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Evio - Ein neuer Anfang

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13.11.2018 17:40
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Ich konnte nichts sehen. Nichts hören. Ich hatte Angst! Wahrscheinlich war es die Hilfslosigkeit. Das Gefühl nicht zu wissen, was passiert war. In meinem rechten Arm fühlte es sich an, als würden tausend kleine Ameisen durch meine Venen wandern. Vermutlich war einfach nur mein Arm eingeschlafen. Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war lange her. Viele kleine Bildfetzen, die durch meinen Kopf schwirrten und wie ein Puzzle erst wieder zusammengesetzt werden müssten. Meine Augen gewöhnten sich so langsam an die Dunkelheit. Mehrere Meter entfernt erkannte ich eine Tür aus Metall. Daneben eine Anzeige mit rot leuchtenden Buchstaben. Das Wort CLOSED brannte sich in meinen Kopf. Ansonsten war es unmöglich, etwas in meinem Umfeld zu erkennen. Immerhin wusste ich, wo sich der Ausgang befindet. Aber wollte ich überhaupt nach draußen? Womöglich war dies überhaupt nicht der Ausgang? Was erwartete mich hinter dieser Tür? Viele unbeantwortete Fragen.

 

Es war frostig kalt in diesem Raum. Die klirrende Kälte stieg in meine Knochen. Meine dunkelblaue Jeans sowie das schwarze dünne Poloshirt schufen keine Abhilfe gegen diese Temperatur.  Die Tatsache, dass ich auf dem Boden lag, machte das Empfinden nicht besser. Entsetzt griff ich zu meiner rechten Hosentasche. Wo ist mein Smartphone? Ich tastete meine andere Hosentasche ab und konnte weder den Haustürschlüssel noch meine Geldbörse ertasten. Normalerweise trug ich diese Dinge immer bei mir. War ich Opfer eines Überfalles?

Womöglich wurde ich ausgeraubt oder sogar mit K.O.-Tropfen außer Gefecht gesetzt. Das erklärte aber nicht, warum ich in einem stockdunklen, kalten Raum aufwachte. Ich musste hier irgendwie raus! Es war Zeit die Dinge anzupacken.

Vorsichtig drückte ich mich mit dem linken Arm vom Boden ab und versuchte aufzustehen. Mit ausgestreckten Armen und kleinen Schritten durchsuchte ich den Raum nach weiteren Auffälligkeiten. Alles ging anfangs nur sehr langsam voran, da ich noch immer die Kälte in meinen Knochen verspürte. Die Wände mussten aus einer Art Metall bestehen. Sie fühlten sich glatt und kalt an. Da waren kleine Rillen zu ertasten. Scheinbar waren tellergroße Platten dicht nebeneinander angeordnet. Der Boden hingegen hatte viele kleine Noppen. Der metallene Raum war nicht gerade groß. Somit hatte ich kurze Zeit später jede Ecke des Raumes untersucht. Was war verdammt nochmal passiert? In meinem Kopf befand sich nichts als Leere. Je länger und intensiver ich versuchte, klare Gedanken zu fassen, desto mehr stieg der Druck in meinem Kopf. Überdruck! Genau - da war es wieder! Ich erinnerte mich an die Geburtstagsfeier von Maximilian. Meinem drei Jahre älteren Bruder. Er wurde 30! Es war warm und die Luftfeuchtigkeit extrem hoch. Das kühle frische Biermischgetränk wirkte Wunder. Stefanie, die Verlobte meines Bruders, und ich versuchten aus dem alten Ford Mustang die Luft aus den Reifen abzulassen. Maximilian war im Gegensatz zu mir technisch nicht besonders begabt. Er hatte die Einstellung: Je mehr, desto besser. Deswegen wurde ich bei technischen Problemen gerne um Rat gefragt. Meistens bei Familienfeiern. Ansonsten war ja kaum Zeit für so unwichtige Themen.

 

Die Luft entwich stoßartig aus dem Reifen des Mustangs. Ein lautes Zischen beendete die klaren Gedanken in meinem Kopf. Jeder weitere Gedanke öffnete ein neues schwarzes Loch in dem keine Informationen zu finden waren. Vermutlich nur ein vorübergehender Zustand. Hervorgerufen durch die Panik! Ich war immer ein ruhiger Mensch gewesen, doch in diesem Moment musste ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen, hämmerte mit den Fäusten gegen die Wand und schrie lauthals los.

 

Plötzlich öffnete sich die runde Metalltür mit einem langen Knarren. Die kleine Anzeige neben der Tür schien plötzlich grün. OPEN. Die hellen Lichtstrahlen fluteten den Raum mit Licht, worauf unmittelbar danach die Beleuchtung in Gang gesetzt wurde. Jetzt konnte man den kompletten Raum überblicken. Alles war genauso, wie ich es mir im Dunkeln ausgemalt hatte.

 

„Willkommen in Station Riva. Bitte folge mir“, schmetterte eine große und breite Person in den Raum. Die Zeit schien in diesem Moment für mich stehen zu bleiben, ich war paralysiert und begutachtete die Person von oben bis unten. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Die ganze Zeit versuchte ich Erklärungen zu finden, doch womöglich träumte ich nur? Zumindest war dies die einfachste Erklärung.

Die Person welche sich vor mir in aller Größe aufbaute, erinnerte an einen Soldaten. Aber keinen normalen Soldaten mit einer Uniform aus Tarnfarben. Der komplette Körper einschließlich Hände und Beine war mit grünen Panzerplatten geschützt. Im Brustbereich befand sich eine extra mächtige Brustpanzerung mit dem Aufdruck TRF. An der Hüfte war eine Art Blasterpistole zu erkennen. „Oh Entschuldigung, ich hab‘ vergessen mich vorzustellen“, unterbrach mich mein Gegenüber und beendete mein Schockzustand. „Weißt du, ich bin noch Recht neu in dieser Einheit. Wir können ja nochmal die Tür schließen und ich beginne erneut?“. Daraufhin wanderte mein Blick auf Kopfhöhe, wo ich seine unsicheren Augen  erkennen konnte. Sein Gesicht war mit einem grünen Helm geschützt. Das Visier schnellte nach oben und gab sein schmales kindliches Gesicht preis. Sein karger Ziegenbart bewegte sich auf und ab. „Torgan von der Verwaltungseinheit C2“. Seine rechte Hand bewegte sich in meine Richtung.

 

Ängstlich streckte ich ihm meine Hand mit den Worten „Kein Problem wir machen alle Fehler“ entgegen. Warum mir genau dieser Satz in den Kopf gekommen war, verstehe ich bis heute nicht. „Ich sehe schon, du bist entspannt. Genauso wie dein Vater. Wir werden uns prächtig verstehen.“ Moment mal! Sagte er gerade Vater?

 „Ich glaube, da liegt eine Verwechselung vor. Mein Vater ist vor sechs Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und davor war er eher ein zurückhaltender, einsamer alter Mann“.

„Wie auch immer. Wir müssen uns ein wenig ran halten, die Begrüßungsfeier der Neulinge startet in wenigen Minuten und du musst noch den Sicherheitscheck passieren. Für alles Weitere haben wir später genug Zeit“.

Das waren zu viele Informationen auf einmal. Ich brauchte etwas Zeit, um die ganze Situation einzuordnen, Torgan jedoch drehte sich um und verschwand im angrenzenden Gang.  Ich entschied mich, ihm erstmal zu folgen.

 

Es war ein langer heller Korridor aus unzähligen weißen Metallplatten. Die Leuchtstoffröhren auf dem Boden markierten den Weg und zogen sich bis zum Ende des Korridors. Links und rechts erkannte ich weitere runde Metalltüren. Torgan trottete eine wenig tölpelhaft vor mir her. Ich glaube, deswegen konnte ich mich so schnell auf diese Sache einlassen. Er war mir von Anfang an, trotz des unerwarteten Outfits, irgendwie sympathisch gewesen.

 

Im nächsten Raum, der wie eine Art Hightech-Labor ausgestattet war, trafen wir auf eine wunderschöne, schlanke Frau mit dunkelblondem, gelocktem Haar. Bekleidet mit schwarzen Turnschuhen und einem blauen Kittel. Torgan salutierte vor ihr und stellte uns einander vor.

„Synthia Marlene, ich bringe Ihnen noch einen weiteren Neuling.“ Er zwinkerte ihr mit dem linken Auge zu. „Darf ich vorstellen: Fenix, der jüngste Sohn von unserem geliebten Herren Stuko“. Jetzt wird es langsam echt gruselig. Habe ich mich vorhin überhaupt mit Namen vorgestellt? Wahrscheinlich ist es mir irgendwie rausgerutscht. „Schön, dich endlich kennenzulernen Fenix. Damit sind wir vollzählig“, antwortete sie mit einer leisen zarten Stimme. „Lasst uns direkt mit den Untersuchungen starten, die Phasenverschiebung kann manchmal echt anstrengend sein und Schäden am Körper hinterlassen.“

 

In den nächsten zwanzig Minuten surrten mehrere kleine Drohnen mit verschieden farbigen Lasern um meinen ganzen Körper. Es war nach wie vor eine total verwirrende, aber auch verrückte Erfahrung. Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht. Solch außergewöhnliche Bildschirme, Roboter sowie Laser hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Besonders aufgefallen waren mir kleine durchsichtige Kugeln, in denen sich eine Art Flüssigkeit befand. In dieser Flüssigkeit schwebte eine dunkel lilane Masse. Auf der anderen Seite entdeckte ich große Vitrinen mit seltsamen Pflanzenarten.

 

Torgan saß neben der Tür auf einem Stuhl und beschäftigte sich mit einem merkwürdigen Technikgerät. Er fluchte und bewegte sich auf dem Stuhl von links nach rechts. Ich bewegte meinen Kopf in Richtung Marlene und war trotz der vielen neuen Eindrücke wieder gefangen. Sie saß mit dem Rücken zu mir auf einem Stuhl und blickte an eine Wand mit dutzenden Bildschirmen. Zahlen, Wörter, Kurven und Bilder blinkten nacheinander auf. Sie hatte sich ihre langen lockigen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. Ich hatte viele Fragen im Kopf, doch sie würde mich sowieso nicht hören aufgrund ihrer grauen Kopfhörer, durch die sie scheinbar Befehle erhielt. Ihre zarten Finger tippen geschwind auf der in der Luft projizierten Tastatur hin und her. „Torgan, wieviel Zeit haben wir noch?“

Keine Reaktion. Marlene wiederholte mit einer ziemlich lauten und bestimmenden Stimme ihre Worte und drehte sich zu ihm um. „Ich vermute wir müssen gleich los“, flüsterte er in Richtung seines Gerätes. „Dieser Quak“, fluchte Marlene und hechtete zum nächsten Tisch, um eine Spritze aufzunehmen. Als Marlene mit der Spritze auf mich zulief, wurde ich auf einmal wieder hellwach. In den letzten Minuten hat sich bei mir ein beruhigendes Gefühl entwickelt, aber diese spitze Nadel machte mir eindeutig Angst. „Keine Angst Fenix wir sind gleich fertig“, flüsterte sie in mein Ohr und schon drückte sie die Nadelspitze in meinen Arm. Ich wollte mich dagegen wehren, aber irgendwie verzauberte sie mich mit ihrem lieblichen Duft. „Woher kennen Sie meinen Vater? Und wieso bin ich überhaupt hier?“, wendete ich mich an Marlene. Sie antwortete routiniert: „Du bist hier, um uns zu helfen Fenix. Wenn alle Informationen stimmen, wirst du uns wieder den Frieden bringen“. Verwirrt fragte ich „ Bei was soll ich euch helfen?“. Sie drehte sich erneut um und streichte mir durch die langen braunen Haare. „Das wirst du noch früh genug erfahren, doch jetzt macht euch auf zur Begrüßungsfeier, damit ihr nicht zu spät kommt“. Mit diesen wenigen Informationen wollte ich mich nicht zufrieden geben, jedoch sprang Torgan mit einem lauten Jubel von seinem Stuhl auf und forderte mich auf, ihm erneut zu folgen. Ich blickte noch einmal zurück, zu der schönen, aber mittlerweile auch geheimnisvollen Marlene und verließ das Labor. Das grelle Licht der Außenwelt blendete mich für einige Sekunden.

