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Für ein Jahr

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21.8.2018 13:30
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

1.Schneewehen

 

Müde räkelte ich mich und zog die dicke Daunendecke enger um meinen Körper. Mit kalten Fingern stopfte ich das Kissen unter meinen Kopf, das auf die Seite gerutscht war. ‘Nur noch zehn Minuten’, sagte mein Körper, doch mein Gehirn war auf Hochtouren.

Brummend rollte ich mich auf die andere Seite und schlug die Augen auf. Es war noch dunkel, der Tag kurz vorm Erwachen.

Jasper war nicht bei mir, was mich wunderte, denn normalerweise ließ mein Hund mich nicht weiterschlafen, wenn ich zu Besuch war. Und nun, wo ich schon mal munter war, konnte ich auch gleich aufstehen. Ich schob die Decke von meinem Körper und zog fröstelnd die Schultern nach vorn. Barfuß tapste ich zur Tür, zog sie auf und verließ das Gästezimmer. Ich durchquerte den Partyraum und strich mir mit allen zehn Fingern durchs Haar, als ich den Korridor entlang ging, um zum Bad zu gelangen.

Mit der linken Hand schlug ich auf den Lichtschalter und mit der rechten drückte ich die Klinke nach unten.

Die Tür schwang auf und gab den Blick auf ein rot eingerichtetes Bad frei. Ich betrat den flauschigen Badevorleger und stellte mich vor das Waschbecken, über dem ein Spiegel hing. Graue Augen blickten mich an. Fluchend zupfte ich an meinen braunen Locken herum, die ganz zerwühlt waren. Kurz entschlossen band ich die halblangen Haare im Nacken zusammen und angelte nach dem Zahnputzzeug.

Ich drehte das Wasser an, füllte den Becher und spürte plötzlich, wie sehr mir die Blase drückte. Ich schloss den Wasserhahn, klappte den Toilettendeckel hoch und erleichterte mich. Mit einem zufriedenen Grinsen spülte ich und schob dann die Kabinentür zur Dusche auf. Erst als warmes Wasser auf meinen Körper rieselte, erwachten meine Lebensgeister. Ich fühlte mich wohl und frei. Mein erster Urlaubstag - zehn Tage frei.

Gemütlich, ohne Hast seifte ich mich mit Dads Duschgel ein und atmete den herben Duft ein. Es war schön, wieder zu Hause zu sein, und es war Weihnachten, dass Fest der Familie und der Liebe. Ein kleiner Stich im Herzen erinnerte mich daran, dass es mein erstes Weihnachten war, das ich ohne David verbrachte. Ich hatte Schluss gemacht.

Ich wusch mir die Haare, vertrieb die trüben Gedanken damit, spülte die braunen Locken aus und drehte das Wasser ab. Klatschnass und mit den Zähnen klappernd trat ich aus der Duschkabine. Mit zitternden Fingern zog ich eines der großen, weichen, roten Badetücher aus der Ablage und hüllte mich darin ein. Bibbernd blieb ich stehen. Erst als die Kälte meinen Körper verließ, rubbelte ich mir die Haare trocken. Wieder band ich sie zusammen, damit mir die feuchten Strähnen nicht im Weg waren, wenn ich mich rasierte und mir die Zähne putzte.

Ich schaltete das kleine Radio an und lauschte den Weihnachtsliedern, die mich von innen her wärmten. Für mich gab es nichts Schöneres, als Heiligabend bei meinen Eltern zu sein. Leise summte ich ‘Stille Nacht’ mit und verrichtete die letzten Handgriffe. Nur noch die Haare trocken föhnen und der Weihnachtstag konnte beginnen.

Mein Kopf war eigenartig leer, als ich mir die Locken kopfüber bürstete und mit dem heißen Hauch des Föhns trocknete. Keine trüben Gedanken quälten mich, nur die Freude auf den gemütlichen Abend sorgte in mir für ein leichtes Kribbeln. Mit spitzen Fingern verteilte ich noch ein wenig Gel und zupfte die störrischen Strähnen in der Stirn zurecht, dann nickte ich meinem lächelnden Gegenüber zu und stapfte splitterfasernackt zurück ins Gästezimmer. Mit gerunzelter Stirn wühlte ich in meiner großen Reisetasche, über die sich meine Mutter schon gestern bei meiner Ankunft amüsiert hatte. Mit einem Grinsen hatte sie gesagt: „Du bist schlimmer als jede Frau die ich kenne. So viele Sachen wie du habe ja nicht mal ich im Schrank.“

Ich hatte meiner Mutter einen Arm um die Schulter gelegt und scherzhaft geantwortet: „Gib es zu, du gehst doch gern mit mir shoppen. Ich bin zu mindestens in der Beziehung deine Tochter.“

„Ach du“, hatte sie gerufen und mich fest in die Arme geschlossen.

Ich ahnte, was mein Vater sagen würde, wenn er mich jetzt sehen könnte, wie ich die Kleidung aus der Tasche holte und wieder reinstopfte. Er würde die Hände in die Hüften stützen, die Augen rollen und stöhnen: „Warum könnt ihr Frauen euch nur nie entscheiden?“

Ich kicherte leise und entschied mich für einen einfachen schwarzen Slip, schwarze Socken, meine engen, ausgebleichten Jeans, die an einigen Stellen schon sehr dünn war und unter der rechten Gesäßtasche einen Riss aufwies und zum Schluss zog ich ein schwarzes, enges Shirt hervor, das von silbernen Fäden durchzogen war.

Ich war stolz auf meine Eltern und ihnen furchtbar dankbar. Sie akzeptierten mich so wie ich war und sie liebten mich, trotz meinem Schwulsein. Ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, als ich mit meinem damaligen Geheimnis ganz allein dastand. Ich hatte mich nicht getraut, meinen Eltern zu sagen, dass ich auf Männer stehe. Irgendwann hatte meine Mutter mich zur Seite genommen und war mit mir essen gegangen und so saß ich ihr gegenüber in einem noblen Restaurant und fragte mich, womit ich das verdient hatte. Sie lächelte den ganzen Abend geheimnisvoll und ich wurde immer nervöser, da ich keine Ahnung hatte, was mir bevorstand. Ich trank Rotwein und knabberte an einem Knoblauchbrot, als meine Mutter sagte: „Ich weiß, dass ich nie eine Schwiegertochter haben werde.“

Ich riss erschrocken die Augen auf und verschluckte mich an dem Brot, dass ich gerade runterschlucken wollte. „Wie...?“, stotterte ich und umklammerte mein Rotweinglas.

„Du hast ein Magazin mit nackten Männern im Schubfach.“ Meine Mutter lächelte mich warm an und griff nach meiner linken Hand, während ich nur schockiert schluckte.

„Stell uns deinen Freund doch mal vor!“, bat sie und fuhr fort: „Dein Vater weiß es auch, aber er wollte uns allein reden lassen. Er liebt dich, Jens, und er wird einen Mann an deiner Seite akzeptieren.“

Ich war völlig von der Rolle, nicht mehr fähig ein Wort zu sagen, und so nickte ich nur.

Das war nun schon neun Jahre her. Ich war damals gerade sechzehn und fing an, mich in der Schwulenszene herumzutreiben. Einen Freund hatte ich nicht, das sollte noch fast fünf Jahre dauern.

Ich riss mich mühsam von den Erinnerungen los und stellte mich vor den großen Spiegel. Zufrieden mit meinem Aussehen drehte ich mich vor ihm und war stolz auf mich, obwohl ich nur 1,69 m groß war. Ich hatte meinen Körper gut trainiert. Regelmäßig ging ich in einen Fitnessclub und spielte Badminton oder nahm an den Step-Aerobic-Kursen teil, auch in der Schwimmhalle war ich oft anzutreffen. Ich stellte mich quer zum Spiegel und strich über die Rundungen meines Hinterns, mit dem ich mehr als zufrieden war. Ich mochte die Rundungen, aber nicht nur bei mir. Ich sah den Männern einfach viel zu gern auf den Po, wobei mir immer so einiges durch den Kopf ging. Ich war fasziniert von diesem Körperteil und versuchte ständig, einen Blick auf ein Männergesäß zu erhaschen.

Kurz sah ich auf meine Armbanduhr. Es wurde langsam Zeit, dass ich zum Frühstück nach oben ging. Ich schüttelte noch schnell die Decke auf und machte mich dann auf den Weg ins Obergeschoss.

„Morgen“, rief ich fröhlich gelaunt, als ich die Tür, die zum Keller führte, hinter mir schloss und nachdem ich den Korridor durchquert hatte. Ich betrat die Wohnstube mit der offenen Küche.

„Morgen, mein Schatz“, antwortete meine Mutter. Sie strich sich ein paar blonde Haarsträhnen hinters Ohr und legte kleine Schokoladenweihnachtsmänner auf die Teller, dann drehte sie sich zu mir um und lächelte mich an. Mein Vater nickte nur kurz und schreckte die gekochten Eier mit kaltem Wasser ab.

Es roch nach frischen Brötchen und Kaffee und nach Räucherkerzchen, eben einfach nach Weihnachten. Verträumt sog ich den Geruch ein und blieb im Türrahmen stehen. Ich wollte die Atmosphäre tief in mich aufnehmen.

Gerade als ich fragen wollte, ob ich noch irgend etwas helfen konnte, kam ein goldbrauner Schatten auf mich zu und sprang an mir hoch. Jasper bellte freudig und strich mir wie ein Verrückter mit der Zunge übers Kinn.

„Jasper!“, fuhr ich auf und drückte den Hund ein Stück von mir fort, dabei kraulte ich ihn beruhigend hinter den Ohren.

„Hast du gut geschlafen?“, hörte ich meinen Vater fragen und sah zu ihm. Er steckte gerade die Eier in die dafür hergestellten Becher, die auf dem Tisch neben den Tellern standen.

„Ja, hab ich.“ Ich schob Jasper von mir und fragte endlich: „Kann ich noch was helfen?“

Meine Mutter trat zu mir, stellte sich vor mich und erklärte lächelnd: „Nein, ist alles fertig. Setz dich ruhig.“ Bestimmend schob sie mich zu meinem Platz und ich ließ mich auf den Stuhl fallen.

Himmlisch, dachte ich. Meine Eltern hatten wieder all das eingekauft, was ich am liebsten aß. Ich wusste, dass ich nach dem Urlaub bei ihnen mehr als sonst ins Fitnesscenter gehen musste, denn immer, wenn ich hier war, aß ich das zweifache.

Jasper drängte sich an meinen Beinen vorbei, machte es sich zu meinen Füßen gemütlich und wie immer benutzte ich seinen Leib als Fußablage. Mit den Zehen kraulte ich ihn.

„Kommst du nachher mit einkaufen?“, fragte mein Vater und setzte sich an die Stirnseite.

„Klar“, stimmte ich sofort zu. Ich wusste, dass dabei auch für mich irgend etwas abfiel.

„Gut, ich bereite das Mittagessen vor.“ Meine Mutter nahm mir gegenüber Platz und entzündete den Adventskranz.

Schweigend aßen wir, bis mein Vater die Stille brach. Ich war gerade dabei mein Ei zu köpfen, als er fragte: „Hast du mal was von David gehört?“

Ich schrak so sehr zusammen, dass der Eideckel durch die halbe Wohnung flog. Ich schluckte hart, erhob mich und nahm das Eistück an mich. Ich schüttelte stumm den Kopf und pellte die Schale ab, dann warf ich das Eiweiß zu Jasper unter den Tisch.

„Schade“, sagte mein Vater und Mutters Blick fing mich ein. Sie musterte mich ganz genau und versuchte, meine Gefühle zu lesen. Ich lächelte etwas gequält, rückte mir den Stuhl zurecht und schmierte mir ein halbes Brötchen mit Orangenmarmelade. Ich legte das Brötchen jedoch gleich wieder weg. Mir war der Appetit vergangen. Ich griff nach meinem Kaffee und trank. Über den Rand der Tasse sah ich meinen Vater an und hoffte, dass er das Thema David fallen ließ, doch den Gefallen tat er mir nicht.

„Er war echt nett. Etwas zu groß und bullig für dich, aber wirklich nett.“

Ja ja, euch gegenüber, dachte ich und verfluchte mich für die vier Jahre, die ich an diesen Arsch verschenkt hatte. Heute, drei Monate nach unserer Trennung, war ich schlauer. Den Fehler würde ich nie wieder machen.

„Er war handwerklich begabt und mit ihm konnte ich Fußball schauen und ein Bier trinken“, fuhr mein Vater fort und fragte: „Das ist das erste Weihnachten ohne ihn. Kommst du damit klar?“

„Ja, komme ich“, antwortete ich gepresst. Ich wollte nicht über David reden.

„Bist du dir sicher?“ Er ließ mich einfach nicht in Ruhe.

„Ja.“ Wütend biss ich nun doch von meinem Brötchen ab und kaute. Wenn ich den Mund voll hatte, musste ich wenigstens nicht antworten.

David, hallte es in mir, David. Zum Glück bin ich ihn los...

 

Videokassetten... Jawohl, manchmal vermisse ich sie *g*, nein, nicht wirklich, aber Charme hatten sie schon, irgendwie... Ihr werdet verstehen, was ich meine, wenn Ihr Kapitel 2 lest... Ehrlich, ich besitze noch einen Videorecorder und tatsächlich noch ein paar Videobänder, Filme von denen ich mich bis heute nicht trennen konnte. Irgendwo in meinem Schrank stehen auch noch ein paar Musikkassetten aus meiner Kindheit und Jugend herum, selbst mitgeschnitten, kennt das überhaupt noch jemand? Ich werde die Videokassetten in meinem Text Videos sein lassen und nicht in DVD oder Blu-Ray ändern... Hat doch etwas nostalgisches, außerdem kann man daran erkennen, vor wievielen Jahren ich diesen Text einmal schrieb...
Ich wünsche viel Spaß
Tam

Gedämpft drang Musik an seine Ohren. Dunkelheit umgab ihn, nur vor ihm zerteilten die Scheinwerfer die Finsternis. Das helle Licht strahlte die schneebedeckte Autobahn an, beleuchtete die weißen, dicken Flocken, die seinen Opel einhüllten. Nur noch selten sah er die Rücklichter eines anderen Wagens. Er befand sich so ziemlich allein auf der Autobahn, was ihn nicht weiter verwunderte. Es war Heiligabend und die Menschen zu Hause in ihren festlich geschmückten Wohnungen. Sie saßen zusammen, sangen Weihnachtslieder und erfreuten sich an den glänzenden Augen ihrer Kinder und Enkelkinder, wenn diese die Geschenke auspackten.
Er feierte kein Weihnachten. Das Fest gehörte nicht zu seinem Brauch. Heute befand er sich auf dem Weg zu seinem besten Freund Jan und dessen Frau Ina. Er würde die zwei Feiertage mit ihnen verbringen, dann Jans neunundzwanzigsten Geburtstag feiern und zu guter Letzt mit den beiden ins neue Jahr rutschen.
Ihm wurde die Autobahn langweilig, zu monoton, und so beschloß er, eine Abfahrt eher zu nehmen. Er dachte nicht darüber nach, wie die Wetterlage war und auch nicht, wie die Straßenverhältnisse auf dem Land sein könnten. Er wollte einfach nur etwas Leben um sich haben - hellerleuchtete Häuser und bunt geschmückte Fenster.
Gerade als er von der Autobahn abfuhr, klingelte sein Handy. Er drückte den Knopf für die Freisprechanlage und meldete sich: „Hallo!“
„Hey Lai! Wo bist du gerade?“, drang die Stimme seines besten Freundes in das Innere des Wagens.
„Etwa eine Stunde von euch entfernt“, antwortete Lai und strich Strähnen des kohlrabenschwarzen Haar aus der Stirn.
„Beeile dich! Ina macht sich Sorgen. Du weißt doch, seit sie schwanger ist, ist sie sehr unruhig und unausgeglichen.“ Leise Weihnachtsmusik spielte im Hintergrund. „Sie dachte schon, du steckst irgendwo im Schnee fest.“
„Ich bin nur etwas später losgefahren und die Autobahn war frei“, sagte Lai und folgte den Wegweisern, die wie Gespenster vor ihm in der Dunkelheit auftauchten, wenn das Aufblendlicht auf sie fiel.
„In den Nachrichten berichten sie über das Chaos.“ Ina mußte Jan den Hörer abgenommen haben. „Teilweise sind die Straßen zu. Fahr vorsichtig!“
„Mach ich, Ina. Bis gleich.“ Lai trennte die Verbindung und versuchte, die Verwehungen vor sich mit den Augen zu durchdringen.
„Scheiße“, murmelte er und drosselte die Geschwindigkeit. Wenn es weiter so schneite und wehte, konnte er froh sein, wenn er in drei Stunden bei seinen Freunden ankam.
Vor ihm begann ein kleines Dorf, eingebettet in die weiße Winterlandschaft. ‘Frankenheim’ stand auf dem Schild am Straßenrand. Lai senkte seine Geschwindigkeit weiter und hatte Probleme, die Straße zu erkennen. Sie war zugeweht. Erst dreihundert Meter hin konnte er wieder ein Stück des dunklen Asphalts ausmachen. Hoffentlich komm ich da durch, dachte er noch, und schon hatten die Reifen keinen Griff mehr. Sie drehten durch und der Opel stand.
Knurrend drückte Lai die Tür auf und stieg aus. Eiskalter Wind pfiff ihm um die Ohren. Er lief nach vorn und sah, daß er mitten in eine Schneewehe gefahren war. „Das kann ja wohl nicht wahr sein“, fluchte er und schlug mit der flachen Hand auf die Kühlerhaube.
Flocken umwirbelten ihn, hüllten ihn ein, schmolzen auf seiner warmen Haut und liefen als kleine Wasserbäche seinen Nacken hinab.
„Na gut“, machte er sich Mut und nahm die dicke Daunenjacke vom Rücksitz. „Freischaufeln!“ Er öffnete den Kofferraum, wühlte darin herum und fand, was er suchte - einen kleinen Klappspaten. Er stach in den Schnee vor dem Wagen, als wäre es Sand, und machte sich an die Arbeit. Nach einer Weile gab er es schweißgebadet auf. Kaum hatte er ein Stück Straße freigelegt, war eine andere Stelle schon wieder zugeweht.
Wütend trat er gegen ein Vorderrad und warf den Spaten von sich. Knurrend strich er sich durchs Haar und sah sich um. Nicht weit von ihm standen die ersten Häuser. Ob er dort Hilfe fand? Konnte er Heiligabend bei fremden Menschen klingeln? Er war sich unsicher. Tief atmete er durch. Erst mal eine Rauchen und nachdenken. Er lehnte sich gegen seinen Wagen, zog das Zigarettenpäckchen aus der Jackentasche und entzündete einen Glimmstengel. Jetzt erst bemerkte er, wie kalt es war. Der Wind biß in seine Wangen und seine Finger brannten vor Kälte.

***

Ich holte mir gerade ein paar Süßigkeiten vom Weihnachtsbaum, als Jasper neben mir auftauchte. Ich hockte mich vor ihn, strich ihm durchs Fell und fragte: „Ist dein neues Spielzeug schon langweilig?“
Der Golden Retriever winselte leise und zog mich am Hosenbein zur Couch, auf der meine Eltern saßen. Tee stand auf dem Tisch und frische Lebkuchen. Es war fast 19:00 Uhr und die Bescherung vorbei. Die Klamotten waren abgefahren, die ich von meiner Mutter bekommen hatte, und der Wandkalender von meinem Vater kam in mein Bad. Mit einem Grinsen hatte ich meinen Vater gefragt, ob er beim Einkauf nicht rot geworden wäre, bei dem Anblick der nackten Männer auf den Bildern. Er hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, daß er ihn bestellt hätte.
Ich ließ mich neben meinen Vater fallen, der angestrengt das Fernsehprogramm studierte. Ich warf Jasper eines der selbstgebackenen Plätzchen zu und öffnete die Schokoladenkugel, um sie essen zu können. Gemütlich lehnte ich mich zurück. Es war Weihnachten. Im Kreise meiner Eltern konnte ich abschalten und die Welt um mich herum vergessen. Hier war ich zu Hause und fand den nötigen Halt, den ich brauchte, um nicht an den kalten Menschen, die mich überall umgaben, zu zerbrechen.
Hinter mir stand der Schwibbogen im Fenster und beleuchtete den kleinen Couchtisch vor mir. Ich nahm meine Teetasse und trank. Meine Mutter lächelte selig und kraulte Jasper, der zu ihren Füßen saß.
„Nichts“, sagte mein Vater plötzlich, legte die Zeitung weg und lief zum Video-Regal. „Jens, was meinst du? ‘Flucht aus Absolom’ oder ‘Night Hunter’?“
Natürlich, wie immer, dachte ich. „Jaja, dein oder mein Lieblingsfilm. Du weißt doch, ich steh auf ‘Michael Dudikoff’.“
„Vorschlag: erst sehen wir deinen und dann meinen Film.“ Mein Vater suchte die Videos raus und kam wieder zu mir.
„Ich geh noch mal mit Jasper raus“, erklärte ich und eilte in den Flur, um mich anzuziehen. Mein Hund folgte mir und als er sah, wie ich mir die Boots anzog, bellte er freudig auf und holte seine Leine. Mit der Lederleine zwischen den Zähnen stand er dann schwanzwedelnd vor der Tür im Wintergarten, die zur Terrasse führte. Ich schaltete die Außenbeleuchtung an, als mein Vater rief: „Paß auf, daß ihr nicht in den Schneewehen versinkt.“
Ich nickte und nahm Jasper die Leine ab. „Die brauchen wir nicht. Wir bleiben im Garten.“
Ich öffnete die Tür und Jasper stürmte ins Freie. Ich folgte ihm langsamer. Ich würde mir eine Zigarette gönnen. Die erste an diesem Tag. Es war schon eigenartig. Zu Hause rauchte ich wie ein Schlot und wenn ich bei meinen Eltern war, fehlten sie mir nicht einmal, da ich aber noch welche einstecken hatte, wollte ich auch eine rauchen.
Jasper buddelte im Schnee, bellte und rannte durch das weiche Weiß, das unseren Garten bedeckte. Ich zog mein Feuerzeug aus der Schachtel und eine Zigarette, steckte mir den Glimmstengel an und lief Jasper nach. Ich warf mit Schneebällen nach dem Hund und beobachtete amüsiert, wie er versuchte, sie mit der Schnauze zu fangen.
Mein Blick glitt über die dunkle Landschaft und dann sah ich die Scheinwerfer eines Wagens und die Figur davor, die mit einer Schaufel versuchte gegen die Schneewehe vorzugehen, in der das Auto festsaß. Ich beobachtete den Fahrer eine Weile und beschloß, ihm zu helfen.
„Jasper!“, rief ich und rannte zurück ins Haus. Meine Eltern sahen mir entgegen. Vater knackte Nüsse und Mutter schälte eine Apfelsine. Sie bereiteten einen gemütlichen Fernsehabend vor. Das hatte ich in der Aufregung schon wieder vergessen, doch der Film mit ‘Michael Dudikoff’ mußte warten, jetzt ging es darum, einem gestrandeten Menschen zu helfen. „Mom, ist noch Tee übrig“, fragte ich.
„Ja.“ Fragend schaute sie mich an und legte die Apfelsine zur Seite. Sie tauschte einen kurzen Blick mit meinem Vater.
„Machst du mir bitte eine Thermoskanne fertig? Da hinten sitzt ein Auto fest. Ich geh mal helfen.“ Mit diesen Worten verschwand ich und stürmte in den Keller, um einen Schneeschieber zu holen.

Hab einen wichtigen Hinweis vergessen: Alte Rechtschreibung... Hoffentlich kein Problem für Euch... Viel Spaß... Tam

 

