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Für ein Jahr

24
21.10.2017 10:09
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

1.Schneewehen

 

Müde räkelte ich mich und zog die dicke Daunendecke enger um meinen Körper. Mit kalten Fingern stopfte ich das Kissen unter meinen Kopf, das auf die Seite gerutscht war. ‘Nur noch zehn Minuten’, sagte mein Körper, doch mein Gehirn war auf Hochtouren.

Brummend rollte ich mich auf die andere Seite und schlug die Augen auf. Es war noch dunkel, der Tag kurz vorm Erwachen.

Jasper war nicht bei mir, was mich wunderte, denn normalerweise ließ mein Hund mich nicht weiterschlafen, wenn ich zu Besuch war. Und nun, wo ich schon mal munter war, konnte ich auch gleich aufstehen. Ich schob die Decke von meinem Körper und zog fröstelnd die Schultern nach vorn. Barfuß tapste ich zur Tür, zog sie auf und verließ das Gästezimmer. Ich durchquerte den Partyraum und strich mir mit allen zehn Fingern durchs Haar, als ich den Korridor entlang ging, um zum Bad zu gelangen.

Mit der linken Hand schlug ich auf den Lichtschalter und mit der rechten drückte ich die Klinke nach unten.

Die Tür schwang auf und gab den Blick auf ein rot eingerichtetes Bad frei. Ich betrat den flauschigen Badevorleger und stellte mich vor das Waschbecken, über dem ein Spiegel hing. Graue Augen blickten mich an. Fluchend zupfte ich an meinen braunen Locken herum, die ganz zerwühlt waren. Kurz entschlossen band ich die halblangen Haare im Nacken zusammen und angelte nach dem Zahnputzzeug.

Ich drehte das Wasser an, füllte den Becher und spürte plötzlich, wie sehr mir die Blase drückte. Ich schloss den Wasserhahn, klappte den Toilettendeckel hoch und erleichterte mich. Mit einem zufriedenen Grinsen spülte ich und schob dann die Kabinentür zur Dusche auf. Erst als warmes Wasser auf meinen Körper rieselte, erwachten meine Lebensgeister. Ich fühlte mich wohl und frei. Mein erster Urlaubstag - zehn Tage frei.

Gemütlich, ohne Hast seifte ich mich mit Dads Duschgel ein und atmete den herben Duft ein. Es war schön, wieder zu Hause zu sein, und es war Weihnachten, dass Fest der Familie und der Liebe. Ein kleiner Stich im Herzen erinnerte mich daran, dass es mein erstes Weihnachten war, das ich ohne David verbrachte. Ich hatte Schluss gemacht.

Ich wusch mir die Haare, vertrieb die trüben Gedanken damit, spülte die braunen Locken aus und drehte das Wasser ab. Klatschnass und mit den Zähnen klappernd trat ich aus der Duschkabine. Mit zitternden Fingern zog ich eines der großen, weichen, roten Badetücher aus der Ablage und hüllte mich darin ein. Bibbernd blieb ich stehen. Erst als die Kälte meinen Körper verließ, rubbelte ich mir die Haare trocken. Wieder band ich sie zusammen, damit mir die feuchten Strähnen nicht im Weg waren, wenn ich mich rasierte und mir die Zähne putzte.

Ich schaltete das kleine Radio an und lauschte den Weihnachtsliedern, die mich von innen her wärmten. Für mich gab es nichts Schöneres, als Heiligabend bei meinen Eltern zu sein. Leise summte ich ‘Stille Nacht’ mit und verrichtete die letzten Handgriffe. Nur noch die Haare trocken föhnen und der Weihnachtstag konnte beginnen.

Mein Kopf war eigenartig leer, als ich mir die Locken kopfüber bürstete und mit dem heißen Hauch des Föhns trocknete. Keine trüben Gedanken quälten mich, nur die Freude auf den gemütlichen Abend sorgte in mir für ein leichtes Kribbeln. Mit spitzen Fingern verteilte ich noch ein wenig Gel und zupfte die störrischen Strähnen in der Stirn zurecht, dann nickte ich meinem lächelnden Gegenüber zu und stapfte splitterfasernackt zurück ins Gästezimmer. Mit gerunzelter Stirn wühlte ich in meiner großen Reisetasche, über die sich meine Mutter schon gestern bei meiner Ankunft amüsiert hatte. Mit einem Grinsen hatte sie gesagt: „Du bist schlimmer als jede Frau die ich kenne. So viele Sachen wie du habe ja nicht mal ich im Schrank.“

Ich hatte meiner Mutter einen Arm um die Schulter gelegt und scherzhaft geantwortet: „Gib es zu, du gehst doch gern mit mir shoppen. Ich bin zu mindestens in der Beziehung deine Tochter.“

„Ach du“, hatte sie gerufen und mich fest in die Arme geschlossen.

Ich ahnte, was mein Vater sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte, wie ich die Kleidung aus der Tasche holte und wieder reinstopfte. Er würde die Hände in die Hüften stützen, die Augen rollen und stöhnen: „Warum könnt ihr Frauen euch nur nie entscheiden?“

Ich kicherte leise und entschied mich für einen einfachen schwarzen Slip, schwarze Socken, meine engen, ausgebleichten Jeans, die an einigen Stellen schon sehr dünn war und unter der rechten Gesäßtasche einen Riss aufwies und zum Schluss zog ich ein schwarzes, enges Shirt hervor, das von silbernen Fäden durchzogen war.

Ich war stolz auf meine Eltern und ihnen furchtbar dankbar. Sie akzeptierten mich so wie ich war und sie liebten mich, trotz meinem Schwulsein. Ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, als ich mit meinem damaligen Geheimnis ganz allein dastand. Ich hatte mich nicht getraut, meinen Eltern zu sagen, dass ich auf Männer stehe. Irgendwann hatte meine Mutter mich zur Seite genommen und war mit mir essen gegangen und so saß ich ihr gegenüber in einem noblen Restaurant und fragte mich, womit ich das verdient hatte. Sie lächelte den ganzen Abend geheimnisvoll und ich wurde immer nervöser, da ich keine Ahnung hatte, was mir bevorstand. Ich trank Rotwein und knabberte an einem Knoblauchbrot, als meine Mutter sagte: „Ich weiß, dass ich nie eine Schwiegertochter haben werde.“

Ich riss erschrocken die Augen auf und verschluckte mich an dem Brot, dass ich gerade runterschlucken wollte. „Wie...?“, stotterte ich und umklammerte mein Rotweinglas.

„Du hast ein Magazin mit nackten Männern im Schubfach.“ Meine Mutter lächelte mich warm an und griff nach meiner linken Hand, während ich nur schockiert schluckte.

„Stell uns deinen Freund doch mal vor!“, bat sie und fuhr fort: „Dein Vater weiß es auch, aber er wollte uns allein reden lassen. Er liebt dich, Jens, und er wird einen Mann an deiner Seite akzeptieren.“

Ich war völlig von der Rolle, nicht mehr fähig ein Wort zu sagen, und so nickte ich nur.

Das war nun schon neun Jahre her. Ich war damals gerade sechzehn und fing an, mich in der Schwulenszene herumzutreiben. Einen Freund hatte ich nicht, das sollte noch fast fünf Jahre dauern.

Ich riss mich mühsam von den Erinnerungen los und stellte mich vor den großen Spiegel. Zufrieden mit meinem Aussehen drehte ich mich vor ihm und war stolz auf mich, obwohl ich nur 1,69 m groß war. Ich hatte meinen Körper gut trainiert. Regelmäßig ging ich in einen Fitnessclub und spielte Badminton oder nahm an den Step-Aerobic-Kursen teil, auch in der Schwimmhalle war ich oft anzutreffen. Ich stellte mich quer zum Spiegel und strich über die Rundungen meines Hinterns, mit dem ich mehr als zufrieden war. Ich mochte die Rundungen, aber nicht nur bei mir. Ich sah den Männern einfach viel zu gern auf den Po, wobei mir immer so einiges durch den Kopf ging. Ich war fasziniert von diesem Körperteil und versuchte ständig, einen Blick auf ein Männergesäß zu erhaschen.

Kurz sah ich auf meine Armbanduhr. Es wurde langsam Zeit, dass ich zum Frühstück nach oben ging. Ich schüttelte noch schnell die Decke auf und machte mich dann auf den Weg ins Obergeschoss.

„Morgen“, rief ich fröhlich gelaunt, als ich die Tür, die zum Keller führte, hinter mir schloss und nachdem ich den Korridor durchquert hatte. Ich betrat die Wohnstube mit der offenen Küche.

„Morgen, mein Schatz“, antwortete meine Mutter. Sie strich sich ein paar blonde Haarsträhnen hinters Ohr und legte kleine Schokoladenweihnachtsmänner auf die Teller, dann drehte sie sich zu mir um und lächelte mich an. Mein Vater nickte nur kurz und schreckte die gekochten Eier mit kaltem Wasser ab.

Es roch nach frischen Brötchen und Kaffee und nach Räucherkerzchen, eben einfach nach Weihnachten. Verträumt sog ich den Geruch ein und blieb im Türrahmen stehen. Ich wollte die Atmosphäre tief in mich aufnehmen.

Gerade als ich fragen wollte, ob ich noch irgend etwas helfen konnte, kam ein goldbrauner Schatten auf mich zu und sprang an mir hoch. Jasper bellte freudig und strich mir wie ein Verrückter mit der Zunge übers Kinn.

„Jasper!“, fuhr ich auf und drückte den Hund ein Stück von mir fort, dabei kraulte ich ihn beruhigend hinter den Ohren.

„Hast du gut geschlafen?“, hörte ich meinen Vater fragen und sah zu ihm. Er steckte gerade die Eier in die dafür hergestellten Becher, die auf dem Tisch neben den Tellern standen.

„Ja, hab ich.“ Ich schob Jasper von mir und fragte endlich: „Kann ich noch was helfen?“

Meine Mutter trat zu mir, stellte sich vor mich und erklärte lächelnd: „Nein, ist alles fertig. Setz dich ruhig.“ Bestimmend schob sie mich zu meinem Platz und ich ließ mich auf den Stuhl fallen.

Himmlisch, dachte ich. Meine Eltern hatten wieder all das eingekauft, was ich am liebsten aß. Ich wusste, dass ich nach dem Urlaub bei ihnen mehr als sonst ins Fitnesscenter gehen musste, denn immer, wenn ich hier war, aß ich das zweifache.

Jasper drängte sich an meinen Beinen vorbei, machte es sich zu meinen Füßen gemütlich und wie immer benutzte ich seinen Leib als Fußablage. Mit den Zehen kraulte ich ihn.

„Kommst du nachher mit einkaufen?“, fragte mein Vater und setzte sich an die Stirnseite.

„Klar“, stimmte ich sofort zu. Ich wusste, dass dabei auch für mich irgend etwas abfiel.

„Gut, ich bereite das Mittagessen vor.“ Meine Mutter nahm mir gegenüber Platz und entzündete den Adventskranz.

Schweigend aßen wir, bis mein Vater die Stille brach. Ich war gerade dabei mein Ei zu köpfen, als er fragte: „Hast du mal was von David gehört?“

Ich schrak so sehr zusammen, dass der Eideckel durch die halbe Wohnung flog. Ich schluckte hart, erhob mich und nahm das Eistück an mich. Ich schüttelte stumm den Kopf und pellte die Schale ab, dann warf ich das Eiweiß zu Jasper unter den Tisch.

„Schade“, sagte mein Vater und Mutters Blick fing mich ein. Sie musterte mich ganz genau und versuchte, meine Gefühle zu lesen. Ich lächelte etwas gequält, rückte mir den Stuhl zurecht und schmierte mir ein halbes Brötchen mit Orangenmarmelade. Ich legte das Brötchen jedoch gleich wieder weg. Mir war der Appetit vergangen. Ich griff nach meinem Kaffee und trank. Über den Rand der Tasse sah ich meinen Vater an und hoffte, dass er das Thema David fallen ließ, doch den Gefallen tat er mir nicht.

„Er war echt nett. Etwas zu groß und bullig für dich, aber wirklich nett.“

Ja ja, euch gegenüber, dachte ich und verfluchte mich für die vier Jahre, die ich an diesen Arsch verschenkt hatte. Heute, drei Monate nach unserer Trennung, war ich schlauer. Den Fehler würde ich nie wieder machen.

„Er war handwerklich begabt und mit ihm konnte ich Fußball schauen und ein Bier trinken“, fuhr mein Vater fort und fragte: „Das ist das erste Weihnachten ohne ihn. Kommst du damit klar?“

„Ja, komme ich“, antwortete ich gepresst. Ich wollte nicht über David reden.

„Bist du dir sicher?“ Er ließ mich einfach nicht in Ruhe.

„Ja.“ Wütend biss ich nun doch von meinem Brötchen ab und kaute. Wenn ich den Mund voll hatte, musste ich wenigstens nicht antworten.

David, hallte es in mir, David. Zum Glück bin ich ihn los...

