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Statistik
| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 284 | |
| Wörter: | 4.252 | |
| Zeichen: | 25.850 |
Jethro packte sein Duschzeug zusammen, wärend er sich mit der linken Hand durch sein verschwitztes, walnussbraunes Haar fuhr. Fuck, tut das weh. Er konnte den Sonnenbrand vom Vortag bereits seit einigen Stunden spüren, doch mit jeder Bewegung schienen die Schmerzen schlimmer zu werden. Nun hatte sein Nacken die Farbe einer reifen Paprika angenommen und damit begonnen, sich langsam zu schälen. Und das alles nur, weil er in England nicht an Sonnencreme gedacht hatte! Er zog sein Handtuch aus dem schwarzen Hartplastik-Koffer, der in der Mitte des Gangs zwischen den Betten lag. Es war noch feucht vom Morgen, als er es nach dem Duschen achtlos auf all seine frischen Klamotten geschmissen hatte. Es war der 4. Tag des Stromboli-Forschungscamps für Jugendliche, dessen eigentliche Bezeichnung er sich nie länger als einen halben Tag behalten konnte. Sein Roomie, Jack Webber, lag bewegungslos in einem der unteren Betten und las ein Buch. Er hatte ihn bis jetzt erst zweimal reden hören, ausgenommen einsilbiger Pflichtantworten. Er war schlank gebaut und es grenzte an ein Wunder, dass er die letzten 4 Tage durchgehalten hatte. Jethros Brille landete auf einer Komode neben einer zerquetschen Eistee-Flasche, dessen bräunlich-gelber Inhalt gerade noch den Flaschenboden bedeckte. Er ging in Gedanken versunken den Flur entlang. Einmal links, kurz geradeaus, zweite Tür rechts. 5 Minuten später kam er, durchgefroren, aber wieder mental anwesend, aus der Dusche. 17:27 Uhr. In 3 Minuten ist die Besprechung. Na das kann ich jetzt richtig gut gebrauchen. Er ging zusammengesackt in sein Zimmer, schmiss sein Handtuch auf seinen Koffer und stopfte die alten Klamotten in seinen Wäschesack. Gerade als er gehen wollte, linste die Britische Co-Organisatorin in sein Zimmer, die Finger um den Türrahmen gekrallt, sodass er nur ihren Kopf und Oberkörper sehen konnte, als ob seine Privatsphäre dadurch weniger gestört wäre. „Hi, ich wollte nur sagen, dass in einer Minute die Besprechung über die heutigen Erkenntnisse beginnt." No shit, ich weiß und jetzt laber mich bitte nicht voll, danke. Ich würde mich freuen, wenn du ein wenig erzählst. Baxter hat gesagt, er freut sich schon auf eure Beiträge." Tut er nicht. Er hat keine Gefühle, außer grenzenlosem Selbstbewusstsein. Josie, die überschwängliche und kindlich naive Frau, verlies das Zimmer. Jethro wartete kurz, um nicht mit ihr laufen zu müssen. Als er den Klassenzimmergroßen Raum betritt, saß sein Roomie bereits an einem iPad und arbeitete konzentriert an einem Text. Jethro hatte nach dem Duschen nicht bemerkt, dass Jack gar nicht mehr im Zimmer gewesen war. James Cameron, der Junge mit den Streng gekämmten Haaren aus irgendwo in London, saß neben ihm und gab im Flüsterton, wie es sich gehört, Verbesserungsvorschläge, die Jack wortlos zur Kenntnis nahm – wahrscheinlich zumindest. Jethro setzte sich zu ihnen. Eine Junge Italienerin, die wie anfang zwanzig aussah, stützte ihre Ellenbogen auf einem der zu niedrigen Tische am anderen Ende des Raumes ab, was zu reichlich Getuschel an den von Jungs besetzten Tischen führte. Jethro fand diese Frau extrem nervig. Sie war der Typ Mensch, der sich Vorstellungsspiele ausdenkt. „3 Minuten noch!", bellte Baxter Coleman. Die nächste Stunde verbrachten sie damit, ihre Erkenntnisse vorzustellen. Und so langsam hellte sich die laune des 16-jährigen wieder auf. Er hatte wochenlang Vorfreude auf dieses Projekt, und jetzt war er in genau der Situation, in der er lange sein wollte. Nichts außer Ferien, Natur und ein bisschen Ruhe. Und nebenbei konnte er sich selbst beweisen, dass er auch ohne seine Eltern gut auskam.
