 

„Hör auf, so rum zu zappeln!“, knurrt es dich mit definitiv männlicher, zischender Stimme an, als du beginnst, dich zu wehren. Es ist also ein Er, und er ist alles andere als begeistert über deinen Versuch, seinem festen Griff zu entkommen. 

Endlich findest du deine Stimme wieder und schreist, während du nicht im Traum daran denkst, den Worten deines Angreifers Folge zu leisten und einfach aufzugeben. Stattdessen trittst du wie wild um dich, versuchst mit einer Hand, dich an den Gewächsen, die am Seeufer sprießen, festzuhalten, während deine andere Hand nach einem Stein, einer Waffe sucht. Du greifst ins Leere; außer Schlamm und Gras findet sich nichts, was dir zur Verteidigung dienen kann. Du bist wehrlos, dem Feind ausgeliefert, rufst entmutigt um Hilfe, musst aber feststellen, dass niemand da ist, der dir helfen kann. 

Während du deine Umgebung hilfesuchend mit Blicken abtastest, siehst du, wie eine dieser Echsen die blonde Melodie, die vorhin um ihren verlorenen Freund getrauert hat, festhält, während eine zweite sie fesselt. 
Mit einigen anderen deiner Gefährten geschieht dasselbe, doch du bemerkst, dass nicht alle aus der kleinen Gruppe, in der ihr aufgebrochen seid, noch hier sind. Du zitterst vor Aufregung. Ist ihnen eine Flucht geglückt? Sind sie ihren Angreifern entkommen? Wo sind sie? 
Dir schwirren tausend Fragen durch den Kopf, doch eine ertönte immer wieder und wieder, fast wie ein Echo, in deinem Kopf, drängt sich immer wieder in den Vordergrund und bringt nagende Verzweiflung mit sich: Wieso hilft mir niemand? 

Dein Peiniger hat sich von deinem Fluchtversuch nicht beeindrucken lassen und packt dich nun bedrohlich knurrend mit beiden Händen, ehe er dich wie einen Sack über seine Schulter wirft. Halb verzweifelt, halb wütend schlägst du auf seinen Rücken ein und versuchst dich zu befreien, aber er ist zu kräftig, als dass du ihm entkommen kannst. 

Er geht weiter, trägt dich fort von deinen Freunden. Du spürst, wie deine Kräfte nachlassen, und hörst auf, dich zu wehren. Du hast Angst – schreckliche Angst. Angst vor dem, was mit dir passieren wird; Angst davor, was mit den anderen – mit Eskil – geschehen wird. 
Doch zwischen all der Angst, die dich zu lähmen scheint und die dir die Möglichkeit verwehrt, dir selbst zu helfen, wird dir allmählich etwas klar, das alles andere in den Schatten stellt. Du kannst es fühlen; tief in dir drin spürst du die Gewissheit. 

Es hat begonnen. 

Die Zeremonie des Wandels. Dein Körper muss es gespürt haben, als du das Wasser erreicht hast. Er muss es als Signal aufgefasst haben, dass es endlich so weit ist, dass nun keine Gefahr mehr droht. 

Unwillkürlich tastest du deinen Hals ab, suchst nach Spuren von Kiemen, die im Laufe der Zeremonie deine Lungen ersetzen und dir das Atmen auf dem Land unmöglich machen werden. Erleichterung durchströmt dich, als deine mit Schwimmhäuten versehenen Finger nichts als glatte Haut vorfinden, doch sie hält nicht lange an. Bald würden die ersten Veränderungen sicht- und spürbar sein, und dann musst du in den See zu den sauerstoffproduzierenden Algen, die dein Überleben sichern würden und wegen denen ihr diese Reise überhaupt angetreten habt. 
Die Algen sind lebenswichtig für deine Spezies, denn am Anfang dieses neuen Lebensabschnitts reichen die neuen Kiemen allein nicht aus, um genug Sauerstoff aus dem Wasser zu filtern, damit ihr überleben könnt. Ohne sie würdet ihr ersticken, ihr würdet sterben. 

