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Im Schatten

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24.2.2019 17:52
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
Fertiggestellt

Es ist ein unordentlicher Gedanke. Er stromert in meinem Kopf umher und lässt sich nicht richtig einordnen. Überall prallt er ab, wie ein Gebet, das von Gott nicht erhört wird, wie ein Stöckchen, das man von sich wirft, von einem treuen Hund aber wieder zurück gebracht wird.

Es ist ein wenig auch ein unerhörter Gedanke, denn er lässt sich nicht vertreiben, auch wenn ich weiß, dass sich ein paar Menschen von ihm beleidigt fühlen würden. Unerhört ist auch, dass mich das kein Bisschen interessiert.

Aber so sehr ich ihn auch hin und her wende, so sehr ich ihn von allen Seiten ablutsche und ihn in allein seinen Facetten betrachte, ich komme zu keinem anderen Schluss: Ich bedauere die Menschen, die mich bedauern.

Und ihrer gibt es nicht wenige. Keiner von ihnen macht sich Gedanken darüber, ob sie mich damit beleidigen, dass sie meine Zurechnungsfähigkeit in Zweifel ziehen, weil ich trotzallem glücklich bin. Fast ist es so, als wollten sie es nicht glauben, als dürfte nicht sein, was sie nicht verstehen können, als müssten sie sich sonst eingestehen, selbst ein Leben voller fataler Fehler geführt zu haben, während ich – in ihren Augen naiv – einfach so durch mein Leben gestolpert sei. Es geht gegen irgendein göttliches Prinzip, dass ausgerechnet ich glücklich zu sein behaupte, während sie es nicht sind.

Was bleibt mir also, als sie zu bedauern? Sie, die sie sich immer an alle Regeln gehalten haben, die sie jetzt unzufrieden mit ihrem Lohn sind, die sie mehr von einem demütigen, hingebungsvollen Leben erwartet hatten, als gedemütigt und ausgenutzt zu werden. Sie sind es, die ihren Illusionen verfallen waren. Ich besaß nie dergleichen und kann nun mit Stolz und Überzeugung sagen: Ich hatte ein erfülltes Leben. Ich hatte ein anspruchsvolles Leben. Wer sich aber jeden Anspruch verbietet, der muss sich nicht wundern, wenn er abgespeist wird.

Glück ist weder Zufall, noch Schicksal. Es ist auch keine Entscheidung, verstehen Sie das nicht falsch. Viel mehr ist Glück die Freiheit, die man sich selbst gewährt.

Unglück hingegen ist der Neid, mit dem man, sich hilflos an Konventionen klammernd, herabblickt auf diejenigen, die sich entschieden haben, anzustreben, was man selbst sich nicht zu träumen wagt.

Bedauern hingegen ist selbstgefällig und hochmütig. Bedauern ist verkleideter Zynismus. Oder offener Zynismus. Jedenfalls braucht anscheinend jeder Mensch einen anderen, auf den er herabblicken kann, den er aufrichtig bemitleiden kann und bei dessen Betrachtung er sich denkt: Zum Glück lebe ich in geordneten Verhältnissen. Und schon sieht die eigene Misere nicht mehr ganz zu frustrierend aus. Und schon ist man wieder dankbar für das, was man hat und einem gewährt wurde, dafür, dass man unauffällig ist, nicht ins Gerede gerät, geachtet und respektiert wird. Bedauern ist eine Tugend. Bedauert werden ist eine Ächtung. Gesteigert nur durch Bemitleidung.

Meine Mutter hat immer gesagt, Neid müsse man sich verdienen, Mitleid bekäme man geschenkt. Ich glaube, das ist nicht wahr. Niemand gibt zu, neidisch zu sein und deshalb kaschieren alle ihren Neid als Mitleid oder Entrüstung. Alles das bekommt man geschenkt und von nichts davon kann man sich etwas kaufen. Ich habe nichts davon, dass ich bemitleidet oder beneidet werde, also habe ich aufgehört, mich vom Blick der anderen auf mich abhängig zu machen. Das ist, glaube ich, der erste Schritt hin zu einer inneren Entspannung, die den zufriedenen Landstreicher vom unzufriedenen Gutsherren unterscheidet.

Um diese innere Entspannung zu erlangen, muss man sich zunächst von bestimmen Illusionen verabschieden. Beispielsweise, dass eine alleinstehende Frau unvollständig ist und der Mann in ihrem Leben die Erfüllung darstellt. Wer an solche Dinge glaubt, wird bitter enttäuscht werden, wenn sie feststellt, dass auch Männer keine vollkommenen Wesen sind und keineswegs ein Garant für Glück und Sicherheit.

Seien wir ehrlich: Es gibt überhaupt nur zwei Arten von Männern. Die einen verhalten sich wie Vollidioten und finden dabei, dass sie die Größten sind und die anderen verhalten sich wie Vollidioten, werden dabei aber von Gewissensbissen und Minderwertigkeitsgefühlen geplagt.

Somit können wir festhalten, dass Männer, wenn überhaupt etwas, Garanten für Chaos und Unsicherheit sind und nur wenn man ein solches Leben zu schätzen weiß, wird man glücklich mit ihnen werden.

 

Ich weiß, das ist ein etwas seltsamer Anfang für eine Autobiographie, aber irgendwo muss man ja anfangen, wieso also nicht bei dem, was alle ohnehin von mir denken? Wieso nicht gleich die drängende Frage beantworten, die von jedermanns Lefzen tropft: Wieso hast du dir das angetan, Mädchen? Wie konnte es nur so weit mir dir kommen? Wieso ausgerechnet dieser Windhund von einem… naja „Mann“ würden sie ihn nicht nennen wollen.

Nun, vielleicht muss man ein bisschen verrückt sein, um die Verrücktheit zu schätzen zu wissen. Vielleicht schafft es aber auch nur ein vollständig klarer Geist, die Verrücktheit zu zähmen. Und vielleicht braucht jeder Verrückte einen Hüter und jeder Hüter einen Verrückten, damit sie einander ergänzen.

Um das Ende also vorwegzunehmen: Ich bereue nichts und ich beneide niemanden. Ich habe gelernt, gut gemeinten Ratschlägen zu misstrauen und geheucheltes Interesse von Sensationsgier zu unterscheiden. Wer sich also frei macht von der Sorge um seinen Ruf, ist unverwundbar.

Lassen Sie mich also anfangen mit einem Bekenntnis: Es ist mir egal, was Sie von mir halten. Es ist mir egal, welche Ängste Sie an meiner Stelle ausstehen. Es berührt mich kein Bisschen, wenn Sie mich schelten oder ermahnen. Ich bin niemandem etwas schuldig, auch kein schlechtes Gewissen.

Wieso also hat sich dieses Mädchen all das angetan, wenn sie es doch hätte viel besser haben können?

Viel besser. Wie viel besser? In wie fern besser? Was bedeutet besser? Und bekam nicht eigentlich am Ende doch jeder nur das, was er verdiente? Wie also hätte ich etwas an meinem Schicksal ändern kennen? Wenn man es bekam wie ein Geschenk, das man nicht umtauschen konnte?

Vieles in unserem Leben können wir nicht entscheiden. Also müssen wir glauben, dass schon alles seine Richtigkeit haben wird und es gerecht zugeht, auch wenn wir diese Gerechtigkeit nicht verstehen. Aber ob es nun gerecht ist oder nicht, ändert nichts daran, dass vieles nicht verändert werden kann. Der Glaube an Gerechtigkeit dient also nur der Beruhigung des inneren Grolls.

Nichts ändern kann man unter anderem an den Verhältnissen, in die man hinein geboren wird.

Ich zum Beispiel wurde im Frühsommer 1864 in der Nähe von Doncaster geboren. Meine Eltern waren Pächter und während mein Vater die Felder des Gutsherren bewirtschaftete, arbeitete meine Mutter als Wäscherin im Gutshaus.

Da war Vincent bereits ein halbes Jahr alt und lebte sein gut behütetes Leben innerhalb der gemütlichen Mauern ebendieses Gutshauses. Er war der zweite Sohn des Hauslehrers, der kurz zuvor eingestellt wurde, um wiederum den Kindern des alten Lords Bildung zu vermitteln. Dessen Ältester, den alle nur Albert nannten, obwohl er mindestens drei Vornamen hatte, war gerade vier geworden.

Im Vergleich zu Albert war Vincent ein geradezu schmächtiges, blasses und kränkliches Kind, was seine Mutter dazu anhielt, ihm all ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung zu schenken. Schließlich wollte sie mit allen Mitteln eine weitere Katastrophe wie die, welche Vincents Bruder ereilt hatte, vermeiden.

Damals stand die Familie Davies noch nicht im Dienst des Hauses Brighman, sondern lebte in der Nähe von Liverpool. Mrs. Davis behauptete später, dass es das schlechte Klima gewesen sein musste und dass sie deswegen darauf gedrängt hatte, aufs Land zu ziehen, damit ihre Kinder nicht der giftigen Luft der Stadt ausgesetzt waren.

Denn Vincents älterer Bruder starb nur drei Wochen nach seiner Geburt und Mrs. Davies Nerven trugen einen gewissen Schaden von diesem Ereignis. Sie war eine hypersensible und leicht reizbare Person, schreckhaft und immer besorgt. Gleichzeitig nahm sie es ihm überlebenden Sohn übel, dass er nicht der andere war.

Sie sagte immer: „Vincent ist vielleicht dein Name, aber du bist es nicht.“

Ein wenig seltsam für eine Mutter, so etwas über ihr Kind zu sagen, aber ihr Herz hing immer noch an ihrem toten Erstgeborenen und die Entscheidung, den Zweigeborenen in Erinnerung an den toten Bruder auf den gleichen Namen taufen zu lassen, war vielleicht nicht so wohlüberlegt, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Jedes Mal, wenn sie ihren Sohn zur Vorsicht ermahnte, gab es einen Seitenhieb: „Wieso bist du nicht ein bisschen mehr wie dein Bruder?“ Dabei wusste niemand, wie Vincents Bruder geworden wäre. Er lebte nur in der Phantasie der Mutter.

Die Ambivalenz der Gefühle, die Mrs. Davies ihrem Kind entgegenbrachte, ließ Vincent in einem Zustand ständiger Verunsicherung heranwachsen. Er konnte sich der bedingungslosen Liebe seiner Eltern gewiss sein, aber er musste es hinnehmen, in Watte gepackt und gleichzeitig für jeden vermeintlichen Fehltritt gescholten zu werden. So wuchs er heran zu einem zögerlichen, verzagten Kind.

Sicherlich hatte er es besser als so manch anderer Junge seines Standes, denn sein Vater eröffnete ihm einen Zugang zu Bildung und Wissen, dafür blieb er von vielen Härten verschont, aber alles Ungewöhnliche zieht eine gewisse Andersartigkeit mit sich, die von Gleichaltrigen niemals goutiert wird.

Die Kinder der Pächter machten sich über ihn lustig, weil er zu zimperlich war und eine zu hochgestochene Sprache verwendete. Sie lachten ihn aus, weil seine Mutter ihn ständig überwachte und sein Vater – wie sie es ausdrückten – mit dem Kopf im Arsch des Lords steckte.

Wohingegen die Kinder des Lords Vincent als vermeintlichen Emporkömmling verschmähten. In ihren Augen hatte Vincent es nicht verdient, dass ihm die gleichen Möglichkeiten eröffnet wurden wie ihnen. Ob sie befürchteten, ein mittelloser Lehrersohn, könnte ihrer Stellung in der Welt gefährlich werden oder ob die Geschwister sich einfach grundsätzlich gegen den Eindringling in ihr Haus wandten, weiß ich nicht.

Vincent sagte später resigniert über diese Zeit: „Es ist tief im Blut der Adligen eingebrannt. Sie wissen, dass ein armer Mann allein ihnen nicht gefährlich werden kann, aber ein armer Mann mit Bildung stellt ihre Position vielleicht in Frage und dann fällt auf, dass diese gar nicht so gefestigt ist, wie sie selbst gerne glauben.“

Der volle Name des ältesten Sohns und Erben des Earls lautete also Albert David Jeremias Brighman. Er war im Jahr 1860 geboren worden und damit gut drei Jahre älter als Vincent.

Drei Jahre. Gerade kurz genug, um die beiden noch miteinander spielen zu lassen, aber bereits lange genug, damit der eine den anderen dominieren und terrorisieren konnte.

Die Mütter indes erkannten dies nicht, sondern nannten es: „Berti passt so schön auf den Kleinen auf.“ Oder „Vinnie kann so viel von Albert lernen.“

Die Kindheit war für Vincent eine Zeit der Qualen, eine Zeit der Demütigungen, des Zurücksteckens. Albert legte großen Wert darauf, dass er erfuhr, wo sein Platz in der Hierarchie in diesem Haus war.

„Aber Albert hatte es auch nicht leicht.“ Diese Verteidigung kam immer dann von Mrs. Davies, wenn jemand sie darauf aufmerksam machte, dass Vincent mehr Angst als Freude beim Spielen empfand. Angst indes hielt sie darüber hinaus für eine positive Eigenschaft. „Es tut ihm gut, wenn er lernt, vorsichtig zu sein. Im Leben kann man so leicht unter die Räder geraten. Er soll kein Luftikus werden, sondern seine Entscheidungen abwägen.“ Sie hielt das für eine sinnvolle und moderne Erziehungsmethode. Zumindest nicht für so grausam wie körperliche Züchtigungen, die sie ablehnte.

Auch Albert schlug Vincent nie direkt. Das traute er sich nicht, denn Mr. Davies‘ Kopf steckte mit Nichten im Arsch des alten Lords.

Denn das war eine der Bedingungen, unter denen er angestellt wurde: „Ich will niemanden, der meinem Sohn beibringt, nie zu widersprechen. So etwas ist ohnehin unrealistisch. Er soll stattdessen lernen, keinen Unsinn zu reden.“

Der alte Lord war ein großer, Ehrfurcht gebietender Mann, der immer korrekt gekleidet und niemals ohne Pfeife im Mundwinkel gesehen wurde. Ich argwöhnte, dass er sogar noch im Schlaf rauchte, aber meine Eltern verboten mir, das näher zu untersuchen.

Jedenfalls strahlte dieser Mann eine gewisse Strenge aus, der Güte nicht gänzlich fremd war. Er konnte ebenso großzügig wie hartherzig sein. Wer seine Aufgaben erfüllte, wurde belohnt, wer sein Vertrauen ausnutzte, bestraft. Er nahm diese Gutsherren-Sache sehr ernst, hielt sich für verantwortlich für seine Pächter, fürchtete aber dennoch fortwährend, übers Ohr gehauen zu werden, wenn er zu weich wurde.

So wollte er seinen Sohn zu einer ebenso respektablen Autoritätsperson erziehen lassen, als die er sich gerne selbst betrachtete.

„Die Menschen sehen in sich selbst immer nur entweder, was sie gerne wären, oder was sie fürchten, das aus ihnen werden könnte, nie aber das, was sie tatsächlich sind“, sagte Vincent einmal.

Und diese seltsamen Sprüche waren es vermutlich, die Vincent auf mich schließlich interessant wirken ließen. In meiner Familie gab es niemanden, der kluge Sätze einfach so aus dem Nichts erfinden konnte. Mein Vater kannte ein paar Bauernweisheiten über das Wetter und meine Mutter kannte einige Gebete und Psalmen auswendig, aber etwas eigenes schienen sie nie zu sagen. Es reichte ihnen vermutlich aus, das konservierte Wissen früherer Generationen zu verwalten und sie verstanden nicht, dass man schöne Worte auch einfach so aussprechen konnte – um ihrer Schönheit Willen.

Aber sie hielten alles, was keinen Nutzen brachte, für Zeit- und Energieverschwendung. Nicht, dass es sie wütend machte, wenn jemand seine Zeit mit Wortspielereien verbrachte – auch Wut kostete unnötig Energie – aber sie missbilligten es doch. Es sei etwas für reiche Leute, was Vincent da tat, sagten sie, denn reich werden könne man dadurch in keinem Fall.

Mein Vater hatte sehr pragmatische Ansichten. Das machte er mir von klein auf klar: „Ein Mann ist nur das wert, was er dir zu Essen auf den Tisch zu bringen in der Lage ist, merk dir das!“

Und damit wuchs ich auf. „Helen“, sagte meine Mutter, „Du bist ein hübsches Kind, wenn du geschickt bist, wirst du ein auskömmliches Leben haben. Du musst deine Karten gut ausspielen.“

Und mein Vater: „Die besten Männer sind Handwerker, Kind. Wer dir ein Haus bauen kann, der wird niemals in Abhängigkeit geraten. Es kommt nur darauf an, was jemand mit seinen Händen tun kann. Von Phantasien werden deine Kinder nicht satt werden. Ein Dachdecker wäre fein. Meinetwegen auch ein Schuster. Schuhe werden immer benötigt. Helen, sei nicht dumm. Verkauf dich nicht unter Wert!“

Da ich die älteste Tochter war, schien es meinen Eltern besonders wichtig, dass ich den aus ihrer Sicht richtigen Weg einschlug, um meinen Geschwistern ein Vorbild zu sein. Sie wollten, meinen hypothetischen, erfolgreichen, begabten und ehrlich arbeitenden Ehemann als Druckmittel einsetzen, wenn eine meiner Schwestern auf die schiefe Bahn geraten sollte – denn bei drei Töchtern wusste man schließlich nie, man hörte ja so viel, ein faules Ei war ja anscheinend immer dabei.

Ich kann ihnen nicht verdenken, dass sie wollten, dass es mir einmal besser gehen sollte als ihnen. Ein Handwerker wäre sicher eine bessere Partie gewesen als ein Bauer oder ein einfacher Arbeiter. Ein Lehrersohn hingegen erschien ihnen als zu unwahrscheinlich, um davon zu träumen. Kinder von Gelehrten heirateten gewöhnlich andere Kinder von Gelehrten, keine Mädchen, deren Eltern sich keine weiterführende Schule für ihre Kinder leisten konnten, keine Frauen, die mit den Händen arbeiteten.

„Helen, es ist keine Schande, zu arbeiten“, sagte meine Mutter, „aber es wäre eine Schande, wenn du dir Illusionen machst.“ Sie hielt mein Gesicht mit den Händen fest, damit ich nicht wegsehen konnte und blickte mir ernst und hart in die Augen, als sie mir erklärte: „Hübsche Mädchen wie du werden oft ausgenutzt. Schönheit öffnet viele Türen, aber nicht alle davon sind es wert, dass man hindurchgeht.“

„Was sie damit sagen will“, mischte sich meine Großmutter ein, die mein unverständiges und gequetschtes Gesicht bemerkt hatte, „Lass dich nicht übers Ohr hauen. Es sind schon Mädchen in der Gosse gelandet, die sich zuvor in einem Palast aushalten ließen.“

Ich sollte also einen Mann heiraten, der ein bisschen besser war als ich, aber nicht zu viel, damit ich einerseits versorgt, aber andererseits nicht ausgenutzt wurde.

So ging das meine ganze Kindheit über, bis ich verinnerlicht hatte, dass es für ein Mädchen tatsächlich nur eine einzige Frage im Leben gab: Wie finde ich einen angemessenen Mann für mich?

„Denk immer daran“, sagte meine Großmutter, deren zahnloses Lächeln auf mich immer ein wenig gruselig wirkte, „wenn du ihn an der Angel hast, darfst du nicht nachlassen. Zieh ihn an Land, erleg ihn, nimm ihn aus und wenn du mich fragst, wirf ihn weg.“

Meine Mutter reagierte mit einem empörten Zischen: „Aber was sagst du denn da, Mutter?“

„Die Wahrheit, Schatz, nur die Wahrheit.“

Ich fragte mich, ob Jungen genauso von Anfang an eingeimpft bekamen, welche Frau sie aus welchen Gründen wählen sollten. Vincent sagte dazu: „Meine Eltern gingen davon aus, dass man Jungen sowas nicht vorschreiben kann. In ihren Augen sind Männer in dieser Hinsicht völlig unbelehr- und unerziehbar.“

Als nach drei Töchtern das vierte Kind meiner Eltern ein kleiner Junge wurde, fragte ich meine Mutter, was für eine Frau sie sich für ihn wünschte und sie zuckte mit den Schultern: „Eine die kochen, anpacken und Kinder bekommen kann.“

Ich war nicht sicher, was ich davon halten sollte. Es erschien mir seltsam, dass die Frauen, die in unsere Familie einheirateten, gefälligst bereit sein sollten, sich aufzuopfern, während die eigenen Töchter es „mal besser haben“ und zumindest die schweren Arbeiten ihrem Mann überlassen können sollten. Es schien fast, als wüssten meine Eltern, dass ihre eigene Lebensweise nicht erstrebenswert war, trotzdem legten sie eine Falle aus, um eine Schwiegertochter einzufangen. Was, wenn andere Familien genauso hinterhältig waren?

Es gab so viele Regeln, so viel auf das ich achten sollte, so viel das anscheinend überlebenswichtig war. Ich durfte meinen Ruf nicht ruinieren, ich durfte nicht zu wählerisch sein, ich durfte nicht zu lange warten, aber auch nicht zu voreilig sein. Ich musste zurückhaltend sein, sollte mich aber auch nicht verstecken. Ich sollte nicht zu steif, aber auch nicht zu locker auftreten, ruhig mal lachen, aber nicht zu laut und bitte nicht über die derben Scherze, bei denen ich zumindest so tun sollte, als verstünde ich sie nicht. Ich durfte singen und tanzen, aber nicht zu wild. Meine Kleider sollten nicht zu bunt sein, aber meine Großmutter fand, dass mir ein bisschen Farbe schon stand. Ab einem gewissen Alter waren die Haare nicht mehr offen zu tragen und bitte jeden Tag zu kämmen. Auf unserem Ackergaul durfte ich noch reiten, aber nur so, wie es sich für eine Dame gehörte – was ohne Sattel eine sehr umständliche Angelegenheit war. In der Kirche hatte ich regelmäßig zu erscheinen und ich sollte zumindest so tun, als sei ich andächtig.

„Kindchen“, sagte meine Großmutter, „in der Kirche geht es nur darum, wer das beste Kleid und die weißeste Haube trägt, aber das darfst du dir nicht anmerken lassen. Steh einfach gerade und lass sie vor Neid erblassen. Man muss sein Statement setzen, darf aber nie vergessen ein demütiges Gesicht zu zeigen.“

Als ich mit 13 Jahren die Schule abschloss, konnte ich lesen, schreiben und rechnen und ich wusste alles darüber, wie man sich als begehrenswerte Frau verhalten musste.

Das war 1878, das Jahr, in dem Albert Brighman seine spätere Ehefrau kennen lernte.

Ihre Ladyschaft befand, dass es für Berti an der Zeit sei, ein paar Erfahrungen außerhalb des eigenen Landsitzes zu sammeln. Sie war von Anfang an gegen die Idee gewesen, einen Privatlehrer einzustellen. Viel lieber hätte sie es gesehen, wenn ihre Kinder auf ein Eliteinternat gegangen wären, aber ihr Mann blieb in dieser Hinsicht halsstarrig: „Ich will, dass meine Kinder wissen, wie sie ein Landgut zu führen haben, keinen Krieg. Ich kann es nicht leiden, wenn sie aus Kindern kleine Soldaten machen, die nur wissen wie sie folgen, aber nicht wie sie führen sollen.“

Es war zugegebenermaßen eine etwas eigenwillige und veraltete Sichtweise, aber der alte Lord war auch ein eigenwilliger und konservativer Mann. Seiner Ansicht nach, braucht jemand, der eigenes Land besaß, nicht in der Welt herumzureisen. Im Gegenteil: Wer nicht vor Ort war, riskierte, dass der ganze Laden den Bach runter ging – wie er sich ausdrückte.

Er unterschätzte dabei jedoch, dass gerade sein ältester Sohn dadurch zu vereinsamen drohte. Seinen jüngeren Geschwister wollte und sollte Albert sich nicht anpassen, mit den Bauernkindern durfte er sich nicht sehen lassen (die wollten sich naturgemäß auch nicht mit ihm abgeben) und Vincent war es, an dem er seinen Frust und seine Wut ausließ.

„Es ist Zeit, dass der Junge etwas über die Welt lernt“, entschied Ihre Ladyschaft, „Er ist lange genug hier versauert und er wird sein ganzes Leben hier verbringen. Du solltest ihm, jetzt, wo er jung ist, die Möglichkeit geben, sich ein wenig auszutoben. Merkst du nicht, dass er jähzornig und unleidlich wird?“

„Ich bin nie jähzornig und unleidlich gewesen“, erwiderte der Lord und um das unter Beweis zu stellen, gab er seiner Frau schließlich nach.

Albert durfte nach Deutschland reisen, wo ihre Ladyschaft weitläufige Verwandtschaft hatte, und dort einen Sommer verbringen.

Später sagte Vincent, dies sei der schönste Sommer seiner Kindheit gewesen. Er habe sich mit Alberts Schwester Greta, die in seinem Alter war, anfreunden können, habe mit ihr Spaziergänge unternommen und seine ersten Gedichte geschrieben. Greta sei eine gute Zuhörerin gewesen und besäße ein sanftes, zärtliches Wesen. Ich weiß nicht, warum er mir das erzählte. Vielleicht um mich gegen sie oder gar ihn selbst aufzubringen.

Jedenfalls befand Greta, dass Albert sowieso besser nach Deutschland passte als nach England. „Er ist manchmal so laut, dass ich richtig zusammenzucke“, sagte sie.

Vincent nickte und erwiderte: „Er ist zu ungeduldig. Mein Vater meint, das sei seine größte Charakterschwäche. Er kann nicht ertragen, dass andere Menschen langsamer sind als er, selbst wenn sie kleiner und schwächer sind.“

„Er hält sich ja auch für den Größten und Stärksten“, sagte Greta.

„Ist er ja auch.“

„Er ist 18 und bildet sich etwas darauf ein, dass er stärker ist als dein kleiner Bruder. Ich glaube, Mom hat ihn deswegen nach Deutschland geschickt. Er wird langsam sonderbar.“

Vincent lachte, traute sich aber nicht, das zu bestätigen. Er musste immer bedenken, dass er Greta und den anderen Kindern des Hauses nicht gleichgestellt war.

Das wiederum blieb von Greta nicht unbemerkt und war wohl letztendlich der Grund, warum sie ihn fallen ließ. Vincent war ein Mensch, der alle Erwartungen enttäuschte und jeden, der dennoch bei ihm blieb, mit Überraschungen bedachte, die das Leben und die Wahrnehmung desselben bereicherten. Man musste nur stark genug sein, beides zu ertragen: Enttäuschung und Überraschung.

Greta indes wünschte sich einen Freund, dem sie vertrauen konnte, jemanden, der ihr Halt gab, der sie unterstützte und vor allem lobte. Für Lob und Anerkennung tat sie fast alles, so verunsichert war sie – als einzige Tochter ihrer Eltern.

Ständig hatte sie das Gefühl, zurückstecken, ihren Brüdern zu Liebe bescheiden und ruhig bleiben zu müssen. Noch im Alter von 14 Jahren redete sie lieber mit ihren Puppen als mit Menschen. Sogar Vincents kleiner Bruder fand sie ein wenig seltsam.

John Davies war in jedem Sommer neun Jahre alt und verbrachte viel Zeit damit, im Gebüsch zu hocken und Gespräche zu belauschen.

„Greta findet, dass ihr Bruder sonderbar ist“, sagte er am Abend zu Vincent als sie in ihren Betten lagen und noch nicht einschlafen konnten.

„Es gehört sich nicht, andere Leute auszuspionieren“, erwiderte Vincent, aber er wusste, dass es nichts nutzen würde.

„Dabei ist sie selbst ganz schön komisch. Hast du mal gesehen, wie sie draußen auf der Treppe sitzt und mit der Katze spricht? In Katzensprache.“

„Johnny, nun hör schon auf. Sie hat halt niemanden sonst, mit dem sie reden kann.“

„Sie hat das Kindermädchen“, behauptete John, „Wir haben kein Kindermädchen, das jeden Tag mit uns Karten spielt.“

„Wir können miteinander Karten spielen“, sagte Vincent und gähnte.

„Aber du spielst nie mit mir sondern immer nur mit Greta.“

„Weil sie so oft allein ist“, sagte Vincent und hoffte, dass John die Schwächen seiner Argumentation nicht mitbekam.

Aber sein kleiner Bruder ließ nicht locker: „Du bist heimlich in sie verliebt, stimmt’s?“

„Johnny, du sollst schlafen.“

„Also stimmt es.“

Aber es stimmte nicht. Vincent hatte lediglich ein Herz für alle schwachen, sonderbaren, ausgestoßenen und ungeliebten Kreaturen auf Gottes grüner Erde. Seiner Ansicht nach, lebte jedes Wesen aus einem Grund, also durfte man niemanden zurücklassen oder vergessen. Jeder konnte etwas beitragen, also hatte jeder eine Chance verdient. Jedes Lebewesen machte die Welt zu einem lebenswerterem Oft. Das glaubte er wirklich und es schloss sogar Albert mit ein.

Vincents Verhältnis zum Glauben war kompliziert. Glaubte er an etwas, dann glaubte er so fest und unumstößlich daran, dass er es von Wissen nicht mehr unterschied. Allerdings glaubte er an viele Dinge, die für die meisten Menschen obligatorisch sind, nicht. Er lehnte sie nicht mit Inbrunst ab, er interessierte sich nur einfach nicht für die Predigten in den Sonntagsmessen beispielsweise. Und sein Vater unterstützte ihn: „Wenn er nicht gehen will, dann muss er nicht zur Kirche. Es nutzt ja auch nichts, wenn er da ist und die Gebete der anderen stört. Ob er nun hier sitzt und ein kleiner Antichrist ist oder in der Kirche, den Zorn Gottes wird er so oder so auf sich ziehen.“ Dann lachte er und strich Vincent durchs Haar: „Aber natürlich weißt du, dass das nicht passieren wird“, flüsterte er ihm daraufhin ganz leise ins Ohr, damit die Mutter es nicht mitbekam.

Vincents Weigerung, die örtliche Kirche zu betreten, war vermutlich der Grund dafür, dass ich ihn zuvor kaum irgendwo wahrgenommen habe. Er lebte sein Leben im und um das Gutshaus und ich meines in gebührendem Abstand zu selbigem.

Seinen Bruder John und Greta hingehen kannte ich vom Sehen. Wenn unsere Mutter meine Schwestern und mich mit ins Waschhaus nahm, damit wir ihr halfen, die Laken auszuwringen und zu falten, lugte Greta manchmal durch die Tür. Sie sagte nie hallo oder was sie hier suchte, aber wenn man sie zu lange ansah, fühlte sie sich ertappt und lief davon. Der kleine Johnny wurde manchmal von seinem Vater abkommandiert, uns bei der Wäsche zu helfen, insbesondere dann, wenn seine eigenen Laken verdächtige Flecken aufwiesen. Aber er war keine große Hilfe, sondern stand meist nur in der Ecke und schämte sich schweigend.

Meine Mutter fand ihn dennoch niedlich und schimpfte ihn nie für seine Missgeschicke aus, was mir persönlich missfiel, denn es war ziemlich ekelig, seinen Dreck weg zu schrubben.

 

Schließlich neigte sich der Sommer dem Ende zu, die Ernte wurde eingebracht und Albert kehrte nach Hause zurück. Und er kam nicht allein. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Albert Brighman hatte sich mit einem deutschen Mädchen verlobt und er wollte sie gleich bei seiner Rückkehr nach England mitbringen und seiner Familie vorstellen.

Also wurde ein Fest anberaumt. Solche gab es eigentlich jedes Jahr um die Erntedankzeit, aber dieses Mal sollte es größer und aufwändiger ausfallen. Ein Willkommens- und ein Verlobungsfest. Meine Mutter rastete beinahe aus. Was für eine Gelegenheit!

So wie sie dachten jedoch auch alle anderen Mütter, die ihre Töchter endlich unter die Haube bringen wollten und so herrschte in den Wochen vor dem Fest eine geradezu aggressive Anspannung in der ganzen Grafschaft.

Es war kein ordentliches Kleid zu bekommen. Niemand konnte eines verleihen, weil sie es selbst benötigten oder es einem schlicht und ergreifend nicht gönnten. So zwang meine Mutter mich einen Fetzen aufzutragen, den meine Großmutter zwar über all die Jahre gehütet hatte wie einen Augapfel, der jedoch hoffnungslos aus der Mode gekommen war und einfach nur peinlich aussah. Das Kleid hatte etwas Verspieltes von einem Matrosenanzug, wie ihn kleine Jungen tragen, für die man sich wünscht, dass sie später mal zur See fahren. Meine Großmutter fand, es passe ganz gut zu mir: „Es ist ein bisschen verwegen, aber so sind wir beide eben. Wir müssen das nicht verstecken.“

„Ich will aber nicht verwegen aussehen“, sagte ich.

„Nicht? Ich dachte, die Blaustrümpfigkeit hättest du von mir.“

„Ich sehe aus wie ein Revuegirl. Irgendwie verkleidet.“

„Also wirklich“, mischte sich meine Mutter ein, „Ich versuche alles, um dich ordentlich anzukleiden und du bist undankbar! Die meisten Mädchen wären froh, sie hätten so ein Kleid. Das blau passt hervorragend zu deinen Augen.“

Es war ein schwacher Trost. Blaustrümpfigkeit hin oder her, ich wollte keine kecke Matrosin mit einem lustigen Hütchen sein. Zu allem Elend aber war das Kleid an allen Ecken und Enden zu eng, es zwickte und ich fühlte mich eingequetscht.

„Das muss so“, beharrte meine Großmutter.

„Wenn ich atme, drohen die Nähte zu platzen“, entgegnete ich.

„Ach Unfug. Du, mein Liebchen, bist einfach zu wohlgenährt. Wenn ich da an meine Zeit denke… Aber ich habe diese Nähte mit meinen eigenen Händen hergestellt, die können gar nicht aufgehen. Siehst du diese Hände? Die sind besser als jede dieser neumodischen Nähmaschinen.“

Großmutter zeigte mir ihre krummen, verhornten, zittrigen Finger und ich konnte nicht anders, als zu lachen.

Am Abend vor dem Fest legte meine Mutter mir die Haare in Locken und fand mich damit ganz entzückend. Aber wie das so ist: Wenn man jung ist, weiß man seine eigene Schönheit nicht zu schätzen. Man hält sie für so selbstverständlich, dass man sie gar nicht wahrnimmt. Erst später, wenn man ihrer verlustig gegangen ist, wünscht man sich seine blonden Locken und die weiche Haut zurück. Damals jedenfalls glaubte ich, dergleichen Tand nicht zu benötigen und ließ über mich ergehen, wofür meine Mutter mich offenkundig beneidete.

Ich durfte mich im Schlaf nicht bewegen, was bedeutete, dass ich gar nicht schlafen konnte. Ich lag im Bett und starrte an die Decke. Meine Schwester neben mir grunzte in ihren Träumen und weil ich ihr diese Erholung nicht gönnte, rammte ich ihr meinen Ellenbogen in die Rippen.

„Was ist denn?“, fragte Hannah.

„Du grunzt“, sagte ich.

„Das tue ich nicht!“, insistierte sie empört, „Du hast dich wieder selber gehört und bist davon aufgewacht.“

„Ich habe gar nicht geschlafen, kleines Schweinchen.“

„Nenn mich nicht so!“

„Wieso denn nicht? Schweine sind faszinierende Tiere, die…“

„Hör auf!“, zischte Hannah, „Du musst deine schlechte Laune nicht an mir auslassen, nur weil du nicht in dein Kleid reinpasst!“

„Ich passe in mein Kleid!“, behauptete ich, „Granny hat es angepasst.“

Hannah lachte ein kleines gegrunztes Lachen.

„Zumindest habe ich ein Kleid für das Fest“, sagte ich.

„Na und? Irgendwann wird es wieder ein Fest geben und dann werde ich es tragen, wenn du es nicht gesprengt hast.“

„Hannah“, ich boxte sie wieder in die Seite.

„Ist doch so! Granny hat es getragen, Mom hat es getragen, und jetzt trägst du es. Und in zwei Jahren darf ich dann als Matrosenmädchen herumlaufen. Nur, dass ich darin nicht aussehe wie ein aufgetakelter Mops.“

Jetzt hatte ich nicht übel Lust, aufzustehen und das Kleid auf der Stelle in Fetzen zu schneiden. Stattdessen sagte ich: „Mach dich nicht lustig! Wart’s nur ab, wenn deine Brüste anfangen zu wachsen und du Fett ansetzt. Weißt du, man weiß nie, wo es zuerst passiert und dann kann es passieren, dass dein Arsch…“

„Hör auf, Helen!“, rief sie etwas zu laut und wir hörten, wie unser Vater ein unleidliches Knurren von sich gab. Wir waren augenblicklich mucksmäuschenstill, trauten nicht einmal zu atmen, bevor wir beide lautlos unser Kichern unterdrücken mussten.