Warm angezogen, mit einer Thermoskanne voll heißem Tee und dem Schneeschieber bewaffnet verließ ich das Haus und stemmte mich gegen den eisigen Wind und die Schneeflocken an, die über die Straße und das Feld fegten. Der Fahrer des Wagens zündete sich gerade eine Zigarette an. Etwas verloren stand er vor seinem Auto und rauchte.
Ich näherte mich ihm. Er bemerkte mich gar nicht. Der Mann blickte in den Himmel hinauf und schien zu überlegen. Ich erkannte, daß sein Haar schwarz war und rief: „Ich habe heißen Tee für Sie.“
Der Unbekannte zuckte zusammen und sah zu mir. Mir stockte der Atem. Nachtschwarze, schmale Augen fixierten mich, mit einem Glänzen, daß mir weiche Knie verschaffte. Das Gesicht eines Asiaten schälte sich aus der Dunkelheit, als er einen Schritt zur Seite trat, damit das Licht des linken Scheinwerfers auf mich fallen konnte. Er war groß, fast 1,85 m und strahlte eine Erotik aus, die angesichts der Situation eigentlich unmöglich war. Ich schluckte, räusperte mich und fragte: „Kann ich irgendwie helfen?“
„Das wäre Klasse“, antwortete er mit einer tiefen, sehr sanften Stimme und mit einem leichten Akzent, der mir sagte, daß er nicht in Deutschland geboren war.
Ich hob die linke Hand, in der ich die Thermoskanne hielt. „Sie müssen frieren!“ Blödsinn! Was sag ich denn nur. Natürlich friert er, ist doch wohl logisch, bei dieser Kälte.
„Du - bitte. Ich bin Lai“, lächelte er und weiße Zähen blitzten auf. Sein Lächeln war umwerfend und traf mich mitten im Herz.
Ich spürte, wie ich errötete. War es das, die sogenannte Liebe auf den ersten Blick. Ich war dem Fremden verfallen. „Jens“, murmelte ich.
„Danke, was Warmes kommt jetzt echt gut.“ Er nahm mir die Thermoskanne nickend ab, schraubte sie auf und setzte die Öffnung an die Lippen. Warme Wolken stiegen vor seinem Gesicht in den Himmel hinauf, als er trank.
„Wo willst du hin?“, erkundigte ich mich und lehnte den Schneeschieber gegen den blauen Opel.
„Zu Freunden“, antwortete er und schraubte den Deckel wieder auf die Kanne. „Danke für deine Hilfe. Ich dachte schon, ich muß im Wagen nächtigen.“
„Bei der Kälte?“, entrutschte es mir ungewollt. „Da erfrierst du doch.“
Lais Lächeln verzog sich zu einem amüsierten Grinsen. „Hat doch was. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Thai erfror Heiligabend in seinem Wagen.“
Sein Lachen war angenehm und trieb mir Schauer über den Rücken. Ein Thai... Das Lächeln auf meinen Gesicht erfror. Tausend Gedanken überschlugen sich in mir. Alles, was ich jemals über Thailand im Fernsehen gesehen oder was ich aus der Presse erfahren hatte, schwirrte mir durch den Kopf. Thailand, das Land des Lächeln, des käuflichen Sex und der Fake-Produkte. Sextourismus, Kinderprostitution, Drogen, was man meinem Gesicht anscheinend ansah.
„Ich weiß, was dir durch den Kopf geht, Jens“, sagte er und hob einen Spaten auf, der im Schnee lag. „Nicht alles ist schlecht in meinem Land.“ Mit neuem Mut fing er an zu schaufeln.
Ich nickte und nahm den Schneeschieber, um die weiße Pracht vor der Kühlerhaube wegzuschieben. Schweigend arbeiteten wir Seite an Seite. Heimlich beobachtete ich Lai, dessen Bewegungen angesichts der schweißtreibenden Arbeit sehr geschmeidig wirkten. Die engen, hellen Jeans, in der seine kräftigen Beine steckten, betonten seinen Hintern, der mich unwahrscheinlich faszinierte. Ich erwischte mich immer wieder bei dem Gedanken, wie ich mit den Händen über diese Rundungen strich. Der Thai gefiel mir und meine Hormone schlugen Purzelbäume.
„Gut“, sagte ich nach Atem ringend. Der Schnee vor dem Wagen war beseitigt. „Probier mal, ob du raus kommst.“
Lai nickte lächelnd, gab mir seinen Spaten und stieg in den Opel. Der Wagen sprang an und Lai gab Gas. Nichts geschah. Die Räder drehten noch immer durch und fraßen sich tiefer in das Weiß des Schnees.
„Ich schiebe dich an“, rief ich und lief zum Heck. Mit beiden Händen stemmte ich mich gegen den Kofferraum, aber egal, wie sehr ich mich anstrengte, das Auto bewegte sich keinen Millimeter.
„Vergiß es!“, knurrte Lai und stieg wieder aus. „Das wird nichts.“ Mit Wucht schlug er die Tür zu und dann landete seine Faust auf dem Wagendach.
„Tut mir leid“, murmelte ich. Irgendwie tat der Thai mir leid, doch innerlich freute ich mich, denn so bekam ich die Chance, ihn näher kennenzulernen.
„Ach, ist nicht so schlimm. Ich rufe Jan an und sage ihm, daß ich heute nicht mehr komme.“ Lai zog sich eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und mir entrutschte ein ungewolltes, etwas zu lautes: „Jan?“
„Hmm, mein Freund.“ Nervös strich er sich durch das schwarze Haar.
Sein Freund? Schmerzhaft zog sich mein Magen zusammen. Scheiße, dachte ich. Da trifft man auf einen Wahnsinnstyp, verliebt sich sofort und dann stellt sich heraus, daß er vergeben ist.
„Jan ist seit Jahren mein bester Freund und bald wird er Vater.“ Lais Blick fing mich ein und ehe ich seine Worte verarbeiten konnte, fragte er: „Gibt es hier ein Hotel oder eine Pension?“
Stumm schüttelte ich den Kopf. Jan war gar nicht sein Freund in dem Sinne und Lai sicherlich auch nicht schwul. Wieso sollte ich auch Glück haben?
„Na toll“, knurrte er und ich nahm meine Chance wahr, obwohl ich mich unsicher fühlte. „Du kannst bei uns übernachten“, bot ich an und spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß.
„Geht das so einfach?“ Lai suchte nach seinem Wagenschlüssel und schloß ab.
„Klar, warum nicht?“ Mit eiskalten Fingern angelte ich nach der Thermoskanne, die auf dem Wagendach stand, und trank von dem warmen Tee, um mich ein wenig aufzuwärmen.
„Und deine Familie?“ Nickend nahm er mir die Kanne ab, als ich sie an ihn weiterreichte.
„Wird dich nicht hier draußen lassen“, lachte ich auf. „Laß uns ins Warme gehen!“ Ich nahm den Schneeschieber an mich und ging vor. In mir überschlugen sich die Gedanken. Ich war gerade dabei, den tollsten Mann der Welt in das Haus meiner Eltern zu holen.
Lai folgte mir schweigend. Immer wieder sah ich mich nach ihm um. Er hatte es mir wirklich angetan. Schmetterlinge huschten durch meinen Bauch, flogen dort herum und ließen ihn kribbeln. Ich zog mit eiskalten Fingern das Tor zum Garten auf und nickte Lai aufmunternd zu, als er seine Schritte verlangsamte.
„Nun komm schon!“, bat ich drängelnd. „Es ist ungemütlich hier draußen.“
Wieder überzog ein Lächeln das weiche Gesicht. Es war warm und ehrlich und ging mir tief unter die Haut. Es fiel mir so unsagbar schwer, mich von diesem Anblick loszureißen, doch ich mußte es, sollte er mich nicht sofort durchschauen.
„Wir gehen durch den Keller“, erklärte ich, um mich wieder von seinem Anblick abwenden zu können und auch um das irre Gefühl in mir ein wenig zu mildern. Mit zitternden Fingern zog ich die Tür auf. Wärme schlug mir entgegen und ich atmete tief durch. Endlich konnte die eisige Luft nicht mehr in meiner Luftröhre brennen. Ich haßte den kalten Winterwind. Ich bekam nicht selten Atemprobleme, wenn er mir direkt ins Gesicht blies.
„Jens?“ Lai drückte die Tür hinter sich wieder zu und schaltete das Licht an.
„Ja?“ Und wieder war ich gezwungen, in dieses wunderschöne Gesicht zu sehen. Gespannt wartete ich darauf, was er wissen wollte.
„Mit wem wohnst du hier?“ Kurz strich er sich durchs Haar, dann öffnete er seine Jacke und ein graues Sweatshirt kam zum Vorschein.
„Ich wohne nicht hier“, erklärte ich zitternd. „Das Haus gehört meinen Eltern.“ Der Versuch, in Lais Augen zu lesen, was er dachte, scheiterte kläglich, denn sein Lächeln überschattete jegliche Gefühlsregungen. Hier im Schein der Lampe konnte ich ihn endlich besser erkennen und was ich nun sah, war der absolute Wahnsinn. Schon im trüben Licht des Scheinwerfers, hatte ich bemerkt, wie gut er aussah, aber hier... Oder täuschten ich mich jetzt nur die Hormone, die mein Körper ausschüttete?
„Ist deine Freundin da?“
Die Frage kam für mich so überraschend, daß ich erst mal schlucken mußte. Wie kam er denn jetzt auf diesen Gedanken? „Wie kommst du darauf?“, fragte ich stockend.
„Naja, Ina, Jans Frau, war zu Weihnachten immer bei ihm und daher habe ich mich gerade gefragt, ob auch du deine Freundin eingeladen hast.“ Etwas nervös fuhr sich Lai wieder durch die Haare. Es schien eine Angewohnheit von ihm zu sein, aber eine Angewohnheit, die ich mochte. Es wirkte bei ihm sehr sinnlich und das zeigte mir auch mein Unterleib, in dem es heftig zog. Wenn nur ich einmal mit den Fingern durch das schwarze Haar fahren könnte.
„Ich habe keine Freundin.“ Unterdessen zitterten meine Finger so sehr, daß ich Mühe hatte, den Reisverschluß meiner Jacke zu öffnen.
„Vielleicht einen Freund?“
Die Frage hatte nun wirklich gesessen. Welcher normale Mann dachte schon an einen Freund? Ein warmes Gefühl der Zuneigung überflutete mich. Nur ein Schwuler hatte es drauf, einen fremden Mann nach einem eventuellen Partner zu fragen. Aber konnte es sein? Er wirkte so rein gar nicht schwul und normalerweise hatte ich doch ein gutes Gespür dafür. Sein Blick ruhte auf mir, neugierig, um eine Antwort bittend.
„Nein, auch nicht.“ Ich lächelte und zog meine Jacke aus. Ich wandte mich wieder von ihm ab. Ich konnte dem Blick der nachtschwarzen Augen nicht mehr aushalten. Ihm dem Rücken zugewandt bewegte ich mich Richtung Treppe und stieg die Stufen hinauf. Den Schneeschieber hatte ich im Heizraum an die Wand gelehnt. In mir überschlugen sich die Gedanken. Konnte Lai vielleicht doch schwul sein? Sollte ich tatsächlich zu Heiligabend auf jemanden getroffen sein, der wie ich war?
Als ich die Tür zum Erdgeschoß aufzog saß Jasper vor mir. Er gab sofort Laut. Er hatte Lai schon gehört und gewittert, als ich mit ihm den Keller betreten hatte. „Ist gut, Jasper. Er gehört zu mir!“ Ich strich dem Golden Retriever kurz über den Kopf und schickte ihn zu meinen Eltern.
„Und, konnte der Fahrer weiter?“, hörte ich meinen Vater fragen.
„Nein“, antwortete ich und betrat die Wohnstube. Lai folgte mir zögernd. Er zupfte an seinem Ohrläppchen und strich sich wieder durchs Haar.
„Lai, das sind Andrea und Ralf Seeger, meine Eltern“, sagte ich zu dem Thai, der hinter mir stehen geblieben war und nun meinen Eltern zunickte.
„Hallo Lai.“ Meine Mutter erhob sich von der Couch, kam zu uns und fragte: „Haben Sie Hunger? Ich habe noch Kartoffelsalat und Würstchen.“
„Geht so, Frau Seeger.“
Ich grinste. Lai hatte meine Mutter schon um den Finger gewickelt, wie auch immer er das gemacht hat. Aber wer konnte diesen Augen schon widerstehen? Mein Vater blieb auf der Couch sitzen und nickte nur kurz. „Kommt, setzt euch zu mir!“
Ich schob Lai zum Sofa, der unsicher einen Fuß vor den anderen setzte. Die Berührung mit seinem Rücken schickte mir wohlige Schauer durch den Leib. Wie mußte der Thai sich jetzt fühlen? Bei fremden Menschen festsitzend durch das Wetter und dazu noch an einem so wichtigen Fest? Sichtlich unentschlossen ließ er sich auf dem braunen Sofa nieder. Steif mit verschränkten Fingern saß er da.
Ich pflaumte mich neben meinen Vater, zog die Beine an und lehnte mich zurück. Jasper trottete langsam auf Lai zu, blieb vor ihm stehen und schaute ihn mit schiefgelegtem Kopf an. Leise winselte er, dann legte er sich zu meinen Füßen nieder.
Lai beobachtete meinen Hund und suchte den Blickkontakt zu mir. Kurz blieb mir das Herz stehen und wieder flog die Schar Schmetterlinge auf. Diese Augen! So unendlich wie die Weiten des Alls und doch so sanft und gefühlvoll.
„Jasper“, murmelte ich. Ich mußte mich ablenken. „Sag Lai hallo!“
Der Golden Retriever spitzte die Ohren, bellte freudig auf und robbte zu Lai. Er hob die rechte Pfote und legte sie auf Lais linkes Knie. Warm lachte der Thai auf und kraulte Jasper hinter den Ohren. „Der ist ja niedlich“, sagte er und lehnte sich endlich zurück. Das Eis war gebrochen und die Unsicherheit aus ihm verschwunden.
„Jens, willst du auch noch etwas essen?“, hörte ich meine Mutter rufen.
„Ja, aber nicht viel und bitte kein Würstchen“, antwortete ich. Ein leises Brummen drang zu uns hinüber, nachdem die Mikrowelle geschlossen wurde.
„Erzählen Sie doch mal, Lai! Was machen Sie?“ Mein Vater ließ die Videos Videos sein und legte sogar die Fernbedienung zur Seite. Ich war ihm dankbar, daß er das Gespräch übernahm, auch, wenn ich ihm das nie sagen würde. Ich war unterdessen so befangen, daß ich sicherlich nur noch unsinniges Zeug stammeln würde. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lauschte dem tiefen Timbre des Thai.
„Ich arbeite in einer Computerfirma“, setzte Lai an, als Jasper zu ihm auf die Couch kroch und den Kopf auf seinen Oberschenkel bettete. Mein Hund mochte ihn, ein gutes Zeichen.
„Ich habe Informatik studiert und nun bin ich Programmierer“, fuhr Lai ungestört fort. Seine Finger fuhren sacht durch das goldbraune Fell des Hundes und ich überlegte, wie die Hände sich wohl auf meiner Haut anfühlen würden.
„Ein sicherer Job. Computer wird es immer geben“, sagte mein Vater anerkennend. „Wollt ihr einen Weinbrand?“
Ich nickte. Das war eine sehr gute Idee. Der Alkohol würde mich sicherlich ein wenig beruhigen und vielleicht sogar meine Zunge lockern.
„Und was machst du, Jens?“, wandte sich Lai plötzlich an mich.
Ich schluckte überrumpelt. Nein, tu das nicht, Lai! Rede nicht mit mir! Ich kann nicht. Ich versteifte. Oh mein Gott, er will etwas über mich erfahren. Er interessiert sich für mich. „Moment“, murmelte ich. „Gläser.“ Ich stand auf, ging zum Wohnzimmerschrank und atmete tief durch. Er interessiert sich für mich, hämmerte es in mir. Nein, du redest dir das nur ein. Er ist ein Hete, sicherlich mit einer bildschönen Freundin und nun ist er nur höflich, so wie alle Asiaten. Meine Finger zitterten immer noch, als ich den Schlüssel zum Barfach drehte, damit ich die Klappe öffnen konnte. Ich entnahm dem Fach vier Schwenker und stellte sie auf den Tisch. In der Küche hörte ich meine Mutter hantieren und sah kurz zu ihr, doch sie bekam meinen Blick gar nicht mit, da sie mit dem Rücken zu mir stand. Zum Glück kam mein Vater gerade aus dem Keller wieder und so bekam ich die Chance, meine Antwort noch ein wenig hinauszuzögern. Mein Vater lächelte zufrieden, löste den Verschluß und füllte die Gläser.
„Also, was machst du, Jens?“, kam Lai auf seine Frage zurück.
Ich sah zu meinem Vater, nickte unmerklich, nahm ein Glas an mich und sagte leise: „Ich bin Grafiker.“
Ein: „Wow“, war alles was Lai von sich gab.
„Da hat mein Sohn echt was drauf. Er muß Ihnen mal die Zeichnungen zeigen“, rief meine Mutter.
„Mom!“, rief ich zurück und kippte den Weinbrand hinunter.
„Du brauchst dich doch nicht für die Aktzeichnungen zu schämen.“ Mit einem Tablett, auf dem Besteck, zwei Teller, der schwäbische Kartoffelsalat und heiße Würstchen standen, trat sie zu uns an den Tisch. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß. Mußte sie gerade jetzt auf mein Hobby zu sprechen kommen? Sie kannte den Thai doch gar nicht gut genug, um das Thema breitzutreten.
„Nach Modellen gezeichnet?“, wollte Lai wissen und nickte meiner Mutter dankbar zu, als sie das Tablett vor ihm abstellte.
„Nein, nach Vorstellungen“, erklärte ich und nahm einen Teller.
„Du zeichnest aus dem Kopf?“ Lai trank seinen Weinbrand und tat uns Kartoffelsalat auf.
Ich nickte, zog die Beine an und aß im Schneidersitz, während Lai gesittet am Tisch saß. Meine Wangen glühten und ich wußte, daß ich rot war. Das war alles so unwirklich. Neben mir saß der Traummann schlecht hin und ich benahm mich wie ein sechzehnjähriger Jüngling. Mich hatte es total und völlig unerwartet erwischt.
„Hast du Zeichnungen hier?“ Lai griff nach einem Würstchen und biß herzhaft hinein. Noch mehr Blut schoß mir den Kopf und meine Vorstellungskraft überrollte mich. Ich verscheuchte die Gedanken, versuchte es zu mindestens, doch mein Blick glitt unaufhaltsam zu Lais Schoß. Seine Jeans saßen eng und ich konnte die Umrisse seiner Männlichkeit erkennen, oder bildete ich mir das nur ein? War ich wirklich so versessen auf das Geschlecht eines Mannes? Nein, gerade nur auf seines, verbesserte ich mich.
„Nein“, preßte ich hervor und nahm eine Gabel voll Kartoffelsalat.
Lai wechselte zum Glück das Thema und erkundigte sich bei meinem Vater: „Es stört Sie wirklich nicht, wenn ich hier übernachte? Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.“
„Das geht schon in Ordnung.“ Mein Vater füllte die Gläser nach und Mutter bat mich: „Schatz, du schläfst doch im Partyraum, oder?“
„Hmm“, murmelte ich kauend.
„Gut, dann bezieh ich mal noch ein Bett und mache das Gästezimmer fertig.“ Meine Mutter wollte gerade das Wohnzimmer verlassen, als Lai rief: „Ich helfe Ihnen, Frau Seeger.“
„Nein, lassen Sie mal. Essen Sie in Ruhe auf.“ Mit einem Winken verschwand sie.
Jasper wurde unruhig. Mit der Pfote stieß er Lai immer wieder vorsichtig in die Seite. „Was will er?“, fragte der Thai.
„Er ist nur verfressen. Gib ihm ein Stück deiner Wurst ab, dann ist er ruhig“, und ich auch, vollendete ich in Gedanken und schimpfte mich aus, für meine Lust auf diesen Mann.
„Ach so.“ Lai aß an seinem Würstchen weiter und hielt das letzte Viertel mit der flachen Hand Jasper hin. Vorsichtig nahm der Hund ihm den Zipfel ab und bellte dankbar auf.
„Der Salat schmeckt gut“, murmelte Lai und füllte sich seinen Teller noch mal nach.
„Sag das meiner Mutter“, lachte ich und aß auf.
„Na gut, Jens, heben wir uns die Videos für morgen auf.“ Mein Vater legte die Tapes neben den Fernseher und suchte, sich wild durch die Programme zappend, nach einer Weihnachtssendung und als ‘Jingel Bells’, aus den Lautsprechern drang, fragte er: „Wo kommen Sie her, Lai?“ Und schon fing mein Vater wieder mit seinem typischen Verhör an. Ich verdrehte kurz die Augen, doch dann wurde mir klar, daß dies meine Chance war, mehr über den Thai zu erfahren, der sich in mein Herz geschlichen hatte. Und wenn mein Vater mit ihm sprach, fiel es wenigstens nicht auf, daß ich der eigentlich Neugierige war.
„Aus Frankfurt, aber aufgewachsen bin ich in Bangkok.“ Lai antwortete ohne zu zögern. Ihn schien es nicht zu stören. Er sprach sogar weiter: „Ich habe ein Stipendium bekommen und bin zum Studieren hergekommen. Nach Abschluß meines Studiums hat mich eine Computerfirma angestellt und so konnte ich hierbleiben, ohne daß ich große Probleme mit den Behörden hatte. Mein Chef hat das damals alles geklärt.“
Ich zog mir ein Kissen heran, legte es mir auf den Schoß und angelte nach der kleinen Schale mit den frisch geknackten Nüssen. Ich schob mir eine Paranuß zwischen die Zähen und kaute genüßlich. Ich liebte diese Nüsse, auch wenn sie so schwer zu öffnen waren.
„Wie lange leben Sie schon in Deutschland?“ Vater griff in die Schale, die auf meinem Kissen stand, und nahm sich eine Handvoll Nüsse heraus.
„Ich bin mit neunzehn hergekommen, das war vor elf Jahren.“
Dreißig, er ist dreißig. Fünf Jahre älter als ich. Perfekt. Ich versank in meinen Träumen. Ich sah mich mit ihm, in einer gemeinsamen Wohnung, auf unserem großen Bett, eng aneinander geschmiegt, in inniger Umarmung. Er war eindeutig der Mann meiner Träume. Mit ihm wollte ich den Rest meines Lebens verbringen. Blieb nur noch eine sehr wichtige und entscheidende Frage. Ist er schwul?
„Lai, Jens kann Ihnen dann das Gästezimmer zeigen.“
Erschrocken fuhr ich aus meinem Tagtraum hoch. Meine Mutter stand lächelnd vor uns.
„Frau Seeger, Ihr Kartoffelsalat war köstlich.“ Lai stellte die Teller aufeinander und trug das Tablett in die Küche.
Ich blieb wie hypnotisiert sitzen, sah Lai nur nach und holte tief Luft, dann erst stand ich auf und folgte dem Thai. Schweigend sortierte ich die Teller in die Spülmaschine und deckte die Salatschüssel ab, um sie in den Kühlschrank stellen zu können.
Lai beobachtete mich. Ich fühlte seine Blicke und versuchte, sie zu ignorieren. „Auf geht’s, ich zeig dir dein Bett!“, sagte ich, ohne ihn anzusehen. Mit schnellen Schritten eilte ich vor, stürmte die Treppen hinab und betrat den Partyraum, in dem meine Mutter das Sofa für mich hergerichtet hatte. Meine Tasche stand auf einem Sessel und meine Geschenke lagen auf dem kleinen Beistelltisch. Ich fuhr zusammen. Der Kalender lag obenauf und ein nackter Mann schaute mich an. Ich packte den Kalender und schob ihn unter die Sachen in meiner Tasche. Lai erschien zum Glück erst jetzt in der Tür. Er hatte von meiner Aktion nichts mitbekommen und ich atmete auf. „Da hinten ist das Gästezimmer.“ Mit der Hand deutete ich auf die entsprechende Tür. „Sieh es dir an!“
Lai schob die Tür nach innen und blieb im Rahmen stehen. Ich hielt mich in seinem Rücken auf und war gespannt, was er sagen würde.
„Das Bett ist ja riesig“, stieß er hervor und drehte sich unerwartet um. Ich wankte zurück und verfing mich in seinem Blick. Ich senkte den Kopf und starrte auf meine Zehen, die in schwarzen Socken steckten.
„Aber sicherlich gemütlich.“ Er grinste mich an, zeigte mir wieder sein Rückenprofil und ging tiefer in das Gästezimmer hinein. Auf der Bettkante ließ er sich nieder und schaute sich um. „Sogar ein Fernseher und ein Videorecorder. Ist ja besser als in einem Hotel.“ Rücklings ließ er sich auf das weiche Federbett fallen, das rot bezogen war. Ich erkannte meine Bettwäsche und schluckte. Meine Mutter hatte mir die Satin-Bezüge geschenkt. Es waren zwei gewesen, einer für David und einer für mich und nun schlief Lai in dem Bezug, der eigentlich für David bestimmt gewesen war, den er aber nie bekommen hatte.
Ich blickte, weiterhin in der Tür stehenbleibend, zu Lai und beobachtete ihn stumm. Wieso hörte mein Herz nicht auf so wild zu schlagen? Wie Lai da lag, die Hände unter dem Kopf verschränkt, die Beine leicht gespreizt, das war Verführung pur. Ich verspürte eine Wahnsinnslust, mich auf ihn zu werfen, über ihn herzufallen und ihn gierig zu küssen. Die vollen Lippen luden einfach dazu ein. In mir schien alles nach Lais Körper zu schreien. Ich wollte ihn berühren, verführen und mit ihm im Taumel der Lust versinken.
„Jens!“ Ertappt zuckte ich zusammen. Meine Mutter rief mich.
„Ich komme!“, antwortete ich und sagte zu Lai: „Machs dir bequem.“
„Tu ich.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf, kam ein Stück höher und zwinkerte mir zu.
Ohne ein weiteres Wort wirbelte ich herum. Weg hier, nur weg! Sein Anblick war nicht gut für mich. Seit ich auf ihn getroffen war, verfolgten mich die unanständigsten Gedanken. Im Kopf war ich schon lange mit ihm im Bett gewesen.
Verloren stiefelte ich die Wendeltreppe wieder hinauf, gesellte mich zu meinen Eltern und Jasper und setzte mich neben meine Mutter, die einen Weihnachtsteller in den Händen hielt. Süßigkeiten aller Art waren ordentlich darauf angerichtet und in mitten der leckeren Dickmacher saß ein kleiner Plüschschneemann. „Für Lai“, hauchte sie und küßte mich auf die Wange. „Gib es ihm!“
„Nachher“, murmelte ich. Ich wollte nicht schon wieder zu dem Mann, der mir den Kopf verdreht hatte. Ich hatte Angst. Angst davor, ihm ganz zu verfallen, Angst davor, ihn zu berühren und Angst davor, mich und mein Gefühl für ihn zu verraten.
„Er gefällt dir“, stellte meine Mutter fest. Sie kannte mich und wußte mein Verhalten einzuordnen. Sie spürte, was für eine Hölle in mir tobte.
Ich nickte verschämt und war froh, als Jasper zu mir kam und nach Aufmerksamkeit bettelte. Ich widmete mich ganz meinem Hund und vergaß sogar für einen Moment Lai. Jasper rollte sich zu meinen Füßen auf den Rücken, streckte alle vier Pfoten von sich und wollte gekrault werden. Ich kam seiner Bitte nach, beugte mich zu ihm hinab und streichelte ihm den Bauch. Spielerisch schnappte Jasper immer wieder nach meinen Fingern. Es gehörte einfach zu dem alten Ritual dazu.
„Geh zu ihm und leiste ihm ein wenig Gesellschaft!“ Meine Mutter wuschelte mir durchs Haar. „Es tut mir leid, daß er ganz allein ist zum Heiligen Abend.“
„Aber die Videos“, widersprach ich.
„Können wir auch morgen sehen, mein Schatz.“ Sanft legte sie mir ihren Zeigefinger unters Kinn und zwang mich dazu, sie anzusehen. Die grauen Augen finge mich ein und in ihnen las ich die Bitte, zu Lai zu gehen.
„Es ist unser Abend“, versuchte ich es weiter.
„Heute nicht. Nimm ein paar Plätzchen mit!“ Ein Kuß auf meine Stirn und schon war ich aus dem Wohnzimmer verbannt. „Zu trinken habt ihr ja genug unten!“
Ich nickte. Es brachte nichts, meiner Mutter zu widersprechen, und so erhob ich mich und ging in die Küche. Ich nahm eine Schale an mich und öffnete die große Blechbüchse mit dem Weihnachtsmann darauf, in der meine Mutter jedes Jahr das Selbstgebackene aufbewahrte. Mit einer kleinen Schaufel holte ich einige Butterplätzchen hervor, einige Baiser-Kringel und zum Schluß noch Marzipanschneemänner. Ich verschloß die Dose wieder und wollte gerade gehen, als meine Mutter rief: „Vergiß den Weihnachtsteller nicht!“
Ich brummte, ging zurück und nahm die Süßigkeiten auch noch an mich.
„Schlaf gut!“, sagte mein Vater und ich ging. Na toll, dachte ich. Nun mußte ich mich wohl oder übel mit Lai beschäftigen.
Noch nie war mir der Weg in den Keller so schwer gefallen. Bedächtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Mein Herzschlag befand sich im Stakkato. Meine Hände waren feucht und in meinem Magen rumorte es, als hätte eine Hexe ihre Küche darin eingerichtet. Wie sollte ich mich verhalten? Wie mit Lai umgehen, ohne daß er sofort sah, daß ich mich in ihn verliebt hatte?
Nur noch drei Schritte trennten mich von dem Kellerboden. Tief durchatmend blieb ich stehen. Mein ganzer Körper wurde von den heftigen Schlägen meines Herzens ausgefüllt. Mich wunderte, daß das Haus nicht erschüttert wurde.
Okay, Jens, du gehst jetzt in den Partyraum und bleibst dort. Du schaltest die Anlage an, setzt Kopfhörer auf und liest in diesem dämlichen Buch deiner Mutter weiter. Schlimmer als das hier kann der Inhalt eines Rosamunde-Pilcher-Romans auch nicht sein.
Ich gab mir einen Ruck und betrat den Partyraum. Die Tür zum Gästezimmer war geschlossen - zum Glück. Ich stellte den Weihnachtsteller und die Plätzchen auf dem Beistelltisch ab und schaltete die kleine Lampe über dem Sofa an. Ich trat zu dem kleinen Bücherregal, nahm Mutters Roman an mich, ließ mich auf die Couch nieder und versuchte zu lesen. Wie lange ich auf die aufgeschlagene Seite starrte, war mir nicht bewußt. In Gedanken befand ich mich hinter der Tür, die zum Gästezimmer führte. Gedämpft drangen die Stimmen aus dem Fernseher zu mir.
Ich klappte das Buch zu, legte es auf den Tresen der Bar und stützte den Kopf mit den Händen ab. Ich hockte einfach nur da, dachte an Lai und wußte nichts mit mir anzufangen. Nur eins regte sich in mir und das war das Klopfen meines Herzens. Irgendwie mußte ich mich von den Gedanken ablenken. Ich durfte nicht die ganze Zeit nur Lai im Kopf haben. Müde stemmte ich mich hoch, umrundete den Tresen und trat dahinter. Suchend ließ ich meinen Blick über die Vielzahl von Flaschen schweifen, die mein Vater für seine Cocktails brauchte. Er war einer der besten Mixer die ich kannte, und dabei arbeitete er nicht nach irgendwelchen Rezepten. Bei ihm war alles frei Schnauze und total lecker. Nur die ‘Pina Colada’ , die mein Lieblingscocktail war, mixte er nach der alt bekannten Rezeptur. Ich entschied mich für einen süßen Cremelikör aus Marillen. Eigentlich gehörte der meiner Mutter, aber ich verspürte Appetit darauf. Ich nahm ein Likörglas und wollte die Flasche öffnen, als die Tür zum Gästezimmer aufging.

„Jens!“
Ertappt zuckte ich zusammen, stellte die Flasche weg und lächelte verkrampft. Der Blick aus den schwarzen Augen schlug mich in seinen Bann.
„Ich dachte, du bist bei deinen Eltern?“ Lai lehnte sich gegen den Türrahmen und fixierte mich.
„War ich auch.“ Ich öffnete den kleinen Kühlschrank unter der Theke und fragte mit zitternder Stimme: „Willst du auch was trinken?“
„Ein Bier wäre nicht schlecht.“ Langsam kam Lai auf mich zu. Sein Blick streifte kurz die Einrichtung des Partyraumes, dann schob er sich einen Barhocker zurecht, ließ sich darauf nieder und wartete geduldig ab.
Na gut, Jens, du bleibst jetzt ganz ruhig und versuchst, dich normal zu verhalten. Laß dich von ihm nicht irritieren. Ich suchte zwei Tulpen aus dem kleinen Glasschrank hinter mir, stellte sie auf den Tresen und holte noch zwei Bier aus dem Kühlschrank. Lais Blick ruhte auf meinen Händen und als ich die erste Flasche öffnen wollte, entglitt mir der Öffner. Ich verkniff mir ein ‘Scheiße’, bückte mich und versuchte es ein weiteres Mal. Ich kam mir so hilflos vor und tölpelhaft. Das war nicht mehr ich. Bis jetzt hatte ich doch jede Flasche aufbekommen, wieso wollte es nicht gelingen? Nach zwei weiteren, etwas kraftlos wirkenden Versuchen waren die Bierflaschen endlich offen und ich konnte das helle Gebräu in die Gläser laufen lassen.
„Ihr habt ein schönes Haus“, nickte Lai anerkennend, während ich ihm ein Glas vor die Nase stellte.
„Ich habe nie hier gewohnt“, erklärte ich. „Ich bin in der Stadt aufgewachsen - eben ein Großstadtkind.“ Meine Finger waren wie taub, als ich nach der Tulpe griff, um einen Schluck zu trinken. Über den Rand des Glases sah ich Lai an, der sich mit der Zungenspitze den Schaum von der Oberlippe leckte. Ein Blitz schlug in meinen Körper ein. Ablenken, gar nicht daran denken, was die Zunge alles mit mir anstellen könnte.
„Musik?“, fragte ich und versuchte, meiner Stimme einen festen Klang zu geben.
„Ist mir egal.“ Lais Finger angelten nach dem Buch, das noch immer auf dem Tresen lag. „Liest du so was?“ Ohne Plan blätterte er in dem ‘Pilcher-Roman’.
„Nein.“ Ich begab mich in die Hocke, holte Vaters silbernen Metallkoffer unter der Bar hervor und öffnete ihn. „Der gehört meiner Mutter.“ Rasch überflog ich die CD’s, die in dem ‘100fach-CD-Wechsler’ in der Wohnstube keinen Platz gefunden hatten. „Wenn mir langweilig ist, lese ich manchmal in ihren Sachen.“
„Und - tropfen die Bücher?“, lachte Lai.
Fragend, mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich den Thai an.
„Vor Schmalz?“ Gerade hatte er die Erdnußflips entdeckt, die noch von der letzten Kellerparty übrig waren.
„Ach so, ja. Du weißt doch, reiche Landbesitzer die sich in eine arme Magd verlieben.“ Ich zog eine CD aus dem Koffer und fragte: „Genesis?“
„Ist okay.“ Eine Erdnußflip nach der anderen landete zwischen seinen weißen Zähnen.
Noch immer fühlte ich mich unwohl und es besserte sich auch nicht, als ‘I cant dance’ erklang. Ich stand regelrecht neben mir und daß Lai mich ständig beobachtete war auch nicht sehr hilfreich für mein aufgewühltes Inneres. Wieso mußte ich mich gerade jetzt verlieben? Warum nicht in einem Club? Dort konnte ich meinen Angebeteten wenigstens beobachten und dabei im Hintergrund bleiben. Hier war mir dies unmöglich und der Gedanke, daß ich diese Nacht Wand an Wand mit Lai schlafen mußte, schnürte mir die Luft ab. Ich wußte ja nicht mal, ob er schwul war. In meinem Stammclub konnte ich mir wenigstens sicher sein, daß meine Angebeteten schwul waren, aber bei Lai...
„Tut mir leid wegen deinem Schlafplatz.“ Lai riß mich aus meinen Grübeleien. „Ich schlaf auf dem Sofa, damit du dein Bett wieder bekommst.“
„Kommt gar nicht in Frage“, fuhr ich hoch. „Du bist der Gast und...“
„Ein ungebetener“, unterbrach er mich.
„Na und? Der Raum nennt sich nicht umsonst Gästezimmer.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust.
„Okay, ein Vorschlag. Das Bett ist groß genug. Wir teilen es uns einfach.“
Ich glaubte zu versteinern. Mit ihm in einem Bett. Ein Traum, aber völlig unrealistisch und hirnrissig. Ich konnte doch nicht neben ihm pennen. Mein Herz schlug Kapriolen. War Lai sich überhaupt bewußt, was er da gerade gesagt hatte? Auch wenn sein Angebot mehr als nur verführerisch war, preßte ich ein: „Nein“, hervor.
„Warum nicht?“ Spielend zog er die Augenbrauen hoch. Er musterte mich ganz genau und schien in meinen Augen zu lesen. Ob er erkannte, welche Hölle in mit tobte.
„Ist doch nichts dabei und bequem ist es allemal.“ Sein warmes Lächeln traf mich tief im Herzen.
„Aber ich kann doch nicht...“, setzte ich an.
„... neben einem Mann schlafen?“
Wieder hatte Lai mich nicht aussprechen lassen. Verdammt! Ich saß in der Zwickmühle. Ich mußte mir ganz schnell etwas einfallen lassen. „Nein, das ist es nicht, aber wir kennen uns doch kaum.“
„Dann laß uns das ändern!“ Lai erhob sich von dem Barhocker, reichte mir über den Tresen die Hand und sagte: „Schönen guten Abend! Mein Name ist Prasert Methakunawut. Und Sie sind?“
Was? Wie war sein Name? Irritiert sah ich zu Lai. Nicht eine Silbe seines Namens war in meinen Gehirnwindungen angekommen.
„Ach, nennen Sie mich doch einfach Lai.“ Ein angenehmes Lachen, das mir Schauer über den Rücken trieb, folgte seinen Worten.
„Jens-Andreas Seeger“, murmelte ich. Ich würde sein Spiel erst mal mitmachen. „Jens reicht aber vollkommen aus.“ Ich ergriff seine Hand nur zögerlich. Ich wollte ihn nicht berühren. Ich hatte Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren. Sanft aber fest umschlossen braune Finger die meinen. Heiße Blitze rasten von meiner Hand aus in meinen Körper, überall hin, und schlugen direkt in meinem Schoß ein. Sein Händedruck war kräftig, aber sehr angenehm. Die Handflächen waren warm und trocken. Von diesen Händen gestreichelt zu werden war bestimmt himmlisch. Ich erwischte mich, wie ich daran dachte, wie diese Finger meinen Hintern berührten und sacht kneteten.
„Angenehm“, lachte Lai und entzog mir seine Hand. Ich ließ sie nicht gerade gern los. Ich hätte sie noch stundenlang halten können.
„Ich bin am 11. Juni 1972 in Bangkok geboren worden, dort lebte ich bei meiner Familie und besuchte die Grund- und Oberschule, danach kam ich zum Studium nach Berlin und jetzt arbeite ich in Frankfurt bei einer Computerfirma.“ Lai machte eine kurze Pause. „Ich würde gern in Ihrem kleinen, aber feinen Hotel übernachten. Es stört mich nicht, wenn ich mit jemanden das Zimmer oder gar das Bett teilen muß, falls bei Ihnen alles ausgebucht ist.“
Meine Augen weiteten sich, erst ungläubig, doch dann verstehend. Ich konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen. Die Situation war zu eigenartig, um ernst zu bleiben. „Herzlich Willkommen im Hause Seeger“, kicherte ich. „Wir haben nur ein Zimmer, sogar mit Fernseher, allerdings schläft dort schon der Sohn des Hauses, aber er wird sicherlich das Sofa nehmen, damit Sie in Ruhe nächtigen können.“ Noch einmal brachte ich meinen Standpunkt zur Sprache.
„Ach, komm! Das Sofa sieht sicherlich nicht nur unbequem aus. Die Liegefläche ist doch viel zu schmal, um richtig liegen zu können.“ Seine Augen fingen mich wieder ein. „Und außerdem steht der Fernseher nicht hier, sondern dort!“ Mit der Hand deutete er auf das Gästezimmer.
Er ließ einfach nicht locker. Was bezweckte er damit? Ich sah ihn an, hoffte darauf, den Grund für seine Beharrlichkeit zu erkennen und gab es auf. Ich würde nicht erfahren, was Lai wollte und da ich keine Anstalten machte, auch nur einen Finger zu rühren, machte er Nägel mit Köpfen. Ich kam gar nicht so schnell hinter dem Tresen hervor, wie er mein Bettzeug geschnappt hatte und ins Gästezimmer verfrachtete.
„Hey!“, rief ich. Das gab es doch gar nicht. Der Thai machte, was er wollte, ohne auf meine Meinung Rücksicht zu nehmen. Ich stürmte los und wurde in der Tür abgefangen. Arme schlangen sich um meine Taille und hielten mich fest.
„Keine Widerworte mehr!“, hauchte Lai mir ins Ohr und ich erschauerte.
Er hält mich fest! Das sind seine Hände an meiner Taille. Das ist die Wärme seines Körpers, die mich umhüllt. Er riecht so gut! Vorsichtig schnupperte ich. Er sollte es nicht bemerken.
„Laß mich los!“, brummte ich. Ich wollte ihn nicht fühlen, ihm nicht so nah sein. Ohne weiteres könnte ich jetzt die Arme um ihn legen und mich an ihn schmiegen, aber alles in mir sträubte sich. Es war zu viel für mich.
„Hast du noch nie mit Freunden ein Bett geteilt?“, fragte Lai. „Du tust ja fast so, als wollte ich über dich herfallen.“ Er löste die Hände und gab mich frei.
Oh ja, tu das! Fall über mich her, berühre mich bis tief unter die Haut. Ich war wie versteinert, unfähig mich zu rühren. Noch immer spürte ich den Druck seiner Hände und ihre Wärme. Schmerzhaft biß ich mir auf die Unterlippe. Das war zu viel für mich. Seine Berührungen hatten ein Feuer in mir entfacht, das nun wie wild in meinem Unterleib vor sich hinflackerte.
„Jens?“ Lai schob mich vorsichtig zu dem Bett und ich ließ es willenlos geschehen. Ich wollte mehr. Ich wollte von ihm auf den Rücken gedrückt werden. Ich wollte, daß er über mich kam und mich küßte. Ich wollte, daß er mir die Klamotten vom Leib riß und über mich herfiel.
„Hab ich was Falsches gesagt?“ Er hockte sich vor mich und sein Blick suchte den meinen. Erschrocken zwinkerte ich und schüttelte stumm den Kopf.
„Kommt noch was im Fernsehen?“ Lai erhob sich wieder und griff nach der Fernbedienung. Kurz darauf flimmerten die ersten Bilder über die Röhre. Ich war für die Ablenkung dankbar und schaute in den Fernseher, in dem gerade ‘Die Geister, die ich rief’ lief.
Nur nebenbei bemerkte ich, daß Lai die Musik im Partyraum ausstellte und das Licht löschte. Mit den noch halbvollen Tulpen kam er wieder zu mir. Er drückte mir ein Glas in die Hand und raunte: „Trink einen Schluck!“
Ich hob den Kopf, damit ich Lai anschauen konnte. „Ich kann nicht hier schlafen.“
„Doch, du kannst!“ Ein bezauberndes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Thai. „Ich bleibe auf meiner Seite. Keine Angst. Wir können uns doch noch ein wenig unterhalten.“
Er war wirklich hartnäckig und so nickte ich geschlagen. „Okay“, brummte ich und rutschte auf die rechte Seite des Bettes. Ich schüttelte mein Kissen auf, schob es gegen die Wand und lehnte mich dagegen. Ich zog die Knie an und starrte in den Fernseher, wobei meine Gedanken mich jagten.
Die Bettwäsche! Das Bett sieht aus wie ein Ehebett. Eigentlich hatte meine Mutter das ja auch bezweckt, doch damals hatte sie die Satinbettwäsche für David und mich gekauft. Aber noch bevor David wieder mit zu Besucht kommen konnte, war er zurück nach L.A. geflogen und nun schlief ein fremder Mann in seiner Bettwäsche. War dies ein Zeichen?
Kurz warf ich einen Blick auf Lai, der es mir gleich getan hatte und plötzlich fiel mir das Präsent wieder ein. Doch bevor ich es Lai überreichte, wollte ich auf Toilette. Ich schwang die Beine aus dem Bett, erhob mich und verließ das Gästezimmer. Lai sah mir nach, da war ich mir sicher.
Im Bad angelangt blieb ich vor dem Spiegel stehen. Ich musterte mich. Meine Augen waren dunkel. Ein Zeichen von höchste Anspannung. Es gab etwas in meinem Leben, das mich beruhigte, doch ich hatte keine Zeichenmaterialien dabei. War also nichts mit Männerportraits. Ich mußte mich anders beruhigen.
Unwirsch drehte ich mich um, öffnete die Toilettenbrille und erleichterte mich. Okay, Jens, du gehst jetzt in das Gästezimmer und versuchst, mit Lai wie mit einem Bekannten umzugehen. Laß dich nicht von ihm nervös machen! Ich spülte, wusch mir die Hände und kehrte mit meinem Vorsatz zurück. Im Partyraum nahm ich den Teller an mich und als ich das Gästezimmer betrat, sah Lai mir wartend entgegen. Er hat gewartet. Er hat tatsächlich auf mich gewartet.
„Frohe Weihnachten“, murmelte ich und ging zu ihm, drückte ihm den Teller in die Hand und verzog mich auf meine Seite des Bettes.
„Bist du nur deswegen raus gegangen?“ Neugierig schob er mit den Fingern die Süßigkeiten hin und her. „Das wäre nicht nötig gewesen.“
„Meine Mutter“, stammelte ich. „Sie war der Meinung, daß du auch was am Heiligen Abend haben sollst.“ Ich streckte mich lang aus, kehrte Lai den Rücken zu und schaute in den Fernseher. Ich hoffte, daß der Film mich ablenken könnte. Gerade hatte ‘Alien’ begonnen.
„Danke!“
Ich schaute zwar in die Flimmerkiste, lauschte aber Lai, der sich neben mir bewegte. Er schien den Weihnachtsteller auf den Nachttisch zu stellen. Dann legte er sich hin.
„Soll ich das kleine Licht löschen?“, erkundigte er sich.
„Hmm.“ Oh Gott, jetzt wird es dunkel und ich liege mit ihm auf einem Bett. Nur noch das Flimmern des Fernsehers erhellte den Raum ein wenig und ich hatte das Gefühl, daß mein Brustkorb kurz vorm Bersten stand. Noch nie hatte mein Herz so heftig geschlagen. Ob Lai es hörte? Wußte er mein Verhalten einzuordnen? War ihm schon bewußt, daß ich mich in ihn verliebt hatte?
Ich schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Von Lai zog ein angenehmer Duft herüber. Tief atmete ich durch die Nase ein. Herrlich verführerisch. Wie gern würde ich mich jetzt umdrehen, den Kopf auf seine Brust legen und den Arm um seine Taille schlingen. Ich wollte ihn fühlen, seinen Körper, seine Hände...
„Schlaf gut!“ Seine Stimme glich mehr einem Hauch und jagte Schauer durch meinen Körper.
„Du auch“, brachte ich mühsam hervor und gab mich meinen Träumen hin, die ich immer pflegte, bevor ich vom Schlaf übermannt wurde, nur mit dem Unterschied, daß der Mann in meinen Träumen nun ein Gesicht besaß, nämlich das von Lai.
Ich sah ihn, vor mir stehend, mich an sich ziehend und küssend. Arm in Arm taumelten wir auf ein Bett und fielen gierig übereinander her. Ich zog ihm die Sachen aus, ließ die Zunge über die braune Haut gleiten und widmete mich seiner Männlichkeit, bevor er in mich eindrang...