Wir bewegten uns über einen riesigen Platz. Der Platz wurde durch mehrere futuristische metallene Gebäude eingegrenzt, welche mit bunten Leuchtreklamen verziert waren. Auf einer der Reklameschilder war das elektronische Gerät von Torgan zu sehen mit dem Spruch „Wetten sie noch heute und verändern sie ihren Status“. Scheinbar handelte es sich um eine Art Wettgerät. Nur welche Sportart würde man in dieser seltsamen Welt spielen? Auf dem Bild konnte man nur zwei Soldaten mit goldenem Abzeichen sehen.  

Es war unglaublich viel los auf dem Platz. Somit war es sehr schwer, den Überblick zu bewahren. Torgan hingegen hatte ein festes Ziel und manövrierte uns durch die Menge von Menschen, Shuttle und Soldaten. Die mit bunten Graffitis besprühten Shuttles schwebten knapp über dem Boden und kamen nur mit einem sehr langsamen Tempo voran. Ich war mir auf der Erde schon sicher, dass uns solche Technik irgendwann erreichen würde. Doch das jetzt wirklich zu Gesicht zu bekommen, war höchst interessant. Mein Blick fixierte sich komplett auf die unteren Düsen des Shuttles, aus denen ein blauer Schweif zu sehen war. In diesem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit rammte mich ein merkwürdig aussehender Punker mit roten mit Gel aufgestellten Haaren. Sein Ellenbogen knallte in meine Rippen. Ich verlor das Gleichgewicht und prallte kurze Zeit später auf den Boden. Der Angreifer hingen schien den Zusammenstoß geplant zu haben und lief mit einem breiten Grinsen auf mich zu. Seine rechte Hand zog aus seiner abgewetzten dunklen Lederjacke eine krumme Klinge hervor. Er blickte bösartig auf mich herab. Im gleichen Moment gab es ein lautes Knacken und ein Lichtbogen erschien neben seiner Halsschlagader. Torgan war hinter ihm aufgetaucht und drückte einen schwarzen Knüppel an seinen Hals. Der Angreifer sackte zusammen und seine Waffe viel zu Boden. „Das nächste Mal kostet die Hilfe extra“, scherzte Torgan und reichte mir seine rechte Hand. Als wäre gerade nichts geschehen setzten wir unseren Weg fort. Ich versuchte nach diesem Vorfall noch mehr diese ungewohnte Umgebung im Auge zu behalten. Direkt neben Torgan versuchte ich an Antworten zu kommen. „Wer war diese Person und wieso wollte sie mich attackieren?“. „Wir haben aktuell große Probleme mit diesen Randgruppen. Die Stadtwache musste in den letzten Tagen massiv aufgestockt werden. Die Leute sind frustriert und haben Angst. Sie wurden ausgewählt und von uns auf diesen Planeten umgesetzt. Wir dachten dieser Planet wäre perfekt, doch leider gibt es viele Probleme, die wir aktuell noch nicht richtig in den Griff bekommen. Solch ein großes Projekt braucht einfach mehr Zeit“. Mehr Informationen sollte ich heute nicht mehr bekommen. Wir erreichten kurze Zeit später den Bunker von General Ereba. Der Eingang wurde von einem robusten fast sechs Meter hohen Eingangstor gesichert. Links und rechts bewegten sich zwei extrem massive Gestalten auf uns zu. Menschen komplett in schwarzem Stahl eingegossen. Mit übermenschlichen Muskeln unter der Rüstung und mindestens über zwei Metern Größe waren sie erschreckend anzusehen. Bei jedem Schritt nach vorne zischte es aus der hinteren Hälfte des Anzugs und die Füße setzten mit einem lauten Stamper auf. Die Schultern und der Helm waren doppelt so groß wie bei einem normalen Menschen. Das Visier des Helmes war komplett verdunkelt und mit einem weißen Pantherkopf verziert. Doch am meisten beängstigte mich das riesig wirkende Gewehr, das sie in beiden Händen mit sich rumschleppten. „Da kommen ja die kleinen Panther endlich“, verhöhnte Torgan die beiden Riesen. Mit dumpfer Stimme erwiderte einer der beiden, ohne auf Torgans Kommentar einzugehen: „General Ereba ist aktuell nicht zu sprechen, er verschiebt alle Willkommensgespräche auf Morgen Vormittag. Die Neulinge mögen sich bitte in den Unterkünften C40-C42 einquartieren“. Ohne weitere Information drehten sich beide Soldaten um und marschierten wieder in Richtung Eingangstor. „Ach verdammt, den Tag habe ich mir anders vorgestellt“, fluchte Torgan und ließ die Arme kraftlos nach unten sinken. „Was waren das für riesige Soldaten?“, wollte ich natürlich direkt von ihm erfahren. „Sie werden die Panther-Gardisten genannt und stellen in unserem System die Elite-Soldaten dar. Viele vermuten, sie werden in einem geheimen Forschungszentrum erschaffen und dann mit dieser Kampfpanzerung ausgestattet. Leider gibt es keine genauen Informationen, da diese Gardisten nur zum Schutz hoher Persönlichkeiten eingesetzt werden und somit alles geheim gehalten wird, was mit ihnen zu tun hat. Sie sind wirklich außerordentlich stark im Kampf gegen die Sense. Ups, das war das Falsche Wort“, verschluckte sich Torgan und versuchte mich wieder in Richtung Ausgang zu zerren. Dieses plötzliche Ausweichen machte mich natürlich extrem neugierig und ich versuchte weitere zwanzig Minuten mehr über diese Sense zu erfahren. Leider vergeblich. Torgan war eine sehr lustige Person, mit dem ein oder anderen tollpatschigem Spruch, aber wenn es darauf ankam war er sehr zuverlässig. Diese Eigenschaft würde mir noch öfters das Leben retten.

Wir durchquerten weitere Passagen und Viertel in Station Riva. Die Wege waren alle sehr breit, aber auch oft verwinkelt. Grundsätzlich gab es im Stadtbild keine großen Besonderheiten. Die Gebäude reihten sich dicht an dicht und viele verschmolzen sogar ineinander. Zumindest auf den ersten Blick. Beim genauen Hinsehen waren oft  mehrere versteckte Eingänge zu erkennen.  Der ein oder andere uns entgegenkommende Soldat grüßte Torgan mit einer einfachen Geste: Die linke Hand auf die rechte eigene Schulter. Anfangs ein sehr eigenartiges Verhalten, mit der Zeit gewöhnte ich mich aber daran.

Auf einem der Gebäude war die Kombination C41 eingeschlagen. Hier sollte also mein neues Zuhause sein. Die Dame an der Anmeldung im Erdgeschoss des Gebäudes überprüfte meinen kompletten Datensatz und teilte mir danach Zimmer 122 zu. Torgan verabschiedete sich vor meiner Zimmertür, nachdem er sich für morgen früh um neun Uhr ankündigte. Angekommen in meinem neuen Zuhause war ich das erste Mal alleine in dieser neuen Umgebung.

Auch hier in meinem Zimmer war alles auf dem neusten Stand der Technik. Licht, Rollläden, Musik und sogar die Temperatur der Dusche waren sprachgesteuert. Von so einer tollen modernen Wohnung konnte man nur träumen. Trotzdem fühlte ich mich etwas verloren und plötzlich wieder einsam. Das war ja auch kein Wunder. Torgan war mir von Anfang an sympathisch und angeblich kannten mein Vater und er sich sogar! Doch irgendwie war alles anders als sonst.     

In der ersten Nacht auf dem freischwebenden Bett erlebte ich meine erste Vision.

 

Die warmen Regentropfen prasselten auf meinen unbedeckten Oberkörper. Meine nackten Füße schlürften durch das knöchelhohe Gras. Es war der perfekte Ort. Vor mir schlängelte sich ein schmaler Bach durch die leicht hügelige Landschaft. Über den Bach führte eine alte, mit Moos bewachsene Brücke. Trotz des Regens konnte man die Wärme der durch dicke Wolken verdeckten Sonne fühlen. Bis auf die verschiedensten Singvögel, welche zwischen den riesigen uralten Bäumen hin und her flogen, konnte man keinerlei Geräusche hören. 

 Auf der Spitze eines grünen Hügels angekommen, erschien westlich von mir eine offene Holzhütte zugewachsen mit frischen, grün leuchtenden Pflanzen. Die Hütte zog mich an, als würde sie nach mir verlangen. Ich bewegte mich langsam darauf zu. Je näher ich kam, desto mehr war zu erkennen. Die Hütte war sehr spärlich ausgestattet. Lediglich eine altes Bücherregal sowie eine Bank waren aus der Ferne zusehen. Ein junges weibliches Wesen mit enganliegenden schwarzen Leggins, überzogen mit braunen Wurzeln, begrüßte mich wenige Schritte vor dem Ziel. Ihren Oberkörper zierten mehrere kleine Wurzeln, gemischt mit grünen Pflanzenteilen. Ihre schmalen dunkel grünen Augen musterten mich. Ich nahm neben ihr auf der aufwendig verzierten Holzbank Platz. Grüner Nebel stieg an ihrem Körper auf, angefangen über ihre schwarzen Stiefel bis zu ihren eng nach hinten gebogenen Hörnern auf dem Kopf. „So sieht also mein neuer Schüler aus“, zischte sie wie eine Schlange und drehte ihren Kopf schlagartig zu mir. Als ich versuchte, sie anzusprechen, strich sie mit einem ihrer Finger über meinen Mund. Meine Lippen klebten aneinander und ich konnte keinerlei Geräusche von mir geben. „Fenix, du bist einer der Auserwählten. Der Göttin der Natur und Tiere  zu dienen, ist eine große Ehre. Meine Kräfte sind durch den Kampf gegen die Sense geschwächt, doch ich sehe, in dir steckt großes Potential. Die Natur und Tiere dieser Welt, welche ich erschaffen habe, werden durch die Sense geschändet. Wir haben nur noch wenig Zeit, ihre Herrschaft zu beenden. Suche mich im Erdental auf, damit wir mit den Vorbereitungen beginnen können. Unterschätze niemals die Kraft der Natur“

 

Ich erwachte in meinem mittlerweile schon hell erleuchteten Zimmer. Was für ein Traum! Hatte ich das wirklich gesehen? Die ersten Minuten lag ich starr in meinem Bett und dachte über das Erlebte nach. Unterbrochen wurde ich von einem schrillen Piepen in meinem Ohr. Es handelte  sich um einen Klingelton. Auf dem kleinen Bildschirm an der Wand direkt vor mir konnte ich den wieder extrem gut gelaunten Torgan winkend vor meiner Tür erkennen. „Torgan Verwaltungseinheit C2 vor Ihrer Tür. Möchten Sie Zugang gewähren?“ fragte mich eine weibliche Computerstimme. Genau die gleiche Stimme, welche die Zimmertemperatur, die Rollläden, die Kaffeemaschine sowie alles andere hier in diesem Raum steuerte. Wahnsinns Technik! Ich war von Anfang an begeistert. So etwas benötige ich Zuhause unbedingt auch. Ich schmunzelte und ermöglichte Torgan den Zugang zu meinem Zimmer.