„Was glaubst du, wie das Fräulein aus Deutschland aussieht?“, fragte Hannah.

„Woher soll ich das wissen?“, fragte ich.

„Sonst bist du doch auch immer so schlau“, murmelte Hannah und dann, „Fräulein… Froilain… komisches Wort, findest du nicht?“

„So reden die Leute in Deutschland“, sagte ich weise.

„Das heißt, in Deutschland bist du Froilain Helen?“

„Und du Fräulein Hannah.“

„Das klingt ziemlich nobel.“

„Ja, find ich auch. Stell dir mal vor, jemand fordert dich so zum Tanzen auf: Fräulein Hannah, darf ich bitten?“

„Da biste hin und weg“, sagte sie und musste wieder ein Kichern unterdrücken, „Die deutschen Männer sind bestimmt stocksteif.“

„So stocksteif wie Albert mindestens“, sagte ich, „Deshalb hat er sich ja auch eine deutsche Frau gesucht. Die passt zu ihm und sie findet das gut.“

„Stell dir mal vor, du müsstest Albert heiraten.“

„Igitt.“

„Ja“, bestätigte Hannah, „Er würde dir den ganzen Tag mit seinen Jagdmisserfolgen auf die Nerven gehen, nur dass er sie dir als Triumphe verkaufen würde.“

„Und ich müsste jeden Tag zum Tee bei Ihrer Ladyschaft erscheinen und dann würden wir uns über unsere Handarbeiten unterhalten.“

„Und über das Gesinde lästern“, fiel Hannah ein.

„Und es gäbe jeden Tag Kuchen zu essen.“

„Aber nicht für dich, Albert will doch keine solche Speckbacke zur Frau.“

„Hannah!“, zischte ich sie an.

„Oder vielleicht mag er das gerade“, überlegte sie von mir unbeeindruckt, „Die Frauen in Deutschland sind alle dick und stämmig, das weiß jeder.“

„Das ist doch nicht wahr“, sagte ich.

„Doch. Und sie haben Bärte und tragen Hosen, sogar wenn sie auf einen Ball gehen.“

„Blödsinn.“

„Und ihre Stimmen sind tiefer als die vom Herrn Pfarrer. Und sie sind so stark, dass die Männer aus Ehrfurcht vor ihnen „Froilain“ zu ihnen sagen.“

„Du spinnst ja“, fand ich.

„Weißt du es denn vielleicht besser?“

„Nein, aber so wie du es dir vorstellst, ist es bestimmt nicht. Die Leute in Deutschland sehen nicht anders aus als die Leute hier. Sie haben nur eine andere Sprache und bei denen heißt man eben „Fräulein irgendwie“ und nicht einfach nur irgendwie.“

„Sie ist bestimmt adlig“, sagte Hannah.

„Keine Ahnung“, gestand ich.

 

Es stellte sich heraus, dass Fräulein Charlotte Vivian Dreyer keineswegs adlig war, sondern aus gutbürgerlichem Hause stammte und weder einen Bart noch Hosen trug. Es stimmte hingegen, dass sie von recht stämmiger Statur und einer gewissen burschikosen Art war. Auch ihre Stimme war relativ tief, aber nicht männlich. Ihr Gang hingegen entbehrte jeder Anmut.

Als sie und Albert in der Kutsche vor dem Gutshaus ankamen und von der ganzen Familie und allen Hausangestellten begrüßt wurden, sah man ihr an, dass sie ein wenig peinlich berührt war. Sie lief leicht rot an, was die meisten als äußerst charmant werteten.

Bis abends zog sich die Familie mit ihrem Gast ins Haus zurück und ließ die Bediensteten das Fest vorbereiten. Sogar eine Tanzfläche und eine Bühne für die Musiker wurde aufbaut.

Am Nachmittag erklärte der alte Lord das Fest für eröffnet und er schlug – angeblich in deutscher Tradition – ein hölzernes Bierfass an. Dabei stellte er sich absichtlich ungeschickt an, damit seine zukünftige Schwiegertochter, ihm erklären konnte, wie er es richtig zu machen hatte. Sie durfte dann auch das erste Glas trinken und zeigte, wie man sich in Deutschland zuprostete. Es war gar nicht so anders als in England, aber die Leute schauten und hörten Fräulein Charlotte höflich zu, um ihr später den deutschen Trinkspruch nachzusprechen.

Es gab Schnaps und Kuchen. Es wurde gegrillt und alles war umsonst. Die Kinder durften nach Äpfeln tauchen und herumtollen, auch nachdem es schon dunkel geworden war.

Meine Schwestern, die sich bereits zu fein für derlei Kindereien waren, bemühten sich, hübsch auszusehen und stopften sich den ganzen Abend mit Süßigkeiten voll. Und was sie nicht essen konnten, steckten sie sich in die Taschen. Wann bekamen es denn auch sonst einmal die Möglichkeit zu solch einer Völlerei? Da lohnte es sich sogar, am nächsten Morgen mit Bauchweh aufzuwachen.

Mom war den ganzen Abend damit beschäftigt, unserem kleinen Bruder hinterher zu rennen, dem sie verboten hatte, seine Sonntagskleider schmutzig zu machen und unser Vater verbrachte den Abend im Festzelt mit seinen Zechkumpanen.

Albert und Fräulein Charlotte eröffneten den Tanz und wir alle starrten sie an, als wären sie von einem anderen Stern zu uns herabgestiegen. Fräulein Charlotte tanzte fürchterlich, aber sie schien es selbst zu merken und lachte über ihre eigene Ungeschicklichkeit.

Wir mochten sie nicht wirklich, denn wir misstrauten allen reichen Leuten, vor allem solchen, die aus fremden Ländern kamen, aber wenn wir sie auslachten, dann nahm sie uns mit ihrer Selbstironie den Wind aus den Segeln. Sie lachte mit uns, also konnten wir nicht über sie lachen.

Wer schon einen Partner oder eine Partnerin hatte, den zog es natürlich sofort mit auf die Tanzfläche, aber ich stand mit ein paar anderen Mädchen, die ohne männliche Begleitung gekommen waren, am Rand herum. Wir blickten uns ein wenig scheu um und wussten nicht genau, ob und wie wir uns präsentieren sollten.

Ich ärgerte mich darüber, dass ich nervös war, schließlich kannte ich die meisten Leute hier ja und sie mich. Was sollte schon Unerwartetes passieren? Ich hatte mir vorher überlegt, mit welchen Jungen ich tanzen würde, wenn sie mich aufforderten und mit welchen nicht, aber so richtig auf einen Bestimmten hoffte ich nicht. Überhaupt wäre das Tanzen mehr eine Pflicht, die ich meiner Mutter zu Liebe erfüllte, als eine persönliche Sehnsucht nach einem romantischen Abenteuer.

Hinzu kam, dass ich mich unwohl in meinem zu engen Kleid fühlte. Ich fürchtete wirklich, es könnte bei einer ungeschickten Bewegung platzen, wie Hannah gesagt hatte. Ich aß den ganzen Abend nichts und ich hatte nur ein Glas Apfelsaft, weil man sich das an einem Erntedankfest nicht entgehen lassen darf, egal wie unbequem die Garderobe ist.

Ich sagte zu den anderen Mädchen: „Ich frage mich, ob wir hier auf unseren zukünftigen Ehemann oder auf den zukünftigen Schwiegersohn unserer Mütter warten.“

„Was meinst du denn damit?“, fragte eine.

„Na, ob wir das hier für uns machen oder für sie?“

„Willst du denn nicht tanzen?“

„Ich weiß nicht“, gestand ich.

„Dann geh doch weg“, schlug eine andere vor.

„Vielleicht will ich aber schon wissen, wie es ist“, sagte ich.

Sie kicherten.

„Als ob ihr es wüsstet“, schnappte ich zurück.

„Also ich habe schon einmal mit einem getanzt“, meldete sich Emily Bradshaw, die immer alles am besten wissen musste.

„Ja, mit deinem Bruder“, fiel Magarete Jones ein und wieder kicherten alle. Ich auch.

„Und wer gefällt euch?“, fragte ein Mädchen in einem fremdartig geschnittenen Kleid. Ich hatte sie noch nie in der Gegend gesehen und argwöhnte, dass es sich um eine Begleiterin von Fräulein Charlotte aus Deutschland handelte. Vielleicht eine Schwester. Ihr Englisch war allerdings tadellos.

Niemand traute sich, den Namen eines Jungen zu nennen. Auch ich schwieg.

Ich begann, mich zu langweiligen und spielte mit den Fingern in meinen Locken herum. Endlich kamen ein paar Jungen herüber und fragten etwas zerknirscht, ob wir Lust zu tanzen hätten. Ich wurde nicht direkt angesprochen und blieb stehen, während Margarete und das mutmaßlich deutsche Mädchen davon trippelten.

„Was ist, Blondie?“, fragte Georgina Miller, die mit ihrem Freund einen Tanz aussetzte und sich einen Karamellapfel geholt hatte, „Du guckst so grimmig. So wird das heute Abend nichts mehr.“

Am liebsten hätte ich sie angeknurrt. Ich hatte nicht gewusst, dass sie mit Michael Singer befreundet war, denn Michael Singer stand auf meiner Liste in Frage kommender Tanzpartner ganz oben. Stattdessen sagte ich: „Bisher hat mich noch keiner überzeugt.“

„Es ist gut, wenn man wählerisch ist und nicht jeden nimmt“, sagte sie, „Aber man darf auch nicht jede Bitte abschlagen, sonst wirkt man schnell arrogant.“

„Ja, ich weiß. Ich pass schon auf“, sagte ich, aber wir wussten beide, dass mich in Wirklichkeit noch niemand aufgefordert hatte.

So endete der dritte und der vierte Tanz. Die ersten Paare zogen sich bereits erschöpft zurück und machten Platz für das ein oder andere angeheiterte Ehepaar, das nach all den Jahren mal wieder ein wenig übermütig werden wollte.

Ich sah, wie Albert und Fräulein Charlotte die Tanzfläche verließen und sah dafür Alberts Schwester Greta mit einem linkischen Jungen herum staksen. Sie wussten beide nicht, was sie taten, aber sie taten es mit großer Konzentration.

Emily, die sich zu mir gesellte, begann über die beiden zu lästern: „Er tut so, als täte er ihr einen Gefallen, dabei blamiert er sie bis auf die Knochen.“

Ich wusste, dass Emily das nur sagte, weil sie neidisch war und sich darüber ärgerte, dass Margarete vor ihr aufgefordert wurde, aber ich war nicht in der Stimmung ihr das vorzuwerfen. Stattdessen sagte ich: „Wenn du reich bist, kannst du dir alles erlauben. Du kannst sogar tanzen wie ein besoffener Storch und niemand wird sich trauen, dich zu kritisieren.“

Emily lachte: „Besoffener Storch! Der war gut. Ja, das ist sie. Schau dir mal an, wie konzentriert sie auf ihre Füße starrt.“

„Wenn sie das nicht tut, stolpert sie über die Füße von ihrem Freund“, sagte ich.

„Der ist auch nicht zu beneiden. Bestimmt hat er was ausgefressen und das ist seine Strafe.“

„Wer ist das überhaupt?“, fragte ich.

„Das ist der Sohn vom Hauslehrer, glaube ich“, sagte Emily, „Der Ältere.“

„Es gibt einen Älteren? Ich kenne nur Johnny. Das ist der, der immer ins Bett macht.“

„Das ist sein Bruder. Glaubt wohl, wenn er die seltsame Schnepfe da an sich bindet, kann er abkassieren. Gar nicht so dumm.“

„Seltsam und seltsam. Passt doch. Die werden bestimmt glücklich miteinander.“

„Ja, aber stell dir nur mal die Kinder vor!“

Wir lachten.

Dann sagte Emily: „Und wenn er der letzte Kerl auf der Welt wäre, ich würde mich nicht so blamieren und mit ihm ausgehen.“

„Der würde auch nicht mit dir tanzen. Du bist nicht gebildet genug“, sagte ich und äffte den Tonfall eines Oberlehrers nach.

Das wiederum gefiel Emily nicht und sie erwiderte etwas eingeschnappt: „Und du bist zu frech. Die Jungs haben Angst vor dir, wusstest du das?“

Das wusste ich nicht, aber ich ließ mir nichts anmerken, stattdessen sagte ich: „Wetten, dass er mit mir tanzen würde?“

Emily schnaubte: „Um was willst du wetten?“

Ich überlegte: „Ich hab ein Huhn, das Eier mit zwei Dottern legt.“

Emily reichte mir die Hand: „Die Wette gilt.“

„Und was kriege ich, wenn ich es schaffe, dass er mit mir tanzt?“

„Wir haben Ferkelchen zu Hause. Eins davon gehört mir. Das kannst du haben.“

„Ein Huhn gegen ein Ferkel“, fasste ich zusammen, „Alles klar. Weißt du wie der Typ heißt?“

Emily blickte mich überlegen an und schwieg.

Wir standen da und warteten. Ich verfolgte Greta und den linkischen Jungen mit skeptischen Blicken. Sie hatten Ausdauer, das musste man ihnen lassen. Dann aber verließen sie zusammen die Tanzfläche und Greta lief zum Tisch, an dem ihre Familie saß – etwas abseits, sodass jedem gleich klar war, dass Störungen seitens des gemeinen Volkes nicht erwünscht waren.

Der Junge wagte es nicht, ihr dort hinzu folgen und stand nun etwas verloren zwischen Tanzfläche, Musikbühne und einer kleinen Feuerstelle, an dem gerade ein Spanferkel zerlegt wurde.

Ich musste sofort an mein potenzielles Ferkel und das Festmahl, das es abgeben würde, denken und raffte allen meinen Mut zusammen. Jetzt war die Gelegenheit. Eine solche kam vielleicht nie wieder.

Also schritt ich herüber zu dem Jungen und sagte: „Hallo.“

Zu meiner Überraschung antwortete er mit einem „Hallo“, das kein bisschen seltsam wirkte, sondern lediglich ein wenig schüchtern.

„Ich hab dich tanzen sehen“, sagte ich.

„Ja.“

„Mein Name ist Helen Peterson.“

„Meiner ist Vincent Davies“, sagte er und machte eine kleine, lächerliche Verbeugung. Ich hielt es für eine Parodie und vollführte im Gegenzug die Verballhornung eines Knickses. Aber er verstand die Ironie darin nicht.

„Tanzt du gerne?“

„Ist mein erstes Mal“, sagte er, „Ich glaube, ich bin nicht sehr gut.“

„Ach was. Ein Mann ist nur so gut, wie die Frau an seiner Seite und glaub mir, Greta Brighman ist eine furchtbare Tänzerin.“

„Findest du?“

Es machte mich wahnsinnig, wie unbeholfen er war. Ich konnte ihm an den Augen ablesen, dass er in seinem Kopf einen Kampf mit sich selbst austrug, um zu entscheiden, ob mit mir zu reden, einem Betrug an Greta gleichkam und ob er ihr überhaupt irgendetwas schuldete.

Ich merkte, dass ich so nicht weiter kam. Er würde mich niemals fragen, eher würde er morgen früh noch hier stehen und darüber nachdenken, was er tun sollte. Dabei hatte Greta ihn längst vergessen. Sie saß neben dem Fräulein Charlotte und schaufelte sich ein Stück von dem Spanferkel in den Mund.

„Willst du mit mir tanzen?“, fragte ich schließlich, denn der Duft von gegrilltem Schweinefleisch ließ mich alle Hemmungen verlieren.

„Ich…“, begann Vincent.

Aber ich konnte diese Wette nicht verlieren, indem ich ihn jetzt moralisch argumentieren ließ. Also fiel ich ihm ins Wort: „Nur einmal. Ich zeig dir, wie es geht. Dann kannst du es Greta zeigen und ihr macht euch nicht mehr so zum Gespött.“

„Also ich…“

„Na komm schon. Schlimmer als mit ihr kann es nicht werden.“

„Ich weiß nicht. Ich meine, willst du wirklich mit mir… gesehen werden?“

Ich starrte ihn an: „Wieso denn nicht?“

„Naja, weil das vielleicht die anderen Jungs abschrecken könnte. Du bist ja nicht hier, um mit jemandem wie mir zu tanzen, oder? Sie werden dich vielleicht auslachen.“

„Woher willst du wissen, weswegen ich hier bin?“, fragte ich.

„Du hast dein bestes Kleid angezogen und stehst am Rande der Tanzfläche herum“, stellte Vincent fest, „Und deine Haare sind extra in Locken gelegt. Dafür hast du bestimmt…“

„Die ganze Nacht wach gelegen, ja“, beendete ich den Satz, „Aber das ist doch egal. Wenn jemand nichts mit mir zu tun haben will, weil ich tanze mit wem ich will, dann hätte ich eh nicht mit ihm reden wollen. Also was ist jetzt?“

Er antwortete nicht, also fügte ich resigniert hinzu: „Wenn es dich beruhigt: Es hat mich ohnehin niemand gefragt.“

Vincent blickte mich ungläubig an. Das konnte er gut. „Wieso nicht?“

Ich fand, das war eine seltsame Frage. Wenn ich gewusst hätte, warum mich niemand gefragt hat, hätte ich versucht, mich anzupassen. Es war nicht so, dass ich auf keinen Fall angesprochen werden wollte. Ich fand es sogar ein wenig demütigend, niemanden abweisen zu müssen.

„Wieso?“, fragte ich also zurück, „Ich weiß nicht, wieso. Woher soll ich das wissen. Sie kommen nicht zu mir und sagen: „Zu deiner Information, dich fragen wir nicht aus diesem und jenem Grund.“ Sie sehen mich einfach nicht an. Vielleicht ist es das lächerliche Kleid.“

„Oder sie haben Angst vor dir“, vermutete Vincent.

„Was? Wieso das denn?“, rief ich empört. Wenn Emily so etwas sagte, war das eine Sache. Sie wollte mich nur aufziehen, aber dieser fremde Junge hatte kein Recht dazu.

Er blickte mich an, als könnte er nicht verstehen, dass ich nicht verstanden hatte, was er meinte.

„Gucke ich komisch?“, fragte ich, tatsächlich ein wenig besorgt.

Vincent überlegte und sagte dann: „Nein, das ist es nicht.“

„Das Kleid? Die Haare?“

„Nein. Eher…“, ich merkte, dass er sich nicht traute, zu sagen, was er sagen wollte.

„Was?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht. Ich glaube, es könnten vielleicht deine Füße sein.“

„Meine Füße?“, wiederholte ich überrascht.

„Ja. Die sind irgendwie seltsam.“

Ich muss zugeben, dass ich drauf und dran war, mich umzudrehen und davon zu marschieren. Dieser Junge war offensichtlich übergeschnappt. Meine Füße waren völlig in Ordnung und kein bisschen furchteinflößend. Niemand hatte mich jemals wegen meiner Füße kritisiert. Auch fand ich es ein wenig übergriffig, einem Mädchen ins Gesicht zu sagen, dass es komische Füße hatte. Sowas gehörte sich sicher nicht und meine Mutter hätte Vincent für eine solche Bemerkung sicher höflich, aber bestimmt aus dem Haus bugsiert.

„Meine Füße sind nicht seltsam. Sie sind ganz normal“, behauptete ich.

„Nichts ist ganz normal“, sagte Vincent, „Und alles ist seltsam. Man muss es nur genau untersuchen, dann findet man in allen Dingen Seltsames.“

„Und du hast meine Füße genau untersucht?“, fragte ich und ekelte mich bereits ein wenig vor diesem ohne Zweifel seltsamen Jungen.

„Nein, noch nicht. Aber auf den ersten Blick sind sie das, was an dir irgendwie nicht stimmt. Du wolltest doch wissen, was die Jungen abschreckt, oder nicht?“

„Aber nur weil du von meinen Füßen abgeschreckt bist, heißt das nicht, dass ein normaler Junge das genauso sieht“, sagte ich, aber Vincent bemerkte die darin liegende Beleidigung nicht. Es schien, als wäre er solche Bemerkungen gewohnt.

„Na schön. Du selbst kannst das natürlich nicht sehen“, fing er an, „Aber sieh dir mal die anderen Mädchen an. Sie scheinen zu schweben, sie bewegen sich leicht und schwungvoll.“

„Sie tanzen ja auch“, sagte ich.

„Ja, aber es ist mehr als das. Sie scheinen den Boden gar nicht mehr zu berühren. Die Männer müssen sie festhalten, damit sie nicht davon fliegen.“

„Hmm“, machte ich, ich begann zu verstehen. Ich hatte noch nie das Gefühl, abzuheben und davon zu schweben und festgehalten werden zu müssen.

„Du hingegen stehst da mit zwei Füßen fest auf dem Boden, als wärst du festgewurzelt, als könnte nichts und niemand dich bewegen. Mit dir zu tanzen, käme einem Kraftakt gleich. Du bist nicht gerade der Typ Mädchen, mit dem man herumwirbeln kann, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Hmm“, machte ich.

„Das heißt nicht, dass das schlecht ist“, ruderte Vincent schnell zurück, „Es ist nur anders. Manche Menschen sind Blätter im Wind, manche Menschen sind Felsen. Das ist einfach so. Daran kann man nichts ändern.“

Ich blickte an mir herab. So schrecklich sah ich gar nicht aus. Ich fand es unfair, dass mir jeder zu verstehen geben wollte, dass ich zu dick war, denn das stimmte einfach nicht. Ich war nur nicht so dünn, wie meine Großmutter in meinem Alter gewesen war. Es war das Kleid, das nicht passte und unvorteilhaft wirkte. Es ließ mich ungelenk aussehen und steif. Es hatte nichts mit meinen Füßen zu tun, das war lächerlich.

„Wenn du mit mir tanzt, beweise ich dir, dass ich kein Felsen bin“, sagte ich. Wenn ich mich hier schon beleidigen lassen musste, dann wollte ich dafür wenigstens einen Preis gewinnen.

Vincent sah sich nach Greta um. Als die aber keine Anstalten machte, seinen Blick zu erwidern, sondern sich lieber mit ihrer Familie unterhielt, sagte er schließlich: „Na schön, wenn du willst. Aber ich bin kein guter Tänzer.“

„Das macht nichts. Du musst mir nichts beweisen. Ich will ja dir zeigen, dass ich kein Felsbrocken bin.“

Wir trotteten auf die Tanzfläche. Gerade ging ein schnelles Musikstück zu Ende. Ich schaffte es gerade, Emily zuzuwinken und ihr einen missmutigen Blick zu entlocken. Dann machten die Musiker eine Pause.

„Tja, das Schicksal hat es nicht so gewollt“, sagte Vincent schmunzelnd.

„Weißt du, es ist nicht gerade sehr nett, einem Mädchen zu sagen, dass es komische Füße hat und wie ein Felsbrocken wirkt“, erwiderte ich.

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht verletzen. Es war nicht böse gemeint. Ich dachte, es hilft dir vielleicht.“

„Wobei? Bei der Selbstoptimierung, damit ich dir gefalle?“

„Beim Verständnis, wie andere dich sehen. Ist dir mal aufgefallen, dass wir eigentlich nichts über uns selbst wissen?“

„Ich weiß sehr viel über mich. Mehr als du auf jeden Fall“, sagte ich.

„Du weißt nicht, was andere über dich denken.“

„Man ist aber nicht das, was andere über einen denken.“

Vincent schaute mir ins Gesicht und zeigte mir zum ersten Mal dieses schelmische Lächeln, das mir andeutete, dass ich etwas fundamental wichtiges übersehen und nicht bedacht hatte. Es war seine Art des Triumphes. Nicht, dass er sich danach überlegen fühlte, er freute sich, dass nun ein Gespräch zustande kommen konnte. Seiner Ansicht nach lohnte es sich nämlich nur zu sprechen, wenn man unterschiedlicher Meinung zu einem Thema war. Alles andere, jede Bestätigung betrachtete er als Zeit- und Energieverschwendung.

„Na schön“, sagte er, „Dann hast du dir dieses Kleid selbst ausgesucht?“

„Nein, es ist das meiner Großmutter“, gestand ich.

„Dachte ich es mir“, sagte Vincent.

„Es ist das einzige, das wir besitzen und das für einen solchen Anlass geeignet ist.“

„Aber du fühlst dich nicht wohl darin“, es war eine Feststellung.“

„Aber das tut doch nichts zur Sache“, sagte ich.

„Du hast es angezogen, obwohl es dir unangenehm ist. Du trägst es, weil es von dir erwartet wird. Du befolgst die ungeschriebenen Gesetze eines solchen Festes. Du versuchst, den Jungs zu gefallen oder zumindest deiner Mutter, die dir die Haare in Locken gelegt hat. Du willst mir beweisen, dass du etwas nicht bist, das ich in dir sehe, nicht weil dir nicht gefällt, was ich in dir sehe, sondern weil es unschicklich oder unhöflich ist, was ich gesagt habe. Du willst keine Außenseiterin sein, deshalb bemühst du dich, etwas zu entsprechen, das dir eigentlich widerstrebt, wenn du wirklich darüber nachdenkst. Und wenn du so weiter machst, wirst du nicht nur dem entsprechen. Du wirst es sein und dann bist du, was du nicht bist. Verstehst du? Die Leute hier, sie alle versuchen einander zu formen, weil sie nicht akzeptieren können, dass Menschen sich selbst anders sehen als sie gesehen werden.“

„Man muss nicht akzeptieren, was andere in einem sehen“, sagte ich, „Sie können falsch liegen oder einfach gemein sein.“

„Was bedeutet schon falsch oder richtig. Du kannst ein genialer Mathematiker sein. Wenn dein Vater ein Bäcker ist, wirst du ein Bäcker werden, weil er das so will. Der Pfarrer will, dass du nicht sündigst, also verbietest du dir bestimmte Dinge, die du eigentlich gerne tun würdest. Hat man sein Leben deshalb richtig oder falsch gelebt? Oder nicht gelebt? Nur weil einem etwas entgangen ist oder weil man sich etwas verboten hat? Ich finde, ein Leben ist gelebt, egal, was darin alles schief läuft. Man kann Dinge bereuen, aber man muss doch immer dazu stehen, zu was man sich hat werden lassen. Ich meine: Du hast es in der Hand. Du kannst dein Leben lang verunsichert sein und Angst davor haben, anzuecken oder du akzeptierst, dass es keine allgemeingültigen Definitionen für Persönlichkeiten gibt. Dein Eindruck von mir ist genau so viel Wert wie meine Selbsteinschätzung. Beides ist wahr auf verschiedenen Ebenen.“

„Und was soll man deiner Meinung nach tun? Soll man sich formen lassen oder anecken?“, fragte ich.

„Ich finde, man sollte sich vor allem entspannen. Manche Verbesserungsvorschläge von anderen sind vielleicht nicht schlecht und man kann durch ihre Kritik Charakterfehler in sich erkennen, von denen man vorher nichts wusste. Aber manche Eigenschaften, die andere als Fehler sehen, sind dir vielleicht lieb und teuer. Wieso solltest du die dann also aufgeben? Am Ende musst du entscheiden.“

„Aber was ist, wenn ich nicht weiß, was ich will?“

Vincent überlegte und sagte dann: „Dann musst du mehr Fragen stellen.“

„Hmm. Das heißt, wenn ich mich frage, ob ich aufhören will, ein Felsen zu sein, muss ich mir zum Beispiel überlegen, was ich damit bezwecken würde, wenn mich ändern wollte?“

„Zum Beispiel.“

Ich musste zugeben, dass ich begann, dieses Gedankenspiel interessant zu finden, also spielte ich weiter mit: „Also schön, tun wir mal einen Augenblick so, als wäre ich – wie du sagst – eine Art…“

„Trampeltier“, half er mir aus und lächelte wieder verschmitzt.

„Eine Art Trampeltier“, widerholte ich, so ruhig ich konnte, denn ich wollte ihm nicht zeigen, dass seine Provokation mich irgendwie emotional berührte. Ich wollte hier eine sachliche Diskussion führen und ihm beweisen, dass ich so etwas konnte, auch wenn es um mich persönlich ging.

„Natürlich nur hypothetisch“, fügte er hinzu.

„Nur hypothetisch. Nehmen wir also an, alle würde mich so sehen. Was würde sich ändern, wenn ich kein hypothetisches Trampeltier mehr wäre?“

„Du bekämest von allen Seiten Lob für deine Eleganz“, schlug Vincent vor.

„Mehr Jungen würden mich zum Tanzen auffordern“, fügte ich hinzu.

„Du würdest jetzt irgendwo hinter den Büschen sitzen und knutschen“, sagte Vincent.

Ich lief rot an.

„Du müsstest dieses Gespräch nicht führen“, sagte er weiter.

„Ich könnte aufhören, mir Gedanken über mein Auftreten und meine Wirkung zu machen, weil ich sicher wäre, dass ich einen guten Eindruck hinterlasse.“

„Fast sicher“, korrigierte mich Vincent, „Du würdest dir immer noch Gedanken über dein Kleid und deine Frisur machen. Du hättest vielleicht Gewissensbisse, weil es sich nicht gehört, in der Dämmerung in den Büschen zu sitzen und wildfremde Jungen zu küssen. Du würdest dir Sorgen machen, was passiert, wenn es heraus kommt und was deine Familie dazu sagen würde. Du müsstest dir eine Strafpredigt des Pfarrers anhören. Du gehst doch sicher zum Gottesdienst?“

Ich nickte.

„Du müsstest ständig versuchen, eine Fassade der Leichtfüßigkeit aufrecht zu erhalten, die dir nicht gegeben ist. Auch wenn dir gar nicht danach ist. Du würdest ständig darüber nachdenken, ob du auch gefällig genug bist, oder ob du nicht noch gefälliger sein könntest. Irgendwas gibt es immer zu optimieren.“

„Irgendwie habe ich jetzt den Eindruck, dass man als Trampeltier das angenehmere Leben führt“, sagte ich.

„Naja, immerhin musst du dieses Gespräch führen. Das ist der Preis, fürchte ich. Du wirst dich ständig erklären müssen, warum du dich nicht anpasst.“

„Aber ich werde seltener von Idioten belästigt“, überlegte ich, „Von Typen, die mich nicht interessieren, auf die ich aber trotzdem attraktiv wirken wollen soll. Ist das so richtig?“

„Du hältst dir Schürzenjäger vom Hals, meinst du?“, sagte Vincent.

„Ja. Aber ich weiß nicht, ob ich das will.“

„Weil du diese sabbernden Vollidioten für dein Selbstwertgefühl brauchst? Oder weil du einfach nur gerne grausam bist?“

„Das weiß ich nicht“, sagte ich, „Ich glaube nicht, dass ich grausam bin.“

„Niemand hält sich für grausam. Am wenigsten die Grausamsten unter uns“, sagte Vincent.

Die Musiker kamen auf ihre Bühne zurück, aber weder Vincent noch ich hatten noch Lust zu tanzen. Schließlich rief Emily nach mir und wir verabschiedeten uns.

 

Am nächten Morgen musste ich Emily das Huhn, das Eier mit zwei Dottern legte, herüber bringen und mir dafür eine Standpauke meines Vaters anhören. Als er sich allerdings genug in Rage geschimpft hatte, mischte sich Granny ein und sagte: „Wenn sie das Schwein gewonnen hätte, hättest du sie gelobt.“

„Wenn sie das Schwein gewonnen hätte, würde man sich jetzt im Dorf das Maul über sie zerreißen, weil sie mit dem Sohn des Hauslehrers angebändelt hätte“, erinnerte Hannah.

„Der Sohn des Hauslehrers also?“, fragte meine Mutter interessiert, „Findest du ihn sympathisch, ja?“

Sie fielen mir alle auf die Nerven. Am meisten tat es mir um das Huhn leid. Ich verließ das Haus und machte einen langen Spaziergang.

Damals hatte ich keine Ahnung, dass dies die erste Begegnung mit dem Mann meines Lebens gewesen war. Ich hielt Vincent für einen angetrunkenen Sonderling, der nicht wusste, was sich gehörte und sich etwas auf seine Bildung einbildetet. Eigentlich hätte ich ihn gerne vergessen, aber ich wusste, mein Vater würde mich noch ewig daran erinnern, dass ich wegen eines solchen Bübchens eine gute Henne verspielt hatte.

„Mädchen wetten nicht“, würde er sagen, „Sie haben nicht das Fingerspitzengefühl und wissen nicht, welche Risiken sie eingehen können. Frauen können einfach nicht mit Geld oder Eigentum umgehen. Sie bringen einfach alles in kürzester Zeit durch. Sie können nicht sparen und nicht wirtschaften.“

Natürlich meinte er es nicht so. Irgendwann würden diese Sprüche nur noch kommen, um mich aufzuziehen. Aber es ärgerte mich trotzdem.

Granny hingegen befand, dass ich froh sein sollte. Das Schweinchen wäre an einem Tag verspeist gewesen, den Jungen hätte ich ein Leben lang am Rockzipfel hängen gehabt. Auch sie meinte solche Sachen nicht ernst, es gefiel ihr nur, wenn meine Mutter sie entgeistert ansah. Dann zeigte sie ihr Zahnlückengrinsen und winkte ab: „Ist ja schon gut. Sie sollen ihre Erfahrungen selbst machen, du hast ja Recht.“

Das hatte meine Mutter zwar nicht gemeint, aber sie war meist zu erschöpft, um sich zu kabbeln. Wenn die Tage kühler und die Luft feuchter wurde, fiel ihr das Waschen in dem zugigen Schuppen abseits des Gutshauses zunehmend schwerer. Ihre Hände bekamen Schwielen und die Haut riss auf. Zu Hause lief sie fast nur noch mit Bandagen herum und gab zu viel Geld für Salben aus, wie unser Vater feststellte.

Das alles entfachte in mir ein zunehmend schlechtes Gewissen, denn ich konnte zwar bei der Arbeit helfen, verdiente aber kein Geld dabei. Dennoch mussten meine Eltern mich nach wie vor versorgen. Ich aß von ihrem Brot und lebte in ihrem Haus. Ich nahm meinen Schwestern den Schlafplatz weg und überhaupt nahm ich zu viel Raum ein ohne dass ich zu etwas nutze war. Das kleine Cottage, in dem wir lebten, war mit sieben Personen mehr als voll belegt und jetzt, wo sich die dunkle Jahreszeit ankündigte und wir viel Zeit drinnen verbrachten, kam es öfter zu Spannungen und Gereiztheiten. Granny meinte zwar, es sei normal für ein Mädchen meines Alters, Streit zu suchen, aber ich hatte eher das Gefühl, dass der Streit mir aufgezwungen wurde.

Manchmal, wenn ich nachts wach lag, argwöhnte ich, ob sie mich loswerden wollten, ob sich mich in den Wald jagen würden, wenn sie könnten. Und dann dachte ich: Natürlich würden sie das nicht. Sie lieben mich. Sie müssen mich lieben. Es ist ihre Pflicht, mich zu lieben. Aber konnte man sich sicher sein, dass Menschen ihren Pflichten immer nachkamen? Was war meine Pflicht? Ich konnte ja nicht nur auf der Welt sein, um zu existieren, um zu atmen, zu schlafen und anderen das Essen wegzuessen.

Eine Woche nach dem Fest und dem Verlust der Prachthenne war der Alltag längst zurückgekehrt. Die Männer hatten ihren Kater überwunden. Die Blasen, die die Bäuerinnen sich beim Tanzen zugezogen hatten, weil sie sich aus Eitelkeit in zu enge Schuhe gezwängt hatten, waren abgeheilt und mein Selbstwertgefühl wieder weitestgehend hergestellt. Was Hannah an Süßigkeiten stibitzt hatte, war verspeist und die Jungen, die einst so schüchtern und zuvorkommend um einen Tanz oder einen Kuss gebeten hatten, verhielten sich so flegelhaft und ungehobelt wie eh und je.

Das beruhigte mich ein wenig. Sie pfiffen Georgina und Margarete genauso anstößig hinterher wie Emily oder mir, wenn sie uns auf der Straße sahen. Konnte es sein, dass es für Jungen überhaupt keinen Unterschied machte, welches Mädchen sie abschleppten? Sahen wir für sie vielleicht alle gleich aus? Man hätte doch zumindest annehmen können, dass sie den Mädchen, mit denen sie ausgegangen waren, hinterher mit etwas mehr Respekt begegneten.