„Also so manche Leute…“, regte sich Jethros Großvater auf, gerade, als er sein Auto aus der Parklücke des Waitrose Supermarkts steuerte, in dem sie die letzten eineinhalb Stunden verbracht hatten. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Einkauf für die nächsten Tage werden, aber „kurzer Einkauf“ waren für die Senioren der Williams-Familie Fremdwörter. Sie hatten an jedem ersichtlichen Sale-Schild angehalten. Ausnahmslos. Und wenn das Rinderhack in der überdimensionierten Größe einen billigeren Kilopreis hatte, wurde es – nach langer Diskussion – mitgenommen. Und als wären die Kilopreise abgepackter Produkte nicht Dilemma genug, gab es da noch die Frischetheke - eine Wissenschaft für sich. Nachdem die junge Frau an der Fischtheke – sie war Vietnamesin, das schien laut seiner Großmutter wohl relevant zu sein, schließlich erwähnte sie es in jeder Beschwerde – tatsächlich ein Gramm Lachs zu wenig auf die Waage gelegt hatte, liefen sie weiter genervt durch den Laden, immer auf der Suche nach kleinen, roten Preisschildchen. Just als Jethro glaubte, er würde in dem Laden übernachten müssen, erreichten sie die Kasse. Er merkte erst, wie ausgelaugt er sich eigentlich fühlte, als die Bremsen des Audi Q3 ihn in der Einfahrt kurz in den Gurt und dann direkt wieder in den Sitz drückte. Das unangenehme klick,klick,klick der Handbremse, gepaart mit dem Gänsehaut erregenden Geräuschs von knarzendem Kunststoff, nahm er kaum war. Es war der erste von 3 Tagen, den der 16-jährige bei seinen Großeltern verbrachte, weil seine Eltern auf einer Beerdigung eines Bekannten eines Arbeitskollegen waren, doch er sehnte sich jetzt schon nach etwas Ruhe. Die Stunden vor dem Einkauf hatte er damit verbracht, seinen Klassenkameraden am Telefon die Matheaufgaben zu erklären und oh Boy, war das eine Quälerei gewesen. Nach 2 Stunden hatte er ihnen gesagt, sie seien gut vorbereitet, sofern sie sich ein Erklärvideo anschauen, welches er ihnen verlinkt hatte. Dies stimmte zwar nicht und er fühlte sich deswegen auch ein wenig mies, aber er wäre sie sonst nie losgeworden. Er verstand sowieso nicht, wer vor den Sommerferien freiwillig noch lernt, sie würden es ohnehin alles wieder vergessen. „Blimey!“, hauchte sein Großvater und riss ihn damit aus seinen gedanken, als er die schwerste Einkaufstaschen aus dem Kofferraum hob. Sie waren alle sortiert und er hatte sich ausgerechnet die ranzige Tesco-Tasche genommenen, die mit dem Tiefgekühlten Fisch und Gemüse gefüllt war. Außerdem hatte Jethro - gegen jegliche Vernunft - tatsächlich eine Wassermelone in diese Tüte gelegt. Er stieg aus und nahm ihm die Tasche aus den Händen. Shit! Die Wassermelone hatte die gefrorenen Chicken nuggets zerquetscht, die er auf das Kassenband geschmuggelt hatte. Here we go again, da muss ich mir gleich anhören, wie dumm das war, als könnte ich das nicht selbst sehen!
