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Doki Doki

76
3
21.10.20 19:43
6 Ab 6 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

"Hey!"

Eine laute, raue Stimme erfüllte den gesamten Schulflur. Sie klang aufgeheizt.

Verwundert horchte er auf und sah sich um. Drama in der Schule war selten, wer konnte das sein?

Als er sich umdrehte sah er ein Mädchen. Er kannte sie nicht wirklich, doch sie war in seiner Stufe. Mit bösem Blick stapfte sie ausgerechnet auf ihn zu.

"Du!", rief sie weiter und erhob ihren Finger. Verwirrt schreckte er auf. Sie meinte wirklich ihn. Fragend blickte er ihr ins düstere Gesicht.

"Ja genau, ich meine dich!"

Sie schritt immer weiter auf ihn zu, bis sie ihm ganz nah war und ihm mit dem Finger ins Gesicht deuten konnte. Leicht ging sie auf ihre Zehenspitzen, doch für Augenhöhe war sie noch immer viel zu klein.

"Ich habe keine Ahnung wie du heißt, aber ich muss mit dir reden."

"Ace", raunte er und sah skeptisch auf sie herunter.

"Reiju", antwortete sie jetzt etwas ruhiger. Sie ließ ihre Fersen wieder zu Boden sinken und löste ihre geballten Fäuste.

"Reiju. Ein harter Name für ein zartes Mädchen wie dich."

Schlagartig verdunkelte sich ihr Blick wieder.

Vielleicht hätte er das nicht sagen sollen.

Ein weitaus härterer Faustschlag, als er bei ihren Armen je vermutet hätte, traf seinen Oberarm.

"Dein kleiner Bruder hat meinen geschlagen!"

Sie schien ihre Rage wieder voll gefunden zu haben.

"Und deshalb haust du jetzt mich?", fragte er und trat zur Sicherheit einen Schritt zurück. Ihr Blick war so düster, irgendwie schüchterte es ihn ein.

"Haben euch eure Eltern denn gar nichts beigebracht?!" Sie erhob wieder ihren Finger und bohrte ihn in seine Brust.

Überfordert zog er die Augenbrauen hoch. Die Schüler um sie herum begannen zu starren und kicherten leise, sie aber schien es gar nicht zu interessieren.

Was hatte er nur getan um das hier zu verdienen. Doch dann musste er lächeln. Er hob seine Arme und verschränkte sie hinter seinem Kopf. Sein Blick ging zur Decke.

"Sorry, aber Ren tut nun mal was er will."

Jetzt klang er selbstbewusst, ihr in die Augen zu blicken traute er sich trotzdem nicht. Reiju hatte sich wieder auf ihre Zehenspitzen erhoben und ballte erneut ihre Fäuste.

Tief atmete er ein und hielt in furchtsamer Erwartung den Atem an. Sein Oberarm pochte noch immer.

Kurz starrte sie ihn weiter an. Dann aber drehte sie sich einfach um und verschwand wieder den Flur runter aus dem sie gekommen war.

Reiju seufzte. Sie hatte sich mal wieder tief in ihren Gedanken verloren, doch Keitas lauter Aufschrei brachte sie schlagartig in die Realität zurück.

"Vergesst nicht die Party heute Abend!", rief er und streckte seinen Arm zwischen die desinteressierten Gesichter.

"Das ist keine Party, Keita", raunte Junko und starrte auf ihr Handy.

"Ich weiß, ich weiß", er zog seinen Arm zurück und schmollte. "Aber lasst mir die Vorstellung, okay?" "Du guckst definitiv zu viele Serien", antwortete Reiju nur und nahm einen Schluck von ihrem Getränk.

Die Sonne strahlte heute so hell, als wäre es schon Sommer. Es war als wollte die gesamte Erde, dass das Turnier ihrer Stufe heute Abend unbedingt stattfinden konnte.

Yuta hatte sich auch genug reingehängt. Die letzte Woche der Ferien hatte er allen in den Ohren gehangen, dass sie unbedingt kommen sollten. Der Zusammenhalt der Stufe müsse unbedingt gestärkt werden oder sowas in der Art.

"Ich weiß du hast keine Lust drauf", begann Suru plötzlich und stieß sie sanft in die Seite.

"Aber es wird lustig. Wir haben nur noch zwei Jahre auf der Schule vor uns, ich denke wir sollten sie so gut es geht genießen."

Reiju verzog das Gesicht. "Müssen wir gehen?", fragte sie gequält. Es war nicht so, dass sie nicht gern etwas unternahm, nur unternahm sie nicht so gern etwas unter so vielen.

"Wir werden gehen!", rief Keita wieder und erhob sich von seinem Stuhl. Seine Faust auf dem Tisch ließ alle Gläser springen.

"Ja wir gehen. Jetzt setz dich wieder." Junko griff ihn am Arm und zog ihn zurück auf seinen Platz. "Wir sind hier immer noch in der Öffentlichkeit."

"Sorry, aber Reiju muss überzeugt werden", antwortete Keita schnell und blickte sie an.

Reiju wusste, wenn sie seinen Blick jetzt entgegnen würde, würde sie sofort ja sagen. Sie konnte den dreien einfach nichts ausschlagen, so war es schon immer gewesen.

"Okay", sagte sie also ohne ihre Augen von ihrem Glas zu lösen.

"Ja!"

Suru musste lachen. "Richtige Entscheidung, Reiju."

 

"Da vorne ist es", sagte Suru und ging ruhigen Schrittes voran. Das Turnier sollte auf einer großen Wiese in der Nähe der Schule stattfinden. Aus der Ferne konnte Reiju schon ein paar Menschen erblicken.

Es war angenehm warm, viel wärmer als sie erwartet hatte, was ihre Stimmung etwas hob.

Junko ging stumm neben ihr. Von der anderen Seite ließ sie sich von Keitas Worten berieseln.

"Ich habe gehört sie wollen Fußball spielen. Yuta hat tatsächlich vier Teams zusammen bekommen. Das wird der Wahnsinn. Und zu unserem Glück ist es trotz Abendsonne noch immer warm."

"Warum spielst du eigentlich nicht mit?", fragte Junko. "Weil du nicht mitspielst um mich herauszufordern." Sie lachte und blickte ihm über Reiju hinweg entgegen. "Nur um dich nicht vor der ganzen Stufe zum weinen zu bringen."

"Na hör mal-"

Reiju schaltete ab, als Keita sich jetzt auf Junko stürtzte und sie mit Hilfe seines gesamten Körpers in den Schwitzkasten nahm.

Als sie ankamen, waren schon recht viele da. Yuta stand mitten auf der Wiese und lachte laut. Er schien entspannt, alles war wohl nach Plan verlaufen.

"Hier trinkt!"

Hanami, ein Mädchen aus ihrer Parallelklasse, drückte ihr und Suru einen Becher in die Hand. Reiju ließ ihren Blick auf den Inhalt sinken. Es war eisgekühlte Cola.

Erst dann fiel ihr auf wie sie sie alle gedanklich noch immer in Klassen einteilte, dabei würden sie in ein paar Tagen alle neu durchgemischt werden.

Es machte Reiju nervös, seit sie es wusste. Das erste Jahr auf der Highschool waren sie alle vier in einer Klasse gewesen. Es hatte sich wie Schicksal angefühlt, doch diesmal hatte sie ein schlechtes Gefühl.

"Nehmt euch auch was zu Essen. Die Zuschauerplätze sind da hinten", erklärte Hanami weiter, doch Reiju hörte nicht mehr zu.

Immer wieder aufs neue schätzte sie, dass Suru für sie alle vier so aufmerksam war.

Keita bediente sich ausgiebig am Buffet, während Junko versuchte ihn an seiner Kapuze zerrend in Schach zu halten. Reiju stand weiter still neben Suru. Er hatte gerade ein Gespräch mit Hanami angefangen.

"Ja, ich helfe Yuta. Wir haben die ganze Organisation zusammen gemacht." Sie lachte und strich sich durchs Haar. Es war blond. Vor den Ferien war es das noch nicht gewesen.

"Hey Reiju!", erhob sie plötzlich ihre Stimme. "Hm?", machte sie verwirrt und sah endlich von Hanamis Haaren ab. "Wie immer nicht ganz da", Hanami lachte wieder. "Wie deine Ferien so waren hab ich nur gefragt." "Oh. Gut, danke. Und deine?" Sie nickte. "Meine auch."

"Du hast deine Haare gefärbt", sprach Reiju dann aus. Sofort kassierte sie einen Seitenschlag von Suru. "Hey", raunte er leise. Hanami stockte in ihrem Gesichtsausdruck.

Beschämt fasste sie sich in ihre Haarlängen. "Ja..." "Steht dir", antwortete Suru schnell und Reiju nickte, weil sie wusste, dass er es von ihr verlangen würde. Sofort strahlte Hanami wieder auf. "Danke!"

"Alles klar, Leute! Wir beginnen gleich", rief Yuta plötzlich und löste die unangenehme Stille.

"Kommt." Suru fasste Keita und Junko am Arm und ging zu den Zuschauerplätzen. Er wusste, dass Reiju ihm ohnehin folgen würde, also zog er an ihr vorbei, um die anderen zwei unter Kontrolle zu bekommen. Sie folgte ihm langsamen Schrittes und blickte in den Himmel. Die Sonne ging gerade unter und färbte ihn in kräftigem rot.

Da tauchte Keita urplötzlich neben ihr auf und sprach ihr direkt ins Ohr. "Sieh nur wer da ist!"

Aufgeschreckt zuckte sie zusammen. "Keita...", fluchte sie, aber sah dann auf.

Ace rannte in kurzer Hose und Shirt über das abgesteckte Feld.

Reiju nickte. "Das hab ich ja völlig vergessen..." Aufmunternd schlug Keita ihr auf den Rücken. "Er sicher auch", sagte er, doch sein Lachen strahlte mehr als nur Sarkasmus aus. Seit sie Ace kurz vor den Ferien so angefahren war, zogen ihre Freunde sie immer wieder damit auf.

"Kommt ihr? Es beginnt", rief Junko dann und Reiju war all zu froh nicht weiter darüber nachdenken zu müssen. Die beiden nickten und gesellten sich zu ihren Freunden in das kühle Gras.

Der Abend verging schnell, es wurde dunkler und kälter und irgendwann waren sie doch froh, dass endlich die Finalisten bestimmt worden waren.

Die Zuschauer als auch die Spieler hatten sich inzwischen über die gesamte Wiese verteilt. Jeder saß nun dort wo er wollte, nur Reiju und ihre Freunde waren als Einzige noch da, wo sie am Anfang schon gesessen hatten. Etwas Abseits vom Spielfeld, aber mit einem guten Blick auf alles.

"Yuta ist im Finale", jubelte Keita. "Das hat er sich verdient." Junko nickte und betrachtete die zwei Teams.

"Hey, ist das nicht-" "Ja", Reiju unterbrach sie sofort. Junko hatte mit einem schnellen Nicken auf Ace gedeutet und ihr Grinsen dabei gefiel ihr gar nicht.

"Ace und sein bester Freund Izaya sind also auch im Finale", erklärte Suru, schenkte Reiju zu ihren Glück aber keinen Blick.

"Wusstet ihr, dass Ace und seine Brüder ganz alleine wohnen?", fragte er plötzlich.

Er hatte die Beine angezogen und stützte sein Kinn auf die Knie.

"Was, wieso das denn?", fragte Keita sofort und sah ihn verwundert an. Auch Junko und Reiju ließen ihren Blick jetzt von den Vorbereitungen für das Finale ab und blickten zu ihm rüber.

"Okay, vielleicht habe ich vor kurzem ein paar Infos aufgeschnappt", begann er dann und hob sein Kinn. "Es hat sich herausgestellt, dass meine Schwester in der Uni echt gut mit Ace großem Bruder befreundet ist." "Wow echt?", machte Junko.

Suru nickte. "Sie hat mir ein wenig erzählt. Aber ihr müsst das bloß für euch behalten! Ich will es Ace nicht unangenehm machen." Er blickte jeden kurz an, obwohl er eigentlich wusste, dass er ihnen vertrauen konnte.

Die Sonne war schon gänzlich untergegangen und nur das Spielfeld war beleuchtet mit Lampen. In der Düsternis erkannte er ihr nicken.

"Ace Vater ist vor circa einem Jahr gestorben. Was mit seiner Mutter ist weiß ich gar nicht. Seitdem wohnen die drei allein in ihrem Haus."

"Das ist ja richtig traurig." Keita klang bedrückt. Sein Blick fiel wieder aufs Spielfeld, wo das Finale gerade angepfiffen wurde. Junko nickte. "Wow, bei Ace hätte ich das niemals erwartet. Er wirkt irgendwie immer so... ausgelassen" Suru seufzte "Mich hat es auch gewundert."

Die Worte ihrer Freunde verschwammen für Reiju ins Unerkennbare. Sie sah rüber zu Ace.

Er hatte seine langen schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden und anscheinend ein neues Shirt angezogen, welches dennoch völlig durchgeschwitzt war. Er rannte und lachte dabei. Es klang heiter.

"Hey Reiju, alles gut?", fragte Junko nach einer Weile. Sie war selbst für sie ziemlich lange weggetreten gewesen und hatte leer auf das Feld gestarrt. Als sie jetzt zu sich kam zog sie sich ihre Kapuze weit über die Augen. "Mir... mir ist da gerade nur etwas eingefallen", hauchte sie. Jeder sah sie an und wartete darauf, dass sie weiter sprach.

Sie seufzte. "Als ich ihn vor den Ferien zur Rede gestellt habe, habe ich ihn gefragt ob ihnen ihre Eltern keine Manieren beibringen..." Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und stöhnte leise. "Jetzt fühle ich mich schlecht."

Kurz wurde es still, als Reiju in der Position verharrte.

"Aber das hat doch überhaupt nichts damit zu tun. Du konntest es doch auch gar nicht wissen", beruhigte Suru sie. "Ihr kennt euch überhaupt nicht", begann dann auch Junko und streckte ihren Arm nach ihr aus. "Ace hat es sich sicher nicht zu Herzen genommen." Reiju zögerte. Mit Schmollmund sah sie wieder hoch und nahm ihre Hand entgegen. Junko drückte sie und deutete aufs Spielfeld. "Ace scheint es doch gut zu gehen oder."

Keita lächelte und lehnte sich zu ihr rüber. "Mach dir keinen Kopf. Sieh doch, seine Mannschaft gewinnt!"

Gegen Mitternacht kam Reiju wieder zu Hause an.

Vorsichtig öffnete sie die Tür. Es war stockdunkel, sie sah ihre eigene Hand vor Augen nicht, doch an Licht konnte sie nicht denken. Es würde das ganze Haus aufwecken.

So leise wie möglich ließ sie die Tür wieder ins Schloss fallen. Sie zog sich die Schuhe aus und überwand erfolgreich die Stufe am Eingang. Doch als sie auf die Treppe zusteuerte blieb ihr beinahe das Herz stehen. Schnell schlug sie sich die Hände vor den Mund, um nicht laut loszuschreien.

"Kisumi!", flüsterte sie aufgebracht. Ihr kleiner Bruder saß im Dunkeln auf der letzten Treppenstufe und starrte sie an. "Was zur Hölle tust du hier?!"

"In dem gemütlichen Outfit warst du auf der Party?", fragte er matt. Reiju trat auf ihn zu und schnippte ihm gegen die Stirn. "Du bist 13, du hast da nichts zu sagen. Außerdem war das keine Party." Er ließ seinen eindringlichen Blick nicht von ihr ab. Durch die Dunkelheit hindurch konnte Reiju erkennen, dass irgendwas in seinen Augen nicht stimmte. Sie seufzte stumm.

"Wieso sitzt du hier?"

Jetzt sah Kisumi weg. Er zog seine Beine an und entwich ihrem Blick. "Ich hab auf dich gewartet", raunte er. Er klang unsicher, ganz ungewohnt.

Reiju streckte ihren Arm nach ihm aus und strich ihm durch das schwarze Haar. Ihr kleiner Bruder war noch nie so gewesen, so kleinmütig.

"Wieso?", fragte sie dann und setzte sich zu ihm. Sie betrachtete ihn von der Seite, doch er hatte sein Gesicht abgewandt.

"Ich...", begann er und seine Stimme zitterte plötzlich. Ein schweres Atmen entwich seiner Kehle. Reiju war total perplex. Was konnte ihren kleinen Bruder so aus der Fassung bringen? Vorsichtig fasst sie ihm an die Schulter und nahm ihn in den Arm.

Er entgegnete es gierig und schmiegte sich an ihre Brust. "Reiju", murmelte er. "Was ist passiert?", fragte sie sanft und drückte ihn so lange, bis ihr Bruder endlich zu sprechen begann.

 

Als am Montag der erste Schultag anbrach, konnte Reiju an nichts anderes denken als daran, dass es auch der Tag der Trennung war.

Unmotiviert setzte sie einen Fuß vor den anderen. Suru wartete am Ende der Straße sicher schon auf sie, aber sie konnte sich nicht aufraffen schneller zu gehen.

Vorgestern Nacht war ihr noch immer im Gedächtnis geblieben. Kisumi war so verletzt gewesen und sie dann irgendwie auch. Sie konnte es nicht glauben.

"Reiju", sagte Suru und lächelte. "Du bist spät dran." Reiju nickte nur und ging einfach weiter. Suru folgte ihr wortlos. "Ja, entschuldige", sagte sie dann. Kurz starrte sie einfach nur zu Boden. "Ist was nicht in Ordnung?", fragte er und lehnte sich etwas vor, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Reiju aber biss sich auf die Unterlippe. Immer fester, bis sie endlich aufsah und wild den Kopf schüttelte . "Nein, überhaupt nicht." Innerlich seufzte sie schwer. Es war der erste Schultag. Sie musste sich mit wichtigeren Dingen herumschlagen als das.

Suru starrte sie noch einen Moment weiter an, entschied dann aber es fürs Erste einfach dabei zu belassen.

"Bist du nervös?", fragte er also. Reiju nickte. Ja irgendwie war sie es. Diese blöden Plakate am schwarzen Brett würden ein ganzes Jahr ihres Lebens festlegen. Ein paar Namen untereinander, die ihren umgaben, hatten so viel zu bedeuten. Sie hatte keine Lust sich mit neuen Leuten anzufreunden. Sie wollte ihre drei und das war es.

Suru wunderte sich schon gar nicht mehr, wenn Reiju einfach nicht antwortete. Er wusste, dass sie in den Momenten stumm ihren eigenen Gedanken nachging. Also schloss er sich jedes mal an und blieb ebenfalls still, um sie nicht zu stören. Manchmal jedoch fragte er sich schon was in ihrem Kopf wohl so vorging. Er kannte sie jetzt schon seit der Mittelschule und seither hatte sie schon so einige Gedanken vor ihm verborgen.

"Alle sammeln sich schon vor den Aushängen", bemerkte Suru, als sie am Schultor ankamen. "Los, lass uns nachsehen." Er packte sie am Handgelenk, weil er wusste, sie würde es sonst ewig hinauszögern und zerrte sie zur Menschenmenge. Er suchte ihren Namen zuerst.

"Und?", fragte sie nach einer Weile. Suru war größer als sie und würde leicht über die Leute hinwegsehen können. "Du bist in Klasse 2-3", antwortete er.

"Und du?"

Suru ließ endlich ihr Handgelenk los und drehte sich zu ihr. "2-1." "Mhm", machte sie nur und verschränkte die Arme. "Mit wem so?", fragte sie dann tonlos. "Mit niemandem von uns. Aber mit dir in der Klasse ist Keita."

Reiju atmete erleichtert aus. Sie löste ihre Arme von ihrem Körper und sah sich kurz um.

"Tut mir leid für dich", raunte sie dann, doch Suru lachte. "Keine Sorge, ich komm schon klar."

Das stimmte. Suru war wirklich begabt darin neue Kontakte zu knüpfen. Er war offen und herzlich und hatte einen ganz eigenen Charme. "Ja, das glaub ich", sagte Reiju und lächelte. "Jetzt muss ich nur Keita finden." "Der wird sicher zu spät sein, wie immer eben. Ich schreib ihm zur Sicherheit mal, wo er hin muss." Reiju nickte und folgte Suru dann ins Schulgebäude.

Es war so unendlich ungewohnt zu wissen, dass sie sich gleich, wenn das neue Schuljahr beginnen würde, nicht einfach neben ihn setzen konnte. Sie würde Suru an ihrer Seite vermissen und dass Keita wie immer zu spät war machte ihr die Sache nicht leichter.

Mit Suru gemeinsam betrat sie jetzt die Sporthalle für die Willkommenszeremonie, doch verlassen tat sie sie allein. Unter all ihren neuen Klassenkameraden hatte sie Keita nicht finden können und auch nach einigen Minuten des Warten war er ihr nicht unter die Augen gekommen, weshalb sie sich jetzt auch allein durch die Schulflure begab und ihr neues Klassenzimmer suchte.

Reiju seufzte, bevor sie die Kraft aufwendete an die Türklinke zu fassen und den neuen Raum das aller erste Mal zu betreten. Wie sie sich bereits gedacht hatte waren so einige schon da, also suchte sie sich den erstbesten freien Platz und setzte sich.

Sie kannte jedes Gesicht der Anwesenden, doch kaum Namen. Sicher hatte sie schon mit jedem hier einmal geredet. Wenn sie angesprochen wurde, unterhielt sie sich auch, aber aus eigenem Willen erhielt sie keine der Kontakte. Sie redete nicht gern über belangloses, weshalb die Leute schnell die Lust an ihr verloren. Stören tat das Reiju jedoch nie.

Sie packte gemächlich ihre Schulsachen aus und schaute dann auf ihr Handy. Keita hatte ihr geschrieben. Er hatte bei der Zeremonie ganz hinten gestanden und beeile sich nun zum Klassenzimmer zu kommen. "Ja, ja", antwortete sie nur, aber nahm es ihm nicht wirklich übel. So war Keita nun mal.

Vertieft in ihren Chat mit ihm, schreckte sie auf, als sich plötzlich jemand an den Tisch neben ihr setzte. Der Stuhl kratzte lautstark über den Boden, als er ihn zurück schob.

"Entschuldige", sagte er, als er im Augenwinkel sah wie sie zusammen zuckte. Als er jedoch erkannte wer es war, der auf dem Stuhl neben ihm saß, zog er die Augenbrauen hoch und setzte sich stumm nieder.

Auch Reiju hatte Ace erst auf den zweiten Blick wahrgenommen. Er trug sein Haar heute das erste mal offen, zumindest sah sie es so das erste mal. Sie war alles andere als scharf auf ein Gespräch mit ihm, also wandte sie sich nach einem kurzen Blick, genau wie er auch, einfach ab.