„Ihr dürft mich hier nicht wegbringen.“ Deine Stimmte klingt leise und brüchig, sodass du dir nicht sicher bist, ob dein Angreifer dich gehört hat. Du holst tief Luft, dann wiederholst du deine Worte, diesmal lauter: „Ihr dürft mich hier nicht wegbringen!“ 
Anstatt zu antworten, setzt er dich unsanft auf dem Boden ab. Einen Moment lang glaubst du, er wolle dich schlagen, und ziehst den Kopf ein. Dann stellst du fest, dass er sein Ziel erreicht hat. Du sitzt direkt vor der Laderampe eines Raumschiffes und kannst geradewegs in den Lagerraum blicken, in dem du zu deinem Entsetzen weitere Melodie entdeckst. 

Plötzlich wirst du von einer anderen Echse am Hals gepackt und hochgezogen, bis deine Füße mehrere Zentimeter über den Boden baumeln. Hektisch schnappst du nach Luft und versuchst dich aus dem Griff zu winden – vergeblich. 
Der Anführer der Echsen – ein Gefühl sagt dir, dass er hier das Sagen hat – hat scheinbar deine Worte gehört. „Hältst du uns für dumm, Fisch?“, zischt er dich verächtlich an, während er mit ruhigen Schritten den Lagerraum betritt, wo er dich achtlos auf den kalten, metallenen Boden fallen lässt. 

„Nein … bitte, wir werden sonst sterben …“, bringst du mühsam hervor, wobei dir nicht auffällt, dass er dich Fisch genannt hat – und das, obwohl du zurzeit kaum von einem Menschen zu unterscheiden bist. Dir fällt auch nicht auf, dass die anderen Melodie in dem Lagerraum alle in deinem Alter sind und damit ebenfalls kurz vor der Verwandlung stehen. Wäre es dir aufgefallen, hättest du dich vielleicht gewundert. Vielleicht hättest du es dann aber auch mehr verstanden. Vielleicht hättest du begriffen, dass eure Angreifer euch nicht zufällig als Opfer ausgewählt haben, dass es einen Grund gibt, wieso sie es gerade heute gerade auf dich und gerade auf die anderen in deinem Alter abgesehen haben. Vielleicht wäre dir klar geworden, dass eure Entführer mehr von euch wissen als erwartet. Vielleicht hättest du dich gefragt, ob das alles die Dinge besser oder noch schlechter macht. 

Aber es ist dir nicht aufgefallen. Zu erschöpft bist du von eurer Reise und dem Angriff, zu groß ist deine Angst. Du bist nicht mehr in der Lage, solche Feinheiten zu bemerken. Das letzte, was du überhaupt bemerkst, ist der Schlag, den dir eine der Echsen verpasst, um dich zum Schweigen zu bringen. Deine Welt versinkt in Dunkelheit.

Als du wieder aufwachst, dauert es eine Weile, ehe du dich halbwegs zurechtfinden kannst. 
Es ist vollkommen finster, und obwohl du deine Augen weit aufgerissen hast, kannst du kaum etwas erkennen. Um dich herum herrscht absolute Stille; kein einziges Geräusch ist zu hören, und einen Augenblick lang zweifelst du daran, ob du wirklich wach bist. 
Ganz allmählich erinnerst du dich an die vergangenen Geschehnisse. Dein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen, als du an die Entführung und an die anderen denkst. Mühsam versuchst, deine letzten Erinnerungen vor deinem inneren Auge abspielen zu lassen, doch alles wirkt verschwommen. Dein Kopf pocht schmerzhaft, du fühlst dich seltsam beengt, fast schon erdrückt, so als würde dich irgendetwas unter Wasser halten. 

Du willst dich bewegen, dich befreien – und stellst fest, dass du wirklich unter Wasser bist. 
Erschrocken schnappst du nach Luft, atmest tief ein, während ein Teil in dir schreit, dass das ein Fehler ist, dass das Wasser deine Lungen füllen und dich ertrinken lassen wird. 

Nichts dergleichen passiert. 

Du öffnest den Mund, Wasser strömt herein, doch du spürst weder einen Würgereiz, noch glaubst du, zu ersticken; im Gegenteil: Du fühlst dich seltsam befreit und bekommst den lebenswichtigen Sauerstoff. Verwirrt neigst du deinen Kopf zur Seite, deinen Mund noch immer offen, und langsam dämmert es dir. 
Deine Hände gleiten durch das Wasser, tasten vorsichtig deinen Hals entlang. Tatsächlich, es ist geschehen. 