Wenige Stunden später saßen sie alle zusammen am Tisch im Garten. Die Vögel zwitscherten im Sonnenuntergang, der neue Grill brutzelte vor sich hin. Jethro beobachtete, wie sein Großvater jede freie Gelegenheit nutzte, um auf seinem Smartphone den KI-Zusammenschnitt der Sicherheitskameras zu kontrollieren, die wärend des Einkaufs auf das Haus aufgepasst hatten. Sie wohnten in einer Gegend in Birmingham, die eigentlich recht wenig Kriminalität hatte, doch die Erwähnung dessen hielt den Investigativjournalist in Rente nicht davon ab, sich von seiner Paranoia kontrollieren zu lassen. Er hatte früher Drohbriefe erhalten, einige sogar, und musste sich mit einigen Anwälten bekannter Unternehmen rumschlagen, wobei er häufig nur glimpflich davonkam. Seine Frau hielt davon nichts, doch was konnte sie machen. Jethro stach seinem Besteck in einem durchwachsenen Steak rum – der natürlich reduziert gewesen war – und dachte voller Vorfreude darüber nach, was in den nächsten Tagen wohl alles geschehen würde. Er hatte sich bereits vor Monaten für das Jugendcamp beworben, als er noch unermüdlich nach Ablenkung von der Schule suchte, die er, ohne aktiv Zielen zu Folgen und sich zu fordern, kaum zu bekommen glaubte. Doch er wusste damals, dass er sich sofort anmelden müsse, wenn er nicht zu viel Zeit haben wollte, wegen der nicht genutzten Zeit in Selbstmitleid zu versinken. „Jethro? Schaust du schon in die nächste Woche oder bist du noch da?“, schmunzelte seine Großmutter. „Ja, äh was ist?“ fragte er, und sah, dass sie ihm einen Teller mit verschiedenen Steaks und Spießen entgegen streckte. Es ist erst 19 Uhr oder so, warum bin ich so abwesend? Er nahm sich einen Hähnchenspieß und begann, die halb verbrannten Paprikascheiben rauszuarbeiten, die den Spieß zierten.
Nach dem Essen saß er in sein Smartphone vertieft im Wohnzimmer, wärend seine Großmutter alle Teller mit Zewa auswischte. Er ließ sein Smartphone auf den Tisch fallen und rieb sich die Augen, wodurch seine Brille ebenfalls auf den Tisch fiel. Er war trotz des Red Bull purple edition, welches er sich nach dem Essen in seinem Zimmer einverleibt hatte, ungewöhnlich müde. Ich wollte ja noch packen! Egal, mach ich morgen oder so, keine Ahnung.
Den nächsten Tag verbrachte er damit, seine Sachen zu packen, was nicht besonders schwer war, da er vor der Abreise nicht mehr nach Hause kommen würde, weshalb er vor einigen Tagen bereits alles Notwendige von daheim im Koffer mitgenommen hatte. Er war gerade damit fertig, die Schmerzmittel, Hustenbonbons und andere weiße Kunststoffzylinder mit kryptischen Linderungsdarstellungen einzupacken, als sein Großvater ihn aus den Gedanken riss. „Hier, das ist die Meta Ray-Ban Sonnenbrille von einem ehemaligen Kollege, er hat sie mir ausgeliehen und wir sehen uns sowieso erst in ein paar Monaten wieder.“ Bitte WAS. Mein Opa kommt mir gerade mit der gehypetesten, modernsten Technik um die Ecke, als wäre es nichts. Das Ding kostet 500 Pfund oder so. „Dürfte sogar von der Sehstärke in Ordnung sein, ich glaube es war irgendwas mit +5 Dioptrien, das könnte passen, oder?“ Keine Ahnung, ich gehe immer mit meiner Mutter zum Augenarzt, ich merke mir das doch nicht. „Jaja, passt schon, danke. Ich probiere sie mal aus, mal sehen“, sagte er gleichgültig, als hätte man ihm gerade eine neue Creme empfohlen, die eine nicht existente Wirkung haben soll. Er freute sich riesig über die Gelegenheit, die Brille testen zu dürfen. Noch wärend die Tür mit einem leisen „Klick“ ins Schloss viel, zog er das dazugehörige Armband an. Er koppelte die Brille mit seinem Smartphone und setzte sie auf. [Unfertiges Kapitel. Weitere Kapitel bereits geschrieben, dieser Teil fehlt jedoch]