***

Ein leises Pochen weckte mich. Ich schlug die Augen auf und zuckte zusammen. Unter meinem Ohr und meiner Wange spürte ich die angenehme Wärme eines Körpers und das Pochen war das Schlagen eines Herzes. Mein Arm lag um Lais Taille. Ich war im Schlaf an ihn gerutscht und als diese Erkenntnis mein Gehirn erreichte, waren sie wieder da, die Schmetterlinge in meinem Bauch. Tief atmete ich durch. Ich wollte seinen Geruch in mich aufnehmen, ihn absorbieren. Seine rechte Hand lag auf meiner Schulter und dort, wo sie mich berührte, glühte meine Haut.
Langsam, jede abrupte Bewegung vermeidend, löste ich mich von ihm. Er sollte nichts davon mitbekommen. Leise erhob ich mich und sah auf die schlafende Gestalt. Lais Gesicht war entspannt. Ein zufriedenes Lächeln umspielte den sinnlichen Mund. Das rabenschwarze Haar war zerwühlt und bildete einen starken Kontrast zu dem knallroten Kopfkissen. Er sah so wunderschön aus und so verführerisch. Es fiel mir unwahrscheinlich schwer, mich von diesem Anblick loszureißen.
Ich habe neben ihm geschlafen. In seinen Armen die Nacht verbracht und nichts ist passiert. Ob ihm bewußt war, daß er mich festgehalten hatte? War er munter geworden, als ich zu ihm rutschte? Am liebsten wäre ich jetzt wieder zu ihm gekrochen, um ihn zu berühren, doch dies schien mir unmöglich. Er war nicht schwul, auf keinen Fall. Er hatte mir den Platz an seiner Seite ganz ohne Hintergedanken angeboten. Ich würde nie einen Fremden, und wenn er mir noch so gut gefiel, neben mir schlafen lassen.
Leise seufzte ich und wandte mich nun doch ab. Ich mußte auf Toilette und mich frisch machen. Die Nacht in Jeans und Shirt war mir nicht gut bekommen. Nur eine Dusche und frische Sachen würden mir helfen, mich wieder wohl zu fühlen, und gerade als ich die Tür zum Gästezimmer öffnen wollte, vernahm ich ein: „Guten Morgen!“
Blut schoß mir in die Wangen. Ich drehte mich nicht in Lais Richtung, murmelte ein: „Morgen!“, und sprintete los. Er mußte ja nicht unbedingt sehen, daß ich eine Morgenlatte hatte. Im Bad angekommen, schlug ich die Tür hinter mir zu, lehnte mich dagegen und atmete tief durch, um das unruhige Schlagen meines Herzens unter Kontrolle zu bringen. Das war knapp gewesen.
Völlig fertig strich ich mir mit den Fingern die Haare hinter die Ohren und machte einen Schritt nach vorn. Blind griff ich hinter mich und drehte den Riegel, damit die Tür abgesperrt war. Ich bin verliebt, hämmerte es in mir. Scheiße, ich will das nicht. Was war mit meinem Vorsatz, mich niemals in einen Heterosexuellen zu verlieben? Ich steckte total fest. Es war sinnlos. Ich wußte, daß ich nichts gegen meine Gefühle tun konnte. Ich konnte sie nur akzeptieren und hoffen, daß ich Lai vergaß, wenn er erst mal weg war. Ich durfte mir weder Adresse noch Telefonnummer geben lassen, um nicht in Versuchung zu kommen.
Mit gestärktem Selbstbewußtsein putzte ich mir die Zähne. Ich zog das Shirt aus und beschloß, zu baden, um zur Ruhe zu kommen. Hoffentlich holten mich meine Tagträume nicht wieder ein. Ich stöpselte die Wanne zu, ließ Wasser ein und schüttete etwas von dem grünen Schaumbad rein, das auf der Metallablage über der Wanne stand.
Es klopfte an der Tür. „Jens!“
„Ja?“ Ich legte das flauschige Handtuch, das ich gerade neben die Wanne hängen wollte, auf dem Toilettendeckel ab.
„Ich glaube, ich brauche deine Hilfe“, drang Lais Stimme durch das Holz der Tür.
„Wobei?“, fragte ich brummend.
„Meine Tasche ist noch im Wagen und von dem ist nicht mehr viel zu sehen.“
„Ich komme.“ Gegen meine Hilfsbereitschaft war ich nicht gefeit und schon gar nicht bei einem so wahnsinnigen Typen, wie es Lai war. Ich drehte das Wasser ab, zog mein Shirt wieder über und verließ das Bad.
Lai wartete schon. Er war fertig angezogen und hielt mir meine Jacke entgegen. Ich nahm sie ihm ab und sah ihn an. Seine Augen waren gerötet und leicht geschwollen. Er sah aus, als hätte er geweint, was ich mir nun weiß Gott nicht vorstellen konnte.
„Nicht gut geschlafen?“, erkundigte ich mich und zog die Daunenjacke über.
„Nein, ich habe sehr gut geschlafen. Liegt an den Kontaktlinsen. Habe sie gestern Abend vergessen, rauszumachen.“ Und als wollte er seine Worte bestätigen, strich er sich über die geschlossenen Augen.
Ich nickte und schlüpfte in meine Boots. Lai nahm einen Besen an sich und ich den Schneeschieber. „Dann laß uns mal deinen Wagen freischaufeln“, sagte ich und drehte den Schlüssel, der im Schloß der Kellertür steckte. „Mein Wasser wird kalt“, murmelte ich noch und trat ins Freie. Ich würde jetzt wirklich lieber in der warmen Wanne liegen, als da raus in die Kälte und Schnee schippen.
Weiß lag das Land vor mir. Stille hüllte mich ein, bis Lai sich mir anschloß und das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen durch die Winterlandschaft hallte.
Von Lais Opel war wirklich nicht mehr viel übrig. Nur wenn ich ganz genau hinsah, konnte ich erkennen, daß unter der riesigen Schneewehe ein Auto stand. Gerade an dieser Stelle hatte sich der Schnee getürmt.
„Ist deine Tasche im Kofferraum?“, fragte ich.
Lai nickt. „Hätte ich sie gestern nicht vergessen, dann würdest du jetzt dein Bad genießen und mir würden die Augen nicht so höllisch brennen und ich wäre dadurch nicht gezwungen, die Brille zu tragen.“
„Dann laß uns einen Zahn zulegen, damit das Brennen aufhören kann!“ Ich packte den Schneeschieber und begann, eine Breche zu schlagen. Ich wollte einen Weg freilegen, damit wir besser an den Kofferraum kamen, doch Lai interessierte das nicht. Er stapfte einfach durch die teilweise fast kniehohen Schneewehen, bis er seinen Wagen erreichte. Dort fing er an, völlig unkonventionell den Schnee mit den Händen von der Kofferhaube zu schieben.
„Auch eine Idee“, kommentierte ich und tat es ihm gleich. „Hast du es sehr eilig, fortzukommen?“
„Geht so. Jan und Ina wissen, daß ich in Sicherheit bin. Wieso?“ Weiße Wolken aus Schnee hüllten ihn ein.
Was sollte ich sagen? Das ich wollte, daß er wieder verschwand, weil ich ihn nicht ertragen konnte, da ich in ihn verliebt war? „Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir deinen Wagen wieder flott haben.“ Zum Glück war mir noch eine gute Antwort eingefallen und ich stieß auf das blau lackierte Metall.
„Nicht, wenn die uns helfen.“ Lai deutet die Straße hinauf.
Ich folgte seiner Hand und sah einen Räumungstrupp. Zwei Räumfahrzeuge kamen langsam die Straße entlang und schoben den Schnee beiseite.
„Die können sicher deinen Opel rausziehen.“ Ich hörte auf, den Schnee zu bearbeiten, und ging den Leuten vom Winterdienst entgegen. Ich winkte dem Fahrer des Traktors und trat an die Fahrertür, als er anhielt.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er freundlich.
Ich nickte dem Mitfünfziger mit dem fast kahlen Kopf zu. „Ja, der Wagen meines Bekannten sitzt da hinten fest. Könnten Sie ihn aus der Wehe ziehen?“
„Klar, kein Problem. Hat Ihr Bekannter ein Abschleppseil?“
Ich zuckte mit den Schultern und blickte zu Lai, der endlich die Kofferhaube oben hatte. Mit einem Abschleppseil, das sich automatisch auf eine Rolle wickelte, winkte er.
„Nicht gut“, kommentierte der Mann vom Straßendienst. „Die reißen zu schnell, aber wir können es ja mal versuchen.“
Zehn Minuten später stand Lais Opel auf dem Parkplatz vor unserem Haus und der Mann vom Straßendienst bedankte sich für den Schokoweihnachtsmann.
Lai griff sich seine Sporttasche und folgte mir ins Haus. Jasper begrüßte uns freudig. Der Golden Retriever hatte Lai anscheinend als meinen Freund anerkannt, denn er stürzte sich schwanzwedelnd auf ihn. Lai kraulte ihn kurz und nickte meinen Eltern zu, die verschlafen den Korridor betraten.
„Ihr seid aber zeitig munter“, gähnte mein Vater. „Sieht so aus, als wollten Sie uns verlassen, Lai?“
Noch bevor der Thai antworten konnte, erklärte meine Mutter: „Aber erst nach dem Weihnachtsessen.“
„Einverstanden, Frau Seeger.“ Lai strahlte mich an und ich stöhnte innerlich auf. Meine Mutter fiel mir in den Rücken.
„Okay, ihr nehmt das Bad unten“, wies mein Vater an und verkrümelte sich.
„Haben Sie gut geschlafen, Lai?“ Meine Mutter streichelte Jasper, der von Lai abgelassen hatte und mehr Aufmerksamkeit von ihr verlangte. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoß bei der Erinnerung an mein Erwachen.
„Sehr gut, Frau Seeger. Kann ich Ihnen beim Tischdecken helfen?“
Ich rollte die Augen. Entweder war Lai wirklich ein zuvorkommender Mensch oder er hatte einfach ein schlechtes Gewissen.
„Nein, nein, geht euch frisch machen!“ Mit einem Klaps auf meinen Hintern hatte Mutter mich entlassen. Ich warf ihr einen warnenden Blick zu. Ich mochte es nicht, wenn sie das vor Fremden tat.
Eilig öffnete ich die Tür zum Keller. Die halbe Treppe lag schon hinter mir, als Lai mir nachrief: „Laß mich bitte nur schnell auf Toilette, dann kannst du baden.“
„Okay.“ Ich begab mich in den Partyraum, legte die dicke Jacke ab und schleuderte die Boots von mir, dann wühlte ich in meiner Tasche herum. Was zum Teufel zieh ich nur an? Verdammt, warum konnte ich mich nur nie entscheiden? Dann fand ich aber endlich etwas Passendes. Ich hatte mir das enge, ärmellose Shirt von meinem letzten Trip nach L.A. mitgebracht. Es war silberrotblau mit weißen Sternen darauf. Als ich das Shirt im Schaufenster gesehen hatte, konnte ich nicht vorbeigehen, ohne es zu kaufen. Ich würde die dünnen Jeans dazu anbehalten. In ihnen fühlte ich mich am besten.
„Du kannst ins Bad.“
Erschrocken sah ich auf und schluckte. Lai stand in der Tür, nur noch mit seinen Jeans begleitet. Pullover und T-Shirt hielt er in der linken Hand. Mein Blick glitt über seine Brust. Oh Wahnsinn, dieser Oberkörper - braun, durchtrainiert und ganz glatt, ohne ein Härchen, einfach ein Traum. Laß mich dich berühren, Lai! Es mußte himmlisch sein, diese makellose Haut anzufassen und mit den Lippen zu kosen. Sicherlich fühlte sie sich an wie Seide. Das Lai jetzt eine Brille auf der Nase trug, nahm ich nur am Rande wahr, aber sie paßte zu ihm.
Ich räusperte mich kurz und sagte: „Danke“, dann verschwand ich eilig und genoß mein wohlverdientes Bad.

Ich half meiner Mutter in der Küche, indem ich die Reste des Truthahns auseinandernahm. Das von den Knochen gelöste Fleisch warf ich Jasper in den Freßnapf. Mein Hund sollte auch etwas von unserem Festessen abbekommen.
Lai saß auf unserem Sofa und tippte eine Nachricht in sein Handy. Mein Blick wanderte immer wieder zu ihm, vorsichtig, nicht auffällig. Der Thai sollte es nicht bemerken.
„Er beobachtet dich schon den ganzen Tag“, flüsterte meine Mutter und legte einen Grünen Kloß für Jasper in den Napf. „Er steht auf dich, Schatz.“
„Mom, er ist nicht schwul“, verteidigte ich Lai und mich selber. Ich durfte nicht mal einen Gedanken daran verschwenden.
„Ach, und warum verschlingt er dich mit den Augen?“ Sie war näher an mich getreten.
„Das täuscht.“ Aufgeregt schlug mein Herz. Auf die Intuition meiner Mutter hatte ich mich bisher immer verlassen können, doch diesmal lag sie falsch.
„Versuch es! Was hast du zu verlieren?“ Sie zwinkerte mir zu. „Seine Augen sind gütig und warm. Er würde dich nie verletzen, das weiß ich. Er ist der Richtige für dich.“
„Aber...“ Nein, das konnte nicht sein. Lai war nie im Leben schwul, auch wenn ich es mir wünschte, denn der Thai hatte mein Ich erobert.
„Schatz, vertrau...“ Meine Mutter blieb hartnäckig, verstummte jedoch, als Lai zu uns trat, oder besser gesagt zu mir.
„Jens, gibst du mir deine Telefonnummer?“ Mit einem aufnahmebereiten Handy in der Hand fing sein Blick mich ein.
Ich nickte, nannte ihm meine Nummer und glaubte zu verbrennen. Ich sah wie die Finger der wunderschönen Hände die Zahlen eintippten. Ich fragte nicht nach seiner Nummer. Ich würde an meinem Vorsatz festhalten.
„Was machst du Silvester?“, erkundigte er sich und angelte nach einem Geschirrtuch, um die handgespülten Sachen zu trocknen.
„Ich bin auf einer Fete“, antwortete ich, verschwieg aber, daß diese im ‘Boys’ stattfinden würde.
„Ich feiere mit Jan und Ina. Falls du Lust hast, komm doch einfach zu uns.“ Das Tuch flog nur so über die Kellen und Schneebesen.
„Ich weiß nicht“, stammelte ich. Er wollte mit mir Silvester verbringen? Er wollte mit mir ins neue Jahr rutschen? „Ich bin mit Freunden verabredet“, wich ich aus und sofort traf mich ein vernichtender Blick meiner Mutter. Sie wußte, daß ich log, denn mein einziger Freund wollte mit seinem Schatz im Bett ein Feuerwerk starten lassen. Jonas, das Bärchen, war schon seit zwei Monaten mit Holger zusammen und ich gönnte ihnen ihr Glück.
„Na gut, da kann ich nichts machen.“ Wenn Lai jetzt enttäuscht war, dann ließ er es sich nicht anmerken.
Ich mußte dem Thai entkommen. Sein Blick war fast sezierend, als spürte er, daß ich ihn angelogen hatte. Ich nahm Jaspers Napf von der Anrichte und stellte ihn auf den Boden. Leise pfiff ich nach meinem Hund, der mit großen Sprüngen in die Küche kam und sich gierig auf sein Festessen stürzte. Ich hockte mich zu ihm, kraulte ihn und schaute zu Lai, der meiner Mutter weiter behilflich war. Ich war aufgeregt und nervös. Konnte meine Mutter doch Recht haben? Nein, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Nie im Leben war dieser Mann schwul.
Als der Abwasch erledigt und das Chaos beseitigt war, erklärte Lai, daß es für ihn nun wirklich an der Zeit war, aufzubrechen. Er verließ die Küche, um im Keller seine Tasche zu holen. Ich sah ihm nach, blieb aber vor Jasper hocken.
„Bist du blind oder willst du es nicht sehen, Schatz?“ Meine Mutter baute sich vor mir auf. „Lai mag dich.“
„Kann schon sein“, murmelte ich und kraulte Jasper weiter, der vor mir lag und nach mehr bettelte.
„Laß ihn nicht einfach so gehen!“ Sie kam zu mir runter und wuschelte den Golden Retriever.
„Mom, Lai ist nicht schwul, also hör auf!“ Ich war sauer. Wieso quälte sie mich so?
„Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es, okay“, knurrte ich und erhob mich. Ich trat in den Wintergarten und sah hinaus auf die Straße. Der Schnee taute. Die Temperaturen waren so sprunghaft in die Höhe geschossen, daß das Weiß keine Chance mehr hatte, liegen zu bleiben. Ich starrte weiter durch die große Glasfront, auch als Lai mit meinen Eltern sprach und sich für alles bedankte.
„Jens?“, rief meine Mutter drängelnd und so begab ich mich doch zu ihnen in den Korridor.
„Rutschen Sie gut ins neue Jahr, Lai, und passen Sie auf der Straße auf!“ Mit einem Handschlag verabschiedete sich mein Vater von dem Thai und meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, Lai Küßchen auf die Wange zu hauchen. „Besuchen sie uns mal wieder!“, bat sie. Sie hatte den Mann tatsächlich in ihr Herz geschlossen. Dann konnte ich mich jetzt auf ein Fragenbombardement einstellen.
„Sicher, Frau Seeger.“ Lai lachte meine Mutter an und drehte sich in meine Richtung.
Nun war ich an der Reihe, Abschied zu nehmen. Ich würde es kurz und schmerzlos machen. „Machs gut!“, sagte ich nur und hielt ihm meine Hand hin. Ich wich seinem intensiven Blick aus. Diese schwarzen Augen schlugen mich zu sehr in ihren Bann, als daß ich es gerade jetzt zulassen könnte.
Geh und melde dich nicht! Laß mich einfach in Ruhe! Ich will dich nicht wiedersehen. Worte, die mir auf der Zunge lagen, die ich aber hinunterschluckte. Niemand sollte auch nur erfahren, welches Chaos in mir herrschte. Es ging niemanden etwas an. Das war einzig und allein mein Problem.
In Lais Augen blitzte es kurz auf und ich fühlte mich unwohl. Wie würde der Thai sich jetzt verhalten, bei meinem offensichtlich abstoßenden Verhalten? Ich zuckte zusammen, als er nach meiner Hand griff, erwiderte den Druck aber. Gerade als ich ihm meine Hand wieder entziehen wollte, zog er mich mit einem Ruck an sich. Eine Hand legte sich an meine Hüfte und ich begriff nicht, was hier gerade geschah. Ich war total überrumpelt und versteifte. Was hatte Lai vor? Ich hob den Blick an, suchte nach einem Anzeichen in seinem Gesicht und plötzlich lagen seine Lippen auf meinen.
Oh mein Gott, er küßt mich. Plötzlich bestanden meine Knie nur noch aus Pudding und wäre nicht die Wand in meinem Rücken gewesen, ich wäre sicherlich zusammengerutscht. Tausende Granaten explodierten in meinem Magen. Sacht strich Lais Zunge über meine Lippen, und so schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Er löste sich von mir und bat: „Überlege es dir noch mal mit Silvester!“
Ich nickte kurz und blieb wie paralysiert stehen, preßte mich enger gegen die schützende Wand. Mein Herz raste, mir war eindeutig schlecht und in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Ich war einfach fertig. Tief holte ich Luft, schloß die Augen und legte den Kopf zurück in den Nacken. Ich will ihn nicht sehen. Ich möchte ihn nie wiedersehen. Hart schlug ich die Fingernägel in die Handballen, um nicht laut aufzustöhnen.
„Schatz!“ Leise sprach meine Mutter mich an. Ihre Finger strichen durch meine Haar. „Er ist weg.“
Gemächlich öffnete ich die zusammengekniffenen Augen. Hoffentlich stimmte, was meine Mutter sagte. Verängstigt sah ich mich um. Die Haustür war geschlossen und nur meine Mutter stand im Flur. „Was ist hier gerade passiert?“, erkundigte ich mich stammelnd und vor Aufregung zitternd. Hat er mich tatsächlich geküßt oder sind nur meine Träume mit mir durchgegangen?
„Lai hat dich geküßt.“ Meine Mutter faßte nach meiner rechten Hand und zog mich von der weiß getünchten Wand fort. Sie schob mich ins Wohnzimmer. „Ich sagte doch, er steht auf dich.“
Mit einem flauen Gefühl im Magen ließ ich mich auf die Couch fallen. Ich begriff gar nichts mehr. Unbewußt kraulte ich Jasper, der zu mir kam und den Kopf auf meinen Oberschenkel legte. Das war doch total verrückt. Ich hatte neben Lai geschlafen, weil ich dachte, er ist ein ganz normaler Heterosexueller, und nun stellte sich heraus, daß er gar nicht abgeneigt war.
Scheiße, schrie es in mir. Das kann auch nur dir passieren. Du triffst auf deinen Traummann, verliebst dich auf Anhieb und traust dich nicht, ihn zu berühren, weil du glaubst er ist ein Hete. Du verbringst die Nacht mit ihm auf einem Bett und nichts passiert, weil du voller Schiß bist - und was hatte ich nun davon? Nichts! Einen flüchtigen Kuß und das war es. Er ist weg, verschwunden, und ich wollte nicht mal seine Telefonnummer haben, weil ich dachte, er ist hetero. Scheiße!!!
„Aber er ist doch gar nicht schwul“, versuchte ich, mein aufgewühltes Inneres zu beruhigen.
„Er hat dich geküßt, Schatz.“ Meine Mutter sah mir in die Augen. „Wenn das nicht schwul ist, dann weiß ich nicht, was du darunter verstehst.“
Ein Klingeln ließ mich zusammenfahren. Ich kannte das leise Geräusch. Eine Kurzmitteilung war auf meinen Handy eingegangen und plötzlich betete ich, daß es das Bärchen war. Ich mußte mit ihm reden.
„Dein Handy“, stellte meine Mutter nur fest und erhob sich um das Telefon aus der Anbauwand zu nehmen. Sie reichte es mir.
Ich rief die SMS auf und schluckte. Leise las ich vor: „Hallo Jens! Jetzt hast du meine Nummer. Ich hatte vergessen sie dir zu geben. Ich melde mich, wenn ich bei Jan bin. Lai.“
Meine Finger zitterten so sehr, daß mir beinah das Handy aus den Händen gerutscht wäre. Meine Mutter nahm es mir ab und legte es auf den Couchtisch. Mein Blick irrte durch das Wohnzimmer. Was sollte ich nun tun? In mir tobte es. Ich mochte ihn, aber daß konnte nicht funktionieren, niemals...
„Dich hat es ja total erwischt.“ Sanft strich mir meine Mutter durchs Haar. Sie wußte schon wieder, was mit mir war. Wieso kannte sie mich so gut? Wann hatte ich ihr das Tor zu meinem Inneren geöffnet? Manchmal war es ja gut, daß meine Mutter mich verstand und ich mit ihr reden konnte, doch in Momenten wie solchen war ich lieber allein, um erst mal selber zu realisieren, was mit mir war.
„Na los, ruf ihn an! Er wartet sicherlich auf eine Antwort von dir. Laß ihn nicht zappeln!“
„Jetzt nicht“, knurrte ich. „Er sitzt doch im Wagen.“ Ich begriff das immer noch nicht. Sollte ich mich so sehr geirrt haben? Ich fühlte seine Lippen noch immer auf den meinen und glaubte sogar, seine Zunge zu spüren. Meine Haut prickelte an den Stellen wo er mich berührt hatte. „Außerdem hat er geschrieben, daß er sich meldet.“
„Ihr seht gut zusammen aus“, rekapitulierte meine Mutter.
„Ein Traum, nur ein Traum. Vergiß es!“ Das konnte einfach nicht wahr sein. Nie im Leben hatte Lai Interesse an mir.
„Dann hatten wir den gleichen Traum.“ Warm lachte meine Mutter auf. „Und, wie küßt er?“
Das war meine Mutter. Ehrlich, neugierig und ohne Scheu. Schon nachdem ich mich geoutet hatte, kam sie mit allen möglichen Fragen zu mir. Oft war ich dabei rot angelaufen, weil sie einfach alles bis ins kleinste Detail wissen wollte. Ich erinnerte mich, wie sie eines Abends zu mir ins Zimmer kam und fragte, wie es ist, mit einem Mann zu schlafen und ob ich mich nicht dabei ekeln würde? Das einzige, was ich darauf erwiderte, war, daß ich Kondome benutze. Ich verheimlichte ihr damals, daß ich noch nie mit einem Mann geschlafen hatte, denn der erste, der dies mit mir getan hatte, war David gewesen.
Ich zuckte mit den Schultern. Ich mußte einen kurzen Blackout gehabt haben, denn an mehr als Lais Lippen konnte ich mich nicht erinnern. Ich wußte nicht mal, ob ich ihn zurück geküßt hatte. Der Moment lag in einem dichten Nebel und ich bereute es. Nur zu gern würde ich mich daran erinnern, um zu wissen, wie er schmeckte.
„Jens, wieso bist du so kühl? Freu dich doch darüber, daß ein solcher Mann an dir interessiert ist, oder hängst du noch an David?“
David, nein, um Gottes Willen. Ich verschwende doch keinen Gedanken mehr an jemanden, der mich nach Strich und Faden belogen und betrogen hat. „Nein, Mom, das ist es nicht.“
„Was dann?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann es einfach nicht glauben.“ Wieso sollte Lai auf einen so unscheinbaren, kleinen Typen stehen, wie ich es war? Ihm lagen doch sicherlich die Frauen und die Männer zu Füßen. Also, warum sollte er sich für mich entscheiden?
„Nimmst du einen Rat von mir an?“, fragte meine Mutter.
„Kommt darauf an, was es ist.“ Mit den Händen fuhr ich mir durchs Haar.
„Verbring mit ihm Silvester und denk dann noch mal darüber nach!“
„Oh nein, das kommt nicht in Frage. Ich gehe ins ‘Boys’, so wie ich es geplant habe.“ Ich griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Für mich war die Unterredung beendet. Lai war weg und ich konnte mich endlich frei bewegen, ohne darauf achten zu müssen, was ich tat, damit ich mich nicht blamierte.
„Liebst du ihn?“ Vorsichtig strich meine Mutter mir über den Oberschenkel.
„Was?“ Wie kam sie denn auf diese absurde Idee? „Nein, natürlich nicht.“
Lügner! Du hast dich doch schon auf den ersten Blick in Lai verguckt. Warum leugnest du? Mein Kopf hatte ja Recht. Ich fühlte diese riesige Schar Schmetterlinge in meinem Bauch, die mir ganz genau mitteilte, daß ich haltlos verliebt war. Ja, ich bin verliebt und ich will ihn. Ich möchte Lai haben und mit ihm im Taumel der Lust versinken.
„Deine Augen, Schatz, zeugen vom Gegenteil.“ Meine Mutter erhob sich und verließ die Wohnstube. Sie würde mich in Ruhe lassen, damit ich über meine Gefühle nachdenken konnte.

***

Vorsichtig löste Lai sich von Jens, der völlig weggetreten schien. Mit einem Lächeln auf den Lippen und Jens Geschmack im Mund zog er die Haustür hinter sich zu, ging zu seinem Opel und stieg ein. Noch mal ein kurzer Blick auf das Haus, in dem er auf einen Engel getroffen war, dann startete er seinen Wagen und macht sich auf den Weg zu seinen Freunden. Er fuhr aus Frankenheim hinaus und stoppte kurz hinter dem Ortsschild auf dem Seitenstreifen. Mit zitternden Finger kramte er sein Handy hervor und tippte eine Nachricht für Jens ein. Er zögerte. Sollte er die SMS wirklich versenden? Er gab sich einen Ruck und bestätigte die Eingabe.
Der braunhaarige Mann hatte sein Herz im Sturm erobert, in dem Moment, als er mit dem Tee und dem Schneeschieber vor ihm stand. Er wollte Jens auf alle Fälle wiedersehen. Lai konnte sich sehr gut vorstellen, daß Jens und er ein Paar wurden.
Jens war wirklich niedlich und die grauen Augen schienen tiefgründig zu sein. Sie hatten schon viel gesehen und Jens eine Menge erlebt, sicherlich nicht nur schöne Sachen. Jens wirkte auf Lai verängstigt, wie ein scheues Reh. Was war dem jungen Mann widerfahren?
Jedenfalls freute Lai sich jetzt erst mal auf seinen besten Freund und dessen Frau, die sehnlichst auf ihn warteten. Im Kofferraum des Opels befanden sich ein riesiger Plüschelefant und eine in Geschenkpapier eingewickelte Wiege. Lange hatte der Thai überlegt, was er seinen Freunden zu Weihnachten schenken sollte, ohne auf ein Ergebnis zu kommen und so hatte er sich nach einer Weile entschieden, einen Teil zur Erstausstattung beizutragen.
Es fiel ihm heute besonders schwer, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. In seinem Kopf spukte Jens herum und so war Lai froh darüber, daß er die Straßen fast nur für sich alleine hatte. Irgendwie mußte er sich von dem braunhaarigen Engel ablenken, damit er nicht in den nächsten Straßengraben fuhr. Ob ihm Musik helfen konnte? Er schaltete das Radio an, aus dem Weihnachtsmusik erschallte. Na gut, dachte er, warum nicht, und so pfiff er leise die Lieder mit, nur um wieder an Jens denken zu müssen.
Lai fuhr fast mechanisch. Er orientierte sich an den Schildern, die an den Straßenrändern auftauchten, und wunderte sich, daß er schon in die Straße einbog in dem Jan und Ina wohnten. Er parkte vor dem modernisierten Altbau, in dem Jan eine Dreiraumwohnung angemietet hatte, und stieg aus. Mit ein paar Schritten erreichte er die Klingelanlage und versenkte den Knopf unter dem Daumen. Ein: „Hallo“, ertönte knackend aus der Gegensprechanlage.
„Kommst du bitte mal runter!“, bat Lai seinen Freund mit einem freudigen Lächeln, dann ging er zurück zu seinem Opel und öffnete die Kofferhaube. Er ordnete schnell noch mal das Geschenkpapier. Ein Türklappen ließ ihn herumfahren. Er sah den blonden Wuschelkopf seines Freundes und trat zu ihm. Kurz darauf lagen sie sich in den Armen.
Jan klopfte Lai freundschaftliche auf die Schulter. „Na, du Weltenbummler. Hast dir ja ganz schön Zeit gelassen. Welcher Mann ist dir über den Weg gelaufen und hat dein Herz erobert?“ Jan klang amüsiert. Seine Worte waren gar nicht ernst gemeint. Es sollte ein Scherz unter Freunden sein.
„Jens“, gab Lai sofort zu und löste sich von Jan, der den Mund ungläubig öffnete.
„Jens Andreas Seeger, ein Engel.“ Mit der rechten Hand zog er seine Tasche aus dem dunklen Hohlraum des Wagens und hängte sie sich über.
„Jens also“, lachte Jan auf. „Das mußt du mir erzählen. Oben wartet Glühwein auf uns.“
„Mach ich.“ Lai nahm den Plüschelefanten. „Hier, fang!“ Das große, graue Monstrum flog in einem hohen Bogen auf Jan zu.
„Hey!“ Lais Freund angelte das riesige Stofftier aus der Luft und gluckste überrascht. Er schlang die Arme um den weichen Hals und beschwerte sich: „Willst du mich damit erschlagen?“
Lai verkniff sich eine Antwort und stellte die Wiege auf dem Asphalt ab, damit er seinen Wagen verschließen konnte. „Laß uns hochgehen! Hier ist es mir zu kalt und ungemütlich.“ Er klemmte sich die Wiege unter den Arm und folgte seinem ziemlich verwirrten Freund in das Treppenhaus.
Mit der sperrigen Last unter dem Arm kamen Lai die paar Treppen bis zum ersten Stock doppelt so hoch vor und er war froh, als er den Treppenabsatz erreichte. Die Tür zu Jans und Inas Wohnung stand offen. Ein Lachen löste sich aus der Kehle von Jans Frau, als sie den Elefanten erblickte, dann trat sie zur Seite und ließ die beiden Männer eintreten.
Lai stellte die Wiege ab und zog die blonde Frau mit den grünen Augen in die Arme. Er fühlte den Bauch, in dem Jans und Inas Kind heranwuchs. „Ina“, hauchte er und hielt die eigentlich zierliche Frau fest.
„Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Ina barg den Kopf an Lais Schulter, der sacht über ihren Rücken strich.
„Macht euer Geschenk auf!“, bat Lai und ließ Ina los. Er trat ein Stück beiseite, damit seine Freunde die Wiege auspacken konnten.
„Lai!“ Glücklich warf sich Ina in Lais Arme. Mit dem Geschenk hatte er richtig gelegen und das freute den Thai. Sacht wiegte er Jans Frau in seinen Armen, dann schob er sie sanft von sich und sagte: „Laß dich ansehen!“
„Ich sehe fürchterlich aus - total fett.“ Ina drehte sich um und wollte in der Küche verschwinden, die links vom Korridor lag, doch Jan hielt sie auf, indem er die Arme von hinten um sie schlang. „Nicht doch, Ina, du bist wunderschön.“
Stumm beobachtete Lai die Szene. Er verstand nicht, was Ina an sich auszusetzen hatte. Bis auf den Babybauch sah sie doch aus wie immer und wenn er nicht schwul wäre, würde er um Ina buhlen. Sein Blick glitt über Jans Frau. Die blonden Haare waren kunstvoll hochgesteckt, die grünen Augen glänzten warm und der Mund war unauffällig rot nachgezogen. Sie war eine Schönheit, so weit Lai das beurteilen konnte.
Er würde seine Freunde allein lassen. Ein Streit schien in der Luft zu liegen, denn Ina versuchte, sich aus Jans Armen zu winden. Ohne ein Wort verzog Lai sich ins Wohnzimmer. Der Couchtisch war gedeckt. Tee stand auf einem Stövchen, Dampf stieg zur Decke hinauf, Stollen wartete darauf, verspeist zu werden, und ein kleiner Tannenbaum erhellte die Ecke hinter der Couch.
Lai fuhr sich durchs Haar und holte tief Luft. Er wußte durch die Telefonate mit Jan, daß Ina Probleme mit ihrem Körper hatte. Sie ließ sich von Jan nicht mehr anfassen und an Sex war gar nicht zu denken. Lai wußte, wie sehr die Situation auch Jan belastete, doch der stand hinter seiner Frau. Nie würde er auf den Gedanken kommen, fremd zu gehen, nur weil Ina sich ihm nicht hingab. Er liebte sie und nur das zählte. Jan hoffte darauf, daß, wenn ihr Kind auf der Welt war, Ina wieder zu ihren Lust zurückfinden würde.
Der Sessel bot sich Lai als die perfekte Sitzgelegenheit an. Er streckte die Beine von sich, verschränkte die Arme hinterm Kopf und atmete tief durch. Er hoffte, daß Jan und Ina sich wieder vertrugen. Ihm fielen die Augen zu. Die Nacht war anstrengend für ihn gewesen. Die ganze Zeit über hatte er Jens angesehen und sich überlegt, wie er herausbekam, ob Jens schwul war. Es war zwar sein erster Eindruck gewesen, doch Jens Verhalten hatte ständig vom Gegenteil gezeugt. Er war erst in den frühen Morgenstunden eingeschlafen, nachdem Jens zu ihm gerutscht war und den Kopf auf seine Schulter gebettet hatte. Was machte der hübsche junge Mann gerade? Ob er an mich denkt, so wie ich an ihn, überlegte Lai. Jens war mehr als überrascht gewesen, als ich ihn küßte. Hoffentlich nimmt er es mir nicht übel...
„Lai, willst du auch ein Bier?“, hörte er Jan rufen.
Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, rief er: „Nein, jetzt noch nicht.“
Lächelnd trat Ina in die Wohnstube. „Willst du dir das Kinderzimmer ansehen? Es ist endlich fertig.“
„Gern.“ Lai drückte sich aus dem Sessel und folgte Ina. Staunend sah er sich in dem neu eingerichteten und tapezierten Raum um. An der Wand hatte Tapete mit planschenden Entchen Platz gefunden. Ein weißer Schrank stand an der linken Seite und rechts ein Gitterbettchen. Direkt daneben sah Lai seine Wiege, in der der Elefant saß. Plüschtiere reihten sich auf einem Regal über dem Bett und unter dem Fenster stand eine Wickelkommode. Es war alles für das neue Leben vorbereitet.
„Ich freue mich so für euch.“ Der Thai konnte nicht anders. Er schloß Ina fest in seine Arme. „Wer hätte gedacht, daß ihr mal heiratet und sogar ein Kind bekommt. Ihr habt euch gehaßt. Jan hielt dich für eine aufgeblasene Ziege und du ihn für einen Idioten.“
„Das war er ja auch“, kicherte Jans Frau.
„Wieso?“
„Er ist ständig dieser Franziska hinterhergestiegen. Erinnerst du dich noch an die überkandidelte Tussi mit ihren falschen Haaren und Fingernägeln? Jan hat durch sie gar nicht gemerkt, daß ich ihn über alles liebte.“
„Ja, Franziska, so hieß sie. Das habe ich schon vergessen gehabt.“ Lai grinste bei den Erinnerungen. „Jan wollte nie auf mich hören. Ich hatte ihm von Anfang an gesagt, daß sie nichts für ihn ist und daß er die richtige Frau dadurch übersieht.“
„Tja, und dann mußte er feststellen, daß die Franziska ein Franz ist...“
Lai lachte auf und wiegte Ina leicht hin und her. „Das war der Schock seines Lebens.“
„Aber langweilig war unsere Studienzeit nicht.“ Ina griff nach Lais Händen und verschränkte ihre Finger.
„Hey, ihr beiden! Soll ich den Glühwein ganz allein trinken?“ Die Hände in die Hüften gestützt tauchte Jan plötzlich vor ihnen auf. „Lai, wenn ich nicht wüßte, daß du schwul bist, würde ich sagen, du machst meine Frau an.“
„Vielleicht tue ich das ja auch.“ Lai entließ Ina seinen Armen und zwinkerte Jan zu, ehe er fortfuhr: „Schade eigentlich, daß ich mich gerade in jemanden verguckt habe.“
„In Jens, ich weiß.“ Jan hielt seiner Frau die Hand entgegen.
„Jens?“ Ina sah Lai fragend an. „Wieso weiß ich noch nichts davon?“
„Lai wird es uns sicherlich gleich erzählen.“ Jan griff nach Inas linker Hand und zog sie mit ins Wohnzimmer. Lai folgte seinen Freunden mit einem wissenden Lächeln. Er wußte, daß die beiden jetzt alles haargenau erfahren wollten. Er würde um eine Schilderung der Ereignisse nicht herumkommen.
Der Thai suchte sich den Sessel, der dem Sofa gegenüberstand, und ließ sich darauf nieder. Liebevoll lächelte er Ina und Jan an, die sich gemütlich aneinanderkuschelten und sich für aufnahmebereit erklärten. Ausführlich erzählte Lai von seiner Begegnung mit Jens. Seine Augen glänzten verräterisch, als er von dem jungen Mann schwärmte. Tief in ihm brannte ein Feuer, das er gestillt wissen wollte. Er fand es schade, daß er nicht wußte, was Jens davon halten würde.
Der Glühwein rann den beiden Männern angenehm die Kehlen hinab und Ina hielt sich an ihrem Tee fest. Lai fühlte sich träge und müde. Der Alkohol trug seinen Anteil dazu bei. Immer wieder schaute er auf sein Handy und überprüfte, ob es auch wirklich angeschaltet war, denn bis jetzt hatte Jens auf seine Nachricht noch nicht reagiert. Er würde ihn anrufen, sobald er ein paar Momente für sich allein hatte.