Irgendwie war sie noch immer wütend auf ihn. Kisumi hatte wegen seinem Bruder noch immer eine Narbe an der Lippe und Ace Bruder schien nicht mal den Anschein zu machen sich entschuldigen zu wollen. Doch dann fiel ihr wieder ein was Suru ihnen vorgestern erzählt hatte. Vielleicht sollte sie sich ja doch entschuldigen. Im Endeffekt war es sowieso Kisumis Angelegenheit und nicht ihre eigene, oder?

In der Mittagspause kam Keita auf sie zu, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr an den Tisch. Weil er wie angekündigt nur ganz knapp noch pünktlich gewesen war, hatte er nur noch einen Platz weit entfernt von ihr und nahe der Tafel bekommen.

"Entschuldige nochmal wegen heute morgen", sagte er und packte sein Essen aus.

"Kein Problem", antwortet Reiju. Sie starrte auf ihr Anpan und nahm dann einen Bissen.

"Jetzt haben wir nicht einmal mehr Plätze in der Nähe voneinander bekommen“, beteuerte er und begann zu Essen. „Und dazu sitzt du jetzt neben Ace.“ „Ja und es ist irgendwie unangenehm." Keita grinste. „Ach was.“

Reiju hörte ein paar Stimmen auf dem Flur und konnte die von Ace heraushören. Schuld und Abneigung mischten sich in ihr und verwirrten sie.

"Ich glaube ich entschuldige mich später bei ihm", sagte sie dann. Keita sah von seinem Essen auf. "Sicher, dass das eine gute Idee ist? Suru sagte wir sollen es für uns behalten." "Doch nicht speziell dafür", sagte sie und runzelte die Stirn. "Für die Sache im Gesamten." "Oh. Ich glaube aber nicht, dass das nötig ist. Wir machen zwar ab und an unsere Scherze darüber, aber eine wirklich große Sache war es jetzt nicht. Immerhin weiß du auch immer noch nicht was zwischen Kisumi und seinem Bruder eigentlich vorgefallen ist. Vielleicht hatte Ace es ja verdient."

Reiju zögerte mit ihrer Antwort. "Schon, aber... ich habe im Gefühl, dass ich es tun sollte."

Für einen Moment musterte er sie eindringlich, doch er vertraute ihrem Bauchgefühl. "Dann tu es."

Reiju nickte und biss wieder in ihr Gebäck. Ob es eine gute Idee war konnte sie zwar nicht eindeutig sagen, doch die Sache war für sie beschlossen.

Nach dem Unterricht fing sie ihn auf dem Schulflur ab.

"Hey, Ace?", fragte sie und fasste ihn kurz an die Schulter. Es war ein eigenartiges Gefühl, doch jetzt war es zu spät, um noch zu kneifen. Verwirrt drehte er sich um.

"Reiju. Was willst du wieder von mir?"

Sein Ton war seltsam genervt, doch sie entschloss sich es fürs Erste einfach zu ignorieren.

"Kann ich dich kurz sprechen?"

Er zuckte mit den Schultern und trat mit ihr einen Schritt zur Seite. "Was gibt es?", fragte er.

Er sah irgendwie ziemlich müde aus. Doch bevor sie sich wieder verlieren konnte, begann sie lieber schnell zu sprechen.

"Ich wollte mich nur für die eine Sache entschuldigen. Die vor den Ferien", sagte sie gerade heraus und beobachtete seine Mimik, doch er nickte nur.

"Alles klar, danke."

Sie sah ihn weiter an und erwartete irgendwie mehr. Konnte das ernsthaft alles sein?

"Dein Bruder... hat sich dennoch nicht entschuldigt weißt du", hing sie also noch hinten dran und wusste nicht, ob sie es bereuen sollte. "Tut mir leid Reiju, aber das ist wirklich nicht mein Problem."

Er wollte sich umdrehen und gehen, aber sie hielt ihn zurück. "Warte gefäll-"

Ihr lauter Klingelton unterbrach sie. Verwirrt hörte sie sofort auf zu reden und kramte ihr Handy aus ihrer Tasche. Sie wurde nie angerufen. Nicht mal von ihren Eltern.

Dennoch zeigte das Display die Nummer ihrer Mutter. Etwas besorgt ging sie ran, ohne aber Ace Arm loszulassen.

"Was ist los?", fragte sie. Ihre Mutter klang seltsam nervös. "Reiju, Liebling", begann sie und machte eine kurze Pause. "Kommst du heute nach der Schule bitte sofort nach Hause? Dein Vater und ich, wir müssen mit dir und Kisumi sprechen."

Ace wehrte sich nicht mehr gegen Reijus Hand. Er betrachtete ihren Gesichtsausdruck und merkte nicht einmal wie ihr Griff sich löste. Ihr Mund verkrampfte sich, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

Reiju legte auf und starrte ins Leere. Sie sagte nichts mehr, nicht mal ihren Satz führte sie zu Ende. Es ist also wirklich wahr, schoss ihr durch den Kopf und lähmte ihren gesamten Körper.

"Hey Reiju...", sagte Ace plötzlich und trat näher an sich heran. "Alles okay?"

Auf einen Schlag kam sie wieder zu sich und starrte Ace in sein viel zu nahes Gesicht.

"Natürlich", sagte sie und trat zurück. Sie schenkte ihm einen düsteren Blick und verschwand schnell zum Ausgang.

Das Ticken der Uhr im Wohnzimmer war Reiju noch nie so laut erschienen. Noch nie so bedrohlich.

Ticktack. Immer wieder, unaufhörlich drang es in ihren Kopf.

"Wo bleibt Papa denn?", fragte sie.

Kisumi hatte schon vor einer Weile vorsichtig nach ihrer Hand gegriffen. Ganz sanft hatte er sie angestupst und Reiju hatte sie sofort genommen und fest gedrückt.

Sie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, neben ihrem kleinen Bruder, und starrte ihre Mutter an. Heftig wippte diese mit dem Fuß.

"Er müsste gleich kommen."

Ihre Mutter blickte auf die Uhr und schien sich ein nervöses Seufzen nicht unterdrücken zu können.

Kisumi biss sich auf die Unterlippe.

Da hörten sie das Schloss der Haustür.

"Entschuldigt. Ich bin spät dran", sagte ihr Vater und zog sich schnell die Schuhe aus. Als er in das Wohnzimmer trat, sah er aus wie immer. Sein Anzug saß perfekt, genau wie seine kurzen, gemachten Haare.

Er betrachtete seine beiden Kinder kurz und lächelte, doch keines der beiden erwiderte es. Dann setzte er sich zu seiner Frau auf das gegenüberliegende Sofa.

Es blieb still. Niemand wagte es den Anfang zu machen.

"Jetzt sagt schon, was ihr sagen wolltet", raunte Reiju. Ihr harter Ton überraschte sie. Sie hatte noch nie so mit ihren Eltern gesprochen, doch jetzt gerade war sie zu nichts anderem in der Lage.

Ihre Mutter seufzte tief. Es schien sich unendlich lang zu ziehen.

"Kisumi hat uns von dem Brief erzählt, den er in Papas Büro gefunden hat. Ich weiß nicht was er da noch zu suchen hatte, doch zuallererst will ich... wollen wir sagen, dass es uns leid tut." Reijus Vater nickte. Wenigstens scheute er sich nicht seinen Kindern in die Augen zu blicken.

"In dem Brief stand, Vater hätte uns vor sieben Jahren verlassen", raunte Reiju. Kisumi hatte es ihr in allen Einzelheiten erzählt.

Er war in dem Büro ihres Vaters auf der Suche nach Unterlagen für einen Familienstammbaum gewesen. Er hatte nur für ein Schulprojekt recherchieren wollen, doch stattdessen fand er einen Brief ihrer Mutter. 'Bitte komm zurück.' 'Deine Kinder brauchen dich.' 'Ich werde dir verzeihen, wenn du nur wiederkommst.'

Reiju konnte sich an das Jahr in dem es passiert war nur vage erinnern. Ihr Vater war monatelang weg gewesen und ihre Mutter hatte erzählt er wäre für ein Arbeitsprojekt in einem anderen Land. Ein ganzes halbes Jahr! Wie lächerlich.

Reiju hatte so lange einfach nicht daran gedacht, es verdrängt. Wenn sie jetzt aber zurück blickte, dachte sie nur, dass es ihr doch hätte klar sein müssen. Sie hatte doch merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Fest biss sie ihre Zähne zusammen.

"Ja, was in dem Brief steht stimmt."

Ihr Vater sprach ganz ruhig. Das tat er immer. Seine Stimme hatte etwas unglaublich sanftes an sich und doch rissen seine Worte Reiju jetzt das Herz aus.

Er war damals wieder gekommen und gewesen wie immer. Offen, sanft und liebenswürdig. Was für ein Schauspiel.

"Reiju, Kisumi. Es tut mir unendlich leid. Leid auch nur daran gedacht zu haben, diese Familie zu verlassen."

Das erste mal traute Reiju sich ihm in das Gesicht zu blicken. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen und sah furchtbar traurig aus, doch das war sie auch.

"Zu der Zeit… es ging mir nicht gut. Ich werde ehrlich mit euch sein, es war eine schwierige Phase für mich und wegzugehen entschied ich aus einem Impuls heraus", begann er weiter und konnte den Blick in Reijus Augen nicht mehr halten. Er faltete seine Hände und starrte auf sie herunter.

"Doch als ich dann fort war, in einer anderen Stadt… war ich völlig allein. Ich hatte kein gutes Leben und egal was ich getan hab, ich habe euch vermisst." Reijus Mutter legte ihren Arm um ihn und strich ihm sanft über den Rücken.

"Reiju, Kisumi.“ Sie ergriff wieder das Wort. „Ich verstehe, dass ihr verletzt seid. Das war ich auch, monatelang. Aber euer Vater und ich haben uns als er zurück war viel unterhalten, über Dinge die euch niemals erreichen sollten. Er war bitter ehrlich zu mir und deshalb habe ich ihm verziehen."

Ihre Mutter betrachtete ihre zwei Kinder. Wie Kisumis Hand sich krampfhaft um Reijus legte und sein Blick gesenkt war. Die Distanz in Reijus Augen und die Argwohn.

"Was kann ich tun..." Ihr Vater blickte wieder auf. Der Blick seiner Tochter traf ihn wie ein Schlag, doch was hatte er anderes erwarten dürfen.

"Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?"

"Wieso habt ihr es nie erzählt?", fragte Kisumi plötzlich. Seine Stimme klang so klein. Reiju brach es das Herz. Sie rückte näher an ihn heran und legte ihre zweite Hand auf seinen Oberschenkel. Sein Blick ging immer noch zu Boden. Sein langer Pony bedeckte seine Augen.

"Wir wollten euch nicht weh tun", antwortete ihre Mutter sofort. "Es tut mir... unendlich leid", raunte Reijus Vater hinterher.

"Danke für eure Ehrlichkeit", sagte Reiju dann, nachdem sie wieder eine gefühlte Ewigkeit geschwiegen hatten.

Kisumi hatte immer zu ihrem Vater aufgesehen, er hatte immer wie er sein wollen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was in seinem kleinen Kopf gerade vorgehen musste. Es fühlte sich an wie eine Abwertung, wie ungewollt. Ihr Vater hatte sie betrogen.

Da löste Kisumi seine Hand um ihre und stand auf.

"Es ist vier Uhr. Nach den Regeln darf ich noch raus oder?", fragte er und sah seiner Mutter stur in die Augen. Völlig überfordert entgegnete sie seinen Blick.

"Äh ja.. ja schon, aber wäre es nicht besser-"

Er ließ sie nicht aussprechen. Er hatte sich bereits seine Jacke und seine Schuhe gepackt und riss die Tür auf. Dann war er weg.

Ihr Vater sprang sofort hinterher. "Kisumi!", rief er, aber Reiju fasste ihn am Arm. "Lass es."

Sie sprach gleichgestellt mit ihm, völlig ohne Formalien und ihr Vater nahm es hin.

"Ich gehe selbst", sagte sie dann und zog sich ebenfalls ihre Schuhe an. "Vielleicht solltest du uns eine Weile Zeit geben... Papa."

Mit den Worten verließ auch sie das Haus.

Als sie nach Draußen trat, konnte sie ihren Bruder nicht mehr entdeckten.

Scharf dachte sie nach. Er konnte nicht weit gekommen sein, aber wohin würde er gehen. Welchen Ort würde er in solch einer Situation aufsuchen. Welchen Freund würde er um Hilfe bitten.

Ihr Kopf war leer und ihre Gedanken haltlos. Also wählte sie einfach eine Richtung und ging los.

Schnell aber begann sie zu rennen. Sie wusste Kisumi konnte auf sich selbst aufpassen, aber in so einer Situation sollte er nicht alleine sein. Wieso war er überhaupt gegangen? Ihr wurde mit einem mal klar, dass sie ihren kleinen Bruder überhaupt nicht mehr kannte.

Sie war bis zur Hauptstraße gerannt, doch es gab absolut kein Zeichen von ihm. Schwer atmete sie ein und aus. Es war noch ziemlich hell, ihm würde es gut gehen.

Sie hielt inne. Dann kramte sie ohne nachzudenken ihr Handy hervor.

"Suru?", fragte sie, immer noch völlig außer Puste. Sie hatte ihn angerufen... hatte sie ihn je angerufen?

"Reiju. Das ist ja wirklich selten. Was ist los? Ist alles gut?", fragte er. Er klang beschäftigt. Im Hintergrund hörte sie Menschen sprechen.

"Ähm... hast du kurz Zeit?", fragte sie. Eigentlich wusste sie nicht mal was sie von ihm wollte. Sie brauchte gerade nur jemanden. "Ja klar. Was gibt es?"

Die Stimmen um ihn herum wurden leiser.

"Kisumi ist weggelaufen. Es ist etwas passiert und ich kann ihn nicht finden."

"Was?" Suru klang sofort hellwach. Seine Stimme wurde lauter. "Was ist passiert? Wo bist du? Ich komme sofort!" Die Geräusche um ihn herum wurden wieder lauter und er schien sich tatsächlich auf den Weg machen zu wollen.

"Suru nein!", sagte sie schnell. "Nein das musst du nicht. Ich... ich bin wieder auf dem Weg nach Hause." Er stockte. "Aber Kisumi."

Reiju seufzte in den Hörer. "Der kommt schon wieder. Tut mir leid Suru, ich wollte dich nicht aufregen."

"Reiju, ist wirklich alles gut?", fragte er dann ruhiger. Dass sie angerufen hatte, sorgte ihn am meisten. "Ja, einigermaßen zumindest. Ich erzähle es dir Morgen, okay?" "Alles klar." Er legte nicht auf. Kurz darauf tat sie es.

Reiju atmete ein letztes Mal tief ein und wieder aus. Dann machte sie wirklich kehrt und schritt den Weg zurück, den sie gelaufen war. Sie wusste nicht, was ihr sonst noch übrig blieb.

Als sie zu Hause ankam wartete ihre Mutter schon auf sie.

"Hast du ihn gefunden?", fragte sie sofort. "Nein", antwortete Reiju nur und ging an ihr vorbei. "Ich gehe in einer Stunde noch mal los."

Sie betrat die Treppe und ging hoch in ihr Zimmer. Erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen und versuchte krampfhaft darüber nachzudenken wo Kisumi sein könnte. Wann hatten sie bloß aufgehört sich alles zu erzählen. Wann hatte sie aufgehört ihm jeden Tag zuzuhören, wann jeden Abend in seinem Zimmer zu verbringen, bis er sie wütend rausschmiss. Vielleicht war es für das Erste ja auch ganz gut, dass ihr nichts einfiel. Wenn er allein sein wollte, sollte er das auch sein können. Sie wollte er sicher auch nicht sehen.

Nach einer Weile aber ging sie wieder los. Vielleicht war ihr in dieser Zeit tatsächlich ein Ort eingefallen und sie wollte dort unbedingt nachsehen. Sie stürmte die Treppe herunter und zog sich erneut an.

"Bin gleich wieder da", rief sie aus Gewohnheit und lief diesmal direkt Richtung Park. Langsam fing es schon zu dämmern an.

Er musste einfach dort sein, bitte sei dort, sagte sie zu sich selbst. Doch da stieß sie plötzlich auf Widerstand.

Mit voller Geschwindigkeit prallte sie gedankenverloren in einen Menschen, der sie schnell hielt bevor sie zu Boden ging.

"Ace!", rief sie und entzog sich sofort seinem Griff. Sie ging einige Schritte zurück und betrachtete ihn. Sie wollte, ohne ein weiteres Wort zu sagen, an ihm vorbei und gehen, doch er hielt sie am Handgelenk bei sich. "Warte", raunte er.

Reiju sah ihn erzürnt an. Als er nicht den Anschein machte sie los zu lassen, begann sie um sich zu schlagen. "Was fällt dir bloß ein? Lass mich los!", rief sie und zerrte an ihrem Arm. Sie musste Kisumi endlich finden.

"Jetzt hör doch zu, verdammt!", sagte er. Er wich ihrer Hand aus, die ihm beinahe eine Ohrfeige verpasst hätte und festigte seinen Griff um sie. Ernst sah er ihr ins Gesicht. Noch entging sie seinem Blick, doch als sie hörte, was er zu sagen hatte, entgegnete sie ihn endlich.

"Kisumi ist bei uns zu Hause." Seine Stimme klang todernst und doch irgendwie sanft.

Kisumi... war in Sicherheit. Irgendwo, wo sie es nie erwartet hätte.

"Er schien etwas aufgebracht, also hab ich ihn nicht gleich bedrängt. Er wollte mir dann ohnehin nichts erzählen, also bin ich los und wollte bei euch zu Hause-" Er brach ab.

Reiju zitterte. Ihr Arm in seiner Hand hatte jegliche Kraft verloren. Sie schluchzte. Verwirrt ließ Ace sie los und betrachtete sie. Sie zog sich zusammen und schluchzte wieder.

"Reiju", sagte er, doch es klang eher ziemlich holprig als unterstützend. Was konnte er jetzt tun, sie kannten sich doch überhaupt nicht.

Überfordert von der Situation ergriff er sie einfach. Er nahm sie unbeholfen in den Arm und hielt sie, ohne auch nur an irgendwas zu denken. Sie weinte eine Weile, in der er sie nicht los ließ, bis sie zu ihm aufsah.

"Entschuldige", raunte sie und klang das erste mal ganz sanft, als sie mit ihm sprach. Ihr Gesicht war rot und vom weinen ganz feucht. Sie löste sich vorsichtig aus seinen Armen und wandte sich ab. Schnell wischte sie sich über das Gesicht.

Was war nur mit ihr passiert. Sie weinte sonst nie einfach so los. Tief atmete sie ein. Ihr Atem zitterte noch, doch sie drehte sich wieder zu ihm.

"Entschuldige", wiederholte sie. Ace schüttelte den Kopf. "Brauchst du nicht."

Er sah sie nicht direkt an. Sein Blick war irgendwie beschämt.

Reiju hielt Inne. Der gesamte Tag hatte sie plötzlich überrollt, ohne dass sie es hätte kontrollieren können. Es jagte ihr eine Heidenangst ein. Doch das Wichtigste war jetzt Kisumi.

Sie atmete schwer ein und wieder aus, dann sah sie Ace in die Augen.

"Bringst du mich jetzt bitte zu meinem Bruder?"

"Ich weiß nicht, ob ich mich dafür entschuldigen sollte, dass mein Bruder einfach bei euch aufgetaucht ist. Ich... bin irgendwie verwirrt."

Reiju ging neben Ace her und rieb nervös ihren Daumen gegen ihre Handfläche. Es war heute definitiv zu viel passiert. Ihr Herz raste noch immer, dabei reagierte sie sonst nie so heftig.

"Wieso entschuldigen?", sagte er stumm und sah hoch in den klaren Himmel. "Kisumi ist doch wirklich gut mit Ren befreundet. Außerdem schien es ihm nicht so gut zu gehen. Ist doch dann selbstverständlich." Er trat gegen einen kleinen Stein und beförderte ihn ins Gebüsch.

Was meinte er damit Ren und Kisumi wären wirklich gut befreundet? Wie und seit wann?

Es schmerzte sie irgendwie. Ihr kleiner Bruder schien wie ein Fremder für sie zu sein.

"Hat er geweint?", rutschte es ihr plötzlich raus. Ihre Stimme klang weniger fest als ihr lieb war. Sie konnte sich nicht an das letzte mal erinnern, dass Kisumi geweint hatte, doch heute war er so verletzt gewesen.

"Nein", antwortete Ace jedoch gelassen.

Sie war erleichtert, doch wagte es nicht noch mehr zu sagen. Durch das Weinen war es heute schon persönlich genug geworden. Es fühlte sich seltsam an. Die Stimmung war eigenartig und doch schien Ace völlig ruhig. War sie vielleicht die Einzige, die es so angespannt machte?

Beide sagten lange nichts, doch dann begann Ace wieder zu reden.

"Weißt du, Kisumi ist wirklich stark." Etwas überrascht konnte Reiju nur nicken. Das wusste sie natürlich. Wusste sie es? Schwer atmete sie ein.

"Alles gut?", fragte Ace und schielte zu ihr herunter. "Ja", antwortete sie schnell und strich sich endlich ihr Haar aus dem Gesicht. "Ich frage mich gerade nur... es ist mir irgendwie peinlich."

Jetzt drehte er seinen Kopf zu ihr. "Sind wir darüber nicht hinaus?"

Verwirrt sah sie zu ihm hoch, doch er lächelte seicht, als ihr Blick ihn traf. Sie schien wirklich die Einzige zu sein, die sich die Situation unangenehm machte.

"Entschuldige, das sollte ein Scherz sein", sagte Ace schnell, als er Reijus Blick nicht deuten konnte. "Aber wenn du was sagen willst, dann raus damit. Ich kenne dich ohnehin nicht, vielleicht habe ich es ja in ein paar Tagen wieder vergessen." Er zuckte mit den Schultern und blickte wieder auf die Straße. Reiju sah weiter zu ihm auf. Sein Gesicht schimmerte golden im schwachen Licht. Das aller erste mal bemerkte sie seine Sommersprossen.

Tatsächlich gaben Ace Worte ihr den nötigen Ruck. Er schien sorglos und gutherzig, ganz anders als sie ihn immer eingeschätzt hatte. Seine Ironie bestärkte sie.

"Ich wusste nicht, dass unsere Brüder Freunde sind", sagte sie dann.