„Aufstehen, sonst gibt’s von denen, die nichts kosten!“ Dieser Typ ist so fucking wichtig, halt doch einfach dein Maul und lass mich schlafen. Es war der 5. Tag. Es war jedoch ebenfalls sieben Uhr morgens. Jethro stieg träge aus dem Bett und verharrte einige Minuten an der Bettkante, seinen Kopf in die Hände gestützt. Sieben Minuten später standen sie in Reihe vor der Unterkunft und wurden in einen Bus gepfercht, der - naja - eher Italienisch aussah: Die unteren Kanten der Karosserie sahen aus wie ein schweizer Käse, allerdings in Rostbraun, denn die Lackierung hatte ihre besten Tage bereits hinter sich. Und da saßen sie, ihre Lunchpakete auf dem Schoß, wärend der Busfahrer sie anmaulte, sie sollen sich gefälligst anschnallen. Und schon ging’s ins Tal. Es war die erste Talfahrt der Reise und daher für einige besonders aufregend. Die Straße schien recht neu zu sein, denn sie war Rabenschwarz und wenn man genauer hinschaute konnte man Warnschilder erkennen, die nach dem Eröffnen der Straße scheinbar achtlos in die niedrigen Büsche am Straßenrand geworfen und nie nachträglich abgeholt worden waren. Jethro saß neben Jack, weshalb er die meiste Zeit der Fahrt mit seiner Switch verbrachte. Im Hintergrund konnte der vernehmen, wie James, sich seiner Lautstärke unbewusst, eine Verschwiegenheitsklausel nach der anderen aus dem Fenster warf. Sein Vater arbeitete für den MI6, wie er bereits mehrfach erwähnt hatte, weshalb er jede Gelegenheit nutzte, um sich damit selbst zu profilieren. Etwa 15 Minuten später parkte der Bus am Straßenrand. „Absitzen! Reihenweise! Nach Gruppen ordnen!“ Der Mann kennt kein Punkt und kein Komma, der kann ja wirklich nur in Ausrufezeichen sprechen. Kaum hatte Baxter den Bus verlassen, standen alle gleichzeitig auf, drängten sich in den Mittelgang und begannen, unkoordiniert durcheinanderzulaufen. Natürlich wusste niemand, was der Mann, der aus seiner Vergangenheit als Soldat kein Geheimnis machte, von sich gab, wenn es auch sehr offensichtlich war, was er wollte. Jethro konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Als sich die Gruppen bis auf wenige Ausreißer gefunden hatten, gingen sie als Menschentrauben den Gehweg entlang. Der Busfahrer, der sie mitten auf der Straße rausgelassen hatte, wurde von einem Rollerfahrer, der selbst sämtliche Verkehrsregeln brach, bösartig beschimpft, jede Beleidigung von einer wild vor-und-zurück schwingenden Hand begleitet. Der Franzose winkte ab, was den alten Italiener nur noch mehr auf die Palme brachte. Er musste erneut grinsen. Italiener! Während sie wenige Zeit später über einen Markt liefen, telefonierte James mit seinem Vater. Per Videoanruf natürlich. Er stellte sowohl sie als auch ihn vor, allerdings wussten sie bereits alles über Marcus Prescott, den Mann der tausend Geschichten. Zum Glück hat James den Nachnamen seiner Mutter bekommen. Jethro hatte die Ray-Ban angezogen und streifte sich das Armband über seine rechte Hand. Die nächsten Minuten verbrachte er damit, alle Funktionen durchzutesten, die die Sonnenbrille zu bieten hatte. Er kannte sie zwar bereits aus England, doch darum ginge es schließlich nicht. Dass er die ganze Zeit über wild mit der rechten Hand gestikulierte, um die Funktionen zu steuern, fiel auf dem belebten, Italienischen Markt kaum weiter auf. Als James