Emily meinte daraufhin zu mir, dass sie das nicht wundere. Sie hätte noch keinen Jungen getroffen, der in seinem tiefsten Inneren kein Schwein war. Das fand ich sehr hart, denn ich war mir zumindest sicher, dass mein Bruder nicht so werden würde. Er war zart und freundlich zu jedermann…

„Warte es ab“, riet Emily, „Er wird auch ein kleiner Tyrann werden und deine Eltern werden in umsorgen wie einen Prinzen. Ich kann dir nur raten, bis dahin ausgezogen zu sein, damit du das nicht miterleben musst.“

„Wie soll ich denn ausziehen?“, fragte ich, „Wo soll ich denn hingehen?“

„Wieso bewirbst du dich nicht um eine Stelle?“

„Wo denn?“

„In einem Haus oder in einem Geschäft. Oder in einer Schule. Du wärst eine gute Lehrerin, Helen.“

„Aber ich weiß doch nichts“, sagte ich.

„Das hat unseren alten Lehrer auch nicht daran gehindert, sich vor uns aufzuspielen, oder?“

„Ausziehen ohne zu heiraten erscheint mir sehr verzweifelt“, fand ich, „Sowas machen nur Frauen, die später mal als alte Jungfer enden und die verrückte, alte Tante von jemandem sind.“

„Meine verrückte, alte Tante war eine sehr glückliche Frau“, behauptete Emily, „Ich wollte immer so werden wie sie.“

„Im Ernst?“

„Wieso denn nicht? Sie musste keine Kinder versorgen und konnte eine Menge Geld sparen. Sie konnte in der Stadt leben und jede Woche eine Bridgerunde mit ihren Freundinnen abhalten. Und glaub nur nicht, die hätten da nur Tee getrunken! Sie hat sich einfach alles erlaubt, weil niemand ihr etwas verboten hat.“

Ich rümpfte die Nase.

„Und als sie gestorben ist, kamen unfassbar viele Frauen aus der ganzen Gegend zur Beerdigung und außer dem Pfarrer, meinem Bruder und meinem Vater war kein einziger Mann da. Der kam sich vielleicht blöd vor. Hinterher hat er meiner Mom Vorhaltungen gemacht, was für ein liederliches Leben ihre Schwester da geführt habe und alles. Aber das Ersparte, das sie meiner Mutter vermacht hat, hat er dann doch gerne genommen.“

„Und so kann man sein Leben verbringen? Ist das nicht irgendwie unmoralisch?“

„Wieso denn? Sie ist einer ehrlichen Arbeit nachgegangen. Sie hat in einem Teegeschäft gearbeitet. Und da hat sie eben viele Leute kennen gelernt. Was ich eigentlich sagen wollte, Helen, ist, dass uns alle Türen offenstehen, wenn wir nicht den offensichtlichsten Weg gehen. Das ist mir erst kürzlich klar geworden. Wir können tun, was wir wollen, aber wir müssen es halt tun und nicht davor zurückschrecken.“

„Weil andere nicht wollen, was wir wollen“, ergänzte ich und hatte das befremdliche Gefühl eines Déjà-Vu.

„Exakt“, sagte Emily, „Träumst du nicht auch manchmal davon, einfach abhauen zu können? Irgendwohin. Vielleicht nach China oder Amerika. Und dann nur noch unter Leuten sein, die dich nicht kennen und nichts über sich wissen und du allein wählst aus, mit wem du dich anfreundest und wen du meidest.“

„Ich habe mir noch nie vorgestellt, abzuhauen“, sagte ich und das stimmte. Allein die Vorstellung gruselte mich. In meinem tiefsten Inneren hatte ich Angst vor Veränderungen und unbekannten Menschen und Ländern.

Emily schien enttäuscht: „Na, macht nichts. Dann stell dir vor, du könntest nachts ein anderer Mensch sein als tagsüber.“

„Was soll das denn bedeuten?“

„Tagsüber bist du die, die du immer bist, aber nachts musst du dich an keine Regeln halten und kannst gehen wohin und machen, was immer du willst. Du kannst dich vergnügen, ohne dass dich jemand verurteilt und ohne dass es am nächsten Morgen jemand weiß. Du könntest zwei Leben führen. Eins für die Pflicht und eins fürs Vergnügen. Wär das nicht was?“

„Und was ist mit Schlafen?“

„Schlafen… Niemand müsste schlafen. Alle würden sich verwandeln. Stell dir mal vor, nachts würden aus allen Frauen Männer und aus allem Männern Frauen. Was glaubst du, wie dann die Welt aussehen würde?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich. Das war mir zu abstrus. Emily erzählte immer solche Geschichten. Ich weiß nicht, wann sie sich sowas ausdachte, aber manchmal schien sie ganz besessen davon zu sein, diese Vorstellungen loszuwerden. „Stell dir vor…“ und „Was wäre, wenn…“ waren ihre Lieblingsphrasen. Wenn sie schon nicht nach China flüchten konnte, dann doch zumindest in ihre Tagträume.

„Was würdest du tun, wenn du ein Mann wärst?“, fragte sie schließlich.

Ich überlegte: „Keine Ahnung. Vermutlich das, was alle Männer tun. Mich darüber beschweren, dass die Frauen zu bequem und zu verschwenderisch sind.“

„Hmm. Ja“, sagte Emily, „Ich habe nicht bedacht, dass du dann ja nicht die Erfahrungen hättest, die du als Frau machst.“

„Aber ich habe ja auch nicht die Erfahrungen, die ein Mann macht. Vielleicht haben sie ja auch ein bisschen Recht.“

Emily blieb stehen. Wir waren auf einem Feldweg unterwegs ins Dorf, um einzukaufen. Sie stellte ihren Korb ab und machte eine ausholende Bewegung: „Helen Peterson, dein Leben lang wurde dir beigebracht, die Welt durch die Augen der Männer zu sehen und dich selbst als etwas Andersartiges zu verabscheuen, für das du sich schämen musst. Du weißt alles über Männer, glaub mir. Es gibt auch nicht viel, was sich da zu wissen lohnt. Wirklich. Kein Mensch braucht sie. Wir könnten alles selbst machen, wenn wir uns nur trauen würden. Denk doch nur mal nach. Sie sind mehr abhängig von uns als wir von ihnen. Wir wissen, wie man ein Feld bestellt, aber sie wissen nicht, wie man Brot backt.“

Das bezweifelte ich stark, denn ich wusste nicht genau, wie man ein Feld so bestellte, dass man von dem Ertrag leben konnte und die schwere Arbeit, die mein Vater verrichtete, konnte ich nicht leisten. Ich glaubte hingegen durchaus, dass dieser – mein Vater -, zumindest nach ein paar missglückten Versuchen, herausfinden würde, wie man ein Brot backte.

 

Der Spätsommer des Jahres 1878 war wechselhaft, entbehrte aber nicht einzelner schöner Lichtblicke und an einem dieser letzten milden Tage ging ich für Emilys Utopie einer männerfreien Frauenkommune in China für immer verloren.

Ich saß zu Hause am Küchentisch und stopfte eine Socke meines Vaters, als es an der Tür klopfte. Meine Mutter stand am Herd und rührte ihren Kohleintopf um, dessen Gestank das ganze Haus verpestete. Ich schämte mich fürchterlich.

Vor der Tür stand Vincent und hielt meiner Mutter einen selbst gepflückten und gebundenen Blumenstrauß entgegen. Als sie ihn ungläubig anblickte, sagte er schnell: „Man muss nur wissen, wo man suchen muss, dann findet man die auch noch um diese Jahreszeit.“

Das war nicht, was meine Mutter interessiert. Deshalb fragte sie: „Wer bist du denn?“

„Oh, verzeihen Sie. Mein Name ist Vincent Davies und ich bin hier, um ihre Tochter… Helen Peterson ist doch ihre Tochter?“

„Ja“, sagte meine Mutter lauernd.

„Also, ich bin hier, um ihrer Tochter diese Blumen zu schenken und sie einzuladen.“

„Einzuladen?“, wiederholte meine Mutter.

„Zu einem Picknick.“

„Du hast keinen Korb dabei“, stellte sie fest.

„Nein. Ich dachte, vielleicht morgen?“

Meine Mutter wandte sich um und rief ins Haus hinein: „Helen, Schatz, hier ist ein Junge, der mit dir sprechen will. Erwartest du jemanden?“

Ich wäre in diesem Augenblick am liebsten im Boden versunken, denn ich hatte das Gespräch natürlich Wort für Wort mitbekommen und Vincent konnte sich das denken. Diese Cottages waren nicht gerade dafür bekannt, dass sie viel Privatsphäre boten.

Ich kam also hervor und nahm die Blumen entgegen. Mich wunderte, wie kunstvoll der Strauß gebunden war. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben. Er brachte mir violette Waldastern und Disteln. Was immer das bedeuten sollte…

„Man muss wissen, wo man suchen muss“, wiederholte er verschämt.

„Sie sind sehr schön“, sagte ich.

„Wenn du möchtest, zeige ich dir, wo man sie finden kann. Ich würde mich freuen, wenn du mich auf ein Picknick begleiten würdest.“

Ich wusste, dass meine Mutter, die immer noch neben mir stand, vor Neugier beinahe platzte. Ich würde meines Lebens nicht mehr froh werden, wenn ich diese Gelegenheit ausschlug. Der Sohn eines Hauslehrers…

Also sagte ich zu.

„Morgen dann also?“, fragte er.

„Ja. Morgen“, sagte ich.

Vincent deutete einen Diener an, lüpfte die Mütze und ging. Mutter schloss die Tür und begann sofort, auf mich einzureden. Ich sollte mich bloß nicht ungeschickt anstellen. Der Junge sei ein absoluter Glücksfall.

„Er ist gebildet, nicht wahr? Er könnte selbst Lehrer werden. Oder vielleicht wird er studieren. Auf jeden Fall wird er einmal Erfolg haben. Besser man stellt sich bereits heute mit ihm gut. Helen, er hat dir Blumen geschenkt. Du weißt, was das heißt. Ein Mann, der einer Frau Blumen schenkt, achtet sie auch. Er ist ein guter Kerl, das habe ich ihm gleich angesehen. Du musst bedenken, dass die Auswahl hier auf dem Land nicht so groß ist. Er gefällt dir doch?“

Irgendwann bekam ich das Gefühl, sie wollte mich unbedingt so schnell wie möglich loswerden und ich zog mich beleidigt zurück.

„Du darfst sie nicht so drängen“, hörte ich Granny sagen, „Sie könnte glauben, wir hätten irgendwelche Probleme und müssten sie an den erst Besten verschachern. Das willst du doch nicht, oder?“

„Aber nein doch“, rief meine Mutter, „Aber Helen macht so gar keine Anstalten, sich umzusehen, meinst du nicht? Ich bin ja zumindest froh, dass einer sich für sie interessiert.“

„Du redest von deiner Tochter wie von einem lahmen Gaul, den du jemandem andrehen willst“, bemerkte meine Großmutter.

„Ich will, dass es dem Kind gut geht und wenn aus ihr schon keine zarte Schönheit geworden ist, wie ich gehofft hatte und sie nicht begreift, wie wichtig es ist, sich gut zu präsentieren, müssen wir dankbar für jeden Bewerber sein.“

„Also jetzt muss ich aber protestieren!“, intervenierte Granny, „Niemand nennt meine kleine Helen „keine Schönheit“! Wer nicht erkennt, was sie für ein Geschenk an die Welt ist, hat sie nicht verdient.“

Ich wusste, dass Granny das nur sagte, weil sie wusste, dass ich das Gespräch hören konnte. Ihr mochte es vielleicht egal sein, wie ich aussah und in ihrem Alter waren solche Dinge wahrscheinlich sowieso eher nebensächlich, aber es war nun mal eine Tatsache, dass Mädchen und junge Frauen zuerst nach ihrer Schönheit beurteilt wurden. Nicht nach ihrem Können, ihrer Intelligenz, ihrem Wissen oder ihren Tugenden. Es ging in erster Linie um ihr Äußeres und in zweiter Linie um das Vermögen, das sie mit in eine Ehe bringen konnte.

Man musste realistisch sein, dachte ich. Ich bringe keine interessanten Eigenschaften mit. Ich bin uninteressant. Also sollte ich dankbar für jede Form von Aufmerksamkeit sein, die ich bekommen konnte. Aber wieso?

Es war so ungerecht und so demütigend und jeder wusste das. Egal, wen ich auf der Straße gefragt hätte, jeder hätte mir bestätigt, dass Aussehen und Vermögen zweitrangig für die Bewertung eines Menschen sein sollten. Und dennoch wusste jeder, dass die Gesellschaft das anders sah. Jeder schimpfte auf die Gesellschaft, jeder betrachtete sich als Außenstehenden und nicht zugehörig und doch setzte sich eben diese Gesellschaft aus eben diesen vermeintlichen Außenstehenden zusammen.

Irgendjemand log. Irgendjemand heuchelte.

Wenn die Menschen zu Themen, die sie nicht betreffen, keine Meinung hätten, wäre uns allen geholfen, dachte ich bitter. Klar wollen sie, dass ihre Töchter nur nach ihrem Charakter bewertet werden, sie selbst aber bewerten die Töchter anderer Leute nur nach den Kleidern und dem Schmuck, den sie tragen. Das ist nun mal einfacher und befriedigt den inneren Drang, sich über andere erheben zu können. „Seht euch nur Helen Peterson an! Zum Glück ist meine Tochter nicht so ein Trampel!“

Eine Schönheit sein, keine Schönheit sein… Was bedeutete das schon? Eigentlich bedeutete es gar nichts. Erst Betrachter gaben dem eine Bedeutung und man selbst konnte rein gar nichts gegen ihr Urteil unternehmen. Es ist ungerecht, dachte ich, als könnte ich etwas dafür, wie ich aussehe. Und überhaupt… Ich fand mich so übel gar nicht. Um ehrlich zu sein, verstand ich immer noch nicht, was alle so besorgte.

Mein Haar war voll und dick, mein Gesicht normal, meine Figur auch. Was war ihr Problem? War ich nicht groß genug? Waren meine Zähne nicht gerade genug? Meine Hände zu groß? Meine Beine zu dick? Meine Füße zu… fest auf dem Boden?

Aber so war es nun mal. Mutter glaubte, sie müsse sich an meiner Stelle Sorgen machen, weil ich ihrer Meinung nach zu sorglos war und das besorgte mich. Es war eine Sorgenspirale. Ständig fürchtete ich, etwas zu übersehen, zu draufgängerisch durchs Leben zu gehen und dabei wurde ich nach und nach zögerlich und unsicher. Wenn es das war, was man als Frau sein sollte, um einen Mann abzubekommen, dann konnte ich Emily verstehen, die keinen wollte.

Wir machten uns pausenlos Gedanken, ob unsere Haare richtig saßen, wie sollten wir dann noch etwas Produktives leisten können? Ich erinnerte mich an etwas, das Emily einmal gesagt hatte: „Dass Frauen ihr Haar lang zu tragen haben, haben Männer erfunden, die sicher stellen wollen, dass wir mehr mit Kämmen als mit Denken beschäftigt sind.“

Wer keine Schönheit ist, dachte ich plötzlich, hat es leichter im Leben. Wer keine Schönheit ist, muss nicht erhalten, was ihm durch die Finger rinnen wird. Wer keine Schönheit ist, muss keine Zeit verschwenden, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Wer keine Schönheit ist, muss sich nicht mit Heuchlern herumschlagen, sondern kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Wer keine Schönheit ist, muss sich keine Sorgen darüber machen, ob man in den Augen der anderen an Ansehen verliert, weil man ohnehin nie eins hatte.

 

Den folgenden Morgen verbrachte ich mit Backen. Meine Mutter hielt mich an, einen schönen Picknickkorb herzurichten und eine möglichst große Variation von Gebäck einzupacken.

„Er soll schließlich sehen, was du kannst“, sagte sie.

Vater genehmigte mir sogar, ein paar Würstchen aus dem Vorratsschrank mitzunehmen. Nur, als ich nach ein paar hartgekochten Eiern fragte, sagte er, dass ich in diesem Haus jegliche Rechte an allen Hühnerprodukten verspielt hätte.

Am Ende kam es jedoch zu keinem Picknick, denn es gibt Kräfte im Universum, die stärker sind als die Gefühle zweier junger Menschen – seien es Zuneigung oder Selbstunsicherheit. Zum Beispiel die Kraft im Kiefermuskel eines ungezogenen Jagdhundes.

 

Vincent hat mir die Geschichte später aus seiner Perspektive geschildert. Demnach habe er in jenem Sommer zum ersten Mal in seinem Leben den frischen Wind der Freiheit um seine Nase wehen gespürt. Ohne Albert gab es niemandem in seiner Umgebung, der ihn triezte, ihn piesackte, der ihn herum schubste und sich über ihn lustig machte und so wagte Vincent sich aus seinem Schneckenhaus heraus.

Sein Bruder war ihm zu kindisch geworden und Greta schien genau die richtige Kameradin zu sein. Sie verstanden sich gut, entdeckten gemeinsame Interessen und offenbarten sich ihre unschuldigen Geheimnisse. Sie war es auch, die ihn dazu inspirierte, „den öffentlichen Raum für sich zurückzuerobern“.

Sie sagte: „Mein Bruder spielt sich auf, als wäre er der Herr auf diesem Land. Er streift durch die Landschaft wie ein Tiger durch sein Revier und er duldet niemanden neben sich. Dabei geht es doch nur um ein paar Hügel und Wiesen.“

So seltsam Greta sich ausdrückte, sie hatte Recht. Albert verstand es, die Menschen um sich herum einzuschüchtern und ihnen das Gefühl zu geben, etwas Verbotenes oder zumindest Unerhörtes zu tun, wenn sie etwas ohne sein Wissen und seine Genehmigung taten – und sei es nur, spazieren zu gehen.

Und so gewöhnte Vincent es sich erst in diesem Albert-freien Sommer an, längere Wanderungen durch die Ländereien und über die Felder zu unternehmen und begann, das Leben ohne Angst und die Pflicht zu Rechtfertigungen zu genießen.

„Meine Augen waren süchtig mach diesem Eindruck von Weite und Leere“, sagte er mir, „Ich musste den Himmel über mir sehen. Ich musste auf einem Hügel stehen und hinunter auf das Dorf blicken können, als wäre es nur ein nebliger Traum. Ich musste den Duft des feuchten Waldes in mich aufnehmen und all die versteckten Plätze finden, an denen die Tiere sich trafen und ihre Verträge aushandelten.“

Es war, als hätte er eine völlig neue Welt entdeckt und er stürzte sich in die Arbeit, sie zu erkunden.

„Die ganze Welt da draußen konnte vielleicht zumindest einen Teil der Leere in mir füllen“, sagte er, „Ich hatte das Gefühl, nichts zu wissen, der erste Mensch auf Erden zu sein, die Welt erschließen zu müssen. In einem gewissen Alter geht es wohl jedem Jungen so.“

Einen Sommer lang hatte Vincent sich also frei bewegen und entfalten können. Kein Wunder, dass er sich im Herbst nicht mehr einsperren lassen wollte.

Nachdem er vor meiner Haustür gestanden hatte, lief er nicht direkt nach Hause, sondern machte noch einen Umweg über die Wiesen. Der Zufall jedoch wollte es, dass ihm querfeldein eine Person aus dem Dorf entgegen kam. Vincent erkannte ihn erst, als der junge Mann näher kam und augenscheinlich genau auf ihn zu hielt.

Natürlich war es Albert und Vincent machte sich schon auf ein paar Knuffe und blöde Bemerkungen gefasst. Zumindest würde hier niemand darüber lachen, dachte Vincent, denn sie waren beide allein.

Das hieß… Albert hatte offenbar Probleme. Er führte einen Hund aus, der an seiner Leine zerrte und nach vorne preschen wollte. Albert hielt ihn mit aller Kraft zurück, aber das Tier wollte nicht verstehen. Es hatte Vincent gewittert und hielt ihn für etwas, das man jagen konnte.

Vincent blieb stehen, denn er hoffte, dadurch würde der Hund das Interesse verlieren. Aber er täuschte sich. Stattdessen begann das Tier ihn anzukläffen und zerrte nur noch verzweifelter.

Vincent wusste nicht, was er tun sollte. Er war im Grunde hilflos. Sein Leben – oder zumindest seine Gesundheit – lag in den Händen von Albert, der bloß die Leine nicht loslassen durfte. Jedem Menschen auf der Welt hätte Vincent lieber sein Leben anvertraut, aber jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Albert stark genug war. Er würde doch sicher nicht mutwillig loslassen?

Jedenfalls beschloss Vincent, ganz langsam weiter zu gehen, dem geifernden Hund keine Beachtung zu schenken und Albert gleichfalls keines Blickes zu würdigen.

Er setzte einen Fuß vor den anderen, meditativ, erreichte einen Feldweg und fühlte sich schon etwas sicherer. Bloß nicht umdrehen, dachte er sich, wer sich umdreht, verliert. Aber er musste sich gar nicht umdrehen, denn hinter ihm hörte er bereits Albert rufen und ehe er verstehen konnte, ob er fluchte, warnte oder den Hund zurückrief, hatte das ungestüme Tier ihn bereits von hinten angefallen, bellte ihm ins Ohr und schnappte nach seinem Hals. Zunächst konnte Vincent ihn abwehren, zog sich nur eine Bisswunde am Oberarm zu. Dann aber gelang es dem Hund, ihn zu Boden zu werfen und verbiss sich in seine Schulter.

Vincent schrie und trat gegen das Tier, das jedoch nicht losließ, bis Albert bei ihnen angekommen war. Er zerrte seinen Hund am Halsband von Vincent fort und an alles, was danach geschah, konnte Vincent sich hinterher nicht erinnern.

Alles, was er noch darüber sagte, war: „Es war, als wollte die Welt mir mitteilen, dass sie keinen Platz für mich habe.“

Albert hatte den Hund neu gekauft. Er wollte ihn in seine Meute integrieren, mit der er zu jagen pflegte. Aber nach dem, was mit Vincent passiert war, verdonnerte sein Vater ihn, das Tier umgehend zu erschießen. Das jedoch rettete unser Picknick auch nicht und ich war einen Tag lang untröstlich, weil ich glaubte, Vincent hätte mich versetzt. – Nicht so sehr wegen Vincent, sondern weil ich es nicht ertragen wollte, versetzt zu werden. Das hatte nicht einmal ich verdient, fand ich.

Meine Mutter hingegen war tief enttäuscht und nahm sich vor, den jungen Mann, der ihre liebste Tochter so sehr gekränkt hatte, zur Rede zu stellen. Granny sagte zu ihr: „Man fragt sich, wessen Stolz stärker verletzt ist, deiner oder Helens.“

Aber meine Mutter ging darüber hinweg: „So etwas muss man sich als junges Mädchen nicht gefallen lassen.“

Am nächsten Morgen traf sie im Waschhaus auf Vincents Bruder, der mit verweinten Augen in einer Ecke stand und wimmerte, woraufhin meine Mutter es sich noch einmal überlegte und den Jungen nicht auf der Stelle zur Schnecke machte.

Es stellte sich heraus, dass Johnny die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, weil sein Bruder das Bett, indem sie normalerweise beide schliefen, völlig für sich beanspruchte.

„Aber wieso das denn?“, fragte meine Mutter, der es sichtlich Freude bereitete, sich über die vermeintliche Übervorteilung des kleinen Bruders empören zu können.

„Weil er fiebert“, erklärte John, „Mom hat ihn die ganze Nacht mit kalten Umschlägen behandelt und heute Morgen musste der Graf einen Arzt rufen lassen.“

Als meine Mutter den Rest der Geschichte hörte, verschlug es ihr beinahe die Sprache. Sie hatte Vincent Unrecht getan und jetzt bedauerte sie ihre gehässigen Gefühle ihm gegenüber. Da sie mit der Familie Davies nicht bekannt war, wagte sie es nicht, darum zu bitten, den Verletzten besuchen zu dürfen. Sie fragte jedoch, ob ich – ihre Tochter – Vincent besuchen dürfe. Mit mir sei er befreundet.

Johnny wusste nicht, was er auf so eine Frage antworten sollte. Also redete er von etwas anderem: „Albert hat den Hund totgeschossen. Ich habe es gesehen. Drüben auf der Wiese ist alles voller Blut. In den Kopf hat er ihn geschossen. Er war sofort tot und hat gar nicht gewusst, was mit ihm passiert.“

„Du darfst kein Mitleid mit so einer Bestie haben“, sagte meine Mutter.

„Albert hat es leid getan“, sagte John, „Mein Vater hat ihm ganz schön den Kopf gewaschen, weil er seine Entschuldigung zu abgeschmackt fand. Aber ich finde, der Hund kann ja nichts dafür. Wieso muss er darunter leiden, wenn er tut, was man ihm beigebracht hat. Es war ja ein Jagdhund.“

„Aber ein Jagdhund muss auch wissen, dass er keine Menschen jagen darf“, erklärte meine Mutter.

„Aber manche Hunde jagen auch Menschen. Verbrecher und so. Aber woher soll ein Hund denn wissen, wer ein Verbrecher ist und wer nicht. Das weiß der Hund doch nicht. Man darf niemanden dafür bestrafen, wenn er etwas nicht weiß, was er nicht wissen kann. Das sagt mein Vater und trotzdem wollte er auch, dass Albert den Hund totschießt.“

„Aber er hat Recht gehabt. Einen bissigen Hund sollte man nicht behalten. Er wäre eine Gefahr für alle.“

 

„Es war, als wollte die Welt mir mitteilen, dass sie keinen Platz für mich habe“, sagte Vincent zu mir, als ich ihn am Nachmittag besuchen ging.

Er sah sehr lädiert aus, blass und zerknirscht. Durch die Umschläge war das Fieber herunter gegangen und der Arzt hatte ihn sachgerecht verbunden und versorgt.

„Aber nein“, versuchte ich ihn zu beruhigen, „Es war ein Unfall. Solche Dinge passieren. Daran kann man nichts ändern und niemand ist schuld.“

Vincent wechselte das Thema: „Danke, dass du hergekommen bist.“

„Ich dachte, wir könnten das Picknick einfach hier machen?“, ich zeigte ihm den Korb, den ich mitgebracht hatte, „Leider ist das Gebäck schon eine Tag alt.“

„Das macht doch nichts“, sagte Vincent, „Ich soll sowieso nichts essen und ich bin nicht hungrig.“

Das war nicht sehr höflich, aber ich ging darüber hinweg und erwiderte: „Ich kann ja was für deinen Bruder da lassen.“

Ich sah mich im Zimmer um. Es war dunkel und spartanisch eingerichtet. Für zwei Jungen – einen davon bereits fast erwachsen – war es viel zu eng und besaß eher den Charme einer Gefängniszelle als den eines gemütlichen Schlafzimmers – geschweige denn eines Krankenzimmers. Lediglich auf dem Nachttisch stand eine verblichene Blumenvase mit einem Sträußchen.

„Den hat das Fräulein aus Deutschland mir gebracht“, erklärte Vincent, als mein Blick darauf fiel. Es klang wie eine Entschuldigung. „Aber ich habe geschlafen, als sie da war.“

„Eine nette Geste“, sagte ich.

„Ja“, sagte Vincent.

Dann schwiegen wir eine Weile. Mir war es unangenehm, aber Vincent schien es zu genießen. Auch später genoss er das Schweigen mehr als das Reden – auch wenn die Worte seine Leidenschaft waren.

Schließlich kam er auf meine vorherige Bemerkung zurück, als hätte sie die ganze Zeit über in ihm nachgehallt, ohne dass die verklingen wollte: „Mom ist mit ihren Nerven am Ende. Sie glaubt, unsere Familie ist verflucht. In ihrer Welt passieren solche Dinge nicht einfach und es gibt immer einen Schuldigen.“

„Aber das stimmt doch nicht“, sagte ich ein wenig hilflos.

„Wusstest du, dass mein Bruder gestorben ist?“, fragte Vincent.

„Was? Nein. Meine Mutter hat ihn doch heute morgen noch…“

Vincent winkte ab: „Nein, meinen großen Bruder. Er hießt genauso wie ich und ist nur ein paar Wochen nach seiner Geburt gestorben.“

„Oh, das wusste ich nicht. Das tut mir leid.“

„Mom gibt sich die Schuld dafür.“

„Aber wieso?“

„Sie glaubt, sie wird für ihre Sünden bestraft, indem der Herr ihr schlimme Dinge zustoßen lässt. Verstehst du? Er lässt sie ihr zustoßen, indem sie den Menschen zustoßen, die ihr lieb sind. Sie glaubt, das ist die größte Strafe, die man ihr auferlegen könnte und sie suhlt sich in ihrer Schuld und es gefällt ihr, dass sie leidet, weil andere leiden. Sie glaubt, das mache einen guten Menschen aus. Die Fähigkeit zum Mitgefühl.“

„So wie du es schilderst, klingt es eher grausam“, sagte ich.

Vincents Gesicht hatte einen zynischen Zug angenommen: „Es ist kein Mitgefühl, wenn man sich dazu verpflichtet fühlt. Diese ganze Pflichtethik ist eine einzige Heuchelei! Sie macht aus guten Menschen Bürokraten ihrer eigenen Moral.“

„Davon verstehe ich nichts“, sagte ich.

„Ist auch nicht so wichtig“, lenkte Vincent ein.

„Gehst du deswegen nicht zur Kirche?“, fragte ich.

Vincent knurrte etwas, rückte aber nicht recht mit der Sprache heraus.

„Ich meine, vielleicht könnte deine Mom auch glauben, dass du dafür bestraft wirst, dass du deine christlichen Pflichten nicht erfüllst.“

„Nein, an sowas denkt sie nicht. In ihrer Auffassung ist sie der Mittelpunkt der Welt und alles Unheil ist allein für sie bestimmt und auf ihre Missetaten zurück zu führen. Selbst wenn ich sündige, sagt sie sich, dass sie daran schuld ist, weil sie meine Mutter ist, weil sie mich zur Welt gebracht und schlecht erzogen habe.“

„Hm“, machte ich.

„Es ist manchmal ein wenig anstrengend. Sie lässt sich nur schwer beruhigen“, dann lachte Vincent, „Wenn du nach Hause kommst und hast den Kopf unter dem Arm, wird sie so hysterisch, dass der Arzt erst sie beruhigen muss, bevor er sich um den abgetrennten Kopf kümmern kann. Sie muss sich immer in den Mittelpunkt drängen.“

„Ja, so sind Mütter“, sagte ich.

Dann entstand wieder eine diese unangenehmen Pausen, während der man verzweifelt nach einem neuen Thema sucht und es peinlicher wird, je länger man darüber nachdenkt, was man sagen könnte.

„Sie wird mal genau so“, sagte Vincent schließlich und nickte in Richtung der Blumenvase.

„Fräulein Charlotte?“

„Ja. Wenn sie mal Mutter wird, wird sie sich auch für alles verantwortlich fühlen, was ihre Kinder machen. Das ist es, woran die meisten Frauen zerbrechen.“

„Und die meisten Kinder“, fügte ich hinzu.

„Menschen sind nicht dafür gemacht, zusammen zu leben“, sagte Vincent, „Aber allein können sie auch nicht überleben. Das ist das Dilemma unserer Spezies. Hast du mal einen Schwarm Stare gesehen?“

„Ja“, sagte ich.

„Menschen könnten das nicht. Also sich so bewegen, dass niemand aus der Gruppe herausfällt und sich trotzdem keiner verletzt. Hundert Menschen auf engstem Raum und sie würden sich nicht nur ständig anrempeln, sondern sich früher oder später gegenseitig umbringen.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

„Ist auch nicht so wichtig“, befand Vincent. Ich spürte, dass er Themen abtastete, über die er mit mir reden konnte. Bis jetzt schien ich ihn ziemlich zu enttäuschen.

Also versuchte ich es damit: „Vielleicht sind Menschen für überhaupt nichts gemacht. Vielleicht ist überhaupt nichts für irgendwas gemacht. Ich meine, es kann doch alles bloß Zufall sein, oder nicht? Manche Dinge erscheinen uns nützlich, aber die meisten sind es nicht. Wir geben ihnen ihren Nutzen, wir formen sie, damit sie uns nützen. Diese Vase da war mal ein Klumpen Ton. Er erfüllt erst einen Zweck, nachdem man ihm einen gegeben hat. Nichts und niemand ist perfekt. Menschen nicht und Stare auch nicht. Immerhin können Stare keine Vasen aus Ton formen.“

„Ich kann auch keine Vasen aus Ton formen“, sagte Vincent, fügte aber hinzu, bevor ich etwas einwenden konnte: „Aber ich kann sprechen. Dafür können sie fliegen.“

„Dafür kannst du denken“, erklärte ich, „Ein Star käme nie auf die Idee, sich Gedanken über Vasen und Menschen zu machen. Ein Star ist nicht neidisch oder berechnend.“

„Das wissen wir nicht“, erwiderte Vincent, „Es hat noch nie jemand einen Star über seine Gefühle uns Menschen gegenüber befragt. Was, glaubst du, denkt ein Hund, wenn er einen Menschen anfällt?“

„Gar nichts“, sagte ich, „Hunde denken nicht, sie haben auch kein Gewissen, nur Triebe.“

„Triebe, die man kontrollieren muss… Natürlich ist Albert dazu denkbar ungeeignet, hat er doch nicht einmal seine eigenen Triebe im Griff“, er sagte es mehr zu sich selbst als zu mir.

„Was meinst du?“

„Ach, ist nicht so wichtig.“

„Menschen haben einen Charakter, Tiere nicht“, sagte ich, „Man muss ein Tier erst erziehen, damit es einem folgt.“

„Es gibt auch charakterlose Menschen und erzogen werden müssen sie alle.“

„Ich habe noch nie einen charakterlosen Menschen kennen gelernt“, sagte ich, nachdem ich darüber nachgedacht hatte.

„Ich schon“, behauptete Vincent, präzisierte seine Aussage aber nicht.

 

Es war ein seltsamer Nachmittag, der nicht gerade den Funken der Liebe in mir entfachte und mich zurück ließ mit dem Gefühl, eine Pflicht erfüllt zu haben. Nur, dass ich gerade gelernt hatte, dass Pflichten die Wegweiser auf dem Pfad der Heuchelei waren.

Ich musste darüber nachdenken, ehe ich meiner Mutter, meiner Großmutter oder meinen Schwestern ihre Fragen beantwortete.

„Und, wie war es?“

Ich wusste es nicht. Ich hatte das Gefühl, überhaupt nichts mehr zu wissen, nichts mehr zu verstehen und alles, was ich zu wissen geglaubt hatte, hinterfragen und vermutlich verwerfen zu müssen, aber sicher war ich mir nicht.

„Sie ist völlig hin und weg“, schloss Granny.

„Ich bin müde“, entgegnete ich und verzog mich bereits am frühen Abend ins Bett.

Aber auch am nächsten Morgen wusste nicht weiter und besuchte Emily unter dem Vorwand, ihr bei einer Handarbeit helfen zu wollen, was im Endeffekt bedeutete, dass ich die Handarbeit erledigte und sie da saß, die Füße auf dem Tisch ablegte und philosophierte. Das war der Preis für einen ihrer Ratschläge. Man musste eine ihr lästige Aufgabe übernehmen und sie versuchte, einen dabei mit möglichst absurden Ideen zu unterhalten. Ich glaube, Emily hatte keine einzige ihrer Tischdecken selbst bestickt und ich bezweifle, dass sie überhaupt so etwas Banales wie Stricken konnte.

Sie hatte es sich gerade gemütlich gemacht und ich den Faden durch die Öse der Sticknadel gezogen, da platzte es auch schon aus ihr heraus: „Wenn du dich mit so einem Typen einlässt, wirst du dich mittelfristig ruinieren. Was kann er denn, frage ich dich? Er hat sich von einem Hund niederstrecken lassen.“

„Er hat absonderliche Ideen“, sagte ich, „Wenn du ihn besser kennen würdest, würdest du dich gut mit ihm verstehen.“

„Aber das ist doch der Punkt, Helen. Niemand kennt ihn. Menschen, die niemand kennt, haben entweder wirklich nichts, was sie dir bieten können oder ein unschönes Geheimnis. Beides davon ist schlecht.“

„Ich finde Geheimnisse spannend“, sagte ich.

„Ja, wenn man darüber in Büchern liest vielleicht. Aber man will sich doch nicht selbst in einer dieser Geschichten wieder finden.“

„Wenn alle so denken würden wie du, würden die schwächsten Menschen allesamt unweigerlich vor die Hunde gehen.“

Emily blickte mich an, als wollte sie fragen, ob ich das gerade wirklich so formuliert hatte. Ich hielt dem Blick nicht stand und konzentrierte mich auf Emilys Stickarbeit.