Anstelle der glatten Hautoberfläche fühlst du schmale Einkerbungen. Kiemen. Die Zeremonie des Wandels hat begonnen, deine Kiemen haben sich entwickelt. 
Doch wie kannst du außerhalb des Sees leben? Deine Kiemen können noch lange nicht so weit entwickelt sein, dass Wasser alleine zum Überleben ausreicht. Suchend greifst du mit deinen Händen um dich herum, bis du etwas Weiches, Glitschiges zu fassen kriegst. 
Einem plötzlichen Instinkt folgend packst du es und ziehst es zu dir, wobei du einen leichten Widerstand bemerkst. Du beugst dich nach vorne, bis dieses glitschige Etwas nur noch wenige Zentimeter von deinem Gesicht entfernt ist, und atmest bewusst tief ein. 

Es sind Algen. Du merkst deutlich, wie viel leichter dir das Atmen fällt, wenn du dich in der Nähe der Alge befindest, und es fasziniert dich. Du lässt sie los, und obwohl du kaum etwas sehen kannst, weißt du, dass die Alge vom Wasser getragen davonschwebt. 

Neugierig versuchst du, deine Beine hochzuziehen, um sie genauer zu erforschen, denn gerade da wirst du dich im Laufe der Zeremonie am meisten verändern. Und wirklich: Es ist dir nicht mehr möglich, deine Beine auseinander zu spreizen, denn sie sind bereits teilweise zusammengewachsen. Bald schon würde eine fischartige Flosse vollständig an ihre Stelle treten. Andächtig fährst du mit deinen Fingern über deine Beine hinab bis zu deinen Zehen. Auch die würdest du bald verlieren. 

Deine Faszination weicht der Unruhe, als du dir wieder deiner Situation bewusst wirst und deine Erinnerungen allmählich wiederkommen. Ein Anflug von Panik erfasst dich, doch du zwingst dich, dich nicht aufzuregen – es würde dich nur Kraft kosten; Kraft, die du vielleicht noch brauchen wirst. 
Du beschließt, die Lage genauer zu erkunden, und beginnst zu schwimmen. Es fällt dir überraschend leicht, dich unter Wasser zu orientieren, und die Schwimmhäute zwischen deinen Fingern erleichtern dir deine Bewegungen. Weit kommst du aber nicht; bald schon stößt du auf eine Barriere aus Glas. Behutsam erkundest du die Glaswand, bis du dir ein ungefähres Bild von deinem Gefängnis geschaffen hast. 

Offenbar befindest du dich in einem Wassertank, der gerade einmal groß genug ist, damit du dich ein wenig darin bewegen kannst. Probehalber schlägst du gegen die gläserne Wand. Nichts passiert. Du hättest auch nicht erwartet, dass du stark genug bist, um die Barriere zu durchschlagen, und ehrlich gesagt bist du fast froh darüber. Dank der Kiemen ist es dir praktisch unmöglich, eine längere Zeit außerhalb von Wasser zu überleben. Wäre dein voreiliger Versuch gelungen, wärst du wahrscheinlich erstickt. 

Unschlüssig treibst du im Wasser umher, wirst hin und wieder von einigen Algen berührt, die durch das von deinen Bewegungen in Aufruhr gebrachte Wasser schweben. 

Plötzlich hörst du ein lautes Geräusch, das vom oberen Ende des Tanks kommt, und mit einem Mal wirst du von hellem Licht geblendet. Ohne über die Konsequenzen nachzudenken und in der Hoffnung, dass dort deine Rettung auf dich wartet, schwimmst du hinauf und erreichst die Wasseroberfläche. Anders als zuvor, als du dein Gefängnis erforscht hast, kannst du nun deinen Kopf aus dem Tank stecken. Jemand hat ihn scheinbar geöffnet, doch deine Augen gewöhnen sich nur langsam an das grelle Licht, sodass du diesen Jemand nur schemenhaft erkennst. 