endlich sein Smartphone in die Jeans steckte, zog er wieder seine normale Sonnenbrille an. Die Ray-Ban bereitete ihm immer Kopfschmerzen. Sein Nacken brannte noch immer. Der Marktplatz war prall gefüllt. Mit Überraschung stellte Jethro fest, dass es recht viel internationalen Besuch gab: Wärend er die Live-Übersetzung seiner Brille getestet hatte, wurden ihm Übersetzungen aus dem Deutschen, Französischen und sogar Russischen angezeigt, wobei er die Russische Sprache selbst einigermaßen gut beherrschte, da die Familienseite seiner Großmutter russisch war. Jetzt, da er es wusste, war es recht offensichtlich gewesen, dass einige der gesprochenen Sprachen sich nicht einmal ansatzweise nach italienisch anhörten. Die meisten unterhielten sich über Tratsch und gefälschte Gucci Taschen, an denen das Trio wohl noch vorbeikommen würden. Einizig die Deutsche Familie las irgendwelche kryptischen Daten aus einem kleinen Marco Polo Reiseführer, die sie an der nächsten Straßenecke wahrscheinlich wieder vergessen würden und zeigten dabei auf irgendwelche zerfallenen Häuser in der Ferne. Wahrscheinlich hat dort vierzehnhundert-schieß-mich-tot der heilige Theodor gewohnt, der fast Papst geworden wäre oder sowas.
„Will jemand Pizza?“ Jack hielt vor einem Haus, welches in seiner Vergangenheit mal eine Tapete gehabt zu haben schien. Aus dem Raum drang ein Höllenlärm an wild durcheinander rufenden Stimmen auf den Markt. Der Laden scheint gut zu sein … außer man hat Kopfschmerzen. Wenn man ganz genau hinschaute, konnte man an der Wand, die an die Toilette grenzte, eine kleine Kreidetafel mit der verwaschenen Aufschrift ‘Margerita 10€‘ erkennen. „Klar.“, murmelte James. Jethro folgte ihnen wortlos, die Kopfschmerzen hatten ihm sämtlichen Appetit genommen. Sie hatten das unscheinbare Haus kaum betreten, kam ihnen ein junger Mann mit streng zur Seite gegeltem, pechschwarzem Haar entgegen und begann mit atemberaubender Geschwindigkeit, auf sie einzureden. Jethro schätzte ihn auf etwa anfang 30, konnte sich jedoch nicht festnageln. Die 3 starrten ihn nur an, bis er seinen Redefluss nach was sich wie 2 Minuten angefühlt hatte, endlich einstellte. Nach einigen unangenehmen Schweigesekunden brachte James schließlich ein ‘Hi, können wir bitte einen Tisch für 3 bekommen?’ zustande, klar dafür von sich selbst begeistert, dass er es gesagt hatte. Der Italiener, sichtlich beleidigt, dass sie seine Sprache nicht beherrschten, führte sie zu einem kleinen, quadratischen Tisch aus dunkel geöltem Holz. Außer ihnen war der Laden nur von einer Vierergruppe besetzt, die ihren 60. alle bereits lange hinter sich zu haben schienen. „Also, was sagt ihr? 3 Margherita mit extra Chorizo-Stückchen und Ananas?“ Wie kann man so wenig Empathie haben? Sehe ich aus, als würde ich seine Begeisterung teilen oder was? Er brachte ein mühsames „mhm“ hervor, doch da hatte James bereits die Bestellung aufgegeben. Der Italiener sagte nichts, doch sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sie für diese Bestellung gerne gesteinigt hätte. „Drinks?“, fragte er knapp. Die 3 schauten sich an umd verneinten kollektiv. Im Gehen murmelte er irgendetwas in sich hinein, was vermutlich eine Beleidigung war. „Wie findet ihr es bis jetzt? Ich habe vorhin meine Apple Watch vorhin angemacht, jetzt denken alle ich bin mit 20 km/h den Berg-” „Ich finde es gut.