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In meine Welt verschoben

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13.11.2017 18:26
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

6 Charaktere

Legolas

Legolas ist der Sohn des Waldelbenkönigs Thranduil. Seine Heimat ist der Düsterwald, ein riesiges Waldgebiet östlich der Nebelberge. Als Waldelb versteht er hervorragend mit dem Bogen umzugehen. Sein Name bedeutet Grünblatt.

Aragorn

Aragorn ist Isildurs Erbe. Aufgewachsen in Bruchtal wusste er lange nichts davon, doch seit seinem zwanzigsten Lebensjahr strebt er nach dem Thron Gondors, der rechtmäßig ihm zusteht. Zudem ging er mit Arwen, der Tochter Elronds, einen Bund ein.

Eirene

Das ist ein von mir selbst ausgedachter Charakter.

Arwen Undómiel

Arwen Undómiel ist die Tochter Elronds und Celebríans und wird als Abendstern ihres Volkes bezeichnet. In ihr ist die Schönheit ihrer Vorfahrin Lúthien Tinúviel wiedergekehrt. Sie verliebte sich in den Sterblichen Aragorn und kämpfte lange Jahre darum, ihn ehelichen zu dürfen. Ihr Vater willigte schließlich ein, als Aragorn die Krone Gondors erstritt.

Elladan

Elladan ist der Sohn Elronds und Zwillingsbruder Elrohirs. Nachdem ihre Mutter Celebrían von Orks geschändet wurde, schworen sie blutige Rache und kämpfen seither seit vielen Jahren mit den Dúnedain zusammen. Sie beide waren Teil der Grauen Schar.

Elrohir

Elrohir ist der Sohn Elronds und Zwillingsbruder Elladans. Nachdem ihre Mutter Celebrían von Orks geschändet wurde, schworen sie blutige Rache und kämpfen seither seit vielen Jahren mit den Dúnedain zusammen. Sie beide waren Teil der Grauen Schar.

Ich stellte das Geschirr neben das Spülbecken in der Küche und öffnete die Spülmaschine. Nachdem ich den Teller und das Besteck eingeräumt, die Maschine geschlossen und ein Programm ausgewählt hatte, überlegte ich mir beim Schlendern aus der Terrassentür, was ich jetzt wohl machen sollte.
Immerhin waren Ferien und naja in den Ferien hatte man im Allgemeinen ja nicht unbedingt viel zu tun, oder? Die wenige Schularbeit, die ich über die Ferien auf bekommen hatte und noch unbedingt in den Ferien erledigt werden musste, hatte ich entweder schon gemacht oder, und das war sehr viel wahrscheinlicher, ich schob sie auf die letzte Woche. Aber das machen wir ja alle irgendwie.
Ich schaute auf den Garten, der sich vor mir ausbreitete und blieb mit meinem Blick in der Ecke hängen, in der wir ziemlich viele Bäume hatten. Viele standen schon im Garten, bevor wir hier wohnten. Meine Eltern hatten dann beschlossen noch ein paar zu pflanzen, allerdings waren sie erst zwei bis drei Meter hoch. Ein Grinsen legte sich auf mein Gesicht, ich war schon lange nicht mehr geklettert. Und so beschloss ich einfach mal wieder auf den Apfelbaum in unserem Garten zu klettern.
Manche Leute würden vielleicht sagen, das wäre für eine 17-Jährige etwas kindisch, aber wer gibt schon etwas auf die Meinung von anderen Leuten? Ich jedenfalls habe mir das schon vor langer Zeit abgewöhnt, es vermiest dir einfach dein Leben.
Als ich wenige Augenblicke später meine Hand auf den knorrigen Stamm gelegt hatte, kamen mir die ganzen Erinnerungen aus dem Kindesalter in den Sinn, wie ich mit meinem Imaginären Freund auf die untersten Zweige geklettert war und mir vorgestellt hatte, es wäre der Mount Everest gewesen. Ja, ich hatte schon immer eine blühende Fantasie gehabt.
Oder wie ich mich vor meiner wütenden Mutter auf einen der höchsten Äste geflüchtet hatte. Ich glaube, damals hatte ich eine sehr wertvolle Vase aus Versehen von dem Esszimmertisch geschmissen. Sie hatte den Lärm gehört und mich quasi auf frischer Tat ertappt.
Sonst war mir das fast nie passiert, ich war eine Meisterin im schnellen Verschwinden. So nannte mich jedenfalls meine Freundin, die ich schon seit dem Kindergarten kannte.
Eine leichte Sommerbrise wehte durch meine kurzen, braunen Haare. Ich zog mich auf den untersten Ast und überlegte mir dabei, wie ich jetzt am besten bis in die Krone des Baumes klettern konnte. Der Apfelbaum stand schon sehr lange in dem Garten, noch bevor wir eingezogen waren und auch noch bevor die Mauer in Berlin gebaut wurde, hatte mir meine Oma erzählt. Sie wohnte schon seit ihrer Geburt in dem Dorf. Wenn man es überhaupt noch so nennen konnte, denn mittlerweile war es ein Vorort von München geworden.
Ich suchte mir meinen Weg durch das Gewirr aus Ästen und Blättern. Es war mitten im August und es hatte schon seit Tagen keinen Regen mehr gegeben. Im Herbst würde ich dann zusammen mit meinen Dad die Äpfel mit Leiter und Kübel oder einfach nur mit Klettern ernten.Wir hatten jedes Jahr so viele Äpfel, dass wir auch noch unsere Freunde und Nachbarn damit versorgen konnten.
Auf dem höchsten Ast angelangt, der mein Gewicht noch sicher tragen konnte, ohne dass er sich bog oder sogar durchbrach, suchte ich mir eine bequeme Position zum Sitzen und zupfte mir vorsichtig ein paar Blätter und kleine Ästchen aus den Haaren. Ich liebte meine kurzen Haare, die mir bis zum Kinn gingen, denn sie verwuschelten nicht so einfach und kamen mir nicht in die Quere. Es gibt nichts Schlimmeres als Haare, die dir ins Gesicht hängen oder sich irgendwo verfangen.
Entspannt ließ ich meinen Blick über das Gelände unter mir wandern. Die Idylle wurde ein klein wenig durch einen unserer Nachbarn gestört, der gerade seinen Rasenmäher ausgepackt hatte. Und wie es zu erwarten war, stand auch gleich der unbeliebteste Mensch unserer Gegend bei ihm auf der Matte und beschwerte sich über die Lärmbelästigung. Diesen Menschen mochte einfach keiner. Egal was man auch immer in seinem Garten tat, immer fiel ihm ein Grund ein sich zu beschweren und seine Frau war auch nicht besser. Alles was in der Nachbarschaft oder gar in dem Dorf passierte, wusste sie binnen weniger Minuten und tratsche es an alles und jeden weiter, der Ohren besaß und zuhören konnte.
Mein Blick glitt weiter zu den Reichen in unserem Block, die sogar einen Swimmingpool hatten. Sie stellten auch nur bei der kleinsten Möglichkeit ihr Vermögen zur Schau und protzen, mit dem, was sie sich kaufen konnten.
Schließlich sah ich verträumt auf unser Grundstück. Wie herrlich verwunschen es mit den ganzen Bäumen und Sträuchern am Rand und in den Ecken und den etwas verwilderten Blumenbeeten aussah. Eine Hecke trennten uns von den reichen Nachbarn und ein schöner, schwarzer, gusseiserner Zaum begrenzte unser Grundstück zur Straße hin. Er konnte uns allerdings nicht von den vielen Leuten abschirmen, die zu jeder Jahreszeit, auch im Winter, in unseren Garten starrten. Ich fragte mich jedes Mal, was es da eigentlich so Spannendes zu sehen gab, immerhin hatten wir nicht einen einzigen Gartenzwerg oder andere lächerliche Figuren herumstehen.
Unser Haus war auch nicht gerade sehr auffällig, unterschied sich fast überhaupt nicht von denen der Nachbarn, wenn man die reiche Familie außen vor ließ.
Ich sah unserer schwarzweißen Katze nach als sie über den Balkon unseres Hauses auf einen Baum sprang. Sie war bestimmt aus dem Schlafzimmer meiner Eltern gekommen, indem sie ein Körbchen stehen hatte, das sie auch sehr oft nutzte. Im Prinzip schlief sie nämlich 80% des Tages. Und da meine Mutter nicht unbedingt kreativ in der Namensgebung war, hatte sie sie Mimi genannt.
Mimi lief weiter, überquerte unsere Terrasse und tauchte ins Gebüsch ab. Sie suchte bestimmt nach einem Platz, der nicht so heiß wie der Rest unseres Gartens war. Ich konnte sie verstehen, wenigstens wehte hier oben in der Baumkrone dauerhaft eine leichte Brise.
„Seid gegrüßt, Ihr da oben.“
Was?
Woher kam das denn?
Aus meiner Träumerei und auch meiner Konzentration gerissen, verlor ich mein Gleichgewicht.
Ich vergaß mich festzuhalten und fiel auch prompt. Herzlichen Glückwunsch, die Schwerkraft funktionierte noch! Die ganzen Physiker konnten erleichtert aufatmen.

Ein Schrei bahnte sich den Weg über meine Lippen. Hoffentlich hörte das niemand in der Nachbarschaft, sonst wären sie nur wieder neugierig, was denn passiert war. Und würden kurze Zeit später alle am Zaun stehen oder Sturmklingeln.
Beides nicht gerade wünschenswert.
Mein Fall wurde zwar durch allerlei Geäst und Blätter abgebremst, aber weich war was anderes!
Ich versuchte mich an jedem Ast festzuhalten, der in meine Reichweite kam, aber ich hatte immer noch zu viel Schwung und schrammte nur mit meiner Hand entlang.
Ich versuchte wirklich nicht zu schreien, aber irgendwie gelang mir das nicht unbedingt so gut
Man könnte sogar sagen ich verfehlte mein Ziel ganz.
Endlich war der Boden in Sicht. Aber halt, wie sollte ich darauf landen, ohne dass es mir alle Knochen brach? Die Antwort war gar nicht.
Heute war einfach nicht mein Tag. Ich hätte es wissen müssen. Wer stieg schon auf einen Baum, wenn nicht sein Tag war? Nur die Lebensmüden unter uns.
Ich segelte immer weiter dem Boden entgegen und wappnete mich schon gegen den Aufprall und den darauffolgenden Schmerz. Ich kniff die Augen zusammen und wartete.
Und wartete.
Wo war bitte der Aufprall? Hatte er sich verlaufen? Auf niemanden war heutzutage mehr Verlass. Nicht mal auf die Physik.
Spaß beiseite. Natürlich freute ich mich, dass ich mir nichts gebrochen hatte.
Vorsichtig und sehr langsam öffnete ich meine Augen.
Und sah.
Nichts.
Es war nahezu zappenduster.
Als ich dann auch meinen Schock verdaut hatte - ob er jetzt vom Fallen an sich oder von dem nicht-auf-den-Boden-knallen kam, wusste ich auch nicht so genau - spürte ich auch wieder etwas.
Arme, die um meinen Körper lagen, der eine um meine Schultern und der andere lag unter meinen Kniekehlen. Na immerhin hatte mich keine Krake aufgefangen, denn offensichtlich hatte mein Retter nur zwei Arme.
Ich überlegte kurz, mein Kopf müsste sich an der Brust meines Retters befinden, deshalb konnte ich nichts sehen.
Hoffentlich war es nicht einer meiner bescheuerten Nachbarn, die über den verdammten Zaun gesprungen waren um sich bei meiner Familie einen Pluspunkt zu holen.
Sowas würde ich ihnen bis zu ihrem Tod übel nehmen.
An meinem Gesicht spürte ich weiches Leder.
Ich wurde neugierig.
Okay, ich wollte nun endlich wissen, ob ich meinem Retter den Arsch versohlen sollte, wenn ich ihn aus dem Block kannte oder ob ich ihm danken und und ihn vorsichtig fragen sollte, wie er hierher gekommen war.
„Egal wer du bist, es wäre nett von dir mich herunterzulassen.“ Und weil sich nicht gleich etwas tat, fügte ich noch ein „Sofort.“ hinzu.
Ich bin eine ungeduldige Person, ich weiß, aber ich arbeite daran. Versprochen. Bedauerlicherweise kam es ein wenig zu harsch aus meinem Mund.
Das Etwas, welches meinen Blick verdeckt hatte, entfernte sich von meinen Augen und mich traf die Helligkeit wie ein Schlag.
Ich blinzelte und endlich sah ich wieder etwas. Vor mir stand ein Mann und irgendwie kam er mir bekannt vor. Ich hätte aber nicht sagen können warum. Oder woher.
Ich beschloss es auf den Schock zu schieben.
Er schien deplatziert in unserem Garten.
Allein schon der Kleidungsstil war wie aus einem anderen Jahrhundert oder einer Fantasy-Erzählung.  Der dunkelgrüne Mantel, die braune Stoffhose und die Stiefel. Dazu die langen hellblonden Haare und der Bogen, den der Fremde jetzt in einer Hand hielt.
Zum Glück zielte er damit nicht auf mich, denn das wäre echt blöd gewesen.
Ganz zu Schweigen von dem Köcher Pfeilen auf seinem Rücken, der so wundervoll verziert war.
„Kennen wir uns? Ich hab dich noch nie hier gesehen?“ Der letzte Satz sollte eigentlich eher eine Feststellung werden, aber so sicher war ich mir nicht mehr, denn woher sollte ich ihn denn sonst kennen?
„Ich bin mir sicher, noch nie die Ehre eurer Gesellschaft genossen zu haben. Mein Name ist“, und bevor er den Satz vollenden konnte, traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag.
Ich war so ein Vollidiot, das mir das nicht schon viel früher aufgefallen war. Natürlich kannte ich ihn.
Viele kannten ihn und fanden ihn absolut hinreißend, attraktiv oder wie man das sonst noch nennen konnte bei einer Figur aus einem Buch. Und später aus einem Film.
Ich war so bescheuert.
Kurz atmete ich durch.
Vor mir stand Legolas Grünblatt, der Elbenprinz vom Düsterwald, Sohn von Thranduil.
Das konnte jetzt aber nicht wahr sein.
Wo kam der denn her? Regnete es jetzt Figuren aus Herr der Ringe? Das wurde heute morgen im Wetterbericht ja gar nicht erwähnt.
Und er schaute mich etwas entgeistert an. Wahrscheinlich wegen meiner modernen Kleidung oder weil ich etwas wenig anhatte. Eine Hotpants in grün und ein Tanktop in einem türkisblau, das ich einfach toll fand.Wie das im Sommer ja allgemein so üblich ist.
„..Legolas.“
„Ich weiß, ist mir auch grad eingefallen. Kannst du mir bitte verraten, wie du hierher gekommen bist? Das ist NICHT Mittelerde, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte.“
Okay, ich wusste selbst, dass ich gerade nicht sehr einfühlsam war, aber ich war selbst durch den Wind. Das konnte man mir doch nicht ankreiden.
Eigentlich war ich, also wenn nicht gerade ein Elb - den es in dieser Welt vermutlich nicht gab -  in meinem Garten stand, relativ nett und freundlich, nicht so gemein(Ich hasste mich ja schon selbst!) - und ich verstand mich in diesem Moment selbst nicht mehr. So kannte ich mich gar nicht.
Das war bestimmt der Schock, meine Entschuldigung für alles.
„Oh“, sagte der Elb und schaute sich um, mir schwante nichts Gutes.
Dummerweise rechnete ich aber nicht damit, dass der Prinz kurz darauf in Ohnmacht fallen würde wie eine zartbesaitete Märchenprinzessin.
War wohl doch zu viel Information für ihn gewesen.
Mist, ich hätte doch vorsichtiger durchscheinen lassen sollen, dass er sich nicht in Mittelerde befand.
Naja, jetzt konnte ich auch nichts mehr ändern und so machte ich mich bereit seinen Körper aufzufangen, der jetzt auf mich zu fiel.
Eine blöde Idee, wie ich einen Augenblick später feststellen sollte.
Oh, Mann, der sah ja viel leichter aus, dachte ich mir und wurde danach von dem Elben auf dem Boden festgenagelt. Ich spürte sein Gewicht sehr deutlich auf mir. Was sollte ich jetzt bitteschön machen?
Im Fallen hatte ich mich blöderweise auch noch gedreht und so lag ich nun auf dem Bauch und spürte das Gewicht von Legolas auf meinem Rücken. Aber wenigstens atmete er noch. Das ist doch schon mal was.
Ich stütze meinen Kopf auf meine Hand und zog eine Schnute.
Konnte ich den Tag nicht nochmal von vorne anfangen?

Um ein bisschen Zeit totzuschlagen spielte ich mit meinen kurzen hellbraunen Haaren und stellte dabei erschrocken fest, dass schon wieder allerlei Zweige, Blätter und Moos darin hingen.
Das ist ja mal wieder typisch für mich, ich begegne einer Figur aus Herr der Ringe, einer meiner Lieblingsfilme und schaue einfach nur miserabel aus. Wahrscheinlich hatte ich auch noch überall Schrammen von dem Absturz vorhin.
Und, oh Gott, ich hatte meine Schminke vergessen.
War nur ein kleiner Scherz.
Ich schaute mir den vermeintlichen Legolas bei der Gelegenheit auch mal etwas genauer an. Wehren konnte er sich jetzt ja nicht und dabei ertappen konnte er mich logischerweise auch nicht. Ich grinste in mich hinein, der Tag war wahrscheinlich doch nicht so schlecht, wie ich gedacht hatte.
Er lag quer auf mir, also konnte ich links neben mir sein Gesicht sehen, das mit der linken Wange auf dem Boden lag und mir zugewandt war.
Gut, er sah nicht genau aus wie Orlando Bloom, aber das machte überhaupt nichts, er sah vielleicht sogar noch besser aus; was ich eigentlich sagen wollte war, Legolas sah verdammt gut aus.
Na toll, wenn mein Hirn jetzt schon den Geist aufgab, wie sollte das nur werden, wenn ich noch was anderes als Denken managen musste, wie zum Beispiel reden?
Ich sah schon eine stotternde Version meiner selbst vor mir. Schreckliches Bild. Ich schüttelte vorsichtig meinen Kopf. Immerhin wollte ich meine Betrachtungszeit ja nicht verkürzen, indem ich ihn aufweckte. Ein leises Grinsen schlich sich auf meine Wangen.
Seine hellblonden Haare waren über den spitzen Ohren zu kleinen Zöpfchen geflochten und endeten zusammen mit den anderen Haaren unterhalb der Schulterblätter. Ja, diese typische Elbenfrisur kannten wir ja alle, obwohl sie wahrscheinlich eher Legolastypisch war. Ich bin mir sicher auch Elben haben individuelle Frisuren. Das dachte ich mir zumindest, aber ich könnte ja jetzt eigentlich mal fragen.
Ich versuchte mich langsam herumzudrehen, denn ich war ja mit dem Bauch auf dem Gras gelandet und Legolas lag mit dem Bauch auf meinen Rücken.
Plötzlich wurde mir ganz heiß, denn bei der Erkenntnis, dass ich noch nie einem Mann und sei es auch ein Elb so nah gewesen war. Zum Glück waren meine Eltern heute nicht zuhause, sie machten einen Ausflug an den Starnberger See, der in relativer Nähe lag.
Ich hatte da nicht mitfahren wollen, weil ich den See einfach, meiner Meinung nach, schon gut genug kannte – ich war immer mit meinen Großeltern hingefahren, als ich noch kleiner war - und ich heute einfach mal die Ruhe der Ferien genießen wollte.
Okay, die Ruhe, die man hier eben bekommen konnte, bei den Nachbarn und bei meinem Glück.
Apropos Nachbarn. Ich schaute mich panisch um.
Gut, es waren keine am Gartenzaum zu sehen. Ein Stein fiel mir vom Herzen.
Ich traute ihnen nicht und wenn sie das mit Legolas meinen Eltern erzählten, würden das sicher keine schönen Ferien mehr werden.
Nein, das musste ich ihnen viel subtiler beibringen. Gut, dass wir hier einen relativ toten Winkel in unserem Garten ausnutzten.
Mittlerweile hatte ich einiges versucht um elegant in die Rückenlage zu kommen, aber anscheinend wollte das dieser ohnmächtige Elbenprinz partout nicht zulassen und mir damit Eine auswischen. Dabei hätte ich doch so gerne noch ein wenig seine Körper unbemerkt angafft.
Meno.
Aber da das ja nicht ging, legte ich mich wieder zurück auf den Bauch und schaute dem Gras beim Wachsen zu.
Ein paar Schnecken liefen auch durch mein Sichtfeld, aber zum Glück waren es welche mit Haus.
Ich konnte Nacktschnecken nicht ausstehen und als ich einmal barfuß über eine gelaufen war, hatte es das auch nicht unbedingt besser gemacht.

Ich war schon fast eingeschlafen – was mir angesichts dieser Umstände (Legolas Bauch an meinem Rücken wärmte mich noch zusätzlich! Und mir war schon warm. Das ganze Gras. Wir verstehen uns. Kein gemütlicher Platz zum Wegdämmern.) wie ein Wunder erschien – da regte sich der Elb ein bisschen.
Nun war ich natürlich wieder hellwach. Wem wäre es anders ergangen?
„Ähm … Legolas ...“, fing ich zögerlich an, aber dann wusste ich nicht mehr wie ich weitermachen sollte.
Ich musste vorsichtig mit ihm sein, ich hätte wahrscheinlich auch ganz schöne Probleme (Okay, ich geb's ja zu, ich hätte massive Probleme), wenn ich an seiner Stelle in Mittelerde oder so landen würde.
Also sollte ich jetzt mal versuchen feinfühlig zu sein und nicht so mit der Türe ins Haus fallen wie vorhin.
Ich entschied mich für, „ … Bist du wach? …. Kannst du mich hören?“
Und drängte Kommentare wie 'Geh von mir runter' oder 'Wie bitteschön kommst du in meinen Garten?' in den Hintergrund.
Höflichkeit, ich mahnte mich zur Höflichkeit.
Die Frage, warum er überhaupt meine Sprache beherrschte, schob ich vorerst auch beiseite. Ich hatte noch genug Gelegenheit, darüber zu brüten.
Ich drehte ihm meinen Kopf wieder zu um zu sehen, ob er wirklich erwachte und kurz darauf schaute ich in wunderschöne eisblaue Augen.
Einen Moment sahen wir uns nur an und der Elb schien langsam die Situation zu begreifen und sprang schnell auf die Beine.
Jepp, er war definitiv ein Elb, ein Mensch hätte das so schnell nicht hinbekommen.
Alle meine Zweifel, die sich ganz langsam herangeschlichen hatten, verkrochen sich damit schmollend in die hintersten Ecken meines Bewusstseins.
„Es tut mir wirklich leid. Ihr habt mich überrascht … und mich ein bisschen überfordert mit … der Situation.“ Er zögerte kurz und reichte mir seine Hand.
Ich sah sie unverwandt an und überlegte, was er damit wohl meinte.
Was war nur mit mir los? Natürlich wollte er mir aufhelfen, ich war schon etwas schwer von Begriff heute. Ob es daran lag, dass mir noch keiner aufgeholfen hatte?
Jaja, früher war das noch ganz anders gewesen.
Oh, Gott ich hörte mich schon so an wie meine Oma.
Ich legte langsam meine Hand in die Seine und er zog mich mit einer fließenden Bewegung wieder auf die Beine.
So standen wir nebeneinander und Stille entstand.
Das sah bestimmt sehr lustig aus, ich mit meinen zierlichen 1,60m und Legolas, neben mir mit seinen - wie groß war er eigentlich? Er war doch sicherlich 1,80m, wenn nicht sogar größer.
Er musste jetzt bestimmt seine Gedanken ordnen, das verstand ich und ließ ihm die Zeit, die er dazu brauchte.
„Und du sagst dies ist nicht Mittelerde?“
Natürlich hätte ich auch 'Das letzte mal als ich nachgeschaut habe, noch nicht; du glaubst gar nicht wie viele Fans von Herr der Ringe da komplett aus dem Häuschen wären' sagen können, aber diese patzige Antwort hätte ihm sicherlich nicht geholfen. Außerdem war ich der Ansicht, dass es bestimmt nicht klug wäre einen Elben, der mit einem Bogen auf dich zielen könnte und hundertprozentig treffen würde, zu verärgern (sagt es mir, wenn ich falsch liege), also antwortete ich lieber in einem viel netteren Ton:
„Nein. Wir sind hier in Deutschland, …. genauer gesagt im Süden, …. also Bayern, …..aber ich glaube, das hilft dir auch nicht weiter.“ Was hatte ich gesagt, da war das Gestammel.
„Da mögt Ihr recht haben.“
Für das, was mir just in dem Moment eingefallen war, als Legolas mich mit 'Ihr' angesprochen hatte, würde ich mir am liebsten mit der flachen Hand auf die Stirn schlagen. Aber wie bitte schön sah das für Legolas aus? Oder wenn ich meine Kopf gegen einen Baum schlug?
Ich wollte ihm ja keine Angst machen und ihm auch nicht gleich einen Kulturschock verpassen.
Der musste uns und vor allem mich, ja für komplett gestört halten.
Nein, keine gute Idee, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass ich vergessen hatte mich vorzustellen. Das musste aber schleunigst nachgeholt werden, schließlich war ich nicht unhöflich.
Ich schaute ihn an, er sah ein wenig ratlos aus.

Irgendwie tat er mir leid. Der stolze Elbenritter, der jetzt vollkommen verloren in unserem Garten stand und nicht wusste wie es weiterging.
Aber erstmal sollte ich mich vorstellen.
„Ich habe dir noch gar nicht meinen Namen verraten. Ich heiße Eirene“ - ein kleiner Witz meiner Eltern, wir lachen uns immer noch darüber kaputt, na ja hauptsächlich sie, ich finde das nicht so lustig, auch nach 17 Jahren noch nicht - „und du musst mich wirklich nicht mit 'Ihr' ansprechen. Das ist hier auch ziemlich unüblich. Sag einfach 'du'.“
Ich muss schon sagen, ich war richtig stolz auf mich, dass ich normale Sätze formuliert hatte, auch wenn sie recht kurz gewesen waren. Immerhin. Rom wurde ja auch nicht an einem einzigen Tag erbaut.
Seine blauen Augen schauten mich wieder an, diesmal schimmerte etwas in ihnen, dass ich nicht gleich erkannte, erst als er mir antwortete, hatte ich eine Ahnung, was ich gesehen hatte.
„Ich werde das mit dem Du versuchen, versprechen kann ich aber nichts. Ich bin sehr dankbar, dass Ihr so nett zu mir seid, wo ich doch so fremd für Euch bin.“ Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Ich meine, wo ich für dich so fremd bin. Ich hoffe, ich werde die Anrede in Zukunft besser meistern.“
Ja, dass mit der Herzlichkeit war vielleicht noch ausbaufähig. Vor allem am Anfang. Und fremd war er mir ja eigentlich auch nicht, aber ich ließ es mal dabei bewenden. Das konnte ich ihm später auch noch beibringen.
„Tut mir leid, dass ich erst ein wenig überstürzt reagiert habe und dir zu viel zugemutet habe. Mich hätte so eine Situation auch mitgenommen.“
Er winkte ab. „Ihr... du warst auch überrumpelt.“
Okay, also war er nicht böse auf mich, aber das hätte mich auch gewundert, schließlich ... ja was? War er ein perfekter Elb? Das konnte ich beim besten Willen einfach nicht glauben. Jeder Mensch hatte seine Schwächen und Elben würden da sicherlich keine Ausnahme bilden.
Er deutete mein Nachdenken falsch und fügte noch hinzu: „Ich bin es gewohnt nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst zu werden, schließlich bin ich auch mit Gimli befreundet, der mich nie als Prinz behandelt, sondern wie jeden anderen auch.“ Auf sein Gesicht stahl sich ein Lächeln.
Das war ein gutes Stichwort.
„Wie kommt es, dass du nicht in Mittelerde bist?“ Jetzt gewann doch die Neugier.
„Ich habe keinerlei Ahnung. Ich weiß nicht einmal mehr wie ich hierher gekommen bin.“ Augenblicklich sah er noch geknickter aus als vorher.
Warum hatte ich eigentlich fragen müssen? Das war doch absehbar gewesen.
„Das ist unpraktisch.“ Ein Elb mit Gedächtnisverlust, ich hätte es erwarten müssen. So etwas konnte auch nur mir passieren.
Optimismus war jetzt gefragt. Oh, Gott, dass diese Rolle ausgerechnet mir zufiel? Ich war unter meinen Freunden eher für meinen Pessimismus bekannt. Gut. Versuchen wir es doch. Legolas zuliebe. Schließlich schaffte ich es immer in irgendeiner Weise traurig zu machen.... nein... das war irgendwie das falsche Wort.. .. egal ich wusste, was ich meinte.
„Das bekommen wir schon wieder auf die Reihe.“ Ich überlegte, ob ich ihn in den Arm nehmen sollte, entschied mich aber dagegen. Elben waren meines Wissens nicht erpicht darauf von Menschen abgeknuddelt zu werden.
„Ich würde sagen, dass wir erst einmal …“ Ja, mit was sollten wir denn anfangen? Ich musterte Legolas' Erscheinung. Ganz klar, andere Klamotten mussten her. „ … deinen Kleidungsstil etwas an diese Welt anpassen.“
Ich lächelte ihn zur Aufmunterung an. Das würde ein großer Spaß werden. Ich registrierte seinen fragenden Gesichtsausdruck. Dann sah er an sich herunter und schaute mich wieder an.
„Aber was ist so falsch an meiner Bekleidung? In Mittelerde...“
Ich unterbrach ihn.
„Okay, wir haben eine Menge Arbeit vor uns. Es tut mir sehr leid, dir das jetzt sagen zu müssen, aber in diesen Kleidern fällst du gleich auf. Wir sind hier nicht in Mittelerde und das sieht man mitunter auch an der Garderobe. Wir besorgen dir was Neues.“
Nachdenklich betrachtete ich ihn.
Mein Blick wurde geradezu magisch von den blauen Augen angezogen. Himmel, diese Elben.
So würde ich nie auf die Idee kommen, was ich ganz sicher – ihr kennt doch das Gefühl, wenn ihr wisst, dass ihr etwas vergessen habt, aber nicht wisst, was es ist? Genau dieses Gefühl beschlich mich gerade in diesem Moment - vergessen hatte.
Aber Nachdenken brachte ich in diesem Fall auch nicht viel, also gab ich es gleich auf.
Um mit Legolas überhaupt shoppen gehen zu können, ohne dass uns ein ganzer Schwarm Mittelerdefans folgte und uns auch keine anderen Leute blöd anschauen würden, musste ich ihm unbedingt ein paar Klamotten von meinem Vater leihen.
„Komm wir gehen ins Haus und versuchen dich einigermaßen 'normal' aussehen zu lassen.“ Mit diesen Worten zog ich ihn am Handgelenk durch den Garten. Vorbei an Hortensien und den geliebten Rosenstöcken meiner Mutter, erreichten wir die Terrasse und gingen, ich ein wenig hüpfend – so machte ich das immer – Legolas etwas zögerlich, die Treppe hinauf. Ich führte ihn durch die gläserne Terrassentüre auf der sich noch die Fingerabdrücke des letzten Besuches von dem kleinen Bruder meiner Freundin befanden – meine Mutter war nicht so ein Fan von Fenster putzen, solange man noch durchsehen konnte. Im Haus war es im Gegensatz zu der heißen Luft draußen angenehm kühl. Beim Gehen machte ich die typischen Geräusche nackter Füße auf Fliesen- und Parkettböden. Platsch, Platsch.
„Heute Nacht kannst du bei uns bleiben. Meine Eltern sind nicht da.“ Sie hatten mir heute morgen, na ja morgen ist relativ, ich war erst um 11 Uhr aufgestanden, also für andere Leute eher Mittag, eine SMS geschickt, dass sie dort bei Freunden übernachten würden. Ehrlich gesagt wollt ich lieben nicht wissen, was sie am Starnberger See trieben.
„Vielleicht kann ich meine Eltern morgen sogar davon überzeugen, dass du hier übernachten kannst und wenn ich bzw. du ganz viel Glück hast, kannst du hier womöglich für länger wohnen.“
Er schaute mich überrascht an. Wir waren unbewusst im Treppenhaus mit dem Marmorboden stehengeblieben, der sich wie Eis an meinen Füßen anfühlte.
Legolas stand direkt neben mir und sah mir schon wieder in die Augen. War das bei Elben so Sitte?
Jedenfalls musste ich mein Hirn geradezu anschreien, damit es nicht den Geist aufgab. Das war ja schon fast Hypnose, was er da betrieb.
Unsicher darüber, ob er es nicht irgendwie – ich konnte es mir zwar nicht vorstellen – falsch verstanden hatte, ergänzte ich lieber noch:
„Ich dachte mir, du musst ja irgendwo schlafen und in unserem Garten kannst du ja schlecht schlafen.“ In Gedanken fügte ich noch 'wenn dich unsere Nachbarn sehen, weiß es am nächsten Morgen die ganze Gemeinde' hinzu.
„Wie vorausschauend du bist, Eirene.“ Lustigerweise hörte sich meine Name aus seinem Mund zum ersten Mal nicht so schrecklich deplatziert an. Bei Menschen außer meinen Eltern war das nämlich immer so.
Ich wusste, dass sich meine Eltern dabei schon etwas gedacht hatten - Eirene war die griechische Göttin des Friedens - trotzdem hatte ich mir nicht nur einmal gewünscht, sie hätten mir einen ganz normalen Vornamen gegeben.
Aber das Kompliment, dass er in diesem Satz versteckt hatte, war nicht an mir vorbeigegangen. Mit Komplimenten konnte ich noch nie gut umgehen, ich war schlecht im Annehmen und jedes Mal wurde ich rot. So spürte ich auch dieses Mal das Blut in meine Wangen schießen. Normalerweise waren die Leute schon daran gewöhnt, dass ich alles immer bis zum Schluss durchplante. Deswegen arbeitete ich auch seit Jahren beim Dorffest mit.
„Ich hatte mir um meine Schlafstätte noch keine Gedanken gemacht. Ihr habt .... Du hast ein wunderschönes Heim, nicht zu vergleichen mit den Häusern der Menschen aus Rohan und Gondor.“
Er schenkte mir ein kleines Lächeln. Natürlich hatte er es nicht mit seinem Zuhause verglichen. Der Palast der Waldelben im Düsterwald war natürlich auch eine andere Größenordnung, da konnte man nur verlieren. Egal welche Villa man sein Eigen nannte.
Und noch etwas war mir ins Auge gesprungen, vielleicht sollte ich ihn ein bisschen mit der modernen Sprache bekannt machen, er verwendete teilweise ein klein wenig eingestaubte Wörter.
Dafür würde ich mir noch eine halbwegs plausible Erklärung einfallen lassen müssen. Ich schrieb das alles auf meine To-Do-Liste, die ich in Gedanken führte.
Schon lange, noch im Garten hatte ich Legolas' Hand wieder losgelassen, als ich mich versichert hatte, dass er mir folgen würde.
Ich konnte mir einfach nicht helfen, obwohl ich wusste, dass Legolas mindestens 2000 Jahren alt sein musste, wenn er nicht sogar noch älter war, behandelte ich ihn eher wie ein hilfloses Kind. Hilflos war er zwar schon, aber ein Kind konnte man ihn beim besten Willen nicht mehr nennen. Wahrscheinlich besaß er mehr Lebensweisheit als irgendein Menschen auf der Erde.
Er unterbrach mich in meiner Grübelei.
„Das Zimmer, in welches du mich führen willst, ist im ersten Stock?“
Oh, Mist, ich hatte ihn die ganze Zeit dumm rumstehen lassen.
Als ich darauf nickte, ging er schnell die Treppe hinauf. Dabei waren seine Bewegungen von solcher Anmut und Eleganz, wie es einem Menschen fast unmöglich wäre. Wenn man wusste, dass es Elben gab, konnte man nicht abstreiten, dass er einer von ihnen war.
Ich machte noch einen raschen Abstecher in die Küche und holte mir einen Jogurt und einen Löffel, man wollte ja schließlich nicht verhungern.
Dann folgte ich Legolas die Treppe hinauf.
Im Treppenhaus befand sich neben dem Aufgang ein großes Fenster dessen Fensterbrett meine Mutter mit allerlei Fotos von mir als Kind und in unzähligen Urlauben dekoriert hatte.
Hoffentlich hatte der Elb das Bild von mir als Dreijährige im Italienurlaub nicht gesehen, Zeit genug hatte er ja gehabt.
Es zeigte mich mit einer großen Sandburg, die ich mit meinem Vater gebaut hatte und ich hatte nur eine quietschbunte Kette an, eine weiße schon etwas sandige Capi auf und eine Schaufel in der Hand. Sonst nichts.
Diese peinlichen Fotos aus der Kindheit sollten wirklich verboten werden.
Am Treppenabsatz zum ersten Stock wartete Legolas mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Hast du dich in deinem eigenen Haus etwa verlaufen?“
Er zog unterstützend noch eine perfekte Augenbraue hoch.

Innerlich seufzte ich, dieser Elb würde mich noch fertig machen, ich sah es schon auf mich zukommen.
Als Erklärung hob ich nur den Joghurtbecher und den Löffel in die Höhe und hüpfte unter seinem Blick die letzte Stufe hoch.
Ich ging an ihm vorbei und wollte gerade die Türe zum Schlafzimmer meiner Eltern öffnen, als mir eine Hand zuvorkam.
Und die konnte natürlich nur von einem gewissen Prinzen hinter bzw. jetzt stand er neben mir, gehören. Ein bisschen überrumpelt sagte ich: „Danke.“
Und betrat das Zimmer. Gut, ich hatte es kapiert, Legolas war ein vollendeter Gentleman, wie man ihn unter uns Menschen fast nicht mehr finden könnte, aber er hatte ja schließlich auch ein paar Jahrhunderte Zeit gehabt, es zu lernen, im Gegensatz zu den Menschen.
Manchmal war ich wirklich froh darüber, dass meine Mutter auf ein akkurat aufgeräumtes Schlafzimmer bestand – man hatte zwar selten Gäste dort, aber heute hätte ich sie dafür umarmen können. Solche Ordnung herrschte in meinem Zimmer überhaupt nicht. Dort gab es nur das reine Chaos.
Das müsste ich heute irgendwann, am besten bevor Legolas einen Fuß hinein setzte, unbemerkt beseitigen. Ich wollte schließlich einen guten ersten Eindruck bei dem Elben hinterlassen und nicht wie ein Messie dastehen.
So einen Elbenprinz im Chaos zu empfangen war halt doch nicht ganz angebracht.
Meinen Joghurt stellte ich im Vorbeigehen auf dem Nachtkästchen meiner Mutter ab und ging zielstrebig auf die Kleiderschränke zu.
Immerhin dachte ich auch daran, Legolas auf dem Doppelbett einem Platz anzubieten, noch einmal blöd rumstehen lassen wollte ich ihn dann doch nicht.
Vor dem Schrank stand ich nun etwas unschlüssig; welcher war jetzt der von meinem Vater? Ich machte die erstbeste Türe vor mir auf.
Und es quollen die Kleider meiner Mutter hervor.
Das war er also sicherlich nicht. Ist ja auch schon mal was. Arbeiten wir mit dem Ausschlussprinzip.
In meinem Kopf machte sich ein Bild breit. Legolas wie er ein Ballkleid anhatte.
Was zum ?! Blöde Fantasie. Ich schüttelte meinen Kopf um das Bild so schnell wie möglich loszuwerden.
Man sollte wirklich Schildchen an die Schränke kleben, wem sie gehören und armen Leuten wie mir so ein Kopfkino ersparen. Unmöglich ist sowas.
Ich versuchte mein Glück an der nächsten Schranktüre und siehe da, mir schauten die Jeans meines Vaters entgegen. Das war schon viel besser.
Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass mein Dad und Legolas auch so halbwegs die gleiche Größe hatten. Ich hatte da kein Gefühl für, meine Freundin sagte immer ich müsste mir mal ein Augenmaß zulegen. Oder eine App dafür.
Lustig, als ob es sowas geben würde.
Die erstbeste Hose nehmend und sie dem Elb zuwerfend, mit meiner nicht vorhandenen Begabung, sagte ich: „Probier die mal an.“
Legolas schenkte mir ein Grinsen und machte sich ans Auskleiden, nachdem er das Kleidungsstück aufs Bett gelegt hatte.
Mein Gehirn brauchte einen kleinen Moment um die Situation zu begreifen, dann wurde ich schon zum zweiten Mal an diesem Tag (!) knallrot und drehte mich, so schnell ich konnte, mit dem Rücken zu Legolas.
Ich glaubte, dass mit dem hilflosen Kind und so von vorhin nehme ich wieder zurück. Auch wenn er höchstens wie 25 und dabei so unschuldig wie man es fast nicht glauben konnte aussah, er hatte es meiner Meinung nach faustdick hinter seinen spitzen Ohren.
Ich trat zum Fenster, man hatte von hier einen wunderbaren Blick über unseren Garten.
Einer unserer Nachbarn versuchte schon wieder über unsere Hecke zu schauen. (Er hatte es erst gestern versucht, als mein Vater probiert hatte eine Liege für meine Mutter aufzubauen – das war echt lustig gewesen. Er hatte es nicht geschafft, war an den Sonnenschirm gestoßen und der war mit einem Krachen auf die Liege gefallen. Meine Mutter beschloss daraufhin bei solchen Sachen nie wieder meinen Vater um Hilfe zu bitten, sondern es selbst zu machen. Ich stand nur daneben und hab unter einem bösen Blick meines Vaters gelacht.)
Das gab es doch nicht. Diese neugierigen Leute.
Immerhin hatte anscheinend keiner Legolas gesehen, denn wie ich sie kannte, wäre derjenige schon klingelnd an der Türe gestanden.
Ist doch auch schon was.
Was machte Legolas eigentlich so lange? War er etwa eingeschlafen?
„Bist du fertig?“, fragte ich vorsichtig. Langsam wurde mir das Fenster etwas langweilig.
Als keine Antwort kam, warf ich neugierig einen Blick über meine Schulter. Ich traute meinen Augen kaum.
Da stand Legolas neben dem Bett.
Er schlief nicht.
Er war auch nicht nackt! Was denkt ihr denn?
Zumindest nicht ganz. Nur halb.
Die Jeans hatte er angezogen und erwartungsgemäß passte sie ihm natürlich nicht perfekt. Der Prinz war halt doch dünner als mein Vater und hatte vielleicht auch eine andere Figur. Ich würde ihm noch einen Gürtel heraussuchen müssen. Dabei kannte ich mich hier ja auch so gut aus, wie man ja schon gemerkt hat.
Nebenbei bemerkt, Elben hatten anscheinend das große Glück selbst in den schrecklichsten Klamotten noch atemberaubend schön auszusehen – das war mir schon öfters aufgefallen, aber damit wollte ich nicht sagen, dass die Hose meines Vaters hässlich aussah, dem war nämlich nicht so.
Irgendwo musste er doch mal nicht ganz perfekt sein oder?
Sein langes blondes Haar hing ihm ein bisschen verwirrt auf die Brust. Jep, sein Oberkörper war frei. Und wie toll der war. Ich musste mich förmlich zwingen, nicht zu sabbern.
Man denkt ja immer... keine Ahnung, was man denkt.
Jedenfalls hätte ich nicht gedacht, dass Elben einen Oberkörper wie ein Model haben. Weiß auch nicht warum, vielleicht, weil man sie immer nur komplett angezogen sieht? Na egal.
Seine Muskeln waren wohldefiniert und schlank und wölbten sich unter einer blassen in einem leichten Goldton schimmernden Haut.
Makellos, nicht eine einzige Narbe war auf seinem Körper zu finden.
Und natürlich ein straffer Bauch mit – der Traum eines jeden weiblichen Wesens – einem angedeuteten Sixpack.
Er wirkte schlank und grazil, aber wie ich wusste hatte er auch noch eine andere Seite, die eines Kriegers.
Als er auch noch den Kopf drehte, er hatte bis jetzt zum Schrank geschaut, und mich seine eisblauen Augen trafen, wäre es wahrscheinlich um mich geschehen gewesen, hätte nicht der schelmische Blick darin gelegen. Ich erholte mich von meinem Starren und widerstand dem Drang, ihm ein Kissen an den Kopf zu werfen.
Das brauchte er erst gar nicht anfangen.
Ich kramte weiter in den Schränken bis ich nach den Socken, den Röcken und den Krawatten auch noch die T-Shirts meines Vaters fand.
Entscheiden war noch nie meine Stärke gewesen, also überließ ich Legolas die Wahl zwischen einem grünen T-Shirt mit irgendeinem Schriftzug darauf und einem weißem mit dem Logo eines Hotels – aus einem unserer Urlaube, in jenem Jahr ist es, glaube ich, nach Gran Canaria gegangen.
Im Prinzip hätte ich es mir gleich denken können, welches er wählte.
Jedenfalls dachte ich mir das, als seine Hand zu dem Grünen wanderte. Waldelb und so.
Weiß würde ihm bei seiner hellen Erscheinung eh nicht stehen, wobei das wahrscheinlich relativ egal war. Der Vertreter der Ich-kann-alles-tragen-und-sehe-toll-aus kann auch einen Kartoffelsack tragen...
Ein wenig schade war es ja schon, diesen tollen Körper unter der Kleidung zu verstecken...
Schluss. Aus. Ende. Jetzt wird nicht mehr geträumt oder geschwärmt oder was auch sonst, ermahnte ich mich.
Ich kramte aus einem der Schränke auch noch einen Gürtel hervor und gab ihn dem Elb.
Ich betrachtete ihn ohne in seine Augen zu schauen. Irgendwas...
Sag mal bilde ich mir das nur ein oder kam der immer näher? Nee, er bewegte sich nicht, stellte ich mit einem Blick auf seine Füße fest. Shit, das war ja ich!
Diese Verräter von Füßen.
Ohne ihnen auch nur im Geringsten etwas in der Art gesagt zu haben, machten sie es.
Aber vielleicht war das gar nicht so schlecht … vielleicht würde mir, wenn ich Legolas genauer betrachten konnte endlich einfallen, was schon so lange (na ja, seit einer halben Stunde) in den hintersten Ecken meines Kopfes kauerte und sich vor mir versteckte.
Probieren geht über studieren. Jedenfalls sagt man das.
Als ich etwa noch einen Meter von ihm entfernt war, beschloss ich nicht mehr weiter zu gehen, sondern stehen zu bleiben.
Sein Blick war mir die ganze Zeit neugierig gefolgt und so blickte ich als ich aufschaute in diese unglaublichen Augen. Nein, ich hatte etwas zu tun.
Ich betrachtete das ganze Gesicht und just in diesem Moment fiel es mir endlich ein. Eigentlich hätte ich auch schon früher darauf kommen können.
Irgendetwas musste ich noch mit seinen Haaren machen.
Sie waren einfach – ich wusste nicht wie ich es besser ausdrücken sollte – zu elbisch.
„Jetzt müssen wir nur noch deine Frisur anpassen.“ Ich überlegte kurz. „Eigentlich wäre es wohl das Schlaueste, wenn du kürzere Haare hättest wie die Meisten hier.“
Den Protest erwartete ich geradezu. Es überraschte mich also zugegebenermaßen nicht besonders, als ein kein Widerspruch duldendes „Nein!“ über Legolas' Lippen kam. Er hatte also verstanden, worauf ich hinaus gewollt hatte.
„Hmm...“ Ich zog ihn vor den Spiegel.
„Entflechten wir zuerst deine Haare. Darf ich?“
„Warte ich helfe dir.“ Seine Hände hatten schnell die Befestigung gelöst, welche die Haare zusammen hielt. Das Entflechten ging recht rasch.
Legolas war schneller als ich und löste auch noch das Band, das die obere Partie der Haare aus seinem Gesicht hielt. Gedankenverloren fuhr ich fort. Seine Haare waren seidig und glänzten im hereinfallenden Sonnenlicht.
Ich streifte mit meiner Hand unabsichtlich sein Ohr.
Er sog scharf die Luft ein und begegnete meinem Blick im Spiegel.
„Die Ohren eines Elben sind sehr empfindlich“, erklärte er sanft als ich ihn nahezu geschockt ansah.
Gut, das hatte ich noch nicht gewusst. Aber es brachte mich auf eine weitere Schwierigkeit. Wie sollte man Elbenohren verstecken?
Okay, diese waren ja noch recht unauffällig im Vergleich zu manchen im Film, doch das Problem blieb. „Tut mir leid.“
„Du konntest es nicht wissen.“
„Ähm, irgendwie müssen wir deine Ohren verstecken.“
„Solange du sie nicht abschneiden willst.“ Ich lächelte. „Nein.“
Mir kam eine Idee. „Warte hier kurz.“ Ich sauste so schnell ich konnte in mein Zimmer. Dort hatte ich noch eine unbenutzte Haarbürste, schnappte sie mir und bevor sich Legolas auch nur einen Zentimeter bewegen konnte war ich schon wieder bei ihm. Bei der Gelegenheit war ich auch zur Haustür gelaufen und hatte den Bogen, den Legolas auf dem Bett abgelegt hatte bei der Garderobe auf die Kommode gelegt. Er würde ihn hier sowieso nicht brauchen.
„Ich denke, bei offenen Haaren sieht man die Ohren nicht. Lass es uns ausprobieren.“
Legolas machte eine unglückliches Miene, ein paar Strähnen hingen ihm schon ins Gesicht.
„Was meinst du, warum wir Elben uns die Haare flechten? Wir hassen es, wenn uns alles ins Gesicht hängt. Ob im Kampf oder sei es auch nur im Alltag.“ Da könnte man sich doch nun ernsthaft fragen, warum diese Elben dann lange Haare brauchten, oder?
„Tja, du hast die langen Haare und willst sie behalten. Wer schön sein will muss leiden.“
Legolas seufzte. „Gib mir bitte die Haarbürste.“ Er streckte die Hand in meine Richtung aus.
Innerlich jubelte ich ausgelassen über den Triumph, aber das ließ ich mir natürlich schlau wie ich war nicht nach außen hin anmerken. „Gerne, mein Prinz“, antwortend legte ich sie in seine Hand. Ein bisschen Necken musste sein.
Während er sich kämmte und sich einen Scheitel zog – irgendwie hatte fast kein Elb einen Scheitel, das war mir wenigstens in der Hobbit aufgefallen – sagte er mehr zu sich selbst: „Dafür muss es doch eine weitaus bessere Lösung geben.“
Die gab es sicherlich, allerdings fehlten mir im Moment ein bisschen die Ideen dazu.
Schließlich war der Elb endlich fertig und ich staunte darüber wie lange er doch gebracht hatte seine Haare zu kämmen.
Das Ergebnis war … vorzeigbar. Wie ein Mensch sah er meiner Meinung nicht unbedingt aus, aber weniger elbenhaft. Man würde ihn wahrscheinlich für ein Model halten. Aber damit konnte ich leben.
„Da du aktuell einigermaßen normal aussiehst … darfst du mir jetzt erst mal beim Joghurt essen zusehen.“ Ich angelte mir den Becher vom Nachtkästchen und fing an den Inhalt zu essen, ohne auch nur ein wenig auf Legolas zu achten.
„Du bist reichlich respektlos, du könntest wahrhaft mit Gimli verwandt sein.“
„Du vergleichst mich mit einem Zwerg?!“
„Nein, nur deinen Charakter.“
„Na, danke.“ Offensichtlich war ihm nicht aufgefallen, dass ich Gimli von seinem Standpunkt aus, dass ich nichts über Mittelerde wusste, gar nicht kennen und noch viel weniger wissen konnte, dass er ein Zwerg war. In Zukunft müsste ich da ein bisschen aufpassen müssen, ich hatte nicht vor ihm zu erzählen, dass er ein Produkt der Fantasie eines Mannes namens J.R.R. Tolkien war.
Ich ging einfach mal davon aus, dass der Prinz sich schon melden würde wenn er Hunger hatte, immerhin war er alt genug.
Scherz am Rande.
Als ich den Joghurt verputzt hatte, stand ich auf und ging zur Tür. Ich drehte mich noch einmal um als Legolas sitzen blieb.
„Komm, jetzt gehen wir shoppen.“
Er schaut mich mit schief gelegtem Kopf an. „Na, wir kaufen dir ein paar Kleider.“ Seine Sprache hatte auch mich abgefärbt. Hilfe.
„Ich hole soeben mal meinen Bogen. Wo hast du ihn denn gelassen?“
Der lag unten in der Garderobe, aber ich schaute ihn nur baff an.
„Da gibt es keine Orks.“
„Irrst du da nicht?“
„Ich schwöre es dir.“
Oh, mein Gott, wofür wollte man mich eigentlich bestrafen?