„Moin Fenix, wie hast du in deinem neuen Zuhause geschlafen“, überfiel mich Torgan und setze sich zu mir auf das Bett. Ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber in Ordnung. In dieser neuen Welt passieren scheinbar viele unerwartete Dinge. Ich ließ mir die Verwunderung nicht anmerken und erzählte Torgan meine nächtlichen Vision. Er blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an und es platzte der Name „Natura“ aus ihm heraus.


„Marlene hatte Recht mit ihren außergewöhnlichen Statuswerten. Du bist wirklich etwas ganz Besonderes“. Ich blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Natura ist die Göttin der Natur sowie der Tiere. Sie ist eine der drei großen Götter welche wir regelmäßig anbeten und verehren. Vor 153 Jahren erschuf Thea, die erste der drei Götter, den Planeten Evio. Zu dieser Zeit war der Planet grau und leblos. Jetzt kam Natura ins Spiel und entwickelte die Natur. Sie setzte verschiedenste Tierarten ein und erschuf ein harmonisches System. Kurze Zeit später entdeckten wir diesen Planeten und bevölkerten ihn mit unseren Raumschiffen. Leider waren wir nicht die einzige Lebensform, die diesen wunderbaren Planeten entdeckt hatte. Die Sense vertrieben uns aus den Städten und vernichteten die Natur, um ihre Spezies voranzubringen. Es herrschte der erste planetare Krieg. Sie waren uns in Technik und Entwicklung um Weiten überlegen. Somit verloren wir viele Mitmenschen und wertvollen Lebensraum.“

 

Eine Träne lief Torgan über sein kindliches Gesicht. Obwohl ich ihn kaum kannte, hatte ich Mitleid mit ihm. Er verlor in genau diesem Krieg seine beiden Eltern. In seinen noch jungen Jahren rettete er sich in eine der sicheren Zonen und war von nun an auf sich allein gestellt. Die ersten Jahre versuchte er, mit Betteln und mehreren kleineren Jobs sein Leben zu finanzieren. Doch hauptsächlich dachte er an seine Eltern und der damit verbundene Zorn gegen die Sense brachte ihn zum Militär. Es war eine noch härtere Zeit. Um Credits brauchte man sich jetzt keine Gedanken mehr zu machen, aber die Ausbildung zum Soldaten war hart. Schließlich musste man den technologischen Vorteil der Sense durch Leidenschaft und Teamwork ausgleichen.

 

An diesem Morgen sollte ich die Sense zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Nach unserem morgendlichen Dialog lernte ich meinen Ankleidebereich kennen, während Torgan mit der künstlichen Intelligenz in meinem Zimmer alles Weitere organisierte. Mein neues Outfit wurde bereitgestellt. Ein komplett einheitlicher Anzug aus weißem lederähnlichen Stoff mit braunen Stiefeln und Handschuhen.

 

Das Frühstück zubereitet, der Kaffee gekocht sowie das richtige Programm der Zahnbürste gestartet. Der absolute Luxus dieses System! Automatisch öffneten sich in meinem Schlafbereich, direkt neben meinem super gemütlichen Bett, die Jalousien und ich konnte die ersten Sonnenstrahlen erkennen. Unten auf der Straße vor dem Wohnkomplex war schon reger Menschenverkehr zu erkennen. Die unterschiedlichsten Personen gingen ganz normal ihrer täglichen Arbeit nach, was für mich sehr merkwürdig erschien, da ich mir noch überhaupt nicht vorstellen konnte, welche Aufgaben und Pflichten hier auf einen warten könnten. Es war ungewohnt ruhig geworden. Scheinbar hatte Torgan alle Einstellungen und Aktionen mit meiner neuen künstlichen Intelligenz abgeklärt.

 

Die Ruhe sollte aber nicht lange anhalten. Kurz nachdem der letzte Schluck Kaffee lauwarm meinen Hals herunterlief, ertönte ein unangenehm piepsender Alarm aus der Zimmerdecke über mir. Ich zuckte kurz zusammen und blickte in Torgan Richtung. Er zog einen kleinen Bildschirm aus seiner linken Seitentasche und blickte gespannt darauf. „Das bedeutet nichts Gutes“, bemerkte er mit einer besorgten Mine. Neugierig wie ich war, stellte ich mich neben ihn und versuchte den Bildschirm zu erblicken. Es erschien ein dunkelhäutiger glatzköpfiger Männerkopf auf einem schwarzen Hintergrund. Seine Augen versteckten sich hinter einer merkwürdig aussehenden Taucherbrille. Durch sein dunkelbraunes Headset eröffnete er seine Sprachmeldung mit folgenden Wörtern: „Realer Angriff in Sektor 3.4, alle verfügbaren Sektor Wächter B2-B7 an der unteren Meldestelle einfinden. Zurzeit gibt es keine weiteren Informationen und Statusmeldungen zum Angreifer. Kampfmodus-Ausrüstung anlegen“

Diese Meldung wiederholte sich immer wieder. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich den Ernst der Lage nicht einschätzen und stumpte mit meinem Ellenbogen Torgan in die Seite. „Lass uns zu diesem Sektor laufen. Ich möchte die Angreifer sehen.“ Es war eine verrückte Reaktion auf diese Meldung aber irgendwie reizte es mich, an dieser Schlacht teilzunehmen. Das Adrenalin breitete sich in meinem Körper aus. Torgan hingegen reagierte mit einem ruhigen und bestimmten „Auf keinen Fall! Dieser Krieg ist kein Vergnügen. Die Sense sind eiskalte Wesen und zeigen gegenüber ihren Gegnern keine Gnade. Zu diesem Sektor zu gehen könnte den sofortigen Tot bedeuten.“ Und trotz dieser warnenden Bemerkungen musste ich diesen Kampf unbedingt miterleben.

 

Die Meldung auf dem Bildschirm erschien erneut jedoch mit einer neuen Nachricht.

„Verwaltungseinheit C1-C3 bitte Versorgungskisten an der oberen Meldestelle bereitstellen.“

Somit sollte ich doch meine ersten Einblicke in die Kriegsführung der Sense erhalten.

Jetzt ging alles sehr schnell. Torgan steckte den Bildschirm zurück in seine Seitentasche und sprintete in Richtung Ausgang. „Folge mir und weiche nicht von meiner Seite, du Spinner!“

Wir hechteten die Treppe nach unten, bis wir schließlich die Seitenstraße vor der Wohneinheit erreichten. Ich hatte Schwierigkeiten, Torgan zu folgen. Auf der Straße war das Chaos ausgebrochen. Jeder versuchte, möglichst schnell voranzukommen. Es wurde gedrückt und gestoßen. In der Ecke einer Seitenstraße beugte sich mein Mentor über eine metallene, stabil aussehende Truhe mit grün leuchtendem Tastenfeld. Mit der Kombination 398324 öffnete er sie und bestückte uns mit den Versorgungskisten, welche wir uns auf den Rücken schnallten. Sofort setzten wir unseren Sprint in westliche Richtung fort.  In diesen Versorgungskisten musste einiges enthalten sein. Schweißtropfen liefen mir die Stirn hinunter. Das ständige abstoppen und ausweichen mit dieser schweren Ladung raubte mir die Kräfte. „Torgan, was ist in den Kisten? Es kommt mir vor, als würde ich Backsteine transportieren.“

„Granaten, Munition und Plasma Schilde“, erwiderte er und bog in die nächste Nebenstraße ab. Hier war es endlich etwas leerer und einfacher, voranzukommen. Was ich auch dringend brauchte. Kondition war noch nie meine Stärke. Ich erinnerte mich zurück an die jährlichen Bundesjugendspiele meiner Schulzeit. Egal ob Sprint oder Langlauf konnte ich mich immer auf den letzten Plätzen wiederfinden. Hätte ich damals nur besser trainiert. „Schneller“, brüllte mich Torgan mit einem knallroten Kopf an. Scheinbar viel ihm das Tempo auch nicht so leicht, wie ich gedacht hatte. Mehrere Meter entfernt konnte ich unser mögliches Ziel ausmachen. Zumindest wünschte ich mir, dass unser Sprint endlich ein Ende hätte. Wir erreichten einen großräumig abgesperrten Platz. Am Eingang des Zauns begrüßten uns zwei Soldaten. Sie waren genauso bestückt wie Torgan nur mit dem Unterschied, dass ihr Visier am Helm geschlossen war und man somit nur eine schwarze Scheibe erkennen konnte. Torgan reichte ihnen eine Art Chipkarte und nach einer kurzen Kontrolle setzten wir unseren Weg fort. Auch hier in diesem abgetrennten Bereich herrschte ein reger Verkehr. Hunderte von Soldaten gingen ihren Aufgaben zielstrebig nach. In den dunkelblauen Zelten, die in diesem Gebiet verteilt waren, trafen sich mehrere Gruppen und diskutierten lautstark über Taktik und Einsatzzeit. Erst jetzt konnte ich die riesige Mauer im hinteren Bereich erkennen. Sie musste gigantisch sein! Das Ende war kaum zu erkennen. Mehrere Aufzüge bewegten haufenweise Soldaten von oben nach unten. Soldaten, die unten ankamen, waren meist blutüberströmt oder aber in dunkle Säcke gepackt. Alles lief ganz langsam vor meinem Auge ab. Als hätte jemand einen Zeitlupenmodus aktiviert. So hatte ich mir den Krieg nicht vorgestellt. Was eine grausame Situation. Ich war schockiert, so viel Leid zu sehen. Die Geräusche, welche von oben auf uns herabstürzten, waren schrecklich. Ein Mix aus Schmerz, Befehlen und donnernden Kugeln.