Verwundert zog er die Augenbrauen hoch. "Aber Kisumi war in den Ferien doch fast jeden Tag bei uns." Reiju wusste nichts zu erwidern. Sie war genauso verwundert wie er... was sollte sie denn tun.

Frustriert schlug sie die Hände vor ihr Gesicht.

"Ich schäme mich so. So sehr dass ich meinen Bruder absolut nicht kenne."

Sie blieb stehen und presste ihre Hände gegen ihre Stirn. Ihr wurde alles zu viel. Ace hielt ebenfalls an und betrachtete sie.

"Und dann kommst du und scheinst eine so gute Beziehung zu Ren zu haben."

"Na ja bei uns ist das aber auch was anderes", raunte er beiläufig.

Reiju stockte. Langsam ließ sie ihre Hände wieder sinken und sah zu ihm auf. Er stand da, ihr zugewandt, und hatte die Hände in seinen Hosentaschen. Er wirkte irgendwie verlegen.

"Ace es... es tut mir so leid“, entwich es ihr plötzlich.

Eine kurze Stille stellte sich ein.

"Du weißt davon?", fragte er rau. Sein Blick war mit einem Mal undeutbar geworden. "Es hat sich wohl überall herumgesprochen."

Plötzlich wurde ihr klar, was ihre Reaktion eigentlich bedeutet hatte.

"Nein!", rief sie sofort. "Ja, ich weiß davon, aber nicht von einem Gerücht." Sie trat auf ihn zu und fuchtelte abwehrend mit ihren Händen. "Mein bester Freund, Suru, hat es von seiner Schwester, die wirklich gut mit deinem Bruder befreundet ist. Er hat es mir im Vertrauen erzählt und dieses werde ich auch niemals brechen." Sie sah ihm entschuldigend in die Augen. "Es tut mir wirklich leid."

Ace erwiderte ihren Blick kurz, doch sah dann weg. "Wäre ja auch egal gewesen", schnaubte er und ging dann weiter.

"Kommst du?", rief er nur, als er merkte, dass Reiju ihm nicht sofort folgte. Darauf setzte sie sich endlich wieder in Bewegung.

 

Ace wohnte in einem kleinen Haus nahe der Schule. Es war nichts Besonderes, doch hatte einen ungewöhnlich gepflegten und hübschen Vorgarten.

Er öffnete ihr die Tür und ließ sie eintreten. Es roch sofort irgendwie angenehm.

"Kisumi ist bestimmt noch in Rens Zimmer. Letzte Tür links."

Sie nickte und trat durch den Flur. Es war völlig ruhig.

Immer wieder fragte sie sich wie ihr diese Freundschaft hatte entgehen können. Wie hatte sie auch noch Missachtung für Ren hatte tragen können, wenn die Situation zwischen den beiden so friedlich ausgegangen war.

Reiju fühlte absolut nichts mehr außer Scham und dass Ace immer noch am Eingang stand und sie beobachtete machte das ganze nicht besser.

Sanft klopfte sie an Rens Zimmertür, doch niemand reagierte. "Öffne einfach. Die hören sicher Musik", rief Ace ihr zu.

Tatsächlich lagen ihr Bruder und Ren zusammen auf dem Boden und hörten Musik über Kopfhörer. Dennoch bemerkte Kisumi sie sofort.

"Reiju!", rief er überrascht und setzte sich auf. Die Kopfhörer rissen sich aus seinen Ohren. Er wirkte ertappt. Verwundert sah auch Ren jetzt auf und betrachtete sie. "Deine Schwester?"

"Entschuldigt", sagte sie unsicher. "Kisumi... lass uns reden, bitte." Ohne zu zögern nickte er.

Auf den Stufen vor Ace Haus war es noch warm. Die Sonne schien genau auf sie herunter und schenkte ihnen seltene Frühlingswärme.

"Du und Ren, ihr seid also gut befreundet", begann Reiju zaghaft und lächelte ihm zu.

"Ich habe es vor dir verheimlicht." Kisumi entgegnete es ohne Vorwarnung. "Entschuldige."

Er sah vor auf die Straße, doch seine Augen suchten hilflos nach Halt.

"Aber wieso?" "Ich hatte irgendwie Angst. Du warst so sauer auf Ren und Ace", er verstummte kurz. Nur ganz leise sprach er weiter. "Ich habe mich gefreut, dass du dich einmal wieder so um mich gesorgt hast. Das hast du lange nicht."

Sofort spürte er die Arme seiner Schwester um sich. Fest legten sie sich um ihn und hielten ihn. Reiju biss die Zähne zusammen. "Es tut mir so leid, Kisumi", flüsterte sie.

Sie konnte sich an die letzten Jahre nur noch vage erinnern. Sie wusste nicht mehr was sie mit ihrer Zeit angefangen hatte. Wo war sie mit ihrem Geist gewesen, als Kisumi immer direkt neben ihr gestanden hatte.

"Schon gut", antwortete ihr Bruder und erwiderte die Umarmung.

"Außerdem hatte ich irgendwie Angst vor deiner Reaktion", sprach er weiter und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter.

"Aber Kisumi." Aufgewühlt drückte sie ihn und redete sanft in sein Haar. "Ich freue mich für dich. Ihr scheint euch so gut zu verstehen... im Leben sollte man sich keine Feinde machen, Freunde sind immer besser."

"Du klangst gerade ja tatsächlich mal erwachsen", stichelte Kisumi plötzlich und löste die Umarmung.

Reiju sah zu ihm runter und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie packte ihn bei den Armen und drückte ihn noch einmal.

"Ich liebe dich, mein Kleiner." "Und ich dich ja auch, Reiju."

Er raunte es nur, doch es füllte ihr Herz bis zum Überfluss. Sie lächelte und nahm seine Hand. Ihr Blick ging zum Sonnenuntergang.

"Und was machen wir mit Mama und Papa?", fragte er dann leise. Sie ließ seine Hand nicht los. Sanft strich sie ihm über den Handrücken und unterdrückte ihr seufzen. Sie hatte absolut keine Ahnung.

"Das bekommen wir auch noch hin", sagte sie. Kisumi nickte vorsichtig. "Dann lass uns nach Hause gehen."

Er stand auf und öffnete die Tür, dann verschwand er. Es wurde gänzlich still um sie.

"Alles gut zwischen euch?", fragte plötzlich Ace. Er hatte Kisumi ins Wohnzimmer zu Ren geschickt und stand jetzt im Türrahmen. In der Hand eine Tasse Tee. Reiju stand auf, um ihn anzusehen und nickte.

"Danke, Ace", sagte sie und blickte ihm scheulos in die Augen. "Kein Problem."

Kisumi verabschiedete sich von Ren und trat dann wieder hinaus.

"Bye, Ace." Zu ihrer Überraschung nahm er Reijus Hand. "Geh Heim mit deiner Schwester", sagte Ace und schnippte ihm gegen die Stirn.

"Ich hab doch gesagt du sollst das lassen!", rief Kisumi doch Ace lachte nur.

"Tschüss", verabschiedete sich dann auch Reiju und lächelte ihm zu. Doch als sie gehen wollte hielt er sie noch einmal zurück.

"Welchen Grund auch immer das hier hatte. Ich hoffe es löst sich für euch."

Er hatte sich vorgebeugt und es so leise geraunt, dass nur sie es hatte hören können. Dann trat er wieder einen Schritt zurück und sah sie an. Sein Blick war aufrichtig, Reiju aber war ein wenig überfordert. "Danke", sagte sie zögernd, bevor sie von ihrem Bruder auf die Straße gezogen wurde.

Als Reiju am nächsten Morgen zur Schule aufbrechen wollte, hielt sie für einen Moment Inne. Vom Flur aus konnte sie Kisumi durch die Küchentür sehen. Er saß still am Tisch und frühstückte. Bevor sie sich also wie üblich wortlos anzog und ging, betrat sie den Raum.

"Morgen", sagte Reiju. Ihre Mutter stand am Wasserkocher und wartete, bis er fertig war, ihr Vater war wie immer schon außer Haus, wenn sie aus ihrem Zimmer kam.

"Morgen", antwortete ihre Mutter und lächelte unsicher, doch Reiju ignorierte es. Sie beugte sich zu Kisumi herunter und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

"Ih Reiju!", rief er bestürzt und wischte sich schnell mit seinem Ärmel über die Stelle, Reiju aber lachte.

"Bis später", rief sie und verließ das Haus.

Als sie austrat stand ungewöhnlicher Weise schon jemand am Fuße der Stufen und wartete auf sie.

Es war erst halb acht. Reiju war nicht spät dran und würde pünktlich an ihrem Treffpunkt mit Suru ankommen, heute Morgen aber wartete er schon vor ihrem Haus auf sie.

"Was machst du denn hier?", fragte sie und trat zu ihm herunter. Suru lächelte nur und umarmte sie. "Reiju, guten Morgen."

Als sie sich in Bewegung setzten, sah sie ihn noch immer fragend an. "Ich wollte gestern nicht so aufdringlich sein und vorbeikommen", begann er zaghaft und lächelte unsicher. "Du hattest mir am Abend ja geschrieben, dass Kisumi wieder zu Hause sei."

Reiju nickte und sah vor auf die Straße. "Wäre wahrscheinlich auch keine so gute Idee gewesen", sagte sie still. "Aber danke."

Suru sah zu ihr rüber. Sie wirkte eigentlich wie immer, auch ihr neutraler Blick war gleich. Dennoch spürte sie seine eindringlichen Augen schwer auf ihrer Haut.

"Wir hatten Stress mit unseren Eltern. Ich erzähle es dir später, okay? Am Morgen hab ich da keine Lust darauf." Sie wusste, dass er so etwas hören wollte. Einfach nur irgendeine Information darüber, was los war damit er entscheiden konnte wie große Sorgen er sich machen musste.

"Sicher", antwortete er und löste endlich seinen Blick von ihr. Er sah vor und blieb still.

"Kisumi war bei Ace. Er ist wirklich gut mit Ren befreundet", ließ Reiju plötzlich fallen.

"Was?" Surus Blick ging wieder zu ihr. Erstaunt musterte er sie.

"Ich hab ihn bei Ace zu Hause abgeholt. Ist schon irgendwie ironisch...", sprach sie weiter, während sie nicht aufhören konnte an dem Band ihrer Schuluniform zu spielen. "Wir haben uns sogar ganz gut verstanden."

 

In der Mittagspause erzählte Reiju Keita was passiert war. Er hörte interessiert zu und beobachtete sie beim Formulieren jeden Wortes. Wirkliche Details aber ließ sie aus. Auf tiefgründige Gespräche konnte sie in der Schule wirklich verzichten.

"Und was unternimmst du jetzt?", fragte er, als sie fertig war. "Im Bezug worauf?" "Na Ace!"

Reiju schüttelte sofort den Kopf. "Gar nichts natürlich." Keita atmete enttäuscht aus. " Du sagst ihr habt euch gut verstanden? Wann hörst du dann endlich auf immer so wenig Interesse in andere Leute zu legen?" "Ich lege Interesse in dich, was willst du mehr?" Sie zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch und schob ihren Grüntee zu ihm rüber.

"Hier. Der schmeckt mir nicht."

Keita ergriff die Flasche und stand auf. "Ihr zwei werdet aus dieser schicksalhaften Story schon noch irgendetwas mitnehmen. Das schwöre ich dir, Reiju!" Sie wagte es nicht mal über seinen Ton zu lachen, denn sie wusste, er meinte es todernst. "Keita... bitte tu nichts Dummes", raunte sie, doch er saß schon wieder auf seinem eigenen Platz. Genau zum Beginn des Unterrichts.

"Wir müssen noch die Klassensprecher wählen", kündigte ihr Lehrer heute als aller Erstes an und ergriff ein Stück Kreide. "Um es schnell zu machen, wer möchte denn?"

Sein Blick ging durch den gesamten Raum, doch niemand meldete sich. Tief seufzte er und legte die Kreide wieder beiseite.

"Wenn sich niemand meldet, muss ich den Zufall entscheiden lassen." Ein unbegeistertes Raunen ging durch den Raum, dennoch meldete sich weiterhin niemand.

"Wie ihr wollt", sprach Deji-Sensei also und ergriff die Klassenliste. "Gut mal sehen..."

Reiju hatte dieses Thema völlig vergessen. Bisher hatte es in jeder ihrer Klassen immer mindesten zwei Menschen gegeben, die den Posten unbedingt haben wollten, weswegen sie sich nie hatte Sorgen machen müssen. Diese aber schien ihr Untergang zu sein.

Fest presste sie ihre Handflächen aufeinander und hoffte wie wild, dass sie es nicht werden würde. Alles, aber lass es bloß nicht sie sein.

"Hamori Reiju?"

Ihr Name fiel. Von allen 20 Schülern fiel ausgerechnet ihr verdammter Name.

"Ja", antwortete sie widerwillig.

"Gut, sie sind hier. Dann suchen wir ihnen mal ein Gegenstück."

Wieso ausgerechnet sie. Nicht nur dass sie in eine Klasse voller neuer Menschen gesteckt wurde, sie würde mit all den Fremden auch noch mehrere Abende und Reisen verbringen müssen.

Genervt stützte sie ihren Kopf in ihre Hände und schloss die Augen. Das bedeutete viel Arbeit und außerdem viel soziales hin und her.

"Ich hab für so etwas keine Zeit!"

Ace laute Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Zeit. Worüber sprach er? Doch als Keitas begeistertes Grinsen ihren Blick traf, wusste sie genau worum es ging.

"Dann müssen sie sich eben Zeit beschaffen. Die Schule steht vor ihren privaten Spielereien."

Gereizt blickte Ace ihren Lehrer an. Schwer atmete er aus und verschränkte die Arme. Er schien wütend. Dann begann ohne ein weiteres Wort von Ace oder ihrem Lehrer der Unterricht und Reiju fesselte ihre Augen an die Tafel. Vor allem aber um Keitas Blicken zu entgehen.

Als es endlich zum Unterrichtsschluss klingelte rief Deji-Sensei die beiden neuen Klassensprecher noch kurz zu sich.

Reiju folgte seinem Aufruf und verpasste Keita im Vorbeigehen noch einen ordentlichen Schlag gegen den Oberarm. "Bis morgen", raunte sie ihm zu und wartete dann, bis Ace endlich nachkam.

Er verabschiedete sich auf dem Flur noch von jemandem. Ein blonder großer Junge, das musste Izaya sein. Dann kam er durch den inzwischen leeren Klassenraum auf sie zu geschlendert.

"Gut", begann Deji-Sensei. "Heute findet bereits das erste Meeting statt, also seid pünktlich." Er reichte den zwei Schülern einen Zettel mit Uhrzeit und Raum. Dann blickte er wieder zu ihnen hoch und betrachtete besonders Ace mit argwöhnischen Augen. "Und wagen sie es ja nicht das Treffen sausen zu lassen. Ich werde davon erfahren, wenn einer von ihnen fehlen sollte!"

Reiju nickte gehorsam auch wenn sie nur halbherzig zugehört hatte. Ace dagegen grummelte etwas vor sich hin und sah seinem Lehrer entnervt entgegen, welcher es gekonnt ignorierte und sich wieder an seinen Schreibtisch setzte, um ihnen zu signalisieren dass sie gehen konnten.

Reiju hatte keine Lust auf diese Sache, aber wenn sie schon gezwungen wurde, würde es sich wenigstens gut auf Bewerbungen machen und dass Suru unbedingt hatte Klassensprecher werden wollen, gab ihr ein klein wenig Hoffnung. Wenn er wirklich dabei war, würde es vielleicht doch ein wenig spaßig werden.

"Okay wir haben noch eine Stunde Zeit bis das Meeting beginnt. Treffen wir uns vor dem Raum?", fragte sie, als sie gemeinsam auf den Flur traten. Ace aber drehte ihr wortlos den Rücken zu. "Ja, wir sehen uns dort", raunte er, bevor er seine Tasche über beide Schultern zog und einfach verschwand.

 

Zum Meeting kam Ace zu spät.

Er entschuldigte sich knapp beim leitenden Lehrer, Kokon-Sensei, und setzte sich stumm neben Reiju. Verwundert betrachtete sie ihn von der Seite. Er schien ziemlich abgehetzt. Eine Schweißperle lief ihm über die Schläfe.

"Ist was?", fragte er rau, als er ihren Blick bemerkte. Reiju schreckte auf. "Nein, ganz sicher nicht", antwortete sie nur und sah wieder zur Tafel an der ihnen gerade ihre Aufgaben erklärt wurden.

Reiju hatte es gerade eben erst wieder geschafft gut drauf zu sein. Sie hatte Suru vor dem Raum entdeckt und gespürt wie die Erleichterung ihren ganzen Körper durchzogen hatte. Sie hatte sogar ein klein wenig Lust verspürt, bis Ace sie plötzlich mit seinem Blick ohrfeigte und auf den harten Boden zurück holte, dass Suru nicht der Einzige in diesem Raum war.

Kokon-Sensei redete und redete und Reiju wurde immer gelangweilter. Sie wollte nichts mehr wissen von den Wegen zur Motivation und Ace ließ auch nicht mit sich reden. Er ignorierte jede ihrer Fragen und tippte nur immer wieder etwas in sein Handy.

Teilnahmslos begann sie mit ihrem Finger die Maserung des Holztisches nach zu fahren.

"Wir sollen das ausfüllen."

Jetzt blickte Ace sie unter seinen Haaren heraus an. Sein Zopf war, im Gegensatz zu heute Mittag, aufgegangen und jetzt lagen die Strähnen wie ein langer Pony über seinen Augen. Das Blatt schob er zu ihr herüber. Reiju nickte und sah es sich an.

"Okay, Frage eins", sagte sie, aber er reagierte nicht mehr. Er hatte seinen Kopf auf seine Arme gebettet und schloss die Augen. "Ace, ist das dein Ernst?" Keine Reaktion.

Sie zog das Blatt vor sich und las es sich komplett durch. Die Fragen schienen einfach.

Reiju hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung, weder mit Kokon-Sensei noch mit Ace, also nahm sie ihren Stift in die Hand und begann einfach zu schreiben.

Nach einer Weile setzte sich Ace wieder auf und band seinen Zopf neu.

"Was hältst du von Frage vier?", fragte Reiju schnell. Sie würde ihn dennoch nicht so einfach davonkommen lassen. "Nichts", sagte er jedoch und schenkte ihr nur einen kurzen Seitenblick.

"Wie nichts?"

Er zuckte mit den Schultern und blinzelte langsam.

"Du könntest mir wenigstens ein bisschen helfen, weißt du." Er gähnte und schien keine Antwort parat zu haben. Reiju seufzte erneut.

"Was ist eigentlich los mit dir?", fragte sie und sah zurück auf dass Blatt. Jetzt warf Ace ihr einen längeren Blick zu und zuckte wieder mit den Schultern. "Was meinst du?" "Du benimmst dich heute wieder wie ein Arsch." Erneut erwiderte er nichts mehr. Sein Blick ging stumm vom Blatt, zu ihr und wieder auf das Blatt. Es wurde still. Reiju entschied sich, es einfach gar nicht mehr zu versuchen und sich mit der Stille abzufinden, doch da brach Ace sie wieder.

"Wie geht es Kisumi?", frage er.

Reiju schrieb die letzte Antwort zu Ende und stand auf.

"Wirklich?", fragte sie hart und warf ihm einen eiskalten Blick zu. Dann ging sie und gab das Blatt ab.

Als sie sich zurück an ihren Platz setzte, hatte Ace es sich wieder gemütlich gemacht.

Was konnte in seinem Kopf nur vorgehen. Erst war ihm alles egal und dann fragte er nach ihrem Bruder. Sie wusste, dass Kisumi ihn wirklich gern mochte, sie tat es in diesem Augenblick aber überhaupt nicht.

Als alle abgegeben hatten durften sie gehen und Reiju tat es ohne ein weiteres Wort zu Ace.

Sie schloss sich Suru an und verließ mit ihm und seinen Freunden stumm das Gebäude.

Suru machte sich nicht weiter Gedanken darum. Reiju war schon immer so gewesen. Ihr reichte es, wenn er neben ihr ging und das tat er immer ganz automatisch. Ansonsten unterhielt er sich angeregt mit seinen Freunden. Nach einer Weile Fußweg waren sie jedoch allein.

"Und wie ist es als Klassensprecherin?", fragte er aufgeregt. Reiju zuckte mit den Schultern.

"Zusammen mit Ace. Das ist doch super. Du meintest doch ihr habt euch gut verstanden."

Sie atmete aus und blickte zu ihm hoch. "Ja nur...", sagte sie. "Er scheint sich nicht entscheiden zu können ob er nett zu mir sein soll oder nicht." "Hm", machte Suru und blickte in den dunklen Himmel. Er schien ernsthaft darüber nachzudenken.

"Ace sah sehr gestresst aus heute. Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag." Es wurde still. Surus Worte stimmten sie voller Liebe für ihn. Wieso sah er in allem und jedem immer etwas Gutes.

"Ja vielleicht", hauchte sie und stupste ihren Kopf gegen seine Schulter. "Ich geh dann", sagte sie und bog in ihre Straße ein. Vielleicht hatte Suru recht. Vielleicht war Ace wirklich nur gestresst gewesen, aber vielleicht war er auch einfach nur unberechenbar.

Die nächste Woche verlief eigenartig.

Nachdem Reiju und Ace im letzten Meeting ziemlich angeeckt waren, schien er sie jetzt völlig zu ignorieren. Selbst im Unterricht sah er sie nicht an, obwohl er genau neben ihr saß.

Doch Reiju versuchte sich nicht daran zu stören. Ungewohnt viel ging ihr die Frage durch den Kopf, was mit ihm los sein könnte, doch sie verdrängte es. So gut es ging zumindest, denn Kisumi hing ihr seid ihrem Übereinkommen ständig über Ace und Ren in den Ohren, als wäre er froh, dass endlich alle Mauern gefallen waren und er offen mit ihr sprechen konnte.

Sie hatte Kisumi neulich von der Schule abgeholt und er hatte nur von den beiden geredet. Für ihn war Ace eben wie immer; vielleicht konnte er sie ja auch einfach nur nicht ausstehen.

Zu Hause verlief es nicht viel besser.

Ihre Eltern versuchten die alte Routine beizubehalten was jedoch kläglich scheiterte, denn Kisumi war nur noch allein in seinem Zimmer und verbrachte seine Zeit mit sich. Er schien nicht mehr gern mit ihren Eltern in einem Raum zu sein, was Reiju das Herz brach. Alles war irgendwie kalt und fremd geworden und wenn nicht bald jemand etwas sagte, würde das sicher nicht lange gut gehen. Dennoch schien Reijus Mund wie versiegelt.