(Lustigerweise wusste keiner von und beiden, worauf er sich mit diesem Vorhaben einließ.)
Ich hatte Legolas gesagt, dass er schon mal zur Türe gehen konnte, er würde sie schon alleine finden.
Derweil stand ich in meinem Zimmer.
Pardon, das hätte es wohl nicht getroffen, ich lag in meinem Zimmer auf dem Boden und suchte nach der verflixten Tasche, die sich gerade vor mir versteckte und die ich unter dem Bett vermutete.
Nachdem ich bis zu den Armen unter meinem Bett verschwunden war und etwas herum gewühlt hatte, sah ich die Tasche und zog sie an dem Henkel hervor. Sie war ein bisschen staubig, aber nichts, was sich nicht mit ein bisschen abklopfen und zupfen lösen ließ.
Ich schmiss schnell meinen Geldbeutel, einen Regenschirm, Taschentücher und meinen MP3-Player in die Tasche und stellte mich noch einmal vor den Spiegel. Ich hatte nun einen Jeansrock und ein blaugrünes T-Shirt an. Geduldig versuchte ich meine Haare, die nach allen Richtungen abstanden wieder einigermaßen normal aussehen lassen.
Guter Witz, das ging wahrscheinlich auch in fünf Stunden nicht.
Mit einem letzten Blick in mein Zimmer, es lagen überall Bücher ausgeschlagen da und ein paar Zettel flatterten durch die Gegend, huschte ich die Treppe hinunter. Ich erwischte Legolas, wie er vor dem Spiegel der Garderobe stand und als er meine Schritte bemerkte, sich rasch davon entfernte. Er hatte an seinen Haaren herum gezupft.
„Wehe, du streichst dir auch nur einmal eine Strähne hinter dein spitzes Ohr...“, setzte ich an, wurde aber von einem „Wie es dir beliebt.“ unterbrochen.
Dann fiel seine Blick auf die Ablage und er entdeckte den verdammten Bogen. Mist. Ich hätte ihn woanders hinlegen sollen.
Schneller als ich schauen konnte, hatte sich der Elbe schon den Bogen geschnappt und in der Hand. Mist, die waren ja doch etwas fixer als wir Menschen.
„Mir scheint, wir sollten lieber etwas zur Verteidigung mitnehmen.“
Langsam nervte mich seine Vorsicht doch ein bisschen, obwohl ich ja wusste, dass man sich in Mittelerde immer vor Orks oder Spinnen in Acht nehmen musste, aber wir waren hier in einer Kleinstadt auf der Erde. Hier gab's noch nicht mal Morde. Geschweige denn Riesenspinnen.
„Wenn ich dir es doch sage. Es gibt weder Orks noch Spinnen oder sonst irgendeine Kreatur, die auf uns losgeht.“
Unter seinem ein wenig misstrauischen Blick legte ich meine Finger auf den Bogen und entwand ihn ihm langsam. Mir war klar, wenn er seine Waffe hätte wirklich behalten wollen, hätte ich sie Legolas nicht abnehmen können, dafür war er zu stark und ich zu schwach.
Oder zu menschlich, wie man es sah.
Ich legte das Gerät wieder zurück auf die Kommode, griff in die Schlüsselschale und holte meinen eigenen Hausschlüssel heraus.
Man konnte ihn leicht an dem Herr der Ringe Anhänger erkennen. Einer meiner Freunde hatte ihn mir einmal zu Geburtstag geschenkt.
Moment... Herr der Ringe Schlüsselanhänger?
Verdammt.
Ich fummelte hektisch daran herum. Dieses blöde Ding ging einfach nicht von dem Schlüssel ab. Deprimiert schmiss ich den Bund zurück in die Schale und holte mir den von meiner Mutter heraus. Da hing jetzt zwar ein Foto von mir als zehnjährige mit einer Zahnlücke dran und einem fetten Grinsen dran, aber man konnte es auch schlimmer treffen.
Legolas hatte das zum Glück nicht bemerkt, er war von irgendwas abgelenkt gewesen.
Ganz fasziniert schaute er die Topfpflanze an, die auf einem Tischchen zwischen der Türe zum Wohnzimmer und dem Esszimmer stand.
Ich folgte seinem Blick und ohne den seinen von dem Objekt der Bewunderung zu lenken, vertraute er mir an: „So eine Pflanze gibt es in ganz Mittelerde nicht. Sie ist wunderschön.“
„Bei dir gibt es keine Orchideen? Wie schade sie sind echt schön, du hast Recht.“ Und diese hier war ganz sicher nicht durch meine Pflege so groß geworden, ich hatte eher die gegenteilige Wirkung auf Pflanzen.
Den grünen Daumen hatte ich leider nicht von meiner Mutter geerbt.
Dafür hatte ich meine Unfähigkeit für Technik bekommen.
Toller Tausch...
„Können wir gehen oder willst du die Orchidee noch ein bisschen anstarren?“ Auf meine Züge schlich sich ein Grinsen.
„Du kannst sie auch gerne mitnehmen.“ Ich zwinkerte ihm kurz zu.
„Ich denke, das letzte Angebot schlage ich dankend aus. Behandelst du deine Gäste immer so herzlich?“ In seinen blauen Augen glitzerte es und er lachte. Ein sehr sympathisches Lachen.
„Nur mit denen, die ihrerseits angefangen haben.“
„Willst du mir das etwa unterstellen?“ Er hob eine Augenbraue.
„Nein, ich doch nicht.“ Ich wollte die Türe öffnen, doch Legolas kam mir zuvor und hielt sie für mich auf.
„Die Dame zuerst.“ Na klar, ich und Dame, dann konnte er gleich Elefanten mit Mäusen vergleichen. Ich unterdrückte ein Kichern.
Der Prinz war ja besser als jeder Komiker. Er meinte wohl 'Ladys first', aber Englisch konnte er logischerweise nicht.
„Ich wusste gar nicht, dass es den Spruch auch in Mittelerde gibt.“
„Natürlich. Denkst du vielleicht dort gibt es keine Manieren?“ Ich ließ die Frage mal so im Raum stehen. Nein, das glaubte ich nicht, denn mindestens die Elben waren kultiviert und die Menschen und Zwerge bestimmt auch, auf ihre Weise.
Ich machte mir eher Gedanken um die Manieren auf der Erde. Die gingen langsam, jedenfalls meiner Meinung nach, den Bach runter.
Man bekam die Tür zum Klassenraum direkt vor der Nase zugeschmissen, um nur ein Beispiel zu nennen.
Bevor ich durch die Tür ging, schaute ich Legolas noch einmal an und dankte ihm für sein Zuvorkommen.
Dann waren wir beide aus dem Haus und spazierten den kleinen Kiesweg zu unserem Gartentor entlang. Dabei lief der Prinz ein paar Schritte hinter mir, immerhin wusste er ja nicht, wo es hinging, und verlaufen wollte sich der Elb unter meinen Augen anscheinend nicht.
Mir schlich sich ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Am Gartentor angekommen wartete ich schon darauf, dass mir der liebe Prinz wieder das Tor öffnete.
Doch da wartete ich nun und wartete.
Fing er jetzt auch schon so an wie meine Klassenkameraden? In dem Fall hatte die Erde wirklich einen schlechten Einfluss auf ihn.
Naja, selbst ist die Frau. Ich seufzte und öffnete selbst das Tor und ging hindurch. Ich hielt es weiter auf, dass auch noch Legolas hindurchgehen konnte.
Ich wartete.
Und wartete. Beim Umdrehen sah ich Legolas erstarrt auf halber Strecke auf dem Kiesweg stehen.
Das erklärte so einiges.
Wenn er so weitermachte, waren mir morgen noch nicht bei den Geschäften.
Ich schaute in die Richtung, in welche seine aufgerissenen Augen blickten.
Ein Auto.
Na und?
Ich brauchte einige Zeit bis ich das Problem verstand.
Die gab es ja nicht in Mittelerde.
Ich Dummchen!
Dort benutzte man ja die umweltfreundlichere Alternative – Pferde -, vielleicht lag es aber auch an dem mangelnden technischen Fortschritt als an dem Umweltbewusstsein... ja, wie sollte ich ihm das jetzt erklären?
Allerdings meinte es das Schicksal mal wieder nicht gut mit mir.
Nicht dass parkende Autos genug wären, es musste auch noch eines vorbeifahren. Ich seufzte.
Das war zu viel für den Elben.
Er erwachte aus seiner Starre und sprang über das Gartentor. Wozu waren nochmal Türen da? Ah ja richtig, zum Hindurchgehen.
Der Prinz rannte in einem Affenzahn auf das Auto und die Straße zu.
Geistesgegenwärtig konnte ich ihn an seinem Arm erwischen und mit meinem kompletten Körpereinsatz soweit bremsen, dass er wenigstens auf dem Bürgersteig stehen blieb.
Das Auto fuhr vorbei und der Fahrer schaute uns verwirrt und etwas überrascht an. Zum Glück war das keine der Personen, die in meiner Straße wohnten oder mich kannten. Das hätte nämlich in einer Katastrophe geendet.
Erleichtert atmete ich auf.
War doch alles gut gegangen. Legolas war nicht von einem Auto überfahren worden und aufgeflogen waren wir auch nicht.
Allerdings interessierte es mich schon, warum er ausgerechnet auf das Gefährt zu gerannt war.
Ich weiß nicht, aber würde man nicht eher wegrennen?
Legolas sah immer noch durch den Wind und etwas überfordert aus.
„Kein Grund zur Aufregung. Das ist bloß ein Auto. Es tut dir nichts.“
Er machte den Mund auf und wieder zu. Das sah an dem Elben schon etwas komisch aus.
„Bei dir gibt es doch Pferdewagen in Mittelerde, oder?“
Der Elb nickte widerstrebend.
„Bei uns hat man das weiterentwickelt, wir haben die Pferde durch Technik ersetzt, also mit etwas was wir erfunden haben und es bei dir in Mittelerde noch nicht gibt.“
Oh Gott, konnte ich schlecht erklären! Na, Physik und dieses Motoren- und Technikzeug waren noch nie meine Aushängeschild gewesen.
„Auf gut deutsch, es ist die entwickeltere Form eines Pferdes, ist aber kein lebendiges Wesen.“ Den letzten Teil des Satzes fügte ich auch nur hinzu, weil ich mir in dem Moment Legolas vorstellte, wie er mit einer Karotte versuchte ein Auto zu füttern.
Als nächstes ploppten Autos in Ställen vor meinem geistigen Auge auf, gefolgt von welchen, die Sättel auf den Dächern hatten und mit denen Menschen ritten.
Ich hab einfach zuviel Fantasie.
Aufgrund seines Gesichtsausdrucks war ich mir nicht ganz sicher, ob er diese Erklärung akzeptieren und verstehen würde. Zur Sicherheit schaute ich ihm in die Augen.
„Dann ist es wohl so.“ Na, ganz überzeugt klang das ja noch nicht... Aber ich hatte ja Zeit.
Und der Elb hatte noch mehr wie ich. Ich würde es ihm bei Zeiten und wenn ich mehr wusste, mal genauer erklären.
Aber nun stellte sich mir eine viel wichtigere andere Frage.
„Warum bist du auf das Auto zu gerannt?“
„Weshalb nicht?“ Dafür fielen mir genügend Grunde ein.
„Soweit ich weiß, können Elben durch Verletzungen sterben wie wir Menschen auch. Und dir muss noch klar sein, wenn du von einem Pferd überrannt wirst, du auch sterben kannst?
Genauso, sogar noch schlimmer, verhält es sich bei Autos. Du wirst es wahrscheinlich nicht überleben, wenn du überfahren wirst, Legolas.“
„Du unterschätzt uns Elben, denke ich, aber ich werde mich natürlich daran halten, wie du es wünschst. Ich dachte, auch wenn ich nun weiß, dass es falsch war, dass das – wie nennst du es? -  …. Auto irgendeine neue Teufelei von Saruman oder Sauron war. Ich wollte dich vor ihm beschützen. Glaub mir, ich wäre nicht umgekommen“, er lächelte mich bei den letzten Worten warm an.
„Na wenn das so ist, warum habe ich dich dann zurückgehalten?“
„Augenscheinlich hast du Angst um meine Wenigkeit.“
„Nur in deinen Träumen.“ Was bildete sich dieser Elb eigentlich ein? Nur weil ich ihn nicht sterben sehen wollte. Das war ich Mittelerde immerhin schuldig.
Mit dem Satz ging ich an ihm vorbei in Richtung der Ortsmitte, wo auch ein paar Klamottengeschäfte waren.
Weitere Kulturschocks wollte ich vermeiden. Nicht nur wegen Legolas, sondern auch meiner Nerven wegen.
Wir kamen an die nächste Kreuzung, zum Glück gab es dort keine Ampel nur einen Zebrastreifen. Den konnte man wenigstens noch gut erklären, wenn der Bedarf dafür bestand.
Eine Frau lief in ihr Smartphone vertieft über die Straße, wir befanden uns noch immer im Wohngebiet, also kam hier höchst selten ein Auto vorbei und das wusste auch jeder.
Ich besah mir die Frau genauer, sie kam mir irgendwie bekannt vor.
Mist, das war eine Nachbarin von mir. Verdammt.
Was machte ich jetzt?
Wenn sie mich sah, konnte ich einpacken.
Dann würde es mehr Gerüchte geben als ich zählen konnte.
Dass ich zum Beispiel von ihm schwanger war oder so etwas in der Art.
Ich wollte es lieber nicht ausprobieren.
Hektisch hielt ich nach einer Möglichkeit zum Abtauchen Ausschau.
Ein Zaun.
Nein.
Eine Mülltonne.
Nein.
Ein Einfahrt mit einem abgestellten Auto.
Bingo.
Ich rannte dorthin, zog Legolas am Arm mit und verschanzte mich hinter dem KFZ. Der Elb stand immer noch aufrecht da. Himmel!
Ich warf mich auf ihn – mir fiel einfach nichts anderes ein - , nachdem ich aufgestanden war und wir beide gingen zu Boden.
„Bei den Valar! Eirene!“
„Shhhht.“ Ich widerstand dem Drang Legolas den Mund zuzuhalten.
„Dürfte ich erfahren, vor was wir uns verstecken? Ich sah keine Gefahr“, fuhr er im Flüsterton fort.
„Meine Nachbarin darf uns nicht sehen!“
„Ich verstehe.“
Hatte er es wirklich verstanden?
Noch bevor ich fragen konnte, ob er im Düsterwald auch nervige Nachbarn hatte, rauschte die Klatschtante an unserem Versteck vorbei.
Sie hatte uns nicht gesehen.
Ich atmete erleichtert aus.
Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich diesen kurzen Moment die Luft angehalten hatte.
Das war gerade noch einmal gut gegangen.
Ein Hoch auf Smartphones und ihren Suchtfaktor.
Jetzt erst fiel mir auf, dass ich auf Legolas lag.
Ich spürte mein Gesicht heiß werden.
Diesen dämlichen Hormone oder was auch immer dafür zuständig war.
Legolas lag mit dem Rücken auf dem Boden und hatte seine Hände an meine Taille gelegt. Wahrscheinlich um mich vorhin aufzufangen, schoss es mir durch den Kopf, und den harten Aufprall zu dämpfen.
Wir lagen Bauch an Bauch und schon wieder traf mich der Blick aus diesen strahlend blauen Augen. Er riss mich mit in die Tiefen dieses blauen Ozeans und hielt mich dort gefangen.
Sein Atem strich warm an meinem Gesicht entlang.

Erst das Kläffen eines Hundes vom Nachbargrundstück holte mich aus der Starre zurück. Etwas unbeholfen und nicht halb so elegant wie ich es mir vorgestellt hatte, legte ich die Hände auf beiden Seiten neben Legolas' Körper auf den Boden und kam mit einem kleinen Schwanken wieder auf die Beine.
Die Hände von dem Elb rutschten dabei nach und nach von meinem Körper. Ob ich das jetzt gut oder traurig fand konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Ich war ein klein wenig durcheinander.
Der Prinz stand neben mir mit einer weitaus fließenderen Bewegung als meiner auf.
„Dass du mir nach einer solch kurzen Zeit bereits in die Arme fällst, hätte ich niemals gedacht.“
Zur Strafe für dieses Kommentar gab ich ihm einen Knuff in die Seite. Das waren besondere Umstände gewesen.
Alle schwärmerischen Gefühle, die vorhin hervorgekrochen waren, hatte sich bei diesem Satz in Luft aufgelöst. Wenn der Elb so davon dachte und es sogar noch in Lächerliche zog, konnte ich damit auch gut leben.
Ich wandte mich mich wieder dem Gehweg zu und war schon einige Meter gegangen, als ich mich umdrehte und sah, dass Legolas noch nicht einen Schritt getan hatte.
„Los, wir wollen heute noch ankommen, nicht erst morgen.“
Endlich machte er Anstalten weiter zu gehen.

Den restlichen Weg schafften wir sogar ohne nennenswerte Hindernisse. Einzig und allein ein paar Entdeckungen unserer Tier- und Pflanzenwelt seitens Legolas hielten uns auf.
Ich glaube, ich habe noch nie im Leben so lange für diesen Weg gebraucht.
Verstohlen lugte ich auf meine Armbanduhr. Eine halbe Stunde?!?
Sonst brauchte ich höchstens ( und in besonderen Situationen, z. B. mit hochhackigen Schuhen) 10 Minuten für die gleiche Strecke.

Da standen wir nun endlich vor dem Geschäft. Als ich die Türe aufdrückte und Legolas am Arm hinter mir herzog, bimmelte ein kleines Glöckchen und zeigte der Verkäuferin hinter der Kasse Kundschaft an.
Sie war relativ jung und hatte blonde glatte Haare bis zu Bauch.
Eigentlich dachte ich ja  in den Klamottenläden für Männer würden Männer auch als Verkäufer arbeiten. Ich hatte mich schon gefreut.
Offensichtlich hatte ich mich zumindest bei diesem hier geirrt.
Der ein wenig gelangweilte Geschichtsausdruck der Verkäuferin verschwand just in dem Moment, da sie Legolas sah. Es war faszinierend zu beobachten.
An die Stelle trat ein wie sie wohl dachte, bezauberndes Lächeln, was meiner Meinung nach einfach nur dämlich aussah. Sie überschlug sich förmlich zu uns zu kommen.
„Herzlich Willkommen. Suchen Sie etwas Bestimmtes? Kann ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“, flötete sie, als sie direkt vor uns stand.
Dabei schaute sie allerdings den Elb an, nicht mich.
Danke auch.
Ich ergriff trotzdem das Wort, bevor Legolas noch etwas sagen konnte, was mit  altertümlich anmutenden Ausdrücken gespickt war.
„Wir suchen ein paar Klamotten für Leg...“, ich schaute ihn kurz von der Seite an.
Meine Güte, ich konnte doch nicht den Elbennamen benutzen. Ich runzelte die Stirn und überlegte schnell – Elb sowie Verkäuferin konnte das nicht sehen, die waren zu sehr mit Anstarren beschäftigt. Die Verkäuferin Legolas und er den ganzen Laden.
„... für Leo.“ Ich hatte ihre Aufmerksamkeit ergattert. Sie hob die Augenbrauen und sah kurz zu mir, bis ihr Blick wieder zu dem Prinzen huschte.
„Natürlich eine Kurzform.“
„Wirklich?“
„So ist es, ja.“ Zum Glück bemerkte die Verkäuferin die etwas unmoderne Sprache nicht, zu gefangen war sie von der Erscheinung ihres Gegenübers.
Ich stand übrigens immer noch am Rand.
Er bedachte mich mit einem bösen Blick. Was konnte ich dafür, dass er einen so unkonventionellen und elbischen Namen hatte?
Die Übersetzung konnte ich ja auch schlecht nehmen. Grünblatt. Das wäre noch dämlicher.
Ich räusperte mich, wir hatten schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.
Die Verkäuferin rannte wie von der Tarantel gestochen los und durchwühlte ein paar Ständer und Stapel von Klamotten. Flux war sie dann wieder da.
Sie richtete ihr Worte wieder an Legolas.
„Wenn sie mir bitte zu den Umkleidekabinen folgen wollen.“
Legolas nickte und ging ihr hinterher.
Ich lief ihnen hinterher, so leicht würden sie mich nicht loswerden.
Wir waren in dem hinteren Teil des Geschäfts, neben dem Kabinen hing ein riesiger Spiegel an der Wand.
Die Angestellte blieb stehen und schaute auffordernd zu dem Elben, der nahm das erste Mal nach 5 Minuten wieder Notiz von mir und sah mich entschuldigend und fragend an. Es lag einen unausgesprochene Frage in seinem Blick, 'was soll ich jetzt machen?'.
Ich bewegte mit einem leisen Lächeln über sein Unwissen meinen Kopf in Richtung einer Kabine. Immerhin war ihm aufgefallen, dass er mich vergessen hatte. Manchen Leuten, die ich zufällig kenne, wäre das noch nicht mal in den Sinn gekommen.
Ich zog den Vorhang schnell zu und raunte dabei in seine Richtung, „Probiere die Klamotten an und komm raus und zeig mir und der Verkäuferin, wie du darin aussiehst.“
Während sich der Elb umkleidete, wartete ich neben der Frau auf einem der Sofas, die in dem Umkleidebereich des Geschäfts aufgestellt waren.
„Ist das Ihr Freund?“ Warum interessierte sie sich eigentlich dafür? Das war ja wohl Privatsache.
Aber ich wollte sie auch nicht in der falschen Annahme lassen. Besser gesagt, ich hatte es schon gesagt, bevor ich richtig darüber nachdenken konnte.
„Definitiv nicht.“
„Also ist er Single?“ Jetzt war es auch schon egal, diese Verkäuferin war aber auch hartnäckig.
„Das heißt das dann wohl zwangsläufig.“ Das war zwar so nicht richtig, aber die Verkäuferin ging mir auf den Geist.
Ich mag Frauen nicht, die sich immer den nächstbesten Mann krallen.
Dieses Verhalten kommt so schrecklich verzweifelt rüber.
Ihre Augen blitzten. Jetzt hatte ich ein bisschen Mitleid mit Legolas. Sie hatte ihre Beute gefunden.
Doch bevor sie irgendetwas machen konnte, klingelte es an der Ladentüre. Sie schaute hin- und hergerissen zwischen dem geschlossenem Vorhang der Kabine und dem Laden hin und her. Schließlich gewann der neue Kunde und als er auch in mein Sichtfeld trat, verstand ich den Grund.
Er sah gut aus, besaß zwar nicht so eine ätherische Schönheit und hatte braune Haare im Vergleich zu den Blonden des Elbes, dennoch war er eines Blickes wert. Oder auch mehreren.
In dem Moment hörte ich ein Rascheln hinter meinem Rücken und drehte mich auf alles gefasst um.
Gut, auf das war ich nicht vorbereitet gewesen.
Die lange Jeans und das strahlend blaue T-Shirt passte wie angegossen, wobei das Oberteil seine wunderbar blauen Augen noch mehr hervorhob. Die Lederjacke, die er darüber trug, verpasste ihm etwas Wildes und Kriegerisches und bildete einen Kontrast zu seinem etwas unsicheren Blick, den er sicherlich wegen der ungewohnten Kleidung hatte.
Man konnte es nicht anders sagen, als:
Er war der schönste 'Mensch' auf Erden.
Ich eiste mich mit viel Beherrschung von seinem Anblick los und erinnerte ihn daran, dass er sich auch im Spiegel ansehen konnte. Er war ein klein wenig verwirrt, ob der unbekannten Umgebung, in der ich mich so gewohnt bewegte.
„Und wie gefallen dir die Sachen?“
Der Elb sah mich an. „Wenn sie in diese Welt passen, werde ich sie tragen.“
Männer, nie antworteten sie auf das, was man sie gefragt hatte.
„Ich hatte dir eine andere Frage gestellt“, ich wollte ihm aber nicht das Gefühl geben, dass ich ihm das übel nahm, also lächelte ich ihn an.
Legolas erwiderte es. „Tut mir leid. Ich werde nicht lügen, meine eigene Kleidung wäre mir wohl am liebsten, aber ich empfinde diese als durchaus zu mir passend.“
Okay, das wollte ich ja schließlich auch wissen.
Sein Blick wanderte zur Ladentüre und er machte eine Bewegung in dieselbe Richtung.
Er wollte flüchten, aber so schnell entkam er mir nicht!
Ich versperrte ihm den Weg aus dem abgetrennten Bereich hinein in den Laden.
„Halt, so schnell sind wir hier nicht fertig. Du brauchst noch einige andere Sachen oder läuft man in Mittelerde immer nur in den gleichen Sachen herum?“
Das Letzte war eigentlich eher eine rhetorische Frage gewesen, dennoch beantwortete der Elb mir sie.
„In bestimmten Situationen, nehmen wir den Fall der Jagd, kann man nicht andauernd die Kleidung wechseln. Aber ich verstehe deine Einwände, denn wir befinden uns nicht in so einer Situation, da muss ich dir Recht geben.“
Okay, das war mir genug, so genau wollte ich die Verhältnisse bei einer Jagd oder in einem Krieg gar nicht wissen. Das reichte mir schon.
„Warte hier, ich suche dir noch ein paar Sachen heraus, die man normalerweise braucht. Aber wehe, du bist weg.“
Er hob seine Augenbraue. „Warum sollte ich vor dir flüchten?“ Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte. Der Elb sah, das anscheinend auch.
„Ja, ich werde warten.“
Und ich machte mich auf die Suche nach Klamotten für Legolas.

Als ich mit einem Berg wieder zurückkam, schaute er mir entgeistert entgegen. „Das kann nicht dein Ernst sein“, war sein einziger Kommentar dazu.
„Doch du musst ja nicht alles anprobieren. Einfach ein paar Sachen heraussuchen, die dir gefallen, den Rest bringe ich wieder zurück.“
„Natürlich. Das werde ich machen.“
Als er den Haufen sortierte und mir die Kleidungsstücke, die er nicht wollte in die Arme legte, fiel mir etwas wichtiges auf.
„Sag mal, willst du wirklich nur lange Hosen? Es kann hier auch noch wärmer werden als heute. Außerdem wäre es klug auch noch eine Badehose für alle Fälle mit zu nehmen. Oh und mir ist etwas eingefallen, wir brauchen auch noch einen Schlafanzug für dich.“ Socken und Schuhe, die dürfte ich nicht vergessen. Noch etwas flitzte mir durch den Kopf.
Da hatte ich noch nicht dran gedacht. Er brauchte schließlich auch noch Unterhosen.
Ich lief, da war ich mir absolut sicher, knallrot an.
Legolas warf mir einen fragenden Blick zu.
„Ähm... du brauchst...... auch noch.... Unterbekleidung.“
„Ich verstehe. Entschuldigung, dass ich nicht daran gedacht hatte. Das kann ich auch alleine erledigen.“
ER warf mir eine Blick zu, den ich nicht deuten konnte.
„Quatsch, die gibt es hier auch.“ Ich war zwar immer noch rot wie eine Tomate, aber ich hatte neuen Mut gefasst, ich konnte diesen Elben nicht einfach so seinem Schicksal überlassen, auch bei so etwas nicht. Und wenn es mir noch so peinlich war.

Ein wenig später hatten wir soweit alles, zu einer kurzen Hose hatte ich Legolas überreden können, aber das hatte vielleicht gedauert. Waren alle Elben so stur? Oder hatte ich einfach nur mieses Karma?
Ebenso war es mit der Badehose gewesen, die jetzt über meinem Arm lag.
Und natürlich war sie grün.
Zum Glück hatte er sie mir nicht an sich vorgeführt, dann wäre ich für heute dermaßen hinüber gewesen, ich hätte wahrscheinlich noch nicht einmal mehr den Weg nach Hause gefunden. Nur noch selig vor mich hin gelächelt.
Im Vorbeigehen an einem Korb mit verschiedenfarbigen Socken hatte ich einfach drei Päckchen mitgenommen. Das würde schon reichen.
Ich schaute mich rasch im Laden um, wo war die Unterwäsche hier?
Ah, da vorne konnte ich sie sehen.
Ich ging los und Legolas folgte mir auf gleicher Höhe durch den Laden.
Nun waren wir auf den Weg zu der Unterwäsche, aber immerhin musste ich nicht die ganzen Klamotten tragen, den Großteil an T-Shirts, Hosen und die zwei Jacken trug Legolas. Ganz Gentleman.
Wir waren vor dem Regal angekommen und ich hatte schon damit gerechnet, dass Legolas sich schnell ein paar Sachen schnappte und wir dann an die Kasse verschwinden konnten, aber nein.
Wir standen mindestens jetzt schon 5 Minuten vor dem Regal.
Um so rasch wie möglich wieder aus dieser potenziell peinlichen Situation herauszukommen, bot ich ihm meine Hilfe an.
„Soll ich dir beim Aussuchen helfen?“
„Ich schätze, das ist wohl das Beste.“ Jetzt war sogar der Elb ein bisschen verlegen. Eigentlich war das schon fast wieder lustig, ich dachte dieses Volk sei immer so kühl, rational und distanziert, aber anscheinend hatte es auch ganz menschliche Züge.
„Welche … würdest du denn … auswählen?“
Okay, es war richtig süß wie ein Prinz (!) ein wenig verloren vor mir stand und mich nach meiner Meinung zu einem Thema, über das ich noch nie wirklich nachdenken hatte müssen, fragte.
Ich schluckte schnell meine Verlegenheit runter und beeilte mich zu antworten. Auf die Folter spannen wollte ich ihn nicht, er litt meiner Ansicht nach schon genug an der Situation.
„Erstens kann ich dir nur sagen, welche ich für dich aussuchen würde, weil diese Unterwäsche nun mal nur für Männer ist. Davon abgesehen wirst du es letztendlich selbst entscheiden müssen, welche du anziehen willst.“
Es hatte sogar einigermaßen normal geklungen. Man konnte schon fast sagen souverän.
Ich reichte ihm ein paar verschiedene Modelle, ich versuchte dabei nicht näher über das, was ich gerade machte, nachzudenken.
„Wie mir scheint unterscheidet sich... das Modebewusstsein von Mittelerde und hier ein wenig.“ Ihm war anscheinend genau wie mir immer noch nicht wohl bei der Situation.
Den Unterschied der Mode konnte man aber durchaus mit den mindestens 500 Jahren Zeitunterschied begründen, der zwischen den beiden Welten lag.

Als wir etwas später, nachdem sich der Elb endlich für genug Unterwäsche entschieden hatte, an der Kasse standen, machte ich das Kreuz, wirklich, und betete still dafür nie wieder, wenn es sich vermeiden ließ, in so eine Lage zu kommen.
Die Verkäuferin zog die Barcodes auf den Kleidungstücken über den Scanner und der Geldbetrag stieg an. Dabei beachtete sie uns nicht weiter, denn anscheinend hatte der Mann, der nach uns in das Geschäft getreten war ein nettes Gespräch mit ihr angefangen und so schaute sie immer wieder auf und die Blicke der Beiden trafen sich.
Ich rollte mit den Augen, sollte sie sich mal lieber auf ihre Arbeit konzentrieren. Legolas stupste mich leicht an der Schulter an.
„Was ist?“, fragte ich ihn als ich mich umdrehte.
„Nur wegen meiner Wenigkeit brachst du nicht so eine Menge Geld ausgeben. Wirklich.“
Gab es in Mittelerde Geld?
Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, aber da Legolas es kannte, musste es wohl auch welches geben.
„Ach iwo, das geht schon. Ich hab immerhin die Kreditkarte von meinem Vater bekommen mit dem Hinweis: ich soll mir, solange sie weg sind, selbst etwas zu Essen kaufen und kann auch gerne shoppen gehen. Meine Eltern wissen, wenn sie mir das erlauben, noch dazu mit ihrem Geld, dass das ein bisschen teurer wird. Kaufe ich mir halt dieses Mal keine Bücher, neue Schuhe oder schönen Schmuck. Das ist echt nicht so wild.“
Zur Bestätigung meines eben Gesagten lächelte ich Legolas strahlend an.
Außerdem war ein Charakter aus Herr der Ringe für den Augenblick spannend genug. Da brauchte ich keinen Krimi oder Fantasyroman mehr.
„Wenn sie bitte ihre Pin eingeben würden.“
Die Verkäuferin dreht dieses Kreditkartengerät zu mir und ich tippte nach kurzen Überlegen rasch die Geheimzahl meines Vaters ein. Er hatte sie mir bevor er gefahren war auf einen Postit geschrieben, damit ich wie er es ausdrückte auch ja nicht verhungern würde.
Dann packte sie die Sachen in eine der größten Tüten, die sie im Laden hatten und drückte sie mir in die Hand. Ich fischte mir nur den Kassenzettel  heraus und gab sie an Legolas weiter. Immerhin waren da ja SEINE Sachen drin.
Er schaute mich nur kurz an und mit der Tüte in der Hand verließ er hinter mir den Laden.

Eine halbe Stunde später waren wir immer noch nicht wieder zuhause. Im Gegenteil, ich saß auf dem Stuhl des örtlichen Schuhladens und versuchte mich nicht in irgendwelche Schuhe zu verlieben.
Immer wieder sagte ich mir selbst, du hast doch schon genug, du brauchst keine mehr. Aber so wirklich helfen wollte das auch nicht.
Was machte der Elb bloß so lange? Er sollte sich doch nur zwei Paar Turnschuhe und ein Paar Flipflops aussuchen. Dafür konnte man doch nicht solange brauchen.
Ich schaute mich im Laden nach ihm um. Wenigstens war bei diesem Wetter kein anderer Mensch auf die Idee gekommen Schuhe zu kaufen.
Halb versteckt hinter einem der Regale konnte ich einen Teil seiner hellblonden langen Haare entdecken.
War das nicht die Abteilung für die Frauenschuhe?! Was machte er da?
Als ich um die Ecke bog und in dem kleinen Gang mit der Sitzgelegenheit stand, konnte ich meinen Augen fast nicht glauben, was ich da sah.
Dieser Elb stand doch da tatsächlich auf High Heels vor mir.
Und dann war es vorbei; ich konnte nicht mehr an mich halten und fing laut an zu Lachen.
Aber hey, ich glaube, es wäre jedem so gegangen.
Nachdem ich mich soweit wieder gefangen hatte, schaute ich den Elben mit Lachtränen in den Augen an.
„Warum hast du High Heels an? Du solltest dir doch Turnschuhe suchen, die dir passen.“
„.....“ Er sah ich einfach nur an. Wenn er etwas sagen wollte, so fand er keine Worte dafür. Vielleicht war aber auch sein Elbenkriegerstolz angrkratzt.
„Tut mir leid, dass ich so gelacht hab, aber das sah wirklich zu komisch aus. Diese Schuhe sind eigentlich nur für Frauen bestimmt, aber wenn du darin laufen kannst.“
„Wie bitte?“
„Das sind ganz klar Frauenschuhe, die du da anhast.“
„Oh, dachte ich mir doch schon, dass ich mich verlaufen habe. Aber andererseits kann ich wohl kaum wissen, welche verrückte Mode ihr hier auf der Erde bereits habt.“
Das … war kein schlechtes Argument.
Aber ich schaute ihn trotzdem noch ein bisschen misstrauisch an. Es war ein Wunder, dass er überhaupt Schuhe in seiner Größe bei den Damen gefunden hatte.
Na, war ja auch egal, was er mit den Stöckelschuhen bezwecken wollte. Konnte ich ihn auch noch später fragen, denn irgendwie glaubte ich ihm nicht so ganz.
Nachdem er endlich die lächerlichen Schuhe ausgezogen hatte, zumal sie auch noch rot waren, schleifte ich ihn an seinem Arm in die richtige Regalreihe.
„Was ist deine Schuhgröße?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, leider.“ Wie hatte er dann die Stöckelschuhe, die ihm passten, gefunden?
Ich sah auf seine nackten Füße. Sie waren vielleicht ein klein wenig rot und sahen etwas zerquetscht aus. Okay, er hatte einfach auf gut Glück irgendwelche angezogen. Gab es denn in Mittelerde keine Schuhläden?
„Hast du eigentlich deine Stiefel mitgenommen, die trägt dir hier keiner nach.“
„Oh.“ Schnell drehte er sich um und in noch nicht einmal einer Minute stand er wieder neben mir, diesmal hatte er seine ledernen Stiefel in der linken Hand.
Wir suchten uns erst einmal so ein Schiebedings zum Messen der Schuhgröße.

Danach standen wir vor dem Regal mit Schuhen der Größe 43. Legolas hatte Slipper für den Sommer in dunklem Grün in der Hand. Elben! Die waren ja noch schlimmer als wir Frauen. Aber sollte er sie haben.
„Gut, dann brauchen wir nur noch ein paar Turnschuhe und Flipflops.“
„Was in aller Welt sind Flipflops?“
„Du wirst sie lieben.... oder hassen. Kommt ganz drauf an.“
Noch sah es ganz nach Ersterem aus, denn er wollte sie gar nicht mehr aus der Hand geben, als wir bezahlt hatten. Ich hatte auch noch eine Reisetasche zu den Schuhen dazugelegt, denn irgendwo mussten wir die Sachen ja hinein packen und außerdem musste ich meinen Eltern auch noch seine Anwesenheit erklären. Noch hatte ich nichts Überzeugendes gefunden.
Mit neuen blauen Turnschuhen und schwarzen Flipflops machten wir uns auf den Weg nach Hause. Wir hatten endlich alles, um den Elben wie einen Menschen aussehen zu lassen, von den Slippern mal abgesehen.
Mal schauen wie er sich beim Gehen mit den Flipflops anstellte.
Ich grinste in mich hinein.
Das würde lustig werden.

„Ich dachte, Elben seien so elegant? Das sieht irgendwie nicht danach aus.“
Legolas ließ eine leises Knurren vernehmen.
Anscheinend kam er nicht mit den Flipflops zurecht. Der fließenden Gang, den er sonst immer an den Tag legte, funktionierte nicht und er war immer wieder kurz vorm Stolpern.
Ich wusste gar nicht, was er für ein Problem damit hatte.
Vielleicht waren es aber auch Anti-Elben-Flipflops.
Wir standen im Garten und ich betrachtete das Schauspiel von der Hauswand aus, an die ich mich anlehnen konnte und die noch Wärme der Sonneneinstrahlung während des Tages abgab.
Es flopte wieder, als er versuchte halbwegs normal zu laufen. Kurz bevor ich zu lachen anfangen musste - der Elb watschelte wie eine Ente - hielt ich mir die Hand vor den Mund und tarnte das Kichern in einem Husten.
Also gehörte Legolas eher zu den Hassern von den Schuhen. Mich hatte es ehrlich gesagt ja schon gewundert, dass er sie im Geschäft so gemochte hatte.
„Eirene?“
„Jep.“ Ich versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das so gut hinbekam. Hoffentlich sah Legolas meine zuckende Mundwinkel nicht.
„Wärst du so freundlich und würdest mir zeigen wie man in diesen Monstern laufen kann?“
„Aber natürlich, mein lieber Prinz. Wenn ihr es wünscht.“ Ich konnte es nur mühsam verhindern nicht zu kichern anzufangen. Zeit, ihn ein wenig zu necken.
„Versuchst du eine solch ernste Sache etwa ins Lächerliche zu ziehen?“
Er zog seine Augenbraue hoch und sein Mund verzog sich zu einem leichten Lächeln.
„Niemals, mein Prinz.“
Etwas in mir trieb mich dazu, das Spiel weiterzuspielen um zu sehen, was passieren würde.
Er trat näher an mich heran. Ich spürte seinem Atem warm an meinem Ohr vorbei streichen. „Wenn du dich weiter lustig über mich machst, werde ich mir eine Strafe überlegen müssen.“ Seine Worte waren keineswegs ärgerlich, sondern hatten einen einladenden Unterton, als wollte er, dass ich weitermachte.
Legolas hatte geschickt mein Spiel seinen Regeln unterworfen, aber was erwartete ich anderes von einem Elb? Und doch dachte ich, ich könnte ihn herausfordern.
Ich bekam bei seinen Worten eine Gänsehaut und schaute ihm in die Augen.
Sie glitzerten wie das Meer im Sonnenlicht, aber ich konnte nichts über seine Absicht erkennen. So unergründlich wie das Meer selbst.
Als ich ihn ansah, wusste ich nicht mehr, was ich denken sollte.
Ich fragte mich, was die von ihm erdachte Strafe wohl sein könnte und doch wollte ich es eigentlich gar nicht wissen.
„Ich hole meine Flipflops.“ Bei der Hälfte des Satzes lief ich los und flüchtete förmlich ins Haus.


POV Legolas

Noch bevor ich auch nur ein Wort erwidern konnte, war Eirene schon davon geeilt. Ich vernahm nur noch den mir zugeworfenen Satz.
„Ich hole meine Flipflops.“ Es schien beinahe, als wollte sie vor mir davonlaufen. Aber warum?
Geistesabwesend entledigte ich mich dieser neumodischen Schuhe, in denen, davon war ich felsenfest überzeugt, das Fortbewegen auf normale Art und Weise völlig unmöglich war. Ich spürte das warme Gras, auf welches die bald letzten Sonnenstrahlen des Tages fallen würden, an meinen Fußsohlen und zwischen meinen Zehen. Vielleicht hatte sie meine spielerische Warnung auch falsch verstanden? Eigentlich hatte ich nur die Absicht verfolgt, dass sie wusste, ich würde mich nicht einfach zu einem Opfer machen lassen, sondern meinerseits etwas entgegensetzten und mich gegen sie wehren.
Ich konnte sie auch verspotten oder, da sie von so geringer Körpergröße war einfach hochheben bis sie sich ergab. Das konnte Gimli auch auf den Tod nicht leiden.
Vielleicht war ich mir meiner wahren Absicht aber doch nicht so sicher gewesen. Ich wusste selbst nicht mehr, was ich eigentlich anstrebte, in einer so fremden Welt, in der ich gelandet war.

Ohne dass der Elb es zu bemerken schien, nahm er eine seiner hellblonden Haarsträhnen zwischen zwei Finger und spielte mit ihr. Er knabberte an seiner Unterlippe, während er augenscheinlich über etwas nachdachte.
In diesem Moment hätte man nicht vermuten können, welche im Verhältnis zu denen der Menschen schon alte Seele in diesem jungen Körper wohnte.


POV Eirene

Bei Suchen nach den Flipflops in dem Haufen meiner Schuhe, ich besaß keinen Schuhschrank – eigentlich fand ich es sowieso viel praktischer eine Berg mit Schuhen zu machen -, normalisierte sich meine Gefühlslage wieder so einigermaßen. Meine Gedanken beruhigten sich und hörten endlich auf durch meinen Kopf zu wuseln.
Ich grub mit meine Händen und fühlte den Gummi, welcher der Hauptbestandteil der Flipflops war. Triumphierend zog ich sie hervor. Ein wenig ausgelatscht und in einem Pink, welches geradezu leuchtete.
Ich zog meine Ballerinas, die ich für den Einkaufbummel angehabt hatte, aus und warf sie auf den Schuhhaufen an der Wand. Barfuß lief ich die Treppe herunter und aus dem Haus, die Flipflops in der Hand.
Als ich aus der Terrassentüre hinaustrat, die Fliesen überquerte und die kleine Treppe zum Garten hinunter ging, es war wohl eher ein Hüpfen, spürte ich den Blick von Legolas, der mir die ganze Zeit über folgte. Er hatte sich umgedreht, sowie er meine Schritte gehört hatte und zu mir hoch gesehen.
Ich wusste immer noch nicht, was ich von dem Satz vorhin halten sollte.
Fragend schaute ich ihn an.
„Mir scheint als hättest du mich falsch verstanden. Ich muss mich entschuldigen.“ Er senkte den Kopf.
„Wie hätte ich es verstehen sollen?“
„So.“ Legolas trat auf mich zu und ich konnte nichts dagegen tun, ich wich einen Schritt zurück. Entschuldigend schaute ich zu ihm hoch.
Was tat ich da überhaupt? Natürlich vertraute ich ihm, nur meine Füße hatten irgendwie ein Eigenleben entwickelt.
„Wir holen es nach, wenn du mir mehr vertraust. Es war nichts schlimmes. Du hast mein Wort.“
Ich dachte schon, er wäre deshalb böse auf mich und erwartete es in seinem Gesicht zu sehen. Aber ich entdeckte etwas anderes.
Er schenkte mir ein Lachen, welches die Sonne aufgehen lassen konnte, warm wie die ersten Strahlen im Frühling.
Wahrscheinlich bezauberte er damit in Mittelerde alle weiblichen Wesen in Sichtweite und brachte sie dazu für ihn zu schwärmen.
Ich war aber nicht so leicht zu erobern. Außerdem, was wollte ich mit einem Elben, auch wenn es der Prinz des Düsterwalds ist?
Ich erwiderte es. „Komm, ich bringe dir das Laufen bei.“ Die Zweideutigkeit dieser Worte war mir durchaus bewusst und Legolas war sie wie ich es sagte auch aufgefallen.
„Du hältst mich doch nicht etwa für ein Kind?“ Entrüstung schwang in seiner Stimme mit. Da war wieder das Funkeln in seinen Augen.
„Wie kann ich es wissen? Ich kenne mich leider nicht mit Elben aus.“
„Diese Zeiten sind schon lange vergangen.“ Er schweifte mit seinem Blick kurz in die Ferne.
Wie viel mag er schon gesehen und erlebt haben? Wahrscheinlich mehr als ich in meinem ganzen Leben erfahren werde.
Wieder sah er mich an. Diese blauen Augen, irgendwann werden sie noch mein Untergang.
„Hältst du mich für ein Kind?“ Es musste so sein. Im Vergleich zu ihm war ich so jung...
„Ich denke nicht. Für einen Menschen scheinst du nahezu erwachsen zu sein. Außerdem bewahrt man immer noch etwas kindliches, egal wie alt man ist. Ich habe Elben getroffen, welche viele tausend Jahre alt waren und immer noch Streiche spielten.“
Ich war abgelenkt, zu sehr überraschte mich, dass er mich nicht als Kind sah.
Der Elbe nutzte dies schamlos aus und klaute mir meine Flipflops aus der Hand. Bevor ich wusste wie mir geschah, war er schon in den Garten gelaufen und rief mir grinsend zu: „Wenn du sie lebendig wiedersehen willst, musst du sie dir wohl holen!“
Und ich hielt mich im Gegensatz zu ihm für ein Kind? Was für ein Irrtum.
Hoffentlich bekamen das meine Nachbarn nicht mit.
Ich rannte ihm nach und schauderte kurz als meine nackten Füße das mittlerweile kalt und nass gewordene Gras zum ersten Mal berührten. Vorhin war ich auf dem von der Sonne im Laufe des Tages aufgewärmten Pflaster gestanden und mir war nicht aufgefallen, dass die Sonne langsam immer mehr in den Westen gewandert war und nun allmählich untergehen würde.
Zwar dauerte es noch gute eineinhalb Stunden bis sie ganz verschwunden war, aber die Luft kühlte sich schon ab.
„Warte nur, wenn ich dich in die Finger bekomme, Prinz!“
Die frische Luft strich an meinem Gesicht vorbei, während ich mit einem Elben am Abend in meinem Garten herum tobte.
Meine Nachbarn taten mir einmal den Gefallen und schaute nicht aus dem Fenster oder über die Hecke. Ich hätte sie in dem Moment fast schon gemocht, aber nur fast.

Immer wenn ich kurz davor war, Legolas endlich zu fassen zu bekommen, entwischte er mir wieder in eine andere Richtung.
Es war zwar einerseits wirklich faszinierend wie geschmeidig und elegant der Elb sich bewegte und auch meinen Versuchen ihn zu fangen auswich, aber mir dämmerte nach einer Weile, dass dieses Spiel ziemlich unfair mir gegenüber war.
Ich konnte einfach nicht so schnell laufen wie sein Volk, schon gar nicht, da ich auch noch gute 20 bis 25 Zentimeter kleiner war als er.
Schließlich hatte ich keine Lust mehr und blieb einfach mit verschränkten Armen stehen. Ein klein wenig kindisch vielleicht, aber das war mir im Moment egal. Ich wollte schmollen.
Legolas lief noch ein bisschen weiter durch den Garten, bis er letztendlich auch stehenblieb und mich verwundert ansah. Dachte ich jedenfalls bevor ich das Lächeln auf seinen Zügen bemerkte.
„Weshalb versuchst du mich nicht mehr zu fangen? Bin ich dir zu flink?“
Und er war noch nicht einmal ein bisschen außer Atem. Deprimierend.
„Du weißt genau, dass ich nicht gewinnen kann, du hast einen viel zu großen Vorteil.“
„Und deshalb bist du stehengeblieben?“
Er kam immer näher an mich heran und plötzlich hatte ich eine Idee.
„Das ist nicht gerecht, du kannst schneller laufen und hast auch mehr Ausdauer als ich.“
„So spielt das Leben.“
Jetzt hatte er neben mir und was noch wichtiger war, in der Reichweite meiner Hände gestoppt. Ich grinste in mich hinein und machte mich daran, meine Flipflops zurück zu erobern.
Rasch riss ich sie ihm aus seinen Fingern und stolperte etwas tollpatschig – das war ich ab und an mal, alle Bestrebungen, das meinerseits zu verhindern waren gescheitert – über meine eigenen und Legolas' Füße.
Ich machte einen Purzelbaum und als ich auf meinem Rücken im Gras zu liegen kam, drückte ich meine Trophäe stolz an die Brust.
„Hab gewonnen! Gegen einen Elben.“ Auf meine Gesicht stahl sich ein Grinsen.
„Das war regelwidrig.“ Stellte der Elb mit einer ernsten Miene fest.
„Ich wüsste nicht, dass wir welche festgelegt hatten. Also gilt, es gibt keine Regeln.“ Den Sieg würde ich mir nicht mehr nehmen lassen.
Ich hatte einer Vertreter des schönen Volks, die sicher auch die schlausten Lebewesen in Mittelerde waren, überlistet.
Das würde mir keiner glauben.
Als ich so darüber sinnierte, dass ich fast schon so genial wie Bilbo in „Der Hobbit“ mit den Bergtrollen gewesen war, vergaß ich Legolas im Auge zu behalten.
Ich hätte mir auch denken können, dass Elben nicht so leicht aufgaben. Zumindest dieser hier nicht.

„Na, wenn es keine Regeln gibt...“, er zog mich an den Fußknöcheln über das Gras.
„Heeeeyyy!!!!!“ Ich strampelte mit den Füßen, in der Hoffnung er würde sie wieder loslassen, doch das Gegenteil war der Fall, seine Griff wurde fester und er hob mich an der Füßen kopfüber hoch.
Bloß gut, dass mein Rock relativ eng war und so auch, wenn ich nun kopfüber gehalten wurde an seinem Platz blieb.
Ich hoffte, dass Legolas genug Gentleman war um nicht unter meinem Rock zu schauen.
„Willst du dich nicht vielleicht ergeben?“ Legolas' Stimme war wunderbar sanft und als ich kurz hoch sah – Puh, war das anstrengend, dazu musste ich ja meine Bauchmuskeln anspannen und so viele hatte ich davon doch gar nicht -
hatte er ein warmes Lächeln auf den Lippen.
Ich schüttelte den Kopf, „ Niemals. Das ist unfair! Erpressung!“
Mit ein bisschen Herumstrampeln unterstrich ich meine Position, dumm war nur, dass diese Aktion mir nur schadete und an meinen Füßen, durch Legolas' Griff gar nicht wirklich ankam. In meinem Kopf drehte sich für einen kurzen Moment einfach alles.
Schlechte Idee. Ich musste was anderes versuchen.
Langsam lief mir das ganze Blut von den Füßen in mein Gehirn.
Fieberhaft suchte ich nach einer Lösung, damit mich Legolas wieder herunterließ. Was durch den Blutstau auch nicht gerade erleichtert wurde.
Geld.
Nein, was wollte er damit?
Ein Kuss?
Nein, gaaanz falsche Richtung. Böses Hirn. Da lang. Nicht in die Ecke.

Hah!
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich die beste Bestechungsmethode gefunden.
Das Sprichwort, dass mir in dem Moment dazu einfiel, versuchte ich ganz schnell zu vergessen, denn „Liebe geht durch den Magen“ passte meiner Meinung nach nicht wirklich. Ich wollte ja nicht, dass er sich in mich verliebte, oder?
Nein, ich denke nicht.
Aber zurück zum eigentlichen Thema.
Essen. Darauf würde er doch sicher eingehen.
Elben mussten ja auch etwas essen oder lebten sie von Luft?

„Legolas? Ich mache dir ein Friedensangebot, du lässt mich runter und wir essen etwas. Einverstanden?“
Ich wartete auf eine Antwort und überlegte mir auch, was ich machen würde, wenn er nicht darauf eingehen würde. Das wäre echt blöd.
„So sei es. Ich bin einverstanden.“
Dann spürte ich wie der Elb mich langsam dem Boden näher sinken ließ und mich so sanft wie ich es nicht vermutet hatte auf den Boden legte und meine Füße losließ. Als ich mich aufsetzten wollte, hielt er mir die Hand entgegen.
„Ein bisschen Hilfe nötig, meine Lady?“
Die Anrede überhörte ich geflissentlich.
Ich überlegte mir noch, ob ich das Angebot annehmen sollte oder nicht, doch meine Hand war irgendwie schneller. Und dahin war die Anstrengung von etlichen Jahren Emanzipationsbestrebungen von Alice Schwarzer und Co. Von wegen die Frau ist selbstständig.
Nachdem ich meine Hand in seine, sie war weich und von der Nachtluft kalt, gelegt hatte, zog er mich mit einem kleinen Ruck mühelos hoch.
Ich landete an seiner Brust.
Was hatte das Schicksal eigentlich gegen mich? Ich wollte nichts von Legolas.
Mein Blick wanderte zu dem Gesicht des Elben und trafen seine blauen Augen  und bevor etwas Romantisches passieren konnte – ich kannte das Schicksal, dieses hinterhältige Stück- sagte ich das Erstbeste, das mir einfiel. „Hast du auch soviel Hunger wie ich?“
Legolas lächelte mich an. „Deine Art ist unsagbar unromantisch.“
Aber genau das war es ja, was ich damit bezwecken wollte. Klar, Legolas war vielleicht meine Lieblingsfigur aus den Herr der Ringe-Filmen und aus den schon erschienenen zwei Hobbit-Filmen, aber ihn in Fleisch und Blut vor mir zu haben, machte doch einen kleinen Unterschied.
Der Tag hatte es in die Charts für die Verwirrensten in meinem Leben geschafft und zwar auf Platz eins und das mit großem Vorsprung vor dem Tag, an dem mir mein Tanzpartner erklärt hatte, dass er nicht mit mir bei dem Turnier tanzen konnte, weil seine Freundin etwas dagegen hatte und so weiter. Eine lange Geschichte, aber die Freundin vom ihm wollte einfach nicht sehen, dass wir wirklich rein freundschaftlich miteinander umgangen.
Ich muss ja wirklich zugeben, dass ich es immer noch nicht verstanden hatte. Zum Glück hatte sich mein lieber junger Tanzlehrer dazu bereit erklärt mit mir anzutreten.
Mein Gehirn musste wahrscheinlich erstmal alles so halbwegs verarbeiten, bevor ich überhaupt etwas zu meine Gefühlslage oder der ganzen Situation mit dem Prinzen sagen konnte.
Und da konnte ich ihm auch keinen Vorwurf machen.
Legolas holte mich mit einem Satz wieder aus meinen Gedanken. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er ihn schon zum zweiten oder dritten Mal sagte. Manchmal bin ich wie in einer fernen Dimension, wenn ich über etwas nachdenke. Meine beste Freundin kommt dann immer mit ihrem „Erde an Eirene“.
Aber der Prinz würde mir schon der Höflichkeit halber nie sagen, dass er das Gesagte schon einmal wiederholt hatte.
Da war er ganz der Elb mit den guten Manieren.
„Welches Gericht beabsichtigst du denn zu kochen?“
Ähm... das war jetzt nicht sein voller Ernst oder vielleicht doch?
Hatten Elben etwa auch diese mittelalterlichen Vorstellungen von der Rolle der Frau?
Da würde er in meinem Falle nicht viel Glück haben. Ich konnte nicht kochen und seit ich es einmal zum Muttertag versucht hatte, durfte ich die Küche nur noch betreten, wenn ich hoch und heilig versprach nicht ein Kochgerät anzufassen.
Mit dem Backen sah es da schon besser aus, denke ich.
Andere Leute wahrscheinlich nicht.
Ich verkniff mir ein Lachen, er konnte ja schließlich nichts von meiner Unfähigkeit wissen.
„Also entweder du kochst oder wir rufen lieber den Lieferdienst.“
„Wie kommst du denn darauf, dass ich kochen könnte?“ Er schaut mich forschend an. „Moment mal, du kannst nicht kochen, nicht wahr?“
„Bisher bin ich auch ganz gut ohne durch das Leben gekommen.“
„Verzeihung, ich wusste nicht.....dass hier.... in Mittelerde lernt das jede kleine Elbin.“ Wahrscheinlich ob sie wollte oder nicht. Denn bei uns im Mittelalter gab es für Frauen auch nur einen Platz, nämlich den hinter dem Herd. Ich war froh im hier und jetzt zu leben.
„Naja, bei uns bekommt man es nicht direkt beigebracht. Niemand muss kochen lernen. Aber wenn man es lernen möchte, gibt es Kochbücher und Kurse dafür. In meinem Fall hab ich es lieber gelassen, ich hab kein Talent dafür.“
Bei TV- Sendungen konnte man kochen zwar auch lernen, aber ich wollte Legolas ja nicht überfordern, meiner Meinung nach hatte er für heute schon genug zum Verarbeiten bekommen, da brauchte ich ihm nicht auch noch die Fernsehtechnik versuchen zu erklären.
Die Medien würden dann morgen kommen.
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich kochen könnte? Um wieder zur Eingangsfrage zurückzukommen.“
„Keine Ahnung. Eine Vermutung. Und kannst du?“
„Ein paar Gerichte kann ich zubereiten. Als ich ein kleiner Elbling war, verbrachte ich einige Zeit in der Küche um vor meinem Lehrer zu flüchten.“ Er schaute mich schelmisch grinsend an.
Siehe da, der Elb hatte ja auch einen unvernünftige Zeit gehabt.
Aber in die Küche konnte ich ihn trotzdem nicht lassen, die Einrichtung hatte sich zwischen Mittelalterzeiten und dem Jetzt wohl etwas verändert.
Angefangen mit dem Elektroherd, Mikrowelle und nicht zu vergessen den Kühlschrank.
„Wir bestellen beim Lieferservice“, legte ich jetzt einfach mal fest und ging in Haus um nach dem Prospekt unserer Stadtpizzeria zu suchen. Im Gang wühlte ich in einer der Schubladen der Kommode. Allerlei Prospekte kamen zum Vorschein, bloß nicht das Eine, das ich suchte.
Legolas war mir gefolgt und hatte die Türen hinter mir geschlossen. Upps, das hatte ich wohl vergessen.
Er wollte nun von mir wissen, während er sich an eine der weiß gestrichenen Wände lehnte, „Was ist ein Lieferservice?“
Mich nebenbei weiter durch die verschiedenen Blätter wühlend, antwortete ich ihm: „Also wir sind wahrscheinlich in den letzten Jahren der Zivilisation etwas faul geworden, du kennst Restaurants?“ Er schaute mich ein bisschen verwirrt an.
„Ähm... Wirtshäuser?“ Darauf nickte er.
„Wir teilen so einem Wirtshaus einfach mit, was wir wollen und ein Lieferjunge bringt es dann zu uns nach Hause.“
„Schickt ihr einen Boten zum Wirtshaus? Oder wir teilt ihr den Leuten dort euren Essenswunsch mit?“
Ach ja, in Mittelerde gab es ja noch nicht einmal eine Post, geschweige denn Telefon oder Internet.
„Ähm, es gab da bei uns vor etwa 150 Jahren oder so eine Erfindung, die Gespräche auch über große Distanzen hinweg möglich macht. Es ist wie wenn du und ich jetzt mit einander reden nur funktioniert das auch über große Entfernungen.“
„Interessant.“
„Ah. Ich habs.“ Ich hielt die Karte zum Bestellen in die Höhe.
Der Prinz nahm sie mir aus der Hand und fing an zu lesen.
„Was ist Pizza?“ Sein ratloses Gesicht konnte man nicht anders als unheimlich schön und anziehend beschreiben.
„Wir bestellen dir einfach eine, dann wirst du schon sehen.“Ich zwinkerte ihm zu. Für mich selbst würde ich wahrscheinlich eine Pizza Hawai bestellen und für Legolas...
„Was willst du denn auf deine Pizza drauf haben?“
„Mir entgeht zwar der genaue Sinn dieser Frage, dennoch denke ich Pilze wären nicht verkehrt.“ Ganz der Waldelb also.
„Okay, Pizza Funghi, wünscht der werte Herr.“ Und schon wieder kam mir ein kecker Spruch über die Lippen, hatte ich denn von gerade eben im Garten nichts gelernt?
Ich ging ins Esszimmer und griff nach dem schnurlosen Telefon, das auf einer der Kommoden stand.
Als ich die Nummer eingab, war ich mit der Karte und dem Telefon beschäftigt so bemerkte ich den Blick, den Legolas mir anscheinend schon eine Weile lang zuwarf erst, nachdem ich das Klingeln auf anderen Ende der Leitung wahrnahm und aufschaute.
„Ähm... das ist die Erfindung, das Telefon, von der ich dir gerade eben erzählt habe.“ Ich war so von dem Augenkontakt mit dem Elben abgelenkt, dass ich den Lieferservicetypen, der jetzt an das Telefon gegangen war, überhaupt nicht registrierte.
'Hallo?', kam es aus dem Telefon. Erschrocken fiel mir ein, dass ich ja eigentlich bestellen müsste.
Widerstrebend lenkte ich meinen Blick woanders hin und bestellte die zwei Pizzen. Mir wurde zugesichert, dass sie in einer halben Stunde geliefert würden.
Damit kam mir ein Gedanke, was sollten Legolas und ich in der Zwischenzeit machen?
Der Prinz kam meinem Gehirn zuvor.
„Wir könnten doch den Tisch decken. Ich gehe doch richtig in der Annahme, dass wir noch warten müssen, bis das Essen gebracht wird.“
„Können wir machen. Ich hole das Geschirr aus der Küche. Warte.“
Durch eine Türe getrennt vom Wohn- und Esszimmer, befand sich die moderne Küche in unserem Haus. Der Augenstern meiner Mutter.
Aus einem der Schränke holte ich die Teller in schlichten Weiß, stellte noch zwei Gläser auf die Teller und legte das Besteck für uns beide dazu.
Wenn Legolas einen gedeckten Tisch haben wollte, auch wenn es auch nur für zwei Pappkartons mit Pizza war, sollte er ihn haben.
Als ich wieder zurück ins Esszimmer trat und die Tür hinter mir schloss, ich hatte das Geschirr in einer Hand, nahm mir Legolas, bevor ich es realisieren konnte, die Last ab und fing anmutig an den Tisch zu decken und schenkte in die beiden Gläser Wasser ein.
Dem wenigen Geschirr geschuldet, war er auch gleich fertig, trat an mich heran und führte mich mit der Hand auf meinem Rücken zu einem der gedeckten Plätze. Nachdem ich mich gesetzt hatte, rückte er den Stuhl näher an den Tisch.
„Holde Schönheit, geben Sie mir die Ehre mit mir heute Abend zu tafeln.“
Das war jetzt aber ganz schön altbacken und mittelalterlich. Meine Güte und dann dieser Blick aus den tiefblauen Augen, der Elb hatte sich auf dem Platz gegenüber von mir niedergelassen. Da half nur ein Themenwechsel. Und zwar ein drastischer. Immerhin hatten wir keine Kerzen auf dem Tisch stehen, das wäre echt schrecklich gewesen.
„Was ist das Letzte an das du dich in Mittelerde erinnern kannst?“ Vielleicht wäre das ein Hinweis darauf, was mit dem Elben passiert war und er in unserer normalen Welt ohne Elben und der Gleichen gelandet war.
„Ich war im Düsterwald und auf einer Reise nach Gondor um Aragorn zu besuchen.“
Aha, er wollte also mal bei seinem Kumpel reinschauen.
„Ist dir was komisches aufgefallen?“
„Nein, meiner Ansicht war alles wie immer gewesen.“ Also waren wir immer noch bei der These, dass er ohne ersichtlichen Grund einfach mal die Welt gewechselt hatte. Naja, ich würde das schon zusammen mit Legolas herausbekommen und auch einen Weg finden wie er wieder zurück nach Mittelerde und auch zu seinen Freunden kam.