Wir erreichten eines der etwas größeren Zelte. Hier waren schon mehrere Soldaten mit Versorgungskisten angekommen. In der hinteren Ecke sortierten wir unsere Kisten in die Staufächer eines großen Metallschranks ein. Hinter der nächsten Wand meldete sich Torgan bei einem der entspannt aussehenden Offiziere. Sie standen zu dritt in einem Halbkreis und starrten auf einen großen Monitor. Alle waren mit einem Tablet in ihrer Hand bestückt und bewegten die Truppen auf dem Schlachtfeld mit Hilfe von Gesten und Sprachbefehlen. Auf den ersten Blick sah es so aus, als handele es sich um ein Videospiel. Bei genauem Hinsehen jedoch wurde einem schwarz vor Augen. Es war ein absolutes Chaos. Ein Haufen von mehreren sich gegenseitig absichernden Soldaten kniete hinter bläulichen Schilden und versuchte mit ihren Blaster-Gewehren, Ziele zu treffen. In diesem Moment schwenkte die Kamera in Richtung der Gegner. Das war mein erster Blick auf den vermeintlichen Feind. Extrem schmale und wendige Geschöpfe mit einem spitz zulaufenden Kopf, welcher von einem hart gepanzerten Stahlhelm geschützt wurde. Mehrere von ihnen hatten wilde Haarfrisuren oben aus dem Helm herausragen. Bei genauem Hinsehen konnte man ihren athletischen und perfekt geformten Körperbau erkennen. Die dunkellila leuchtende Panzerung am kompletten Körper schränkte sie scheinbar in ihren Bewegungen überhaupt nicht ein. Sie bewegten sich mit einer extrem hohen Geschwindigkeit zwischen den Deckungen hin und her. Gelegentlich gaben sie gezielte Schüsse zwischen die Plasmaschilde ab und trafen mit ihren Schüssen nahezu immer. Ihre extrem langen und sperrigen Gewehre bewegten sie als wären es leichte Strohhalme. Es schien ein absolut unausgewogener Kampf zu sein. Erst als die Soldaten mehrere kleine blauleuchtende Granaten in Richtung der Sense schleuderten, änderte sich das Verhältnis. Ein Großteil der Angreifer wich den explodierenden Granaten aus. Aber sofort erwiderten sie den Angriff wieder mit gezielten Schüssen. Sie hatten einen enormen Tempovorteil. Teilweise war es sogar schwer, mit dem bloßen Auge ihre Bewegungen nachzuvollziehen. Einige jedoch zerfetzten durch die hohe Sprengkraft der Granaten und knallten leblos auf den Boden. Trotz dieser Verluste stieg in mir erneut die Panik auf. Wer oder was sollte diese Massen an perfekt geformten Kriegern aufhalten. War dies das Ende seiner Rasse? Generell hatte ich Gefallen an diesem neuen Leben mit all den technischen Neuheiten gefunden. Doch was würde nach einer Kapitulation oder Niederlage passieren? In diesem Moment hatte ich das Gefühl zu ersticken. Ich wendete mich vom Bildschirm der Schlacht ab und meine Beine sackten zusammen.

 

Kurze Zeit später erwachte ich auf dem staubigen Boden des Versorgungszeltes. Marlene leuchtete mit einer Taschenlampe über meine Augen und freute sich über mein Erwachen.

Sie versorgte die ganze Zeit hinter meinem Rücken die verletzten Soldaten der Schlacht. Wieder fesselte ein Monitor mit Videoübertragungen meinen Blick. Im nächsten Moment spürte ich Marlenes süßlichen Atem auf meinem Gesicht. Plötzlich war alles um mich rum wieder nebensächlich. Ihre wunderschönen blauen Augen blickten tief in meine. Ich bildete mir ein, sie würde mich gleich küssen. Doch mit einer ruckartigen Bewegung nach hinten beendete Marlene diesen Moment und setzte ihre Behandlungen an den schwer verletzten Soldaten fort. Ein viel zu kurzer Augenblick. Doch leider gab es aktuell wichtigere Themen. Ich blickte mich um. Überall war nur Leid zu sehen. Der Boden links und rechts von mir war beschmutzt. Dunkelrote Blutspuren. Körperteile.

Hinter mir konnte ich jetzt die vor Schmerzen schreienden und teilweise bewusstlosen Körper einiger Soldaten erkennen.  Es war ein schreckliches Bild. Ich hatte bis jetzt in meinem ganzen Leben noch nie so eine grauenhafte Situation erlebt.

Marlene beugte sich rechts von mir über einen Soldaten, der sein linkes Bein verloren hatte. Wie würde dieser Mensch mit dieser Behinderung weiterleben können?

Beziehungsweise wird er es überhaupt schaffen, zu überleben? Sie leuchtete ihm mit der gelben Taschenlampe zwischen die Augen und prüfte seine Reflexe. Ich beobachtete sie von weitem. Ihr Gesicht war nach wie vor wunderschön, aber in diesem Moment von Angst und Trauer gekennzeichnet. Sie war so angespannt, dass sich ihr komplettes Gesicht verkrampfte. Doch sie bewahrte Ruhe und widmete sich seinem Beinstumpf. Ein sauber abgetrennter Schnitt musste behandelt werden. Das Blut pulsierte aus seinen Adern. In diesem Tempo würde er nicht mehr lange am Leben bleiben. Ich musste Marlene unterstützen und konnte nicht einfach weiter hilflos auf dem Boden liegen und einem Menschen beim Sterben zusehen. Stöhnend drückte ich mich von dem staubigen, harten Lehmboden ab und sprintete in Richtung Marlene. Marlene war so in ihre Arbeit konzentriert, dass sie meine Unterstützung nicht realisierte. Erst als ich anpackte und die Mullbinde mit aller Kraft gegen seine offene Wunde presste blickte sie für eine Sekunde auf und lächelte.

 

Ein weiterer Sanitäter erreichte uns mit zwei rot glühenden Mettallstäben und es passierte das, was ich mir ausgemalt hatte. Mit gemeinsamen Kräften versuchten Marlene und ich, den wild umherschreienden Soldaten auf der Trage zu fixieren, während der Sanitäter seine offenen Venen mit Hilfe der Metallstäbe versiegelte. Der Schmerz des Soldaten übertrug sich auf mich und ich konnte seine Schmerzen mitfühlen.

 

Geschafft! Ein ekelhafter Gestank von verbranntem Menschenfleisch lag in der Luft. Die beiden anderen waren schon wieder dabei einen sauberen Verband um den Beinstumpf zu legen. Das Schlimmste war überstanden. Der Körper des Soldaten war mittlerweile komplett schlapp. Durch die starken Schmerzen hatte er sein Bewusstsein verloren. Marlene injizierte zwei Spritzen mit grünlicher Flüssigkeit in seine Armvene. Ihr Gesicht entspannte sich langsam wieder. Jetzt war es an der Zeit, sich bei ihr zu bedanken. Um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten, stieß ich ein lautes „Danke, Marlene“ aus. Sie antwortete mit einem zügigen „Ich habe zu danken“ und sprintete in eines der anliegenden Versorgungszelte. Was für eine bescheidene und verantwortungsvolle Frau. Ich hoffe, ich würde sie bald wieder treffen.

 

Ich hatte die Zeit komplett vergessen und blickte auf den mittlerweile schwarzen Bildschirm hinter mir. Die Übertragung der Schlacht war beendet. Scheinbar hatten wir die Schlacht überlebt. Vor meiner Ohnmacht war das Kräfteverhältnis klar auf Seiten der Gegner.

Doch wo war eigentlich mein Mentor? Torgan hatte ich seit meinem Aufwachen nicht mehr gesehen. Er würde mich doch nicht einfach hier alleine stehen lassen. In dieser neuen Welt war ich ohne ihn hilflos. Selbst den Weg in mein neues Zuhause würde ich alleine nicht finden.

 

Lautes Protestieren und knallende Feuerwerkskörper waren außerhalb des Zeltes zu vernehmen. War die Schlacht womöglich nicht beendet und hatte es die Angreifer hinter die Mauern geschafft? Dafür war die Stimmung in und neben dem Zelt viel zu entspannt. Ich bewegte mich zum Ausgang des Zeltes und blickte in Richtung des ohrenbetäubenden Lärms. Hinter einem zwei Meter hohen Zaun am Rande des Camps hatte sich eine unglaublich große Menge an Menschen versammelt. Bewaffnet mit Schilden, Schlagstöcken und Sturmhauben über dem Kopf versuchten sie den Zaun zu stürmen. Rote und grüne Brennkörper flogen durch die Luft in Richtung Soldaten. Diese hatten alle Hände voll zu tun, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. Mit vereinten Kräften bildeten sie eine Menschenkette, um den Zaun aufrecht zu erhalten. Einzelne hatten ihre Elektrostäbe gezogen, um einzelnen Demonstranten die Grenzen aufzuzeigen. Einer davon war Torgan. In weiter Ferne erkannte ich seine Identifikationsnummer 5219 auf dem Rücken seiner Uniform. Er setzte sich gegen zwei Angreifer mit einem gekonnten Ausweichmanöver durch und fesselte sie auf dem Boden liegend mit Kabelbindern.

 

Kurz darauf flogen weitere  Brennkörper in Richtung Verteidiger. Die Flugbahn eines Brennkörpers deutete direkt auf die Position, wo Torgan gerade die Angreifer festsetzte. In diesem Moment konnte er das Geschehen über sich nicht wahrnehmen und das Unvermeidbare passierte. Der Brennkörper prallte an seiner starken Brustpanzerung ab und explodierte. Einige Sekunden war nur Rauch zu erkennen. Danach konnte man Torgan leblos auf dem Boden mit aufgefetzter Rüstung liegen sehen.  Ich nahm alle Kraft zusammen und sprintete in seine Richtung.    

Einige Kilometer entfernt drehte Mina präzise am Einstellrad ihres ClearVision2 Fernglas, um einen besseres Bild vom Eingang der Alteir Mine zu bekommen.  Die Mine wurde vor langer Zeit während der Kreuzzüge von  General Ereba gefunden und befestigt. Sie diente zur Versorgung der technologischen Cyborg und Spezialwaffenfabriken im östlichen Teil der Station Riva. Da schon damals ein gut ausgebautes Höhlensystem existierte, musste man lediglich die Versorgungslinien ermöglichen, um im großen Stile Sarkz Gestein abzubauen.

„Mina, willst du mir jetzt endlich verraten, wieso wir diesen anstrengenden Fels nach oben klettern mussten, um uns jetzt stundenlang in der Sonne braten zu lassen?“, nörgelte eine komplett verschleierte, winzig aussehende Person direkt hinter Mina. Nervös kratzte er mit seinem hellgrün leuchtenden Schwert den steinigen Boden unter sich. Das Schwert entsprach seiner Körpergröße und war ab der Mitte der Klinge leicht gebogen. Sein üppiger Seidenanzug ließ ihn enorm breit wirken. „Gleich wissen wir genau welches Problem dort unten vorliegt“, antwortete Mina angespannt.

„Seitdem wir zum Spezialtrupp von General Ereba ernannt worden sind, läuft es irgendwie nicht mehr so zwischen uns, meine Geliebte Mina“. „Das ist doch Unsinn, Nino“, erwiderte Mina energisch. „Unsere Aufgaben sind einfach nur aufwendiger und zeitintensiver geworden. Aber genau so eine Herausforderung wollten wir doch unbedingt“. Sie legte ihr Fernglas zur Seite und drehte sich zur ihrem Seelenverwandten.