 

Videokassetten... Jawohl, manchmal vermisse ich sie *g*, nein, nicht wirklich, aber Charme hatten sie schon, irgendwie... Ihr werdet verstehen, was ich meine, wenn Ihr Kapitel 2 lest... Ehrlich, ich besitze noch einen Videorecorder und tatsächlich noch ein paar Videobänder, Filme von denen ich mich bis heute nicht trennen konnte. Irgendwo in meinem Schrank stehen auch noch ein paar Musikkassetten aus meiner Kindheit und Jugend herum, selbst mitgeschnitten, kennt das überhaupt noch jemand? Ich werde die Videokassetten in meinem Text Videos sein lassen und nicht in DVD oder Blu-Ray ändern... Hat doch etwas nostalgisches, außerdem kann man daran erkennen, vor wievielen Jahren ich diesen Text einmal schrieb...
Ich wünsche viel Spaß
Tam

Gedämpft drang Musik an seine Ohren. Dunkelheit umgab ihn, nur vor ihm zerteilten die Scheinwerfer die Finsternis. Das helle Licht strahlte die schneebedeckte Autobahn an, beleuchtete die weißen, dicken Flocken, die seinen Opel einhüllten. Nur noch selten sah er die Rücklichter eines anderen Wagens. Er befand sich so ziemlich allein auf der Autobahn, was ihn nicht weiter verwunderte. Es war Heiligabend und die Menschen zu Hause in ihren festlich geschmückten Wohnungen. Sie saßen zusammen, sangen Weihnachtslieder und erfreuten sich an den glänzenden Augen ihrer Kinder und Enkelkinder, wenn diese die Geschenke auspackten.
Er feierte kein Weihnachten. Das Fest gehörte nicht zu seinem Brauch. Heute befand er sich auf dem Weg zu seinem besten Freund Jan und dessen Frau Ina. Er würde die zwei Feiertage mit ihnen verbringen, dann Jans neunundzwanzigsten Geburtstag feiern und zu guter Letzt mit den beiden ins neue Jahr rutschen.
Ihm wurde die Autobahn langweilig, zu monoton, und so beschloß er, eine Abfahrt eher zu nehmen. Er dachte nicht darüber nach, wie die Wetterlage war und auch nicht, wie die Straßenverhältnisse auf dem Land sein könnten. Er wollte einfach nur etwas Leben um sich haben - hellerleuchtete Häuser und bunt geschmückte Fenster.
Gerade als er von der Autobahn abfuhr, klingelte sein Handy. Er drückte den Knopf für die Freisprechanlage und meldete sich: „Hallo!“
„Hey Lai! Wo bist du gerade?“, drang die Stimme seines besten Freundes in das Innere des Wagens.
„Etwa eine Stunde von euch entfernt“, antwortete Lai und strich Strähnen des kohlrabenschwarzen Haar aus der Stirn.
„Beeile dich! Ina macht sich Sorgen. Du weißt doch, seit sie schwanger ist, ist sie sehr unruhig und unausgeglichen.“ Leise Weihnachtsmusik spielte im Hintergrund. „Sie dachte schon, du steckst irgendwo im Schnee fest.“
„Ich bin nur etwas später losgefahren und die Autobahn war frei“, sagte Lai und folgte den Wegweisern, die wie Gespenster vor ihm in der Dunkelheit auftauchten, wenn das Aufblendlicht auf sie fiel.
„In den Nachrichten berichten sie über das Chaos.“ Ina mußte Jan den Hörer abgenommen haben. „Teilweise sind die Straßen zu. Fahr vorsichtig!“
„Mach ich, Ina. Bis gleich.“ Lai trennte die Verbindung und versuchte, die Verwehungen vor sich mit den Augen zu durchdringen.
„Scheiße“, murmelte er und drosselte die Geschwindigkeit. Wenn es weiter so schneite und wehte, konnte er froh sein, wenn er in drei Stunden bei seinen Freunden ankam.
Vor ihm begann ein kleines Dorf, eingebettet in die weiße Winterlandschaft. ‘Frankenheim’ stand auf dem Schild am Straßenrand. Lai senkte seine Geschwindigkeit weiter und hatte Probleme, die Straße zu erkennen. Sie war zugeweht. Erst dreihundert Meter hin konnte er wieder ein Stück des dunklen Asphalts ausmachen. Hoffentlich komm ich da durch, dachte er noch, und schon hatten die Reifen keinen Griff mehr. Sie drehten durch und der Opel stand.
Knurrend drückte Lai die Tür auf und stieg aus. Eiskalter Wind pfiff ihm um die Ohren. Er lief nach vorn und sah, daß er mitten in eine Schneewehe gefahren war. „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, fluchte er und schlug mit der flachen Hand auf die Kühlerhaube.
Flocken umwirbelten ihn, hüllten ihn ein, schmolzen auf seiner warmen Haut und liefen als kleine Wasserbäche seinen Nacken hinab.
„Na gut“, machte er sich Mut und nahm die dicke Daunenjacke vom Rücksitz. „Freischaufeln!“ Er öffnete den Kofferraum, wühlte darin herum und fand, was er suchte - einen kleinen Klappspaten. Er stach in den Schnee vor dem Wagen, als wäre es Sand, und machte sich an die Arbeit. Nach einer Weile gab er es schweißgebadet auf. Kaum hatte er ein Stück Straße freigelegt, war eine andere Stelle schon wieder zugeweht.
Wütend trat er gegen ein Vorderrad und warf den Spaten von sich. Knurrend strich er sich durchs Haar und sah sich um. Nicht weit von ihm standen die ersten Häuser. Ob er dort Hilfe fand? Konnte er Heiligabend bei fremden Menschen klingeln? Er war sich unsicher. Tief atmete er durch. Erst mal eine Rauchen und nachdenken. Er lehnte sich gegen seinen Wagen, zog das Zigarettenpäckchen aus der Jackentasche und entzündete einen Glimmstengel. Jetzt erst bemerkte er, wie kalt es war. Der Wind biß in seine Wangen und seine Finger brannten vor Kälte.

***

Ich holte mir gerade ein paar Süßigkeiten vom Weihnachtsbaum, als Jasper neben mir auftauchte. Ich hockte mich vor ihn, strich ihm durchs Fell und fragte: „Ist dein neues Spielzeug schon langweilig?“
Der Golden Retriever winselte leise und zog mich am Hosenbein zur Couch, auf der meine Eltern saßen. Tee stand auf dem Tisch und frische Lebkuchen. Es war fast 19:00 Uhr und die Bescherung vorbei. Die Klamotten waren abgefahren, die ich von meiner Mutter bekommen hatte, und der Wandkalender von meinem Vater kam in mein Bad. Mit einem Grinsen hatte ich meinen Vater gefragt, ob er beim Einkauf nicht rot geworden wäre, bei dem Anblick der nackten Männer auf den Bildern. Er hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, daß er ihn bestellt hätte.
Ich ließ mich neben meinen Vater fallen, der angestrengt das Fernsehprogramm studierte. Ich warf Jasper eines der selbstgebackenen Plätzchen zu und öffnete die Schokoladenkugel, um sie essen zu können. Gemütlich lehnte ich mich zurück. Es war Weihnachten. Im Kreise meiner Eltern konnte ich abschalten und die Welt um mich herum vergessen. Hier war ich zu Hause und fand den nötigen Halt, den ich brauchte, um nicht an den kalten Menschen, die mich überall umgaben, zu zerbrechen.
Hinter mir stand der Schwibbogen im Fenster und beleuchtete den kleinen Couchtisch vor mir. Ich nahm meine Teetasse und trank. Meine Mutter lächelte selig und kraulte Jasper, der zu ihren Füßen saß.
„Nichts“, sagte mein Vater plötzlich, legte die Zeitung weg und lief zum Video-Regal. „Jens, was meinst du? ‘Flucht aus Absolom’ oder ‘Night Hunter’?“
Natürlich, wie immer, dachte ich. „Jaja, dein oder mein Lieblingsfilm. Du weißt doch, ich steh auf ‘Michael Dudikoff’.“
„Vorschlag: erst sehen wir deinen und dann meinen Film.“ Mein Vater suchte die Videos raus und kam wieder zu mir.
„Ich geh noch mal mit Jasper raus“, erklärte ich und eilte in den Flur, um mich anzuziehen. Mein Hund folgte mir und als er sah, wie ich mir die Boots anzog, bellte er freudig auf und holte seine Leine. Mit der Lederleine zwischen den Zähnen stand er dann schwanzwedelnd vor der Tür im Wintergarten, die zur Terrasse führte. Ich schaltete die Außenbeleuchtung an, als mein Vater rief: „Paß auf, daß ihr nicht in den Schneewehen versinkt.“
Ich nickte und nahm Jasper die Leine ab. „Die brauchen wir nicht. Wir bleiben im Garten.“
Ich öffnete die Tür und Jasper stürmte ins Freie. Ich folgte ihm langsamer. Ich würde mir eine Zigarette gönnen. Die erste an diesem Tag. Es war schon eigenartig. Zu Hause rauchte ich wie ein Schlot und wenn ich bei meinen Eltern war, fehlten sie mir nicht einmal, da ich aber noch welche einstecken hatte, wollte ich auch eine rauchen.
Jasper buddelte im Schnee, bellte und rannte durch das weiche Weiß, das unseren Garten bedeckte. Ich zog mein Feuerzeug aus der Schachtel und eine Zigarette, steckte mir den Glimmstengel an und lief Jasper nach. Ich warf mit Schneebällen nach dem Hund und beobachtete amüsiert, wie er versuchte, sie mit der Schnauze zu fangen.
Mein Blick glitt über die dunkle Landschaft und dann sah ich die Scheinwerfer eines Wagens und die Figur davor, die mit einer Schaufel versuchte gegen die Schneewehe vorzugehen, in der das Auto festsaß. Ich beobachtete den Fahrer eine Weile und beschloß, ihm zu helfen.
„Jasper!“, rief ich und rannte zurück ins Haus. Meine Eltern sahen mir entgegen. Vater knackte Nüsse und Mutter schälte eine Apfelsine. Sie bereiteten einen gemütlichen Fernsehabend vor. Das hatte ich in der Aufregung schon wieder vergessen, doch der Film mit ‘Michael Dudikoff’ mußte warten, jetzt ging es darum, einem gestrandeten Menschen zu helfen. „Mom, ist noch Tee übrig“, fragte ich.
„Ja.“ Fragend schaute sie mich an und legte die Apfelsine zur Seite. Sie tauschte einen kurzen Blick mit meinem Vater.
„Machst du mir bitte eine Thermoskanne fertig? Da hinten sitzt ein Auto fest. Ich geh mal helfen.“ Mit diesen Worten verschwand ich und stürmte in den Keller, um einen Schneeschieber zu holen.

Hab einen wichtigen Hinweis vergessen: Alte Rechtschreibung... Hoffentlich kein Problem für Euch... Viel Spaß... Tam

 