Ein Klingeln schreckte uns beide hoch. Die Tür.
Ich sprang von meinem Stuhl auf und ging schnellen Schrittes in den Flur. Mein Geldbeutel lag immer noch in der Tasche, die ich heute beim Einkaufen mitgenommen hatte und ich als wir wieder nach Hause gekommen waren in den Flur geworfen hatte. Eine Tatsache, die ich öfters mit meinen Sachen machte, das würde dann ja auch erklären, warum ich ein so schrecklich unordentliches Zimmer hatte.
Ich kramte die Geldbörse hervor und öffnete die Haustüre.
„Hallo Eirene. So viel Hunger, dass du dir gleich zwei Pizzen bestellst?“
Na klar, das hatte ich fast vergessen, einer aus meinem Mathekurs, den ich zugegebenermaßen auch ganz nett und toll fand, arbeitete ja als Lieferjunge bei Giovanni's.
„Du weißt doch Mathe und Zahlen war noch nie meine Stärke. Wie viel bekommst du?“ Das mit der Mathematik war glatt gelogen und das wusste Niklas auch. Eigentlich war Mathe sogar mein bestes Fach, zusammen mit Fremdsprachen.
„Das wären dann 16 €.“
Ich spürte wie jemand von hinten an mich herantrat. Es war nun wirklich kein Kunststück zu erraten, dass es Legolas war.
Ich sah die großen Augen von Niklas also ich ihm das Geld gab - natürlich auch noch mit ein bisschen Trinkgeld, schließlich hatte er nur eine Viertelstunde gebraucht um die Pizzen zu bringen.
„Ich dachte, du hast keinen Freund.“ Also war ich ihm doch nicht völlig Schnuppe, wie ich immer gedacht hatte. Das war gut zu wissen.
Und bevor Legolas die Möglichkeit hatte etwas potentiell altertümlich oder Dummes zu sagen, erwiderte ich, „Ist er auch nicht, das …. ist der Sohn von einer Freundin meiner Mutter mit dem ich mich ganz gut verstehe. Leg... Leo, Niklas, Niklas, Leo.“ Ich machte sie mit der typischen Handbewegung miteinander bekannt.
Überrascht sah ich zu wie Legolas Niklas die Hand hinstreckte und als der sie nahm, „Es ist mir eine Freunde Euch kennen zu lernen.“, sprach.
Am liebsten hätte ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen, aber das ging derzeit leider nicht.
Niklas starrte mich irritiert an.
„Ähm, Leo ...“ wie konnte ich das jetzt erklären? Sekunden vergingen, bis mir endlich eine plausible Lösung einfiel. „Leo studiert Literatur des Mittelalters. Deshalb seine Ausdrucksweise.“ Der Elb in meinem Rücken spannte sich etwas an. Aber das Wichtigste war, das Niklas diese Erklärung schluckte und sich mit einem Lächeln, das an mich adressiert war, verabschiedete, nachdem er mir die Pizzakartons in die Hand gedrückt hatte.
„Wir sehen uns.“
„Sicher, spätestens in der Schule.“

Ich atmete tief durch. Geschafft. Dann drehte ich mich zu dem Prinzen um.
Er lehnte mit verschränkten Armen am Türrahmen- ich war während der Unterhaltung  mit Niklas vor die Tür getreten - sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus verärgert, belustigt und neugierig wider.
„Der Sohn von einer Freundin deiner Mutter also? Warum nicht der Cousin?“ Nun überwog sein Amüsement.
„Mir ist halt nichts anderes eingefallen.“ Ich meinte zu wissen, worauf er hinaus wollte. Mit einem Cousin konnte man nichts anfangen oder man würde schräg von der Seite angesehen, mit meiner Lösung war das möglich. Aber in Wirklichkeit war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich nicht Niklas schon mal erzählt hatte, dass ich nur Cousinen hatte.
„Und ich studiere die Literatur des Mittelalters? Nur weil ich eine andere Sprachweise habe wie du?“ Sein Ton hatte sich verändert und ich konnte den Ärger und die Gekränktheit von ihm heraushören.
„Das ist es nicht. Ich habe nichts gegen deine abweichende Ausdrucksweise. Es ist nur einfach so, dass ich dich so gut es nur irgendwie geht tarnen will, damit du nicht auffällst.“ Und du nicht als eine der Figuren von Herr der Ringe erkannt wirst. „Ist das wirklich so schlimm?“
Ich sah wie sich sein Körper wieder entspannte und sein Ärger abebbte. Auf seinen Zügen lag nun eher Schuldbewusstsein.
„Es tut mir leid, Eirene. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Wenn es nur meiner Tarnung dient, werde ich von jetzt an vorgeben die Literatur des Mittelalters studieren. Lass uns ins Haus gehen.“
Er ließ mich als erstes durch die Tür und schloss sie dann.
Im Esszimmer angekommen, stellte ich die Karton auf den Tisch und schaute nach welche Pizza, welche war.

Während Legolas sich wieder setzte, versuchte ich seine Pizza auf den Teller zu bekommen. Sie lag dort zwar am Schluss etwas verunglückt, aber immerhin, war sie noch ganz.
„Hannon le.“
Ich schaute ihn verwirrt an, was hatte er gesagt?
Er musste es bemerkt haben, den er fügte hinzu, „Tut mir leid, ich verwendete Sindarin. Ich habe nicht daran gedacht, dass du diese Sprache nicht verstehst. Ich sagte in etwa 'Danke'.“
„Ich bin leider nur des Englischen, Italienischen und des Lateins mächtig, mit Elbisch kann ich leider nicht dienen.“
„Wenn du willst, könnte ich dir die Elbensprache beibringen.“
Das konnte doch nicht schaden, denn dann hatte man wenigstens eine Geheimsprache parat, wenn man nicht wollte, dass jedermann zuhörte.
„Vielleicht komme ich auf dein Angebot zurück, danke.“
Nun stürzte ich meine Pizza auf den Teller und räumte die leeren Kartons in den Mülleimer in der Küche. Als ich mich wieder auf meinen Stuhl fallen ließ, wünschte ich Legolas guten Appetit.
Er hatte mit dem Essen noch gewartet bis ich auch anfangen konnte, aber bei meinem ersten Bissen sah ich, dass Legolas Pizza noch unberührt auf dem Teller vor ihm lag und er sie skeptisch anschaute.
„Das ist also Pizza?“, er blickte zuerst die Pizza und dann mich mit einer hochgezogenen Augenbraue und der Frage nach der Essbarkeit dieses Gerichts in seinen Augen an.
„Richtig und sie wird dich weder beißen noch wird sie dich umbringen, wenn du sie isst. Hopp, probier mal!“
Wie heißt dieses Sprichwort, was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Anscheinend galt dies auch für Elben, hoffentlich musste ich Legolas nicht mit Gewalt zum Essen zwingen.
Abwartend beobachtete ich den Prinzen von Düsterwald wie ein kleines Kind, dass sein Gemüse nicht essen wollte.
Zögerlich nahm er das Besteck in die Hand und stach mit der Gabel ein Pizzastück an.
Aber ich glaubte, dass er dann den Entschluss fasste, mir etwas beweisen zu müssen, was auch immer es auch war und so schob er das Stück schnell in den Mund.
Heiß konnte es gar nicht mehr sein, solange wie er mit dem Essen gewartet hatte.
„Und? Wie schmeckt dir eine unserer kulinarischen Errungenschaften?“
Er schaute mich kauend an. „Fremd und sicher auch ein bisschen nach Pilzen und Käse“, sagte er nachdem Schlucken.
„Das meinte ich doch nicht! Magst du die Pizza?“
„Ja, ich mag sie.“ Legolas schenkte mir ein Lächeln. „Wenn auch nicht das beste Gericht, das ich jemals kosten durfte.“
Ich stupste ihn an. „Hey, beleidige nicht unser Essen.“
„Nichts läge mir ferner.“
Für eine geraume Zeit konnte man nur die Gabeln und Messer auf den Tellern kratzen hören.
Eines wollte ich dem Prinzen aber noch in Bezug auf die Pizza zeigen.
„Eigentlich wird Pizza ja anders gegessen.“ Im Nu konnte ich mir wieder seiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein. „Man nimmt so ein Stückchen hinten am Rand in die Hand und beißt hinein.“ Unterstützend zu meinen Worten machte ich es ihm vor.
„Verzeih mir, wenn es etwas respektlos klingen mag, aber diese Methode zu speisen erscheint mir ein klein wenig unkultiviert.“
„Oh, ich bin nicht beleidigt deswegen. Komm versuchs doch auch mal. Unkultiviert macht Spaß.“
Seine schlanken Finger umfassten eines der dreieckigen Stücke und mit einer anmutigen Bewegung landete ein Teil davon in seinem Mund.
„Siehste, geht doch.“ Ich schenkte ihm dabei ein Grinsen. Sein komisches Gesicht, dass er zog, veranlasste mich hinzuzufügen, „Aber natürlich kannst du auch mit Besteck essen. Wenn du willst.“ Ich war mir sicher, dass ich irgendwo in meinem Gesicht Tomate verteilt hatte, beim Essen war ich fast so schlimm wie ein Kind und brauchte immer eine Serviette.
Der Elb sagte aber nicht als ich ihn anlächelte.

Als wir den Tisch abräumen wollten, wohlgemerkt zusammen(damit meinte ich, dass Legolas mir einfach die Teller in die Küche reichen sollte, wo ich sie dann in den Geschirrspüler räumte) und ich an der Küchentüre wartete, lief der Elb einfach an mir vorbei, öffnete die Türe und stand, bevor ich etwas machen konnte in der modernen Küche.
„Dies ist gleichnoch welche Räumlichkeit?“ Lügen hatte keinen Zweck also antwortete ich ihm wahrheitsgemäß, „Die Küche.“
Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „In Mittelerde sieht eine Küche anders aus.“ Ja, das war mir auch bewusst.
Eigentlich hatte ich ja vorgehabt den Geschirrspüler zu nutzen um abzuwaschen, aber um nicht noch mehr Fragen für den Prinzen aufzuwerfen, als nötig, entschied ich mich für das Spülbecken und die gute alte Handarbeit.
Ich drückte ihm ein Handtuch zum Abtrocknen der gewaschenen Gläser und Teller in die Hände und machte mich an die Arbeit. Komischerweise stellte Legolas gar keine Fragen zur Einrichtung der Küche. Ich nahm an, dass er langsam aber sich auch müde sein musste.

Kurze Zeit später waren wir fertig und da es draußen schon dunkel war wie ich durch ein Fenster sehen konnte und ich langsam wirklich geschafft von diesem Tag mit dem Elben war, beschloss ich Legolas in das Gästezimmer einzuquartieren und dann, nachdem ich mein Zimmer noch ein wenig ordentlicher gemacht hatte, erschöpft ins Bett zu fallen.
Dass sich mein Vorhaben allerdings noch etwas in die Länge ziehen würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Auf dem Weg in den ersten Stock kamen wir wieder an dem Fensterbrett mit den Kinderfotos von mir vorbei und Legolas Blick blieb an einem von ihnen hängen. Hatte ich es mir doch gedacht, es war das von mir als Dreijährige im Italienurlaub. Ausgerechnet dieses.
Ungeduldig wollte ich ihn an seinem Arm weiterziehen, aber der Elb blieb abrupt stehen und bewegte sich keinen Zentimeter weiter von der Stelle.
„Ist das ein Gemälde von dir?“
„Von mir ja, Gemälde nein. Da gibt es mittlerweile eine bessere Technik, die auch um einiges schneller ist. Wir nennen sie fotografieren, damit bekommt man fast ein genaues Abbild der Realität.“
„Ist es Zauberkraft?“
„Nein, die gibt es in dieser Welt meines Wissens nicht. Einfach nur die gute alte Entwicklungskraft und Intelligenz der Menschen.“
„Ich befürchte, die gibt es bei uns nicht in dem gleichen Maße.“
„Willst du damit sagen, dass bei euch die Menschen dumm sind? Ich glaube, das liegt einfach daran, dass sie sich nicht wirklich für etwas anstrengen mussten, immerhin standen sie immer im Schatten der Elben“, nein, Legolas durfte doch nicht wissen, dass ich mehr über Mittelerde wusste als er mir erzählt hatte. Ich verstand nämlich noch nicht inwieweit die Bücher zu Legolas standen. Das verwirrte mich schon total, ich bin mir sicher, dass es Legolas sogar schlechter ginge als mir. „Ich könnte mir vorstellen, dass andere Völker ihnen die Möglichkeit neue Gesetze und Erfindungen zu entwickeln einfach vorweggenommen haben“, wandelte ich rasch den Satz ab. Auf den Blick des Elben fügte ich noch hinzu, „ohne schlechte Absichten natürlich.“
Ich war nicht ganz sicher, aber für einen kurzen Moment glaubte ich einen Anflug von Misstrauen und Zweifel in seinen schönen Augen aufblitzen zu sehen.
„Mag  so sein, auf dem... wie heißt das Gemälde, das keines ist, bitte noch einmal?“
„Foto oder Fotografie.“
„Auf der Fotografie siehst du bezaubernd aus.“ Sein Lächeln schien direkt Wärme auszustrahlen wie die Sonne an einem Frühlingstag, unwillkürlich erwiderte ich es.
Was das Foto allerdings anging, bezweifelte ich das Kompliment von Legolas. Es war einer der Fotos, die ich am wenigsten mochte und ich hatte meine Mutter schon ein paar Mal nahezu angefleht, dass sie dieses Zeugnis meiner äußerst freizügigen Kindheit wegräumen sollte.
Vergeblich, sie bestand darauf.
Der Prinz musste gemerkt haben wie peinlich diese Fotografie mir war – oder war ich etwa rot geworden? - und wollte mich offenbar aufmuntern.
„Ich bin mir sehr sicher, dass mein Vater, wenn es in Mittelerde diese Möglichkeit gäbe, unzählige solche Momentaufnahmen besäße und sie im ganzen Schloss verteilt wären.“
Gemälde von einem von Erdbeeren verkleckterten Legolas, ganz verwuschelt nach dem Fangenspielen und nackt in der Badewanne mit einem Quietscheentchen in der Hand kamen mir in den Sinn.
Legolas als Kind konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wie war er als Dreijähriger gewesen? Genauso wie normale Kinder? Ab wann war ein Elb eigentlich kein Kind mehr? Hatten sie eine längere Kindheit als wir Menschen? All diese Fragen spukten mir bei seinem Satz durch den Kopf und doch verzichtete ich darauf auch nur eine davon zu stellen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag oder etwa nicht? Der Elb wird mir schon nicht davon laufen. Zumindest hoffte ich das, aber wer weiß schon aus welcher Situation er aus Mittelerde herumspaziert ist.
Amüsiert dachte ich daran, wie Legolas in einem wichtigen Gespräch mit Aragorn, durch eine Tür hindurchtrat und einfach weg war.

Kurze Zeit später standen wir im Gästezimmer, das  praktischerweise direkt neben meinem Zimmer lag. Legolas war die Reisetasche, in der sich sein ganzes Hab und Gut dieser Welt befand und die ich nun im Flur vergessen hatte, von unten holen gegangen und ich hatte schnell das Bett bezogen, der Bezug war passenderweise hellgrün und mit ein paar Blumen verziert.
Als ich gerade prüfte, ob die Nachttischlampe funktionierte und sie dafür ein- und ausschaltete, kam der Elb wieder herein und stellte mir sogleich schon wieder eine Frage.
„Wie funktioniert hier das Licht? Ich kann keine Kerzen oder dergleichen sehen.“
Elektrizität, ja, ich hatte glatt vergessen, dass sie die ja in Mittelerde auch noch nicht haben. Allerdings kommt bei uns der Strom, wenn man der Werbung Glauben schenken darf, ja auch bald aus Bäumen. Vielleicht mit Steckdosen im Stamm?
„Das funktioniert mit Energie, wir können mittlerweile Wind, das strömende Wasser und Sonnenlicht in Energie umwandeln und sie so als elektrische Energie nutzen wie übrigens bei vielen Geräten, die du auch noch morgen sehen wirst.“
Die Kern- und vor allem die Kohlekraftwerke ließ ich jetzt mal außen vor. Ich wusste einfach nicht wie der Elb reagieren würde, wenn er um die Schädigung unserer Umwelt wissen würde. Immerhin schienen sie ja doch recht um den Einklang mit ihrer Umgebung und der Natur bemüht, nicht so wie wir Menschen es in den meisten Fällen waren.
Ich erntete einen interessierten und erstaunten Blick von Legolas und machte mich langsam aber sicher auf den Weg zur Türe. Mit den Worten „Komm, ich zeig dir noch das Bad und die Toilette.“ ging ich nichts ahnend aus der Türe.
Ich spürte den Elben hinter mir aufschließen als wir über den recht breiten Gang schritten.

Es war ein relativ kurzes Unterfangen - ich dachte dass das alles länger dauern würde - alles zu zeigen und auch noch ein paar erläuternde Bemerkungen zu machen, zum Beispiel wie das Wasser aus dem Hahn kam oder was es mit den ganzen Tuben und Tigelchen in den Schränken auf sich hatte (die gehörten fast ausschließlich meiner Mutter) und ich musste schmunzeln, als ich ihm erklärte, dass wir Menschen nicht mit einer so überragenden Schönheit wie die Elben gesegnet waren und so der Natur etwas nachhelfen mussten.
Bei der Dusche musste ich dann schon etwas weiter ausholen und bekam auch einige Lobworte von Legolas, der mich der tollen Erfindung wegen fast in den Himmel heben wollte, bis ich ihm sagen konnte, dass nicht ich das erfunden hatte, sondern wahrscheinlich ein kluger Mann vor ein paar Jahrzehnten.
„Wäre doch ein Elb darauf gekommen! Was hätte das das Leben erleichtert vor allem in den Kriegszeiten. Aber wahrscheinlich wäre auch die Romantik der Wanne langsam aber sicher verloren gegangen.“
Bloß nicht weiter auf das Thema eingehen.
Mein Kopfkino fing schon wieder an eigene Wege zu gehen.
Über die Erfindung der Zahnbürste und Zahnpasta, nach den mehr oder weniger erfolgreichen Erklärungen meinerseits, erfreute sich der Prinz genauso überschwänglich mit dem Beglückwünschen zu diesem Einfall.
Als wir auf dem Weg zum stillen Örtchen waren, fragte ich mich wieder einmal mit was ich diesen Elben eigentlich verdient hatte und mir war sehr wohl bewusst, dass man dies sowohl in den positiven als auch in den negativen Sinn deuten konnte. Ich war mir selbst auch noch nicht im Klaren, zu was ich mehr tendierte.
Die Toilette erklärte sich eigentlich fast von selbst und auch Legolas Einwurf, dass wir in dieser Welt mit der Hygiene echt sehr vorbildlich seien, stimmte mich eher peinlich berührt als dass er mich stolz auf meine Zivilisation machte. Wie übrigens schon die ganze Führung.
Mich wunderte es ja, dass ich noch nicht rot angelaufen war – davon überzeugte ich mich im letzten Spiegel – und dass ich das ganze auch mit so viel Fassung trug, ich meine, immerhin stand mir eine Nacht mit einem fremden Mann, denn ich nur aus einem verfilmten Buch kannte, bevor, wenn auch in zwei getrennten Zimmern.
Warum dachte ich den letzten Satz mit einem klitzekleinen Hang von Wehmut. Böser Gedanke. Schnell verdrängen.
Kann man meine Nervosität nachvollziehen?
Schlafen Elben überhaupt? Der Film mag zwar eine ziemlich schlechte Quelle sein, aber dort hab ich den Elben meines Wissen nicht schlafen gesehen.
Allerdings wären diese Szenen auch nicht gefragt gewesen und hätte den Kinofilm noch einmal um 10 Minuten verlängert. Spannend nur für diejenigen mit schwacher Blase.
„Elben schlafen doch auch oder?“ Wir waren mittlerweile wieder in der Mitte des Gangs angekommen und standen dort nun ein bisschen unentschlossen.
„Sicher, wenngleich wir es auch  meistens mit offenen Augen tun und unseren Geist wandern lassen .“
Bereitwillig gab der Elb Auskunft und sah mich dabei mit seinen blauen Augen an, in denen nicht der winzigste Hauch von Müdigkeit lag.
Das beruhigte mich zugegebenermaßen etwas. Und zeigte mir wieder einmal, dass man das Filme als Informationsquelle getrost vergessen konnte. Aber sowas von.
„Dann geh ich mal in mein Zimmer. Du weißt ja jetzt wo alles ist.“ Nach einem kurzen Zögern wünschte ich ihm noch: „Gute Nacht.“
Dann verschwand ich hinter meiner Zimmertüre und lehnte mich von innen gegen sie. Uff.
Ich hatte Zeit für mich selbst bitter nötig. So höflich und nett Legolas auch sein mag, brauchte ich nun doch mal eine Pause von ihm.
Als ich fertig mit durchatmen und zur Ruhe kommen war, ging ich zu meiner Stereoanlage und schaltete sie mit meinem Lieblingslied ein 'Summer Dreamin'  passend auch zu der Jahreszeit.
Mein Zimmer schaute immer noch aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, man konnte sagen, was man wollte, aber ich war nicht unbedingt die ordentlichste Person.
Ich machte mich langsam daran, die ganzen Zettel, die in meinem Zimmer überall herumlagen, aufzusammeln, währenddessen tanzte ich zum Takt der Musik durch mein Zimmer.
An meinem Fenster angekommen öffnete ich es und fühlte die immer noch laue Nachtluft an mir vorbei strömen. Das nächste Lied begann. Into the West von Annie Lennox, ein Lied aus dem letzten Herr der Ringe-Film. Ich muss zugeben, es stimmte mich immer ein wenig traurig.
Mit den ganzen Blätter in den Händen suchte ich eine Mappe in die ich sie legen konnte, damit sie weder zerknitterten noch verloren gingen. Ich fand ein Buch aus der Bücherei, dass ich auch für meine Seminararbeit benötigte und rief mir wieder ins Gedächtnis, dass ich noch nicht damit fertig war.
Ich legte das Buch zu den restlichen Schulsachen.
Dann machte ich mich ans das Entwirren meines Kabelsalats auf dem Schreibtisch. Ich zog nämlich immer nur an dem Kabel, dass ich gerade brauchte.

Als Nächstes widmete ich mich dem Kleiderhaufen, der über meiner grauen Couch lag und sie unter sich begrub, sodass nur noch Teile von ihr sichtbar waren.
Die meisten Klamotten fanden den Weg in die Wäsche, einige legte ich zusammen und verstaute sie wieder in meinem Schrank und endlich bekam ich Zeit mir über den heutigen Tag Gedanken zu machen.
Warum war Legolas in der richtigen Welt, eigentlich war er doch nichts weiter als eine Romanfigur, oder nicht? Und wenn dem nicht so war, wo lag dann Mittelerde, denn auf der Erde konnte sie ja nicht liegen. Oder?

Auch die Tatsache, dass ich Legolas schon irgendwie anziehend fand, brachte mich ins Grübeln. Seine Augen.
Sein Lächeln.

Wahrscheinlich war es besser, wenn ich versuchte ihn als Freund zu sehen und als nichts anderes, denn etwas anderes würde nur unweigerlich zu Liebeskummer führen und wer wollte das schon?
Ich jedenfalls wollte es vermeiden.
Einmal im Leben das Herz gebrochen zu bekommen reicht fürs Erste.
Und das vor einem Jahr, blöderweise ist der Idiot auch noch in vielen von meinen Kursen. Deutsch. Englisch. Biologie. Um mal ein paar zu nennen.

Mit einem Schnaufen richtete ich mich vor meinem Kleiderschrank wieder auf. Dieser Schritt wäre auch getan. Mit Adleraugen auf der Sache nach weiterer Unordnung sah ich mich weiter um. Ist es nicht faszinierend, dass man erst dann den Drang zur Ordnung hegt, wenn man jemand Neues zu Gast hatte.

Dann erregten die verstreuten Wollknäule auf  dem Bett meine Aufmerksamkeit.
Am Vormittag hatte ich versucht eine passende Farbe für die schon angefangene gehäkelte Handyhülle zu finden und war zu dem Schluss gekommen, dass ich keine hatte. Im verzweifelten Versuch vielleicht doch noch erfolgreich in meiner Suche zu sein, hatte ich die restlichen Knäule aus dem Korb, in dem sie normalerweise wohnten, genommen und über mein ganzes Bett verteilt. Also nahm ich den Korb nun wieder und füllte ihn mit der bunten Wolle und den Häkelnadeln, sowie dem angefangenen Projekten. Im Anfangen war ich immer besser gewesen als in dem zu-Ende-bringen von etwas.
Leider keine gute Eigenschaft von mir.
Gerade als ich den Korb in ein Regal stellen wollte, klopfte es an der Türe.
Es konnte ja nur eine einzige Person sein, denn sonst war ja kein anderer im Haus.
„Ja?“
„Ich hatte Schwierigkeiten die Zeit herum zu schlagen.“
„Ach so, stimmt. Du hast ja nichts, was du machen kannst.“ Das Gästezimmer war zwar schön, aber relativ spartanisch eingerichtet worden.
„Warst du es, die vorhin gesungen hat?“
„Ähm.... Nein, ich kann nicht singen. Das war eine Aufnahme.“
Etwas, was der Elb machen konnte.... Den Fernseher konnte ich vergessen, mein Tablet auch. Suche eine Beschäftigung im heutigen Zeitalter, die nichts mit Technik zu tun hat, aber trotzdem männlich ist. Schwere Sache. Furchtbar schwere Sache.
Mein Blick fiel auf das Bücherregal.
Bücher waren doch die Lösung.
Was konnte ich dem Elben denn zu lesen geben?
Liebesgeschichten, na lieber nicht.
Science Fiktion im Stil der Tribute von Panem. Eher auch nicht.
Wie wärs mit dem Lexikon? Schon eher.
Ich holte es aus dem Regal und legte es Legolas in die Hände. Darauf stapelte sich auch noch ein Allgemeinwissensbuch, ein Pflanzenbuch, dass meine Mutter mir geschenkt hatte, ein Atlas, den meine Oma mir mal geschenkt hatte und zu guter Letzt noch Faust, ein Buch, dass man meiner Meinung nach schon gelesen haben sollte.
„Ich denke, das ist genug oder?“
„Ich bin mir absolut sicher, dass ich in nächster Zeit keine Langeweile bekommen werde.“ Er schenkte mir ein Lachen.
„Ähm .. du musst ja nicht alles lesen, du kannst dir auch nur etwas aussuchen, Ich will dich ja nicht überfordern.“
„Du kannst mich nicht überfordern.“
„Ähm... ja. Wenn du das sagst.“
Ich nahm das Reclambüchlein von Faust in die Hand. „Das ist ein Stück unserer Literatur, hat fast jeder höher gebildete Mensch gelesen.“
Mein Blick schweifte wieder zurück zu meinem Bücherregal, neben den Schullektüren zu denen auch Faust gehörte, standen die Eragon-Reihe, die Chroniken der Unterwelt-Bücher in einem Schmuckschuber und daneben die drei von mir noch nicht gelesenen Herr der Ringe-Teile und direkt daneben Der Hobbit.
Ich schaute wieder Legolas an. Irgendwas war doch da gewesen.
„Mir scheint es, als sei bei euch das Verfassen von Büchern sehr populär.“
„Stimmt schon, aber die meisten die du hier siehst sind erfundene Geschichten, die allein der Unterhaltung dienen.“
„Aber habt ihr nicht auch Bücher über Kräuter und Medizin, über eure Geschichte?“
„Natürlich, nur hat die nicht Jeder in seinem Bücherregal stehen. Dafür wäre  zu wenig Platz.“
„Aber...“ Ich unterbrach ihn, denn ich konnte mir schon vorstellen, was er eigentlich sagen wollte.
„Dafür gibt es Bibliotheken wie die Staatsbibliothek in München. Sie sammeln alle Bücher und dort findest du dann auch fast jedes.“
„Ich verstehe. Es ist also ein ähnliches System wie es in Elronds Bibliothek besteht.“
„Wenn du noch mehr Bücher haben willst, können wir dort morgen gerne vorbeischauen.“ Ich brauchte nämlich auch noch ein paar Bücher, allen voran Göttlich verliebt, dass ich unbedingt lesen musste um den Schluss der Reihe zu wissen.
„Du musst dir wegen meiner Wenigkeit wirklich keine Umstände bereiten“, beeilte sich der Elb zu sagen.
Würde ich ja nicht, aber der Elb musste das nicht unbedingt wissen...
Mein Blick fiel zurück auf meine Büchersammlung.
Irgendwas … Herr der Ringe und Der Hobbit!
Das sollte Legolas auf keinen Fall sehen.
„Du willst dich sicher gehen.“ Ich schob ihn sanft mit den Händen auf dem Rücken in Richtung Türe.
Wenn er sich fragte, woher mein Sinneswandel kam, konnte er es wirklich gut überspielen.
„Wenn du es wünscht.“ Er sah mich an und ich versuchte mir meine Panik nicht anmerken zu lassen. „Wie sagtest du? … Ich wünsche dir eine gute Nacht.“
Als der Elb aus der Türe war und ich seine schließen hörte, sank ich zum zweiten Mal an die Türe und seufzte. Wenigstens war mein Zimmer aufgeräumt gewesen. Langsam stand ich auf und zog die Werke von Tolkien aus dem Regal.
Ich musste sie irgendwie verstecken, aber wo? Ein schelmisches Grinsen legte sich auf meine Lippen.
Mein Fach im Schrank für Unterwäsche. Wahrscheinlich würde der Elb dort nie hinkommen. Wo kam das denn her? Nein! Ganz bestimmt würde er da nicht hinkommen. Wie gut, dass Elben so höflich waren und nicht so versaut dachten wie einige Erdenbewohner.

Ich schaute auf die Uhr, es war schon elf und langsam fielen mir immer öfter  die Augen zu ohne, dass ich es wollte.
Bevor ich mich auszog, holte ich meinen Schlafanzug, ein T-Shirt in pink und eine kurze Hose, immerhin war es auch in der Nacht ziemlich warm, und legte ihn auf die Couch.
Als ich schon halbfertig mit Umziehen war, klopfte es wieder an die Türe.
„Warte!“, schnell zog ich die Hose auch noch an und öffnete meine Zimmertüre. Oh, dieser Elb trieb mich noch in den Wahnsinn!
„Was ist los?“, mein Ton war zu meiner Überraschung nicht ein bisschen verärgert.
Eigentlich erwartete ich ja schon, dass er er wieder mit möglichen Ork- oder Spinnenangriffen kam und wie wir das Haus am besten schützen konnten; nicht, dass ich mich über ihn lustig machen wollte. Das wollte ich nämlich nicht, ich nahm ihn durchaus ernst. Meistens. Fast.
Wirklich!
„Ich bin mir bewusst, dass ich dir schreckliche Umstände mache, aber ich hätte gerne etwas zu Trinken, bitte.“
„Schon gut. Wasser? Oder willst du Saft oder Limonade?“
„Wasser reicht mir. Ich danke vielmals.“
„Kommt gleich, euer Hoheit.“ Ich lächelte ihm zur Aufmunterung zu, denn einerseits musste ihm diese Bitte relativ peinlich sein als selbstständigen Elben bzw. Mann, andererseits wollte er aber auch nicht einfach in unserer Küche herum kramen, weil er das wahrscheinlich für ziemlich unhöflich und respektlos hielt.
Beides fand ich im Moment unglaublich niedlich.
In der Küche angekommen, nahm ich ein neues Glas aus dem Schrank – ich weiß, dass ich auch das vorhin beim Abendessen benutzte Glas von Legolas nehmen könnte, blöderweise wusste ich nicht mehr, welches von beiden meines und seines gewesen war.
Im Wohnzimmer stand noch die halbvolle Flasche Wasser und mit diesen zwei Sachen machte ich mich wieder auf den Weg in den ersten Stock.
Als ich die Treppen hochkam und eine der letzten Stufen erreichte, reichte mir der Elb die Hand. Ich schaute ihn eine Weile nachdenklich an und nahm sie dann, wenn auch verwundert entgegen. Er führte mich die verbliebenen Stufen der Treppe bis zum ersten Stock hoch.
„Ähm, das ist ja wirklich nett, aber allein laufen kann ich noch.“
Unbeirrt fuhr er fort und als wir beide wieder zwischen unseren Türen standen, gab er mir einen Handkuss. Seine blauen Augen begegneten meinem Blick und hielten ihn für eine Weile fest. Erst nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, setzte er zu einer Erklärung an.
„So würde ich dich begrüßen, wenn wir im Düsterwald, meinem Heim, wären und du eine Lady wärst.“ Dabei nahm er mir die Glasflasche aus den Armen und das Glas aus der Hand.
„Ich danke dir für den Dienst.“ Mir entging das Wort Lady nicht, dass er versuchte nicht zu viel zu betonen. Es war klar, dass ich das niemals sein würde. Warum musste er trotzdem darauf herumreiten? Zog ich ihn damit auf, dass er SciFi für eine Blumenart hielt?
„Ich kümmere mich immer um meine Gäste, schließlich will ich ja, dass sie sich wohlfühlen.“ Klang ich etwas eingeschnappt? Nein, bestimmt nicht....
„Ich wünsche dir nochmals eine gute Nacht.“
„Ich dir auch.“
Er ließ seinen Blick über meine Kleidung wandern. „Du hast deinen Nachtgewand schon an?“
Ich denke, es  sollte wahrscheinlich eine simple Feststellung werden, aber da der Elb noch nicht solange in dieser Welt verweilte, war er sich der Kleidung  möglicherweise noch nicht sicher.
„Jap. Warum hast du deinen nicht an?“
Der Prinz sah mich verwundert an und ich schaute verwirrt zurück.
Mein Kopf suchte schon nach der Sache, die ich vermasselt hatte, aber so sehr ich danach auch suchte, ich konnte sie nicht finden.
„Ich … ich hab keine Ahnung, was ich gerade bei dir ausgelöst hab und auch nicht mit was ich das getan hab … könntest du es mir vielleicht einfach sagen?“
Irgendwie fühlte ich mich schon wieder wie ein Trampel. Eins wusste ich jetzt auf jeden Fall, eine Diplomatin brauchte ich nicht zu werden, ich lief echt oft in Fettnäpfchen ohne, dass ich das wollte oder vermeiden konnte.
„Eirene, es ist folgendermaßen, die Sitten geziemen es bei uns in Mittelerde normalerweise nicht, dass ein Mensch oder Elb, der dir nicht sehr nahe steht, dich in deinem Nachtgewand zu Gesicht bekommt. Das gilt vor allem bei Frauen, die einem Mann begegnen.“
Okay, das erklärte so einiges. Eigentlich ja alles. Und schon wieder hatte ich etwas Wichtiges übersehen, dass ich eigentlich hätte sehen müssen.
„Wie weit muss mir der Mensch sehr nahe stehen?“
„Normalerweise bedeutet das, enge Familie, also Eltern oder Geschwister, oder der eigene Verlobte oder Mann.“
Oha, das war Legolas in allen Fällen nicht für mich. Mist. Ich verstand seine Irritierung.
„Das... das tut mir wirklich leid... ich wusste das nicht...bei uns ist das nicht mehr so streng... tut mir leid.“
Ich spürte wie mir das Blut in die Wangen schoss und versuchte mir das auch zu merken. Erst jetzt verstand ich seinen Widerwillen beim Kauf von Badehose, Unterwäsche und Schlafanzug. Eigentlich war das wahrscheinlich alles auf den privaten Raum begrenzt und ich war trotz allem eine Außenstehende.
Ein Sache verstand ich dann aber nicht so ganz. Was war in dem Schlafzimmer von meinen Eltern mit dem halbbekleideten Elben gewesen. Das  konnte doch dieser Philosophie nicht so ganz entsprechen?!
Ich war verwirrt, schon wieder!
„Was war das dann vorhin? Als wir dir passende Klamotten gesucht hatten?“
Als er mir wieder den Blick zu wandte, bildete ich mir ein einen Hauch von Rosa auf seinem Gesicht erhascht zu haben. Allerdings war der so schnell wider verschwunden, dass ich mir nicht ganz sicher sein konnte, ob ich es wirklich gesehen hatte.
„Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. Allerdings wird das bei Männern auch nicht so streng gesehen.“ Er schmunzelte. Wieso nur konnte er sich so schnell fangen?
Das war mal wieder sowas von typisch, nur die Frauen hatten auf die Etikette zu achten und die männlichen Wesen hatten freie Bahn in ihrem Handeln.
„Hier gibt es andere Maßstäbe.“ Dass wir um einiges freizügiger waren, wollte ich jetzt nicht unbedingt aussprechen. Wahrscheinlich dachte er sich sowieso seinen Teil.
„Das habe ich auch bemerkt.“
Ein kleine Pause entstand, in der keiner von uns beiden so recht wusste, was er sagen sollte. Schließlich brach ich die Stille.
„Ja, also du hast ja jetzt alles, was du brauchst. Ich wünsche dir ein hoffentlich letztes Mal heute, Gute Nacht.“
„Bitte mache dir keine Sorgen wegen der Begebenheit gerade. Es ist nichts gravierendes und in gewisser Weise könnte man sogar sagen, dass wir quitt sind. Gute Nacht, Eirene.“
Als er in seinem Zimmer verschwunden war, machte ich noch einen kleinen Abstecher ins Bad. Katzenwäsche musste sein.
Schließlich stieg ich in mein weiches Bett. Eigentlich hatte ich heute endlich mein Buch zu Ende lesen wollen und es sogar schon neben meinem Bett zurecht gelegt, aber...
Langsam fielen mir die Augen zu. Ich beeilte mich die Lampe auf meinem Nachttisch auszuschalten.


POV Legolas

Da ich heute Abend nicht mehr plante einen anderen Raum als mein Zimmer zu besuchen, entschloss ich mich meine Gewänder, die ich den Tag über getragen hatte, abzulegen und ordentlich auf einem Stuhl neben dem Fenster  zu stapeln. Als ich aufschaute, sah ich den weißen hellen Vollmond durch das oberere Drittel eines Fensters scheinen. Von der Mond erschaffenen Atmosphäre angezogen, trat ich an den Rahmen und stützte mich leicht mit den Armen ab.
Durch die offenen Fensterflügel wehte die warme Brise einer Sommernacht und strich mir die Haare aus meinem Gesicht. Wie oft hatte ich mir an diesem vergangenen Tag gewünscht sie zurück binden zu dürfen, dass sie nicht bei jeder Gelegenheit langsam in mein Gesicht fielen. Aber ich war der Anweisung von Eirene gefolgt und hatte in der Öffentlichkeit nicht ein Haar hinter meine spitzen Ohren zurück gestrichen. Trotzdem hasste ich jede Minute in der ich wie ein Ork umher gehen musste.
Ich beobachtete wie das Mondlicht leise auf die Blätter der Pflanzen dieses Gartens unter mir fiel und die Sterne in mir unbekannten Formationen das Firmament bedeckten. Im Hintergrund war das Rauschen des nahegelegen Waldes zu hören, genau wie die Schritte der Nachbarskatze zwei Gärten weiter. Fremde Geräusche auf fremden Boden in einer Welt, welche ich mir niemals hätte vorstellen können.

Der Fensterrahmen gab einen dumpfen Laut von sich, als er an die Wand stoß.
Ich schaute alarmiert hoch, doch als ich sah, was das Geräusch verursacht hatte, entspannte ich mich wieder.
Mein Blick glitt zum Bett.
Zum Schlafen würde ich meine Haar schon zusammenbinden müssen, damit sie morgen nicht komplett verwirrt waren. Ich fuhr mir gedankenverloren durch ein paar Strähnen. Dazu würde ich dann aber auch ein Haarband brauchen und wenn ich meine Erinnerung nicht täuschte lagen sie allesamt noch in dem Schlafzimmer der Eltern von Eirene.
Auch für die Zukunft wäre es nicht verkehrt, sie alle in meinem Besitz zu haben, wenn ich dann doch einmal mehr als eines brauchen würde.
Ein Seufzer kam über meine Lippen. Langsam schritt ich zu der Türe, doch bevor ich sie erreicht hatte viel mir auf, dass ich bis auf eine Beinbekleidung nichts am Leibe trug.
War ich in der kurzen Zeit hier in der anderen Welt schon so vergesslich geworden? Anscheinend warfen mich diese neuen Erfahrungen mehr aus der Bahn als ich zugeben wollte.
Die neuen Kleider hatte mir Eirene vor das Bett gestellt. Mit spitzen Fingern – ich war dieser neuen Verpackung genannt Plastik immer noch skeptisch gegenüber - zog ich das Nachtgewand heraus.
Eine lange schwarze Hose aus locker fallender Baumwolle und ein dazu passendes Hemd mit kurzen Ärmeln.
Da es selbst in der Nacht einigermaßen warm war, wie ich es nur selten aus dem Düsterwald gewohnt war, beschloss ich das Oberteil des, wie hatte es Eirene noch gleich genannt?, Schlafanzugs beiseite zu lassen und nur die Hose zu tragen. So machte ich mich wieder zur Zimmertüre auf.
Ich überquerte den Gang und lauschte, ob Eirene auch schon schlief und meinen nächtlichen Ausflug auch nicht bemerken würde. Als ich das gleichmäßige Atmen vernahm musste ich fast Lächeln, sie musste ziemlich erschöpft von dem heutigen Tag gewesen sein, wenn sie so schnell eingeschlafen war.
Leise und schnell huschte ich den Flur entlang, bis ich schließlich vor der Türe stand hinter der ich das Schlafzimmer vermutete, als ich sie öffnete, hielt ich kurz den Atem an. Normalerweise würde ich nicht ohne die Erlaubnis des Besitzers seinen Raum betreten, aber Eirene wollte ich nun, da sie schlief auch nicht wecken und so begab ich mich zu der Kommode, die sich vor dem Spiegel, vor dem ich gesessen hatte, befand, als Eirene mir die geflochtene Haare löste.
Ich trat näher an sie heran, konnte aber selbst mit meiner etwas besseren Nachtsicht, kein Haarband entdecken, dass jemand darauf gelegt hatte.
Dann musste es Eirene doch mitgenommen haben und ich es somit, wenn ich es heute Nacht verwenden wollte aus ihrem Zimmer holen. Ich atmete laut aus. Hoffentlich werde ich sie nicht wecken.
Langsam verließ ich das Zimmer und schloss die Türe kaum hörbar.


POV Eirene

Schepper.
Ich war schlagartig wach und sah mich hektisch in dem dunklen Zimmer um.
Als ob das etwas bringen würde.
Eigentlich wusste ich ja, dass ich mich, oder besser gesagt meine Augen, erst an die Dunkelheit gewöhnen mussten.
Mein Herz schlug so  laut, dass ich dachte man könnte es auch noch bei den Nachbarn hören.
Langsam konnte ich schon Konturen des Schreibtisches und der Schränke erkennen.
Und eine große Gestalt, die regungslos in der Mitte des Zimmers verharrte und ganz sicher nicht zu meiner Einrichtung gehörte. Obwohl so eine Statue in der Mitte des Zimmers durchaus ein hübsche Idee wäre.
Sowas von falscher Zeitpunkt für solche Ideen.
Ich konnte mich an keinen Moment erinnern indem ich schon einmal so viel Angst gehabt hatte. Okay, als Kind dachte ich unter meinem Bett sitzt ein großes Monster, dass mich auffressen wollte. Das hatte sich dann aber als Spielzeugkiste herausgestellt. Das sagten zumindest meine Eltern.
In letzter Zeit fiel mir aber kein solcher Augenblick ein.
Zögerlich und vorsichtig um ja kein Geräusch zu verursachen, wanderte meine  Hand zu meinem Nachttisch und der Lampe, die darauf stand.
Mit meinen Fingern streifte ich den Lichtschalter. Mit einem leisen Klick legte er sich um.
Die Glühbirne brauchte ein bisschen um endlich an zu gehen und in dieser Zeit machte sich mein Gehirn allerlei Gedanken über alle Variationen des Möglichen. Nicht, dass ich es darum gebeten hatte, eigentlich wollte ich davon so wenig wie möglich wissen, ich hatte schon genug Angst.
Endlich legte sich der Lichtschein über die Einrichtung und auch über die Gestalt.
Sie hatte lange hellblonde Haare und blaue Augen, die mich schuldbewusst anschauten. Legolas.
„Was suchst du mitten in der Nacht in meinem Zimmer und vor allem, warum jagst du mir so einen Schrecken ein? Ich bin fast tot umgefallen.“ Mein Stimme war lauter als ich es erwartet hatte und am Schluss schwang deutlich der Ärger in meinen Worten mit. Mein Hirn beschwerte sich wegen der kümmerlichen Wortwahl: umgefallen? In einem Bett? Ernsthaft?
„Ich entschuldige mich. Es tut mir wirklich leid.“ Seine Stimme war die Ruhe selbst, als ob dies Teil eines ganz normalen Ablaufs in seinem Leben wäre. Während er sprach, kam er näher an das Bett heran.
„Was ist da überhaupt heruntergefallen?“
„Dein Stiftbehälter.“
„Ist er kaputt?“
„Soweit ich es erkennen kann, ist nichts beschädigt. Ich entschuldige mich nochmal dich geweckt zu haben.“
Erst jetzt bemerkte ich, wohl wegen meines überstrapazierten Gehirnes - der Tag war einfach nur unglaublich - dass er nur die lange Schlafanzughose anhatte und auf das Oberteil verzichtet hatte. Mein Blick klebte an seiner makellosen Haut fest. An seinem flachen Bauch. Wie sich das schwache Licht auf seiner Haut verhielt und Schatten zauberte. Seine blonden Haare fielen lose auf seine Brust und glänzten in dem Schein der Lampe.
Seufzend legte ich mich wieder zurück. Schade ein Traum. Mitten in der Rückwärtsbewegung stockte ich abermals. Schmerz in den Bauchmuskeln in einem Traum ist unrealistisch. Kein Traum. Noch viel besser.
Als ich merkte wie er mich mit einem leichten Stirnrunzeln beobachtete, riss ich meinen Blick los und erwiderte den seinen. Ich musste mich zusammenreißen.
„Schon gut. Kannst du vielleicht die Stifte wieder hineinräumen.“
Er trat an das Bett heran und setzte sich auf die Bettkante, mit seiner rechten Hand reichte er mir den blauen Stiftebecher indem alle Bleistifte und Kugelschreiber, die zuvor auch darin gewesen sein mussten, waren, mit seiner linken stützte er sich sich neben meiner Hüfte ab. Seine Hand war so nah an meinem Körper und auch wenn sich dazwischen noch ein paar Lagen Stoff befanden, begann es mir wärmer zu werden.
Okay, denken, Eirene, denken.
Ah, genau der Stiftebecher. Schnell nahm ich ihn Legolas aus der Hand und stellte ihn auf meinen Nachttisch. Der Schreibtisch war mir für heute viel zu weit weg.
„Danke. Was wolltest du?“
Er sah mich überrascht an. „Naja, irgendeinen Grund wird es doch haben, dass du in mein Zimmer gestiefelt bist, während ich geschlafen habe. Hoffe ich, sonst werde ich mich morgen rächen. Also?“
„Du bist nicht zufällig im Besitz meines Haarbandes?“
Ich überging die Tatsache wie lächerlich sich das aus dem Munde eines erwachsenen Mannes anhörte, auch wenn dieser lange Haare hatte um die ihn wahrscheinlich jedes Mädchen beneidete. Bei jeder seiner Kopfbewegungen fingen seine Haare das Licht anders ein.
„Irgendwo sicher.“ Im Moment hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich es hingelegt haben könnte.
„Aber nimm dir doch aus dem Korb über der Kommode einen Haargummi, da sind genügend drinnen.“ Ich kuschelte mich wieder in meine Kissen. Legolas war unterdessen auf dem Weg zur Kommode.
„Hast du einen gefunden?“
„Sicherlich“, er hielt ihn mir entgegen.
„Na, dann kannst du ja wieder in dein Zimmer gehen und ich weiterschlafen.“
Ich versuchte das Gähnen zu unterdrücken, aber es bahnte sich den Weg.
Der Elb sah es und neckte mich auch prompt. „Schon so müde?“
„Ja. Es ist Nacht und ich war gerade eingeschlafen. Hast mich ganz schön herum gescheucht.“ Ich warf ihm einen bösen Blick zu, den ich nicht lange durchhielt.
Er schenkte mir ein großes warmes Lächeln und wünschte mir dann gute Nacht.
Ich schaltete die Nachttischlampe aus und schloss die Augen.
„Gute Nacht, Legolas. Dieses Mal aber das letzte Mal.“
Dann hörte ich noch wie sehr leise die Tür geschlossen wurde.

Als ich das nächste Mal aufwachte war mein Zimmer schon relativ gut beleuchtet, jeder andere Mensch würde wahrscheinlich sagen, dass es immer noch dunkel war. Wirklich gut konnte ich nämlich nur schlafen, wenn mich kein Licht dabei störte. Ich schaute auf die Uhr, die sich neben dem Stiftebecher auf dem Nachtisch befand. Es war erst 9 Uhr.
Eigentlich stand ich zu so einer Zeit noch nicht auf, aber andererseits ging ich sonst auch später ins Bett.
Ich drehte mich nochmal um und versuchte wieder einzuschlafen.
Vergeblich, ich war zwar noch nicht ganz wach, aber zu munter um wieder einschlummern zu können.
Mir entwich ein Seufzer und ich quälte mich aus meinem schön warmen Bett. Mein nächster Weg führte mich zu den Vorhängen in meinem Zimmer, die den Raum so abdunkelten, dass ich auch schlafen konnte, ich zog sie beiseite und öffnete das Rollo. Sonnenlicht strömte durch mein Fenster und ich kniff schnell die Augen zusammen, zu hell war es auf ein Mal.
Lustigerweise machte ich das jeden Morgen erneut, eigentlich musste ich es doch nach geschätzten zwei oder drei Jahren endlich mal besser wissen.
Langsam blinzelte ich also und wartete bis sich meine Augen an das Licht  gewöhnt hatten.
Okay und jetzt der nächste Punkt auf meiner Liste, die ich jeden Morgen in meinem Kopf aufs Neue abarbeitete. Erstmal einen Tee in der Küche, danach konnte ich mich der Welt stellen. Gemächlich schlüpfte ich in meine Hausschuhe, die die Form von Kuhköpfen hatten und ganz kuschelig waren.
Noch halb schlafend wandelte ich aus meinem Zimmer in die Küche. Fast hätte ich Legolas übersehen, der gerade auch aus seiner Zimmertüre trat, allerdings im Gegensatz zu mir schon komplett angezogen.
Also ein besserer Frühaufsteher als ich. Wie Elben es so an sich haben, sah er perfekt aus.
Mhmpf.
Wie gemein.
Ich hatte es da nie so leicht.
Prompt kam auch die Bestätigung für meinen Gedanken.
„Ähm …. wie soll ich das jetzt formulieren ….“
„Jah?“
„Du siehst ….  leicht derangiert aus.“ Danke. Das wusste ich selbst.
In meinen zerknitterten pinken T-Shirt und der schwarzen kurzen Hose, würde ich wohl keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, mit meinen Haaren schon gar nicht. Ich konnte mir schon vorstellen wie sie aussahen, verwuschelt und manche Strähnen überhaupt nicht dort wo sie eigentlich hingehörten.
Man konnte mich insgesamt sehr leicht mit einem Wort beschreiben. Verschlafen.
Gab es da nicht mal so eine Phase in der Mode mit dem undone look oder so?
Für den gab ich mir jeden Morgen natürlich richtig Mühe.
Eine gute Ausrede.
Ich liebe meine Einfälle am Morgen.
„Ja, so schauen Menschen nach dem Schlafen am Morgen für gewöhnlich aus.“ Ich überlegte, ob er das nicht von seinen Gefährten wie Aragorn wusste, verwarf den Gedanken dann aber wieder, so konnte ich ihm das nicht sagen.
„Wenn es dir nichts ausmacht, gehe ich in die Küche und mache mir einen Tee.“
„Warum?“ Okay, anscheinend sind Elben gleich wach und brauchen so auch nie einen Aufwecktrank. Ich war kein Elb. Ich brauchte einen.
„Weil ich nach der Tasse Tee wacher bin. Ich schlaf' noch halb.“
Ich schlurfte weiter und ließ den Elbenprinzen mit der frisch gewonnenen Erkenntnis alleine. Ersteinmal der Tee.

Ein wenig Später saß ich zufrieden mit meiner Tasse Tee auf einem gemütlichen Stuhl am Küchentisch und überlegte, was ich Legolas heute wahrscheinlich alles erklären musste, dass er sich so schnell wie es ging, in der hiesigen Welt zurecht finden würde.
Und dann als ich aus dem Küchenfenster hinaus in den Garten schaute fiel mir mein Handy ein, dass immer noch in meiner Tasche von gestern war.
Ich würde es irgendwann aus dem Flur holen müssen, aber nicht jetzt.
Das hatte sicher noch Zeit und wenn meine Eltern wirklich versucht hatten mich anzurufen, müsste ich sie halt zurückrufen. Nicht so tragisch.
Ich nahm einen Schluck von meinem grünen Tee. So langsam wurde ich wacher und auch mein Magen machte sich bemerkbar.
Frühstück für Legolas und mich zu machen, wäre jetzt genau das Richtige.
Im Nu standen also Teller auf dem Tisch zusammen mit drei verschiedenen Marmeladen, die ich im Kühlschrank gefunden hatte. Normalerweise frühstückte ich ja nicht gerade viel, aber ob das auch für Legolas galt?
Der Toaster befand sich neben dem Küchenschrank auf der Theke, deshalb legte ich die Packung mit Toasts daneben.
Mir die Mühe machen und extra Semmeln holen würde ich nicht, erstens hätte ich mich dafür erst anziehen müssen und zweitens durfte ich den Prinzen ja nicht zu sehr verwöhnen.
Nicht, dass mir Thranduil am Ende noch Vorwürfe machte oder sauer war, weil ich seinen Sohn verzogen hatte.
Ich stellte ein Paar Gläser mit Orangensaft auf den Tisch, meines direkt neben die Tasse mit dem grünen Tee und kam so auf die Idee, dass ich dem Elben wohl auch eine Tasse geben sollte.
Ich entschied mich schlussendlich für das Modell mit dem Koloss von Rhodos darauf, ein Mitbringsel aus dem Urlaub von vor 5 Jahren.
Im Gegensatz zu jedem anderen Morgen in den Ferien, wo ich meistens nur einen Tee trank und einen Jogurt aß, hatte ich heute komischerweise richtig Hunger und so beschloss ich Spiegeleier zu machen.
Zu Schulzeiten musste man meiner Meinung nach richtig frühstücken, da man sonst den ein oder anderen fiesen Lehrer nicht aushielt und schließlich auch so schrecklich früh aufstehen musste.
Hoffentlich kannte Legolas die aus Mittelerde, ich hatte keine Lust ihn wie bei der Pizza zum Essen überreden zu müssen.
Ich gab Öl in eine Pfanne und holte mir aus dem Kühlschrank ein Paar Eier. Das sollte wohl reichen.
Wenig elegant schlug ich die Eier am Rand der Pfanne auf und kippte deren Inhalt in die Pfanne. Spiegeleier bekam ich trotz meiner fehlenden Begabung für das Kochen dann doch noch hin.
Schnell warf ich einen Blick auf den Tisch während die Eier schon brutzelten.
Ah, genau Messer und Gabeln wären noch nicht schlecht.
Ohne mich umzudrehen machte ich eine Schritt zurück und lief direkt in Legolas hinein. Warum stand er mir immer im Weg?!
„Tut mir leid, hab dich nicht gesehen. Kannst du mir bitte aus der Schublade hinter die ein Paar Messer und Gabeln geben?“
Der Elb drehte sich um, ich hörte Klappern und als er mir wieder in die Augen schaute – ich fragte mich immer wie er das überhaupt schaffte, ich war immerhin mindestens einen Kopf kleiner als er – hielt er mir das Besteck entgegen.
„Danke.“
„Mit dem allergrößten Vergnügen, kann ich dir noch mit Anderem helfen?“
„Ähm...“, ich überlegte kurz, „Ja. Gib mir doch einem nach dem anderen die Teller.“
Als ich wieder vor der Pfanne stand, waren die Eier auch schon fertig und wanderten direkt auf unsere beiden Teller.
„Du magst doch Spiegeleier, oder?“
„Was gedenkst du zu tun, wenn ich 'Nein' sage?“
„Mir überlegen etwas anderes für dein Frühstück zu finden?“
Ich schaute ihn an und seine blauen Augen verrieten nichts über die Antwort, die er mir noch schuldig war. Das konnte doch nicht sein Ernst sein!? Ich hatte mir eh schon mehr Arbeit gemacht als an jedem anderen Morgen.
„Glücklicherweise habe ich keine Abneigungen gegen Spiegeleier“, er nahm den Teller von der Arbeitsfläche, drehte sich zu mir herum und fuhr mit einem Lächeln auf den Lippen fort, „man könnte sogar soweit gehen und es mein Lieblingsgericht nennen.“
„Na, da hab ich aber Glück gehabt.“Ich konnte es mir nicht verkneifen einmal mit den Augen zu rollen, als ich mich wieder der Pfanne zuwandte.

Wir setzten uns beide an den Küchentisch und nachdem der Elb, der augenscheinlich recht viel Hunger hatte, das Spiegelei mit einem Toast und drei weitere mit Marmelade (Ja, ich hab mitgezählt) verspeist hatte, kamen wir ins Gespräch.
„Hast du gut geschlafen?“ Legolas schenkte mir noch ein bisschen Orangensaft in mein leeres Glas und antwortete. „Ja, auch wenn es etwas ungewohnt war.“ Ich warf ihm einen fragenden Blick zu, war er etwa derartig verwöhnt?
„Normalerweise habe ich immer die Geräusche des Waldes oder der Natur im Allgemeinen um mich, wenn ich reise, und den Sternenhimmel über mir.“
„Aber wenn du zuhause bist...“
Er unterbrach mich mit einem darüber schuldbewussten Blick, „Dann habe ich meistens ein Fenster geöffnet um den Wald zu hören.“
Aha. Ich konnte offene Fenster einfach nicht haben, bei mir war selbst im Sommer in der Nacht alles verriegelt und verrammelt.
„Und im Winter? Ist es da nicht kalt?“
„Wir Elben spüren die Kälte nicht im gleichen Maße wie ihr Menschen, wir frieren nicht so schnell.“
Ich sah wie sein Blick in die Ferne abschweifte und nach Mittelerde wanderte, als er redete.
„Na dann. Aber was mich noch interessiert, hast du schon ein Buch angefangen zu lesen?“ Der Prinz schenkte mir ein warmes Lächeln, seine Augen wieder auf das Hier und Jetzt und vor allem auf mich gerichtet.
„Sicherlich. Wie hätte ich mir heute Morgen sonst die Zeit vertreiben sollen?“
„Keine Ahnung..... Schlafen vielleicht?“ Ich schaute ihn kurz an und mir kam ein Gedanke. „Moment mal, wann bist du denn eigentlich aufgestanden??“
„Als die Sonne im Osten über den Horizont stieg.“
Okay, Sonnenaufgang und der war wann genau? Sicher doch irgendwann so um 5 oder 6 in der Früh?
Ich musste mein gehässiges Grinsen in einem Brot verbeißen, als mir „senile Bettflucht“ einfiel. Wie alt war Legolas noch mal?
Wahrscheinlich konnte Legolas mein großes Erstaunen darüber in meinem Gesicht lesen – und hoffentlich nur das - , denn er beantwortete meine unausgesprochene Frage:
„Ich muss nicht soviel schlafen wie du und die Menschen allgemein. Eine Eigenschaft meines Volks und ein Geschenk von Eru Ilúvatar, dem Allvater.“
„Wie bei den Vampiren aus twilight?“
Er sah mich verständnislos an. Ach, Mist. Das konnte er ja gar nicht verstehen.
„Vergiss' es. Ich hab nicht mitgedacht. Das kannst du gar nicht wissen.“
„Ein wenig Schlaf brauche ich aber schon, falls dir das in den Sinn gekommen ist.“
Hätte ich nur die Herr der Ringe-Bücher gelesen, wüsste ich es wahrscheinlich. Andererseits konnte ich so etwas, was ich aus Legolas  Standpunkt aus nicht wissen konnte, auch nicht ausplaudern. Auch ein Vorteil.
„Okay.“ Der Zeitpunkt des Sonnenaufgangs interessierte mich aber doch.
„Ich gehe mal kurz etwas holen.“

Ich stand im Flur in der Hand die Tasche, die ich gestern dabei gehabt hatte und kramte nach meinem Handy.
Zu meinem Glück weiß Google auch, wann heute die Sonne aufgegangen war. Aber das ist ja nicht weiter verwunderlich, Google weiß schließlich fast alles. Ich freute mich schon darauf, das Legolas irgendwann einmal erklären zu dürfen.
Mein Lieblingselb war um halb sechs aufgestanden. Das war ja noch mitten in der Nacht!
Als ich Google wieder schloss, merkte ich, dass ich eine SMS von meiner Mutter bekommen hatte, in der sie schreib, dass sie und meine Vater voraussichtlich heute Abend zurückkommen würden. Das war keine große Überraschung, immerhin war morgen Montag und beide mussten in die Arbeit. Allerdings hatte ich mir immer noch keine großen Gedanken darüber gemacht, wie ich es vor meinen Eltern rechtfertigen konnte, dass Legolas bei uns wohnen durfte.