Ein leises Zischen verrät dir, dass der Jemand dich entdeckt hat. „Auch wieder wach, Fisch?“, hörst du seine Stimme sagen, und das bisschen Hoffnung, das in dir aufgekeimt ist, verschwindet wieder. Es ist die Stimme deines Entführers, der dich aus dem Wasser gezerrt hat. 
„Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?“, verlangst du zu wissen, wobei du versuchst, deine Stimme möglichst ruhig zu halten. Du willst nicht, dass er irgendeine Schwäche heraushört. 
„Das hat dich nicht zu interessieren. Sei einfach froh, dass es jemanden gibt, dem etwas an deinem Wohlergehen liegt, denn sonst würde es dir hier nicht halb so gut gehen“, erwidert er ungerührt. 
Mittlerweile haben sich deine Augen besser an das Licht gewöhnt. Die Lichtquelle befindet sich direkt hinter ihm, sodass du sein Gesicht nicht genau sehen kannst, aber das meiste kannst du trotzdem erkennen. So siehst du auch, wie er etwas aus einer Tasche holt und in deinen Tank wirft. „Guten Appetit!“, sagt er. „Und denk nicht daran, zu fliehen! Nicht, dass du es könntest …“ Lachend verschwindet dein Entführer aus deinem Blickfeld. 

Du überlegst kurz, ob du es darauf ankommen lassen willst, musst aber einsehen, dass er Recht hat. An Flucht ist nicht zu denken, wie du dir widerwillig eingestehen musst. Außerdem fällt dir das Atmen außerhalb des Wassers immer schwerer, und so bleibt dir nichts anderes übrig, als wieder unterzutauchen. 

Langsam meldet sich auch dein Magen und verlangt nach Nahrung. Du tauchst tiefer und suchst nach dem, was er in den Tank geworfen hat. Zu deiner Überraschung findest du einen Fisch vor – nicht irgendeinen Fisch, sondern einen jener Art, wie sie in den unterirdischen Seen in den lilanen Bergen wie Sistra Mountain, deiner Heimat, zu finden sind, in denen du unter normalen Umständen nach deiner Verwandlung gelebt hättest. Der Fisch ist bereits tot, doch in dem hellen Licht ist der typische, silberne Rücken nur zu gut zu erkennen. 
Zögerlich betrachtest du deine Mahlzeit und wägst gedanklich ab, ob die Echsen Gift reingetan haben, doch der Hunger ist größer als deine Vorsicht. Zu Beginn noch zaghaft, dann mit immer mehr Appetit verspeist du den Fisch. Wie lange ist es her, seit du das letzte Mal gegessen hast? Viel zu lange, so viel ist sicher. Der Fisch schmeckt köstlicher als alles, was du je gegessen hast. 

Als du fertig bist, ist der gröbste Hunger gestillt und nicht mehr in der Lage, deine Gedanken und Sorgen zu übertönen. Das grelle Licht scheint noch immer auf den Tank hinab, sodass du die blau-grünen Algen sowie dich selbst und auch die Grenzen deines Gefängnis‘ deutlich sehen kannst. Das, was außerhalb der Glaswände liegt, kannst du nicht erkennen, denn der Rest des Raums ist weiterhin in Finsternis getaucht. 
Es herrscht absolute Stille, nur das Wasser, das in kleinen Wellen gegen den Rand des Tanks schwappt, ist zu hören. Kein anderes Lebewesen scheint hier zu sein, du bist allein. Aber wo ist „hier“? Dass du nicht mehr auf Yavin VIII bist, ist dir klar. Angestrengt denkst du nach, suchst in deinen Erinnerungen nach einer Erklärung. Nach dem Angriff wurdest du zu einem Raumschiff gezerrt … du erinnerst dich, dass der Anführer dich in den Lagerraum zu den anderen Melodie geschleppt hat … zu den anderen … zu den …

