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Phishing On A Blue Bridge

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05.08.20 15:38
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Charaktere

Xu Boyuan

Xu Boyuan ist ein von Blue Rain bezahlter Glory-Spieler. Auf dem zehnten Glory-Server leitet er die Gilde Blue Brook mit seinem Account Blue River. Auf seinem Hauptaccount Blue Bridge Spring Snow ist er als einer der Five Great Experts aus Blue Brook bekannt. Beide Accounts sind Blade Master. Durch zahlreiche Auseinandersetzungen mit Ye Xiu ist er seine Gildenarbeit jedoch leid geworden.

Glossar

Chun Yi Lao春易老Changing Spring
Jun Mo Xiao君莫笑Lord Grim
Lan He蓝河Blue River
Lan Qiao Chun Xue蓝桥春雪Blue Bridge Spring Snow
Lan Xi Ge蓝溪阁Blue Brook
Lanyu蓝雨Blue Rain
Xing Xin兴欣Happy

 

Phishing On A Blue Bridge

Es gab drei Handlungen, die Xu Boyuan routinemäßig ausführte, nachdem sein Computer hochgefahren war. Als erstes öffnete er den Glory-Launcher, gefolgt von seinem E-Mail-Postfach, dann schob er eine Glory-Accountkarte in das zum Spiel gehörende Kartenlesegerät. Daraufhin war meist eine der beiden Anwendungen geladen. Das Postfach lud in der Regel schneller, brauchte jedoch eine Weile, um alle neuen Nachrichten abzurufen. Nur, wenn er kaum Mails, die zudem unwichtig waren, erhielt, schloss er das Postfach, bevor er sich dem Launcher widmete. Der Gamelauncher brauchte meistens etwas mehr Zeit, doch sobald er geladen war, ließ sich über ihn sogleich das Spiel starten.

Im heutigen Fall startete Boyuan das Spiel, bevor er sich genauer mit seinen E-Mails beschäftigte. 37 neue Nachrichten waren über Nacht eingeflogen. Das war überraschend viel. Boyuan klickte sich der Reihe nach durch die Nachrichten. Die erste Hälfte bestand beinah ausschließlich aus unwichtigen Dingen. Newsletter ohne interessante Informationen, Werbung für Onlineshops und neue MMOs. Boyuan musste aufpassen, bei all den unwichtigen Meldungen, die folgenden Mails nicht instinktiv bloß zu öffnen, um sie als gelesen zu markieren, und gleich zur Nächsten zu springen, ohne wenigstens den Betreff zu lesen. Immerhin konnten sich zwischen dem ganzen Müll auch wichtige Nachrichten verstecken.

Hatte er nicht Ordner mit Filtern eingerichtet, die das alles besser sortieren sollten? Boyuan warf einen Blick auf die seitliche Ordnerstruktur. Dort waren sie, die Ordner für Berufliches, Werbung, Newsletter und Foren. Wieso war keine dieser Nachrichten in einem dieser Ordner, sondern in dem Hauptposteingang gelandet?

Ein Fenster öffnete sich und verdeckte die Mailanwendung. Glory. Das Spiel, das sein halbes Leben beherrschte, das er liebte und das ihn seit einiger Zeit mehr und mehr Kopfzerbrechen bereitete. Eigentlich war es nicht das Spiel selbst, das ihm so zusetzte, sondern Gott Ye Xiu, der mit seinem Unspezialisierten Jun Mo Xiao und undurchschaubaren, fiesen Täuschungsmanövern auf mehreren Servern unaufhörlich für Chaos sorgte. Ob Boyuan heute dem zwielichtigen Profispieler wieder begegnen würde? Er hoffte nicht! Mit diesem Gedanken im Bewusstsein hatte Boyuan es nicht eilig, seinen Charakter Lan Qiao Chun Xue in der virtuellen Welt auferstehen zu lassen. Lieber widmete er sich erst noch den fünf ungelesenen E-Mails in seinem Postfach.

Die Mailanwendung lief nicht im Vollbildmodus, so dass ein Teil des Startbildschirms Glorys weiterhin zu sehen war. Auf diesen achtete Boyuan jedoch nicht, dafür auf die nächste Mail. Sie stammte von dem Spieler des Charakters Chun Yi Lao, Leiter der Gilde Lan Xi Ge.