Als ich wieder am Frühstückstisch angekommen war und wir nach dem Essen die Teller zum zweiten Mal ohne Spülmaschine abwuschen – ich hatte ihm das immer noch nicht erklärt – weihte ich ihn in die großartige Erfindung des Kühlschranks ein und machte ihn mit dem Herd bekannt.
Legolas hörte mir aufmerksam zu und bestaunte die Erfindung, die in seinen Augen wahrscheinlich fast an Zauberei grenzte, für mich aber ganz normal und alltäglich war, dass ich sie schon als gegeben betrachtete.
Dann beschloss ich, dass es an der Zeit war mich anzuziehen, ich hatte fast einen kleinen Schreck bekommen, als mir wieder einfiel, dass ich immer noch meinen Schlafanzug anhatte, und auch ins Bad zu gehen.
„Du kannst alles im Haus anschauen, Legolas. Solange du nicht ins Bad reinschaust.“
„Sehr wohl. Ich werde deinen Wunsch mit Freude berücksichtigen, Eirene.“
Ich warf noch einen verstohlenen Blick auf ihn und ging dann die Treppe hoch.
In meinem Zimmer holte ich schnell die Klamotten aus meinem Schrank, die ich brauchte und machte mich auf den Weg ins Bad.

Beim Herauskommen war das Erste, was mir auffiel, das die Türe zu meinem Zimmer offen war; ich hätte gedacht, dass ich sie zugemacht hatte. Naja, sei's drum.
Ich versteckte ja schließlich nichts Geheimes in meinem Zimmer. Tagebuch habe ich nie geführt, dafür bin ich - nachdem ich es aus Spaß dreimal versucht hatte und es dreimal wieder gelassen hatte – einfach zu faul. Weiter Versuche fanden nicht statt.
Auch solche Sachen, die man wohl vorwiegend bei Jungs finden würde und nicht für andere Augen bestimmt waren, wie Playboy-Heft oder ähnliches, konnte man bei mir vergeblich suchen. Das Einzige, was nicht für die Augen von dem Elbenprinzen bestimmt war, stand in dem Fach von meiner Unterwäsche gut versteckt im Schrank. Ich trat langsam durch meine Zimmertüre, in der Hand hatte ich meinen Schlafanzug.

Ob der Szenerie die sich mir bot, vergaß ich fast Luft zu holen.
Mein Blick wanderte zu meinem Schrank und wieder zurück zu dem Elben. Das Fach, in welchem ich meine Unterwäsche aufbewahrte, war offen.
Es lag sogar ein BH auf dem Boden.
Wenn es nicht so schrecklich schockierend für mich gewesen wäre, wäre ich ganz sicher angesichts der Peinlichkeit rot angelaufen.
Aber das war nun wirklich nebensächlich.
Legolas saß dort an dem Fußende meines Betts, in der Hand ein dickes grünes Taschenbuch, neben sich einen Schuber mit den restlichen zwei Büchern. Auf dem Buchrücken stand jeweils in fetten golden glitzernden Lettern 'Der Herr der Ringe J. R. R. Tolkien'. Ich fiel fast um vor Schreck.
Und dann nahm auch noch ein anderes Gefühl von mir Besitz. Ich denke, es war Wut. Obwohl ich in diesem Moment nicht wirklich viel denken konnte. So lief ich doch noch scharlachrot an.

Bevor ich an mich halten konnten, schrie ich den Elbenprinzen des Düsterwaldes auch schon an.
„Wie kommst du dazu in mein Zimmer zu gehen, wenn ich ihm Bad bin und in meinem Schrank herum zu wühlen?!? Schon mal etwas von Privatsphäre gehört?!?
Oder kennt man das bei euch in Mittelerde nicht, weil es noch nicht erfunden wurde?!?“
Nein. Den letzten Satz wollte ich sofort zurücknehmen. Er ging zu weit. Unter die Gürtellinie. Konnte ich ihn nicht einfach streichen? Aber das war nicht mehr möglich. Er hatte meinen Mund verlassen. Den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nach war er auch bei Legolas angekommen.
Aber eigentlich war nur er daran schuld.
Nicht ich.
Allein, dieser verzogene Prinz.
Ich sah in die blauen Augen von Legolas.
Dort entdeckte ich eine Mischung aus Unglauben, Enttäuschung, Kränkung und verletzten Stolz. Aber auch den Anflug von Ärger.
„Weshalb hast du mir hiervon nichts erzählt?“ Er hob das erste „Herr der Ringe“-Buch in die Höhe. Ich warf einen kurzen Blick auf es und starrte ihn dann nur weiter an.
Ich würde nicht aufgeben. Er unterschätzte meinen Sturkopf.
In seinen Augen blitzte die Sehnsucht nach seiner Heimat auf.
Als ich nach ein paar Minuten immer noch in meiner Position verharrte und mich nicht einmal einen Millimeter von der Stelle gerührt hatte, blickte mich der Prinz noch einmal kurz von der Seite an und rauschte dann offensichtlich verstimmt oder eher verärgert an mir vorbei aus dem Zimmer. Bevor er durch die Türe trat, drehte er sich nochmals um und richtete ohne mich auch nur mit seinem Blick zu streifen, ein paar Worte an mich.
„Ein schönes Zimmer.“
Mir war klar, dass dieser Satz ursprünglich als ein Kompliment gemeint gewesen war, doch jetzt kam es mir eher wie eine Beleidigung vor.
Wie konnte er es wagen?
Das hatte ich wieder ganz großartig hinbekommen, das musste ich schon sagen. Zumal ich dachte, Legolas könnte man nicht so einfach aus seiner engelsgleichen Ruhe bringen.
Aber er hatte angefangen.
Was suchte er eigentlich in meinen Zimmer? Und was wollt er in meinem Schrank nachschauen?
Versteckten sich in Mittelerde dort etwas Orks?
Entweder hatte ich mich mal wieder geirrt oder es war wirklich so gravierend für ihn. Wahrscheinlich eher Zweiteres.
Trotzdem hatte ich wirklich gute Gründe für das Verschweigen.
Wer konnte auch wissen, dass er in einer Schublade mit Unterwäsche schnüffeln würde!
Dass er auch nicht inne gehalten hatte?! Unverschämtheit!
Ich hatte irgendwie eine höhere Meinung von ihm.
Dämlicher Elb. Nein, neugierig und ohne Manieren.
Dreist, frech, schamlos!
Ich boxte ein Kissen und noch ein um meine Worte zu unterstreichen.
Zu dieser normalerweise für mich frühen Stunde ließ ich mich gefrustet über mich selbst, aber noch viel mehr über einen gewissen Elben auf mein Bett fallen. Der Schuber mit den zwei verbliebenen Büchern hüpfte ein klein wenig in die Höhe, tat mir aber nicht den Gefallen, vom Bett zu rutschen und aus meinem Blickfeld zu verschwinden.
Langsam fing ich Mittelerde echt an zu hassen.

Ein paar Stunden später, ich hatte mir mittlerweile eingestanden, dass ich sehr wahrscheinlich etwas überreagiert hatte, trotzdem war ich noch sauer, und Legolas das Geschehen sicherlich auch als Vertrauensbruch betrachtete und mir auf diesen sehr wackeligen Fundament einen Plan entwickelt, wie ich die Dinge wieder in Ordnung bringen konnte, suchte ich im ganzen Haus nach dem Elben.
Ein Elb im im Haus ist ja schon schwierig, aber was macht man mit einem verärgerten? Warum regte er sich eigentlich so auf? Als Unsterblicher hatte man da doch sicher einen anderen Blick darauf?! Vor allem er war älter, warum musste ich mich dann entschuldigen?
Das sah ich ja gar nicht ein.
Ich blieb mitten im Flur mit verschränkten Armen stehen.
Wirklich, Eirene? Du benimmst dich wie ein Kind, warf mein Gewissen ein.
Naja, im Prinzip war Freundschaft schon wichtig.
Und wie Legolas reagiert hatte.... auch was solls, ich sollte ihn suchen, vielleicht konnten wir das Ganze dann auch aus der Welt schaffen.

Angefangen mit dem Speicher. Auch wenn ich es fast ausschließen konnte, dass er sich dort aufhielt. Dann die anderen Stockwerke und nachdem ich dort auch keine Spur von der gesuchten Person gefunden hatte, auch noch den Garten.
Dort unter dem Apfelbaum von dem ich gestern – war es wirklich erst gestern gewesen? Seitdem, wie ich fand, war unglaublich viel passiert – gefallen war und er mich aufgefangen hatte, fand ich ihn schließlich im Schatten sitzend.
Hätte ich mir eigentlich denken können.
Auf seine Haare musste in der Zeit, die er da schon saß, ein Blatt gefallen sein.
Lustigerweise machte ihn das aber nicht hässlicher, wie das bei mir meistens der Fall war, sondern machte ihn fast schon zu einem Teil der Natur in der er nun sitzend grübelte. Ob er immer noch verärgert war konnte ich ihm nicht ansehen.
Dieser Elb war einfach überirdisch.
Als er mich herantreten hörte – ich nahm an, dass er mich hören musste, denn eines seiner Ohren zuckte kaum merklich – richteten sich seine blauen Augen auf mich. Es war ein vorwurfsvoller Blick darin.
In seinem Schoß lag das Buch, das ungefähr in der Mitte aufgeschlagen war.
Ich dachte, indem ich es ihm nicht sagte, dass in dieser Welt die Geschichte seiner Welt existierte, tat ich ihm einen Gefallen und bewahrte ihn vor der Verwirrung, die es mitbrachte. Und jetzt hatte ich bei ihm Heimweh bewirkt. Ich sollte wirklich nicht mehr über das Wohlergehen anderer Leute nachdenken und es beeinflussen.
Aber was konnte ich schon dafür, dass er nicht mehr in Mittelerde war?
„Bist du mir böse? Hasst du mich jetzt? Ich bin nicht daran schuld, dass du jetzt hier bist!“
„Deiner Meinung nach habe ich das alles selbst ausgelöst oder wie?“ Er war von seinem Platz aufgesprungen und baute sich jetzt vor mir auf.
„Aber ich kann da auch nichts dafür! Und das ich dir es nicht erzählt hab, dass es die Geschichte hier gibt, hatte gute Gründe! Aber nur weil du glaubst, dass ich nicht alles erzähle, musst du noch lange nicht in meinen Schubladen herumwühlen!“
Legolas kam einen Schritt auf mich zu. Seine Augen blitzten. „Ich habe gar nichts in dieser Art gemacht. Nicht das Geringste!“ Zum Ende wurde seine Stimme immer lauter.
ES wäre faszinierend gewesen, wenn ich nicht so wütend gewesen wäre.
„Ach ja?! Und warum sah es dann so aus??“
Seine Hand schloss sich mit ein bisschen zu viel Kraft um mein Handgelenk.
„Weil ihr Menschen immer das denkt, welches euch am Naheliegendsten erscheint. Ihr seid einfach schrecklich engstirnig und schließt immer von eurem Verhalten auf Andere. Ihr seid ungemein voreingenommen und eingebildet, von euch selbst überzeugt, dass euch noch nicht einmal in den Sinn kommt, das ihr etwas falsch gemacht haben könntet.“
Legolas Griff verstärkte sich.
„Ihr lügt euch selbst an, dass die Taten, die ihr begeht, für alle das Beste sei und verschwendet keinen Gedanken an das Gegenteil. Ihr Menschen seid selbstgerecht.“
Das reichte, so etwas würde ich mir nicht bieten lassen.
Ich versuchte mich loszureißen, aber Legolas gab meine Hand nicht frei.
„Lass mich los.“ Es kam nicht ganz so laut heraus wie beabsichtigt, aber man konnte es immerhin nicht überhören.
„Nein. Ist Vertrauen wirklich ein Fremdwort für dich?! Weshalb erwartest du ausgerechnet von mir, dass ich es brechen sollte? Schätzt du mich so gering?“
Seine Stimme würde immer bedrohlicher und ich fragte mich, was wohl mit dem netten zuvorkommenden Elb passiert war.
Einen Moment später umfasste er dann noch mein anderes Handgelenk mit einer Grobheit, die mich fast leise aufschreien ließ.
„Du tust mir weh.“
Der Sturm, der in seinen Augen zu toben schien, klärte sich binnen weniger Sekunden auf und wich einen Ausdruck von Entsetzen. Sein Griff lockerte sich bis er meine Hände fallen ließ, als wären sie brennende Kohlen.

So standen wir eine Weile dort. Sahen uns an und versuchten beide zu verstehen, was gerade geschehen war.
„Ich bitte um Verzeihung für meine Reaktion. Sie war höchst unangemessen.“
Noch immer ein wenig geschockt, anwortete ich. „Angenommen.“
Nach einer kurzen Pause in der ich mich wieder so einigermaßen gesammelt hatte, startete ich.
„Ähm..... ich dachte........ mir,............. dass...............“
Am besten fing ich noch einmal von neuem an und dachte zuerst darüber nach, was ich eigentlich sagen wollte.
„Als ich gesehen hatte wie sehr dich schon die Nachricht mitgenommen hatte, dass das hier nicht Mittelerde ist, dachte ich mir, dass ich mit der Nachricht von den Büchern erst einmal ein bisschen warte und dich an diese Welt gewöhnen lasse. Ich hatte wirklich vor es dir irgendwann zu erzählen. Allerdings nicht jetzt.“
Er sah mich noch eine Weile an, ehe er sprach.
„In Zukunft bitte ich dich, mir nichts mehr zu verschweigen, welche Absichten du damit auch immer hegst.
Ich habe deine Habseligkeiten nicht durchsucht. Als ich in dein Zimmer schaute, war der Schrank offen und auch das Fach stand einen Spalt breit offen und zeigte einen Teil des Buches.“
„Aber trotzdem hättest es du nicht hervorziehen müssen.“ Ich warf eine Blick auch ihn.
„Nein, damit hast du im Recht, aber dennoch habe ich es nun mal getan und es ist nicht wieder rückgängig zu machen.“
„Stimmt.“
Sein Blick war wieder auf mich gerichtet, doch ich merkte, dass er mich nicht unbedingt ansah, sondern vielmehr nachdachte.
Da ich nicht ewig in der Gegend herumstehen wollte, setzte ich mich Legolas gegenüber.
„Du hast ganz schön temperament, ich dachte immer, ich weiß nicht, dass Elben ausgeglichen sind?“
„Wir lernen es mit der Zeit, in Jahrhunderten. Aber dennoch sind wir nicht anders als Menschen auch, wir empfinden die gleichen Gefühle, Liebe, Hass, Trauer, häufig sogar stärker als ihr es tut.“
Darauf wusste ich nicht so genau, was ich antworten sollte. Gab es da überhaupt eine richtige Antwort?

Weil ich ein Flugzeug hörte, schaute ich zum Himmel, ich konnte es dort zwar nicht entdecken, aber dafür fielen mir die Wolken auf die sich über den strahlend blauen Himmel verteilten auf. Sogar dort war unser kleiner Streit nicht unbemerkt vorbeigegangen. Ich lachte leise in mich hinein.
„Ich las ein paar Seiten des Buches und wunderte mich wie genau Mittelerde doch beschrieben wird. Es ist erstaunlich.“
„Dort ist es genauso?“
„Nahezu, ja.“
„Und fühlst du dich deswegen, weil du es gelesen hast jetzt irgendwie verändert?“
„Weshalb sollte ich es tun? Es ist nur ein Ausflug in die Vergangenheit.“
„Es war nur so eine Idee. Komisch ist das ja schon, dass es die Geschichte hier auch gibt.“
Vielleicht hatte sich die Geschichte ja verändert, in dem er sie gelesen hatte? Obwohl, wenn es für Legolas schon Vergangenheit war.
Hmmm. Irgendwie würden wir das Rätsel schon noch lösen.

Ich hätte ihn unheimlich gerne als Freund, auch wenn seine Herkunft etwas extravagant war. Und ich hoffte, das ihm das Heimweh nicht zu arg zusetzte, auch  wenn er nicht zugeben wollte, dass er es hatte.
Wenn er der Ansicht war, dass es ihm gutging, glaubte ich ihm das auch. Schließlich würde er es mir sowieso nicht sagen, wenn ich ihn danach fragen würde.
Nun sahen mich auch wieder seine blauen Augen direkt an und nicht wie zuvor durch mich hindurch.
„Freunde?“ Ich hielt ihm meine Hand hin.
„Freunde.“ Legolas nahm sie in seine doch etwas größere und drückte sie sanft.
Wir lächelten uns an.
„Was wollen wir heute machen? Du musst schon zugegeben, es muss etwas ziemlich Großartiges sein um den gestrigen Tag in den Schatten stellen zu können.“
„Ich weiß es nicht. Meine Kenntnis über diese Welt ist noch ziemlich beschränkt.“
„Wir könnten meine Oma besuchen und sie fragen, ob du bei ihr vielleicht für eine Weile wohnen könntest. Ich bin mir sicher, dass meine Eltern und dabei meine ich vor allem meinen Vater, es nicht sehr gerne sehen würden, wenn du  weiter bei uns übernachtest.“
„Ich hatte zwar Großartigeres erwartet, aber ich bin einverstanden.“ Ich versetzte ihm bei dem 'Großartigers' einen kleinen Schubs, sodass er leicht aus dem Gleichgewicht geriet, aber nicht umfiel.
„Du kennst meine Oma nicht. Wenn ich schon gemerkt habe, dass du aus Mittelerde bist und Legolas heißt, dann merkt es meine Oma auf alle Fälle. Sie hat fast alles von Tolkien gelesen, dass sich mit deiner Welt befasst.“
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich merklich und zeigte auf einmal Bedenken an dem Vorhaben.
„Keine Angst, sie wird dich schon nicht fressen. Du hast gegen Spinnen und Orks gekämpft, aber hast Angst vor meiner Oma?“ Ich schaute ihn ungläubig an.
„Menschen sind unberechenbar.“

Nachdem wir aufgestanden und aus dem Garten ins Haus gegangen waren, wir beiden Schuhe angezogen hatten und ich meine Tasche geholt hatte, gingen wir aus der Haustüre und auf die Straße. Anscheinend hatte sich der Elb meine Anweisungen und Erklärungen von dem letzten Mal gut gemerkt, denn er verhielt sich fast wie die anderen Menschen, die in diese Welt hineingeboren wurden.
„Nachdem ich nun weiß, dass die Geschichte von Mittelerde auch hier in schriftlicher Form existiert, verstehe ich auch, warum du mich gleich erkannt hast.“ Ja, das war mein erster und wohl größter Fehler gewesen. Kein Wunder, dass der Elb so neugierig gewesen war.
„Naja, das Buch habe ich ehrlich gesagt nie gelesen. Aber es gibt auch einen Film und den habe ich mir schon oft genug angesehen.“
„Was ist ein Film?“
Ich dachte aber auch gar nicht nach, was? Ein Film, ja wie konnte man einen Film erklären?
„Du hast ja die Fotos gesehen, die es in unserer Welt gibt, ähnlich den Bildern, die mit Farbe und Pinsel gemalt wurden. Ein Film ist, wenn man die Fotos jetzt aneinander reiht und schnell abspielt, dass es so aussieht, als würde es vor deinen Augen passieren.“
Ich schaute ihn an um abschätzen zu können, ob er es auch verstanden hatte. Versteht mich bitte nicht falsch, ich denke nicht, dass Legolas dumm ist, aber bei solchen Sachen gehe ich lieber auf Nummer sicher.
Zu meinem Erstaunen stellte er auch schon die nächste Frage. „Ist der Film von guter Qualität?“
„Meiner Meinung nach schon. Wir können ihn uns morgen anschauen, wenn du willst.“
„Sehr gerne. Natürlich nur, wenn es dir keine Umstände macht.“
Was dachte er denn? Ich würde einfach nur die Blu-raydisk in den Player schieben und schon könnten wir es uns auf der Couch gemütlich machen und anschauen. Um nicht zu unhöflich zu sein, verzwickte ich mir ein Lachen und schmunzelte stattdessen nur.
Wir überquerten eine Straße und gingen noch eine Weile, bevor ich vor dem Haus meiner Großmutter stehen blieb. Legolas schien irgendwie in Gedanken zu sein und merkte daher meinen Stopp nicht, sodass er in mich hinein lief.
Ich konnte das Fallen gerade noch durch ein Greifen nach dem Zaun verhindern.
Er löste sich schnell von mir und stellte sich wieder gerade hin. „Ich bitte um Verzeihung.“
Ich winkte es nur mit meiner Hand ab und meinte, „Ist schon okay, bei mir ist ja noch alles dran.“
Immer noch mit einem Grinsen auf dem Gesicht - ich wusste wirklich nicht woher es kam – drückte ich die Klingel. Das Schellen hörte ich durch das offene Küchenfenster und kurz darauf sah ich dort auch meine Oma erscheinen, die mir zurief – wie eigentlich immer - „Du weißt doch, dass das Gartentor offen ist.“
Ich war mir sicher, dass sie Legolas nicht gesehen hatte, immerhin stand er hinter einer der Nussstauden, die sie sehr nahe an den Zaun gepflanzt hatte. Wohl als Sichtschutz vor neugierigen Passanten.
Langsam ließ ich das Tor aufschwingen und winkte den Elb zuerst durch. Nach etwas überzeugenden Anstarren, konnte ich ihn sogar davon überzeugen, dass er nicht seine Regel 'Ladys First' anwenden musste und als wir auf dem Absatz vor der Haustüre zum Stehen kamen, öffnete sich die Haustüre auch schon und meine Oma bat uns ein zu treten.
Als wir im Flur standen, schaute sie uns wie es mir schien zum ersten Mal richtig an und ihr Blick blieb an dem Elbenprinzen hängen, bevor sie mich kurz fragend anschaute und dann wieder zu ihm wechselte.
So verstrich noch eine bisschen Zeit, bis sich meine Oma wieder fasste und dann Legolas fragte: „Darf ich?“
Ziemlich durcheinander schaute mich der Elb an und ich nickte nur sanft zu Zustimmung.
„Ja.“ Meine Großmutter trat langsam vor Legolas und hob die Hände. Der Größenunterschied war fast noch gravierender als bei mir.
Sie strich dem Prinzen langsam und sehr vorsichtig seine blonden Haare auf der rechten mir zugewandten Seite des Gesichts hinter das Ohr, welches natürlich immer noch spitz war und ihn unverkennbar als einen Elben kennzeichnete.
Auf ihren Mund legte sich ein leichtes Lächeln, dass sich ihre Vermutung bestätigt hatte und sie entfernte sich wieder.
Dann setzte sie zu einer Verbeugung an und vollendete sie mit den Worten: „Es ist mir eine Ehre Legolas Grünblatt, den Elbenprinzen vom Düsterwald, Sohn von Thranduil in meinem Haus beherbergen zu dürfen.“
Zum Glück versuchte sie an dieser Stelle nicht ihr Sindarin an zu bringen, sondern sagte es schlicht und einfach in Deutsch. Ich atmete unbewusst auf.
Legolas indessen nahm ihre Hand und küsste sie sanft.
„Ihr könnt mich ruhig nur Legolas nennen, auf den Titel lege ich keinen großen Wert. Es freut mich in diesem Haus Gast zu sein.“
Ich stand neben den beiden und wunderte mich, warum ich von Legolas nicht so begrüßt wurde als wir uns das erste Mal begegneten waren. Ich meinte den Handkuss, der Rest interessierte mich jetzt eher wenig.
Währenddessen nahm ich das Gespräch der beiden am Rande wahr.
„Legolas, du kannst mich ruhig duzen. Ich bin immerhin Eirenes Großmutter.“
Dann wandte sie sich an mich. „Eirene, wie hast du das nur geschafft?“
„Was?“ Ich wusste wirklich nicht, was sie meinte. Außerdem hatte sie mich aus meinen Gedanken gerissen.
„Normalerweise findet man den Prinz des Düsterwaldes bekanntlich ja in Mittelerde. Wie kommt es, dass er jetzt in meinen Haus steht, das ganz sicherlich nicht in Mittelerde gebaut wurde?“
„Du wirst dich wundern, aber das habe ich mich auch schon gefragt. Wir wissen es nicht.“ Der Elb schaute uns stumm zu, wie wir uns über ihn unterhielten, doch seine Augen schienen keinen Gegenstand in diesem Raum wirklich anzusehen.
Meine Oma seufzte. „Eirene mit dir wird es wahrlich nicht langweilig.“ Ich schaute sie entschuldigend an.
„Na kommt, ich habe gestern Kuchen gemacht. Legolas, welchen Tee willst du haben?“
Mit diesen Worten verschwand sie in die Küche.
Als ich den Elben am Arm in das Wohnzimmer bringen wollte, legte er seine andere Hand auf mein Handgelenk. Ich sah ihm in die Augen.
„Warum wusste sie, wer ich bin und vor allem, dass ich ein Elb bin?“
„Kannst du dich noch an unser Gespräch unter dem Apfelbaum erinnern? Ich hab dir gesagt, dass sie alles von Mittelerde gelesen hat und naja, wie soll ich es sagen? Du fällst halt doch ein wenig auf, mein Elbenfreund.“
Er sah immer noch ein wenig misstrauisch aus. „Meine Oma will wirklich nur das Beste für mich und meine Freunde, sie ist kein Saruman und sicher nicht Sauron. Überzeugt?“
„Ich denke schon.“
„Gut, dann lass uns jetzt Kuchen essen gehen, ich hab Hunger.“ Ich zog ihn am Arm in die Küche meiner Oma mit.

Wenig später saßen wir drei zusammen im Wohnzimmer, wenn Legolas sich auch nicht für den Platz auf der Couch neben meiner Oma entschieden hatte, sondern für einen Sessel, der der Couch gegenüberstand. Ich schätze, er vertraute ihr immer noch nicht vollkommen. Aber das würde sich hoffentlich noch ändern. Vor uns hatten wir jeder einen Teller mit einem Stück Erdbeerkuchen (ich war richtig froh, als Legolas gemeint hatte, Erdbeeren seinen schon als Kind seine Lieblingsfrucht gewesen und ich schon mal wieder um eine Erklärung herumkam. Zum Glück hatte meine Großmutter keinen Kuchen mit Mangos, Kokosnüssen oder einer anderen exotischen Früchten gemacht...) und eine Tasse mit einem Löffel neben dem Kuchen.
Legolas und ich hatten Tee, der Elb bestand nämlich auf das gleiche Getränk wie ich, und meine Oma hatte sich einen Kaffee gemacht, denn sie nun mit viel Milch verdünnte.
Währenddessen fasste sie das, was wir ihr schon erzählt hatten, zusammen.
„Legolas ist also aus uns unerfindlichen Gründen plötzlich von Mittelerde in deinen Garten gelangt und du tust nun dein Bestes um ihn mit unserer Welt vertraut zu machen.“ Wenn sie es so formulierte, hörte sich das so leicht, wenig und einfach an. Der Prinz nickte mit eine Stück Kuchen im Mund.
„Was mich nun aber noch wirklich interessieren würde ist welches Jahr war denn in Mittelerde als du verschwandest?“
Es dauerte eine Weile bis sie von dem Elben auf dem Sessel auch eine Antwort erhielt, denn mit vollem Mund zu sprechen ziemte sie anscheinend bei den Elben in Mittelerde genauso nicht wie auch bei uns. Und dann nahm er auch noch eine Schluck von seinem grünen Tee, mir schien es ja, dass er Spaß daran hatte uns auf die Folter zu spannen.
Von wegen tausend oder zweitausend Jahre, die er auf dem Buckel hatte, er war immer noch kindisch.
„Wir schrieben das Jahr 78 des vierten Zeitalters.“ Ah ja.
Das sagte mir jetzt.
Gar nichts.
Ich schaute hilfesuchend meine Oma an. Sie hatte doch alles gelesen, sie würde mit der Angabe doch auch etwas anfangen können.
„Er meint 78 Jahre nach dem die Verwahrer der Ringe und Frodo mit Bilbo in den Westen segelten. Du kannst dich noch an die Schlussszene des letzten Herr der Ringe-Film erinnern?“
Okay, das war schon eher auf meinem Niveau. Was würde ich nur ohne mein wandelndes Mittelerde-Lexikon alias meine Oma tun?
Aber eins ging mir noch im Kopf um.
„Und wann war der Ringkrieg, die Jahreszahl meine ich.“
Bevor meine Großmutter auch nur den Mund aufmachen konnte, gab Legolas mir schon die Antwort.
„Er war 3019 Drittes Zeitalter, das Vierte begann drei Jahre später.“
Dann war der Ringkrieg ja schon ungefähr 80 Jahre her. Und die Gefährten, solange sie nicht schon in den Westen gefahren waren, sicher schon alt. Vielleicht waren manche auch schon verstorben. Wie schrecklich musste das sein, wenn man wie Legolas ewig lebte und seinen Freunden beim Altern und dann irgendwann auch dem Sterben zusehen musste und man nichts unternehmen konnte?
Ich wurde für die nächste Zeit still und als meine Oma merkte, über welchen Gedanken ich wahrscheinlich jetzt brütete, lenkte das Gespräch geschickt in  weniger traurige Gewässer.
„Eirene, ich kenne dich, du bist doch sicher nicht gekommen um mir deinen Elbenfund zu zeigen. Was wolltest du wirklich?“
Ich schaute auf und blickte schon wieder in die blauen Augen von dem Prinzen, die mich sorgenvoll musterten.
Was wollte ich nochmal? Genau.
„Eigentlich bin ich mit ihm gekommen um dich zu fragen, ob Legolas vielleicht bei dir die nächsten Tag übernachten darf? Du weißt ja wie meine Eltern sind.“
„Natürlich nur, wenn es Euch..... dir nicht zu große Umstände macht.“
„Tja, ich kenne meinen Sohn und er würde wirklich nicht begeistert sein, wenn ein junger Mann bei euch übernachtet. Und da ich um die Situation weiß und zufälligerweise auch ein recht schönes Gästezimmer habe, warum nicht?“
„Ich spreche dir meinen tiefsten Dank aus.“
„Du bist wirklich die beste Oma, die es gibt.“
Ich ging rasch um den Tisch und fiel ihr um den Hals. Nicht nur dafür hatte sie  sich den Titel redlich verdient, sondern auch, dass sie Mittelerde kannte und vor allem, dass sie nicht aus der Ruhe geraten war, als plötzlich ein Elb in ihrem Flur stand.
Ich weiß nicht, aber andere Menschen als meine Großmutter hatten vermutlich anders reagiert.
Ein Räuspern ließ uns beide wieder an unseren Gast denken.
"Hast du eigentlich auch eine Mutter? Und einen Großvater?" Diese Fragen hatte mich schon immer mal interessiert. Meine Oma fuchtelte an mich gewandt wild herum und versuchte mich mit einer Hand am Arm zum Schweigen zu bringen, aber der Satz war schon in der Luft, die sich über dem hölzernen Couchtisch befand.
Das Gesicht von Legolas sagte alles und schon wieder war ich in ein sehr großes Fettnäpfchen getreten, um nicht zu sagen in das Größte, das es jemals gab.
"Es tut mir leid." Ich wusste zwar nicht, was ich verbockt hatte, aber ich war mir sicher, dass es ziemlich schlimm war.
Auf dem Gesicht des Elben spiegelte sich Traurigkeit zusammen mit Bedauern und einer Melancholie, die mir das Herz bluten ließ.
"Der Großvater von Legolas, Eirene, auch Oropher genannt, fiel in der Schlacht des letzten Bündnisses gegen Sauron. Nicht in dem Ringkrieg, sondern ein Zeitalter zuvor. Was mit deiner Mutter geschehen ist, Legolas", sie suchte den Augenkontakt mit dem Elben und sprach dann weiter, "weiß ich allerdings nicht. In den Werken, die in dieser Welt veröffentlicht wurden steht dazu nichts."
Ups. Was war ich nur für ein unsensibler Klotz. Ich legte meine Hand auf seinen Arm. „Es tut mir schrecklich leid, das wusste ich nicht.“ Sein Blick wanderte erst zu der Hand auf dem Arm und dann wieder zu mir. Schnell zog ich sie wieder zurück und entschuldigte mich nochmals.
So viele Entschuldigungen, wie in den letzten zwei Tagen habe ich wahrscheinlich noch nicht mal in meinem bisherigen Leben verwendet.
Es folgte ein Schweigen, in dem – so hatte ich zumindest das Gefühl – jeder über etwas nachdachte, dass er den anderen zumindest jetzt noch nicht mitteilen wollte.
Ich schaute mich in dem Wohnzimmer, in dem ich schon so oft gesessen hatte, um. Auf den Schrank standen allerlei Fotos von mir, die mein ganzes bisheriges Leben nachzeichneten. Im Kindergarten, am ersten Schultag, als ich beim Tanzen gewonnen hatte. Darunter standen ordentlich mehrere Bücherreihen. An Legolas rechten Seite stand an der Wand auf einem niedrigen Holztischen ein neuer Flachbildschirm. Dazu hatten mein Vater und ich sie erstmal überreden müssen, als der alter Fernseher den Geist aufgegeben hatte. Mittlerweile kam  sie sogar schon richtig gut damit zurecht. Genauso gut wie mit ihrem alten Handy. Sie war schon eine rüstige Rentnerin und wusste meistens auf alles eine Antwort.
Überall in dem Zimmer waren Pflanzen verteilt, denn im Gegensatz zu meinen Pflegequalitäten gediehen sie in der Obhut meiner Oma wunderbar.
Währenddessen wurde die Stille immer unbehaglicher, sie fühlte sich schon fast greifbar an.
Mein Blick streifte den Elben, der ganz mit sich und wahrscheinlich auch seiner Erinnerung beschäftigt war, seine Haltung nicht so entspannt wie sonst. An was hatte ich ihn bloß mit meiner Frage erinnert?
Ich nahm einen Schluck von meinem Tee.
Wie spät hatten wir es eigentlich schon? Eine Armbanduhr hatte ich vergessen mit zu nehmen und mein Handy lag zusammen mit meiner Tasche in der Garderobe meiner Oma.
Ich glaubte mich daran zu erinnern, dass es im Wohnzimmer keine Uhr gab, wie oft hatte ich hier schon nach einer gesucht. So stand ich von dem Sessel auf und trug meinen und auch die anderen Teller in die Küche, da wir allesamt schon mit dem Kuchen fertig waren.
Vorsichtig stellte ich sie auf die Arbeitsfläche neben der Spüle und dachte, leise Worte aus dem Wohnzimmer zu vernehmen. Bestimmt war es meine Großmutter, die etwas mit Legolas besprach. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es mich nicht interessierte. Aber ich wusste genauso gut, dass es sich einfach nicht gehörte zu lauschen und beschloss den beiden noch ein wenig Zeit zum Reden zu geben.
Ich schaute auf die Küchenuhr, immerhin war es ja erst halb vier Uhr nachmittags.
Leise seufzte ich und lehnte mich an die Küchentheke. Der Elb brachte mich noch ins Grab. Selbst wenn ich bei ihm nur die besten Absichten hatte und ihm wirklich nicht schaden wollte, bewerkstelligte ich das doch immer. Und ich wusste nicht einmal annähernd wie ich es verhindern konnte.
Was war nur so falsch an mir? Oder hatte ich einfach kein Gefühl für Leute, die nicht in denselben glücklichen Umständen (denn das waren sie hier im Gegensatz zu Mittelerde mit seinen ganzen Orks und anderen Gefahren) wie ich aufgewachsen waren und lebten? Ich hatte keine Ahnung.
Vielleicht sollte ich versuchen meine Neugier ein bisschen zu zügeln und nicht immer mit der Tür ins Haus zu fallen. Dass Legolas sich nicht schon längst über mich beschwert oder mir die Meinung gesagt hatte, wunderte mich wirklich.
Als ich eine Weile nicht mehr aus dem Wohnzimmer hörte, beschloss ich, dass es Zeit sei wieder zu meiner Oma und auch dem Elben zurück zu gehen.
Ich betrat das Zimmer und schon trafen mich die Blicke der Beiden.
„Was hast du denn bitte so lange in der Küche gemacht? Hat dich der Kühlschrank verschluckt?“
„Nein, ich dachte, du und Legolas müsst über etwas reden und ich wollte euch nicht stören.“ Sie musste gesehen haben, dass mich die Frage von vorhin und vor allem die Reaktion darauf, ganz schön zum Nachdenken gebracht hatten und mich immer noch beschäftigten.
„Das war eigentlich nichts Wichtiges, mach dir keine Gedanken, das hättest du auch ruhig hören können.“
Sie warf Legolas ein Blick zu und er schien zu verstehen, was er jetzt tun musste, nämlich mich ein bisschen aufheitern.
„Eirene, wie kommst du auf den Gedanken, wir redeten über Themen, die du nicht hören dürftest? Denkst du vielleicht, ich sei dir wegen der Begebenheit vorhin böse? Du konntest nicht wissen wie es tatsächlich um meine Familie steht.“
Gut, dann war wenigstens schon einmal geklärt, dass er nicht sauer auf mich war. Aber warum vergab er mir immer alles?
Meine Großmutter wollte uns anscheinend wieder in ein harmloseres Thema lotsen, so fragte sie mich einfach: „Gehst du mit Legolas auf das Sommerfest übernächstes Wochenende?“
Um ehrlich zu sein, ich konnte mir die Daten von solchen Veranstaltungen immer recht schlecht merken und irgendwie dachte ich, dass das Sommerfest unserer netten Gemeinde sei erst im nächsten Monat, aber wenn ich jetzt so darüber nachdachte, ja, war es logisch, dass es übernächstes Wochenende war.
„Natürlich, wenn er denn mitkommen will.“
„Es wäre mir eine Freude.“ Dann fiel mir wieder etwas ein. Das Problem mit seinen Elbenohren bestand ja immer noch. Meine Oma hatten ihn sogar an diesen erkannt oder besser gesagt ihren Verdacht bestätigt und es geglaubt, dass er wirklich kein normaler Mensch war.
„Wir haben da aber noch ein kleines Problem. Die Elbenohren; hinter den Haaren kann man sie zwar notdürftig verstecken, aber eine bessere Lösung wäre nicht schlecht.“
„Ich habe da vielleicht eine Idee. Einer meiner Freunde - ich weiß nicht wie lange ich ihn schon kenne, ungefähr 10 Jahre? - behauptet immer hartnäckig, dass er ein Zauberer sei. Die Leute halten das ja immer für einen Spaß, aber nachdem jetzt auch ein Elb auf meinem Sofa sitzt und dieser Freund auch noch  ziemlich viel über Mittelerde weiß und sonst auch gerne mal Vorahnungen hat... Naja, warum es nicht mal ausprobieren?“ Sie erhob sich und kramte in einem der Schränke. „Ich schreib euch mal seine Adresse auf. Er wohnt in München.“ Schließlich hatte sie die Notizzettel, die sie offensichtlich gesucht hatte, zusammen mit einem Kugelschreiber und einen Adressbuch in der Hand.
„Er wird euch vielleicht ein wenig verrückt erscheinen und genau, manchmal redet er ein bisschen in Rätseln, aber er ist wirklich ein netter Kerl. Ich ruf ihn heute Abend an und sag ihm, dass meine Enkelin demnächst vorbei kommt.“
Okay, jetzt hatten wir also ein Date mit einem etwas verrückten Rentner, der sich selbst als Zauberer sah oder einfach nur ein Scherzkeks ist.
Ach egal, warum sollte mein Leben sich in den nächsten Wochen schon normalisieren? Das wäre doch äußerst langweilig, nicht?
Ich warf einen Blick auf Legolas, der still meine Oma beobachtete.
Schließlich hielt sie mir den Zettel mit den Worten „Bloß nicht verlieren.“ hin.

Ich räumte die Herr-der-Ringe-Bücher vom Bett, auf dem sie lagen, wieder an ihren angestammten Platz im Regal. Legolas war bei meiner Oma und ich hatte ihm vorhin noch eine Reisetasche mitgebracht mit allen Sachen, die er brauchte. Auch die Bücher, die ich ihm zum Lesen ausgeliehen hatte, waren darin. Ich konnte sie im Moment eh nicht brauchen. Und den Herr der Ringe, wenn er an den Büchern noch Interesse hatte, konnte er auch bei meiner Großmutter lesen.
Wir hatten uns dann etwas ungelenk verabschiedet, ich schätze in Mittelerde gibt es dazu einen anderen Brauch als hier und so wünschten wir uns eine gute Nacht und nickten uns dann nach vielem Herumfuchteln einfach zu.
Meine Großmutter sah Legolas und mir zu und konnte nur den Kopf schütteln.
Schritte und dann ein Klicken und Scheppern an der Haustüre rissen mich aus meinen Gedanken.
Kurz darauf hörte ich die Stimmen meiner Mutter und meines Vaters und war ganz schön froh, dass der Elb nicht hier übernachtete und ich nichts würde erklären müssen.
Ich machte mich auf den Weg die Treppe hinunter um meine Eltern zu begrüßen, sonst würden sie sich am Ende noch beschweren.
Mein Vater begegnete mir auf dem Weg nach oben in das Schlafzimmer, damit er die Reisetasche abstellen konnte. Mama würde sie dann bestimmt noch vor dem Schlafen gehen auspacken und aufräumen.
„Auch wieder da? Ich dachte schon, ihr wurdet von dem Ungeheuer vom Starnberger See aufgefressen.“
Mein Vater schenkte mir ein Schmunzeln. „Und ich dachte immer das Ungeheuer gibt es nur in Loch Ness. Wie ich sehe bist du nicht verhungert. Gut gemacht.“
„Du würdest dich wundern, zu was ich alles fähig bin.“ Man denke da nur an den Elben bei meiner Oma... „Ich will dich mal bei deiner Mission nicht aufhalten, sonst bekommst du noch den Zorn von Mama zu spüren.“ Und mein Vater ging seines Weges.
Dafür, dass er morgen wieder arbeiten musste, hatte er erstaunlich gute Laune. Natürlich liebt mein Vater sein Arbeit, aber in seinem Büro gab es ein paar Kollegen, die ihn nervten und mit denen er nicht unbedingt so gut zurecht kam. Aber so war das Leben vermutlich einmal.

Meine Mutter war schon in der Küche und kümmerte sich um das Abendessen. Immerhin war es schon sieben Uhr abends. Ich steckte meine Kopf zur Tür herein.
„Wann gibt es denn endlich etwas zu Essen?“
„Und das sind die ersten Worte meiner Tochter, nachdem ich zusammen mit ihrem Vater zwei Tage fort gewesen bin. Was soll das bloß mit der Jugend werden?“
„Dabei habe ich dich schon ein bisschen vermisst.“ Naja, vielleicht, bevor Legolas in unserem Garten gestanden war, danach hatte ich dazu gar keine Zeit mehr gehabt.
„Das ist mein kleines Mädchen. Ich schätze, es gibt in einer Viertelstunde  Essen. Früh genug?“
„Wenn ich bis dahin schon verhungert bin, bist du schuld.“
Meine Mutter warf theatralisch die Hände in die Luft. „Wie soll ich nur mit diese Schuld leben?“ Wir beide lachten.

Ich drehte den Notizzettel von meiner Oma in meiner Hand. Warum besuchten der Elb und ich nicht einfach schon heute den Freund meiner Großmutter? Dann hätten wir es erledigt und das Problem entweder gelöst oder festgestellt, dass es dafür keine Lösung gibt.
Und ich konnte es schon nicht vergessen.
Da ich gerade damit beschäftigt gewesen war meine Seminararbeit weiter zu schreiben - eigentlich war ich damit ja schon ziemlich weit gekommen, mir fehlten bloß noch der Anfang und Schluss und ein kleiner Teil des Hauptteils - fuhr ich das Notebook herunter.
Natürlich nachdem ich die Datei auch gespeichert hatte. Nicht auszudenken, was wäre, wenn alles gelöscht wäre.
Ich klappte das Gerät zu und legte es auf das Brett, das unter meinem Schreibtisch extra dafür angebracht war.
Es war Montag und schon halb drei nachmittags. Meine Eltern waren beide auf ihrer Arbeit und würden frühestens um 6 Uhr abends wieder zurück kommen.
Eigentlich war das doch wirklich eine nette Idee für den heutigen Tag.
Also was würde ich alles brauchen?
Ich warf mein Portmonee, Handy, einen Stadtplan (ich kannte mich zwar in München recht gut aus, aber man konnte ja nie wissen) und eine Flasche Wasser in meine Tasche. Nach einem Blick in den Spiegel beschloss ich, dass meine Jeans und ein Top in blau für den Besuch ausreichend waren und MakeUp verwendete ich eh nur höchst selten.
Auf den Esszimmertisch legte ich einen Zettel, auf den ich in der Eile „Bin bei Oma“ gekritzelt hatte. Das musste reichen.
Ich nahm meinen Schlüssel mit dem Herr der Ringe-Anhänger, der jetzt ja kein Problem mehr darstellte, aus der Schale und hinter mir fiel die Tür zu, damit automatisch schon verschlossen.

Kaum eine Viertelstunde später stand ich auch schon im Flur des Hauses meiner Oma und wartete auf den Elben, der sich heute morgen anscheinend die Haare zurück gebunden hatte und das nun wieder rückgängig machen musste.
Meine Großmutter warf mir einen Blick zu. „Du hast vergessen ihm zu erklären wie eine Spülmaschine funktioniert. Nach dem Abendessen fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf, als ich das Geschirr mit ihr spülte. Das war zwar amüsant, aber du hättest es mir sagen können.“
„Tut mir leid, ich hab es wirklich vergessen. In letzter Zeit vergesse ich so manches.“
„Kann es sein, dass dich das Ereignis mehr mitgenommen hat, als du denkst?“
„Kann sein. Aber Legolas will das noch weniger wahrhaben als ich.“
„Das habe ich gemerkt. Vergiss trotzdem nicht, ihm die U-Bahn zu erklären, auch ein Elb hat seine Grenzen.“

Ein paar Minuten später kam Legolas die Treppe herunter. In der Zeit hatte ich meiner Oma gesagt, was ich ihm denn schon alles erklärt hatte und damit wusste sie nun, was noch als ihre Aufgabe überblieb.
Seine Haare waren frisiert und nicht hinter die Ohren geklemmt worden, sie fielen gefächert auf seine mit einem weißen T-Shirt bedeckte Brust. Darüber trug er die Lederjacke, die ich ihm vor zwei Tagen gekauft hatte. Dazu Jeans und blaue Turnschuhe. Er sah einfach unglaublich gut aus.
Die Leute würden sich heute reihenweise nach ihm umdrehen.
Ich fragte an ihn gewandt, „Bereit?“
„Solange wir in keinen Orkhinterhalt laufen, werde ich dir folgen.“
Das ist einmal eine interessante Redewendung. Die musste ich mir merken.
Der Elb verabschiedete sich noch von meiner Oma, auch auf meinen Hinweis hin, dass wir heute Abend wieder zurück sein würden. Ich denke, sie taten es auf Elbisch, denn ich verstand kein einziges Wort davon.
„Können wir gehen?“
„Natürlich können wir gehen.“
Der Elb ging zur Haustür und ich folgte ihm. Ich warf einen Blick über die Schulter und verabschiedete mich kurz via Blickkontakt von meiner Großmutter.

Kurze Zeit darauf standen wir vor der Bushaltestelle und die Unterrichtsstunde hatte begonnen.
„Das Auto habe ich dir ja schon erklärt. Ein Bus ist ganz ähnlich, nur etwas größer und für mehr Menschen. Ach ja und bevor ich es vergesse, wir fahren danach auch noch mit der U-Bahn. Das wiederum ist so ähnlich wie ein Bus. Nur, dass die U-Bahn unter der Erde und auf etwas, was sich Schienen nennt, fährt.“
Ich sah in sein Gesicht.
„Tut mir echt leid, dass ich nicht wirklich gut im Erklären bin.“
Er nahm meine Hand und ich warf erstaunt eine Blick darauf. Waren Elben nicht eher distanziert? Jedenfalls dachte ich, so etwas meine Oma mal sagen gehört zu haben.
„Deine Ausführungen sind sehr verständlich. Mache dich doch nicht kleiner als du bist. Alle diese Gefährte habt also ihr Menschen erfunden?“ Bei den ersten beiden Sätzen konnte ich seine Blick auf mir spüren, dann sah ich ihn in die Ferne wandern.
„Naja, ein paar einzelne Kluge vielleicht.“
Ich war froh als der Bus sogar ohne nennenswerte Verspätung kam und zog Legolas an der Hand in das Gefährt, ließ sie dann aber wieder unter dem Vorwand des Stempelns schnell los.
Was machte Legolas bloß?! Das konnte doch niemals funktionieren. Allein schon mein Sterblichkeit schien mit seiner Unsterblichkeit inkompatibel zu sein.
Die mit dem Bus zu fahrende Strecke war zum Glück nicht weit und ehe wir uns versahen, saßen wir auch schon in der U-Bahn.
Ich beantwortete Legolas gedankenversunken einige Fragen und dann kam auch schon die Haltestelle an der wir aussteigen mussten.
Der Elb hatte mir anscheinend sehr sorgfältig zugehört und vielleicht auch den Plan der Haltestellen dieser U-Bahnlinie gelesen, denn er stand schon auf als der nächste Halt noch gar nicht angesagt worden war.
Nach einem kurzen Fußmarsch standen wir schließlich, ein Armbreite auseinander, vor dem Wohnhaus des Freundes meiner Oma. Eine schöne Wohngegend hatte er sich da ausgesucht. Ich hatte den Zettel mit der Adresse noch einmal aus meiner Hosentasche geholt. Durch das Hineinstopfen und Herausziehen war er mittlerweile schon ganz zerknittert.
Ich war wirklich schlecht im Namen merken, das hatte ich schon im Kindergarten und dann in der Schule gemerkt.
Ach ja, er hieß Reischl.
Ich suchte die Klingelschilder schnell ab und fand den Namen in der obersten Reihe.
15. Stockwerk ist für einen Rentner wirklich ambitioniert.
Ich klingelte und zu meinem Erstaunen summte der Türöffner ohne über die Sprechanlage gestellte Fragen.
Legolas überließ mir wie immer den Vortritt, obwohl mir dann erst einfiel, dass ich ihn ja eigentlich erst seit drei Tagen kannte und das aber schon als selbstverständlich ansah.
Aber fühlte sich einfach nicht so an. Es hätten schon Monate oder Jahre sein können. Naja, wenn man mal von meinen Fragen absah, die erweckten eher einen anderen Schein.
Als ich zusammen mit dem Elben oben stark schnaufend ankam.
Das mit dem Atmen traf nur auf mich zu.
Legolas erweckte eher den Anschein, als hätten wir einen langsamen Spaziergang auf gerader Ebene gemacht. Dabei war ich eigentlich schon sportlich (solange es nichts mit Bällen zu tun hatte).
Es hätte natürlich auch einen Aufzug gegeben, aber ich wollte mir die Mühe ersparen ihn dem Prinzen erklären zu müssen, was sich rückblickend als potentiell dumm erwiesen hatte. Das nächste Mal nehmen wir den Aufzug.
Die einzige Türe auf diesem Stockwerk war weit offen und darin stand der Freund meiner Großmutter schon mit ausgebreiteten Armen und wartete anscheinend auf uns.
Eigentlich hätte es ja auch der Briefträger sein können, der geklingelt hatte. Also wie …?
Ich musterte den schon älteren Mann. Er schien ungefähr das Alter meiner Großmutter zu haben, also Mitte sechzig. Seine Haare waren relativ kurz und nach hinten gekämmt worden, seinem Alter entsprechend waren seinen Haare schon ergraut, hatten aber einen blauen Stich am Ansatz. In seinem Gesicht fanden sich Fältchen um die Augen, den Mund und auf der Stirn, aber seine Augen leuchteten blau und wach aus seinem Gesicht.
Warum hatten eigentlich alle blaue Augen?
Er trug eine Jeans und ein Sweatshirt in einem dunklen blauen Farbton. Es passte nicht so ganz zu seinem restlichen Erscheinungsbild, aber irgendwie dann wieder schon.
Legolas war kurz hinter mir stehen geblieben und wahrscheinlich starrte er auch den Mann in der Türe an. Als er merkte, dass wir beide  ihm wahrscheinlich nicht mehr in die Arme fallen würden, ließ er die Arme sinken und trat aus dem Türrahmen.
„Wollt ihr vielleicht reinkommen? Ihr könnt mich auch in meiner Wohnung anstarren. Da geht es womöglich noch viel besser.“
Er schmunzelte dabei nur und bewegte sich so geschmeidig wie es für sein Alter eigentlich sehr untypisch war.
Ich betrat als erstes die mir fremde Wohnung und hinter mir folgte der Elb mit leisen Schritten.
Sie war wirklich geschmackvoll eingerichtet. Glas und Metall. Ganz modern und nicht im geringsten wie ich es erwartet hatte.
Die Bilder an der Wand waren allesamt abstrakt und kubistisch. Aber das Wohnzimmer lies mich ehrlich staunen. Auf dem niedrigen Fernsehtisch stand ein riesiger Flatscreen und davor eine brandneue Playstation 4. Die moderne Kommode am Rand des Zimmers an der Wand trug eine iPod-Dockingstation und daneben befand sich ein brandneues iPhone und ein Mac Notebook. Ein Fach darunter befanden sich ungefähr 40 Spiele für die Playstation 4 und ihre Vorgänger ordentlich aufgereiht.
Der Freund meiner Oma musste meinen erstaunten Blick gesehen haben, denn er sagte nun: „Man muss mit der Technik gehen.“
„Meine Großmutter sagt das auch, aber deswegen hat sie noch lange keine Playstation, Hr. Reischl.“ Was sagte ich denn schon wieder? Ich musste wirklich nachdenken, bevor ich den Mund aufmachte.
Bei seinem Namen zog er eine Grimasse. „Oh, nein, nein, nein, nennt mich um Himmels Willen nicht so. Mein Name ist Pallando und das Sie könnt ihr euch auch sparen.“
Das war …., ich schätze es, war gut. Wobei das einigermaßen schwierig wurde, denn erwachsene Leute mich 'Sie' an zu reden war einfach in meinem Kopf einprogrammiert. Ich warf einen Blick auf Legolas, da er bis jetzt ziemlich wenig um nicht zu sagen gar nichts gesagt hatte. Er machte ein ernsthaft nachdenkliches Gesicht. Aber über was grübelte er denn?
Ich trat zu ihm, mir war egal, was Hr. Reischl … Pallando von uns denken würde und flüsterte ihm leise – Elben hatten feinere Ohren als Menschen und deswegen war ich mir auch sicher, dass er es hörte – die Frage zu.
„Über was denkst du denn nach?“
„Dieser Name Pallando kommt mir so seltsam vertraut vor.“
„Okay und das heißt?“
„Ich kann es nicht sagen.“
Damit richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Hr. …, nein, Pallando. „Meine Oma meinte, dass du vielleicht ein Zauberer sein könntest, auch wenn ich weiß wie absurd das vielleicht klingt.“
Wie oft hatte ich jetzt eigentlich schon einen Satz mit 'meine Oma' angefangen? Schlechte Angewohnheit.
„Wenn ich ein Zauberer wäre, was bräuchtest du dann von mir?“
„Es gibt da ein Problem.“ Ich wechselte einen Blick mit Legolas und er strich sich seine schönen langen Haare hinter die spitzen Ohren.
In dem Moment stürzte eine Frage nach der anderen auf mich ein. Was wäre, wenn Pallando nicht der nette Freund meiner Großmutter wäre und auch kein Zauberer? Wenn er böse wäre?
Aber konnte ich das Urteilsvermögen meiner Oma wirklich infrage stellen, immerhin wusste sie fast immer wie die Menschen in ihrem Wesen waren. Es war bei ihr fast wie ein sechster Sinn.
Ich schob meine Zweifel beiseite und in die hinterste Ecke meines Bewusstseins.
Mit der Enthüllung hatten wir jetzt wohl die ungeteilte Aufmerksamkeit Pallandos und seine Augen wurden sehr groß. „Das hatte ich jetzt nicht erwartet“, waren seine einzigen Worte.
Nachdem er sich wieder ein wenig gefangen hatte, fügte er  mit einem Lächeln im Gesicht hinzu, „allerdings war schon mal so ein Freak hier.“
„Was fällt Euch ein, mich mit diesem Titel zu verspotten?“ Der Prinz war vorgetreten und in seinen Augen konnte man die Kränkung sehen.
„Das war eigentlich nur als Scherz gedacht gewesen, aber ich entschuldige mich trotzdem.“ Er wechselte mühelos in den Sprachstil von Legolas. „Verzeiht, wenn ich neugierig bin, aber könntet Ihr mir verraten wie Ihr heißt und woher Ihr kommt. Ich habe das Gefühl Euch schon mal gesehen zu haben.“ Misstrauen wuchs langsam und leise in mir heran.
Legolas warf mir einen fragenden Blick zu, aber woher sollte ich wissen, ob er dem älteren Mann vertrauen konnte und was er meiner Meinung nach überhaupt machen sollte.
Ein weiser Elb fragte mich einmal um Hilfe. Wow, das hätte ich mir nicht einmal zu träumen gewagt.
Eigentlich hätte ich ihm wahrscheinlich auch davon abgeraten Pallando seine Ohren zu zeigen.
Obwohl man das auch noch mit einer Ausrede a la angeklebte Elbenohren aus dem Mittelerde-FanShop erklären konnte. Jedenfalls war das möglich. Ob es wirklich funktionieren könnte, stand in den Sternen. Wenn ich Legolas gewesen wäre, hätte ich nicht einmal das gemacht.
Als von mir also nicht die erwartete Hilfe kam, wandte er den Blick ab, ich konnte nicht sehen, ob er wegen meiner Ratlosigkeit sauer auf mich war, und schaute wieder zu dem älteren Mann hinüber.
Dann begann er zu sprechen und mir wurde fast schlecht. Für so wagemutig hätte ich ihn nicht gehalten.
„So komisch es auch scheinen mag, ich komme aus dem Düsterwald.“ Pallando schaute Legolas weiter forschend an. Es war, als wollte er ihn damit zum Weitersprechen ermutigen oder auffordern.
„Und ich bin der Thronfolger. Mein Name ist Legolas.“ So, jetzt war es heraus und konnte schlecht wieder zurückgenommen werden.
Ich achtete auf die Mimik des Alten. Ich würde es hoffentlich erkennen, wenn er schlechte Absichten hatte. Oder gar derjenige war, der den Elben hierher geschickt hatte. Zu meiner Erleichterung konnte ich nichts entdecken.
Der letzte Satz hing noch eine Weile in der Luft des Wohnzimmers, bevor unser Gastgeber etwas dazu sagen konnte.
Sein Gesicht hellte sich auf und er brach die Stille. „Deswegen kamst du mir so bekannt vor. Du bist wirklich aus Mittelerde?“
„Dies ist nicht meine Welt.“ Der Elb stand nun ein wenig verunsichert im Raum. Es war nur logisch, denn er machte sich mit dieser Aussage verletzlicher als er es vermutlich seit tausend Jahren gewesen war.
Um ihn nicht solange in diesem schrecklichen Zustand zu belassen, beeilte ich mich Pallando die wichtigste Frage noch einmal zu stellen.
„Bist du nun ein Zauberer? Ein richtiger, nicht nur einer dieser Illusionisten?“
Er seufzte. „In diesem Fall wohl schon. Ich glaube, jetzt hat mich meine Berufung mal wieder eingeholt.“ Er setzte sich auf seine Couch und warf uns einen Blick zu. „Ihr könnt euch ruhig setzen, die Couch ist nicht verzaubert, dass sie euch in euer Hinterteil beißt. Einfach ganz normal und aus dem Möbelhaus.“
Als wir uns beide auf die cremefarbene Couch gesetzt hatten, Legolas auf den rechten Flügel neben Pallando und ich auf den linken dem Elben gegenüber, steuerte er noch einen Satz zu der Unterhaltung bei.
„Du siehst deinem Vater wirklich ähnlich. Die gleichen blauen Augen, das blonde Haar.“
Jetzt war es an uns beiden ihn verblüfft an zu schauen. „Ach kommt, Legolas ist mein Name doch sicher schon bekannt vorgekommen.“
Der Prinz überlegte schneller als ich und platzte sehr unelegant mit der Lösung heraus. „Du stammst auch aus Mittelerde?“
„Vor langer Zeit. Aber mittlerweile habe ich mich schon sehr an das Leben hier gewöhnt.“ Erkenntnis breitete sich über das alterslose Gesicht Legolas aus.
„Ihr seid einer der blauen Zauberer und Euer Name ist Quenya. Der Weitgereiste. Hier seid Ihr also gelandet.“
„Ja, ich bin einer der blauen Zauberer, die in den Osten gingen und verschwanden. Ich weiß nicht, was mit Alatar passiert ist, aber auf der Erde habe ich ihn noch nicht gesehen oder auch nur von ihm gehört.“
Ich hatte keine Ahnung, von was die beiden sprachen, eigentlich gab es doch nur Saruman, Gandalf und diesen brauen Zauberer mit den Kaninchen vor dem Schlitten. Also woher kamen plötzlich die blauen Zauberer?
Irgendjemand von den Beiden musste das Fragezeichen in meinem Gesicht richtig gedeutet haben, denn ich bekam eine Erklärung.
„Es gab fünf Istari, die um 1000 des Dritten Zeitalters nach Mittelerde kamen, um Mittelerde im Kampf gegen Sauron zu unterstützen. Saruman, der Weiße, Gandalf, der Graue, Radagast, der Braune und zwei blaue Zauberer, die wie gesagt in den Osten gingen.“
Okay, also wurden sie im Film einfach nicht erwähnt und spielten wohl auch in den Büchern keine tragende Rolle, sonst hätte mir Oma davon erzählt. Gut, und einer der beiden stand also jetzt vor mir? Das war schon ein wenig komisch. Wie er wohl hierher gekommen war?