Dein Herz scheint für einen Moment stehen zu bleiben, als du dir dieser Sache bewusst wirst. Bevor du bewusstlos geschlagen wurdest, wurdest du zu den anderen gebracht, doch die anderen sind nicht da. Die anderen Melodie sind weg, wurden von dir getrennt, wurden weggebracht – oder schlimmeres. Du bist allein, einsam, irgendwo im nirgendwo, ohne zu wissen, wo deine Gefährten sind oder was aus ihnen geworden ist. Und du bist gefangen. 
 

~~~



In den nächsten Tagen stellst du immer mehr Veränderungen an dir fest. Deine Beine sind nun endgültig zu einer einzelnen Schwanzflosse verwachsen, das Atmen unter Wasser fällt dir immer leichter. 
Hin und wieder bekommst du Besuch von deinen Entführern, wenn sie dir weiteren Fisch bringen. Du fragst nicht mehr, weshalb sie so viel über deine Spezies Bescheid wissen, sondern lebst stumm vor dich hin. 
Das helle Licht wird in regelmäßigen Abständen an- und wieder ausgeschaltet. Du vermutest, dass die Echsen damit einen Tag auf Yavin VIII simulieren wollen, um den Algen genügend Energie für Photosynthese bereitzustellen, ohne die sie den für dich noch lebenswichtigen Sauerstoff nicht produzieren könnten. 
Die Zeit vergeht, du vegetierst vor dir hin. Anfangs haben deine Gedanken sich regelrecht überschlagen, haben nach einem Ausweg gesucht, doch nach einiger Zeit sind sie verstummt. Am Ende ist da nur noch der Wechsel zwischen Hell und Dunkel, zusammen mit dem leisen Schwappen des Wassers. 

Du weißt nicht, wie lange du in dem Wassertank gefangen warst. Obwohl du fest an deine Theorie mit der Simulation eines Sonnentages mithilfe des Lichts glaubst, hast du dir nicht die Mühe gemacht, die Tage mitzuzählen; wahrscheinlich wäre das Ergebnis niederschmetternd gewesen. Du weißt nur, dass deine Verwandlung abgeschlossen ist und du die Algen nicht mehr brauchst, als deine Zeit in dem Tank zu Ende ist. 
 

~~~



Ein lautes Krachen hallt im Lagerraum wieder und klingt nach der schier endlosen, selten durchbrochenen Stille schrecklich fehl am Platz. Ruckartig hebst du deinen Kopf, doch helles Licht lässt dich kurzzeitig erblinden. Zu deiner Verwunderung kommt das Licht aber nicht wie sonst von oben, sondern scheint von der Seite her herein und erleuchtet den ganzen Raum. 
Ehe du dich endlich umsehen kannst, spürst du, wie der Tank in Bewegung gesetzt und in Richtung des Lichts schwebt. Ein Teil des Wassers schwappt über den offenen Rand deines Gefängnis‘, doch das ist dir egal. Du kannst eine gewisse Aufregung nach all der Zeit nicht verleugnen, wagst es jedoch nicht, an die Frontscheibe zu schwimmen, um dich umzusehen, bleibst aber wachsam. 

Du merkst, wie der Tank sich über eine Rampe abwärts bewegt und dich nach draußen bringt. Ein Blick über die Schulter verrät dir, dass du dich bis vor kurzem in dem Raumschiff befunden hast, das du noch auf deinem Heimatplaneten gesehen hast, und dieses nun in deinem schwebenden, von einer der Echsen gesteuerten Gefängnis verlässt. Dir wird bewusst, dass du längst nicht mehr zu Hause bist. Es ist dir schon längst klar gewesen, es ist die einzige logische Schlussfolgerung gewesen, aber dennoch hat ein Teil von dir darauf gehofft, dass das alles nur ein Missverständnis ist. Ein Missverständnis. Als ob so etwas aus Versehen passieren könnte. 

Mit einem Mal bleibt der Tank stehen und du wirst durch den plötzlichen Stopp einige Zentimeter weit nach vorne getrieben, kannst dich aber abfangen. Dein Blick wandert wieder nach vorne, du siehst dich um. Du befindest dich auf einer Landeplattform vor einem großen, palastartigen Gebäude mit rundem Kuppeldach, das von hohen Bergen und einer weiten Sandwüste umgeben wird. 
Lange bleibt dir nicht, um die neue Umgebung mit Blicken zu erkunden; schon entdeckst du sowohl die anderen Echsen als auch weitere, dir unbekannte Wesen. 

„Ah! Wunderbar!“, hörst du einen Mann rufen, welcher mit schnellen Schritten auf dich zu kommt. Seine Stimmte ist durch das Glas und das Wasser leicht gedämpft, doch dein Gehör ist gut genug, um ihn klar und deutlich zu hören. Er ist größer als du selbst es in deiner menschlichen Phase gewesen bist, wird aber trotzdem um einiges von den Echsen überragt. Seine Ohren sind auffallend groß und laufen spitz zu, sein ganzer Körper ist von dichtem Haarwuchs überdeckt und stämmig gebaut, seine Haltung ist die eines Mannes, der in Reichtum und Wohlstand lebt. „Eines muss man euch Trandoshanern lassen: Ihr seid sehr zuverlässig bei der Jagd. Ein äußerst seltenes Exemplar, kaum jemanden bekannt. Sie wird meine Sammlung wunderbar ergänzen!“ 

Bei dem Lächeln, dass er dir zuwirft, spürst du eine eisige Kälte in dir aufsteigen. Was hat das zu bedeuten? Was für eine Sammlung? Was will er von dir? 

