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Sollbruchstellen

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25.01.23 18:45
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

6 Charaktere

Judith

Eine junge Frau, die die Erwartungen, die die Gesellschaft an sie stellt, nicht erfüllen will und deshalb die Stadt verlässt, um sich draußen in der Wildnis ein Leben aufzubauen.

Janne

Ein junger Mann aus gutem Haus, der mit seiner Familie bricht und Judith davon überzeugt, mit ihm die Stadt zu verlassen.

Luke

Ein Junge, der in einem Netzwerkspiel zum Star aufsteigt. Tians Bruder.

Tian

Lukes Bruder. Besorgt um dessen Wohlergehen, plant er einen Terroranschlag, um das Netzwerk, dem Luke angehört, zu zerstören.

Eliza

Verdeckte Ermittlerin in Tians Organisation.

Lucy

Attentäterin im Auftrag einer landwirtschaftlichen Kooperative.

Dass Judith ihr Leben nicht im Gamma-Sektor des UC-21 verbringen wollte, wurde ihr an dem Tag klar, als man ihre Schulklasse für die nachmittäglichen Aktivitäten in zwei Gruppen aufteilte und sie sich - ohne die Möglichkeit, ein Veto einzulegen - plötzlich zusammen mit vierzehn anderen Mädchen beim Kunstturnen wiederfand. Obwohl bei Schülerin und Trainerin Missmut und Enttäuschung in dieser Sache auf Gegenseitigkeit beruhten, ließen die Lehrerinnen sich nicht erweichen und von da an hieß es jeden Tag balancieren, springen, schwingen – in einem violett glitzernden Dress, der eher an einen Badeanzug erinnerte als an seriöse Sportbekleidung. Nicht, dass Judith Badeanzüge für unseriös hielt, aber in einer Turnhalle kam sie sich darin vollkommen lächerlich vor und weil sie von diesem Tag an ständig mit Situationen konfrontiert wurde, die ihr und in denen sie sich lächerlich vorkam, beschloss sie, dass sie sich in Zukunft diesen Situationen entziehen wollte, indem sie ihnen entfloh. Wenn man nicht gefunden wurde, wenn man nicht da war, konnten sie eine nicht vor sich her über irgendwelche Hindernisse treiben, weil sie glaubten, dass das den Charakter formte.

Hätte Judith ein Defizit im Bezug auf Kraft oder Gleichgewichtsgefühlt gehabt, hätte sie dem Training vielleicht etwas Nützliches abgewinnen können, aber alles, worum es der Trainerin ging, waren Haltung und Grazie. Lieber nicht zu viel riskieren, dafür sicher landen – das ging nicht konform mit Judiths Vorstellung vom Leben.

Das Problem lag vor allem in der Beschaffenheit des Wettbewerbs in dieser Sportart. Man führte das Programm vor und eine Jury gab ihren Senf dazu ab. Konkurrenz ohne Konfrontation. Die Gegnerinnen blieben fremd und fern, während der Sieg mit dem Lächeln stand und fiel, das man den Punktrichtern zuwarf.

Und Judith zeichnete sich nicht gerade durch großes Talent beim Einschmeicheln aus. Sie verstand nicht, wieso sie ihre Leistung nicht einfach selbst bewerten konnte. Glaubte man nicht, dass sie ehrlich zu sich selbst war? Was ging es überhaupt eine Bank voller gelangweilter Ehemaliger an, wie gut oder schlecht sie über einen Schwebebalken laufen konnte? Wozu war das überhaupt gut?

Viel lieber hätte sie einen ehrlichen Sport wie Boxen oder Karate gewählt, aber es gab nun einmal nur zwei Nachmittagsbetreuungsgruppen und kein Mitspracherecht.

Im Alter von vier Jahren* also sagte sich Judith, dass dies das erste und letzte Mal gewesen war, dass man sie so übertölpelt hatte und dass sie, wenn sie erwachsen sein würde, an keinem Ort leben wollte, wo man über ihren Kopf hinweg bestimmte, was gut und richtig für sie war.

