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Ein Leben wert

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23.10.20 20:19
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Prolog

„Na, schau einer an. Welch Glanz in meiner bescheidenen Hütte. Was führt dich zu mir, außer ein kleiner Spaß mit meinen Angestellten? Es wäre übrigens sehr freundlich, wenn du sie zurückverwandeln würdest. Ich muss sie so oder so bezahlen und in ihrer jetzigen Gestalt können sie ihren Dienst wohl nur unzufriedenstellend bewältigen.“

Sie verzog noch nicht einmal die Miene während das schwere Tor mit einem tief hallenden Donner hinter ihm zufiel. Es schien als hätte sie auf ihn gewartet, ein Glas Wein in der Hand und ein weiteres auf dem schmalen Beistelltisch neben dem schlichten Stuhl mit der hohen Rückenlehne. Sie selbst wartete auf ihn in einem Stuhl der ebenso schlicht wirkte. Trotz dieser Schlichtheit wirkte der Raum beinahe wie ein Thronsaal, als würde vor ihm eine Königin sitzen, eine mächtige Herrscherin, die sich vor niemanden verbeugen musste.

„Nun komm, komm herein“, winkte sie ihm mit ihrer freien Hand zu, „schließlich muss es einen wichtigen Grund geben, dass du mich einfach so in meinem Haus aufsuchst, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren.“

Widerwillig folgte er ihren Worten und schritt auf sie zu, doch fast im gleichen Moment trat ein großer Schrank im Anzug aus den Schatten hervor und stellte sich ihm in den Weg.

„Irgendwelche Waffen?“ Seine Stimme klang genauso stumpf wie er aussah. Insbesondere wenn man bedachte, dass der Neuankömmling seine Waffe offen zur Bewunderung gegen seine Schulter gelehnt hatte.

„Ach, Momo, glaubst du wirklich das Schwert sei das Gefährlichste an ihm? Lass ihm sein Spielzeug; er ist nicht hier, um mich zu töten. Habe ich nicht Recht?“ Nun zeigte sie ein leichtes Grinsen, welches ihm genau sagte, dass sie die einzige Person im Raum war, vor der er sich in Acht zu nehmen hatte. „Du bist aus geschäftlichen Gründen hier, nicht wahr?“

Mit einem dumpfen Aufprall warf er den Sack, den er bei sich trug, vor ihre Füße.

„Ja.“

Unbeeindruckt warf sie ihre Beine übereinander und stieß dabei leicht den Sack mit ihren Zehenspitzen zur Seite.

„Nun denn, setzt dich. Ich bin neugierig was für einen Vertrag du mit mir eingehen willst. Außerdem habe ich nicht ewig Zeit, manche von uns müssen arbeiten.“ Fast augenblicklich verschwand ihr spielerisches Lächeln, und der berechnende Blick einer erfahrenden Geschäftsfrau starrte ihn nieder.

„Aber Chefin, was ist mit dem Termin von…?“

„Verschieb ihn, Momo“, unterbrach sie den Schrank im Anzug, ohne ihn überhaupt anzusehen. „Unser Gast hat meine Neugierde geweckt.“

Misstrauisch kam er näher und nahm schließlich auf dem dargebotenen Stuhl Platz während sie genüsslich an ihrem Wein nippte.

„Also, um gleich zum Punkt zu…“

„Nahaha.“ Mahnend hielt sie ihm ihren erhobenen Zeigefinger entgegen. „Bevor wir zu deinem Anliegen kommen, verwandle meine Angestellten zurück oder ich stelle sicher, dass du die Insel in diesem Sack zu meinen Füßen verlässt.“

„Du drohst mir?“

Sie lachte auf und nahm noch einen Schluck.

„Oh, Kleiner. Du bist derjenige, der ohne Termin bei mir einfällt, Wachen und Hauspersonal in unmenschlichen Zuständen zurücklässt und mir einen müffelnden Sack mit fragwürdigem Inhalt vor die Füße wirft.“ Leise klirrend stellte sie ihr Glas auf ihrer Armlehne ab. „Du hast Glück, dass ich von wissbegieriger Natur bin und dich wesentlich interessanter finde als die anderen Geschäftspartner, die heute auf mich warten, sonst hättest du es noch nicht einmal bis zur Haustür geschafft.“

Er wollte glauben, dass sie nur dick auftrug, aber seine aufgestellten Nackenhaare sagten ihm etwas anderes.