Seufzend ließ sie sich auf Kisumis Bett fallen.

Wenigstens war ihre Beziehung zu ihrem kleinen Bruder endlich besser geworden und sie verfiel in alte geliebte Muster.

"Was machst du?", fragte sie. "Hausaufgaben", murrte er zurück. "Was denn so?" "Mathe." "Läuft es gut?" Auch wenn er sie vermisste hatte, hatte er sicher nicht vermisst von ihr genervt zu werden. Sie musste grinsen, als er sich jetzt mit ernsten Augen zu ihr umdrehte.

"Wolltest du nicht mit deinen Freunden raus?" "Ja gleich." "Ich hoffe gleich kommt sehr bald", sagte Kisumi und drehte sich wieder zurück an den Tisch. "Ist ja gut. Ich störe dich auch nicht mehr." Sie lachte und sah sich ein wenig um.

Es war Samstag Mittag und Reiju hatte sich schon komplett fertig gemacht, um sich mit Keita, Junko und Suru zu treffen. Allerdings hatte Junko um mehr Zeit gebeten und so musste Reiju jetzt eine ganze Stunde totschlagen.

Kisumis Zimmer war geräumig mit großen Fenstern, die den gesamten Raum erleuchteten. Dass er jetzt viel mehr Zeit hier und nicht im Wohnzimmer verbrachte machte sich ziemlich deutlich. Obwohl er immer ein realtiv ordentliches Zimmer hatte, lag nun sein Kram gestaut auf diesen kleinen Bereich verteilt, statt im gesamten Haus.

"Hast du eigentlich noch mal mit Papa geredet?", fragte sie plötzlich. Sofort drehte sich Kisumi wieder um.

"Nein", sagte er und zuckte mit den Schultern. "Er will immer, aber ich sage ich hab für die Schule zu tun."

Reiju stand auf und blickte über seinen Schreibtisch. Das Mathebuch lag über seinen halbherzigen Notizen.

"Es tut mir so leid", hauchte sie. "Kannst du doch nichts für. Ich hab nur keine Lust mit ihm zu reden." Kisumis Stimme klang fest. Er lächelte zu Reiju hoch und blickte dann zurück in sein Buch.

Kurz fragte sie sich, wie echt das Lächeln gewesen war, doch da bekam sie eine Nachricht von Suru.

"Oh, ich ich muss dann los", sagte sie und gab Kisumi einen Kuss auf die Wange. Sie hatte es in letzter Zeit jeden Tag gemacht und ganz langsam schien Kisumi sich daran zu gewöhnen. Er jaulte nicht mehr ganz so sehr wie zu Beginn.

"Viel Spaß", sagte er und Reiju rief ihm von der Treppe noch ein lautes "Danke" zu. Dann verließ sie das Haus.

 

Sie wollte sich mit den anderen im Park treffen. Es gab dort eine abgelegene Stelle, an der sich nur selten Menschen aufhielten, die aber weitaus schöner war als jeder Teil der grauen Stadt. Zumindest für Reiju. Sie war umgeben von alten Lindenbäumen, die im Sommer tiefe Schatten warfen.

Auch allein verbrachte Reiju dort gerne viel Zeit.

Als sie zum Parkeingang gelangte, wartete Junko schon auf sie. Sie stand in Jeans und weitem Pullover unter dem Torbogen und winkte. "Hey!", rief sie und deutete auf ihre große Tasche.

"Ich habe Kuchen von meiner Mutter mit", sagte sie und umarmte Reiju zur Begrüßung. "Der Übliche?", fragte sie neugierig zurück. Junko nickte und Reiju lief sofort das Wasser im Mund zusammen. Der Kuchen von Junkos Mutter war schon seit dem Kindergarten einfach der Beste gewesen.

"Die anderen warten dort auf uns", sprach Junko dann weiter und erwartete erst keine Antwort von Reiju. "Was haben wir vor?", fragte sie jedoch, als sie über den rauen Kieselweg schlenderten. Laut knirschte er bei jedem Schritt. Junko zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen." Sie nickte und spürte sofort das weiche Gras, als sie vom Weg abkamen. Sie würden gleich da sein.

Suru und Keita saßen schon auf dem umgefallenen langen Ast, der sich durch die Bäume zog. Keita lachte auf, als er sie bemerkte. "Da seid ihr ja endlich", sagte er und Reiju stieg über den Ast zu ihnen herüber. Dicht gefolgt von Junko. Auch Suru begrüßte sie und sah dann auf Junkos ungewohnt große Tasche. "Kuchen?", fragte er nur und sie musste lachen. "Ganz richtig."

Sie machten es sich gemütlich und Junko gab jedem ein Stück des noch warmen Kirschkuchens.

Es war heute, genau wie die letzten Tage auch, so sonnig. Es war hell und alles schien zu erblühen. Die Bäume wurden kräftig grün und die Blumen grell und farbig. Zumindest hier im Park, wo Natur noch ein Thema war.

Reiju dachte immer wieder daran, dass sie, wenn sie schon in einer Stadt leben sollte, wenigstens in einem Vorort lebte. Hier war es immer ganz ruhig und die Natur schien wenigstens noch ab und zu ihren Weg in die Welt der Menschen zu finden. Ganz anders als in der Innenstadt.

Sie legte sich, genau wie Keita, ins feuchte Gras und starrte in den Himmel während die anderen über irgendetwas sprachen. Sie lauschte dem Klang ihrer Stimmen, ohne aufzunehmen was sie sagten. Die reinen vertrauten Töne lagen so angenehm in ihren Ohren.

Die erste Woche der Schule hatte sie aufgewühlt. Sie wusste noch immer nicht, was sie davon halten sollte ihre drei besten Freunde nicht mehr täglich zu sehen. Umso glücklicher war sie in genau diesem Moment, dass es war wie immer, als wären sie noch genau wie früher Klassenkameraden.

Allerdings hatten sie sich jetzt viel mehr zu erzählen. Reiju wollte gern all ihren Geschichten lauschen. Junko hatte in ihrer Klasse neue Freunde gefunden, von denen sie ganz aufgeregt erzählte.

Eine von ihnen wollte genau wie sie einmal Medizin studieren.

Auch Suru hatte sich Freunde gemacht. Nach seinen Worten zu urteilen anscheinend die gesamte Klasse. Reiju musste lachen. Es war so typisch für ihn.

"Und Reiju hat sich einen Typen geangelt!", rief Keita plötzlich laut und warf seine Arme in die Luft. Er hatte schon erwartet dafür einen bösen Blick zu ernten, den er auch sofort bekam. Junko kicherte. "Ja da hab ich schon von gehört. Was läuft da zwischen dir und Ace?"

Reiju sah genervt auf. "Nichts", sagte sie. "Kisumi und Ren sind ziemlich dicke, also war ich einmal bei ihm zu Hause. Das war es aber auch."

"Und ich dachte er hätte dich ganz romantisch zu sich eingeladen", raunte Junko und grinste schelmisch. Sie kassierte einen Schlag quer über den Kuchen. "Lass das."

"Entschuldige", rief sie lachend. "Schon klar dass zwischen euch nichts läuft. Keine Sorge."

Reiju sah sie eine Weile an und seufzte dann. "Er ist gemein zu mir. Da hab ich keine Lust darauf." Junko nickte. "Kotoko meinte das auch. Sie stand eine Weile auf ihn, aber er hat sie wohl ziemlich hart abblitzen lassen." Da legte Suru den Kopf in den Nacken. "Hm", machte er.

"Was ist los?", fragte Keita sofort. Er spürte, dass Suru ganz und gar nicht Junkos und Reijus Meinung war. "Nichts, nichts", sagte er jedoch. "Mir scheint es nur, dass Ace ganz anders auf euch wirkt, als auf mich." Er lächelte den drei entgegen und schien zu leuchten, genau wie immer wenn er so lachte. "Zu mir war er bisher immer freundlich." "Seltsam", sagte Junko.

"Können wir aufhören über Ace zu sprechen, bitte?", sagte Reiju plötzlich ganz gleichgültig und jeder nickte.

"Es wird schon ein wenig dunkel", sagte Keita darauf. Tatsächlich färbte sich der Himmel langsam in seine dämmernden Farben. Reiju liebte diesen Moment. Wenn die Sonne sich gen Boden richtete und ihr rotes Licht mit letzten Kräften auf die Gebäude und Pflanzen der Stadt warf.

Alles färbte sich tiefrot. Die Bäume leuchteten auf und alles schien ihn hohen Flammen zu lodern.

Reiju stand auf und hing sich an einen hohen Ast an einem nahen Baum. Leichtfüßig schwang sie sich hoch und nahm auf dem dürren Ast platz. Von dort oben hatte sie einen besseren Blick über die rote Stunde des Tages.

Reiju war absolut nicht sportlich, doch wenn sie eine Sache konnte war es das.

Keita war jedes mal aufs Neue fasziniert davon, wie sie auf so hohe Bäume kam. Nur mit Mühe und Not konnte er ihr folgen, doch er folgte ihr jedes Mal. Während Junko und Suru meist unten blieben und sie stumm beobachteten.

Heute aber wagten sie es hinterher. Mit einer Räuberleiter von Suru schaffte Junko es ebenfalls hoch und er folgte kurze Zeit später.

In einer Reihe saßen sie still da und starrten auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.

Reiju wagte es ihren Blick für kurze Zeit zu lösen. Er fiel auf ihre Freunde neben ihr. Es war schon eine Weile her, dass sie alle zusammen so hoch oben saßen. Es gab ihr plötzlich ein so warmes Gefühl. Suru hatte Junkos Hand in seinem Schoß und Keitas Kopf lag auf ihrer Schulter.

Dann ging ihr Blick wieder nach vorn. Die Sonne schwand immer schneller vom Horizont und die Bäume wechselten ihre Gestalt von hohen Flammen zu düsteren Schatten. Es war die schönste Stunde. Wenn Tag und Nacht aufeinander trafen und die Welt sich in kürzester Zeit so oft wandelte. Von hell zu düster. Von Warm zu kalt.

Suru drückte Junkos Hand in seinem Schoß und blickte rüber zu den anderen. Reijus Blick ging wie gebannt in die Ferne. Von nichts ließ sie sich so einnehmen, von nichts so beeindrucken wie der Natur. Er musste lächeln. Sie sah selten so glücklich aus wie in diesem Moment. Sie schien nichts zu brauchen. Niemanden, außer diesen Anblick.

 

Dass die Schule darauf so schnell wieder anstand missfiel Reiju. Sie genoss das Wochenende. Hatte besonders das letzte so genossen und jetzt sah sie sich wieder vor der großen Hürde Schule. Und noch viel größer die wöchentliche Klassensprechersitzung.

Junko war heute noch etwas länger in der Schule geblieben und begleitete Reiju in ihrer Freistunde.

Der Dienstag Nachmittag war wieder kühler und die Sonne verbarg sich hinter tiefen Wolken.

"Wieso nur ist es plötzlich wieder so kalt?", fragte Junko und zog sich ihre dünne Jacke eng um den Körper. Sie waren draußen unterwegs und suchten nach etwas Essbarem für Reiju.

"Erderwärmung", raunte Reiju. Sie hörte ein tiefes seufzen aus Junkos Kehle. "Ich weiß, ich weiß", sagte sie. "Kannst du dich jetzt bitte entscheiden wo du essen willst? Damit wir ins Warme können?"

Reiju setzte lustlos einen Fuß vor den anderen. Eigentlich hatte sie nichts gegen so ein Wetter, doch heute lag es schwer auf ihrem Gemüt. Das Trübe drückte ihre Stimmung zu Boden und das tiefe Grau, welches sich durch die Luft zog, hielt sie dort fest.

"Lass uns einfach zurück gehen", sagte Reiju und wandte sich um. "Aber dein Essen", rief Junko und folgte ihr schnellen Schrittes. "Ich hab noch was kleines übrig." "Bist du sicher? Hol dir wenigstens was vom Automaten", redete sie weiter auf sie ein. Reiju aber streifte Junkos Hand mit ihrer und nickte. "Ja keine Sorge."

Damit war das Thema beendet und sie gingen eine Weile stumm nebeneinander her.

"Wo ist eigentlich Suru?", fragte Junko dann. "Der ist mit Freunden unterwegs. Irgendwas besorgen." Sie nickte. Suru hatte in der Schule immer was zu tun. Irgendwer wollte immer was von ihm.

"Noch 10 Minuten", sagte Reiju, als sie vor dem Klassenzimmer ankamen. "Wenn du willst kannst du gehen. Ich setz mich schon mal in den Raum", bemerkte sie, doch Junko schüttelte den Kopf. Sie blieb bis keine Zeit mehr übrig war. Erst dann verabschiedete sie sich und ging.

Reiju sah ihr noch einen kurzen, warmen Augenblick hinterher, dann setzte sie sich auf ihren Platz.

Suru war auch schon da. Sie und Junko hatten ihn begrüßt, als er gekommen war und auch jetzt winkte er ihr noch einmal zu, als er sie bemerkte.

Kokon-Sensei hatte schon begonnen, als auch Ace endlich auftauchte.

"Kojin. Schon wieder zu spät. Noch einmal und es gibt Konsequenzen", raunte ihr Sensei, aber wirklich ernst schien er es nicht zu meinen. "Entschuldigen sie", brachte Ace mit einer kurzen Verbeugung hervor. Dann nahm er wieder neben Reiju Platz. Ein raues "Hi", ließ er fallen und sie begrüßte ihn knapp zurück. Sie wollte ihn nicht zu sehr beachten. Letzte Woche war ihr genug gewesen, also starrte sie nur zur Tafel.

Doch heftiges Husten aus Ace Richtung lenkte ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf sich.

"Alles gut?", fragte sie verwundert, aber Ace nickte nur. Erst jetzt bemerkte sie wie anders er aussah. Seine Haut schien ganz rot und sein Gesicht fahl. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn und seine Lider lagen nur schwer über seinen Augen.

"So siehst du aber nicht aus", sagte sie. Ace blickte sie kurz an, doch erwiderte nichts.

Wieder hustete er.

"Trink was", sagte sie, ohne darüber nachzudenken mit wem sie da gerade sprach. Zu ihrem verwundern griff Ace wirklich in seine Tasche, doch leer kam seine Hand wieder raus.

"Hier", sagte sie also und hielt ihm ihr Wasser hin.

Ace betrachtete die Flasche und blickte dann in ihre Augen. Er zögerte, doch Reiju hielt sie genau vor seine Nase. "Nimm schon und stell dich nicht so an."

Als er die Flasche aus ihrer Hand nahm, ergriff sie eine plötzlich Hitze. Seine Haut brannte.

Schwankend drehte er den Kopf zurück nach vorn und trank einen Schluck. "Danke", sagte er matt, doch Reiju packte ihn plötzlich an der Schulter und legte ihre Hand auf seine Stirn.

"Ace du glühst!", sagte sie aufgebracht. Schnell schlug er ihre Hand beiseite und starrte sie an. "Lass das", raunte er.

"Du solltest zur Krankenschwester." "Nein", antwortete er hart, aber Reijus Blick klebte unermüdlich an seinem Gesicht. "Geh zum Arzt", raunte sie wieder. Ace schenkte ihr nur einen bösen Blick und schob ihre Hand weiter von ihm fern. "Lass mich in Ruhe." Seine Stimme war so kratzig, dass es Reiju nur vom zuhören in der Kehle schmerzte.

"Dann geh eben nach Hause und ruhe dich aus."

"Nein."

"Wieso nicht?"

"Ich muss noch arbeiten."

Verwirrt sah sie ihn an. Arbeiten? Es war schon halb sieben. "Was? Wo arbeitest du so spät denn bitte?" Sofort bereute Ace es ihr gesagt zu haben und seufzte.

"Warum willst du das wissen?", fragte er matt und lehnte sich über den Tisch. Reiju schnaubte und drehte sich zurück zur Tafel. Sie wollte es eigentlich gar nicht wissen. Ace schien es schlecht zu gehen, sie wollte nur das Schlimmste verhindern.

Als sie wieder irgendwelche Aufgaben bearbeiten sollten und alle in die Gruppenarbeiten übergingen, stand sie auf. "Kokon-Sensei", sagte sie und trat an seinen Pult heran. "Ace geht es nicht gut und er würde gerne zur Krankenschwester." Ihr Lehrer sah auf. Entrüstet erhob sich Ace urplötzlich von seinem Stuhl, doch statt wie gewollt laut nach Reiju zu rufen, ergriff ihn der Schwindel und er fiel unbeholfen auf seinen Stuhl zurück.

Reiju und Kokon-Sensei beobachteten ihn kurz. "Er hat sicher eine Grippe", sagte sie entschlossen. Kokon nickte. "Dann bring ihn bitte zur Station."

"Moment, ich?" "Ja sicher. Ihr seid doch aus einer Klasse. Ich entschuldige dich auch."

Reiju seufzte.

 

"Ich hasse dich", brachte Ace zwischen schwerem Husten heraus. Er lehnte mit einem Arm auf ihren Schultern und war schwer damit beschäftigt seinen Stand zu halten. "Also aufs Bringen war ich auch absolut nicht heiß", zischte sie zurück. Doch sie festigte ihren Griff um ihn, als er beinahe stolperte. Die Flure waren völlig leer. Es war so ungewohnt ruhig in der Schule.

"Wieso tust du das?", fragte Ace.

"Ich will niemanden sterben sehen weißt du", antwortete sie ironisch.

Dann wurde es still.

Stumm lieferte Reiju ihn bei der Krankenstation ab und wurde ohne ein weiteres Wort zu ihm zurück ins Klassenzimmer geschickt.

"ROADTRIP!"

Keitas laute, schrille Stimme schien aus dem Nichts aufzutauchen. Aufgeregt rannte er auf seine Freunde zu, die Arme weit aufgerissen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Reiju sah auf und starrte ihm genau in die Augen. Sie erwartete schon seine Umarmung.

Keita lachte und fiel ihr um den Hals..

"Wartet ihr schon lange?", fragte er und drückte sich noch einmal fest an Reiju.

"Nein, keine Sorge", antwortete Suru.

"Perfekt. Sind denn dann alle da?", fragte er weiter und sah sich um. Das Auto stand schon auf der Straße bereit. Surus Schwester Yuka belud es gerade mit einer großen Tasche.

„Hey Keita!“, rief sie. Sie sah auf und grinste. Ihr langes braunes Haar fiel ihr sanft auf die Schultern. Ihre Gesichtszüge waren wie immer ganz weich. Wenn Suru schon freundlich aussah, dann tat sie es erst recht. Suru und Yuka waren immer Menschen gewesen, die jeden mit nur einem Lächeln hatten umhauen können.

„Hey Yuka. Danke nochmal fürs Fahren“, sagte er und winkte zu ihr rüber. Sie war volljährig und hatte ihr eigenes Auto. Zwei Dinge in denen sie ihrem Bruder und seinen Freunden überlegen war.

Zu ihrem Glück verstand sie sich auch gut mit ihnen und opferte sich gerne mal als Chauffeur.

„Wir sind noch nicht ganz vollständig“, antwortete Suru endlich auf Keitas Frage. „Yuka hat noch ihren Freund eingeladen.“ „Aha“, machte Keita und zog es theatralisch in die Länge. "Und wo ist er?“ Er legte seine Hand an sein Kinn und blickte einmal von rechts nach links.

Yuka musste kichern. Sie schloss den Kofferraum und kam auf sie zu. „Er kommt zu spät, genau wie du es auch warst.“

Junko lachte und kniff Keita in den Oberarm.

„Setzt euch doch schon mal ins Auto“, sagte Yuka dann.

Schon seit Wochen hatten sie diesen Trip geplant, doch erst jetzt hatte Yuka dafür Zeit finden können. Sie studierte im 3. Semester und war jetzt im Frühling endlich in ihren ersehnten Semesterferien angelangt. Während die anderen sich ins Auto setzten, holte sie ihr Handy hervor.

"Kommt Yukas Freund immer so viel zu spät?", fragte Reiju, als sie alle saßen. Genau genommen hatte sie nämlich einen festen Plan. Sie hatten um elf Uhr losfahren wollen, um um zwölf schon da zu sein. Ihr Ziel war ein alter Wald außerhalb der Stadt. Er sollte laut Berichten von Keitas Opa völlig unberührt scheinen und eine gänzliche Stille bergen.

Reiju hatte sofort dorthin gewollt, auch wenn es eine Stunde Fahrt war, die vor ihnen lag. Auch die anderen waren sofort begeistert gewesen. Wenn Keitas Opa einmal begann von seinen alten Geschichten zu erzählen hörten sie ihm stundenlang zu und genossen es. Er hatte nie ein durchschnittliches Leben geführt und seine Jugend war immer voller Abenteuer gewesen. Reiju bewunderte ihn dafür. Jedes mal wenn er sich aufrichtete, um jetzt von seinem alten Ich zu sprechen, strahlten seine Augen und er schien zu verjüngen. Mit jedem begeisterten Wort, das über seine Lippen kam, schien es mehr und mehr als wäre er wieder in seinen 20ern und erlebte die Ereignisse seiner Jugend genau vor ihren Augen. Wie in einem Theater, nur aus Worten.

"Ja tut er", riss Suru sie aus ihren Gedanken. "Aber keine Sorge, er wird gleich da sein."

Sie sah zum Fenster raus. Yuka stand da und schaute die Straße runter. Sie hatte immer so etwas elegantes. Selbst wenn sie einfach nur dastand, wirkte sie, als gehöre ihr die Welt. Es war faszinierend. Da regte sie sich plötzlich. Sie trat einen Schritt vor und winkte jemandem. Neugierig beugte Reiju sich vor um besser sehen zu können.

Da kam also Yukas Freund.

"Hey", machte Keita plötzlich und legte den Kopf schräg. Verwundert sah er raus auf die Straße auf der Yuka gerade ihre Arme um ihren Freund legte.

"Ist das nicht Seiya?" Verwundert sah er rüber zu Suru.

Seiya. Wo hatte Reiju den Namen schon mal gehört?

"Ja klar. Ich hab euch doch erzählt die beiden kennen sich", antwortete Suru gelassen.

"Aber... nicht, dass sie zusammen sind." Junko konnte sich ein schrilles Lachen nicht verkneifen. Und da wurde Reiju bewusst, wieso Keita und Junko so eigenartig reagierten.

Seiya war Ace Bruder.

Dabei sah er gar nicht so aus. Sein Gesicht war viel weicher und sein Haar strahlend blond.