„Was hältst du von Pflichterfüllung?“, fragte ich schließlich.

„Welche Arten von Pflichten?“

„Zum Beispiel die Pflicht, zur Kirche zu gehen“, sagte ich.

„Das ist keine Pflicht“, meinte Emily, „Das ist ein Versuch, vor Gott wiedergutzumachen, was man verbockt hat. Es ist Scham, nicht Pflicht.“

„Aber ist nicht vielleicht die Scham selbst eine Pflicht? Sollten wir uns schämen? Pauschal? Sollten wir um Vergebung bitten, auch wenn wir nicht bereuen und nicht wissen, was wir genau verbrochen haben? Einfach um abgesichert zu sein?“

„Scham ist keine Pflicht“, sagte Emily, „Scham ist eine Erwartung ohne Begründung.“

„Schämst du dich?“, fragte ich.

„Wofür?“

„Glaubst du, du machst alles richtig?“

„Ich tue alles nach bestem Wissen und Gewissen.“

„Ist das nicht hochmütig?“, fragte ich, „Anzunehmen, dass es ausreicht, das Gute zu wollen?“

„Mehr kann ein Mensch nicht, also kann man auch nicht mehr von ihm erwarten.“

„Was ist mit der Pflicht, einem Ehemann treu zu sein?“, fiel mir ein.

„Was soll damit sein? Man erlegt sie sich selbst auf und wenn man seine selbst auferlegten Pflichten verletzt, dann muss man dafür gerade stehen.“

„Und vor wem? Wer ist der Richter? Der Geschädigte? Was wenn er Rachegefühle hegt?“, fragte ich.

„Hast du Angst, dieser Vincent könnte eifersüchtig sein?“

„Nein. Ich frage nur, weil ich nicht sicher bin, ob man sich selbst bestrafen kann. So ein Gewissen ist ja doch höchst subjektiv.“

„Sich selbst bestrafen?“

„Oder sich bewusst in eine Situation begeben, in der das Opfer Rache nehmen kann. Ist das gerecht? Ist das pflichtschuldig? Ist das demütig? Christlich?“

„Helen, über was für Sachen du nachdenkst… Es ist dumm, sich jemandem zu unterwerfen, der einen Groll gegen einen hegt.“

„Aber wer entscheidet, ob und was man jemandem schuldig ist?“, fragte ich.

„Niemand. Gott“, sagte Emily, „Am Ende entscheidet Gott darüber und du musst dich vor ihm verantworten.“

„Vincent würde jetzt sagen, dass, da Gott nicht existiert, es niemanden gibt, vor dem wir uns rechtfertigen müssen.“

„Und wie kann er sich sicher sein, dass Gott nicht existiert?“, fragte Emily, „Ist auf einer derart unsicheren Basis seine Schlussfolgerung nicht sehr gewagt?“

„Du meinst, egal ob sie existiert oder nicht, es lohnt sich, die Hölle zu fürchten?“

„Furcht hält diese Gesellschaft zusammen“, sagte Emily, „Wer nichts mehr fürchtet, ist eine Gefahr für die Allgemeinheit.“

„Und das von dir…“

„Meine liebe Helen, die Hölle ist kein Ort unter der Erde, wo Teufel und Dämonen die Seelen der Sünder quälen.“

„Sondern?“

Emily schwieg und ich bohrte nicht nach.

„Um auf die Pflichten zurückzukommen“, sagte sie schließlich, „Ich glaube, es ist utopisch, zu glauben, man könne ihnen entgehen, aber es ist genauso utopisch, zu glauben, Pflichterfüllung bedeute automatisch, dass das Leben erfüllt ist.“

„Sollte man also Befriedigung aus der Pflichterfüllung ziehen oder sie als notwendiges Übel betrachten?“

„Wieso fragst du das alles?“, wollte Emily wissen, „Ich habe keine Ahnung von so etwas.“

„Du hast mehr Ahnung als ich“, sagte ich, „Und du bist die einzige, die ich fragen kann. Ich will nicht da stehen wie eine Idiotin, verstehst du?“

„Helen, dieser Junge hat einen schlechten Einfluss auf dich!“

„Vielleicht. Aber es ist doch seltsam. Man glaubt ein ganzes Leben irgendwelche Sachen und dann kommt ein Mensch und sagt ein paar Sätze und schon stellst du alles in Frage. Dein ganzes Leben. Ich bin noch jung, ich will es gerne richtig machen. Es ist noch nicht zu spät für mich, meine Meinung zu ändern. Es ist noch nicht zu spät, zu verstehen.“

„Manche Dinge kann niemand verstehen“, sagte Emily.

„Aber dann will ich wenigstens wissen, was ich nicht verstehe. Ich will mit dem Finger drauf zeigen können und sagen: „Das verstehe ich nicht.“ Wir tun so viele Sachen, glauben so vieles sei selbstverständlich und müsste nicht mehr kritisch hinterfragt werden, dabei ist absolut nichts bewiesen. Ist das Gras wirklich grün? Was, wenn ich es grün sehe, du es aber rot siehst? Nur hat man dir beigebracht, das Rot grün zu nennen und wir werden nie erfahren, dass wir beide völlig unterschiedliche Perspektiven haben. Was, wenn alle Menschen pausenlos aneinander vorbei reden?“

„Wenn wir uns einig sind, spielt es keine Rolle, ob wir verschiedene Perspektiven haben“, sagte Emily, „Das Leben ist nun mal unscharf und wir können es nur mit noch unschärferen Worten beschreiben. Natürlich gehen da Details verloren. Aber wenn wir alles in Frage stellen, werden wir wahnsinnig, glaub mir.“

„Ich habe Vincents Mutter gesehen“, erklärte ich, „Sie glaubt zu viel, sagt Vincent. Sie hält zu viel für wahr und ist sich zu sicher. Das ist auch eine Form des Wahnsinns, meinst du nicht?“

„An Lügen zu glauben, ist genauso hirnrissig, wie an Wahrheiten nicht zu glauben“, sagte sie.

Während Emily eine Weile verträumt aus dem Fenster blickte, bemühte ich mich um das komplizierter Muster auf ihrer Tischdecke.

„Ich denke, es ist irrelevant, ob die Wiese nun grün oder rot ist, solange wir uns einig sind, dass sie eine Farbe hat, solange wir uns einig sind, dass es so etwas wie Farben gibt.“

„Oder Pflichten.“

„Stell dir mal einen Menschen ohne Pflichten vor“, sagte Emily, „Er würde jedes Gefühl, jede Verantwortung von sich weisen. Er würde alles, was andere gutheißen, verächtlich betrachten. Er würde sich lustig machen über Leute, die einander helfen, über Selbstlosigkeit und Gefälligkeit, über Liebe, Freundschaft, jedes positive Gefühl, jede Freude, jedes Leid, jede Anteilnahme, jede Hoffnung… Er würde nur existieren und keine Regel, kein Gesetz, nicht einmal das Leben selbst wertschätzen. Ihm wäre alles egal. Er würde sich und andere ohne mit der Wimper zu zucken töten. Schmerz wäre ihm nichts. Er würde auch nicht hassen. Er wäre einfach orientierungslos. Ein Mensch ohne Seele, ohne…“

„Charakter“, sagte ich.

„Perspektive, wollte ich sagen“, ergänzte Emily.

„Wir reden hier von einem hypothetischen Menschen?“, fragte ich vorsorglich.

„Natürlich. Es gibt keinen Menschen ohne Perspektive und wenn doch müsste man ihn auf der Stelle erschlagen“, sie lachte. Ich lachte mit, obwohl ich nicht verstand, warum.

„Sie sind langweilig“, sagte Emily schließlich, „Ich meine die Männer. Sie sind so vorhersehbar. Man weiß immer sofort, was sie wollen, denn sie wollen nicht viel. Sie sind total anspruchslos, findest du nicht?“

„Ich weiß nicht“, sagte ich.

Emily lehnte sich noch weiter zurück und blickte zur Zimmerdecke: „Ich auch nicht. Sollte ich es wissen? Sollte es mich interessieren?“

„Was?“, fragte ich.

„Na, Männer.“

„Wie meinst du das?“

„Wie ich es sage. Ich finde sie langweilig, während alle Welt um mich herum völlig durchdreht, wenn einer an ihnen vorbei läuft und sich dazu herablässt, den Hut abzunehmen. Das ist doch alles lächerlich. Wieso sollte man sich auf derartige Aufmerksamkeiten etwas einbilden, wenn sie nur darauf fußen, dass die Kerle etwas von einem wollen. Sie nehmen dich aus und du bekommst dafür ein Lüpfen des Hutes. Das ist aller Respekt, zu dem sie fähig sind. Sich mit Männern einzulassen, ist ein unfairer Handel, Helen. Wieso bemerken die Mädchen das nicht? Und jetzt kommst du auch noch an und hast dich verliebt.“

„Ich habe mich nicht verliebt“, behauptete ich.

„Glaub mir, ich sehe so etwas. Bitte Helen, erklär es mir. Was ist so toll daran? Was verpasse ich? Wieso finde ich das alles so enttäuschend?“

„Es ist nicht toll in dem Sinne“, sagte ich, „Es ist so ein Zwang, verstehst du.“

„Angst?“, warf Emily ein, „Angst, einer Erwartung nicht gerecht zu werden?“

„Nein, weniger rational. Mehr so ein Zwang, gefallen zu wollen, weil einem etwas gefällt. Ich weiß es nicht, es ist ja auch keine richtige Verliebtheit. Vincent ist höflich und witzig. Fast so witzig wie du. Ihr würdet euch gut verstehen. Ihr würdet euch prächtig unterhalten.“

„Ich verzichte“, sagte Emily schnell.

„Du hast Angst“, schlussfolgerte ich sofort, „Du bist es, die Angst hast!“

„Ach was, wovor denn?“

„Dass du dich verlieben könntest, natürlich. Dass du dich verliebst und daraufhin einen dummen, unfairen Handel eingehst. Dass du die Kontrolle verlierst. Du kannst es dir nicht vorstellen, weil du es dir nicht vorstellen willst!“

„So ist das nicht“, sagte Emily gelassen.

„Sondern?“

„Anders“, sagte sie.

Manchmal wurde man aus Emily nicht schlau. Sie wirkte immer selbstsicher und ging den meisten Leuten mit ihrer besserwisserischen Art auf die Nerven. Sie konnte alles, wusste alles, hatte alles schon einmal erlebt, aber manchmal schimmerte durch ihre Fassade eine gewisse Unsicherheit ausgerechnet im Bezug auf vermeintliche Banalitäten.

„Es sind die Dinge, über die niemand nachdenkt“, sagte sie mir einmal, „Die machen mich fertig. Was jeder für selbstverständlich hält, das macht mir Angst. Wie kann man sich sicher sein?“

„Aber du hast doch selbst gesagt, man wird wahnsinnig, wenn man alles in Frage stellt“, sagte ich ihr und sie blickte mich nur vielsagend an.

 

„Wir müssen miteinander reden!“, sagte ich zu Vincent, als ich ihn das nächste mal sah. Er saß auf einer Bank im Hof des Landhauses und las. Sein Hals und seine Schulter waren immer noch bandagiert, aber das Fieber war verschwunden.

„Oh, das hört sich nicht gut an“, sagte er, „Was habe ich verbrochen?“

„Gar nichts“, sagte ich, „Aber ich habe nachgedacht und erkannt, dass man keinen Menschen je kennen lernen kann, wenn man nicht aktiv darüber redet, wer man ist, wer man zu sein glaubt und wer man in den Augen des anderen ist.“

„Du darfst aber nicht in den Glauben verfallen, dass du den Blick eines anderen brauchst, um vollständig zu sein“, sagte Vincent.“

„Wieso nicht? Kennt man sich denn nicht selbst am schlechtesten?“

„Das kommt drauf an, wessen Meinung man höher schätzt, deine eigene oder die aller anderen. Und es kommt darauf an, wer „man“ ist.“

„Hältst du Bescheidenheit nicht für eine Tugend?“

„Nein. Überhaupt nicht“, sagte Vincent und das war keine Lüge.

Wir trafen uns von nun an regelmäßig, gingen über die Felder spazieren oder tranken Tee in der Stube seiner Mutter. Auch wenn sie mir ein wenig Angst machte, war sie immer sehr freundlich zu mir. Einmal drückte sie ihre Dankbarkeit aus, dass ich ihrem Sohn eine so gute Freundin war.

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, denn ich wusste ja selbst nicht, wie es geschehen war, dass ich Vincents Verschrobenheit so anziehend fand.

Als die Tage dunkler wurden, begann ich immer häufiger wahrzunehmen, wie sich über Vincents Gemüt eine Art Schatten legte. Nur kurz für ein paar Augenblicken, wie wenn eine Wolke die Sonne verdeckt. Er sagte dann Sätze wie: „Manchmal glaube ich, dass ein Mensch nichts mehr ist, als eine Seele, die in einen Sack aus Haut gesperrt wurde. Und dann frage ich mich, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt gibt.“

Zunächst hatte ich große Probleme damit, Antworten auf solche Standpunkte zu finden. Wo sollte ich auch ansetzen? Ihm zu bestätigen, dass er ganz sicher eine Seele hatte, hätte ihn nur noch mehr bestürzt, weil er dann ja immer noch ihre Gefangenschaft zu beklagen hätte. Vincent baute sich seine Gedankenkonstrukte so, dass es nie einen Ausweg oder ein mögliches glückliches Ende gab. Es gab immer Fallstricke, jeder Lösungsvorschlag hatte einen Haken.

Wenn ich sagte: „Ein Mensch ist ein Mensch, es ist nicht an uns, unser Dasein zu bewerten und Gott ein Zeugnis für unser Leben auszustellen“, konnte ich sicher sein, dass er mir einen Vortrag darüber hielt, dass Gott nicht existierte und wir deshalb gezwungen seien, unser Dasein selbst zu bewerten.

„Aber wem stellst du dann das Zeugnis aus? Wer hat dich in den Sack aus Haut gesteckt?“, fragte ich.

Vincent schnaubte. Ich kannte die Antwort, aber ich wollte sie aus seinem Mund hören.

„Na sag schon! Wer ist schuld?“

„Ich habe es mir nicht ausgesucht, weißt du?“, rief er. Er konnte sehr vorwurfsvoll sein, wenn man ihn in eine Ecke drängte.

„Was? Eine Seele zu haben oder einen Körper oder ein Leben?“

„Es ist ein Gewaltakt. Geboren zu werden ist ein Todesurteil und deshalb gehören alle Mütter dieser Welt vor ein Gericht gestellt.“

„Die meisten Menschen würden sie frei sprechen“, sagte ich, „Die meisten Menschen sind ihren Eltern dankbar.“

„Pah“, machte Vincent, um dann das Thema zu wechseln, „Wusstest du, dass es gesetzlich verboten ist, Schwäne zu töten, weil sie zum persönlichen Besitz der Königin gehören? Ich meine alle Schwäne in ganz England. Selbst wenn er auf deinem Teich schwimmt und du ihn mit der Hand aufgezogen hast. Ist das nicht verrückt? Mit einem einzigen Gesetz hat sie sich alle Schwäne des Landes angeeignet.“

Ich nickte einfach nur.

 

Wie ein Schatten die Erscheinung eines Gegenstandes verzerrt, konnten Vincents Zustände seine Persönlichkeit verändern. Er wurde zuweilen zynisch, zuweilen weinerlich. Er selbst beklagte sich, dass die Welt für ihn trübe und geradezu ekelerregend wirkte. „Sie ist feucht und kalt“, sagte er, „Es ist eine Welt für Lurche, nicht für Menschen.“

Mit der Zeit lernte ich, dass Vincent keine Antwort und keinen Trost erwartete. Er erwartete auch keine Widerrede und erst recht keine Bestätigung. Viel mehr bekam ich mehr und mehr den Eindruck, als gefiele es ihm, zynisch und weinerlich zu sein.

„Persönlichkeit“, behauptete er, „sind die Charakterfehler, an denen man nicht zu arbeiten bereit ist.“

„Ich denke nicht…“, wollte ich antworten, aber er unterbrach mich.

„Shh. Mach es nicht kaputt!“

Den Moment, den Satz, die Idee, den Nachhall, die angenehme Verwirrung, das Verständnis, das Unverständnis, das Schaudern…

Das war ihm wichtig. Es ging ihm nicht darum, andere mundtot zu machen, vielmehr entschuldigte er sich hinterher, wenn er mir zu harsch das Wort abgeschnitten hatte.

„Aporia“, sagte er, „Näher können wir der Wahrheit nicht kommen und wenn du versuchst, sie zu zerreden, so entfernen wir uns. Da ist Schönheit in der stillen Bewunderung. Poesie ist, an den richtigen Stellen zu schweigen. Die meisten Dichter verstehen das nicht. Sie glauben, ihr Handwerk sei es, Wörter aneinander zu kleben, dabei sollten sie sie abtragen. Die ganze Welt ist voller Wörter und Sätze, die uns ständig entgegen geschrien werden und um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Es sind so viele und es ist so laut, dass wir kaum noch die richtigen, wahren, wichtigen Worte von den Lügen unterscheiden können. Füg nicht noch mehr Wörter hinzu, indem du die Schönheit der Aporia aufzulösen versuchst. Helen, ich bitte dich, du musst mir versprechen, niemals zu lügen, auch nicht, um jemandem Leid oder Kummer zu ersparen!“

Ich verstand nur die Hälfte von dem, was er gesagt hatte, aber ich versprach ihm, nie wieder zu lügen – wobei sich sein Konzept der Lüge erheblich von der allgemein gebräuchlichen Definition unterschied.

„Was bedeutet Aporia?“, fragte ich.

„Das ist griechisch für Ausweglosigkeit“, erklärte er, „Es bedeutet, dass man keine Frage abschließend beantworten kann, dass man irgendwann immer an einen Punkt kommt, an dem sich die Geister scheiden. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Den Spruch kennst du doch?“

„Ja, sagte ich.“

„Das ist Aporia. Zu wissen, dass man nichts weiß, ist das größte Wissen, dass wir uns aneignen können. Alles andere sind Vermutungen. Nur wer zugeben kann, dass er ratlos ist, ist vertrauenswürdig. Wer mit Sicherheiten und absoluten Fakten hausieren geht, ist ein Blender und Lügner.“

Und damit bezeichnete er auch all jene Menschen als Lügner, die im besten Wissen und Gewissen Dinge behauptete, die sie selbst glaubten. Vincents Abneigung gegen jede Form der Überzeugung würde sich in den folgenden Jahren intensivieren und sein Misstrauen gegen alles und jeden machte ihn zu einem gesellschaftlichen Außenseiter. Umso mehr brauchte er eine Freundin, die sich bereit erklärte, nicht mehr zu lügen und an seiner Stelle Konflikte auszutragen.

„Du musst mir sagen, wenn ich zu weit gehe“, bat er mich, „Jemand muss das alles ausgleichen.“

„Was denn?“, fragte ich, obwohl ich inzwischen genau wusste, was er meinte.

„Das Dunkle in mir.“

Die eingesperrte Seele, die in ihrer Verzweiflung um sich biss, wie ein wildgewordener Hund.

Manchmal war ich nach einem Nachmittag mit Vincent so erschöpft, dass ich mich schon früh am Abend ins Bett legen musste. Hannah zog mich damit auf, dass ich es gar nicht erwarten könnte, von meinem Liebsten zu träumen, aber ich war sogar zu kraftlos, um mich mit ihr zu streiten.

Stattdessen sagte ich zu ihr: „Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend ist.“

„Ist er gemein zu dir?“, fragte meine Schwester.

„Nein. Er ist gemein zu sich selbst“, sagte ich, „und es ist tut weh, das mit anzusehen.“

„Wenn ich mal heirate, dann nur jemanden, der gemein zu niemandem ist“, sagte sie.

„Wer redet denn vom Heiraten?“

„Mom“

Ich seufzte. Es ging alles viel schneller, als ich gedacht hatte und ich befürchtete tatsächlich, dass ich in etwas hinein geraten war, das mich langfristig völlig fertig machen würde. Wer wirft schon gerne sein Leben weg? Wer tut es bei vollem Bewusstsein? Aber sind wir jemals bei vollem Bewusstsein? Traumwandeln wir nicht eher durch unser Leben und hoffen das Beste?

„Was für einen Beruf wird dein Vincent eigentlich ergreifen?“, fragte Granny eines Morgens. Sie wusste immer, wo die Wunde war, in dem man seinen Finger legen musste. „Er ist sicher nicht reich genug, um sein Leben lang Müßiggang zu betreiben.“

„Nein, das ist er nicht“, gab ich zu.

„Aber er wird doch etwas erben?“, hoffte meine Mutter.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich.

„Will er denn kein Lehrer werden? Will er nicht studieren? Er ist gebildet. Wieso wird er nicht Arzt? Ihm stehen doch alle Türen offen.“

Sie verstanden gar nichts und ich verstand es nur so halb. Vincent würde niemals studieren, er würde kein Arzt oder Akademiker werden und das Lehrerdasein würde ihn von innen heraus auffressen. Das wusste ich bereits nach wenigen Wochen, in denen ich mich mit ihm getroffen hatte.

Jede Arbeit, befand Vincent, sei Betrug.

Ich musste die Faust ballen, um ihm nicht eine Ohrfeige zu verpassen, immer wenn er so etwas sagte. Merkte er denn nicht, dass er dadurch seine Chancen auf ein geregeltes, ordentliches und sorgenfreies Leben minimierte und wenn ihm wirklich etwas an mir lag, wusste er nicht, dass wir niemals zusammenbleiben konnten, wenn er ein Dasein als Bettler zu fristen gedachte?

 

Als der Herbst langsam in den Winter überglitt, verabschiedete sich das Fräulein Charlotte, um die Weihnachtstage bei ihrer Familie in Deutschland zu verbringen. Sie versprach jedoch, dass sie wieder kommen und zur Hochzeit im nächsten Jahr all ihre Verwandten mitbringen werde. Es sollte ein großes Fest werden und alle sollten sich so sehr darauf freuen wie sie.

Meine Mutter indes befand, dass dies eine günstige Gelegenheit sei, für mich um eine Stellung im Haus der Brighmans zu bitten.

„Sie werden viel Arbeit haben, um die Hochzeit vorzubereiten und wenn die beiden erstmal verheiratet sind, brauchen sie mehr Personal. Und jetzt vor Weihnachten geht sowieso alles drunter und drüber. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, um sich vorzustellen“, sagte sie und streckte ihre Fühler bei der Kammerzofe der Lady aus.

Die beiden kannten sich gut und arbeiteten gelegentlich zusammen, wenn viel Wäsche auf einmal anfiel und jede Hand gebraucht wurde. Sie war ein strenge, resolute und schmallippige Person, aber nicht uneben, wie meine Mutter es ausdrückte.

„Sie schätzt Fleiß und verachtet Bequemlichkeit“, sagte sie, „Denk immer daran: Es ist nicht schlimm, einen Fehler zu machen, wenn du ihn wieder gut machst. Sie wird dir deine Unerfahrenheit nachsehen, deinen Unwillen, etwas zu lernen, aber nicht.“

Und so bekam ich meine erste Stelle als Hausmädchen. Ich unterstand Mrs. Taylor, der Freundin meiner Mutter und sie wies mich ein in die Arbeitsabläufe in einem so großen Haus. Es musste so gut wie jeden Tag irgendwo geputzt werden – und wenn nicht, gab es immer ein Zimmer aufzuräumen, sowie Botengänge, die erledigt und Pläne, die aufgestellt werden mussten.

Mrs. Taylor erwartete Disziplin und Eile. Sie wollte uns nicht schlendern oder in der Ecke stehen und kichern sehen, wenn wir keine Pause hatten. Sie wollte, dass wir Arbeit sahen und sie erledigten, ohne darauf hingewiesen werden zu müssen. Sie koordinierte, wir führten aus. Sie kümmerte sich um Ihre Ladyschaft, wir uns ums Haus und wenn wir uns geschickt anstellten, versprach sie uns, uns lobend bei den Herrschaften zu erwähnen. So konnten wir auf eine Gehaltserhöhung hoffen.

Das war nur fair, fand ich und strengte mich an, so gut ich konnte. Jedoch waren die Ansprüche in einem Herrenhaus andere als in einem Bauernhaus. Die Fenster sollten glänzen und mussten regelmäßig geputzt werden. Auf der Wetterseite des Hauses mindestens einmal im Monat. Im Studierzimmer der Kinder mussten jeden Tag die Bücher geordnet und zurück in die Schränke gestellt werden. Die Eingangshalle musste stets geputzt werden. Kein Körnchen Dreck durfte auf dem Boden liegen. Betten mussten gemacht, Staub musste gewischt und Bestellungen mussten aufgegeben und abgeholt werden. Die Bestände der Speisekammern mussten immer überprüft werden, nie durfte etwas ausgehen. Fehlte es nur an Seife, so musste jemand zu Fuß ins nächste Dorf laufen und welche besorgen und das war im Winter bei strömendem Regen keine angenehme Aufgabe.

Aber ich machte mich gut. So gut, dass nicht nur Mrs. Taylor mich regelmäßig lobte, sondern so gut, dass es sogar Ihrer Ladyschaft auffiel und sie mir nicht mehr mit nobler Ignoranz begegnete, sondern hin und wieder ein informelles Wort an mich richtete: „Miss Helen Peterson, habe ich Recht? Sie haben es unserem Vincent angetan, nicht wahr?“

„So würde ich es nicht formulieren“, antwortete ich.

„So? Wie würden Sie es formulieren?“, fragte sie mehr amüsiert als interessiert.

„Wir sind befreundet“, sagte ich unverbindlich und Ihre Ladyschaft lachte.

„Das ist die beste Voraussetzung.“

„Wofür, Mylady?“

Sie schaute mich milde lächelnd an: „Sie wollen doch nicht für den Rest Ihres Lebens Hausmädchen bleiben, oder?“

„Die Arbeit gefällt mir sehr gut“, sagte ich gefällig.

„Aber Sie könnten sich auch vorstellen, an der Seite eines gut situierten Mannes zu leben, nicht wahr?“

„Vorstellen kann man sich so einiges, Mylady, die Frage ist, ob es realistisch ist.“

„Unterschätzen Sie mir unseren Vincent nicht, Miss Peterson.“

„Das tue ich nicht“, sagte ich.

„Das ist gut. Das ist sehr gut von Ihnen.“

Dann ging sie und ließ mich bei meiner Arbeit zurück, die ich in Wahrheit gar nicht so gerne tat. Ich hatte gelogen, es versetzte mir einen Stich ins Herz. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so treffen würde, aber Vincent hatte doch einen nicht wegzudiskutierenden Einfluss auf mich. Ich durfte ihn nicht unterschätzen. Ich durfte nicht leichtfertig mit ihm umgehen und vielleicht war es dabei von Vorteil, eher ein Felsen als eine Feder zu sein.

Schließlich erteilte mir sogar Emily ihren Segen: „Meine liebe Helen, du bist verloren, aber es ist gut, dass du mit offenen Augen in dein Verderben hineinrennst und nicht glaubst, dass das Leben von nun an voller Geigen und Sonnenschein sein wird. Du weißt, dass es schwer sein wird und du weißt, dass du niemals naiv den Verheißungen glauben darfst, die sie dir in Aussicht stellen werden. Die Liebe ist ein Konglomerat hoher Erwartungen, die darauf warten, enttäuscht zu werden. Geh also nicht gedankenlos in dieses Abenteuer. Verliere nicht deinen Verstand!“

„Du tust gerade so, als würde ich für immer fortgehen und mich für ein Leben als Sklavin eines Mannes entscheiden. Dabei habe ich mich nur mit jemand unwahrscheinlichem angefreundet.“

„Ach Helen, du hast so eine wunderbare Art, das Offensichtliche zu umschreiben und zu verharmlosen. Du bist bis über beide Ohren verknallt! Es ist zwar traurig, dass es ausgerechnet dich trifft, aber wer bin ich, mich dir in den Weg zu stellen? Es soll ja auch Frauen gegeben haben, die glücklich geworden sind…“

„Du musst dich wohl damit abfinden“, sagte ich.

„Ja. Wir alle müssen das.“

 

Weihnachten kam und ging. Vincent schenkte mir ein Buch mit Gedichten und schrieb mir folgende Widmung hinein: „Kunst ist, Ballast nicht auf-, sondern abzutragen, wegzuwerfen, statt anzuhäufen, sich zu befreien, statt sich an Konventionen zu binden.“

Ich las ein oder zwei der Gedichte und entschied dann, dass ich das Buch sowohl vor meinen Eltern als auch vor meinen Geschwistern verstecken musste. Die Texte waren einfach zu anstößig, geradezu obszön. Ich wunderte mich, dass mich das bei ihm noch überraschte. Es war sein permanenter Test. Er wollte herausfinden, wie weit er gehen konnte, bis ich ihn empört fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. Aber da brauchte es mehr als einen liederlichen Franzosen, der seinen Gedichtband „Blumen des Bösen“ nannte.

Ich fragte ihn, ob es sein Ziel war, mich zu vergraulen, um dann darüber ebensolche Gedichte schreiben zu können, ob er etwas brauchte, über das er sich ärgern, das er als Ungerechtigkeit empfinden konnte, ob er provozierte, um sich als Opfer darstellen zu können, wenn ich ihn verließ.

Er sagte: „Nein, mein Ziel ist es, dich als meine Freundin zu behalten.“ Er verstand nicht, was ich von ihm wollte.

Oder er verstand es sehr gut, denn er ignorierte meine Provokation einfach, sodass ich keine Chance hatte, mich als Opfer seines Unmutes aufzuspielen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, er wollte mich mit Absicht in den Wahnsinn treiben, um sich selbst zu beweisen, was er für ein schlechter Mensch war, aber dann stand er wieder in seinem besten Sonntagsanzug und mit kleinen Präsenten vor unserer Haustür und bezirzte meine Mutter mit den höflichsten aller Umgangsformen, meine Großmutter mit seinem Witz und meine Schwestern damit, dass er ihnen etwas Süßes mitbrachte. Man konnte ihm nicht böse sein, man könnte ihn nur bedauern.

„Du hast viel von deiner Mutter“, sagte ich einmal zu ihm, aber er wollte es mir nicht glauben. Er wies die Aussage so weit von sich, dass ich merkte, dass er bereits wusste, was ich ihm sagen wollte und es ihm unangenehm war.

Er brachte sich in verhängnisvolle Situationen und beklagte sich dann, dass man ihm seine Freiheiten nicht ließ. Er schämte sich, aber er änderte sein Verhalten nicht, weil er fand, dass seine Scham schon Strafe genug war.

„Ich habe es vielleicht verdient, mit einem gebrochenen Herzen herumzulaufen“, sagte er, „Aber mich dazu zu bringen, den Schmerz zu überwinden, wäre grausam.“

Zu grausam. Die Vorstellung eines von Schwierigkeiten verschonten Lebens verschreckte Vincent.

„Es ist, wie tot zu sein“, sagte er, „Diese Taubheit, die einsetzt, wenn man vergisst, was Leid ist.“

Er sagte diese Dinge nur so dahin. Er meinte, er müsse die Worte ausprobieren. Man müsse sie hören, um herauszufinden, ob sie wahr seien. Manchmal lebte er in dieser hermetisch abgeschirmten Welt, in der alles nur Echo oder Spiegelbild von ihm selbst war.

Ich sagte: „Du bist dekadent, weißt du das eigentlich? Es ist undankbar solche Sachen zu sagen, während man in einem warmen Zimmer sitzt und genug zu essen hat.“

„Wenn Dekadenz der Ausweg aus der Eintönigkeit ist, dann finde ich, dass man sie fördern sollte“, erwiderte er.

„Findest du unser Leben hier eintönig?“, fragte ich und zeigte ihm deutlich, dass ich das als persönliche Beleidigung auffasste.

Sofort ruderte er zurück: „Aber nein, nein. Nicht doch. Das Leben muss eintönig sein. Es ist gut, wenn es eintönig ist. Nur wenn es unerträglich wird, kann es gegen die Widerstände der Konservativen verändert werden. Es muss ein Druck aufgebaut werden. Veränderung kommt nicht mit Befriedigung oberflächlicher, kurzfristiger Gelüste, sondern mit einer Explosion.“

„Warum muss sich immer alles verändern?“, fragte ich ihn.

Vincent beugte sich vor, blickte mir tief in die Augen und antwortete: „Findest du es gerecht, dass du auf den Knien herumrutschen musst, um die Fußböden in einem Haus sauber zu halten, das dir nicht gehört und das du nicht dreckig gemacht hast?“

„Aber ich werde dafür bezahlt. Es ist gute ehrliche Arbeit und die Leute sind gut zu mir.“

„Ein Sklave, der nicht weiß, dass er versklavt ist, ist der beste Diener“, sagte Vincent.

„Du übertreibst. Wieso übertreibst du immer, Vincent? Dieser Extremismus tut dir nicht gut. Er tut niemandem gut. Wieso bist du so wütend? Ich finde, es steht dir nicht. Es lässt dich müde und ausgelaugt aussehen.“

Er atmete aus. Die Luft die er für eine weitere Tirade aufgespart hatte, entwich und er sackte in seinem Sessel zusammen. „Du hast etwas Besseres verdient, das ist alles“, sagte er kleinlaut.

„Aber Vincent, davon ihnen ihr Haus wegzunehmen, es niederzubrennen, und alle Angestellten aus ihren Stellungen zu entlassen, wird es niemandem besser gehen. Wir würden alle auf der Straße stehen, hätten keine Unterkunft, kein Auskommen, nichts.“

„Ja, du hast Recht“, sagte Vincent und jetzt sah er wirklich erschöpft aus. Das Glimmen in seinen Augen war erloschen und ich wusste, dass er mir zu Liebe gelogen hatte.

Als wir uns an diesem Abend verabschiedeten, gab ich ihm einen Kuss auf die Stirn. Er sagte, er hoffe, dass diese Berührung sich für immer in seine Haut einbrennen würde, weil er sie für den Rest seines Lebens fühlen wollte. Ich sagte ihm Gute Nacht.

„Er wird ein Dichter werden“, erklärte ich meinen Eltern, als sie mich nach Vincents Plänen für die Zukunft fragten.

Natürlich runzelten sie die Stirn, aber ich hatte mir längst überlegt, wie ich ihre Bedenken aus dem Weg räumen würde: „Ich verdiene doch gut. Die Arbeit ist nicht so anstrengend und wenn ich noch ein wenig fleißiger bin, kann ich vielleicht eine anspruchsvollere Position bekommen und mehr verdienen. Vielleicht könnte ich dann auch im Haus selbst wohnen. Ich wäre nicht von seinem Einkommen abhängig und ein bisschen was wird er ja auch erben. Und wer weiß, vielleicht hat er ja auch Erfolg. Und wenn nicht, kann er immer noch für Zeitungen oder Magazine schreiben. Er liest sehr viel. Er könnte Kritiker werden.“

In einer bürgerlichen Familie hätte an dieser Stelle der Vater sicher gefragt, ob ich wirklich vorhatte, eine ganze Familie mit dem Gehalt eines Hausmädchens zu ernähren. In einer Pächterfamilie aber verschwendete man keine Gedanken an so etwas. Kinder kamen, Kinder liefen mit. Die Zukunft kam, ob man wollte, ob man plante, oder nicht.

„Bist du dir sicher, Liebes?“, fragte Granny.

„Was ist schon sicher?“, fragte ich zurück.

 

Nichts war sicher. Das lernte ich, als mir kurze Zeit später ausgerechnet Emily eröffnete, dass sie heiraten würde.

„Mein Vater ist der Meinung, es würde langsam Zeit. Es war sozusagen sein Weihnachtsgeschenk. Ein Ehemann… Dass ich nicht lache“, sagte sie resigniert.

„Und du wirst es wirklich tun?“

„Was soll ich denn sonst machen? Ich hab kein Einkommen wie du. Ich kann nicht nähen, sticken oder weben. Sie können mich nicht in die Kohleminen schicken und für die Feldarbeit heuern sie lieber junge Männer an.“

„Wolltest du nicht in die Stadt gehen? Dort könntest du in einem Geschäft arbeiten wie deine Tante.“

„Ach Helen, für dich erscheint das alles so einfach. Eine wie mich, nimmt doch niemand. Du bist ein liebenswürdiges, hübsches Mädchen. Dich lassen sie ihre Kinder erziehen, wenn es sein muss. Wenn sie mir auf der Straße begegnen, bekreuzigen sie sich, als hätten sie gerade den Leibhaftigen gesehen. Glaubst du, die Leute wissen nicht, was mit mir los ist? Du bist so naiv, keine Helen.“

„Ist er wenigstens nett?“, fragte ich.