„Aron wird sich um die Bezahlung kümmern. Wenn ihr mich entschuldigt.“ Der Mann nickt den Echsen zu, die sich scheinbar wenig von seinen Worten beeindrucken haben lassen, und auf sein Handzeichen hin setzt der Tank sich wieder in Bewegung und folgt ihm, während er vom Landeplatz wegstolziert. 
Unsicher schwimmst du nun doch zu der Glasscheibe und beobachtest das Geschehen. Ihr betretet das Gebäude, dessen Inneres prunkvoll ausgestattet ist. Trotz deiner Lage kannst du nicht anders als diesen Ort zu bestaunen, durch dessen lange Gänge du gebracht wirst. Der schier endlose Gang hat eine hohe, goldverzierte Decke, welche von mehreren Säulen gestützt wird; an den Wänden der einen Seite sind Panoramafenster eingelassen, die einen atemberaubenden Blick auf die Wüstenlandschaft gewähren. 

„Hübsch, nicht wahr?“, grinst der Mann, als er deinen Blick bemerkt. Sofort siehst du zur Seite, weigerst dich, seine Worte zu bestätigen. Soweit du es verstanden hast, ist er der Drahtzieher hinter der ganzen Sache, und das macht ihn nicht gerade zu deinem Freund. Du beschließt, ihm keine Genugtuung zu verschaffen und zu schweigen. 
Er scheint allerdings auch nicht mit einer Antwort deinerseits zu rechnen, sondern redet einfach weiter, so als würde er eine Gruppe Touristen durch ein Museum führen. „Ich bin sicher, du wirst dich hier hervorragend machen. Es ist alles bereitgestellt; du bekommst ein schönes, großes Becken, kein Vergleich zu diesem kleinen Ding hier. Meine Gäste werden dich lieben, so etwas wie dich sieht man selten, wenn überhaupt. Hat mich auch ganz schön viel Forschung gekostet, um dich zu finden. Es ist tausende Jahre her, seit man irgendetwas von euch gehört hat. Aber darum gehört meine Sammlung auch zu den besten überhaupt: Ich schrecke nicht davor zurück, den Gerüchten so lange nachzugehen, bis ich finde, was ich suche. So habe ich auch die anderen Exemplare gefunden – ah, da sind wir ja.“ 

Ihr seid vor einem großen Tor angekommen. Mit flinken Fingern tippt der Auftraggeber deiner Entführung einen Code in das dafür vorgesehene Tastenfeld, und das Tor öffnet sich. 

Der Anblick übertrifft alles, was du dir je hättest vorstellen können. 
Hinter dem Tor liegt eine gigantische, mehrere Meter hohe Halle, die im Vergleich zu dem Gang grob in einen Felsen eingearbeitet zu sein scheint und in der sich unzählige Käfige befinden – Käfige, die ebenso unzählige Wesen beherbergen, Wesen in den verschiedensten Größen, Farben und Formen, Wesen, wie du sie noch nie zuvor gesehen hast und die du dir nicht einmal in deinen Träumen hättest vorstellen können. 

Während der Tank weiterschwebt, betrachtest du staunend die verschiedenen Käfige und ihre Insassen. Einige Käfige hängen von der hohen Decke hinunter und du erhascht zwischen den Gitterstäben einen Blick auf große Tiere mit mächtigen Schwingen, die dich an die Avril erinnern. Dann sind noch überall in den Wänden und im Boden vergitterte Einbuchtungen eingelassen, durch die du verschiedene Lebewesen sehen kannst. 
Der Tank überquert eine besonders große Grube, die durch ein Energiefeld verschlossen ist, und du siehst eine riesige Bestie, die an einem Knochen nagt, der dich selbst an Größe übertrifft. Die Bestie scheint euch zu bemerken und blickt zu dir nach oben. Ihr darauffolgendes Brüllen bereitet dir Unbehagen, obwohl du dir ziemlich sicher bist, dass sie vorerst keine Gefahr für dich ist. Wo bist du nur hineingeraten? 