Zugegeben, vielleicht war es keine bewusste Entscheidung – sie war ja erst vier Jahre alt – und vielleicht hatte sie noch nicht alle Ursachen für alle Ungerechtigkeiten vollständig verstanden, aber das Gefühl, nicht hineinzupassen, war da. Es war in dem Moment in ihr aufgewabert, als man niemanden in ihrer Klasse nach seinen oder ihren Interessen oder Freundschaften gefragt und stattdessen die Klasse in Jungen und Mädchen aufgeteilt hatte.

Diskussionen unerwünscht. „Hör mal, Judith, wie sollen sich denn die anderen fühlen, wenn du ihnen zu verstehen gibst, dass du sie doof findest? Und was ist mit den Jungen? Meinst du nicht, die haben auch ein Recht darauf, mal unter sich zu sein? Du kannst dich nicht einfach aufdrängen und ich glaube nicht, dass es dir gefallen würde, allein mit fünfzehn Jungen."

Was man ihr nicht sagte, aber dafür Judiths Mutter, war: „Wir halten es für pädagogisch sinnvoll, die Kinder für ein paar Stunden am Tag nach Geschlecht zu trennen. Sie sollen sich frei und ungehemmt entfalten und eine Solidarität untereinander entwickeln. Wenn Judith sich da einfach ausklinkt, zeigt sie im Grunde eine ungesunde Abscheu gegen alles weiblich konnotierte. Sie muss lernen wertzuschätzen."

Was Judith jedoch vor allen Dingen lernte, war abzuschätzen. Wem konnte sie vertrauen, wer machte sich heimlich über sie lustig, wer erwartete was von ihr, wer hatte sie bereits abgeschrieben? Wer ahnte etwas von ihren Plänen? Wer würde sie verraten?

Die meisten Leute verstanden nicht, was Judith meinte, wenn sie sich über zu viele sinnlose Regeln beschwerte. „Das ist die Trotzphase!", sagten sie und lachten, „Bei Judy dauert sie nur etwas länger."

Die meisten Leute versuchten nicht einmal zu verstehen. Sie glaubten, weil sie selbst zufrieden waren, hätte niemand das Recht, sich unbehaglich zu fühlen.

„Kinder brauchen Erziehung, um sich mit der Unbehaglichkeit des Lebens zu arrangieren", sagte ein Geschäftsfreund zu Judiths Vater einmal bei einer Dinnerparty in ihrem Haus, während Judith daneben saß und würdevoll den Rosenkohl auf ihrem Teller zur Seite schob.

„Kinder brauchen jemanden, der zur rechten Zeit unterstützt und zur rechten Zeit unterbindet", erwiderte ihr Vater, „Aber wer schafft es schon, zur rechten Zeit die rechten Worte zu finden?"

Alle lachten, als wäre das ein unglaublich geistreicher Scherz gewesen, der Rosenkohl verschwand unter dem Tisch.

„Mach dir keine Gedanken, wir alle tun nur, was wir können und das ist schon eine ganze Menge, mein Lieber. Ich wünschte, ich hätte meine Kindheit an einem solchen Ort verbringen können. Irgendwann werden die Kleinen schon begreifen, dass ein wenig Dankbarkeit angebracht wäre..."

Der Gamma-Sektor war indes wirklich nicht die schlechteste Wohngegend. Man war sehr stolz auf die Philosophie hinter dem Grundriss der Straßenzüge und Quartiere. Hier lebten die gesellschaftlichen Schichten nicht getrennt voneinander, sondern miteinander, verstanden sich, respektierten sich. Man traf sich in den Parks, die alle gleichermaßen nutzen durften. Es gab gute öffentliche Schulen und Supermärkten, Bars, Kneipten und Cafés mit erschwinglichen Produkten und Dienstleistungen. Die Idee hinter der offenen Architektur ohne Zäune und Mauern war, dem Verbrechen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wenn alles für jeden und jede zugänglich war, gab es keinen Grund für Neid und Missgunst.

Natürlich lebten manche Leute – wie Judiths Eltern – in etwas vornehmeren Häusern mit mehr Platz und vielleicht ein oder zwei Hausangestellten, während andere sich nur die Miete für eine Wohnung in einem der großen Wohnkomplexe leisten konnten, aber es gab nun mal Unterschiede in den Fähigkeiten, der Leistungsbereitschaft und den Biographien der Menschen. Niemand sollte auf die Idee kommen, Leistung zahle sich nicht aus, andererseits sollte auch niemand den Eindruck gewinnen, das Zentrum kümmere sich nicht um alle seine Bewohner.