“, unterbrach ihn Jack, übertrieben die Augen rollend und schließlich wegeblickend, genervt vom ständigen Angeben. Allein schon dieser Londoner Akzent! It’s Posh, isn’t it, sir?, dachte Jack in der hohen Stimme einer alten Londoner Adelsdame, die alle Buchstaben klar betont, wärend sie die Situation mit ihren von Goldarmbändchen kläppernden Händen mit perfekt gemachten Nägeln einen wichtigen Ausdruck verlieh. Er konnte diese Art Mensch nicht ausstehen. „Hat jemand von euch die Strecke aufgezeichnet?“, fragte James, voll und ganz im Bilde, dass keiner der beiden eine Smartwatch besaßen. „Nein.“ Auch Jethro’s Toleranz für solche Spielereien war, gelinde gesagt, nicht besonders groß. „Mein Großvater hat sie mir geschenkt, an meinem 16. Geburtstag.“, fuhr er fort, die sonst gerade sitzenden Schultern nun zusammengesackt. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. „Meine Großmutter, Rosalind, konnte an diesem Geburtstag leider nicht kommen, sie …“ Er hatte den Kopf geneigt und starrte mit glänzenden Augen den Tisch an. „Sie ist wenige Tage später gestorben. An …“ Er schluchzte. Sie hatten begriffen und Jethro fühlte eine tiefe Schuld, wie er sie noch nie gespürt hatte. Deshalb ist er so ein Angeber! Er braucht das Selbstbewusstsein, um die Trauer auszugleichen. Sein Mitgefühl überrumpelte ihn und eine Träne kullerte seine rechte Wange herunter. Jack hatte sich offenbar etwas besser unter Kontrolle, doch die Gleichgültigkeit, die sonst seine Gesichtsmimik bestimmt hatte, war einem ‚schwierige Situation‘-Blick gewichen. „Es ist okay, du musst nichts sagen.“ Jethro legte seine Hand auf James’ Rücken und rieb sie auf seinem T-Shirt leicht auf und ab. „Das tut mir sehr leid.“, gab Jack zu, wobei er sich eher dem Ölgemälde an der ihm gegenüberliegenden Wand zu öffnen schien als James, wenn man seinem Blick folgte. Der Kellner kam an ihren Tisch, 2 Pizzen in den Händen, eine auf dem Unterarm und erkundigte sich, ob sie nicht doch ein Getränk haben wollten. Jethro’s Mund war staubtrocken. Als sich der Mann gerade zum gehen wandte, die Pizzen bereits abgestellt, hauchte er ein brüchiges „Tomatensaft, bitte.“ Der Mann nickte. „Dreimal.“, sagte Jack mit abwesender aber fester Stimme, immernoch auf das Bild starrend. Die anderen Gäste mussten das Restaurant irgendwann verlassen haben, denn es herrschte plötzlich eine unangenehme Stille, die sie zu zerquetschen drohte. Gerade, als Jethro sich gefangen hatte, begann Jack zu erzählen. „Ich habe meinen Großvater ebenfalls verloren. zwei Jahre ist es nun her, zwei Jahre, drei Monate und …. ein paar Tage. Es wird besser werden, James. Vertrau mir, das braucht Zeit, aber es wird besser.“ Jethro’s Augen glänzten, als sie Träne für Träne seine Wangen befeuchteten. Er konnte kaum noch etwas sehen, nicht nur, weil seine Brille vor ihm auf den Tisch gefallen war, als er sich die ersten Tränen weggewischt hatte. Diesmal war es Jack, der seine Hand auf seine Schulter legte. Er hatte seinen Blick von der Wand gelöst und schaute ihn nun direkt an. Etwas weiches lag in seinen Augen, etwas beruhigendes. Der Kellner kam mit 3 Gläsern zurück, alle bis zum Strich mit einer scharlachroten Flüssigkeit gefüllt. Von dem Kleinen Tisch war nun nichts mehr zu erkennen, er war bis ans Limit mit Tellern, Getränken und dem Gewürzhalter bedeckt, die Brille belegte den letzten freien Platz. Jethro hätte gerne seine Sorgen geteilt, wo sie schon dabei waren, doch irgendetwas sagte ihm, er sollte es lieber lassen. Sein Hals öffnete sich und er spürte, wie das Gefühl nach kratzendem Sand von einer Flut dickflüssigem, scharlachroten Tomatensaft abgelöst wurde. Er prustete auf.