Unruhig wälzte ich mich hin und her. Ich hatte meiner Mutter meine Bettwäsche zum Waschen gegeben und nun lag ich splitterfasernackt unter der Decke, in die Lai heute morgen noch eingewickelt gewesen war. Das Bett roch nach ihm und ich sog den Duft ganz tief in mich.
Lai hatte sein Versprechen gehalten und vor zehn Minuten angerufen. Unser Gespräch war kurz gewesen und ich bereute unterdessen, daß ich so kurz angebunden und kühl geblieben bin. Was mußte der Thai jetzt von mir denken? Zu mindestens war ich beruhigt, daß er gut bei seinen Freunden gelandet war. Wieso hatte ich ihm das nicht gesagt? Mit einem Grinsen überlegte ich, wie er wohl reagiert hätte, wenn ich ihm erzählt hätte, daß ich nackt unter der Decke lag, in der er geschlafen hatte?
Ich rollte mich auf die Seite und zog die Beine an. Der Thai wollte einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Ich sah seinen freien Oberkörper und sein lächelndes Gesicht, wenn ich die Augen schloß. Ich fühlte seine Hände an meiner Hüfte und seine Lippen auf meinen. Seufzend zog ich das Federbett höher, hielt den Stoff vor meine Nase und träumte vor mich hin.
In Gedanken küßte ich Lai, streichelte seine Brust und spürte seine Hände an meinem Hintern. Ich stellte mir vor, wie er mich überall berührte, wie er meine Hüften hielt und mit mir schlief. Mein Atem ging augenblicklich schneller bei der Vorstellung, wie er sich in mir bewegte und mich ausfüllte. Meine rechte Hand wanderte wie von allein tiefer. Ich umfaßte meine Männlichkeit, stimulierte mich und verlor mich in meinen Vorstellungen, wie ich es die ganze Nacht mit Lai trieb. Mit einem unterdrückten Stöhnen erreichte ich meinen Höhepunkt.
Heftig atmend lag ich da. Die Mischung von Lais angenehmen Duft und meinem Körpergeruch ließ mich aufseufzen. Wie würde es erst riechen, wenn wir beide zum Höhepunkt kamen?
Tief holte ich Luft, drehte mich auf den Rücken, zog ein Taschentuch aus der Folie und säuberte notdürftig meine Hand, dann starrte ich an die Decke. Ich fühlte mich frei und träge und trotzdem blieb ein schaler Nachgeschmack. Es war eben ich gewesen und nicht Lai. Selbstbefriedigung war gut, solange man nicht frisch verliebt war. Ich verkroch mich nur noch mehr in meinem unerfüllten Verlangen.
Aufgewühlt knipste ich die kleine Lampe über dem Bett an. Ich war unruhig. Lai fehlte mir. Das gab es doch gar nicht. Ich kannte ihn doch gerade mal achtundzwanzig Stunden. Ich mußte mich dringend von ihm ablenken und die Sehnsucht aus meinem Körper vertreiben. Ahnungslos, was ich tun sollte, schaute ich mich um. Mein Handy schien mich schier anzulachen und zu schreien: Ruf ihn an!
Nein, antwortete ich im Kopf. Ich habe doch gerade erst mit ihm telefoniert und ich möchte bestimmt nicht aufdringlich wirken. Blieb nur mein Bärchen. Ich suchte nicht erst lange nach seiner Nummer im Speicher. Ich tippte sie einfach ein und vernahm zufrieden das Freizeichen.
„Hallo!“, stöhnte mein bester Freund.
„Hey Bärchen! Ich bin es.“ Ich schob mich ein Stück höher und lehnte mich gegen die Wand. Ein Grinsen huschte über mein Gesicht. Jonas schien schwer beschäftigt zu sein.
„Aaaaahhhhh.....“
Ich hielt das Telefon ein Stück weg und lachte leise.
„Was ist?“
Fast konnte ich sehen, wie Bärchen und Holger miteinander schliefen. Wieso stellte Jonas sein Handy nur nie ab, wenn Holger bei ihm war? Es war ja nicht das erste Mal, daß ich anrief, wenn die beiden Sex hatten. „Ich rufe in einer halben Stunde noch mal an“, erklärte ich und wollte ihn gerade weg drücken, als er rief: „Nein, ich komme gleich...“
Der Rest seines Satzes ging in einem tiefen Stöhnen unter und ich saß total perplex auf dem Bett. Ich schaffte es nicht, das Telefon wegzulegen. Ich lauschte dem Pärchen, daß gerade gemeinsam zum Höhepunkt zu kommen schien. Es dauerte eine Weile, dann trafen leise Schreie von Bärchen mein Ohr. Ein tiefes Stöhnen folgte. Kichernd erklärte Bärchen: „Gott, war das geil. Du kannst ruhig öfter anrufen. Das ist ein wahrer Kick, wenn man weiß, daß jemand zuhört.“
„Sorry, ich wollte euch nicht stören“, sagte ich, wobei ich mir ein Lachen verkniff. Das gerade war genauso irrational wie meine Sehnsucht nach Lai.
„Macht doch nichts, Jensi - Mausi. Also, was ist der Grund für deinen nächtlichen Anruf?“ Jonas wurde sicherlich gerade von Holger in die Arme geschlossen.
„Mir war nur langweilig“, log ich. Ich würde Jonas noch nichts von Lai erzählen.
„Morgen bist du ja wieder hier und ich komme am siebenundzwanzigsten gleich zu dir.“ Leise Seufzer begleiteten Bärchens Worte. Holger schien sich aufopfernd um meinen Freund zu kümmern.
„Jensi, ich mach Schluß. Holger will noch eine Runde.“ Ein leises Klicken in der Leitung und ich war von meinem Freund getrennt.
Na toll, die beiden trieben es, bis sie nicht mehr konnten, und ich verging vor Sehnsucht nach einem Fremden. Sollte ich Silvester doch mit Lai verbringen? Wer weiß, vielleicht war Lai ja der Mann, mit dem ich alt werden sollte. Eins wußte ich - wenn ich die Chance nicht wahrnahm, würde ich mir mein ganze Leben Vorwürfe machen.
Erst mal darüber schlafen und dann mit Bärchen reden. Seine Ratschläge hatte ich bisher immer ernst genommen, nur seine Warnungen vor David wollte ich nie hören. Ich war blind gewesen.
Ich dachte zurück. Bärchen war in meiner Klassenstufe auf dem Gymnasium gewesen. Er hatte wie ich Kunst belegt, war aber eine absolute Niete und so half ich ihm, wo immer ich nur konnte. Erst nach einer ganzen Weile erfuhr ich, daß er Kunst nur wegen mir belegt hatte. Er war nicht in mich verliebt gewesen, nein, er wollte nur Rat und Beistand bei mir suchen. Ich hatte damals mein Outing schon hinter mir, als er auf meine Schule wechselte, aber Jonas nicht. Wir hingen wie die Kletten zusammen und galten bald als Pärchen, obwohl wir keines waren. Aber durch diese Geschichten, die sich wie ein Lauffeuer verbreiteten, wurde Jonas geoutet, ohne daß er etwas dafür tun mußte.
Zu dem Zeitpunkt fing ich an, ihn Bärchen zu rufen. Er schlief in einer Kinderbettwäsche mit Bären darauf und auch in seinem Zimmer stapelten sich Plüschbären. Er besaß sogar Bärchen aus Ton und Kunstharz. Erst wollte ich ihn mit diesem Rufnamen nur aufziehen, doch dann bürgerte es sich ein und plötzlich nannten ihn alle so. Der Name hat sich gehalten. Noch heute schläft Knuddel, den ich ihm zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte, mit in seinem Bett.
Mit einem Grinsen erinnerte ich mich an unseren Abschlußball. Jonas und ich wurden als das Paar des Abends gewählt. Das erste schwule Pärchen...
Ich sah optimistisch in die Zukunft. Mit Bärchen an meiner Seite würde alles gut werden.

***

Ich schob den Zeichenblock von mir, legte den Bleistift zur Seite und zündete mir eine Zigarette an. Seit gestern Abend befand ich mich wieder in meiner kleinen Wohnung. Laut hallte das neue Album von „Bon Jovi“ durch mein Wohnzimmer, das auch gleich Arbeitsraum war. Meine Gedanken kreisten immer noch um Lai. Vor drei Tagen hatte ich ihn kennengelernt, und nun füllte er mich aus. Das Telefonat vor zwei Tagen war bisher das Einzige geblieben. Ich traute mich nicht, bei ihm anzurufen und er hielt es wohl nicht mehr für nötig.
Ich rieb mir die Augen. Seit heute morgen saß ich an meinem Schreibtisch und zeichnete wie ein Verrückter, um mich abzulenken. Es gelang mir nicht, denn jedes Blatt zeigte Lai. Kurz sah ich auf die Anzeige des Videorecorders. Um 21:00 Uhr wollte Bärchen bei mir sein und als ich gerade überlegte, ob er mal wieder zu spät kommen würde, klingelte es an meiner Wohnungstür Sturm.
Ich legte meine Zigarette im Aschenbecher ab und eilte in den kleinen Flur. Nur einer drückte seinen Daumen so lange auf den Klingelknopf. Freudig riß ich die Tür auf und ein fröhlicher Wirbelwind stürmte mein Reich.
„Jensi“, rief der Schmollmund und Jonas schloß mich in die Arme. „Du hast mir gefehlt“, hauchte er mir ins Ohr.
„Das Gefühl hatte ich aber nicht“, lachte ich und wuschelte durch die strohblond gefärbten, kurzen Haare, die von silbernen Strähnen durchzogen waren. „Holger hat sich doch gut um dich gekümmert.“
Jonas strahlte mich an, zog die schwarze, dicke Jacke aus und streifte die Stiefel ab. „Ich bin von ihm zum Mond katapultiert worden und das nicht nur einmal. Ich war noch nie so verliebt und so befriedigt.“
Ich hängte Bärchens Jacke neben meine und sah meinen Freund an. Er strahlte Zufriedenheit aus und wirkte super glücklich. „Willst du was trinken?“, erkundigte ich mich und verzog mich in die Küche.
„Cola“, rief Jonas und folgte mir. Er zog sich auf die Anrichte hoch und baumelte mit den Beinen, die in einer silbernen Hose steckten. Sein weißes Top war wie immer viel zu kurz. Es endete knapp über dem Bauchnabel und gab den Blick auf ein silbernes Piercing frei. Auf dem Schoß hielt er seinen silbernen Rucksack. Er öffnete ihn und sagte: „Dein Weihnachten. Ist nur was Kleines.“
„Danke.“ Ich nahm ihm das silberverpackte Etwas ab, das verdächtige Formen eines Phallus aufwies. Ich riß das Papier ab und bekam einen Lachanfall. In meinen Händen lag ein Plüschphallus, der in den typischen Regenbogenfarben gehalten war.
„Wir müssen doch zu unserem Schwulsein stehen“, erklärte Bärchen lächelnd.
„Wo hast du den her?“ Ich nahm Gläser aus dem Schrank und Cola aus dem Kühlschrank.
„Von Holger.“ Jonas füllte die Colagläser, während ich den Plüschphallus eingehender inspizierte.
„Und, wo hat Holger den her?“
„Keine Ahnung. Er hat mir auch einen geschenkt, damit ich Nachts nicht einsam bin und du kannst jetzt auch immer, wenn du Lust hast, mit einem Schwanz kuscheln.“ Bärchen ließ sich von der Anrichte rutschen.
„Ein echter wäre mir lieber“, murmelte ich und dachte an Lai. Schweigend trottete ich hinter meinem Freund her, der mein Wohnzimmer stürmte und direkt auf meinen Arbeitsplatz zusteuerte. Er war neugierig. Sicherlich wollte er meine neuen Zeichnungen sehen. Sein Blick fiel auf meine Staffelei, die leer war, da ich nur mit Bleistift gearbeitet hatte. Die Bilder blieben Bärchen nicht lange verborgen. Er griff nach den Blättern, schaute sie an und zuckte mit den Schultern. Ich zündete mir eine Zigarette an, da meine Kippe von vorhin verglüht war. Innerlich bereitete ich mich auf die Flut der Fragen vor.
„Der ist ja angezogen“, stellte Bärchen fest. „Seit wann malst du keine Akte mehr?“
„Ist nur eine Ausnahme.“ Ich drehte die Anlage leiser, damit ich Bärchen besser verstand.
„Ist alles der selbe. Ist ein Asiate.“ Jonas’ Augen sogen jede Einzelheiten der Zeichnungen auf.
„Ein Thai“, verbesserte ich. „Er heißt Lai.“
„Was denn, den gibt es wirklich?“ Jonas legte die Zeichnungen zurück auf meinen Arbeitstisch. Obenauf befand sich das Bild, auf dem ich Lai nur in Jeans abgebildet hatte.
„Ja, ich habe sogar mit ihm auf einem Bett geschlafen.“ Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich roch Lai plötzlich wieder, fast so, als würde er direkt vor mir stehen.
„Du bist verliebt, Jensi.“ Bärchen faßte nach meinen Händen und drehte sich wie verrückt mit mir im Raum. „Jensi ist verliebt“, rief er ausgelassen.
Ich stoppte seinen Taumel und warf ihm böse Blicke zu. „Ich bin nicht verliebt!“
Verunsichert blieb Bärchen vor mir stehen. Seine blauen Augen fixierten mich, dann wandte er sich von mir ab und ließ sich auf die Couch fallen. „Und warum zeichnest du dann nur ihn?“, fragte er enttäuscht.
„Ich bin fasziniert von seinen schwarzen Augen...“ Ich nahm den Aschenbecher und die Zigaretten von meinem Arbeitsplatz und setzte mich zu meinem besten Freund. Mit ihm konnte ich reden, ohne daß ich von dämlichen Bemerkungen unterbrochen wurde. Bärchen würde mir lauschen und dann seine Sicht der Situation schildern. „... der dunklen glatten Haut, den schwarzen Haaren und von seinem Lächeln“, fuhr ich fort.
„Wie hast du ihn kennengelernt?“ Jonas war jetzt ganz ruhig und ernst. Ich mochte diesen Zug an ihm. So verrückt und aufgedreht wie er war, so sensibel und liebenswürdig war er auch. Er war der beste Zuhörer, den ich kannte. Er ließ mich immer ausreden.
„Bei meinen Eltern hinterm Haus. Sein Wagen saß in einer Schneewehe fest.“ Gedankenverloren drehte ich das Feuerzeug zwischen den Fingern.
„Und du mußtest ihm helfen, so wie ich dich kenne.“ Bärchen machte es sich gemütlicher, in dem er die Beine anzog. Er stellte sich voll und ganz auf meine Erzählung ein und ich weihte ihn in jede Kleinigkeit ein. Nichts ließ ich aus und endete bei dem Anruf.
„Du liebst ihn“, war alles was Bärchen nach Beendigung meiner Geschichte sagte. „Du zeichnest ihn nicht einfach so. Du sehnst dich nach ihm, Jensi.“
„Aber...“
„Kein aber...“ Bärchen lehnte sich an mich. „Feier doch Silvester mit ihm. Was hast du zu verlieren? Ins ‘Boys’ kannst du immer gehen, aber Lai fährt wieder nach Hause und wenn du nur guten Sex mit ihm hast - ist doch besser als gar nichts.“
„Du weißt, daß ich anders bin als du. Du würdest sofort mit ihm ins Bett steigen. Du hast noch nie über deine One-Night-Stands nachgedacht. Für mich ist das aber nichts.“ Ich legte die Arme um meinen besten Freund.
„Weil du ein Träumer bist, Jens. Du träumst von der absolut reinen und perfekten Liebe, aber die gibt es nicht. Auch ich weiß, daß das mit Holger nicht ewig hält, aber ich genieße unsere Zeit und koste alles in vollen Zügen aus.“ Sacht strichen seine Fingerkuppen über meine Handrücken.
„Soll ich wirklich Silvester mit ihm verbringen?“, hauchte ich in das silberblonde Haar. Ich fühlte mich zerrissen. Ich wollte Lai wiedersehen, seine Lippen fühlen und mit ihm schlafen, aber ich hatte Angst. Was, wenn er sich als ein weiterer David entpuppte und ich in die selbe Abhängigkeit geriet?
„Ja!“ Bärchen löste sich aus meinen Armen, eilte zu meinem Schreibtisch und kam mit einer meiner Zeichnungen zurück. „Allein dieser Anblick ist es wert.“ Er reichte mir das Blatt und ich schluckte. Ich hatte Lai gezeichnet, so wie ich ihn schlafend in Erinnerung hatte - die entspannten Gesichtszüge und das Lächeln darauf. „Wenn er real so aussieht wie auf dieser Zeichnung, dann ist er ein Traumtyp. Gönne dir wenigstens mal einen guten Fick!“
Ich zuckte zusammen. Ich mochte das Wort nicht. Es klang so abwertend und irgendwie grausam, aber es beschrieb genau das, was David mit mir gemacht hatte. Er hatte mich immer nur gefickt, nie mit mir geschlafen.
„Sorry, Jensi, ich meinte guten Sex.“ Sacht fuhren seine Fingerspitzen über meine Wangen. Er wußte, was David mit mir gemacht hatte und wie ich mich jahrelang damit quälte.
„Ist schon gut.“ Ich legte das Bild mit Lais Abbild zur Seite. Meine Hoffnungen waren nicht in Erfüllung gegangen. Das Gespräch mit Bärchen hatte es nicht geschafft, Ordnung in mein Gefühlschaos zu bringen. Ich war genauso schlau wie vorher. Ich wußte nicht, was ich tun sollte.

***

„Lai!“, fuhr Jan den Thai an, der unruhig im Wohnzimmer auf- und ablief. „Dein Herumgetiger bringt doch auch nichts.“
„Warum ruft er nicht an?“ Mit einem Gefühle verbergenden Lächeln raufte Lai sich die Haare und startete in die nächste Runde.
„Er wird sich unsicher sein und außerdem hattest du doch gesagt, daß er mit Freunden auf einer Party verabredet ist.“ Jan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Seinen Freund hatte es total erwischt. So kannte er Lai nicht. Normalerweise war der Thai ruhig und ausgeglichen und nicht so ein Nervenbündel. Auch das typische ständige Lächeln konnte nicht verbergen, daß Lai vor Sehnsucht verging. Jan wurde langsam wirklich neugierig, wie der Mann aussah, der Lais Herz erobert hatte und das in nicht mal vierundzwanzig Stunden. Er nahm das Telefon, legte den Hörer auf den Couchtisch und bestimmte: „Du rufst ihn jetzt sofort an! Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du dich quälst.“
„Was soll ich denn sagen?“ Mit einem lauten Aufseufzen fiel Lai auf das Sofa, schloß das kleine Kissen fest in die Arme und streckte sich aus.
„Ihn fragen, ob er sich entschieden hat!“ Jan amüsierte sich köstlich. Seinen langjährigen Freund so verzweifelt zu sehen, daß er sogar seine typisch thailändischen Verhaltensregeln ablegte, ließ ihn innerlich triumphieren. Noch nie hatte es jemand geschafft Lai so zu verwirren. Es zeigte ihm, daß auch Lai nur ein normaler Mensch war. Mit einem gezielten Satz wollte er Lai zu seiner stoischen Ruhe zurück verhelfen: „Du verlierst gerade dein Gesicht, Lai.“
„Was?“ Der Thai fuhr hoch. Seine Augen blitzen auf, dann strich er sich verschämt durchs Haar und zwang sich, eine angebrachte Haltung einzunehmen. „Ich lebe zu lange hier“, murmelte er und angelte nach dem Telefonhörer. „Auf deine Verantwortung, Jan. Wenn er absagt, dann mußt du es ausbaden!“
„Mach ich gern und nun wähle endlich Jens’ Nummer! Welche Antwort du auch bekommst, ein Schnaps danach ist dir sicher.“ Jan verließ seinen Platz auf dem Sessel und ging zu der kleinen Bar um Gläser und den Weinbrand zu holen.
Lai starrte auf die Tasten am Telefonhörer, dann legte er es weg. Wieso sollte er sich vom Festnetz aus in ein Funknetz einwählen? Er zog das kleine Handy aus seiner Hosentasche und suchte Jens’ Nummer im Speicher. Er gab den Befehl zum Wählen. Es klingelt - einmal, zweimal, dreimal, viermal, dann vernahm er ein: „Hallo!“
Jens Stimme jagte ihm Schauer über den Rücken. Er sah die grauen Augen vor sich und die braunen Locken, die das schmale Gesicht umrahmten. Lais Blick suchte Jan, der fragend zu ihm schaute. Leise räusperte Lai sich, ehe er sich meldete: „Hier ist Lai.“
„Ich weiß“, erklang es nicht gerade freudig, sondern eher genervt.
Klar, er sieht meine Nummer, schoß es Lai durch den Kopf. „Ich wollte nur fragen, ob du dich entschieden hast. Wir planen gerade die Einkäufe.“ Lai atmete durch. Zum Glück war ihm noch ein plausibler Grund für seinen Anruf eingefallen. Sein Blick suchte Jan, der sich ein Lachen verkniff. Die Vorräte waren gut gefüllt und würden auch noch drei Gäste mehr vertragen.
„Ja“, erklang es an Lais Ohr, der die Luft anhielt und betete, daß Jan zustimmte. „Ich komm zu dir.“
Lais Finger zitterten plötzlich. Jens hatte ja gesagt. Er würde mit seinem Engel ins neue Jahr rutschen. Jetzt nur nicht zu freudig klingen. „Schön, was trinkst du denn gern?“ Lai gab seiner Stimme einen festen Klang und versuchte, sich seine Erregung nicht anmerken zu lassen.
„Bier ist okay.“
„Gut, hast du was zu schreiben?“ In Lai tobte ein Gewitter. Er mußte das Telefonat beenden, bevor er zu schreien anfing.
„Ja.“
Lai befand sich nicht in der Lage, aus den knappen Antworten von Jens mehr über dessen Emotionen zu erfahren. „Platanenstraße 16, bei Mühlner klingeln!“
„Wann soll ich da sein?“
Jetzt nichts falsches sagen. Es sollte nicht so aussehen, als hätte Lai Sehnsucht und so quälte der Thai sich, als er antwortete: „Ist dir überlassen, aber vor Mitternacht wäre schon schön.“
„Bis dahin.“ Jens legte auf, noch bevor Lai sich verabschieden konnte.
„Er kommt also?“ Jan ließ sich neben Lai auf die Couch fallen.
Der Thai nickte betreten. „Er klang nicht gerade begeistert. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß er nur zugesagt hat, weil er denkt, daß ich mich für seine Hilfe revanchieren möchte.“
„Trink einen Schluck!“ Inas Mann füllte die Gläser und reichte eines an Lai. „Warte doch erst mal ab! Ich jedenfalls habe ein gutes Gefühl.“
„Hoffentlich bleibt es auch gut.“ Mit einem großen Schluck leerte Lai sein Glas.

2. Feuerwerk

Was soll ich anziehen? Was zum Teufel soll ich anziehen? „Bärchen!“, schrie ich und warf die Hälfte des Kleiderschrankinhaltes auf mein Bett. „Reiß dich von Holger los und komm her!“ Wie ein Irrer wühlte ich in der Vielzahl von Kleidungsstücken.
Die Tür zu meinem Schlafzimmer wurde aufgedrückt und Bärchen erschien. Feixend sah er auf mich. „Warum haben wir eigentlich nie was miteinander gehabt?“, fragte er völlig unpassend.
Ich ließ das schwarze, ärmellose Shirt fallen und schaute zu meinem Freund. „Weil wir die Freundschaft nicht zerstören wollten“, antwortete ich.
„Eigentlich schade.“ Langsam kam Bärchen auf mich zu, umrundete mich und strich mir dabei mit den Fingerspitzen über die nackten Schultern. „Ich verstehe Lai sehr gut. Ich hätte dich auch geküßt.“
„Quatsch nicht!“, fuhr ich ihn an. „Hilf mir lieber!“
„Dann laß mich mal sehen!“ Unsanft schob Bärchen mich zur Seite, bis ich das Holz meines Kleiderschrankes im Rücken spürte. Fasziniert sah ich meinem Freund zu, wie er ein Kleidungsstück nach dem anderen wieder im Schrank verstaute, wobei er vor sich hinmurmelte: „Nein, zu auffällig..., zu einfach..., zu grell..., zu dunkel...“ Und so ging es weiter: „Was für eine richtige Party nach meinem Stil..., zu aufreizend für ein erstes Date...“
Mit einem: „Ha, ich habe es“, hielt er das einzige Hemd das ich besaß in die Höhe. „Seide fühlt sich gut auf der Haut an“, erklärte er. „Es schreit nicht nach, ‘Nimm mich auf der Stelle’, ist aber schnell beseitigt, wenn es zur Sache geht.“
Ich verzog das Gesicht. Ich haßte Hemden schon mein ganze Leben lang und es würde sich sicherlich auch nie ändern.
„Warum hast du das noch nie angehabt?“, fragte Jonas und drehte das rote Hemd hin und her.
„Ist von David“, erklärte ich trocken. „Kannst es gerne haben. Ich hasse Hemden ja sowieso.“
„Na, wenn das so ist, danke.“ Bärchen zog das Hemd über und betrachtete sich im Spiegel, der auf der Innenseite der linken Schranktüre angebracht war. „Ich leihe dir was für heute Abend. Wir fahren fix zu mir und du suchst dir was raus!“
„Laß mal, Bärchen“, winkte ich ab. Ich verspürte keine Lust, mit einem knappen Top oder bunten Shirts mit Erdbeeren oder Herzchen darauf vor Lai aufzutauchen. Ich zog das einfache schwarze, enge Shirt an, daß ich als erstes aus dem Schrank geholt hatte, dazu meine ausgestellten Jeans und war froh, nun nicht mehr nur im Slip dazustehen.
„Wann sollst du denn da sein?“ Bärchen trat vor mich, schaute mich an und nickte. „Er wird auf dich abfahren, Mausi.“
„Ich soll vor Mitternacht ankommen.“ Ich ging auf Bärchens Feststellung nicht weiter ein. Ich faßte die Haare im Nacken zusammen und schlang einen schwarzen Gummi darum. „Soll ich sie offen tragen oder zusammen?“
„Offen, das gibt dir was Verwegenes.“ Mit dem Zeigefinger fuhr Bärchen über meine Brust. „Hast du alles eingepackt?“
„Ja, aber ich werde es nicht brauchen, weil ich hier schlafe.“ Ich schob die Schranktüren zu.
„Jonas, Jens!“ Holger rief nach uns. Bärchens Freund wollte sicherlich los. Er hatte einen Tisch für 21:00 Uhr beim Italiener reserviert.
„Wir kommen“, antwortete Bärchen. „Auf geht’s! Ruf mich an, wenn wir dich abholen sollen!“
„Mach ich, Bärchen. Drück mir die Daumen!“ Ich zog meinen Freund kurz an mich und hauchte: „Treib es nicht zu wild!“
„Ich doch nicht...“ Gespielt verärgert schob er mich von sich. „Na los, wir bringen dich noch hin.“
Ich schnappte mir meinen Rucksack und verließ hinter meinem besten Freund das Schlafzimmer.
Wartend stand Holger im Korridor. Noch immer fragte ich mich, was Bärchen an ihm fand. Holger entsprach so gar nicht seinem Geschmack. Der Mann war blaß, trug eine Brille, besaß mausgraues Haar und war schlacksig. Selbst die Sachen, die er trug, waren langweilig. Ständig trug er blaue Jeans und graue viel zu weite T-Shirts. Holger war das völlige Gegenteil von meinem Bärchen, das sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legte und sich stylte, als würde es jeden Moment darauf hoffen, von einer Agentur entdeckt zu werden. Sogar charakterlich könnten sie nicht verschiedener sein. Jonas, der kein Blatt vor den Mund nahm und total überdreht war. Holger dagegen war ruhig und schüchtern. Er sprach nicht mehr als unbedingt nötig, aber mein Bärchen war mit ihm glücklich, und das zählte. Bärchens Meinung nach war sein Angebeteter eine absolute Kanone im Bett.
Mit ein paar Schritten war Bärchen bei Holger und küßte ihn gierig. Er war total verrückt nach dem unscheinbaren Mann und das bewies er, indem er die Arme um ihn legte und ganz unverfroren seinen Hintern streichelte.
Ich räusperte mich.
Erschrocken fuhr das Paar auseinander. „Tschuldige!“ Holger nahm seine Jacke von der Garderobe und Bärchen grinste wie ein Honigkuchenpferd.
„Du hast es aber eilig, Jensi. So große Sehnsucht nach Lai?“ Bärchen stützte die Hände in die Hüften.
Ich warf seine silberne Jacke nach ihm. „Halt die Klappe!“
„Oh man, dich hat es ja voll erwischt.“ Jonas fuhr mit den Füßen in seine Stiefel und ich zog die Boots an, während Holger fertig angezogen vor meiner Wohnungstür wartete. In der Hand hielt er schon den Schlüssel zu seinem silbernen Golf, der hervorragend zu Bärchen paßte. Vielleicht hatte sich Bärchen ja deshalb für ihn entschieden?

***

Lai half Jan beim Dekorieren. Laut grölend sangen die beiden Männer Stimmungslieder mit, die aus den Lautsprechern der Anlage drangen. Eine Girlande nach der anderen fand ihren Platz an der Wohnzimmerdecke. Lachend saß Ina auf dem Sofa und gab Anweisungen.
„Sei froh, daß du unseren Sohn in deinem Bauch trägst“, knurrte Jan. „Sonst würde ich nämlich deine Befehle ignorieren und dich die Arbeit machen lassen, damit ich mit Lai in der Kneipe um die Ecke ein Bier trinken kann.“ Der blonde Mann setzte sich neben seine Frau und legte eine Hand auf ihren Bauch. Die beiden waren glücklich und man sah, wie sehr sie sich auf ihren Nachwuchs freuten.
„Pause?“ Lai sah seine Freunde an und lächelte. Er griff nach einem Glas mit Mineralwasser, das Ina auf den Couchtisch gestellte hatte. Nachdem er sein Glas halb geleert hatte, ging es ihm besser und er machte sich daran, die bunten Ballons aufzublasen und zu verknoten, damit die Luft nicht so schnell entweichen konnte. Jan warf bunte Luftschlangen über die Girlanden und verteilte kleine Schornsteinfeger und Glücksschweinchen im Raum.
Nachdem das Wohnzimmer fertig geschmückt war, gönnten die beiden Männer sich ein Bier, damit sie noch genug Kraft besaßen, um die Salate vorzubereiten.
Während die Kartoffeln und die Nudeln im sprudelnden Wasser vor sich hin kochten und Jan das Gemüse schnippelte, fragte Lai: „Wie viele Freunde habt ihr eigentlich eingeladen?“
„Zwei befreundete Pärchen und Alex und Thomas, die mit auf meiner Etage im Studentenwohnheim wohnten. Du müßtest dich eigentlich noch an sie erinnern.“
Und wie Lai sich an die beiden erinnerte. Mit Alex und auch mit Thomas hatte er mal ein Abenteurer gehabt. Zwar nur kurz, aber er hatte mit beiden Sex. Lai schluckte nervös. „Du weißt, daß sie schwul sind?“, fragte er.
„Ja und solo. Ich hatte sie wegen dir eingeladen. Ich konnte ja nicht ahnen, daß du dich plötzlich Hals über Kopf verliebst, aber vielleicht kommt dein Jens ja auch gar nicht.“ Jan legte sein Messer zur Seite und sah Lai an. „Ist doch nicht schlimm, oder?“
„Ich hatte mit beiden was, aber sie entsprechen nicht meinem Ideal.“ Lai war sauer. Wieder einmal hatte Jan hinter seinem Rücken entschieden und versucht, einen Kuppelversuch zu starten. Lai mochte es nicht, wenn Jan ihm einen Freund besorgen wollte.
„Das wußte ich nicht.“ Mit Topflappen bewaffnet goß Jan die Nudeln in ein Sieb.
„Ich habe es ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Es war nichts besonderes.“ Lai suchte die Pellkartoffelgabeln, damit er die erste Kartoffel von ihrer Haut befreien konnte.
„Aber Sex hattet ihr?“ Warmes Wasser lief über die Nudeln.
„Ja.“ Lai zog sich ein Brettchen heran und schnitt die Kartoffel in Scheiben.
„Tut mir leid“, murmelte Jan und beschloß, das Thema Alex und Thomas fallen zu lassen. Da war er mal wieder voll ins Fettnäpfchen getreten. Er bereute seinen Entschluß, die beiden eingeladen zu haben. Er überlegte, ob er Thomas und Alex anrufen und die Party unter irgendeinem Vorwand absagen sollte, doch das empfand er als unfair.
Schweigend rührte Lai die Soße für den Nudelsalat an und ließ sich seine Unruhe nicht anmerken. Er fieberte dem Moment entgegen, an dem Jens durch die Tür treten würde. Sollte er den braunen Lockenkopf in seine Arme schließen und ihn küssen oder sollte er so tun, als wäre er nicht interessiert? Jens gleich zu überfallen war keine gute Idee. Er könnte ihn verschrecken und sich dadurch alle Chancen verderben.
Tief in seine Gedanken versunken sortierte Lai die Würstchen auf einen Teller und blieb in der Küche, als es an der Tür läutete. Gespannt lauschte er in den Flur und vernahm eine ihm bekannte Stimme. Thomas war da. Lai hatte ihn seit der Nacht vor sechs Jahren nicht mehr gesehen. Er war ihm danach aus dem Weg gegangen, da Thomas ihm wie eine läufige Hündin hinterher gestiegen war. Lai hatte die Sache schon fast vergessen, doch nun kamen die Erinnerungen wieder. Hoffentlich konnte Thomas sich nicht mehr darin erinnern.