Ihr habt das Ende der Halle erreicht und der Tank steht nun auf einer metallenen Plattform, die euch weiter nach oben bringt. Für einen Moment glaubst du, dass du wie die Flugtiere in einen der Käfige kommst, die von der Decke herunter hängen, doch schon im nächsten Moment bleibt die Plattform in der Mitte der Strecke stehen und gibt den Blick auf einen Raum mit deutlich niedrigerer Deckenhöhe frei, der nur von wenigen Lichtern erhellt wird. In der Ferne meinst du die spiegelnden Reflektionen von Wasser zu sehen, auf die ihr euch nun zu bewegt. 

„Taro! Komm her!“, hörst du den behaarten Mann plötzlich rufen, wobei dir die Veränderung in seiner Stimme auffällt. Er spricht in klarem Befehlston, der keinen Widerspruch duldet und klarmacht, dass jedem, der sich seinem Befehl widersetzt, grausames widerfährt. 
Lange kannst du darüber jedoch nicht darüber nachdenken, denn der Gerufene kommt bereits herbei geeilt. Er gehört ebenfalls einer dir fremden Spezies an und scheint etwa in deinem Alter zu sein, vielleicht sogar ein wenig jünger, jedoch ist er deutlich größer und von schlankem Körperbau. Seine Haut ist von einem matten Grün, und im Gegensatz zu dem Mann, der ihn gerufen hat, besitzt er kein einzelnes Haar, soweit du es erkennen kannst. Am auffälligsten aber sind für dich die beiden tentakelartigen Fortsätze, die sich an seinem Hinterkopf befinden und zum Ende hin spitz zulaufen. 

„Meister Azim“, sagt er leise, als er vor euch zum Stehen kommt, und neigt mit gesenktem Blick den Kopf. 
Azims Blick wirkt verächtlich, als er dem jungen Mann, Taro, die nächsten Anweisungen gibt. „Kümmere dich um mein neustes Sammlerstück. Wehe, wenn du es verunstaltest, dann wirst du dafür bezahlen!“ 
Taro nickt, wobei er es nicht wagt, den Kopf zu heben. Du beobachtest das Szenario und langsam meldet sich die Angst zurück. Dir ist klar, dass du früher oder später genauso behandelt wirst – keine besonders schöne Aussicht. 

Azim wendet sich ohne ein weiteres Wort ab und schreitet davon, woraufhin Taro den Tank weiter in den Raum schweben lässt. Deine Vermutung von vorhin bestätigt sich, als du das Wasserbecken weiter hinten entdeckst. Kurz vor eben jenem hält Taro an, betätigt einen Schalter und der Tank kippt zur Seite – nicht etwa in das Becken, sondern auf den Metallboden daneben. 
Ehe du dich versiehst landest du auf kaltem Stahl und beginnst panisch um dich zu schlagen, als sich das Wasser verflüchtigt. Du kannst zwar eine begrenzte Zeit lang an der Luft überleben, aber du hast nicht vor, diesen Zeitraum jetzt auszutesten. 

„Ganz ruhig! Ich will dir nichts tun“, versucht Taro dich zu beruhigen. In seinen dunkelorangen Augen liegt ein Hauch von Verzweiflung. Er ist durchaus kräftig, aber mit deiner muskulösen Schwanzflosse kann er es nicht aufnehmen – dennoch bleibt er hartnäckig. „Ich muss nur einen kurzen Gesundheitscheck machen, dann bring ich dich ins Wasser. Bitte!“ 
Widerstrebend siehst du ein, dass du wohl kaum eine Wahl hast, und wirst allmählich ruhiger. Ein letztes Mal schlägst du mit deiner Schwanzflosse auf den Boden, dann bist du still. 

Ein erleichtertes Seufzen entfährt ihm, als Taro rasch ein Gerät aus seiner Seitentasche holt und damit mit wenig Abstand über deiner Haut über deinen Körper fährt, wobei du einen schmalen, grünen Scanstrahl erkennen kannst. 
Während der ganzen Prozedur lässt du ihn nicht aus den Augen. Er wirft dir hin und wieder einen Blick zu, und nach wenigen Sekunden beginnt er zu sprechen. 