Warm angezogen, mit einer Thermoskanne voll heißem Tee und dem Schneeschieber bewaffnet verließ ich das Haus und stemmte mich gegen den eisigen Wind und die Schneeflocken an, die über die Straße und das Feld fegten. Der Fahrer des Wagens zündete sich gerade eine Zigarette an. Etwas verloren stand er vor seinem Auto und rauchte.
Ich näherte mich ihm. Er bemerkte mich gar nicht. Der Mann blickte in den Himmel hinauf und schien zu überlegen. Ich erkannte, daß sein Haar schwarz war und rief: „Ich habe heißen Tee für Sie.“
Der Unbekannte zuckte zusammen und sah zu mir. Mir stockte der Atem. Nachtschwarze, schmale Augen fixierten mich, mit einem Glänzen, daß mir weiche Knie verschaffte. Das Gesicht eines Asiaten schälte sich aus der Dunkelheit, als er einen Schritt zur Seite trat, damit das Licht des linken Scheinwerfers auf mich fallen konnte. Er war groß, fast 1,85 m und strahlte eine Erotik aus, die angesichts der Situation eigentlich unmöglich war. Ich schluckte, räusperte mich und fragte: „Kann ich irgendwie helfen?“
„Das wäre Klasse“, antwortete er mit einer tiefen, sehr sanften Stimme und mit einem leichten Akzent, der mir sagte, daß er nicht in Deutschland geboren war.
Ich hob die linke Hand, in der ich die Thermoskanne hielt. „Sie müssen frieren!“ Blödsinn! Was sag ich denn nur. Natürlich friert er, ist doch wohl logisch, bei dieser Kälte.
„Du - bitte. Ich bin Lai“, lächelte er und weiße Zähen blitzten auf. Sein Lächeln war umwerfend und traf mich mitten im Herz.
Ich spürte, wie ich errötete. War es das, die sogenannte Liebe auf den ersten Blick. Ich war dem Fremden verfallen. „Jens“, murmelte ich.
„Danke, was Warmes kommt jetzt echt gut.“ Er nahm mir die Thermoskanne nickend ab, schraubte sie auf und setzte die Öffnung an die Lippen. Warme Wolken stiegen vor seinem Gesicht in den Himmel hinauf, als er trank.
„Wo willst du hin?“, erkundigte ich mich und lehnte den Schneeschieber gegen den blauen Opel.
„Zu Freunden“, antwortete er und schraubte den Deckel wieder auf die Kanne. „Danke für deine Hilfe. Ich dachte schon, ich muß im Wagen nächtigen.“
„Bei der Kälte?“, entrutschte es mir ungewollt. „Da erfrierst du doch.“
Lais Lächeln verzog sich zu einem amüsierten Grinsen. „Hat doch was. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Thai erfror Heiligabend in seinem Wagen.“
Sein Lachen war angenehm und trieb mir Schauer über den Rücken. Ein Thai... Das Lächeln auf meinen Gesicht erfror. Tausend Gedanken überschlugen sich in mir. Alles, was ich jemals über Thailand im Fernsehen gesehen oder was ich aus der Presse erfahren hatte, schwirrte mir durch den Kopf. Thailand, das Land des Lächeln, des käuflichen Sex und der Fake-Produkte. Sextourismus, Kinderprostitution, Drogen, was man meinem Gesicht anscheinend ansah.
„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht, Jens“, sagte er und hob einen Spaten auf, der im Schnee lag. „Nicht alles ist schlecht in meinem Land.“ Mit neuem Mut fing er an zu schaufeln.
Ich nickte und nahm den Schneeschieber, um die weiße Pracht vor der Kühlerhaube wegzuschieben. Schweigend arbeiteten wir Seite an Seite. Heimlich beobachtete ich Lai, dessen Bewegungen angesichts der schweißtreibenden Arbeit sehr geschmeidig wirkten. Die engen, hellen Jeans, in der seine kräftigen Beine steckten, betonten seinen Hintern, der mich unwahrscheinlich faszinierte. Ich erwischte mich immer wieder bei dem Gedanken, wie ich mit den Händen über diese Rundungen strich. Der Thai gefiel mir und meine Hormone schlugen Purzelbäume.
„Gut“, sagte ich nach Atem ringend. Der Schnee vor dem Wagen war beseitigt. „Probier mal, ob du raus kommst.“
Lai nickte lächelnd, gab mir seinen Spaten und stieg in den Opel. Der Wagen sprang an und Lai gab Gas. Nichts geschah. Die Räder drehten noch immer durch und fraßen sich tiefer in das Weiß des Schnees.
„Ich schiebe dich an“, rief ich und lief zum Heck. Mit beiden Händen stemmte ich mich gegen den Kofferraum, aber egal, wie sehr ich mich anstrengte, das Auto bewegte sich keinen Millimeter.
„Vergiß es!“, knurrte Lai und stieg wieder aus. „Das wird nichts.“ Mit Wucht schlug er die Tür zu und dann landete seine Faust auf dem Wagendach.
„Tut mir leid“, murmelte ich. Irgendwie tat der Thai mir leid, doch innerlich freute ich mich, denn so bekam ich die Chance, ihn näher kennenzulernen.
„Ach, ist nicht so schlimm. Ich rufe Jan an und sage ihm, daß ich heute nicht mehr komme.“ Lai zog sich eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und mir entrutschte ein ungewolltes, etwas zu lautes: „Jan?“
„Hmm, mein Freund.“ Nervös strich er sich durch das schwarze Haar.
Sein Freund? Schmerzhaft zog sich mein Magen zusammen. Scheiße, dachte ich. Da trifft man auf einen Wahnsinnstyp, verliebt sich sofort und dann stellt sich heraus, daß er vergeben ist.
„Jan ist seit Jahren mein bester Freund und bald wird er Vater.“ Lais Blick fing mich ein und ehe ich seine Worte verarbeiten konnte, fragte er: „Gibt es hier ein Hotel oder eine Pension?“
Stumm schüttelte ich den Kopf. Jan war gar nicht sein Freund in dem Sinne und Lai sicherlich auch nicht schwul. Wieso sollte ich auch Glück haben?
„Na toll“, knurrte er und ich nahm meine Chance wahr, obwohl ich mich unsicher fühlte. „Du kannst bei uns übernachten“, bot ich an und spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß.
„Geht das so einfach?“ Lai suchte nach seinem Wagenschlüssel und schloß ab.
„Klar, warum nicht?“ Mit eiskalten Fingern angelte ich nach der Thermoskanne, die auf dem Wagendach stand, und trank von dem warmen Tee, um mich ein wenig aufzuwärmen.
„Und deine Familie?“ Nickend nahm er mir die Kanne ab, als ich sie an ihn weiterreichte.
„Wird dich nicht hier draußen lassen“, lachte ich auf. „Laß uns ins Warme gehen!“ Ich nahm den Schneeschieber an mich und ging vor. In mir überschlugen sich die Gedanken. Ich war gerade dabei, den tollsten Mann der Welt in das Haus meiner Eltern zu holen.
Lai folgte mir schweigend. Immer wieder sah ich mich nach ihm um. Er hatte es mir wirklich angetan. Schmetterlinge huschten durch meinen Bauch, flogen dort herum und ließen ihn kribbeln. Ich zog mit eiskalten Fingern das Tor zum Garten auf und nickte Lai aufmunternd zu, als er seine Schritte verlangsamte.
„Nun komm schon!“, bat ich drängelnd. „Es ist ungemütlich hier draußen.“
Wieder überzog ein Lächeln das weiche Gesicht. Es war warm und ehrlich und ging mir tief unter die Haut. Es fiel mir so unsagbar schwer, mich von diesem Anblick loszureißen, doch ich mußte es, sollte er mich nicht sofort durchschauen.
„Wir gehen durch den Keller“, erklärte ich, um mich wieder von seinem Anblick abwenden zu können und auch um das irre Gefühl in mir ein wenig zu mildern. Mit zitternden Fingern zog ich die Tür auf. Wärme schlug mir entgegen und ich atmete tief durch. Endlich konnte die eisige Luft nicht mehr in meiner Luftröhre brennen. Ich haßte den kalten Winterwind. Ich bekam nicht selten Atemprobleme, wenn er mir direkt ins Gesicht blies.
„Jens?“ Lai drückte die Tür hinter sich wieder zu und schaltete das Licht an.
„Ja?“ Und wieder war ich gezwungen, in dieses wunderschöne Gesicht zu sehen. Gespannt wartete ich darauf, was er wissen wollte.
„Mit wem wohnst du hier?“ Kurz strich er sich durchs Haar, dann öffnete er seine Jacke und ein graues Sweatshirt kam zum Vorschein.
„Ich wohne nicht hier“, erklärte ich zitternd. „Das Haus gehört meinen Eltern.“ Der Versuch, in Lais Augen zu lesen, was er dachte, scheiterte kläglich, denn sein Lächeln überschattete jegliche Gefühlsregungen. Hier im Schein der Lampe konnte ich ihn endlich besser erkennen und was ich nun sah, war der absolute Wahnsinn. Schon im trüben Licht des Scheinwerfers, hatte ich bemerkt, wie gut er aussah, aber hier... Oder täuschten ich mich jetzt nur die Hormone, die mein Körper ausschüttete?
„Ist deine Freundin da?“
Die Frage kam für mich so überraschend, daß ich erst mal schlucken mußte. Wie kam er denn jetzt auf diesen Gedanken? „Wie kommst du darauf?“, fragte ich stockend.
„Naja, Ina, Jans Frau, war zu Weihnachten immer bei ihm und daher habe ich mich gerade gefragt, ob auch du deine Freundin eingeladen hast.“ Etwas nervös fuhr sich Lai wieder durch die Haare. Es schien eine Angewohnheit von ihm zu sein, aber eine Angewohnheit, die ich mochte. Es wirkte bei ihm sehr sinnlich und das zeigte mir auch mein Unterleib, in dem es heftig zog. Wenn nur ich einmal mit den Fingern durch das schwarze Haar fahren könnte.
„Ich habe keine Freundin.“ Unterdessen zitterten meine Finger so sehr, daß ich Mühe hatte, den Reisverschluß meiner Jacke zu öffnen.
„Vielleicht einen Freund?“
Die Frage hatte nun wirklich gesessen. Welcher normale Mann dachte schon an einen Freund? Ein warmes Gefühl der Zuneigung überflutete mich. Nur ein Schwuler hatte es drauf, einen fremden Mann nach einem eventuellen Partner zu fragen. Aber konnte es sein? Er wirkte so rein gar nicht schwul und normalerweise hatte ich doch ein gutes Gespür dafür. Sein Blick ruhte auf mir, neugierig, um eine Antwort bittend.
„Nein, auch nicht.“ Ich lächelte und zog meine Jacke aus. Ich wandte mich wieder von ihm ab. Ich konnte dem Blick der nachtschwarzen Augen nicht mehr aushalten. Ihm dem Rücken zugewandt bewegte ich mich Richtung Treppe und stieg die Stufen hinauf. Den Schneeschieber hatte ich im Heizraum an die Wand gelehnt. In mir überschlugen sich die Gedanken. Konnte Lai vielleicht doch schwul sein? Sollte ich tatsächlich zu Heiligabend auf jemanden getroffen sein, der wie ich war?
Als ich die Tür zum Erdgeschoß aufzog saß Jasper vor mir. Er gab sofort Laut. Er hatte Lai schon gehört und gewittert, als ich mit ihm den Keller betreten hatte. „Ist gut, Jasper. Er gehört zu mir!“ Ich strich dem Golden Retriever kurz über den Kopf und schickte ihn zu meinen Eltern.
„Und, konnte der Fahrer weiter?“, hörte ich meinen Vater fragen.
„Nein“, antwortete ich und betrat die Wohnstube. Lai folgte mir zögernd. Er zupfte an seinem Ohrläppchen und strich sich wieder durchs Haar.
„Lai, das sind Andrea und Ralf Seeger, meine Eltern“, sagte ich zu dem Thai, der hinter mir stehen geblieben war und nun meinen Eltern zunickte.
„Hallo Lai.“ Meine Mutter erhob sich von der Couch, kam zu uns und fragte: „Haben Sie Hunger? Ich habe noch Kartoffelsalat und Würstchen.“
„Geht so, Frau Seeger.“
Ich grinste. Lai hatte meine Mutter schon um den Finger gewickelt, wie auch immer er das gemacht hat. Aber wer konnte diesen Augen schon widerstehen? Mein Vater blieb auf der Couch sitzen und nickte nur kurz. „Kommt, setzt euch zu mir!“
Ich schob Lai zum Sofa, der unsicher einen Fuß vor den anderen setzte. Die Berührung mit seinem Rücken schickte mir wohlige Schauer durch den Leib. Wie mußte der Thai sich jetzt fühlen? Bei fremden Menschen festsitzend durch das Wetter und dazu noch an einem so wichtigen Fest? Sichtlich unentschlossen ließ er sich auf dem braunen Sofa nieder. Steif mit verschränkten Fingern saß er da.
Ich pflaumte mich neben meinen Vater, zog die Beine an und lehnte mich zurück. Jasper trottete langsam auf Lai zu, blieb vor ihm stehen und schaute ihn mit schiefgelegtem Kopf an. Leise winselte er, dann legte er sich zu meinen Füßen nieder.
Lai beobachtete meinen Hund und suchte den Blickkontakt zu mir. Kurz blieb mir das Herz stehen und wieder flog die Schar Schmetterlinge auf. Diese Augen! So unendlich wie die Weiten des Alls und doch so sanft und gefühlvoll.
„Jasper“, murmelte ich. Ich mußte mich ablenken. „Sag Lai hallo!“
Der Golden Retriever spitzte die Ohren, bellte freudig auf und robbte zu Lai. Er hob die rechte Pfote und legte sie auf Lais linkes Knie. Warm lachte der Thai auf und kraulte Jasper hinter den Ohren. „Der ist ja niedlich“, sagte er und lehnte sich endlich zurück. Das Eis war gebrochen und die Unsicherheit aus ihm verschwunden.
„Jens, willst du auch noch etwas essen?“, hörte ich meine Mutter rufen.
„Ja, aber nicht viel und bitte kein Würstchen“, antwortete ich. Ein leises Brummen drang zu uns hinüber, nachdem die Mikrowelle geschlossen wurde.
„Erzählen Sie doch mal, Lai! Was machen Sie?“ Mein Vater ließ die Videos Videos sein und legte sogar die Fernbedienung zur Seite. Ich war ihm dankbar, daß er das Gespräch übernahm, auch, wenn ich ihm das nie sagen würde. Ich war unterdessen so befangen, daß ich sicherlich nur noch unsinniges Zeug stammeln würde. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lauschte dem tiefen Timbre des Thai.
„Ich arbeite in einer Computerfirma“, setzte Lai an, als Jasper zu ihm auf die Couch kroch und den Kopf auf seinen Oberschenkel bettete. Mein Hund mochte ihn, ein gutes Zeichen.
„Ich habe Informatik studiert und nun bin ich Programmierer“, fuhr Lai ungestört fort. Seine Finger fuhren sacht durch das goldbraune Fell des Hundes und ich überlegte, wie die Hände sich wohl auf meiner Haut anfühlen würden.
„Ein sicherer Job. Computer wird es immer geben“, sagte mein Vater anerkennend. „Wollt ihr einen Weinbrand?“
Ich nickte. Das war eine sehr gute Idee. Der Alkohol würde mich sicherlich ein wenig beruhigen und vielleicht sogar meine Zunge lockern.
„Und was machst du, Jens?“, wandte sich Lai plötzlich an mich.
Ich schluckte überrumpelt. Nein, tu das nicht, Lai! Rede nicht mit mir! Ich kann nicht. Ich versteifte. Oh mein Gott, er will etwas über mich erfahren. Er interessiert sich für mich. „Moment“, murmelte ich. „Gläser.“ Ich stand auf, ging zum Wohnzimmerschrank und atmete tief durch. Er interessiert sich für mich, hämmerte es in mir. Nein, du redest dir das nur ein. Er ist ein Hete, sicherlich mit einer bildschönen Freundin und nun ist er nur höflich, so wie alle Asiaten. Meine Finger zitterten immer noch, als ich den Schlüssel zum Barfach drehte, damit ich die Klappe öffnen konnte. Ich entnahm dem Fach vier Schwenker und stellte sie auf den Tisch. In der Küche hörte ich meine Mutter hantieren und sah kurz zu ihr, doch sie bekam meinen Blick gar nicht mit, da sie mit dem Rücken zu mir stand. Zum Glück kam mein Vater gerade aus dem Keller wieder und so bekam ich die Chance, meine Antwort noch ein wenig hinauszuzögern. Mein Vater lächelte zufrieden, löste den Verschluß und füllte die Gläser.