***

Zitternd und am ganzen Leib bebend, stand ich vor der Wohnungstür, an der auf einem silbernen Namensschild Mühlner stand. Ich war da. Hinter der weißen Sicherheitstür befand sich Lai. Laute Stimmungsmusik schallte ins Treppenhaus, in dem ich seit fünf Minuten verharrte. Davor hatte ich zehn Minuten vor dem Haus gestanden, ohne zu klingeln, bis mich eine Anwohnerin eingelassen hatte.
Wieso klopfte mein Herz so heftig? Ich fing an zu schwitzen. Die Jacke war einfach zu dick und so öffnete ich den Reisverschluß.
Na los, klingle! Leg den Daumen auf den Schalter und drück ihn! Was ist so schwierig daran? Hinter der Tür wartet dein Traummann! Ich versuchte, die Stimmen zu verdrängen. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre die Stufen hinab gestürmt, aber etwas hielt mich auf und das war der Gedanke an Lai.
Tief holte ich Luft, dann gab ich mir einen Ruck und läutete. Vielleicht hören sie es ja gar nicht und ich kann tatsächlich ungesehen verschwinden und habe sogar die perfekte Ausrede. Kurz wartete ich. Ein weiteres Mal würde ich nicht klingeln, das war dann eben Pech. Unruhig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Öffnet, bat ich, denn ich wollte Lai wiedersehen, auch wenn sich alles in mir sträubte. Noch nie war ich mir so unsicher gewesen. Ich wußte ganz genau, daß ich in Lai verliebt war, aber tief in mir rief es, sei vorsichtig!
Erschrocken fuhr ich zusammen, als die Tür nach innen gezogen wurde. Eine blonde Frau stand vor mir. Ihr langes Haar war zu zwei Zöpfen geflochten und auf dem Kopf trug sie ein blaues Papphütchen. Sie war hochschwanger und versteckte ihren Bauch hinter einem weißen, weiten Männerhemd. Das mußte Ina sein.
„Hi, du bist sicherlich Jens.“ Sie strahlte mich an. „Komm rein! Ich bin Ina.“ Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich ergriff sie und schüttelte sie, dann trat ich über die Schwelle und blieb verunsichert stehen. Ich hatte Angst.
„Lai, dein Engel ist da!“
Wie bitte? Ich glaubte, mich verhört zu haben. Dein Engel? Wie kam Lai dazu, mir einen Rufnamen zu verpassen? Oder hatte Ina nur gerade den Einfall? Sie lächelte mich an und verschwand hinter der zweiten Tür, die links vom Korridor abzweigte. Unschlüssig blieb ich stehen. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Irgendwie war mir schlecht. Verdammt, Jens, reiß dich zusammen! Was sollte ich tun? Einfach geradeausgehen und die Tür öffnen, hinter der die Musik erklang? Eigentlich gar keine schlechte Idee. Dort würde Lai vielleicht nicht auf dumme Gedanken kommen. Immerhin befanden sich dort auch noch andere Leute.
Ich nahm gerade den Rucksack von meiner Schulter, damit ich die dicke Jacke ausziehen konnte, als die Tür am Ende des Flurs geöffnet wurde. Mein Herz ließ ein paar Schläge aus. Zu mindestens kam es mir so vor. Lai sah wirklich gut aus. Er trug beige Jeans, dazu ein enges, schwarzes Shirt, das in Brusthöhe ein Paar graue Querstreifen aufwies.
Wir sahen uns an. Keine Worte verließen meinen Mund, als Lai mir entgegenkam. Direkt vor mir blieb er stehen und ich sah zu ihm auf. Ich schaute in die schwarzen Augen und verlor mich wieder darin.
„Schön, daß du da bist“, sagte er leise.
Ein Nicken war alles, was ich zustande brachte. Ich konnte meine Empfindungen nicht mehr erfassen, geschweige denn in Einklang bringen. Aufruhr herrschte in mir.
„Gibst du mir deine Jacke!“ Lais Stimme war so angenehm.
Mit zitternden, feuchten Fingern zog ich die Winterjacke aus und reichte sie ihm. Seine Fingerspitzen streiften meinen Handrücken, als er nach dem Aufhänger griff. Schauer durchliefen mich und ein Blitz schlug in meinem Magen ein.
Küß mich, Lai! Nimm mich in den Arm! Laß mich deine Körperwärme fühlen! Ich trau mich nicht. Lais Blick hielt mich fest, während er die Daunenjacke aufhängte. Ich wünschte mir, daß er den Anfang machte. Konnte ich ihn irgendwie auffordern, ohne daß es wie eine Aufforderung wirkte und Lai es gar nicht bewußt wurde?
Nervös strich ich mir Haarsträhnen hinter die Ohren und fuhr mit der Zungenspitze meine Oberlippe nach. Lai zwinkerte und mit einem kleinen Schritt stand er direkt vor mir. Ich hielt den Atem an. Würde er mich jetzt küssen?
Seine Hände legten sich gegen meine Oberarme und mit sachtem Druck schob Lai mich gegen die Tür, bis ich das Holz im Rücken fühlen konnte. Ich sah ihm in die Augen und mein Magen schlug vor Freude und Erwartung einen Purzelbaum. Lais Gesicht kam meinem gefährlich nah und schon trafen seine Lippen meine.
Leise stöhnte ich auf, schloß die Augen und legte die Hände gegen seine Brust. Ich spürte seine Zunge, als sie meine Lippen nachzeichnete und gab ihr nach. Ich öffnete den Mund und empfing seine Zunge ungeduldig. Stürmisch küßte ich ihn. Der Kuß erhöhte nicht nur meine Atmung, sondern auch meinen Puls. Ich glaubte zu fliegen und im nächsten Moment gaben mir die Beine nach. Ich fühlte mich kraftlos.
Lai schien es zu bemerken, denn plötzlich umschlangen seine Arme meinen Leib und hielten mich fest. Eng zog er mich an sich und seine Zunge umkreiste meine heftig. Ich war total aufgedreht. Meine Hände wanderten auf seinen Rücken. Ich streichelte ihn. Ein Feuer loderte hell in mir auf. Genau das hatte ich gewollt. Der Thai hielt mich in seinen Armen und er küßte mich, als würde es darum gehen, eine Meisterschaft zu gewinnen.
Ich wurde mutiger. Langsam ließ ich meine Finger auf Lais Rücken tiefer wandern. Meine Fingerspitzen fuhren über das harte Leder des schwarzen Gürtels, dann strichen sie über die Gesäßtaschen und dort legte ich meine Hände ab.
Lais Muskeln spannten sich und ich faßte fester zu, um seinen Hintern besser fühlen zu können. In Gedanken war ich schon einige Schritte weiter, denn da spürte ich nicht den Stoff der Jeans, sondern die blanke Haut. Ich wollte ihn länger schmecken, viel länger und Lai tat mir den Gefallen. Vorsichtig umfaßte er mein Gesicht und ich drängte mich noch enger an ihn.
Wie lange wir im Flur standen und uns küßten, konnte ich nicht sagen, als er sich von mir löste. Noch immer leicht taumelig sah ich zu ihm auf. Seine Augen glänzten und ein seliges Lächeln lag auf dem weichen Gesicht.
„Laß uns zu den anderen gehen!“, bat er heiser. Seine linke Hand griff nach meiner und schon zog er mich mit.
Von der Seite blickte ich Lai an. Er schien überglücklich zu sein. Ob er sich genauso euphorisch fühlte wie ich? Irgendwie verspürte ich plötzlich nicht mehr die Lust auf eine Party. Viel lieber würde ich jetzt mit ihm allein sein und mit ihm, so wie Bärchen mit Holger, ins neue Jahr rutschen. Ich wußte aber auch, daß ich nicht zu schnell sein sollte, auch wenn alles in mir danach schrie, mit ihm zu schlafen. Übereilte Entscheidungen hatte ich bisher immer bereut. Ich wollte die erste Nacht mit ihm in guter Erinnerung behalten.
Lai öffnete die Wohnzimmertür und ging vor. Die Wohnstube war ausgeschmückt. Auf einem Rolltisch standen Bowle und andere Getränke. Um den Tisch saßen zwei Frauen und fünf Männer. Der blondeste Mann erhob sich und kam auf mich zu.
„Hi, ich bin Jan“, stellte er sich vor und deutete der Reihe nach auf die anderen anwesenden. „Das sind Michaela und Lutz.“ Ich nickte dem Pärchen zu, das zusammen auf einem Sessel Platz gefunden hatte. „Claudia und Matthias.“ Das Paar hatte den zweiten Sessel in Beschlag genommen. „Und das sind Alex und Thomas.“ Alex, der Mann mit den rotblonden Haaren und den Jeanssachen nickte mir lächelnd zu, wogegen Thomas mich mit einem starren, fast schon kalten Blick skeptisch musterte.
„Das ist Jens, unser letzter Gast.“ Ich hörte, wie Jan mich vorstellte, doch Thomas Reaktion auf mich trieb mir Schauer über den Rücken. Er mochte mich nicht. Ich spürte regelrecht, wie er anfing, mich zu hassen. Warum? Er kannte mich doch gar nicht?
„Setz dich doch!“ Der Gastgeber der Party schob mich zum Sofa und ich ließ mich auf die graue Couch nieder.
„Okay, jetzt sind wir vollzählig und können ‘Activity’ spielen.“ Ina erschien lachend in der Tür. Unterm Arm hielt sie das Spiel. „Paarbildung!“
„Ich spiele mit Lai“, rief Thomas und setzte sich neben mich. „Du kannst mit Alex spielen“, knurrte er.
Thomas eiskalte, von oben herab wirkende Art ließ mich ohne Widerspruch aufstehen. Ich ging zu Alex rüber. Lais Blick folgte mir fragend und ich zuckte mit den Schultern. Es stand mir nicht zu, Forderungen zu stellen. Ich kannte die Leute hier nicht. Ich war nur Gast. Alex schob den Stuhl neben sich zurecht und ich nahm ihn in Beschlag. Es war an Lai, an der Situation etwas zu ändern. Was er nicht tat. Er setzte sich neben Thomas auf das Sofa. Traurig nahm ich es zur Kenntnis, denn ich hatte wirklich damit gerechnet, daß Lai etwas sagte, damit wir zusammensitzen konnten.
Jan schaute genauso irritiert aus, wie ich mich fühlte. Er faßte nach Inas Hand und zog seine Frau mit auf die Couch. Sein Blick fing mich ein. Irgendwas wollte der blonde Mann mir zu verstehen geben. Ich verstand jedoch nicht, was er wollte und so wandte ich mich an meinen rotblonden Spielpartner, der grinsend die kleine Eieruhr aufstellte.
„Na dann, laßt uns mal loslegen!“, lachte Alex auf und raunte mir zu: „Ich hoffe, du kannst meine Skizzen nachher erkennen.“
„Wird schon schiefgehen“, antwortete ich und schaute zu Lai, der einen Stapel Karten mischte. Thomas blickte auf Lais Hände, konnte somit nicht bemerken, daß ich versuchte, ihn in meine Welt einzuordnen. Thomas war groß und schien das Fitnesscenter anscheinend als sein zu Hause anzusehen. Irgendwie ähnelte er ‘Dolph Lundgren’. Sein Kinn war genauso kantig. Er sah gut aus, das mußte sogar ich mir eingestehen, aber er war mir unsympathisch. Er war von sich selbst eingenommen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß dieser Kerl fähig war, zu lieben. Seine Augen standen sehr eng zusammen und das zeugte von Hinterhältigkeit. Ich würde mich von ihm fern halten.
„Jens, wenn du was trinken oder essen willst, bediene dich einfach. In der Küche befinden sich Salat und belegte Schnittchen.“
Ich nickte Ina zu, murmelte: „Danke“ und suchte die gelbe Spielfigur, die Alex und ich nehmen würden, um auf dem Spielbrett vorwärtszukommen.
Es wurde unruhig, als man begann, die gesuchten Begriffe zu umschreiben, vorzuführen oder aufzuzeichnen. Ich war nicht bei der Sache, denn Thomas machte sich unverfroren an den Mann der mein Herz eroberte ran. Ständig berührte er ihn, flüsterte ihm Sachen zu und legte nun eine Hand auf seinen Oberschenkel. In mir kochte es. Das war mein Freund!
Mein Freund... Wie sich das anhörte. War Lai das? Mein Freund? Konnte ich ihn schon so definieren? Nach diesem Kuß sehr wohl. Aber warum tat er nichts gegen Thomas, der immer enger an ihn rutschte? Das Spiel war unwichtig geworden. Aufmerksam behielt ich Thomas und Lai im Blick. Der Thai ließ sich nichts anmerken. Er ging auf Thomas Annäherungsversuche gar nicht ein. Durch keine Bewegung verriet er, daß ihn Thomas antörnte. Es schien fast, als würde er die plumpe Art gar nicht bemerken. Lais Gesicht blieb verschlossen, nur wenn er zu mir schaute, huschte ein warmes Lächeln über die weichen Züge. Thomas schien ihm völlig egal zu sein.
Ich begriff nur nicht, warum Lai nichts gegen Thomas unverfrorene Art tat. Er mußte doch merken, was Thomas wollte, und als dieser seine Hand auf Lais Oberschenkel höher wandern ließ, explodierte etwas in mir.
Mit einem Satz war ich von dem Stuhl aufgesprungen und verließ das Wohnzimmer. „Ich hole mir was zu essen“, rief ich.
Schwer atmend drückte ich die Tür hinter mir zu und eilte in die Küche, die ich schon erspäht hatte, als ich die Wohnung der Mühlners betrat. Ich nahm einen Teller, der neben den Schüsseln stand und schaufelte Nudelsalat darauf.
Was geschah hier? Lai küßte mich zur Begrüßung, als würde sein Leben davon abhängen und nur ein paar Augenblicke später ließ er sich von Thomas betatschen, ohne daß es ihn störte. Vielleicht war Thomas ja sein Freund und Lai ein notorischer Fremdgänger? Es war wohl besser, wenn ich die Party verließ. Ich brauchte Bärchen nur anzurufen. Ich wußte, daß er mich sofort abholen würde.
Enttäuscht und auch ein klein wenig traurig stellte ich den Teller weg und holte mein Handy aus der Hosentasche. Gerade als ich Bärchen Nummer eintippte, wurde ich angesprochen: „Jens!“
Ich ließ mein Telefon sinken und schaute zu Jan, der in der Küchentür stand. Seine Augen musterten mich. Er verschränkte die Arme vor der Brust und holte tief Luft, ehe er feststellte: „Du willst gehen, stimmt’s!?“
Ich nickte betreten und sah auf das Display meines Handys. Bärchens Nummer leuchtete mir entgegen. Irgendwie gab mir die bekannte Telefonnummer Kraft. Der Gedanke an Jonas half mir und ich überlegte, wie er sich jetzt verhalten würde. Bärchen würde einfach fragen und nicht klammheimlich verschwinden. Ich riß mich zusammen und erkundigte mich, innerlich vor Angst zitternd: „Lai ist mit Thomas zusammen!?“
„Mit Thomas? Nein.“ Jan lächelte und angelte nach einem der Wienerwürstchen, die neben den Salatschüsseln auf einem Teller lagen. Genußvoll biß er ab.
„Wieso tut er dann nichts gegen dessen aufdringliche Art?“ Die Frage entrutschte mir. Eigentlich hatte ich sie gar nicht stellen wollen, aber in mir brannte eine Neugierde, die einfach gestillt werden wollte. Ich atmete auf und das Stechen in meinem Magen ließ nach. Lai war nicht mit Thomas zusammen. Ich hatte anscheinend doch noch alle Chancen der Welt.
„Er ist Thai“, murmelte Jan kauend.
„Ja und?“ Ich verstand nicht, auf was Lais bester Freund hinauswollte. Was hatte Lais Herkunft denn damit zu tun, daß er sich nicht gegen Thomas wehrte und ihn gewähren ließ, vor meinen Augen?
„Er wahrt sein Gesicht.“
„Hä?“ Jetzt war ich total durcheinander.
„Er wird vor den anderen nicht laut werden und Thomas auch nicht vor den Kopf stoßen. Er läßt es mit einem Lächeln über sich ergehen. So ist Lai nun einmal.“ Jan trat neben mich. „Es liegt an dir, die Situation zu ändern.“
„Und was soll ich tun?“ Durcheinander fuhr ich mir mit allen zehn Fingern durchs Haar. Was wollte Jan mir nur mitteilen? Würde Lai sich nie seiner Haut wehren?
„Das mußt du entscheiden, Jens. Du und dein Herz. Wenn du an Lai interessiert bist, dann zeig es ihm, aber nicht zu auffällig. Mach Thomas begreiflich, daß du zu Lai gehörst.“ Jan naschte von meinem Teller.
„Ich werde es versuchen.“ Ich nahm eine Gabel an mich, legte sie auf den Teller mit dem Nudelsalat und fragte: „Was mag er lieber, Nudel- oder Kartoffelsalat?“
„Gute Idee, verwöhne ihn vor Thomas. Der würde nie auf so was kommen.“ Jan griff nach einem Brett und legte drei Weißbrotscheiben darauf, die mit Mozzarella und Tomate belegt waren, darum gruppierte er Eier- und Tomatenscheiben in Form eines kleinen Herzens. Ich schluckte. Das fand ich zu auffällig.
„Dann schnapp ihn dir!“ Jan gab mir das Brettchen und nickte mir aufmunternd zu.
Aufgeregt packte ich mein Handy wieder weg und verließ die Küche. Als ich das Wohnzimmer betrat, blickte man mir entgegen. Sie hatten das Spiel gestoppt. Mit weichen Knien ging ich auf Lai zu. Seine Augen verfolgten mich und Thomas warf mir wohl gedanklich giftige Pfeile entgegen. Ohne ein Wort drückte ich Lai das Brettchen in die Hand und ging mit meinem Teller zu Alex, um mich wieder zu ihm zu setzen. „Wie steht es?“, fragte ich leise.
„Jan und Ina führen, wie immer. Manchmal habe ich das Gefühl, sie können Gedanken austauschen“, flüsterte Alex.
Lais Blick ruhte besonnen auf mir. Er nickte mir zu und zwinkerte. Wie ich sein Lächeln liebte! Er nahm sich eines der Mozarellaschnittchen und biß ab.
Thomas Gesicht war zu einer Faust geballt. Er hatte das Herz erkannt und sicherlich tobte in ihm die pure Wut. Er wollte Lai mit allen Mitteln, doch ich würde ihm einen Strich durch diese Rechnung machen und ich hatte Vorsprung. Lai hatte mich zur Begrüßung geküßt. Aber woher wußte ich, daß er nicht auch Thomas so willkommen geheißen hatte?
„Du bist mit Lai zusammen!?“ Alex beugte sich zu mir.
„Vielleicht“, raunte ich zurück und freute mich, daß es Lai schmeckte. Der Punkt ging definitiv an mich.
„Dann nimm dich vor Thomas in Acht. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lai noch vor dem neuen Jahr ins Bett zu kriegen.“ Die wasserblauen Augen von Alex fingen mich mahnend ein.
„Ich werde Lai nicht aus den Augen lassen. Wenn Thomas mit ihm verschwinden will, bin ich da.“ Lais Blick ließ mich nicht los. Er beobachtete mich, genauso wie ich ihn. Ob er die selben Gedanken hegte? Immerhin sprach ich mit Alex und da wir flüsterten, damit niemand unsere Worte verstehen konnte, waren wir enger zusammen gerutscht.
Es war ein interessantes Spiel. Lai und ich belauerten uns gegenseitig. Fast kam es mir so vor, als wären wir schon ein festes Paar, das nun mit Argusaugen übereinander wachte. Mir gefiel Lais Aufmerksamkeit. Zeigte sie mir doch, daß er an mir interessiert war.
Das Brettspiel war in Vergessenheit geraten und die drei Frauen diskutierten heftig über Schwangerschaften. Jetzt kam ich dazu den Nudelsalat zu probieren. Er schmeckte lecker und so kam ich nicht drumherum mir Nachschlag zu holen. Schnell war ich wieder in der Küche von Familie Mühlner. Mit dem Löffel des Salatbesteckes schaufelte ich mir Nudeln auf den Teller, als sich eine Hand auf meine Schulter legte.
„Danke.“
Diese Stimme! Lai stand hinter mir. Er war mir gefolgt. „Wofür?“, fragte ich zitternd. Der Thai hatte eine Wirkung auf mich, die extrem gefährlich war. Er brauchte nur in meine Nähe zu kommen und mein Körper spielte verrückt. Es war so schlimm, daß ich mich zusammenreißen mußte. Es fehlte nicht mehr viel und ich würde über Lai herfallen. Ihn jetzt einfach küssen und zu Boden ziehen...
„Für die Schnittchen.“ Mit sachtem Druck drehte Lai mich in seine Richtung, damit er mich ansehen konnte. „Woher wußtest du, daß ich Mozzarella mit Tomaten liebe?“
Ich schlug den Blick kurz nieder, weil ich dachte, er könnte in meinem Gesicht lesen, welche Gedanken und Überlegungen mich jagten, dann straffte ich mich und erklärte: „Jan hat es mir verraten.“
„Der Salat muß ja richtig gut schmecken.“ Er ließ meine Schulter los und griff nach meiner Gabel, die auf dem halb gefüllten Teller lag. „Ich darf doch?“
Ich nickte und sah, wie Lai zwei Nudeln mit den Zinken aufspießte und die Gabel dann langsam zum Mund führte. Ich schluckte leicht. Sogar als Lai genüßlich kaute, strahlte er weiterhin diese Erotik aus, die ihn wie eine Aura umgab.
„Ja, da lohnt sich eine weitere Portion.“ Noch einmal füllte er die Gabel. Doch diesmal bewegte er das Besteck in meine Richtung. Ich schaute auf die Schmetterlingsnudeln und haderte mit mir. Lai wollte mich wie ein Kind füttern. Irgendwie hatte dies aber auch was Sinnliches und so öffnete ich bereitwillig den Mund. Lai flirtet mit mir, schoß es mir durch den Kopf. Ich würde mitmachen. Es war ewig her, daß ich um die Gunst eines Mannes gebuhlt hatte.
„Lai!“, donnerte es.
Erschrocken blickten der Thai und ich zur Küchentür. Thomas stand wie ein Rächer vor uns. Er suchte Streit. Seine Oberlippe bebte und die Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt. Okay, Jens, laß dich nicht einschüchtern! Lai ist dir gefolgt und hat dich geküßt. Thomas ist nicht der Mann, den Lai will. Er will mich und so handelte ich.

„Was willst du?“, fragte ich und versuchte dabei, das Zittern in meiner Stimme zu verbergen, indem ich ihr einen tiefen, rauen Klang gab. Mit der linken Hand suchte ich nach Lais Hand. Ich entwand ihm die Gabel, legte sie auf die Anrichte und schloß danach meine Finger um Lais. Thomas sollte sehen, daß ich zu dem Thai gehörte und nicht er.
„Mit Lai reden.“ Thomas Stimme grollte vor Zorn und ich setzte alles auf eine Karte. Meine Hoffnung dabei war, daß Thomas nicht wußte, daß Lai mich gerade erst kennenlernte.
„Sag was du sagen willst!“ Ich drückte Lais Hand, der sich noch nicht zu Wort gemeldet hatte. Er erwiderte meinen Druck. Der Thai war auf meiner Seite.
„Ich rede nur mit Lai - alleine!“ Thomas ließ einfach nicht locker.
„Jens kann ruhig hören, was du von mir willst.“ Ein belustigtes Lächeln stahl sich in die nachtschwarzen Augen. Lai schien sich köstlich zu amüsieren.
Auf der Stelle wirbelte Thomas herum. Fluchtartig verließ er die Küche und ich sah Lai an, der sich zu mir hinabbeugte. Schon wieder schlug mein Herz unregelmäßig.
Lai nahm mir den Teller ab, den ich die ganze Zeit über festgehalten hatte und stellte ihn weg, dann legte er die Hände an meine Taille. Er zog mich an sich, führte die Finger auf meinen Rücken und brachte sein Gesicht meinem näher. „Thomas denkt jetzt sicherlich, daß wir zusammen sind. Lassen wir ihn doch in diesem Glauben.“
Er formulierte seinen Satz so nah an meinen Lippen, daß sein Atem mich streifte. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Ich streckte mich ein wenig, um ihm noch näher zu kommen und suchte seinen Mund, damit ich ihn küssen konnte. Ich mußte diese Lippen berühren. Ich konnte nicht anders. Stürmisch bat ich um Einlaß, den er wir gewährte. Ich liebte seinen Geschmack und unterdessen war er mir so vertraut, als würden wir uns schon Jahre kennen. Ich schloß die Augen, um ihn intensiver schmecken zu können. Ich war verliebt und das bis über beide Ohren.
Atemlos löste ich mich von ihm. Wir hielten uns fest, streichelten uns sanft und ich schwebte im siebtem Himmel. Ich hatte mein Ziel erreicht. Lai war der meine.
„Wieso sollen wir es Thomas nur glauben machen?“, murmelte Lai in mein Haar. „Laß es uns doch wahr machen!“
Ich verspannte. Lai hatte mir gerade gesagt, daß er mehr von mir wollte, daß er mit mir zusammensein möchte. „Nur zu gern...“ Ich schaute zu ihm auf, glücklich lächelnd und entdeckte das Glitzern in seinen nachtschwarzen Augen. „Dann, laß uns mal beginnen!“, kicherte ich, um ein wenig der Anspannung zu verlieren. Sacht löste ich mich von Lai, der nun wahrhaftig mein Freund war und stapelte noch mehr Nudelsalat auf den Teller. Ich drückte Lai zwei Gabeln in die Hand und verließ mit ihm die Küche.
In der Wohnstube hatten sich kleine Gruppen gebildet, die eifrige Unterhaltungen führten. Der Platz auf der Couch neben Ina und Jan war frei. Thomas hatte sich zu Alex gesetzt. Er sah mich an. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Ob ich jetzt Ruhe vor seinen giftigen Blicken hatte oder würde er mich weiter in Gedanken auf jede erdenkliche Art und Weise immer wieder töten?
Lais Finger schlossen sich warm um meine. Er zeigte offen, daß er zu mir gehörte. David hätte das nie getan. In Inas Gesicht ging die Sonne auf, als sie unsere verschränkten Finger erblickte. Leicht stieß sie Jan in die Seite und machte auf Lai und mich aufmerksam.
Unaufhörlich dirigierte Lai mich zur Couch. Nur zu gern setzte ich mich zu dem Thai. Ich freute mich auf seine Nähe und ich würde sie auskosten, bis es nicht mehr ging. Ich wollte noch nicht daran denken, daß Lai nicht von hier war und in drei Tagen nach Hause fahren würde.
Er lächelte mich an, drückte mich auf das Sofa neben Ina und rutschte neben mich. Ich stellte den Teller auf dem Couchtisch ab und ließ mir von Lai eine Gabel geben. Jetzt kam mein Hunger. Den ganzen Tag hatte ich vor Aufregung nichts essen können und nun, da ich mich entspannte, kam der Appetit wieder. Still und zufrieden registrierte ich, daß Lai näher an mich rückte. Gemeinsam leerten wir den Teller, bis auch die letzte Erbse vertilgt war. Was um uns herum geschah, realisierte ich nicht. Es war mir egal. Ich saß neben meinem Traummann und würde den Platz an seiner Seite nicht freiwillig räumen. Da brauchte es schon eine Hundertstaffel Polizisten. Immer wieder kreuzten sich unsere Blicke. Die schmalen, schwarzen Augen schlugen mich in ihren Bann. Sie leuchteten und strahlten eine Kraft aus, die mich zittern ließ. Alles an Lai schien magisch zu sein. Es war lange her, daß jemand eine solche Wirkung auf mich ausgeübt hatte.
Ich lehnte mich zurück, nachdem ich die Gabel zu Lais auf den leer gegessenen Teller gelegt hatte. Ich fühlte seinen Arm, den er auf der Couchrückenlehne abgelegt hatte. Warme Wellen durchliefen mich. Ich war ihm so nah und ich wollte mehr.
Jan verwickelte Lai in ein Gespräch über Computer. Schnell fachsimpelten die beiden und ich lauschte dem tiefen Timbre. Dieser Mann würde der meine sein. Ich spürte, daß ich mit Lai das große Los gezogen hatte und als seine Finger meinen Nacken nachzeichneten, gab es kein Zurück mehr. Ich war dem Thai verfallen. Leicht änderte ich meine Sitzposition, damit ich die warme Hand, die sacht durch mein Haar strich, besser fühlen konnte. Verträumt schloß ich die Augen.
Wie sollte es weitergehen? Nun saß ich hier in einer fremden Wohnung, bei unbekannten Leuten, an der Seite meines neuen Lovers, ohne daß ich einen Plan hatte. Was war, wenn Mitternacht vorbei und die Party zu Ende war? Ich konnte ja wohl nicht einfach hier bleiben und Lai bitten, mit zu mir zu kommen, gefiel mir nicht. Dafür kannte ich den Thai noch nicht lange genug. Es war vertrackt. Ich wollte mit Lai die Nacht verbringen, wußte aber nicht, wie und wo.
„Wo bist du in Gedanken?“ Lai zog mich näher an sich. Ich zuckte mit den Schultern und warf einen Blick auf meine Uhr. Nur noch fünfundzwanzig Minuten, dann war das Jahr zu Ende. Wir hatten doch länger ‘Activity’ gespielt, als es mir vorgekommen war.
„Ich hoffe, du hast an etwas Schönes gedacht.“ Lais warme Fingerspitzen fuhren über meine Wange und ich wurde rot.
„Ahja...“, lächelte Lai und wuschelte mir durchs Haar. Seine Lippen näherten sich meinem Ohr. „Ich glaube, wir haben die selben Vorstellungen.“
Noch mehr Blut schoß mir in die Wangen. Lai wußte, was mir durch den Kopf ging, und daß auch er an Sex dachte ließ meinen Körper erbeben. Ein angenehmes Prickeln breitete sich in meinem Unterleib aus. Er wollte mit mir schlafen, mich an sich reißen. Es tat gut zu wissen, daß ich Lai antörnte. Begehrt zu werden war ein schönes Gefühl und es baute mein Selbstbewußtsein noch mehr auf. Ich konnte es kaum noch erwarten, mit Lai alleine zu sein. Ich wollte ihn berühren und die glatte Haut mit den Lippen erkunden. Ich wünschte mir, wir wären schon so weit und ich könnte in sein Gesicht sehen, während ich ihn verwöhnte.
Nervös warf ich einen Blick in die Runde. Hatte jemand mitbekommen, daß ich glühte? Bis auf Thomas waren alle beschäftigt. Thomas sah Lai und mich an. Sein Blick war eiskalt. Mir graute vor dem Mann. Ich hatte sogar Angst. Ich durfte mich nicht einschüchtern lassen. Er würde es merken und seine Chance nutzen. Ich lächelte schief, lehnte mich an Lai und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. Mit dem Daumen streichelte ich ihn. Durch den Stoff der hellen Jeans konnte ich seine Körperwärme fühlen.
Lai hauchte einen Kuß auf mein Haar. „Schläfst du hier?“, fragte er plötzlich.
Da war sie, die Frage, auf die ich so sehnsüchtig gewartet, vor der ich mich aber auch gefürchtet hatte. Jetzt kam es auf meine Courage an. Mein Magen zog sich zusammen vor Freude und Aufregung. „Ja“, antwortete ich leise und verstärkte den Druck auf sein Bein. Alles in mir kribbelte. Ich würde die Silvesternacht mit Lai verbringen. Wenn mir jemand am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember gesagt hätte, ich treffe auf meinen Mann der Träume, ich hätte es nicht geglaubt und nun saß ich hier und fühlte Lais linken Arm um meine Schulter. Ich hob den Kopf ein Stück an, suchte die dunklen Augen und hielt sie fest. Wir sahen uns an und ich träumte von seinen warmen Händen auf meinem Körper.
„Wollen wir runtergehen?“ Jans Stimme drang an mein Ohr.
Fragend blickte ich zu dem Mann neben mir, der zustimmend nickte. Ich ließ mich von ihm hochziehen. Im Korridor half er mir in die Jacke. Ich nahm kaum wahr, daß auch die anderen sich anzogen, denn alles was zählte war Lai, der kaum, daß ich meine Boots zugeschnürt hatte und er selber fertig war, nach meiner Hand griff und mit mir die Treppe hinabstieg. Lai schämte sich nicht für sein Schwulsein und das gefiel mir. Er war in dieser Beziehung das völlige Gegenteil von David, der sich nie geoutet und alles abgestritten hatte. Für David war es ein Unding gewesen, in der Öffentlichkeit zu mir zu stehen.
Als wir die Straße betraten, warteten wir auf die anderen. Ina trug zwei Sektflaschen in den Händen und Jan eine Packung Raketen. Ich drängte mich enger an Lai. Im Taumel meiner Liebe gefangen hatte ich total vergessen, welch panische Angst ich vor Blitzknallern hegte. Ich suchte die Hände von Jan und seinen Bekannten ab, entdeckte aber zum Glück nirgends die roten Packungen.
„Was ist?“, fragte Lai.
„Ich hasse Blitzknaller“, gab ich zu und schaute die Hausfassade hinauf. Die Fenster waren alle dunkel und verschlossen. Von oben drohte mir keine Gefahr.
Ich erinnerte mich an eine Silvesternacht im Kreise von Davids Freunden. Ab 22:00 Uhr waren wir in der Stadt unterwegs gewesen und die Typen hatten nichts besseres zu tun, als ständig Knaller loszulassen. Sogar in den Unterführungen hatten sie die Dinger angezündet. Für mich war es mit die schlimmste Nacht meines Lebens gewesen. Die Idioten bewarfen sich sogar gegenseitig, was bei mir Panikattacken auslöste, und als ein Knaller direkt neben meinem rechten Schuh hochging, war es vorbei gewesen. David hatte nur gelacht und ich war abgehauen.
„Du zitterst ja.“ Lai zog mich in seine Arme.
„Ich war sechs, als ein Knaller in meiner Kapuze losging. Er war von oben gekommen.“ Ich schob die Hände unter Lais offene Jacke und legte sie an seine Taille. „Ich habe panische Angst vor den Teilen.“
„Sollen wir wieder hochgehen?“
Lais Fürsorge tat mir gut. „Nein, laß mal. Hier ist es ruhig.“ Ich lehnte den Kopf gegen seine Brust, atmete tief seinen Geruch ein und preßte mich enger gegen ihn, als sich sein Griff verstärkte. Sicher lag ich in seinen Armen.
„Noch zwei Minuten.“ Jan tauchte neben uns auf. „Lai, hilfst du mir?“
„Na klar.“ Sacht schob der Thai mich von sich. „Kommst du kurz ohne mich klar?“
„Ja, sei vorsichtig!“ Ich stopfte die Hände in die Hosentaschen und ging zu Ina und ihren Freundinnen, die Plastikbecher mit Sekt verteilten. Eine leere Flasche diente nun Jan als Abschußrampe. Mein Blick glitt zum Himmel hinauf. Vereinzelte Raketen wurden hier und da schon abgeschossen und neben mir begann Alex den Countdown: „Zehn, neun, acht, sieben, sechs...“, in den wir mit einstiegen: „Fünf, vier, drei, zwei, eins... Gesundes neues Jahr!“
Alex schüttelte mir überschwänglich die Hand. „Alles Gute für dich und Lai.“
„Danke.“ Nach und nach gratulierte ich auch den anderen. Ina zog mich einfach in ihre Arme. Sie schien mich ins Herz geschlossen zu haben und Jan legte mir einen Hand auf die Schulter, wobei er sagte: „Es wird nicht einfach für dich werden. Lai kann manchmal anstrengend sein.“
Thomas stand an der Haustür. Ich sah zu ihm und nickte kurz. Er reagierte nicht auf mich, statt dessen begab er sich zu Lai, der sein Lächeln nicht verlor, was ich bewunderte. Noch nie war ich auf jemanden getroffen, der unentwegt freundlich dreinschaute.
Ich wandte mich ab und konzentrierte mich auf die bunten Feuerbälle am dunklen Himmel, der sporadisch immer wieder erhellt wurde. Mit meinen Augen war ich zwar am nächtlichen Firmament, aber mit den Ohren lauschte ich Thomas, der Lai ein gesundes neues Jahr wünschte.
Erschrocken schwankte ich zurück, als Jan die Raketen in den Himmel hinaufschickte. Ich nippte an meinem Sekt und verfolgte die Blitze, die explodierten und als Sternenregen hinabfielen. Hände schoben sich von hinten auf meinen Bauch. „Du hast meinen Sekt?“
Ich nickte und gab Lai seinen Becher, den ich die ganze Zeit über festgehalten hatte. Er prostete mir zu, nachdem ich mich zu ihm umgedreht hatte.
„Alles gute, mein Engel!“
Engel... Also war es doch Lai gewesen, der mich so getauft hatte. Ein Schauer lief mir über den Rücken. War ich tatsächlich Lais Freund? „Warum gerade Engel?“, erkundigte ich mich und zerknüllte den Plastikbecher, da mein Sekt alle war.
„Du bist wie ein Engel vor mir aufgetaucht. Ein Engel mit Tee und Schneeschieber in den Händen.“ Lai ließ seinen Becher fallen. Seine Finger griffen nach mir, dann zog er mich an sich. „Mein Engel.“
Ich warf einen Blick auf das weiche Gesicht und ließ mich fallen, als Lai mich stürmisch küßte. Ich klammerte mich an ihn und erwiderte den Kuß genauso heftig. Das neue Jahr begann einfach nur hervorragend.