Emily schnaubte: „Er ist der dümmste Kerl, den mein Vater auftreiben konnte. Ich denke nicht, dass er mir Scherereien macht, aber ich werde wegziehen müssen.“

„Weit weg?“, fragte ich.

„Ach nein, nur nach Dunsville. Er arbeitet in Doncaster für die Eisenbahn, aber es ist halt nicht gleich um die Ecke.“

„Aber wir werden uns noch sehen“, sagte ich bestimmt.

„Natürlich, werden wir das. Mit irgendjemandem müssen wir doch über unserer Ehemänner lästern.“

Mir steckte ein dicker Kloß im Hals, als sie das sagte. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass Emily einmal heiraten würde und wenn es sogar ihr passierte, würde es auch für mich eines Tages Realität werden. Aber war ich bereit dazu? Emilys Zukunft war ab jetzt vorbestimmt und sie wusste es. Sie würde ein kleines Leben in einem kleinen Haus in einem kleinen Dorf führen. Sie würde bescheidene Teegesellschaften geben –wobei bei ihren Kränzen wirklich ausschließlich Tee gereicht werden würde - und einen Stall voll Kinder haben. Alles daran würde sie hassen.

Wenn das Leben einer intelligenten und witzigen jungen Frau nichts anderes bieten konnte, was würde dann mein Schicksal sein? Ich war bei weitem nicht so klug wie Emily und kein bisschen gewitzt, sondern eher plump und schüchtern. Es fiel mir leicht, zu gefallen, aber drängte mich das nicht in eine Richtung, die ich mir nicht selbst ausgesucht hatte? Konnte man sich am Ende überhaupt seine eigene Richtung aussuchen?

„Ich wünsche dir alles Gute“, sagte ich zu Emily.

„Ach, sei nicht so verlogen!“, entgegnete sie, „Würdest du mir alles Gute wünschen, hätten wir beide uns längst nach China abgesetzt.“ Wenigstens lachte sie. Ich lächelte zurück.

„Die Fassung zu wahren, war immer deine Stärke“, sagte ich.

„Nur am Tag. Ich weine beinahe jede Nacht durch, seit ich es weiß. Aber man muss seine Wut zügeln, sonst rennt man nur gegen verschlossene Türen an.“

Ich nickte.

„Ach, Helen“, ihr glitzerten die Tränen in den Augen, „jetzt sind wir beide verloren, was? Wir hatten einfach Pech, nicht wahr. Du und ich, in diesem gottverlassenen Teil der Welt zusammen mit einem Haufen Wichtigtuer, die uns erklären wollen, wie man zu leben hat.“

„Es bräuchte eine Explosion, um daran etwas zu ändern“, sagte ich.

„Ein bisschen Gift im Plumpudding würde mir schon reichen.“

 

„Wenn du mich fragst“, befand Vincent, als ich ihm von Emilys bevorstehender Hochzeit erzählte, „ist sie verkauft worden wie eine Zuchtstute.“

Diese Aussage ließ mir einen eiskalten Schauer den Rücken herunter laufen. Zwar wählte Vincent häufig drastische Formulierungen, aber diesmal kam sie so trocken, dass er sie ernst meinen musste. Es war kein Versuch, möglichst exzentrisch zu klingen, sondern eine echte Überzeugung.

Normalerweise hätte ich versucht, eine so scharfe Aussage zu relativieren, aber diesmal sagte ich nur: „Ja, das stimmt.“

Als Emily wegzog brach für mich eine wichtige Bezugsperson weg. Sicher schrieben wir uns Briefe, aber ich merkte doch, dass sie mit sich und ihrer neuen Situation haderte.

Während der Hochzeitszeremonie in der kleinen Dorfkirche hatte ich mehr geweint als jeder andere und später musste Emily mich in den Arm nehmen und trösten, was völlig schief ging, denn sie fing selbst an, zu schluchzen.

„Das ist der schlimmste Tag meines bisherigen Lebens“, sagte sie leise „und es sieht nicht so aus, als würde es von jetzt an bergauf gehen.“

Sie hatte Recht, was ihren Ehemann anging, Es war der grobschlächtigste und dümmste Kerl, denn man in der ganzen Gegend finden konnte. Er war mindestens zehn Jahre älter als Emily und hatte bisher keine Frau gefunden, deren Ansprüche niedrig genug waren. Der Anzug, den er trug, stank nach Schweiß. Er hatte ihn nicht einmal waschen lassen für seine Hochzeit.

Emily stand da in ihrem besten Kleid, als wäre sie der einsamste Mensch der Welt. Dabei wünschte sie sich nichts mehr, als genau das zu sein.

„Das Ende eine Ära“, sagte sie zu mir.

„Der Anfang eines neuen Lebensabschnittes“, sagte ich.

„Am Arsch.“

„Absolut!“

 

Und noch jemand anderes bereitete sich auf seine Hochzeit vor. Albert Brighman begann, sich noch mehr als sonst aufzuplustern, als das Datum seiner geplanten Vermählung näherrückte. Er wollte deutsches Bier und deutsch Würste. Er wollte deutsches Brot und deutsche Musik. Er marschierte durch die Flure des Hauses und gewöhnte sich einen „preußischen Sprachstil“ an, wie er es nannte.

Eigentlich hätte man das alles als einen Beweis seiner Zuneigung zu seiner Verlobten betrachten können, aber auf die Bediensteten des Hauses wirkte es eher wie eine Ausrede, um grob und unflätig zu sein.

„Ich möchte frische Blumen“, sagte er eines Tages mitten im Februar zu mir.

„Entschuldigung“, entgegnete ich, „aber es ist Winter.“

„Besorg welche!“

Woher um alles in der Welt sollte ich um diese Jahreszeit Schnittblumen bekommen?

Ich fragte Mrs. Taylor, die mir aber auch nicht helfen konnte: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du besorgst ihm die Blumen oder du gehst ihm in den nächsten Tagen aus dem Weg.“

Ich entschied, dass die zweite Option leichter zu bewerkstelligen war und bat Mrs. Taylor, mich für Arbeiten einzuteilen, bei denen ich Albert weniger wahrscheinlich begegnen würde.

„Du darfst dich nicht einschüchtern lassen“, sagte sie, „Wenn du ihm zeigst, dass du Angst vor ihm hast, wird er dich nur noch weiter schikanieren. Noch hat Albert hier nichts zu sagen und sein Vater weiß sehr wohl um die charakterlichen Schwächen seines Sohnes.“

Dass Albert tatsächlich nicht an frischen Blumen sondern an einer Schikane gegen mich gelegen war, erkannte ich, als ich bemerkte, dass er mir hinterher spionierte. Mit einem Fußtritt stieß er meinen Putzeimer um und nannte mich eine Drückebergerin.

„Ich weiß nicht, welchen Groll Sie gegen mich hegen, aber ich muss Ihre Vorwürfe zurückweisen“, sagte ich.

„So? Musst du das?“

„Sie sind nicht gerechtfertigt.“

„Habe ich dich etwa nicht beauftragt, mir Blumen zu besorgen?“

„Genauso gut hätten Sie mich beauftragen können, Ihnen im Wald ein Einhorn zu fangen. Es gibt zu dieser Jahreszeit keine Schnittblumen. Nicht in unseren eigenen Gärten und nicht unten im Dorf. Sie von weiter her anliefern zu lassen, käme einer unnötigen Verschwendung gleich, die Ihr Vater sicher nicht gutheißen würde.“

„Zerbrich dir nicht den Kopf meines Vaters“, schnappte er zurück.

Ich biss mir auf die Zunge und murmelte ein: „Ja.“

Eigentlich hatte ich sagen wollen, dass er mich nicht als Spielball benutzten sollen, wenn er versuchte, seine Kräfte mit denen seines Vaters zu messen, aber ich hielt seinem Blick nicht stand, blinzelte und der Moment war vorbei. Ich nahm meinen Putzlappen und wischte die Pfütze auf, die sich langsam auf dem ganzen Flur ausbreitete.

„Du hättest es ihm ins Gesicht sagen sollen“, fand Vincent.

„Aber das hätte ich nicht tun können.“

„Du sagst immer, dass du etwas nicht kannst, dabei kannst du alles und du kannst es viel besser als die meisten. Was dir fehlt, ist Selbstvertrauen, Helen. Jemand, der deinen Putzeimer umstößt? Stülp ihm das verdammte Ding über den Kopf und drück ihm den Schrubber in die Hand.“

„Ach Vincent, du verstehst das nicht. Sowas kann man sich nicht erlauben, wenn man bei jemandem in Lohn und Brot steht. Dein Vater wird dafür bezahlt, diesem Jungen die Schranken aufzuweisen, ich werde dafür bezahlt, die Böden zu schrubben. Man muss seinen Platz kennen, sonst verliert man ihn.“

„Ich werde mit ihm reden“, bestand Vincent.

„Nicht doch!“, rief ich.

„Wieso nicht? Glaubst du, ich traue mich nicht? Glaubst du, ich kann es nicht? Glaubst du, ich darf es nicht?“

Ich sagte nichts mehr dazu, denn ich wusste, egal, was ich entgegnen würde, würde ihn nur noch mehr anstacheln.

„Was wäre ich für ein Freund, wenn ich das auf sich beruhen ließe?“, fragte er.

„Einer, der einsieht, dass man solche Kröten manchmal schlucken muss“, sagte ich.

„So einer bin ich aber nicht.“

Er betrachtete es vielleicht als eine Möglichkeit später Rache, eine Möglichkeit, sich endlich gegen seinen alten Peiniger zu behaupten, die Gewissheit, im Recht, der Gute und Rechtschaffene zu sein. Es gab so wenige Gelegenheiten, ein Held zu sein, fand er, man musste sie nutzen, wie sie sich ergaben.

Also wartete er im Foyer auf Albert, der draußen auf den Feldern Kaninchen jagte. Er saß in einem der dekorativen aber unbequemen Sessel und blätterte demonstrativ in einer Zeitung, als Albert samt seines Lieblingshundes zur Tür hereintrat. Zwei tote Kaninchen hielt er in der Hand und die Büchse hing ihm lässig über die Schulter. An seiner Kleidung, seinen Stiefel und den Pfoten des Hundes klebte sämtlicher Schlamm der Umgebung und er trug ihn herein.

„Findest du nicht, dass du die Schuhe ausziehen solltest?“, fragte Vincent.

„Was?“, fragte Albert, der erst gar nicht wahrgenommen hatte, von wo aus er angesprochen wurde.

„Ich fragte, ob du nicht die Schuhe ausziehen willst, bevor du im ganzen Haus deine Spuren hinterlässt? Und muss der Hund wirklich mit hier herein?“

„Was hast du hier zu melden? Bist du meine Mutter?“, fragte er.

„Nein, aber ich schätze, deiner Mutter würde es nicht gefallen, wenn sie erführe, wie du dich aufführst, wenn du glaubst, dass sie nicht hinsieht“, sagte Vincent, „Außerdem: Hältst du es nicht für respektlos, einen Hinweis, der – wie du selbst zugibst – von deiner Mutter stammen könnte, zu missachten, nur weil er von mir kommt? Es scheint, als hieltest du nicht viel von Autoritätspersonen.“

„Du bist keine Autoritätsperson, Vincent, du bist ein Schwächling.“

„Ja, deshalb fällt es dir leicht, mich zu missachten. Du fühlst dich nämlich nur stark, wenn du auf andere herunter blicken kannst, nicht wahr?“

„Was soll das hier werden, willst du mich provozieren?“

„Ich will, dass du deinen Dreck aufwischst“, sagte Vincent in gelassenem Tonfall.

„Was hast du mir zu sagen?“, fragte Albert und rümpfte die Nase. Die Situation muss ihm sehr surreal vorgekommen sein. So hatte Vincent noch nie zuvor mit ihm gesprochen.

„Was hast du hier zu sagen? Was hast du meiner Freundin Helen zu sagen?“

„Du? Du hast eine Freundin? Und ich dachte, du wärst eine kleine Schwuchtel. Tja, so kann man sich irren, was? Verzeih mir, mein Lieber.“

Albert machte einen Schritt auf Vincent zu, riss ihm die Zeitung aus den Händen, warf sie auf den Boden, packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich, damit er ihm ins Gesicht hauchen konnte: „Du drohst mir? Du kleine Schwuchtel drohst mir? Wenn du nicht aufpasst, sorg ich dafür, dass du mir höchst selbst die Stiefel sauber leckst. Oder soll ich deine sogenannte Freundin dafür abkommandieren?“

Vincent zappelte ein wenig und versuchte, sich von Albert loszumachen und sich in eine geeignete Position zu bringen, um seinem Gegner einen Schwinger zu versetzen. Aber in solchen Dingen war er zu unerfahren. Statt Albert zu fokussieren, schielte er mit einem Auge permanent auf den Hund, dem er nicht über den Weg traute.

„Du hast euch damit keinen Gefallen getan, Vinnie. Du hältst dich für so schlau, reitest dich dabei aber selbst in die Scheiße rein. Du bist ein ganz mieses, arrogantes Arschloch, hat dir das mal einer gesagt? Als Schmarotzer auf die Welt gekommen und seither keine Anstrengungen unternommen, um anderen Leuten nicht mehr auf der Tasche und auf den Nerven zu liegen. Du bist auch noch stolz drauf, nicht wahr? Du läufst herum wie ein Student und bist doch keiner. Du gibst an und es steckt nichts dahinter. All deine vermeintliche Schöngeistigkeit, dieses Morbide, das du dir angeeignet hast, ist doch alles nur Fassade. In Wirklichkeit bist du ein Blender, ein Habenichts, ein Versager. Es gelingt dir gut, die Weiber um den Finger zu wickeln, indem du ihnen nach dem Mund redest, aber am Ende betrügst du sie doch nur um ihre Zeit, ihre Gefühle und ihr Geld. So wird es mit dir enden, Vinnie, in der Gosse und ich kann nur hoffen, dass du niemanden mit ins Verderben reißt. Nicht deine Familie und nicht deine sogenannte Freundin. Du kleiner Scheißer bist eine Gefahr für alles, was diese Nation groß gemacht hat. Du spuckst auf alle Werte und deshalb kann man nichts anderes tun, als dich zu verachten.“

 

„Ach, Miss Peterson, was soll ich nur mit Ihnen anstellen?“, fragte mich der alte Lord Brighman, als ich ihm gegenüber in seinem Büro hockte, und darauf gefasst war, meine Entlassung entgegenzunehmen. Ich würde nicht weinen und ich würde nicht laut werden. Aber nicken und mich bedanken würde ich auch nicht.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen“, erwiderte ich.

„Meine Frau meint, Sie seien fleißig und ordentlich bei der Arbeit. Mrs. Taylor würde ihre Hand für Sie ins Feuer legen und Mr. Davies hält Sie für eine kluge und tatkräftige junge Dame.“

„Kann ich diese Referenzen schriftlich haben?“, fragte ich.

Lord Brighman lachte: „Wozu? Um sie über Ihr Bett zu hängen? Das haben Sie doch nicht nötig.“

„Sie fragen mich, was Sie mit mir machen sollen. Was erwarten Sie von mir, das ich Ihnen antworte? Soll ich Ihnen raten, mich zu entlassen?“, fragte ich gerade heraus. Vincent hatte es mir geraten, denn wenn man ohnehin nichts mehr zu verlieren hat, braucht man auch nicht mehr zu heucheln. Der Alte hätte sich sowieso schon entschieden, meinte Vincent, und wenn er mich entlassen wollte, könnte ich ihm auch gleich die Meinung geigen und wenn er mich nicht entlassen würde, hätte ich zumindest meine Grenzen abgesteckt. Er stellte sich das alles immer so einfach vor…

„Welche Pläne haben Sie im Leben?“, fragte Lord Brighman.

„Unsereins macht keine Pläne“, sagte ich.

„Ach, seien Sie doch nicht so herb! Sie sind doch jung, Sie müssen doch irgendetwas von Leben erwarten?“

„Sagen Sie mir, was ich erwarten kann, Sir?“

„Als junge, hübsche Dame können Sie erwarten, dass Sie einen liebenden Ehemann finden und drei, vier oder fünf entzückende Kinder haben werden“, schlug er vor.

„Das sind Träume, die man sich leisten können muss“, sagte ich.

„Wie ich höre, hat unser guter Vincent ein Auge auf Sie geworfen. Meinen Sie nicht, er könnte Ihnen bei der Verwirklichung Ihrer Träume behilflich sein?“

„So wie ich das sehe, werde eher ich ihm bei der Verwirklichung seiner Träume behilflich sein müssen.“

„Hmm“, machte der Graf und überlegte, „Ich will ehrlich sein. Mein Sohn Albert hat sich über Sie beschwert. Sie hätten Ihren Freund dazu angestiftet, ihn anzugreifen.“

„Wenn er es sagt, wird es wohl so gewesen sein“, sagte ich und biss mir auf die Zunge.

„So? Und Sie finden es angemessen, dass ein junger Mann, der bald heiraten wird, sich bei seinem Vater darüber beschwert, dass ein Hausmädchen gegen ihn intrigiert?“

„Steht es wirklich zur Debatte, was ich für angemessen halte? Ich bin dafür zuständig, die Böden zu wischen, Sie sind zuständig, die Entscheidungen zu treffen.“

„Na schön, Sie verweigern sich. Sie mögen das für klug halten, ich finde es bedauerlich. Also werde ich es Ihnen sagen: Glauben Sie nur nicht, dass ich meinen Sohn nicht kenne. Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen dreien vorgefallen ist und es interessiert mich auch nicht. Ich muss nicht den Streit dreier fast erwachsener Menschen schlichten. Dies ist mein Haus, verstehen Sie. Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen.“

Ich nickte, wusste aber nicht, ob er gerade seinen Sohn, Vincent oder mich kritisiert hatte.

„Es gibt Spannungen zwischen meinem Sohn und Vincent Davies, das ist kein Geheimnis. Ich kann Ihnen nur raten, sich nicht zwischen die beiden zu drängen.“

„Ich suche hier ganz sicher keine Konflikte“, sagte ich, „Ich habe kein Interesse daran, irgendwelche Streitigkeiten anzufachen.“

„Schön, schön, Miss Peterson. Lassen Sie sich nicht unterkriegen!“

„Werde ich nicht“, sagte ich, wollte aufstehen und gehen, aber Lord Brighman hielt mich zurück.

„Es war nobel von Ihnen, Albert nicht zu verraten, aber Vincent hat mir bereits erzählt, was diesem Zwischenfall vorangegangen war.“

„Es tut mir leid, dass er sie damit belästigt hat“, sagte ich.

„Er kann manchmal ein ziemlicher Heißsporn sein, finden Sie nicht. Das sieht man ihm gar nicht an.“

„Ich werde ihm sagen, dass er sich angemessener verhalten soll. Er nimmt sich manchmal zu viel heraus.“

„Oh, nicht doch. Was ich jemandem mitteilen möchte, das teile ich ihm selbst mit“, sagte der Lord, „Und Vincent habe ich wie Ihnen geraten, sich nicht unterkriegen zu lassen.“

Ich wollte nur noch hier heraus, denn ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Sollte ich auf Vincent sauer sein? Oder auf Albert? Was mischte sich Lord Brighman eigentlich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angingen? War das nicht schon hart an der Grenze zur Unverschämtheit, wie er mit mir redete? Was wollte er hören? Was sollte ich sagen? Was hatte sich Vincent dabei gedacht, als er das alles ins Rollen gebracht hatte? Ach, hätte ich doch nur diese vermaledeiten Schnittblumen besorgt!

„Danke, Sir.“

„Keine Ursache“, er lächelte väterlich, obwohl ich meinen Vater nie so habe lächeln sehen. Es ekelte mich an, aber es beruhigte mich auch. Er hatte mich nicht entlassen und er würde mich nicht entlassen. Das war die Hauptsache.

 

„Was hast du ihm erzählt?“, schnauzte ich Vincent an. Irgendjemand musste jetzt meine üble Laune ertragen.

„Nichts, was nicht vollkommen der Wahrheit entspricht“, sagte er gelassen.

„Du kannst doch nicht einfach seinen eigenen Sohn anschwärzen!“, rief ich.

„Er hat es mit Fassung getragen“, sagte Vincent.

„Aber er hätte…“, begann ich.

„Aber er hat nicht“, schnitt er mir das Wort ab, „Wenn man immer nur auf den Boden starrt, wird nie jemand auf die Idee kommen, dass du auch mal den Himmel sehen willst. Wenn du immer nur nickst, bekommst du nie, was du willst.“

„Ach, und was will ich denn?“, fragte ich, immer noch höchst erregt, „Einen Ehemann und drei, vier, fünf Kinder?“, äffte ich den Lord nach.

„Nicht?“, fragte Vincent sarkastisch.

„Ach“, ich schubste ihn von mir weg, drehte mich um und stapfte davon. Er hatte keine Ahnung, was er anrichtete. Es schien, als bereitete es ihm Freunde, Dinge kaputt zu machen – ohne über eventuelle Konsequenzen nachzudenken. Es war ihm auch egal, ob diese Dinge anderen gehörten. Er tat und sagte, was er für richtig hielt, ohne Rücksicht, ohne Taktgefühl.

Kurze Zeit später erreichte mich ein Brief, der mich meinen Ärger und meine Probleme vergessen ließ.

Er lautete:

 

Liebste Helen,

 

ich schreibe dir in ambivalenter Stimmung, irgendwo zwischen Galgenhumor und Verzweiflung. Andererseits verblassen diese Gefühle langsam zu stumpfer Resignation. Es kehrt langsam Ruhe ein und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.

Das Leben im Dorf ist so eintönig, wie ein Tag, den man krank im Bett verbringt. Im Grunde könnte ich jeden Tag einfach im Bett verbringen, denn es gibt nichts zu tun, nichts zu sehen, niemanden zu treffen. Wie kommt es nur, dass, sobald man verheiratet ist, alle Menschen so uninteressant und langweilig werden? Zwar meinen sie nicht mehr, mich belehren zu müssen, aber sie haben auch sonst nichts zu sagen.

Ich muss dich also ausdrücklich warnen, Helen. Gib dein Leben und deine Liebe nicht leichtfertig her! Verkauf deine Seele nicht für einen Alltag, in dem du nur von Abendessen zu Abendessen denkst. Du kochst, du hältst das Haus sauber und dann hörst du dir endlose Geschichten über die Eisenbahn und warum sie das wichtigste überhaupt ist, an.

Dein Haus sieht aus wie alle anderen Häuser, deine Straße sieht aus wie alle anderen Straßen, die Leute sehen aus alle anderen Leute. Sie reden das gleiche, kochen und essen das gleiche. Sie gehen alle zur gleichen Zeit zu Bett und stehen alle zur gleichen Zeit auf. Sie leben alle nach dem gleichen Takt und sie hassen es, trauen sich aber nicht, es voreinander zuzugeben, denn jeder beobachtet jeden. Jeder lechzt nach einem kleinen Skandal, nach jemandem, über den sie sich das Maul zerreißen können.

Dieses Dorf ist ein Kadaver und wir sind die Maden, die darin herum kriechen. Es ist nicht das schlechteste Leben für eine Made.

Glaubst du, Maden ekeln vor sich selbst? Glaubst du, Maden können selbst erkennen, was sie sind?

Nun, ich versuche, das Beste aus allem zu machen und ich möchte mein Leben nicht damit verbringen, mich zu beklagen. Also muss ich es mit Humor nehmen. Es ist absurd, wenn man darüber nachdenket. Jeder hasst es, aber weil niemand dem anderen etwas Besseres gönnt, schafft es niemand hier heraus. Wir fesseln uns selbst an unsere Wohnzimmertische und unsere Teetassen und tun so, als wäre dies genau, was wir immer wollten. Aber bei Licht betrachtet, ist der Tee wässrig und an deinem Wohnzimmertisch holst du dir Splitter.

Und du ahnst ja nicht, wie haarig so ein Mann ist, wenn er plötzlich sein Pflichtgefühl über seine Scham stellt.

Helen, du darfst dir keine Illusionen machen. Alles, was sie darüber erzählen, ist in jeder Hinsicht übertrieben. Weder bist du danach ein anderer Mensch, noch ist die Welt um dich herum eine andere. Es ist eigentlich recht unbequem, wenn man ganz nüchtern darüber nachdenkt. Hat man es einmal erlebt, versteht man nicht mehr, worum alle dieses große Bohei machen, aber wahrscheinlich machen sie es, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie sich haben hinters Licht führen lassen oder weil sie sich nicht eingestehen wollen, wie enttäuscht sie sind.

Der menschliche Körper ist nicht unbedingt schön und es ist schon recht, dass man ihn mit Kleidung verhüllt. Wo aber der weibliche Körper zumindest noch eine gewisse Ästhetik und Symmetrie aufweist, ist der männliche einfach nur formlos und beliebig, weich und blass und voller Schrammen, Dellen und halb verheilten Geschwüren. Nichts davon wirkt in irgendeiner Weise anziehend. Viel eher verleitet einen der Anblick zu einem herzhaften Lachen, das man sich aber verkneifen muss, denn das gebietet die Höflichkeit und der Respekt. Als Gott den Mann erschuf, muss er einen schlechten Tag gehabt haben, er ist das unvollkommenste, lasterhafteste und dennoch das langweiligste Wesen unter der Sonne.

Wenn er redet, so redet er zu sich selbst. Wenn er zuhört, hört er nur sich selbst. Wenn er denkt, dann nur an sich und wenn er liebt, dann… nun ja, du ahnst es sicher.

Ich glaube, er hat Angst davor, mich zu überfordern, deshalb ignoriert er mich, um allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Es geht ihm gut dabei. Jedes Wort, das ich nicht sage, erleichtert ihn, als wüsste er tief in seinem Inneren, dass das, wer er mir bietet, in keinster Weise befriedigend ist.

Liebste Helen, es ist eine einzige Enttäuschung, verheiratet zu sein und nur mit Zynismus zu ertragen. Aber ich schätze, jede Frau muss diese Erfahrung für sich allein machen und ich hoffe inständig, dass dein Vincent kein solch hirnverbrannter Langweiler ist.

Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dir keine positiveren Nachrichten übermitteln kann und du nun alle Hoffnungen auf eine rosige Zukunft fahren lassen musst. Aber wenn es so weit ist, sollst du immer daran denken, dass du nicht die einzige bist und man sein Schicksal vielleicht ertragen muss, es aber keine Vorschriften darüber gibt, dass man dies auf sich allein gestellt tun muss.

Ich hoffe sehr, recht bald von dir zu hören und dich in naher Zukunft besuchen zu können.

 

Deine Emily

 

Sie übertrieb mal wieder, dachte ich. Sie mochte am liebsten alles theatralisch und weigerte sich, die Dinge aus einer anderen als ihrer eigenen Perspektive zu sehen.

Ich nahm einen Briefbogen und schrieb ihr zurück. Wie üblich fiel mein Brief bedeutend länger aus als ihrer. Während es ihr darum ging, ein Statement zu setzen, neigte ich eher zum Erzählen. Und so berichtetet ich ihr von allen Entwicklungen rund um die geplante Hochzeit zwischen Fräulein Charlotte und Albert, sowie von meiner Auseinandersetzung mit letzterem und Vincents neuentdecktem Temperament.

Ich erklärte, dass ich sicher war, dass Männer unterschiedliche Charaktere haben konnten und Vincent ein völlig anderer Typ war als ihr Ehemann. – Als könnte ich damit irgendwas von Emily Situation relativieren, aber vor allem, um mir selbst Mut zu zusprechen.

„Es ist eine Schande, dass wir Frauen auf das Wohlwollen und die Gnade von Männern angewiesen sind“, schrieb Emily daraufhin zurück. Abhängigkeit an sich sei schon schwer zu ertragen, aber zu wissen, dass sich daran niemals etwas ändern wird, mache einen völlig fertig.

Ich nahm mich nicht so sehr als abhängig, denn als vorherbestimmt wahr. Ich würde nie einen Landadligen heiraten. Ich würde nie eine Lady sein und mein ganzes Leben lang für meinen Lebensunterhalt arbeiten gehen müssen. Zwar würde ich leichte Arbeiten verrichten, aber schlecht dafür entlohnt werden. Man würde mir nicht viel zutrauen, aber man würde mir verzeihen. Dennoch würde ich mich gegen Zudringlichkeiten wie Missachtungen wehren müssen. Es war anstrengend, eine Frau der arbeitenden Klasse zu sein.

„Ich weiß nicht, was anstrengender ist“, sagte Vincent, „Etwas tun zu müssen oder nicht zu wissen, was man tun soll.“

„Es gibt nie zu wenig Arbeit“, erwiderte ich, „Nur Menschen, die sie nicht sehen wollen.“

„Oder Menschen, die sie nicht als notwendig erachten.“

„Die machen es sich gerne leicht“, ich war nicht in der Stimmung, solche Diskussionen zu führen. Damit löste man nämlich auch keine Probleme. Reden, reden, reden. Immer wollte Vincent reden, besonders witzig wirken, besonders geistreich und auffallend wirken. Seine schweigsamen Phasen waren mir mit einem Mal lieber.

„Du bist ja ein richtiger Geck“, zog ich ihn manchmal auf, aber er ging nie darauf ein. Manches wollte er einfach nicht sehen.

 

Und so verging der Winter, die Nebel und der Regenschleier lösten sich und das zarte Blau des ersten Frühlingshimmels hatte seine Wirkung auf die Gemüter der Menschen. Die ersten Blumen brachen durch den schlammigen Boden und Vincent nahm mich mit auf den ein oder anderen Ausflug über die Felder. Er zeigte mir, die Orte, an denen Licht und Schatten eine besondere Atmosphäre zauberten, von wo aus man die schönste Aussicht hatte und die Bäume, die er am liebsten hatte.

„Sie haben eine Seele“, behauptete er, „und sie haben Charakter.“

Ein paar besonders Eilige ließen bereits die ersten Knospen sehen. Der Gesang der Vögel übertönte unser Gespräch.

„Es kommt mir so vor, als wäre die Luft viel frischer“, sagte ich, „und nicht mehr so schwer.“

Wo die Sonne auf die Erde traf, konnte man schon ein wenig von der sommerlichen Wärme erahnen, trotzdem blieb der Wind rau und kühl.

„Es ist die schönste Zeit des Jahres“, sagte Vincent, „Wenn die Natur aus ihrem Schlaf erwacht, wenn sie beginnt, sich zu stecken und zu gähnen. Sie ist noch nicht vollständig aktiv, will noch ein bisschen liegen bleiben, ist aber dennoch neugierig auf alles Neue da draußen. Im Sommer ist die Zeit, die man mit Schlafen verbringt, verschwendet, im Winter die Zeit, in der man wach ist und im Grunde darauf wartet, sich endlich ins warme Bett verkriechen zu können. Man sollte den gesamten Winter durchschlafen und den gesamten Sommer durchfeiern.“

„Und wer bestellt die Felder und gräbt nach Kohle?“, fragte ich.

„Ach, Helen, ich rede doch nicht von der Realität. Nichts ist langweiliger als das. Kannst du dir keine bessere Welt vorstellen? Eine, die bevölkert ist von Elfen und Fabelwesen? Glaubst du nicht an Wunder?“

„Nein“, sagte ich etwas zu barsch.

„Dann bist du aber keine gute Christin“, gab Vincent zurück.

„Die meisten Menschen haben keine Zeit, sich um Elfen und Einhörner Gedanken zu machen. Sie träumen nur davon, ihre Wohnung im Winter heizen und ihre Kinder ernähren zu können. Verstehst du, wie deine Aussagen manchmal wirken? Als hättest du kein Verständnis, als betrachtetest du jeden, der um sein Überleben kämpft von oben herab und mit einer gewissen Abscheu.“

„Gerade, wenn man kämpfen muss, sollte man sich Fluchtwege offen halten“, sagte er.

„Aber wer flüchtet, lässt seine Kameraden zurück.“

„Haben du und ich irgendwelche Kameraden?“, fragte er.

„Emily ist meine Kameradin“, sagte ich.

„Und du meinst, sie flüchtet sich nicht in eine Phantasiewelt, wenn sie allein zu Hause sitzt und darauf wartet, dass die Zeit vergeht, wenn sie mit ihren Nachbarinnen einen Nähkreis gründet und ihnen heimlich Schnaps in den Tee kippt? Du wirst sehen, spätestens in einem Jahr, wird Emily eine begeisterte Leserin aller möglichen Romane sein und sie wird sich nichts anderes mehr wünschen, als eine der Protagonistinnen zu sein. Sie wird davon träumen und sich selbst Geschichten erzählen. Ihr Mann indes wird sie immer weniger verstehen und den Romanen die Schuld geben. Aber das wäre ein Fehler, denn schuld an einer Flucht ist immer ein Aggressor, nicht der Anbieter eines vermeintlich sicheren Ortes.“

„Und wer ist der Aggressor?“, frage ich.

„Na, das ist doch wohl offensichtlich“, behauptete Vincent.

„Ich weiß nicht, ob jeder, der in einer höheren Position als jemand anderes steht, gleich ein Aggressor ist“, sagte ich.

„Was soll er denn sonst sein? So etwas wie einen wohlmeinenden König gibt es nicht.“

„Aber liebende Ehemänner“, warf ich ein.

Vincent spuckte aus: „Alle Männer sind egoistisch. Liebe kommt, wenn man wirklich, wirklich Glück hat, an zweiter Stelle. Zu allererst kommt aber die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Es ist nicht ihre Schuld, es wurde ihnen so beigebracht. Nimm, was du kriegen kannst und wenn du es nicht festhältst, nimmt es dir jemand weg. Jeder ist dein Feind. Jeder will deine Niederlage.“

„Was ist mit liebenden Ehefrauen?“, fragte ich herausfordern.

„Sag du es mir.“

„Nun sie opfern sich auf und tun es mit Freude.“

„Tun sie es für die eigene Freude, für die eigene Genugtuung, aus Pflichtgefühl oder aus Selbstlosigkeit?“, fragte Vincent.

„Vielleicht aus allem ein bisschen.“

„Dann sind sie zumindest zum Teil ebenfalls egoistisch. Auf eine selbstzerstörerische und heuchlerische Art und Weise, aber doch egoistisch. Aber ich glaube eher, dass die liebende Ehefrau ein Mythos ist, ein Fabelwese wie das Einhorn und Männer träumen von ihr, weil sie sonst keine Lichtblicke in ihrem Leben sehen.“

„Was für eine trostlose Aussicht“, sagte ich.

„Es ist in Ordnung“, fand Vincent, „wir machen uns das Leben gegenseitig zur Hölle, das ist nur gerecht und jeder einzelne hat es verdient.“

„Ich mag es nicht, wenn du so daher redest.“

Vincent überlegte: „Ich auch nicht. Also lass uns von was anderem reden.“

„Sie werden bald heiraten“, sagte ich.

„Wer hätte gedacht, dass dieses Ekel tatsächlich eine findet, die ihn aushalten will.“

„Ich finde sie nett.“

„Sie biedert sich zu sehr an“, fand er, „Sie denkt, weil sie Deutsche ist, müsse sie besonders korrekt sein und es möglichst allen recht machen.“

„Aber sie hat ein gutes Herz.“

„Und das ist viel zu weich. Albert besteht darauf, dass sie die Konfession wechselt und sie tut es.“

„Ach, ich finde, das sollte sie allein entscheiden.“

„Aber das ist es ja gerade. Sie entscheidet es nicht selbst, sondern bekommt es angeraten.“

„Was ich damit sagen wollte“, erwiderte ich, „Eigentlich ist es mir egal. Ob man jetzt katholisch ist oder protestantisch, macht doch keinen so großen Unterschied.“

„Eben“, sagte Vincent, „Trotzdem, muss Albert seine Macht demonstrieren, indem er ihr vorschreibt, was sie zu tun hat. Es ist erbärmlich.“

„Du würdest also niemals jemandem vorschreiben, etwas zu tun?“, fragte ich.

„Nein“, lautete die knappe Antwort.

„Also manchmal muss ich meinen Schwestern schon Beine machen, wenn sie sich vor der Hausarbeit drücken wollen.“

„Sobald es in der Wohnung dreckig wird, werden sie von alleine merken, dass sie putzen sollten“, meinte Vincent.