Nachdem sie, – 2 von ihnen – ihre Pizza verdrückt hatten, liefen sie wieder über den Markt. Den Pizzakarton unter dem Arm, erzählte Jethro ihnen lachend von dem Moment vor einigen wenigen Monaten, als drei seiner Klassenkameraden in einer Grundschule, dessen Sporthalle sie damals wegen Renovierungen temporär für ihren Sportunterricht genutzt hatten, den Feueralarm ausgelöst hatten. „Sie haben einfach ein Deo genommen und Feuer frei den Raum vernebelt! Ich habe damit natürlich nichts zu tun, aber, wie soll ich sagen, die Feuerwehr und unsere Rektorin waren nicht besonders zufrieden, auch weil unser Sportlehrer sich dem ganzen etwas entzogen hat.“ James musste grinsen. „Das ist ja verrückt! Ich wäre dafür von der Schule geflogen!“ Die Ablenkung tat allen von ihnen ausgesprochen gut und Jethro spürte eine starke Bindung zwischen innen, wie ein Gummi, das sie miteinander verband und immer näher zusammenbrachte, und dabei hatte er nicht einmal etwas erzählt. Es fühlte sich unglaublich gut an.
Er fischte sein Smartphone aus seiner Jeans und rief, zum ersten mal in 5 Tagen, seine Mutter an. Es hatte keine 2 mal gepiepst, als ihre Stimme aus dem Lautsprecher Drang. „Hallo Schatz, na, wie ist es soweit?“, fragte sie voller Enthusiasmus. „Gut.“, antwortete er, wissend, dass diese Antwort niemals ausreichen würde. Und das tat sie auch nicht. Fast eine Dreiviertelstunde später legten seine Eltern widerwillig auf, da sie zum Sport mussten. Jethro hätte es zwar niemals zugegeben, aber das Gespräch hatte ihm gut getan. Sie waren seit sie aus dem Bus gelassen worden waren fast durchgängig gelaufen, ausgenommen der Zeit in der Pizzeria, jedoch zweifelte er daran, dass sie jemals ein Ende erreichen würden, weil alle drei den Orientierungssinn einer durch den Wind wirbelnder Plastiktüte hatten. Sie kamen gerade an einem Hafen vorbei, als plötzlich James’ Smartphone klingelte. Ich hoffe, es ist wieder sein Vater. Es war nicht sein Vater. Es war die Co-Organisatorin und man konnte selbst mit Mühe nicht mal einen Hauch ihrer üblichen überzogenen Freundlichkeit vernehmen. „Jungs!“, keifte sie über den Lautsprecher des Smartphones. Fuck. Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht? Mit James wird sie ja wohl kaum ein Problem haben, er hat sich – auch, wenn ich jetzt weiß, warum – ordentlich bei ihr eingeschleimt. Ist mein Handy auf Stumm? Wollte sie mich anr- „Ihr solltet vor 5 Minuten am Treffpunkt sein! Es sind schon alle hier. Ihr habt drei Minuten, sonst bleibt ihr da!“ Sie legte auf, ohne ihre Antwort abzuwarten. Jethro schaute auf seine Armbanduhr. Sie waren tatsächlich um einiges zu spät! „Oh shit, Baxter hat ihr wohl ordentlich die Hölle heiß gemacht.