Lan Qiao, du kannst nicht einfach aufhören einer der fünf Koryphäen Lan Xi Ges zu sein! Das funktioniert so nicht. Bitte überdenke deine Idee noch einmal. Du bist ein wertvolles Gildenmitglied, deine Führungsqualitäten sind großartig. Lass dich nicht unterkriegen“, stand in der Mail.

Boyuan schmunzelte. Es schmeichelte ihm, freute ihn, dass er der Gilde und dem Profiverein Lanyu gute Dienste erwiesen hatte. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass seine Leistung anerkannt wurde. Das alles hinter sich zu lassen missfiel ihm sehr, doch mit Ye Xiu im Spiel sah Boyuan keinen anderen Ausweg, um weiterhin Spaß an Glory zu haben, als sich von jeglicher Verantwortung, die man ihm in Lan Xi Ge übertragen hatte, sowie von seinem Rang und seinem Status loszusagen. Er hielt es nicht aus, immer wieder zwischen die Fronten zu geraten und nicht klar denken zu können, wenn er versuchen musste, den größten Strategen Glorys zu durchschauen, um sich nicht von diesem gegen Lan Xi Ge benutzen zu lassen. Schon lange versuchte er, Xiu aus dem Weg zu gehen, doch selbst wenn er offiziell nur noch im PvE-Bereich Gruppen anführte, solange Boyuan wie ein Experte, ein fähiger Gruppenleiter behandelt wurde, solange kam es immer wieder zu Situationen, in denen man ihm eine Aufgabe anvertraute, die gegnerische Spieler miteinbezog. Und wann immer er eine solche Aufgabe ausführen wollte, begegnete er Ye Xiu. Boyuan glaubte, bereits eine Paranoia entwickelt zu haben. Das konnte nicht so weitergehen.

Boyuan plante nicht, auf die Mail zu antworten. Sobald er sich Glory widmen würde, würde Chun Yi Lao erfahren, dass sich an Boyuans Entschluss nichts geändert hatte. Dann würde Lan Qiao Chun Xue offiziell bekanntgeben, dass er nur noch als einfaches, unbedeutendes Gildenmitglied angesehen werden wollte.

Der junge Mann klickte auf die nächste Mail. Als Absender wurde ihm „Ich“ und als Betreff „Ja, das ist deine Adresse“ angezeigt. Es wirkte eigenartig, Boyuan wusste damit nichts anzufangen. Es war immerhin offensichtlich, dass eine Mail in seinem Postfach an seine E-Mail-Adresse geschickt wurde. Wahrscheinlich handelte es sich um Spam. Boyuan sah sich den Inhalt dennoch genauer an, um sicher zu gehen.

Lan He, alter Freund! Ich hörte, du trittst von immer mehr Aufgaben in Lan Xi Ge zurück. Wenn du Lan Xi Ge den Rücken kehren willst, wieso schreibst du mir das nicht? Ich kicke für dich einen Spieler aus meiner Xing Xin Gilde, dann kannst du mit Lan Qiao Chun Xue zu uns kommen und hier den Aufpasser spielen.

Boyuan musste gar nicht zu Ende lesen, um zu wissen, von wem die Mail stammte. Kein Wunder, dass der Absender als „Ich“ angezeigt wurde. Wer außer Ye Xiu war so arrogant, sich diesen Kontaktnamen zu geben? Er hätte dem Profispieler nie seine E-Mail-Adresse geben dürfen!

Er wollte die Mail, ohne sie weiter zu lesen, schließen, als sein Blick in der Zeile mit dem Kontaktnamen hängen blieb. Bei geöffneter Mail zeigte die Zeile noch die dazugehörige Adresse an. Boyuan kannte die Adresse. Es war seine Eigene. Mit einem Mal schien es ihm einen ganz anderen Grund zu geben, wieso der Kontaktname als „Ich“ angezeigt wurde, denn ja, das war seine Adresse, die Mail stammte von seinem Account!

Sein Herz begann so laut zu schlagen, dass Boyuan seinen Puls hören konnte. Sein ganzer Körper fühlte sich plötzlich paralysiert. Das kann doch nicht sein. Das war einfach unmöglich! Wieso konnte Xiu keine harmlose Mail verfassen? Wieso bloß musste alles, das Gott Ye Xiu tat, immer Schaden anrichten?