„Also, was machst du, Jens?“, kam Lai auf seine Frage zurück.
Ich sah zu meinem Vater, nickte unmerklich, nahm ein Glas an mich und sagte leise: „Ich bin Grafiker.“
Ein: „Wow“, war alles was Lai von sich gab.
„Da hat mein Sohn echt was drauf. Er muß Ihnen mal die Zeichnungen zeigen“, rief meine Mutter.
„Mom!“, rief ich zurück und kippte den Weinbrand hinunter.
„Du brauchst dich doch nicht für die Aktzeichnungen zu schämen.“ Mit einem Tablett, auf dem Besteck, zwei Teller, der schwäbische Kartoffelsalat und heiße Würstchen standen, trat sie zu uns an den Tisch. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß. Mußte sie gerade jetzt auf mein Hobby zu sprechen kommen? Sie kannte den Thai doch gar nicht gut genug, um das Thema breitzutreten.
„Nach Modellen gezeichnet?“, wollte Lai wissen und nickte meiner Mutter dankbar zu, als sie das Tablett vor ihm abstellte.
„Nein, nach Vorstellungen“, erklärte ich und nahm einen Teller.
„Du zeichnest aus dem Kopf?“ Lai trank seinen Weinbrand und tat uns Kartoffelsalat auf.
Ich nickte, zog die Beine an und aß im Schneidersitz, während Lai gesittet am Tisch saß. Meine Wangen glühten und ich wußte, daß ich rot war. Das war alles so unwirklich. Neben mir saß der Traummann schlecht hin und ich benahm mich wie ein sechzehnjähriger Jüngling. Mich hatte es total und völlig unerwartet erwischt.
„Hast du Zeichnungen hier?“ Lai griff nach einem Würstchen und biß herzhaft hinein. Noch mehr Blut schoß mir den Kopf und meine Vorstellungskraft überrollte mich. Ich verscheuchte die Gedanken, versuchte es zu mindestens, doch mein Blick glitt unaufhaltsam zu Lais Schoß. Seine Jeans saßen eng und ich konnte die Umrisse seiner Männlichkeit erkennen, oder bildete ich mir das nur ein? War ich wirklich so versessen auf das Geschlecht eines Mannes? Nein, gerade nur auf seines, verbesserte ich mich.
„Nein“, preßte ich hervor und nahm eine Gabel voll Kartoffelsalat.
Lai wechselte zum Glück das Thema und erkundigte sich bei meinem Vater: „Es stört Sie wirklich nicht, wenn ich hier übernachte? Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“
„Das geht schon in Ordnung.“ Mein Vater füllte die Gläser nach und Mutter bat mich: „Schatz, du schläfst doch im Partyraum, oder?“
„Hmm“, murmelte ich kauend.
„Gut, dann bezieh ich mal noch ein Bett und mache das Gästezimmer fertig.“ Meine Mutter wollte gerade das Wohnzimmer verlassen, als Lai rief: „Ich helfe Ihnen, Frau Seeger.“
„Nein, lassen Sie mal. Essen Sie in Ruhe auf.“ Mit einem Winken verschwand sie.
Jasper wurde unruhig. Mit der Pfote stieß er Lai immer wieder vorsichtig in die Seite. „Was will er?“, fragte der Thai.
„Er ist nur verfressen. Gib ihm ein Stück deiner Wurst ab, dann ist er ruhig“, und ich auch, vollendete ich in Gedanken und schimpfte mich aus, für meine Lust auf diesen Mann.
„Ach so.“ Lai aß an seinem Würstchen weiter und hielt das letzte Viertel mit der flachen Hand Jasper hin. Vorsichtig nahm der Hund ihm den Zipfel ab und bellte dankbar auf.
„Der Salat schmeckt gut“, murmelte Lai und füllte sich seinen Teller noch mal nach.
„Sag das meiner Mutter“, lachte ich und aß auf.
„Na gut, Jens, heben wir uns die Videos für morgen auf.“ Mein Vater legte die Tapes neben den Fernseher und suchte, sich wild durch die Programme zappend, nach einer Weihnachtssendung und als ‘Jingel Bells’, aus den Lautsprechern drang, fragte er: „Wo kommen Sie her, Lai?“ Und schon fing mein Vater wieder mit seinem typischen Verhör an. Ich verdrehte kurz die Augen, doch dann wurde mir klar, daß dies meine Chance war, mehr über den Thai zu erfahren, der sich in mein Herz geschlichen hatte. Und wenn mein Vater mit ihm sprach, fiel es wenigstens nicht auf, daß ich der eigentlich Neugierige war.
„Aus Frankfurt, aber aufgewachsen bin ich in Bangkok.“ Lai antwortete ohne zu zögern. Ihn schien es nicht zu stören. Er sprach sogar weiter: „Ich habe ein Stipendium bekommen und bin zum Studieren hergekommen. Nach Abschluß meines Studiums hat mich eine Computerfirma angestellt und so konnte ich hierbleiben, ohne daß ich große Probleme mit den Behörden hatte. Mein Chef hat das damals alles geklärt.“
Ich zog mir ein Kissen heran, legte es mir auf den Schoß und angelte nach der kleinen Schale mit den frisch geknackten Nüssen. Ich schob mir eine Paranuß zwischen die Zähen und kaute genüßlich. Ich liebte diese Nüsse, auch wenn sie so schwer zu öffnen waren.
„Wie lange leben Sie schon in Deutschland?“ Vater griff in die Schale, die auf meinem Kissen stand, und nahm sich eine Handvoll Nüsse heraus.
„Ich bin mit neunzehn hergekommen, das war vor elf Jahren.“
Dreißig, er ist dreißig. Fünf Jahre älter als ich. Perfekt. Ich versank in meinen Träumen. Ich sah mich mit ihm, in einer gemeinsamen Wohnung, auf unserem großen Bett, eng aneinander geschmiegt, in inniger Umarmung. Er war eindeutig der Mann meiner Träume. Mit ihm wollte ich den Rest meines Lebens verbringen. Blieb nur noch eine sehr wichtige und entscheidende Frage. Ist er schwul?
„Lai, Jens kann Ihnen dann das Gästezimmer zeigen.“
Erschrocken fuhr ich aus meinem Tagtraum hoch. Meine Mutter stand lächelnd vor uns.
„Frau Seeger, Ihr Kartoffelsalat war köstlich.“ Lai stellte die Teller aufeinander und trug das Tablett in die Küche.
Ich blieb wie hypnotisiert sitzen, sah Lai nur nach und holte tief Luft, dann erst stand ich auf und folgte dem Thai. Schweigend sortierte ich die Teller in die Spülmaschine und deckte die Salatschüssel ab, um sie in den Kühlschrank stellen zu können.
Lai beobachtete mich. Ich fühlte seine Blicke und versuchte, sie zu ignorieren. „Auf geht’s, ich zeig dir dein Bett!“, sagte ich, ohne ihn anzusehen. Mit schnellen Schritten eilte ich vor, stürmte die Treppen hinab und betrat den Partyraum, in dem meine Mutter das Sofa für mich hergerichtet hatte. Meine Tasche stand auf einem Sessel und meine Geschenke lagen auf dem kleinen Beistelltisch. Ich fuhr zusammen. Der Kalender lag obenauf und ein nackter Mann schaute mich an. Ich packte den Kalender und schob ihn unter die Sachen in meiner Tasche. Lai erschien zum Glück erst jetzt in der Tür. Er hatte von meiner Aktion nichts mitbekommen und ich atmete auf. „Da hinten ist das Gästezimmer.“ Mit der Hand deutete ich auf die entsprechende Tür. „Sieh es dir an!“
Lai schob die Tür nach innen und blieb im Rahmen stehen. Ich hielt mich in seinem Rücken auf und war gespannt, was er sagen würde.
„Das Bett ist ja riesig“, stieß er hervor und drehte sich unerwartet um. Ich wankte zurück und verfing mich in seinem Blick. Ich senkte den Kopf und starrte auf meine Zehen, die in schwarzen Socken steckten.
„Aber sicherlich gemütlich.“ Er grinste mich an, zeigte mir wieder sein Rückenprofil und ging tiefer in das Gästezimmer hinein. Auf der Bettkante ließ er sich nieder und schaute sich um. „Sogar ein Fernseher und ein Videorecorder. Ist ja besser als in einem Hotel.“ Rücklings ließ er sich auf das weiche Federbett fallen, das rot bezogen war. Ich erkannte meine Bettwäsche und schluckte. Meine Mutter hatte mir die Satin-Bezüge geschenkt. Es waren zwei gewesen, einer für David und einer für mich und nun schlief Lai in dem Bezug, der eigentlich für David bestimmt gewesen war, den er aber nie bekommen hatte.
Ich blickte, weiterhin in der Tür stehenbleibend, zu Lai und beobachtete ihn stumm. Wieso hörte mein Herz nicht auf so wild zu schlagen? Wie Lai da lag, die Hände unter dem Kopf verschränkt, die Beine leicht gespreizt, das war Verführung pur. Ich verspürte eine Wahnsinnslust, mich auf ihn zu werfen, über ihn herzufallen und ihn gierig zu küssen. Die vollen Lippen luden einfach dazu ein. In mir schien alles nach Lais Körper zu schreien. Ich wollte ihn berühren, verführen und mit ihm im Taumel der Lust versinken.
„Jens!“ Ertappt zuckte ich zusammen. Meine Mutter rief mich.
„Ich komme!“, antwortete ich und sagte zu Lai: „Machs dir bequem.“
„Tu ich.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf, kam ein Stück höher und zwinkerte mir zu.
Ohne ein weiteres Wort wirbelte ich herum. Weg hier, nur weg! Sein Anblick war nicht gut für mich. Seit ich auf ihn getroffen war, verfolgten mich die unanständigsten Gedanken. Im Kopf war ich schon lange mit ihm im Bett gewesen.
Verloren stiefelte ich die Wendeltreppe wieder hinauf, gesellte mich zu meinen Eltern und Jasper und setzte mich neben meine Mutter, die einen Weihnachtsteller in den Händen hielt. Süßigkeiten aller Art waren ordentlich darauf angerichtet und in mitten der leckeren Dickmacher saß ein kleiner Plüschschneemann. „Für Lai“, hauchte sie und küßte mich auf die Wange. „Gib es ihm!“
„Nachher“, murmelte ich. Ich wollte nicht schon wieder zu dem Mann, der mir den Kopf verdreht hatte. Ich hatte Angst. Angst davor, ihm ganz zu verfallen, Angst davor, ihn zu berühren und Angst davor, mich und mein Gefühl für ihn zu verraten.
„Er gefällt dir“, stellte meine Mutter fest. Sie kannte mich und wußte mein Verhalten einzuordnen. Sie spürte, was für eine Hölle in mir tobte.
Ich nickte verschämt und war froh, als Jasper zu mir kam und nach Aufmerksamkeit bettelte. Ich widmete mich ganz meinem Hund und vergaß sogar für einen Moment Lai. Jasper rollte sich zu meinen Füßen auf den Rücken, streckte alle vier Pfoten von sich und wollte gekrault werden. Ich kam seiner Bitte nach, beugte mich zu ihm hinab und streichelte ihm den Bauch. Spielerisch schnappte Jasper immer wieder nach meinen Fingern. Es gehörte einfach zu dem alten Ritual dazu.
„Geh zu ihm und leiste ihm ein wenig Gesellschaft!“ Meine Mutter wuschelte mir durchs Haar. „Es tut mir leid, daß er ganz allein ist zum Heiligen Abend.“
„Aber die Videos“, widersprach ich.
„Können wir auch morgen sehen, mein Schatz.“ Sanft legte sie mir ihren Zeigefinger unters Kinn und zwang mich dazu, sie anzusehen. Die grauen Augen finge mich ein und in ihnen las ich die Bitte, zu Lai zu gehen.
„Es ist unser Abend“, versuchte ich es weiter.
„Heute nicht. Nimm ein paar Plätzchen mit!“ Ein Kuß auf meine Stirn und schon war ich aus dem Wohnzimmer verbannt. „Zu trinken habt ihr ja genug unten!“
Ich nickte. Es brachte nichts, meiner Mutter zu widersprechen, und so erhob ich mich und ging in die Küche. Ich nahm eine Schale an mich und öffnete die große Blechbüchse mit dem Weihnachtsmann darauf, in der meine Mutter jedes Jahr das Selbstgebackene aufbewahrte. Mit einer kleinen Schaufel holte ich einige Butterplätzchen hervor, einige Baiser-Kringel und zum Schluß noch Marzipanschneemänner. Ich verschloß die Dose wieder und wollte gerade gehen, als meine Mutter rief: „Vergiß den Weihnachtsteller nicht!“
Ich brummte, ging zurück und nahm die Süßigkeiten auch noch an mich.
„Schlaf gut!“, sagte mein Vater und ich ging. Na toll, dachte ich. Nun mußte ich mich wohl oder übel mit Lai beschäftigen.
Noch nie war mir der Weg in den Keller so schwer gefallen. Bedächtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Mein Herzschlag befand sich im Stakkato. Meine Hände waren feucht und in meinem Magen rumorte es, als hätte eine Hexe ihre Küche darin eingerichtet. Wie sollte ich mich verhalten? Wie mit Lai umgehen, ohne daß er sofort sah, daß ich mich in ihn verliebt hatte?
Nur noch drei Schritte trennten mich von dem Kellerboden. Tief durchatmend blieb ich stehen. Mein ganzer Körper wurde von den heftigen Schlägen meines Herzens ausgefüllt. Mich wunderte, daß das Haus nicht erschüttert wurde.
Okay, Jens, du gehst jetzt in den Partyraum und bleibst dort. Du schaltest die Anlage an, setzt Kopfhörer auf und liest in diesem dämlichen Buch deiner Mutter weiter. Schlimmer als das hier kann der Inhalt eines Rosamunde-Pilcher-Romans auch nicht sein.
Ich gab mir einen Ruck und betrat den Partyraum. Die Tür zum Gästezimmer war geschlossen - zum Glück. Ich stellte den Weihnachtsteller und die Plätzchen auf dem Beistelltisch ab und schaltete die kleine Lampe über dem Sofa an. Ich trat zu dem kleinen Bücherregal, nahm Mutters Roman an mich, ließ mich auf die Couch nieder und versuchte zu lesen. Wie lange ich auf die aufgeschlagene Seite starrte, war mir nicht bewußt. In Gedanken befand ich mich hinter der Tür, die zum Gästezimmer führte. Gedämpft drangen die Stimmen aus dem Fernseher zu mir.
Ich klappte das Buch zu, legte es auf den Tresen der Bar und stützte den Kopf mit den Händen ab. Ich hockte einfach nur da, dachte an Lai und wußte nichts mit mir anzufangen. Nur eins regte sich in mir und das war das Klopfen meines Herzens. Irgendwie mußte ich mich von den Gedanken ablenken. Ich durfte nicht die ganze Zeit nur Lai im Kopf haben. Müde stemmte ich mich hoch, umrundete den Tresen und trat dahinter. Suchend ließ ich meinen Blick über die Vielzahl von Flaschen schweifen, die mein Vater für seine Cocktails brauchte. Er war einer der besten Mixer die ich kannte, und dabei arbeitete er nicht nach irgendwelchen Rezepten. Bei ihm war alles frei Schnauze und total lecker. Nur die ‘Pina Colada’ , die mein Lieblingscocktail war, mixte er nach der alt bekannten Rezeptur. Ich entschied mich für einen süßen Cremelikör aus Marillen. Eigentlich gehörte der meiner Mutter, aber ich verspürte Appetit darauf. Ich nahm ein Likörglas und wollte die Flasche öffnen, als die Tür zum Gästezimmer aufging.