Dass es ohne Sozialsystem nicht ging, hatte man bereits bei der Planung des Urbanen Zentrums 21 begriffen und war damit den Konkurrenten um eine Nasenspitze voraus.

Der Gamma-Sektor war der zuletzt fertiggestellte Stadtteil und galt als Wohnraum gewordene Vereinigung von sozialem Gewissen und Fortschrittsglaube und so lautete der Wahlspruch von Judiths Schule: „Im Dienste für die Zukunft"

Es lag großer Optimismus in diesem Motto. Die Zukunft – Raum für Träume, Visionen, Möglichkeiten und Hoffnung – war kein unerreichbares, theoretisches Konstrukt und auch kein Schreckensszenario. Stattdessen wählte man folgendes Bild: „Die Zukunft ist ein Ballon und wir alle können ihn mit unseren Impulsen ein Stück weiter aufpusten, bis er uns irgendwann abheben lässt."

Die Schulleiterin, die dieses schiefe Bild bei Judiths Einschulung bemühte, rechnete nicht damit, dass jemand unter ihren Neuzugängen war, der den Ballon zum Platzen bringen konnte...

„Ein Ballon, den man mit Atemluft füllt, kann nicht fliegen", sagte Judith am Abend zu ihrem Vater, als er sie auf den Schoß nahm, um für ein Familienfoto zu posieren – über ihnen ein Banner mit der Aufschrift: „Judys erster Schultag"

„Das nennt man eine Metapher", erklärte der Vater und blickte in die Kamera, die das Hausmädchen in Händen hielt.

Erst anderthalb Jahre später lernte Judith von derselben Schulleiterin, dass „Metapher" nicht „falsches Versprechen" bedeutete.

Das Mädchen habe ein allzu inniges Verhältnis zur gedehnten Wahrheit, stand in Judiths charakterlicher Beurteilung, weil sie den Jungen in ihrer Klasse erzählt hatte, sie besäße ein scharfes Taschenmesser und wüsste es einzusetzen. Die Untersuchung ihres Schulranzens durch die alarmierte Direktorin entlarvte Judith jedoch als Lügnerin.

„Es war doch bloß eine Metapher!", verteidigte sie sich, aber niemand verstand, was sie damit sagen wollte, bis das Missverständnis aufgeklärt wurde.

Lüge, Drohung, Täuschung, Beschönigung... Judith hatte in der Sprache längst ein viel zu unpräzises Werkzeug für die Komplexität des Lebens erkannt.

Sie war ein schweigsames, eigenbrötlerisches Kind, das niemandem – auch nicht der Zukunft – freiwillig einen Dienst leistete. Sie sei unsozial, wenig hilfsbereit, wirke nicht glücklich, sondern meist angespannt und aggressiv, stand in Judiths Zeugnis ein viertel Jahr nach dem Messer-Zwischenfall.

 

* Ein Mars-Jahr dauert 687 Tage, weshalb Judith nach irdischer Zeitrechnung etwa 7,5 Jahre gewesen ist. Der Roman nutzt durchgehend Zeitangaben in Mars-Jahren. Um sie in irdische Jahre umzurechnen, muss sie mit 687 multiplizieren und durch 365 teilen, oder man rechnet grob das doppelte.

 

Im Alter von sechs Jahren verfasste sie einen Aufsatz mit dem Titel „Die Schule der Zukunft", der mit den Worten begann: „Wenn die Zukunft besser sein soll als die Gegenwart, wird es in ihr keine Schulen mehr geben."

Dies löste eine lebhafte Diskussion in der Klasse aus, nachdem Judith ihre These vorgetragen hatte. Ohne Schule könnten Kinder nichts lernen und ohne Bildung würde sich die Gesellschaft zurückentwickeln. Niemand könnte Geld verdienen, niemand wüsste wie man Dinge produzierte. Aber könnte man Bildung nicht anders als in einer Schule organisieren? Könnten nicht die Eltern ihr Wissen weitergeben? Aber was, wenn die Eltern selbst nicht viel wüssten?