Boyuan schloss die Mail, dann öffnete er sie wieder. Die Absenderadresse war immer noch mit der Empfängeradresse identisch. Mit der Maus fuhr er über den Absender, klickte und wählte aus, an diesen Kontakt eine Nachricht zu verfassen. Er schrieb nur ein einfaches „!“, dann schickte er die E-Mail ab. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass die Adresse zu seiner identisch aussah, aber nicht identisch war. So einen Scherz traute er Ye Xiu viel eher zu als zu wissen, wie man sich in ein fremdes E-Mail-Konto einhackte.

Mit einem weiteren Tastenklick rief Boyuan neue Nachrichten ab. Es kam eine neue Mail, der Absender hieß „Ich“, einen Betreff gab es nicht und als er die Nachricht öffnete, wurde ihm ein einsames „!“ angezeigt.

Boyuan erstarrte, vergaß sogar das Atmen.

Der Mauszeiger wanderte zitternd über den Bildschirm, klickte zurück in Xius Mail. Es schien ihm, als sollte er diese Nachricht doch ganz lesen.

Meine Chefin wird dich auch gut bezahlen! Dafür musst du nur aus Lan Xi Ge raus und ihr eine Bewerbung schicken. Ich kann dir bei beidem helfen, es sogar für dich erledigen. Du hast es inzwischen bemerkt, oder? Ja, ich schreibe dir von deiner Adresse aus. War eine ganz schöne Herausforderung, dein Passwort herauszubekommen, aber für einen Gott gibt es eben nichts, das unmöglich ist. Ich habe gleich einmal deine Einstellung ein bisschen geändert.
Ach, das solltest du noch wissen: Die Mail ist nicht bloß eine Mail, sondern auch ein Programm, das du mit deinem Klick drauf ausführst. Ja, genau, das ist nicht einmal ein Link oder eine angehängte Datei. Ich wäre immerhin kein Gott, wenn das nicht so ginge. Solange dein Rechner läuft, habe ich deswegen vollen Zugriff auf deinen PC. Schön nicht? Das ist Teamwork 2.0. So kann ich dich noch besser unterstützen.

Wir sehen uns im Spiel!
Jun Mo Xiao

Boyuans Gesicht wurde leichenblass. Seine Augen starrten ungläubig auf den Bildschirm. Nach einem Augenblick schnappte er gierig nach Luft, atmete wieder, doch ihm war als ob sich die Umgebung drehte. Die Schrift auf dem Bildschirm verschwamm, während er versuchte, sich auf einzelne Sätze zu konzentrieren. Es fiel ihm unsagbar schwer. Er musste sich verlesen haben! Er wollte, dass dem so war, doch er konnte den Wortlaut der Zeichen auf dem Bildschirm nicht ändern.

Während Boyuan noch einmal Wort für Wort las, bemerkte er, dass irgendwas nicht stimmte. Hatte sein Bildschirm nicht eben anders ausgesehen? Jedoch hatte er nichts weiter getan, die Maus nicht bewegt, nichts ausgewählt. War die Schrift die ganze Zeit schon so klein? Ja, das war sie. Sollte der Ordner für Berufliches nicht über dem für News stehen? Wie war noch einmal die Reihenfolge? Wie war sie gewöhnlich? Wie noch vor fünf Minuten? Boyuan wusste es nicht mehr. Ihm war als hätte man seinen Kopf leergefegt.

Und dann kam es wieder. Das Licht des Bildschirms flackerte. Ein Teil des Bildschirms begann sich zu bewegen. Nicht im E-Mail-Programm, sondern dahinter. Das war das Fenster, in dem Glory lief.

Kaum, dass Boyuan das klar wurde, klickte er das Spiel in den Vordergrund. Seine Augen weiteten sich, als er sah, wie sich die Spielumgebung bewegte. Es war die gewohnte Sicht aus der Ersten-Person-Perspektive, mit der ein Spieler seinen Avatar durch Glory steuerte. Bäume zogen an dem angemeldeten Charakter vorbei. Boyuan kannte die Gegend. Dort hatte er sich zuletzt ausgeloggt. Er wusste bereits, was los war.

In seinem Kopf ertönte die bekannte Stimme Xius: „Solange dein Rechner läuft, habe ich deswegen vollen Zugriff auf deinen PC.“

Trotz allem blickte Boyuan auf die Anzeige seines eigenen Charakternamens, betete, dass es nicht Lan Qiao Chun Xue sein würde.