„Jens!“
Ertappt zuckte ich zusammen, stellte die Flasche weg und lächelte verkrampft. Der Blick aus den schwarzen Augen schlug mich in seinen Bann.
„Ich dachte, du bist bei deinen Eltern?“ Lai lehnte sich gegen den Türrahmen und fixierte mich.
„War ich auch.“ Ich öffnete den kleinen Kühlschrank unter der Theke und fragte mit zitternder Stimme: „Willst du auch was trinken?“
„Ein Bier wäre nicht schlecht.“ Langsam kam Lai auf mich zu. Sein Blick streifte kurz die Einrichtung des Partyraumes, dann schob er sich einen Barhocker zurecht, ließ sich darauf nieder und wartete geduldig ab.
Na gut, Jens, du bleibst jetzt ganz ruhig und versuchst, dich normal zu verhalten. Laß dich von ihm nicht irritieren. Ich suchte zwei Tulpen aus dem kleinen Glasschrank hinter mir, stellte sie auf den Tresen und holte noch zwei Bier aus dem Kühlschrank. Lais Blick ruhte auf meinen Händen und als ich die erste Flasche öffnen wollte, entglitt mir der Öffner. Ich verkniff mir ein ‘Scheiße’, bückte mich und versuchte es ein weiteres Mal. Ich kam mir so hilflos vor und tölpelhaft. Das war nicht mehr ich. Bis jetzt hatte ich doch jede Flasche aufbekommen, wieso wollte es nicht gelingen? Nach zwei weiteren, etwas kraftlos wirkenden Versuchen waren die Bierflaschen endlich offen und ich konnte das helle Gebräu in die Gläser laufen lassen.
„Ihr habt ein schönes Haus“, nickte Lai anerkennend, während ich ihm ein Glas vor die Nase stellte.
„Ich habe nie hier gewohnt“, erklärte ich. „Ich bin in der Stadt aufgewachsen - eben ein Großstadtkind.“ Meine Finger waren wie taub, als ich nach der Tulpe griff, um einen Schluck zu trinken. Über den Rand des Glases sah ich Lai an, der sich mit der Zungenspitze den Schaum von der Oberlippe leckte. Ein Blitz schlug in meinen Körper ein. Ablenken, gar nicht daran denken, was die Zunge alles mit mir anstellen könnte.
„Musik?“, fragte ich und versuchte, meiner Stimme einen festen Klang zu geben.
„Ist mir egal.“ Lais Finger angelten nach dem Buch, das noch immer auf dem Tresen lag. „Liest du so was?“ Ohne Plan blätterte er in dem ‘Pilcher-Roman’.
„Nein.“ Ich begab mich in die Hocke, holte Vaters silbernen Metallkoffer unter der Bar hervor und öffnete ihn. „Der gehört meiner Mutter.“ Rasch überflog ich die CD’s, die in dem ‘100fach-CD-Wechsler’ in der Wohnstube keinen Platz gefunden hatten. „Wenn mir langweilig ist, lese ich manchmal in ihren Sachen.“
„Und - tropfen die Bücher?“, lachte Lai.
Fragend, mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich den Thai an.
„Vor Schmalz?“ Gerade hatte er die Erdnußflips entdeckt, die noch von der letzten Kellerparty übrig waren.
„Ach so, ja. Du weißt doch, reiche Landbesitzer die sich in eine arme Magd verlieben.“ Ich zog eine CD aus dem Koffer und fragte: „Genesis?“
„Ist okay.“ Eine Erdnußflip nach der anderen landete zwischen seinen weißen Zähnen.
Noch immer fühlte ich mich unwohl und es besserte sich auch nicht, als ‘I cant dance’ erklang. Ich stand regelrecht neben mir und daß Lai mich ständig beobachtete war auch nicht sehr hilfreich für mein aufgewühltes Inneres. Wieso mußte ich mich gerade jetzt verlieben? Warum nicht in einem Club? Dort konnte ich meinen Angebeteten wenigstens beobachten und dabei im Hintergrund bleiben. Hier war mir dies unmöglich und der Gedanke, daß ich diese Nacht Wand an Wand mit Lai schlafen mußte, schnürte mir die Luft ab. Ich wußte ja nicht mal, ob er schwul war. In meinem Stammclub konnte ich mir wenigstens sicher sein, daß meine Angebeteten schwul waren, aber bei Lai...
„Tut mir leid wegen deinem Schlafplatz.“ Lai riß mich aus meinen Grübeleien. „Ich schlaf auf dem Sofa, damit du dein Bett wieder bekommst.“
„Kommt gar nicht in Frage“, fuhr ich hoch. „Du bist der Gast und...“
„Ein ungebetener“, unterbrach er mich.
„Na und? Der Raum nennt sich nicht umsonst Gästezimmer.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Okay, ein Vorschlag. Das Bett ist groß genug. Wir teilen es uns einfach.“
Ich glaubte zu versteinern. Mit ihm in einem Bett. Ein Traum, aber völlig unrealistisch und hirnrissig. Ich konnte doch nicht neben ihm pennen. Mein Herz schlug Kapriolen. War Lai sich überhaupt bewußt, was er da gerade gesagt hatte? Auch wenn sein Angebot mehr als nur verführerisch war, preßte ich ein: „Nein“, hervor.
„Warum nicht?“ Spielend zog er die Augenbrauen hoch. Er musterte mich ganz genau und schien in meinen Augen zu lesen. Ob er erkannte, welche Hölle in mit tobte.
„Ist doch nichts dabei und bequem ist es allemal.“ Sein warmes Lächeln traf mich tief im Herzen.
„Aber ich kann doch nicht...“, setzte ich an.
„... neben einem Mann schlafen?“
Wieder hatte Lai mich nicht aussprechen lassen. Verdammt! Ich saß in der Zwickmühle. Ich mußte mir ganz schnell etwas einfallen lassen. „Nein, das ist es nicht, aber wir kennen uns doch kaum.“
„Dann laß uns das ändern!“ Lai erhob sich von dem Barhocker, reichte mir über den Tresen die Hand und sagte: „Schönen guten Abend! Mein Name ist Prasert Methakunawut. Und Sie sind?“
Was? Wie war sein Name? Irritiert sah ich zu Lai. Nicht eine Silbe seines Namens war in meinen Gehirnwindungen angekommen.
„Ach, nennen Sie mich doch einfach Lai.“ Ein angenehmes Lachen, das mir Schauer über den Rücken trieb, folgte seinen Worten.
„Jens-Andreas Seeger“, murmelte ich. Ich würde sein Spiel erst mal mitmachen. „Jens reicht aber vollkommen aus.“ Ich ergriff seine Hand nur zögerlich. Ich wollte ihn nicht berühren. Ich hatte Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren. Sanft aber fest umschlossen braune Finger die meinen. Heiße Blitze rasten von meiner Hand aus in meinen Körper, überall hin, und schlugen direkt in meinem Schoß ein. Sein Händedruck war kräftig, aber sehr angenehm. Die Handflächen waren warm und trocken. Von diesen Händen gestreichelt zu werden war bestimmt himmlisch. Ich erwischte mich, wie ich daran dachte, wie diese Finger meinen Hintern berührten und sacht kneteten.
„Angenehm“, lachte Lai und entzog mir seine Hand. Ich ließ sie nicht gerade gern los. Ich hätte sie noch stundenlang halten können.
„Ich bin am 11. Juni 1972 in Bangkok geboren worden, dort lebte ich bei meiner Familie und besuchte die Grund- und Oberschule, danach kam ich zum Studium nach Berlin und jetzt arbeite ich in Frankfurt bei einer Computerfirma.“ Lai machte eine kurze Pause. „Ich würde gern in Ihrem kleinen, aber feinen Hotel übernachten. Es stört mich nicht, wenn ich mit jemanden das Zimmer oder gar das Bett teilen muß, falls bei Ihnen alles ausgebucht ist.“
Meine Augen weiteten sich, erst ungläubig, doch dann verstehend. Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Die Situation war zu eigenartig, um ernst zu bleiben. „Herzlich Willkommen im Hause Seeger“, kicherte ich. „Wir haben nur ein Zimmer, sogar mit Fernseher, allerdings schläft dort schon der Sohn des Hauses, aber er wird sicherlich das Sofa nehmen, damit Sie in Ruhe nächtigen können.“ Noch einmal brachte ich meinen Standpunkt zur Sprache.
„Ach, komm! Das Sofa sieht sicherlich nicht nur unbequem aus. Die Liegefläche ist doch viel zu schmal, um richtig liegen zu können.“ Seine Augen fingen mich wieder ein. „Und außerdem steht der Fernseher nicht hier, sondern dort!“ Mit der Hand deutete er auf das Gästezimmer.
Er ließ einfach nicht locker. Was bezweckte er damit? Ich sah ihn an, hoffte darauf, den Grund für seine Beharrlichkeit zu erkennen und gab es auf. Ich würde nicht erfahren, was Lai wollte und da ich keine Anstalten machte, auch nur einen Finger zu rühren, machte er Nägel mit Köpfen. Ich kam gar nicht so schnell hinter dem Tresen hervor, wie er mein Bettzeug geschnappt hatte und ins Gästezimmer verfrachtete.
„Hey!“, rief ich. Das gab es doch gar nicht. Der Thai machte, was er wollte, ohne auf meine Meinung Rücksicht zu nehmen. Ich stürmte los und wurde in der Tür abgefangen. Arme schlangen sich um meine Taille und hielten mich fest.
„Keine Widerworte mehr!“, hauchte Lai mir ins Ohr und ich erschauerte.
Er hält mich fest! Das sind seine Hände an meiner Taille. Das ist die Wärme seines Körpers, die mich umhüllt. Er riecht so gut! Vorsichtig schnupperte ich. Er sollte es nicht bemerken.
„Laß mich los!“, brummte ich. Ich wollte ihn nicht fühlen, ihm nicht so nah sein. Ohne weiteres könnte ich jetzt die Arme um ihn legen und mich an ihn schmiegen, aber alles in mir sträubte sich. Es war zu viel für mich.
„Hast du noch nie mit Freunden ein Bett geteilt?“, fragte Lai. „Du tust ja fast so, als wollte ich über dich herfallen.“ Er löste die Hände und gab mich frei.
Oh ja, tu das! Fall über mich her, berühre mich bis tief unter die Haut. Ich war wie versteinert, unfähig mich zu rühren. Noch immer spürte ich den Druck seiner Hände und ihre Wärme. Schmerzhaft biß ich mir auf die Unterlippe. Das war zu viel für mich. Seine Berührungen hatten ein Feuer in mir entfacht, das nun wie wild in meinem Unterleib vor sich hinflackerte.
„Jens?“ Lai schob mich vorsichtig zu dem Bett und ich ließ es willenlos geschehen. Ich wollte mehr. Ich wollte von ihm auf den Rücken gedrückt werden. Ich wollte, daß er über mich kam und mich küßte. Ich wollte, daß er mir die Klamotten vom Leib riß und über mich herfiel.
„Hab ich was Falsches gesagt?“ Er hockte sich vor mich und sein Blick suchte den meinen. Erschrocken zwinkerte ich und schüttelte stumm den Kopf.
„Kommt noch was im Fernsehen?“ Lai erhob sich wieder und griff nach der Fernbedienung. Kurz darauf flimmerten die ersten Bilder über die Röhre. Ich war für die Ablenkung dankbar und schaute in den Fernseher, in dem gerade ‘Die Geister, die ich rief’ lief.
Nur nebenbei bemerkte ich, daß Lai die Musik im Partyraum ausstellte und das Licht löschte. Mit den noch halbvollen Tulpen kam er wieder zu mir. Er drückte mir ein Glas in die Hand und raunte: „Trink einen Schluck!“
Ich hob den Kopf, damit ich Lai anschauen konnte. „Ich kann nicht hier schlafen.“
„Doch, du kannst!“ Ein bezauberndes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Thai. „Ich bleibe auf meiner Seite. Keine Angst. Wir können uns doch noch ein wenig unterhalten.“
Er war wirklich hartnäckig und so nickte ich geschlagen. „Okay“, brummte ich und rutschte auf die rechte Seite des Bettes. Ich schüttelte mein Kissen auf, schob es gegen die Wand und lehnte mich dagegen. Ich zog die Knie an und starrte in den Fernseher, wobei meine Gedanken mich jagten.
Die Bettwäsche! Das Bett sieht aus wie ein Ehebett. Eigentlich hatte meine Mutter das ja auch bezweckt, doch damals hatte sie die Satinbettwäsche für David und mich gekauft. Aber noch bevor David wieder mit zu Besucht kommen konnte, war er zurück nach L.A. geflogen und nun schlief ein fremder Mann in seiner Bettwäsche. War dies ein Zeichen?
Kurz warf ich einen Blick auf Lai, der es mir gleich getan hatte und plötzlich fiel mir das Präsent wieder ein. Doch bevor ich es Lai überreichte, wollte ich auf Toilette. Ich schwang die Beine aus dem Bett, erhob mich und verließ das Gästezimmer. Lai sah mir nach, da war ich mir sicher.
Im Bad angelangt blieb ich vor dem Spiegel stehen. Ich musterte mich. Meine Augen waren dunkel. Ein Zeichen von höchste Anspannung. Es gab etwas in meinem Leben, das mich beruhigte, doch ich hatte keine Zeichenmaterialien dabei. War also nichts mit Männerportraits. Ich mußte mich anders beruhigen.
Unwirsch drehte ich mich um, öffnete die Toilettenbrille und erleichterte mich. Okay, Jens, du gehst jetzt in das Gästezimmer und versuchst, mit Lai wie mit einem Bekannten umzugehen. Laß dich nicht von ihm nervös machen! Ich spülte, wusch mir die Hände und kehrte mit meinem Vorsatz zurück. Im Partyraum nahm ich den Teller an mich und als ich das Gästezimmer betrat, sah Lai mir wartend entgegen. Er hat gewartet. Er hat tatsächlich auf mich gewartet.
„Frohe Weihnachten“, murmelte ich und ging zu ihm, drückte ihm den Teller in die Hand und verzog mich auf meine Seite des Bettes.
„Bist du nur deswegen raus gegangen?“ Neugierig schob er mit den Fingern die Süßigkeiten hin und her. „Das wäre nicht nötig gewesen.“
„Meine Mutter“, stammelte ich. „Sie war der Meinung, daß du auch was am Heiligen Abend haben sollst.“ Ich streckte mich lang aus, kehrte Lai den Rücken zu und schaute in den Fernseher. Ich hoffte, daß der Film mich ablenken könnte. Gerade hatte ‘Alien’ begonnen.
„Danke!“
Ich schaute zwar in die Flimmerkiste, lauschte aber Lai, der sich neben mir bewegte. Er schien den Weihnachtsteller auf den Nachttisch zu stellen. Dann legte er sich hin.
„Soll ich das kleine Licht löschen?“, erkundigte er sich.
„Hmm.“ Oh Gott, jetzt wird es dunkel und ich liege mit ihm auf einem Bett. Nur noch das Flimmern des Fernsehers erhellte den Raum ein wenig und ich hatte das Gefühl, daß mein Brustkorb kurz vorm Bersten stand. Noch nie hatte mein Herz so heftig geschlagen. Ob Lai es hörte? Wußte er mein Verhalten einzuordnen? War ihm schon bewußt, daß ich mich in ihn verliebt hatte?
Ich schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Von Lai zog ein angenehmer Duft herüber. Tief atmete ich durch die Nase ein. Herrlich verführerisch. Wie gern würde ich mich jetzt umdrehen, den Kopf auf seine Brust legen und den Arm um seine Taille schlingen. Ich wollte ihn fühlen, seinen Körper, seine Hände...
„Schlaf gut!“ Seine Stimme glich mehr einem Hauch und jagte Schauer durch meinen Körper.
„Du auch“, brachte ich mühsam hervor und gab mich meinen Träumen hin, die ich immer pflegte, bevor ich vom Schlaf übermannt wurde, nur mit dem Unterschied, daß der Mann in meinen Träumen nun ein Gesicht besaß, nämlich das von Lai.
Ich sah ihn, vor mir stehend, mich an sich ziehend und küssend. Arm in Arm taumelten wir auf ein Bett und fielen gierig übereinander her. Ich zog ihm die Sachen aus, ließ die Zunge über die braune Haut gleiten und widmete mich seiner Männlichkeit, bevor er in mich eindrang...