Reiju zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück in ihren Sitz. Im nächsten Moment stiegen die beiden auch schon ein.

Seiya steckte zuerst seinen Kopf durch die Tür und begrüßte alle. Dann setzte er sich und schaute noch einmal zu ihnen zurück.

"Ich hoffe ich werde euch heute nicht stören", sagte er und lächelte. Es war freundlich. Sein welliges Haar fiel ihm über die Augen, doch es bedeckte nicht seine Narbe. Er hatte eine nicht gerade kleine an der linken Augenbraue.

"Ach was", rief Keita. "Umso mehr desto besser!" Seiya nickte. "Finde ich auch."

Er sah kurz rüber zu Yuka, die noch mit ihrem Handy beschäftigt war. Sie schien nicht den Anschein zu machen, losfahren zu wollen.

"Ihr seid doch alle in Ace Stufe oder?", fragte er also und hielt das Gespräch aufrecht.

"Ja, sind wir", antwortete Suru.

"Ah, du hattest mir doch auch gesagt, zwei sind sogar aus seiner Klasse", redete Seiya weiter.

Keita horchte sofort auf und hob die Hand. "Ja, ich und Reiju." Er ließ sie wieder sinken und zeigt neben sich.

"Du bist also Reiju. Von dir hab ich schon viel gehört." Er blickte zu ihr rüber und starrte in ihre Augen. Überrascht zuckte sie zusammen.

"Was?", fragte sie zögerlich, doch Seiya lachte. "Kisumi erzählt immer so viel von dir."

"Tut er das." Sie atmete aus und schenkte ihm einen freundlichen Blick.

"Freut mich Ace Schulkameraden mal kennen zu lernen", sagte er noch, bevor Yuka endlich den Motor startete.

Kurz ließ Seiya seinen Blick über den Vieren ruhen. Dann sah er wieder rüber zu Reiju.

Ungewöhnlich lange blieb er an ihr hängen. Als Yuka losfuhr, drehte er sich endlich zurück auf seinen Platz.

Das war komisch, sagte sie zu sich, doch als Junko dazu keinen Kommentar fallen ließ, tat sie von dem Gedanken schnell ab.

"Was machen Ren und Ace denn heute?", hörte Reiju Yuka fragen, doch sie wandte ihren Kopf um. Ihr Blick ging nach draußen. Sie wusste, dass Kisumi heute zu Ren gegangen war. Ace war da sicher auch nicht weit.

Es wurde still.

"Was wollt ihr für Musik hören?", fragte Seiya nach einer Weile.

"Oh, darauf hätte ich dich wahrscheinlich vorbereiten sollen", fiel ihm Yuka plötzlich in sein Wort. Junko musste lachen. "Es gibt nur eine mögliche Art an Musik fürs Auto", sagte sie aufgeregt.

"Mach einfach das Radio an. Der richtige Sender ist schon eingestellt."

Und so hörten sie über die gesamte Fahrt ein klassisches Konzert von Bachs besten Stücken.

 

Als sie endlich in dem kleinen Ort ankamen, konnte Reiju gar nicht anders, als ein überwältigtes "Wow", über ihre Lippen kommen zu lassen.

Yuka parkte gerade. Viel konnte man bisher nicht sehen, doch der kleine Parkplatz war schon umgeben von unendlich hohen Bäumen. Ginkgos und alte Ahornbäume erstreckten sich über weite Flächen.

"Der Parkplatz ist ja sonst ganz leer", sagte Yuka, als sie ausstiegen. Keita nickte. "Wie mein Opa sagte. Dieser Wald wird seit Jahrzehnten nicht mehr verwaltet. Er ist praktisch ausgestorben."

"Doch die Natur lebt", raunte Reiju. Suru sah zu ihr rüber und musste kichern. Sie hatte diesen völlig erfüllten Blick drauf. Wenn sie diesen Wald betraten, konnte jeder von ihnen vergessen auch nur noch ein Wort mit ihr zu wechseln. Wie es schien barg dieser Wald viele Geheimnisse. Suru wusste sofort, Reiju würde sich gänzlich in ihm verlieren. Und auch Keita wurde immer ruhiger in Wäldern. Es schien als habe die Präsenz purer Natur etwas beruhigendes für sie alle.

Während Seiya ihre Tasche mit dem Proviant aus dem Kofferraum holte, sahen die anderen sich schon einmal um.

Es war kein Eingang zu erblicken. Überall standen die Bäume dicht an dicht und schienen eine undurchdringbare Dunkelheit zu bergen. "Wo gehen wir lang?", fragte Junko also. "Seltsam", entgegnete Suru nur verwundert.

"Am besten mitten durch." Seiya schloss das Auto ab und trat von hinten an sie heran.

Jeder überlegte wie ernst seine Aussage war, doch Reiju und Keita zögerten keine Sekunde.

Sie traten vor und bahnten sich durch die dicken Baumstämme einen Weg.

"Hey nicht zu weit vorgehen! Wir verlieren euch noch", rief Yuka und ging ihnen dicht gefolgt vom Rest schnell hinterher.

Sofort schlug eine Kälte auf sie ein.

Die Luft wurde modrig. Es war als betraten sie eine völlig andere Welt.

Es war recht dunkel, doch die Baumkronen leuchteten kräftig grün über ihnen. Der Frühling zeigte sich hier bereits in vollen, kräftigen Zügen. Alles blühte, alles entfachte sich in vollen Farben und schien sie warm zu umschließen. Die Bäume waren allesamt uralt, mächtig und bäumten sich hoch über sie auf. Die Zeit hatte sie belesen und nun wirkten sie ehrwürdig und weise, betagt mit Geschichten ihres Lebens. Ihre Borke war aufgesprungen und von zart grünem Moos durchzogen. Alles war feucht und lebendig, auch wenn es nach außen hin tot schien. Reiju spürte den Fluss der Energie beinahe schon an ihrem eigenen Leibe.

Yuka betrachtete sie. Wie konnte man nur so gegensätzlich sein.

Am Tage schien Reiju immer so unberührt, so besonnen.

Nicht kalt, aber als würde sie nichts erschüttern können. Völlig ruhig und abgeklärt. Auch wenn sie zeigte, dass Spaß sie nicht kalt ließ überwog dennoch das bedächtige an ihr.

Doch jetzt, hier in diesem alten unbedeutenden Wald. Zwischen alten und morschen Ahornbäumen. Auf dickem, grünem Moos. Unter den schützenden Blätterdächern voller leuchtender und raschelnder Blätter, wirkte sie so angreifbar. Ganz klein und sanft, als ergebe sie sich mit allem was sie hatte der unberührten Natur. Sie zollte ihr den höchsten Respekt. Ging vorsichtig und achtsam. Schien jedes Detail erkennen zu wollen, als entginge ihr ein wundervolles Meisterwerk, wenn sie nicht den Anblick eines jeden Blattes in sich aufnahm. Berührte die Borke der Bäume und sog die angenehm kühle Luft in sich ein. Den Geruch von feuchtem Holz und blühenden Knospen.

"Hey, da vorne wird es etwas heller", sagte Seiya und deutete auf einen Fleck zarten Lichtes. Es riss Yuka aus ihren Gedanken.

"Hoffentlich eine Lichtung", sagte Suru motiviert. Doch als sie über die schmalen Wege aus Laub und Moos an der Lichtquelle ankamen, sahen sie etwas, was keiner von ihnen erwartet hätte.

"Wahnsinn", raunte Junko demütig. Jedem verschlug es die Sprache.

Vor ihnen eröffnete sich ein Anblick wie aus alten Filmen.

Sie standen vor einem steinernen Torii. An den aufgesprungenen Stellen im alten Stein hatte sich Moos eingenistet und durchzog ihn in kunstvollen Mustern. Rechts und links umgaben ihn zwei alte Statuen. Klein und durch die Witterung gesichtslos. Auch sie waren wie grün eingefärbt.

Dahinter erstreckte sich eine lange Treppe. Sie war schmal und bewachsen und schien immer höher und immer tiefer in den Wald zu führen. Sanft wurde sie beleuchtet vom wenigen Licht, das die Baumkronen erlaubten. Der Stein glitzerte in der matten Sonne.

Reiju stand wie angewurzelt da, wagte es nicht vorzutreten. Es haute sie völlig um.

"Ob da oben... wohl immer noch der Schrein steht?", fragte Junko, doch ihre Stimme war leise. Als sei sie der Gegend nicht würdig.

Yuka nickte. "Stimmt, normalerweise führt so was immer an einen Schrein. Aber ganz ohne Fürsorge bezweifle ich, dass er noch gut erhalten ist."

"Ich tippe auf ja", warf Suru jedoch ein. "Sieh dir die beiden an." Er deutete rüber zu Keita und Reiju, die regungslos dastanden und ihren Blick nicht abwenden konnten. "Sie sind so eingenommen von der Magie des Waldes. Ich könnte fast glauben, hier spielt sich tatsächlich was magisches ab." Seiya musste lachen. Er fasste Suru auf die Schulter und blickte die langen Stufen hoch. "Das Gefühl hab ich auch."

Also begannen sie die Stufen hinauf zu steigen. Vorbei an sich wiederholenden kleinen Statuen und hohen, edlen Bäumen.

"Man sagt", begann Seiya plötzlich zu erzählen. "Auf diesem Wald lege ein Fluch."

Reiju wollte erst nicht zuhören. Stimmen ausblenden war ein Leichtes für sie, doch die Geschichte dieses Waldes interessierte sie brennend.

"Wenn man sich hier zu lange aufhält, beginnen die Yokai zu rebellieren. Sie beginnen zu versuchen einen loszuwerden. Das liegt wohl daran, dass die Menschen früher diesen Wald als Müllhalde nutzten, bis einige von ihnen angeblich verschwanden." Inzwischen hörte jeder zu. Gespannt neigten sie ihre Köpfe zu ihm rüber.

"Heutzutage glaubt da natürlich keiner mehr dran", sagte er und lachte. "Doch sein Ruf von damals hat diesen Wald verkommen lassen. Niemand traute sich mehr sich um ihn zu kümmern und irgendwann wusste niemand mehr wirklich von der Existenz seiner unglaublichen Weite. Niemand interessierte sich mehr und deshalb kann man auch ausmachen, dass die Stufen auf denen wir laufen mehrere 100 Jahre alt sein müssen." Seiya verstummte wieder und ging nur noch leise neben Yuka her.

Reiju legte ihren Kopf in den Nacken und sah in die unendliche Weite des Blätterdaches. "Dabei ist er doch so unglaublich schön", flüsterte sie ergeben.

"Seiya, du hast dich aber ganz schön gut informiert", witzelte Junko. Er musste lachen. "Ja ich hab den Ort hier gegoogelt. Wir von der Familie Kojin hatten schon immer einen grünen Daumen." Seine Stimme wurde lauter und er sah dramatisch in die Ferne, doch Yuka stieß ihm in die Seite. "Jetzt hör aber auf mit der Lautmalerei" Sie grinste und hakte sich bei ihm unter. "Die Geschichte dieses Waldes ist wirklich traurig."

Es dauerte eine Weile, bis sie das Ende der Stufen in der Ferne aufragen sahen.

"Wir sind fast da", sagte Seiya, jedoch als nur noch wenige Stufen vor ihnen lagen. Ein weiterer Torii kündigte ihr Ziel an. "Wer sagt dass uns ein Schrein erwartet?", fragte er und grinste. Suru, Keita und er selbst hoben den Arm.

"Ich bezweifle, dass so etwas so lange bestehen kann", sagt Junko entschlossen. Keita warf ihr sofort den Arm um die Schultern. "Wie immer pessimistisch eingestellt. Wir werden ja sehen."

Junkos Augen blitzten auf vor Rivalitätsdrang. Sie nickte und ging einige Stufen vor. Als erste kam sie ganz oben an.

Sie betrat wieder den weichen Boden aus Laub und Erde und sah sich um.

"Und?", rief Seiya neugierig.

"Ich glaube...", sie machte eine kurze Pause. "Das solltet ihr selbst sehen", antwortete sie und löste ihren Blick keine Sekunde von dem, was vor ihr lag.

Nach und nach trat jeder zu ihr und war sofort genauso gebannt wie sie.

Vor ihnen lag, eingebettet in einen hohen Hügel, ein großer Stein. Grau und grün ragte er aus dem Gebüsch hervor; historisch, mit alten zerfallenen Schriftzeichen.

Über ihm ein Torii. Umgeben von zwei mächtigen Kobushi-Magnolien. Sie standen in voller Blüte und ihre Rinde glänzte in zartem Silber.

Kurz sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort. Es war absolut still.

Reiju trat einen Schritt vor. Leise hörte man das Laub unter ihren Füßen rascheln. Stumm sog sie die süßlich, frische Luft tief in ihre Lungen.

"Hier sollten wir was essen", sagte Yuka. "Das ist der perfekte Ort."

Sie breiteten eine Decke auf dem feuchten Boden aus und Seiya konnte endlich die Tasche absetzen.

"Ist eigentlich überhaupt schon Blütezeit?", fragte er verwundert, als er weiter die zwei großen Bäume betrachtete. "März bis April", flüsterte Reiju, die sich jetzt endlich neben ihm auf der Decke niederließ. "Aber das ist nicht das seltsame an ihnen." Jeder sah auf. "Seltsam?", fragte Keita.

"Ja wisst ihr, Kobushi-Magnolien wachsen eigentlich nur in Bergwäldern. Hier sollten sie gar nicht aufzufinden sein." "Hm", machte Seiya. "Das ist wirklich seltsam."

"Seiya, Junko und du. Ihr würdet wirklich ein perfektes Team abgeben", lachte Yuka. Reiju musste lächeln. Gedankenverloren griff sie nach ihrem Bento.

Dieser Wald war wirklich was ganz besonderes. Noch nie hatte sie dieses Gefühl verspürt, was er ihr schenkte. Sie war völlig ruhig. Dachte an nichts, als an ihn. Den Wald. Die Natur.

Es sollte niemals zu Ende gehen.

 

Spät am Abend kamen sie zurück in ihre kleine Stadt. Die Sonne war schon beinahe untergegangen und brannte rot am Horizont.

"Vielen dank für den Tag", sagte Reiju, als Yuka vor ihrem Haus zum stehen kam. Sie ließen sie immer als Erste raus. "Und auch für das Fahren." Reiju lächelte und beugte sie etwas nach vorn, damit jeder sie hören konnte.

"Kein Problem. Ich bin froh, dass wir so etwas sehen durften." Reiju nickte. "Ja das bin ich auch. Also dann", sie fasste jeden ihrer Freunde kurz am Arm. "Wir sehen uns."

"Bye", riefen sie beinahe synchron und winkten gemeinsam mit Seiya und Yuka, als sie die Stufen zu ihrer Veranda aufstieg. Dann fuhren sie weiter.

Reiju blieb noch einen kurzen Moment vor ihrer Haustür stehen und atmete tief ein und aus. Der heutige Tag... war einfach perfekt.

"Reiju."

Verwundet drehte sie sich um.

"Ace?“

„Ace was machst du hier?“

Reiju legte den Kopf schräg und starrte auf ihn herunter.

Er hatte seine Kapuze über den Kopf gezogen und seine Hände in den Taschen des übergroßen, dunklen Pullovers. Sein Kopf lag im Nacken. Er sah ihr ins Gesicht.

"Dein Handy war aus. Ich konnte dich nicht erreichen", sagte er langsam.

Reiju trat eine Stufe zu ihm runter. Es wurde langsam kühl. Genau so kühl wie es dort gewesen war.

"Ja. Wir hatten im Wald andauernd keinen Empfang also hab ich es ausgeschaltet."

Sie fasste nach dem Handy in ihrer Jackentasche. Sie hatte über den Tag ganz vergessen, dass sie es überhaupt bei sich hatte.

"Warte", sagte sie dann aber. "Woher hast du überhaupt meine Nummer?"

"Von Kisumi, aber das tut nichts zur Sache. Hör mal", er sprach plötzlich lauter.

"Was ist los?", fragte sie also.

"Kisumi geht es gut, aber er ist im Krankenhaus." Sein Blick blieb an ihrem hängen und ließ ihn nicht los.

"Was?" Reiju trat die Stufen langsam zu ihm herunter. In seinem Blick las sie eine grübelnde Ruhe, es war nicht ganz deutbar.

"Ihm geht's gut."

Sie nickte.

"Deine Eltern und Ren sind da und er hat mich gebeten es dir zu sagen."

Wieder nickte sie.

"Er wollte nicht, dass du nach Hause kommst und es auf dem Anrufbeantworter hörst."

"Okay."

Sie passte sich seiner Ruhe an und trat gelassen zu ihm.

"Bringst du mich hin?"

Ace kratze sich am Kopf und sah die Straße runter. Er musste lachen.

"Wieso lachst du?", fragte sie verwirrt.

"Ich", begann er und hielt sich die Hand in dem langen Ärmel vor den Mund. Noch immer lachte er.

"Ich hätte mit mehr Drama gerechnet." Dumpf klang es durch den dicken Stoff. "Dass du weinst oder total durchdrehst und ich dir auf die Hände schlagen muss, damit du wieder klar denken kannst. Keine Ahnung irgendwie so was."

Reiju zog die Augenbrauen zusammen.

"Erstens", sagte sie und schloss den Reißverschluss ihrer Jacke. "Ist das echt nicht witzig." Ace grinste. "Zweitens, bin ich überhaupt nicht so. Unser erstes Treffen war nur ein Ausnahmezustand."

Dann ging sie los. Ace starrte ihr kurz grinsend hinterher, dann holte er schnell auf.

"Okay, entschuldige", sagte er und hustete als würde er damit seine Fassung zurück holen. "Ich versuche mir ein neues Bild zu machen. Wieso also spielst du es nicht auf?", fragte er.

"Du scheinst ungewohnt ruhig. Sonst bist du doch immer so ernst und genervt, also kann nichts Schlimmes passiert sein."

Ace Augenbrauen gingen nach oben. Erstaunt sah er sie an. "Also du solltest dir vielleicht auch ein neues Bild von mir machen", sagte er stoisch und lachte.

Reiju blickte zu ihm rüber. Das Lächeln auf seinen Lippen verflog nicht. Sie hatte ihn bisher nur ein einziges mal lachen sehen und zwar bei dem Fußballturnier vor ein paar Wochen. Danach war es aus seinem Gesicht verschwunden.

"Also... willst du mir vielleicht auch mal erzählen was passiert ist?", fragte sie dann endlich. Ace nickte ohne sie anzusehen.

"Wir haben Volleyball im Garten gespielt", begann er. "Und Kisumi ist umgeknickt."

"Volleyball im Garten also", sagte sie ruhig. "Und was genau ist passiert?", fragte sie dann.

"Wahrscheinlich ein gebrochenes Bein." "Vom... umknicken?" Ace zuckte mit den Schultern. "Vielleicht ist es auch nur ein überdehntes Band." Reiju sah zu ihm rüber und stieß ihm in die Seite. Ace lachte wieder. "Entschuldige, aber als ich da war wussten die Ärzte noch nicht so ganz Bescheid, aber ich hoffe natürlich, dass es nur angeknackst ist. Wenn wir zurück sind wissen sie bestimmt schon Genaueres."

Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her.

Reiju dachte an Kisumi und daran, dass er heute das erste mal nach Jahren wieder außerhalb seines Clubs Volleyball gespielt hatte. Dann schweiften ihre Gedanken weiter. Ihr Blick ging zu Ace. Auf seinen lockeren Zopf und seine matten Sommersprossen. Sie fielen ihr jedes mal aufs Neue auf.

"Es geht dir also endlich besser ja?", sagte Reiju dann, als es ihr auffiel. Ace war nicht mehr in der Schule gewesen, nachdem sie ihn am Dienstag nach Hause geschickt hatte.

"Ja ich bin auskuriert", antwortete er stolz. "Nicht mal meine Nase läuft noch."

"Gut das freut mich. Es sah nach einer ziemlich schlimmen Grippe aus." Ace nickte und zog die Ärmel seines Pullovers weiter über seine Hände.

"Hat mein Chef damals auch gesagt."

Reiju seufzte. Sie konnte nichts dagegen tun. "Du warst also echt noch auf der Arbeit?"

Sie beobachtete wie er versuchte seine Ärmel von innen mit seinen Händen zu greifen. Ganz konzentriert arbeitete er daran, bis er ihr plötzlich auf den Rücken schlug.

"Wir sind da, komm." Er nahm an Geschwindigkeit zu und ging als erster durch die große Eingangstür des Krankenhauses.

"Du willst mir also nicht antworten?", hakte Reiju weiter nach ohne darauf zu achten, dass sie gerade ebenfalls das Gebäude betrat.

Ace hatte sein kleines Ziel von eben schon wieder vergessen und krempelte seine Ärmel jetzt hoch.

"Ich weiß was du sagen wirst und darauf hab ich keine Lust."

"Du weißt also was ich sagen will? So weit ist es schon?" Sie sprach einfach weiter, während Ace sie in den Aufzug schob.

"Jetzt hör schon auf."

Er verschränkte die Arme und sah zur Seite, doch im Spiegel an der Aufzugwand konnte Reiju sehen, dass er lächelte.

"Übrigens. Danke." Sie lehnte sich etwas vor und suchte nach seinen Augen.

"Wofür?", fragte er und sah wieder zu ihr. Sie strich sich auf beiden Seiten ihre kurzen Haare hinter die Ohren. Sie lächelte so breit. Hatte Ace sie schon einmal lächeln sehen... er war sich nicht sicher.

"Dafür, dass du Kisumi ins Krankenhaus gebracht hast? Oder... dass du es mir gesagt hast? Oder dass du mich begleitest? Dass Ren da ist? Einfach danke."

Sie trat bei jedem Satz von einem Bein auf das anderen und warf nachdenklich ihren Kopf in den Nacken.

Ace zögerte. "Kein Problem."

Da kam der Aufzug zum stehen und öffnete seine Türen. "Komm. Kisumis Zimmer ist gleich da vorn."

 

Als Reiju in das kleine Zimmer trat saß Ren an Kisumis Bett. Er hielt ihm gerade sein Handy hin und lachte laut. Kisumi stimmte sofort mit ein.

Reijus Eltern saßen auf zwei Stühlen daneben. Sie dagegen gaben keinen Ton von sich.

"Kisumi!", sagte Reiju laut und lächelte.

Ace zog sich an die Seite zurück.

"Reiju, da bist du ja." Sie grüßte kurz auch Ren und ihre Eltern und setzte sich dann mit zu ihrem Bruder auf das Bett. "Wie geht es dir?", fragte sie. Er schüttelte den Kopf. "Mir geht es gut. Übermorgen soll ich schon nach Hause."