„Ich bin auch neu hier“, beginnt er mit möglichst ruhiger Stimme, doch du hörst deutlich seine Nervosität heraus. Nach kurzem Zögern fährt er fort: „Ich hab gehört, wie Azim vor seinen Gästen von dir geschwärmt hat. Du bist seine neuste Errungenschaft – er sammelt Lebewesen, wie andere es mit Kunstwerken tun. Er hält uns als Sklaven zu seiner Unterhaltung.“ Verbitterung tritt in seine Stimme. Du hörst ihm aufmerksam zu, in der Hoffnung, irgendetwas Nützliches zu erfahren. „Wenn ich könnte, würde ich fliehen und alle mit mir nehmen. Dieses Leben hat keiner verdient.“ 
Der Scanstrahl erlischt und er packt das Gerät wieder weg, dann hebt er dich vorsichtig hoch. Einen Moment lang willst du dich wehren, aber die Aufregung fordert ihren Tribut und du findest nicht die Kraft dazu, sodass dir nichts anderes übrigbleibt, als es geschehen zu lassen. 

Er setzt dich am Beckenrand ab, lässt dich jedoch nicht los. Du spannst dich an, willst dich losreißen. Er soll sich bloß nicht einbilden, dass du ihm vertraust. „Ich weiß, es ist hier schrecklich für dich“, flüstert er ernst und sieht dir fest in die Augen, „aber ich werde alles tun, damit es dir gut geht, und irgendwann werde ich einen Weg finden, um zu fliehen. Ich werde nicht zulassen, dass wir ewig hierbleiben, das verspreche ich. Irgendwann werde ich zu meiner Familie zurückkehren und du zu deiner, darauf gebe ich dir mein Wort.“ 
Sein Griff lockert sich und du springst in das Wasser, flüchtest vor ihm, tauchst tief unter und schaust erst wieder zurück, als du den Boden des Beckens erreicht hast. Schemenhaft kannst du Taros Gestalt erkennen, wie er dir eine Weile lang nachschaut; dann verschwindet er, und du atmest tief aus. 

Du siehst dich um. Das Becken ist an drei Seiten aus Stein, nur die vierte und letzte Wand ist aus Glas, doch der Bereich dahinter liegt im Dunkeln; Unterwasserpflanzen verleihen deinem neuen Gefängnis fast etwas natürliches, und tatsächlich kannst du im schwachen Licht, das durch die Wasseroberfläche hindurchscheint, einige der Silberrückenfische von deiner Heimatwelt erkennen. 
Azim hatte Recht. Er forschte und investierte so lange, bis er bekam, was er wollte – ein neues Exemplar für seine Sammlung. Dich

Mit einem Mal beginnst du zu zittern. Die ganze Zeit über hast du durchgehalten, hast gehofft, hast innerlich gekämpft, doch jetzt droht alles über dir zusammenzubrechen. Es ist ausweglos. Du bist auf einem fremden Planeten bei fremden Wesen, alleine, wehrlos, versklavt. Du fühlst dich schwach, dir wird schwindelig, als du das volle Ausmaß deiner Lage erkennst. 
Niemand ist da, der dir helfen kann. Niemand wird kommen, um dich zu retten. Du existierst zur Unterhaltung für Leute, die in dir nichts anderes sehen als ein neues, besonders ausgefallenes und seltenes Exemplar einer Sammlung von Tieren und anderen Spezies, bist kaum mehr als Ware, vergleichbar mit einem besonders schön verzierten Schmuckstück. Deine Gedanken, deine Gefühle, deine Wünsche, alles bedeutungslos, alles wertlos, unwichtig. Der Kampf ist vorbei, noch bevor du zum Gegenangriff schreiten kannst. 

Du bist nichts. 

Dir gehört nichts. 

Dir bleiben nur Worte. Worte eines Fremden, der vorgibt, ihm würde etwas an dir liegen – aus welchen Gründen auch immer. Taros Worte. Sein Versprechen

Sonst nichts. 

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Autor

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Kapitel:2
Sätze:428
Wörter:7.362
Zeichen:42.616

Kurzbeschreibung

Levina ist eine Melodie, die kurz davor ist, ihr 20. Lebensjahr zu beginnen. Als der Tag kommt und sie die Zeremonie des Wandels durchlebt, geschieht etwas Schreckliches: Fremde greifen die Tümpel an und Levina wird entführt, ehe sich ihre Verwandlung vollzogen hat. Bald darauf findet sie sich in einem gigantischen Aquarium wieder – fernab von Freunden und Familie. | Du-Perspektive.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit TwoShot und Schmerz und Trost getaggt.

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