***

Ein leises Pochen weckte mich. Ich schlug die Augen auf und zuckte zusammen. Unter meinem Ohr und meiner Wange spürte ich die angenehme Wärme eines Körpers und das Pochen war das Schlagen eines Herzes. Mein Arm lag um Lais Taille. Ich war im Schlaf an ihn gerutscht und als diese Erkenntnis mein Gehirn erreichte, waren sie wieder da, die Schmetterlinge in meinem Bauch. Tief atmete ich durch. Ich wollte seinen Geruch in mich aufnehmen, ihn absorbieren. Seine rechte Hand lag auf meiner Schulter und dort, wo sie mich berührte, glühte meine Haut.
Langsam, jede abrupte Bewegung vermeidend, löste ich mich von ihm. Er sollte nichts davon mitbekommen. Leise erhob ich mich und sah auf die schlafende Gestalt. Lais Gesicht war entspannt. Ein zufriedenes Lächeln umspielte den sinnlichen Mund. Das rabenschwarze Haar war zerwühlt und bildete einen starken Kontrast zu dem knallroten Kopfkissen. Er sah so wunderschön aus und so verführerisch. Es fiel mir unwahrscheinlich schwer, mich von diesem Anblick loszureißen.
Ich habe neben ihm geschlafen. In seinen Armen die Nacht verbracht und nichts ist passiert. Ob ihm bewußt war, daß er mich festgehalten hatte? War er munter geworden, als ich zu ihm rutschte? Am liebsten wäre ich jetzt wieder zu ihm gekrochen, um ihn zu berühren, doch dies schien mir unmöglich. Er war nicht schwul, auf keinen Fall. Er hatte mir den Platz an seiner Seite ganz ohne Hintergedanken angeboten. Ich würde nie einen Fremden, und wenn er mir noch so gut gefiel, neben mir schlafen lassen.
Leise seufzte ich und wandte mich nun doch ab. Ich mußte auf Toilette und mich frisch machen. Die Nacht in Jeans und Shirt war mir nicht gut bekommen. Nur eine Dusche und frische Sachen würden mir helfen, mich wieder wohl zu fühlen, und gerade als ich die Tür zum Gästezimmer öffnen wollte, vernahm ich ein: „Guten Morgen!“
Blut schoß mir in die Wangen. Ich drehte mich nicht in Lais Richtung, murmelte ein: „Morgen!“, und sprintete los. Er mußte ja nicht unbedingt sehen, daß ich eine Morgenlatte hatte. Im Bad angekommen, schlug ich die Tür hinter mir zu, lehnte mich dagegen und atmete tief durch, um das unruhige Schlagen meines Herzens unter Kontrolle zu bringen. Das war knapp gewesen.
Völlig fertig strich ich mir mit den Fingern die Haare hinter die Ohren und machte einen Schritt nach vorn. Blind griff ich hinter mich und drehte den Riegel, damit die Tür abgesperrt war. Ich bin verliebt, hämmerte es in mir. Scheiße, ich will das nicht. Was war mit meinem Vorsatz, mich niemals in einen Heterosexuellen zu verlieben? Ich steckte total fest. Es war sinnlos. Ich wußte, daß ich nichts gegen meine Gefühle tun konnte. Ich konnte sie nur akzeptieren und hoffen, daß ich Lai vergaß, wenn er erst mal weg war. Ich durfte mir weder Adresse noch Telefonnummer geben lassen, um nicht in Versuchung zu kommen.
Mit gestärktem Selbstbewußtsein putzte ich mir die Zähne. Ich zog das Shirt aus und beschloß, zu baden, um zur Ruhe zu kommen. Hoffentlich holten mich meine Tagträume nicht wieder ein. Ich stöpselte die Wanne zu, ließ Wasser ein und schüttete etwas von dem grünen Schaumbad rein, das auf der Metallablage über der Wanne stand.
Es klopfte an der Tür. „Jens!“
„Ja?“ Ich legte das flauschige Handtuch, das ich gerade neben die Wanne hängen wollte, auf dem Toilettendeckel ab.
„Ich glaube, ich brauche deine Hilfe“, drang Lais Stimme durch das Holz der Tür.
„Wobei?“, fragte ich brummend.
„Meine Tasche ist noch im Wagen und von dem ist nicht mehr viel zu sehen.“
„Ich komme.“ Gegen meine Hilfsbereitschaft war ich nicht gefeit und schon gar nicht bei einem so wahnsinnigen Typen, wie es Lai war. Ich drehte das Wasser ab, zog mein Shirt wieder über und verließ das Bad.
Lai wartete schon. Er war fertig angezogen und hielt mir meine Jacke entgegen. Ich nahm sie ihm ab und sah ihn an. Seine Augen waren gerötet und leicht geschwollen. Er sah aus, als hätte er geweint, was ich mir nun weiß Gott nicht vorstellen konnte.
„Nicht gut geschlafen?“, erkundigte ich mich und zog die Daunenjacke über.
„Nein, ich habe sehr gut geschlafen. Liegt an den Kontaktlinsen. Habe sie gestern Abend vergessen, rauszumachen.“ Und als wollte er seine Worte bestätigen, strich er sich über die geschlossenen Augen.
Ich nickte und schlüpfte in meine Boots. Lai nahm einen Besen an sich und ich den Schneeschieber. „Dann laß uns mal deinen Wagen freischaufeln“, sagte ich und drehte den Schlüssel, der im Schloß der Kellertür steckte. „Mein Wasser wird kalt“, murmelte ich noch und trat ins Freie. Ich würde jetzt wirklich lieber in der warmen Wanne liegen, als da raus in die Kälte und Schnee schippen.
Weiß lag das Land vor mir. Stille hüllte mich ein, bis Lai sich mir anschloß und das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen durch die Winterlandschaft hallte.
Von Lais Opel war wirklich nicht mehr viel übrig. Nur wenn ich ganz genau hinsah, konnte ich erkennen, daß unter der riesigen Schneewehe ein Auto stand. Gerade an dieser Stelle hatte sich der Schnee getürmt.
„Ist deine Tasche im Kofferraum?“, fragte ich.
Lai nickt. „Hätte ich sie gestern nicht vergessen, dann würdest du jetzt dein Bad genießen und mir würden die Augen nicht so höllisch brennen und ich wäre dadurch nicht gezwungen, die Brille zu tragen.“
„Dann laß uns einen Zahn zulegen, damit das Brennen aufhören kann!“ Ich packte den Schneeschieber und begann, eine Breche zu schlagen. Ich wollte einen Weg freilegen, damit wir besser an den Kofferraum kamen, doch Lai interessierte das nicht. Er stapfte einfach durch die teilweise fast kniehohen Schneewehen, bis er seinen Wagen erreichte. Dort fing er an, völlig unkonventionell den Schnee mit den Händen von der Kofferhaube zu schieben.
„Auch eine Idee“, kommentierte ich und tat es ihm gleich. „Hast du es sehr eilig, fortzukommen?“
„Geht so. Jan und Ina wissen, daß ich in Sicherheit bin. Wieso?“ Weiße Wolken aus Schnee hüllten ihn ein.
Was sollte ich sagen? Das ich wollte, daß er wieder verschwand, weil ich ihn nicht ertragen konnte, da ich in ihn verliebt war? „Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir deinen Wagen wieder flott haben.“ Zum Glück war mir noch eine gute Antwort eingefallen und ich stieß auf das blau lackierte Metall.
„Nicht, wenn die uns helfen.“ Lai deutet die Straße hinauf.
Ich folgte seiner Hand und sah einen Räumungstrupp. Zwei Räumfahrzeuge kamen langsam die Straße entlang und schoben den Schnee beiseite.
„Die können sicher deinen Opel rausziehen.“ Ich hörte auf, den Schnee zu bearbeiten, und ging den Leuten vom Winterdienst entgegen. Ich winkte dem Fahrer des Traktors und trat an die Fahrertür, als er anhielt.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er freundlich.
Ich nickte dem Mitfünfziger mit dem fast kahlen Kopf zu. „Ja, der Wagen meines Bekannten sitzt da hinten fest. Könnten Sie ihn aus der Wehe ziehen?“
„Klar, kein Problem. Hat Ihr Bekannter ein Abschleppseil?“
Ich zuckte mit den Schultern und blickte zu Lai, der endlich die Kofferhaube oben hatte. Mit einem Abschleppseil, das sich automatisch auf eine Rolle wickelte, winkte er.
„Nicht gut“, kommentierte der Mann vom Straßendienst. „Die reißen zu schnell, aber wir können es ja mal versuchen.“
Zehn Minuten später stand Lais Opel auf dem Parkplatz vor unserem Haus und der Mann vom Straßendienst bedankte sich für den Schokoweihnachtsmann.
Lai griff sich seine Sporttasche und folgte mir ins Haus. Jasper begrüßte uns freudig. Der Golden Retriever hatte Lai anscheinend als meinen Freund anerkannt, denn er stürzte sich schwanzwedelnd auf ihn. Lai kraulte ihn kurz und nickte meinen Eltern zu, die verschlafen den Korridor betraten.
„Ihr seid aber zeitig munter“, gähnte mein Vater. „Sieht so aus, als wollten Sie uns verlassen, Lai?“
Noch bevor der Thai antworten konnte, erklärte meine Mutter: „Aber erst nach dem Weihnachtsessen.“
„Einverstanden, Frau Seeger.“ Lai strahlte mich an und ich stöhnte innerlich auf. Meine Mutter fiel mir in den Rücken.
„Okay, ihr nehmt das Bad unten“, wies mein Vater an und verkrümelte sich.
„Haben Sie gut geschlafen, Lai?“ Meine Mutter streichelte Jasper, der von Lai abgelassen hatte und mehr Aufmerksamkeit von ihr verlangte. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß bei der Erinnerung an mein Erwachen.
„Sehr gut, Frau Seeger. Kann ich Ihnen beim Tischdecken helfen?“
Ich rollte die Augen. Entweder war Lai wirklich ein zuvorkommender Mensch oder er hatte einfach ein schlechtes Gewissen.
„Nein, nein, geht euch frisch machen!“ Mit einem Klaps auf meinen Hintern hatte Mutter mich entlassen. Ich warf ihr einen warnenden Blick zu. Ich mochte es nicht, wenn sie das vor Fremden tat.
Eilig öffnete ich die Tür zum Keller. Die halbe Treppe lag schon hinter mir, als Lai mir nachrief: „Laß mich bitte nur schnell auf Toilette, dann kannst du baden.“
„Okay.“ Ich begab mich in den Partyraum, legte die dicke Jacke ab und schleuderte die Boots von mir, dann wühlte ich in meiner Tasche herum. Was zum Teufel zieh ich nur an? Verdammt, warum konnte ich mich nur nie entscheiden? Dann fand ich aber endlich etwas Passendes. Ich hatte mir das enge, ärmellose Shirt von meinem letzten Trip nach L.A. mitgebracht. Es war silberrotblau mit weißen Sternen darauf. Als ich das Shirt im Schaufenster gesehen hatte, konnte ich nicht vorbeigehen, ohne es zu kaufen. Ich würde die dünnen Jeans dazu anbehalten. In ihnen fühlte ich mich am besten.
„Du kannst ins Bad.“
Erschrocken sah ich auf und schluckte. Lai stand in der Tür, nur noch mit seinen Jeans begleitet. Pullover und T-Shirt hielt er in der linken Hand. Mein Blick glitt über seine Brust. Oh Wahnsinn, dieser Oberkörper - braun, durchtrainiert und ganz glatt, ohne ein Härchen, einfach ein Traum. Laß mich dich berühren, Lai! Es mußte himmlisch sein, diese makellose Haut anzufassen und mit den Lippen zu kosen. Sicherlich fühlte sie sich an wie Seide. Das Lai jetzt eine Brille auf der Nase trug, nahm ich nur am Rande wahr, aber sie paßte zu ihm.
Ich räusperte mich kurz und sagte: „Danke“, dann verschwand ich eilig und genoß mein wohlverdientes Bad.