Reiju nickte und sah rüber zu ihren Eltern. "Was hat er denn genau?", fragte sie.

Ihre Mutter erhob sich, als sie Reijus Blick auf ihr sah. Sie strich Kisumi durch den langen Pony und lächelte nur ganz zaghaft. "Sein Fuß ist gebrochen. Das war anscheinend echtes Pech, aber es ist nicht so schlimm und eine OP ist auch nicht nötig."

"Übermorgen komm ich nach Hause und in ein paar Wochen bin ich wieder fit", sagte Kisumi aufgeregt. Reiju nickte. "Ganz genau."

Sie lehnte sich vor und küsste ihn auf die Stirn. Seine langen Haare kitzelten ihr an der Nase.

"Du hättest sehen sollen wie Kisumi geflogen ist!", rief Ren plötzlich.

"Er ist so unglaublich hoch gesprungen und hat den besten Schlag der Geschichte ausgeführt!" Heroisch gingen seine Hände in die Höhe. "Ja, nur die Landung war nicht mehr ganz so super", warf Ace lachend ein.

"Komm Ren, wir gehen. Die Besuchszeit ist gleich sicher zu Ende." Er legte seine Hand auf den Kopf seines kleinen Bruders und führte ihn zur Tür. Ren gehorchte ohne Widerworte. "Wir sehen uns morgen Kisumi!", sagte er. "Alles klar!"

Als sie gingen wurde es still im Raum. Reijus Mutter strich ihrem Sohn noch ein paar Mal durch das Haar, bevor er seinen Nacken kräuselte und ihr zu verstehen gab, dass es langsam unangenehm für ihn wurde. Sie seufzte und zog ihre Hand zurück. Dann sah sie zu ihrem Ehemann.

„Es ist spät, wir sollten auch langsam gehen“, sagte sie und er nickte.

„Ist es wirklich okay für dich hier allein zu sein?“, fragte er und blickte seinem Sohn entgegen, doch dieser nickte nur. „Sicher“, machte er stumpf und wagte es nicht den Blick seines Vaters länger als einen kurzen Moment zu halten.

„Reiju, kommst du auch?“, fragte ihre Mutter, während sie nach ihrer Jacke griff und sich anzog, doch sie schüttelte nach einem kurzen Blick zu Kisumi den Kopf.

„Ich werde bleiben, bis man mich rausschmeißt“, sagte sie und grinste breit. Kisumi lachte mit einem Mal wieder freudig auf. „Ja, bitte bleib noch!“

„Alles klar. Kommst du allein nach Hause oder soll Papa dich abholen?“, fragte ihre Mutter noch und steuerte schon den Türrahmen an. Als Reiju eine abfällige Handbewegung machte nickte sie.

„Brauchst du nicht, Papa“, sagte sie. Ihr Vater hatte sich erst jetzt erhoben und wartete noch einen kurzen Moment, bis seine Frau das Zimmer verlassen hatte. Sie ging immer gerne schon voraus, wenn er zu lange brauchte. Sie würde am Eingang auf ihn warten, das wusste er.

„Reiju, würdest du noch einen Moment mit mir raus kommen? Ich würde dir gern etwas sagen“, sagte er plötzlich, als er sich eine Weile nicht geregt hatte. Sie horchte auf. Kisumi dagegen schien sich noch immer nicht für seine Worte zu interessieren.

„Äh, klar“, machte sie unsicher und folgte ihm stumm auf den Flur.

„Was willst du?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und fühlte sich plötzlich unendlich unwohl. Es fühlte sich an wie vor einer Ewigkeit, dass sie das Letzte mal allein mit ihm war oder überhaupt richtig mit ihm geredet hatte.

„Hör mal, ich weiß du hast gerade nicht wirklich Lust dazu deinem Vater zuzuhören. Wahrscheinlich geht auch jedes Wort welches ich gleich sagen werde einfach an dir vorbei ohne, dass sie wirklich gehört werden, aber... ich würde gerne noch etwas sagen, bevor ich mich eurem Schweigen anschließen werde, sofern ihr das möchtet.“

„Ich hör dir zu“, sagte Reiju schnell und presste ihre Lippen wieder fest aufeinander.

„Mir... ist heute erst wieder klar geworden was diese ganze Situation eigentlich für uns bedeutet. Als Ace bei uns zu Hause anrief und sagte Kisumi würde ins Krankenhaus gebracht werden ging ich ans Telefon. Ich war schockiert und besorgt. Ich hatte Angst und das einzige was deine Mutter und ich in dem Moment wollten, war bei ihm zu sein und seine Hand zu halten. Als er dann aber, vor Schmerz noch weinend, mit rotem und nassen Gesicht, als er selbst dann meine Hand verweigerte und ich von der Ferne aus zusehen musste, wie er nur langsam den Schmerzen entkam, da wurde mir erneut bewusst was ich angerichtete hatte.“

„Erst dann wurde es dir bewusst?“, fragte sie plötzlich und klang harsch. Plötzlich tat ihr ihr Tonfall irgendwie leid. Ihr Vater verzog das Gesicht.

„Mir wurde bewusst, dass wir als Familie so nicht mehr existieren, obwohl das, und das musst du mir jetzt glauben, das Letzte ist was ich will. Hör mir zu, ich liebe dich und ich liebe deinen Bruder. Du bist gerade einmal sechzehn Jahre alt, aber ich weiß wie viel reifer du schon denkst. Mir ist bewusst, dass ihr Zeit braucht und die werde ich euch beiden geben, aber ich kann nicht oft genug sagen, dass es mir leid tut. Es tut mir so sehr leid und ich kann nichts anderes sagen als, dass ich es am aller meisten in meinem Leben bereue. Es gibt nichts was ich je dümmeres und grausameres getan habe als das. Ich wünschte ich hätte es nicht getan, aber die Vergangenheit kann ich leider nicht ändern. Also bitte ich dich einfach nur darum an meine Worte zu denken, während du mich anschweigst. Das war's auch schon.“

Reiju merkte wie nervös ihr Vater war, noch nie hatte sie ihn so zittrig gesehen.

„Hast du das auch Kisumi gesagt?“, fragte sie. „Er will mir nicht zuhören, egal was ich tue.“

Sie nickte. „Danke, aber... es tut noch zu sehr weh.“ Sie blickte in seine Augen und er nickte. Dann nickte auch sie. Darauf lösten sie ihr Gespräch und gingen stumm ihrer Weg.

Als Reiju zurück in das Zimmer trat sah Kisumi auf sein Handy.

„Willst du wissen, was er mir gesagt hat?“, fragte sie und setzte sich wieder zu ihm auf das Bett. Er schüttelte desinteressiert den Kopf. „Nein, danke“, sagte er. „Okay.“

„Viel lieber würde ich über etwas anderes reden“, begann er plötzlich und sah endlich zu ihr auf. Er wechselte sofort das Thema. „Über was?“, fragte sie neugierig. „Weißt du, ganz egal was Ace dir gesagt hat, es war seine Idee dich abzuholen."

"Wieso sagst du mir das?", fragte sie sofort und sah ihn intensiv an.

"Einfach so. Vielleicht interessiert dich ja die Wahrheit."

Reiju blieb still.

"Ich will euch ja nicht verkuppeln oder so", sagte er plötzlich. „Ich hab dich nur in letzter Zeit oft schlecht über ihn reden hören. Dabei ist Ace ein wirklich guter Mensch.“

"Und du bist manchmal viel zu durchdacht für dein Alter!" Reiju ignorierte die Tiefe seiner Stimme und griff unter seine Bettdecke. Sie kniff ihm in die Hand und war erleichtert als er endlich wieder lachte. Dennoch hallten seine Worte in ihr nach und ihr kam plötzlich wieder in den Sinn was Seiya heute noch gesagt hatte. Reiju war sich nach den letzten Tagen eigentlich ziemlich sicher gewesen, dass Ace tatsächlicher Charakter niemals naturverbunden und sanft sein könnte. Doch jetzt, nach dem heutigen Tag, nach den guten Worten über ihn, trotz allem wie er sich aufgeführt hatte, schien er vielleicht doch eine ruhige und freundliche Seite an sich zu haben.

 

Am Morgen des nächsten Tages waren Reiju ihre Eltern schon früh wieder im Krankenhaus.

Reiju musste beim Anblick ihres Vater sofort wieder an das gestrige Gespräch denken, was sie bisher wegen Kisumi völlig verdrängt hatte. Doch bei dem Verhalten ihres kleinen Bruders verstand sie auch sofort, worauf er hatte hinaus wollen.

Immer wenn ihre Eltern sich mehr bemühten schien Kisumi umso weniger an seinem Vater interessiert zu sein als sonst schon. Reiju beobachtete es jetzt immer wieder, wie er sich einfach verschloss, doch tun konnte sie bisher auch nichts. Er war verletzt und verwirrt und das war sie selbst ja auch. Sie fühlte sich schrecklich hilflos.

Zu ihrem Glück kamen kurz darauf Junko, Keita und Suru, um Kisumi zu besuchen. Sie brachen endlich die Stille, die geballt in dem winzigen Raum unerträglich geworden war.

"Sie wollten dich unbedingt sehen, als ich es ihnen gestern geschrieben habe", sagte Reiju und starrte aus dem Türrahmen den Flur herunter.

"So viele Leute sorgen sich um dich", sagte ihr Vater aufgeregt, doch Kisumi nickte nur.

Als sie endlich ankamen, fiel Reiju ein Stein vom Herzen.

Keita stürmte sofort auf Kisumi zu und brachte sein Bett zum beben. Junko und Suru setzten sich lachend dazu. Kurz grüßten sie auch Reijus und Kisumis Eltern und begannen dann damit Kisumis Gips zu begutachten. Sie unterhielten sich eine ganze Weile, doch konnte auch jeder einzelne von ihnen spüren, dass in diesem Raum etwas absolut nicht stimmte.

"Ist eigentlich alles gut bei euch zu Hause?", fragte Suru vorsichtig, als Reiju sie später wieder zum Hauptausgang brachte. Diese Frage war längst überfällig. Seit Reiju ihm damals versichert hatte, sie würden später noch darüber reden was sie so bedrückt hatte, war das Thema nicht mehr gefallen.

Reiju blieb auf die Frage hin lange ruhig.

"Nein nicht wirklich", sagte sie dann endlich. Es war zaghaft und sie zögerte.

Sie verließen das große Gebäude und setzten sich einvernehmlich auf eine Bank vor dem Eingang. Doch erst nach einer ganzen Weile der Stille begann Reiju endlich zu erzählen was passiert war.

"Wieso hast du es so lange verschwiegen?", fragte Junko.

Reiju zuckte mit den Schultern.

"Ich hatte irgendwie keine Lust darüber zu sprechen. Entschuldigt."

Jeder sah sie an. Es waren verständnisvolle Blicke, sie waren warm und tröstend.

"Ich habe versucht allein klar zu kommen", redete sie dann weiter. "Noch dazu... hat damals Ace Kisumi gefunden, als er davon gelaufen ist. Ich war damals so überfordert mit der Situation, dass ich vor ihm angefangen habe zu weinen."

Sie machte eine kurze Pause. Sie wusste, dass nicht mal Junko sie je hatte weinen sehen. Es war so seltsam. Wieso gerade Ace.

"Ich habe mich wohl irgendwie geschämt euch davon zu erzählen. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich tatsächlich vor ihm geweint habe."

Sie blickte runter in ihren Schoß. Es tat ihr leid, für ihre Freunde und für Ace.

"Reiju, mach dir keine Sorgen. Es hat dich übermannt und er war eben da", sagte Junko. Sie schien ihre Gedanken zu lesen. Sie lehnte sich vor und lächelte Reiju in das Gesicht.

"Ja... das stimmt schon", antwortete Reiju. Sie wusste gerade nicht mehr wieso sie es so lange aufgeschoben hatte davon zu erzählen. Gerade spürte sie nichts anderes als Verständnis und es schien nur noch halb so schwer auf ihr zu lasten wie zuvor.

"Kisumi scheint es damit nicht so gut zu gehen oder?", fragte Keita dann aber. Reiju sah zu ihm auf und schüttelte zaghaft den Kopf. "Nein, er hat das noch überhaupt nicht weggesteckt", sagte sie leise. "Aber ich glaube... Ren ist ihm eine große Hilfe. Kisumi überkommt das schon." Keita nickte eifrig. "Und wir sind deine große Hilfe", rief Junko plötzlich. Keita lachte auf. Er stieß Reiju in die Seite und nahm sie dann fest in den Arm.

Suru blickte zu den beiden rüber und lächelte. Er und Junko gesellten sich zu ihrer Umarmung und er vergrub sein Gesicht in Reijus Schulter.

„Heute arbeiten wir mal etwas freier.“

Kokon-Sensei stand vor seiner Klasse und händigte dem Schüler in der ersten Reihe einen Stapel Blätter aus.

"Als Klassensprecher des zweiten Jahres habt ihr unter anderem die Aufgabe Ideen zur Verbesserung unseres Schulklimas beizutragen. Heute geht ihr bitte in euren Zweierteams nach draußen und sucht nach Mängeln und negativen Seiten. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier. Die Zettel zum ausfüllen gehen jetzt herum. Ich hoffe auf konstruktive Vorschläge."

Er beendete seinen Monolog und schob seinen Stuhl an den Tisch heran.

"Hat jeder ein Blatt?", fragte er und wartete.

Keine Beschwerde war zu hören, also blickte er auf die Uhr.

"Alles klar, eine Stunde Leute. Wenn ihr eine Frage habt, ich bin solange im Lehrerzimmer."

Er tippte auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr und verließ dann das Klassenzimmer. Jeder erhob sich und suchte ebenfalls den Weg zur Tür.

Es war zwar schon sechs Uhr, aber jetzt im April blieb es immer länger hell und sie konnten sich ohne Probleme draußen umsehen.

Suru stand ebenfalls von seinem Stuhl auf. Seine Partnerin Yua ging schon zur Tür, als er noch auf Reiju zukam.

"Kommt Ace mal wieder zu spät?", fragte er. Sein Blick fiel auf den leeren Stuhl neben ihr.

Sie zuckte mit den Schultern. "Wie immer wird er bestimmt gleich kommen."

Suru nickte. "Ich hoffe es. Wir sehen uns gleich." Er winkte und folgte Yua dann nach draußen.

 

Reiju starrte auf das Aufgabenblatt. Inzwischen war sie ganz allein in dem Raum. Ace hatte wirkliches Glück, dass sich Kokon-Sensei so gut wie gar nicht für diese Klassensprechersitzungen interessierte. Ob jeder da war oder nicht schien ihm ziemlich egal, die Hauptsache war, dass Ergebnisse geliefert wurden, die er dem Schulleiter zeigen konnte.

Reiju las die Aufgaben und gähnte.

Viel Schlaf hatte sie in der letzten Nacht nicht wirklich bekommen. Kisumi konnte noch immer nicht vernünftig laufen. Seinen Hobbys nachgehen war nicht drin, weshalb er als Zeitvertreib mit 'the Legend of Zelda' Spielen begonnen hatte und Reiju ließ es sich nicht entgehen ihm dabei ausgiebig zuzuschauen. Stundenlang lagen sie zusammen auf seinem Bett und rätselten.

Heute aber hatte Kisumi erst später Schule, weshalb er länger gespielt hatte, als Reiju hätte wach bleiben sollen.

Wieder gähnte sie.

Zehn Minuten war Ace jetzt zu spät. Sie ließ ihren Kopf auf ihren Armen nieder und schloss die

Augen.

 

20 Minuten. 20 ganze Minuten zu spät.

Ace hechtete durch den Schulflur und erreichte abgehetzt das Klassenzimmer. Kurz atmete er durch und horchte dann. Drinnen war es völlig ruhig. War es heute etwa ausgefallen?

Langsam schob er die Tür auf.

Tatsächlich war niemand da. Niemand außer… Reiju saß auf ihrem Platz. Ihr Kopf ruhte neben ihrem Arm auf der Tischplatte. Sie schlief.

Vorsichtig schloss Ace die Tür hinter sich und näherte sich leisen Schrittes seinem Stuhl. Er gab sich höchste Mühe keine Geräusche zu machen. Still setzte er sich hin.

Seltsam. So viel zu spät war er doch nun auch wieder nicht. Wieso war niemand da und wieso schlief Reiju.

Er betrachtete sie. Ihr Mund war leicht geöffnet. Ihr Körper hob und senkte sich regelmäßig. Dafür, dass sie in der Schule schlief, wirkte sie so beruhigt.

Ace musste lächeln. Sie sah wirklich zufrieden aus.

Da fiel sein Blick auf das Blatt neben ihr. "Kritik und Vorschläge" Er zog es zu sich und kramte einen Stift hervor. "Hm", machte er, während sein Blick nach Draußen ging. Es war noch recht hell. Die Sonne hob seine Stimmung. Es war ein guter Tag gewesen. Da fiel ihm etwas ein.

 

Reiju schreckte hoch. Wie viel Zeit war vergangen?

Sie setzte sich schnell auf und blickte sich um. Niemand war da, die Uhr tickte und zeigte sieben Uhr an. 50 Minuten seit Kokon-Sensei den Raum verlassen hatte. Aufgeschreckt suchte sie nach dem Arbeitsblatt.

"Hey, beruhige dich."

Ace trat von hinten an ihren Stuhl und tippte ihr auf den Kopf.

Verwundert sah sie zu ihm hoch. "Was... ist passiert?", fragte sie. Ihre Stimme klang verschlafen. Sie rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und beobachtete wie er sich neben sie setzte. "Du hast geschlafen, als ich gekommen bin."

"Es...es tut mir leid", sagte sie immer noch völlig verwirrt. Ace lachte. "Kein Problem. Du sahst aus als würdest du dein Päuschen genießen."

Sie ignorierte sein Kommentar, als sie das Aufgabenblatt entdeckte.

"Du hättest mich auch einfach wecken können", sagte sie und griff danach. "Ja, aber ich wollte dich nicht stören."

Reiju blickte auf fein säuberlich ausgefüllte Aufgaben.

"Die Pflanzen auf Vordermann bringen. Eventuell mit Garten AG", las sie Ace Antwort laut vor. "Eine Garten AG." Sie grinste und sah zu ihm auf.

Ace stützte seinen Kopf in seine Hand und sah zu ihr rüber. Er zuckte nur beiläufig mit den Schultern. Sein Blick wirkte wie so oft ermüdet oder vielleicht auch gleichgültig.

"Das klingt alles ziemlich gut. Kokon-Sensei wird begeistert sein."

"Das ist doch die Hauptsache."

Reiju legte das Blatt wieder beiseite und fuhr sich schnell durch das kurze Haar. Dass sie einmal in der Schule schlafen würde, hätte sie auch nie gedacht.

"Ace du hast doch jetzt schon eine Weile meine Nummer oder?", fragte sie, als sie die Situation langsam zu realisieren begann.

"Ja, wieso?" Er sah sie an. Direkt in ihre Augen.

"Wie wäre es wenn du mir nächstes mal kurz schreibst, wenn du zu spät kommst? Dann weiß ich wenigstens ob du überhaupt noch kommst."

"Mhm...", machte er. "Wenn ich das in der Küche schaffe."

"Küche? Hast du da etwa endlich verraten wo du arbeitest?"

Ace grinste. Sein Blick löste sich von ihrem und ging vor zur Tafel. Er spielte mit dem Stift in seiner Hand.

"In welcher Küche genau?", fragte sie weiter.

"Wieso willst du das wissen?"

"Smalltalk." Reiju warf ihm einen entschlossenen Blick zu, doch er sah sie nicht mehr an.

"Das geht aber bisschen über Smalltalk hinaus oder?"

"Wir können auch einfach still nebeneinander sitzen, wenn du das möchtest."

Ace sagte nichts mehr. Reiju seufzte still und schloss damit ab, dass dieses Gespräch wohl beendet war. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und streckte sich. Irgendwie interessierte sie es tatsächlich in welchen Nebenjob er so viel investierte. Küche... kochte er oder wusch er nur das Geschirr ab? Sie fragte sich, ob es ihm wenigstens Spaß bereitete. Er schien wirklich immer dort zu sein.

"Kageyamas."

"Hm?", machte sie.

Ace hatte unerwartet die längere Stille gebrochen. Er drehte seinen Kopf langsam wieder zu ihr und blickte in ihr aufgeschrecktes Gesicht.

"Da arbeite ich."

Sie hörten das Geräusch der Tür. Kokon-Sensei betrat den Raum. Hinter ihm folgten schon die ersten Schüler. Kokon stelle sich an die Tafel und begann eine Tabelle anzuschreiben.

Ihr Gespräch wurde vergessen.

Nach der Stunde verließ Reiju als eine der Letzten den Raum.

Sie freute sich einfach schnell nach Hause zu kommen und zu schlafen. Als sie jedoch auf den Flur trat, wurde sie direkt aufgehalten.

"Hey, ist Ace noch drin?", fragte ein Junge, der vor dem Klassenzimmer an der Wand lehnte.

Reiju erkannte ihn. Es war Izaya aus der Zwei. Ace bester Freund.

Reiju nickte. "Ja, ist noch drin."

Sie sah zu ihm hoch. Es fühlte sich an, als müsse sie ihren Kopf bis zum Anschlag in den Nacken werfen. Vom Nahen sah Izaya tatsächlich noch viel größer aus als sonst schon, wenn sie ihm auf dem Flur begegnete. Er war verdammt groß gewachsen und hatte struppiges blond gefärbtes Haar. Er trug Sportklamotten. Reiju hatte gehört, er solle das Ass im Volleyball Team sein. So groß wie er war, schien es auch kein Wunder.

"Du bist doch Reiju aus seiner Klasse oder?", fragte er weiter.

Reiju riss sich zusammen und hörte auf seine Frage. Sie nickte.

"Dann musst du also mit ihm zusammen arbeiten. Macht er sich gut als Partner?" Er lächelte und schien sich wirklich mit ihr unterhalten zu wollen.

"Wenn er nicht gerade zu spät kommt oder schlecht gelaunt, ist schon", antwortete sie knapp.

"Ach ja Ace. Ganz nach seiner Stimmung nicht zu gebrauchen."

"Hey!"

Endlich kam Ace aus dem Raum. Er lief auf Izaya zu und griff ihm um den Hals. Allerdings war er um einiges kleiner als er, weshalb die Pose schnell scheiterte.

Izaya lachte und löste seinen Griff. Langsam setzten sie sich zeitgleich in Bewegung. Reiju folgte ihnen Richtung Ausgang.