Mit einem abfälligen Schnauben schnipste er einmal laut.

„Bitte sehr, alle wieder in menschlichem Zustand.“

Noch einen Moment sah sie ihn an, dann nickte sie dem Schrank im Schatten zu und augenblicklich verbeugte dieser sich und verließ den Raum.

„Nun gut.“ Sie lehnte sich vor und hob den Sack am Boden an einer Spitze an, um hineinzuspähen, ehe sie enttäuscht aufseufzte. „Ach, wie erwartet. Ich hatte mir doch etwas Spannenderes erhofft, nachdem du hier wie der Bösewicht eines schlechten Romans eingedrungen bist.“

Tief einatmend ballte er die Fäuste.

„Willst du mir mein Anliegen noch nicht mal anhören, ehe du einfach ablehnst?“

„Tze,“ lachte sie höhnisch auf und rieb sich durchs Gesicht als hätte er etwas wirklich Dummes gesagt. „Kleiner, erstens, ich brauch mir dein Anliegen nicht anhören, ich weiß genau, weshalb du hier bist; am Ende seid ihr ja doch alle gleich, wenn ihr mich so verzweifelt aufsucht. Ich meine diese Mülltüte hier ist ein winzig kleiner, abartig stinkender Hinweis, findest du nicht? Zweitens, sei nicht so voreilig, wenn du ein Verhandlungsgespräch führst, insbesondere wenn du derjenige bist, der etwas will.“

„Ich bin nun mal nicht der Geduldigste“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Nicht?“, entgegnete sie. „Was ich über dich gehört habe widerspricht dem doch sehr. 13 Jahre sind eine lange Zeit, um auf Rache zu warten, und noch länger, um an Vergangenen festzuhalten.“

„Ich bin nicht hier, um deine Lebensweisheiten zu hören“, knurrte er. „Kannst du mir helfen oder nicht?“

Sie schnalzte erneut mit der Zunge und rollte mit den Augen.

„Natürlich kann ich“, meinte sie dann. „Die wahre Frage ist, bist du bereit den Preis zu zahlen?“

Er nickte todernst. „Wie hoch er auch immer sein mag.“

Kopfschüttelnd winkte sie ab.

„Nicht so dramatisch, Kleiner. Es ist einfach; beide Güter müssen entweder nach objektiven oder aber nach den subjektiven Werten der Vertragspartner den gleichen Stellenwert haben, ein modifizierter äquivalenter Tausch. Die Waage muss stets ausgeglichen sein.“

Er dachte noch es wäre ein Sprichwort, da tauchte aus dem nichts eine Waage zwischen ihnen auf und waberte zwischen ihnen in der Luft.

„Mein Einsatz hier ist ziemlich hoch, du wirst nicht billig davonkommen“, sprach sie weiter und deutete auf die Waage, die sich leicht zu seinen Gunsten neigte.

„Das ist mir egal“, murrte er. „Hauptsache es ist möglich.“

„Es ist möglich. Aber du möchtest keinen Zug-um-Zug-Tausch, nicht wahr? Du möchtest mehr Zeit. Das macht es schwieriger, denn es bedeutet entweder, du gibst mir etwas mehr - was aber nicht möglich ist, da du mir ansonsten bereits alles gibst was du hast - oder ich gebe dir etwas weniger.“

„Was bedeutet das?“ Er verschränkte die Arme. „Was bedeutet weniger?“

„Oh, ganz einfach.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich könnte etwas Lebenszeit abzwacken oder ein Organ – ein Auge vielleicht, wer braucht schon zwei? - oder etwa…“

„Nein! Auf keinen Fall.“

Während sie sprachen schwank die Waage zwischen ihnen hin und her, entlastete ihre Seite bei jedem Vorschlag für einen kleinen Moment, bis er diesen ablehnte.