Ich half meiner Mutter in der Küche, indem ich die Reste des Truthahns auseinandernahm. Das von den Knochen gelöste Fleisch warf ich Jasper in den Freßnapf. Mein Hund sollte auch etwas von unserem Festessen abbekommen.
Lai saß auf unserem Sofa und tippte eine Nachricht in sein Handy. Mein Blick wanderte immer wieder zu ihm, vorsichtig, nicht auffällig. Der Thai sollte es nicht bemerken.
„Er beobachtet dich schon den ganzen Tag“, flüsterte meine Mutter und legte einen Grünen Kloß für Jasper in den Napf. „Er steht auf dich, Schatz.“
„Mom, er ist nicht schwul“, verteidigte ich Lai und mich selber. Ich durfte nicht mal einen Gedanken daran verschwenden.
„Ach, und warum verschlingt er dich mit den Augen?“ Sie war näher an mich getreten.
„Das täuscht.“ Aufgeregt schlug mein Herz. Auf die Intuition meiner Mutter hatte ich mich bisher immer verlassen können, doch diesmal lag sie falsch.
„Versuch es! Was hast du zu verlieren?“ Sie zwinkerte mir zu. „Seine Augen sind gütig und warm. Er würde dich nie verletzen, das weiß ich. Er ist der Richtige für dich.“
„Aber...“ Nein, das konnte nicht sein. Lai war nie im Leben schwul, auch wenn ich es mir wünschte, denn der Thai hatte mein Ich erobert.
„Schatz, vertrau...“ Meine Mutter blieb hartnäckig, verstummte jedoch, als Lai zu uns trat, oder besser gesagt zu mir.
„Jens, gibst du mir deine Telefonnummer?“ Mit einem aufnahmebereiten Handy in der Hand fing sein Blick mich ein.
Ich nickte, nannte ihm meine Nummer und glaubte zu verbrennen. Ich sah wie die Finger der wunderschönen Hände die Zahlen eintippten. Ich fragte nicht nach seiner Nummer. Ich würde an meinem Vorsatz festhalten.
„Was machst du Silvester?“, erkundigte er sich und angelte nach einem Geschirrtuch, um die handgespülten Sachen zu trocknen.
„Ich bin auf einer Fete“, antwortete ich, verschwieg aber, daß diese im ‘Boys’ stattfinden würde.
„Ich feiere mit Jan und Ina. Falls du Lust hast, komm doch einfach zu uns.“ Das Tuch flog nur so über die Kellen und Schneebesen.
„Ich weiß nicht“, stammelte ich. Er wollte mit mir Silvester verbringen? Er wollte mit mir ins neue Jahr rutschen? „Ich bin mit Freunden verabredet“, wich ich aus und sofort traf mich ein vernichtender Blick meiner Mutter. Sie wußte, daß ich log, denn mein einziger Freund wollte mit seinem Schatz im Bett ein Feuerwerk starten lassen. Jonas, das Bärchen, war schon seit zwei Monaten mit Holger zusammen und ich gönnte ihnen ihr Glück.
„Na gut, da kann ich nichts machen.“ Wenn Lai jetzt enttäuscht war, dann ließ er es sich nicht anmerken.
Ich mußte dem Thai entkommen. Sein Blick war fast sezierend, als spürte er, daß ich ihn angelogen hatte. Ich nahm Jaspers Napf von der Anrichte und stellte ihn auf den Boden. Leise pfiff ich nach meinem Hund, der mit großen Sprüngen in die Küche kam und sich gierig auf sein Festessen stürzte. Ich hockte mich zu ihm, kraulte ihn und schaute zu Lai, der meiner Mutter weiter behilflich war. Ich war aufgeregt und nervös. Konnte meine Mutter doch Recht haben? Nein, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Nie im Leben war dieser Mann schwul.
Als der Abwasch erledigt und das Chaos beseitigt war, erklärte Lai, daß es für ihn nun wirklich an der Zeit war, aufzubrechen. Er verließ die Küche, um im Keller seine Tasche zu holen. Ich sah ihm nach, blieb aber vor Jasper hocken.
„Bist du blind oder willst du es nicht sehen, Schatz?“ Meine Mutter baute sich vor mir auf. „Lai mag dich.“
„Kann schon sein“, murmelte ich und kraulte Jasper weiter, der vor mir lag und nach mehr bettelte.
„Laß ihn nicht einfach so gehen!“ Sie kam zu mir runter und wuschelte den Golden Retriever.
„Mom, Lai ist nicht schwul, also hör auf!“ Ich war sauer. Wieso quälte sie mich so?
„Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es, okay“, knurrte ich und erhob mich. Ich trat in den Wintergarten und sah hinaus auf die Straße. Der Schnee taute. Die Temperaturen waren so sprunghaft in die Höhe geschossen, daß das Weiß keine Chance mehr hatte, liegen zu bleiben. Ich starrte weiter durch die große Glasfront, auch als Lai mit meinen Eltern sprach und sich für alles bedankte.
„Jens?“, rief meine Mutter drängelnd und so begab ich mich doch zu ihnen in den Korridor.
„Rutschen Sie gut ins neue Jahr, Lai, und passen Sie auf der Straße auf!“ Mit einem Handschlag verabschiedete sich mein Vater von dem Thai und meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, Lai Küßchen auf die Wange zu hauchen. „Besuchen sie uns mal wieder!“, bat sie. Sie hatte den Mann tatsächlich in ihr Herz geschlossen. Dann konnte ich mich jetzt auf ein Fragenbombardement einstellen.
„Sicher, Frau Seeger.“ Lai lachte meine Mutter an und drehte sich in meine Richtung.
Nun war ich an der Reihe, Abschied zu nehmen. Ich würde es kurz und schmerzlos machen. „Machs gut!“, sagte ich nur und hielt ihm meine Hand hin. Ich wich seinem intensiven Blick aus. Diese schwarzen Augen schlugen mich zu sehr in ihren Bann, als daß ich es gerade jetzt zulassen könnte.
Geh und melde dich nicht! Laß mich einfach in Ruhe! Ich will dich nicht wiedersehen. Worte, die mir auf der Zunge lagen, die ich aber hinunterschluckte. Niemand sollte auch nur erfahren, welches Chaos in mir herrschte. Es ging niemanden etwas an. Das war einzig und allein mein Problem.
In Lais Augen blitzte es kurz auf und ich fühlte mich unwohl. Wie würde der Thai sich jetzt verhalten, bei meinem offensichtlich abstoßenden Verhalten? Ich zuckte zusammen, als er nach meiner Hand griff, erwiderte den Druck aber. Gerade als ich ihm meine Hand wieder entziehen wollte, zog er mich mit einem Ruck an sich. Eine Hand legte sich an meine Hüfte und ich begriff nicht, was hier gerade geschah. Ich war total überrumpelt und versteifte. Was hatte Lai vor? Ich hob den Blick an, suchte nach einem Anzeichen in seinem Gesicht und plötzlich lagen seine Lippen auf meinen.
Oh mein Gott, er küßt mich. Plötzlich bestanden meine Knie nur noch aus Pudding und wäre nicht die Wand in meinem Rücken gewesen, ich wäre sicherlich zusammengerutscht. Tausende Granaten explodierten in meinem Magen. Sacht strich Lais Zunge über meine Lippen, und so schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Er löste sich von mir und bat: „Überlege es dir noch mal mit Silvester!“
Ich nickte kurz und blieb wie paralysiert stehen, preßte mich enger gegen die schützende Wand. Mein Herz raste, mir war eindeutig schlecht und in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich war einfach fertig. Tief holte ich Luft, schloß die Augen und legte den Kopf zurück in den Nacken. Ich will ihn nicht sehen. Ich möchte ihn nie wiedersehen. Hart schlug ich die Fingernägel in die Handballen, um nicht laut aufzustöhnen.
„Schatz!“ Leise sprach meine Mutter mich an. Ihre Finger strichen durch meine Haar. „Er ist weg.“
Gemächlich öffnete ich die zusammengekniffenen Augen. Hoffentlich stimmte, was meine Mutter sagte. Verängstigt sah ich mich um. Die Haustür war geschlossen und nur meine Mutter stand im Flur. „Was ist hier gerade passiert?“, erkundigte ich mich stammelnd und vor Aufregung zitternd. Hat er mich tatsächlich geküßt oder sind nur meine Träume mit mir durchgegangen?
„Lai hat dich geküßt.“ Meine Mutter faßte nach meiner rechten Hand und zog mich von der weiß getünchten Wand fort. Sie schob mich ins Wohnzimmer. „Ich sagte doch, er steht auf dich.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen ließ ich mich auf die Couch fallen. Ich begriff gar nichts mehr. Unbewußt kraulte ich Jasper, der zu mir kam und den Kopf auf meinen Oberschenkel legte. Das war doch total verrückt. Ich hatte neben Lai geschlafen, weil ich dachte, er ist ein ganz normaler Heterosexueller, und nun stellte sich heraus, daß er gar nicht abgeneigt war.
Scheiße, schrie es in mir. Das kann auch nur dir passieren. Du triffst auf deinen Traummann, verliebst dich auf Anhieb und traust dich nicht, ihn zu berühren, weil du glaubst er ist ein Hete. Du verbringst die Nacht mit ihm auf einem Bett und nichts passiert, weil du voller Schiß bist - und was hatte ich nun davon? Nichts! Einen flüchtigen Kuß und das war es. Er ist weg, verschwunden, und ich wollte nicht mal seine Telefonnummer haben, weil ich dachte, er ist hetero. Scheiße!!!
„Aber er ist doch gar nicht schwul“, versuchte ich, mein aufgewühltes Inneres zu beruhigen.
„Er hat dich geküßt, Schatz.“ Meine Mutter sah mir in die Augen. „Wenn das nicht schwul ist, dann weiß ich nicht, was du darunter verstehst.“
Ein Klingeln ließ mich zusammenfahren. Ich kannte das leise Geräusch. Eine Kurzmitteilung war auf meinen Handy eingegangen und plötzlich betete ich, daß es das Bärchen war. Ich mußte mit ihm reden.
„Dein Handy“, stellte meine Mutter nur fest und erhob sich um das Telefon aus der Anbauwand zu nehmen. Sie reichte es mir.
Ich rief die SMS auf und schluckte. Leise las ich vor: „Hallo Jens! Jetzt hast du meine Nummer. Ich hatte vergessen sie dir zu geben. Ich melde mich, wenn ich bei Jan bin. Lai.“
Meine Finger zitterten so sehr, daß mir beinah das Handy aus den Händen gerutscht wäre. Meine Mutter nahm es mir ab und legte es auf den Couchtisch. Mein Blick irrte durch das Wohnzimmer. Was sollte ich nun tun? In mir tobte es. Ich mochte ihn, aber daß konnte nicht funktionieren, niemals...
„Dich hat es ja total erwischt.“ Sanft strich mir meine Mutter durchs Haar. Sie wußte schon wieder, was mit mir war. Wieso kannte sie mich so gut? Wann hatte ich ihr das Tor zu meinem Inneren geöffnet? Manchmal war es ja gut, daß meine Mutter mich verstand und ich mit ihr reden konnte, doch in Momenten wie solchen war ich lieber allein, um erst mal selber zu realisieren, was mit mir war.
„Na los, ruf ihn an! Er wartet sicherlich auf eine Antwort von dir. Laß ihn nicht zappeln!“
„Jetzt nicht“, knurrte ich. „Er sitzt doch im Wagen.“ Ich begriff das immer noch nicht. Sollte ich mich so sehr geirrt haben? Ich fühlte seine Lippen noch immer auf den meinen und glaubte sogar, seine Zunge zu spüren. Meine Haut prickelte an den Stellen wo er mich berührt hatte. „Außerdem hat er geschrieben, daß er sich meldet.“
„Ihr seht gut zusammen aus“, rekapitulierte meine Mutter.
„Ein Traum, nur ein Traum. Vergiß es!“ Das konnte einfach nicht wahr sein. Nie im Leben hatte Lai Interesse an mir.
„Dann hatten wir den gleichen Traum.“ Warm lachte meine Mutter auf. „Und, wie küßt er?“
Das war meine Mutter. Ehrlich, neugierig und ohne Scheu. Schon nachdem ich mich geoutet hatte, kam sie mit allen möglichen Fragen zu mir. Oft war ich dabei rot angelaufen, weil sie einfach alles bis ins kleinste Detail wissen wollte. Ich erinnerte mich, wie sie eines Abends zu mir ins Zimmer kam und fragte, wie es ist, mit einem Mann zu schlafen und ob ich mich nicht dabei ekeln würde? Das einzige, was ich darauf erwiderte, war, daß ich Kondome benutze. Ich verheimlichte ihr damals, daß ich noch nie mit einem Mann geschlafen hatte, denn der erste, der dies mit mir getan hatte, war David gewesen.
Ich zuckte mit den Schultern. Ich mußte einen kurzen Blackout gehabt haben, denn an mehr als Lais Lippen konnte ich mich nicht erinnern. Ich wußte nicht mal, ob ich ihn zurück geküßt hatte. Der Moment lag in einem dichten Nebel und ich bereute es. Nur zu gern würde ich mich daran erinnern, um zu wissen, wie er schmeckte.
„Jens, wieso bist du so kühl? Freu dich doch darüber, daß ein solcher Mann an dir interessiert ist, oder hängst du noch an David?“
David, nein, um Gottes Willen. Ich verschwende doch keinen Gedanken mehr an jemanden, der mich nach Strich und Faden belogen und betrogen hat. „Nein, Mom, das ist es nicht.“
„Was dann?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann es einfach nicht glauben.“ Wieso sollte Lai auf einen so unscheinbaren, kleinen Typen stehen, wie ich es war? Ihm lagen doch sicherlich die Frauen und die Männer zu Füßen. Also, warum sollte er sich für mich entscheiden?
„Nimmst du einen Rat von mir an?“, fragte meine Mutter.
„Kommt darauf an, was es ist.“ Mit den Händen fuhr ich mir durchs Haar.
„Verbring mit ihm Silvester und denk dann noch mal darüber nach!“
„Oh nein, das kommt nicht in Frage. Ich gehe ins ‘Boys’, so wie ich es geplant habe.“ Ich griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Für mich war die Unterredung beendet. Lai war weg und ich konnte mich endlich frei bewegen, ohne darauf achten zu müssen, was ich tat, damit ich mich nicht blamierte.
„Liebst du ihn?“ Vorsichtig strich meine Mutter mir über den Oberschenkel.
„Was?“ Wie kam sie denn auf diese absurde Idee? „Nein, natürlich nicht.“
Lügner! Du hast dich doch schon auf den ersten Blick in Lai verguckt. Warum leugnest du? Mein Kopf hatte ja Recht. Ich fühlte diese riesige Schar Schmetterlinge in meinem Bauch, die mir ganz genau mitteilte, daß ich haltlos verliebt war. Ja, ich bin verliebt und ich will ihn. Ich möchte Lai haben und mit ihm im Taumel der Lust versinken.
„Deine Augen, Schatz, zeugen vom Gegenteil.“ Meine Mutter erhob sich und verließ die Wohnstube. Sie würde mich in Ruhe lassen, damit ich über meine Gefühle nachdenken konnte.