„Da kennst du meine Schwestern schlecht“, sagte ich, „Die finden, wenn es dreckig ist, soll ich mich allein drum kümmern.“

„Naja, zu so einem zwanglosen Zusammenleben gehört halt auch immer, dass man sich nichts vorschreiben lässt.“

„Du kannst leicht klug daherreden“, sagte ich.

 

Im späten Frühjahr reiste das Fräulein Charlotte zusammen mit ihrer Familie an. Im Haus wurden die Gästezimmer auf Vordermann gebracht und jeden Abend gab es ein Menu mit mindestens drei Gängen. Er herrschte Ausnahmezustand, aber es gab einen Lohnzuschlag und so beschwerte sich niemand.

Die deutschen Gäste bemühten sich, Englisch zu sprechen, doch wir verstanden sehr wenig. Außer dem Fräulein Charlotte konnte niemand mehr als „Goodbye“ und „Good morning“ sagen und weil ihnen das so peinlich war, gab es als Entschädigung extra Trinkgeld, wenn man einen Wunsch schnell und zur Zufriedenheit erfüllt hatte.

„Du wirst nicht erleben, dass Berti auch nur ein Wort Deutsch lernt“, prophezeite Vincent, der seinerseits über „Herzlich Willkommen“ und „Mein Name ist Vincent Davies“ nicht hinaus kam.

Die Feierlichkeiten dauerten einige Wochen an und begannen schließlich, sich gar in die Länge zu ziehen. Man spielte Kricket im Garten, trank Brüderschaft, vertrieb sich die Zeit, bis es Alltag wurde, in den Tag hineinzuleben.

Mr. Davies missbilligte all dies und beschwerte sich mehrfach, dass die Kinder ihre Ausbildung vernachlässigten, wenn sie tagein tagaus mit so viel Freizeit verwöhnt wurden. Mrs. Davies hingegen verbrachte die warmen, sonnigen Tage auf einer Bank im Hinterhof sitzend und für ihre Söhne Winterkleidung strickend. Sie war wie immer in Sorge. Ihre beiden Söhne schienen ihr entgleiten zu wollen.

Immer häufiger hörte man, wie sie sich darüber beschwerte, dass Vincent immer mehr seiner eigenen Wege ging und ketzerische Gedanken hegte, während der kleine John mit einer angeschlagenen Gesundheit zu kämpfen hatte.

„Er ist der Fluch“, erinnerte sie mich, als ich eines Tages bei ihr saß, „Er entwickelt sich nicht normal. Er ist ein besonderes Kind, aber er macht mir viel Kummer. Beide machen sie mir Kummer.“

„Aber sie sind doch so wohlgeraten. Vincent ist klug und John freundlich. Sie müssen keine Angst haben, dass aus ihnen nichts wird. Es sind wunderbare Menschen“, sagte ich tröstend, aber Vincents Mutter hörte auf niemanden. Sie lebte in ihrer eigenen Welt und glaubte nur, was sie darin wahrnehmen konnte.

Als der milde Frühling langsam einem zarten Sommer wich, endeten die müßigen Tage für die Herrschaften mit dem Höhepunkt des Jahres: Der eigentlichen Hochzeit von Albert und Charlotte.

 

Wieder wurde im Garten und den Ländereien rund um das Herrenhaus gefeiert, wieder wurden Zelte, Bühne, Pavillons und ein großes Bierfass aufgebaut, wieder gab es Musik und Tanz. Aber dieses Mal bestand meine Aufgabe darin, den Gästen Erfrischungen, Getränke, Häppchen oder Zigaretten anzubieten, da zu sein, wenn eine helfende Hand gebraucht wurde und für Ordnung zu sorgen, wenn irgendwo etwas zu Bruch ging. Auch sollten Pächter und Familienangehörige dieses Mal nicht gemeinsam sondern örtlich getrennt voneinander feiern und es lag am Personal, die beiden Gruppen höflich aber bestimmt einander fern zu halten. Das war der besondere Wunsch Alberts gewesen, der zwar eine kostspielige aber intime Feier abhalten wollte. Dass die Pächter und Bediensteten überhaupt eingeladen wurden, war dem alten Lord Brighman zu verdanken, dem sein Ruf unter den Bauern und Dörflern wichtig war.

„Ach, Miss Peterson“, rief er mich zu sich herüber, „Kommen Sie doch und trinken ein Glas mit mir auf meinen Sohn!“

Also stellte ich mein Tablett an und ging herüber zu dem alten, bereits etwas angeheiterten Herrn.

„Sagen Sie, freuen Sie sich für meinen Sohn?“

„Natürlich“, sagte ich.

„Sie laufen hier herum, als hätten sie keine rechte Freude an dieser Hochzeit“, sagte er gerade heraus.

„Ich habe viel zu tun. Ich bin ja auch nicht als Gast hier, sondern als Angestellte.“

„Trotzdem dürfen Sie sich amüsieren.“

„Ich werde gleich meine Pause nehmen“, sagte ich.

„Was möchten Sie? Ein Bier? Haben Sie schon einmal dieses deutsche Bier probiert? Es ist sehr bitter, aber wenn man sich mal dran gewöhnt hat, läuft es sehr gut die Kehle hinunter.“

Er winkte einen jungen Knaben herbei, den ich als den Küchenjungen erkannte, nur dass jemand ihn in einen viel zu großen, viel zu altmodischen Anzug gesteckt hatte: „Bring uns beiden je ein Glas von dem Bier, ja?“

Der Junge nickte und keine Minute später hatten wir unser Getränk. Lord Brighman hatte Recht, dieses Bier war wirklich über das erträgliche Maß bitter. Ich musste mich überwinden, um es herunterzuschlucken.

„Es schmeckt Ihnen nicht“, stellte er fest.

Ich schüttelte angeekelt den Kopf.

„Sie mögen es lieber süß? Bestellen Sie sich ein Glas Wein. Was Sie wollen. Jeder bekommt heute, was er will!“

„Das ist sehr freundlich“, sagte ich, „Ich würde gerne einen Apfelsaft…“

„Bring ihr ein Glas Champagner!“, rief er dem Küchenjungen zu, „Und mir auch bitte!“

Ich nippte am Schaumwein, während er es trank, als wäre es Wasser.

„Charlotte ist die beste Schwiegertochter, die ich mir hätte vorstellen können“, sagte er.

„Davon bin ich überzeugt.“

„Sehen Sie, wie die beiden tanzen. Er ist ganz verliebt und sie ist so weich und zärtlich. Ich meine fast, ich sehe mich und meine Frau dort über das Parkett schweben.“

Tatsächlich war seine Frau nirgendwo zu sehen. Sie hatte sich zurückgezogen, schob Kopfschmerzen vor und ließ sich Tee auf ihr Zimmer bringen. Es war alles zu viel für sie, wie sie selbst zugab. Sie war kein Mensch für Massenveranstaltungen.

„Aber ich bin alt und kann nur noch zusehen“, sagte der Lord.

Ich erwiderte nichts, er hatte ein Bedürfnis zu reden und brauchte jemanden, der ihm zuhörte.

„Sehen Sie dieses Haus und dieses Land? Es ist mein Ein und Alles. Ich weiß, dass Sie das aufregt. Wie kann jemand angesichts dessen melancholisch werden. Ich weiß es ja selbst. Aber sehen Sie sich um. Das hier ist vielleicht die letzte Hochzeit dieser Art. Es wird sich alles verändern und Familien wie die meine, sind zum Aussterben verurteilt. Sie werden in die Städte ziehen und aufgehen im Bürgertum. Nicht, dass das etwas Schlechtes ist… es wird dann nur sehr einsam sein hier auf dem Land.“

Ich nickte und beeilte mich mit meinem Champagner, der zugegenermaßen sehr köstlich war. Man konnte dem Mann nicht böse sein, er meinte das alles ja nicht böse, aber ich bemerkte doch, dass er und ich in völlig verschiedenen Welten lebten und während von mir erwartet wurde, dass ich mich in beiden auskannte, war und blieb er völlig ignorant der Lebenswirklichkeit arbeitender Menschen gegenüber. Glaubte er wirklich, es interessierte mich, ob seine Familie im städtischen Bürgertum aufging? Glaubte er, es stimmte mich wehmütig, wenn ich mir vorstellte, dass die Besitztümer des Landadels eines Tages aufgeteilt und verkauft wurden? Und ob sein Haus eines Tages vermoderte und in sich zusammenbrach, könnte mir nicht gleichgültiger sein. Aber er glaubte, seine Interessen seien auch meine Interessen.

 

„Sie glauben, weil du heute von ihrem Geld abhängst, bist du ihnen jetzt und in der Zukunft wohlgesonnen“, sagte Vincent, „Sie glauben, dein Leben ist kein Leben, weshalb du dich nach ihrem sehnst.“

Ich lachte: „In diesem System hält jeder jeden für einen Vampir.“

„Ich würde nicht so weit gehen, diese Annahme völlig von der Hand zu weisen“, sagte er und lachte ebenfalls, „Sag, Helen, hast du später einen Moment Zeit?“

Ich war gerade dabei einen Tisch von leeren Gläsern und Tellern zu befreien und sagte zu ihm: „Komm so in einer halben Stunde in die Küche. Ich versuche, zum Abspülen eingeteilt zu werden.“

Es war die begehrteste Arbeit, weil man dabei nicht lächeln und kerzengerade stehen musste. Auch wurde man nicht ständig beobachtet und dazu angehalten, schneller zu machen oder mal zwischendurch noch nach diesem oder jenem Problem zu sehen.

Mrs. Taylor, die die Küche als ihre Einsatzzentrale eingerichtet hatte, sagte, an der Spüle seien alle Schichten besetzt und mit der guten Kleidung, die ich trug, würde ich draußen gebraucht. „Repräsentation“, sagte sie, „ist wichtig an einem Tag wie diesem.“

„Aber es ist sehr wichtig“, sagte Vincent, als ich an ihm vorbei wuselte. Er stand den ganzen Abend lang in irgendwelchen Ecken herum, als wartete auf irgendwas. Er gehörte zu keiner der eingeladenen Gruppen, er hatte keine Freunde in einer von ihnen. Greta verbrachte den Abend mit einigen neuen deutschen Freundinnen. Alberts Brüder präsentieren den Gästen ihre liebsten Waffen und erzählten von ihren größten Jagderfolgen. John saß bei Mr. Davies und hörte zu, wie er sich mit anderen Erwachsenen unterhielt.

„Später“, sagte ich zu Vincent, „Wenn es vorbei ist.“

„Nein. Bitte nimm dir fünf Minuten Zeit. Es ist wirklich wichtig.“

Ich verdrehte die Augen. Wenn Vincent behauptete, dass etwas wichtig war, dann war es das meistens allein in seinen Augen, nicht aber in denen anderer Leute. Wahrscheinlich hatte er ein neues Gedicht geschrieben oder ein interessantes Buch gelesen.

„Bitte, Helen. Es muss heute Abend noch sein, sonst ist es zu spät, sonst ist es vorbei.“

„Was denn?“, fragte ich.

„Diese eine letzte Chance auf ein echtes Märchen“, sagte er.

Ich blieb stehen, stellte den Putzeimer ab, den ich gerade in die Küche zurück bringen wollte, nachdem ich einige Tische abgewischt hatte.

„Was hast du vor?“, fragte ich.

„Helen, mein Leben begann damit, dass ich wie ein Schmarotzer den Namen und den Platz eines anderen einnahm. Ich schlief in genau der Wiege, in der mein Bruder heranwachsen sollte. Ich war mir immer bewusst, dass meine Mutter es mir nie verzieh, dass für mich ihr Erstgeborener hatte sterben müssen. Heute lebe ich im Haus eines anderen, esse das Brot eines anderen und profitiere vom Wissen eines anderen. Ich habe es nicht verdient, jemanden so großartigen zu kennen wie dich und ich weiß, ich habe nicht die Fähigkeiten, dir das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein, deshalb muss ich versuchen, es dir verständlich zu machen. Helen Peterson, es hat nie und es wird nie wieder jemanden wie dich geben. So geduldig und mitfühlend, gleichzeitig so bodenständig und charakterfest. Und wenn ein Mensch dich verdient hat, dann bist das du selbst. Ich könnte es nicht ertragen, dich betrogen zu sehen und ich glaube, dass es im Rahmen dieses feierlichen Abends und unter dem Einfluss einer ungehörigen Menge Biers angemessen ist, dich um ein Geschenk zu bitten. Sieh es mir nach, ich bin nichts anderes gewöhnt, als zu betteln und auf Kosten anderer zu leben. Frag, wen du willst, man wird dir bestätigen, was für ein Parasit ich bin. Ich kann dir nichts bieten, außer meiner Freiheit und meine Freiheit ist Armut. Ich bin niemand, außer dem losen Verbund meiner Möglichkeiten und der Erwartungen an mich. Irgendwann, Helen, werde ich in diese beiden Bestandteile zerfallen, aber bis dahin, möchte ich mich mit dir rücklings ins feuchte Grün der Sommerwiesen werfen und nicht wieder aufstehen, bis die Feuer der Apokalypse den Himmel überziehen. Und möchtest du bis dahin, wo wir unweigerlich voneinander getrennt werden – du mit einem Freifahrschein ins Paradies, ich mit einem Ticket direkt in die Hölle – deine irdische Zeit mit mir verbringen? Willst du, Helen Peterson, meine Frau werde?“

Natürlich kniete er nicht nieder oder nahm meine Hand, sowas fand er affig und ich argwöhnte, dass er das alles nur abzog, um Albert die Schau zu stehlen, aber es gelang ihm ohne Weiteres, mich sprachlos zu machen.

„Ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll“, sagte ich, „Ich bin darauf nicht vorbereitet. Das kommt völlig unerwartet und um ehrlich zu sein, habe ich ein bisschen Angst.“

„Das ist in Ordnung“, sagte Vincent, „Du muss nicht jetzt sofort antworten. Du musst sicher erst deinen Vater fragen und vielleicht möchtest du auch Emilys Meinung hören.“

Das wollte ich tatsächlich, aber so wie Vincent es sagte, klang es eher sarkastisch, so als sollte ich gefälligst eine eigenständige Entscheidung treffen. Ich drehte mich also um, wollte meinen Putzeimer aufheben, überlegte es mir dann aber anders. Ich ging auf Vincent zu, nahm seine Hand, wenn er meine schon nicht nehmen wollte, blickte ihm fest in die Augen und sagte: „Gut, Vincent, lass es uns tut! Es ist mir egal, was meine Eltern oder Emily zu sagen haben. Es ist mein Leben. Ob ich schwimme oder untergehe, liegt ganz allein in meinem Ermessen. Und wenn ich schon die Verantwortung tragen muss, dann kann ich auch allein entscheiden! Also, lass es uns wagen! Ja, ich will deine Frau werden! Ich will es sehr gerne! Ich könnte mir nicht vorstellen einen anderen Mann zu heiraten, nachdem ich dich kennen gelernt habe. Du bist es oder niemand!“

Als er mir daraufhin einen Verlobungsring ansteckte, wusste ich nicht, ob das der schönste Augenblick meines Lebens oder ein schlimmer Fehler gewesen war.

 

Die anderen Hausmädchen, denen ich sofort erklären musste, woher ich auf einmal einen solch edlen Ring hatte, waren begeistert. Mrs. Taylor gratulierte mir, erinnerte mich aber daran, dass sie mich auf diesem Fest als helfende Hand nicht entbehren konnte.

Am nächsten Morgen zu Hause flippte Hannah fast aus vor Verzückung und wahrscheinlich auch ein wenig aus Neid. Susan, meine noch kleinere Schwester, die immer schon recht sensibel war, brach in Tränen aus und wusste hinterher nicht, ob sie traurig oder glücklich war. Meine Mutter schien erleichtert zu sein, wie sie sagte, hatte sie doch längst damit gerechnet, dass Vincent endlich zu Potte kommt und Vater war ein wenig beleidigt, dass er nicht zuerst gefragt worden war.

„Das sind die modernen Zeiten“, sagte Granny, „Bald haben Väter gar nichts mehr zu sagen, also sei froh, dass du überhaupt informiert wurdest.“

Vater, der nie ein Freund vieler Wort war und sich ungern stritt, weshalb er nie auf die Sticheleien seiner Schwiegermutter einging, schwieg und umarmte mich stattdessen, zum Zeichen, dass es schon in Ordnung war und ich das richtige getan hatte. Er war mir nicht böse, aber er war erleichtert, dass ich eine Entscheidung getroffen hatte, die er gutheißen konnte.

„Er ist klug genug, um dich gut zu versorgen“, sagte er schließlich, „Er muss seine Klugheit nur richtig einsetzten. Das wird deine Aufgabe sein: Ihn dazu zu bringen, das Richtige mit seinen Möglichkeiten zu tun.“

„So wie ich es bei dir getan habe“, sagte Mutter, aber Vater gab nur eine unverständliche, gemurmelte Antwort.

Ein paar Tage lang konnte ich die Augen nicht von dem funkelnden Silberring abwenden, den ich nun an meinem Finger trug. Die Gewissheit, dass jemand anderes das Gegenstück genauso ansah, gab mir ein warmes Gefühl in der Herzgegend.

„Ich freue mich für dich, dass du so etwas verspürst“, sagte Emily, als sie am Wochenende zum Tee bei ihren Eltern eingeladen war und einen Abstecher zu uns nach Hause unternahm.

„Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt“, sagte ich.

„Ich bin sicher, das war die romantischste Szene, die sich an diesem Tag auf dieser Hochzeit abgespielt hat.“

„Ach, du hättest dabei sein sollen!“, sagte ich, „Es war ein wirklich schönes Fest.“

„Und du hast geschuftet.“

„Ja, aber ich war trotzdem da und durfte essen und trinken. Außerdem gab es einen satten Bonus. Ich kann mich wirklich nicht beschweren. Es ist nicht immer alles ungerecht, weißt du?“

„Wenn du es sagst“, meinte Emily, „Jedenfalls wünsche ich dir, dass deine Ehe glücklicher wird, als die von Fräulein Charlotte es zu werden verspricht.“

„Sie liebt ihn, glaube ich. Das muss man nicht verstehen, man muss es nur hinnehmen.“

„Aber er liebt sie nicht, das muss man nicht hinnehmen“, fand Emily.

„Woher willst du das wissen?“, fragte ich.

„Albert ist nicht fähig, zu lieben, ganz einfach.“

 

Die Fähigkeit zu lieben musste man - nach Vincents Theorie - erlernen. Man besaß sie nicht automatisch. Er sagte: „Es gibt lediglich Menschen, denen fällt es leichter, sich die Fähigkeit anzueignen und Menschen, die bessere Voraussetzungen, also ein liebendes Elternhaus, haben. Aber erlernen müssen sie es doch. Albert ist charakterlich deutlich benachteiligt und seine Erziehung sah ebenfalls nicht vor, ihn zu einem liebenden oder liebenswürdigen Menschen zu machen.“

„Und du hast es gelernt?“, fragte ich.

Er zuckte nur schweigend mit den Schultern. Aus irgendeinem Grund war ihm die Frage unangenehm, obwohl er doch hätte ahnen können, dass ich sie stellen würde.

„Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, das man nicht lernen muss und das bedeutet, dass es auch nichts gibt, das man nicht lernen kann. Ich finde das gibt einem Hoffnung.“

„Es kommt drauf an, was man lernen will“, sagte ich, „Was wenn man lernen möchte, wie man jemanden kaltblütig ermordet?“

„Was hast du denn für Gedanken?“, fragte Vincent gespielt empört.

„Du bist nicht der einzige, der es sich leisten kann, in Extremen zu denken?“, sagte ich.

„Na schön, aber wer sagt uns, dass es etwas Schlechtes ist, jemanden kaltblütig ermorden zu wollen? Was, wenn wir beide planten, einen Tyrannen zu töten? Wären wir Helden oder Schurken?“

„Das kommt drauf an, wen du fragst. Das geknechtete Volk würde uns feiern, diejenigen, die bei dem Tyrannen in Lohn und Brot standen, würden uns verfolgen“, sagte ich.

Vincent grinste: „Wenn ich also theoretisch einen Anschlag auf Lord Albert David Jeremias Brighman ausführen würde, um die Pächter von ihren Schulden zu befreien, würdest du mich als seine Angestellte am nächsten Baum baumeln sehen wollen?“

„Was?“, rief ich.

„Ach nichts. Das Beispiel ist mit mir durchgegangen“, sagte er.

„Ich will niemandem an irgendeinem Baum baumeln sehen! Weder dich noch Albert! Meinst du nicht, dass diese kindische Feindschaft zwischen euch langsam lächerlich wird?“

Vincent reckte ein wenig den Hals, damit ich die Narben sehen konnte, welche die Zähne des Hundes hinterlassen hatten. Ich sagte nichts mehr.

 

Der Rausch, der mit dem Bewusstsein meiner baldigen Hochzeit einherging und der immer festeren Gewissheit, in Vincent den einzig richtigen Mann für mich gefunden zu haben, erlitt einen empfindlichen Dämpfer, als nur wenige Tage nach dem eben beschrieben Gespräch ein Briefumschlag bei meinen Eltern unter der Tür hindurch geschoben wurde. Mitten in der Nacht, damit es nicht direkt bemerkt und der Bote gestellt werden konnte.

In dem Umschlag befand sich ein Schreiben und ein silberner Ring. Vincents Anteil am Versprechen, das wir einander gegeben hatten.

Er schrieb:

 

Helen,

 

es tut mir leid, wenn ich dir Schmerz verursache, aber ich verspreche, es wird ein kurzzeitiger sein. Besser, ein Schmerz, der vorübergeht, als ein Schmerz, der für immer bestehen bleiben wird.

Bitte glaube nicht, dass ich dich nicht liebe. Im Gegenteil, ich liebe dich mehr, als es mir gut tut, so sehr, dass ich es nicht ertragen könnte, dich an eine mitleiderregende Kreatur wie mich zu binden. Du hast es nicht verdient, dein Leben mit mir verbringen zu müssen. Du hast es nicht verdient, dass ich deine Zukunft ruiniere. Du siehst es vielleicht nicht, aber ich blicke in den Spiegel und ich sehe nichts als Zerstörung, nichts als Verheerung und Chaos. Ich bin das Schlechte in der Welt, ich bin das Gegengewicht, gegen das die Moral aufgewogen wird. Du hingegen bist die Güte und die Liebe, du bist alles, was ich nicht verstehen, was ich niemals erreichen kann.

Ich habe mich geirrt, man kann es nicht lernen, zu lieben. Man kann es nur versuchen und die Gefahr, dass ich scheitere, ist zu groß, um dich ihr auszusetzen. Ich will dich in Sicherheit wissen, ich will, dass du ein glückliches, reiches, fröhliches Leben führst. All das kann ich dir nicht bieten. Ich bin nichts als ein Häuflein Elend, ein Nutznießer, ein Blender. Du sollst dich nicht mit mir blamieren. Du verdienst Respekt und Achtung. Du verdienst all das, was ich nicht habe und was ich habe, wird dir nicht gerecht.

Helen, es bricht mir das Herz, aber das ist es wert, wenn ich deines dadurch retten kann. Nimm meinen Ring zurück. Behalte ihn nicht, lass ihn einschmelzen, verkaufe ihn, vergiss mich. Du findest überall einen Besseren, etwas Besseres.

Ich weiß, ich kann hierfür nicht um Entschuldigung bitten, es steht mir nicht zu, diese zu erwarten. Ich nehme die Schuld und die Schande auf mich. Du sollst rein bleiben. Niemand soll dich schief ansehen. Alle Schmach gebührt nur mir.

Grolle mir nur, hasse mich, aber weine nicht um mir. Ich bin keine Träne wert. Denk daran, wie viele Tränen ich dir erspart habe, indem ich dich verließ. Denk an die Zukunft, nicht an mich.

 

Dein Vincent.

 

Ich weinte einen ganzen Tag und nicht einmal meine Großmutter konnte mich trösten. Meine Mutter musste mich bei Mrs. Taylor abmelden und ich verkroch mich für den ganzen Tag im Bett.

Ich verfluchte ihn, ich jammerte, ich fühlte mich verletzt, betrogen, herabgewürdigt, verloren. Hätte man mich zum Tode verurteilt, ich hätte keine größere Bitterkeit empfinden können.

„Aber Kindchen, es ist doch nur ein Mann“, sagte Granny.

„Ein Mistkerl!“, rief ich.

„Genau, ein Mistkerl. Es lohnt sich nicht, um ihn zu weinen.“

„Ich weine nicht um ihn“, log ich, „Ich weine, weil ich auf ihn hereingefallen bin!“

„Das passiert den besten. Jetzt bist du klüger.“

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll“, sagte ich.

„Ja, heute. Morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus. Warte es nur ab, bald wirst du es eine Erfahrung nennen.“

„Wieso tut er das?“, fragte ich.

„Das weiß ich nicht“, sagte Granny, „Wer versteht schon, was Männer denken, fühlen, sagen und tun?“

„Und dann dieser Brief! Was denkt er sich? Was glaubt er, soll ich davon halten? Soll ich mich geschmeichelt fühlen? Soll ich ihm dankbar sein? Will er sich bestätigen, was er für ein Mistkerl ist? Das passt zu ihm! Er ist wie seine Mutter! Wie seine geisteskranke, hysterische Mutter! Glaubt er, dass es damit vorbei ist? Glaubt er, es ist so einfach? Glaubt er, ich gebe einfach auf, wenn er mich mit ein paar geheuchelte Worte abservieren will? Will er mich testen? Das kann er vergessen! Dieser Mistkerl nimmt seinen Ring zurück! Dieser Ring ist ein Versprechen und ich akzeptiere es nicht, wenn er sich darüber hinweg setzt. Ich muss nicht vor ihm beschützt werden! Ich kann mich selbst davor beschützen, gedemütigt zu werden!“

 

Ich schnappte mir ein Blatt Papier und einen Stift und schrieb:

 

Vincent,

 

hiermit teile ich dir mit, dass ich deinen Rücktritt von unserer Verlobung nicht akzeptiere. Anbei sende ich dir deinen Ring zurück und erwarte, dass du ihn gemäß unseres Versprechen trägst.

Es ist aus meiner Sicht inakzeptabel, eine solche Verbindung einseitig zu lösen – zumal deine vorgebrachten Gründe kaum als triftig zu bezeichnen sind.

Ich weise deine Spekulationen bezüglich meines Zustands und meiner Zukunft entscheiden zurück, ebenso kann ich deiner Selbstcharakterisierung nicht folgen.

Sollte es also der Wahrheit entsprechen, dass du mich nach wie vor liebst, so möchte ich dich daran erinnern, dass es dir nicht zusteht, meine Entscheidungen vorwegzunehmen.

Ich möchte dich daran erinnern, dass eine Verlobung ein bindender Vertrag ist und eine Auflösung nur in beiderseitigem Einverständnis vorgenommen werden sollte. Ich, für meinen Teil, bin mit einer Auflösung nicht einverstanden und bestehe weiterhin auf unserer baldigen Hochzeit. Dem steht aus meiner Sich außerdem nichts im Wege. Die von dir vorgebrachten Gründe, erachte ich als nichts anderes als fadenscheinig.

Ich erwarte also deine Rücknahme des Wunsches nach einer Auflösung der Verlobung und hoffe auf deine Einsicht.

 

Deine Helen.

 

Ich weiß nicht, ob Vincent schockiert, beeindruckt, oder sentimental reagiert, aber es dauerte drei Tage, bis er mir im Flur des Herrenhauses auflauerte und unter Tränen beteuerte, dass er nun doch bereit sei, diese „hündische Ehe“ – wie er es nannte – mit mir einzugehen.

Ich fragte ihn, ob sein Brief ein Test gewesen sei. Daraufhin brach er fast zusammen: „Sowas darfst du nicht glauben. Es sind meine Nerven. Allein die Nerven. Keine Angst, keine böse Absicht, einfach mein Wunsch, dir das beste Leben von allen möglich zu machen. Und manchmal glaube ich einfach, dass es das Beste wäre, du würdest mich ziehen lassen.“

„Du glaubst, es würde das Beste sein, eine Verlobung aufzulösen? Wie kommst du darauf? Weiß du nicht, wie die Leute reden?“

„Ich hätte alle Schuld auf mich genommen“, sagte er.

„Vincent, so funktioniert das nicht.“

„Du willst mich also nur, weil die Leute sonst reden?“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass deine Vorstellung vom Besten, das mir passieren kann, in Wahrheit ein Spießroutenlaufen für mich wäre.“

„Was glaubst du, wie ein Leben mit mir sein wird?“, fragte er.

„Was glaubst du, wie ein Leben mit mir sein wird?“, gab ich zurück.

„Wundervoll“, sagte er.

„Na also.“

„Ach, du verstehst das nicht. Wie sollst du auch. Du bist von solchen Dingen unbelastet. Aber ich kann es ja selbst kaum erklären. Ich möchte dir so viel sagen, aber ich bringe es nicht aus dem Herzen in meine Kehle und über die Lippen, weil ich fürchte, dass, wenn es einmal herausgekommen ist, nie wieder in der gleichen Intensität zurückkommen wird. Ich kann es nicht aussprechen, weil ich Angst habe, es dadurch für immer zu verlieren, dass es bei Tageslicht profan aussehen und du dich darüber lustig machen wirst, dass ich es nicht in den Farben ausmalen kann, die ich sehe. Ich möchte ein Dichter sein, aber ich fürchte mich davor, dass meine Worte zu unbedeutend sind, für das, was gesagt werden müsste. Dabei verdienst du mehr als ein Lippenbekenntnis, als eine Bestätigung oder eine Versicherung. Worte sind doch nur ein Transportmedium, nicht die Sache selbst. Wenn ich meine Seele herausreißen und dir darreichen könnte, so würde ich es tun, denn ich weiß, du würdest pfleglicher mit ihr umgehen, als ich es vermag und ich wäre ihre Last los. Eine Seele verpflichtet und eine Pflicht ist eine Bürde. Unwissend und allein gelassen sind wir mit unseren Pflichten und die Worte taugen gerade so als Strohhalme, die uns nicht vor dem Ertrinken bewahren können. Ich wünschte, ich brächte auch nur ein Wort von Wahrheit heraus und könnte es dir schenken. Ich wünschte, ich könnte irgendwie eine Verbindung herstellen, aber ich fürchte, mich aufzulösen, ohne dich berühren zu können.“

„Und deshalb schreibst du mir, dass du mich verlassen willst?“, hielt ich ihm entgegen. So ließ ich ihn nicht davon kommen.

„Nein, ich schrieb, dass du mich verlassen sollst. Ich wollte dir nur dabei helfen.“

„So hat sich das für mich nicht angehört“, sagte ich.

„Ach ich wünschte, du könntest es vergessen. Es klingt alles auf einmal so dumm“, erwiderte er.

„Der erste kluge Satz heute aus deinem Mund“, sagte ich.

„Es tut mir leid. Ich bin so verunsichert. Ich weiß doch auch nicht, was ich tun soll. Dieses Leben ist auch für mich das erste. Ich muss noch herausfinden, wie man es lebt.“

„Du hast dein Leben in einem goldenen Käfig verbracht, das ist dein Problem“, fand ich, „Du hast keine Freunde, du kennst niemanden, der so lebt wie du.“

„Ja, ich existiere in einer Zwischenwelt“, gab er zu, „außer meinem Bruder gibt es niemanden.“

„Aber sogar er ist nicht so verquer wie du manchmal.“

Egal wie verquer er war, wir heirateten noch im selben Herbst. Es war eine kleine, schlichte Zeremonie in der Dorfkirche. Ein kleines Essen mit der Familie und bereits am nächsten Tag hatte der Alltag uns wieder.

Ich durfte ein Zimmer im Herrenhaus nehmen und bekam dafür nur geringfügig den Lohn gekürzt. So konnten Vincent und ich beinahe zusammen wohnen und es fühlte sich wirklich an, als wären wir beide schließlich doch erwachsen geworden. Es war ein beruhigendes Gefühl – zumindest aus meiner Perspektive. Vincent fand es hingegen beängstigend. Er sagte: „Du bist auf all das hier vorbereitet. Ich bin allerdings ein völliger Idiot.“

Das stimmte nun auch wieder nicht. Er bemühte sich redlich, seine Gedichte in irgendwelchen Zeitungen unterzubringen, aber es klappte nicht.

Er sagte: „Sie nehmen mich nicht, weil ich in diesem Haus hier wohne. Sie halten mich für irgend so einen privilegierten, gelangweilten Adelssprössling, der der Welt beweisen muss, was für ein Schöngeist er ist. Sie glauben, ein echter Dichter müsse leiden und dabei setzen sie Leid mit Armut gleich. Ach, wenn sie nur von der geistigen Armut der privilegierten Adelssprösslinge wüssten!“

„Beschwerst du dich gerade, dass du nicht arm genug bist?“, fragte ich.

„Nicht arm genug, um unterstützt zu werden. Nicht reich genug, um mich über Wasser halten zu können“, sagte er und zuckte mit den Schultern. Sein Zynismus war zurückgekehrt und es beruhigte mich. Eine Ehe mit einem Mann, der mir fortwährend vorjammert, was er für ein Versager ist, wäre mir auf Dauer doch recht anstrengend vorgekommen.

 

Recht früh hatten wir uns entscheiden, dass wir zumindest vorerst keine Kinder wollten.

„Wir können sie nicht ernähren und noch mehr nicht zur Familie gehörende Kinder in diesem Haus würden Alberts Halsschlagader vermutlich zum Platzen bringen.“

Ich stimmte ihm zu. So lange mein Lohn unser Haupteinkommen war und Vincent sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern bewohnte, fühlte es sich nicht richtig an, eine Familie zu gründen. Wir waren eben ein junges Ehepaar, das es langsam angehen wollte.

„Moderne Zeiten“, kommentierte Emily.

„Er nennt es eine hündische Ehe“, erklärte ich ihr.

„Komischer Ausdruck. Die meisten Hunde, die ich kenne, vermehren sich, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Welpen ernähren.“

Ich zuckte mit den Schultern. Das hatte ich mir von Vincent abgeschaut.

„Na, Hauptsache, ihr seid euch einig.“

„Ich denke, das sind wir.“

 

Eine Ehe ist eine ernüchternde, aber keine trockene Angelegenheit. Wer glaubt, dass man nach der Hochzeit für immer im Liebestaumel durchs Leben wankt, der irrt. Aber so richtig vom Alltag und seiner Langeweile eingeholt wurden wir auch nicht.

Vincent ließ sich immer neue Themen und Interessensgebiete einfallen, über die er erst sich und dann mich informierte. So entwickelte er zum Beispiel eine beinahe obsessive Neigung für die Astronomie.

Noch im November verbrachten wir die Nächte auf dem nahegelegenen Feld. Es war ihm egal, ob wir froren, wenn nur das Wetter gut und der Himmel klar war, denn zu dieser Zeit konnte man sein Lieblingssternbild besonders gut am Südhimmel stehen sehen. Er erklärte mit dann jedes Mal, was es damit auf sich hatte: Orion, der sagenumwobene Jäger, prahlte damit, jedes Tier der Welt jagen und erlegen zu können. Weil diese Anmaßung den Göttern missfiel, erschufen sie den Skorpion, das Wesen, das ihn schließlich niederstreckte. Am Himmel sieht man den Jäger begleitet von seinem Hund Sirius, den Plejaden nachstellend, während er gleichzeitig dem Skorpion nachjagt, der genau dann hinter dem Horizont verschwindet, wenn Orion aufgeht. Die beiden werden einander nie erreichen und sich ewig verfolgen. Er zeigte zum Himmel und sagte: „Siehst du den Stern da?“ Ich sah viele Sterne, aber ich wusste, welchen er meinte. „Das ist Beteigeuze“, erklärte er, „Er muss unvorstellbar groß sein und nur deshalb können wir ihn sehen, denn er ist außerdem unvorstellbar weit weg. Eines Tages wird er sich zur Nova aufblähen und dann verglühen und einfach verschwinden. Und wir wissen nicht, ob es morgen oder in hunderttausend Jahren passieren wird. Vielleicht ist es auch schon geschehen, denn sein Licht braucht viele Jahre, um uns zu erreichen. Wenn wir zum Sternenhimmel blicken, sehen wir in die Vergangenheit. In viele verschiedene Vergangenheiten. Wir wissen zu keinem Zeitpunkt, was real ist. Die Sterne erinnern uns daran, dass wir nichts wissen.“

Ich saß neben ihm und klapperte mit den Zähnen vor Kälte, aber wir würde nicht nach Hause gehen, ehe er mir nicht all diese Dinge erzählt hatte.