“ Noch bevor James erneut fluchen konnte, machten sie auf der Stelle kehrt und sprinteten los. Nicht, das die Orga sie tatsächlich im Tal lassen würde, denn dann müssten sie nicht nur gegen einer Horde wütender Eltern ankommen, sondern sich ebenfalls mit Prescott’s Anwälten rumschlagen. Nein, sie trieb etwas anderes an: Baxter hatte beim ersten Briefing klargestellt, dass Schlampereien „Verhältnisgemäß zu einer steigenden Lernkurve“ führen würden. Es gab einige Theorien, was das zu bedeuten hatte, doch sie wollten kein unnötiges Risiko eingehen, wenn sie ihn auch nicht immer ernst nehmen konnten. Jack schien diesen Teil seiner Rede verschlafen zu haben, denn er schlurfte ihnen verträumt hinterher.
Sie waren bereits beide völlig außer Puste und hatten wärend des gesamten Sprints nicht gesprochen. „Was glaubst du, was Baxter mit uns macht?“, keuchte James und brach damit die plötzlich erzwungene Stille zwischen ihnen. „Müssen wir jetzt Toiletten Putzen? Igitt, ich hoffe nicht!“
Wenn man vom Teufel spricht. Sie hatten 5 Minuten nach dem Anruf den Bus erreicht und standen nun, nach Atem ringend, direkt vor ihm. Die schwüle Hitze hatte den Sprint zur Hölle gemacht. Baxter Coleman stand neben der Tür und schaute wortlos auf sie herab. Obwohl beide zusammengesackt und mit hängenden Köpfen dastanden, konnten sie spüren, wie Baxters kalter Blick sie förmlich durchbohrte. Jethro fühlte sich wie ein Hund, der gerade beim Plätzchen fressen erwischt wurde und nun die Folgen tragen musste. Nach einigen, qualvollen Sekunden kam schließlich das erlösende „Einsteigen!“ Was ist bei denen los? Warum sind die auf einmal so hart zu uns? Jethro wusste, es musste sich um irrationale Einschüchterung handeln, doch seine Gedanken konnte nicht locker lassen, egal, was er auch versuchte. Er spürte zum zweiten mal am diesem Morgen eine Schuld, dessen Heftigkeit man nur als völlig irrational bezeichnen konnte, wärend sich die Blicke mehrerer Dutzend Jugendliche auf ihn hefteten. Er versank in seiner Nintendo Switch, doch der Bus fuhr nicht los. Was ist denn jetzt? Eine Panne konnte er gerade noch gebrauchen. Oh shit, Jack spaziert ja immernoch durch die Stadt!
Er kam, zufrieden mit sich und der Welt, 10 Minuten später durch die Tür gelaufen. Baxter, der ganz vorne im Bus saß, würdigte ihn keines Blickes. Jethro starrte weiter in seine Switch, wärend sie die Serpentinen hochtuckerten. Der Einkauf der Orga ruckelte und rollte wild im Kofferraum hin und her und erzeugte dabei eine konstante Geräuschkulisse, die zusammen mit dem Brummen der Straße die perfekten Vorraussetzungen für Kopfschmerzen bildete. Falls für die nächsten Tage ein Obstteller geplant war, würden die Köche wohl auf Fruchtmousse im Glas umsteigen müssen.
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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 284 | |
| Wörter: | 4.252 | |
| Zeichen: | 25.850 |
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