„Ich weiß doch, aber im Moment habe ich nicht das Gefühl, irgendetwas in diesem Krieg zu bewegen. Die Sense dringen immer weiter in unsere Gebiete vor. Als weiteren strategischen Punkt haben sie womöglich jetzt auch noch die Alteier Mine eingenommen.“ Obwohl nur ein kleiner Spalt unter seinem Schleier erkennbar war, sah man seine mutlosen Augen. Mina öffnete ihren schwarzen Ganzkörper Jumpsuit  und nickte. „Doch genau deswegen hat uns Ereba hier hergeschickt. Er vertraut uns und setzt große Stücke auf unser Bündnis. Wir sollten unser Bestes geben und ihn nicht enttäuschen.“

„Dann verstehe ich nicht, wieso Ereba nur dich in den Plan eingeweiht hat. Er ist immer noch nicht der festen Überzeugung, dass ich vollkommen auf eurer Seite stehe. Nur weil ich auf diesem Planeten geboren wurde und nicht wie ihr auf der Erde.“ Nino ging in die Knie und berührte die harte Gesteinsschicht unter seinen schwarzen NanoTech Stiefeln. Genau dieser Grund reichte General Ereba, in diesen schweren Zeiten aus, um kein vollständiges Vertrauen in Nino zu haben. Trotzdem forderte Mina ihren Geliebten an ihre Seite, um Ereba das Gegenteil zu beweisen. Da Mina womöglich die am besten ausgebildetste Auftragsmörderin im System war und in den letzten Missionen immer erfolgreich zurückkehrte, konnte er ihr diesen Wunsch nicht versagen.


Eine leichte Vibration im linken Unterarm unterbrach Mina in ihren Gedanken. Sie hob ihr massives AGR Großkaliber Scharfschützengewehr vom Boden auf und bereitete sich für den anstehenden Kampf vor. „Ich erkenne direkt am Eingang der Mine vier Sense Krieger ungefähr bei 134 Grad. Ein abseits Stehender hält einen der Minenarbeiter an den Haaren fest und schleift ihn zu den anderen. Das müsste Minenvorarbeiter Clark sein.“

 

Nino war immer noch in seinen Gedanken gefangen und wusste nicht so recht, ob er sich für diesen Auftrag begeistern konnte. Doch wenn Mina in Kampfstellung war, duldete sie kein Zögern. „Nino reiß dich zusammen und zeig endlich was in dir steckt! Ich habe schon gesehen, zu was du fähig bist. Dort unten wartet Arbeit auf uns.“ Sie markierte die drei in der Gruppe stehenden Sense in ihrem holografischen Visier. Mina und Nino kämpften schon länger zusammen und waren komplett aufeinander abgestimmt. Genau aus diesem Grund sprang der vermummte Seelenverwandte aus der Hocke hoch in die Luft hinauf und flog mit extrem hoher Geschwindigkeit direkt in Richtung der Mine. Innerhalb weniger Sekunden landete er direkt hinter dem sich bewegenden Sense, ohne auch nur dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Im gleichen Moment bestätigte die Auftragsmörderin ihre Ziele und drei goldene Gewehrkugeln durchlöcherten gleichzeitig die winzigen Stellen zwischen Brustpanzerung und Helm. Der vierte hingegen hob sein langes aber schmales Gewehr, um Mina auf dem Felsen ins Visier zu nehmen. Doch bevor er abdrücken konnte, schnellte die grün leuchtende Klinge durch die Luft und zertrennte den Körper in zwei Hälften. Nacht getaner Arbeit wirbelte das Schwert wieder gekonnt in die Scheide auf Ninos Rücken. Der Minenvorarbeiter Clark war sichtlich erleichtert, er hatte sich schon mit einem langsamen und schmerzhaften Tod abgefunden. Von seinem grauen Hemd und der blauen Hose war nicht mehr viel zu erkennen. Eine Mischung aus Stoff und Hautfetzen getränkt mit dem Blut des Sense Kriegers hingen an seinem Körper. Nino reichte ihm seine rechte Hand und zog ihn zwischen den zwei Körperhälften seines Peinigers hoch. Clark richtete seine teure Designerbrille und versuchte sie wieder in seinem verkniffenen Gesicht zu platzieren. „Wieso sind die elektronischen Geschütztürme am Eingang der Mine deaktiviert?“, ertönte es im Rücken von Clark. Mina landete mit einem kleinen Zwei-Mann-Transporter gekonnt zwischen zwei braunen Felsformationen. „ Es ist nicht meine Schuld, ich habe heute Morgen meinen Dienst vorschriftsmäßig begonnen und in der Zentrale alle Systeme justiert. Kurz nach der Arbeitseinteilung für den heutigen Tag, klingelte es an meiner Bürotür. Es war Frank, einer unserer Handwerker. Er wollte die Überwachungskamera gegen ein neues Modell tauschen. Also rutschte ich zur Seite und versuchte den Produktionsbericht vorzubereiten. Einige Minuten später schüttelte er sich am ganzen Körper, seine Muskeln verspannten sich. Sein Gesicht wirkte absolut geistesabwesend. Ich versuchte ihn anzusprechen, aber keinerlei Reaktion kam zurück. Seine Hände ballten sich zur Faust. Er drückte so feste, dass sich seine Fingernägel in das Fleisch bohrten und seine Hände bluteten. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich den Sicherheitsdienst informieren muss. An dieser Stelle endet meine Erinnerung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich dort hinten neben einem der Geschütztürme und musste das wilde Massaker der Sense Krieger mitansehen. Meine besten Leute wurden einfach abgeschlachtet wie Tiere. Teilweise in die Ecke getrieben und dann ausgelöscht. Einige versuchten mutig den Angriff mit großen Felsblöcken zu stoppen, aber das machte sie nur noch brutaler in ihrer Vorgehensweise.“ Clark war sichtlich gestört nach diesem Erlebnis. Sein linkes Auge zuckte während der kompletten Erzählung wild hin und her, als hätte er einen epileptischen Anfall. Nino brüllte in diesem Moment aus vollem Leibe. Er klang wie ein wild gewordener Löwe. „Wo sind diese blutrünstigen Kreaturen jetzt?“ Clark blickte nur verloren auf den Boden und schwieg. Diese Reaktion ließ das Blut von Nino noch weiter kochen. Er zog ihn an seinem gebrechlichen schmalen Hals zu sich und fragte in einem aggressiven Tonfall erneut. Doch selbst diese Aktion riss Clark nicht aus seinem Flashback. Alles spielte sich erneut vor seinen Augen ab. Er klappte zusammen und fiel zu Boden. „Eure Rasse ist viel zu schwach“, schrie Nino in Richtung Mina. „Ruhig Blut, mein kleines Kätzchen“, antwortete sie mit einem Lächeln auf ihrem narbenverziertem Gesicht. „Wir müssen mit Bedacht vorangehen und die aktuelle Lage in der Mine überprüfen. Vermutlich befinden sich dort noch weitere Gegner.“

 

Ein Summen ertönte. Gefolgt von einem Rauschen. Die riesigen meterhohen Geschütztürme zu ihrer rechten Seite hoben ihre Laserkanonen in die Höhe und starteten einen vernichtenden Feuersturm auf die Position der Sondereinheit. Nino musste seine Schnelligkeit erneut einsetzen. Er packte Mina sowie Clark und zog sie in Richtung des Mineneinganges. Es waren nur wenige Meter zum Eingang doch neben und über ihnen flogen Erdteile in die Luft und verhinderten einen geraden Weg in Sicherheit.

Die anderen Geschütztürme zu ihrer linken Seite versuchten, ihnen den Weg abzuschneiden. Mittlerweile war es fast unmöglich, dem Feuerregen zu entkommen. Es war an der Zeit, nochmals sein Tempo zu erhöhen. Das Gewicht von Mina und Clark reduzierte Ninos Sprintgeschwindigkeit enorm. Doch es musste funktionieren. Nino mobilisierte all seine Kräfte und rette sein Team in das dunkle der Mine. Durch den intensiven Sprint verrutschte sein Schleier und man konnte schwarze Flecken auf goldgelbem Fell erkennen. Kleine weiße Barthaare zeichneten sich im dämmrigen Licht der Deckenbeleuchtung ab. Clark war mittlerweile wieder voll da und blickte mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Nino. Was bist du für eine Kreatur? Der Retter der Gruppe war sichtlich erschöpft und stützte sich mit dem rechten Arm am Boden ab. Mit der linken Hand richtete er pfeilschnell seinen Schleier und verdeckte sein Gesicht erneut. Doch selbst seine Augen hatten sich verändert. Dunkel gelbe Augen mit dicken runden schwarzen Pupillen darin. „Starr ihn nicht so an, er hat uns gerade das Leben gerettet“, tadelte Mina den neugierigen Vorarbeiter. Sie bewegten sich weiter durch die Stille der schwach beleuchteten Minengänge. Nur das Schnaufen von Nino war zu hören.

 

Die Gruppe bewegte sich immer tiefer hinab in den Stollen. Teilweise konnte man Kleine an die Wand genagelte Schilder erkennen, die in der Dunkelheit die Richtung weisen sollten, doch ohne ihren Minenguide Clark wären sie vermutlich sonst wo gelandet. Er führte sie in eine Sackgasse mit einer sperrigen Edelstahltür. Über der Tür war ein Schild mit roten Leuchtbuchstaben

Service Zentrum – Nur für Administratoren

angebracht. Er wühlte einige Sekunden in seiner zerrissenen Jackentasche und öffnete die Tür mit einer Chipkarte. Dies musste das Herz der Mine sein. Hier liefen extrem massive Kabelstränge quer von allen Seiten durch den Raum. Riesige Schaltschränke blinkten in allen möglichen Farben. Zwei massive Gebläse rauschten mit der Lautstärke eines Wasserfalls und drückten frische Luft der Oberfläche in den Raum. Durch den vollgestellten und leicht verwinkelten Raum war es schwer die Bedien- und Überwachungseinheit zu erkennen. Die Gruppe bewegte sich weiter in den Raum und kurz darauf flackerten die an der Decke langgezogenen Neonröhren auf. Auf der linken Seite stand ein Tisch mit vier Stühlen und dahinter erhob sich die riesige Bildschirmfront mit zahlreichen Reglern und Knöpfen. Die Lichter unter den Geschütztürmen eins bis vier brannten in grün was womöglich deren Aktivität anzeigte. Ein Teil der kleinen Bildschirme waren schwarz. Lediglich die Information „Out of Service“ war auf ihnen zu lesen. Die Feinde mussten sie von hier aus beobachtet haben. Zwei Bildschirme präsentierten den Eingangsbereich der Mine in einem gestochen scharfem Bild. Genau aus diesem Grund durchsuchte Mina mit gezogener Waffe  jeden Winkel des riesigen Schaltraumes. Irgendwo mussten sie abgeblieben sein. Nino platzierte sich auf einem der Stühle am Tisch und beobachte Clark beim Bedienen der verschiedenen Computerbildschirme. „Ich habe ein Bild“, schrie Clark und klopfte begeistert gegen einen der kleinen Bildschirme links oben in der Ecke. Alle drei starrten gebannt auf den Bildschirm. Er zeigte den größten Raum der Mine. Ein riesig ausgehöhlter Raum mit vielen kleinen blitzenden Edelsteinen an den Wänden. Dieser Bereich war im Gegensatz zu den Minengängen komplett von hellen LED Scheinwerfern ausgeleuchtet. Plötzlich wurde das Bild scharf. Mehrere Mitarbeiter knieten in ihrer schwarz-braunen Arbeitskleidung auf dem Boden und starrten alle in die gleiche Richtung. In dieser Richtung bot sich ein spektakuläres Bild. So etwas hatten die drei noch nie zuvor gesehen. Es musste sich erneut um eine Kreatur der Sense handeln. Größe, Körperbau sowie die lila Kampfrüstung war exakt dieselbe. Der Helm jedoch wurde verziert durch mehrere kleine hell leuchtende Smaragde sowie zwei mächtige Ornamente. An der linken Hand waren alle Finger auseinander gespreizt und die ausgestreckte Hand zeigte in Richtung der am Boden knienden Menge. Ein bläulicher Nebel ging von der Hand aus und verteilte sich im ganzen Raum. Die rechte Hand umklammerte einen körpergroßen Stab aus massivem Stahl. Ihre grauen Metallabsätze schwebten leicht über dem Boden. Das Mikrofon der Kamera übertrug ein monotones Summen in den Schaltraum. „Dieses verdammte Monster“, brüllte Nino. Er sprang von seinem Stuhl und schlug ein tiefes Loch mit seiner Faust in den Tisch. Scheinbar kam er nach und nach wieder zu Kräften. Seine Geliebte erkannte die erneut aufsteigende Wut in seinen Augen und versuchte ihn mit einer Umarmung zu beruhigen. „Diese Hexe vernichtete mein komplettes Dorf!“ Nino versuchte sich von Mina loszureißen, um in Richtung Ausgang zu hechten. Er musste diese Kreatur endgültig zur Strecken bringen. Sie würde auch dort unten ein weiteres Blutbad anrichten.