„Das Wort Beteigeuze stammt aus dem Arabischen“, sagte er, „es bedeutet „Hand der Riesin“. Für die Araber war der große Jäger offensichtlich eine Frau.“

„Ich finde auch, er sieht eher nach einer Frau aus. Sieh nur den eleganten Gürtel, den sie trägt und das, was sie da in der Hand hat, ist sicher ihr Nudelholz.“

„Es ist ein Schwert“, behauptete Vincent, „Oder ein Bogen.“

„Für mich ist es ein Nudelholz.“

 

Was Vincent nicht verstand, war, dass es einen Unterschied zwischen Liebe und Partnerschaft, Ehe und Freundschaft gab. Seiner Ansicht nach, reichte es, bedingungslos zu lieben, keinen anderen Menschen mehr ansehen zu wollen und sich ganz und in tiefem Vertrauen auszuliefern. Aber es geht um mehr als nur um Vertrauen. Eine Partnerschaft basiert auf vier Grundelementen und Vertrauen ist nur eines davon. Ebenso wichtig ist ein gesundes Selbstbewusstsein, sich abgrenzen zu können, bevor man Gefahr läuft, sich ganz im Anderen aufzulösen, völlig die Kontrolle zu verlieren und in dessen Abhängigkeit zu geraten. Auch die Tugend der Ehrlichkeit ist im klassischen Sinne nicht romantisch, denn sie beinhaltet vollständige und gnadenlose Offenheit. Man muss bereit sein, sein Schlimmstes zu zeigen und in der Lage, das Schlimmste des anderen zu ertragen. Scham hat in einer Ehe keinen Platz. Scham und Eitelkeiten sind in der Liebe vielleicht anregend, in der Partnerschaft aber kontraproduktiv, denn sie vernebeln die Sinne, die für die vierte Tugend wichtig sind: Empathie. Ohne Verständnis – auch für Schwächen, Fehler und schlechte Angewohnheiten – kann eine Liebe nicht bestehen. Es sind also vier Tugenden, die die Liebe im Gleichgewicht halten: Das Selbstbewusstsein hält die Hingabe in Schach und das Verständnis entschärft die Anstrengungen der Ehrlichkeit, welche wiederum die unrealistischen Erwartungen dämpft.

Für Vincent hingegen gab es nur Liebe oder gar nichts. Wer liebte, musste auch die Schwächen des anderen lieben – sie nicht nur ertragen. Er musste bereit sein, sich für die geliebte Person völlig aufzulösen, wenn es sein musste. Er musste, das beste für sie wollen, selbst wenn das bedeutete, selbst untergehen zu müssen.

Ihn zu lieben, bedeutete, ihn vor sich selbst zu schützen, während man sich selbst ebenfalls schützen musste. Es war schwer, den Abstand zu wahren, den es brauchte, um nicht von ihm verschlungen zu werden, denn er sorgte immer dafür, dass man sich sicher und geborgen fühlte.

Nie wurde er laut, nie rechthaberisch. Zwar redete er gerne, erklärte mir viel und wollte beweisen, wie gebildet er war, doch bestand er nie auf seinem Recht. Es fiel ihm leicht, Streitigkeiten nicht auszutragen, sondern kleinbeizugeben. Ich bekam, was ich wollte, wenn ich bescheiden blieb. Wenn ich zu viel gewollt hätte, so hätte er sich eher selbst zerfleischt, als mir einen Wunsch abzuschlagen.

Nie musste ich Angst vor seinen Launen haben. Natürlich hatte er welche, aber er wusste, wie irrational sie waren und bat mich, wann immer er in trübsinniger Stimmung war, ihn nicht ernst zu nehmen.

Nie verlangte er etwas von mir, das ich nicht wollte. Nie zwang er mir etwas auf. Er überließ mir alle Entscheidungen, was mir die Verantwortung in und für unserer Ehe auferlegte. Emily meinte bei einer Gelegenheit einmal, Vincent würde es sich sehr leicht und bequem machen und ich sei ihm weniger eine Ehefrau als eine Ersatzmutter, aber ich glaube, dass sie nur neidisch war.

Ich fühlte mich nicht eingeengt oder belastet, sondern ernst genommen und erwachsen.

Aber gerade wenn man glaubt, alles im Griff zu haben, schlägt das Schicksal zu und führt einem vor Augen, dass man in Wirklichkeit nichts unter Kontrolle hat.

Erst erfuhren wir kurz nach Weihnachten, dass Lady Charlotte wohl ihr erstes Kind erwarte und nun besonderer Betreuung bedurfte, denn sie litt unter ungewöhnlich starker Übelkeit. Dann erfuhren wir, dass Vincents Vater tödlich erkrankt war. Er musste es schon seit einer Weile gewusst haben, hatte es aber vor allen geheim gehalten. Erst als sich sein enormer Gewichtsverlust nichts mehr leugnen ließ, gab er zu, dass er bereits mit einem Arzt gesprochen hatte, der ihm aber keine Hoffnungen gemacht hatte.

Wir versuchten, damit umzugehen, wie er damit umging: Würdevoll und furchtlos, doch Vincents Mutter erlitt erst einen Nervenzusammenbruch und dann ein neuerliches Erwachen besonderer, verzweifelter Frömmigkeit.

Mr. Davies inszenierte sein Sterben nicht. Er ging einfach. An einem Tag war er noch da, am nächsten nicht mehr. Die Beerdigung fand an einem regnerischen Apriltag statt und alle Bewohner und Angestellten des Hauses waren anwesend. Lord Brighman hielt eine ergreifende Rede, Albert bestätigte pflichtschuldig, dass Mr. Davies ein herausragender Lehrer gewesen sei. Seine Geschwister warfen Blumen in das Grab und Greta musste über die ganze Zeremonie die Hand ihrer Mutter halten.

Lady Charlotte strahlte die Wonne einer Schwangeren aus und hielt sich, so weit es ging, im Hintergrund. Später aber kam sie zu Mrs. Davies und bat sie, in Haus zu bleiben und ihr bei der Erziehung ihres Kindes zu helfen.

„Sie haben zwei so wohl geratene Jungen und ich möchte, dass mein Kind von einer Frau betreut wird, die ich bereits kenne und von der ich weiß, dass sie etwas von dieser Arbeit versteht.“

„Aber ich bin kein ausgebildetes Kindermädchen“, sagte Mrs. Davies.

„Sie sind eine ausgebildete Mutter“, erwiderte Charlotte.

„Du brauchst ein Dach über dem Kopf“, erinnerte Vincent sie in etwas harscherem Ton, „Das hier ist deine Chance, einen geruhsamen Lebensabend zu verbringen. Nimm sie an! Es ist das Beste, was dir passieren kann!“

 

„Das aus deinem Mund?“, fragte ich ihn später.

„Wir müssen realistisch sein“, sagte er, „Sie ist meine Mutter und ich liebe sie. Wo soll sie sonst hin? Was soll sie tun? Sie kann nicht allein in einer Wohnung in der Stadt leben. Sie ist nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Sie braucht dieses Haus und ihre Stellung. Sie muss sich abhängig fühlen, sonst fühlt sie sich verloren. Und denk doch nur an John. Willst du, dass er völlig verwahrlost?“

„Was wird er jetzt tun?“, fragte ich.

„Vielleicht findet er Arbeit auf den Feldern. Vielleicht irgendwo im Dorf.“ Das war natürlich nur ein Scherz. John war schließlich erst elf Jahre alt.

Am Ende ließ man ihn dennoch in der Küche mitarbeiten. Am Vormittag musste er nun in die Dorfschule gehen und erlebte zum ersten Mal in seinem Leben, wie rau der Alltag seiner Altersgenossen war.

Seine Gesundheit litt darunter, dass er jeden Tag den weiten Weg ins Dorf gehen musste und sein Geist litt darunter, dass seine Klassenkameraden in ihm ein schwächliches Opfer erkannten. Wie Vincent fiel es ihm schwer, Freunde zu finden.

 

Im Sommer 1881 brachte Lady Charlotte ein gesundes Mädchen zur Welt. Sie wurde auf den Namen Barbara getauft und Vincents Mutter wurde Taufpatin, was sie mit großem Stolz erfüllte. Es war immer ihr Traum gewesen, eine kleine Tochter zu haben und dass Lady Charlotte sie wirklich eng einband, lenkte Mrs. Davies davon ab, in Verzweiflung und Trauer zu versinken. Und natürlich drehte sich von da an alles um das kleine Kind. Lady Brighman war entzückt, Lord Brighman stolz. Greta wünschte sich sofort, und ohne an die Konsequenzen zu denken, auch ein Baby.

„Aber du bist doch noch nicht einmal verheiratet“, sagte Lady Charlotte zu ihr, „Du hast ja noch nicht einmal einen Liebsten.“

„Vielleicht wird es Zeit, dass Vater sie mal auf einen Ball schickt“, fand Albert, „Aber da würde sie auch nur alle verschrecken. Sie ist ein hoffnungsloser Fall.“

„Was denkst du?“, fragte mich Vincent.

„Ein Kind? Jetzt doch?“

„Empfinden Frauen nicht diese Sehnsucht natürlicherweise?“

„Du glaubst, unser Gehirn schaltet aus, wenn wir ein Baby sehen?“

„Die Natur hat es so eingerichtet, dass…“

„Vincent, willst du ein Kind?“, fuhr ich ihn an, „Dann sag es! Aber bieg es nicht so zurecht, dass am Ende ich die Entscheidung allein treffen muss.“

„Ich habe dich zuerst gefragt“, beharrte er.

„Nein, ich will kein Kind!“, sagte ich und damit hatte sich die Sache erledigt. Vincent war ein wenig enttäuscht, wusste aber natürlich, dass meine Entscheidung die vernünftige war.

 

In den folgenden Jahren brachte Lady Charlotte zwei weitere Kinder zur Welt. Die beiden Jungen hießen Albert Thomas Jonathan und Alexander Richard, wobei besonders Albert Junior die besondere Aufmerksamkeit seines Vaters genoss. Aber auch sie wurden von Mrs. Davies unter die Fittiche genommen.

Der kleinen Barbara hatte sie bereits beigebracht, wie man sich als gottesfürchtige Christin verhielt und auch die beiden Jungen sollten eifrige Kirchgänger werden. Sie brachte ihnen Gebete und Kirchenlieder bei, erzählte ihnen statt Märchen Geschichten aus der Bibel und hielt sie an, sich immer an Gottes Gebote zu erinnern.

Während aber die drei Adelskinder wuchsen und gediehen, ging es John immer schlechter. Aus dem kleinen, linkischen Jungen war ein schmaler, hochgewachsener Schlacks geworden. Wenn man ihn ansah, hatte man immer das Gefühl, dass ihm etwas fehlte. Er aß zwar, aber es war nie genug, um seinen Körper zu versorgen. Seine Aufgaben in der Küche konnte er bald nicht mehr erfüllen.

„Er ist zu schnell außer Atem“, sagte die Köchin, „und ich kann niemanden gebrauchen, der sich ständig hinsetzen und ausruhen muss.“

Es wurde ein Arzt gerufen und der bestätigte, dass John nicht bei bester Gesundheit war.

„Sein Herz“, diagnostizierte er, „Damit stimmt etwas nicht. Er muss sich Zeit seines Lebens schonen.“

Von da an verließ er sein Zimmer kaum noch. Mrs. Davies wollte nicht, dass er sich draußen eine Erkältung zuzog oder einen Zusammenbruch erlitt, wenn er gerade unbeaufsichtigt war.

„Es bringt ihn um“, sagte Vincent zu mir, „Wenn er nur noch da liegt, wird sein Herz nur noch schwächer, aber meiner Mutter ist nicht beizukommen.“

Also versuchte ich es und redete mit ihr von Schwiegertochter zu Schwiegermutter.

„Und wenn ich mit ihm spazieren gehen würde? Nicht sehr weit, nur dass sein Kreislauf ein bisschen auf Touren kommt“, schlug ich vor.

Sie lehnte ab. Sie vertraute mir nicht.

„Ich habe zwei Kinder groß gezogen und bin gerade für drei weitere verantwortlich. Du hast keine Kinder, du weißt nicht, was das Richtige ist!“

Sie unterschätzte, was es bedeutete, mit drei jüngeren Geschwistern in einem Bauernhaus aufzuwachsen, aber ich ließ ihr diesen kleinen Triumph. Sie hatte ja sonst nichts.

Der Triumph indes hielt nicht lange vor. Im Sommer 1884 verstarb John, nicht an einem schwachen Herzen, sondern ganz profan an der Schwindsucht.

Es war einer dieser Tode, die man kommen sah und die einen deshalb nicht erschütterten. Ich machte mir schwere Vorwürfe, weil ich kaum um John trauern konnte, dass es mich so wenig berührte.

„Wir alle stumpfen ab“, sagte Vincent, „Je älter wir werden, umso mehr Menschen sterben, umso mehr gewöhnen wir uns daran, bis es uns eines Tages nicht mehr berührt.“

„Er war dein Bruder“, schalt ich ihn.

„Und er war krank. Er hatte kein Leben. Er hatte ja noch nicht einmal eine Chance. Betrauerst du ein Kälbchen, das gemästet und geschlachtet wird?“

„Vincent!“

Ich sprach für den Rest der Woche kein Wort mehr mit ihm, obwohl er versuchte, seinen Missgriff wieder gut zu machen, indem er mir einige Hausarbeiten abnehmen wollte, unser Zimmer abstaubte und am Abend Tee für mich kochte.

„Manchmal bist du unerträglich“, sagte ich zu ihm, als er nach dieser Woche mit einem Strauß Blumen vor mir stand.

„Ich weiß“, sagte er.

„Niemand hat es verdient so behandelt zu werden.“

„Wie?“

„Na, so…“, ich wusste nicht genau, was ich sagen wollte, „Wie ein Tier, wie ein Kleinkind, wie ein Insekt, wie eine Puppe, wie ein Besitztum…“

„Ich fürchte, wir alle sind schuldig, Menschen zu objektifizieren“, sagte Vincent.

„Aber nur weil wir es alle tun, ist es nicht in Ordnung!“

„Ich wollte nur damit sagen, dass wir keine besonders schlechten Menschen sind, nur normal schlechte.“

„Aber das reicht mir nicht aus“, sagte ich, „Ich will besser sein als das. Ich musste nicht einmal weinen. Ganz so, als hätte es geschehen müssen und als wäre es gut und richtig so. Aber man sollte wütend sein. Man sollte es nicht hinnehmen, dass junge Menschen einfach so sterben. Man sollte etwas dagegen tun und wenn man versagt, dann muss man weinen. Wir haben nichts getan, deshalb können wir nicht weinen. Wir dürfen es nicht. Weinen ist heilig. Wir sind es nicht.“

Für Mrs. Davies hingegen war die Sache klar: „Es ist der Fluch!“, klagte sie, „Er hat mir meinen ersten Sohn, meinen Mann und nun noch einen Sohn genommen. Was ist mir jetzt noch geblieben?“

„Mutter, ich bin noch da“, versuchte Vincent, sie zu beruhigen.

„Du wirst mir auch noch genommen!“, prophezeite sie, „Du wirst auch gehen. So will es der Fluch! Niemand kann leben, solange ich lebe!“

Und sie meinte es ernst. Als Lady Charlotte ihr Beileid bekunden kam, sagte Mrs Davies zu ihr: „Lassen Sie mich nicht mehr in die Nähe ihrer Kinder! An meinen Händen klebt der Tod, in meinem Atem ist die Sünde! Ich bringe Unglück in dieses Haus!“

„Aber nicht doch! Sie sind die gute Seele des Hauses! Niemand glaubt, dass sie überhaupt in der Lage sind, an eine Sünde zu denken.“

„Wenn ich es doch sage!“, rief Mrs. Davies, „Schickt mich fort! Werft mich in die Gosse! Wofür tauge ich denn noch? Ich habe in allem, was ich versucht habe, versagt. Schützt eure Kinder, schützt eure Familie vor mir!“

„Nichts dergleichen werden wir tun!“, sagte Lady Charlotte fest, „Sie bleiben, wo Sie sind und Sie tun, was Sie immer getan haben! Ich bestehe darauf. Ich könnte mir keine bessere Kinderfrau vorstellen als Sie!“

 

So wohlmeinend die Aussagen der jungen Mutter gewesen sein mochten, sie brachten Mrs. Davies in ihrer undurchdringlichen Gedankenwelt in die Bredouille. Wenn sie in die Gosse gestoßen worden wäre, hätte sie dies als Strafe annehmen und auf eine Aufhebung des Fluches hoffen können. Da man ihr aber stattdessen Vertrauen schenkte und ihr ein angenehmes Leben garantierte, glaubte sie, dass das Schicksal sich über sie lustig machte. Aus ihrer Perspektive litten immer die anderen, obwohl niemand es mehr verdient hatte als sie selbst und es war ihre Strafe, die anderen in ihrem Leid beobachten zu müssen. Es war, wie mit Kuchen gefüttert zu werden, während man den eigenen Kinder beim Verhungern zusehen musste.

Es ist ein Test, dachte sie. Der Teufel selbst prüft mich und ich habe dreimal bisher versagt. Nun ist mir nur eine Chance geblieben, um zu beweisen, dass ich eine anständige Frau bin.

Vincent sollte leben. Um jeden Preis der Welt sollte er nicht Opfer des Fluches werden. Welche Sünden Mrs. Davies auch immer bereute, sie würden gesühnt werden.

Sie ertränkte sich nur einen Monat nach dem Tod ihres Sohnes in einem Weiher. Ihre Leiche fand man erst, als sie schon unansehnlich, aufgedunsen und von Ratten angenagt war.

„Jetzt hat sie, was sie wollte“, sagte Vincent kühl.

„Sie muss sehr verzweifelt gewesen sein“, bemerkte ich.

„Wer ist das nicht?“

 

Jetzt war er – mit Ausnahme von mir – allein in der Welt. Vincent taumelte zwischen Erleichterung und Bestürzung. Ich war sein letzter Halt. Er wusste, dass er ohne mich abstürzten würde. Niemand wollte seine Gedichte veröffentlichen, niemand interessierte sich für seine Prosatexte. Seit einigen Monaten arbeitete er an einem Roman, kam aber nicht voran.

„Ich bin ein Mann, der zum Scheitern verurteilt ist“, sagte er mir eines Abends, als er jedes Stück Papier, dass er beschriftete, am Ende zusammenknüllte und fortwarf.

„Du bist zu selbstkritisch“, erwiderte ich.

„Es wäre schön, wenn es so wäre, aber während ich zumindest manche meiner Gedichte annehmbar finde, meinen diese Zeitungsleute, dass sie es nicht mal wert sind auf ein Stück Papier gedruckt zu werden, mit dem man Fisch einwickelt.“

„Du musst es nur weiter versuchen“, sagte ich, „Irgendwann wird jemand erkennen, was in dir steckt.“

Inzwischen kannte ich ihn gut genug, um zu wissen, dass solche Sätze einfach an ihm abprallten, er sie aber dennoch hören wollte – nur um ihnen zu widersprechen.

Aber seine Befürchtungen waren nicht substanzlos. Der alte Lord Brighman war in den letzten Jahren gebrechlicher geworden und zog sie immer mehr von seinen Verpflichtungen zurück, um sie seinem Sohn und Erben zu überlassen. Er ließ mich in sein Büro rufen und fragte mich mit sehr besorgter Stimme: „Welche Zukunft hat sich ihr Mann eigentlich ausgemalt?“

„Er will Schriftsteller werden“, sagte ich.

„Hat er denn schon etwas veröffentlicht?“

„Bisher nicht, aber er…“

„Mrs. Davies, sehen Sie zu, dass Ihr Mann eine Anstellung findet, ich beschwöre Sie! Eine junge Frau wie Sie sollte nicht für den Unterhalt einer Familie sorgen, sondern Kinder zur Welt bringen. Diese Anstellung kann doch nicht die Erfüllung all Ihrer Träume sein?“

„Wollen Sie mich freistellen?“, fragte ich.

„Oh nein, keineswegs. Es würde mir unendlich leidtun, wenn Sie gehen würden, aber ich bin alt, meine Interessen sind weit weniger wichtig als Ihre.“

 

Aber das Blatt schien sich zu wenden. Vincent konnte drei oder vier Gedichte in einer Zeitschrift unterbringen und erhielt das Angebot, einen kleinen Band mit eigenen Texten zu veröffentlichen. Für einige Wochen war er Feuer und Flamme dafür, die richtigen Gedichte auszuwählen. Er verbrachte die Nächte damit, sie richtig anzuordnen, verwarf alles wieder, suchte nach Kategorien, Überschriften, verfasste ein Vorwort, verwarf dieses wieder und platzte beinahe vor Stolz, als das Büchlein schließlich in Druck ging.

Ich freute mich, als er es mir widmete und ihm den Untertitel „hündische Liebesbriefe“ gab.

Es verkaufte sich natürlich nicht sehr gut, aber von den Tantiemen, die er ausbezahlt bekam, konnten wir uns kein kleines Sparpolster anlegen, das wir vielleicht irgendwann brauchen konnten, wenn wir dieses Haus verlassen würden.

Vincent sprach nun immer häufiger davon: „Geld fesselt einen und kein Geld zu haben, fesselt einen noch mehr.“

„Wir haben doch keine Sorgen“, sagte ich.

„Wir können nicht gehen, wohin wir wollen, ohne über kurz oder lang zu verhungern“, sagte er.

„Was erwartest du denn? Ohne Anstrengung kann niemand überleben.“

„Ich habe Albert sich in seinem Leben noch nie anstrengen sehen.“

„Naja, er trägt vielleicht keine Lasten, aber er trägt die Verantwortung.“

„Du glaubst das nicht wirklich, oder?“

„Man muss sich doch arrangieren.“

„Aber muss man sich selbst belügen?“

„Wo würdest du denn hingehen wollen?“, fragte ich.

„Überall hin. Willst du denn wie Welt nicht sehen? Stell dir nur mal vor, wir würden einmal quer durch Australien reiten, nur du und ich. Dafür ist das Leben gedacht, nicht um hier die Fenster von irgendeinem Lord zu putzen, der selbst unzufrieden ist, dass er an dieses neblige Stück Land gebunden ist. Wenn man in England geboren wird, hat man eigentlich schon verloren. Es ist der langweiligste Flecken Erde überhaupt. Alles ist reglementiert. Dein ganzes Leben ist vorgeplant, bevor du überhaupt geboren wurdest. Den Leuten ist egal, was du liebst, was du kannst oder was du willst. Sie sehen nur: Du bist adlig, also musst du zu einem Arschloch erzogen werden. Du bist ein Arbeiterkind, also muss niemand um dich weinen, wenn du im Dreck verreckst. Es ist eine Religion, Helen. Die Leute glauben, sie seien so aufgeklärt und so modern, aber statt an Gott und die Kirche glauben sie an Geld und an Stände. Und deshalb finde ich es besser, wenn man sich nicht zu viel mit Leuten abgibt.“

Vincent war schon immer eher ein Misanthrop, aber je älter er wurde, desto mehr verhärtete sich seine Ansicht.

„Ein Eremit sein. Ich glaube, dass ist der Sinn des menschlichen Lebens. Wer nicht gestört wird, kann sein ganzes Potenzial ausschöpfen. Was könnte ich alles in der Einsamkeit schaffen! Aber ich bin hier und muss mich von den Mauern dieses Hauses erdrücken und zerquetschen lassen.“

„Ich finde das sehr unhöflich“, sagte ich, „Zumindest mir gegenüber.“

„Aber dich meine ich doch nicht“, sagte er, „Keine Einsamkeit wäre erträglich ohne dich. Ich will mit dir zusammen einsam sein, das musst du doch verstehen! Wenn ich von mir selbst spreche, meine ich immer auch dich, denn du und ich, wir sind eins. Ich allein bin nichts.“

Es gefiel mir nicht, wie er mich nur noch als Teil einer Partnerschaft betrachtete und sagte es ihm, aber er verstand nicht, was ich meinte, denn er selbst betrachtete sich selbst als völlig unselbständig.

In dieser Zeit schrieb ich Emily lange Briefe und sie antwortete mit ihrem üblichen galligen Humor, den sie sich nie abgewöhnt hatte: „Alle Männer machen diese Krise durch, wenn sie feststellen, dass ihr Kopfhaar dünner wird und sie zum ersten Mal auf die Idee kommen, dass sie nicht mehr attraktiv sind und es möglicherweise auch nie waren. Ihnen fliegt ihr Selbstbetrug um die Ohren. Sie werden erwachsen und geben sich geschockt über sich selbst und ihre Dummheiten. Aber mach dir keine Illusionen, sie werden keine davon jemals zugeben und sich auch nie bei dir entschuldigen. Sie werden einfach nur stumm und lethargisch. Mehr kannst du nicht erwarten.“

Ich erinnerte mich, dass auch Emily in ihrer Jugend den Wunsch verspürt hatte, ihre Heimat zu verlassen, vor all den Konventionen zu fliehen und fremde Länder zu erkunden.

Dazu schrieb sie: „Die meisten Länder der Welt sind heute ohnehin vom englischen Geist beseelt. Man kann nirgendwo mehr hinreisen, ohne auf Engländer zu treffen, was nutzt es also, all die Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen? Man müsste schon auf den Mond reisen, um ihnen zu entkommen.“

Auch wenn sie mich immer noch amüsierte, konnte Emily mir nicht helfen. Vincent durchlebte keine Krise, die sich durch ein verfrühtes Einsetzen des Alterns erklären ließ und er resignierte auch nicht. In ihm hatte sich ein Krampf zusammengeballt, er stand permanent unter Strom, alle seine Muskeln waren angespannt, bereit, jederzeit zu kämpfen oder davon zu laufen.

„Das hier ist nicht alles“, pflegte er zu sagen, „Etwas wird kommen. Das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Etwas wird passieren und wir müssen bereit sein.“

„Aber was nutzt es, sich ständig zu fürchten, ständig auf der Hut zu sein, wenn man es doch nicht aufhalten kann?“, fragte ich.

„Aufhalten nicht, aber kontrollieren“, sagte Vincent, „Wir müssen die Kontrolle behalten.“

„Worüber?“

„Über unsere Würde“, sagte er, aber ich verstand nicht, was er meinte.

„Ich fürchte nicht um unsere Würde.“

„Noch nicht. Es ist der Fluch, Helen, er lag zu keiner Zeit auf meiner Mutter. Sie hatte Unrecht. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich umsonst gefürchtet und sie hat sich ganz umsonst umgebracht. Sie wollte mich retten. Ha! Helen, der Fluch lastet auf mir! Er ist nicht auf mich übergegangen, er lastete mein ganzes Leben auf mir. Ich bin es. Ich muss leben, während alle anderen von mir gehen. Ich lebe überhaupt nur, weil mein Bruder gestorben ist und ich bin ein Versager, weil ich der Letzte bin und der Letzte bleiben werden. Der Name meines Vaters wird aussterben mit mir. Sie alle sind gestorben, damit ich die Schuld daran tragen muss. Es ist mein Fluch. Es ging von Anfang an um meine Sünden.“

„Du wirst doch nicht etwa plötzlich religiös werden?“, fragte ich gespielt entsetzt, denn ich dachte er hätte einen Scherz gemacht.

Er blickte mich entgeistert an: „Das ist es ja gerade. Ich bereue nichts. Nicht aufrichtig. Ich würde alles noch einmal genauso machen. Ich weiß, da ist diese Schuld, aber ich will sie nicht wieder gut machen, denn ich finde, dass die Welt es verdient hat, so zu sein, wie sie ist. Ich will sie nicht verändern. Ich will niemandem helfen. Ich will nichts leisten und ich will ganz sicher nichts dafür bezahlen, dass ich ein menschenwürdiges Leben führen kann.“

„Wenn dich Alberts Vorwürfe so sehr treffen, dass du dich bei mir dafür rechtfertigst, dass sie dich nicht treffen, solltest du vielleicht damit anfangen, diese Vorwürfe aus dem Weg zu räumen.“

„Helen, deine Vorstellung von Leben ist so grau und eng. Ich liebe dich dafür und ich brauche dich deswegen, weil du mein Fels bist, das weißt du, aber ich kann mein Zeit nicht zur einen Hälfte damit verbringen, mir meinen Körper und meine Nerven zerstören zu lassen, um ihn in der anderen Hälfte der Zeit wieder zusammenzusetzen, damit ich später wieder bereit bin, um mich kaputt zu machen. Das ist Raubbau am Leben und ich will nicht, dass meine Kräfte, meine Gefühle und meine Gedanken erodiert werden, weil irgendjemand daraus Profit schlagen will oder es ihm einfach ein gutes Gefühl bereitet, Macht über mich zu haben. Ich will gehen, wohin ich will, ich will essen und schlafen, wann ich will. Ich will träumen und sagen, was ich will. Ich will keine Angst haben müssen. Ich will nichts müssen, aber alles dürfen, verstehst du? Es geht um Freiheit. Wir sind nicht frei, Helen, obwohl wir nirgendwo festgekettet sind. Trotzdem haben wir nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten: Und hier gängeln lassen oder draußen im Schlamm verhungern. Und glaub ja nicht, dass es drüben in Amerika anders ist. Die lecken sich immer noch die Wunden aus ihrem letzten Krieg und wer garantiert ihnen, dass es keinen zweiten geben wird? Freiheit, das schreiben sie nur auf ihr Papier und dann zwingen sie dich, auf ihren Baumwollfeldern zu arbeiten. Was glaubst du, wer die Rohstoffe für deine Kleider hergestellt hat, Helen? Was glaubst du, wer die Stoffe gewoben hat? Wer hat sie vernäht? Seit die Menschen ihre Kleidung nicht mehr selbst herstellen, glauben sie, sie seien etwas Besseres. Sie fühlen sich ein bisschen wie Adlige, die sich mehr als eine Garderobe leisten können, dabei sind sie kein bisschen reicher geworden. Es gibt jetzt nur andere, die noch ärmer sind und auf die sie herabblicken können und das reicht ihnen. Niemand interessiert sich für Fakten, es geht immer nur um Gefühle. Du hast das Gefühl, relativ reich zu sein, wenn du Leute siehst, die ärmer sind als du. Aber wir beide, wir sehen jeden Tag nur Menschen, die reicher sind als wir und deshalb… deshalb wissen wir, wie es wirklich ist.“

Seine Tiraden wurden mit den Jahren immer länger und extremer. Manchmal hatte ich Angst, dass eines Tages ausrasten und ernst machen würde.

„Wenn der Alte stirbt“, sagte er, „kannst du dich darauf einstellen, dass hier ein anderer Wind weht. Aber um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob es nicht vielleicht sogar besser sein wird. Der Alte jedenfalls macht es einem nicht leicht, ihn zu hassen. Er gibt sich jovial und hofft, dass ihn das retten wird. So haben es die Fürsten immer getan. Gerade so viele Brosamen verteilt, dass niemand gegen sie aufgestanden ist. So konnten sie in ihrer Position verbleiben und ihren Traum vom Herrschen ausleben. Albert aber ist anders. Er ist gierig und jähzornig. Leute wie er versuchen, den wackeligen Stuhl, auf dem sie sitzen, mit Gewalt zu festigen – nicht mit Zugeständnissen. Leute wie er sterben üblicherweise nicht im Bett.“

„Du willst ihm doch nichts antun!“, rief ich entsetzt.

„Vielleicht nicht ich, aber vielleicht jemand anderes. Vielleicht du? Vielleicht sein Hund?“

„Du hast ihm das immer noch nicht verziehen?“, fragte ich.

„Er hat sich bis heute nicht entschuldigt und er wird es auch nicht tun. Viel eher bedauert er, dass der Köter mich nicht vollständig in Stücke gerissen hat. Jeden Tag sieht er mich und wird daran erinnert, dass wegen mir sein geliebter Hund sterben musste und dafür hasst er mich. Ich bin ihm weniger wert ein sein toter Hund. Irgendwann wird es soweit sein und einer von uns beiden wird sich rächen.“

„Aber Vincent, was redest du denn?“, rief ich, „Du wirst ihm doch nichts antun! Was soll dieser Groll? Warum söhnt ihr auch nicht endlich aus? Ihr seid doch keine Kinder mehr.“

„Was tue ich noch hier, Helen? Ich leiste nichts, ich helfe ihm nicht, ich produziere nichts, ich mache ihm sein Leben nicht angenehmer. Wieso sollte er sich mit mir aussöhnen? Er will mich weghaben und ich will ihn weghaben.“

„Weghaben“, wiederholte ich, „Verwende gefälligst andere Wörter. Wir reden so nicht über andere Menschen!“

„Er will mich vernichten und ich will ihn…“

„Vincent!“

„Ich will ihn auf ein normales Maß zurückstutzen“, sagte er.

„Diese Phantasien, die du da hast, enden normalerweise nicht mit einer Belehrung, sondern mit Mord. Ich will nicht, dass du an so etwas auch nur denkst!“

Er zeigte mir seine Hände und sagte: „Glaubst du diese Hände können töten?“, er lachte, „Sie können nicht einmal arbeiten, wie sollen sie töten können? Das sind Hände die Wörter auf Papier kritzeln, mehr nicht. Die halten eine Feder, keinen Dolch.“

„Man hat schon von Menschen gehört, die töteten mit der Feder statt mit dem Schwert“, sagte ich.

„Es gibt ungerechtes Leben und gerechte Tode“, erwiderte Vincent, „Die Mittel sind dabei eher unerheblich. Die Feder jedenfalls steht dem Recht näher als das Schwert.“

„Was ist schon Recht?“, fragte ich, „Außer beschriftetes Papier? Geschriebenes Wort… Etwas Verlogeneres gibt es nicht.“

„Töten oder Töten lassen?“, sinnierte Vincent, „Das ist hier die Frage…“

„Jetzt hör aber auf damit!“, rief ich, „Niemand tötet hier irgendwen!“

Hast du wirklich geglaubt…“

„Manchmal weiß ich bei dir nicht mehr, was ich glauben soll, Vincent!“, unterbrach ich ihn.

„Verlogen bis auf die Knochen.“

„Ach, du willst mich nur provozieren!“, sagte ich und wollte das Gespräch abbrechen.

Vincent hingegen hielt das Schweigen nur für einige Minuten durch und sagte: „Glaubst du an Magie, Helen?“

„Was?“, fragte ich entnervt.

Er war wieder völlig ruhig und gefasst. Er wiederholte sie Frage, denn er meinte sie bitterernst: „Magie, Helen? Glaubst du an Zauberei, übernatürliche Phänomene, Dinge, die nicht und niemals erklärt werden können?“

„Ich glaube nicht“, sagte ich, nachdem ich kurz darüber nachgedacht hatte, „Das heißt… vielleicht schon ein bisschen. Aber nur weil es Dinge gibt, die man nicht verstehen oder erklären kann, heißt das nicht, dass sie magisch sind.“

„Wie würdest du Magie denn definieren?“

Ich überlegte: „Vielleicht wenn sich Dinge bewegen, ohne dass jemand einen Impuls gegeben hat.“

„So wie ein Magnet?“

„Ein Magnet ist ein Impuls“, beharrte ich.

„Was, wenn du den Impuls nicht wahrnehmen kannst, er aber trotzdem da ist?“

„Dann würde ich es wahrscheinlich als Magie bezeichnen“, sagte ich, „Fälschlicherweise.“

„Wir können also nie sicher sein.“

„Nein, nie“, sagte ich.

„Also könnten deine Impulse auch bloß Illusionen sein, Irrungen, Sinnestäuschungen. Kollektive Sinnestäuschungen. Was, wenn uns die ganze Umwelt belügt. Kannst du deinen Augen trauen, Helen? Und wenn nicht, kannst du deinen Gedanken trauen? Und wenn nicht, kannst deinen Worten oder meinen Worten trauen? Was ist wirklich und was nicht?“

„Was ist mit dir? Glaubst du an Magie?“, fragte ich.

„Definitiv“, sagte er.