"Wir sehen uns so selten, weil du immer arbeitest. Deswegen dachte ich mir, gehen wir heute mal zusammen nach Hause. Vielleicht sehe ich dann ja auch mal wieder Ren und Seiya. Schau wie es euch so geht." "Seiya ist gerade nicht zu Hause. Und du bist nicht unser Vater, Izaya." Ace schnippte ihm gegen seinen nackten Unterarm.

"Ich weiß", er warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. "Trotzdem guck ich mal wie es bei euch so läuft. Bitte lass mich. Ich war eine Weile nicht mehr da, ich vermisse deine viel cooleren Brüder." Er grinste breit und sah herausfordernd zu Ace herunter.

"Na gut." Ace gab seufzend nach. "Vielleicht kannst du dann auch endlich deine Mutter beruhigen."

"Die ist erst ruhig, wenn sie sieht, dass ihr euren Garten auch weiterhin schön pflegt."

"Der ist wirklich sehr gepflegt", warf Reiju plötzlich in ihr Gespräch ein. Sie hatte abgeschaltet und nur mit einem halben Ohr zugehört, doch darauf reagierte sie ganz automatisch.

Izaya sah verwundert zu ihr rüber. "Sie darf bei dir vorbeikommen, aber ich nicht?", fragte er mit aufgesetzter Empörung.

"Du darfst kommen. Du sollst nur nicht alles so inspizieren."

Ace schien wieder so abweisend wie am ersten Tag und das sogar zu seinem besten Freund.

'Ganz nach seiner Stimmung nicht zu gebrauchen.' Das hatte Izaya eben noch gesagt. Also war Ace einfach nur verdammt müde und sein Verhalten ein Schutzmechanismus? Welcher Teil in ihm brachte ihn nur dazu, sich so zu wandeln. Dieser Teil musste völlig überfordert sein.

Aber Izaya war ganz ruhig. Er musste es von ihm gewohnt sein. Er schien damit umgehen zu können.

"Reiju, hey!" Izaya beugte sich herunter und kam ihrem Gesicht plötzlich ganz nah.

"Übertreib es nicht", raunte Ace jedoch und zog ihn von ihr.

"Hm?", mache Reiju nur, der ganz klar bewusst war, dass sie gerade wieder in Gedanken versunken absolut nichts mitbekommen hatte. Sie standen schon an den Schließfächern für die Schuhe.

"Wir machen uns dann auf den Weg. Man sieht sich", sagte Ace. Sie nickte nur. Dann griff er Izaya am Arm und schob seinen winkenden Freund zur Tür hinaus.

 

Ace musste gähnen. Er schlug sich die Hand vor den Mund und zog es weit in die Länge.

"Müde", sagte Izaya zu ihm, als sie in die Straße zu Ace Haus einbogen. Er nickte. "Natürlich."

"Du warst wieder schon vor der Schule da."

"Izaya." Ace klang todernst.

"Nein, Ace, das ist es nicht. Ich weiß was du sagen willst, aber darauf wollte ich nicht hinaus." Izaya war die Ruhe selbst.

"Ich habe es irgendwie aufgegeben."

Ace hielt inne. Izayas Stimme war kraftloser als sonst. Normalerweise verlor sie nie den Nachdruck. Er prahlte immer es kam von seiner unglaublichen Ausdauer aus dem Volleyball.

"Izaya, du weißt doch, dass ich nicht einfach so dort arbeite."

"Ich weiß. Und wenn es nur ums Geld gehen würde, hätte ich dich da schon längst raus geschleift."

Ace wusste kurz nichts zu entgegnen. Izaya kannte ihn. Jeden Winkel.

"Danke", sagte er dann.

Izaya lachte und schlug ihm mit seiner unglaublichen Angriffshand gegen den Rücken. Ace spürte sie tief in seiner Wirbelsäule. Er knickte gegen ihn jedes mal ein.

"Nicht so schwächeln", rief Izaya lachend, als sich Ace das Kreuz hielt. "Du bist ein Monster, Izaya." Er lachte weiter und rieb sich das Kinn. "Den Spitznamen sollte ich im Team einführen."

"Wir sind da. Lass uns einfach reingehen."

Ace raunte es durch ein Gähnen hindurch und kramte seinen Schlüssel hervor. Er schloss die Tür auf und holte die Post aus dem Briefkasten.

Izaya trat schon ein und sah sich einmal kurz um. Es war aufgeräumt und sauber. Sogar die Küche blitzte. Er fragte sich, wer wohl putzte wenn Ace und Seiya immer nur arbeiteten.

"Irgendwas spannendes in der Post?", fragte er, als Ace die Briefe durchging ohne richtig einzutreten.

"Nur Rechnungen, wie immer", sagte er. Ein Brief aber schien seine Augen zu fesseln.

"Lass mal sehen." Izaya trat zu ihm vor und nahm ihm die Briefe ab. "Du, zieh erst mal deine Schuhe aus."

Der oberste Brief war einer aus Seiyas Uni. Vom Badminton Club. Vorne stand "Trainingscamp" geschrieben.

"Er hat mir von nichts erzählt. Deswegen habe ich so geguckt."

Ace sprach beiläufig und ließ seine Schuhe zu Boden fallen.

Izaya nickte. Er ging in die Küche und legte die Briefe auf der Theke ab. "Hast du schon gegessen?", fragte er dann.

Kopfschüttelnd folgte Ace ihm. "Ren hat geschrieben er und Kisumi haben gekocht."

Er sah sich um. Auf dem Herd stand ein Topf. Als er den Deckel hob erfüllte den Raum der Geruch von Ramen. Es roch unglaublich gut.

"Du und Kisumi, ihr habt das irgendwie im Blut, was."

Jetzt musste Ace lächeln. Er schloss den Deckel wieder und drehte sich zu ihm.

"Willst du auch was?" Doch Izaya schüttelte den Kopf. "Meine Mutter wartet sicher schon auf mich, aber ich komme demnächst vorbei und dann erwarte ich ein drei Gänge Menü."

"Klar."

Izaya ging zurück zum Flur und zog sich die Schuhe an. "Ich sage meiner Mutter, dass euer Garten wunderschön aussieht."

"Ja bitte."

"Wir sehen uns."

"Das werden wir."

 

Kurz schaute Ace in Rens Zimmer rein. Er und Kisumi lagen auf dem Bett und spielten irgendein Spiel auf der Konsole.

Sie begrüßten sich und Ren machte ihn auf das Essen aufmerksam. Ace bedankte sich, dann ließ er sie wieder allein.

Es war schon recht spät. Kisumi müsste bald nach Hause, Seiya aber war noch immer nicht da.

Er ging zurück in die Küche und nahm sich eine Schüssel Ramen.

Am Küchentisch blieb er sitzen. Bis er die Tür hörte.

Seiya zog sich die Schuhe aus, warf seine Jacke auf die kleine Kommode und trat in den Flur vor.

"Ace, Ren?", rief er und warf einen Blick in die Küche.

"Da bist du ja." "Hey, Seiya."

Er entdeckte den Stapel an Briefen und betrat den Raum. Langsam begann er alle durchzugehen.

"Da ist auch einer von deinem Verein."

Seiya sah auf. Ace Stimme klang kalt.

Seiya blätterte weiter und entdeckte den Brief, der mit 'Trainingscamp' gebrandmarkt war.

Er seufzte tief.

"Ace. Bitte lass es", bat er ihn, doch Ace hörte nicht.

"Wenn du vorhättest hinzugehen, hättest du mir davon erzählt noch bevor die Anmeldeformulare angekommen wären. So war es doch sonst auch immer."

"Das ist richtig."

"Sag mir nicht du hast nicht vor hinzugehen."

"Aber so ist es."

Ace starrte auf die Tischplatte. Er spürte die Anspannung an seinem gesamten Körper.

"Was ist aus deinen Worten geworden? 'Das Camp bringt mich zur Spitze. Trainingsspiele sind das Wichtigste. Nur mit dieser Chance an intensivem Training kann ich wachsen'."

Seiya seufzte erneut. Er legte den Brief nieder und betrachtete die großen Zeichen auf dem Umschlag. Tief atmete er ein und wieder aus.

"Das war vor Papas Tod."

Ace ballte die Fäuste. Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Stuhl und sah seinem großen Bruder starr in die Augen.

"Dann hör dir meine Worte an!", sagte er laut.

"Das Trainingscamp ist deine Chance! Du willst das doch noch immer oder nicht?! Du träumst doch von dir an der Spitze. Du in den großen Hallen. In Olympia!"

Seiya lachte, doch es klang gequält. Er zog die Augenbrauen zusammen und zwang sich dem Blick seines Bruders standzuhalten.

"Sag jetzt nicht das tut nichts zur Sache. Sag es bloß nicht." Ace stieg die Wut bis zur Grenze. Er konnte sich nicht regen.

"Ja Ace, ich will das. Ich werde dir immer die Wahrheit sagen. Olympia war schon immer mein Traum. Diese hohen Hallen, der Druck, die Atmosphäre. All die Zuschauer, die ihren Blick nur auf dich und deinen Gegner richten..." Er hielt inne. Eine Gänsehaut durchfuhr ihn. Doch er fing sich.

"Aber ich kann nicht ins Trainingscamp. Mir gehen zu viele Arbeitsstunden verloren und wir brauchen das Geld."

Seiya zwang sich zur Ruhe. Er musste Ace jetzt seine Autorität zeigen. Wenn er sie nicht von ihm spüren durfte, dann war dort niemand mehr.

"Wofür? Wofür brauchen wir es schon wenn du es nicht für deine Karriere ausgeben kannst? Seiya ich bitte dich. Ich arbeite auch und wenn das Geld knapp wird, eben noch härter, aber geh in dieses verdammte Trainingscamp."

Ace atmete schwer. Seiya beobachtete ihn nur noch.

Er hatte ihn noch nie in so einem Gefühlsausbruch gesehen. Nie so wütend. Nie so emotional. Ace war immer ganz ruhig gewesen.

"Wenn du in ein paar Jahren nicht an der Spitze stehst Seiya, bin ich wirklich wütend."

Er funkelt ihn düster an. Sein Blick durchbohrte ihn.

"Okay." "Okay?"

"Ich gehe, wenn du mir versprichst deswegen nicht noch mehr zu arbeiten."

Seiyas Blick gewann an Sicherheit. Er klang jetzt völlig ruhig und trat auf Ace zu.

"Kageyama hat mir von deinen Überstunden erzählt."

Ace sackte ein. Seine Miene wurde weicher. Beinahe kleinlich.

"Wenn du aufhörst so viel zu arbeiten werde ich gehen. Wir bekommen das schon hin."

Ace nickte. Sein Atem beruhigte sich nur ganz langsam.

Dann spürte er die Arme seines Bruders um sich. Sanft lächelte Seiya und drückte ihn. In seiner Umarmung beruhigte sich sein Atem gänzlich.

Die Aprilsonne war warm. Hell und kräftig schien sie auf den kleinen Vorort herunter.

Reiju saß im Gras, ihre Jacke lag daneben. Sie war an diesem Tag völlig überflüssig.

Suru und Keita alberten neben ihr herum und Junko flocht einen ihrer langen Zöpfe nach.

Reiju genoss diese Ruhe auf dem Schulgelände, wenn sonst jeder schon zu Hause war.

Sie alle verbrachten heute Reijus und Surus Pause bis zum Meeting zusammen. Genau wie in den letzten Wochen auch.

"Wo sind eigentlich die anderen Klassensprecher, wenn wir hier sind?", fragte Junko und band ein Haargummi fest um ihre Haarspitzen.

Suru zuckte mit den Schultern. "Essen oder so?"

"Nur Ace ist arbeiten", antwortete Reiju und schloss die Augen. Die Sonne wärmte sanft ihr Gesicht.

"In nur einer Stunde?", fragte Junko, doch Reiju zuckte mit ihren Schultern. "Er hält viel von seinem Job."

"Wo arbeitet er denn? Ich hab gehört er soll immer dort sein."

Keita fing einen Schlag von Suru ab und grinste ihm siegessicher zu.

"In irgendeinem Café... oder Diner oder sonst was. Ich weiß nur, dass es Kageyamas heißt."

Zögerlich gingen Reijus Augen wieder auf. Die Sonne blendete, doch es störte sie nicht. Der helle weiße Punkt hoch oben am Himmel hob ihre Stimmung.

"Was hält Seiya eigentlich davon? Dass Ace so viel arbeitet mein ich", fragte Junko weiter. Doch Reiju wusste nichts zu sagen.

"Es muss schwer für sie sein", sagte Suru nachdem er mit einem letzten triumphierenden Schlag Keita zu Boden gerissen hatte. Dieser ließ sich zurück ins Gras fallen und akzeptierte seine Niederlage.

"Aber apropos Seiya!", rief Suru plötzlich. Er hatte ohnehin nicht vorgehabt über ihr Privatleben zu spekulieren. Alle sahen zu ihm auf.

"Er hat dieses Wochenende ein Freundschaftsturnier und Yuka hat uns eingeladen auch zu kommen."

Reiju starrte ihn an.

Richtig... Seiya spielte ja Uni Badminton. Das hatte er damals mal erwähnt.

"Wie aufregend", sagte Junko. "Uni Sport ist bestimmt spannend." Keita nickte und setzte sich auf. Er ging in den Schneidersitz und beugte sich vor.

"Seiya war cool. Lass ihn uns unterstützen!"

Zuletzt sah jeder rüber zu Reiju. Sie spürte die Blicke ihrer Freunde und lächelte. "Klar, wieso nicht."

"Perfekt. Dann sag ich ihr gleich Bescheid."

 

Die Halle in der das Turnier stattfand war riesig. Ein Badmintonplatz lag neben dem andern und mehrere Spiele fanden hier schon seit dem frühen Morgen gleichzeitig statt.

Seiyas erstes Spiel war für den Vormittag angesetzt. Yuka führte sie zu seinem Zuschauerbereich.

"Hast du ihn heute noch mal gesehen?", fragte Suru, der neben ihr die Reihe anführte, doch sie schüttelte den Kopf.

"An Tagen wie diesen sehen oder schreiben wir uns immer erst, wenn seine Spiele vorbei sind. Es macht ihn und mich sonst viel zu nervös."

"Ihr seid echt niedlich", warf Junko lachend ein, doch Yuka schüttelte beschämt den Kopf.

"Seht, Ace und Ren sind auch schon da."

"Und Izaya." Jedem schien es als wären das gerade Reijus erste Worte an diesem Tag gewesen. Keita, Suru und Junko sahen zu ihr rüber.

"Du kennst ihn?", fragte Keita. Reiju nickte. Normalerweise war sie nicht diejenige, die einfach neue Kontakte knüpfte. Sie wusste aber auch, dass er in Junkos Klasse war. So verwunderlich durfte es diesmal also nicht sein. Sie biss sich auf die Unterlippe und setzte sich schon mal, als sich jeder begrüßte.

"Reiju!", rief Izaya nachdem er Junko eine freudige Willkommensumarmung geschenkt hatte.

Reiju sah zu ihm rüber und winkte. Er saß vier Plätze weiter als sie. Dann sagte sie auch "Hi" zu Ace, Ren und ihrem eigenen Bruder, der mit ihnen gekommen war. Sein Bein war noch immer eingegipst. Seine Krücken nahmen neben ihm einen eigenen Platz ein.

"Nervös?", fragte Yuka und setzte sich neben Ace. Er nickte angespannt. "Jedes mal", sagte er.

Izaya begann sofort sich mit Junko zu unterhalten. Sie schienen sich gut zu verstehen. Reiju hörte wie sie sich über dies und jenes unterhielten, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen.

Sie musste lächeln.

"Wann beginnt Seiyas erstes Spiel?", hörte sie Keita fragen.

"In 10 Minuten", antwortete Ace.

Er trug sein Haar heute offen. Reiju lehnte sich in ihrem Sitz zurück und löste ihren Blick von ihm.

Die Zeit verging schnell und Seiya trat auf das Spielfeld.

Sein Trainer und ein paar seiner Vereinskollegen nahmen auf der Bank platz.

Seiya wirkte anders als sonst. Er wirkte ruhiger, völlig fokussiert. Es war ein gutes Zeichen, dachte sich Ace und ballte seine Fäuste.

Er selbst war nervös. Es waren nur reine Freundschaftsspiele und viele der Spieler der gegnerischen Unis waren eng befreundet. Freundschaftsspiele in dieser Konstellation gab es schon etliche Male, doch noch nie hatte Ace sich vor einem Spiel mit Seiya gestritten.

Auch wenn es jetzt schon eine Weile zurück lag, der Streit legte sich noch immer wie dunkler Nebel zwischen sie. Seiya hatte an diesem Abend gesagt, er würde ins Camp gehen, doch seine Augen hatten seit jeher eine Abneigung ausgestrahlt, jedes Mal wenn er vom Training kam.

Ace Körper zitterte.

Trotz allem glaubte er an ihn. Er wusste, Seiya konnte es schaffen. Immer weiter bis zum Finale.

Mit einem Haarband entfernte Seiya die Haare aus seinem Gesicht und trank einen letzten Schluck Wasser. Dann griff er nach seinem Schläger.

"Kennt man seinen Gegner?", fragte Izaya, doch Yuka schüttelte den Kopf.

"Er muss neu im Verein sein. Ich habe ihn noch nie gesehen."

Es war ein großer und ziemlich breiter Rotschopf. Kraft schien er zu haben, doch konnte er auch gegen Seiyas intelligenten Spielstil ankommen.

Die beiden Spieler gingen in Position und das Spiel wurde angepfiffen.

Wie als wäre es das Startsignal für Ace und nicht für das Spiel stand er auf. Er trat zum Geländer und lehnte sich weit vor. Seine Hände umklammerten das kalte Metall.

"Das ist dein nächster Schritt zu Olympia!" Er schrie es aus vollster Seele. Sein Blick war tief entschlossen. Egal was alles passiert war, egal wie Seiya drauf war. Wenn er auf dem Feld stand, brannten seine Augen letzten Endes noch immer so sehr wie bei seinem ersten Spiel in der Mittelschule.

Seiya hörte Ace Worte genau.

Sein Herz raste, als er den Aufschlag ausführte. Es raste und machte ihn nervös, doch er verlor sich im Spiel. Und siegreich kam er wieder.

 

"Zweite Runde!", schrie Keita und Ace stimmte ein. "Immer weiter, Seiya! Du schaffst das!"

Seiya atmete schwer ein und aus, dann erst sah er zu ihnen hoch.

Die Reihen hatten sich gefüllt, doch er sah seine Familie und Freunde ganz deutlich.

Er würde das hier... doch gewinnen?

Er war stark, er würde ihnen zeigen, dass er gut drauf war. Er würde ihnen zeigen, dass alles was er vorhatte richtig war. Trainingscamp hin oder her. Er würde auch ohne siegen.

Für Ace müsste er es. Er müsste alles gewinnen.

Plötzlich spürte er wie sein Herz weiter zu rasen begann, statt sich zu beruhigen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sah wieder weg.

"Gut gespielt", sagte sein Trainer und klopfte ihm auf die Schulter.

"Danke", sagte Seiya, doch es klang angestrengter als es sollte.

"Alles gut?", fragte Miyamoto. Er musterte ihn.

Vor dem Spiel hatte Seiya noch entschlossen gewirkt. Doch er hatte seit Wochen immer wieder diese Aussetzer. Momente in denen er sein Feuer verlor und genau das geschah auch gerade. Bisher kamen sie nie in Spielen vor, wenn es so kommen würde, wäre es für ihn wohl gelaufen.

"Ja sicher." Seiya nickte ihm zu und nahm sich seine Sachen. Er ging ohne auf die anderen zu warten.

 

Sein erstes Spiel gewann Seiya.

Auch das zweite ging zu seinem Vorteil aus, doch je länger er spielte, desto weniger schien er sich konzentrieren zu können. Je öfter er zuschlug, desto schwacher schien sein Wille.

Ace erkannte es. Auch Yuka schien es aufzufallen.

Reiju stand plötzlich auf. Sie wusste nicht ganz was sie tat, aber irgendwie hatte sie gerade das Bedürfnis ihre Gedanken loszuwerden.

"Eine halbe Stunde bis zum Halbfinale oder?", fragte sie.

Suru nickte. "Wieso? Musst du auf Klo?", fragte Junko. Reiju warf ihr einen kurzen Blick zu doch schüttelte nur mit dem Kopf.

"Einer von euch sollte mit Seiya reden."

Ace blickte sie verwirrt an. Genau wie der Rest von ihnen. "Reiju was ist los?", fragte Keita, doch Yuka stand auf.

"Ich gehe, wenn das okay ist, Ace." Er nickte nur.

"Seiya lässt nach oder?", fragte Ren, als Yuka verschwunden war.

"Irgendwas scheint ihn abzulenken", antwortete Ace.

Reiju setzte sich wieder und ignorierte Surus Blick auf ihr. Er musste sich fragen, wieso sie so anders handelte als sonst, doch das interessierte sie gerade nicht. Irgendwas lief mit Seiya falsch und das hatte nicht nur sie bemerkt.

"Gegen wen spielt er als nächstes?", fragte Junko, um die Stimmung etwas aufzulockern.

Kurz blieb es still, doch Ren antwortete ihr.

"Ähm, gegen Kousuke von der Shinzen."

"Kousuke", wiederholte Ace. Seine Stimme klang, als wäre sie in Erinnerungen verschwunden.

"Das ist ein guter Freund von Seiya, aber auch sein größter Rivale. Die beiden haben schon eine lange Geschichte durchgemacht. Seit der Highschool eifern sie sich gegenseitig nach."

"Wie spannend!", rief Junko, die endlich das Uni Drama bekam, welches sie erwartet hatte.

"Das wird ein schweres Spiel oder?", fragte Kisumi. Ace nickte. "Und der Druck steigt enorm."

Yuka kam genau rechtzeitig zum Spielbeginn wieder.

Sie setzte sich zurück auf ihren Platz neben Ace und wartete erst gar nicht auf seine Frage.

"Er ließ nicht viel mit sich reden, doch er schien fokussiert. Sein Trainer hat viel auf ihn eingeredet. Hoffen wir dass es hilft", sagte sie und beobachtete wie Seiya das Spielfeld betrat.

Seiya und Kousuke gaben sich die Hand und gingen in Stellung. Das schrille pfeifen des Schiedsrichters läutete das Spiel ein.

Je länger es lief desto höher stieg die Anspannung.

Man sah, wie gut die beiden sich kannten. Wie perfekt sie den anderen lesen konnten.