Da das nun geklärt war, konnten wir wieder zu dem übergehen, weswegen wir eigentlich auch gekommen waren.
„Kannst du uns helfen?“
„Mit was?“ War das eigentlich nicht offensichtlich? Diese Elbenohren konnte man doch sicher nicht übersehen und genau das war ja auch das Problem. Es musste nur einen unachtsamen Augenblick seitens Legolas geben, zum Beispiel indem er sich die Haare hinter die Ohren streicht und es würde den Leuten auffallen, das seine Ohren nicht ganz so normal waren wie sie eigentlich hier in dieser Welt sein sollten.
„Na, normalerweise hat keiner hier spitze Ohren, oder? Und es würde Legolas es sicher um einiges erleichtern nicht mehr aufzufallen als unbedingt nötig.“
„Ich glaube, ich weiß was du meinst.“
„Und ist das möglich?“
„Wahrscheinlich schon, ich habe es erst einmal ausprobiert und eigentlich dachte ich, dass ihr hierher gekommen wärt um den lieben Prinzen hier“,  er zeigte mit einem Armschwenk auf ihn, „wieder nach Mittelerde zurück zu schicken. Oder irre ich mich da und er will noch gar nicht gehen?“
„Ist das denn so einfach möglich, meine Wenigkeit zurück nach Mittelerde zu schicken?“ Sein Gesicht spiegelte Zweifel und Misstrauen wider.
„Ich habe es noch nie gemacht, aber wir können es natürlich gerne mal versuchen.“ Daran war doch irgendetwas faul.
„Moment mal. Warum hast du dich dann nicht selbst zurück gezaubert?“
„Vielleicht, weil es mir bei euch so gut gefällt. Immerhin habt ihr das Fernsehen erfunden.“ Ich schaute ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an und auch Legolas schenkte nun seine ganze Aufmerksamkeit dem Zauberer vor uns.
„Okay, okay. Es ist möglicherweise ein bisschen gefährlich. Da es noch keiner gemacht hat, weiß auch niemand, was alles schief gehen kann und welche Dinge man beachten muss. Der Tod ist wahrscheinlich nicht auszuschließen.“
Den letzten Satz murmelte er vor sich hin, sodass ich die Hälfte nicht verstanden hatte. Offenbar ging es Legolas damit anders, denn er hatte einen erschrockenen Ausdruck auf seinem Gesicht. Aber irgendetwas mit Tod hatte ich verstanden.
„Ich habe in nächster Zeit nicht die Absicht mein unsterbliches Leben zu beenden. Deshalb werde ich wohl nicht versuchen mithilfe deines Zaubers zurück nach Mittelerde zu gelangen.“
Jetzt hatte ich es verstanden.
Aber beim Ohren-Wegzaubern konnte wohl nicht allzu viel schief gehen. Hoffte ich zumindest. So ein Elb ohne Kopf war noch schwieriger zu erklären, als einer mit Kopf.
„Die spitzen Ohren kannst du aber doch auch ohne das Risiko beheben?!“ In meine Augen lag aller Wahrscheinlichkeit nach ein schockierter Ausdruck und ich glaube man konnte mir auch die Angst, die ich um Legolas hatte, wie ich sie um jeden meiner Freunde haben würde, ansehen.
„Naja, für Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Magier oder Zauberer. Meine Liebe, schon mal etwas davon gehört, dass alles im Leben ein Risiko dargestellt so klein es auch sein mag?“
Jetzt machte er mich wütend, natürlich wusste ich das genauso gut wie er selbst, aber man musste es mit der Lebensgefahr ja nicht übertreiben.
„Darum geht es nicht, ist das Risiko gering genug?“
So langsam bahnte sich ein zweit zwischen uns beiden an, der nur durch einen Zwischenruf von Legolas schon im Keim erstickt wurde.
„Ich denke, die Gefahr ist kalkulierbar. Ich werde es machen.“
Ich blickte ihn mit erstaunten Augen an. „Du weißt nicht was alles schief gehen kann.“
„Er“, er wandte seinen Körper Pallando zu, „hat es schon einmal geschafft und du vergisst bei alledem, dass es trotz allem auch gut gehen könnte. Es hat doch beim erste Mal ohne jegliche Nebenwirkungen funktioniert, nicht wahr?“
„Soweit ich es weiß, ja. Willst du einen Termin haben oder sollen wir das jetzt gleich erledigen?“
„In diesem Moment.“
Pallando schloss seine Augen und murmelte etwas vor sich hin, man konnte nicht verstehen, was es war und streckte dabei die Arme aus, ein paar Momente später öffnete er sie wieder und schaute uns erwartungsvoll an.
„Ähm..... war das alles? Ich dachte, er sprüht Funken oder es gibt einen Lichtblitz, der in Legolas fährt?“
„Es tut mir wirklich leid, wenn die Zauberei dich enttäuscht,  aber mehr gibt es nicht zu sehen, Der Zauber wurde gewirkt und dauert an solange der Elb auf dieser Erde weilt.“
Ich wandte mich dem Prinzen zu. „Hat es funktioniert?“ Er verstand gleich, was ich meinte und strich sich nochmals die Haare hinter die Ohren, sie waren seit dem letzten Mal alle wieder Strähne für Strähne in sein Gesicht gefallen.
Gespannt auf das Ergebnis hielt ich die Luft an.
Und atmete enttäuscht wieder aus. Ich konnte die blattförmig zulaufenden Spitzen der Ohren immer noch sehen, es hatte sich also nichts verändert.
Enttäuschung machte sich in mir breit.
„Warum hat das nicht funktioniert, Pallando?“
„Oh, es hat ganz sicher funktioniert, der Zauber verbirgt seine Ohren vor all jenen, die nicht um seine Unsterblichkeit wissen, jedoch nicht vor jenen, die das Geheimnis bereits kennen. Damit kannst du seinen Ohren weiterhin sehen, nicht jedoch zufällige Passanten und andere Unwissende.“
Das musste erst noch bewiesen werden. Ich machte ein unglückliches Gesicht.
„Eirene, ich schenke seiner Erklärung Glauben, seit dem Ringkrieg habe ich gelernt Zauberern zu vertrauen.“
Wenn er meinte.
„Also ich möchte nun ja nicht unhöflich oder so erscheinen, aber ich fände es ganz fabelhaft, wenn ihr nun wieder gehen könntet. So ungern ich es auch zugebe, ich bin mit dem Zaubern wirklich aus der Übung gekommen, oder es liegt an dieser Welt. Ich habe keine Ahnung. Tut ihr mir diesen Gefallen?“
„Wenn du es wünscht, werden wir gehen.“
Ein bisschen schrullig, war der gute Pallando ja schon. Ich legte keinen Wert darauf ihn zu verärgern und ich mochte ihn irgendwie. Wir konnten ihn ja bei einer anderen Gelegenheit nochmals besuchen.

Kurze Zeit später stand wir wieder auf der Straße vor dem Wohnhaus. Ich hatte Legolas, so gut ich es eben konnte, den Fahrstuhl und das dahinter steckende Prinzip zu erklären versucht und ihn dann davon überzeugt, dass er nicht sterben würde, wenn er in die Kabine einstieg.
Unten angekommen sang er dann wieder ein Loblied auf die erfundene Technik und das Gefühl, dass man beim Aufzug fahren verspürte. Ich schenkte ihm meine Aufmerksamkeit und musste wegen dem fast schon kindlichen Erstaunen des Elbs lächeln.

Auf einer belebten Straße wagte ich dann das Experiment. Ich ging auf einen der Passanten zu, zufälligerweise war es einen junge Frau, die eine pinke Umhängetasche und einen dazu passenden Haarreif trug, und fragte sie, ob ihr an den Ohren von Legolas etwas auffiel. Natürlich benutzte ich den Namen,  den ich für ihn erfunden hatte.
„Nein, mir fällt nichts auf, außer dass du eine wirklich heißen Freund hast, Schätzchen.“ Legolas machte einen verwirrten Gesichtsausdruck und ich beeilte mich ihre Annahme zu verneine.
„Er ist nicht mein Freund.“ Daraufhin zwinkerte sie ihm zu und als der Elb darauf nicht reagierte, wandte sie sich wieder ab und entfernte sich von uns.
„Es scheint funktioniert zuhaben.“ Ich nickte langsam, probierte es aber noch mit zwei weiteren Leuten aus, einer alten Frau und einem Mann mittleren Alters mit einem Aktenkoffer. Beide konnten die Elbenohren nicht sehen.
Ich atmete auf.
Nun hatten wir ein Problem weniger, allerdings blieb das Größte noch erhalten.

Als wir an der U-Bahnstation angekommen waren, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter.
Ich nahm an, dass es von Legolas gekommen war, der sich einen Scherz erlauben wollte und drehte mich mit dem Satz, „Darauf falle ich aber nicht rein, mein Lieber“, um, doch der Elb stand neben mir und sah mich fragend an. Vor mir befand sich ein mit mir gleichgroßes Mädchen mit braunen langen Haaren und grauen Augen.
Sie blickte mit hochgezogenen Augenbrauen von mir zu Legolas und wieder zurück, dann lächelte sie.
„Was für ein Zufall dich hier zu treffen. Nachdem du auf Whats app nicht mehr geantwortet hast, was wirklich sehr unhöflich von dir ist.Wer ist denn dein schnuckliger Begleiter?“
Ich war geradewegs in meine beste Freundin hineingerannt (oder wie man es auch nennen wollte), ihres Zeichens größter Legolas-Fan, der jemals gelebt hat (und noch leben wird, da bin ich mir sicher).
„Sag mal findest du nicht, dass er ein wenig wie Legolas aussieht?“
Das hatte mir noch gefehlt. Hätte es kein anderer meiner Freunde sein können?

„Nein, mir ist  noch nicht aufgefallen, dass er wie Legolas aussieht, ich suche mir meine Begleitungen ja nicht nach deren Aussehen aus.Was machst du hier?“
„Ich hab mir gedacht, dass ich mal wieder shoppen gehen muss und da sich keiner, noch nicht einmal meine beste Freundin, dazu bereit erklärt hat mich zu begleiten bin ich einfach kurzerhand alleine losgezogen. Und du? Hast du etwa ein Date?“
Nur weil ich mit einem männlichen Wesen unterwegs war? Das war doch absurd, als könnten Frauen und Männer keine Freunde sein.
„Nein, Leo ist neu hierher gezogen und ich wollte ihm ein bisschen von der Stadt zeigen.“ Mittlerweile ging mir diese Lüge leicht von der Hand und ich überlegte, ob ich nicht lieber zu der Ausrede mit einem Enkel einer Freundin meiner Oma wechseln sollte. Das würde immerhin auch erklären, warum ihn noch keiner gesehen und auch ihn nicht gekannt hatte. Sogar mit Sicherheit. Genau, das war eine bessere Idee, die ich dann nur auch noch Niklas verkaufen musste.
„Er ist der Enkel einer guten Freundin meiner Oma und wohnt jetzt auch bei ihr im Haus. Er studiert an der Ludwig Maximilians Universität Literatur des Mittelalters und kennt sich in München eben noch nicht so gut aus.“
„Ah ja und hast du eine Freundin?“ Sie richtete das Wort an Legolas.
„Ich bin an niemanden gebunden.“  Sein Gegenüber schaute mich fragend an. „Auch, so redet er immer. Gar nicht weiter beachten.“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Gehst du auch zum Sommerfest?“
„Ich denke schon.“
„Und bringst du ihn auch mit?“ Himmel, was wollte sie denn von ihm? Hatte sie nicht ein Auge auf  ihren neuen Nachbarn geworfen?
Es entstand eine Stille, die ich als Erste wieder brach.
„Hör mal, wir müssen unsere U-Bahn erwischen. Wir sehen uns spätestens in zwei Wochen beim Tanztraining, okay?“
„Natürlich, wenn du Leo auch mitbringst. Ich würde ihm gerne das Tanzen beibringen.“ Sie warf einen Blick auf Legolas und lächelte ihn an.
„Ich muss noch ein paar Sachen kaufen. Sehen uns.“ Sie winkte uns noch zu,  als sie in der Menschenmasse verschwand.
Ich schaute ihr noch nach als sie schon lange nicht mehr zu sehen war, bis mich Legolas leicht am Arm berührte. Erstaunt schaute ich zu ihm auf.
„Hattest du nicht erzählt, wir müssten den Zug bekommen und nach Hause fahren?“
Mist, langsam spielte mein Gedächtnis wirklich verrückt.
„Ja, lass uns gehen.“
„Welchen Zweck erfüllt ein Wats äp?“

Als mich dann auch noch meinen anderen Freunde und allen voran meine Mutter daran erinnert hatten, dass ich es unter keinen Umständen versäumen sollte zum Sommerfest zu gehen, konnte ich ja schon fast nicht mehr zu Hause bleiben. Meine einzige Sorge war, dass meine Eltern mich mit Legolas sehen würden und ich ihnen dann die Lüge auftischen und hoffen musste, dass sie mich nicht beim Lügen erwischten.
Mein Vater war so etwas wie ein lebender Lügendetektor. Zumindest bei mir. Das würde ziemlich schwierig werden.

So stand ich eine Woche später am Wochenende vor dem Spiegel in meinem Zimmer und strich das lilafarbene Kleid glatt, für das ich mich entschieden hatte. Ein hübsches Sommerkleid, dass ich mir letztes Jahr für einen Geburtstag gekauft hatte. Dazu zog ich Sandalen mit einem Absatz an, denn ich wollte wenigstens ein wenig größer wirken, als ich es sonst war. Mein Haar hatte ich mit unzähligen Spangen hochgesteckt (bei solchen Frisuren wünschte ich mir manchmal, dass ich längere Haare hätte, aber nur für einen kurzen Moment).
Legolas würde zusammen mit meiner Oma zu dem Fest auf dem Marktplatz kommen, auf dem schon vor zwei Tagen die Hütten für die Essensstände aufgestellt worden waren.
Das hatten wir in den letzten Tag ausgemacht, ich hatte nämlich in letzter Zeit wirklich oft das Bedürfnis meine liebe Oma zu besuchen. Natürlich ohne jeglichen Hintergedanken.
Dass Legolas zufällig nun auch in dem Haus wohnte, beeinflusste meine Besuche ja auch überhaupt nicht.
Seit unserem Besuch beim Zauberer war ich fast jeden Tag dort gewesen und hatte Legolas immer besser kennengelernt, auch wenn ich ihn schon durch die Filme gekannt hatte. Ich redete wirklich gerne mit ihm.
Und ich hatte nun beschlossen, wohl doch einmal die Herr der Ringe-Bücher zu lesen, denn sie schienen ja näher an der 'Realität' zu sein, als die Filme.

Ich schnappte mir meine kleine Tasche, die ich mit Taschentüchern, meinem Handy und dem Geldbeutel gepackt hatte und warf auch noch den Hausschlüssel hinein. Man konnte ja nie wissen.

Beim Betreten des Platzes sah ich schon sehr viele Leute und wunderte mich mal wieder wie viele Leute eigentlich hier wohnten und darunter waren auch ein paar Klassenkameraden von mir. Allerdings gehörten sie zu denjenigen, die ich nicht über die Maßen mochte.
Ich setzte mich wie mit meiner Großmutter vereinbart, gegenüber des Kuchenstand auf die Bank und wartete.
Als ich auf die Uhr sah, wurde mir klar, dass ich mindestens 10 Minuten zu früh dran war. Sonst passierte mir immer eher das Gegenteil, ich kam immer ein bisschen zu spät zu Verabredungen mit meinen Freunden, aber das wussten sie bereits und rechneten es in ihre Planungen mit ein.

Auf der Straße vor mir ging gerade der Bäcker mit seiner Frau, die eine schönes blaues Oberteil und eine weiße Hose anhatte.
Es sah so aus, als wären sie bereits auf dem Weg nach Hause. Das wunderte mich nicht weiter, immerhin war heute Sonntag und sie würden morgen wieder in aller Frühe aufstehen müssen um mit dem Brotbacken anzufangen.
Die Sonne stand schon im Westen und es war kurz nach siebzehn Uhr. Viele Besucher, die schon vormittags und mittags gekommen waren, oft mit kleinen Kindern im Schlepptau waren bereit auf dem Nachhauseweg.
Aber das Sommerfest würde noch mindestens bis 20 Uhr gehen.

„Eirene?“
Von einiger Entfernung hörte ich, wie jemand meinen Namen rief, ich drehte mich in die Richtung und sah Niklas mit wedelnden Armen auf mich zukommen, wahrscheinlich machte er das, weil er meinte, ich würde ihn nicht sehen. Er irrte sich und zog mit dieser Show auch noch die Aufmerksamkeit vieler umstehenden Leute auf sich. Fünf Meter vor mir ließ er seine Arme sinken und setzte sich schließlich neben mir auf die Bank.
So unpassend der Gedanke auch war, aber mich überraschte es, dass ich meine Eltern noch kein einzige Mal gesehen hatte. Gut bei meinem Vater konnte ich es mir noch vorstellen, denn er war sicher an irgendeinem Stand gestrandet und unterhielt sich mit dem Besitzer. Er kannte die halbe Stadt persönlich.
Aber meine Mutter, die musste hier irgendwo herumgeistern. Oder sie hatte eine ihrer Freundinnen getroffen.
Ich schob den Gedanken beiseite, als mich Niklas ansprach.
„Auf wen wartest du hier?“
Und noch bevor ich antworten konnte, tauchten auch schon meine Oma und in ihrem Schlepptau Legolas auf.
Er sah einfach überirdisch aus. Sein blondes Haar hatte er sich zu einem Pferdeschwanz zurück gebunden und nun fielen ein paar Strähnen heraus. Er hatte ein weißes T-Shirt  und eine Jeans an, sah darin aber besser aus als es ein Normalsterblicher je könnte.
Als ich wieder zurück zu meinem Klassenkameraden sah, merkte ich, dass auch ihm die makellose Erscheinung Legolas nicht verborgen geblieben war. Ich konnte die Entmutigung schon fast auf seinem Gesicht lesen. Niklas warf einen kurzen Blick zu meiner Großmutter und dann wandte er mir wieder die Aufmerksamkeit zu.
„Wärst du mir böse, wenn ich kurz nach meiner Schwester schaue, nicht, dass sie sich in Schwierigkeiten bringt.“
Das war jetzt mal wirklich eine schlechte Ausrede, ich wusste, dass seine Schwester schon 15 Jahre alt war und hatte sie ein paar Mal gesehen und meinem Eindruck nach, brauchte sie sicher keinen beschützenden Bruder an ihrer Seite.
„Du kannst sicher noch ein bisschen bleiben oder? Deine Schwester wird schon nicht den Weltuntergang herbeiführen.“
Er lächelte nur etwas gequält und stand dann doch auf. Er war schon über die Straße als ich noch etwas sagen wollte.
So einschüchternd war Legolas jetzt nun auch wieder nicht.
Niklas hatte im Gegensatz zu dem Elben kurze braune Haare, die er sich mit sichtlich viel Mühe zurecht gestylt hatte. Auf seiner Nase und den Wangen hatte er Sommersprossen und von seinem Sport, ich glaubte ihn einmal sagen gehört zu haben, dass er kletterte, hatte er einige Muskeln, die aber meistens unter seine Kleidung verschwanden. Er schaute einen immer aus braunen warmen Augen an.
Ich konnte wirklich verstehen, warum er mit seiner lockeren Art einige Mädchen um ihre Herzen brachte. Er sah wirklich gut aus.
Und war nun eben über alle Berge.
„Wer war das denn, Eirene?“
In dieser Hinsicht war meine Großmutter schon immer neugierig gewesen und wird es wahrscheinlich auch immer sein. Auch Legolas schaute mich aufmerksam an. Das war ja fast so, als hätte ich gerade ein Alien neben mir gehabt und jeder wollte nun wissen, woher er denn gekommen war.
„Das war ein Klassenkamerad von mir, ich habe zusammen mit ihm Mathe, Deutsch und Geschichte. Er ist wirklich nett, ich hab schon ein paar mal meine Freistunden mit ihm verbracht.“
Dabei ließ ich weg, dass ich ihn eigentlich schon seit einiger Zeit toll fand, er mich aber nicht in der Hinsicht beachtet hatte, bis auf den Abend an dem ich die Pizza bestellt und er Legolas in der Türe gesehen hatte.
Legolas runzelte als Reaktion nur die Stirn.
„Er wirkte ein wenig nervös, der junge Mann.“ Sie schaute nachdenklich in die Menge. „Ist er nicht der Sohn der Grubers?“
„Ich hätte mir denken können, dass du auch gleich seine Familiengeschichte parat hast, wenn du auch nur seinen Vornamen kennst.“ Das war immer so.
Manchmal war das sogar durchaus praktisch. Manchmal eben auch nicht.
„Wollen wir dann auch mal schauen, was es hier so gibt?“
Als ich aufstehen wollte, reichte Legolas mir seine Hand und half mir auf. Ich wollte mich schon beschweren, dass ich keine alte Frau sein, aber besann mich dann doch eines besseren und hielt den Mund. Warum nicht die Sonderbehandlung genießen, die ich hier bekam?
Auf meine hohen Schuhen, war ich um einiges größer als meine Großmutter, von der ich wahrscheinlich auch die geringe Körpergröße geerbt hatte, aber immer noch um einiges kleiner als der Elb. Die waren aber auch so verdammt groß.

Wir kamen an einem Grüppchen von Bierbänken und Tisch vorbei und meine Oma blieb mit einem breiten Lächeln stehen und klopfte einem alten Mann auf die Schultern.
Damit hatten wir sie wohl an die Seniorenrunde der Stadt verloren.
Sie begrüßten sie mit einem lauten „Wallie!“.
Von ihr hatte mein Vater nämlich auch die Kommunikativität und die Angewohnheit mit den Menschen gleich für Stunden zu reden. Sie setzte sich zu ihnen und winkte uns mit einem fröhlichen Gesicht zu. Dann bedeutete sie uns, dass wir ruhig auch ohne sie weitergehen konnten, denn sie war ziemlich gut aufgehoben.

Für das Sommerfest wurde jedes Jahr die Hauptstraße der Gemeinde gesperrt und entlang dieser Straße viele Häuschen aufgestellt in denen jetzt Leute Schmuck verkauften oder rundherum eine Cocktailbar aufgebaut hatten. Andere hatten ihre eigenen Pavillons mitgebracht, meistens die Geschäfte, die auch in dieser Straße lagen.
Es gab so ziemlich alles was das Herz begehrte.
In einer Seitenstraße, an der ich gerade mit Legolas neben mir vorbei ging, veranstaltete eine Boutique eine Modeschau bei der ein Haufen Leute stehen geblieben waren und nun applaudierte.
Wir kamen an einem Pavillon eines Goldschmiedes vorbei, der wunderschöne Ringe und Ketten in seinem Angebot hatte. Die jedoch fesselten meine Aufmerksamkeit kaum, mein Blick glitt zu einem Armreif aus Silber, der ein bisschen abseits auf schwarzem Samt lag. Er war durch drei gebogene Blätter geformt, nur durch die Konturen und Rillen der Blätter dargestellt. Mir kam der Gedanke, dass es durch die filigrane Arbeit wahrscheinlich auch die Arbeit eines Elb sein könnte. Wenn es sie hier gäbe.
Anscheinend hatte Legolas meinen Blick auf dieses eine Schmuckstück bemerkt, denn er folgte meinem Blick, lehnte sich leicht über meine Schulter und fragte mich dann, „Gefällt es dir? Es ist wunderschön und würde sehr gut zu dir passen.“
Normalerweise trug ich fast nie ein Armband oder einen Armreif. Ich fand sie einfach ein bisschen unpraktisch, wenn man zum Beispiel schrieb. Und dann wollte ich einen in Silber haben? Das war nicht sehr klug. Er würde eh nur in meiner Schublade versauern.
Ich sah ihn an. „Es ist wirklich schön. Aber ich denke, ich brauche ihn nicht. Komm schauen wir weiter.“
Ich zog ihn am Arm weiter, er warf jedoch noch einen Blick auf den Stand, den Verkäufer und das Schmuckstück.

Den nächsten Halt machten wir bei dem Bücherflohmarkt, der jedes Jahr stattfand und bei dem ich eben letztes Jahr ungefähr 8 Bücher gekauft hatte. Nach ein bisschen Stöbern hatte Legolas ein Buch in der Hand. Auf dem Einband stand Kamasutra.
„Was bedeutet dieses Wort? Elbisch ist es nicht.“
Ich nahm ihm das Buch aus der Hand und steckte es wieder in den Stapel hinein. „Ich bin mir sicher, das willst du nicht wissen.“
Ich wurde ein wenig rot bei den Worten. Warum hatte er ausgerechnet dieses Buch finden müssen?
Er schaute mich gespielt misstrauisch an. „Hey, ich wusste gar nicht, dass ihr Elben so neugierig seid.“
Ich knuffte ihn in die Seite, er wirbelte mich herum, sodass ich ihm gegenüberstand. Er beugte sich zu mir herunter und sein Gesicht war nun weniger als eine Armlänge vor meinem entfernt.
„Natürlich ist mein Volk das, woher sollten wir sonst so viel Wissen haben? Aber glaube ja nicht, dass mit dem Stoß so einfach davon kommst.“
Wahrscheinlich haben Elben auch ihren Stolz, sehr sicher sogar und womöglich noch mehr als Menschen. Ich sollte das Knuffen lassen.
Und schon wieder entstand ein etwas komische Atmosphäre von der ich nicht wirklich wusste, wie ich mit ihr umzugehen hatte.
Ich wandte mich also ab und nahm meine zwei Bücher, die ich gefunden hatte auf den Arm und ging in Richtung des Mannes bei dem man bezahlen konnte.
Eigentlich verwunderte es mich, das Legolas nicht ein einziges Buch hatte finden können, dass er haben wollte. Ich zuckte mit den Schultern.

Eine Berührung an meinem rechten Arm ließ mich aus meiner Versunkenheit wieder aufschrecken.
Eigentlich hatte ich nur einen kurzen Blick auf die Tänzer auf der Bühne werfen wollen, darunter auch ein paar Leute, die in der gleichen Tanzschule wie ich trainierten, aber um einiges besser waren. Sie führten gemeinsam den Samba vor und die Musik waren einfach wirklich mitreißend. In Gedanken tanzte ich zusammen mit meinem Partner, der komischerweise in meiner Phantasie blonde Haare hatte (mein wirklicher Partner hatte fast genauso braune Haare wie ich) auf  irgendeiner belebten Straße in Südamerika.
Legolas beugte sich zu meinem Ohr, dass er nicht gegen die relativ laute Musik anschreien musste.
„Soll ich dir ein Glas Erfrischung bringen, Eirene?“ Sein Atem kitzelte bei den  Worten an meinem Ohr. Ein weiteres Mal staunte ich über sein zuvorkommendes Benehmen.
„Ähm... nur wenn es dir nichts ausmacht.“
„Würde es nicht.“
„Könntest du mir eine Apfelschorle besorgen? Hast du auch Geld dafür dabei?“
„Natürlich. Deine Großmutter gab mir welches mit den Worten, man könne einen Prinzen doch nicht arm herumlaufen lassen.“ Er schenkte mir ein Lächeln und entfernte sich dann schnellen Schrittes bis er in der Menge der Menschen verschwunden war.
Ich wandte mich wieder der Bühne zu.
Einen Augenblick später tippte jemand meinen Rücken an.
„Das ging aber schnell.“ Aber als ich mich umdrehte, sah ich keinen Elben dafür wieder Niklas. Warum war er dann vorhin so schnell verschwunden?
„Wen meintest du? Du konntest ja nicht wissen, dass ich es bin.“
Irgendetwas sagte mir, dass ich ihm nichts von Legolas erzählen sollte bzw. ihn lieber nicht erwähnen sollte. Immerhin war vorhin so schnell gegangen, kaum, dass Legolas aufgetaucht war.
Ich konnte mir schon denken, woran das liegen könnte, aber es war nur ein Vermutung.
„Ach. nicht so wichtig. Und hat deine Schwester schon den Weltuntergang bewirkt? Oder bist du gerade noch rechtzeitig gekommen?“
Er breitete die Arme aus. „Wie du siehst ist es gerade nochmal gut gegangen und ich bin genau in dem richtigen Moment gekommen, nur eine Sekunde später und die Welt wäre eine andere.“ Er wippte beim Reden ein bisschen ruhelos auf seinen Fußsohlen umher.
„Natürlich. Sag mal wie läuft es eigentlich mit deiner Seminararbeit?“ Das war wirklich ein großes Thema seit Juni und wahrscheinlich auch noch bis zum Abgabeschluss im Oktober.
Er verzog das Gesicht ein wenig. „Also eigentlich ist da noch nicht wirklich viel seit dem Anfang der Ferien passiert. Über was schreibst du denn?“
„Wie ein Bestseller entsteht und ob man mit Absicht einen schaffen kann. Ich schreibe ja in Deutsch. Hattest du als Leitfach nicht Biologie?“
„Ja. Ich schreibe über die Ausbreitung von Seuchen und ihre Eindämmung an zwei Beispielen. Wenn du ich fragst ein etwas deprimierendes Thema, wenn auch relativ interessant. Können wir über irgendetwas anderes reden? So langsam bekomme ich Panik, weil ich noch nichts gemacht habe.“
„Okay, da fällt mir etwas ein. Leo, den du vorhin gesehen hast, ist der Enkel einer Freundin meiner Oma. Nicht der Sohn einer Freundin meiner Mutter, obwohl seine Mutter und meine auch einmal in der Schule befreundet waren, wenn ich mich nicht irre. Ich blicke da immer nicht so ganz durch, bei solchen Verhältnissen. Ich hab da einfach kein Gedächtnis für.“
Er schaute mich ein wenig komisch an.
„Naja, ich hasse es unrecht zuhaben, aber ich gebe es zu.“
Ein neues Lied begann auf der Bühne. Ich kannte es und ich hatte sogar schon mal darauf trainiert, mein Körper bewegte sich fast von ganz alleine, ohne dass ich es bewusst so steuern konnte.
Niklas lies den Blick über mich gleiten, wie ich herum zappelte. „Hast du Lust zu tanzen?“
Hoffentlich konnte er es auch. Ich wollte ja nicht gemein sein, aber mit einem Amateur zu tanzen und dass auch noch, wenn er nicht richtig führen konnte, war wirklich eine Qual. Dann sah es nicht mehr leicht und locker aus wie es sein musste. Sondern so, als würde man kämpfen. „Du kannst tanzen? Ich tanze wirklich nur mit Leuten, die es einigermaßen können.“
„Ja, weißt du, zufälligerweise habe ich vor eineinhalb Jahren mal eine Tanzkurs gemacht. Meine Oma bestand darauf.“
„Dann spricht, dank deiner Großmutter, nicht das geringste dagegen.“
Ich reichte ihm meine Hand und er führte mich zu einem Platz, der mittiger vor der Bühne war.
Und dann fingen wir an zu tanzen.
Es war eine Mischung aus verschiedenen Tänzen. Es war als würde man schweben.
Ich liebte dieses Gefühl, deswegen hatte ich mit diesem Sport angefangen und machte ihn schon seit 7 Jahren.
Das einzige Schwierige daran war, dass man immer sehr schlecht einen Partner fand.
Das Nächste, was ich bewusst wahrnahm war, dass mir Niklas zuflüsterte, was für eine Figur er denn machen wollte. Ich nickte zum Einverständnis.
Sie kam aus dem Tango und ich fragte mich, woher er sie wohl kannte.
Die Menschen um uns applaudierten als wir wieder normal weiter tanzten.
Mir schwirrte ein Gedanke durch den Kopf. Wo war Legolas eigentlich die ganze Zeit? Vorhin, als wir an dem Stand der Feuerwehr für die Getränke vorbei gekommen waren, war dort keine Schlange gewesen. Und das war noch keine 15 Minuten her.
Dann wirbelte mich Niklas noch einmal durch die Luft.
Und ich vergaß meinen Gedanken schnell wieder.


POV Legolas

Auch, wenn Eirene sagte, dass sie den Armreif wohl nicht brauchen würde, sah ich, wie sie ihn angeschaut hatte und konnte nicht bestreiten, dass er an ihren Arm passen würde.
Ich wollte ihr ein Geschenk machen als Dank für ihre Bereitschaft mich aufzunehmen und auch in dieses mir so fremde Leben einzuweisen.
Rasch bahnte ich mir einen Weg durch die Menschenmenge, die heute auf den Beinen war und immer an den ungünstigsten Plätzen stand.
Eile musste sein, denn Eirene dachte schließlich, ich holte ihr nur ein Getränk und ihr fiele es auf, wenn ich zu lange wegbliebe.
Ich wollte immerhin nicht, dass sie sich unnötig Sorgen um mich machen musste, fiel ich ihr und auch ihrer Großmutter jetzt doch schon mehr als genug zur Last. Wie würde ich das jemals abgelten können?

Der Schausteller hatte mich dem Anschein nach in Erinnerung behalten, denn als ich unter dem Dach der weißen Zeltes ohne Wände stehenblieb, begrüßte er mich mit den Worten, „ Sind Sie gekommen um den silbernen Armreif für die junge Frau doch noch zu kaufen?“ Dabei lächelte er mich an und ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass noch irgendetwas in seinem Blick lag, das ich nicht zu deuten wusste. Ich war mir allerdings sicher, dass es keine böse Absicht sein konnte, also antwortete ich ihm.
„So ist es. Es soll ein Geschenk für sie sein, denn ich will ihr danken.“
„Na, hoffentlich weiß sie das auch zu schätzen.“ Er nahm den Armreif von seinem Kissen und er glitzerte in der sich langsam dem Horizont zuneigenden Sonne. Als Verpackung wählte er eine elfenbeinfarbene Schachtel und knüpfte mit Seidenband eine Schleife darum.
Eirene würde sich sicherlich über dieses Geschenk freuen.
Ich übergab dem Händler das gewünschte Geld und nahm das verpackte Schmuckstück entgegen. Bevor ich mich von ihm verabschieden konnte, verwunderte er mich mit einem Satz, „Sie sind nicht von hier, richtig? Wenn ich Ihnen das sagen darf, hierzulande verschenkt man ein Schmuckstück meistens, wenn man die Beschenkte sehr liebt.“
Damit wandte sich der Mann wieder ab und kam seiner Beschäftigung nach, bei der ich ihn zuvor unterbrochen hatte.
Der Satz geisterte mir noch eine Weile durch meine Gedanken.
So war es sicherlich nicht. Ich wollte ihr nur für das danken, dass sie für mich tat.
Solange weilte ich nun schon auf der Welt und ausgerechnet hier sollte ich die eine finden, die meine Seele berührte?
Das war wirklich mehr als unwahrscheinlich und undenkbar.
Uns verband, das war ich mir sicher, nur ein freundschaftliches Band wie auch schon Gimli und mich.
Mit diesem Gedanken machte ich mich auf um Eirene eine Getränk zu besorgen.


POV Eirene

Die Musik endete nach einem gefühlten Moment. Niklas kam schwer atmend neben mir zu stehen.
„Du bist wirklich unglaublich.“
„Wenn man schon seit sieben Jahren tanzt, ist es nicht weiter komisch, dass man es kann.“ Ich lächelte ihn an.
Er stand jetzt dicht vor mir. Ich hatte gar nicht bemerkt wie er sich bewegt hatte.
Sein Blick war irgendwie intensiver als zuvor. „Das habe ich nicht gemeint.“
Er trat noch eine Schritt näher an mich heran und beugte sich dann langsam zu mir herunter.
Niklas wollte mich küssen.
Ich fragte mich kurz, ob ich denn auch wollte.
Dann kam mir in den Sinn, dass ich ihn eigentlich schon seit der  neunten Klasse toll fand und mir immer gewünscht hatte, dass so etwas passieren würde.
Er hielt einen Augenblick inne und als ich kaum merklich nickte, überwand er den verbliebenen Abstand und seine Lippen legten sich weich und leicht auf meine. Seine Hände ruhten an meiner Wange und an meiner Hüfte.
Ich legte ihm die Meinen um den Nacken.
Entfernt hörte ich die Menschen um uns, die auch bei unserem Tanz zugeschaut hatten, applaudieren.


POV Legolas

Es waren mehr Menschen vor mir gewesen, als ich gedacht hatte, auch wenn es nur einige wenige waren.
Schließlich hatte ich dann auch das Getränk für Eirene erworben und befand mich nun auf dem Rückweg zu der Stelle, an der ich sie zurückgelassen hatte.
Das Schmuckkästchen ließ ich bei Eirenes Großmutter zurück, denn ich wollte nicht, dass sie das Geschenk vorzeitig sah.

Ich kam zu dem Rand der Tanzfläche unter der erhöhten Bühne und kämpfte mich durch die Menschen, dabei ließ ich meinen Blick über die Gesichter der Versammelten schweifen.
Diejenige, die ich suchte, konnte ich jedoch nirgends erblicken.
Einen Augenblick später fand ich mich in der ersten Reihe des Kreises, den die Zuschauer um die Fläche gebildet hatten, wider.
Dort in der Mitte des Freiraumes sah ich sie:
Sie lag in den Armen eines Jünglings. Es war dieser Niklas, der vorhin ohne ersichtlichen Grund fast schon geflüchtet war.
Um mich herum konnte ich das Aufbrausen des Beifalls wahrnehmen und als ich wieder in das Zentrum der Tanzfläche sah, bleib mein Herz für einen Moment stehen.
Ich konnte mich nicht mehr rühren, als würde eine unbekannte Macht mich dazu zwingen zu zuschauen wie Eirene dieses Kind küsste.
Die Flasche glitt mir aus der Hand und zerschellte mit einem Klirren auf dem Boden.
Mein Blick wanderte hoch und traf den Eirenes.
Ich wandte mich um und versuchte so schnell es mir möglich war, Abstand zwischen mich und die Bühne zu bringen.
 

Da Walburga und ich natürlich in der Annahme gekommen waren, dass wir alle zusammen wieder nach Hause gingen, hatte ich keinen Schlüssel für mein vorübergehendes Heim bekommen. Wozu denn auch? Entweder wäre ich mit Eirene, die wohl einen Schlüssel für das Haus ihrer Großmutter besaß, oder eben mit Walburga selbst nach Hause gegangen.
Nun blieb mir allerdings nur noch eine akzeptable Möglichkeit übrig, nämlich meine Gastgeberin zu suchen.
Ich bewegte mich quälend langsam mit den anderen Besuchern dieses Festes vorwärts. Am liebsten würde ich jetzt mit Gimli jagen gehen.
Aber das konnte ich schon aus mindestens zwei Gründen wieder verwerfen.
Einerseits, weil ich von Gimli durch eine ganze Welt getrennt war und zweitens, wegen der fehlenden Jagdgründe und meinen immer noch bei Eirene im Haus stehenden Bogen.
Immer wieder geisterten mir die Frage nach dem Warum von Eirenes Handlung durch den Kopf und auch die danach, weshalb mir das alles soviel ausmachte. Eirene war nur eine Freundin für mich, die Suche nach eine Gefährtin hatte ich schon vor einigen Jahrhunderten aufgegeben, zu meines Vaters Missfallen.
Schon lange hatte ich ich damit abgefunden, dass es das Gegenstück zu meiner Seele wohl einfach nicht gab.
Im Prinzip war Eirene doch frei in ihrem Handeln, sie musste keinem eine Rechenschaft darüber ablegen, nicht einmal ihren Eltern gegenüber, soviel hatte ich von dieser Welt schon verstanden, wie kam ich dann auf die lächerliche Idee, dass diese Tatsache mir gegenüber anders wäre.
Kannte sie mich nicht die kürzeste Zeit in ihrem Leben?
Und doch schmerzte mein Herz, wenn ich an den Moment, da sie diesen Jungen küsste, zurückdachte.
Vor mir lichtete sich die Menschenmenge langsam aber sicher und ich konnte den Platz erblicken, an welchem sich Walburga, die Großmutter Eirenes sich von uns getrennt hatte. Als die Welt noch ein wenig mehr zu leuchten schien.
War das nicht geradezu albern? Ich war in einer fremden falschen Welt und das einzige, das mich wirklich beschäftigte war diese Kleinigkeit von einem Ereignis.
Ich konnte nicht mehr ganz bei Sinnen sein.
Beinahe wäre ich an derjenigen Person, die sich suchte und die ich jetzt wohl als einzige aus dieser Welt zu sehen wünschte, vorbei gelaufen, so sehr beschäftigten mich meine Gedanken und lenkten mich von der Realität ab.
Sie hatte mich anscheinend schon kommen sehen, denn als ich vor ihr meinen Schritt stoppte, war sie aufgestanden und sah mich fragend an.
Konnte man mir meine Verfassung so sehr ansehen? Ich war immer der Meinung gewesen, dass ich seit meiner Jugend meine Stimmungen hinter meine Fassade verbergen konnte.
„Legolas, was ist passiert?“ Meinen Namen sprach sie leise aus, sodass man ihn vor dem Lachen im Hintergrund als Mensch wohl nicht hören konnte.
„Ich würde mich nun sehr gerne zurückziehen, außer du kennst einen guten Platz zu jagen oder kämpfen, dann wäre ich dir verbunden, wenn du ihn mir zeigen könntest.“
Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Es gäbe da schon etwas vergleichbares hier, aber es ist Sonntag und sie haben geschlossen. Es tut mir leid. Aber natürlich können wir nach Hause gehen. Lass mich nur noch von meinen Bekannten verabschieden.“
„Du musst dir nicht solche Umstände wegen mir machen, verweile ruhig noch auf dem Fest...“ Sie wischte meinen Widerstand mit ihrer rechten Hand beiseite.
„Ich bin immer für meine Freunde da, Legolas. Das gilt vor allem für dich. Besonders, da meine Enkelin dich wohl so aus der Fassung gebracht hat. Habe ich recht?“
Ich versagte ihr die Antwort, da sie sie doch schon zu wissen schien.
„Du weißt, dass wir Menschen nach anderen Maßstäben leben als ihr Elben? Allein schon wegen der unterschiedlichen Lebensspanne.“
„Es macht nur Sinn.“
Sie drehte sich schnell um, viel schneller als man es einer Frau in ihrem Altern wohl zutraute. Ihre Bekannten schauten sie erwartungsvoll an.
„Ein Notfall in der Familie. Wir sehen uns beim nächsten Stammtisch?“
„Jawohl, man kann sich nur so eine Frau wie dich in der Familie wünschen.“ Diese Worte sprach einer der Männer in der Runde, der prompt von der Frau neben ihm einen sanften Schlag auf die Hand bekam.
„Und was bin dann ich? Die bösartige Teufelin?“
An Walburga gewandt sagte sie zusammen mit den anderen Menschen am Tisch, „Wir sehen uns!“
Eirenes Großmutter kam wieder die paar Schritte zur mir zurück.
„Diese Ehepaare, ich nehme mal an, bei euch Elben wird nicht sooft gezankt, wie immer ihr das auch zustande bringt.“
„Du würdest dich wundern. Manche Elben sind berüchtigt dafür.“
„Das freut mich, dass ihr euch beizeiten auch auf die Nerven fallt. Und nicht nur wir Menschen dieses kleine Problem haben.“
Sie lächelte mich milde an. Mittlerweile waren wir den halben Weg zu ihrem Haus zurückgelaufen, so vermutete ich es jedenfalls. Die Bauweise dieser Welt, aber wahrscheinlich eher der Menschen verwirrte mich ab und an. Mein Zuhause war von jeher die Wälder gewesen, wie der in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte.
Ihren Arm hatte sie bei mir untergehakt, was angesichts ihrer geringen Körpergröße fast schon ein Wunder war.
Walburga schaute mich nun mit ihren braunen Augen an, den man ihr Alter nicht im Mindesten ansehen konnte.
„Aber nun zu dem wirklichen Problem. Du wirst nicht aus heiteren Himmel auf die Idee gekommen sein, im Wald jagen zu gehen. Ich kann deinen Augen ansehen, dass dich etwas verletzt hat. Was war es?“
In den vergangenen Tag hatte ich immer mehr Vertrauen zu der alten Frau gefasst. Sie erinnerte mich ein wenig an meine Amme, die zwar um einiges jünger ausgesehen hatte, jedoch fast genau vom gleichen Wesen gewesen war.
Wenn ich über die Jahre wieder mein Zuhause und meinen Vater besuchte, sah ich sie noch oft im Palast und jedes Mal lächelte sie mir zu.
Als kleines Kind hatte ich ihr von meiner Angst vor den Monstern der Nacht erzählt, damals zählte ich gerade erst 11 Sommer, ungefähr zu dem gleichen Zeitpunkt als ich meinem Vater davon erzählte.
Ich mochte die Großmutter Eirenes wirklich sehr, sie war mir in der kurzen Zeit in der ich jetzt schon bei ihr lebte an Herz gewachsen.
Aber ich wollte ihr nicht den Grund für meine Verletztheit verraten.
Als wir kurze Zeit später an dem Gartentor und damit auch vor dem Haus Walburgas standen, sah sie mich noch einmal an. Seit ihrer Frage hatte Stille geherrscht.
„Ich respektiere es, dass du nicht über deine Sorgen sprechen willst.“
Nach einer kleinen Pause fügte sie zu dem eben Gesagten, wir saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa, eigentlich saß nur Walburga dort, ich ging unruhig  in dem Zimmer auf und ab, noch hinzu, „Morgen ist Montag, dann können wir uns um deinen Bewegungsdrang kümmern.“


POV Walburga

Ich kannte es ja schon von meiner Enkelin, dass sie dachte, ich würde nichts von ihren Gefühlen und Stimmungen auf ihren Gesicht ablesen können. Wenn man so viel mit Menschen zu tun gehabt hatte wie ich entwickelte man für diese Angelegenheit fast so etwas wie einen siebten Sinn.
Ich hatte den Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen, als er an den Tisch während des Sommerfestes trat. Und ich konnte aus der Tatsache, dass er davor mit Eirene zusammen war und dann ohne meine Enkelin erschienen war das restliche herauslesen.
Allerdings interessierte mich, was genau zwischen den beiden wohl vorgefallen war.
Die zeitweise Tollpatschigkeit von Eirene in zwischenmenschlichen Angelegenheiten kannte ich, aber was konnte passiert sein, dass Legolas derartig aus der Bahn geworfen wurde?
Das Erste wirklich Wichtige, was ich zu Anfang dieser Woche erledigte, war dem Fitnessstudio in unserer kleinen Stadt (ich weigerte mich, sie noch als Dorf zu bezeichnen, zu viel war sie in den letzten Jahrzehnten gewachsen) einen Besuch abzustatten und mich auch in den Vereinen nach einem geeigneten Zeitvertreib für meinen elbischen Gast zu suchen. Ich konnte verstehen, dass es ihm schwerfiel, nachdem er in Mittelerde fast jeden Tag durch die Länder gezogen war und gejagt hatte, einfach still in einem Zimmer zu sitzen. Klar war er auch ein Königssohn und es gewohnt in seiner Rolle als Repräsentant an Sitzungen teilzunehmen und Dokumente zu lesen, aber hatte er doch immer die Möglichkeit gehabt das Kämpfen zu trainieren und durch den Düsterwald zu streifen.
Eine ähnliche Möglichkeit musste nun her.

Nach einer genaueren Besichtigung des Fitnesstempels und dem Versichern meinerseits, dass nicht ich vorhatte hier zu trainieren ("aber wir haben wirklich schöne Seniorenangebote") wusste ich, dass das wahrscheinlich nicht das Richtige für Legolas war.
Es passte so gar nicht zu einem Elben.
Aber wenigstens für das Bogenschießen hatte ich einen Platz für ihn gefunden.
Der Verein in der Nachbargemeinde war sogar an Wettkämpfen beteiligt und ich war mir sicher ihm würde es dort gefallen, was das Kämpfen an sich anging, wollte ich mich noch nach einer besseren Lösung umsehen.
Nun hatte ich aber wenigsten jemanden, der dieses Jahr mein Holz hacken konnte und es wahrscheinlich auch sehr gerne machte.

POV Legolas

Ich schätzte es von Eirenes Großmutter sehr, dass sie mich wegen des Vorfalls nicht weiter bedrängte, wenngleich mir jetzt auch klar war, das sie sich das meiste schon zusammen gereimt haben musste.
Sie hielt ihr Wort und kümmerte sich für mich, ohne dass ich sie je darum gebeten hatte um Aktivitäten, die mein Leben mehr strukturierten und mir dem Anschein nach auch einen Sinn für den Tag gaben.
Ich wurde Mitglied in dem Bogenschießverein der Nachbargemeinde und schon nach kurzer Zeit merkten sie, das ich ein unglaubliches Talent und vor allem Können aufwies. In Anbetracht der vielen Jahrhunderte, die ich nun schon auf Arda wandelte keines Wunderns wert, in ihrer Sichtweise allerdings und nach den Maßstäben der Menschen, ich sah nicht älter als 24 Sommer aus, mehr als ungewöhnlich.
Sie baten mich, doch auch ihre Kinder zu unterrichten und ihnen einen Teil meines Wissens zu vermitteln und ich konnte nicht ablehnen, denn Kinder waren bei uns Elben eine Kostbarkeit und ich hatte einige von ihnen schon unterrichtet wie man mit Pfeil und Bogen richtig umgehen konnte.
Es bereitete mir Vergnügen mich zwei Mal in der Woche mit diesem Menschen zu treffen, die meine Leidenschaft teilten und schnell stellte ich fest, dass sich die Menschen auch hier um Neuerungen bemüht hatten, wenn sie auch meiner Meinung nach von dem reinen Kunst des Bogenschießen ablenkten.
Und nach ein paar Wochen hatte Walburga sogar einen Ort gefunden, an dem ich meine Fertigkeiten im Kampf trainieren konnte. Dieser war zwar genau wie der Verein für das Bogenschießen nicht in dieser Siedlung, aber ich hatte in Mittelerde schon weitaus größere Strecken zu Fuß zurückgelegt. Die Leute dort waren sehr nett, erinnerten mich mehr an die Menschen in meiner Heimat.


POV Eirene

Die restlichen Tage der Sommerferien verbrachte ich mit meinen Freunden und vor allem mit Niklas. Wir gingen Eisessen, ins Schwimmbad und hatten furchtbar viel Spaß zusammen. Bis man schaute waren die Ferien auch schon wieder vorbei.
Dieses Phänomen sollte man einmal untersuchen, vielleicht gab es ja jemanden, der Ferientage klaute? Immerhin hatten das die grauen Herren in Momo ja auch mit der Zeit gemacht.
Zum Glück hatte ich meine Seminararbeit soweit schon fertig geschrieben, denn die Wochen vor der Abgabe waren wirklich stressig und unser Seminarlehrer, der zusätzlich noch Panik verbreitete half auch nicht wirklich weiter, sondern schadete eigentlich eher.
Und dann musste ich in die wenige Zeit, die mir zwischen Schule, tanzen und lernen blieb, auch noch meinen Freund dazwischen quetschen.
Dadurch kam es, dass ich seit dem Sommerfest sehr selten bei meiner Oma gewesen war.
Ich bekam den Blick von Legolas immer noch nicht aus dem Kopf, so sehr ich es auch versuchte und verdrängte ihn die meiste Zeit. Die paar Male, die ich dort war, traf ich Legolas nicht an und meine liebe Großmutter hüllte sich in Schweigen über seinen Verbleib.
Dann und wann, wenn ich wieder ein wenig Zeit zum Nachdenken hatte, merkte ich wie ich Legolas zu vermissen begann. Immerhin hatte ich ihn seit jetzt fast zweieinhalb Monaten nicht mehr gesehen.
Ziemlich oft fragte ich mich, was im Sommer eigentlich passiert war.
Die einzige Möglichkeit, die mir dazu einfiel, konnte ich einfach nicht glauben noch nicht einmal ansatzweise.
Ich vermisste ihn als einen Freund mit dem man lachen und vor allem auch über ernste Sachen reden konnte, so wie wir es vor dem Sommerfest gemacht hatten.Vermisste die Lebenserfahrung, die er ausstrahlte.
Niklas war in dieser Hinsicht ganz anders. Aber wahrscheinlich genau deswegen passte er besser zu mir, ich war ein Mensch und würde nicht ewig leben, warum sollte mir also der Blick eines Unsterblichen auf Probleme weiterhelfen?
Alles was ich wusste war, dass ich mir das, was ich nun endlich hatte schon seit zwei Jahren immer wieder gewünscht hatte, also warum sollte ich nicht glücklich sein?
Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass mir irgendwas fehlen würde.
Ich bemühte mich sehr dieses Gefühl zu ignorieren und durch den Stress schaffte ich das auch.
Mittlerweile hatte ich meinen Eltern Niklas offiziell als meinen Freund vorgestellt und sie hatten ihn herzlich in die Familie aufgenommen, genauso wie ich von seiner akzeptiert wurde.
Als die Klausuren anstanden lernten wir zusammen für die Prüfungen, oder versuchten es zumindest. Eigentlich endete es immer auf die gleiche Weise, nämlich dass wir küssend auf dem Bett lagen.
Also kamen wir beide nicht daran vorbei auch alleine den Stoff der einzelnen Fächer noch einmal durch zugehen.