 

Der kleine Transponder in Minas Jumpsuit vibrierte und blinkte hell auf. „Ein Anruf von Ereba persönlich.“ Sie informierten ihren Auftragsgeber über die Geschehnisse und zeigten ihm die mächtige Kreatur auf einem der Bildschirme. Wenige Sekunden nachdem die integrierte Kamera des Transponders auf den Überwachungsbildschirm gerichtet wurde, erklang die leicht verzerrte Stimme aus den Lautsprechern auf einmal ganz hektisch. „Abbruch! Dies ist ein Befehl! Bewegt euch sofort in Richtung Oberfläche.“ Mina und Nino hatten ihren Vorgesetzten noch niemals so hektisch und mit flehendem Unterton gehört. Während seiner früheren Kreuzzüge begegnete er schon einmal diesem Monster. Kalai – Die Stimme der Ernte.  Als er den Namen durch das Soundsystem brüllte, wussten die beiden, was zu tun war.

 

Alle Minenarbeiter drückten sich synchron vom harten Boden der Mine ab und fingen entsetzlich an, zu schreien. Sie rannten wild durch den Raum und verendeten kurze Zeit später seelenruhig auf dem Boden. Kalai blickte zielstrebig in die Überwachungskamera an der Decke des Raumes und schrie mehrere sehr aggressive Worte in diese Richtung. 

 

Es war Zeit, schnellst möglichst an die Oberfläche zu kommen. Mina verstaute den Transponder und führte die Gruppe zum Ausgang des Raumes. Mittlerweile klebte der Stoff ihres Outfits an ihrer schweißnassen Haut. Clark war in Panik und legte ein unglaublich hohes Tempo vor, um rechtzeitig zu entkommen. Nach zwei langen Geraden folgte erneut die steile Treppe in Richtung Oberfläche. Der Minenvorarbeiter versuchte, mit seinen kurzen Beinen mehrere Treppenstufen auf einmal zu nehmen. Doch leider passierte das Unvermeidbare. Sein linker Fuß blieb an einer der Treppenstufen hängen. Das monotone Summen des Feindes wurde  immer lauter. Er kam näher. In diesem Tempo würde es nicht mehr reichen, der Gefahr zu entkommen.

 „Ich halte es nicht mehr aus“, kreischte Clark auf dem Boden liegend. Mina und Nino erreichten den Angst strotzenden Körper und versuchten, ihn an seinen beiden Armen nach oben zu ziehen. An seinen Augen jedoch konnte man erkennen, dass seine Entscheidung bereits gefallen war. Es war eine Mischung aus purer Angst und Resignation. Er wollte einfach nur noch schnell und in Ruhe sterben. Mina und Nino versuchten ihre letzte Kraft zu mobilisieren. Der Körper von Clark war unheimlich schwer. Es war keine Hilfe mehr von ihm zu erwarten. Und als das obere leuchtende Ende des metallenen Stabes aus der Ferne zu erkennen war, entschieden sich die beiden wortlos, die Rettung abzubrechen, um ihre Leben zu retten. Sie ließen seine Arme los, drehten sich um und sprinteten weiter die Treppe nach oben. Mina schaute sich wenige Schritte später um und erkannte wie der mächtige Stab den Brustkorb von Clark durchbohrte. Ein grauenhafter Anblick. Den würde sie so schnell nicht mehr vergessen. An der Oberfläche angekommen, blickten beide gleichzeitig in Richtung der vier Geschütztürme. Sollten diese nun das Feuer auf sie fortsetzen, wären sie hilflos ausgeliefert und könnten entscheiden welches Übel besser ist. Der Tot durch die Stimme der Ernte oder Tot durch Kugeln. Die Beine von Nino brannten immer noch wie Feuer und die Kraft reichte nicht aus, eine erneute Rettungsaktion durchzuführen. Glücklicherweise jedoch waren die Kanonen der Türme auf den Boden gerichtet und machten keine Anstalten, sich zu bewegen. Ihr Transporter stand immer noch an der Stelle, wo Mina ihn abgestellt hatte. Beide stiegen ins Cockpit des kleinen mit hellblauen Längsstreifen überzogenem Raumschiff und starteten die Triebwerke. Nach wenigen Handgriffen drehten sich die mächtigen Düsen nach unten und  das Schiff  schwebte leicht über dem Boden, bis es sich durch die Schubdüsen in Richtung Station Riva in Bewegung setzte. 

 

„Du hast mir nie von dem Untergang deines Volkes erzählt“, bemerkte Mina und blickte zu ihrem Begleiter. Mit qualvoller Miene fing er an zu erzählen: „Es erfüllt mich mit Schmerz darüber zu reden. Es fing damals mit einem weit entfernten Dorf im Süden an. Ich war noch relativ jung und mein Vater erzählte mir diese Geschichte, als wäre es ein Märchen und würde nur in unserer Phantasie existieren. Ich vermute, er wollte mich und meine Schwester damit vor den schlimmen Dingen beschützen. Doch es kamen immer mehr Dörfer hinzu, die von den Sense heimgesucht wurden. Sie machten aus uns keine Sklaven und Gefangene. Sie hatten nur Verwendung für unsere Seelen.

 

Eines schönen Sommerabends musste ich die schmerzhafte Feststellung machen, dass die spannende Geschichte meines Vaters in Wahrheit purer Ernst war. In der Ferne der untergehenden Sonne erkannte ich meine Mutter friedlich auf einem unserer Felder arbeiten. Sie pflückte rosa Heidelbeeren und sammelte sie in ihrem Korb. Sie war eine der ersten Opfer unseres Dorfes. Die Laser der Sense Gewehre trafen auf ihren Körper und beendeten schlagartig ihr Leben und sie fiel zu Boden. Der Angriff war so schnell und effektiv geführt worden, dass nicht mal ein Schrei zu vernehmen war. Genau an diesem Tag erblickte ich die Gestalt aus der Mine. Versteckt hinter einem umgestürzten Baum beobachte ich wie dieses Monster sich über sie beugte und ihr alles aussaugte was sie jemals ausgemacht hatte. Meine Mutter wurde mir genommen und für immer ausgelöscht. Vielleicht hätte ich an diesem Tag anders handeln müssen und meine Familie retten können. Doch ich war…. einfach zu feige… ich versteckte mich wie ein kleines dummes Kind… hilflos…ohne mich der Gefahr zu stellen…“ Mehrere Tränen bildeten sich unterhalb seiner schwarzen Pupillen. Mina, die eine eiskalte Auftragsmörderin war und normalerweise so gut wie keine Emotionen zeigte, war bestürzt. Sie legte sanft ihre Hand auf sein Bein und signalisierte damit ihre tiefe Anteilnahme. 

Der Weg  zu Torgan kam mir immer länger vor. Erneut bemerkte ich, dass ein wenig mehr Sport auf der Erde wirklich nötig gewesen wäre. Immer nur dieses Rumsitzen auf der Arbeit… Peng! Weitere Flugkörper prallten neben mir auf den Boden und explodierten kurze Zeit später mit einer enormen Druckwelle. Gar nicht so einfach, hier den Überblick zu bewahren! Wieso haben die Leute so einen Hass auf die Soldaten? Bin ich auf der falschen Seite? Auf der Seite der Bösen und Ungehörigen? Nur noch wenige Schritte bis ich Torgan erreiche und ihm helfen kann. Die Frage ist... wie kann ich ihm denn helfen? Damals – in der normalen Welt - hatte ich kurz vor meinem Führerschein einen Erste Hilfe Kurs besucht. An einem Samstagmorgen um 8 Uhr, also zu der Zeit zu der jeder normale Mensch noch in seinem warmen kuschligen Bett liegt. Wahrscheinlich war gerade deswegen meine Erinnerung daran nicht mehr die beste. Doch jetzt in diesem Moment gab es keine Zeit mehr zum Grübeln. Ich erreichte die verbrannte Stelle auf dem staubigen Boden, an der meine bis jetzt einzige Bezugsperson in diesem Universum lag, in gekrümmter Haltung und komplett deformierter Brustpanzerung. Schmutz und Blut verdeckten die eigentliche Wunde. Hilflos versuchte ich Torgan unter seinen Armen zu packen und aus dem Schlachtfeld zuziehen. Verdammt, war so ein bewusstloser Körper schwer. Vor allem die schwere Panzerung machte diese Aufgabe zu einem fast unmöglichen Unterfangen. Ich wurde panisch. Meine Arme und Beine wurden immer schwerer. Unmengen an Adrenalin wurden in meinem Körper freigesetzt, doch er war einfach zu schwer. Entweder meine Kräfte werden mich in wenigen Sekunden verlassen oder aber mein Körper in winzige Teile zerfetzt. Meine Finger und Füße fingen gleichzeitig an zu kribbeln. Ich wusste, was dies bedeutete und genau in diesem Moment fing es an. Mein Brustmuskel bewegte sich stark auf und ab und meine Rippen wurden stark beansprucht. Der Sauerstoff rauschte in viel zu großer Menge in meine Lunge.  Ich war kurz vorm Hyperventilieren. Es war nicht mehr möglich, Torgan weiter zu bewegen. Normalerweise war es jetzt dringend notwendig, eine Tüte über das Gesicht zu stülpen und langsam wieder ein- und auszuatmen. Es folgten ein starker Druck im Kopf sowie eine Spannung im Unterbauch und aus einer Rettungsaktion wurde eine weitere Bewusstlosigkeit meinerseits.