„Und was, wenn die Lehrer nicht viel wissen?", fragte Judith zurück und brockte sich zwei Wochen Nachsitzen ein, was ihr zupass kam, da sie so das Nachmittagskunstturnen verpasste.

Sie musste den Aufsatz neu schreiben und nutzte die Gelegenheit, um ihre These zu präzisieren: „Es wird auch in der Zukunft Schulen geben, da wir es nicht wagen, die Gegenwart hinter uns zu lassen. In diesen Schulen lernt man, was man auch heute lernt - zuzüglich der Dinge, die zwischen Jetzt und Dann passiert sein werden. Die Lehrerinnen der Zukunft werden sagen, dass ihre Schüler die glücklichsten und zufriedensten sind und sie dankbar dafür sein sollen, nicht zu unserer Zeit zur Schule gegangen zu sein. Sie werden die Vergangenheit, die unsere Gegenwart ist, als rückständig bezeichnen und ihre Gegenwart, die unsere Zukunft ist, als modern und fortschrittlich. Dabei werden dann die Häuser und das Stadtviertel, sogar unser Schulgebäude, alt und verfallen sein. Es wird neue Viertel geben, die moderner sind und deren Bewohner auf uns herabblicken, wenn wir nicht Schritt gehalten haben. Trotzdem wird die Schule weiterhin wichtig sein, weil es immer noch Menschen geben wird, die nicht genug wissen, um ihren Kindern selber etwas beizubringen."

Den Satz „Die Schule der Zukunft wird jedoch nicht versagen, sondern das Versagen ihrer Schüler weiterhin ihnen selbst anlasten." strich Judith durch. Stattdessen zog sie folgendes Fazit: „Die Schule der Zukunft ist nicht die Schule unserer Träume, sondern ein Kompromiss zwischen Misstrauen und Möglichkeit, sowie eine Wette auf die Entwicklung erwünschter Eigenschaften unter Inkaufnahme schlechter Einflüsse."

Sie bekam eine Fünf und ihre Eltern eine Mitteilung, dass Judiths Versetzung gefährdet sei.

Dass sie den Gamma-Sektor eines Tages verlassen würde, diese Idee vom Bruch, war der Fixpunkt in Judiths kindlichen Phantasien. Sie kreisten um das Mantra „etwas anderes als das hier" wie Satelliten um einen unbekannten Planeten, scannten die Oberfläche nach Möglichkeiten, nach Wegen, nach Zielen, nach Vorbildern, aber alles, was Judith fand, waren antiquierte Abenteuerromane, die nicht nur in einer anderen Zeit, sondern auch in einer anderen Welt spielten.

Ihre Großeltern waren auf der Erde geboren worden und als Kinder auf den Mars gekommen, sprachen aber nur selten davon. „Das ist vorbei. Warum soll man über etwas reden, das man endgültig hinter sich gelassen hat? Man kann nichts mehr von der Erde lernen", sagten sie und wechselten das Thema, Judiths Frustration einfach übergehend.

Die einzigen Menschen, die sie kannte, deren Lebensleistung es war, ihren Geburtsort verlassen zu haben, hielten diese Geschichte nicht mehr für relevant.

„Ihr sollt nicht darüber nachdenken, fortgehen zu müssen", sagten sie, „Wir sind hergekommen, damit ihr einen Ort habt, an dem ihr bleiben könnt, an dem für euch gesorgt ist, der noch nicht vollständig ausgebeutet ist."

Pioniere sprachen nicht gerne über die harten Zeiten am Anfang ihrer Reise, sie schwelgten lieber in ihren Erfolgen, dem Augenblick, in dem sie sesshaft wurden und ihr Leben langweilig.

Als Judiths Großeltern zum Mars übergesiedelt waren, war das Terraforming noch nicht abgeschlossen gewesen und die Urbanen Zentren hatte man unter riesigen Glaskuppeln errichten müssen. Wer von einem Zentrum zum nächsten übersiedeln wollte, musste eine beschwerliche Reise durch ein zunächst eher schlecht ausgebautes und fehleranfälliges Tunnelsystem über sich ergehen lassen.