Es war ein Samstag an dem meine Eltern nachmittags ins Kino gehen und im Anschluss noch in einem Restaurant zu Abend essen wollten.
Ich saß gerade vor meinen Mathehausaufgaben, als ich auf die Idee kam doch einen Joghurt aus dem Kühlschrank zu holen um meine hungrigen Gehirnzellen zu füttern. Schließlich waren seit dem Mittagessen schon mindestens 4 Stunden vergangen und wenn man dachte, verbrauchte man ja schließlich auch Energie.
In der Küche angekommen schaute ich aus Gewohnheit aus dem Fenster, das auf den Weg vor der Haustüre hinausging und konnte kaum meinen Augen glauben.
Ich sah eine große Gestalt mit blonden Haaren an meinem Fester vorbei gehen. Also war ihr Ziel wohl die Haustüre.
Natürlich hatte ich einen Verdacht, wer das wohl sein könnte, aber eigentlich war das mehr als unwahrscheinlich, dass er auch zutraf.
Neugierig ging ich in den Flur.
Zwar war unsere Haustüre nicht aus Glas und nicht mal im Geringsten durchsichtig, aber dafür war um die Tür herum mit Glas gebaut worden.
So konnte ich jetzt sehen, dass Legolas die Stufen heraufging und etwas in den Hauseingang ablegte.
Was es wohl war? Und vor allem warum kam er gerade jetzt auf die Idee. Es war schon etwas her als wir uns das letzte Mal gesehen hatten.
Kurzerhand machte ich die Haustüre auf und traf Legolas Blick, er stand schon halb mit dem Rücken zum Haus und es war offensichtlich, dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden wollte.
Ich zog eine Augenbraue hoch, wie sich vor fast drei Monaten unsere Wege getrennten hatten, hatte ich für den Augenblick vergessen.
„Ich wollte dir nur deine Bücher bringen. Da ich sie nun gelesen habe, sah ich keinen Sinn darin, sie weiterhin zu behalten."
Ich nickte und eine unbehagliche Stille entstand zwischen uns.
Währenddessen schaute ich wirklich alles bis auf Legolas an. Ich mied seinen Blick und schließlich kam der meine auf den Büchern zu liegen.
Es waren wirklich alle und vor allem sahen sie noch so aus wie ich sie ihm gegeben hatte, bei mir sah man es den Büchern immer an, dass ich sie gelesen hatte.
Nun kam ich doch nicht mehr darum herum ihm auch in die Augen zu schauen und konnte dort auch eine Ahnung von Schmerz sehen.
Ich hatte ihm also ganz schön weh getan und das ohne ein Schwert oder einen Pfeil. Fast musste ich lachen. Dieser Elb hatte den Ringkrieg ohne einen Kratzer überlebt, hatte Orks und Trolle getötet und ausgerechnet ich, ein ziemlich wehrloser Mensch, verpasste ihm so eine Verletzung.
Er schaffte es noch nicht einmal den Schmerz vor mir zu verbergen, obwohl er das wahrscheinlich schon wollte.
Schließlich stellte er mir eine Frage und ich spielte schon mit dem Gedanken ihm die wahre Antwort zu verschweigen, zu seinem Besten. Aber ich hatte ich versprochen es nie wieder zu tun.
„Bist du wenigstens mit ihm glücklich und geniest jeden Tag an seiner Seite?“
„Ja.“ Ich sprach dieses einzelne Wort, dass doch so viel verändern konnte, so leise aus, dass ich Angst hatte, Legolas hatte es trotz seiner guten Ohren nicht gehört.
Doch ich konnte es an seiner Reaktion ablesen, das er mich verstanden hatte.
Ich fühlte mich aber einfach nicht so wie man es von jemanden erwarten würde, der einem Freund gerade erzählt hatte, wie glücklich man doch mit seinem Freund war. Ich meine, sollte man nicht lächeln und sich freuen?
Doch das Einzige, was ich fühlte war Bedauern und einen Anflug von Schuld.
Ich wandte meinen Blick ab und als ich einen Augenblick später wieder hoch sah, war der Sohn Thranduils verschwunden.


POV-Legolas

In den letzten Wochen hatte ich das Unglück mit Eirene schon fast aus meinen Gedanken gebannt und war auch mit der Welt, die nicht meine war, zurecht gekommen. Ich hatte angefangen mein Schicksal als von den Valar gegeben zu akzeptieren und damit langsam aber sicher zufrieden zu sein. Selbst mit der wahrscheinlich unmöglichen Rückkehr nach Mittelerde konnte ich mich so langsam aber sicher arrangieren. Doch nach dem heutigen Besuch und dem unbeabsichtigten Zusammentreffen traf mich meine Sehnsucht nach Mittelerde wieder mit ihrer ganzen Kraft.
Wie gern würde ich nun durch den Düsterwald streifen und Spinnen erlegen und über die Steppen Rohans zusammen mit Gimli reiten oder durch Bruchtals Gärten wandern. Doch das blieb weit entfernt, denn noch hatten wir keinen sicheren Weg nach Arda gefunden. Und die Hoffnung darauf, dass es einen geben könnte, schwand mit jedem einzelnen Tag.

Zurück bei meiner wirklich guten Gastgeberin, die meiner auch in den letzten Monaten nicht müde geworden war und mich mit der Zeit vielmehr als ein Mitglied ihrer Familie ansah, konnte ich dem Eindruck nicht erwehren, dass Eirenes Großmutter einige Dinge mit Gandalf gemein hatte. So war da ihr wissendes Gesicht und die trotz des Alters nicht gebückte, sondern aufrechte Gestalt.
Nun begrüßte sie mich ganz in der Manier des grauen Zauberers vom Treppenabsatz, als ich durch die Haustüre trat.
Mittlerweile konnte ich sogar einen Schlüssel zu meinem vorübergehenden Heim vorweisen, Walburga hatte gegen meinen mehr als erheblichen Widerstand darauf bestanden. Doch mehr als ihre Anwesenheit erstaunten mich die Worte, die sie nun an mich richtete.
„Du hattest damals schon begonnen dich in sie zu verlieben. Du bist dabei dein Herz an ein Menschenmädchen zu verlieren und kannst nichts mehr dagegen tun, nicht wahr? Und heute erblicktest du wieder die Eine, die dein Herz nicht annehmen will.“
Das war nahezu schon unheimlich. Beides meine Gefühle, die ich für Eirene empfand und auch die Zugänglichkeit für Außenstehende. Konnte sie wirklich jeder so leicht lesen oder hatte mein Gegenüber schlichtweg sehr feine Sinne?
„Ich sah Elben an der unerwiderten Liebe zerbrechen, meine eigene Mutter konnte den Verlust ihres Zwillingsbruders nach meiner Geburt nicht verwinden und entschwand. Die Liebe vermag einem Elben das Leben zu nehmen.“ Es gab genug Geschichten in Mittelerde in denen das passiert war und die Ausnahmen wie Elrond, der trotz des Segelns seiner Frau in den Westen noch in den Landen der Menschen lebte, oder mein Vater selbst, der sich nach dem Tod meiner Mutter zwar verändert hatte, aber dennoch nicht an seinem Schicksal zerbrochen war, waren sehr selten.
„Aber du vergisst eines, Legolas, ein Elb kann sich nur einmal verlieben und sein Herz bleibt sein unsterbliches Leben lang bei der Seelengefährtin, doch die Menschen können sich mehrmals binden und manchmal vor allem in jungen Jahren wissen sie nicht genau, was die Liebe ausmacht. Wir spüren es nicht in dem gleichen Maße und auf die gleiche Weise wie ihr.
Du bist stark, genauso wie dein Vater, du wirst nicht entschwinden.“
Das mochte stimmen, doch war ich bereit mir ein Leben einzugestehen, in dem ich immer um den Verlust meiner Seelengefährtin, wenn es auch nicht an den Tod war, trauerte und in dem Wissen lebte, dass das meine einzige Chance war, die Liebe zu finden?
An eine andere Wendung des Schicksales glaubte ich nicht. Selbst die Menschen banden sich ein Leben lang an ihre Partner bis sie von der Welt schieden.
Walburga trat mir gegenüber. „Du glaubst mir nicht, wenn ich dir sage, das ist nicht das Ende deiner Liebe, oder?“
„Wahrlich, du hast recht, ich glaube dir nicht.“
„Merke dir meine Worte gut, denn du wirst sehen, dass es so kommen wird wie ich es vorausgesagt habe.“ Sie schaute mir noch einmal in meine Augen und versuchte darin etwas zu finden, von dem ich nicht wusste, was es sein sollte.
„Gut, dann, wie wäre es mit Abendessen?“

Anmerkung: Die Bezeichnungen von den Gebirgen und anderen Orten sind elbischer Natur einfach aus dem Grund, weil die Person, aus deren „Sicht“ das Kapitel geschrieben ist, ein Elb ist. Die Bezeichnungen sind am Kapitelende aufgelistet mit deren Übersetzung.
Hier verwendete Namen von Aragorn: Estel, Elessar
Alternativer Name von Gandalf: Mithrandir



Ein dunkelhaariger Elb spazierte alleine in den Gärten von Imladris(1) umher, seine grauen Augen bewunderten die Blumen und Sträucher, die hier immer noch blühten, wenngleich sie das in der freien Natur nicht mehr taten. Elrond und seine Gärtner hatten wirklich einen erstaunlichen Einfluss auf diese gehabt, aber vor allem auch enormes Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit Gewächsen. Kein Wunder bei der Unsterblichkeit der Elben, aber doch erstaunlich.
Er berührte die samtigen Blütenblätter einer violetten Aster. Langsam aber schwand der in der Natur übriggebliebene Einfluss des Ringes, der nun seit dem Fall Saurons zusammen mit den anderen Ringen, einschließlich des Einen, seine Macht verloren hatte. Und Elrond war ungefähr vor der gleichen Zeitspanne zu seiner Frau in den Westen gegangen.
Er selbst konnte dies zwar nachvollziehen, hatte aber nie seine Seelengefährtin gefunden und die Hoffnung schon aufgegeben, dass diese eine Elbin, oder vielleicht auch Menschenfrau überhaupt existierte. Vielleicht hatten ihn die Valar schlichtweg vergessen.
Er wusste, dass nur noch wenige seines Volkes in Mittelerde verweilten, darunter auch Elronds Söhne Elladan und Elrohir, die seine Gastgeber hier in Bruchtal waren.
Der Elb fragte sich, ob er irgendwann einmal die Ufer von Tol Eressea(2) betreten würde.
So lange Jahre war er schon in Mittelerde herumgewandert und war in allen Elbenreichen ein gern gesehener Gast gewesen, hatte unzählige Nachrichten und Briefe durch die Lande getragen und die Geschichte Mittelerdes miterlebt. Einige seiner Freunde waren nun schon in den Westen gesegelt oder er hatte sie durch das Böse und Kriege verloren. So sehr er es sich auch wünschte Valinor zu sehen, so spürte er doch, dass ihn noch etwas hier hielt. Seine Bande mit Mittelerde, dass jetzt den Menschen gehörte und dessen Schicksal nicht länger von den Erstgeborenen bestimmt wurde, waren noch nicht durchtrennt.
In seine Gedanken versunken wanderte er weiter durch Imladris(1) Gärten und kam an Gladiolen und Ritterstern vorbei.
„Mein Herr Fanel!“
Eine braunhaarige Elbin kam den gepflasterten Weg auf ihn zu gerannt. Es war eine der wenigen Diener, die hier noch verweilten. Fanel hatte sie schon einmal gefragt, welcher Grund sie noch hier hielt und herausgefunden, dass sie noch sehr jung war und sich noch nicht an den Wundern hier sattgesehen habe. Aber selbst sie wollte nach einem Jahrhundert zu ihren Eltern segeln, die sie schweren Herzens hier zurückgelassen hatten.
Er fragte sich, was sie ihm wohl so dringend mitteilen musste, dass sie nicht warten konnte, bis er wieder in den Gebäuden Imladris(1), der Bibliothek oder seinen eigenen Räumen war.
Um sie herum wurden die Blätter der Bäume langsam braun, rot oder gelb und fielen gen Boden. Der Herbst hielt Einzug in diesen Landen.
Schließlich war sie schwer atmend vor ihm stehengeblieben und schaute ihn mit großen braunen Augen an.
„Darf ich erfahren, welche Nachricht so wichtig ist, dass Ihr den ganzen Weg gerannt seid?“
Die arme Elbin war immer noch außer Atem, aber sie schien sich langsam wieder zu fangen. Ihr blaues Kleid wehte leicht mit dem sanften Wind mit.
„Eine Bote.... aus Minas Tirith ist gerade angekommen. Er überbrachte eine Nachricht von König Elessar. Herr Elladan schickte mich um Euch zu holen.“
„Ich werde mich auf dem Weg machen. Gehe ich Recht in der Annahme, dass sie sich in der Bibliothek aufhalten?“
„Ja, mein Herr.“

Fanel machte sich auf den Weg in die Bibliothek Imladris(1), einst neben Minas Tirith die größte Sammlung von Büchern. Doch Elrond hatte darauf bestanden, dass die wirklich wichtigen Werke nach Minas Tirth gebracht wurden, denn er fürchtete, dass das Wissen verloren gehen konnte. Er selbst nahm nur wenige der Bücher in den Westen mit.
Die Türe, verziert mit elbischen Ornamenten und einem kunstvollen gefertigten Türgriff, zu dem Raum voller Bücher stand weit offen und lud zum Hereinkommen ein.
In dem Kamin in der Ecke, um den ein paar Sessel platziert waren, brannte ein knisterndes Feuer und vor diesem standen genau drei Personen.
Die neuen Herren von Imladris(1), Elrohir und Elladan, und so nahm es Fanel wenigstens an, der Bote.
Natürlich war er ein Mensch, alles andere wäre sehr verwunderlich gewesen.
Einer der Zwillinge drehte sich um. Fanel konnte sie nie auseinander halten, sie waren sich einfach zu ähnlich. Welcher von beiden war jetzt Elrohir gewesen? Und welcher Elladan?
Und obwohl er sie schon fast seit ihrer Geburt durch die Jahrhunderte immer wieder gesehen hatte, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, welcher der beiden, welcher war.
Aber wie er gehört hatte, ging es den meisten Leuten so. Die Einzigen, so hatte er es zumindest erzählt bekommen, die dazu je in der Lage waren die beiden Leben mit ihren richtigen Namen anzusprechen, waren Lord Elrond, seine Frau, seine Tochter Arwen und sein Ziehsohn Estel, der jetzige König.
Selbst die Amme der beiden, so hieß es, hatte das Kunststück nicht vollbracht.
Als einer der beiden Elben ihn nun ansprach, wurde er aus seinen Überlegungen gerissen.
„Fanel, Estel braucht Eure Hilfe. In Minas Tirith war Legolas in letzter Zeit wieder zu Besuch, als er eines morgens vor den Augen des Königs verschwand. Ohne jegliche Anzeichen und auch ohne eine Ankündigung seinerseits. König Thranduil des Eryn Lasgalen(3) wird untröstbar sein und wissen wollen, wohin sein Sohn und Thronfolger verschwunden ist. Mithrandir sowie auch Lady Galadriel können wir nicht mehr um Hilfe bitten, deshalb wenden wir uns nun an Euch.“
„Ich werde sehen, wie ich dem König helfen kann, seinen Freund zu finden.“
Er verneigte sich vor den Herren Imladris(1).

In den darauffolgenden Tagen wurden Pferde für den Boten und auch Fanel gesattelt, beide bekamen von den bediensteten Elben Imladris(1) ihre Wegzehrung überreicht und vor allem Fanel machte sich bereit für die weite Reise, die fast durch ganz Mittelerde ging.
Natürlich war er im Laufe seines sehr langen Lebens nun schon weiter gereist, als es wahrscheinlich jeder Mensch von sich behaupten konnte und doch war der Anfang einer Reise immer ein kleine Überwindung, die gewohnte Umgebung zu verlassen und die damit verbundenen Annehmlichkeiten hinter sich zu lassen.
Genauso wie der König hatte er die ganze bekannte Welt bereist und war sogar noch weiter gekommen, als es sich je ein Lebewesen erträumen konnte. Doch hatte er sich immer wieder gefreut den Boden der Elbenreiche betreten zu dürfen, denn diese Gesellschaft, die Gesellschaft der Elben war ihm, das musste er zugeben, am Liebsten und auch nicht mit der Gesellschaft von Menschen, Zwergen oder Hobbits zu vergleichen.
Doch freute er sich auf die große Bibliothek der weißen Stadt, die nun etwa 75 Jahre nach dem Ringkrieg ihresgleichen auf dem Kontinent suchte.
Über die Jahrtausende sammelte er Wissen an und trotzdem war er noch sehr weit davon entfernt behaupten zu können, alles zu wissen.
Allerdings hoffte er mit dem Wissen, welches er besaß dieses kleine Problem lösen zu können.
Am dritten Tage nach der Ankunft des Botens aus Gondor ritten der Mensch und der Elb im frühen Morgengrauen los.

Ihre Reise führte sie entlang des Hithaeglir(4) und am Anfang auch des Flusses Bruinen. Im weiteren Verlauf wandte sie sich aber von dem Gewässer ab, das gen Westen weiterfloss. Sie durchquerten Eregion, einst ein Elbenreich, doch nun nichts weiter als ein verlassenes Land. Auch dieses Reich war Sauron zum Opfer gefallen, Fanel konnte gar nicht sagen, wie froh er war, dass es ihn nun nicht länger gab. Wie viel hatte er unter Sauron vergehen sehen.
Wie viele Lebewesen waren unter ihm gestorben. Und schließlich hatte ein Hobbit dem allem ein Ende gemacht.

Von der Weite sahen sie das Tor von Moria und ritten durch Dunland. Fanel schätzte, dass sie nun schon ein Drittel ihres Weges geschafft hatten. Sie hatten dank mehrerer Jagden von den Soldaten König Elessars und auch von den übriggebliebenen Elben und Zwergen, die daran teilnehmen wollten. Darunter auch Gimli, Prinz Legolas und auch der König selbst, aber auch die neuen Herren von Imladris(1).
Nun gab es in Mittelerde nur noch hin und wieder Orks, Uruk-Hais und andere Kreaturen Saurons, die in kleinen Gruppen durch das Land streiften. Kein Vergleich zu der Zeit direkt nach dem Fall des dunklen Herrschers, aber doch war Mittelerde noch nicht gänzlich sicher.
Deshalb führte Fanel auch sein Schwert, einen Bogen mit Pfeilen und auch ein paar Dolche mit. Er hoffte inständig, dass der Bote nicht ganz unbewaffnet war. Manche Menschen, das zeigte wenigstens seine Erfahrung, waren schrecklich naiv und unbedarft, das galt vor allem, wenn sie in einer Friedensperiode geboren waren.

Umso erleichterte war der dunkelhaarige Elb, als sie die Pforte von Rohan durchquerten und einen Blick auf Orthanc werfen konnten, den schwarzen Turm, der sich von dem blauen Himmel abhob, ohne auch nur einen Anflug von einer Bedrohung wahrgenommen zu haben. Der Turm war in den letzten Jahren von den Rohirrim erforscht worden und wenn sich Fanel nicht irrte, lebten dort jetzt auch ein paar Angehörige dieses Volkes der Steppen. Die wertvollen Bücher, die man dort gefunden hatte, standen nun allesamt in Minas Tirith. Es war ein Geschenk der Menschen von Rohan an den König gewesen.

Während der Reise hatten sie immer wieder Rast gemacht, Fanel war öfters mit Menschen gereist und wusste, dass diese mehr Pausen brauchten als die Angehörigen des Elbenvolkes. So kam es, dass sie auch an diesem Abend an einem Lagerfeuer saßen und der Bote, Larne, der ihm schon anvertraute hatte, dass Zuhause in der weißen Stadt seine junge Frau und sein Erstgeborener Sohn sehnsüchtig auf seine Rückkehr warteten, ihm eine Frage stellte. Eigentlich hatte er diese schon viel früher erwartet und war erstaunt, dass der Mensch solange seine Neugier hatte zügeln können.
Die Holzscheite knackten im Feuer und funken stoben in die Luft.
Der Wind hatte aufgefrischt und über ihnen funkelten die Sterne am Firmament.
„Wie kommt es, dass man ausgerechnet Euren Rat braucht? Der König hat so viele Berater, die werden doch eine Lösung finden.“
„Seit dem Anfang des zweiten Zeitalters wandle ich nun schon auf Arda umher und sammelte Wissen auf meinen Reisen. Ich lernte bei großartigen Elben und sah mehr, als ihr zu träumen wagt. Ich denke, es hat durchaus seine Berechtigung, wenn der König mich zurate ziehen will. Nun, da Lord Elrond, Lady Galadriel und auch Gandalf der Weiße nicht mehr unter uns weilen.“
Ein Ast im Lagerfeuer knackte und Larne versank wieder in seine Gedanken.
Es war nur noch eine Reise von wenigen Tagen und er war sicher in Gedanken bei seiner Frau und seinem Kind.
Fanel warf einen Blick empor in den sternenklaren Nachthimmel.

In den kommenden Tagen kamen sie, wenn auch nicht sehr nahe, an Helms Klamm vorbei, wahrscheinlich konnte die Festung mit Elbenaugen erblickt werden, ritten durch Anorien und am Ered Nimrais(5) entlang und erreichten schließlich nach 14 Tagen Reise die Weiße Stadt Minas Tirith, Sitz des Königs Elessar des Wiedervereinigten Königreichs.

Als der Bote mit seinem schwarzen Pferd in die Sichtweite der Tore kam, öffnete man sie, anscheinend wurden die Ankömmlinge schon erwartet.
Die Hufe der Pferde klapperten auf den gepflasterten Straßen der Stadt und hin und wieder öffnete sich ein Fenster und einer der Bewohner warf einen Blick auf die beiden Reisenden, die jetzt kurz vor Anbruch der Dunkelheit endlich an ihrem Ziel angekommen waren. Dass einer der Beiden dem Volk der Erstgeborenen angehörte konnten sie nicht sehen, denn Fanel hatte in weiser Voraussicht die Kapuze seines Mantels, obwohl es nicht kalt war, über den Kopf gezogen und neben seinen spitzen Ohren auch seine langen schwarzen Haare darunter verborgen. Jetzt da es immer weniger der Elben noch hier verweilte, erregte man mit den Blatt förmigen Ohren mehr Aufmerksamkeit als manchmal gut war. Wenn es auch nur zu einem Auflauf auf der Straße führen würde, aber konnte er doch spüren, dass sein Reisegefährte Larne doch erschöpft war und er sich sicher nicht über eine Verzögerung freuen würde.

Bei ihrer Ankunft im obersten Ring der Stadt und damit auch vor dem Palast des Königs warteten schon Stallburschen und einer der Berater Elessars auf sie. Die beiden Jungen nahmen ihnen die Pferde ab, Fanel musste sich immer noch daran gewöhnen oder vielmehr den Protest unterdrücken sich nicht um sein eigenes Pferd kümmern zu dürfen, denn schließlich waren Elben ihre Pferde eher Freunde als nur ein Nutztier. Aber bei den Menschen, außer den Rohirrim, das wusste er, war das nun einmal eine Arbeit für die Untergebenen, während sich bei seinem Volk selbst Lords um ihre Weggefährten kümmerten, sie fütterten und striegelten.
Larne wurde von dem Berater weggeschickt, der Elb nahm an, dass er nach Hause ging, er selbst wurde von dem Menschen, der ihm verriet, dass er Boron hieß und nach einem der Vorfahren der Menschen benannt war, durch den Palast in die ihm zugewiesenen Räume geführt.
Er sollte sich erst einmal etwas von der Reise erholen, bevor er dem König mit seinem Wissen und Rat zur Seite stehen konnte.

Es war der Morgen des nächsten Tages als man ihn in die Räume des Königs führte, zwar war er hier schon öfters gewesen und konnte den Weg durchaus auch allein finden, doch ließ er sich aus Höflichkeit führen.
Der König erwartete ihn in seinem Arbeitszimmer mit dem Rücken zur Tür gewandt und den Blick aus dem Fenster werfend.
„Mein König.“ Er verneigte sich vor dem König der Menschen, eine Ehre, die noch nicht vielen Menschen zuteil geworden war.
„Er ist nun schon fast ein Monat verstrichen seit Legolas verschwunden ist.“ Mit diesen Worten drehte sich Elessar um.
Fanel hatte den König erst bei ein paar Gelegenheiten gesehen, aber doch konnte er es ihm ansehen, dass ihm die Sorge um seinen verschwundenen Freund schwer auf den Schultern lastete.
„Ich weiß. Ihr ließet nach mir schicken, doch was versprecht Ihr Euch von meiner Wenigkeit?“
Sein Gegenüber fing an durch das Zimmer zuwandern.
„Ihr kennt meine liebe Frau Arwen doch?“
„Sicher, ich traf sie oft in Imladris(1) und auch in Lothlorien während meiner Reisen und wir wurden Freunde, wie ich auch schon mit ihrem Vater und ihrer Mutter bin.“
Es erstaunte ihn immer von neuem, dass sie die Liebe, die er schon so lange Zeit suchte, gefunden und dafür sogar ihre Unsterblichkeit aufgegeben hatte.
Elessar konnte sich glücklich schätzen, die Schönste der Elbinnen als Frau zu haben.
„Sie erzählte mir von Euch und Eurer Begabung, die Euch zu weit größeren Reisen befähigt als jeden anderen.“
„Was Ihr Begabung nennt, nenne ich ein Gefühl, für das, welches schon beschädigt ist. Nicht nur ich machte Reisen, wie Mithrandir und Lady Galadriel herausfanden, sondern auch andere Bewohner Mittelerdes. Und Ihr denkt, dass Legolas auf diese Weise verschwunden ist?“
„Ich kann mir keine Andere vorstellen.“
„Ihr mögt Recht haben. Und von mir erwartet Ihr nun, den Prinzen wieder zurück zu bringen?“
Das würde bestenfalls zu einer Herausforderung anwachsen, wenn nicht gar zu einer unlösbaren Aufgabe.
„So ist es.“
„Ihr seid Euch im Klaren, dass ich seit einiger Zeit keine Reisen mehr unternommen habe und es seine Zeit dauern kann? Der Erfolg ist nicht garantiert.“
„Einen Versuch ist es wert.“
„So sei es.“
Ihm war gewahr, dass er dies nicht nur für den König der Menschen versuchte zu bewerkstelligen, sondern auch für den Vater Legolas, den König des Eryn Lasgalen(3). Man konnte nicht sagen, was mit ihm passieren würde, wenn er nach seiner Frau auch noch seinen erstgeborenen und einzigen Sohn verlieren würde.
Er verneigte sich vor dem König und machte sich durch die Gänge des Palasts auf den Weg in die Bibliothek. Fanel wurde viel durchforsten müssen, bis er sich endlich auf die Reise machen konnte. Er hoffte inständig, dass er auch alles, was er brauchte dort fand oder durch Befragungen herausfinden konnte.

Kurz vor der Bibliothek lauerte ihm eine ihm bekannte Elbin auf, wusste sie doch, dass ihn meistens der erste Weg zu Büchern führte, ob es nun Lothlorien oder Imladris(1), oder eben auch Minas Tirith war.
„Mein lieber Fanel!“ Sie fiel ihm in die Arme, ein Brauch, den sie zweifellos von den Menschen um sie übernommen hatte.
„Arwen Undómiel, mich erfreut es Euch wieder zu sehen.“
Als sie sich von ihm wieder löste und nun vor ihm stand, konnte er ihre strahlende Schönheit sehen, die selbst von den Jahren, die sie nun schon als Mensch verbrachte nicht im Mindesten geschmälert wurde. Sie war der Abendstern und würde es wahrscheinlich auch noch bis zu ihrem Tod bleiben. Doch dann würde die unerreichte Schönheit für immer von dem Antlitz Ardas verschwinden. Ihr Tod würde ihn betrüben, das konnte er auch in diesem Moment schon sagen.
Sie gingen ein Stück und es war wieder wie in den Wäldern Loriens und den Gärten Bruchtals, als ihre Freundschaft aufblühte. Er konnte sehen wie glücklich sie in diesem Leben war und ließ sich alles Geschehene seit ihrer letzten Begegnung von ihr erzählen.
Menschen liefen eilig an ihnen vorbei.
An diesem Tag führte ihn sein Weg nicht mehr auch nur in die Nähe der großen Bibliothek.

Er verbrachte noch einige Zeit in Minas Tirith, suchte in der Bibliothek nach Hinweisen und befragte den König nach den genaueren Umständen von des Prinzens Verschwinden, denn er wusste, dass jede Einzelheit wichtig sein konnte.
In der Zeit seines Aufenthaltes traf auch der Zwerg Gimli in Minas Tirith ein, zusammen mit einigen anderen Zwergen. Wahrscheinlich wollten sie den Aufenthalt für einige Geschäfte nutzen.
An einem der folgenden Abende konnte Fanel, der gerade auf dem Weg in seine Gemächer war, nachdem er in der Bibliothek an diesem Tag nicht nennenswertes Neues mehr gefunden hatte, eine nette Entdeckung machen. Es war eine mühsame Suche, denn so vermutet es der dunkelhaarige Elb zumindest, die Energie war langsam erschöpft.
Er hatte zwar die Hoffnung noch nicht aufgeben, den Sohn Thranduils suchen zu können, aber die Wahrscheinlichkeit sank mit jedem Tag, der verging.
Dennoch brachte ihn die Worte Gimlis, denen er durch eine angelehnte Türe lauschen konnte, an Elessar zum Schmunzeln.
„Das Bürschchen wird schon wohlauf sein. Wahrscheinlich verdreht den ganzen Mädchen und Frauen dort den Kopf, ohne es zu wollen. Oder er bringt dort mit seinen typischen elbischen und bedeutungsschweren Äußerungen alle um den Verstand.
Was gäbe ich dafür, wenn ich ihn dort begleiten könnte. Sicher gibt es dort eine Menge Orks.“
An dem Zwergen war die Zeit seit dem Ende des Ringkriegs wie auch an dem König nicht ohne Zeichen vorüber gegangen und doch alterten sie nicht so schnell wie die gewöhnlichen Menschen hier in der Stadt.
Fanel konnte es nicht vermeiden, sich vorzustellen wie sie neben ihm alterten während er versuchte ihren Freund wieder zu holen, denn weder ihm noch Legolas konnte die Zeit etwas anhaben. Sie beide hatten Zeit, eine Sache, die er von dem König und dem Zwergen nicht behaupten konnte.
Schweren Mutes machte er sich wieder auf dem Weg zu seinen Räumen.
Er musste es schnell schaffen, sonst konnte man es nicht mehr als einen Erfolg betrachten.

Imladris(1) – Bruchtal
Tol Eressea(2) – Insel vor Valinor
Eryn Lasgalen (3)- Der Name des Düsterwaldes nach der Säuberung
Hithaeglir(4) – Nebelgebirge
Ered Nimrais(5) – Weißes Gebirge

Spätestens wenn das erste Weihnachtslied im Radio gespielt wurde, kam die Adventszeit (die für mich eigentlich auch schon einen Teil des Novembers ausmachte) und langsam aber sicher musste man sich auch Gedanken machen, was man denn seiner Familie und den Freunden schenken wollte.
Die Christkindlmärkte fingen an und so war es auch in unserer Gemeinde.
Ich hatte mir schon seit fast einer Woche Gedanken darum gemacht, was ich Niklas eigentlich zum Fest der Liebe (wie es viele nannten, meiner Meinung nach war es aber nicht wirklich ein passender Titel) schenken sollte. Bis jetzt war mir noch kein brauchbarer Einfall gekommen.
Das Problem hatte ich aber nicht nur bei ihm und dieses Weihnachten sondern generell, wenn ich Geschenken aussuchen sollte. Man konnte wohl behaupten, dass ich darin etwas unbegabt wahr.
Ich setzte meine Hoffnungen auf den Christkindlmarkt und die Stände dort. Vielleicht brachten sie mich ja wenigstens auf eine Idee, wenn ich auch nichts passendes fand.

Eines schönen Freitags führte mich mein Weg also auf den Platz unserer Gemeinde, der gleiche an dem vor ein paar Monaten auch schon das Sommerfest stattgefunden hatte.
Damals war noch so vieles anders gewesen. Irgendwie konnte ich das leise Gefühl nicht verhindern, dass etwas falsch gelaufen war. Aber was sollte das schließlich sein? Ich war nun mit Niklas zusammen, der so wundervoll war und glücklicher als jemals zuvor, auch wenn ich noch kein Geschenk für meinen Freund vorweisen konnte. Aber das würde ich heute schon noch finden.
Kaum ein paar Schritte später war ich in der Weihnachtswelt gefangen. Von überall her kamen Liedfetzen verschiedener Weihnachtlieder sowohl Englisch als auch auf Deutsch und die Leute drängten sich durch die schmalen Gänge zwischen den Ständen, die mit Tannenzweigen und Lichterketten geschmückt waren.
Wie es zu erwarten gewesen war, wurde ungefähr von jedem dritten Stand entweder Glühwein oder etwas zu essen verkauft, aber dazwischen waren auch immer wieder Stände aufgebaut worden, die Schmuck, Kerzen oder andere Sachen verkauften. Ich blieb vor einer Bude mit gestrickten Schals, Mützen und Socken stehen.
Ob das wohl etwas war, eine Mütze? Oder vielleicht auch einem Schal.
Ich behielt die Idee im Hinterkopf und ging weiter.
Es musste doch noch etwas besseres geben, als einen einfallslosen Schal. Wenn ich nichts anderes mehr fand, konnte ich ihm so etwas sehr gerne schenken, aber nicht, falls mir noch mindestens zwei Wochen bis Weihnachten blieben.
In zwei Tagen wäre ich wieder hier, aber dann würde Niklas meine Hand halten. Es war eine Idee von ihm gewesen mit mir auf den Christkindlmarkt zu gehen als sogenanntes Date, auch wenn wir schon seit einiger Zeit miteinander gingen.
Ich hatte diese Umschreibung schon immer gehasst. Es klang einfach nach Kindergarten und nicht wirklich nach dem, was es zu umschreiben versuchte.
Eigentlich hatte er immer super Ideen und auch seine Freunde waren echt nett zu mir, wenn ich sie denn mit ihm zusammen mal traf.
Es würde sicher ein netter Abend werden, aber es bereitete mir Sorgen, was er danach machen wollte.
Wir waren nun schon seit drei Monaten zusammen und natürlich hatten wir schon miteinander rumgemacht, doch bisher waren wir noch nie weitergekommen. Wollte ich mein erstes Mal wirklich mit ihm erleben? Vertraute ich ihm so viel?
Ich konnte es noch nicht für mich beantworten und irgendwie war das doch schon Antwort genug. Oder etwa nicht?
Aber ich liebte ihn doch!

In Gedanken versunken bog ich um eine Ecke, welche durch den Stand einer älteren Frau gebildet wurde, die Christbaumkugeln verkaufte.
Und erstarrte.
Ein paar Meter vor mir stand Niklas an einer der Glühweinbuden. Ich hatte keinen Zweifel, dass er es war. Er trug seine hellgrüne Winterjacke, denn es war schon kalt, auch wenn bis jetzt (und wahrscheinlich auch noch bis Neujahr) noch kein Schnee gefallen war. Seine braunen Haare waren ein bisschen verwuschelt und ließen ihn echt gut aussehen.
Von hinten stieß mich ein Mann an und beschwerte sich dann lauthals darüber, dass ich einfach so stehen geblieben war. Leute, die an mir vorbeigingen rempelten mich von der Seite an.
Doch das alle interessierte mich nicht. Mein Blick klebte allein an der Szenerie vor mir fest.
Wie konnte er nur? Wie konnte ich mich so in ihm irren? Und dann auch noch mit ihr!
Ich drehte meinem Freund, der gerade der Schlampe der ganzen Jahrgangsstufe die Zunge in der Rachen schob, den Rücken zu. Wie sie zusammen vor einer Tasse Glühwein standen und sie sich an ihm rieb, als wäre er nur ein Sexspielzeug. Wie konnte er bloß so dumm sein? Wie konnte ich so dumm sein?
Auf dem Weg nach Hause konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.

10 Minuten später kam ich schließlich ganz verrotzt und verheult vor der Wohnungstüre an. Ich wartete einige Augenblicke bis ich mich wenigstens wieder ein bisschen gesammelt hatte und wollte dann meinen Schlüssel in das Schloss stecken.
Doch da wurde mir schon die Türe von meiner Mutter aufgemacht, die mich durch das Glas gesehen haben musste. Wie lange war ich da eigentlich vor der Tür gestanden?
Sie warf nur einem Blick auf mein Gesicht, schob mich dann ins Haus und holte Taschentücher aus der Küche.
Dann kam die wohl unausweichliche Frage.
„Was ist denn passiert?“
Meine Mutter lotste mich auf die Couch des Wohnzimmers und als mein Vater den Raum betrat um zu sehen, warum es auf einmal so still war, warf sie ihm schnell einen Blick zu.
„Philip, ich fürchte wir haben hier einen Notfall. Mach mal einen Tee.“
Sie strich ihr langes blondes Haar hinter die Ohren, eine Geste, die mich auch wenn es unpassend war an Legolas erinnerte, und stellte die Frage dann nochmal.
„Ich hab Niklas auf dem Christkindlmarkt gesehen ….. zusammen mit ….“, ich schniefte kurz, „mit Hanna.“ Das wirklich tolle an meiner Mutter war, dass sie den Überblick über die Leute in der Schule nicht verlor und so auch ohne eine Erklärung wusste, dass das ein SuperGAU war.
„Ach Schatz.“ Meine Mutter umarmte mich und Papa kam mit einer großen Tasse Tee. Er stellte sie auf dem Tisch ab und ließ uns beide dann wieder mit den Worten, „das wird schon wieder, Häschen“, im Wohnzimmer alleine. Liebesdramen waren einfach nicht sein Spezialgebiet.

Nach einer ziemlich langen Zeit mit Schluchzen, Heulen und Schniefen und Erklärungsversuchen meinerseits, wie es dazu hatte kommen können und den Beteuerungen meiner Mutter, dass das nicht meine Schuld sei. Standen wir schließlich vom Sofa auf. Die Sitzung hatte ungefähr eineinhalb Stunden gedauerte und ich hatte ein ganzes dutzend Taschentücher zugrunde gerichtet und auch eine Tafel Schokolade hatte ihr Leben für mein Unglück lassen müssen.
Es war aber auch Ungerecht, dass mir das Universum oder eher Niklas sowas antuen musste. Warum musste es gerade mich treffen?
Als ich in mein Zimmer hochstapfte, pieste mein Handy und zeigte mir an, dass ich eine Nachricht auf Whats App bekommen hatte.
 

Ich freue mich schon so auf unser Treffen am Sonntag. Das wird einfach nur wundervoll werden. Freu mich auf dich.

 

Dein Niklas



So ein Arschloch, dass er es wagte mir überhaupt zu schreiben, nach dem er mich betrogen hatte! Ich tippte eine schnelle Antwort, dass er nicht misstrauisch wurde, immerhin konnte er ja sehen, dass ich die Nachricht gelesen hatte, in mein Smartphone und schaltete es aus.

Freue mich auch.

Mittlerweile hatte ich nämlich auch schon einen Plan gefasst, denn so weitergehen konnte es ja sicher nicht. Ich würde einfach zu dem Treffen gehen und ihn dann konfrontieren und dabei auch gleich Schluss machen. Immerhin hatte das alles so keinen Wert mehr. Wie sollte ich ihm denn je wieder vertrauen, wenn ich wusste, dass so etwas schon einmal geschehen war.
Ich wusste, dass das unmöglich war für mich.
Oben angekommen schmiss ich mich bis zum Abendessen erst einmal ins Bett und versank in Selbstmitleid und brauchte meinen Vorrat an Tränen auf.
Warum nochmal hatte ich seit drei Jahren unbedingt mit ihm zusammen kommen wollen?
Nach dem Essen kam ich auf die wunderbare Idee meine beste Freundin anzurufen, eigentlich hatte ich für diesen brillanten Einfall ganz schön lange gebraucht. Eva wusste immer, was sie sagen musste um mich zu trösten oder zum Lachen zu bringen.
Wir waren seit der dritten Klasse in der Grundschule befreundet und nichts hatte uns bis heute auseinander bringen können.
Eva war immer eine gute Idee. Ich holte mir das schnurlose Telefon aus dem Wohnzimmer und begann ein mehrstündiges Telefonat, dass mir ungemein half.

Am Morgen des nächsten Tages oder eher Mittags, ich hatte gestern noch ein angefangenes Buch, einen Thriller, fertiggelesen, nachdem ich mich von Eva verabschiedet hatte, war alles wieder einigermaßen im Lot.
Bis mein Handy piepte, irgendwann gestern musste ich es wohl wieder angeschaltet haben um nach der Uhrzeit zu sehen und nun zeigte es mir wieder eine Nachricht von Niklas an. Am liebsten hätte ich es an die Wand geschmissen, aber das arme Gerät konnte ja schließlich nicht für die Nachricht. Es war nur der unglückselige Überbringer.
Ich beschloss die Nachricht kurzerhand zu löschen ohne sie zu lesen.
Im Augenblick hatte ich noch keinen Nerv etwas vorzutäuschen, was ich nicht mehr empfand. Würde ich doch allzu sehr in Versuchung geraten im Beschimpfungen an den Kopf zu werfen.
Und das wollte ich erst morgen machen.
Ich tapste in die Küche, wo meine Mutter mir schon eine Tasse Tee hinhielt.
„Was hältst du von einer Shoppingtour? Nur wir beide? Ich weiß doch, dass du sicher noch ein paar Weihnachtsgeschenke brauchst.“ Meine Mutter schaute mich mit ihren blauen Augen erwartungsvoll an und zwinkerte mir bei den letzten Worten zu.
Mist, bei diesem Blick konnte ihr keiner etwas abschlagen. So hatten wir auch die neue Dusche bekommen, bei der das Wasser wie bei Regen auf dich herabregnete. Mein Vater konnte ihr eben auch nicht widerstehen.
„Das wäre toll.“ Ich wusste, dass sie mich mit der Aktion nur von meinem Liebeskummer ablenken wollte.
Und ich wollte schließlich abgelenkt werden.

Zum Glück waren an diesem Tag auch nicht so viele glückliche Pärchen unterwegs, wie es sonst immer den Anschein hatte. Vielleicht hatten sie ja Angst vor meinem miesen Karma oder Unglück und dass es auf sie abfärbte?
Aber das war lächerlich. Wahrscheinlich hatten sie nur schlichtweg etwas besseres zu tun.

Der Beutezug durch die Geschäfte war nicht nur in einer Hinsicht sehr erfolgreich. Zum einen hatte ich jetzt fast alle Geschenke zusammen. Ich fragte mich immer noch, ob ich Legolas etwas schenken sollte und wenn ich das tat, was würde denn einem Elben wie ihm eine Freude machen?
Zum anderen hatte mich meine Mutter jedenfalls für heute sicher über das Minenfeld, bestehend aus den Fotos von uns beiden auf meinen Handy und anderen Sachen, die mich sicher noch an Niklas erinnern werden, gebracht. Auch hatte sie den Namen als Tabuthema erklärt.
Das alles erinnerte mich an meinen ersten Liebeskummer, aber dieses Mal war es doch etwas anderes.
Mittlerweile war ich eigentlich eher wütend als traurig. Auch nicht schlecht, denn Wut tat nicht so weh und lenkte mich von dem Loch in meinem Herzen ab (eine schreckliche Formulierung, ich weiß, aber anders konnte ich es einfach nicht beschreiben).
Mein Handy lag schon den ganzen Tag in meinem Zimmer, warum auch hätte ich es zum Shoppen mitnehmen sollen?

Als wir nun wieder zurück kamen, hatte ich drei Nachrichten von Niklas, in denen er mir mitteilte, wie er sich auf morgen freute und mich daran erinnerte, wo wir uns treffen wollten. Ich beantwortete sie etwas einsilbig und löschte sie dann.
Dann war da noch eine von Eva.
 

Zeig dem Arschloch morgen, wo es langgeht. Ich stehe hinter dir. Kuss.

 

Eva



Ich lächelte. Das war meine beste Freundin.

Als ich zum Abendessen ging, stellte ich mich schon mal auf den mitleidigen Blick meines Vaters ein. Ich wusste, dass er das nur mit den besten Absichten machte, aber das war echt nicht nötig. Ist ja nicht so, als wäre die ganze Welt zusammen gebrochen.
Und Mitleid für den Zusammenbruch meiner kleinen Welt brauchte ich nicht.
Doch mit Erstaunen stellte ich fest, dass der Blick nicht da war.
Meine Mutter musste wohl auf Papa eingeredet haben, dass er das lassen sollte, weil es mir nicht weiterhalf.
Mit einem kaum merklichen Lächeln setzte ich mich an den Tisch.

Der Sonntagvormittag kam und ging. Ich wachte schon um 9 Uhr auf, das war ein Novum, eigentlich krabbelte ich immer erst um frühestens 11 Uhr aus meinem Bett.
Dann vertrieb ich mir den Vormittag mit Grübeleien um Niklas und mich, unsere Beziehung und was ich ihm heute so alles an den Kopf werfen wollte.
Vielleicht sollte ich mir eine Liste darüber machen?
Eines war klar, ich würde unsere Beziehung oder was wir auch immer hatten beenden.
Meine Laune war schon nach dem Aufstehen phänomenal schlecht gewesen und meine Eltern gingen mir in weiser Voraussicht lieber aus dem Weg, doch je näher der Nachmittag kam, desto schlechter wurde sie.
Ich hatte auch keinen Grund dagegen zu steuern, dass hatte Niklas doch irgendwie verdient. Meine ganze schlechte Laune.
Das Handy in meiner Tasche piepste und ich schaute erstaunt nach, wer denn der Absender der Nachricht war.
Im Gegensatz zu meiner Vermutung, war es wieder Eva.
 

Viel Glück und vor allem Wut ;D. Hoffe für dich, du lässt ihn am Leben.

 

Sehen uns.

 

Eva

 

 


Ich murmelte leise „Ich tue mein Bestes ihn am Leben zu lassen, aber ich kann für nichts garantieren.“ vor mich hin und steckte das Handy wieder ein. Dann zog ich mir meine Winterjacke und meine Lieblingsmütze an. Dabei versuchte ich nicht das Make-up zu verschmieren, dass ich die letzte Viertelstunde gezaubert hatte.
Niklas sollte sehen, was ihm durch die Lappen ging.
Ein paar Minuten später ging ich durch unser Gartentor.

Es schien noch immer die Sonne, aber sie war nicht der Grund, warum ich den Christkindlmarkt nun irgendwie anders sah als vor zwei Tagen.
Von dem romantischen Treffpunkt und Zeichen des Weihnachtszaubers (wenn es den überhaupt gab) war er jetzt zu einem Schauplatz der Veränderung geworden.
Ich denke, noch einmal werden mich hier keine zehn Pferde hinbekommen.
Als ich vor der Hütte angekommen war, an der wir uns treffen wollten, stellte ich mich hin und schaute auf mein Handy. Ich war doch tatsächlich ein paar Minuten zu früh da.
Dann sah ich wieder auf und entdeckte Niklas, der auf mich zu kam. Er sah fast genauso aus wie Freitag.
Er blieb vor mir stehen und machte Anstalten mich in den Arm zu nehmen und dann kurz zu küssen. Das war in der Zeit, die wir zusammen waren fast schon zu einem Begrüßungsritual geworden.
Ich wand mich aus seinen Armen und die Reaktion war ein irritierte Blick von ihm.
Jetzt war der Moment gekommen. Es hieß jetzt oder nie.
Ich nahm alle meine Wut und meine Mut zusammen und fing an.
„Ich hab dich am Freitag hier gesehen.“ Man konnte sehen, dass er einige Momente brauchte, bis er wusste, was ich meinte.
Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck zu bedauernd und bestürzt. „Es tut mir leid, das wollte ich nicht.“
„Wirklich.“ Der Sarkasmus war beißend, aber das hatte er ja verdient.
„Ich wollte dich nicht verletzten, aber Hanna.... und dann ist es einfach so passiert.“
„Ein Erdbeben passiert einfach so, kein Kuss!“
„Ich habe gesehen wie du ihn ansiehst, wenn du denkst, dass ich dich nicht sehe.“ Meinte er Legolas, das war doch lächerlich!
„Und das gibt dir das Recht, dass du mit dieser Tusse herummachst? Ausgerechnet mit Hanna.“
Darauf sah er mich still an.
Ich glaubte es nicht!
„Es war nicht nur herummachen!? Oder?! Gott.“
„Du wolltest nicht und ich wollte dich ja nicht zwingen.“
Ich massierte mir die Nasenwurzel. „Es ist aus. Geh mir aus den Augen und aus dem Weg. Du bist einfach nur ein Arschloch, Niklas!“
Als ich alleine war, wartete ich auf den Schmerz, aber irgendwie wollte er nicht kommen. Selbst Tränen waren nur vereinzelt auf den Boden gefallen.
Ein paar der umstehenden Menschen hatten uns bei der Auseinandersetzung zugeschaut und als ich mich jetzt wieder auf den Nachhauseweg macht, traten sie bereitwillig aus dem Weg. Manche warfen mir ein paar Blicke zu.

Am Abend in meinem Bett dachte ich nochmal über den Tag nach.
Es war zwar nicht wirklich so gelaufen, wie ich es geplant hatte, aber so schlecht nun auch wieder nicht.
Nur eines machte mich ein bisschen stutzig.
Erstaunlicherweise tat es nicht so weh, wie ich gedacht hatte. Als hätte ich ihn nicht wirklich geliebt. Aber das war doch albern. Unsinnig.
Und dann kam mir noch ein Gedanke.
Vielleicht war ich doch einfach nur in die Vorstellung verliebt gewesen.
Ich schrieb es meinem Gefühlchaos oder wie man es sonst nennen sollte zu und verbannte es aus meinen Gedanken. Das konnte noch zwei Wochen warten, bis ich einigermaßen darüber hinweg war.

Am Montagnachmittag saß ich im Wohnzimmer meiner Oma und aß Kuchen.
„Das ist ja schrecklich, Eirene. Aber das schaffst du schon, meine Kleine.“
Ich hatte ihr gerade erst erzählt, was übers Wochenende passiert war, da hatte sie sich schon zu mir auf das Sofa gesetzt und den Arm um mich gelegt.
„Das hätte ich nicht von ihm erwartet, umso schlimmer, dass er es getan hat.“
Sie streichelte meinen Arm.
„Aber ich bin mir sicher, dass du auch alleine klarkommst. Ohne einen männlichen Klotz am Bein und wer weiß, vielleicht findest du ja noch jemanden, der dich wirklich liebt und auf Händen trägt?“
Ich setzte mich auf. „Meinst du damit, dass er mich nicht geliebt hat?“
„Nein, ich meinte, dass es vielleicht nicht genug Liebe war. Menschen sind kompliziert, Eirene und noch komplizierter sind Gefühle und die daraus resultierenden Taten manchmal.“
Ja, damit hatte sie wohl Recht.
Dann hörte ich das Zuschlagen der Haustüre und schaute auf.
Im Türrahen stand Legolas.
Sein Anblick verschlug mir den Atem.


POV Legolas

Ich erwartete nicht, als ich das Wohnzimmer betrat, Eirene zu sehen.
Doch der Zustand in dem sie war, schmerzte mich in meiner Seele.
In ihren Augen konnte ich Traurigkeit und Verletztheit sehen und sie waren ein wenig rot und verquollen.
Ich konnte nicht an mich halten und stürzte zu ihr und Walburga, vergessen war mein verletztes Herz und die Zurückweisung. Es zählte nur noch wie es Eirene ging.
„Weshalb bist du hier? Was ist geschehen?“, sie musste die Sorge in seiner Stimme vernommen haben, denn sie legte mir eine Hand auf meinen Arm. Die Berührung jagte mir einen Schauer durch den Körper.
Ich ignorierte es, das war nun wirklich mehr als unpassend.
„Es ist nichts, bloß ein kleines Drama, dass nicht weiter wichtig ist.“ Sie blickte mich mit ihren blaugrünen Augen an.
„Dies war er.“
Die Wut floss durch meine Adern. Wie konnte dieser Mensch es bloß wagen meiner verwandten Seele Schaden zu zufügen!? Woher nahm er sich das Recht!? Ich würde ihn lehren, das nicht noch einmal zu versuchen.
Eine Berührung unterbrach meine Gedanken.
„Bitte, hör auf. Das ist ganz normal, ich komme damit schon zurecht. Setz dich hin.“ Es war wieder ihre Hand, die mein Handgelenk festhielt. Ohne, dass ich es bemerkte, hatte ich mich aufgerichtet, meine Muskeln hatten sich angespannt und ich war schon auf dem Weg zur Türe gewesen.
Walburga warf mir einen dieser Blick zu. Er besagte, dass ich mich neben Eirene niederlassen und sie trösten sollte. Sie würde mir ein wenig später die ganze Geschichte erzählen.
Danach stand sie mit den Worten „Ich muss wieder nach dem Kuchen schauen.“ auf, zwinkerte mir zu und begab sich auf den Weg zur Küche.
Ich nahm stumm den Platz von ihr ein und legte nach kurzen Zögern die Arme um Eirene, wie es ihre Großmutter vorhin auch gemacht hatte.
So sehr ich es auch versuchte, aber ich konnte mich der Gefühle nicht erwehren, die sie ihn mir hervorrief. Sie waren höchst unangebracht in dieser Situation. Doch waren sie da.
Ihr warmer Körper in meinen Armen, ihr Kopf an meiner Schulter.
Ich genoss es in aller Stille.
Bis sie einen Blick an die Wand mit der Uhr warf, kurz erstarrte, sich aus meiner Umarmung löste und aufsprang.
„Mist schon so spät!?“ Sie sah in meine Augen.
„Danke, das habe ich gebraucht. Aber ich muss los.“ Einen Augenblick später war sie fort. Im Flur vernahm ich noch „Tschüss, Oma, ich muss los.“

Kurze Zeit später stand Walburga mit einem triumphierenden Blick im Wohnzimmer. „Habe ich es nicht gesagt?“


POV Eirene

Der Nachmittag bei meiner Oma war zwar wie Balsam auf meiner Seele gewesen, aber trotzdem hatte er mich auch noch mehr verwirrt als ich so schon gewesen war.
Die Umarmung von Legolas konnte ich nicht mit Worten beschreiben, so sehr ich es auch wollte.
Seine starken Arme um mich geschlungen, sein Duft und die Wärme, die er ausstrahlte.
Eine Woche später kam Niklas in der Schule auf mich zu, auch wenn ihn ein paar meiner Freundinnen ihn daran hindern wollten und wollte eine Aussprache vorschlagen, am Nachmittag in einem Cafè.
Wie ich fand nicht so eine schlechte Idee, denn ich wollte wissen, warum er das mit Hanna gemacht hatte.
Man konnte wohl auch sagen, dass ich fast schon mit der ganzen Angelegenheit abgeschlossen hatte.

Der Nachmittag kam schneller als ich dachte und schon saß ich in dem Cafè, bei einer Tasse Tee. Wie war ich froh, dass sie auch Tee auf ihrer Getränkekarte hatten.
Niklas saß gegenüber von mir. Abgesehen von uns beiden waren noch etwa eine Handvoll Menschen hier.
„Also?“ Ich zog meine Augenbraue hoch.
Er schaute mich eine Zeitlang an. Die Kellnerin ging mal wieder an uns vorbei.
„Ich hoffe, du nimmst mir meine Direktheit nicht krumm.“
„Das hoffe ich auch für dich.“ Ich sah sein entsetztes Gesicht. Und musste leicht Lächeln.
Vielleicht hatte uns ja der Spaß gefehlt, das Herumalbern?
„Natürlich nicht, sonst wäre ich nicht hier.“
„Du warst nicht bei der Sache, wenn wir zusammen waren und du hast dich mir gegenüber verschlossen. Ich hab gesehen wie du Leo ansahst, wenn wir ihn mal getroffen oder gesehen haben, und vor allem habe ich gesehen wie sehr es ihn quält dich an meiner Seite zu sehen. Eirene, diese Beziehung war eine Lüge, das war sie von Anfang an. Du hast mich belogen und was noch schlimmer ist, dass du sich selbst belogen hast. Das ist natürlich keine Entschuldigung für das was ich getan habe, aber vielleicht kannst du mich jetzt besser verstehen.“ Er atmete tief durch.
„Du weißt, dass das nichts mehr ändert?“
„Sicher, das wäre auch zu schön gewesen.“
„Vielleicht.“ Ich nahm eine Schluck Tee.
Die Tür ging auf und ein neuer Gast setzte sich an einen freien Tisch.
„Aber du hättest etwas sagen können.“
„Ja, dass sehe ich ein.“
Und schon hatte sich die Kellnerin auf den Mann gestürzt und holte nun seine Bestellungen.
„War das alles, was du mir sagen wolltest?“
„Ich denke schon.“
„Dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag.“
Ich stand auf und ging von dannen.

Ich war ihm nicht mehr wirklich böse.
Mich erstaunte es ja immer noch, dass mir die Sache gar nicht so viel ausmachte wie ich gedacht hatte.
Aber ich hatte eine Theorie.
Es war ein Wunschtraum gewesen, dem ich hinterher gerannt war und dabei vergessen hatte, das ich ihn niemals erreichen konnte.
Er war geplatzt und ich war nicht wegen Niklas und dem Fremdgehen traurig, sondern lediglich, weil meine Vorstellung nicht hingehauen hatte und ich bis zuletzt gedacht hatte, dass wir doch so glücklich waren.
Wenn man es so betrachtete war es fast schon ein bisschen komisch. Aber nur ein bisschen.
Vielleicht betrachte ich das mittlerweile auch ein wenig zu nüchtern.
Vielleicht hatte meine Oma ja recht und irgendwo wartete tatsächlich meine große Liebe auf mich.
Und wenn nicht, war das auch nicht weiter schlimm.