Seine Gebete wurden nicht erhöht.

Boyuan griff ohne nachzudenken nach seiner Accountkarte und riss sie aus dem Lesegerät. Es brachte nichts. Eigentlich wusste er das.

Was sollte er dann tun?

In Glory öffnete sich ein Fenster. Es zeigte die Daten der Gilde.

„Nein“, hauchte Boyuan fassungslos.

Im nächsten Moment ploppte eine Meldung auf: „Wollt Ihr Gilde Lan Xi Ge wirklich verlassen? Erst fünf Tage nach dem Austritt könnt Ihr wieder einer Gilde beitreten.

„Nein!“, schrie Boyuan, doch seine Worte erreichten niemanden außer ihn selbst und selbst wenn, so wäre es zu spät gewesen.

Ihr habt Gilde Lan Xi Ge verlassen“, meldete das System.

Im Chatfenster des Spiels tauchte zeitgleich eine letzte Mitteilung aus dem Gildenchat auf: „Lan Qiao Chun Xue hat die Gilde verlassen.

Boyuan sprang von seinem Drehstuhl. Dieser rollte durch den Schwung zurück, bis er gegen die Zimmerwand stieß. Der junge Mann starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm.

Ye Xiu lenkte Lan Qiao Chun Xue weiter aus dem Wald hinaus.

Einladungen zu privaten Chaträumen wurden angezeigt. Jede dieser Einladungen wurde abgelehnt, dafür erschien bald ein Smiley mit Sonnenbrille im Weltchat.

Boyuan stürzte nach vorne. Er griff nach der Maus und meldete Lan Qiao Chun Xue vom Spiel ab. In Glory verschwand man nicht sofort aus dem Spiel. Selbst, wenn man gerade nicht kämpfte, gab es einen kurzen Countdown. Xiu brach die Abmeldephase mit Leichtigkeit ab. Boyuan versuchte daraufhin, einfach Glory zu schließen, doch das Programm reagierte nicht mehr. Der ganze PC reagierte nicht mehr auf Boyuans Versuche. Selbst die Tasten, selbst der An- und Ausschalter. Blieb ihm wirklich nur, den Stecker zu ziehen?

Ein lautes Klingeln ertönte. Es kam so plötzlich, dass Boyuan zusammenzuckte. Was war das? Ein Anruf von Gott Ye Xiu? Hatte dieser seine Handynummer herausgefunden?

Mit zitternden Händen griff er nach seinem Handy, von dem das Klingeln stammte. Auf dem Display wurde der Name Chun Yi Lao angezeigt. Boyuan atmete innerlich auf, dann ging er ran.

„Lan Qiao, was“ – „Das bin nicht ich!“, fiel Boyuan dem Gildenleiter ins Wort.

„Was soll das bedeuten, nicht du? Hast du deine Accountkarte einem Freund gegeben? Oder hast du sie verloren?“, fragte der andere.

„Nein. Das … das ist“ – er schluckte – „das ist Ye Xiu“

Den Namen konnte Boyuan nur flüstern. Es passte nicht. Es sollte nicht möglich sein. Welchen Grund sollte Xiu auch haben, ihm das anzutun?

„Ye Xiu?“, erklang es zweifelnd durch den Lautsprecher des Handys. „Du triffst dich mit Gott Ye Xiu?“

„Nein!“, kreischte Boyuan unbeherrscht.

Er seufzte, hielt sich mit einer Hand die Stirn, während er zu seinem Drehstuhl ging und sich auf diesen fallen ließ. Sein Blick wanderte zurück zum Bildschirm, auf dem Lan Qiao Chun Xue weiterhin von einer nicht anwesenden Person gelenkt wurde.

„Er … hat sich bei mir eingehackt. Er … steuert Lan Qiao Chun Xue. Ich weiß nicht, wie, aber … ich kann nichts tun“, erklärte Boyuan verzweifelt.

„Eingehackt? Glory ist sicher gegen solche Angriffe. Das ist nicht möglich, Lan Qiao“, äußerte der andere seine Skepsis.

„Ja. Nein … ähm … Er hat sich in mein E-Mail-Konto eingehackt und … meinen PC übernommen. Ich weiß doch auch nicht, wie. Mein PC ist an, ich bekomme ihn nicht aus, das System reagiert nicht mehr auf mich, er – Ye Xiu -, er hat das komplett übernommen. Mich … quasi ausgesperrt“, verbesserte Boyuan seine Schilderung der Lage.