 

Weicher Boden. Der Duft des Waldes stieg in meine Nase. Die Grashalme kitzelten meine Nasenspitze. Ein lau warmer Wind strich über meine Wangen. War ich erneut in einem dieser Visionen oder soll dies meine Ende sein? „Du bist noch nicht bereit für das Ende“, zischte es von hinten an mich heran. Meine Hände katapultierten meinen Körper aus dem knöchelhohen Gras. Ich versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Die Farben Braun und Grün dominierten meine Umgebung. Dicke, massive braune Baumstämme zierten die endlose, grüne  Lichtung. Die Baumkronen der Bäume waren entweder in Herbsttönen oder aber in einem saftigen grün gehalten. Als würden sie sich in unterschiedlichen Jahreszeiten befinden.  Doch nicht nur die Farben waren verschieden. Zusätzlich ragten einige Bäume bis in den Himmel und andere endeten in Kopfhöhe.

 

In einer Baumkrone zu meiner Linken raschelte es. Die breiten herzförmigen Blätter bewegten sich zur Seite und Natura, die Götting der Natur, zeigte sich erneut. Sie war nur sehr schwer zu erkennen. Ihre hellgelb leuchtenden Augen und ihr rotes langes Haar zeichneten sich ab. Der Rest ihres Körpers verschmolz mit den Farben des Baumes. „Fenix, die Zeit verrinnt. Unsere Kräfte schwinden. Bald wird das Kräfte-Verhältnis vollständig auf die andere Seite schwingen. Laut meinen neusten Informationen konnte sich eine Stimme der Sense vieler weiterer Seelen ermächtigen und in einen neuen Zustand übergehen. Du musst dich auf den Weg machen.“

Diesmal hatte ich das Gefühl, Natura würde auf eine Reaktion meinerseits warten. Sie blickte gespannt in meine Richtung. „Ich habe Angst, Natura! Ich glaube, ich bin der ganzen Sache nicht gewachsen. Meinen Mentor Torgan habe ich im Stich gelassen und bin erneut wie ein alter kranker Mann zusammengebrochen. Ich kann nicht der Auserwählte sein“, schrie ich und schaute beschämt und beängstigt zu Boden.

 

Während meiner letzten Worte fing der Boden unter mir hellgrün zu leuchten an. Grüner Nebel bildete ein rundes Podest unter mir. Durch diese kleine Erhöhung schwebte ich leicht über dem Grasboden. Ein angenehm warmes Gefühl bewegte sich langsam von meinen Zehenspitzen bis hin zu meinen Ohren. Ich konnte es nicht ganz beschreiben, aber es fühlte sich an wie die ersten Sonnenstrahlen eines schönen Frühlingstages.

 

Mit diesem Energieschub in meinem Körper erwachte ich in einem hell beleuchteten  Raum. Liegend in einem Bett mit weißer steriler Bettwäsche. Die Person am Ende des Bettes blickte gespannt in meine Richtung. Die hagere mit einem weißen Kittel bekleidete Person hatte ich vorher noch nie gesehen. Sie wartete noch ein paar Sekunden ab und lächelte dann in meine Richtung. „Na wunderbar, dann haben Sie scheinbar wieder alles überstanden. Ihre Vitalwerte sind vollkommen im normalen Bereich und äußerlich sind auch keinerlei Schäden zu erkennen. Somit bereite ich ihre Ausgangspapiere vor.“ Sie drehte sich um und verließ ohne weitere Worte das Zimmer. Erst jetzt schweifte mein Blick durch den Raum. Zu meiner Linken war ein großer Computerbildschirm angebracht mit mehreren Kurven und Zahlenwerten. Die Daten erhielt der Bildschirm von einer darunter stehenden Maschine, die ein leises Summen von sich gab. Verbunden war ich mit dem Gerät offensichtlich über ein Kabel, welches in meiner Halsschlagader fixiert war. Somit sollte ich ein schnelles Aufstehen vermeiden. Doch was war eigentlich als Letztes passiert? Vor meiner Vision mit Natura, versuchte ich Torgan zu retten. Wo war Torgan jetzt? Wurde er auch gerettet? Sollte ihm etwas passiert sein, war das ein und allein mir zuzuschreiben. Wieso war ich nicht stark genug geblieben und habe ihn aus dieser Situation befreit?

 

Die Tür öffnete sich und die Person mit dem weißen Kittel betrat erneut den Raum. Sie bewegte sich zielstrebig auf mich zu und versuchte das fixierte Kabel an meinem Hals zu entfernen. Ich spannte meinen ganzen Körper an, um die Schmerzen aushalten zu können. Doch wie ein Wunder setze der Doktor ein Gerät an und entfernte mir alles ohne jegliche Schmerzen. Ich hatte schon immer eine riesen Angst vor Krankenhäusern und auch schon vor normalen Arztbesuchen. Selbst eine harmlose Blutentnahme war für mich eine absolute Tortur. Umso besser, dass hier an diesem Ort die Medizin scheinbar schon viel weiter war.

„Wurde eine weitere Person mit mir eingeliefert?“, fragte ich die anwesende Person. „Du sprichst wahrscheinlich von Torgan. Synthia Marlene hat in diesem Moment goldrichtig gehandelt und euch beide sofort hierher verlegen lassen. Dein Freund ist schon wieder auf dem Weg der Besserung. Sein Körper kämpft gerade noch mit einer leichten Entzündung aber wir vermuten, er wird in den nächsten Tagen wieder vollständig genesen.“ Daraufhin hatte ich erneut ein ganz schlechtes Gewissen. Was sollte nur Marlene von mir denken. Ich hatte einer der leichtesten Aufgaben und musste am Ende selbst von einer Frau gerettet werden. Wenn ich so weiter mache, wird es vermutlich nie auf ein erstes Date hinauslaufen. In der nächsten Zeit werde ich sie jetzt nicht fragen können. Vermutlich würde bei einer solchen Frage einfach anfangen, zu lachen und mir klar machen, dass ich doch bitte erst mal Erwachsen werden soll.

 

„Sie sind jetzt fertig und können unsere Krankenstation verlassen. Draußen vor dem Haupteingang steht ein Transporter bereit, der schon auf sie wartet. Bitte gehen Sie direkt dorthin und verlieren sie nicht so viel Zeit, sonst wird sich General Ereba nur weiter über unsere Station aufregen. Aktuell haben wir wegen der hohen Kosten sowieso einen sehr schlechten Ruf.“

 

Die Person hatte es scheinbar richtig eilig und verhalf mir aus dem Krankenbett. In wenigen Minuten wurde ich durch die langen sterilen und trostlosen Gänge begleitet bis zur riesigen Schiebetür des Haupteingangs. Ich wurde kurz verabschiedet und an eine weitere Person der Verwaltungseinheit übergeben. Die Person öffnete eine Luke am hinteren Ende des Transporters und sprach mit einer bestimmten Stimme „Bitte setzen sie sich hinten rein, ich werde sie so schnell wie möglich zu General Ereba transportieren.“ 

Wurde ich jetzt vielleicht auch noch bestraft für meine schlechte Leistung auf dem Vorplatz der Mauer? Oder vielleicht würde man mich wieder zurück auf die Erde schicken, da man durch diese Situation den Irrtum über mich eingesehen hat. Vielleicht hat man mich mit jemandem verwechselt? Der Transporter setze sich in Bewegung und wir bewegten uns mit hoher Geschwindigkeit durch die Stadt. Es war viel Verkehr doch der Fahrer hatte sein Gefährt sehr gut im Griff. Wir bewegten uns zwischen engen Gebäuden und mehreren wild durcheinander laufenden Menschengruppen hindurch. Diese Station war riesig und so extrem vielseitig. Leute mit gepanzerten Körperrüstungen, langen Mänteln mit Kapuzen oder aber extrem kurzen Stoffkleidern schienen ihrem normalen Alltag nachzugehen. Bunt leuchtende Leuchtreklamen und Verkehrsschilder ließen die Stadt total aufregend wirken. Eine Ebene weiter oben befanden sich weitere Straßen die von zahlreichen Transportern genutzt wurden. Obwohl die Gebäude aus Stahl mit ihrer eckigen Bauform so futuristisch wirkten, sorgten verschiedenartige Palmen und Büsche für eine Wohlfühlatmosphäre in der Stadt. Auf der rechten Straßenseite öffnete ein Ladenbesitzer sein Schaufenster und eine Gruppe merkwürdiger Punker unterbrachen ihre Unterhaltung und jubelten.

 

Angekommen an dem altbekannten riesigen Metalltor des Bunkers von Ereba, bewegte sich einer der PantherGardisten auf unseren Transporter zu. Nach einer kurzen Kontrolle unserer Durchgangspapiere öffnete sich das massive Tor und ein weiträumiger, gut ausgebauter Hof diente als Parkmöglichkeit. Es öffnete sich die Luke zu meiner Rechten und eine Frau mit einem schwarzen Ganzkörper Jumpsuit stand vor mir. Sie wirkte angespannt und ihr vernarbtes Gesicht verlieh ihr einen unfreundlichen Ausdruck. Ihre Hände waren mit schwarzen Handschuhen überzogen. Sie drehte sich um und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, ihr zu folgen. Ihr zügiger Schritt ließ ihre langen schwarzen, streng zusammengebundenen Haare hin und her schwingen. Sie machte keinerlei Anstalten, sich mir vorzustellen oder auch nur ein Wort zu reden. Wir bewegten uns auf die große steinerne Treppe hinzu. Die unfreundliche Frau vor mir wirkte sehr jung und hatte einen recht ansehnlichen durchtrainierten Körper. Oben an der Treppe angekommen, erblickte ich eine weitere Person. Sie wirkte kleiner und wurde vollständig von einem üppigen Seidenanzug verhüllt. Lediglich gelb leuchtende Augen waren durch einen kleinen Schlitz zu erkennen. Als er sich  kurze Zeit später umdrehte, um  für uns das Tor zu öffnen, wurde ein gebogenes Schwert auf dem Rücken sichtbar. Er folgte uns ins Gebäude  Der Moment bebte vor Anspannung. Ich hatte ein ungutes Gefühl und wünschte mir Torgan zurück an meine Seite. Wir bewegten uns durch verwinkelte steinerne Gänge. Es erinnerte an ein altes Schloss. Um die Stimmung etwas aufzulockern, lächelte ich als sich die unfreundliche Person  umdrehte, um  nach mir zu sehen. Doch keine Reaktion. Sie drehte sich ohne eine Geste wieder um. In diesem kurzen Augenblick konnte man ihre frühere Schönheit erahnen, doch die Narben ließen ihr Gesicht schrecklich alt aussehen. Ob  sie deshalb so verbittert ist?