„Ich kann dir Geld bieten“, entgegnete er dann, „egal wie viel.“ Doch zu seiner Überraschung bewegte sich die Waage keinen Millimeter.

„Ach, Kleiner. Objektiv kann man Leben nicht mit Geld aufrechnen und subjektiv – du hast mein Anwesen gesehen – kannst du mir nicht genügend bieten, als dass es mich interessieren würde. Es gibt nur zwei Dinge, die ich wirklich will und das eine davon gibst du mir bereits.“

„Was dann?“ Er mochte dieses Gespräch nicht. Nach Jahren der Hoffnungslosigkeit war sie diejenige, die ihn erlösen konnte, aber anscheinend hatte er nichts, was er ihr im Gegenzug anbieten konnte. Sollte er also nur wenige Sekunden vor dem Ziel einfach aufgeben? Aufgeben wegen einer mangelhaften Formalität? „Was willst du dann? Wir beide wissen, dass ich dir objektiv nicht mehr geben kann und subjektiv…“

„Liegt eine Teufelskraft vor?“, unterbrach sie ihn mit Leichtigkeit während er schon drauf und dran gewesen war laut zu werden.

Überrascht sank er in seinen Stuhl zurück und nickte knapp.

„Na herrlich, da haben wir doch unsere Lösung. Teufelskräfte sind immer unglaublich kompliziert, du weißt schon mit ihren ganzen Regeln, der Beeinflussung von Leben und Tod und so weiter, aber wenn ich die abziehe, dann… schau her.“ Leise lächelnd deutete sie auf die Waage, die sich vor ihnen im perfekten Gleichgewicht ausbalancierte. „Dann kann ich dir sogar noch fast ein ganzes Jahr geben. Glaub mir, das ist unwahrscheinlich viel. Meistens kommen bei einem Tausch wie diesem nur wenige Tage zustande.“

Ein Schauder lief seinen Rücken hinab, als ihm bewusst wurde, was diese Waage bedeutet, was dieses Gespräch bedeutete, dass er nach all der Zeit…

„Nun reiß dich doch zusammen, Kleiner. Ist das etwa deine erste Verhandlung? Ach, wenn ich nicht so eine Schwäche für Verträge hätte, die mir beschaffen was ich will, wäre es mir viel zu mühselig mit dir zu verhandeln. Ich habe keine Zeit Anfängern wie dir die Kunst der Verhandlung beizubringen, also lass uns zügig zum Schluss kommen.“

Er sah zu ihr hinüber, während sie aufstand und auf ihn zukam; direkt vor der Waage blieb sie stehen.

„Wir sind übereingekommen, mein Lieber. Alles, was jetzt noch fehlt, sind ein paar kleine Details und ein Handschlag, um unseren Vertrag zu besiegeln.“

Zögernd erhob er sich. Das hier war, was er wollte, schon seit so langer Zeit wollte, warum also schlug sein Herz so voller Angst?

Lächelnd neigte sie den Kopf.

„Keiner zwingt dich diesen Vertrag einzugehen, Kleiner. Ich sehe die Unsicherheit in deinem Blick und ich stimme dir zu; dein Einsatz ist hoch. Wenn du es dir also anders überlegen möchtest, wäre jetzt der Zeitpunkt…“

„Nein!“ Er schritt auf sie zu und hielt ihr seine Hand hin. „Ich bin nicht um die ganze Welt gereist, habe nicht die Ruhe der Toten gestört und alles aufgegeben, nur um jetzt zu kneifen.“

Für einen Moment starrte er den Sack hinter ihrem Rücken an, den er hergebracht hatte.

„Das hier will ich, diese Schuld muss ich begleichen.“

„Nun denn, auf gutes Gelingen.“ Sie ergriff seine Hand, direkt unter der Waage hindurch. „Und auf das du es nicht bereust.“

 

 

 

Kapitel 1 - Fremder

 

Mit einem leichten Seufzen wachte er auf. Eine tiefe Zufriedenheit schlummerte in ihm, als hätte er etwas Schönes geträumt – nicht, dass er sich dran erinnern könnte – und doch wollte er nicht die Augen öffnen und den Tag beginnen.