„Was soll ich tun, Gildenleiter?“, fügte er seufzend hinzu.

Ein nachdenkliches Stöhnen war vom anderen Ende der Leitung aus zu hören, dann folgte ein Seufzer.

„Das …“, begann Chun Yi Laos Spieler, brauchte jedoch einen Moment, ehe er fortfuhr. „Das klingt nicht nach Ye Xiu. Er ist ein Profigamer, kein Hacker.“

„Ich weiß, aber es ist wahr. Das bin nicht ich. Ich würde niemals Lan Xi Ge verlassen“, betonte Boyuan.

Sein Blick glitt dabei zur Zimmerwand. An dieser prangerte groß das Logo Lanyus. Boyuan war ein großer Fan der E-Sport-Mannschaft. Er war so stolz, für das Unternehmen gearbeitet und damit seinen Idolen geholfen zu haben. Selbst wenn er seine Arbeit bei Lanyu nicht fortsetzen wollte, er würde immer ein Fan dieses Teams bleiben und auch seine Charaktere in Glory sollten in der Clubgilde Lan Xi Ge bleiben, dort, wo sie hingehörten.

„Was macht dich so sicher, dass es Ye Xiu ist?“, fragte der Gildenleiter.

Boyuan kam zum Nachdenken. In der Mail hieß es Jun Mo Xiao, das war Xius Avatar, doch letztendlich gab es keinen Beweis, dass die Mail wirklich von ihm geschrieben worden war.

„Der Inhalt der Mail … er klingt nach ihm und dort sagt er, dass er Ye Xiu ist“, antwortete Boyuan.

Inzwischen war er ruhiger geworden. So ratlos er noch immer war, mit jemanden zu reden, der auf seiner Seite stand, half ihm, die Fassung wiederzugewinnen.

„Verstehe. Jedenfalls solltest du dich an den Support wenden. Ruf den Spielsupport an, damit sie Lan Qiao Chun Xue abmelden und dann wende dich an die Polizei oder eine Computersicherheitsfirma. Vielleicht wissen die von Glorys Support, was am besten ist. Dein PC wird wieder sicher werden, keine Sorge. Und egal, ob der Support es rückgängig macht oder nicht, du kannst jederzeit zurück zu Lan Xi Ge kommen“, sprach der andere beruhigend.

„Ja“, antwortete Boyuan lediglich.

Er wusste, dass Chun Yi Laos Spieler sich dabei nicht bloß auf die Gilde, sondern auch seine Tätigkeit bei Lanyu bezog, selbst wenn Boyuan diese noch nicht formell für beendet erklärt hatte. Jetzt jedoch war nicht der richtige Zeitpunkt, darauf einzugehen. Die fremde Macht, die Lan Qiao Chun Xue und Boyuans Computer beherrschte, loszuwerden hatte Vorrang.

„Brauchst du Hilfe oder bekommst du das selbst hin?“, kam die Frage durch das Telefon.

„Ich schaffe das schon. Du hast mir bereits sehr geholfen. Danke!“, entgegnete Boyuan, dann legte er auf.

Im Internetbrowser seines Handys suchte er nach einer Telefonnummer des Glory-Supports. Dabei sah Boyuan wieder auf den Bildschirm seines Computers. Das E-Mail-Programm wurde erneut im Vordergrund angezeigt und in einer leeren Mail erschienen nach und nach Schriftzeichen: „Willst du wissen, woher ich deine Zugangsdaten habe? Dein Passwort. Schau mal:

Daraufhin wurde der Entwurf zur Seite geklickt und dafür der Foren-Ordner ausgewählt. Die oberste Mail, die nun markiert wurde, stammte von vor drei Tagen. Der Betreff lautete: „Das Glory-Forum zieht um. Vorsicht: Inaktive Accounts werden gelöscht“.

Boyuan erinnerte sich plötzlich an diese Mail. Im Inhalt hieß es, das Forum würde in einem Monat den Server wechseln und man müsse sich innerhalb dieses Monats im Forum einloggen, damit der Account mitverschoben werden würde. In der Mail hatte es einen Link zu dem Forum gegeben. Boyuan hatte diesen benutzt und sich darüber eingeloggt.