***

Vorsichtig löste Lai sich von Jens, der völlig weggetreten schien. Mit einem Lächeln auf den Lippen und Jens Geschmack im Mund zog er die Haustür hinter sich zu, ging zu seinem Opel und stieg ein. Noch mal ein kurzer Blick auf das Haus, in dem er auf einen Engel getroffen war, dann startete er seinen Wagen und macht sich auf den Weg zu seinen Freunden. Er fuhr aus Frankenheim hinaus und stoppte kurz hinter dem Ortsschild auf dem Seitenstreifen. Mit zitternden Finger kramte er sein Handy hervor und tippte eine Nachricht für Jens ein. Er zögerte. Sollte er die SMS wirklich versenden? Er gab sich einen Ruck und bestätigte die Eingabe.
Der braunhaarige Mann hatte sein Herz im Sturm erobert, in dem Moment, als er mit dem Tee und dem Schneeschieber vor ihm stand. Er wollte Jens auf alle Fälle wiedersehen. Lai konnte sich sehr gut vorstellen, daß Jens und er ein Paar wurden.
Jens war wirklich niedlich und die grauen Augen schienen tiefgründig zu sein. Sie hatten schon viel gesehen und Jens eine Menge erlebt, sicherlich nicht nur schöne Sachen. Jens wirkte auf Lai verängstigt, wie ein scheues Reh. Was war dem jungen Mann widerfahren?
Jedenfalls freute Lai sich jetzt erst mal auf seinen besten Freund und dessen Frau, die sehnlichst auf ihn warteten. Im Kofferraum des Opels befanden sich ein riesiger Plüschelefant und eine in Geschenkpapier eingewickelte Wiege. Lange hatte der Thai überlegt, was er seinen Freunden zu Weihnachten schenken sollte, ohne auf ein Ergebnis zu kommen und so hatte er sich nach einer Weile entschieden, einen Teil zur Erstausstattung beizutragen.
Es fiel ihm heute besonders schwer, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. In seinem Kopf spukte Jens herum und so war Lai froh darüber, daß er die Straßen fast nur für sich alleine hatte. Irgendwie mußte er sich von dem braunhaarigen Engel ablenken, damit er nicht in den nächsten Straßengraben fuhr. Ob ihm Musik helfen konnte? Er schaltete das Radio an, aus dem Weihnachtsmusik erschallte. Na gut, dachte er, warum nicht, und so pfiff er leise die Lieder mit, nur um wieder an Jens denken zu müssen.
Lai fuhr fast mechanisch. Er orientierte sich an den Schildern, die an den Straßenrändern auftauchten, und wunderte sich, daß er schon in die Straße einbog in dem Jan und Ina wohnten. Er parkte vor dem modernisierten Altbau, in dem Jan eine Dreiraumwohnung angemietet hatte, und stieg aus. Mit ein paar Schritten erreichte er die Klingelanlage und versenkte den Knopf unter dem Daumen. Ein: „Hallo“, ertönte knackend aus der Gegensprechanlage.
„Kommst du bitte mal runter!“, bat Lai seinen Freund mit einem freudigen Lächeln, dann ging er zurück zu seinem Opel und öffnete die Kofferhaube. Er ordnete schnell noch mal das Geschenkpapier. Ein Türklappen ließ ihn herumfahren. Er sah den blonden Wuschelkopf seines Freundes und trat zu ihm. Kurz darauf lagen sie sich in den Armen.
Jan klopfte Lai freundschaftliche auf die Schulter. „Na, du Weltenbummler. Hast dir ja ganz schön Zeit gelassen. Welcher Mann ist dir über den Weg gelaufen und hat dein Herz erobert?“ Jan klang amüsiert. Seine Worte waren gar nicht ernst gemeint. Es sollte ein Scherz unter Freunden sein.
„Jens“, gab Lai sofort zu und löste sich von Jan, der den Mund ungläubig öffnete.
„Jens Andreas Seeger, ein Engel.“ Mit der rechten Hand zog er seine Tasche aus dem dunklen Hohlraum des Wagens und hängte sie sich über.
„Jens also“, lachte Jan auf. „Das mußt du mir erzählen. Oben wartet Glühwein auf uns.“
„Mach ich.“ Lai nahm den Plüschelefanten. „Hier, fang!“ Das große, graue Monstrum flog in einem hohen Bogen auf Jan zu.
„Hey!“ Lais Freund angelte das riesige Stofftier aus der Luft und gluckste überrascht. Er schlang die Arme um den weichen Hals und beschwerte sich: „Willst du mich damit erschlagen?“
Lai verkniff sich eine Antwort und stellte die Wiege auf dem Asphalt ab, damit er seinen Wagen verschließen konnte. „Laß uns hochgehen! Hier ist es mir zu kalt und ungemütlich.“ Er klemmte sich die Wiege unter den Arm und folgte seinem ziemlich verwirrten Freund in das Treppenhaus.
Mit der sperrigen Last unter dem Arm kamen Lai die paar Treppen bis zum ersten Stock doppelt so hoch vor und er war froh, als er den Treppenabsatz erreichte. Die Tür zu Jans und Inas Wohnung stand offen. Ein Lachen löste sich aus der Kehle von Jans Frau, als sie den Elefanten erblickte, dann trat sie zur Seite und ließ die beiden Männer eintreten.
Lai stellte die Wiege ab und zog die blonde Frau mit den grünen Augen in die Arme. Er fühlte den Bauch, in dem Jans und Inas Kind heranwuchs. „Ina“, hauchte er und hielt die eigentlich zierliche Frau fest.
„Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Ina barg den Kopf an Lais Schulter, der sacht über ihren Rücken strich.
„Macht euer Geschenk auf!“, bat Lai und ließ Ina los. Er trat ein Stück beiseite, damit seine Freunde die Wiege auspacken konnten.
„Lai!“ Glücklich warf sich Ina in Lais Arme. Mit dem Geschenk hatte er richtig gelegen und das freute den Thai. Sacht wiegte er Jans Frau in seinen Armen, dann schob er sie sanft von sich und sagte: „Laß dich ansehen!“
„Ich sehe fürchterlich aus - total fett.“ Ina drehte sich um und wollte in der Küche verschwinden, die links vom Korridor lag, doch Jan hielt sie auf, indem er die Arme von hinten um sie schlang. „Nicht doch, Ina, du bist wunderschön.“
Stumm beobachtete Lai die Szene. Er verstand nicht, was Ina an sich auszusetzen hatte. Bis auf den Babybauch sah sie doch aus wie immer und wenn er nicht schwul wäre, würde er um Ina buhlen. Sein Blick glitt über Jans Frau. Die blonden Haare waren kunstvoll hochgesteckt, die grünen Augen glänzten warm und der Mund war unauffällig rot nachgezogen. Sie war eine Schönheit, so weit Lai das beurteilen konnte.
Er würde seine Freunde allein lassen. Ein Streit schien in der Luft zu liegen, denn Ina versuchte, sich aus Jans Armen zu winden. Ohne ein Wort verzog Lai sich ins Wohnzimmer. Der Couchtisch war gedeckt. Tee stand auf einem Stövchen, Dampf stieg zur Decke hinauf, Stollen wartete darauf, verspeist zu werden, und ein kleiner Tannenbaum erhellte die Ecke hinter der Couch.
Lai fuhr sich durchs Haar und holte tief Luft. Er wußte durch die Telefonate mit Jan, daß Ina Probleme mit ihrem Körper hatte. Sie ließ sich von Jan nicht mehr anfassen und an Sex war gar nicht zu denken. Lai wußte, wie sehr die Situation auch Jan belastete, doch der stand hinter seiner Frau. Nie würde er auf den Gedanken kommen, fremd zu gehen, nur weil Ina sich ihm nicht hingab. Er liebte sie und nur das zählte. Jan hoffte darauf, daß, wenn ihr Kind auf der Welt war, Ina wieder zu ihren Lust zurückfinden würde.
Der Sessel bot sich Lai als die perfekte Sitzgelegenheit an. Er streckte die Beine von sich, verschränkte die Arme hinterm Kopf und atmete tief durch. Er hoffte, daß Jan und Ina sich wieder vertrugen. Ihm fielen die Augen zu. Die Nacht war anstrengend für ihn gewesen. Die ganze Zeit über hatte er Jens angesehen und sich überlegt, wie er herausbekam, ob Jens schwul war. Es war zwar sein erster Eindruck gewesen, doch Jens Verhalten hatte ständig vom Gegenteil gezeugt. Er war erst in den frühen Morgenstunden eingeschlafen, nachdem Jens zu ihm gerutscht war und den Kopf auf seine Schulter gebettet hatte. Was machte der hübsche junge Mann gerade? Ob er an mich denkt, so wie ich an ihn, überlegte Lai. Jens war mehr als überrascht gewesen, als ich ihn küßte. Hoffentlich nimmt er es mir nicht übel...
„Lai, willst du auch ein Bier?“, hörte er Jan rufen.
Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, rief er: „Nein, jetzt noch nicht.“
Lächelnd trat Ina in die Wohnstube. „Willst du dir das Kinderzimmer ansehen? Es ist endlich fertig.“
„Gern.“ Lai drückte sich aus dem Sessel und folgte Ina. Staunend sah er sich in dem neu eingerichteten und tapezierten Raum um. An der Wand hatte Tapete mit planschenden Entchen Platz gefunden. Ein weißer Schrank stand an der linken Seite und rechts ein Gitterbettchen. Direkt daneben sah Lai seine Wiege, in der der Elefant saß. Plüschtiere reihten sich auf einem Regal über dem Bett und unter dem Fenster stand eine Wickelkommode. Es war alles für das neue Leben vorbereitet.
„Ich freue mich so für euch.“ Der Thai konnte nicht anders. Er schloß Ina fest in seine Arme. „Wer hätte gedacht, daß ihr mal heiratet und sogar ein Kind bekommt. Ihr habt euch gehaßt. Jan hielt dich für eine aufgeblasene Ziege und du ihn für einen Idioten.“
„Das war er ja auch“, kicherte Jans Frau.
„Wieso?“
„Er ist ständig dieser Franziska hinterhergestiegen. Erinnerst du dich noch an die überkandidelte Tussi mit ihren falschen Haaren und Fingernägeln? Jan hat durch sie gar nicht gemerkt, daß ich ihn über alles liebte.“
„Ja, Franziska, so hieß sie. Das habe ich schon vergessen gehabt.“ Lai grinste bei den Erinnerungen. „Jan wollte nie auf mich hören. Ich hatte ihm von Anfang an gesagt, daß sie nichts für ihn ist und daß er die richtige Frau dadurch übersieht.“
„Tja, und dann mußte er feststellen, daß die Franziska ein Franz ist...“
Lai lachte auf und wiegte Ina leicht hin und her. „Das war der Schock seines Lebens.“
„Aber langweilig war unsere Studienzeit nicht.“ Ina griff nach Lais Händen und verschränkte ihre Finger.
„Hey, ihr beiden! Soll ich den Glühwein ganz allein trinken?“ Die Hände in die Hüften gestützt tauchte Jan plötzlich vor ihnen auf. „Lai, wenn ich nicht wüßte, daß du schwul bist, würde ich sagen, du machst meine Frau an.“
„Vielleicht tue ich das ja auch.“ Lai entließ Ina seinen Armen und zwinkerte Jan zu, ehe er fortfuhr: „Schade eigentlich, daß ich mich gerade in jemanden verguckt habe.“
„In Jens, ich weiß.“ Jan hielt seiner Frau die Hand entgegen.
„Jens?“ Ina sah Lai fragend an. „Wieso weiß ich noch nichts davon?“
„Lai wird es uns sicherlich gleich erzählen.“ Jan griff nach Inas linker Hand und zog sie mit ins Wohnzimmer. Lai folgte seinen Freunden mit einem wissenden Lächeln. Er wußte, daß die beiden jetzt alles haargenau erfahren wollten. Er würde um eine Schilderung der Ereignisse nicht herumkommen.
Der Thai suchte sich den Sessel, der dem Sofa gegenüberstand, und ließ sich darauf nieder. Liebevoll lächelte er Ina und Jan an, die sich gemütlich aneinanderkuschelten und sich für aufnahmebereit erklärten. Ausführlich erzählte Lai von seiner Begegnung mit Jens. Seine Augen glänzten verräterisch, als er von dem jungen Mann schwärmte. Tief in ihm brannte ein Feuer, das er gestillt wissen wollte. Er fand es schade, daß er nicht wußte, was Jens davon halten würde.
Der Glühwein rann den beiden Männern angenehm die Kehlen hinab und Ina hielt sich an ihrem Tee fest. Lai fühlte sich träge und müde. Der Alkohol trug seinen Anteil dazu bei. Immer wieder schaute er auf sein Handy und überprüfte, ob es auch wirklich angeschaltet war, denn bis jetzt hatte Jens auf seine Nachricht noch nicht reagiert. Er würde ihn anrufen, sobald er ein paar Momente für sich allein hatte.

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StoryHub Awards 2017

Du kannst diese Story nicht für die StoryHub Awards 2017 nominieren, da nur Werke teilnehmen, welche im letzten Jahr und nicht während des Events erschienen sind.

Autor

TamSangs Profilbild TamSang

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Kapitel:5
Sätze:1.443
Wörter:16.748
Zeichen:94.143

Kurzbeschreibung

Heiligabend... Schnee in Hülle und Fülle... Jens, der es gerade erst schaffte, sich aus einer schlechten Beziehung zu lösen, verbringt das Fest bei seinen Eltern, als nicht weit entfernt ein Wagen in einer Schneewehe stecken bleibt. Mit einem Schneeschieber und heißen Tee bewaffnet, macht er sich auf dem Weg, um dem Autofahrer hilfreich zur Seite zu stehen und dann schaut er plötzlich in die schönsten und dunkelsten Augen in seinem Leben.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Erotik, Alltag, Trauriges und Tragödie gelistet.

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