Also lag er da und genoss diese Entspannung. Das Bett unter ihm war weich, die Decke auf seiner Brust warm, ein sanftes Licht erhellte selbst durch seine Lider hindurch die Dunkelheit und eine sanfte Brise brachte ihm das angenehme Rascheln von Bäumen, Zwitschern von Vögeln und das leichte Rauschen nicht weit entfernter Wellen.

Selten war er so entspannt dem Schlaf entronnen, meist hatte ihn ein lauter Knall oder eine flüsternde Sorge aus unruhigen Träumen geweckt, doch genau dieser Gedanke ließ ihn aufhorchen. Warum war es dieses Mal anders?

Schwerfällig öffnete er die Augen. Über ihn war eine einfache weiße Decke, getragen von breiten Holzbalken, zu seiner rechten war ein geöffnetes, breites Fenster über dem Bett in dem er lag, welches Blick auf sanft im Wind hin und her wiegende Blätter bot, in denen sich die Sonnenstrahlen brachen.

Zu seiner linken war ein schlicht eingerichteter Raum, der Boden aus dem gleichen Holz wie die Deckenbalken, Fensterrahmen und die geschlossene Türe gegenüber dem Fenster. Neben dieser stand ein schmaler Schreibtisch, auf dem sich Bücher und allerlei Krimskrams stapelten. Auch auf dem Boden lagen verstreut Bücher, einzelne Blätter, die wie eine Fährte zwischen Schreibtisch und Bett zu einem offenen Türrahmen führten, wohinter er die Umrisse einer kleinen Küche ausmachen konnte.

Langsam setzte er sich auf. Dieser Ort war ihm fremd, selbst den Geruch von Sommer, Holz und Desinfektionsmittel konnte er nicht wirklich zuordnen. Verwirrt rieb er sich den Kopf; er versuchte sich an den vergangenen Tag zu erinnern oder an das letzte, was er getan hatte, aber er wusste es einfach nicht.

Hinter der geschlossenen Türe konnte er gedämpfte Stimmen und immer mal wieder eilige Schritte oder das Scharben eines Stuhls hören, fast schon leiser als das Rascheln der Blätter zu seiner Rechten.

Es war kalt gewesen, wurde ihm bewusst, kälter als jetzt, Winter, und dann erinnerte er sich wieder. Er erinnerte sich an die Insel Minion, auf der hoher Schnee gelegen hatte. Er wusste, dass er dorthin gereist war, er und… Law!

Schnell warf er die Decke zur Seite und stand auf, doch als hätte ihm jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen, verlor er sein Gleichgewicht und viel zurück aufs Bett. Vor seinen Augen tanzten bunte Punkte und er fühlte sich schwummrig, sein Körper war erschöpft, als wäre er viel gerannt, zu viel gerannt. Vielleicht sollte er das Rauchen aufgeben, seiner Lunge zuliebe…, verdammt, jetzt gierte er auch noch nach Nikotin.

Mühsam erhob er sich wieder, diesmal langsamer, und hielt sich an der Bettkannte fest. Seine Beine zitterten und das Atmen fiel ihm immer noch schwer. Was war nur passiert? Aber viel wichtiger, wo war Law und wie ging es ihm? Hatte er es geschafft? Hatte er die Operationsfrucht geholt und Law gegeben? War Law noch am Leben?

Er wusste nicht, wie lange er in diesem Bett gelegen hatte und erst recht wusste er nicht, wie viel Zeit seit seinem Besuch auf Minion vergangen war, aber die Angst übermannte ihn, die Angst, dass er ihn verloren hatte, nicht hatte beschützen können.

Erneut gaben seine Beine nach, doch diesmal fiel er zu Boden, auf die Knie, nicht in der Lage, sich rechtzeitig abfangen zu können, und versuchte seinen zittrigen Atem zu beruhigen. Es war der falsche Ort und die falsche Zeit sich von irrationaler Angst überwältigen zu lassen. Er musste aufstehen und diesem Raum verlassen, nur so konnte er herausfinden ob sich seine schlimmste Furcht bewahrheitet hatte.