Heute waren die Tunnelbahnen Geschichte, aber ein vernünftiges Straßennetz oder gar Flugverbindungen zwischen den Zentren und den außerhalb gelegenen Versorgungsgebieten gab es immer noch nicht. Die meisten Waren kamen entweder über Schienen oder ein Kanalsystem, das sternförmig vom Umland dem Zentrum zufloss. Wegen des steigenden Bedarfs an Nahrungsmitteln und Rohstoffen in den wachsenden Städten, kamen die Versorgungslinien immer häufiger an ihre Belastungsgrenzen, weswegen Reisende das Nachsehen hatten.

Güter hatten immer Vorrang auf ihren Wegen. Produktion, Einfuhr, Ausfuhr und Verteilung liefen voll automatisiert, kurzfristige Umdisponierung für spontanen Personenverkehr war nicht vorgesehen.

Aber es hatten auch die wenigsten Menschen das Bedürfnis, ihr UC zu verlassen. Die Zentren funktionierten autark. Jedes unterhielt seine eigenen Versorgungszonen und Handelsbeziehungen, sowie Diplomatie konnte man auch via Videoschalte pflegen.

Urlaubsreisen zur Erholung führten die Menschen nicht hinaus aus ihrem Zentrum, sondern im Fall des UC-21 in einen von zwei Freizeitsektoren, die je nach Geschmack Ruhe oder Aktivität in ansprechender Atmosphäre anboten.

Judith erinnerte sich an Wochenenden in verschiedenen Vergnügungsparks, deren Themenkomplexe von „Western" über „Piraten" bis hin zu „Forschungsreisen in unbekannte Welten" alles abdeckten, von dem Judiths Eltern glaubten, dass es ihre Tochter interessierte. Am Ende lief es aber immer darauf hinaus, sich in eine Vorrichtung schnallen und im Kreis herumwirbeln zu lassen. Judith verließ die Parks frustrierter, als sie sie betreten hatte.

In ihren Büchern bestanden die Abenteuer nicht darin, Sicherheitsgurte anzulegen und für normierten Spaß zu bezahlen. Nur wer sonst nichts erlebte, brauchte derartige Abwechslung, die eigentlich keine war, denn die armen Schweine, die hier die Hebel zogen und Knöpfe drückten, empfanden diesen vermeintlichen Nervenkitzen täglich acht Stunden lang bis zur Erschöpfung durch Langeweile.

„Etwas anderes als das hier" – präziser konnte Judith es nicht ausdrücken, als ihre verzweifelten Eltern sie fragten, was sie wollte. Keine Zuckerwatte, kein Popcorn, kein Eis, keinen Kinobesuch und keine Geburtstagsparty mit Hüpfburg.

Die Alternativen zur gelenkten Freizeitgestaltung waren jedoch spärlich. Zwar stand jedem erdenklichen Bedürfnis im UC ein Angebot gegenüber, aber egal, ob ihre Eltern mit Judith einen simulierten Waldspaziergang im virtuellen Raum unternahmen, sie eine sehr realistisch gestaltete Felswand hinauf klettern ließen oder ihr in einem Wellenband Surfstunden finanzierten, immer blickte Judith sie am Ende mit unendlich enttäuschten Augen an.

„Sie ist mit nichts zufrieden", sagten sie zueinander, als ihnen die Geduld ausging. Sie hatten ihre Tochter zum Reiten, zum Skifahren, auf eine Go-Kart-Rennbahn und in ein Ferienlager zum Zelten geschickt, immer wollte sie „etwas anderes", ohne begründen zu können, was ihr diesmal nicht gefallen hatte.

Sie bekam Klavierstunden bei einem Privatlehrer und zum Geburtstag die neuste Spielekonsole auf dem Markt. Freude empfand sie aber nur beim Improvisieren, nicht, wenn sie den vorgegebenen Spielplänen folgte.

Eine Zeitlang spielte sie in einer Jazzband an ihrer Schule, um für einen Nachmittag dem Kunstturnen zu entgehen, aber bei Auftritten vor Publikum, litt Judith unter zu großem Lampenfieber und wurde durch einen weniger kapriziösen Pianisten ersetzt.

Es gab immer irgendwo ein „Aber". Ihr ganzes Leben bestand nur aus „Ja-abers" und das nervte. Ständig musste Judith sich rechtfertigen, ständig eckte sie an. Das kostete Zeit und Kraft. Schließlich glaubte sie selbst daran, dass mit ihr etwas nicht stimmte.