 

 Bei der nächsten Abzweigung bogen wir rechts in eine Passage ein. Hier wurde die Decke von  robusten Holzstützen getragen. Zwei vom Alter geprägte Männer kamen uns entgegen. Sie waren vollkommen in ein Gespräch vertieft und wichen uns schnell aus, um  sich danach wieder direkt ihrer Diskussion zu widmen. Der Korridor endete in einem großen prachtvollen Raum. Von der Decke, die mindestens 10 Meter hoch sein musste, hingen goldene Kronleuchter. Kleine LED-Lichter erhellten den Raum, obwohl es keinerlei Fenster gab. An mehreren Holzschreibtischen saßen die verschiedensten Personen und bedienten entweder ihr Tablet oder ihren Minicomputer. Trotz der vielen Personen herrschte eine angenehme Ruhe. Wir durchquerten den Raum und hielten auf einem grünen Teppich mit braunen Verzierungen. Hinter dem Teppich stand ein riesiger Tisch aus dunklem Holz mit geschwungenen vergoldeten Verzierungen und zwei brennenden Kerzen. Das musste er sein. Es erhob sich eine düstere Person. Sie blickte mit ihren vier rot brennenden Schlitzen in Augenhöhe in unsere Richtung. Das dunkle schwarze Metallvisier war von einer Kapuze bedeckt. Die Kapuze war Teil der Lederweste, welche das mit Nano Stoff gefertigte Hemd teilweise verhängte. Da die obersten Hemdknöpfe geöffnet waren, konnte man den maschinenartigen Cyborg Hals erspähen. Es gab keine Zweifel, dies musste General Ereba höchst persönlich sein. In der Wölbung unter seinen glühenden Schlitzen entflammte eine weitere größere Flamme synchron zu den Worten, welche er von sich gab.

 

„Mina und Nino, beantwortete mir nur eine Frage: Wie sollen wir mit einer nicht produzierenden Waffenschmiede diesen ungleichen Krieg gegen die Sense weiterführen und zu unseren Gunsten entscheiden? Mir gehen so langsam die Ideen aus. Angeblich soll uns dieser Neuankömmling hier irgendwie nützlich sein, dabei zeigte er schon mehrfach, dass er den leichtesten Aufgaben nicht gewachsen ist.“ Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Das war keine  nette Begrüßung für eine Person die plötzlich auf einem fremden Planeten aufwacht und dort beim Lösen der Probleme helfen soll. Doch tief in meinem Inneren strebte ich schon immer nach Perfektion und wusste, dass er mit dieser harten Ansprache genau ins Schwarze getroffen hatte. Ereba hob seine schwere mit Kabeln und Titanstahl angefertigte Hand und zeigte auf meine beiden Begleiter. „Aber ihr werdet mir das Gegenteil beweisen und diesen Neuling in euer Team aufnehmen und seine wahren Kräfte entfachen. Die Frau im schwarzen Jumpsuit erschien in diesem Moment noch grässlicher und spuckte auf den Boden. „Wir sind keine Ausbildungseinheit, davon war nie die Rede! Irgendwelche nutzlosen Menschen ausbilden? Unerhört!“  Ich war schockiert und wollte  ihr etwas entgegnen, doch leider überraschte mich diese Situation so sehr, dass es in meinem Körper auf einmal ganz warm wurde. Mein Blut pumpte immer stärker durch meine Adern. Ich konnte jeden einzelnen Pumpvorgang meines Herzens wahrnehmen. Als ob meine Muskeln ihren eigenen Willen hatten, packte ich die neben mir stehende Frau innerhalb kürzester Zeit an ihrem Arm und beförderte sie mit gekonnten Bewegungen auf den Boden.  Obwohl Mina im Nahkampf sehr erfahren war und eine eiskalte Killerin, konnte sie diesem Angriff  nichts entgegensetzen. Ihr Partner reagierte, indem er  seinen kleinen aber massigen Körper gegen mich einsetzte. In diesem Moment war ich nicht mehr ich selbst. Meine normalerweise ruhige und bedachte Art veränderte sich schlagartig in Aggression und Wut. Mit einer noch nie wahrgenommen Leichtigkeit wich ich dem Angriff aus. Daraufhin startete ein wilder Faustkampf. Mittlerweile hatten wir sogar die Aufmerksamkeit der arbeitenden Personen. Diese pausierten ihre aktuellen Tätigkeiten und bildeten eine laut grölende Gruppe. Mein Gegner war unglaublich schnell in seinen Angriffen. Er ließ mehrere Schlag- und Trittkombinationen in Sekunden auf mich niederregnen. Doch auch diesmal fiel es  unerwartet leicht, diesen zu entkommen oder sogar einige zu parieren.  General Ereba schien Gefallen an dieser Showeinlage gefunden zu haben. Er lehnte sich in seinem fellüberzogenem Holzsessel zurück und blickte gespannt zu. Mina drückte ihren Körper vom Boden hoch und stieg auf der Seite ihres Partners in den nun ungleichen Kampf ein. Von wegen ungleicher Kampf. So langsam habe ich genug vom Ausweichen und Parieren der Schläge. Vielleicht bin ich ja wirklich etwas ganz Besonderes, ging es mir durch den Kopf. Bei vollem Bewusstsein hatte ich urplötzlich das Bild von Natura vor meinen Augen. Sie war nicht real aber wirbelte mit ihrem prächtigen Kleid aus grünen frischen Blättern durch den Raum. Sie glich einer Ballerina, die auf Zehenspitzen eine Aufführung gab. Zusätzlich setze jetzt noch ein Summen ein. Schlagartig verschwand das unreale Bild und vom Boden stieg grüner dichter Rauch auf. Genauso war es bei der Göttin der Natur auch gewesen. Habe ich mit ihr doch etwas gemeinsam? In diesem Augenblick traf mich Minas Stiefel im Gesicht und hinterließ einen schwarzen Abdruck. Jetzt setzte mein Verstand komplett aus. Der grüne Rauch verschleierte  meine Umgebung. Kurz darauf hechtete ich aus dem Nebel, um Mina und Nino gleichzeitig in kürzester Zeit mit wenigen, aber effektiven Schlägen ihre Grenzen aufzuzeigen. Das Erstaunen von mir selbst, sowie aller anderen Personen samt General Ereba war gewaltig. Man konnte die knisternde Stimmung förmlich spüren.

 

Ein einzelnes Klatschen von Ereba beendete die Stille im Raum. „Phantastisch! So viel zum Thema Ausbildungseinheit. Vielleicht solltet ihr noch ein wenig Nachhilfe von ihm nehmen.“ Mina und Nino verstanden diese Aussage als Ansporn für einen erneuten Angriff. Doch bevor sie mich erreichen konnten, beendete ihr Anführer das Spektakel mit einem lauten. „STOPP! Die Anderen bitte sofort wieder an ihre Arbeit. Wir haben einiges aufzuholen und wenn wir in diesem Tempo weiterarbeiten, dann werdet ihr euch alle demnächst zerstückelt in den Händen der Sense wiederfinden.“  Die Show war beendet und alle kehrten wieder zurück an ihren Arbeitsplatz. Auch ich kehrte wieder in den normalen Zustand zurück. Meine Atmung normalisierte sich und der grüne Rauch verschwand. Ein ziemlich holpriger Start für die Gründung eines neuen Teams. Da mussten jetzt vermutlich einige Gespräche geführt werden, um eine harmonische Zukunft zu haben. Doch was mich am meisten verunsicherte, war natürlich der absolut verrückte Zustand meines Körpers. Die plötzliche Verwandlung in eine aggressive Kampfmaschine mit übernatürlichen Kräften.  Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich musste etwas ganz Besonderes sein.Wenn ich jetzt noch in der Lage wäre, diesen Zustand gezielt im richtigen Moment einzusetzen, könnte dies womöglich ein großer Schritt in die richtige Richtung in diesem Krieg bedeuten. Meine beiden neuen Teammitglieder waren dem ganzen allerdings nicht so positiv gestimmt. Nachdem General Ereba erneut unterstrich, dass wir ab nun ein Team aus drei Personen darstellten und uns  einige Informationen zu unseren nächsten Zielen  gab, bewegten wir uns wieder in Richtung Vorplatz. Mina und Nino liefen vorne weg und diskutierten mit wilder Gestik. Ihnen Hinterherzulaufen war nicht meine Vorstellung von einem gleichwertigen Teammitglied.   Aber für den ersten Moment entschied ich mich, Mina und Nino den Freiraum zu gewähren.

 

 Draußen auf dem Vorplatz angekommen verabschiedeten sich die beiden emotionslos von mir. Morgen in der Früh würden wir uns wieder treffen und womöglich mit einem kühleren Kopf in den Tag starten.

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Pluu (Autor)Am 06.04.2018 um 15:59 Uhr
Danke RiBBon für deine Kritik zum ersten Kapitel von Evio.
Das mit den wenigen Fragen anfangs ist teilweise natürlich bewusst so eingebaut damit mehr Spannung aufgebaut wird bzw. der Leser nicht direkt am Anfang mit Informationen erschlagen wird. Aber ich gebe dir Recht, da könnte man noch etwas mehr ins Detail gehen ;)

Zur Beziehung von Torgan und Fenix:
Klar Fenix ist an einem Fremden Ort aufgewacht und sollte demnach extrem vorsichtig sein. Aber ich selber hatte schon Personen auf der Arbeit die ich das erste mal gesehen habe und die mir sofort extrem vertraut und sympathisch gewesen sind.
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RiBBon Am 06.04.2018 um 17:19 Uhr
Ich hoffe, du hast nicht das Gefühl, dass ich dein Kapitel zerrissen habe...
So sollte das nicht rüber kommen...

War mit meinem Kommentar noch nicht ganz fertig und wollte, dich eigentlich noch ein Bisschen aufbauen ;)
als ich Besuch bekam und den Kommentar lieber schnell abgeschickt habe, bevor ich alles neu schreiben musste... ^^

Habe dich mal abonniert und warte auf die nächsten Kapitel :)
Würde mich freuen, wenn du bei Gelegenheit auch mal bei meiner Geschichte reinschauen könntest.
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RiBBon Am 06.04.2018 um 10:37 Uhr
Fragen über Fragen... rrr... hättest du nicht wenigstens etwas beantworten können! :D

Scherz bei Seite, lässt sich gut lesen und wie du an meinem Kommentar oben vielleicht gemerkt hast, fiebert man schnell mit. ;)
Ich persönlich fand es allerdings etwas befremdlich, dass er so wenig Fragen stellt bzw. nicht darauf besteht, dass ihm erklärt wird wo er ist und was er dort zu tun und zu lassen hat.

Aus irgendeinem Grund hat er offensichtlich die Erinnerung verloren. Er weiß nicht wie er an diesen Ort gekommen ist, da würde doch jeder Normalsterbliche auf eine Antwort bestehen, oder?
Für meinen Geschmack geht er etwas zu freiwillig mit diesem Torgan...
Und das nur, weil dieser angeblich seinen Vater kennt? Und was ist mit diesen Drohnen, die um ihn herum schwirren? Kennt er sowas? Unterbewusst? Wieso gerät er nicht mehr in Panik, sobald er aus dem Raum ist?

Ach ja, eins noch: Beim letzten Absatz "...er fühlte sich plötzlich wieder einsam." <-- Hatte er sich schon mal einsam gefühlt?
"...und angeblich kannten mein Vater und er sich sogar!"
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Kapitel:4
Sätze:952
Wörter:12.106
Zeichen:74.831

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Diese Story wird neben Science Fiction auch in den Genres Abenteuer, Survival, Fantasy und Steampunk gelistet.