Er erkannte darin einen Fehler seinerseits. Es trieb ein Schuldgefühl in ihm hoch, das die innere Ruhe, die er dank Lan Xi Ges Gildenleiter zurückgewonnen zu haben glaubte, mit Leichtigkeit vernichtete und ihn erneut die Nähe eines Nervenzusammenbruchs trieb. Wieso schaffte er es nicht, Ye Xiu aus dem Weg zu gehen? Wieso lief er immer wieder in dessen Fallen hinein?

Auf dem Bildschirm erschien das Fenster mit dem Nachrichtenentwurf erneut im Vordergrund.

Diese Mail kam eigentlich von mir. Mal sehen, ob deine Freunde in Lan Xi Ge genauso leichtsinnig sind.

Kaum geschrieben, wurde der Inhalt der Nachricht komplett gelöscht und ein Neuer formte sich zusammen.

Hey Leute,
ihr müsst euch unbedingt diesen Forumsbeitrag ansehen!

Gruß Lan Qiao

Danach wurde eine Webadresse in die Mail geschrieben. So weit schien der Aufbau nicht seltsam, allerdings stand Boyuan nicht länger untätig herum und sah zu, wie ein Anderer in seinem Namen Mails mit Links zu schädlichen Seiten verfasste. Er fiel neben dem Computer auf die Knie und riss das Stromkabel aus der Steckdose in der Wand.

War die Gefahr vorbei?

Boyuan erhob sich und sah auf seinen Computer. Der Bildschirm war schwarz, sämtliche LED-Lämpchen aus. Er seufzte erleichtert. Jetzt konnte er den Support anrufen.


Einen Augenblick später fand sich Xu Boyuan in seinem Bett wieder. Er lag seitlich im Warmen unter der Bettdecke. Seine Lider hoben sich und er blickte auf seinen Wecker. 8:23 Uhr. Boyuan hatte heute nichts vor, er hatte ausschlafen können, doch er fühlte sich kaputt. Noch immer fühlte er die Panik und die Hitze seines mit Verzweiflung gefüllten Kopfes. Nur langsam realisierte er, dass er Ye Xius Angriff auf sein E-Mail-Konto, seinen PC und Lan Qiao Chun Xue bloß geträumt hatte.

Er drehte sich auf den Rücken und starrte erschöpft die Zimmerdecke an. War es wirklich nicht geschehen? Obschon Boyuan sich dessen ziemlich sicher war, konnte er es nicht glauben. Xiu war ihm schon so oft in die Quere gekommen, bloß im Spiel, allerdings auf verschiedenen Servern eingeloggt unter verschiedenen Accounts. Er schien ihn überall zu finden und vor nichts halt zu machen.

Trotz allem verspürte der junge Mann den Drang, sich zu vergewissern, dass sein Traum wirklich nichts weiter als eine Fantasie gewesen war. Er erhob sich aus dem Bett und ging zu seinem ausgeschalteten Computer. Sein Puls beschleunigte, während der PC hochfuhr.

Boyuan öffnete das Postfach. Acht Mails wurden abgerufen. Sie landeten alle in dem Ordner, in den sie jeweils gehörten.

Ein Lächeln trat auf seine Lippen. Es schien wieder zu funktionieren. Nein, es schien nie anders gewesen zu sein.

Er suchte noch nach Nachrichten, die er sich selbst geschickt hatte, überprüfte die Mails der letzten Tage. Jene, nach denen er suchte, fand er nicht.

Boyuan lachte. Er war erleichtert und glücklich. Schlug eine Hand vor seinen Mund und schüttelte den Kopf. Wie hatte er bloß glauben können, dass sei wirklich geschehen? Das ergab doch gar keinen Sinn. Es hätte ihm klar sein sollen. Ye Xiu kämpfte listig, aber fair. Er war kein Hacker. Und zudem war es absurd, anzunehmen, ein Profispieler von Xius Größe hätte einen Grund, mit Boyuan weiter in Kontakt zu treten und ihn für die Gildenarbeit zu rekrutieren. Selbst Lanyus Profispieler suchten nicht den Kontakt zu ihm.

Er fühlte sich wieder gut, war bereit, diesen Traum abzuhaken und nicht weiter daran zu denken, damit er ihn schnell vergessen würde, da blinkte sein Handy. Er nahm es an sich. Die angezeigte Benachrichtigung stammte von QQ.

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Reeneys Profilbild Reeney

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