„Sie kann sich für nichts begeistern", sagte ihre Mutter zu einem Psychologen und für einen kurzen Augenblick fragten sich alle Beteiligten, wer sich hier eigentlich therapieren lassen wollte.

„Mich überzeugt das alles einfach nicht", sagte Judith, als der freundliche Herr im Strickpulli sie durchdringend und ernst ansah.

Dann fragte er Judiths Mutter, ob sie einer Religion anhing und das pubertierende Mädchen vielleicht einfach gegen die Glaubensvorstellungen der Eltern rebellierte.

Lustig, dachte Judith, wie das alles vor dem inneren Auge vorbeizieht. Es war nicht so, wie die Leute sagten, nicht wie ein Film. Eher wie ein Traum. Man war beteiligt, aber nicht handlungsfähig.

Sie kauerte hinter einem Felsvorsprung und hatte zu lange nicht geschlafen, um den Schwindel abschütteln zu können. In ihrer linken Schulter hatte eine Pfeilspitze gesteckt, die sie– sie wusste nicht, wie sie es bewerkstelligt hatte - in einem Akt völliger Schmerzverachtung mit ihrem Jagdmesser heraus gehebelt hatte. Sie hatte die Verletzung desinfiziert und verbunden. Sie würde heilen, aber im Augenblick konnte sie das Handicap wirklich nicht gebrauchen.

Sie überlegte, ob sie einen Fluch ausstoßen oder die Kräfte dafür lieber sparen sollte. Man würde sie finden, das stand fest. Dann würde sie kämpfen und verlieren. Hier in dieser muffigen Grotte würde sie draufgehen. Die Ratten und Füchse würden ihr Blut auflecken, aber vielleicht würde sich einer der Banditen ihrer sterblichen Überreste erbarmen und sie bestatten, wenn er ihre Leiche gefleddert hätte.

Der linke Arm war unbrauchbar, deshalb umklammerte Judith mit der rechten Faust ihr Messer so fest sie konnte. Sie würde nicht ohne es in der Hand sterben.

Zeit, meinen Frieden zu machen, dachte sie. Ein enttäuschendes Leben, alles in allem. Aber eins, das ohne falsche Illusionen geführt wurde.

Judith hatte immer gewusst, worauf sie sich einließ. Wenn sie ehrlich war, hatte es Zeiten gegeben, da hatte sie sich eine Situation wie diese herbeigesehnt. Vollkommen sinnlos, hier zu sterben. Vollkommen sinnlos, hier zu leben.

Ach, was soll's, sagte sie sich und spuckte aus. „Janne, du verdammter Idiot!"

Sie flüsterte es nur, aber es verschaffte Judith für einen Moment Linderung.

 

 

Autorennotiz

Dies ist eine Rohfassung.
Gerne könnt ihr mir nach dem Lesen alle Plotlöcher um die Ohren hauen.

"Casablanca - Alternatives Ende" ist eine Kurzgeschichte, die im selben "Universum" spielt. Lediglich sind Tian und Eliza in "Casablanca" ein wenig gealtert.

Ich versuche mich an einem Genre-Mix. Natürlich ist das Setting Science Fiction, der Plot aber enthält Western- und Noir-Elemente.

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Autor

suedeheads Profilbild suedehead

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Kapitel:2
Sätze:122
Wörter:3.070
Zeichen:19.193

Kurzbeschreibung

Um das Jahr 2235 hat die Menschheit ihren Lebensraum im Sonnensystem erweitert und den Mars besiedelt. Obwohl die perfekt geplanten Metropolen den Bewohnern alles bieten, was sie sie zum Leben brauchen, gibt es Menschen, die sich der Ordnung nicht fügen wollen. Sie verlassen die Urbanen Zentren, um neue Städte zu gründen, vor dem Gesetz oder den Ansprüchen an sie zu flüchten oder einfach um ihr Glück zu versuchen. Sollbruchstellen - die Schwachstellen der Gesellschaft: Menschliches Versagen, Terrorismus, Wettbewerb und Kooperation Vier Geschichten in einer: Judith und Janne brechen auf, um ein Leben in der Wildnis abseits aller Konventionen zu führen. Luke steigt in einem perfiden Online-Spiel zum Star auf. Tian gründet unfreiwillig eine