***

Ich ließ mich auf das Sofa fallen. Bis vor fünfzehn Minuten war die Wohnung der Mühlners noch voll gewesen, doch nun waren die Gäste verschwunden und wir hatten grob Ordnung gemacht.
Thomas war nach unserem Ausflug an die frische Luft nicht wieder mit hochgekommen. Keiner hatte gemerkt, daß er sich klammheimlich davongeschlichen hatte.
„So, ihr beiden...“ Ina erschien in der Tür. „Ihr nehmt das Schlafzimmer und Jan und ich die Couch.“
Lai wirbelte herum und ließ die Girlande fallen, die er gerade abgenommen hatte. „Kommt nicht in Frage!“
Leise stöhnte ich auf. Jetzt begann das selbe Theater wie im Haus meiner Eltern. Ich lehnte mich bequem zurück und wollte der Diskussion lauschen.
„Lai, nun verschwinde mit deinem Engel im Schlafzimmer.“ Jan schlug meinem neuen Freund spielerisch auf die Schulter.
„So weit kommt es noch, daß ich einer hochschwangeren Frau das Bett wegnehme.“ Ohne Mitleid packte Lai seinen Freund und schob ihn Richtung Korridor. „Jens und ich nehmen die Couch.“
„Lai...!“ Unwirsch streifte Jan Lais Hände von sich.
„Vergiß es, Jan. Ich habe die letzten Nächte auch auf der Couch verbracht.“ Lai ließ sich von seinem Vorsatz nicht abbringen.
„Da war Jens auch noch nicht hier.“ Jan schien genauso stur zu sein. Ich fühlte mich an mich selbst erinnert. Ich hatte auch standhaft darauf beharrt, daß Lai das Gästezimmer nahm.
„Jens?“ Lai sah zu mir und ich zuckte mit den Schultern. Ich würde Ina und Jan niemals aus ihrem Bett jagen und das brachte ich durch ein deutliches: „Wir nehmen die Couch“, zum Ausdruck.
„Na gut, wenn ihr euer erstes Mal auf dem unbequemen Sofa erleben wollt, dann tut das.“ Jan grinste und zog die Wohnzimmertür hinter sich zu. Im Zeitlupentempo öffnete ich den Mund und sah zu Lai, der leise auflachte. Er hob die Girlande auf und verstaute sie in die Kiste, wo sich schon die anderen befanden.
„Ich verschwinde mal fix“, erklärte er und ging in den Korridor.
Ich schüttelte den Kopf. Jan und Lai gingen ganz offen miteinander um. Das Jan als Heterosexueller so locker zu Lais Schwulsein stand und ihn sogar dabei unterstützte fand ich Klasse. Es war selten, daß heterosexuelle Männer keine Probleme damit hatten. Normalerweise fanden sie unseren Sex abstoßend und eklig. Bei Jan jedoch hatte ich das Gefühl, daß er es als eine ganz normale Liebe empfand.
Ich überlegte, ob ich Bärchen eine SMS schicken sollte. Ließ es dann aber bleiben und beschloß, den Fernseher anzuschalten. Vielleicht lief ja noch ein spannender Film. Ich suchte die Fernbedienung und stieß dabei auf das Video ‘Herr der Ringe’. Nun ja, ‘Legolas’ konnte man sich noch mal antun. Mit einem Grinsen erinnerte ich mich an den Kinoausflug mit Bärchen. Mit einer riesigen Portion Popcorn und zwei Bechern Cola hatten wir in der letzten Reihe gesessen. Bärchen hatte mich überredet, mitzukommen. Er war mit seinem damaligen Lover Lukas drin gewesen und hatte sich auf Anhieb in ‘Legolas’ verguckt und so fieberte ich dem Moment entgegen, wenn der Elb auf der großen Leinwand erschien. Na ja, dachte ich dann, von hinten sieht er interessanter aus als von vorn. Doch je mehr ich den weißhaarigen Elb zu Gesicht bekam, um so süßer fand auch ich ihn. Zum Ablenken war ‘Legolas’ jetzt genau das Richtige.
Ich schob das Video in den Recorder und drückte den Powerknopf des Fernsehers, neben dem ich die Fernbedienungen fand. Dann streckte ich mich auf der Couch aus. Ich spulte die Einleitung vor und stürzte mich sofort ins Geschehen. Als die Tür klappte, sah ich auf. Lai hielt Bettwäsche auf den Armen und lächelte: „Ah, ‘Herr der Ringe’. Mach mal Pause. Ich schau mit, aber erst machen wir unser Bett fertig.“
Ich drückte die Taste mit den zwei kleinen Strichen und erhob mich, damit wir das Sofa ausklappen konnten. Wir breiteten das große, weiße Bettlaken auf der Liegefläche aus und legten das Bettzeug darauf. Ich nahm meinen Rucksack. „Ich gehe Zähne putzen.“
Lai nickte und kam mit in den Flur. „Willst du auch Wasser trinken?“, fragte er.
„Ja.“ Ich öffnete die Tür zum Bad und sah Lai nach, bis er in der Küche verschwunden war, dann erst drückte ich die Tür hinter mir zu. Auf der Waschmaschine lag ein frisches, noch zusammengefaltetes Handtuch, das ich einfach in Beschlag nahm. Ich wühlte in meiner Tasche, bis ich fand, was ich suchte. Ich band die schulterlangen Haare im Nacken mit dem Gummi zusammen, putzte mir die Zähne und sprang unter die Dusche. Nach zehn Minuten war ich fertig. Es trieb mich zu Lai. Ich würde keinen Moment länger als nötig in dem Bad verbringen. Schnell hatte ich einen frischen Slip angezogen und meine Trainingshose darüber. Als ich mein Schlafshirt in den Händen hielt, verfluchte ich mich. Als ich es einpackte, fand ich es witzig, jetzt fand ich es nur noch peinlich. In roten Lettern prangte ein ‘I can’t get no satisfaction’ auf der Vorderseite des weißen T-Shirts. Unter dem Schriftzug befand sich ein kleines Strichmännchen, das gegen eine Büchse trat und sagte: ‘Fuck!’. Ich trug das T-Shirt gern, das gab ich zu, doch im Moment war es völlig unpassend. Als Bärchen es mir vor einem Jahr schenkte, fand ich es den hellen Wahnsinn und nun würde ich mich damit vollkommen zum Ei machen. Aber es war nicht mehr zu ändern. Da mußte ich durch.
Mit zitternden Knien schlurfte ich zum Wohnzimmer. Nur noch mit Jeans begleitet saß Lai auf der Couch und trank Mineralwasser. Er schaute zu mir und ich wurde unruhig. Die braune Haut zog mich fast magisch an. Mit unsicheren Schritten näherte ich mich dem Thai und ließ mich mit heftig klopfendem Herzen neben ihm nieder.
Wir sahen uns an, stumm die Nähe des anderen auskostend. Mir kribbelte es in den Fingerspitzen. Ich wollte die makellose Haut berühren und liebkosen. Ich schluckte leicht. Meine Kehle war wie ausgedörrt und mein Atem ging unregelmäßig. Ich war Lai so nah und traute mich nicht, ihn anzufassen. Zu meinem Glück übernahm Lai die Führung.
Er beugte sich zu mir, umfaßte mein Gesicht und senkte die Lippen auf meine. Zärtlich strich seine Zunge meine Unterlippe nach und ich erschauerte. Mein Mund öffnete sich. Ich begrüßte Lais Zunge und umspielte sie mit meiner. Endlich. Allein. Mir fielen die Augen zu. Er schmeckte so süß. Es war himmlisch, diesen attraktiven Mann zu küssen und ich konnte mit Fug und Recht behaupten: Er ist mein.
Neugierig schob ich die Hände auf Lais Rücken und ließ die Finger über die makellose Haut gleiten. Sie fühlte sich an wie Seide und war warm. In diesen kräftigen Armen würde ich die Welt vergessen und im Taumel der Lust und der Begierde versinken. Ich konnte nicht aufhören, die samtene Haut zu streicheln. Ohne Unterlaß strichen meine Fingerspitzen Lais Rücken auf und ab.
Ich zuckte zusammen, als er mein T-Shirt nach oben schob, und als sich seine Hände warm auf meine Schulterblätter legten, stöhnte ich leise in seinen Mund. Er brach den Kuß ab, gab uns einen Moment, um Luft zu holen. Ich schlug die Augen auf, als er das Shirt über meinen Kopf zog. Mit leichtem Druck schob er mich auf das Sofa und kam über mich. Ich schaute in die unendlichen Weiten des Schwarz und glaubte zu verbrennen. Es überrollte mich. Ich legte die Hände an Lais Taille und zog ihn auf mich. Heiß berührten sich unsere Oberkörper. Sein Gewicht auf mir war angenehm. Es zeugte von Sicherheit und Geborgenheit. Meine Finger strichen durch das schwarze Haar, als seine Lippen meinen Hals erkundeten. Hart schlug das Herz in meiner Brust. Plötzlich wandte er sich abrupt von mir ab und sprang auf. Er schaute auf mich herab und lächelte gequält.
Ich stützte mich mit den Ellenbogen ab, damit ich ihn ansehen konnte. Was war passiert? Wieso hatte er aufgehört? Es war doch wunderschön gewesen. Ich war auf alle Fälle nicht zu schnell gewesen. Ich konnte ihn also nicht überfordert haben. Hatte er etwas an mir entdeckt, das ihm nicht gefiel und ihn zum Zweifeln brachte?
„Ich bin gleich wieder da.“ Lai fuhr sich nervös durchs Haar und stürmte aus der Wohnstube. Er ließ die Tür offen und ich lauschte grinsend. Alles klar. Lai wollte vorher noch mal auf Toilette. Ich täuschte mich, denn ich hörte, wie er mit Ina und Jan sprach: „Jan, habt ihr Kondome da?“
Ich schluckte. Das also war es.
„Sehen Ina und ich so aus, als würden wir mit Kondomen verhüten?“
Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher. Sollte ich wirklich schon heute Nacht mit Lai schlafen?
„In meiner Tasche könnten noch welche sein“, vernahm ich Inas Stimme. „An meinem letzten Arbeitstag hatten wir eine Klassenführung.“
Es wurde ruhig, bis Lai sagte: „Ah, gut, da sind welche. Ina, du bist meine Rettung.“
Mir schlug das Herz bis zum Hals. Lai hatte vor, ernst zu machen. Ich hatte zwar die ganze Zeit davon geträumt, doch nun wurde mir ganz mulmig. Es war noch zu früh. Ich wollte Lai doch erst kennenlernen.
„Lai, halt Jens fest! Ich mag ihn.“ Inas Stimme klang so hell, als würde sie direkt neben mir stehen. „Er ist süß.“
Ich setzte mich auf. Auf einmal war mir alles zu viel und als Jan erklärte: „Wenn ich schwul wäre, hätte ich mich sicherlich auch in ihn verliebt“, wußte ich, daß ich wirklich noch Zeit benötigte. Ich startete das Video aufs neue und zog mir ein Kissen auf den Schoß. Ich bemerkte nicht, daß Lai wieder bei mir war. Erst als er die Kondome auf den Tisch legte, schaute ich kurz auf. Ich zitterte. Hatte ich Angst? Ja, ich hatte Angst. Angst davor, daß Lai vielleicht wie David war.
Lai wuschelte mir kurz durchs Haar, hauchte einen Kuß auf meine Stirn und entledigte sich seiner Jeans. Ich starrte auf den Bildschirm. Nicht hinsehen! Es kostete mich meine ganze Kraft, meiner Neugierde nicht nachzugeben. Erst als Lai sich auf der hinteren Seite der aufgeklappten Couch ausstreckte und die Decke über sich zog, wagte ich einen kurzen Blick. Warm lächelte er mich an und ich atmete auf. Er machte nicht dort weiter, wo er aufgehört hatte. Sicherlich war auch bei ihm die lohende Wehe von vorhin erkaltet. Ich war ihm dankbar für seine Zurückhaltung. David hätte sich von der Pause nicht abschrecken lassen. Er wäre einfach über mich hergefallen. Ich zog die Beine an, schlang die Arme um die Knie und stützte das Kinn auf ihnen ab.
„Willst du sitzenbleiben?“ Lais Frage riß mich aus meinen Gedanken. Er hatte ja Recht. Mein Verhalten war kindisch. Also legte ich mich auf die freie Hälfte des Sofas, drehte mich auf die Seite und sah wieder zum Fernseher. Minuten vergingen, ohne daß ich etwas von dem Film mitbekam, der an meinen Augen vorbeizog. Hinter mir lag Lai - der Mann, den ich begehrte, und um ihn drehte sich bei mir alles.
„Hast du Angst, daß ich dich auffresse, oder warum liegst du so weit weg?“
Ich rollte mich auf den Rücken, damit ich ihn ansehen konnte. Seine Augen glitzerten in dem diffusen, flackernden Licht des Fernsehers und ich schüttelte stumm den Kopf.
„Dann komm her!“ Einladend hob er die Decke an. Ich zögerte. Wenn ich jetzt zu ihm kroch und wir uns festhielten, dann würde es nicht lange dauern und die Lust erwachen. Ich wäre Lai ausgeliefert, so wie einst David.
Verdammt, Jens, Lai ist nicht David. Versuch es doch wenigstens und wenn er aufdringlich wird, dann wehr dich! Ich hörte auf meine inneren Stimmen und robbte rüber. Den Kopf legte ich auf seinen linken Oberarm und schon berührte seine Brust meinen Rücken. Eine Gänsehaut überzog mich, als er mir die Haare aus dem Nacken strich und mich dort küßte. Lais rechte Hand legte sich auf meinen Bauch. Ich paßte mich seiner Lage an und atmete tief durch. Wenn es jetzt David wäre, der hinter mir lag, würden mir jetzt Trainingshose und Slip runtergezogen werden und David würde in mich eindringen. Ich hatte aus genau diesem Grund zum Schluß nicht mehr bei ihm übernachtet. Er hatte mich nur noch grob gestreichelt und sich dann an mir ausgetobt. Hoffentlich war Lai nicht der selbe Typ...
Lai tat gar nichts. Ruhig lag er hinter mir und hielt mich einfach nur fest. Sein Daumen war das einzige, was sich bewegte. In kleinen Kreisen zeichnete er meinen Bauchnabel nach. Ich hielt seine Hand auf, indem ich unsere Finger verschränkte. „Woher wußtest du, daß ich schwul bin?“
„Ich habe das Gespräch zwischen dir und deiner Mutter mitbekommen.“ Zart berührten seine Lippen meinen Nacken, als er die Antwort murmelte. „Ich habe erst gedacht, du bist hetero, was ich sehr schade fand, denn ich fand dich sofort interessant und aufregend und nach dem Gespräch mußte ich es einfach versuchen. Es hat sich gelohnt. Du bist bei mir.“
Ich lächelte. Lais Worte taten mir sehr gut. Sie entfachten sogar das Feuer von neuem. Ich ließ seine Hand los und führte meine hinter mich auf seinen Oberschenkel. Ich mußte die weiche Haut einfach berühren.
„Du hast das selbe gefühlt wie ich, als ich dich vor deinem Wagen sah.“ Der Satz rutschte mir einfach heraus und er brachte das zur Sprache, was ich empfand. Plötzlich war der Film wieder uninteressant. Ich drehte mich auf die rechte Seite und schaute Lai an, der mich sofort küßte. Ich ließ meine Finger über seine Brust gleiten, tiefer hinab bis zu seinem Bauchnabel. Dort ließ ich die Hand auf seinen Rücken wandern und zog den Bund des Slips nach. Eng drängte Lai sich an mich. Ich wollte seinen Hintern fühlen, ließ die Hand unter dem Stoff verschwinden und legte sie auf die babyweiche Haut, die über festen Muskeln lag. Es fühlte sich gut an, was ich unter den Fingern spürte.
Lai war unruhig. Ich spürte es, da seine Hände ziellos über meinen Rücken glitten. Traute er sich nicht weiter oder war er unsicher? Noch immer küßten wir uns gierig und ich beschloß, weiterzugehen. Mit den Fingern zeichnete ich Lais Po nach. Seine Muskeln spannten sich und dann rollte er sich auf mich. Mit den Händen stützte er sich neben meinem Kopf ab. Seine Lippen legten sich auf mein Schlüsselbein, dort verharrte er kurz, ehe er tiefer wanderte. Immer wieder brachte ich ihm meinen Oberkörper entgegen, während meine Hände über seine Schultern glitten. Heiser stöhnte ich auf, als seine Finger unter den Bund meiner Trainingshosen fuhren. Ich hob mein Becken an, damit er mir den grauen Stoff über die Hüften ziehen konnte. Lai kam meiner stummen Aufforderung nach und kurz darauf lag ich splitterfasernackt vor ihm. Mit der Trainingshose war auch mein schwarzer Slip verschwunden.
Lai hielt inne. Sein Blick ruhte auf mir. Jeden Zentimeter meines Körpers schien er in sich aufzusaugen. Das Recht stand wohl auch mir zu. Ich richtete mich auf, sah Lai an und lächelte. Er kniete vor mir und ich schaute direkt auf seinen Schritt. Er trug einen schwarzweißen Slip, der mehr enthüllte als verdeckte. Nur eine winzige Spur von schwarzem Haar zog sich zu seinem Bauchnabel. Seine Oberschenkel wiesen nicht ein Härchen auf. Da machte es sicherlich richtig Spaß, ihn mit den Lippen zu verwöhnen.
Ich drückte Lai auf den Rücken und entledigte ihn seines Slips. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Lais Glied war nicht so riesig wie das von David. Lai würde mir beim Sex niemals so weh tun können, wie es David getan hatte.
Meine Atmung wurde schneller und flacher. Mir gefiel, was ich sah - die bronzene, fast haarlose Haut, die festen Muskeln darunter und der angenehme Geruch. Ich war gefesselt. Das alles war mein.
Ich ließ die Finger über den flachen Bauch gleiten, wobei ich Lai in die Augen sah. Leider schloß er sie, was ich akzeptierte. Er schien meine Berührungen richtig genießen zu wollen. Es gab unentdeckte Land für mich, daß es zu erforschen galt. Ich wollte herausfinden, was ihm gefiel, wo er empfindlich war und wie er auf was reagierte. Ich wollte ihm süße Gefühle bereiten und fand schnell eine Stelle. Denn als ich über seine Beckenknochen nach außen fuhr, seufzte Lai leise. Sofort zog ich die Haut mit der Zunge nach.
„Jens?“ Seine Stimme klang rau.
„Hmmm...“ Ich ließ von ihm ab.
„Komm her!“ Er breitete die Arme aus und ich folgte seiner Bitte. Lang streckte ich mich auf ihm aus. Unsere Unterleiber berührten sich und ich atmete tief ein. Fest umschlangen mich Lais Arme.
Still blieben wir liegen. Ich lauschte Lais Atemzügen und sog seinen Duft tief in mich. Ich war glücklich und ich fühlte mich ausgeglichen. Das ich ihn fühlen konnte empfand ich als großes Glück. Sanft streichelte er schon wieder meinen Nacken. Irgendwie war es ihm gelungen, meine sensibelste Stelle sofort zu erkunden. David hatte es nie bemerkt. So langsam wurde mir bewußt, daß David immer nur auf sich selbst ausgewesen war. Meine Bedürfnisse hatten ihn nie interessiert.
Stundenlang könnte ich noch so auf Lai liegenbleiben, doch er schien etwas dagegen zu haben, denn er bäumte sich auf und drehte sich mit mir um die eigene Achse, dann hockte er sich auf meine Oberschenkel und begann meine Brust zu erforschen. Ich schauerte und begann zu glühen. Seine Berührungen waren so sanft und zärtlich, daß ich mich in ihnen verlor. Das Lai von meinem Körper stieg, bemerkte ich gar nicht, auch nicht, als ich meine Beine anzog und aufstellte. Kundige Finger fuhren zwischen meine Pobacken und das war für mich ein Zeichen. Ich rollte mich auf den Bauch, zog Arme und Beine an und kam auf alle vier. Ich wartete auf Lais Hände an meinen Hüften und darauf, daß er in mich eindrang. Nichts geschah. Ich hörte nur, wie der Mann hinter mir zischend Luft holte. Gespannt wartete ich ab. Es war Davids Art gewesen, mir zu sagen, daß er in mich eindringen wollte.
„Jens?“ Finger streichelten meinen Rücken. „Was soll das?“
Tief atmete ich durch und sagte leise: „Das ist es doch, was du willst.“
„Aber...“ Lai verstummte. Seine Hände verschwanden von meiner Haut.
„Du hast doch vorhin Kondome geholt“, stellte ich fest. Ich war mir plötzlich unsicher. Ich fühlte mich überfordert.
„Und?“
Er wollte gar nicht mit mir schlafen? Verwirrt setzte ich mich auf und senkte den Blick. Ich war so was von dumm. Wie konnte ich nur davon ausgehen, daß Lai wie David war? „Willst du nicht mit mir schlafen?“, erkundigte ich mich.
„Natürlich möchte ich das, aber doch nicht so schnell. Gib mir Zeit, dich kennenzulernen!“ Sein Zeigefinger legte sich unter mein Kinn und hob es an.
Ich wich dem intensiven Blick verschämt aus. „Tut mir leid.“
„Schon gut.“ Er umfaßte mein Gesicht. „Wer hat dir das eingebleut?“
„Was?“ Ich schmiegte mich an die warmen Handinnenflächen.
„Dich sofort anzubieten?“
Ich schluckte. „Ich will nicht darüber reden.“
„Gut, aber erkläre es mir bitte irgendwann und denk daran, ich werde niemals nach nur ein paar Minuten mit dir schlafen wollen, außer, du bist wirklich dafür bereit.“ Sacht küßte Lai mich und ich atmete innerlich ein weiteres Mal auf. Lai war wirklich nicht wie David. Er würde auf meine Wünsche Rücksicht nehmen.
„Laß uns den Film weiter sehen“, bat er leise und kuschelte sich in die Decke. Ich legte mich zu ihm. Mir stand der Sinn nicht nach dem Film, viel lieber wollte ich mich mit Lai beschäftigen und so begann ich, ihn wieder zu streicheln.
Irgendwann übernahm er die Führung und ich überließ mich ihm. Seine Berührungen wurden intensiver und fordernder. Sie gingen mir bis tief unter die Haut. Lai schien zu ahnen, was mir gefiel. Hell loderte in mir das Feuer der Lust. Seine Lippen liebkosten jeden Zentimeter und wanderten stetig tiefer. Ich wand mich unter ihm, schlug die Finger in das Laken und hörte das Blut in meinen Ohren rauschen, als Lai sich meiner Körpermitte zuwandte.
„Nicht!“, fuhr ich auf und entzog mich ihm eilig. Seine Zunge streifte gerade meinen Penis. Lai konnte doch nicht einfach...
„Was ist?“ Lais Kopf kam wieder höher, bis sich seine Augen in Höhe der meinen befanden.
Tief atmete ich durch. Der fragende, liebevolle Blick ließ mich erzittern. Ich zog die Decke über meinen Schoß und versteckte mich teilweise darunter. Ich schämte mich für meine Angst. Ich hatte doch immer davon geträumt und nun, wo jemand mich so sehr mochte, daß er meinen ganzen Körper liebkosen wollte, bekam ich panische Angst.
„Hat noch nie jemand...?“ Lai formulierte seine Frage nicht aus. Mein Blick und mein Verhalten schienen ihm Antwort genug zu sein. Ich rechnete damit, daß er jetzt aufstand und sich anzog, doch ich täuschte mich. Er legte sich zu mir, zog mich in seine Arme und schaltete den Fernseher aus.
„Laß uns schlafen!“ Fest schlossen sich seine Finger um meine, dann hauchte er einen Kuß auf meine Stirn.
Ich starrte in die Dunkelheit. Was mußte Lai jetzt von mir denken? Das ich ein unerfahrener, ängstlicher Fünfundzwanzigjähriger war? Oh Gott, Jens, du stellst dich aber auch an wie ein fünfzehnjähriger Knabe.
„Es ist in Ordnung“, hauchte Lai. Seine Umarmung wurde fester. „Ich gebe dir die Zeit, die du brauchst. Ich werde mich deswegen nicht von dir abwenden und jetzt versuch zu schlafen!“
Es war verblüffend. Lai schien meine Gedanken lesen zu können. Er wußte, welche Hölle in mir tobte. Ich beschloß, nicht mehr über meine Ängste nachzudenken und darüber, wie ich mich fühlte. Ich wollte nur noch seine Nähe genießen und in seiner sicheren Umarmung einschlafen - in den Armen meines neuen Freundes...