Plötzlich hörte er sich nähernde Schritte und die Stimme eines Mannes, ehe die Türe vor ihm geöffnet wurde.

„… nach Hause. Heute Nachmittag sind es nur noch zwei Termine, die kann ich nach der Mittagspause allein mit…“ Der Mann im Arztkittel blieb im Türrahmen stehen und starrte ihn mit großen Augen und offenen Mund an, als hätte er vergessen, dass er sich gerade noch in einer Unterhaltung befand.

„Wenn du meinst“, antwortete eine Frauenstimme aus dem Flur hinter dem Mann. „Dann mach ich morgen die Frühschicht, also schlaf dich mal aus. Bis dann also und sei nett zu Frau Paipai.“

Auf sich entfernende Schritte folgte das Zufallen einer Türe und plötzlich war es still, während der Mann im Türrahmen ihn immer noch anstarrte, mittlerweile jedoch bebte sein ganzer Kiefer.

„Endlich“, flüsterte der Arzt nach einer Sekunde und die Erleichterung in seiner Stimme war unüberhörbar, „du bist aufgewacht.“

Er hatte keine Ahnung wer der Fremde war, der nun mit zaghaften Schritten auf ihn zukam, als würde er ein verschrecktes Tier beruhigen wollen. Er versuchte sich aufzurichten, aber seine Beine wollten ihm immer noch nicht gehorchen und er stolperte nach vorne, in die Arme des Fremden, der ihn zwar halb auffing, aber dennoch mit ihm zu Boden glitt.

„Vorsichtig, vorsichtig!“, flüsterte der andere eilig, während er selbst die auffälligen Tätowierungen des Arztes auf Hand und Unterarm bemerkte, die ihn hielten, ihn ergriffen und nicht losließen.

„Wer…?“ Er verstummte, als sie beide auf den Dielen hockten und er das Gesicht des anderen aus nächster Nähe sah, in diese seltsam vertrauten grauen Augen sah, die ihn immer noch glasig anstarrten. Obwohl er diesen Mann nicht kannte, war er ihm irgendwie nicht fremd, das wilde schwarze Haar, diese tiefen Augen, dieser Geruch.

Es überraschte ihn, als der andere dessen tätowierte Hand hob und nach ihm ausstreckte. Er wollte zurückweichen, aber etwas ließ ihn innehalten. Zittrig atmete der Fremde vor ihm ein und dann rannen ihm die Tränen übers Gesicht, wie bei einem kleinen Kind.

„Cora“, flüsterte der Mann und obwohl es unmöglich war, obwohl es absolut nicht sein konnte, erkannte Rocinante den anderen.

„Kann es sein?“, flüsterte er und ließ zu, dass der Mann ihn berührte. „Bist du es, Law?“

„Ja, Cora, ich bin es“, schluchzte der andere und im nächsten Moment lag er in Rocinantes Armen und weinte wie das kleine Kind, das er sein sollte.

Er verstand nicht, er verstand einfach nicht. Der Mann in seinen Armen war mindestens so alt wie er, ein richtiger Mann, aber Law war doch gerade erst dreizehn Jahre alt, unschuldige dreizehn Jahre alt.

Doch das Beben des fremden Körpers, das Brechen der schluchzenden Stimme, die Tränen dieser so vertrauten Augen, das alles sagte ihm, dass trotz aller Unmöglichkeit dieser Mann wohl niemand anderes sein konnte als sein kleiner Law.

„Law“, flüsterte er und drückte den anderen noch fester an sich als er die Tränen nicht mehr aufhalten konnte. Er verstand nicht, was passiert war, aber Law lebte, seine Haut schien – abgesehen von den Tätowierungen natürlich– wieder eine normale, eine gesunde Farbe angenommen zu haben, und er war erwachsen, er war erwachsen.