Es waren noch ein paar Tage bis zu dem Fest, dass die Menschen hier Weihnachten nannten. Die Bedeutung von einst war augenscheinlich schon lange verloren gegangen, denn Walburga hatte mir die betreffende Stelle in der Bibel, der heiligen Schrift von einem großen Teil der Menschen, gezeigt. Allein schon der Gedanke, dass sie für ihren Glauben ein Buch brauchten, stimmte mich nachdenklich.
Aber wie konnte man sich der Bedeutung eines anscheinend so wichtigen Ereignisses nicht mehr genau entsinnen?
Und was es nicht alles bei diesem Fest zu beachten gab!
Den Kindern und allen, die es wollten, wurde die Wartezeit bis zu dem 24. Dezember mit einem Kalender, der gefüllt war mit kleinen Geschenken, verkürzt. Man schenkte den Menschen, die man liebte etwas und dekorierte im Verlauf des Dezembers alles in grün, rot, gold. Mit Engeln und Nikoläusen, was auch immer sie darstellen mochten.
Es war der reine Wahnsinn. Mich erstaunte es wie die Menschen das jedes Jahr aushalten konnten.
Und all das hatte Walburga mir erklärt, begründet und mir schließlich eröffnet, dass wir am Abend des 24. Dezembers bei Eirenes Familie zum Essen eingeladen waren und dieses, für mich völlig fremde, Fest zusammen mit ihnen feiern würden. Ein Geschenk für Eirene besaß ich ja, auch wenn es für mich wohl eher eine bittersüße Bedeutung hatte.
Sie endeten allerdings mit etwas anderem. „Lass Eirene etwas Zeit, sie muss sich noch ein bisschen von ihrer letzten Beziehung und dem Ende dieser erholen. Sei für sie da, wenn sie dich braucht.“


POV Eirene

Meine Mutter hatte ja manchmal echt wunderbare Einfälle, aber dieser gehörte nicht unbedingt dazu.
Natürlich hatte sie mittlerweile mitbekommen, dass meine Oma einen sehr netten und jungen Mitbewohner hatte und ich ihn auch kannte.
Sie dachte sich wahrscheinlich, dass das durch meine Besuche bei meiner Oma kam und ich ließ sie gerne in dem Glauben, aber dass sie nun die Idee hatte ihn zu Weihnachten zusammen mit meiner Oma zum Essen einzuladen war nicht gerade optimal. Eigentlich eher eine Katastrophe.
Gut, ich verstand ihre Argumente, dass man ihn doch nicht alleine in dem Haus herumsitzen lassen konnte und war auch ihrer Meinung, aber Legolas an einem Tisch mit meinen Eltern und dann auch noch bei einem Fest, dass er gar nicht kennen konnte?
Am liebsten würde ich schreien. Ich trat durch das Gartentor meiner Oma. Immerhin hatte sie ihm wahrscheinlich schon etwas über Weihnachten beigebracht, das war immerhin etwas. Nun musste ich ihn nur noch auf meine Eltern vorbereiten. Und nebenbei noch für die sehr sichere Kurzarbeit in zwei Tagen in Biologie lernen. Manchmal waren Lehrer echt fiese Menschen.
Mein Heft hatte ich auch einfach mal mitgenommen, da meine Großmutter nicht gewusst hatte, ob Legolas heute um diese Uhrzeit auch schon da sein würde.
Was er denn machte, wollte sie mir dann aber nicht sagen, ich sollte ihn doch selbst fragen. Als hätte sie Angst, dass uns die Gesprächsthemen ausgehen würden. Das war doch lächerlich.
Allerdings hatte diese Idee meiner Mutter auch noch eine andere Frage aufgeworfen, die ich sonst wahrscheinlich vergessen hätte. Was sollte ich Legolas bloß zu Weihnachten schenken? Das Naheliegenste, einen Bogen, konnte ich vergessen, denn den hatte er schon. Mittlerweile hatte ich ihm den sogar schon vorbeigebracht, wenn auch mit ein paar Monaten Verspätung, das Ergebnis zählte schließlich.
Ein Handy konnte ich auch vergessen, denn meine Oma hatte ihm ihr altes gegeben und ich war mich sehr sicher, dass ein Smartphone ihm dann doch etwas zu fortschrittlich war.
Also was sollte ich ihm um Himmel Willen schenken?!
Ich war mir absolut sicher, dass er für mich schon ein Geschenk hatte, anders konnte ich es mir gar nicht vorstellen.
Naja. Nachdem ich geklingelt hatte, machte mir meine Oma mit einem Lächeln die Türe auf.
„Sieh mal einer an, du bist sogar pünktlich!“
Sehr lustig, wenn ich es wollte, konnte ich durchaus pünktlich zu einer Verabredung oder einem Treffpunkt erscheinen, nur meistens war es nicht nötig...
„Und ist Legolas da?“, fragte ich sie, als ich in den Flur trat die Winterjacke auszog, es war ganz schön kalt, auch wenn es einfach nicht schneien wollte, und meine Schuhe auszog.
„Ja, er ist in seinem Zimmer.“
Schon lange nannte sie es nicht mehr das Gästezimmer, sondern das Zimmer von Legolas. Anscheinend hatte der Elb schon seit einiger Zeit das Herz von Oma gewonnen.
Ich schmunzelte vor mich hin, als meine Großmutter wieder im Wohnzimmer verschwand. Dieser verdammt gutaussehende Elb.
Mein Blick schweifte die Treppe nach oben, warum nur hatte ich so ein komisches Gefühl im Bauch?
Hoffentlich war es keine sich anbahnende Magendarmgrippe, das wäre ein sehr schlechter Zeitpunkt um krank zu werden.
Oder war es doch die Tatsache, dass ich wusste, was Legolas in Bezug auf mich fühlte oder was ich dachte, was er fühlte.
Ich schob es beiseite, wenn ich mir darüber Gedanken machte wurde es auch nicht besser oder einfacher.
So betrat ich das Zimmer des Waldelben und blieb erst einmal ein wenig im Rahmen der offenen Türe stehen. Es sah nicht mehr so unpersönlich aus wie in den Sommerferien. Der Bogen hing nun an der Wand, ein paar Bücher stapelten sich auf dem Nachttisch und auf dem Schreibtisch lagen ein paar Blätter, Block und viele Stifte verstreut.
Legolas drehte sich auf dem Bürostuhl zu mir um und schenkte mir ein Lächeln. Dann sammelte er schnell die losen Blätter ein und stopfte sie hastig in eine Schublade des Schreibtisches.
„Du bist pünktlich. Walburga hatte mir gesagt, dass das nicht immer der Fall ist.“ Jetzt fing auch noch er damit an, war es denn zu glauben?
„Wenn mir etwas wichtig ist, dann schon.“
Ich warf meine Tasche auf den Boden und stand neben dem Bett.
„Ähm... Darf ich?“ Ich deute mit meinem Finger auf das gemachte Bett.
„Natürlich, setz dich.“
Ich ließ mich auf die grüne Bettwäsche fallen.
„Meine Oma hat dir schon ein paar Sachen über Weihnachten erzählt?“
„Ein Wenig. Die ganzen Bräuche haben mich zugegeben ein bisschen verwirrt.“ Wie konnte man es ihm übelnehmen, wir waren in den ganzen Wahnsinn ja hinein geboren worden, wie musste das auf einen Elben wirken? Und noch dazu, wenn er einen ganz anderen Glauben hatte.
„Das Wichtigste ist, was wir am Heiligabend machen, das andere ist bloß Zusatzwissen. Also meine Mutter schmückt zusammen mit mir vormittags den Baum, den mein Vater mit einigen Schwierigkeiten in das Haus trägt und hoffentlich die Einrichtung nicht beschädigt.
Bei uns sind die meisten Kugeln blau und silber, vielleicht kann ich ja auch ein paar grüne darunterschmuggeln.“ Ich schaute ihn grinsend an. „Dann verschwindet meine Mutter noch mal im Supermarkt um die Sachen zu kaufen, die sie am Vortag vergessen hat und mein Vater und ich packen unsere Geschenke mehr schlecht als recht ein, die am Abend dann unter dem Baum landen.“ Ich warf ihm einen Blick zu um zu merken, dass er mir immer noch sehr aufmerksam zuhörte.
„Dann gehen wir in die Kirche, in der wir wie jedes Jahr wahrscheinlich einen Stehplatz bekommen, weil sie so voll ist und hören uns den Gottesdienst an. Nach eineinhalb Stunden gehen wir wieder nach Hause und meine Mutter fängt an, das Essen zu kochen.“
Ich zeigte mit der Hand auf ihn, „Dann kommen Oma und du und wir werden erst einmal eine Weile reden. Mein Vater wird dich wahrscheinlich mehr oder weniger ausfragen.“
Ich sah ihn entschuldigend an.
„Wenn es dann endlich Essen gibt, geht die Ausfragerei weiter und meine Mutter stellt noch ein paar peinliche Fragen. Du kannst froh sein, dass du nicht mein Freund bist, sonst wäre das noch viel schlimmer.“
Auf diese Reaktion war ich sehr gespannt, doch auf Legolas Gesicht zeigte sich keine Regung. Verdammt, er hatte ein gutes Pokergesicht. Oder ich hatte die Begabung, in Menschen zu lesen, nicht von meiner Oma geerbt.
„Dann werden wir einen kleinen Spaziergang durch die Gegend machen, mein Vater wird sich etwas früher verdrücken und dann legen alle ihre Geschenke unter den Baum, zu denen des Christkindes.“
„Ich kann mir nicht helfen, den Brauch verstehe ich schlichtweg nicht.“
Ich versuchte das in mir aufkeimende Schmunzeln zu unterdrücken.
„Eigentlich ist er ja nur für Kinder gedacht. Ich glaube auch nicht mehr daran, aber irgendwie gehört er eben zu Weihnachten.
Also die Eltern legen den Kindern, wenn sie den Christbaum nicht sehen, meistens werden sie vom anderen Elternteil aus dem Haus gelockt, die Geschenke unter dem Baum und behaupten, dann dass es das Christkind war, dem die Kinder vorher einen Wunschzettel geschrieben haben. Das war einfach super, als ich noch klein war. Du solltest mal meine ersten Wunschzettel sehen, ich frage mich immer noch wie meine Mutter sie entziffern konnte.“ Ich sah ihn mit einem Lächeln auf den Lippen an.
„Danke, dass du mir diesen Brauch noch einmal erklärt hast. Ich kann mir vorstellen, dass einem das Christkind als Kind sehr gefällt.“
„Oh, von wegen gefallen, man liebt es!“ Wahrscheinlich hatte ich jetzt das kindlichste Grinsen auf dem Gesicht, dass man sich vorstellen konnte, aber es war mir egal. Die ganzen Erinnerungen an die tollen Geschenke des Christkinds rasten durch meine Gedanken. Das Einhorn von Barbie. Der Schlitten und die vielen anderen Sachen, die mir meine Eltern zu Weihnachten je geschenkt hatten. Wer da nicht anfing zu grinsen, dem war vermutlich nicht mehr zu helfen.
„Aber weswegen ich eigentlich gekommen bin, wir müssen besprechen, was du meinen Eltern erzählen kannst, denn dass du aus Mittelerde kommst, ist nicht so eine gute Idee.“
„Ja, ich teile deine Bedenken. Welches sind deine Vorschläge?“
„Hmmm... also wir hatten ja gesagt, dass du mittelalterliche Literatur an der LMU studierst und deswegen nach München gekommen bist.“ Er nickte.
„Ich würde sagen, du bist …“ Ich runzelte kurz die Stirn, wieder hatte ich das Problem mit dem Alter. „ …
24 Jahre alt. Du kommst aus Freiburg, die haben da viel Wald, das glaube ich zumindest. Das Thema Mittelerde werden wir versuchen zu vermeiden. Aber ich denke damit haben wir keine Probleme, weil meine Eltern wirklich keine Ahnung davon haben.“ Ich schaute ihm in die Augen.
„Du bist nach München gekommen um deinen Master an der LMU, der Ludwigs-Maximilian-Universität zu machen und da deine Oma und meine einmal sehr gut befreundet waren, hat deine meine gefragt, ob du vielleicht bei ihr wohnen könntest, weil du ja so ein lieber Junge bist.“ Legolas warf mir einen belustigten Blick zu. „Ich bin ein lieber Junge? Du weißt wie alt ich bin?“
Ich wurde ein bisschen rot. Als würde ich das irgendwann noch einmal vergessen können.
„Sicher, aber du siehst eben sehr jung aus, hast keine Falten und graue Haare, oder sehe ich da eines?“
„Sehr lustig.“
„Ach ja und dein Name ist Leo Trautner. Die anderen Sachen werden wir wohl auf uns zukommen lassen müssen und dann eben vor Ort retten müssen, aber wo bleibt sonst auch der ganze Spaß?“
Wieder wanderte mein Blick zu dem Elben mir gegenüber und mir kam wieder in den Sinn, was Niklas zu mir gesagt hatte.  Du warst nicht bei der Sache, wenn wir zusammen waren und du hast dich mir gegenüber verschlossen. Ich hab gesehen wie du Leo ansahst.
Wie sah ich ihn denn an? War an der Art etwas besonderes?
Seine blonden Haare fielen leicht über seine Schultern, er trug sie heute offen und hatte sie nicht wie üblich zurück gebunden. Eine Strähne fiel ihm leicht in die Auge und er strich sie mit einer schnellen Bewegung hinter seine spitzen Ohren, die so perfekt geformt schienen. Seine blauen Augen waren mir bei jeder meiner Bewegungen, die ich zur Unterstreichung meines Gesagten verwendet hatte, gefolgt und ruhten nun auf mir. Dieses wunderbare Blau, in das man versinken konnte.
„Gut. Damit hätten wir diese Sache genügend geklärt. Was gedenkst du nun zu tun?“ Der Prinz riss mich mit dieser Frage aus meinen Betrachtungen.
„Ähm... naja, wenn es dir nicht ausmacht, wollte ich noch ein wenig für Biologie lernen, wir schreiben nämlich noch einen Test.“
Den ich eigentlich nicht schreiben wollte, aber das war egal, denn selbst wenn ich krank war, müsste ich ihn nachschreiben.
„Natürlich. Kann ich dir dabei helfen?“
„Ja, du kannst mich abfragen. Ich fürchte nur, dass du diese Sachen noch nie gehört haben wirst.“ Bei den Worten machte ich ein entschuldigendes Gesicht und stand auf um in meiner Tasche nach dem Biologie Heft zu suchen.
Als ich es gefunden und Legolas erreicht hatte, gab ich es ihm. „Ich hoffe du kannst mein Schrift lesen. Danke, dass du mir hilfst.“
Ein Impuls sagte mir ich sollte mich auf seinen Schoß setzen, während er mich abfragte, aber so wie er saß und nun auch das Heft hielt, war das unmöglich.
Also setzte ich mich stattdessen auf den weichen Teppichboden vor seinen Stuhl und sah zu ihm auf.
Nach ein paar Minuten traf mich sein Blick und er gab zu, „So genau hat das in Mittelerde noch keiner erforscht, aber es ist wirklich interessant. Also welcher Art ist das Aktionspotenzial?“ Er lächelte mich aufmunternd an.
„Das Aktionspotenzial ist ein Alles-oder-nichts-Signal, das heißt, es wird vollständig ausgelöst oder gar nicht.“
Ich hatte es schon mehrmals durchgelesen und mich interessierte die Neuronale Informationsverarbeitung, der Oberbegriff des Themas, weit mehr, als das Thema davor. Evolutionsforschung war einfach nicht so mein Ding.
„Richtig. Gut.“

Dann erklärte ich ihm mit vielen Handbewegungen und sehr viel Reden den Ablauf des Aktionspotenzials und machte nur ein paar kleine Fehler dabei. Dann kam auch noch  die Weiterleitung von Aktionspotenzialen, das Ruhepotenzial und der Aufbau von Neuronen dran.
Schließlich waren wir bei dem letzten Thema angelangt, dass in der Kurzarbeit drankommen würde. Die Reiz-Reaktionskette.
„Also das ganze fängt an mit einem Reiz.“ Ich angelte eines der Kissen vom Bett und warf es auf Legolas. Etwas überrumpelt ließ er das Heft fallen um beide Arme für das Kissen frei zu haben, dass er dann sehr sicher aus der Luft fischte.
„Kannst du mir erklären, warum du mich mit einer so tückischen Waffe angreifst?“ Er versuchte einen strengen Blick, dieser wurde jedoch von seinem Grinsen Lügen gestraft.
„Ich wollte dir die Reiz-Reaktionskette demonstrieren.“
„Also wirklich einem harmlosen Elben so etwas anzutun!“ Dann erhob er sich von dem Stuhl und schneller als ich schauen konnte, traf das Kissen in seinen Händen meinen Kopf. Diese Elbenreflexe waren einfach unfair.
„Und einen wehrlosen Menschen anzugreifen ist in Ordnung?“
„In diesem Fall sicherlich. Und wehrlos, dass ich nicht lache.“
Darauf folgte ein Gerangel und schließlich fand ich mich in den Armen Legolas wieder. Ich konnte seine warme Brust an meinem Rücken spüren und merkte wie sie sich schnell hob und senkte.
Doch bevor ich das Gefühl genießen konnte, ließ mich Legolas los und entfernte sich.
Er holte das Heft unter dem Schreibtisch hervor und setzte sich mit gut einem halben Meter Entfernung mir gegenüber auf den Boden.
„Wie geht es dann weiter?“
„Der Reiz wird von einem Rezeptor aufgenommen und über sensorische Nervenfasern an das Gehirn oder Rückenmark weitergeleitet. Dann nimmt die Information des Gehirns die motorischen Nervenfasern zum Effektor und ruft die Reaktion hervor. In deinem Fall eben das Fangen des Kissens. Das Ganze ist die Erregungsleitung.“
„Richtig. Musst du noch etwas wissen?“ Dabei blätterte er das Heft durch.
„Nein.“
„Deine Schrift ist im Übrigen sehr schön.“ Ich wurde leicht rot.
„Danke.“
Er legte das Heft auf den Schreibtisch und warf dann einen Blick auf die Uhr.
Ich folgte seinem Blick. Es war schon 18:30 Uhr. In einer halben Stunde würde ich gehen müssen, sonst verpasste ich das Abendessen. Und morgen hieß es wieder Schule und übermorgen auch, dann war endlich Weihnachten und ich hatte Ferien. Die ich auch dringend benötigte.
Die dumme Kurzarbeit schrieb ich am 23. Dezember! Wer kam denn auch auf so eine blöde Idee?
Stille legte sich über das Zimmer. Sein Blick lag immer noch auf mir.
„Was machst du eigentlich den lieben langen Tag?“
„Ich helfe deiner Großmutter ein wenig, unterrichte ein paar Kinder im Bogenschießen und nehme mir auch die Zeit selbst zu üben. Dann gibt es da diesen Mittelalterverein, in dem ich mit anderen Leuten den Schwertkampf praktiziere und ihnen das ein oder andere beibringe.“ Er machte keine Anstalten weiter zu reden.
„Das kann doch aber nicht alles sein?“ Ich zog die Augenbraue hoch.
„Ich fürchte der Rest, meine liebe Eirene, bleibt mein Geheimnis.“ Er schenkte mir eines dieser Lächeln, dass ich so toll fand.
Wenn er mir nicht mehr verraten wollte, gut.
Dann fanden wir schließlich doch noch ein Thema zu dem uns beiden mehr einfiel als nur ein paar Worte, bzw. ich fragte Legolas ein bisschen über seinen Tagesablauf in Mittelerde aus und er wollte wissen, was ich in der Schule lernte und dann war es auch schon an der Zeit für mich zu gehen.
An der Türe reichte mir Legolas mein Jacke und ich verabschiedete mich mit einem „Wir sehen uns an Weihnachten.“ nach draußen.

Die zwei Tage Schule vor Weihnachten waren nicht sonderlich interessant - meine Banknachbarin hatte sich eine Erkältung eingefangen und rotze und hustete neben mir fröhlich vor sich hin - denn da es vor den Ferien war, machten wir nicht mehr viel im Unterricht, bis auf Biologie und diese Kurzarbeit. Aber selbst die war meiner Meinung nach jetzt nicht wirklich schwer und so blieb für mich am Dienstag nach dem Unterricht nur noch eine Frage bestehen, was sollte ich Legolas zu Weihnachten schenken?
Als ich gestern meine Oma gefragt hatte, konnte sie mir auch nicht groß helfen und meinte bloß mit einem Lächeln auf dem Gesicht, 'Du kennst ihn doch auch, mach dir einfach Gedanken, was er gerne macht und vielleicht auch, was ihm aus Mittelerde fehlt'.
Ich machte mich also auf den Weg in das Einkaufszentrum, dass mit dem Bus nur 20 Minuten entfernt lag und schaute während der Fahrt aus dem Fenster. Ließ meinen Gedanken freien Lauf.
Und hätte dann beinahe laut aufgeschrien. Warum war mir das nicht gleich eingefallen?
Dort angekommen stürmte ich in das Einkaufszentrum, hatte mich einmal im Stockwerk geirrt und stand dann etwas außer Atem vor einem Stand (Geschäft wäre in diesem Fall wahrscheinlich etwas zu hoch gegriffen) an dem man Erlebnisse kaufen konnte. Also das obligatorische Candle-Light-Dinner oder auch einen Fallschirmsprung.
Aber ich wollte etwas anderes. Die Verkäuferin schaute mich kurz an und kam dann auf mich zu.
„Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Ich würde gerne eines ihrer Erlebnisse kaufen. Mir schwebt da ein Ausflug in den Hochseilgarten vor.“
„Natürlich, für wie viele Personen.“ Sie hatte sich schon daran gemacht auf ihren Computer einzuhacken und warf mir nun kurz einen Blick zu.
„Ich denke zwei?“
„Gut. Könnten Sie bitte für ein paar Minuten warten.“
Ich schaute mich ein bisschen um, denn als ich beinahe hierher gelaufen war, hatte ich alles andere um mich herum ausgeblendet, jetzt erst fielen mir die vielen Leute, die genauso gestresst, wie ich eben noch ausgesehen haben musste, durch des Einkaufszentrum liefen um ihre Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Nicht wenige von ihnen waren Vertreter der männlichen Spezies.
Ein Grinsen stahl sich auf meine Züge, wusste ich doch, dass dieses Gen oder Verhalten von meinem Vater kam. Gestern hatte er das Geschenk für Mama kurz vor knapp gekauft, wie jedes Jahr.
Einige ältere Leute hatten sie sich in der Mitte auf die Sitzgelegenheiten niedergelassen und betrachten wie ich auch die vorbeiströmenden Menschen mit Einkaufstüten und manchmal auch mit Zetteln in der Hand, dass sie kein Geschenk vergaßen.
Neben mir räusperte sich jemand. Ich riss meinen Blick los und richtete sie auf die Quelle des Geräuschs.
Die Verkäuferin, richtig.
„Ich nehme an, dass es ein Geschenk ist?“
„Ja, packen Sie es bitte ein.“ Im Geschenke einpacken war ich wirklich eine Katastrophe, dass ich mir noch nie einen Finger abgeschnitten hatte, war wirklich ein Wunder.
Sie steckte den tannengrünen Gutschein (grün wie passend!) in eine Schachteln und wickelte ein hübsche Schleife darum.
„Das macht 79€.“
Ich gab ihr das Geld und packte Legolas Geschenk in meine Tasche.
Dann bummelte ich noch ein bisschen durch die Läden, bevor ich heimfuhr.

Am 24. Dezember lief eigentlich alles wie jedes Jahr.
Beim Hereintragen des Christbaums musste eine lila Vase, eine Schüssel und ein paar Bilderrahmen daran glauben. Eigentlich war es ein Wunder, dass nichts wirklich wertvolles wie zum Beispiel der Fernseher oder die Stereoanlage das Zeitliche segnete.
Beim Schmücken küsste eine der Kugeln den Boden, zu meinem Glück war sie eine der wenigen, die aus Plastik waren. Meine Mutter hätte mich sonst trotz des Festes der Liebe umgebracht.
Als wir fertig waren, war der Baum mit einer Mischung aus Sternen in silber, grünen, blauen, silbernen und durchsichtigen Kugeln mit Glitzer, Lichterketten und ein bisschen Lametta geschmückt. Mama war sogar richtig begeistert gewesen über meinen Vorschlag auch mal die grünen Kugeln zu nutzen, die uns irgendwer, der schon lange wieder vergessen war, einmal geschenkt hatte. Mit einem letzten prüfenden Blick bei angeschalteten Lichterketten machte sie sich auf den Weg in die Küche um dort ihren Schlachtplan für den Last-Minute-Einkauf auszuarbeiten.
Ein Blick an mir herunter brachte mich auf die sicherlich nicht gerade schlechte Idee mich endlich von meinem blauen Schlafanzug zu trennen und mich um eine Jeans und ein T-Shirt zu bemühen.
Ich musste daran denken, was ich heute Abend anziehen sollte.
Unterbrochen wurde ich in der Kleiderfrage von dem Zuschlagen der Haustüre.
Also war meine Mutter jetzt auf der Jagd.
Auf dem Weg in mein Zimmer auf der Treppe begegnete ich meinem Vater.
„Ist sie weg?“
„Ja, du hättest sie einmal sehen und hören sollen, ich glaube dieses Jahr hat sie noch mehr vergessen als die letzten Jahre.“
„Naja, was sagt man immer, was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen.“ Er grinste mich an.
Oder sie war ein bisschen nervöser, weil wir ja auch noch einen Gast hatten. Wenn sie bloß wüsste, dass Legolas ein Prinz war. Dann würde sie vermutlich in einem hysterischen Anfall zusammen brechen.
„Wie viele Geschenke musst du noch einpacken?“
Ich schaut meinen Vater nachdenklich an und ging in Gedanken die Geschenke durch. Das Armband für Mama, eingepackt. Der Gutschein für Legolas, auch eingepackt. Die restlichen leider noch nicht.
„Drei, denke ich. Du?“
„Zu viele, wenn du mich fragst. Pass auf, dass du dir deine Finger nicht abschneidest, Männer mögen Frauen mit zehn Fingern.“
„Ach, sei still!“ Beim Nachobengehen murmelte ich noch, „Väter sind sowas von unmöglich.“

Wie es zu erwarten war, war der Gottesdienst nicht sehr fesselnd gewesen. Ehrlich gesagt war ich sogar fast eingeschlafen, ich sollte wirklich nicht mehr bis spät in die Nacht Bücher lesen. Eine sehr schlechte Angewohnheit.
Dass ich doch nicht stillstehen konnte, lag an den Gedanken an die bevorstehenden Stunden mit Legolas, die meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich für mich recht stressig werden würden und knapp an einer Katastrophe vorbeischrammten.
Wobei ich noch nicht genau wusste, was denn als Katastrophe zu zählen war. Mir fielen da nämlich ganz verschiedene Szenarien ein und die waren alle nicht gerade wünschenswert.
Aber hoffen hat ja noch nie geschadet.
Zuhause angekommen machte sich meine Mutter auch gleich in die Küche auf, mein Vater setzte sich lieber auf die Couch und schaute mal, was so im Fernsehen kam.
Ich ging aber lieber in mein Zimmer und zog die Klamotten an, die ich mir am Vormittag und Nachtmittag zurechtgelegt hatte. Eine beachtliche Zeit, die ich darauf investiert hatte, Kleider, Oberteile und Hosen auf mein Bett zu werfen und ganz am Schluss festzustellen, dass ich nichts zum Anziehen hatte.
In dieser Hinsicht war ich wahrscheinlich wie jede andere Frau und jedes andere Mädchen.
Ich hatte schon fast aufgegeben, als mein Blick auf das dunkelrote T-Shirt fiel, dessen Arme bis zur Mitte des Unterarms reichten und oberen zehn Zentimeter der Vorderseite aus Spitze bestand. Dazu suchte ich mir einen schwarzen Rock, der bis zu den Knien ging und eine hautfarbene Strumpfhose.
Schließlich kehrte ich wieder in Wohnzimmer zurück und schaute meinem Vater zu wie er endlich nach vielem Herumgezappe bei einem Film hängenblieb, wenn ich mich nicht täuschte, war es „Verrückte Weihnachten“. Wie passend.
Ich stellte mich hinter das Sofa und schaute zu, auch wenn der Film schon lange angefangen hatte und ich ihn eigentlich schon oft genug gesehen hatte.
Dann klingelte es an der Türe und meine Mutter rief aus der Küche, „Könnte mal jemand von euch beiden seinen Blick vom Fernseher losreißen und aufmachen?“
„Ja, klar.“
Man hatte ich heute eine lange Leitung, an jedem anderen Tag wäre ich aufgesprungen und zur Türe gelaufen.
Als ich sie öffnete standen – Oh, wunder – meine Großmutter und Legolas, beide in Winterjacken, davor.
„Kommt rein.“ Ich lächelte beide an, doch mein Blick blieb nur an Legolas hängen.
Das änderte sich nicht, als sie ihre Jacken ablegten. Meine Großmutter hatte wie zu den meisten feierlichen Anlässen, eine schwarze Hose und ein sehr schönes Oberteil mit Glitzersteinen an, die kurzen grauen und weißen Haaren sorgfältig drapiert.
Doch Legolas fesselte meinen Blick, wie eigentlich immer, so langsam sollte ich mich wohl daran gewöhnen. Auch er trug eine schwarze Hose, die seiner schlanken Gestalt schmeichelte, dazu ein dunkelgrünes Hemd, bei dem er die obersten Knöpfe offengelassen hatte – wusste er eigentlich, was er mir damit antuen konnte? - und damit etwas von seiner glatten blassen Haut zeigte. Seine langen blonden Haare hatte er nur zurückgebunden, dass sie ihm nicht in die Stirn fielen, ansonsten bedeckten sie seine Schultern und einen Teil seines Oberkörpers. Die blauen Augen leuchteten mir entgegen.
„Maer gwein, Eirene. Ich hoffe, es wird ein schöner Abend. Du bist sehr schön gekleidet.“ Dann nahm er meine rechte Hand leicht in seine und küsste sie federleicht.
Damit war ich jetzt sowas von überfordert. Was hatte er jetzt auf Sindarin gesagt? Ich warf einen fragenden Blick zu meiner Großmutter. Sie wusste es wahrscheinlich.
„Maer gwein heißt soviel wie guten Abend. Und der Handkuss ist eine angemessene Begrüßung für eine junge Dame.“ Sah ich sie da eben schmunzeln?! Ich würde wetten, egal um was, dass sie mir da gerade etwas verschwieg. Irgendwann müsste ich sie dazu noch befragen müssen, aber das hatte jetzt einfach keine Zeit.
„Meine Mama kocht schon das Essen, es müsste bald fertig sein.“ Jedenfalls betete ich dafür.
Wir gesellten uns zu meinem Vater ins Wohnzimmer, doch mein Oma entschuldigte sich recht bald mit einem „Ich gehe meiner Schwiegertochter mal in der Küche helfen.“. So eine Verräterin!
Legolas stand mit mir immer noch hinter dem Sofa und beugte sich leicht zu mir herunter. Dann flüsterte er in mein Ohr: „Welche Handlung besitzt dieser Film eigentlich?“
„Hmmm?“ Ich konnte mich nur auf dein Atmen, der sanft an meinem Ohr vorbeistrich konzentrieren.
„Warum handeln diese Figuren, so wie sie es jetzt tun? Hörst du mir eigentlich zu?“ Die zweite Frage hatte einen belustigten Unterton.
„Natürlich höre ich dir zu.“ Dann erklärte ich ihm leise, was bisher geschehen war.
Zum Glück war mein Vater bisher noch nicht auf die Idee gekommen etwas zu Legolas zu fragen, das war zwar nicht seine Art, aber ich war dankbar, sicher hatte meine Mutter da ihre Finger im Spiel gehabt.
Man konnte es wohl eine Galgenfrist nennen, hoffentlich würde ich nicht wirklich gehängt werden oder Legolas.
Die Vorstellungsrunde würde also vor dem Essen stattfinden.

Oma kam eine halbe Stunde später aus der Küche und teilte uns mit, dass es in ein paar Minuten Essen geben würde.
Und das Grauen nahm seinen Lauf...
Kurz darauf tänzelte meine Mutter ein Weihnachtslied summend mit einer Platte beladen in das Esszimmer und auf ihre Aufforderung hin folgte ihr mein Vater um ihr ein bisschen zu helfen, den Tisch fertig zu decken.
Dann standen die beiden wieder zwischen dem Esszimmer und dem Wohnzimmer neben meiner Großmutter. Mein Vater hatte einen Arm um die Taille meiner Mutter gelegt, die sich zu ihm geneigt hatte.
So wollte ich auch mal aussehen in 25 oder 30 Jahren.
Alle schauten mich erwartungsvoll an. Warum konnte das meine Oma nicht übernehmen? Immerhin war Legolas ja „der Enkelsohn ihrer alten Bekannten“.
Aber sie machte keine Anstalten und blickte mich nur aufmunternd an.
„Ähm... also, wenn ich vorstellen darf, das ist Leo Trautner, er ist der Enkel von einer Freundin von Oma und wohnt bei ihr auch seit geraumer Zeit und das sind meine Eltern, mein Vater Philip und meine Mutter Sophia.“
Erst hatte ich mit meinem Arm in die Richtung von Legolas gedeutet, der immer noch neben mir stand, aber zum Glück nicht mehr ganz so dicht wie vor ein paar Minuten, dann deutete ich erst auf meinen Vater und dann auf meine Mutter, die ein bezauberndes Lächeln auf dem Gesicht hatte. Mein Vater trug einen etwas neutraleren Gesichtsausdruck zu Schau.
Mehr hatte ich nicht vor jetzt zu sagen, mich interessierte wie sich die Gespräche nun entwickeln würden.
„Es freut mich über die Maßen, Sie kennenzulernen.“ Solange der Elb nicht versuchte den Handkuss auch bei meiner Mutter abzuziehen, war alles in Butter.
„Er ist ein wirklich sehr netter junger Mann“, steuerte meine Großmutter noch bei.
Dann übernahm meine Mutter das Ruder. „Leo ist doch bestimmt die Kurzform von Leopold oder?“
„Ja, aber ich mag diesen Namen eigentlich nicht besonders. Mein Vater gab ihn mir ohne mich vorher zu fragen, verstehen Sie?“ Er schickte mir einen kurzen Seitenblick, während er meiner Mutter ein leichtes Lächeln schenkte.
Irgendeinen Namen hatte er doch gebraucht und irgendwie war das eben der einzige gewesen, der mir damals eingefallen war.
Aber um eines war ich wirklich froh, mittlerweile hatte er sich den Umgangsformen etwas angepasst und verwendete nicht mehr das schrecklich altertümliche 'Ihr'. Ich atmete vor Erleichterung ein wenig auf.
Mein Vater sah seine Chance und brachte sich auch gleich ein.
„Und du bist – übrigens kannst du uns gerne mit du ansprechen, wir sind da nicht so förmlich – mit unserer Tochter befreundet?“
„Ja, ist er.“ Auch wenn ich vielleicht auch gegen ein anderes Verhältnis zu ihm nichts einzuwenden hatte.
Oma hatte wie immer eine gute Idee. „Wie wäre es, wenn wir zu Essen anfingen?“
„Oh, stimmt, kommt sonst wird das Essen noch ganz kalt!“
Meine Mutter zog auch meinen Vater mit zum Esstisch auf dem der Rinderbraten und die Beilagen standen, irgendwer hatte auch leise Weihnachtsmusik angeschaltet und nun sang im Hintergrund 'Stille Nacht, Heilige Nacht' aus den Lautsprechern.

Anfangs war es noch relativ still am Tisch, da jeder mit Essen beschäftigt war nur die Kochkünste meiner Mutter wurden gewürdigt und hier und da die Frage nach der Soße gestellt.
Als wir aber alle halbwegs fertig waren, brach es los.
Meine Oma verwickelte meine Mutter in ein lockeres Gespräch über irgendeine Familie aus der Gemeinde und mein Vater legte an Legolas gewandt los. „Weswegen bist du denn nach München gekommen?“
Ich hielt mich derweil bereit dem Elben zu helfen und machte mir ein wenig Gedanken um die Sitzordnung, die nun bestand. Mein Vater an der kurzen Seite des Tisches, links von ihm meine Mutter und daneben meine Großmutter und auf der rechten Seite von ihm, erst Legolas und dann ich, alle an den beiden langen Seiten des Tisches.
„Ich will hier an der LMU meinen Master in mittelalterlicher deutscher Literatur machen.“
„Und wie läuft es?“
„Gut.“ Ich war mir sicher, dass auch meine Mutter mit gespitzten Ohren zuhörte, Oma zwinkerte mir aber kurz zu, das hieß bisher machte Legolas seine Sachen wohl nicht allzu schlecht.
In dem Stil ging es mit Legolas und meine Papa eine Weile weiter, ich war nur froh, dass er weder rechtes Interesse an der Literatur hatte noch an Freiburg, denn sonst würde der kleine Schwindel recht schnell auffliegen.
Meine Mutter klinkte sich schließlich auch noch in das Gespräch ein und fragte Legolas nach seinem Alter. Ich hätte ja wirklich gerne ihre Reaktion gesehen, wenn er sein wahres Alter genannt hätte, aber das ging ja schlecht. Auf seine Antwort hin, zog sie nur die Augenbrauen hoch und schaute mich an.
Ich konnte mir nicht helfen, aber irgendwie machte mir dieser Blick ein bisschen Angst umso mehr als sie meine Oma anschaute und ich das Gefühl nicht loswurde, dass sie da ohne Worte etwas beredeten, was mich betraf und das nicht zu einem geringen Teil.
Dann folgte seine Frisur (Mein Vater fiel wie meistens mit der Tür ins Haus und fragte ganz unverblühmt: „Warum hast du lange Haare, Leo?“ Legolas schaute ihn entsprechend verwirrt an und ich hätte am liebsten meinen Kopf auf die Tischplatte geschlagen) und auch seine Hobbys, die er ja wahrheitsgemäß beantworten konnte, wenn auch unter den erstaunten Augen meiner Eltern.
Ich entspannte mich immer mehr, denn bis jetzt war noch nicht schlimmes passiert und ich hegte die Hoffnung, dass das auch so bleiben würde.

Nach einer Weile standen wir vom Tisch auf und räumten zusammen das Geschirr in die Küche. Meine Oma ging neben mir und flüsterte mir ins Ohr, „Das läuft doch bisher gar nicht so schlecht, findest du nicht?“
„Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, ja.“
Sie lachte und ließ mir den Vortritt durch die Türe.
Dann begaben wir uns auf den Spaziergang durch die Nachbarschaft. Schnee war noch immer nicht gefallen, aber wahrscheinlich war weißes Weihnachten auch  nur ein Traum, denn so oft hatte ich das bisher nicht erlebt.
Als ich in die Nacht hinaustrat unterdrückte ich ein Frösteln, ein kurzer Rock war im Winter wohl nicht die allerbeste Idee.
Legolas ging neben mir und meinte leise, „Der Nachthimmel und die Sternbilder sind hier die gleichen wie auch in Mittelerde, nur habt ihr euch andere Namen für die ausgedacht.“ Ich zeigte auf das etwas schiefe W aus fünf Sternen.
„Das ist die Kassiopeia. Mit zwei anderen die einzigen Sternbilder, die ich kenne und vor allem am Himmel wiedererkenne.“
„Ich bin mir sicher, du würdest sie alle kennen, wenn du nur so viel Zeit auf der Erde verbracht hättest wie ich.“
„Das wäre ich mir nicht so sicher.“ Ich bestaunte die Wolke, die mein Atem machte als er meinen Mund verließ. „Du machst das übrigens toll mit meinen Eltern, vor allem meine Mutter scheint dich zu mögen. Du passt... du hast dich schon sehr gut eingelebt, man merkt kaum noch ...“
„Dass ich gar nicht von hier stamme?“
„Ja.“
Er lächelte. „Das war mein Ziel.“
Ich versuchte seine Hand zu nehmen. Doch er wich mir aus und dann holten uns schon meine Großmutter und der Rest meiner Familie ein.


POV Legolas

Wie es mir Eirene schon erzählt hatte, verabschiedete sich ihr Vater ein wenig früher um nach Hause zu gehen und wir machten noch einen kleinen Umweg durch einen Wohnblock.
„Mich freut es ja, dass du so gute Umgangsformen hast, aber wo hast du das gelernt? Ich meine in der heutigen Zeit...“
Sophia hatte sich bei mir untergehakt, augenscheinlich war sie von mir angetan wie es Eirene schon vermutet hatte.
„Mein Vater legte darauf bei meiner Erziehung großen Wert und ich denke, dadurch, dass ich mich viel mit älterer Literatur beschäftige scheine ich auch die eine oder andere Umgangsform angenommen zu haben.“ Ich hoffte, das reichte ihr, denn wenn ich ehrlich war, fiel es mir schwer auf diese Fragen zu antworten und dabei auch gleichzeitig zu bedenken, welche Sachen ich nicht ansprechen sollte. Dass man als Prinz und zukünftiger Thronfolger die Etikette lernen musste, schien mir nicht gerade eine sehr gute Antwort zu sein.
„Naja, vielleicht kannst du ja ein wenig auf meine Tochter abfärben, wir haben es ja wirklich versucht ihr etwas in der Richtung zu vermitteln, aber sie war anscheinend ziemlich resistent dagegen.“
„Eirene ist ein großartige junge Frau.“
Jetzt sah mich Sophia mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Ach ja?“
„Ich meine auf rein freundschaftlicher Ebene.“
„Verzeihung für meine Neugier, aber hast du eine Freundin oder eine Partnerin?“
„Nein, bisher hat mich noch keine Frau genug dafür fasziniert, dass es dafür gereicht hatte.“
Ihre Augen wurden noch größer. Das war nicht beabsichtigt gewesen und ich war mir sicher, dass es auch nicht unbedingt das Beste war.
Walburga hatte die Geistesgegenwart mir von hinten, wo sie mit Eirene ging und sich leise unterhielt, zu helfen.
„Sag mal, hast du den Motorradführerschein jetzt eigentlich bestanden?“
Das nannte ich mal eine radikale Richtungsänderung.
„Ich weiß noch, dass du mir im September etwas davon erzählt hast und dann habe ich nichts mehr gehört.“
„Ja, sicherlich habe ich ihn bestanden. Nur bei diesem Wetter, so schön es auch sein mag und ohne Schnee, sollte man bei den momentanen Temperaturen wahrlich nicht fahren.“ Ich warf einen Blick hinter uns. Eirene schaute mich mit offenen Mund an.
Sie wusste eben nicht ansatzweise alles über mich.
Auch ihre Mutter schaute mich ein wenig erstaunt an, fing sich aber schnell wieder. „Ich denke, wir sollten uns jetzt wieder auf den Weg zurück machen. Philip wird sonst langweilig, womöglich zündet er ohne es zu wollen das Haus an.“ Verkündete sie mit einem Lachen.

Als wir zurückkamen und in den warmen Flur des Hauses traten, nahm ich zuerst Sophia und dann auch Eirene ihren Mäntel ab.
Das Oberteil von Eirene war wirklich wunderschön und erinnerte mich ein bisschen an die Kleider meines Volkes, zwar verwendeten wir sehr selten Spitze, lieber fast durchsichtige Stoffe, doch war die Idee dahinter, den Anschein zu erwecken, man zeigte weniger Haut als es eigentlich der Fall war, die Gleiche.
Philip wartete schon an der Türe zum Wohnzimmer und durch die offene Türe konnte man schon die Lichter des Baumes sehen und wie die Kugeln an ihm in dem Licht glitzerten, auch standen schon einige Geschenke unter dem Baum.
Es war also an der Zeit die Geschenke zu tauschen. Eirene entschuldigte sich kurz und verschwand wie auch ihre Mutter im Haus um ihre Geschenke zu holen.
Walburga zwinkerte mir zu und ging mit der Tasche, die in der Garderobe gestanden hatte neben ihrem Sohn ins Wohnzimmer.
Man konnte wirklich sehen, dass die beiden verwandt waren, genauso wie Eirene viele Gesichtszüge von ihrer Mutter hatte.
Ich nahm die einzigen zwei Päckchen, dass ich dabei hatte aus der Tasche meiner Jacke und folgte den Beiden.
Zusammen ließen sie sich auf dem braunen Sofa nieder und der Vater von Eirene hatte sich wohl in der Zeit auch wieder ein paar Fragen ausgedacht.
Ob das nun gut war oder nicht, würde sich erst noch herausstellen.
Er lenkten seinen Blick auf mich, ich hatte mich derweil an das Sofa gelehnt, ich verspürte kein Bedürfnis mich zu setzen, und setzte dann zu einer Frage an.
„Was beabsichtigst du mit meiner Tochter? Denn nur Freunde seid ihr sicherlich nicht.“
Walburga schickte mir einen entschuldigenden Blick.
„Ich werde sie nicht verletzen, wenn du das meinst. Aber dennoch denke ich, dass das nur uns etwas angehen dürfte.“ Ich versuchte besänftigend zu klingen.
„Eigentlich, Philip, hat Leo da gar nicht so Unrecht, du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass deine Tochter das auf die eigene Faust regelt und du nichts mehr tun kannst und nur etwaige Scherben aufsammeln kannst.“
Sie legte ihrem Sohn eine Hand auf den Arm. Dieser seufzte und verdrehte die Augen.
„Ich fürchte, du hast Recht, Mutter.“
Dann kamen die beiden Ladys mit ein paar eingepackten Geschenken wieder zurück und legten diese auch noch unter den Baum.
„Dann kann die Bescherung ja beginnen“, verkündete Sophia fröhlich und schaltete wieder Weihnachtsmusik ein.
In dem folgenden Chaos aus Geschenkpapier, Geschenken und freudigen Gesichtern ging ich zu Walburga und gab ihr ihr Geschenk. Mit einem Lächeln packte sie es aus und dankte mir für das blaue Tuch, dass sogar zu ihrem Oberteil zu passen schien. Zwar hatte sie mir gesagt, ich bräuchte ihr nichts schenken, aber doch war ich der Ansicht gewesen ihr meine Dankbarkeit ausdrücken zu müssen.

Eirene saß mittlerweile in einem Meer aus Geschenkpapier und strahlte wie die Sonne es an diesem Tag gemacht hatte. Anscheinend schiene ihr ihre Geschenke sehr zu gefallen. Ein neues Kleid, Tanzschuhe, die wirklich sehr hübsch waren, eine Tasche und auch ein Buch und viele kleine Sachen, die ich nicht gesehen hatte. Von ihrer Großmutter hatte sie einen Laptop bekommen, den sie sich erst noch aussuchen musste.
Auch ihre Eltern hatten sich Geschenke überreicht und Eirenes an ihre Eltern und ihre Großmutter waren getätigt.
Sophia ging mit einem „Ich muss die Küche noch aufräumen und abwaschen“ aus dem Wohnzimmer und Walburga folgte ihr und zerrte ihren Sohn mit den Worten „Du kannst ruhig auch mal helfen.“ mit sich. Daraufhin fing ein kleiner nicht ernst gemeinter Streit an, Philip erwiderte nämlich, „Ich helfe meiner Frau immer.“
Schließlich war ich mit Eirene alleine.
„Ich hoffe ja, dass du wenigstens ein bisschen Spaß hast und es dir manchmal nicht so peinlich ist wie mir.“
„Es ist wirklich ein sehr schöner Abend und deine Familie ist sehr nett.“
„Glaub mir, wenn du sie genauer kennen würdest und auch noch den Rest meiner Verwandtschaft würdest du nicht so denken.“
Sie schenkte mir ein Lächeln.
Ihre Mutter hatte das ganze Geschenkpapier mit in die Küche genommen, aber sie saß immer noch auf dem Boden und stand auf, verlor dabei auf irgendeine Weise das Gleichgewicht und fiel.
Ich fing sie auf, bevor sie den Boden berühren konnte, hielt sie in meinen Armen und genoss den Augenblick, ihr doch recht kleiner Körper in meinen Armen und ihr Kopf an meiner Brust.
Dennoch fielen mir die Worte Walburgas ein, dass ich ihr Zeit lassen sollte.
Ehe ich sie loslassen konnte, schaute sie zu mir auf.
„Tut mir leid, ich bin wohl zu schnell aufgestanden oder so?“ Sie horchte kurz auf das Lied und meinte dann, „darauf kann man Walzer tanzen. Willst du tanzen, meine Oma hat dir doch sicher gezeigt wie Walzer geht?“
„Gerne und ja, das hat sie. Mit den Worten, 'das muss Mann einfach können'.“
Eirene grinste. „So bin ich übrigens zum Tanzen gekommen.“
Ich umfasst vorsichtig mit der linken Hand ihrer Taille und fasste mit der anderen ihre kleine Hand. Sie legte ihre rechte Hand an meine Schulter und schickte einen leichten Schauer durch meinen Körper.
Dann fingen wir an zu tanzen.

Leise rieselt der Schnee.
Still und starr ruht der See.
Weihnachtlich glänzet der Wald.
Freue dich, Christkind kommt bald!

In den Herzen wird`s warm,
Still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt,
Freue dich, Christkind kommt bald!

Bald ist Heilige Nacht,
Chor der Engel erwacht,
Hört nur, wie lieblich es schallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!

Das Lied endete und Eirene blickte mich mit großen blaugrünen Augen an, in diesem Moment wunderschön, angestrahlt von dem indirekten Licht, des Christbaumes und mit diesem Ausdruck auf ihrem Gesicht, den ich zwar durchaus deuten konnte, aber nicht erfüllen wollte. Sie lag mir zu viel am Herzen, als das ich es verderben wollte, weil ich sie begehrte und ich nicht die Geduld hatte weiterhin zu warten.
Ich gab sie aus der Tanzhaltung frei und ging zum Sofa auf dem ich mein Geschenk an sie liegen gelassen hatte.
Sie schien ein wenig enttäuscht, als sie mir mit ihrem Geschenk folgte, fing sich aber doch recht schnell und gab es mir.
„Ich hab ganz schön überlegen müssen, was ich dir schenken könnte, ich meine einen Elben und noch dazu einen Prinzen beschenkt man ja nicht alle Tage. Es hätte auch ein bisschen geholfen, wenn du mir das mit dem Motorradführerschein erzählt hättest. Vielleicht hätte ich ja dann schneller eine Idee gehabt.“
Ich legte es behutsam neben mich. „Ich möchte, dass du meines als erstes öffnest.“


POV Walburga

Es war beinahe amüsant mit an zu sehen wie mein Sohn unruhig durch die Küche tigerte und dabei auch Sophia langsam aber sicher auf die Nerven ging.
Dann bleib er abrupt stehen und raufte sich die Haare.
„Was zu Geier machen die da eigentlich die ganze Zeit?! Und überhaupt kam euch Leo nicht auch ein bisschen komisch vor?“
„Philip, werd nicht ungerecht. Leo ist nett und wird unserer Tochter kein Haar krümmen und es ist ihre Sache, was sie machen.“
Sophia klang etwas genervt.
Ich stand an der Wand und schaute den beiden zu. Legolas war wahrlich nicht jemand, der Eirene auch nur im Mindesten gefährlich werden oder verletzten würde.

POV Eirene

„Es heißt das erste Geschenk und das letzte bleibt stets in Erinnerung.“ Aha. Da war wieder die Elbenweisheit. Ich hatte sie fast schon vermisst.
Mit zittrigen Fingern, wusste wer auch immer warum sie zittrig waren, öffnete ich das Papier um das Päckchen und es kam ein Schmuckkästchen zum Vorschein, ein solches wo für gewöhnlich kostbare Sachen verpackt werden.
Mir wurde mulmig.
Ich ließ es aufschnappen und sah einen Armreif.
Er war durch drei gebogene Blätter geformt, nur durch die Konturen und Rillen der Blätter dargestellt. Mir kam der Gedanke, dass es durch die filigrane Arbeit wahrscheinlich auch die Arbeit eines Elb sein könnte. Wenn es sie hier gäbe.
DER Armreif.
Es war der, den ich beim Sommerfest gesehen und der mir wirklich gefallen hatte.
Legolas musste noch einmal zurückgegangen sein und ihn gekauft haben.
Als ich vor der Bühne gewartet habe vielleicht und dann hatte ich mit Niklas getanzt und ihn geküsst. Der Blick in seinen Augen, als ich ihn in der Menge gesehen hatte.
Mir traten Tränen in die Augen, ich konnte sie beim besten Willen nicht niederkämpfen.
Wie musste ich ihn verletzt haben.
Eigentlich war ich ja nicht eine solche Heulsuße.
Ich blickte auf in die blauen Augen, die auf mir ruhten.
„Das ist wirklich ein wunderschönes Geschenk. Danke. Legolas, es tut mir leid.
Danke, Legolas.“
Dann umarmte ihn und legte den Kopf auf seine Schulter. Ich musste mich wirklich beruhigen. Leider trug der Körperkontakt und der Duft des Elben, der immer an den Wald erinnerte, frisch und etwas vom Frühling und dem ersten Frühlingsregen hatte, nicht gerade dazu bei.
„Es freut mich, dass er dir gefällt.“ Mit seinen langen schlanken Fingern las er den Armreif auf, löste meinen rechten Arm von seinem Körper und schob ihn vorsichtig auf mein Handgelenk.
Das kalte Silber berührte meine Haut, daneben verharrten immer noch seine warmen Finger auf meinem Arm. Schauer rieselten durch diesen Teil meines Körpers und ich wurde wahrscheinlich ein wenig rot.
Als er seine Hand wegnahm war ich fast ein wenig enttäuscht - dieser verräterische Körper! - schaute aber trotzdem zu ihm hoch und sah fast so etwas wie ein Glitzern in dem Meerblau. Oder hatte ich es mir nur eingebildet, so sicher war ich mir da nicht.
„Gegen so ein Geschenk“, ich hob den rechten Arm hoch und das Licht des Christbaumes tauchte das Silber in einen fast goldenen Glanz, „kann meines ja nur als schlecht bezeichnet werden. Oder einfallslos.“
„Wenn du dich so sehr darum sorgst, werde ich es erst bei deiner Großmutter öffnen.“ Er schenkte mir ein Lächeln, dass mir wahrscheinlich die Nervosität nehmen sollte, dann kam auch schon mein Vater durch die Küchentür wieder ins Wohnzimmer.
„Uns sind die Sachen zum Spülen ausgegangen.“

Wir unterhielten uns dann noch eine Weile, bis meine Oma Legolas den Vorschlag machte, dass sie doch demnächst mal nach Hause aufbrechen konnten.
Das letzte Thema war gewesen, ob er ins Fitnessstudio ging (eine Idee meines Vaters). Man könnte sagen ich verstand seine Motivation, die ihn zu dem Vorschlag meiner Oma zustimmen ließ.
Meine Eltern standen mit unseren Gästen und mir auf und verabschiedeten sie in unserem Flur. Sie waren gerade mit meiner Oma beschäftigt, vor mir befand sich Legolas. „Danke nochmal für das Geschenk, ich... freue mich sehr darüber. Ich denke wir sehen uns die Tage wieder. Morgen fahren wir ja zu den Eltern von meiner Mutter.“
Ich war immer noch recht durcheinander und an diesem Abend würde sich das wahrscheinlich auch nicht mehr ändern.
Er trat etwas näher und gab mir wieder einen Handkuss auf den rechten Handrücken, die Stelle kribbelte sicher noch morgen.
„Ich werde dich wissen lassen, wie sehr mir dein Geschenk gefällt. Schlaf schön, nin baneth. Wir sehen uns wieder.“ Ich drohte in seinen Augen zu versinken.
Er schenkte mir noch eine letztes verschmitztes Lächeln und ging mit meiner Großmutter aus der Türe.
Was war das schon wieder auf Sindarin gewesen? Das gibt’s doch nicht!
Ich machte mich kopfschüttelnd auf den Weg zu meinen Eltern in das Wohnzimmer.
„Leo sieht echt super aus Eirene, ist dir das aufgefallen?“ Das war meine Mutter.
Doch ich denke schon, dass mir das aufgefallen ist.

Normalerweise freue ich mich wirklich über Weihnachten und genieße den Heiligabend, aber dieses Jahr war ich einfach froh, als er wieder vorbei war.
Morgen würden wir die Verwandten meiner Mutter besuchen, ich hoffte mal, dass das um einiges entspannter ablaufen würde. Und ich auf der Autofahrt mithilfe von Musik und aus dem Fenster sehen, meine Gedanken wieder auf geordnete Bahnen lenken konnte.

Der 25. Dezember war auch nicht entspannter gewesen, denn natürlich hatte meine Mutter meinen Tanten von meinem neuen „Freund“ erzählt. Das daraus resultierende Gespräch und die Neugier meiner Verwandten, allen voran meiner Cousine Nina, waren zwar sehr lustig, aber doch nervig gewesen.
Wenn man es recht betrachtete, dann war Weihnachten doch ein recht anstrengendes Unterfangen.
In den kommenden Tagen sortierte ich meine Geschenke, unglaublich wie viel Mühe das machte, genauso wie meine Gedanken und traf mich mit meiner besten Freundin Eva zum Filme schauen bei ihr Zuhause.
Wir konnten machen, was wir wollten aber letztendlich kamen wir immer wieder auf „Dirty Dancing“ zurück oder „Pretty Woman“, es war wirklich erstaunlich, wie oft ich sie schon gesehen hatte. Doch diesmal wurde es „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Das Zimmer von Eva begann am Schluss fast zu schwimmen von unseren Tränen.
Und dann kam unsere Sprache auf Legolas bzw. auf Leo, wie sie ihn ja kannte.
„Er ist wirklich verdammt gutaussehend, findest du nicht? War er früher mal ein Model?“
„Nicht dass ich wüsste, aber du hast wahrscheinlich recht.“
Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich hab wahrscheinlich Recht? Himmel, der Typ ist nahezu perfekt.“
„Okay, ja.“ Ich verdrehte die Augen, ich mochte meine Freundin wirklich und sie war die Beste, wenn man ein Problem hatte oder shoppen wollte, es war immer lustig mit ihr, aber ich sprach nicht unbedingt gerne mit ihr über Jungs und Männer. Sie war mir einfach zu begeistert und wollte von mir auch jede Einzelheit wissen.
Normalerweise gab ich mir Mühe ihre Neugier zu befriedigen und auch etwas enthusiastischer als ich es war, bei meiner Freundin rüber zu kommen, denn eigentlich machte es, wenn ich ehrlich war, doch etwas Spaß.
Aber heute wollte ich nicht mit ihr über Legolas reden, denn ich war immer noch beschäftigt, das Ganze zu verarbeiten und heraus zu finden, was ich eigentlich fühlte und was genau ich wollte.
„Ich kann nicht glauben, dass er keine Freundin hat. Bei seinem Aussehen. Er ist doch nett, oder? Oder ist er ein Ekel? Oder ist er schwul?“
Sogar war ich mir ziemlich sicher, dass das gar nicht in Mittelerde existierte.
„Er ist zuvorkommend, aufmerksam, intelligent und ein wenig verspielt. Eine wunderbare Person. Und vor allen defintiv nicht schwul.“
Ich konnte nicht glauben, dass mir das über die Lippen gekommen war und vor allem bei Eva.
Ihr Augen glitzerten, sie hatte es also nicht überhört. Mist.
Mit einem Lächeln auf den Lippen schaute sie mir in die Augen. Also konnte ich sie nicht anlügen, sie bemerkte es immer, wenn ich ihr dabei in die Augen sah.
„Du magst ihn mehr, als es für einen normalen Freund üblich ist?“
„Ich weiß es nicht. Es kann sein, aber ich bin mir nicht sicher.“ Das war keine Lüge, ich war mir wirklich nicht sicher.
Was erwartete mich denn schon, wenn ich ihn wirklich lieben sollte?
Irgendwann ging er zurück nach Mittelerde und angenommen der Fall, ich würde ihm folgen. Ich bin keine Prinzessin oder die Tochter eines Adligen. Ich bin mir sicher, dass mich Thranduil niemals als Braut für seinen Sohn akzeptieren würde, ungeachtet meiner Sterblichkeit, denn irgendwann würde ich Legolas mit einem gebrochenen Herz zurücklassen, ich lebte nun einmal nicht ewig.
Oder wir würden uns schon an dem Tag trennen, an dem er in seine Welt, seine Heimat zurückkehrte.
Ich war mir nicht sicher, ob ich mich darauf einlassen sollte.
„Ich hoffe, du findest eine Antwort. Lass uns über etwas anderes reden.“
Das war eine weitere Sache, die ich an meiner besten Freundin so liebte, sie wusste immer, wann sie ein Thema lieber auf sich beruhen ließ.
Nicht in einer Millionen Jahren würde ich sie gegen eine andere Freundin eintauschen wollen.
Wir lachten an diesem Abend noch eine Menge, dann verabschiedete ich mich mit einer langen Umarmung und ging meinem Zuhause und meinem Bett entgegen.