Wohlig rekelte ich mich und gähnte herzhaft. Gedämpft drangen Stimmen an mein Ohr. Ich war allein, erinnerte mich an die Nacht und lächelte glücklich. Ich hatte mir Lai geangelt. Alles roch nach ihm. Sein Duft hüllte mich ein - himmlisch. Seine Hände so zärtlich und warm, seine Umarmung so voller Aufmerksamkeit und Verständnis und seine Küsse erst. Ich konnte sie gar nicht beschreiben, so sehr hatten sie mich in ihren Bann geschlagen.
Ich schlug die Decke zur Seite. Vollkommen nackt lag ich auf der Couch. Meine Kleidung befand sich ordentlich zusammengelegt auf dem Sessel. Ein Grinsen huschte über mein Gesicht. Lai schien Ordnung zu mögen. Mein Blick fiel auf die noch immer verpackten Kondome, die auf dem kleinen Tisch vor der Couch lagen. Irgendwie stimmte mich das traurig, aber auch glücklich. Lai gehörte nicht zu den Männern, die schon in der ersten Nacht aufs Ganze gingen und dies ließ mich ihn gleich noch mehr lieben.
Müde und leicht zerschlagen stemmte ich mich hoch und ging zu dem Sessel, auf dem meine Kleidung lag. Schnell war ich angezogen. Barfuß tappte ich zur Wohnzimmertür und zog sie nach innen. Inas glockenhelles Lachen traf mich. Sie mußten sich in der Küche aufhalten und der näherte ich mich.
„Guten Morgen“, brummte ich, als ich über die Schwelle trat. Drei Köpfe ruckten herum und sechs Augen richteten sich auf mich. Etwas wacklig auf den Beinen ging ich zu Lai, der an der Stirnseite des Tisches saß.
„Morgen ist gut“, lachte er auf. „Es ist fast 15:00 Uhr.“ Seine Hände griffen nach meiner Taille und zogen mich auf seinen Schoß. Er schlang die Arme um mich, legte das Kinn auf meine Schulter und fragte: „Willst du einen Kaffee?“
„Ja, den könnte ich gebrauchen.“ Ich nickte Ina und Jan zu, die uns gegenüber saßen. Auf dem Tisch standen die beiden Schüsseln mit den Salaten. Es war noch immer etwas übrig. Leise grummelte mein Magen. Ohne darüber nachzudenken schob ich den Teller, der vor meiner Nase auf dem Tisch stand, näher an die Schüssel mit dem Nudelsalat und tat mir auf, dann nahm ich Lais Gabel und aß.
„Lai, dein Salat scheint Jens echt zu schmecken“, lachte Jan und ich stutzte. „Dein Salat?“, erkundigte ich mich bei Lai.
„Ja“, flüsterte er mir ins Ohr.
„Du hast gestern so getan, als würdest du ihn gerade erst probieren.“
„Irgendwas mußte ich mir doch einfallen lassen.“ Lais Lippen strichen über meinen Hals und ein Schauer lief mir über den Rücken. Das war also seine Taktik gewesen, um mich anzumachen. Ich nickte nur und ließ es mir weiter schmecken. Auf Lais Schoß gefiel es mir. Sein Körper wärmte mich und seine Hände auf meinem Bauch ließen mein Herz schon wieder schneller schlagen.
„Habt ihr für heute irgendwas geplant?“, fragte Ina und schob mir eine Tasse mit Kaffee zu.
„Nicht das ich wüßte“, antwortete Lai an meiner Stelle, da ich noch immer an den Nudeln kaute.
„Wir fahren jetzt zu meinen Eltern.“ Ina erhob sich, dabei stützte sie die Hände in den Rücken. Wie schwer mußte sie es mit diesem Bauch haben? Trotz ihrer Schwangerschaft war sie eine bildschöne Frau und sie verstand es, sich zu kleiden. Der braune Rock endete knapp über ihren Knien, dazu trug sie ein schulterfreies, schwarzes Oberteil mit Puffärmeln. Jan wirkte richtig trist gegen seine Frau in den blauen Jeans und dem beigen Sportpullover.
„Wir lassen euch einen Schlüssel hier“, erklärte Jan und tat es seiner Frau gleich. Zusammen verließen sie die Küche und ich war mit Lai allein, ganz allein.
„Okay, Engelchen, was wollen wir machen?“ Lais hauchte mir in den Nacken.
„Ich weiß nicht“, murmelte ich. Ich traute mich nicht zu fragen, wann Lai wieder fahren wollte.
„Wir haben den Abend und morgen noch den ganzen Tag für uns. Am dritten muß ich dann wieder nach Hause.“
Lais Satz versetzte mir einen leichten Stich. Er würde gehen und ich zurückbleiben. Was würde dann geschehen? Würde er mich vergessen und sich nie wieder melden? Eins ging mir nicht aus dem Kopf. Egal, was ab dem dritten passieren würde, ich wollte mit Lai schlafen. Leider war es ja heute Nacht wegen mir total in die Hose gegangen. Ich würde Lai nicht darauf ansprechen und ich hoffte, daß er es auch nicht tat.
„Laß uns hier bleiben“, schlug Lai vor. „Wir können es uns gemütlich machen.“
Die Kaffeetasse in meiner Hand zitterte leicht bei Lais Worten. Schnell stellte ich sie wieder auf der Untertasse ab. Lais Hände lösten sich von meinem Bauch und strichen mir über die Schulterblätter.
„Geh du in Ruhe duschen! Ich mach die Küche.“ Sacht schob Lai mich von seinem Schoß und stand auf, dann begann er, das Geschirr in den Spüler zu sortieren.
Ich kippte meinen Kaffee runter und wollte im Bad verschwinden, als Lai mich aufhielt. Unverhofft tauchte er vor mir auf. Seine Augen leuchteten und ohne ein Wort von ihm wußte ich, was er wollte. Ich streckte mich ihm entgegen und küßte ihn.
„Du schmeckst nach Kaffee“, raunte Lai und ich lief lachend zum Bad. Dort angekommen putzte ich mir die Zähne und danach suchte ich die heißen Wasserstrahlen der Brause auf. Verträumt blieb ich stehen. In mir überschlugen sich die Gedanken. Ich begriff noch nicht so richtig, daß ich mit dem Thai zusammen war. Das war alles so irreal, aber doch phantastisch. Er war zuvorkommend, liebevoll und vor allen Dingen zärtlich. Er war in jeder Hinsicht das völlige Gegenteil von David. Für mich war er zu neunundneunzig Prozent der Richtige.
Tief in die Erinnerungen an die Nacht versunken wusch ich mir die Haare. Ich fühlte Lais Hände und Lippen auf meiner Haut, so als würde er tatsächlich mit mir unter der Dusche stehen. Traurig nahm ich zur Kenntnis, daß ich Lais Geruch von meinem Körper wusch. Den mußte ich unbedingt wieder haben und dafür gab es nur einen Weg.
Mir graute es schon wieder davor, das warme Wasser zu verlassen. Ich haßte es, zu duschen oder zu baden. Ich fror danach immer wie ein Schwein. Eilig verließ ich die Dusche, nachdem ich das Wasser abgedreht hatte und schlang mir ein Handtuch um die Schultern. Bibbernd stand ich auf dem flauschigen Badevorleger und versuchte mich selbst zu wärmen, indem ich das Handtuch ganz fest um meinen Körper zog. Meine Muskeln verkrampften und ich war nicht mehr fähig, einen Schritt zu tun.
„Engelchen?“ Lais Stimme drang gedämpft durch das Holz der Tür.
„Ja?“ Heftig schlugen meine Zähen aufeinander.
„Ich will Tee machen, was trinkst du denn gern?“
„...grünen...“
Die Tür wurde geöffnet. Das Lächeln verschwand aus Lais Gesicht, als er mich vor Kälte zitternd dastehen sah, und ich konnte mir gut vorstellen, daß meine Lippen blau waren. Mit einigen schnellen Schritten war er bei mir. „Du erkältest dich“, stellte er fest und griff nach einem frischen Handtuch. „Wie lange stehst du schon so da?“ Ich blieb still und war ihm dankbar, als er anfing, meine feuchte Haut trocken zu reiben. „Du bist eiskalt. Warum trocknest du dich nicht ab?“
„Ich friere zu sehr“, gab ich mühsam zu, denn noch immer waren meine Muskeln total verspannt.
„Na du bist mir einer.“ Lai wuschelte mir sacht durchs Haar. „Du brauchst doch nur den Heizlüfter anzuschalten.“ Eilig durchsuchte er meinen Rucksack, dann reichte er mir einen frischen Slip und meine Jeans.
Verschämt nickte ich. Die Situation war mir peinlich. Was mußte Lai jetzt nur denken? Rasch zog ich mich an, damit ich nicht mehr nackt vor ihm stand, und sofort fühlte ich mich besser. Ich lächelte etwas gequält. In Lais Gesicht sah ich keinen Vorwurf, sondern nur leise Sorge um mich.
„Gut, Engelchen, da du jetzt trocken und angezogen bist, kann ich uns Tee aufgießen.“ Er hauchte mir einen Kuß auf die Wange.
Lächelnd sah ich ihm nach. Oh ja, ich liebte diesen Mann. Er konnte sich sogar Sorgen um mich machen. Fröhlich ein Lied vor mich hinsummend, verteilte ich Spitzengel in meinen Haaren und bürstete sie durch, dann suchte ich einen Fön. Sicherlich bewahrte Ina irgendwo einen auf. In dem Schrank unter dem Waschbecken wurde ich fündig. Fix knetete ich noch Schaumfestiger in die braunen Locken, ehe mich die heiße Luft des Föns einhüllte. Es dauerte eine Weile, doch dann waren meine Haare trocken. Ich suchte mein königsblaues Shirt im Rucksack, zog es über und stopfte den Bund in die Hose. Endlich war ich wirklich fertig und konnte zu Lai. Ich wollte wieder in seinen Armen versinken.
Noch nie hatte ich mich so schnell verliebt. Es war wie ein Gewitter über mich gekommen und ich fühlte mich sauwohl dabei. Es wollte mir einfach nicht gelingen, meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. In einem fort schüttelte mein Körper Glückshormone aus und meine Libido stand unter Starkstrom. Ich mußte zu Lai. Meine immense Lust sollte endlich befriedigt werden. Mit zitternden Fingern drückte ich die Klinke nach unten und ging in den Flur, damit ich in die Wohnstube gelangen konnte. Die weiße Tür stand offen. Lai hatte das Sofa wieder hergerichtet und es sich bequem gemacht. Vor ihm auf dem Tisch standen Tee und Lebkuchen. Alles war für einen gemütlichen Nachmittag vorbereitet. Bei seinem Anblick schlug mein Herz schon wieder schneller. Er hatte mich nicht bemerkt und so blieb ich auf der Schwelle stehen, lehnte mich gegen den Türrahmen und beobachtete Lai, der in einer Zeitschrift blätterte. Er schien nicht bei der Sache zu sein, denn er las nicht, sondern schlug eine Seite nach der anderen auf.
Leise näherte ich mich ihm. Der dicke Teppich dämpfte meine Schritte und da ich in Strümpfen lief, war so gut wie gar nichts zu hören. Ich zog ihm einfach die Zeitschrift aus den Händen und warf sie auf den Couchtisch. Er blickte zu mir auf. Unsere Augen fanden sich. Das tiefe Schwarz faszinierte mich nach wie vor und ich hoffte, daß diese Faszination nie verloren ging. Unaufhörlich versank ich in den schmalen Augen, bis ich es nicht mehr aushielt. Ich ließ mich auf seinem Schoß nieder, legte die Hände an seine Taille und küßte ihn heiß und innig.
Lai ließ sich gegen die Lehne zurückfallen, zog mich dabei mit, indem er die Arme um mich schlang, und erwiderte meinen Kuß. Ich hob die Beine auf das Sofa, kniete nun halb über meinem Freund und ließ mich fallen. Vor Verlangen glühend zerrte ich Lai das Shirt aus der Jeans und wanderte mit den Fingern unter den dünnen Stoff. Meine Fingerspitzen fuhren bedächtig über seinen Oberkörper, reizten die Brustwarzen und glitten hinab zum Bauchnabel. Lai schob die Hände unter meinen Hintern, hob mich ein Stück an und zog mich höher auf seine Oberschenkel.
Ein Klingeln ließ uns den Kuß abbrechen. Surrend machte mein Handy auf sich aufmerksam. Erst wollte ich es ignorieren, doch dann angelte ich danach und zog es auf dem Tisch näher. Ein kurzer Blick auf das Display verriet mir, daß es Bärchen war. Sicherlich mach er sich Sorgen. Ich hatte mich noch nicht bei ihm gemeldet.
„Tschuldige“, hauchte ich Lai zu und drückte den grünen Telefonhörer. Mit einem: „Hallo!“, meldete ich mich.
„Maus, wo steckst du?“ Jonas Stimme klang schrill.
„Gesundes neues Jahr“, wünschte ich ihm grinsend.
„Ja, ja, wo bist du?“
„Noch bei Lais Freunden.“ Ich ließ Lais Blick nicht los. Er lauschte mir lächelnd und ohne Unterbrechung fuhren seine Finger über meine Oberschenkel.
„Dann geht es dir gut?“
Ich sah Bärchen vor mir und wie er nervös mit den Fingernägeln einen Takt auf den Tisch schlug. „Ja, alles bestens.“
„Dann hast du Lai um den Finger gewickelt?“
„Ja, ich melde mich bei dir, wenn ich wieder zu Hause bin. Grüß Holger von mir.“ Lais Finger glitten unter mein Shirt und ich fragte mich, wozu ich es überhaupt angezogen hatte. Gerade noch so konnte ich mir ein Aufstöhnen verkneifen.
„Mach ich und viel Spaß noch!“ Jonas kappte die Verbindung und ich legte mein Telefon zur Seite, damit ich mich wieder voll und ganz auf den heißen Mann vor mir konzentrieren konnte, der eifrig dabei war, mir mein Shirt auszuziehen.
„Wer war am Telefon?“, fragte er, wobei seine Finger meine Wirbelsäule nachzeichneten.
„Mein bester Freund - Jonas. Er hat sich Sorgen gemacht“, antwortete ich zitternd. Mit hastigen Bewegungen streifte ich ihm das Shirt über den Kopf.
„Und Holger ist sein Freund?“
„Ja.“ Ich drängte mich an die warme Haut, nachdem er auch mich von der störenden Oberbekleidung befreit hatte. Ich nestelte an Lais Gürtel, bis ich ihn offen hatte, danach waren die Knöpfe der Jeans an der Reihe. Sekunden später wanderte meine Hand auf seinen Schritt. Er stöhnte auf und drückte mich auf den Rücken. Schwer atmend lag ich unter ihm und schaute zu ihm auf.
Mit den Händen stützte er sich ab. „Laß dich einfach fallen!“, wisperte er, dann strichen seine Lippen über meine Brust. Unentwegt fuhren meine Hände durch das kräftige, seidigschwarze Haar. Ich schloß die Augen, gab mich ganz den Zärtlichkeiten hin und versank im Taumel der Leidenschaft.
Im hohen Bogen flogen meine Jeans in den hinteren Teil des Wohnzimmers. Mit glühenden Wangen und bebendem Brustkorb sah ich Lai dabei zu, wie er sich entkleidete. Ich fand seinen Körper wunderschön und ich begehrte ihn. Nackt kroch er an meine Seite, kuschelte sich an mich und plötzlich lag seine Hand auf meiner Männlichkeit.
Leicht zuckte ich zusammen, gab mich dann aber den atemberaubenden Gefühlen hin, die Lai mit sanften, aber sehr erregenden Berührungen bei mir erzeugte. Ich schmiegte mich an ihn, wünschte mir mit ihm zu verschmelzen und holte zischend Luft, als seine Hände mich zu sehr reizten. Ich schlug die Fingernägel in seine Schulter und versuchte, die Wellen des Orgasmus aufzuhalten, die auf mich zurollten. Es war zu spät. Die Wogen schlugen über mir zusammen und mit einem Stöhnen ergoß ich mich in der warmen Hand.
Ich zitterte und fühlte mich in starke Arme genommen. Zarte Küsse bedeckten mein Gesicht, als ich mich langsam wieder an die Oberfläche der Realität bewegte. Es war so ewig lange her, daß ich durch eine so zärtliche Behandlung gekommen war und ich begriff langsam, daß Lai auch an meiner Befriedigung interessiert war und nicht nur an seiner eigenen.
Aufmerksam waren die schwarzen Augen auf mich gerichtet. Ein liebevolles Lächeln lag auf dem asiatischen Gesicht und ich barg meines an der kräftigen Brust. Es war mir peinlich, daß ich so schnell gekommen war.
„Engelchen?“ Sacht glitten Lais Finger durch mein Haar. „Sieh mich mal an!“
Nur zögerlich schaute ich auf. Ich fühlte mich unsicher und überfordert. Was hatte David nur aus mir gemacht? „Es tut mir leid“, murmelte ich.
„Nicht!“ Ein Zeigefinger legte sich auf meine Lippen. „Ist doch schön.“
Mein eigener Geschmack lag plötzlich auf meiner Zunge, als ich mit ihr meine Oberlippe nachfuhr. Was war nur mit mir los? Ich fühlte mich so hilflos. Bei David hatte ich gewußt, woran ich war, aber bei Lai konnte ich es einfach nicht einschätzen. Gefiel es ihm wirklich, daß ich befriedigt war, ohne daß er mich zu fühlen bekommen hatte? Ich mußte die Pleite irgendwie wieder gut machen.
Ich entwand mich der sicheren Umarmung, drückte meinen Freund auf den Rücken und beschloß, aufs Ganze zu gehen. Ich wollte ihn in die Höhen der Lust treiben und ihn meinen Körper fühlen lassen. Mit einer schnellen Bewegung saß ich quer auf seinen Oberschenkeln und fuhr mit den Fingerspitzen über seine Brust. Jeden Muskelstrang zeichnete ich nach, bedachte die samtene Haut mit zarten Berührungen und arbeitete mich langsam zu Lais Körpermitte vor. Kurz verharrte ich und machte mir selber Mut, dann umfaßte ich das schon fast vollständig steife Glied. Ich behielt sein Gesicht im Blick. Seine Züge waren entspannt. Er schien meine Zärtlichkeiten zu genießen und ich vertiefte meine Berührungen, reizte Lai so lange, bis sein Atem unregelmäßig ging und seine Männlichkeit vollkommen erregt war. Mit feuchten Fingern und vor Aufregung heftig klopfendem Herzen angelte ich nach einem der Kondome auf dem Couchtisch. Unberührt lagen sie noch immer dort und eine Tube mit Gleitgel hatte sich dazu gesellt. Ein leises Reißen erfüllte den Raum, als ich die Verpackung öffnete und den Gummi daraus hervorholte. Nur nebenbei bemerkte ich, das die Kondome extrafeucht waren. Ich war viel zu nervös und aufgeregt, um dies zu realisieren.
Lai beobachtete mich aufmerksam und unerwartet waren seine Hände im Weg. Ich kam nicht dazu ihm das Verhüterli überzuziehen. Er schüttelte den Kopf und wisperte heiser: „Nein, ich will dich fühlen.“
Ich erstarrte. Das Kondom entglitt meinen Fingern und fiel auf seinen Bauch. Langsam kam er hoch. Seine Hände legten sich an meine Wangen. Sanft küßte er mich. Ich reagierte nicht darauf. Ich war einfach geschockt von seiner Aussage. Er war der erste, der wollte, daß ich mit ihm schlief. Das war verkehrte Welt. Ich war doch der Kleinere, der Schwächere. Ich war doch derjenige der unten sein sollte und nicht ein Mann wie er. Wie sollte ich mit ihm schlafen? Ich hatte doch gar keine Ahnung davon.
„Ich mag beides“, sprach Lai an meinem rechten Ohr. „Normalerweise laß ich es beim ersten Mal nicht gleich zu, aber du hast mein Herz erobert und ich will dich in mir spüren!“
„Lai, ich...“ Ich stemmte die Hände gegen seine Brust und schob ihn von mir.
„Was ist, Engelchen? Habe ich dich verschreckt?“ Seine Stimme war voller Sanftheit.
„Ich kann das nicht.“ Es war ein Unding für mich, die Zügel in der Hand zu halten. Von Anfang an war es David gewesen, der oben war. In meinem Leben gab es nichts anderes und es sollte sich auch nicht ändern.
„Jens?“ Lais Hände strichen über meine Oberarme, die von einer Gänsehaut überzogen waren. „Du hast noch nie mit einem Mann geschlafen?“ Er begriff wirklich schnell. Ich nickte und schloß gequält die Augen.
„Wer hat dich zu einem Spielzeug gemacht?“, erkundigte er sich flüsternd.
„Ich bin kein Spielzeug“, antwortete ich verstockt, obwohl in mir ein kleines Tor geöffnet wurde. Lai hatte mit einem Wort das beschrieben, was ich für David gewesen war - ein Spielzeug.
„Du bist benutzt worden, Jens! Jemand hat dich so geformt, wie er dich haben wollte und ich würde gern wissen, wer das war.“ Wie zur Beruhigung blieben seine warmen Handflächen weiter auf meinen Armen liegen. Ich wollte nicht über meinen Ex reden. Ich war gerade erst mit ihm zusammengekommen und konnte ihm doch nicht die Ohren mit David belegen.
„Jens, du gibst deinen Körper sofort her. Du hast noch nie mit einem Mann geschlafen und noch nie hat dich jemand mit dem Mund befriedigt. Du hast anscheinend nie gelernt, was es heißt, wirklich geliebt zu werden.“ Lai redete einfach weiter. „Dir hat jemand deine eigene Lust verboten und ich würde gern wissen, was geschehen ist und wieso du es zugelassen hast?“
„Ich habe ihn geliebt.“ Obwohl ich am ganzen Leib zitterte, klang meine Stimme fest und voll.
„Für ihn hast du dich selber aufgegeben?“ Lai ließ mich los. Er griff hinter sich, nahm die blaue Kuscheldecke, die auf der Couch lag, faltete sie auseinander und legte sie mir um die Schulter. Dann zog er mich in seine Arme. Wie ein Zelt hüllte mich das Blau der Decke ein. Ich hatte das Gefühl, mich in einem total abgesicherten Raum zu befinden. Würde ich es jetzt schaffen, über David zu reden und darüber, was er mir angetan hatte?
„Jens, ich möchte dir helfen, aber dafür muß ich wissen, was passiert ist.“
„Lai, ich...“ Meine Dämme brachen. Ich erschauerte. Mit einem Mal war der Haß wieder da, die Ängste und die Momente der Selbstzweifel. Unbewußt fuhr ich mit den Fingerspitzen über die Innenseiten meines linken Unterarms. Lai griff nach meinen Handgelenken, drehte meine Handflächen nach oben und sah auf die rötlichbraunen Flecke, die meine Unterarme zierten. Siedendheiß durchfuhr es mich. Ich hatte die langsam verblassenden Narben vollkommen vergessen. Verschämt senkte ich den Blick.
„Verdammt, Jens, was hat er mit dir gemacht?“ Lais Augen hielten die Narben fest, die er gerade entdeckt hatte.
„Nichts“, schluchzte ich. „Das war ich.“ Oh mein Gott... Ich hatte es zugegeben. Was hatte Lai nur an sich, daß ich über meine tiefsten und schlimmsten Probleme sprach?
„Du verletzt dich selber?“ Verständnislos schüttelte er den Kopf.
„Nicht mehr. Die Narben sind drei Monate alt.“ Ich entzog ihm meine Handgelenke. Er sollte die Narben nicht weiter ansehen. Es war schon schwer genug für mich, darüber zu reden, und Lais entsetzter Gesichtsausdruck half mir nicht gerade weiter.
„Ich versteh nicht, warum du...?“ Lai fuhr sich mit allen zehn Fingern durchs Haar. Ich fühlte seine Unsicherheit. Er schien von der Situation, oder besser gesagt von den Verletzungen auf meinen Armen geschockt zu sein. „Dein Ex - hat er dich so schlecht behandelt?“
Mir gefiel nicht, daß unsere anfängliche Wildheit aufeinander verschwand und das nur, weil ich ein paar Narben auf den Unterarmen hatte. Unterschwellige Angst stieg in mir auf. Ich hatte plötzlich Panik, Lai durch meine Vergangenheit mit David zu verlieren, und aus genau diesem Grund war ich ihm eine Antwort schuldig. Wenn ich wirklich eine Beziehung zu dem Thai aufbauen wollte, dann funktionierte dies nur über Vertrauen und Ehrlichkeit. Ich faßte mir ein Herz und sagte: „Am Anfang nicht, aber es wurde von Monat zu Monat schlimmer.“
„Was hat er getan?“
Ich schluckte und räusperte mich kurz. Lais Blick hielt mich fest und er würde mich bestimmt nicht loslassen, bis ich ihm alles erzählt hatte. Es fiel mir schwer, über das zu reden, was zwischen David und mir vorgefallen war. Bei Bärchen hatte ich da nie Probleme gehabt, aber bei Lai, den ich ja gerade erst mal kennenlernte. Konnte ich ihm wirklich sagen, was David getan hatte? Konnte ich ihm wirklich vertrauen? Das ganze Grübeln half nichts. Ich mußte wohl oder übel ins kalte Wasser springen und so begann ich stockend: „Er hat mich eingeschlossen, wenn ich bei ihm war, damit ich nicht weglaufen konnte. Er ist fremdgegangen, hat mich nächtelang allein gelassen und wenn er da war, brachte er Freunde mit.“ Ich ballte die Hände zu Fäusten. Die Erinnerungen taten mir noch immer weh, dabei war ich ganz fest davon überzeugt gewesen, daß ich David verarbeitet hatte. „Er hat Drogen genommen. Ich dachte, ich könnte ihm helfen. Er versprach immer Sachen, die er dann doch nicht hielt. Ich hatte Glück, seine Aufenthaltsgenehmigung lief ab und als er weg war, merkte ich, wie gut es mir ohne ihn ging. Ich vermißte ihn nicht.“ In kurzen Sätzen hatte ich versucht das zu erklären, was der Hauptbestandteil in meiner Beziehung zu David gewesen war. Ob Lai aus dem Gestammel schlau wurde, bezweifelte ich.
Der Thai schwieg. Er ließ meine Worte im Raum stehen. Noch immer hielten mich die nachtschwarzen Augen fest. Ich schauerte leicht. Was würde er jetzt tun? Er rutschte näher an mich, legte die Arme um mich und zog mich fest an sich. Seine Hände glitten sacht über meinen Rücken und da wußte ich, daß er für mich da sein würde und daß er mich verstanden hatte. Seine Nähe nahm mir die Angst und ich verspürte genug Kraft, um ihm noch mehr zu erzählen: „Ich fand nicht den Weg aus der Beziehung zu David. Ich schrie um Hilfe, doch niemand hörte es. Irgendwie mußte ich mit der Situation umgehen und so begann ich, mich zu kratzen. Ständig waren meine Arme wund und bluteten. Ich versteckte es nicht, aber niemand schien es zu bemerken. Ich tat es vor Davids Augen, doch ihm war es egal...“
Es war schon eigenartig. Drei Monate nach all diesen Vorfällen wußte ich, daß ich damals wirklich Hilfe gebraucht hätte. Nicht nur Hilfe von Bekannten und Freunden, sondern sogar professionelle.
„Du hast dich für Davids Verhalten bestraft?“, flüsterte Lai. „Dabei hätte er die Prügel verdient.“
Ich nickte einfach und barg dann mein Gesicht an seinem Brustkorb. Ich wollte nicht mehr über David reden und das sagte ich dem Thai auch. Er erklärte sich einverstanden und hielt mich sanft, aber sicher umschlungen. Ich verstand nicht, was Lai so reagieren ließ? Der Thai blieb trotz meiner Vergangenheit bei mir. Er schien mich sogar beschützen zu wollen und das, wo ich ja ganz offensichtlich unter psychischen Problemen litt.
Still saßen wir da und ich lauschte dem Schlagen seines Herzens. Ich war dankbar für seine Nähe. Sie nahm mir ein wenig die Angst. Von dem schwarzhaarigen Mann ging keine Gefahr aus, da war ich mir ziemlich sicher. Lai war ein ruhiger Mensch und er besaß ein gutes Herz, das hatte ja auch meine Mutter schon festgestellt. Ich war dankbar, daß ich auf diesen phantastischen Mann treffen durfte.
„Jens!“
Ich sah auf in die schwarzen Augen, als er mich ansprach. „Ja?“
„Wenn du glaubst, über David und das, was er getan hat, reden zu müssen, dann tu das bitte mit mir. Ich werde dir keine Fragen mehr stellen. Ich kann mir ein ungefähres Bild davon machen.“ Mit den Fingerspitzen strich er mir über die Wangen.
Er würde mich nicht drängen. Ich schaute ihn an und nickte als Zeichen, daß ich ihn verstanden hatte. Je mehr ich den Thai kennenlernte, um so größer wurden die Fragen in mir, die darauf warteten, beantwortet zu werden. Ich verkroch mich in seinen Armen und war ihm für alles, was er bisher getan hatte, dankbar. Eigenartig, dachte ich, seit einer ganzen Weile sitze ich neben dem Mann meiner Träume, berühre ihn und dabei ist er splitterfasernackt. Wie konnte ich diesen traumhaften Zustand nur vergessen?
Ich schob alle Gedanken, die sich um David drehten, ganz weit nach hinten, ersetzte diese lieber durch den nackten Mann vor mir und spürte, wie sehr ich mir doch wünschte, dass er es war, der mir in Erinnerung rief, wie schön und befriedigend Sex doch sein konnte.
Mit den Fingern strich ich seine Seiten hinab, bis ich auf die Beckenknochen traf. Ich würde endlich zu Ende bringen, was ich begonnen hatte, und so fuhr ich mit den Lippen über seine Schlüsselbeine. Ich verwöhnte ihn einfach weiter, bis er sich mir ergab, dann drückte ich ihn sacht auf den Rücken. Unser eben geführtes Gespräch war vergessen. Alles, was für mich jetzt zählte, waren seine und meine Lust, die es zu stillen galt.
Um was hatte Lai mich gebeten? Er wollte, daß ich mit ihm schlief. Den Gefallen würde ich ihm tun. Wenn ich jetzt sagen würde, ich bin nicht aufgeregt, dann war das gelogen, denn ich war nervös und wie... Vor mir lag mein erstes Mal. Zumindest kam es mir so vor. Plötzlich strichen meine Finger nur noch fahrig über Lais Brust. In mir klopfte das Herz so stark, daß es mir in den Ohren dröhnte. „Lai!“, flüsterte ich mit rauher Stimme.
„Hmm?“ Seine Hände legten sich auf meinen Hintern.
„Ich...“ Die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich würde es ihm nicht direkt auf die Nase binden. „Was soll ich tun?“ Ich hoffte das er verstand, was ich wollte. Er wollte, daß ich oben war und den Rhythmus bestimmte. Mein letzter Traum würde mir erfüllt werden.
„Das weißt du, Engel.“ Er zog mich noch enger auf sich. Heiß berührte sich unsere Haut und meine Männlichkeit rieb sich an seiner. Gefühlvolle Finger massierten meinen Hintern. Ich brachte meinen Oberkörper ein Stück höher, damit ich Lai küssen konnte. Ich würde vorsichtig sein. Ich wollte ihm ganz sicher nicht weh tun, ihn nicht verletzen. Ich liebte ihn und daß er sich mir hingeben würde, zeigte mir, wie sehr er mir vertraute. Ich sprengte seine Umarmung, denn ich hielt es kaum noch aus. Ich wollte endlich Lais empfindlichste Stelle berühren.
Mit der Zunge fuhr ich mir aufgeregt über die Lippen, als ich mich aufsetzte. Ich betrachtete, was sich mir bot, und genoß diesen Augenblick. Vorsichtig umfaßte ich sein Glied, strich mit dem Daumen über die Eichel und vernahm ein zufriedenes leises Keuchen. Er fühlte sich wundervoll an und sicherlich war es ein atemberaubendes Gefühl, diese Männlichkeit in mir zu fühlen. Doch davon war ich noch meilenweit entfernt, denn jetzt wollte Lai mich in sich spüren. Aber bevor ich in meinen Freund eindrang, wollte ich ihn kosten. Ich senkte die Lippen auf die weiche Haut der Eichel, schloß den Mund darum und stimulierte ihn mit der Zunge.
„Jens!“ Nur mühsam brachte Lai meinen Namen hervor.
Ich ließ von ihm ab, wartete geduldig auf das, was er wollte, und schaute stumm dabei zu, wie er mit der linken Hand nach einem Kondom griff. Heftig schlug mein Herz, als er mir das rote Präservativ überzog und mich mit einer ordentlichen Portion Gleitgel versorgte. Es war so weit. Gleich würde ich zum ersten Mal in einen Mann eindringen. Meine Hände zitterten, waren feucht und Schweiß brach mir aus allen Poren. Noch nie war ich so aufgeregt gewesen. Unerwartet tauchte Lais Gesicht direkt vor meinem auf und schon küßte er mich gierig. Ich lag bebend in seinen Armen. Er wollte mir die Angst nehmen, soviel war sicher.
Ich kniete noch immer zwischen seine Beinen und versteifte, als er diese anzog und sie mir über die Schultern legte. Okay, Jens, bleib ganz ruhig! Ich umfaßte mein von Gummi verhülltes Glied, damit ich mich besser führen konnte. Kurz schloß ich noch mal die Augen, dann drängte ich mich in Lai. Es war gar nicht so einfach und ich atmete auf, als meine Männlichkeit zur Hälfte eingedrungen war. Es war eng und heiß in Lais Körper. Niemals hatte ich es mir so erregend vorgestellt. Ich mußte mich zusammenreißen, damit ich mich nicht mit einem Stoß in den Leib unter mir versenkte.
Ich legte die Hände auf Lais Oberschenkel und spürte seine Finger, die sich mit meinen verschränkten. Unsere Augen trafen sich. Ich wußte nicht weiter. Die Hitze, die mein Glied umfangen hielt, machte mir das Denken schwer. In meinem Kopf lief nichts mehr in geregelten Bahnen. Alles schien außer Kontrolle zu geraten. Vorsichtig zog ich mich wieder ein Stück zurück. Ich bekam nicht mit was Lai tat. Ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Es war unglaublich, was ich fühlte. Nur nicht mehr bewegen, hämmerte es in mir. Ich wollte die Wärme nicht wieder verlieren.
Nur langsam fand ich wieder zu mir. Mein Blick klärte sich und Lais Gesicht schälte sich aus dem Nebel der Lust. Er sah mich an, lächelte und hauchte: „Laß dich nicht aufhalten.“
„Was?“ Unverständnis breitet sich in mir aus. Die neuen Gefühlen überlasteten meine Nervenbahnen, so daß ein Austausch zwischen den einzelnen Synapsen nicht mehr richtig zu funktionieren schien.
„Ach nichts.“ Lai handelte einfach. Seine Knie verließen meine Schultern und schon legten sich seine Beine um meine Taille. Mit den Füßen zog er mich enger an sich und ich glaubte zu verbrennen. Immer tiefer drang ich in den Leib ein. Tief holte ich Luft, legte die Hände auf Lais Bauch und fühlte, wie er seinen Oberkörper höher brachte.
Mit einem Mal war ich vollständig in ihn eingedrungen. Er umschlang mich mit den Armen, suchte meinen Mund und küßte mich. Bedächtig bewegte er sich auf mir. Immer wieder hob er sein Becken an, um sich dann wieder auf mir niederzulassen.
Abrupt brach ich den Kuß ab und biß mir auf die Unterlippe. Lange würde ich das nicht durchhalten. Unbekannte Reize durchfluteten mich. Meine gesamten Empfindungen schienen sich im Unterleib zu sammeln, um dort zu explodieren. Ich schlug die Fingernägel in Lais Rücken, biß ihm in die Schulter und kam wie noch nie zuvor in meinem Leben. Mein Körper wurde geschüttelt und schon war es vorbei. Ich schnappte nach Luft, so als würde ich aus einem tiefen Gewässer wieder auftauchen.
Lai saß noch immer auf meinem Schoß. Jetzt erst realisierte ich sein Gewicht, das auf meinen Oberschenkeln lastete und löste die Finger von seinem Rücken. Sacht hauchte ich einen Kuß auf die Schulter, in die ich mich verbissen hatte. Die Haut hatte sich rotblau verfärbt. Ich hatte meinem Freund im Eifer des Gefechts einen Knutschfleck verpaßt.
Ich war zum zweiten Mal gekommen, und das war zweimal mehr als in den letzten Monaten mit David. Lai schwieg. Er ließ mir die Zeit, mich wiederzufinden, nur seine Finger streichelten mich weiter. Meine Lippen brannten und die Zunge klebte mir sprichwörtlich am Gaumen.
„Lai!“, stöhnte ich auf und klammerte mich an ihn. Ich spürte die Folgen des Orgasmus. Meine Muskeln zitterten und ich bekam sie nicht unter Kontrolle.
„Ja?“ Ein Kuß landete auf meiner Stirn.
„Ich brauch was zu trinken“, brachte ich mühsam hervor. Warm lachte er auf. Eine Hand löste sich von meinem Rücken und reichte mir eine Tasse vom Couchtisch. Gierig trank ich den abgekühlten Tee. Er tat mir gut. Nachdem ich die Tasse weggestellt hatte, bemerkte ich, daß ich noch immer tief in Lai gebettet war. Ich führte die Hand zwischen unsere Leiber, hielt das Kondom fest und drückte Lai sacht von mir. Meine Finger zitterten, als ich mir das Präservativ abzog. Wie aus dem Nichts tauchte ein Zellstoff vor mir auf und mit einem Nicken nahm ich es an m ich, um mich zu säubern. Danach wickelte ich das rote Gummi in das Taschentuch.
Ich fühlte mich irgendwie anders und das hatte ich Lai zu verdanken. „Danke“, hauchte ich und warf mich in seine Arme. „Das war...“ Ich konnte es nicht umschreiben. Es gab kein Wort für das, was ich gerade erleben durfte.
„Es war nicht das letzte Mal.“
Siedendheiß durchfuhr es mich. Lai würde es mir ein weiteres Mal zugestehen und das, obwohl er noch immer nicht gekommen war. Trampel, schalt ich mich. Leg mal einen Zahn zu, du hast zwei Höhepunkte Vorsprung! Es ist nicht gerade fair, was du tust. Du läßt dich von Lai in den Himmel katapultieren und er bekommt nichts dafür.
Ich ließ den Blick über ihn gleiten und erkannte, daß mein Freund noch immer erregt war. Ich ließ meine Überlegungen Überlegungen sein und nahm ein weiteres Kondom, das ich ihm einfach überzog. „Jetzt bist du dran“, wisperte ich ihm zu und streckte mich auf dem Bauch liegend aus. „Auch ich will dich fühlen.“
Er kam über mich. Seine Zunge strich über meinen Nacken und schon drängten seine Knie meine Beine auseinander. Aus Macht der Gewohnheit verkrallte ich mich in den Stoff, der in diesem Fall die blaue Decke war. Ich kniff die Augen zusammen und biß die Zähne hart aufeinander. Es war nicht nötig. Lai war sacht und drängte sich nicht mit einem Stoß in mich, nein, er bereitete mich sanft und ohne Druck mit den Fingern vor, ehe er langsam und sanft in mich eindrang. Ich spürte ihn ohne Schmerzen und so ließ ich die Decke los. Er tat mir nicht weh.
Sein Gewicht verteilte sich auf mir und seine Hände schoben sich unter meinen Armen entlang, bis sich unsere Finger fanden. Mit den Lippen verwöhnte er mein rechtes Ohr, während er sich in mir bewegte. Ich fühlte, wie er mit sachten Stößen immer tiefer in mich vordrang. Lais heißer, unruhiger Atem streifte meine Wange und sein gedämpftes Stöhnen traf mein Ohr. Ich paßte mich seinen Bewegungen an, bis wir uns gegenseitig antrieben. Obwohl Lai sein Tempo stetig erhöhte und auch härter wurde, war es um einiges schöner und angenehmer als mit David. Lai schaffte es sogar, daß die Erregung in mir wieder zunahm. Ich fühlte das Pochen in meinem Glied, als es ein weiteres Mal anschwoll. Sicher bewegte er sich in mir und traf genau den Punkt, der mich immer erbeben ließ. „Lai!“, schrie ich heiser.
„Laß mich einfach machen!“, antwortete er, wobei er das Zittern seiner Stimme nicht verbergen konnte. Meine linke Hand ließ er los, damit er die seine unter meinen Körper schieben konnte. Sicher und fest umfaßte er meine Männlichkeit. Seine Hand bewegte sich im selben Takt zu seinen Stößen
Nein, nicht schon wieder, rief mein Körper. Wenn ich jetzt noch einmal komme, dann bin ich fertig. Ich wollte Lai einen Wink geben, als er tief in mich stieß, und schon war es zu spät. Ich biß in die Decke unter mir, als ich erschüttert wurde. Ich spürte, wie Lai ein letztes Mal in mich vordrang. Sein Aufstöhnen ging mir unter die Haut. Mein Freund war soeben gekommen und das nicht mal eine Sekunde nach mir.
Schwer atmend blieb der Thai auf mir liegen. Er entzog sich mir nicht sofort. Er gab mir seinen Körper weiter zu fühlen und ich hielt still. Ich besaß eh nicht mehr die Kraft mich aufzubäumen. Ich war vollkommen ausgepowert und total fertig. Lai hatte mich soweit getrieben, daß ich meine letzten Kraftreserven verbrauchen mußte. Meine Atmung beruhigte sich nur langsam und noch immer zitterten meine Oberschenkel. „Lai?“
„Hmm?“ Vorsichtig bewegte er sich auf mir. Er wollte unsere Vereinigung nicht verlieren.
„Laß mich nicht los!“, bat ich. Das nie konnte ich mir gerade noch so verkneifen. Es war noch zu zeitig dafür. Ich hätte ihm gerne gesagt, daß ich ihn liebte, aber es war nicht angebracht. Für dieses Geständnis mußten schon noch einige gemeinsame Nächte vergehen.
„Das werd ich nicht.“ Sacht knabberten Zähne an meinem Ohr. Vorsichtig zog er die linke Hand unter meinem Körper weg und strich mir feuchte Haarsträhnen aus dem Nacken, dann berührten seine Lippen dort meine Haut. „Niemals.“
Warm durchflutete es mich. Das, was ich mich nicht getraut hatte zu sagen, sprach Lai einfach aus. Ich schloß die Augen, gab mich dem zärtlichen Nachspiel hin und lauschte dem Ruf meines Körpers, der nach Schlaf und Erholung bat. Ich spürte noch, wie Lai sich vorsichtig von mir rollte und die Decke über uns zog, dann war ich eingeschlafen.

„Tut uns leid!“
Der Satz drang in mein Unterbewußtsein. Ich schlug die Augen auf und sah noch, wie sich die Tür schloß. Ich fühlte mich träge und ausgelaugt und in meinem Unterleib zog es.
„Schlaf weiter!“, murmelte jemand hinter mir. Eine warme Hand lag auf meinem Bauch.
Ich hatte mit Lai geschlafen. Ich war mit Lai zusammen und das leichte Brennen verdankte ich ihm. Er löste sich von mir. Ich rollte mich auf den Rücken und schaute in die schwarzen Augen, die auf mir ruhten. „Wie spät ist es?“
„Fast elf.“ Liebevoll strichen Lais Finger Haarsträhnen aus meiner Stirn. Diese Finger hatten mich überall berührt. Ein warmes Gefühl durchrieselte mich, bei der Erinnerung, an unsere Vereinigungen. Er hatte mich mit sich schlafen lassen. Ich durfte dank dem Thai zum ersten Mal in meinem Leben der Fordernde sein.
„Was - schon?“ Jetzt erst verstand ich Lais Antwort. „Da habe ich ja beinah vier Stunden geschlafen.“
„Ich bin kurz nach dir eingeschlafen, Engelchen.“ Lai zog mich enger an sich. Wir waren beide noch nackt und so konnte ich Lais Haut fühlen und seine Männlichkeit, die gegen meinen Oberschenkel drückte. Ich rutschte etwas tiefer, ließ eine Hand zwischen unsere Leiber gleiten und strich über Lais empfindlichstes Körperteil.
„Jan und Ina sind gerade wiedergekommen“, informierte Lai mich, nachdem er leise aufgestöhnt hatte.
„Sie waren hier?“, wollte ich wissen.
„Ja, aber keine Angst, du warst zugedeckt.“ Ein amüsiertes Glitzern trat in die dunklen Augen.
„Da gibt es nicht viel zu sehen“, antwortete ich und spürte, wie die Müdigkeit mich weiter in den Klauen hielt.
„Oh doch, sogar genug.“ Er zog mich wieder hoch. Notgedrungen löste ich die Hand von seiner Männlichkeit und gab mich seinem Kuß hin. Wohlige Schauer krochen über meinen Rücken und ich seufzte auf.
„Wir sollten duschen.“ Lai unterbrach einfach das erregende Spiel unserer Zungen.
„Nein“, wisperte ich. „Ich mag deinen Geruch. Laß ihn mir!“
„Sieht so aus, als wären wir beide munter. Was machen wir jetzt?“
„Einfach nur daliegen!“ Für mich konnte es nichts Schöneres mehr geben. In seinen Armen fühlte ich mich so geborgen. Ich mochte es, neben ihm zu liegen. Ich brauchte keine Angst zu haben, daß er gleich wie ein Irrer über mich herfiel. Er würde sich nie wie David verhalten, da war ich mir hundertprozentig sicher. „Halt mich fest!“
„Schmusebär.“ Er zog mich an sich, strich mit der rechten Hand durch mein Haar und küßte meine Stirn. „Was ißt du gern?“, fragte er völlig unpassend.
„Spaghetti, von denen bekomme ich nicht genug.“ Gut, jetzt würden wir reden und uns Unmengen Fragen stellen. „Den Gulasch meiner Mutter und ich mag Blattspinat.“
Lai nickte nur. Anscheinend fiel ihm nichts weiter ein. Ich dachte nach. Die Essenfrage war für mich vollkommen nebensächlich. Es gab viel wichtigere Dinge, die ich wissen mußte, und so fragte ich einfach: „Wie viele hattest du vor mir?“
„Einige. Ich hatte zwei längere Beziehungen und ein paar so nebenbei und du?“
„Mit dir - zwei.“ Ich ließ die Finger über seine Brust gleiten. Seine Haut war so schön warm und weich. Ich wollte ihn nie wieder loslassen.
„Wie lange warst du mit David zusammen?“ Lais Mund verzog sich leicht gequält. Er schien sich sein eigenes Bild von David gemacht zu haben.
„Vier Jahre.“ Haltsuchend schlang ich den linken Arm um ihn. Schmerzen ließen mein Inneres verspannen. Ich mußte ihmerzählen, was vorgefallen war: „Ich wollte nichts von David. Ich lernte ihn in einem Club kennen. Er war hartnäckig, lud mich ständig ein, ins Kino, zum Essen oder zu Partys. Irgendwann gab ich mich geschlagen und ging mit ihm aus. Es war ein schöner Abend und irgendwie zog er mich an. Na ja, um es kurz zu machen, wir kamen zusammen. Mit jedem Tag, der verging, verliebte ich mich mehr.“
Ich löste mich aus der sicheren Umarmung, setzte mich auf und lehnte mich mit dem Rücken gegen ihn. Mir fiel es einfacher zu reden, wenn ich mich aufrecht befand. Der Tee stand noch immer auf dem Couchtisch, längst war er kalt, doch ich verspürte Durst und so trank ich davon. Lai verlor kein Wort. Geduldig wartete er ab, bis ich weitersprach: „Er war ein toller Mann. Er warb um mich, obwohl wir schon fest zusammen waren. Jeden Wunsch versuchte er mir zu erfüllen und ich war glücklich mit ihm, wirklich glücklich.“ Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Die Erinnerungen waren schön, taten mir nicht weh, doch dann kamen die Momente, vor denen ich mich fürchtete.
Lais Körperwärme und Nähe gaben mir Kraft, fortzufahren: „David veränderte sich. Er ging nicht mehr auf mich ein. Plötzlich blieb er nächtelang weg. Neue Freunde tauchten auf - Männer die ich nicht mochte, aber ich liebte David und so blieb ich, obwohl ich an seiner Nichtbeachtung beinah zerbrach. Die Zärtlichkeiten fehlten. Er schlief nicht mehr mit mir, sondern nahm mich nur noch. Ich rätselte, was passiert sein konnte, und zerbrach mir den Kopf, wenn er nicht da war. Ich vermied es, so gut es ging, mit ihm alleine zu sein und lief nicht mehr nackt durch die Wohnung, weil er ständig über mich herfiel.“ Ein Schauer lief durch meinen Körper. „Ich fand eines Tages heraus, was ihn so veränderte - Drogen. Mein Freund war süchtig. Ich unternahm alles, um ihn davon loszubekommen. Er machte sich nicht mal mehr die Mühe, es vor mir zu verstecken. Offen haschte er mit seinen neuen Freunden, die er aufgenommen hatte, weil sie alle schon so abhängig waren, daß sie nicht mehr fähig waren zu arbeiten und teilweise auf der Straße schliefen. Tagsüber schliefen sie und nachts dröhnten sie sich zu.“
Hinter mir regte sich Lai. Sacht drückte er mich von sich, damit er sich aufsetzen konnte. Rasch zog er mich wieder in die Arme.
„Ich gab mir die Schuld für sein Verhalten und seine Abhängigkeit. Weiterhin war ich bei ihm weil ich hoffte, ihm helfen zu können. Wir schrien uns an und ich flüchtete mich in meine Welt. Ich fing an, mich selbst zu verletzen, damit ich merkte, daß ich an Davids Seite nicht abstumpfte. Ohne Regung sah er mir dabei zu. Es schien ihm völlig egal zu sein. Ich hätte mich vor seinen Augen umbringen können und er hätte es nicht bemerkt. Ihm waren nur seine drogensüchtigen Freunde wichtig. Ich packte meine Sachen, als ich nicht mehr konnte. Ich wollte verschwinden und war schon dabei, die Wohnungstür zu öffnen, als er plötzlich auftauchte und die Tür wieder zudrückte. Er schloß ab und steckte den Schlüssel ein. Bleib, bat er mich. Er flehte mich an, ihn nicht zu verlassen und er schwor, die Finger vom Koks zu lassen. Ich war blauäugig und vertraute ihm. Zwei Wochen ging es gut, dann hatte ihn die Sucht wieder voll im Griff.“ Ich verstummte, nahm mir ein Lebkuchenherz, zerbrach es und reichte eine Hälfte Lai. Ich kaute auf dem Teig, der immer mehr wurde in meinem Mund, anstatt weniger, und so spülte ich mit Tee nach.
„Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß David fremdgehen könnte, bis Jonas ihn mit einem anderen auf dem Klo unseres Stammclubs erwischte. Ich zerbrach immer mehr, aber ich kam nicht von David los. Erst als ich nicht mehr mit David zusammen war, verstand ich, daß ich ihn nicht mehr liebte, sondern abhängig von ihm gewesen bin.“
„Wann hast du Schluß gemacht?“ Jetzt erst stellte Lai seine erste Frage.
„Davids Aufenthalt war abgelaufen. Er ist freiwillig ausgereist, nach dem ich ihm versprochen hatte, auf ihn zu warten. Als er dann weg war, ging es mir von Tag zu Tag besser. Ich vermißte ihn nicht. Ich war frei und rief ihn an. Ich sprach das letzte Mal mit ihm.“
„Du hast Schluß gemacht?“
„Ja.“ Der Druck auf meiner Brust war verschwunden. Lai wußte jetzt, wie meine erste Liebe verlaufen war. Er würde keine Fragen mehr dazu stellen und vielleicht verstehen, wenn ich mich etwas eigenartig verhielt.
Schwer legte sich Stille über Lai und mich. Ich befand mich sicher in den Armen meines Freundes und ich genoß seinen nackten Körper, der meinen berührte. Schnell verdrängte ich die Erinnerungen an David und verstaute sie in einer Schublade tief in mir. Das Kapitel David war endgültig abgehakt. Vor mir lag ein neues Laben - ein Leben mit Lai.
Ich drehte mich in den kräftigen Armen, bis wir uns gegenüber saßen. Ich wollte in die schwarzen Augen schauen können. Alles kribbelte. Das gab es doch gar nicht. Ich war schon wieder heiß auf den Thai und ich gab meiner Lust nach, indem ich die Finger über Lais Brust gleiten ließ. Seine Hände fingen meine ab. Fragend sah ich ihn an.
„Bist du wirklich darüber hinweg?“
„Sicher. Ich habe doch jetzt dich.“ Ich beugte mich vor und küßte ihn heftig. Diesen Mann würde ich nie gehen lassen.