Vielleicht, vielleicht hatte es etwas mit der Operationsfrucht zu tun. Vielleicht hatte die Heilung einen Alterungsprozess hervorgerufen. Er wusste es nicht, er wusste es wirklich nicht, aber für diesen kleinen Moment war es ihm egal, war ihm alles andere völlig egal. Law lebte, das war alles was zählte.

Er konnte fühlen, wie Law die Hände in ihn krallte, als wolle er sichergehen, dass Rocinante wirklich da war, nicht nur ein Gebilde seiner Fantasie. Er griff nach seiner Brust, seinem Oberarm, seiner Schulter, seinem Haar.

Die verweinten Augen sahen zu ihm auf und ein leises Lächeln zog sich über dieses befremdlich vertraute Gesicht. Nun konnte er es ganz klar sehen, es war eindeutig Law.

Es ging ihm gut, er war am Leben und Rocinante merkte, wie es ihm schwerfiel dieses zittrige Lächeln nicht zu erwidern, fast schon ungewollt spiegelte sein Mund das Lächeln des anderen und plötzlich zog Law ihn zu sich hinunter und presste ihre Lippen gegeneinander.

Rocinante erstarrte.

Er hatte keine Ahnung, was gerade passierte. Law – sein süßer, kleiner, lieber Law – stand plötzlich als erwachsener Mann vor ihm, weinte in seinen Armen und nun… nun das?

Er konnte fühlen, wie die fremden Lippen gegen seine rieben, konnte die Hand in seinem Haar überm Nacken fühlen, die sich so verzweifelt festklammerte, spürte die Hand auf seiner Brust, genau über seinem wild pochenden Herzen.

Dann riss Law die Augen auf und wandte sich ab, befreite sich aus Rocinantes Armen und wich vor ihm zurück.

„Ich… ich… es tut mir leid“, flüsterte er ohne Rocinante auch nur anzusehen. „Ich wollte nicht… ich wollte dich nicht so überfallen… ich bin nur…nur…“

Offensichtlich fehlten ihm die Worte; nicht, dass es Rocinante in irgendeiner Form besser ging. Er verstand die ganze Welt nicht mehr. Das alles war wie ein abstruser Traum, fernab von jeglicher Realität. Aber diese Hände gerade, diese Tränen, diese Lippen, all das war echt.

Ohne seinen Satz je zu beenden starrte der andere ihn an und Rocinante hatte das seltsame Gefühl, dass er nun dran war etwas zu sagen, irgendetwas, um die seltsame Stille auszufüllen.

„Schon gut“, murmelte er, ohne wirklich zu wissen, was er damit meinte. „Ich verstehe nur nicht… Was geht hier eigentlich…?“

Das Öffnen einer fernen Tür unterbrach ihn und eilige Schritte kamen den Flur heruntergeeilt.

„Doktor Trafalgar, wo bleiben Sie denn? Die Mittagspause ist vorbei und… oh, Sie sind endlich aufgewacht?“

Im Türrahmen, hinter dem erwachsenen Law – der sich schnell aufrichtete und versuchte die Spuren seiner Tränen zu verwischen – stand eine vom Alter gebückte Dame, die Rocinante mit einem leichten Lächeln ansah, ehe sie schnell zu Law hinüberschaute.

„Wollen Sie, dass ich die Termine absage, Doktor?“

„Nein, nein.“ Law schüttelte den Kopf, ohne sie oder Rocinante anzusehen. „Herr Maumau kann nur heute und vielleicht kommen noch Notfälle rein. Ich habe heute Hintergrunddienst.“

Mit jedem Wort klang er ruhiger und gefasster, als hätte er sich wieder unter Kontrolle, als wäre er wieder Herr seiner Gefühle.

„Tun Sie mir einen Gefallen und geben Sie mir noch fünf Minuten, Frau Paipai. Wenn Herr Maumau kommt, bringen Sie ihn schon mal ins Untersuchungszimmer und klären, ob er seine Medikamente genommen hat. Ich komme dann gleich für die Untersuchung, aber ich brauche noch einen Moment.“

Die alte Frau nickte knapp. „Natürlich, verlassen Sie sich auf mich.“

Sie trat heraus und schloss die Tür hinter sich.