„So?“

„Alles ist magisch. Alle Wissenschaften sind Betrug. Jeder der behauptet, er wüsste irgendetwas oder könnte irgendwas endgültig berechnen, lügt. Die einzige Wahrheit, die es gibt, ist die in der Poesie und auch die ist magisch. Jedes Gedicht ist eine Zauberformel. Und sie alle bewirken etwas in deinem Herzen und in deinem Kopf. Und sie bewirken auch etwas in Albert. Sie machen ihn wütend, weil er nicht versteht, was mit ihm geschieht. Er kämpft gegen seine eigene Hilflosigkeit, nicht gegen mich. Ich bin nur derjenige, der ihm nicht ins Gesicht lügt. Denn ich weiß, wie er sich fühlt. Er ist allein in der Welt und er weiß nicht, was er tun soll. Er hat Angst und niemanden, dem er es zeigen kann. Aber er weiß, dass ich es weiß und er schämt sich und fürchtet, ich könnte ihn verraten. Er glaubt, er könnte seine ganze Macht verlieren, wenn er seine Macht über mich verliert. Die Wahrheit ist, dass er schwach ist, deshalb muss er sich hart geben.“

 

Vincent sagte diese Dinge, als glaubte er sie selbst, aber ich wusste, dass er sich nur Mut zusprach. Der Schatten war immer irgendwo in der Nähe. Er wartete und lauerte in den Ecken und unter den Möbeln. Der Schatten verkroch sich in seinen Worten, aber er schlief nie. Er zeigte sich in Vincents Stimme, wenn sie zittrig wurde, in seinen Augen, wenn sie zu glänzen begannen, in seinen Händen, wenn sie sich unwillkürlich zu Fäusten ballten.

Vincent hatte Angst. Er war schon einmal angegriffen worden und er konnte jederzeit wieder angegriffen werden. Er war schutzlos und unbewaffnet. Er konnte jederzeit überall getroffen werden und jeder Einschlag konnte seine Welt erschüttern.

Ich merkte, wie er spürte, dass ihm die Zeit davonlief. Er hatte nichts vorzuweisen, nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen, nichts geleistet, nichts Gutes geleistet, nichts bewirkt, nichts verändert, niemanden bewegt. Er lebte ein Leben, das nicht gelebt werden musste – nicht zwingend. Eine Welt ohne ihn wäre nicht ärmer, nichts würde vermisst werden, sein Platz müsste nicht ersetzt werden.

Das große Rätsel, was ein Leben ist und was wir damit anstellen sollten, hatte er noch nicht einmal in Angriff genommen, er hatte sich einfach geweigert und jetzt merkte er, dass ihm etwas fehlte. Vincent glaubte nicht an Schicksal oder Bestimmung, aber er glaubte an Bedeutsamkeit. Menschen konnten über ihren Tod hinaus bedeutsam sein und näher konnte man der Unsterblichkeit nicht kommen.

Er dachte jetzt viel nach und fragte mich kryptische Dinge. Ob ich glaubte, dass er eine Seele hätte, ob man eine Seele geschenkt bekäme, oder sich erarbeiten musste. Ob ich glaubte, dass es verbindliche Tugenden gäbe. Er war sich da nicht mehr so sicher…

„Früher habe ich geglaubt, ich wüsste vieles. Heute weiß ich nicht mal mehr, was Wissen bedeutet, wie es sich anfühlt, wie man es nachweist, wie man es weitergibt. Mir bleibt nur noch, zu glauben, aber das habe ich nie gelernt.“

So fühlte es sich an, wenn man seine Überzeugungen verlor, als bröckelte die eigene Fassade und enthüllte ein dahinterliegendes Vakuum. Wer bin ich? Was bin ich, wenn ich mich selbst ablehne? Solche Fragen stellte er sich. Was ist da noch, wenn ich alles von mir wegschiebe, wenn ich mich nur noch darüber definiere, was ich nicht sein will? Und was bedeutet eigentlich wollen? Wenn ich etwas nicht sein will, bedeutet das dann automatisch, dass ich es auch nicht sein muss? Ich will kein Lügner sein, trotzdem lüge ich. Ich will kein Feigling sein.

Er schlief schlecht und wenn er mal ein Auge zutat, redete er in seinen Träumen. Ich wusste immer genau, mit wem er sich auseinanderzusetzen hatte. Seine Mutter, die ihn um Verzeihung bat, während er mit sich rang, sie ihr zu gewähren, sein Bruder, der ihm sein Leben nicht gönnte und sein Vater, der seine Enttäuschung längst nicht mehr so gut verbarg wie zu Lebzeiten.

„Helen“, sagte er, „Was für einen Sinn hat der Tod, wenn man nicht verschwindet? Werden wir vielleicht alle zu Geistern, die Lebenden zu richten und zu strafen? Es ist nicht so, dass ich sie nicht liebe, aber ich ertrage es nicht, sie zu sehen und dann aufzuwachen und mich zu fragen, was wirklich ist. Sie, am Leben, das ist, was sein sollte und nicht diese Leere, diese Farblosigkeit.“

 

Der Tod ist ein Teil des Lebens. Diese Binsenweisheit ist leicht dahingesagt, leicht zu verstehen, aber wenn man es spürt, wenn man es richtig verinnerlichen muss, dann tut es weh. Körperlich und seelisch. Während Vincent den Verlust seiner Familie verarbeiten musste, sagte er häufig Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte keine Seele. Ich möchte sie mir herausreißen und auf einem Scheiterhaufen verbrennen. Ich will sie nicht mehr. Ich will meine Ruhe haben. Ich will die Gleichgültigkeit eines kleinen Kindes. Ich will die Gelassenheit eines Toten.“

Aber Vincent war kein gelassener oder gleichgültiger Mensch. In Wirklichkeit wurde er unruhig und unleidlich, wenn es nichts gab, über dass er sich echauffieren konnte. Er sah so viel Ungerechtigkeit, dass er es sich nicht erlaubt, ruhig zu bleiben. Nur etwas zu unternehmen, das schaffte er nicht.

Das war die große Tragödie seines Lebens. Er schmiedete große Pläne, hatte tausend Ideen und brachte nichts davon zu Ende. Das meiste davon schaffte er nicht einmal, zu beginnen. Vincent interessierte sich nur für Ideen, die Umsetzung langweilte ihn meist. Er liebte Musik, schaffte es aber nie, das Spielen eines Musikinstrumentes zu erlernen. Er hatte eine blühende Phantasie, aber ein Bild zu malen oder auch nur irgendetwas mit seinen Händen herzustellen, schaffte er nicht. Es langweilte ihn, sich zu lange mit etwas beschäftigen zu müssen. Er wollte alles und er wollte alles schnell, aber er wollte nicht dran bleiben, er wollte mehr, er wollte all das, was er gerade nicht hatte und was ihn gerade beschäftigte, fand er minderwertig und uninteressant.

In vielerlei Hinsicht war er wie ein kleines Kind, unstet und wild und er konnte es sich leisten, so zu sein, solange ich das Geld verdiente und wir im Haus der Brighmans leben durften. Wir waren sicher, solange der alte Lord lebte. Aber Alberts Kinder wurden größer und bald würden sie einen Lehrer brauchen und der wiederum würde eine Wohnung brauchen.

Vincent wusste, wer als erster das Haus verlassen musste, wenn Albert etwas zu sagen bekäme. Er wusste es, aber sagte es nicht. Zumindest nicht direkt. Es sagte andere Dinge. Zu Beispiel fragte er mich, wie alt Mrs. Taylor eigentlich war und ob sie ihre Aufgaben noch alle erfüllen konnte. „Ich bin sicher, dass du besser bist als sie. Du hast viel von ihr gelernt, aber du bist definitiv klüger, schneller und geschickter als sie.“

Das stimmte nicht, aber ich freute mich über sein Kompliment.

„Ich werde mit Lord Brighman sprechen“, schlug er vor, „Er soll dich befördern. Du könntest ihre Assistentin sein. Die Lady braucht immer mehr Hilfe und Mrs. Taylor wird auch nicht jünger. Ich finde du hast es verdient, eine bessere Position zu bekommen.“

Ich bat ihn, nicht mit dem Lord zu sprechen. Wenn, dann wollte ich es selbst tun und ich sah keine Notwendigkeit. Vor allem aber wollte ich Mrs. Taylor nicht in den Rücken fallen. Wenn sie eine Assistentin brauchte, würde sie es selbst ansprechen und sie würde einen Vorschlag machen. Und ich war mir sicher, wenn es so weit war, würde sie meinen Namen nennen.

Sie mochte mich, wusste, dass sie sich auf mich verlassen konnte. Vor allem lobte sie meine Integrität. Diese würde ich nicht aufs Spiel setzen, indem ich sie hinterging. Auch meine Mutter riet mir davon ab, um eine Beförderung zu bitten.

„So etwas macht man nicht“, sagte sie, „So etwas muss von oben kommen, nicht von unten.“

Dennoch bat sie mich darum, ein gutes Wort für Hannah einzulegen, die nun alt genug war, um eine Stellung anzunehmen. Und so kam es, dass ich meine eigene Schwester anlernen musste.

Es ging mehr schlecht als recht, denn Hannah wollte sich nichts von mir sagen lassen. Mrs. Taylor musste sie mehr als einmal ins Gebet nehmen, ehe meine Schwester meine Anweisungen befolgte.

„Du kommandierst mich herum!“, behauptete sie.

„Ich versuche, dir zu zeigen, was deine Aufgaben sind“, sagte ich.

„Es sind deine Aufgaben und du wälzt sie auf mich ab!“

So ging das den ganzen Tag und ich war froh am Abend die Dienstmädchenkluft ablegen zu können.

 

Mein Leben hatte sich festgetreten. Ich hatte einen Alltag und es ging mir gut damit. Ich hatte keine Sorgen, aber auch keine Aufregung. Vincent sorgte für ein wenig Abwechslung, aber auch er verursachte mir keine schlaflosen Nächte. Wir kannten uns inzwischen in- und auswendig. Ich wusste, was ich ernst nehmen musste und was nicht. Wir kannten den Schatten beide und wussten, damit umzugehen. Die Dinge sind weit weniger furchteinflößend, wenn man sie ansieht, wenn man sie anspricht, wenn man sie versteht.

„Es ist nicht leicht mit mir, ich weiß“, sagte Vincent.

„Ohne dich würde ich es hier nicht aushalten“, erwiderte ich.

„Das heißt, ich halte dich hier fest? Ohne mich wärst du schon in Australien oder Indien oder China? So wie Nellie Bly? Einmal um die ganze Welt?“

„Nein, aber vielleicht in Doncaster“, sagte ich.

„Und was würdest du da machen?“

„Vielleicht würde ich in einem Teegeschäft arbeiten.“

 

Mein Kontakt zu Emily schlief ein wenig ein. Ich konnte nicht sagen, ob sie resigniert hatte oder enttäuscht davon war, wie konventionell Vincent und ich in Wirklichkeit lebten. In einem ihrer seltener gewordenen Briefe schrieb sie: „Es wundert mich, dass du nicht erkennst, wie sehr er dich ausnutzt.“

Das ärgerte mich. Es war einfach nicht wahr. Wir waren ja keine Zweckgemeinschaft. Vincent und ich liebten uns aufrichtig. Natürlich teilte ich alles mit ihm, denn ich wusste, dass er das gleiche für mich tun würde. Und Geld war schließlich nicht alles. Er gab mir sehr viel mehr, als man mit Geld hätte kaufen können und eigentlich waren wir recht glücklich und sorglos.

„Findest du, wir sind ein seltsames Paar?“, fragte ich Vincent, um ganz sicher zu gehen.

„Was meinst du mit „seltsam“?“, fragte er zurück. Er antwortete nie direkt auf eine Frage, sondern musste immer erst die Frage in Frage stellen. Manchmal machte mich das wahnsinnig.

„Na, ob wir normal sind? So wie andere Ehepaare?“

„Wir haben keine Kinder. Wir leben in einem Haus, das uns nicht gehört und du verdienst unseren Lebensunterhalt. Welche Antwort auf diese Frage könnte ich dir wohl geben?“

„Ich finde, wir sind ein völlig normales Paar“, beharrte ich.

„Wenn du es so willst“, erwiderte er, „Am Ende sind „seltsam“ oder „normal“ auch nur Wörter, die für jeden etwas anderes bedeuten. Wer dir wohlgesonnen ist, wird sie wohlwollend interpretieren. Wer dich nicht mag, wird sie dir zum Vorwurf machen.“

Aber alle Sätze, alle Worte, alle Gedichte, alle Gedanken und alle klugen Sprüche verblassen gegen die Wahrheit. Und Wahrheit passiert, egal, was die Philosophen sagen. Es gibt keine ewigen Wahrheiten, keine universellen, unsterblichen, unumstößlichen Gesetze. Wahrheit ist das, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es schon geschehen ist. Wahrheit ist Vergangenheit. Wahrheit sind sie Konsequenzen, die eine Begebenheit nach sich zieht.

Im Spätherbst des Jahres 1890 verstarb Jeremias Brighman und räumte somit sein Büro und den Familienvorsitz zu Gunsten seines Sohnes Albert.

Die Trauerfeier war kurz und wenig emotional. Nur wenige Gäste waren eingeladen und die Pächter und Bediensteten des alten Lords waren gebeten worden, während der Beerdigung vor den Friedhofsmauern zu warten, die Familie wünsche in aller Ruhe Abschied nehmen zu können.

Die alte Lady zeigte sich von diesem Tag an nie wieder außerhalb des Hauses und auch hier nur mit einem Gesicht, das sie hinter einem Schleier verbarg. Greta, die unter der nun düsteren und kalten Atmosphäre des Hauses zu leiden begann, wurde kurzerhand zu Verwandten nach Schottland geschickt. Albert machte keinen Hehl daraus, dass sich von nun an einiges ändern würde.

Mrs. Taylor wurde angewiesen, die Anzahl der Hausangestellten zu verringern und so verlor meine Mutter ihre Stelle als Wäscherin. Sie sei ohnehin zu alt und die schwere Arbeit mache ihr bestimmt zu schaffen, begründete Albert diese Entscheidung.

Fortan mussten also Hannah und ich unseren Eltern Geld schicken, damit sie die Pacht begleichen konnten.

„So fließt alles an ihn zurück“, sagte Vincent bitter, „Er stellt sicher, dass der Geldkreislauf geschlossen bleibt und verdient gleichzeitig noch ein wenig an dem mit, das die Bauern erwirtschaften. Niemand soll behaupten, dass das Feudalsystem ausgedient hat. Wenn man skrupellos genug ist, schafft man es immer noch, sich zu sanieren.“

 

Eines Morgens kam Mrs. Taylor zu mir und legte mir ans Herz, mit Vincent aus dem Haus auszuziehen. Sie sagte: „Bisher konnte ich deine Stelle erhalten, aber ich würde euch raten, dass ihr euch ein Haus außerhalb nehmt, sonst wird er dir eines Tages vielleicht Knall auf Fall kündigen. Jedes Mal fragt er nach dir und ob du auch zufriedenstellend arbeitest.“

Das wunderte mich nicht, aber unter Abzug des Geldes, das ich an unsere Eltern schicken musste, reichte mein Gehalt nicht, um ein Cottage oder auch nur eine Wohnung im Dorf anzumieten.

„Wir könnten zu meinen Eltern ziehen“, schlug ich vor, aber Vincent winkte ab.

„Eher übernachte ich in einem Schweinestall, als dass ich ehrenwerten Leuten wie deinen Eltern zur Last falle.“

Eine Alternative wusste er jedoch auch nicht und so lebten wir einige Wochen in permanenter Anspannung und im Bemühen, Albert nicht negativ aufzufallen.

Nur nachts, wenn der Rest des Hauses schlief und Vincent und ich unsere nächtlichen Spaziergänge über die Felder unternahmen, um die Sterne zu beobachten, traute Vincent sich noch, offen zu sprechen: „Er ist ein Despot, ich habe es immer gesagt. Seine Mutter spricht kaum noch ein Wort aus Angst vor ihm und Lady Charlotte kümmert sich nur um ihre Kinder, weil sie ihrem Mann nicht in die Quere kommen will. Es gibt keine ausgleichende Kraft, niemanden, der Albert die Stirn bietet. Mein Vater müsste hier sein.“

„Vielleicht sollten wir uns wirklich nach einer anderen Unterkunft umsehen. Vielleicht müssen wir fortgehen“, sagte ich.

„Und wohin?“

„Könntest du dir vorstellen in London zu leben oder in Liverpool? Oder in Manchester? In einer großen Stadt findet man immer Arbeit und ein Zimmer. Vielleicht könntest du dort auch deine Texte leichter in Zeitungen unterbringen. Was meinst du? Wir sind ungebunden, wieso nicht darüber nachdenken?“

Vincent sagte nichts. Ich wusste, dass er nichts davon hielt. Er hasste Städte.

„Ich bin müde“, sagte ich, als wir lange genug den Vollmond angestarrt hatten, „Morgen müssen die Fenster geputzt werden und ich werde wahrscheinlich keine Hilfe haben. Hannah ist abkommandiert, um eine Bestandsaufnahme der Bettwäsche des gesamten Hauses anzufertigen.“

„Was, wenn ich dir beim Putzen helfe?“, fragte Vincent, „Ich könnte dir dein Werkzeug anreichen, Wasser holen oder was auch immer dazu nötig ist.“

Ich blickte ihn entgeistert an: „Das wäre doch gefundenes Fressen für Albert.“

„Ich habe nichts gegen Arbeit“, behauptete Vincent plötzlich, „Mir ist egal, ob sie demütigend ist.“

„Nein“, sagte ich, „Ich brauche nicht deine Hilfe, um meine Aufgaben zu erfüllen und wenn mir doch jemand hilft, dann will ich, dass er auch dafür bezahlt wird! Wenn du arbeiten willst, dann geh zu Albert und bitte ihn um eine Anstellung.“

„Er wird mir sagen, dass, bevor ich von ihm auch nur einen Penny ausgezahlt bekommen, ich das abarbeiten müsse, das ich ihm angeblich schulde.“

Wir gingen schweigend nach Hause. Ich wusste, dass wir in diesem Haus und unter diesen Umständen keine Zukunft haben würden und damals glaubte ich, dass auch Vincent das begriffen hatte. Aber dieses Mal hatte ich mich getäuscht. Dieses eine Mal hatte ich den Schatten unterschätzt und war zu leichtfertig gewesen.

Vincent konnte nicht in London leben, er würde sich auch nicht anpassen können. Das war es, was ich nicht begriff. Ich dachte, widrige Umstände musste man hinnehmen und aushalten. Ich dachte, jeder Mensch könne das bis zu einem gewissen Grad und ich glaubte, Vincent müsse sich nur ein wenig zusammenreißen, damit auch er mit einer für ihn unangenehmen Situation zurecht kam.

Dabei verkannte ich, wie sehr Vincent sich sowieso schon zusammenriss, wie viel Kraft es ihn kostete, den Schatten in Schach zu halten. Sein Angebot, mir bei der Arbeit zu helfen, war kein Zeichen von Freundlichkeit oder des Fleißes, sondern der Verzweiflung.

Er zeigte sie nicht, er redete nicht darüber, wie er über alles andere redete, das ihn belastete und das hätte mir ein Zeichen dafür sein wollen, dass es ihn wirklich belastete. Dies war keine Rhetorik, keine markigen Sprüche, dies war die Realität und zum ersten Mal in seinem Leben kam Vincent mit ihr in Berührung und sie schmeckte bitter. Die Wahrheit.

 

„Sie sind wie kleine Kinder“, sagte Hannah zu mir am nächsten Tag, „Sie müssen umsorgt werden. Man muss ihnen zu Essen machen und ihnen beim Ankleiden helfen. Sie wären verloren ohne uns. Wichtige Leute, reiche Leute, Prinzen und Könige sind in Wirklichkeit völlig hilflos.“

„Wo hast du denn diese Gedanken her?“, fragte ich sie.

„Ach, ich kam so darauf. Vincent hat sowas gesagt.“

„Was hat er gesagt?“

„Er hat gesagt: „Wer braucht schon Kinder, wenn er Albert zu umsorgen hat?“ Was, glaubst du, wollte er damit sagen?“

Ich weiß nicht, wieso, aber ich wurde wütend. Vielleicht war ich eifersüchtig, vielleicht überfordert.

„Was glaubt er eigentlich…?“, rief ich.

„Aber Helen, er hat es nicht böse oder gemein gesagt. Eher mitleidig.“

„Er kann sich sein Mitleid sonstwo hinschieben! Vincents Mitleid ist immer Herablassung, das solltest du inzwischen mitbekommen haben. Er sollte diese Dinge nicht sagen.“

„Ist es, weil er es zu mir gesagt hat? Wir haben uns vorhin zufällig getroffen.“

„Ja, ihn trifft man immer nur zufällig. Meistens ist er abwesend oder mit den Gedanken bei den Sternen!“

„Ich finde es nett, dass er uns beachtet und unsere Arbeit wertschätzt.“

„Ach, was schätzt er schon wert außer seinen Worten? Die kann man nicht essen!“

„Aber…“

Ich schnitt ihr das Wort ab: „Vincent trägt nichts bei zu unserem Einkommen und dann hat er die Nerven, mir hinterrücks vorzuwerfen, dass ich mich bei meinem Arbeitgeber anbiedere? Er ist wirklich enttäuscht, dass ich dafür sorge, dass er ein Dach über dem Kopf hat? Er macht mich und meine Arbeit dafür verantwortlich, dass wir keine Kinder haben, obwohl er keine wollte? Das, was du Wertschätzung nennst, ist in Wirklichkeit nichts anderes als Gift!“

„So hat er das nicht gesagt“, behauptete Hannah, aber das wollte ich nicht hören.

„Du weißt nicht, wie er es gesagt hat. Du kennst ihn nicht so gut, wie ich ihn kenne. Es passt zu ihm, mich zu kritisieren, indem er seinen alten Feind vorschiebt! Bloß nicht konkret werden! Bloß niemals Klartext reden! Bloß niemanden direkt angreifen! Bei ihm muss alles immer über Umwege passieren! Er ist ein Feigling, ein aggressiver Feigling.“

„Aber Helen…“, Hannah hielt mich am Ärmel fest, denn ich war drauf und dran, davon zu stapfen und Vincent eine Ohrfeige zu versetzen, weil er sie einfach verdient hatte. Ich war so gereizt, so verbissen, so wütend, dass mir beinahe die Tränen kamen.

Wieso eigentlich? Ich weiß es bis heute nicht. Ich rede mir ein, dass es das unbestimmte Gefühl und das sichere Wissen bezüglich meiner Hilflosigkeit waren.

„Aber Helen…“, sagte Hannah wieder, „Wie sieht du mich nur an?“

„Wie soll ich dich schon ansehen?“, zischte ich zurück.

„Als wolltest du mich mit Haut und Haaren auffressen.“

„Dann stell dich mir besser nicht in den Weg!“, ich riss mich los.

„Wo willst du hin?“

„Ich werde ihm sagen, wer sich hier wie ein Kleinkind verhält, das werde ich tun!“

„Aber Helen…“

„Wo ist er? Wo hast du ihn gesehen?“, jetzt zerrte ich an ihrem Ärmel, „Los, wir gehen ihn suchen! Ich brauche eine Zeugin, sonst werde ich womöglich etwas Unüberlegtes tun.“

„Was ist nur mit dir, Helen?“

„Da ist ein Fass, das gerade übergelaufen ist“, sagte ich und zog meine Schwester mit mir fort.

„Er war draußen im Foyer“, sagte sie, wusste aber nicht, wo Vincent hingegen sein könnte.

„Wir suchen ihn!“, sagte ich.

„Aber wie haben zu tun.“

„Die Arbeit wartet auch noch morgen auf uns und wenn es sein muss nächste Woche und wenn sie nicht erledigt wird, ist das auch nicht unser Problem. Es ist nicht unser Haus, schon vergessen?“

„Aber Helen…“

„Was, um Himmels Willen?“, rief ich, bis zum Zerreißen, zum Zerbersten angespannt.

„Ich weiß nicht“, gab Hannah zu.

Alles lief ab wie im Traum. Wir marschierten vorwärts, schienen aber nicht vom Fleck zu kommen. Die Zeit dehnte sich und ich ahnte, dass uns ein bedeutsamer Moment bevorstand. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und meine Wut wandelte sich in ein ehrlicheres Gefühl: Angst. Etwas stimmte nicht. Es roch nach Veränderung und der Gestank kam vom Keller her.

Ich atmete flach, denn der Ekel brodelte in mir auf. Ich wollte mich nicht übergeben, aber ich konnte auch nicht so tun, als wäre nichts. Also würgte ich, hustete und sagte zu Hannah: „Wir werden weggehen! Wir müssen hier weg! Nimm es mir nicht übel, aber Vince geht hier zu Grunde und er zieht mich mit sich, wenn das so weiter geht.“

„Aber Helen, überleg dir das doch noch mal! Dein Leben hier ist doch sicher und angenehm.“

„Das ist es ja gerade, was mich fertig macht. Sicherheit und Bequemlichkeit saugen einem das Leben aus, das wirst du alles noch feststellen. Leben ist Unsicherheit. Behaglichkeit ist keine Kunst. Wenn du nicht mehr merkst, dass du stirbst, bist du tot, Hannah, der Wind muss dir um die Nase wehen, der Regen dir von der Stirn tropfen. Du musst auf Stroh schlafen und deine Schuhe müssen Löcher in den Sohlen haben. Sich zurückzuziehen, bedeutet, sich einzusperren. Aber wir können nicht in einem Käfig leben. Wir müssen unsere Heimat ausdehnen, nicht sie zusammenschrumpfen lassen auf unser gemütliches Bett und den warmen Ofen. Die Welt ist unser zu Hause, Hannah. Das alles könnte uns gehören!“, sagte ich.

„Geht es dir gut, Helen?“

„Mir geht es sehr gut!“, log ich, „Ich habe gerade eine Entscheidung getroffen, die wir viel zu lange vor uns her geschoben haben. Aber jetzt wird Vincent erst einmal einen Satz warme Ohren bekommen! Wo ist er hingegangen?“

„Was weiß ich?“, sagte Hannah. Sie zögerte plötzlich.

Ich sah mich um. Außer uns war niemand in der Nähe. Die Ruhe war gespenstig, aber irgendwie auch erfrischend. Es war ein Vorgeschmack auf das „Alles“, das bald uns gehören sollte. Ich wusste, dass es eine Lüge gewesen war. Der Überschwang hatte die Angespanntheit gelöst.

„Los wir gehen da hinunter!“, sagte ich und zerrte Hannah durch die Tür, die zu den Kellergewölben hinab führten. Etwas sagte mir, dass es Vincent dort hinunter gezogen haben musste – vielleicht, weil es mich dort hin zog.

Hannah folgte mir ohne ein weiteres Widerwort und wir tapsten die Treppe hinab in die Dunkelheit. Weil ich drohte, nach vorne zu fallen, stützte ich mich zu beiden Seiten an den Wänden ab. Es roch muffiger, je tiefer wie kamen und die Holzstufen schienen immer morscher und weicher zu werden. Dabei waren es wahrscheinlich nur meine Knie.

Wir hörten nichts. Immer noch schien außer uns kein Mensch in der Nähe zu sein. Als wären wir in eine unbewohnte, unbelebte Zwischenwelt geraten, als wäre außer uns alles und jeder eingeschlafen. Wie bei Dornröschen, dachte ich. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Als wären wir gar nicht da.

„Wir sind Geister“, flüsterte ich Hannah zu.

„Hör auf damit!“, rief sie. Schon als Kind hatte sie sich vor derartigen Geschichten gefürchtet.

„Aber wir sind es“, beharrte ich, „Wir spuken in diesem Haus. Wir bewohnen es, wir schweben umher, die Leute tun so, als würden sie uns nicht sehen. Wir sind die Seele dieses Hauses. Unsichtbar und ungeliebt. Wegrationalisiert in Zeiten der Aufklärung. Ohne uns aber ist das Haus leer und kalt, staubig und still. Wir sind die Geister, Hannah!“

„Nein, wir sind einfach nur auf Abwegen! Bitte lass uns wieder hinauf gehen. Vincent ist nicht hier.“

„Oh doch, er ist hier. Ich kann ihn riechen“, sagte ich, „Er ist der Moder, der das Haus von innen auffrisst. Er ist hier, ich weiß es.“

Und dann kamen wir unten an. Der Boden unter unseren Sohlen knirschte. Tiefer ging es nicht. Ich wusste nicht, ob ich schon einmal hier gewesen war. Ich fragte mich, ob überhaupt schon mal ein lebender Mensch hier gewesen ist.

Wir tasteten uns an der Wand entlang und während ich mich bemühte, leise wie ein Geist zu sein, rief Hannah plötzlich ein zartes: „Vincent? Bist du hier? Bitte antworte!“

Natürlich antwortete niemand. Ich stolperte vorwärts und zerrte meine Schwester hinter mir her, bis der Gang irgendwann ein Ende fand.

„Da ist eine Tür“, sagte Hannah, die auf der anderen Seite die Wand abtastete.

Wir drückten die klemmende, wurmstichige Tür auf und traten in einen pechschwarzen Raum, in dem es noch modriger roch als im übrigen Keller. Die Luft hier war feucht und vergessen. Wir waren die ersten Menschen seit Generationen, die sie einatmeten. Es war, als wäre ihr alles Leben verloren gegangen. Mir wurde schwindelig.

„Vincent?“, rief Hannah wieder.

Als wäre ihm alles Leben verloren gegangen, hörten wir in einer Ecke ein Keuchen.

„Ist da jemand?“, fragte Hannah, „Bitte sagen Sie etwas! Vincent, bist du das?“

Jemand atmete, sehr leise, flach und unstet. Jemand japste nach dem letzten Rest Leben, das in der Luft konserviert war.

„Gut, dass du da bist“, es war unverkennbar Vincents kleine, dünne Stimme, „Hannah, du musst zurück nach oben gehen und Helen herholen, hörst du. Sie muss herkommen! Es ist sehr wichtig!“

„Aber Vincent, sie ist doch bereits hier“, sagte Hannah, „Sie wollte ja erst hier herunterkommen. Aber was machst du nur hier?“

„Helen, bist du wirklich da?“

Etwas steckte mir in der Kehle und ich musste mich erst räuspern, bevor ich etwas sagen konnte: „Ja, ich bin hier. Was um alles in der Welt tust du hier?“

Mein Fassung war zurück, jemand musste schließlich Haltung bewahren. Jemand musste den Verstand behalten.

„Er wird uns hinauswerfen“, sagte Vincent, „Er wird uns auf die Straße setzen.“

„Ach, das ist nicht wahr“, sagte ich, „Du hast dir das in den Kopf gesetzt. Er kann uns gar nicht hinauswerfen. Wir werden gehen! Das habe ich beschlossen Was sagst du dazu? Ich bin bereit, zu gehen. Du hattest Recht, das Leben ist mehr als dieses Haus, es ist die Welt und der Himmel und alles dazwischen.“

„Nein, du verstehst nicht“, sagte Vincent, „Er wird uns hinauswerfen. Das hat er gesagt. Seine Kinder werden bald einen Lehrer brauchen und er braucht unsere Zimmer für dessen Familie. Aber du weißt so gut wie ich, dass es das nicht ist. Er will mich loswerden, Helen, nicht dich. Du kannst bleiben, du kannst ein warmes Plätzchen haben, dein ruhiges Dasein. Du kannst bei deinen Eltern leben, oder sogar ein anderes Zimmer hier beziehen. Albert wird nichts dagegen haben. Wenn ich fort bin, wird er dich nicht hinauswerfen. Es ist nur gerecht, dass ich dein Leben rette, meinst du nicht?“

„Aber was redest du denn da? Du wirst doch nicht etwa fortziehen wollen? Ohne mich?“, rief ich.

„Du willst doch nicht etwa im Keller wohnen?“, rief Hannah entsetzt.

Ich stellte mir kurz vor, wie wir hier unser Lager aufschlagen würden, zwischen Spinnen und Mäusen schliefen und erkannte, dass ich mir genau eine solche Zukunft erwählt hatte. Wo sonst würden wir schlafen, wenn wir Vagabunden waren, als in Ställen und Kellern?

Dann spürte ich, wie eine Hand nach mir tastete. An den Fußknöcheln ergriff sie mich und wanderte dann an meinen Beinen hinauf. Eine kalte, untote Kreatur zog sich an mir hoch und es gruselte mich. Doch ich blieb wie angewurzelt stehen.

„Du musst bleiben. Du bist zu zart für die Welt da draußen. Du bist nicht Nellie Bly. Sie ist ein Vogel, du bist ein Felsen, das habe ich immer gesagt“, hauchte Vincent mir ins Gesicht, als er mich umklammerte, „Du musst bei deiner Familie bleiben. Sie brauchen dich. Jeder braucht einen Felsen wie dich. Du darfst nicht vor die Hunde gehen, Helen. Eine hündische Ehe ist ein Ding der Unmöglichkeit, das hätten wir wissen müssen.“

„Aber Vincent!“, kreischte ich plötzlich, mit ihm hatte mich die Angst gepackt.

„Sie brauchen dich! Diese unfähigem, unfertigen Menschen, die Kleingeister, Lebensverneiner, diese Kinder, die sich selbst mit Macht ausgestattet haben, diese satten, selbstzufriedenen Egomanen. Sie gehen zugrunde ohne dich. Daran musst du immer denken, wenn sie dich schlecht behandeln. Sie brauchen dich mehr als du sie.“

„Vincent, was ist das?“, mir wurde heiß und kalt. Etwas klebte an mir, etwas Schleimiges, etwas, das nach Leben roch. Seltsam, wie sich die Sinneswahrnehmung veränderte, wenn einem die Sicht verwehrt war… Es roch wie in einem Stall, in dem gerade eine Sau geferkelt hatte. Es roch wie, wenn meine Mutter Wurst machte. Es roch nach kurz bevorstehender Verwesung, nach Fleisch und Seele.

„Ein Dichter sollte ein mächtiger Mann sein“, sagte Vincent, „Aber sogar dagegen habe ich mich gesträubt. Ich war und bin für nichts zu gebrauchen.“

„Ich will und wollte nie einen mächtigen Mann“, sagte ich.

„Ich kann nicht lügen, das ist mein Problem. Ich bin zu unvernünftig. Unvernünftig aus Prinzip. Unvernunft als Philosophie. Dafür sind diese Zeiten nicht gemacht. Der Mensch der Zukunft wird kein Dichter sein, sondern ein Mathematiker. In Zukunft werden die Menschen nicht mehr träumen, sondern nur noch berechnen. Sie werden in den Sternenhimmel schauen und keine Bilder und Geschichten mehr sehen, sondern nur noch Zahlen und Ressourcen. Sie werden keine Wissenschaftler sein, sondern Wissenshändler. Sie werden Nutzen verkaufen, kein Vergnügen. Und es wird keine Revolution kommen. Der revolutionäre Mensch wird zugrunde gehen mit den Visionen, den Hoffnungen und den Verrücktheiten. Der Mensch der Zukunft wird den Schatten dem Licht vorziehen. Aber du Helen, du sollst schlafen. Schlaf, Helen, schlaf um dein Leben! Träum dich davon, das hält den Schatten im Schach. Ich weiß, dass du es schaffst, weil du klug bist und stark. Und vielleicht wirst du eines Nachts gen Himmel blicken und dich der alten Geschichten erinnern. Manchmal verglüht ein Stern, Helen, aber manchmal geht auch eine neuer auf. Je dunkler es ist, desto mehr Sterne sieht man. Helen, du darfst niemals vergessen, dass du ehrlich sein und dir das Träumen erlauben musst.“

Er krallte sich an meiner Schürze fest und ich glaubte, er hing mit seinem ganzen Gewicht an mir. Ich musste kämpfen, um das Gleichgewicht halten zu können, aber ich war ein Fels und blieb stehen, während Vincent vor mir auf die Knie sank und nie wieder aufstand.

„Was ist mit dir?“, rief ich, „Was ist mit dir?“

„Du musst Albert seinen Revolver zurückbringen“, war das Letzte, was Vincent sagte, bevor er in Dunkelheit versank.

Autorennotiz

Ich weiß, ihr alle hasst Romanzen und ich weiß, dass es nichts schlimmeres gibt als historische Romanzen... Deshalb nehmt diese Geschichte hier als Zeugnis meines Giftschranks.
So richtig ausgemalt ist sie nicht, es ist viel mehr eine Skizze von einem Roman, die nie ein richtiges Werk werden wird. Trotzdem hat es Spaß gemacht, sie zu schreiben - auch wenn ihr diesen Quatsch schon tausend Mal und tausend Mal besser gelesen habt.

-Oh... und wer hier für die Sexszenen ist: Ich muss euch enttäuschen.

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Autor

suedeheads Profilbild suedehead

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Kapitel:12
Sätze:3.060
Wörter:43.127
Zeichen:248.390

Kurzbeschreibung

Yorkshire im 19. Jahrhundert. Helen, die Tochter eines Pächters verliebt sich in Vincent, den Sohn des Hauslehrers im Gutshaus und geht mit ihm das Wagnis einer "hündischen Ehe" ein. Während Helen sich jedoch als fleißige und fähige Haushälterin erweist, scheitert Vincents Karriere als Dichter. - Eine Geschichte in Fragmenten.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Historik gelistet.

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