Mit viel Schwung glitt ich auf Lai zu. Geistesgegenwärtig öffnete dieser die Arme und fing mich auf. Ich lachte leise auf, als seine Arme sich fest um mich schlangen. Es war einfach nur herrlich. Seit einer Stunde machte ich mit meinem Freund die Eisbahn unsicher. Zu lauter Discomusik liefen wir mit den anderen Besuchern im Kreis.
Lai störten die Blicke nicht, die uns trafen, wenn er meine Hand hielt. Er stand zu mir und zeigte offen, was er für mich empfand. Ich fand es berauschend, wie er sich mir gegenüber verhielt. Teilweise war es sogar mir peinlich. Aber was soll’s, ich konnte doch stolz auf einen solchen Freund sein.
Ich sah zu ihm auf. Unterdessen hatte ich mich an das Glitzern in den dunklen Augen gewöhnt und auch an den warmen Ausdruck darin. Diese Augen schafften es doch immer wieder, mir Schauer über den Rücken zu jagen und es waren die schönsten, in die ich jemals blicken durfte.
Vorsichtig ließ Lai seine Hände auf meinem Rücken wandern. Er wollte nicht schon wieder das Gleichgewicht verlieren, so wie vorhin, als wir mit den Schlittschuhen an den Füßen die Eisfläche betraten. Lai hatte mich an der Hand gehalten, als ich von einem anderen Eisläufer in die Seite gerempelt wurde. Ich hatte noch versucht, bei meinem Freund Halt zu finden, was mir nicht gelang. Ich zog ihn mit mir und kurz darauf lagen wir beide lachend auf dem kalten Boden.
Ich lehnte den Kopf gegen seine Brust und ließ den Tag Revue passieren. Lange hatten wir geschlafen, nachdem wir uns die halbe Nacht über alle möglichen Dinge unterhielten, waren erst zum Mittag aus den Federn gekommen und hatten uns auf Jans Kartoffelauflauf gestürzt. Nach dem wir beide gesättigt waren, hatten wir beschlossen eine Runde an die frische Luft zu gehen. Irgendwann kamen wir an der Eissporthalle vorbei und Lai hatte mich einfach mitgezogen. Kurz darauf befanden sich schwarze Schuhe mit Kufen an unseren Füßen.
Der Thai schien ein spontaner Mensch zu sein. Er steckte voller Ideen und Überraschungen. Ich wußte, daß da noch einiges auf mich zukommen würde. Doch ich mochte diesen Zug an ihm. Es würde zu mindestens nie langweilig mit ihm werden.
„Ich muß mich noch beim Weihnachtsmann bedanken“, lachte ich leise.
„Wofür?“ Ungeachtet der vielen Menschen um uns herum fanden Hände ihren Weg auf meinen Hintern.
„Für das schönste Weihnachtsgeschenk meines Lebens.“ Ich machte mich lang, damit ich die warmen, weichen Lippen küssen konnte. Die Schlittschuhläufer die an uns vorbeirauschten, verschwanden. Ich nahm sie gar nicht mehr wahr.
Ich versuchte nicht darüber nachzudenken, daß er morgen fahren würde. Ich würde die Momente mit ihm auskosten und das tat ich jetzt, indem ich ihn hungrig küßte. Heftig umkreiste ich seine Zunge. Ich wollte ihn schmecken und jeder sollte sehen, daß dieser Mann der meine war.
„Laß uns gehen!“, bat Lai leicht außer Atem. „Mir zittern die Knie.“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Hatte ich tatsächlich eine solche Wirkung auf den Thai?
„Ich stehe sonst eigentlich nicht auf Schlittschuhen“, fuhr er unbeirrt fort und entließ mich aus seinen Armen.
„Ich auch nicht“, schmollte ich. Gerade jetzt, wo ich Gefallen an unserem Ausflug auf die Eisbahn fand, wollte er gehen.
„Und außerdem habe ich bestimmt Blasen an den Füßen.“
„Na gut.“ Ich gab mich geschlagen und trennte mich von meinem Freund. Ich folgte ihm und verließ hinter ihm die Eisbahn. An unserem Schließfach angekommen, reichte er mir meine Schuhe und ich tauschte sie gegen die Schlittschuhe ein. Es war eigenartig, wieder normal zu gehen. Ich kam mir plötzlich so plump und schwerfällig vor. Schweigend gaben wir die Schlittschuhe an der Ausleihe wieder ab und betraten das Foyer.
„Wollen wir noch was essen?“ Warme Finger fuhren durch mein Haar und zupften Strähnen zurecht.
„Gern und wo?“ Ich wehrte mich nicht gegen seine Zärtlichkeiten. Ich genoß seine Aufmerksamkeit noch, denn bald würde sie mir nicht mehr zugute kommen. Ich würde sie vermissen, wenn er sich wieder in Frankfurt befand.
„Worauf hast du denn Appetit?“ Lais Gesicht kam meinem gefährlich nah.
„Wenn ich jetzt Spaghetti sage, bekommst du einen Lachanfall.“ Ich streckte mich ein wenig in der Hoffnung, einen Kuß erhaschen zu können.
„Stimmt, da hast du Recht.“ Ein amüsiertes Glitzern trat in die nachtschwarzen Augen. „Wo ist denn ein guter Italiener?“
„Zwei Straßen weiter, daß ‘La Grotta’. Dort sitzt man in einer nachgestalteten Tropfsteinhöhle.“
Nickend bekundete er sein Einverständnis. Mit den Händen umfaßte er sanft mein Gesicht, dann küßte er mich und ich bekam den Kuß, den ich wollte. Eng umschlungen standen wir mitten in der Eingangszone der Eissporthalle.
„Ich hoffe, die Pasta schmeckt dort genauso gut wie du“, raunte er und strich mit dem Daumen über meine Unterlippe. Mir schoß das Blut in die Wangen angesichts dieses Komplimentes.
„Macht das zu Hause!“, wurden wir plötzlich von der Seite angegiftet.
Ich blickte zu dem Mann, der uns angesprochen hatte, und zuckte zusammen. Ich sah mich Thomas gegenüber. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Augenbrauen gefährlich nach oben gezogen.
„Laß uns in Ruhe!“, sagte Lai leise und zog mich wieder in seine Arme.
„Du bist nichts weiter als ein eingebildetes Arschloch, und dein Schoßhund ist noch grün hinter den Ohren.“ Abwertend nickte Thomas in meine Richtung. „Sicher kannst du es ihm nicht mal richtig besorgen. Der zuckte doch bei jedem Wehwehchen zusammen und bettelt darum, daß du aufhörst!“
Ich schlug den Blick nieder. Die Worte waren sicherlich von einigen verstanden worden. Was sollte ich jetzt tun? Öffentlich war ich beleidigt worden.
„Geh einfach, Thomas!“ Lai ließ sich auf keine Diskussionen ein.
„Du wirst dich nach mir zurücksehnen.“ Ein gefälliges Lachen verließ Thomas Kehle. „Die Nacht mit dir war ein Hammer. Dein Neuer wird unter dir zusammenbrechen.“
In mir zerbrach etwas, als ich Thomas Worte verstand. Ich schob die Hände von meiner Taille und drehte mich ganz langsam zu meinem Freund um. Ich sah nicht, wie Thomas mit einem fiesen Grinsen im Gesicht verschwand.
„Die Nacht?“ Eine eiskalte Faust hielt mein Herz umklammert. Der erste Eindruck am Silvesterabend schien richtig gewesen zu sein. Betreten nickte er. Auch das Lächeln in seinem Gesicht konnte nicht verbergen, daß er angestrengt nachdachte.
„Du warst mit Thomas zusammen?“ Ich wollte es nicht glauben, aber die Bilder, die in mir aufstiegen, zeugten vom Gegenteil. Plötzlich sah ich Lai und Thomas wieder auf der Couch in Jans Wohnung sitzen. Ich sah die Nähe zwischen ihnen und Thomas Finger auf Lais Oberschenkel. Die beiden waren zusammen gewesen an diesem Abend.
„Nein...“
„Aber...“ Ich schluckte schwer. Ein Kloß bildete sich in meinem Magen und wurde immer größer, wobei er mir in die Kehle stieg.
„Ich schlief mit ihm, ja, aber das ist sechs Jahre her. Ich habe ihn seit der Nacht nicht wiedergesehen, bis er Silvester unverhofft auftauchte.“ Vorsichtig faßte seine Hand nach meiner. „Er wollte schon damals alles von mir und wie es scheint, will er es noch immer.“
Aus einer mir nicht verstehenden Reaktion entzog ich ihm meine Finger. Ich mußte erst mal das Erfahrene verdauen. Konnte ich Lai Glauben schenken?
„Jens?“ Zum ersten Mal, seit ich den Thai kannte, erlosch das Lächeln. Ein gequälter Ausdruck erschien auf den weichen Gesichtszügen und in den Augen erkannte ich die Bitte, mich nicht abzuwenden.
Kein Wort verließ meinen Mund. Ich schaute ihn einfach nur an. Ich liebte diesen Mann, doch Thomas’ Sätze hatten mich ins Grübeln gebracht. Ich ließ mir die Sätze nochmals durch den Kopf gehen und erschauerte. Ich werde unter Lai zusammenbrechen? Wie hatte Thomas das gemeint? War Lai doch brutaler, als er es mir heute Nacht zeigte?
„Engelchen!“ Mit einem Ruck lag ich in seinen Armen. Fest umschlang er mich. „Laß dich von Thomas nicht verunsichern! Er ist ein Idiot.“
Steif blieb ich stehen, schmiegte mich nicht an ihn, wie ich es bisher getan hatte. Er sollte nicht wie David sein! Ich wollte nie wieder diese Schmerzen verspüren, wie sie mir der Amerikaner zum Schluß zufügte. Ich knirschte mit den Zähnen und stellte mit Wut fest: „Wenn du dich auch nur einmal an mir vergehst, dann schwöre ich dir bei Gott, du bekommst echten Ärger.“ Woher die unterschwellige Wut plötzlich kam, konnte ich mir nicht erklären.
Ich sah, wie Lai zusammenzuckte. Meine Worte hatten ihn erschreckt. Nervös fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. Ein Zeichen seiner Unsicherheit.
„Niemals, Jens.“ Seine Stimme war schwach. „Ich bin keine achtzehn mehr und auch ich habe viel gelernt in meinem Leben.“
„Hoffentlich.“ Innerlich atmete ich auf und entzog mich Lai, um meinen Schal enger zu ziehen. Dann schloß ich meine Jacke und sagte: „Der Italiener wartet.“ Für mich war das Thema erst mal erledigt.
Lai nickte etwas verhalten und folgte mir zögerlich, als ich die Halle durch den Haupteingang verließ. Ich sah mich nicht nah ihm um. Er würde mir schon nachkommen.
Schneeflocken hüllten mich ein. Ich stopfte die Hände in die Hosentaschen und ärgerte mich über mich selbst. Ich verhielt mich wie ein bockiges Kind. Lai tat alles, damit ich mich in seiner Nähe wohlfühlte, und ich veranstaltete einen Aufstand wegen einem Typen, der Lai nichts bedeutete. Scheiß Eifersucht! Wieso war ich nur ein solcher Klammeraffe? Ich mußte mir die dämlichen Angewohnheiten irgendwie abgewöhnen, aber wie? David hatte so viel in mir zerstört. Ein Anfang war es sicherlich, wenn ich begann, dem neuen Mann an meiner Seite zu vertrauen, und das würde ich sofort tun.
Ich blieb stehen, wirbelte auf der Stelle herum und sah mich nur Zentimeter von Lai entfernt, der sich direkt vor mir befand. Unsere Blicke trafen sich. Ich hielt den schwarzen Augen stand und versuchte, mein Verhalten zu erklären: „Tut mir leid. Ich dachte vorhin, daß du und Thomas ein Paar wart und du ihn hast sitzen lassen.“
Lai nickte nur. Ich konnte nicht erkennen, was dem Thai durch den Kopf ging. Er schaute mich einfach nur mit seinen faszinierenden Augen an. „Du hast meinen Worten keinen Glauben geschenkt“, stellte er fest und versetzte mir damit einen Stich. „Aber ich kann dich gut verstehen.“ Seine Hände legten sich an meine Taille und zogen mich näher. „Du kannst mir vertrauen, Jens!“
Etwas unsicher schaute ich zu ihm auf. Der Thai war mir ein Rätsel. Er verhielt sich mir gegenüber so gerecht und fair, daß es schon an Wahnsinn zu grenzen schien, aber er schien wirklich so ein Typ zu sein - ehrlich und mir gegenüber unwahrscheinlich liebevoll.
Verdammt, wieso war Lai nur so groß? Jedesmal, wenn ich ihn küssen wollte, mußte ich auf die Zehenspitzen gehen und mich strecken. Ich mochte diesen Zustand nicht. Bei David fand ich es toll, aber bei Lai störte es mich. Vielleicht sollte ich es wie Bärchen machen und mir ein Paar hohe Schuhe kaufen, damit ich nicht ganz so klein wirkte. Er hatte doch auch mehrere Paar davon im Schrank stehen und seine Erklärung war so herrlich einfach. ‘Ich entscheide, bevor ich weggehe, ob ich einen großen Kerl für eine Nacht haben will oder lieber einen kleinen zum Kuscheln’, hatte er ohne mit der Wimper zu zucken gesagt. Tief in meine Überlegungen versunken merkte ich nicht, wie Lai mich ein Stück höher zog und wie er sich dann zu mir hinabbeugte. Erst als er mich ganz sanft küßte, fand ich zu meinem Freund zurück.
„So, jetzt laß uns endlich was essen gehen!“, hauchte er an meine Lippen. „Mir knurrt der Magen.“
Ich nickte und ging mit einem dämlichen, aber sehr zufriedenen Grinsen im Gesicht los und wie selbstverständlich griff seine Hand nach meiner.
Ich konnte noch immer nicht so richtig glauben, daß ich einen neuen Freund hatte und dazu noch einen, der phantastisch aussah und auf meine Gefühle und Wünsche Rücksicht nahm. War Lai der Traumprinz, von dem Bärchen immer sprach? Hatte ich ihn tatsächlich gefunden, so wie Bärchen es mir prophezeite? Lai schien zumindest perfekt zu sein, aber mit großer Sicherheit hatte auch der Thai einen Haken. Irgendwann würde ich seine Schwächen und Fehler schon noch herausfinden.

„Ich muß jetzt wirklich los, Engelchen!“ Lai verteilte federleichte Küsse auf meinem Bauch. Ich konnte ihn noch immer in mir fühlen, und das, wo wir schon seit einer halben Stunde nur noch kuschelten. Es war berauschend, mit ihm zu schlafen. Er verstand es, mich so richtig zu befriedigen. Es war nicht eine Sache von einer Minute, wie es David gehandhabt hatte, nein, Lai konnte sich sehr gut zügeln und dementsprechend ausgepowert und selig lag ich unter ihm.
„Bleib!“, bat ich. Ich wollte ihn nicht gehen lassen. Ich wollte weiterhin neben ihm liegen und seinen Körper fühlen und berühren.
„Aber ich muß.“ Vorsichtig rutschte der Thai höher, bis sich sein Kopf mit meinem auf einer Höhe befand und er mir in die Augen schauen konnte.
„Ich will dich nicht gehen lassen!“ Ich schlang die Arme um ihn und klammerte mich an ihn, als würde mein Leben von seiner Anwesenheit abhängen.
„Glaub mir, Jens, ich würde auch lieber hier bei dir bleiben, als jetzt aufzustehen und nach Frankfurt zu fahren, aber das geht nicht.“ Die schwarzen Augen schienen noch dunkler zu werden. „In nicht mal zwei Wochen bin ich wieder bei dir“, hauchte er versprechend und knabberte zart an meiner Unterlippe.
„Und wie soll ich heute Abend ohne dich einschlafen?“, schmollte ich. Ich wußte, daß wir beide morgen wieder zu Arbeit mußten. Mir gefiel der Gedanke jedoch gar nicht. Ich wollte nicht wahrhaben, daß ich ihn gehen lassen sollte. Mein Freund löste sich von mir und verließ das große Bett von Jan und Ina, die es uns für ein letztes Mal überlassen hatten.
Ich rollte mich auf die Seite und sah, wie er seinen Slip vom Boden aufhob, um ihn anzuziehen, doch dagegen hatte ich etwas. Ich sprang auf, eilte zu ihm, schlang die Arme um seine Taille und schmiegte mich ganz eng an ihn. „Ich will dich noch einmal fühlen“, raunte ich gegen seine Brust und ehe er darauf reagieren konnte, ging ich in die Knie. Dabei ließ ich den Mund über seine Haut gleiten, tiefer hinab, bis ich an seine empfindlichste Stelle gelangte. Ich schlug die Finger in den festen Hintern und ließ die Lippen über sein bestes Stück gleiten. So einfach würde ich meinen Freund nicht entlassen.
„Jens!“, keuchte er und legte die Hände auf meine Schultern, um mich wieder hochzuziehen.
Ich blieb hartnäckig und ließ die Zunge immer wieder über die empfindliche Haut gleiten, bis er die Gegenwehr aufgab. Meine Fingerspitzen kosten die babyweiche Haut des wohlgeformten Pos, nachdem ich ein Kondom ausgepackt und über seine Erektion gestreift hatte. Es war schließlich das letzte Mal für die nächsten Wochen.
Unerwartet verlor ich den Boden unter der Füßen. Kräftige Hände hatten mich an der Taille gefaßt. Ich schlang die Beine um den Thai und ließ mich bereitwillig von ihm zum Bett tragen. Sacht glitten seine Finger über mich, in mich, verteilten Gleitgel und schon spürte ich, wie er vorsichtig in mich eindrang. Erst bewegte er sich ganz geruhsam, doch dann steigerte er sich.
Heftig atmete ich, als ich die Wellen des Höhepunktes auf mich zurasen spürte. Nein, nicht als erster, hämmerte es in mir und ich hielt still. Kurz wollte ich verschnaufen, um ein wenig der Erregung zu verlieren. Damit aber nicht auch Lais Erektion abklang, ließ ich meine Gesäßmuskeln arbeiten, indem ich sie immer wieder anspannte. Mit einem zufriedenen Lächeln setzte mein Freund zum Endspurt an und ich kam mit einem heiseren Aufschrei. Der Orgasmus hatte mich doch schneller eingeholt, als es geplant gewesen war. Hoffentlich war auch mein Freund gekommen?
Neugierig beobachtete ich wie er sich das Kondom abzog und atmete zufrieden auf. Mein Freund griff nach einem Taschentuch und säuberte sich.
„Du schuldest mir noch eine Antwort“, kam ich auf meine Frage zurück.
Lai erhob sich, bückte sich, hob sein T-Shirt auf und warf es mir zu. „Behalt es.“
Ich fing das graue Shirt, hielt es mir vor die Nase und schnupperte daran. Der Stoff roch nach ihm. Er würde mich an den Thai erinnern, wann immer ich vor Sehnsucht nach ihm verging. „Danke“, murmelte ich und schlug den Blick nieder. Es war an der Zeit, Abschied zu nehmen.
Schweigend zog ich mich an und richtete das Bett. Ich vermied es, Lai anzusehen. Irgendwie fühlte ich mich melancholisch. Ich spürte die Traurigkeit in mir. Ich wollte ihn nicht loslassen. Er gehörte doch zu mir.
„Na komm!“ Warme Finger griffen nach meiner Hand und gemeinsam verließen wir das Schlafzimmer von Familie Mühlner.
Jan und Ina sahen uns entgegen, als wir die Wohnstube betraten. Gemeinsam hatten sie es sich auf der Couch bequem gemacht. Jans Finger glitten sacht über den runden Bauch. Die blonde Frau richtete sich auf und kam aus ihre halb liegenden Position hoch. Lai setzte sich zu ihr. Notgedrungen nahm ich neben ihm Platz.
Es war ein eigenartiges Gefühl für mich. Lais besten Freunde wußten ganz genau, was wir gerade getan hatten, aber Lai schien dieser Gedanke gar nicht zu stören, denn er goß sich Kaffee in den Becher, der vor ihm stand.
Es war schon 15:00 Uhr und ich beobachtete, wie der Sekundenzeiger an der Uhr in der Schrankwand weiterwanderte. Eigentlich hatte mein Freund geplant, gegen 10:00 Uhr aufzubrechen. Unterdessen war es fünf Stunden später, wegen mir. Ich würde mir auch noch einen Kaffee gönnen und die letzten Minuten an seiner Seite auskosten.
„Ihr seid so ruhig“, stellte Jan fest und sah uns an.
„Hmm“, murmelte ich und trank einen Schluck.
„Ich hoffe ihr habt eure Adressen getauscht“, sagte Ina plötzlich und ich zuckte zusammen. Jans Frau erinnerte mich daran, daß ich Lai beinahe ohne seine wichtigen Angaben hätte gehen lassen.
„Nein“, fuhr Lai auf und schob sich an mir vorbei. Er eilte zur Schrankwand, öffnete ein Fach und brachte Kugelschreiber und Notizzettel zum Vorschein. Mit den Schreibutensilien kam er zu mir. Seine Augen glänzten, als er mir einen Zettel und den Stift reichte und ich schrieb ihm alles auf, was wichtig schien. Nun konnte er mich auf alle erdenklichen Arten und Weisen erreichen. Ohne ein Wort schob Lai den Zettel in sein Portemonnaie und gab mir seine Angaben, die ich in der kleinen Tasche am Rucksack verstaute.
Nur mit kleinen Schlucken leerte ich meinen Kaffee. Ich wollte noch ein paar Minuten gewinnen. Mit einem Ohr lauschte ich Jan und Lai, die miteinander sprachen, und bekam mit, daß es um den zukünftigen kleinen Mühlner ging. Ich schloß die Augen und hing meinen Gefühlen nach, die ich soeben noch durchlebte.
Eine Hand fand den Weg auf meinen Oberschenkel und streichelte mich sacht. „Ich muß jetzt wirklich los.“
Ich nickte mit einem riesigen Kloß im Hals und sah Lai nach, als er in den Korridor ging. Mit einem leichten Stechen in der Brust schaute ich dabei zu, wie er sich Schuhe und Jacke anzog.
„Soll ich dich nach Hause fahren?“
Überrascht schaute ich meinen Freund an und antwortete viel zu schnell: „Nein. Ich nehme die U-Bahn.“
Verstehend nickte er. Mit seinen schwarzen Augen fing er mich ein. „Kommst du mit runter?“
„Ja, ich gehe auch gleich.“ Ich reichte Jan und Ina die Hand und bedankte mich für ihre Gastfreundschaft.
„Ich hoffe, wir sehen dich mal wieder“, hauchte Jans Frau und küßte mich auf die Wange.
„Sicherlich“, antwortete Lai an meiner Stelle und gab mir meine Jacke.
„Vergiß uns nicht, Lai!“, lachte Jan verhalten. „Du wirst Jens jetzt ja öfter sehen als uns und denk daran, du wirst in ein paar Tagen Patenonkel.“
Lai zog Jan in seine Arme. Die beiden waren wirklich die besten Freunde und ich mußte an Bärchen denken, den ich seit drei Tagen vernachlässigte. Ich würde Jonas sofort anrufen, wenn ich zu Hause ankam. Schweigend ging ich in die Knie und band meine Boots zu, danach hing ich mir den Rucksack über die linke Schulter. Mit einem letzten Nicken verließ ich die Wohnung, die zu einem kleinen Liebesnest für Lai und mich geworden war. Still gingen wir Hand in Hand die Stufen hinab. Ob er sah, wie traurig ich war?
Lai zog die Haustür nach innen und trat hinaus in die kalte Januarluft. Der Himmel war verhangen. Schwere Wolken verdeckten die Strahlen der Sonne, die sicherlich dahinter schien. Es sah nach Schnee aus.
Der blaue Opel stand rechts vom Hauseingang. Ich mußte nach links, wenn ich zur U-Bahn wollte. Mit zitternden Fingern zog ich den Reißverschluß meiner Jacke höher.
„Engelchen!“ Fest umschlossen warme Finger die meinen.
„Hmm?“ Ich brachte kein Wort hervor. Mir schnürte es die Kehle zu. Ich mußte weg, ehe die Tränen es schafften, ins Freie zu gelangen.
„Ich rufe dich an.“ Er zog mich an sich, Hände legten sich auf meinen Hintern und ich streckte mich. Ich wollte ihn noch einmal schmecken, bevor er verschwand. Unsere Lippen fanden sich. Mir schien es, als wären sie wie füreinander gemacht. Haltlos klammerte ich mich an den Thai. Gleich war er weg und ich allein. Gierig schob ich meine Zunge in Lais Mund. Nichts mehr mit vornehmer Zurückhaltung. Ich wollte Lai genauso in mein Gedächtnis brennen. Atemlos zog ich mir die Lippen nach, als er mich später sanft von sich drückte.
„Soll ich dich wirklich nicht nach Hause fahren?“ Weiche, warme Fingerspitzen strichen über meine Wangen.
„Nein, laß mal.“ Ich faßte nach den warmen Händen und hielt sie fest, dabei schmiegte ich mein Gesicht in die Handflächen. „Dann bin ich wenigstens nicht ganz so lang allein zu Hause.“
„Wieso?“
„Ich wohne auf der anderen Seite der Stadt und sicherlich brauche ich fast genauso lange nach Hause wie du.“ Ich hauchte Küsse auf die Fingerspitzen.
„Noch ein Grund mehr, dich zu fahren.“ Lais Gesicht kam meinem wieder näher.
„Nein, ich ruf Jonas an und sag ihm, dass er nachher zu mir kommen soll. Ich genieß jetzt die U-Bahn.“
„Na gut.“ Lai zog mich noch einmal fest in die Arme, dann ließ er mich los. „Machs gut.“ Er drehte sich um und ging auf seinen Opel zu.
Ich sah ihm nach, heftete den Blick auf sein Gesäß und holte tief Luft. Da ging er dahin, der Mann meiner Träume mit dem perfekten Hintern. „Lai!“, rief ich und hielt ihn auf. Mit einigen großen und schnellen Schritten war ich bei ihm, dann warf ich mich in die ausgebreiteten Arme und versteckte mein Gesicht an der dicken Daunenjacke. Finger fuhren durch mein Haar, strichen meine Kopfhaut und sorgten für eine Gänsehaut. Ich hob den Kopf, ging auf die Zehenspitzen und küßte Lai wild. Es war mein Abschiedskuß.
„Du verhältst dich, als würden wir uns nicht wiedersehen.“ Zwischen den Worten hauchte er kleine Küsse auf meine Lippen.
Und wieder hatte der Thai mich durchschaut. Es war schon gespenstisch, wie gut er mich in der kurzen Zeit kennengelernt hatte.
„Nur zur Erinnerung“, raunte ich atemlos. Ich würde ihm nicht sagen, daß ich mir tatsächlich einen Kopf machte. Ich verspürte wirklich Angst. Ich hatte Angst, daß dieser Kuß unser letzter war.
„Zur Erinnerung.“ Hinterhältig grinste er und schon lagen seine Hände auf meinem Hintern. Leicht massierte er mich durch die Jeans, bis er heiser wisperte: „Es ist besser, wenn ich jetzt in meinen Wagen steige und fahre, Engelchen.“
Tapfer nickte ich und blieb wartend auf dem Bürgersteig stehen, während Lai seine Tasche im Kofferraum verstaute und einstieg. Ich überlegte noch, ob ich ihn bitten sollte, mich zu fahren, entschied mich aber dagegen, da mir der Abschied so schon schwer genug fiel. Lai winkte mir, dann startete er seinen Opel und fuhr hupend aus der Parklücke. Ich schaute dem Wagen nach, bis er in der nächsten Querstraße verschwunden war. Ein unangenehmer Druck baute sich hinter meinen Augen auf. Ich bekämpfte ihn hartnäckig und gewann.
Ich zog den Rucksack auf der Schulter zurecht, ging zwei Schritte zurück und drehte mich um. Mit der Stirn stieß ich gegen einen Laternenpfahl, den ich nicht gesehen hatte, und da war es vorbei. Ohne Unterlaß drangen Tränen aus meinen Augen. Der Stoß war der sprichwörtliche letzte Tropfen auf dem heißen Stein gewesen.
Immer wieder strich ich mir mit den Handrücken über die Augen und die Wangen. Es war zwecklos. Die salzige Flüssigkeit benetzte meine Haut weiter. Tief holte ich Luft. Lautlos heulte wie ein Schoßhündchen und fand dafür keine plausible Erklärung. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so weinte. Ich verstand mich nicht. Ich wußte nur, daß ich Lai tatsächlich liebte. Es tat so weh, daß er nun weg war.
Zu meiner Traurigkeit gesellte sich die nackte Angst. Was war, wenn ich für Lai nur ein Abenteuer gewesen bin? Wie würde ich damit umgehen, wenn er sich nie wieder meldete und mich wie eine heiße Kartoffel fallen ließ? Ich fand keine Antworten auf die Fragen, die mir unter den Nägeln brannten. Mit tränenfeuchtem Gesicht und nassen Fingern zog ich mein Handy aus der Jackentasche und tippte Bärchens Nummer ein. Mit einem fröhlichen: „Jepp“, meldete er sich.
„Ich bin es.“ Ich konnte nicht verhindern, daß meine Stimme verschnupft klang.
„Maus, wo bist du?“
„Auf dem Weg nach Hause. Kannst du nachher zu mir kommen? Ich will nicht alleine sein.“ Ich schloß den Reißverschluß meiner Jacke ganz, da teilweise der Wind darunter pfiff und mich frösteln ließ.
„Was ist denn?“ Bärchen war plötzlich ganz ernst. Kein Schalk klang in seiner Stimme mit.
„Lai ist weg“, antwortete ich und setzte mich in Bewegung, um zur U-Bahn-Station zu gelangen. Bärchen stellte keine weiteren Fragen und gab mir zu verstehen, daß er in ein paar Stunden bei mir sein würde.
Meine Tränen waren versiegt, als ich das Telefon wegpackte. Ich war froh darüber, daß ich meinen Discman mitgenommen hatte, und so schaltete ich den Player an. In voller Lautstärke dröhnte mir derbe Rockmusik in die Ohren. Diese Art von Musik hatte es bisher immer geschafft, mich abzulenken. Wie in Trance bewegte ich mich vorwärts. Nur am Rande nahm ich wahr, daß ich mit der Rolltreppe in die Tiefe fuhr und dann sogar in die U-Bahn stieg.
Wie ein Häufchen Elend saß ich auf der grünen Bank. Ich hielt die Augen geschlossen und erinnerte mich an Lai. Überall fühlte ich seine Hände und seine Lippen. Ich roch sein After Shave und schmeckte seine Küsse. Seine Stimme hallte in mir nach und ich spürte schon wieder, wie Tränen in mir aufstiegen. Fest schloß ich den Rucksack in die Arme, als gelte es ihn zu beschützen. In Gedanken sah ich Lai, wie er nackt vor mir lag, die Lider gesenkt, und wie sich sein Brustkorb hob und senkte.
Zweimal stieg ich um, dann war ich in meiner Wohngegend angekommen. Circa fünf Minuten mußte ich noch gehen, ehe ich meine Wohnungstür öffnen konnte. Ich machte Licht, ließ den Rucksack im Korridor fallen und eilte zu meinem Arbeitstisch. Ich schaltete die Schreibtischlampe an, nahm meinen Block und einen Bleistift. Ich wollte den Thai auf Papier bannen, damit ich ihn bei mir hatte.
Der Stift flog nur so übers Papier und bald sah ich auf einen vor Verlangen gezeichneten Lai. Nackt lag er auf dem Sofa. Ein paar Haarsträhnen hatten sich in das weiche Gesicht verirrt und ich erschauerte. Das war so gar nicht mein Stil, doch seit ich Lai kannte, hatte ich zu einfachen, klaren Linien zurückgefunden. Jede Kleinigkeit war aufs penibelste ausgearbeitet und die Schatten ließen alles sehe lebendig wirken. Am meisten geschockt war ich davon, daß ich meinen Freund in voller Erregung aufs Blatt gezaubert hatte. Das war es, was sich in mir einbrannte. Ich suchte eine Mappe heraus und legte das Bild dort ab. Dahinter sortierte ich die anderen Zeichnungen, die ich von Lai angefertigt hatte. Mit den Fingerspitzen fuhr ich über den Bleistiftkörper. Wie gern würde ich ihn in Wirklichkeit berühren...
Ein Klingeln schreckte mich hoch. Eilig rannte ich zur Tür und zog sie auf. Bärchen sah mich aus fragenden Augen an. Er drängte sich nicht wie üblich an mir vorbei, sondern blieb abwartend stehen, bis ich zur Seite trat. Ohne ein Wort hängte er seine neue silberne Jacke auf und streifte die Plateauschuhe von den Füßen. Das silberblonde Haar war heute ordentlich in Unordnung gebracht. Sofort fühlte ich mich besser. Mein Wirbelwind war da.
„Bist du gerade erst rein?“, fragte Jonas und strubbelte sich durchs Haar.
„Nein, wieso?“
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Bärchens Gesicht. „Du hast noch Schuhe und Jacke an.“
„Was?“ Erschrocken sah ich an mir hinab. Mein bester Freund war im Recht. Ich hatte vergessen, mich auszuziehen. „Das gibt’s doch gar nicht“, kommentierte ich meine Feststellung und legte die Winterkleidung ab.
„Sag mal, was hat Lai mit dir gemacht?“ Bärchens Blick strich von oben nach unten über meinen Körper und wieder zurück.
„Mich verzaubert.“ Ich griff nach seiner Hand, um ihn mit ins Wohnzimmer zu ziehen.
„Du hast vorhin geweint. Ich dachte schon, Lai hat dich abserviert.“ Fest schlossen sich Jonas Finger um meine.
„Davor habe ich Angst.“ Wieder war das mulmige Gefühl in meinem Magen da. Ich ließ mich auf mein kleines Sofa fallen und zog Bärchen an mich. Ich brauchte seine Nähe, so wie immer, wenn ich mich nicht gerade wohlfühlte.
„Erzähl doch mal, was ihr alles gemacht habt!“ Bärchen lehnte sich gegen mich. Unser altes ‘ich gebe dir Halt’-Ritual bestand, egal mit wem wir gerade zusammen waren, doch bevor ich meinem Freund alle Einzelheiten schilderte, entzündete ich eine Zigarette. An ihr konnte ich mich auch noch festhalten. Mit Begeisterung und all meiner Liebe, die ich für Lai empfand, erzählte ich Jonas von den drei Tagen. Kein Detail verschwieg ich. Seit ich Bärchen kannte, herrschte absolutes Vertrauen zwischen uns. Auch Bärchen erklärte mir genau, was in seinen Beziehungen vor sich ging.
Wir gingen sehr offen miteinander um und wir wußten sogar, welche sexuellen Praktiken wir bevorzugten und so ließ ich Bärchen an meinen wundervollen Stunden zu zweit mit Lai teilhaben.
„Er meldet sich“, sagte Bärchen fest überzeugt, nachdem mein Redefluß versiegte. „Mir scheint er jedenfalls sehr verantwortungsbewußt.“
„Hoffentlich hast du Recht. Ich weiß nicht, was ich tun werde, wenn es das schon war.“
„Du bist viel zu pessimistisch, Maus.“ Bärchen löste sich von mir und verließ das Sofa. „Denk doch nicht immer gleich ans Schlimmste!“ Langsam durchschritt er meine Wohnstube, näherte sich dem Arbeitstisch und nahm die Mappe in die Hände. Er schlug sie auf und schaute auf die neuste Zeichnung. Unmerklich weiteten sich seine Augen, dann lächelte er anzüglich. „Da hast du einen echt guten Fang gemacht.“
„Ja, und ich gebe ihn nicht mehr her.“ Ich zog ein Kissen auf meinen Schoß. „Schläfst du hier?“
„Wenn du willst.“ Bärchen legte die Mappe wieder auf meinen Schreibtisch. „Wir könnten uns mal wieder einen richtig schönen, gemütlichen Abend machen, mit Cappucino, Knabbergebäck und ‘Kreuz und queer’.“
Ich lachte auf. „Du, ich kenne da ein Pub um die Ecke, die haben sogar echtes ‘Guinness’.“
„Ja, laß uns von heißen Iren träumen“, stieg Bärchen ein und warf sich zu mir auf die Couch. „Ach nein, du träumst ja jetzt lieber von süßen Thais.“
Ohne Vorankündigung rollte Jonas sich auf mich. Plötzlich lagen seine Finger an meiner Taille und ich schrie auf, als Bärchen seine Kitzelattacke startete. Unter Lachanfällen wehrte ich mich mit Händen und Füßen und mußte trotzdem klein beigeben. Bärchen war so wendig und schnell, daß ich keine Chance besaß.
Schwer atmend blieben wir einige Momente später einfach liegen. Stille hüllte uns ein, bis Bärchen mich auf Trab brachte: „Laß uns eine Pizza in den Ofen schieben!“
Mit dem uns meinte er eigentlich mich, denn wie gewohnt machte Bärchen es sich auf der Anrichte in der Küche bequem, während ich den fertigen Teig belegte.
„Wie fühlt Lai sich an?“, erkundigte sich Jonas ohne rot zu werden, dabei klaute er sich Champignonscheiben.
Ich schaute auf, suchte den Emmentaler im Kühlschrank und die Reibe, dann drückte ich ihm die Utensilien in die Hand und sagte: „Mach dich nützlich!“
Bärchen sprang von der Anrichte, nahm sich eine Schüssel und begann den Käse zu reiben. „Ich bekomme noch eine Antwort!“
„Gut, reicht das?“ Ich schnitt den Paprika in Scheiben.
„Bohrt er, stößt er oder tut er es ganz gemütlich und abwechselnd?“
„Jonas!“ Mein Aufschrei genügte. Bärchen verstummte. Er wußte ganz genau, daß er zu weit gegangen war, wenn ich ihn beim richtigen Namen nannte.
Gerade als ich Thunfisch aus der Büchse ablaufen ließ, meldete sich mein Telefon. Jonas stürmte los und hob ab. Natürlich, er wollte wenigstens Lais Stimme hören. Bärchen winkte mir kurz zu und verschwand im Wohnzimmer. Ich hörte ihn kichern, während er mit Holger sprach. Nach zehn Minuten nahm ich ihm einfach den Hörer weg und sagte Holger, daß er sein Bärchen übers Handy anrufen soll, da ich unbedingt eine freie Leitung benötigte.
Frech grinste Jonas mich an. „Dich hat es wirklich total erwischt und ich freue mich darüber, aber denkst du nicht, daß Lai es einfach noch mal probiert oder es übers Handy versucht?“
„Sicherlich, aber...“ Ich legte das Telefon zurück auf die Station und murmelte: „Ach, vergiß es. Ich schieb die Pizza in den Herd.“
Die gute Laune war verflogen und die Angst wieder da. Alles in mir sträubte sich bei dem Gedanken, daß Lai nicht mehr von mir wollte, als den Sex der vergangenen Tage.
„Du grübelst schon wieder, Maus.“ Bärchen trat hinter mich, legte die Arme um mich und küßte mein linkes Ohrläppchen. „Wenn Lai sich nicht meldet, dann ist er es auch nicht wert, daß du ihm nachtrauerst. Jeder Mann könnte sich glücklich schätzen, dich zum Freund zu haben.“
Ich verschränkte unsere Finger und lehnte mich gegen Jonas. Unsere Freundschaft stand uns wirklich im Weg. Bärchen und ich würden hervorragend zusammenpassen, aber würde es gut gehen können? Eine Frage, die ich gar nicht beantwortet wissen wollte. Ich würde Bärchen für nichts auf der Welt aufgeben, auch nicht für eine Beziehung, die auseinanderbrechen könnte. Ich genoß Bärchens Nähe und schaute in die Backröhre, in der unsere Pizza vor sich hinbruzelte. Es war schön - so ruhig, bis uns ein Klingeln aufschreckte. Ich stand steif. Das ist Lai, schoß es mir durch den Kopf.
„Na siehst du“, hauchte mir Bärchen in den Nacken und schob mich in den Flur zu meinem Telefon. „Nun heb schon ab!“
Meine Finger zitterten, als ich nach dem Hörer griff und meine Stimme schien versagen zu wollen. „Hallo“, meldete ich mich heiser.
„Ich bin es.“
Diese wundervolle, weiche Stimme hallte in meinem Ohr wieder und mein Herz schlug Purzelbäume vor Freude. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, so aufgeregt war ich. Es entstand eine peinliche Pause und ich suchte dringend nach Worten, die mir Bärchen zuflüsterte: „Frag ihn, wie er zu Hause angekommen ist!“
„Bist du gut durchgekommen oder war irgendwo Stau?“, erkundigte ich mich und drückte dankbar Bärchens Hand.
„Es lief hervorragend - kein Stau. Und du? Kam deine U-Bahn gleich?“
Ich sah die schwarzen Augen vor mir und das Lächeln auf dem gleichmäßigen Gesicht. „Ja, lief alles glatt.“
„Was machst du heute noch?“
Irgendwie erinnerte mich das alles an ein Blinddate. Keiner wußte so recht, was er tun sollte und das, wo wir drei Tage gemeinsam verbracht hatten, in denen wir uns gut unterhielten. Ich war verkrampft und beschloß, offener zu werden. „Jonas ist bei mir. Wir wollen einen Videoabend machen.“ Bärchen zwinkerte mir zu und ließ meine Hand los, dann verzog er sich in die Küche und überließ mich meinem Schicksal.
„Was schaut ihr euch an?“
„Jonas Lieblingsfilm.“ Ein leises metallenes Klacken erklang in der Leitung. „Was machst du?“, fragte ich neugierig.
„Ich hab Gemüse in der Pfanne und such gerade einen Löffel.“
„Du kochst nebenbei?“ Ich war fassungslos.
„Ja, ich hab Hunger und ich wollte dich nicht länger warten lassen.“
„Das ist ja lieb von dir.“ Und schon war es mir herausgerutscht. Eigentlich wollte ich noch gar keine Komplimente oder ähnliches machen und schon gar nicht mit dem Wort lieb, aber mein Herz gewann gerade die Oberhand.
„Findest du?“ Ein leises Lachen begleitete Lais Frage.
„Ja, du rufst mich während dem Kochen an, damit ich nicht warten muß.“
„Schade, daß du nicht hier bist.“
„Wieso?“ Aufgeregt nagte ich an meinem Daumennagel. Was würde Lai mir jetzt antworten? Gespannt wie ein Flitzebogen wartete ich ab.
„Dann könnte endlich mal jemand meine Kochkünste bewerten.“
„Ist es nur das?“ Ich bohrte weiter. Ich wollte unbedingt mehr hören und endlich erfahren, woran ich war.
„Hmm? Laß mich mal nachdenken!“ Es wurde still, nur ein gedämpftes Brummen der Abzugshaube war zu vernehmen. „Eigentlich nicht, es wäre schön mit dir zu reden....“
„Das tust du doch gerade“, fiel ich ihm ins Wort. Meine Selbstsicherheit war wieder da und es machte mir Spaß, am Telefon zu flirten.
„Ja, aber ich kann dir dabei nicht in die Augen sehen und in den Arm nehmen kann ich dich auch nicht.“
Mein Körper schüttete Glückshormone aus. Ich schien den Jackpot geknackt zu haben...

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Autor

TamSangs Profilbild TamSang

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Kapitel:12
Sätze:4.055
Wörter:45.874
Zeichen:256.052

Kurzbeschreibung

Heiligabend... Schnee in Hülle und Fülle... Jens, der es gerade erst schaffte, sich aus einer schlechten Beziehung zu lösen, verbringt das Fest bei seinen Eltern, als nicht weit entfernt ein Wagen in einer Schneewehe stecken bleibt. Mit einem Schneeschieber und heißen Tee bewaffnet, macht er sich auf dem Weg, um dem Autofahrer hilfreich zur Seite zu stehen und dann schaut er plötzlich in die schönsten und dunkelsten Augen in seinem Leben.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Erotik, Alltag, Trauriges und Tragödie gelistet.