Ich freute mich langsam schon richtig auf Silvester, denn ich liebte Feuerwerk seit ich ein kleines Mädchen war.
Leider wollte es das Schicksal, oder wer auch immer hier am längeren Hebel saß, nicht so wie ich selbst.
Denn am 28. Dezember wachte ich mit Halsweh auf, im Laufe des Tages manifestierte sich die Erkältung immer mehr, bis ich am nächsten Morgen als ein schniefendes Schleimmonster aufwachte und mich fühlte, als hätte ich einen Elefanten auf mir sitzen gehabt.
Eigentlich hatte ich vorgehabt, dass ich heute zu Legolas zu gehen, aber ich beschloss lieber in meinem kuscheligen Bett zu bleiben, denn immerhin wollte ich ja wieder zu Silvester auf dem Damm sein.
Ich war mir sicher, dass die Kunde von meiner Krankheit auch so einen Weg zu meiner Großmutter und damit auch zu Legolas fand, denn immerhin, hatte meine Mutter heute morgen vorgehabt mit ihrer Schwiegermutter zu frühstücken. Das machten sie wenn es hochkam vielleicht einmal im Monat und weiß Gott über was sie dort alles redeten.
So hatte ich wenigstens kein schlechtes Gewissen, dass ich Legolas nicht Bescheid sagte.
Ich verzog mich mit einem Buch in mein Bett und litt vor mich hin, ich hatte durchaus vor, das auch noch den ganzen Tag durchzuziehen.
Ab und zu kam mein Vater herein und brachte mir eine neue Tasse Tee und sah nach mir. Als würde ich plötzlich vor mich hinsterben.
Am Nachmittag klopfte es allerdings an meine Türe, eigentlich machte das niemand, meine Eltern kamen immer so herein und Freund wurden immer von mir in mein Zimmer geschoben.
„Äh, herein.“ Ich hörte mich fürchterlich verschnupft an.
Der Besucher steckte seinen Kopf durch den Türspalt und ich sah blondes Haar und blaue Augen.
„Walburga meinte, ich sollte dich besuchen, denn schließlich hatten wir ein Treffen am heutigen Tage ausgemacht.“
Sicherlich war da auch meine Mutter nicht ganz unschuldig.
„Komm herein. Ich nehm mal an, ich kann dich sowieso nicht anstecken. Also brauchst du auch keine Sicherheitsabstand zu mir halten wie mein Vater.“
Mein Lächeln endete in einem Schniefen. Wie ich Schnupfen doch hasste.
Immerhin hatte ich noch keinen Husten, nur ein bisschen Kopfweh.
Legolas bedachte mich mit einem mitleidigen Blick. „Wie geht es dir, Eirene?“
„Ich werde wahrscheinlich nicht sterben, auch wenn es sich jetzt ein bisschen so anfühlt.“
„Du siehst, wenn ich das einmal so sagen darf, recht schrecklich aus.“
„Ich bin eben krank. Aber das kannst du ja ein wenig schlecht nachvollziehen. Stell es dir so vor, als hättest du dir den Kopf heftig gestoßen und als würdest du dich echt schwach fühlen.“
„Elben werden nie krank. Kann ich dir vielleicht ein wenig Freude bereiten?“
„Wenn du willst, kannst du mir eine neue Tasse Tee bringen.“
„Sehr wohl, meine Herrin.“ Er verbeugte sich und nahm dabei die leere Tasse in die Hand. Ich musste ein Lachen unterdrücken. Auf jeden Fall ging es mir schon ein bisschen besser.
Er verschwand aus der Türe.
Ich schaute an mir herunter. Oh, ich musste wirklich schrecklich aussehen, meine rote Nase, mein verwuscheltes Haar und das schon alte T-Shirt, das ein wenig ausgeblichen war und die Jogginghose. Eine wahre Prinzessin.
Ich hörte leise Schritte vor meinem Zimmer und einen Augenblick später war Legolas eingetreten und gab mir vorsichtig die große Tasse mit Tee.
„Danke.“ Wieder der nasale Ton. Wie ich ihn hasste.
Ich nahm vorsichtig einen Schluck und Legolas stellte die Tasse neben meinem Bett auf das Nachttischchen.
Dabei fiel sein Blick auf das Buch, dass ich seit ein paar Stunden las.
Er zog die Augenbraue hoch. „Wenn ich mich nicht täusche ist das englische Literatur. Ich hätte dich nicht so eingeschätzt, dass du etwas davon lesen würdest. Oder ist es etwa ein Teil deiner Schullektüre?“
Ich musste grinsen. „Nein, ich muss Sturmhöhe nicht lesen. Ich dachte mir, dass das mal eine ganz nette Idee wäre, immerhin will ich ja nicht dumm sterben. Aber naja, aufregend ist etwas anderes. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich den Anfang, also alles, was ich bisher gelesen habe, irgendwie nicht verstanden habe.“
„Dann musst du wohl noch einmal beginnen.“ Seine blauen Augen musterten mich und fingen dann zu leuchten an.
Er nahm das Buch von Tisch und schlug die erste Seite auf.
„Hättest du Einwände, wenn ich es dir vorlesen würde? Dann musst du mir nur zuhören und kannst dich vielleicht besser konzentrieren.“
„Hmm... vielleicht.“ Ich schaute ihn nachdenklich an. Wahrscheinlich konnte ich mich auf gar nichts konzentrieren, wenn er mir vorlas, aber das war nicht sein Problem. Und die Sprache passte sicher auch gut zu ihm, also warum nicht.
„Ich hoffe, dich stört es nicht von Schniefen unterbrochen zu werden.“
„Nein, Eirene.“
Er legte mir ein Päckchen mit Taschentüchern auf den Schoß, ich hatte das vorige schon aufgebraucht. Dann setzte er sich seitlich zu mir auf mein Bett - ich spürte wie die Matratze unter ihm einsank – und fing nach einem Blick auf mich an zu lesen.
Die Sturmhöhe - Erstes Kapitel
1801. Ich bin gerade von einem Besuch bei meinem Gutsherrn zurückgekehrt – diesem einsamen Nachbarn, der mir zu schaffen machen wird.
Was für eine schöne Gegend! Ich glaube nicht, dass ich in ganz England meinen Wohnsitz an einer anderen Stelle hätte aufschlagen können, die so vollkommen abseits vom Getriebe der Welt liegt. Ein echtes Paradies für Menschenfeind; und Mr. Heathcliff und ich sind das richtige Paar, um diese Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein famoser Bursche! Er ahnte wohl kaum, wie mein Herz ihm entgegenschlug, als ich sah, wie seine schwarzen Augen sich bei meinem Näherreiten so abweisend unter den Brauen verbargen und wie seine Hände sich in entschiedenem Misstrauen tiefer in sein Wams gruben, während ich meinem Namen nannte...*

Wie ich es mir schon gedacht hatte, schweiften meine Gedanken bereits nach dem ersten Absatz ab.
Sein Blick war in das Taschenbuch vertieft, das er vorsichtig in den Händen hielt um es nicht zu beschädigen.
Legolas Stimme klang leise und sanft durch das Zimmer, jagte mir Gänsehaut über den Rücken und ich hoffte, dass er nicht so schnell wieder aufhören würde zu lesen.
Sein schwarzes T-Shirt, zeigte seine schlanken durchaus muskulösen Arme, in denen ich schon ein paar Mal gelegen hatte und ich es wunderschön fand.
Er saß ein wenig gebeugt da und warf immer wieder einen Blick auf mich, während er die das Kapitel weiterlas. Ihm musst doch auffallen, dass ich ihm nicht mehr zuhörte? Oder war es ihm egal?
Seine Haare fielen ihm Strähne für Strähne einzeln ins Gesicht und berührten auch fast das Buch.
Ich konnte einfach nicht widerstehen, beugte mich vor und strich sie ihm wieder hinter die Ohren, die für mich immer noch die typische Blattform der Elben hatten.
Diesmal aber drängte ich die Frage, was das für mich heißen konnte und es sicher auch tat in den Hintergrund. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, nicht die empfindliche Ohrenspitze zu berühren, wie ich es vor fast fünf Monaten aus Versehen getan hatte. Ich war mir nicht sicher, was das für mich und Legolas bedeuten würde und hatte auch keine Lust das ausgerechnet jetzt, wo ich krank war, herauszufinden.
Seine blauen Augen ruhten auf mir und er war mitten im Satz stehen geblieben.
„... und als Strafe für meine Feigheit und Rohheit wurde ich aus dem Haus gewiesen.
Das war Heathcliffs Einführung in die Familie. Als ich einige Tage später...“
„Ich wollte nur... das muss dich doch sicher stören oder?“
Er schenkte mir ein Lächeln. „Danke, meine verschnupfte Herrin.“
Herrin... ich wurden ein bisschen rot, wie kam er denn auf diese Idee? Nur weil er mir vorlas?
„Hey, da kann ich nichts dafür, die Erkältung hat mich ganz hinterhältig von hinten angegriffen und überwältigt!“
„Sehr wohl.“ Noch immer spielte das Lächeln um seine Lippen und in seinen blauen Augen lag ein Ausdruck voller Zuneigung.
„Das mit Niklas beim Sommerfest, tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Ich weiß ja nicht einmal was ich mir gedacht hab. Es war einfach so der Augenblick und dann hat er mich geküsst und das habe ich mir schon ewig gewünscht.“
Ich sah ihn entschuldigend an, es konnte natürlich auch an der Erkältung liegen, aber ein bisschen fingen mir die Augen zu tränen an.
„Eirene.“ Er legte das Buch auf die orange Bettdecke und hob meine Gesicht vorsichtig unter dem Kinn an, sodass ich ihm in die Augen sehen musste „Du musst dich wirklich nicht entschuldigen. Es ist nun einmal passiert und selbst du und jeder andere auf der Welt können das Geschehene nun nicht mehr verändern noch rückgängig machen. Versuche dir darüber keine Gedanken mehr zu machen.“
Legolas ließ die Hand wieder sinken und schaute auf das Buch. „Soll ich noch weiterlesen? Mich beschleicht nämlich das Gefühl, dass du mir nicht im Geringsten zugehört hast.“
„Vielleicht war ich ja wirklich mit meinen Gedanken woanders.“ Ich nahm meinen Tee von dem Nachttisch und trank.
„Welches Gefühl ist es, wenn du krank bist?“ Das war jetzt eine wirklich merkwürdige Frage.
„Man fühlt sich einfach schlecht, matt und würde am Liebsten den ganzen Tag schlafen. Manchmal, wie in meinem Fall tut einem auch noch etwas weh, und es ist einfach nur ein schreckliches Gefühl. Ich hab mir schon oft gewünscht, dass ich ewig leben könnte und vielleicht nicht mehr krank würde.“
Seine Augen glitzerten. „Du wärst gerne eine Elbin.“
„Manchmal schon, aber dann frage ich mich, wie mich das ewige Leben verändern würde und ich weiß nicht, ob ich dann auch noch genau die Gleiche wäre. Wie ist es ewig zu leben?“
„Ich kann es dir wahrlich nicht beschreiben. Viele der Menschen, die ich kannte sind inzwischen gestorben, auch einige der Hobbits. Man sieht die Menschen um sich herum altern. Arwen entschied sich für ein menschliches Leben und ich denke manche Elben würden sich diese Wahl auch für sich wünschen. Wahrscheinlich bin ich noch zu jung um es gänzlich zu begreifen, aber es gibt die Überzeugung, dass das ewige Leben eine Bürde sein kann.“
„Wow, wie deprimierend. Das brauche ich jetzt irgendwie nicht, wie wäre es mit etwas mehr lustigem? Erzähl mir von Düsterwald und von deiner Kindheit dort.“
Legolas rutsche ein wenig näher an mich heran und meine von der Bettdecke eingehüllten Beine berührten ganz leicht seine. Eine seiner blonden Strähnen fiel ihm frech ins Gesicht.
Ich hoffte, dass ich ihn nicht wieder daran erinnert hatte, dass er sein Heimat so schnell nicht wieder sehen würde, wenn überhaupt.
Aber zum Glück war das nicht der Fall.
In diesem Moment mit dem von der Erinnerung glücklichen Gesicht, wirkte er unglaublich jung. Selbst für einen Menschen.
Seine blauen Augen leuchteten, als er anfing mir von den hohen Bäumen und den Streichen seiner Kindheit zu erzählen.

In den letzten zwei Tagen hatte ich mich der Erkältung gestellt und nun am Abend des 31. Dezembers ging es mir wirklich schon besser. Ich hustete wie eine Verrückte, aber wenigstens fühlte ich mich nicht mehr so krank wie das der Fall gewesen war als Legolas mich besucht hatte. Bei weitem nicht.
Meine Vater hatte gestern ziemlich viel Feuerwerk eingekauft (ein kleiner Teil meines Weihnachtsgeschenks) und im Keller sicher verstaut. Heute Vormittag hatte er sich dann auch noch die Flaschen, die für die Raketen als Startrampe dienten, gesucht und schon einmal ein paar Feuerzeuge und Streichhölzer bereitgelegt. Natürlich hatte ihm das alles meine Mutter aufgetragen, denn sonst machte er es ein paar Minuten vor Mitternacht und dann endete es in einem Chaos.
Ich hatte mich warm angezogen, denn ein Kleid hielt ich bei einer Erkältung nicht für sehr sinnvoll.
Dann waren Oma und Legolas, der wieder atemberaubend schön aussah in seiner Jeans und dunkelblauen Hemd und den sorgfältig zurück geflochtenen Haaren – langsam glaubte ich, dass das ein Attribut eines Elben war, auch wenn mir bisher nur ein einziger begegnet war - um 22 Uhr zu uns gekommen. Irgendjemand (ich glaube, es war meine Großmutter um die Stimmung ein wenig aufzuheitern) hatte die Idee zu einer Partie Monopoly gehabt. Es war zwar witzig, aber danach konnte ich fast nicht mehr reden. Während der Partie hatten wir alle durcheinander gesprochen und um die wirklich guten Deals zu machen und auch an die Straßen zu kommen, die man wollte, musste man die Stimme doch ein bisschen erheben.
Am Schluss hatte Legolas gewonnen, dies war sein erstes Mal gewesen, dass er das Spiel gespielt hatte und mein Vater hatte ein bisschen mit Unglauben reagiert („Du musst es schon gespielt haben, jeder hat Monopoly schon gespielt. Eirene hat es mit 7 Jahren zum ersten Mal gespielt“). Mittendrin stellte mein Mutter Legolas eine Frage, die wirklich absolut nichts mit dem Spiel zu tun hatte. „Wo hast du gelernt, die Haare so zurück zu flechten? Das grenzt ja fast schon an Kunst!“
„Ich brachte es mir selbst bei, ein wenig davon zeigte mir auch meine Mutter.“
„Ein bisschen erinnert mich das an...“
Bevor sie weitergrübeln konnte und vielleicht sogar noch auf die richtige Antwort kam (sie hatte nämlich einmal vor vielen Jahren Herr der Ringe als Film gesehen), warf meine Großmutter ein „Sophia, wolltest du nicht mein Bahnhof haben? Ich geb ihn dir für die Münchener Straße.“

Nebenbei verschwanden auch etliche Mengen an Knabberzeug und meine Mutter war auf die blendende Idee gekommen, dass man doch auch eine Flache Rotwein aufmachen konnte.
Schließlich konnte man dieses spezielle alte Jahr nur einmal feiern.
Kurz vor 23:45 Uhr standen drei leere Flaschen auf dem Tisch.
Legolas hatte natürlich auch etwas getrunken, aber ihm merkte man nicht den Hauch davon an. Ganz anders als meiner Mutter.
Das hatte ich auch von ihr geerbt. Ich konnte wirklich nicht viel trinken, ich war schon nach drei Gläsern Wein total beschwipst.
Deswegen hatte ich mich heute auch zurückgehalten, wer weiß schon wie sich eine Erkältung mit Wein verträgt?
Das Spiel war zum Glück schon eine halbe Stunde vor Mitternacht zu Ende gewesen, denn ich hätte meiner Familie durchaus zugetraut, trotzdem weiter zu spielen. Wenn sie einmal angefangen hatten, waren sie schwer vom Abbrechen zu überzeugen.
Zehn Minuten vor Mitternacht gingen wir dann in die Garderobe um uns dick einzumummeln.
Ich holte mir meine beerenfarbene Winterjacke und wollte sie gerade allein anziehen, als Legolas sie mir elegant aus den Händen nahm und mir hineinhalf. Es hätte mich, ehrlich gesagt, nicht wirklich wundern sollen. In Mittelerde wurde man als Frau ja noch auf den Händen getragen, jedenfalls, wenn man die richtigen Eltern hatte.
Er nahm vorsichtig meine Hand, als wir nach draußen gingen. Gestern hatte es geschneit und heute Vormittag hatte die Sonne geschienen und es sogar auf eine Temperatur von plus 4° C geschafft. Das Ergebnis lag nun als Eis zu meinem Füßen.
„Ich kann es nicht ertragen, wenn du stürzt und dich verletzt.“ Meine Oma die kurz vor uns war, drehte sich darauf um und warf uns einen, für mich etwas rätselhaften, Blick zu. „Natürlich nur, wenn du es erlaubst.“
„Gerne.“
Wir gingen durch unseren Garten zur Straße und tatsächlich hielt mich Legolas einmal vom Stürzen ab. Sah mir dabei aber nur in die Augen und hielt mich an den Händen fest.
„Deine Hände sind wirklich erschreckend kalt, Eirene.“
„Och, das sind sie eigentlich immer, frag meine Mutter oder meine Oma. Es kann nicht jeder ein Elb sein. Den zweiten Satz flüsterte ich an seiner Schulter, denn mir war mal wieder aufgefallen, dass ich im Vergleich zu ihm wirklich klein war.
Anscheinend hatte er es gehört, denn ein mildes Lächeln stahl sich auf seine Züge. „Du hattest dir aber doch Handschuhe mitnehmen können.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Die habe ich eben vergessen, man kann nicht an alles denken. Ich hab schon einen überdimensionalen Schal und eine kuschelige Mütze. Die Handschuhe haben einfach nicht hier geschrieen.“
Wir blieben hinter meinem Eltern auf dem Gehweg stehen und Legolas ließ zu meinem Bedauern meine Hand wieder los. Jetzt fiel mir erst auf wie warm sie doch gewesen war.
Überall um uns herum standen schon Nachbarn auf der Straße oder waren gerade dabei aus ihren Häusern zu kommen.
Herr Koller auf der anderen Seite der Straßen war gerade dabei unter den Blicken seines siebenjährigen Sohnes Marco, die Raketen in die Flaschen zu stellen und sich sein Feuerwerk auf dem Asphalt zurecht zulegen.
Die Nacht war sternklar, entsprechend kalt war es auch.
Meine Mutter kam mit ihrer Stofftasche auf mich zu.
„Schätzchen, ich hab hier die Wunderkerzen und so anderen Kleinkram.“ Dann warf sie einen Blick auf meine Hände. „Du kannst meine Handschuhe haben.“
„Nein, dann kann ich ja keine Wunderkerzen halten. Ich stecke die Hände einfach in meine Jackentasche.“ Ich grinste sie zwischen meiner Mütze und meinem Schal an.
Damit wandte sie sich an Legolas. „Du kannst gerne meinem Mann ein bisschen helfen. Er ist ein bisschen chaotisch“, sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, „Pass auf, dass er sich nicht selbst anzündet.“ Sie zwinkerte dem Elben zu.
Ich stand noch eine Weile so da und machte nichts als meine Nachbarn, die ich höchst selten mochte, und meinen Vater zusammen mit Legolas zu beobachten wie sie das Feuerwerk sortierten.
Meine Mutter kramte indes aus ihrer Tasche die große digitale Uhr heraus, welche auch mit einer Sekundenanzeige ausgestattet war und sehr genau ging.
Die hellblauen Ziffern zeigten 23:58:46 an.
In nicht einmal zwei Minuten würde das neue Jahr beginnen.
Um uns herum zündete man schon vereinzelt das Feuerwerk an und die dunkelblaue fast schwarze Nachthimmel wurde hier und da von Rakteten und Fontänen beleuchtet.
Ich staunte mal wieder wie eigentlich jedes Jahr nicht schlecht, was für einen guten Ausblick man doch von unserem Haus hatte, denn nach den Häusern auf der anderen Straßenseite begann das Land ein wenig abzufallen und ermöglichte es uns wie jedes Jahr auch das Feuerwerk der Leute zu sehen, die dort wohnten.
Meine Oma berührte mich an der Schulter und ich schaute wieder auf die Digitaluhr.
23:59:49 Uhr.
Gleich war es soweit und ich begann zusammen mit meiner ganzen Familie, Legolas und ein paar der Nachbarn lauthals herunter zu zählen.
Naja, oder versuchte es zumindest. Durch das Monopoly-Spielen war meine Stimme vielleicht ein bisschen mehr als ein Krächzen, wenn ich lauter als Zimmerlautstärke sein wollte.
„Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Null.“
Bei der letzten Zahl gingen viele der Feuerwerksbatterien los und tauchten die Straße in viele verschiedene Lichter. Ich kam gar nicht mehr hinterher mit dem Ansehen.
Stumm staunte ich über das viele und wunderschöne Feuerwerk.
Mein Vater und Legolas waren eifrig dabei auch unseres zu Entzünden und ich öffnete vor Staunen den Mund, den ich aber wegen der kalten Luft schnell wieder schloss.
Das war mit das beste Weihnachtsgeschenk. Ich dachte an den Armreif, der sich warm von meiner Körpertemperatur um mein rechtes Handgelenk schloss. Zusammen mit dem von Legolas. Mein Grinsen verstärkte sich noch ein bisschen mehr und ich schaute weiter auf den bunten Nachthimmel.

Ein bisschen später zündete Legolas flink eine der großen Fontänen an und trat dann ein paar Schritte zurück.
Der Lichtschein, weiß und kalt, umspielt sanft seine Gestalt und ließ seine langen Haare, die sich in dem leichten Wind ein wenig bewegten und seine schönes Profil nahezu erstrahlen.
Fast wie man es sich immer bei Engeln vorstellte.
Ich fasste mir an die Stirn hatte ich Fieber?

Nach weiteren Batterien, Raketen und was nicht sonst noch alles in den drei Tagen vor Silvester kaufen konnte, kehrte mein Vater, Legolas im Schlepptau, der sich mit seinem leichten Gang, sehr von ihm abhob, zu meiner Mutter zurück und nahm sie in den Arm um sich die restlichen Silvesterknaller und -raketen mit ihr anzusehen.
Denn die Gemeinde war noch lange nicht fertig. Viele der Menschen hatten sich wahrscheinlich noch die Fernsehsendungen zu Ende angeschaut und waren erst ein paar Minuten nach Mitternacht aus ihrem Häusern getreten.
Dementsprechend dauerte ihr Feuerwerk auch länger.
Oder sie hatten sich dazwischen mit anderen Leuten und Bekannten unterhalten und ihnen ein „Schönes neues Jahr und guten Rutsch!“ gewünscht.
Das, was meine Familie eben jetzt nachholte. Ich bekam die Hand von meinen Eltern und meiner Oma geschüttelt mit dem Zusatz „Und ein gutes Abitur, Eirene.“ und wurde aber wegen der Erkältung nicht umarmt. Ich konnte es meiner Familie nicht verübeln. Niemand wollte gerne krank werden.
Dann stand Legolas vor mir und wünschte mir: „Gell nan idhrinn eden, nin baneth!“
Ich zog meine Augenbraue hoch, im Gegensatz zu ihm war ich nicht mit Sindarin aufgewachsen.
„Das Erste heißt in etwa Gutes neues Jahr, Eirene.“ Er lächelte und umarmte mich dann.
Ja, Elben waren krankheitsresistent. Der Blick meiner Familie lag auf uns beiden und ich war froh, dass das Knallen in der Umgebung wohl dazu gereicht hatte, dass sie uns nicht gehört hatten, immerhin war es fast geflüstert gewesen. Aber was hieß das Zweite, dass er auch schon an Weihnachten zu mir gesagt hatte?
Meine Mutter trat an Legolas heran und meinte lächelnd. „Du hast ja wie es aussieht keine Angst vor einer Erkältung?“
„Ich wurde mit einem guten Immunsystem gesegnet.“ Er zwinkerte mir verstohlen zu.
„Komm, ich habe noch Wunderkerzen und dann haben wir ja da auch noch einen Sekt.“
Sie zog mich an der Hand mit und Legolas ging mit großen Schritten neben mir her.

Es wurde noch eine schöne Nacht bevor wir gegen 2 Uhr morgens - oder war es da noch Nacht? - meine Großmutter und Legolas verabschiedeten, meinen Eltern konnte man die vielen Gläser Wein und Sekt anmerken, wohingegen Legolas sich noch immer so benahm, als hätte er nichts getrunken und wäre von meinen Eltern nicht heimlich abgefüllt worden.
Ich dachte schmunzelnd an die Szene der Extended Edition von Der Herr der Ringe Die zwei Türme und versuchte es mir zu merken, dass ich nie gegen ihm wetttrinken sollte.
Erschöpft sank ich in meinem Schlafanzug in mein Bett und kuschelte mich in die Kissen, doch bevor ich einschlafen konnte, musste ich noch einmal kräftig husten.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht sank ich dann jedoch mit einem Bild vor meinem inneren Augen in das Traumreich.

Emily Brontë Die Sturmhöhe insel Taschenbuch (durchaus nicht meine Leistung ;))

„Das ist ein Stabdiagramm, dann gibt es noch das Histogramm und die kumulative Verteilungsfunktion, die man auch Treppenfunktion nennen kann. Ihr werdet gleich sehen, warum.“
Mein Mathelehrer hatte, während er sprach, die verschiedenen Typen der Diagramme an die Tafel gezeichnet. Ein wirklich hübsches Sammelsurium von verschiedenen Kreidefarben und Strichen.
Ich mochte Mathe wirklich, aber Wahrscheinlichkeitsrechnung war irgendwie nicht so ganz mein Fall. Das änderte zwar nichts daran, dass ich mit meinem nach-Bauchgefühl-lösen der Aufgaben meistens richtig lag, aber richtig Spaß machte es mir nicht.
Doch heute konnte ich mich gar nicht konzentrieren und eigentlich konnte ich mir den Grund schon denken, aber ich wollte ihn einfach nicht wahrhaben.
Das war sowas von lächerlich, unlogisch und unvernünftig.
„Eirene, kannst du uns das Ergebnis sagen?“ Ich warf einen Blick auf mein Heft, in dem zwar die Aufgabe stand, aber nicht die Lösung. Irgendwie war ich mit meinen Gedanken zu beschäftigt gewesen um zu merken, dass wir die Aufgabe machen sollten.
„Tut mir leid, Hr. Heckert, ich hab nichts rausbekommen.“ Er sah mich ein wenig irritiert an, aber dann rief er einfach den Nächsten auf. Eigentlich konnte er sich darauf verlassen, dass ich fast immer etwas herausbekam und dass die Ergebnisse sehr oft auch stimmten. Gut, manchmal nicht, aber man kann nicht immer richtig liegen.
Ich war manchmal echt froh, dass er mich anscheinend mochte und ich auch noch das Glück hatte in Mathe gut zu sein. Mit einigen anderen der Mädchen, die sich immer etwas dumm anstellten, hatte er nicht so viel Geduld. Wäre ich eine von ihnen gewesen, hätte ich jetzt einen Vortrag zum Thema „Mangelnde Aufmerksamkeit im Unterricht“ bekommen.
So konnte ich wieder zum Fenster herausschauen und mir insgeheim die Frage stellen, was Legolas eigentlich den ganzen Tag so machte, denn er hatte es mir immer noch nicht verraten wollen.
Schließlich konnte er nicht den ganzen Tag nur herumsitzen und Däumchen drehen, denn da war ich mir sicher, das würde er nicht aushalten, jedenfalls nicht auf Dauer.
Aber warum hatten wir uns dann die restlichen Tage meiner Weihnachtsferien jeden Nachmittag treffen können? Sehr komisch, aber ich würde sicher noch dahinter kommen.
Das Klingeln, dass das Ende der Mathestunde ankündigte, ging fast in meinem vor Gedanken überquellenden Kopf unter und doch stand ich mit den Anderen zusammen auf und quetschte mich durch die Türe auf den erleuchtete Schulflur, der in die Pausenhallen führte.
Zum Glück war Mathe meine letzte Stunde gewesen und Montag war auch einer der wenigen, um genau zu sein zwei Tage, an denen ich keinen Nachmittagsunterricht hatte.
„Kommst du noch zum Pizzaessen mit?“ Silvia schaute mich mit ihren warmen braunen Augen erwartungsvoll an.
Ach ja, das hatten wir eigentlich schon vor Weihnachten geplant, Eva, Silvia und ich hatten mit ein paar anderen Mädchen aus unserer Klassenstufe zum Essen gehen wollen.
Und ich hatte es komplett vergessen, meine Großmutter hatte mich nämlich zum Mittagessen bei ihr eingeladen und ich hatte schon zugesagt. Mist.
„Ähm, tut mir leid, aber ich habs total vergessen und meine Oma kocht schon für mich.“ Ich sah sie schuldbewusst an.
„Ach, dann machen wir das eben nochmal irgendwann, man kann schließlich nie genug Pizza haben oder?“ Sie zwinkerte mir zu und wandte sich an ein Mädchen, dass ich aus meinem Kunstkurs kannte. Für ihre Unkompliziertheit könnte ich sie manchmal echt küssen. Jede andere Freundin hätte mir an dieser Stelle die Hölle heiß gemacht, warum ich dieses Treffen vergessen hatte.

Als ich aus der Eingangstüre des Gymnasiums trat, begrüßte mich zwar strahlender Sonnenschein, nach den grauen Wolken der letzten Wochen wirklich ein Grund zur Freude, aber die Luft war wie im Winter üblich eiskalt und ich kuschelt mich ein wenig tiefer in meine Winterjacke.
Ich hatte meine Oma nicht gefragt, ob Legolas ebenfalls da sein würde, aber ich nahm es an. Wie sollte ich nach den ganzen Gedanken, die ich in den vergangenen Tagen gehabt hatte, wenn ich allein war, noch mit ihm reden? Ich bekam ihn nicht aus dem Kopf, so viel war mir inzwischen klar.
Und ich konnte sein Verhalten nicht deuten, denn wie ich nun wusste, lag ihm viel mehr an mir als einem an einer normalen Freundin liegen sollte.
Aber er war so distanziert.
Ich schüttelte meinen Kopf. Soweit war ich schon ein paar Mal gewesen und doch kreisten meine Gedanken in meinem Kopf und kamen zu keiner Lösung.
Gerade war ich halb über den Schulhof gelaufen, als von links ein Schüler aus meiner Jahrgangsstufe zu mir kam.
Er war mir erst ein paar Mal aufgefallen, denn meistens verhielt er sich still und unauffällig, als wollte er um keinen Preis auffallen.
Er hatte den Kopf gesenkt und ging zögernd in meine Richtung.
Ich sah ihm verwundert zu. Wenn ich mich recht erinnerte, hatte ich mit ihm noch kein einziges Wort gewechselt.
Ein paar Schritte vor mir stoppte er langsam und sah dann kurz zu mir. Seine schwarzen Haare standen ihm an einer Seite vom Kopf ab und sein Blick huschte ruhelos umher und kam nicht einmal einen Augenblick lang auf mir zu liegen.
Er brachte ein leises „Hi.“ zustande, als ich mich an seinen Namen zu erinnern versuchte. Ich wusste, dass ich ihn mindestens schon ein paar Mal gehört hatte, immerhin hatte ich ein paar Kurse mit ihm zusammen.
„Hi.“ Ich schaute ihn fragend an. Was wollte er von mir und warum kam er gerade heute auf die Idee?
„Ähm... wir haben doch ein paar … paar Fächer zusammen.“ Seine grauen Augen schaute mich unsicher an.
„Ja, Mathe und Biologie, oder?“ Ich versuchte immer noch, dass mir sein Name einfiel.
Er nickte langsam. „Ich habe mich ge-....... gefragt ob du vielleicht mal mit mir Eislaufen gehen willst? Ähm... vielleicht heute?
Das kam jetzt einigermaßen unerwartet. Aber wenigstens war mir endlich sein Name eingefallen. Es ist echt blöd, wenn man die Person vor einem nicht mit dem richtigen Namen ansprechen konnte.
„Johannes, das tut mir wirklich leid, aber ich habe heute leider keine Zeit. Außerdem kenne ich dich doch auch fast gar nicht.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln.
Er senkte den Kopf. „Schon gut. Vielleicht ein andermal.“
Dann drehte er sich um und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Ich schaute ihm mit einem Stirnrunzeln hinterher. Was ist denn das gewesen?
Ich zuckte mit den Schultern und lief in Gedanken über den Schulhof.
Bevor ich in eine Straße abbiegen konnte, die zu Omas Haus führten, berührten Finger leicht meine Hand.
Ich löste meinen Blick vom Boden und dann trafen meine Augen leuchtend blaue. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht meinte Legolas. „Wie mir scheint bist du sehr unaufmerksam, Eirene. Es ist mir ein Rätsel wie du es bisher bewerkstelligt hast von keinem Auto erfasst zu werden oder gegen einen Baum zu laufen.“
Ich schaute auf meine Hand, aber die leichte Berührung war schon wieder vorbei, sie hatte nur einen Moment lang gedauert.
Dabei war sie so schön gewesen.
Dann sah ich zu dem Elben auf. „Das ist alles Können. Über Jahre angeeignet.“
Wir gingen eine Weile nebeneinander her.
„Ich nehm mal an, dass du mit Oma und mir essen wirst?“
„Wie kannst du nur auf diese Idee kommen?“ Dann warf er mir einen Seitenblick zu. „Natürlich, so ein prunkvolles Bankett lasse ich mir nicht entgehen.“
Wir gingen eng beieinander und ich tastete nach seiner Hand. Ich konnte einfach nicht anders.
Seine Haut war gegen meine kalte, warm und weich. Dann zog Legolas die Hand weg.
„Soll ich dir deine Tasche abnehmen?“
Okay, was hatte ich falsch gemacht?! Was zum Teufel ging in ihm vor?
Nach ein paar Schritten fiel mir aber auf, dass Legolas stehen geblieben war.
„Oh, die Tasche, klar.“ Ich gab ihm die blaue Umhängetasche.
Seine Blick musterte mich. „Ich-“
„Können wir weitergehen? Wir sind fast da und mir ist mittlerweile ein bisschen kalt.“
„Sicher. Eilen wir uns, sonst ist deine Großmutter verstimmt, weil wir zu spät zum Essen erscheinen.“
„Ist wahrscheinlich besser.“


POV Legolas

Den restlichen Weg gingen wir ohne zu sprechen nebeneinander. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich Eirene, die sonst immer ein Thema fand, über das wir sprechen konnten, auf irgendeine Weise gekränkt oder ärgerlich gemacht hatte.
Wie sie versucht hatte, meine Hand zu nehmen. Ihre von der Winterluft kalten Finger auf meiner Haut.
Und dann hatte ich meine Hand weggezogen. Es war eine Kurzschlusshandlung gewesen und ich bereute sie bereits, denn ich hatte Eirene augenscheinlich verletzt.
Aber mir war der Satz von Walburga wieder in den Sinn gekommen und aus einem unerfindlichen Grund hatte ich Angst, vor dem, was schief gehen könnte. Dass es nicht funktionieren würde mit Eirene und mir.
Als das Schweigen fast unerträglich wurde, tauchte vor uns das verschneite Gartentor von Walburga wie durch eine Fügung der Valar auf.
Irgendwann einmal müssten wir darüber reden, aber noch war die Zeit nicht gekommen.
In der Entfernung von ein paar Häusern sah ich einen jungen Mann mit schwarzem Haar wie er in eine Seitenstraße verschwand. In einem der benachbarten Gärten hatten Kinder einen großen Schneemann mit Kohleaugen, einer Gelberübennase und Ästen als Arme gebaut.
Im Düsterwald gab es im Winter vor den Häusern und im Palastgarten auch solche Schneefiguren, gebaut von allen Elben, nicht nur Kindern und damit auch sehr viel sorgfältiger gestaltet und auch ohne Hilfsmittel wie Äste auskommend.
Dann folgte ich Eirene durch die Haustüre in den Flur.

Walburga stand natürlich schon an der Türe bereit um uns zu begrüßen und auch die Wintermäntel in die Garderobe zu hängen. Ich wunderte mich, wie schon so viele Male, wie sie das nur fertigbrachte, denn die feinen Ohren der Elben mit denen sie unsere Ankunft würde hören können, hatte sie als Mensch nicht.
Aber als ich sie fragend anschaute, zwinkerte sie mir nur kurz zu und verwickelte Eirene dann in ein Gespräch über ihre Lehrer.
Allerdings schien sie die gedrückte Stimmung zwischen meiner Wenigkeit und Eirene zu bemerken, als wir alle zusammen am Esstisch saßen und es normalerweise immer sehr viel zu bereden gab. Jetzt aber verlief das Mittagessen ungewöhnlich still. Jedes Mal, wenn ich Eirene einen Blick zuwarf, senkte sie ihren Kopf oder sah in eine andere Richtung.
Wo es sonst ein angeregtes Gespräch zwischen ihr und mir gab, war heute nur Stille durchbrochen von den Einwürfen Walburgas, von ihr gingen alle Gespräche aus und sie war auch der Angelpunkt dieser. Der Vorschlag von ihr, ob Eirene nicht auch einmal bei mir Bogenschießen lernen wollte, blieb unbeantwortet.


POV Eirene

Es war wirklich eine Erleichterung, als das Essen vorbei war, ich meiner Oma noch schnell beim Abtrocknen geholfen hatte und endlich das Haus verlassen und so auch Legolas dort zurücklassen konnte. Während des Essens hatte ich ihn nicht einmal wirklich angeschaut, ich war einem Gespräch mit ihm aus dem Weg gegangen und hatte den Vorschlag zum Bogenschießen schlicht und einfach nicht beantwortet. Selbst dem blindesten und taubsten Menschen der Welt musst aufgefallen sein, dass etwas zwischen mir und dem Elben nicht stimmte und meiner Oma ganz sicher.
Aber ich wusste einfach nicht mit dem Verhalten von Legolas umzugehen und noch weniger mit meinen dadurch ausgelösten Gefühlen.
Was war bloß in diesen dummen Elben gefahren!
Ich holte mir ein bisschen Schnee von einer der akkurat geschnittenen Hecken neben dem Gehweg, formte einen großen Schneeball und pfefferte ihn auf den Asphalt vor mir um meinem Ärger Luft zu machen.
„Männer!“
So richtig half es zwar nicht, aber wenigstens war ich jetzt nicht mehr ganz so wütend.
Als ich wieder aufschaute, war auf der anderen Straßenseite ein älterer Mann mit seinem Hund stehengeblieben und schaute mich komisch an.
Hatten die Leute keine anderen Probleme?
Dann machte ich mich schnell auf den Weg nach Hause, denn mittlerweile fing es leicht zu schneien an und ich wollte nicht wie ein Schneemann zuhause ankommen.

Und wieder einmal saß ich in einer Biologiestunde. Ich mochte Biologie wirklich, aber das was wir gerade machten, der Bauplan von Synapsen, war nicht wirklich interessant. Aber ich quälte mich durch die Stunde (zum Glück war es wirklich nur eine Schulstunde) und schaffte es sogar meine Gedanken so in Schach zu halten, dass ich mich meistens auch darauf konzentrieren konnte. Alles in allem war meine Konzentration wirklich herausragend im Vergleich zu ein paar anderen Unterrichtsstunden.
Zehn Minuten vor dem Ende der Stunde legte meine Lehrerin dann die Kreide weg und stellte sich vor das Pult.
Bestimmt gibt es jetzt die Kurzarbeiten zurück.
Und ich hatte recht.
„Über die Ferien war ich fleißig und haben die Kurzarbeiten korrigiert und werde sie jetzt zurückgeben.“ Eine Pause um das ganze Gemurmel abzuwarten.
Inklusive meiner Banknachbarin, die sich ganz und gar nicht über die Rückgabe zu freuen schien. Wenn ich mich recht erinnerte, war Biologie nicht so wirklich ihr Lieblingsfach.
„Mich hat es erstaunt, dass ihr bei dem Thema so schlecht wart, immerhin ist es doch relativ einfach gewesen. Der Notenschnitt liegt bei 8,6 Punkten. Ich werde euch den Notenschlüssel nächstes Mal anschreiben.“
Dann begann sie durch den Bioraum zu gehen und die Arbeiten zu verteilen.
Als sie vor mir stehen blieb, lächelte sie. „Wenn man gut lernt, bekommt man auch eine gute Note.“
Ich warf einen Blick auf die Kurzarbeit. 14 Punkte. Bisher hatte ich die Punktezahl noch nie in Biologie geschafft. Richtig cool.
Und dann flammten vor meinem geistigen Auge die Erinnerungen an das Lernen mit Legolas auf. Wie ich mit einem Kissen nach ihm geworfen hatte, sein Blick, wenn ich alles richtig hatte und sein Kompliment über meine Schrift.
Zwar versuchte ich das alles zu verdrängen, aber das wollte irgendwie nicht klappen und so saß ich immer noch an meinem Platz mit der Kurzarbeit in der Hand, als es schon lange geklingelt hatte und schließlich meine Lehrerin zu mir kam.
„Hast nicht jetzt auch Unterricht? Ich muss nämlich absperren und habe jetzt eigentlich eine Vertretungsstunde in der 6. Klasse.“ Sie sah mich an.
„Bist du wirklich über die Note so überrascht?“
Ich schaute sie nur einen Augenblick an, brachte es dann fertig meinen Kopf zu schütteln und ging dann zu meinem nächsten Unterricht.

Nicht sehr überraschend kam ich zu spät und handelte mir damit das Tafelwischen am Ende der Stunde ein. So beliebt es auch in der 5. Klasse gewesen sein mochte, wir alle waren faul geworden und das Tafelwischen so zu lästigen Tätigkeit, man stritt sich nicht mehr um den Tafelschwamm und auch nicht um den Abzieher, mit dem man die Tafel wieder einigermaßen trocken bekam.
Ich setzte mich nur stillschweigend, nach einem Nicken auf meinen Platz und ließ die Stunde an mir vorbei ziehen. Das Konzentrieren auf etwas, das nicht mit Legolas oder meinen Erinnerungen und Gefühlen zu tun hatte, konnte ich eh vergessen. Also versuchte ich es auch gar nicht.
Meine Gedanken kreisten immer wieder um die Frage, warum sich Legolas so verhielt wie er sich verhielt.
Mir war klar, dass er mich mochte und das nicht als eine Freundin. Also was hinderte ihn daran, endlich dort weiter zu machen, wo wir waren, bevor diese Sache mit Niklas passiert war. Oder hatte ich ihn damit zu sehr verletzt?
Oder dachte er jetzt, er wäre für mich nur die zweite Wahl?
Am liebsten hätte ich mich geohrfeigt für die Beziehung mit Niklas, im Grunde hätte man das je eigentlich auch vorhersehen können oder nicht?
Mein Gott, was hatte ich mir denn gedacht, im Grunde hatte ich doch gewusst, dass ich ihn nur deshalb so toll gefunden hatte, weil er mich eben nie auf diese Weise gesehen hatte. Und das, was ich mir da all die Jahre des stummen Schmachtens ausgemalt hatte konnte man als normaler Mensch doch gar nicht erfüllen.
Klar, die Sache mit Legolas war nicht sehr optimal gelaufen. Allerdings sollte ich lieber dankbar sein, dass er eifersüchtig war und dann den Fehler mit Hanna verbrochen hatte (oder wie es auch immer dazu gekommen sein mag), denn ich bin mir sicher, dass ich meinen Irrtum, die Illusion oder wie man es auch nennen mag, nicht so schnell erkannt und Zeit an ihn verschwendet hätte.
Die Erkenntnis war schon einmal nicht schlecht, aber sie half mir bei meinem Problem mit Legolas wirklich nicht sehr viel weiter.

Mittlerweile war ich mal wieder auf dem Weg nach Hause. Der Schnee, der von der Straße her zu großen Haufen aufschichtet war, färbte sich langsam schon gräulich schwarz. Es hatte schon seit einigen Tagen keinen neuen Schnee mehr gegeben.
In meinem kuschelig warmen Zimmer angekommen, schaltete ich erst einmal mein Notebook ein. Ich wollte ein bisschen auf facebook schauen, vielleicht bekam ich dann endlich die ganzen Gedanken zu Legolas aus dem Sinn, denn ich kam ja ohnehin nicht vom Fleck.
Ein paar Neuigkeiten, die ich noch nicht gesehen hatte, aber was um einiges interessanter war eine Freundschaftsanfrage.
Von Johannes Leidl.
Auf den ersten Blick konnte ich nicht sehr viel mit dem Namen anfangen. Dann sah ich mit wem er befreundet war.
Es machte Klick.
Johannes. Von gestern.
Ich war nämlich längst nicht mit allen aus meiner Jahrgangsstufe befreundet, erstens, weil ich bei den Versammlungen, die seit Anfang der Q11 stattfanden immer wieder Leute entdeckte, die ich einfach nicht kannte und zweitens konnte ich längst nicht jeden den ich von der Stufe kannte auch ausstehen.
Ihn musste ich in den vergangenen Monaten irgendwie immer übersehen haben.
Aber sollte ich ausgerechnet jetzt die Anfrage annehmen, nicht dass Johannes noch auf falschen Gedanken kam. Er war ja bestimmt ganz nett, aber ich wollte eben Legolas und das ohne vermeidbare Umwege und solche Sachen.
Andererseits vielleicht kam er ja auch auf die falschen Idee, wenn ich sie nicht annahm?
Das war jetzt blöd...
Mein Bauchgefühl sagte mir, ich sollte sie lieber annehmen.
Ich bewegte den Cursor auf Freundschaft annehmen und damit war's dann auch schon getan.
Nun bleib nur noch zu hoffen, dass ich auch das Richtige gemacht hatte.
Dann schaute ich mir noch meine Startseite genauer an und las die „Neuigkeiten“. Manchmal fragte ich mich wirklich, was andere Menschen alles auf facebook stellten, oder besser für wichtig genug hielten, dass es auch ihre ganzen Freunde und vielleicht auch noch die ganze Welt wissen wollte.
Ich schüttelte still meinen Kopf.
Schließlich entschied ich mich auch noch für einen Abstecher auf FanFiktion. Vor ein paar Jahren war ich mal per Zufall darüber gestolpert und weil ich Geschichten wirklich sehr liebte, blieb ich auch bei ein paar Fanfiktions hängen. Und normalen Geschichten. Dann hatte ich mir auch noch einen Account gemacht und damit waren meine Favoriten wirklich wöchentlich angewachsen. Nur Schreiben wollte ich nie. Irgendwie hatte ich dafür auch keine Talent. Ich hatte es ein paar Mal versucht.
In letzter Zeit jedenfalls las ich ziemlich viel in der Herr-der-Ringe- bzw. der Mittelerde-Kategorie und ein böser Hinweis darauf, dass bei einer Legolas-Geschichte ein neues Kapitel herausgekommen war, tat das übrige um mich wider an ihn denken zu lassen.
Ich schaute auf die Uhr. Immerhin ganze 10 Minuten, in denen ich nicht über ihn gegrübelt hatte. Rekord der letzten Tage!
Und das war wirklich sehr traurig.
Jedenfalls für mein Empfinden als von Männern unabhängige Frau.
Oder eben Mädchen.


POV Legolas

Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich das Verhalten fast in jeder Minute an Eirene denken zu müssen mit ihrer Beziehung zu Niklas, währenddessen es nach einer Zeit einfach zu schmerzhaft geworden war, abgehakt hatte.
Nur waren meine Gedanken anscheinend diesbezüglich falsch gewesen, denn nun kreiselten sie wieder um sie, wobei ich mir überlegte, wie ich die Sache auf dem Weg zu Walburgas Haus wieder ungeschehen machen könnte ohne ihr zu sehr nahe zu kommen, denn dafür konnte sie noch nicht bereit sein.
Ich war mir sicher, dass genau dieses Ereignis der Grund für ihre Verletztheit war und warum es sich zwischen uns derart zum Schlechteren gewendet hatte. Menschen hatten es in dieser Hinsicht sicher einfacher, sie verliebten sich öfters, jedenfalls war ich zu diesem Schluss gekommen, und dadurch konnten sie etwaiger Fehler vermeiden oder hatten mehr Übung in der Liebe. Elben dagegen verliebten sich meist nur ein einziges Mal und das dann für immer.
Ich drehte meinen Stift gedankenverloren in der Hand, dem Menschen, der vorne stand und erzählte, hörte ich schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr zu. Die Probleme mit der Einen, die ich liebte und immer lieben würde egal, was ich machte, waren mir in diesem Moment wichtiger, denn es würde über mein Glück oder Unglück entscheiden.
Und was viel wichtiger war, ich wollte sie nicht verlieren.
Nicht durch das unüberlegte Handeln von mir, denn wenn wir wirklich nicht als Liebende von den Valar bestimmt waren, dann sollten wir wenigstens Freunde bleiben. Ich konnte mich auch zügeln und mit der unerfüllten Liebe leben.

POV Fanel

Es waren viele Tage vergangen und die Jahreszeit hatte sich gewechselt von Winter in den Frühling, als Fanel zum ersten Mal im Auftrag des Königs der Menschen noch einem Riss gesucht hatte, der es ihnen ermöglichte den Kronprinz des Düsterwaldes wieder nach Mittelerde zu holen.
Und bisher waren seine Bemühungen nicht eben von Erfolg geprägt worden. Er konnte es sich selbst nicht erklären. Noch nie hatte er nach einem einzigen Riss so lange Zeit suchen müssen. Allerdings waren seit dem endgültigen Fall Saurons auch schon 80 Jahre vergangen und dabei konnte keiner wissen wie diese Veränderung das Verhalten der Risse beeinflusst hatte.
Es war niederschmetternd für ihn, dass er nicht so schnell helfen konnte wie man es sich verhofft hatte und er es sich gedacht hatte.
Am meisten tat es ihm aber um König Elessar und den Zwergen Gimli leid. Sie schienen den Prinzen wirklich zu vermissen, auch wenn sie es meist nicht zeigen wollten.
Fanel stützte den Kopf in seine Hände. Er musste einen Weg finden, wie schwer es auch scheinen mochte.
Hinter ihm konnte er die Bewegung einer Klinke und das Aufschwingen einer Türe vernehmen. Die Schritte vor seinen Gemächern und das Klopfen musste er in seiner Versunkenheit überhört haben. Er wandte sich dem Besucher zu.
In einem schönen fließenden Kleid aus rotem Stoff und mit einer kleinen Krone im Haar stand dort Arwen Undómiel und ließ ihren Blick über den Schreibtisch gleiten, der von Schriftrollen und Büchern nur so überzuquellen schien.
„Fanel, meint Ihr nicht auch, dass eine Pause nicht der schlechteste Einfall wäre? Wie ich von meinen Dienstboten höre, sitzt Ihr schon seit zwei Tagen hier und macht kaum eine Unterbrechung. Ich bin mir gewiss, welche Verantwortung auf Euren Schultern lastet, aber vielleicht gelingt es Euch mit ein wenig Abstand besser eine Fortschritt zu erreichen.“
Fanel blickte sie einen Augenblick lang an. Wahrscheinlich hatte sie Recht. Vielleicht brauchte er eine Pause.
„Mir scheint Euer Vorschlag ist durchaus vernünftig.“
Zusammen verließen sie seine Räume und liefen in Richtung der Palastgärten.
Arwen musterte ihn. „Wann habt Ihr das letzte Mal geschlafen und das nicht nur für wenige Stunden?“
Wenn er ehrlich war, wusste er es nicht mehr genau. Die Tage verschwammen
langsam ineinander und bildeten eine Abfolge von Tag und Nacht, während er nach einer Lösung suchte.
Im benachbarten Gang hörte er das Lachen von Kindern.
Natürlich waren es Menschenkinder. Das Lachen von Elbenkinder hatte man in den letzten Jahrhunderten kaum noch vernommen und jetzt verweilten fast keine Elben mehr hier in Mittelerde.
Aus dem benachbarten Flur bog Eldarion und bleib vor ihnen stehen. Er trug ein Gewand wie es sich für den Thronfolger geziemte und hatte die Haare offen auf seine Schultern fallend. Sein Gesicht, das aufgrund seines mit Elbenblut gemischten Menschenblutes noch ohne Falten war, zierte ein Lächeln. Als er die Beiden erblickte, senkte er kurz das Haupt.
„Mutter, wie schön Dich zu sehen.“ Dann wandte er sich Fanel zu. „Es ist mir eine Freude Euch nach den Wochen in denen ich Euch nicht getroffen habe wieder zu begegnen. Ich vermutete schon, Ihr seid entgegen der Versicherung Meines Vaters schon abgereist.“
Arwen hob bloß eine ihrer Augenbrauen und schickte Fanel einen kurzen Blick, der zu sagen schien „Seht Ihr, jeder dachte, Ihr seid schon abgereist, weil keiner Euch für Wochen gesehen hatte.“
Dann ergriff sie das Wort. „Lieber Fanel, wie mir scheint ist Euch nun eine Antwort erspart geblieben. Eldarion, willst Du uns vielleicht in die Gärten begleiten? Fanel macht gerade eine Pause von Seinen Studien.“
„Ich muss mich wohl entschuldigen, ich muss zu Vater.“ Er verneigte sich wieder kaum merklich und wanderte dann den Gang hinunter.
Und Arwen und Fanel setzten ihren Weg in die Gärten fort. Fanel hoffte dabei inständig, dass ihm der lang ersehnte Geistesblitz doch noch kommen möge. Und vor allem ihm die Antwort auf die Frage Arwens erspart bleiben würde.


POV Pallando

Es war einer dieser Tage, an dem er trotz des kalten Wetters und immerhin hatte es vor ein paar Tagen geschneit, auf der großzügigen Dachterrasse stand, die zu seiner Wohnung gehörte. Damals als er sie gekauft hatte, war das zugegebenermaßen schon das Argument gewesen, dass ihn das Angebot annehmen hatte lassen. Wenn er eines liebte, dann war das ein guter Ausblick.
Pallando stand an der hüfthohen Ummauerung, die die gesamte Terrasse mit Bäumen, Büschen in Töpfen und einem künstlichen Bachlauf, umgab.
Etwas veränderte sich.
Er konnte es zwar nicht im Mindesten benennen, aber dennoch spürte er es und bekam es durch jedes Element und Lebewesen um sich herum zugeflüstert.

Die Welt ist im Wandel,
ich spüre es im Wasser,
ich spüre es in der Erde,
ich rieche es in der Luft.*


Er hoffte nur es war ein Wandel zum Besseren, denn der Schaden, den Sauron und Saruman angerichtet hatten, konnte noch lange nicht verheilt sein. Und auch diese Welt hier bedürfte nicht noch einer zusätzlichen Bedrohung.
Pallando seufzte. In Momenten wie diesem wurde die Sehnsucht nach Mittelerde, nach Valinor und dem Blick der Valar und Valier fast unerträglich. In diesen Momenten wünschte er sich zurückkehren zu können, mit dem Gefühl alles erfüllt zu haben, für das er hier auf der Erde bestimmt gewesen war.

* keineswegs mein Einfall, sondern geborgt aus Der Herr der Ringe Die Gefährten von von Galadriel ausgeliehen.

Autorennotiz

Natürlich gehören mir die Charaktere, die euch vielleicht aus ziemlich berühmten Filmen und auch Büchern bekannt vorkommen nicht mal im Ansatz.
Sie gehören J. R. R. Tolkien und seinen Nachfahren (oder eben denen mit dem Copyright).
Ich schwöre, dass ich sie nach der Geschichte ersteinmal in Ruhe lassen werde.

Ich danke vor allem meiner Freundin Elaca, die mich ziemlich lange dazu überredet hat, die Geschichte doch hochzustellen. An dem Ganzen bist du schuld meine Liebe! Wenn euch also das Ende nicht gefällt wendet euch an sie ;)

Dann natürlich geht auch noch Dank an meinen Freund, die anderen Freunde und meine Eltern, die sich manchmal ziemlich blöden Fragen gegenüber sehen und mein Gerede über diese Geschichte aushalten müssen.

Zuletzt möchte ich noch loswerden, dass ich mich natürlich sehr über Kommentare freue (ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie) und ich gerne eure Meinung hören will.

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AuctrixMundis Profilbild
AuctrixMundi
M
Am 20.7.2017 um 14:55 Uhr
Hallo,

ich bin etwas unschlüssig, wie ich zu dieser FF stehen soll. Sie macht viele Fehler, die auch gefühlt jede andere ME meets RL FF macht. Auf der anderen Seiten sind aber auch ein paar Dinge mit dabei, die mir sehr gut gefallen haben. Pallando im 8. Kapitel zum Beispiel, das fand ich sehr kreativ! Ich find's lustig, wie der ein bisschen irre ist und sehr großen Gefallen an unserer Zeit hat. Ich frag mich, welchen anderen Freak er noch meinte. Was mir prinzipiell auch positiv auffiel, dass du im Vergleich zu den meisten anderen ME meets RL auch ein paar Probleme ansprichst, die einfach logisch sind. Allen voran der Kulturschock. In den meisten anderen solchen FFs ist es ja meist immer "Heititei, jetzt bin ich in Mittelerde und rock das und keiner stört sich daran!" Das machst du hier nicht unbedingt, wobei ich manchmal denke, dass Legolas sich zu wenig wundert und recht viel auch einfach hinnimmt, wo ich bezweifle, dass er wirklich verstanden hat, was Eirene von ihm will.
Deine FF hat ein paar kleine Logikfehler. Ganz zu Anfang heißt es, dass Legolas kein Englisch versteht, und dann sagt er in späteren Kapiteln doch manchmal Lady. Und Abkürzungen wie Hr. für Herr in der Narration sind echt einfach nicht schön. Stilistisch ist es auch noch ausbaufähig, insbesondere Legolas schwankt da manchmal sehr zwischen einem recht modernen Ausdruck und dem, was man doch eher noch in Mittelerde verorten würde.
So prinzipiell denke ich, dass es eine wahrscheinlichere Reaktion wäre, von einem bekloppten Cosplayer auszugehen, der nen gutes Cosplay macht, wenn auf einmal ein Elb im Garten spawnt, statt recht bald auf den Trichter zu kommen, dass das wirklich Legolas ist. Eirene war mir zu leicht davon zu überzeugen, dass dieser ausgesprochen unwahrscheinliche Fall tatsächlich eingetreten ist.
Eirene selbst und ihr soziales Umfeld wirkt noch zu unausgereift auf mich, als hättest du zu Beginn des Schreibens noch kein klares Bild von ihr. Sie selbst hat für meinen Geschmack auch häufig ein zu aufgesetztes und aufgeregtes Verhalten, das dadurch oft ins Gekünstelte abrutscht und wenig natürlich wirkt. Auch so eine Sache, die zu häufig in solchen FFs passiert.
Ich hoffe, ich hab jetzt erst mal nichts vergessen, dass ich nachtragen muss.
lg Auctrix
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Autor

magicblues Profilbild magicblue

Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:15
Sätze:4.480
Wörter:69.821
Zeichen:402.023

Kurzbeschreibung

Durch einen mysteriösen Umstand gelangt Legolas von Mittelerde in unsere Welt und muss das neben der Technik und den anderen Unterschieden, verarbeiten. Zum Glück steht ihm dabei die junge Eirene zur Seite und zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft, die allerdings vor eine harte Probe gestellt wird, denn sie hatte auch schon ein Leben vor Legolas und lebt dieses natürlich weiter. Eirene stellt sich immer wieder Fragen nach ihren Gefühlen für den Prinz und muss schließlich feststellen, dass neben den ganzen Gemeinsamkeiten und ihrem Band, das sie verbindet, auch große Unterschiede zwischen ihr und dem Elben bestehen und sie voneinander entfernen.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Romanze und Abenteuer getaggt.