Für einen Moment waren sie beide still, während Rocinante den Mann vor sich begutachtete. Er war groß geworden, wirklich groß, und seine Stimme war tief, wie ein erwachsener Mann klang er und sein Auftreten erst… „wie ein echter Arzt.“

Die grauen Augen schnellten zu ihm hinüber und eine leichte Röte legte sich über Laws Wangen.

„Ich bin ein echter Arzt“, meinte er dann schließlich.

„Du leitest eine Praxis?“, fragte Rocinante die unwichtigste Frage, die er stellen konnte, aber die einzige die ihm gerade in den Sinn kam.

Langsam nickte Law, als hätte auch er eine andere Frage erwartet.

„Nur eine kleine. Doktor Tantan ist letztes Jahr bei einem Unfall verstorben und ihre Tochter ist noch Studentin. Die Inseln hier haben sonst niemanden, daher…“, antwortete er auf die Frage, die eigentlich keinen von ihnen interessierten.

„Und daher hast du entschieden ihnen zu helfen?“

Law zuckte mit den Achseln.

„Ich bin Arzt und die Menschen hier brauchen einen. Bin nur durch Zufall hier vor ein paar Monaten vorbeigekommen. Außerdem ist es hier ruhig und…“ Wieder beendete der andere seinen Satz nicht und biss sich auf die Unterlippe.

Rocinante auf der anderen Seite konnte seine Tränen nicht zurückhalten, als ihm bewusst wurde, dass sein kleiner Law - sein kleiner, jähzorniger, wütender Law - Menschen half einfach nur aus dem Grund, dass sie Hilfe brauchten.

„Das freut mich“, flüsterte er und versuchte wieder aufzustehen. Dieses Mal gelang es ihm etwas besser, doch selbst jetzt zitterten seine Beine noch unter ihm.

„Vorsichtig“, bemerkte Law sofort und zog ihn am Arm zurück aufs Bett. „Du solltest dich noch ausruhen. Du bist gerade erst aufgewacht.“

Rocinante konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen während er sich aufs Bett drücken ließ. Nun waren sie fast auf Augenhöhe während der andere vor ihm die Arme verschränkte.

„Du hörst dich wirklich an wie ein richtiger Arzt.“

„Ich bin ein richtiger Arzt“, wiederholte der andere, nun deutlich gefasster als zuvor. „Ich weiß du hast viele Fragen und ich werde sie dir alle beantworten, aber ich habe jetzt Patienten, die auf mich warten, und du musst dich ausruhen. Heute Abend werden wir über alles reden, in Ordnung?“

Nichts war wirklich in Ordnung, denn Rocinante hatte tatsächlich viele Fragen, aber er entschied, dass es für den Moment wohl günstiger war sich zu fügen, also nickte er und versuchte zu lächeln, doch es fiel ihm schwer.

„Natürlich. Kümmere dich erst einmal um deine Patienten. Ich werde schon nicht weglaufen.“

Der andere murmelte irgendetwas zustimmendes, aber hob seine Augenbrauen an als würde er diese Aussage anzweifeln, ehe er zur Tür ging. Die Hand schon auf der Klinke, verharrte Law.

„Und, ähm, vielleicht bleibst du einfach im Bett. Du brauchst nichts tun, anfassen oder so, bleib am besten einfach im Bett.“

„Was? Wieso?“

Der andere blickte ihn nur kurz misstrauisch über seine Schulter hinweg an.

„Du bist gerade erst wieder da. Ich würde es gerne vermeiden, dich direkt wieder zu verlieren, weil du dich aus Versehen anzündest oder irgendeinen Abhang hinunterfällst.“

Bildete Rocinante es sich ein oder hatte sein kleiner erwachsener Law gerade für einen Moment geschmunzelt, ehe er die Tür hinter sich zugezogen hatte?

Nun da er weg war, blieben Rocinante natürlich noch all die Frage, die er eben zu blöd zu stellen gewesen war. Sein Kopf schwirrte immer noch und es schienen sich nur noch mehr Fragen dazuzugesellen.

Warum war Law plötzlich erwachsen? Wie war er gesund geworden? Wo waren sie gerade? Wie lange war Rocinante bewusstlos gewesen? Was war mit seinem Bruder?

Oh…, weitere Erinnerungen tauchten vor seinem inneren Auge auf. Er hatte es geschafft, damals, er hatte die Operationsfrucht zu Law gebracht und dann… und dann war da sein Bruder gewesen, und Law in der Kiste und… und…

Verwirrt riss er das simple Hemd auf, welches er trug, betrachtete seinen Brustkorb, der mit lauter kleinen, feinen und großen, groben Narben der vergangenen Jahre und Strapazen übersäht war. Doch die Wunden – oder zumindest die Narben – die er erwartet hatte, fehlten. Nichts an seiner Haut erinnerte daran, dass sein Bruder auf ihn geschossen hatte.

Es war unmöglich. Rociante war sich sicher, dass er…, dass er gestorben war. Kopfschüttelnd ließ er das Hemd los und fuhr sich durch Gesicht und Haare. Noch etwas, das unmöglich war, das einfach nicht sein konnte.

Wie sollte er jetzt noch ruhig darauf warten, dass der Mann, der sein kleiner Law war, zurückkommen und seine Fragen beantworten würde? Am liebsten würde er aufspringen und dem anderen nachhetzen.

Aber er erinnerte sich an diesen Blick, an diese verweinten grauen Augen, die bebenden Lippen, die Bitte sich nicht in Gefahr zu bringen, und ihm wurde bewusst, dass er vielleicht derjenige hier war, der nichts verstand und tausende Fragen hatte, aber er wusste nicht, welchen Preis sein kleiner Law hatte zahlen müssen, um ihm antworten zu können. Er hatte keine Ahnung, was Law hatte durchmachen müssen.

Langsam sank er zurück aufs Bett – konnte sich gar nicht erinnern aufgesprungen zu sein – und berührte mit zwei Fingern seine Lippen.

Law hatte ihn geküsst, kein kleiner Schmatzer auf die Wange, kein versehentliches aneinander Vorbeistreifen bei einer Umarmung. Es war ein bewusster Kuss gewesen, dabei war Law doch noch ein Kind, sein kleiner Law, oder?

Unruhig betrachtete Rocinante die geschlossene Tür. Wer war der andere wirklich?

 

Autorennotiz

Hallo meine Lieben,

diese Geschichte wollte ich schreiben seitdem ich zum ersten Mal den Dress Rosa Arc gelesen habe (was jetzt also wirklich schon gute 6 Jahre her ist) und jetzt endlich ist sie fertig und ich kann sie mit euch teilen. Unsere lieben Strohhüte werden dieses Mal etwas in den Hintergrund treten - aber keine Sorge, sowohl sie als auch 'Doffy' werden aber mal vorbeischauen ;-) - und die Bühne anderen Charakteren überlassen.

Also viel Spaß (jeder, der meine Geschichten kennt, weiß, dass es meistens wenig zu Lachen gibt^^') und ganz liebe Grüße

Sharry

P.S.: Hab ganz vergessen zu erwähnen, dass die Updates jeden Freitag oder Samstag kommen (je nachdem wie früh ich von der Arbeit komme ;-) seid bitte geduldig mit mir^^)

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Autor

Sharrys Profilbild Sharry

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Kapitel:2
Sätze:251
Wörter:4.372
Zeichen:25.309

Kurzbeschreibung

„Wer…?“ Er verstummte, als er das Gesicht des Arztes aus nächster Nähe sah, in diese seltsam vertrauten grauen Augen sah, die ihn immer noch glasig anstarrten. Obwohl er diesen Mann nicht kannte, war er ihm irgendwie nicht fremd, das wilde schwarze Haar, diese tiefen Augen, dieser Geruch. „Kann es sein?“, flüsterte er und ließ zu, dass der andere ihn berührte. „Bist du es, Law?“

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit (romantische) Beziehungsentwicklung, Drama (Genre), Angst, Schmerz und Trost und canon aware getaggt.

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