Der erste Satz ging lang und schien hart für beide Seiten. Nur mit Mühe und Not gewann ihn Seiya.

Der zweite Satz jedoch... niemand konnte ausmachen was sich vor ihren Augen abspielte. Kousuke dominierte von Anfang an, während Seiya immer nachlässiger wurde. Seine Schläge wurden ungenau, seine Annahmen dreckig.

Es war als hätte er sich in den drei Minuten Pause zu einem Amateur entwickelt.

"Was zur Hölle passiert da?!", fragte sich Tobio. Er war ein langer Teamkollege und Freund von Seiya und haderte jetzt schwer mit sich nicht vor Wut einfach von der Bank aufzuspringen.

Er hatte Seiya seit der Highschool trainieren sehen und nicht einmal war sein Spiel so unüberlegt gewesen.

Miyamoto legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Es ist hart, aber beruhige dich", raunte er ihm zu, ohne seinen Blick von Seiya zu nehmen.

Er schwankte über das Feld und schien nicht zu wissen was er tat.

Er fiel außer Kontrolle, bis es zu weit ging.

"Du bist zu weit vorn. Viel zu weit vorn", sagte Tobio immer wieder leise vor sich hin. Nervös tippte Miyamoto mit seinen Fingern gegen sein Kinn. Tobio hat recht, dachte er sich. Kousuke ist nicht dumm, er wird es ausnutzen und so den Matchpoint für sich erzielen. Seiya... wenn du so unüberlegt bleibst kannst du nur verlieren...

Wie erwartet schlug Kousuke weit. Der Ball würde perfekt an der Seitenlinie landen. Seiya wusste das, doch er schien zu vergessen wie unannehmbar diese Bälle waren, wenn man dort stand wo er es tat.

Er versuchte es dennoch, doch er bekam den Ball nicht. Stattdessen landete er am Boden.

"Er... er blutet", sagte Suru schockiert.

Er starrte runter auf das Spielfeld. Jeder von ihnen war aufgesprungen und hatte sich an das Geländer geklammert.

Seiya wurde von seinem Trainer und ein paar Teamkollegen umzingelt. Keiner von ihnen konnte erkennen was passierte.

Yuka atmete auf. Ihr stand die Angst wie in das Gesicht geschrieben. Sie konnte nicht einmal beschreiben was gerade passiert war.

"Kann er weitermachen?", fragte Suru leise. Yuka war wie gebannt.

Ace starrte stumm runter zu seinem Bruder.

"Ja...", sagte er und drückte Rens Hand in seiner. Seiya war gerade dabei aufzustehen. Er hielt sich den Kopf. Sein Trainer stützte ihn, doch er lehnte es ab und setzt sich von selbst auf die Bank. Seine Nase hörte nicht auf zu bluten.

"Aber sollte er es?" Reijus Stimme klang fest.

"Nein, wahrscheinlich nicht."

Doch Seiya stand wieder auf und griff entschlossen nach seinem Schläger. Er nahm das Handtuch seines Trainers entgegen und wischt sich das Blut aus dem Gesicht.

"Mir geht es gut!", sagte er entschlossen.

Er schien nicht er selbst zu sein. Seit er in den Rückstand geraten war, hatte er den Halt verloren. Es brach seine Konzentration und raubte ihm die Sinne. Er ließ sich völlig mitziehen.

Er warf das Handtuch zu Boden und schritt zurück auf das Feld, doch der Schiedsrichter starrte ihn an.

"Deine Nase", sagte er ernst.

Seiya wischte sich das frische Blut mit der Hand aus dem Gesicht und starrte auf den Ball in der Hand des Schiedsrichters.

"Nur noch der Satz", sagte er und ging in Position.

Der Schiedsrichter warf seinem Trainer einen kurzen Blick zu, doch der nickte.

"Was ist los mit dir", wisperte Kousuke, als er den Ball ausgehändigt bekam. "Wenn ich nur wegen deiner blutenden Nase gewinne, verzeihe ich dir das nie.“ Er zog die Augenbrauen zusammen und beobachtete wie Seiya das erneut frische Blut aus seiner Nase ignorierte und es auf sein graues Trikot fiel.

Er bemerkte ein merkwürdiges Blitzen in seinen Augen. Es war nicht das Übliche, das er von ihm kannte. Es war... verzweifelt.

Das Spiel wurde wieder angepfiffen und der Satz ging weiter.

Kousuke gewann. Der dritte Satz würde gespielt werden, doch nicht bevor Seiya sich nicht in Behandlung begab.

Wortlos ging er vom Feld. Niemand folgte ihm, auch nicht sein Trainer. Nur einer erhob sich von der Bank und ging ihm wortlos nach.

Tobio fand ihn in der Umkleide.

Der dritte Satz wurde so lang aufgeschoben, bis Seiya fertig behandelt war, doch jetzt saß er nur da und starrte zu Boden.

Tobio hatte ihn noch nie so gesehen. Seit der Highschool, als sie noch Partner für das Doppel gewesen waren, hatte er noch nie einen solchen Aussetzer bei ihm erlebt.

Er ging auf ihn zu und hielt ihm ein neues Handtuch hin.

"Deine Verletzung war völlig unnötig", sagte er ernst und blieb vor ihm stehen. Seiya nahm das weiße Handtuch entgegen und presste es sich gegen die Nase. Sie war blau angelaufen und sie pochte.

"Dein eigenes Wohl ist immer das Wichtigste im Badminton. Vor allem jetzt im Einzel. Du wärst nie in diese Situation gekommen, wenn du dich nicht unnötig in die Ecke hättest treiben lassen."

Seiya blieb stumm und drehte seinen Kopf zur Seite. Er wollte Tobios Blick nicht sehen. Er konnte ihn sich genau ausmalen. Völlig wütend und viel schlimmer noch auch völlig enttäuscht.

In ihm drehte sich alles.

Hatte er dieses Turnier nur gewinnen wollen um von Ace die Erlaubnis zu bekommen nie wieder spielen zu müssen? Hatte der Druck ihn dazu getrieben sich selbst außer Acht zu lassen? Was wollte er eigentlich erreichen. Der ganze Tag war wie das reinste auf und ab.

Wenn er spielte, spürte er etwas, das nichts anderes ihm geben konnte. Doch wenn er Ace ansah, wandelte es sich um in Schuldgefühle. Durfte er das Wohl seiner Familie nach hinten stellen, nur weil er ein paar Bälle schlagen wollte?

Dabei war doch eigentlich die Frage: was wollten Ace und Ren? Ace war doch derjenige, der ihn zum Spielen drängte. Er wollte, dass er spielte. Also wieso tat er es nicht? Diese Gedanken schwirrten ihm heute immer wieder im Kopf umher, doch er fand keine Antworten.

"Das bist nicht du!", sagte Tobio plötzlich. "Beruhige dich gefälligst und spiele vernünftig. Das hier ist zwar nur ein Trainingsspiel aber du musst weiter alles geben, verdammt. Wenn du einmal damit aufhörst kommst du nicht mehr rein. Atme tief durch und denk an alles was du gelernt hast. In all den Jahren bist du zu größerem herangewachsen, als zu jemandem der sich von einem Rückstand irritieren lässt."

Tobio atmete tief ein und aus, doch er bereute seine Worte nicht. Er starrte auf den blonden Hinterkopf.

Seiyas Atem ging weiter schwer. Er sah ihn noch immer nicht an. Er dachte nach. Über Tobios Worte und die von Ace.

"Ich weiß du hast es nicht leicht " Tobio seufzte plötzlich. Seine Stimme wurde ruhiger.

"Aber... fühlt sich nicht alles machbar an, wenn du diesen einen Schlag machst, der dir den Ruhm bringt? Gibt es dir nicht auch... dieses leise Gefühl von Freiheit welches dir sonst im Leben fehlt?"

Jetzt regte Seiya sich. Langsam sah er zu Tobio auf.

"Ich sage nicht dass es dein ganzes Leben verbessert, aber ich sage dass du dich für den einen Moment zusammenreißen sollst."

Seiyas Atem ging schneller, doch nicht mehr aus Erschöpfung, sondern aus Aufregung. Für diesen einen Moment drängte er sich dazu, einfach alles zu vergessen, genau wie Tobio es wollte.

"Solange der Ball nicht den Boden berührt, gewinne ich. So war das doch oder, Tobio?"

Seiya lächelte matt. Er ballte die Fäuste und stand auf. Er hatte keine Lösung. Er wusste noch immer nicht was richtig war, was er tun sollte. Was sein Vater getan hätte. Seine Sorgen und seine Ängste, die verschwanden nicht so einfach, doch es machte keinen Unterschied mehr. Ob er jetzt spielte oder nicht war nicht mehr von Bedeutung. Nicht nach der Szene, die er sich eben geleistet hatte. Also entschied er sich jetzt und für diesen einen Moment für den Sport und für Ace Worte, denn verdammt er liebte Badminton. Dieses Gefühl wollte er doch eigentlich niemals verlieren.

"Danke", sagte er also und verließ den Raum. Auf schnellstem Wege rannte er zurück auf sein Spielfeld.

"Ich bin wieder da", sagte er zu seinem Trainer. Er trank einen Schluck und ging in Position. Erleichtert nickte Miyamoto.

"Das bist du. Ganz sicher", sagte er sich und beobachtete wie Tobio neben ihm Platz nahm.

Er klopfte ihm auf die Schulter und ließ es so stehen. Die beiden wussten jetzt am besten, was sie zu denken hatten.

Allerdings war das Schicksal nicht auf Seiyas Seite.

Die zweite Hälfte wurde zwar wieder von niemandem dominiert, doch Seiya erlag. Schlussendlich hatte ihm das letzte Bisschen an Training gefehlt. 21 zu 18 ging es zu Ende.

Es war nur ein Freundschaftsspiel, doch es fühlte sich plötzlich an, als wäre alles verloren.

Mit seiner Unsicherheit hatte er sein Team enttäuscht, seinen Trainer, sich selbst, doch am aller schlimmsten... er hatte Ace enttäuscht.

Er hatte immer das beste für seine Familie gewollt, doch ihm wurde Moment um Moment klarer, das Beste war nicht immer seine eigenen Bedürfnisse zu löschen. Er begriff... endlich begriff er die Worte seines Vaters.

Ein Kapitän, ein Vater, ein Hüter eines Schatzes. Es ist zu Niemandes Vorteil, wenn er stirbt.

Seiya aber hatte sich aufgegeben und Ace und Ren mit ansehen lassen wie er starb.

Anstatt zu erzielen, dass er mehr Zeit hatte oder mehr Geld, erzielte er damit nur, dass sich jeder sorgte, dass Ace sich zu Grunde arbeitete und dass... er das einzige was er immer tun wollte verlor.

Er erzielte damit diese Niederlage.

Wie konnte er ein Vormund für seine Brüder sein, wenn er ihnen den einfachsten Weg vorlebte. Wenn er ihnen zeigte was aufgeben bedeutete.

Seiya war ihr Kapitän, ihr Hüter... ihr Vater. Und er wusste, jetzt wusste er es. Er durfte nicht sterben.

Dennoch saß er jetzt da. Unter seinen nackten Knien das harte Gummi des Feldes. Sein Blick, starr auf seinen Händen.

"Steh schon auf Seiya", sagte plötzlich eine Stimme. Es war Kousuke. Seiya sah auf und blickte ihn an. Der Schweiß rann ihm über die Schläfen. Sein schwarzes Haar war durcheinander. Hatte er hart gekämpft?

Kousuke hielt ihm seine Hand hin. "Komm schon. Deine Brüder sehen dich doch. Hast du nicht immer damit geprahlt was für ein gutes Vorbild du bist?"

Sein Blick war hart, doch das war genau was Seiya brauchte. Er nahm seine Hand und ließ sich hoch helfen.

Endlich wusste er was er zu tun hatte. Er hatte endlich verstanden, was sein Vater ihm immer hatte mitgeben wollen.

"Beim nächsten Mal!", schrie er plötzlich. "Beim nächsten Mal verliere ich nicht!"

Kousuke lächelte. "Das werden wir sehen", sagte er provozierend und nahm sein Händeschütteln entgegen. "Das nächste Mal, wird noch härter gekämpft."

Seiya nickte, doch er konnte sein schelmisches Grinsen noch nicht erwidern.

Er winkte kurz rüber zu Ace und den anderen. Er hoffte, dass sie seine Worte gehört hatten.

Er würde das Gefühl für seine neue Aufgabe noch finden. Er würde spüren, dass es so richtig war.

Dann drehte er sich um und verschwand in den Umkleiden.

Kurz sah er sich dort um. Er war allein. Er ging auf seine Tasche zu und lief am Spiegel vorbei. An ihm blieb er hängen.

Tief blickte er sich in die Augen. Er sah sich selbst, sah seinen Vater. Bis er anfing zu weinen.

Er spürte das erdrückende Gewicht der Niederlage. Er spürte das Gewicht welches das Fehlen seines Vaters auf ihn ausübte, was für ein großes Loch es geschlagen hatte. Spürte wie sehr er ihn vermisste.

Seiya würde spüren, dass es so richtig war, doch noch nicht jetzt sofort.

 

"Seiya braucht schon echt lange oder?", fragte Ren. Er hatte sich schon mit Kisumi was zu trinken geholt und war auf Klo gegangen, doch Seiya schien noch immer in den Umkleiden verloren. Sie alle standen draußen vor der Halle und warteten angespannt.

"Wie es ihm wohl geht", fragte Kisumi und kickte einen kleinen Stein fort.

Niemand antwortete. Niemand schien die Antwort zu kennen. Jeder war still und dachte nach. Sogar Keita war völlig in Gedanken versunken.

"Ich gehe mal nachsehen", sagte Ace und setzte sich in Bewegung.

"Soll ich mitkommen?", fragte Reiju, doch er schüttelte den Kopf. Dann ging er.

Er schlenderte durch die Flure und suchte nach der Umkleide seines Teams. Sie alle waren sicher noch in der Halle und schauten bei den Spielen zu. Seiya aber hatte geschrieben, dass er nach Hause wollte.

Als die Umkleide genau vor ihm lag, stellte er zu seinem verwundern fest, dass die Tür einen kleinen Spalt weit offen stand. Er hörte etwas.

War das... ein Schluchzen?

Vorsichtig drückte er die Tür auf.

Seiya saß auf der hintersten Bank und stützte seine Arme auf die Knie. Sein Gesicht lag in seinen Händen. Leise schluchzte er weiter.

Für einen kurzen Moment konnte Ace sich nicht regen. Was sollte er tun... Was sollte er sagen.

In einem Zug lehnte er die Tür wieder an und ging den Flur runter zurück nach draußen.

In diesem Moment konnte er nichts anrichten. Wenn Seiya wissen würde, dass er ihn gesehen hatte, würde es alles nur noch schlimmer machen.

Doch wieso zitterten seine Hände so sehr. Was war es was der Anblick ihm zeigte? Was hatte es zu bedeuten? Würde er Seiya wirklich vertrauen, dass sie das alles schon schaffen würden?

Er trat zu den anderen und hatte keine Ahnung, was er denken sollte. Er spielte den Anblick herunter, sah allen ins Gesicht und sagte: "Seiya kommt gleich nach."

"Wo ist eigentlich Keita? Wollte er nicht mit, wenn wir rausgehen?", fragte Junko.

Sie hatte sich darauf gefreut mal wieder einen Tag nur zu viert zu verbringen.

Suru steckte die Hände in seine Jackentaschen und sah die Straße runter. "Eigentlich ist er ja immer dabei, aber er hat sich nicht mehr gemeldet."

"Seit Seiyas Turnier ist er öfter zu Hause. Was er da wohl immer treibt", fragte Reiju. "Vielleicht finden wir ihn ja irgendwo."

Sie kramte ihr Handy hervor, doch Keita war schon seit einer Weile offline. Seltsam war das aber nicht, er vergaß sein Handy gerne mal.

Eine Weile folgten sie der Straße, die direkt zum Flussufer führte. Als sie das Wasser entdecken, sprang Junko plötzlich auf. "Seht, wen wir gefunden haben!"

Keita saß auf einer Bank am Ufer. Von dort aus hatte man einen guten Blick auf den ganzen Fluss. Wie gebannt waren seine Augen auf die Aussicht gerichtet. In seinem Schoß lag ein Block, seine Hand hielt einen Bleistift.

"Keita!", sagte Suru. Er fasste ihm vorsichtig an die Schultern. "Was tust du hier?", fragte er und sah begeistert auf das Blatt Papier.

"Was macht ihr denn hier?", fragte Keita und sah verwirrt auf die Uhr. "So spät schon!"

Junko grinste. "Du hast die Zeit vergessen?" "Scheint so", antwortete er und packte den Bleistift in seine Tasche. "Aber wohl zurecht." Reiju beugte sich tief über die Rückenlehne und starrte auf den Zeichenblock. Keita hatte gezeichnet. Es war beeindruckend.

"Du malst also wieder", stellte Suru fest und setzte sich jetzt neben ihn. Keitas Werk bildete seine Aussicht auf den Fluss ab.

Er nickte. "Ja, irgendwie hatte ich die Tage wieder Lust drauf." "Du hast das seit Ewigkeiten nicht getan und dennoch es sieht aus, als hättest du nie aufgehört." Junko griff begeistert nach dem Bild und sah es sich ganz genau an.

Keita zeichnete schon sein ganzes Leben. Als sie sich kennenlernten tat er in jeder freien Minute nichts anderes, als die Dinge in seiner Umgebung zu studieren und auf Papier zu bringen. Bis er irgendwann einfach damit aufgehört hatte.

"Wie kommt es zu dieser Ehre?", fragte Reiju sanft.

Keita eroberte sich seine Zeichnung zurück und packte sie schnell ein. "Ich weiß auch nicht", sagte er. "Ich glaube Seiya, um ehrlich zu sein."

"Seiya?", fragte Junko. Sie hing noch immer über der Lehne und schaukelte vor und zurück.

"Ja. Sein Anblick bei dem Turnier hat anscheinend irgendwas in mir ausgelöst. Er war so entschlossen, seine Augen brannten förmlich. Sein ganzer Körper schien in Flammen nur für diesen einen Sport. Er liebt es und steckt seine gesamte Leidenschaft hinein. Ihn in diesem letzten Satz spielen zu sehen hat mich so glücklich gemacht, aber irgendwie auch neidisch. Ich habe erkannt, dass... das genau ist, was ich auch will. Das was Seiya spürt will auch ich spüren. Da ist mir eingefallen was mir einmal so viel Spaß gemacht hat und ich musste sofort wieder damit anfangen."

"Das Zeichnen war wirklich immer dein ganzes Leben." Junko warf ihm von der Seite einen Blick zu. Sie hatte sich immer gefragt woran es gelegen hatte, dass er das Zeichnen so plötzlich aufgegeben hatte. Sie wusste, in der Mittelschule war viel passiert und sie vermutete immer, dass es Keita vielleicht zu sehr eingeschüchtert hatte, um weiter zu zeichnen. Doch wirklich wissen tat es keiner von ihnen.

"Auch wenn er verloren hat. Ich will für irgendetwas brennen können, genau wie er es tut."

Keitas Stimme erhob sich ein wenig. "Ich will an etwas so sehr hängen, dass es mich nieder haut wenn ich versage, genau wie es Seiya passiert ist." Unmerklich richtete er sich auf und sah runter auf seine rechte Hand. Graphit verschmiert lag sie in seinem Schoß und es fühlte sich gut an. Es gab ihm ein Gefühl des Schaffens.

"Keita-", Suru wollte etwas sagen, aber sofort wurde er unterbrochen.

"Das klingt seltsamer, als ich gedacht hätte", rief Keita in sein Wort hinein und lachte. "Naja jedenfalls versuche ich es mal wieder. Vielleicht wird ja was draus."

Er lehnte sich zurück und genoss weiter den Ausblick auf das silbern glänzende Wasser.

"Das ist nicht seltsam Keita. Etwas wofür du brennst, das muss schön sein", sagte Reiju in die frische Stille hinein und Keita nickte.

"Apropos Seiya", sprach sie dann weiter, doch hielt wieder kurz Inne und richtete sich auf. Suru hob den Blick.

"Wie geht es ihm eigentlich?" Sie ging um die Bank herum und setzte sich zu den Jungs. Ihre Augen wanderten rüber zu Suru, doch er zuckte mit den Schultern. "Yuka meinte es ginge ihm ganz gut. Wegen seiner Nase konnte er ein paar Tage nicht trainieren, aber jetzt bereitet er sich schon für die nächsten Spiele im Trainingscamp vor."

"Er sah nach dem Turnier wirklich nicht gut aus... aber das freut mich zu hören." Junko nickte und legte Reiju einen Arm um die Schultern.

"Du siehst nicht zufrieden aus", raunte Suru. Er wusste eigentlich schon woran es lag, doch würde Reiju es auch aussprechen.

"Richtig", sagte sie. Ihr Blick fiel in ihren Schoß. Krampfhaft versuchte sie die richtigen Worte zu finden, ansonsten würde sie einfach gar nichts sagen.

"Gib schon zu, dass du dir Sorgen um Ace machst", ließ Keita jedoch einfach vor ihr nieder prallen. "Er kommt immer seltener zum Unterricht und du fragst dich ob es an Seiya liegen könnte, doch Seiya geht es gut und das wurmt dich."

"Keita, hör auf", hauchte Junko. Er lachte. Er meinte es nicht so wie es klang, sein Gefühl versagte nur in diesem Moment.

"Also fehlt er im Unterricht auch? Zu den Meetings kommt er nämlich gar nicht mehr." Suru verschränkte die Arme und sah auf das Wasser. "Was treibt der immer."

"Ich weiß, Ace und ich, irgendwie sind wir ja befreundet, aber meint ihr ich mache mir zu viele Gedanken?", fragte Reiju plötzlich.

"Mach dir keinen Kopf darüber, wie sehr du dir einen Kopf über etwas machst", sagte Junko und lächelte. Sie rieb ihren Kopf gegen Reijus Schulter und sah hoch in ihr Gesicht. "Ace geht es ganz sicher gut. Seiya würde es niemals zulassen, dass er zu lange in der Schule fehlt. Er hat tolle Brüder und einen super besten Freund und wenn das nicht reicht, dann bist du eben auch noch da."

Suru und Keita konnten nur nicken. Junko hatte alles gesagt, was möglich war.

"Junko hat recht. Und wenn du dir zu große Sorgen machst, sprich einfach mit ihm."

Reiju biss sich still auf die Unterlippe und nickte. An mehr Gedanken ließ sie sie heute nicht teilnehmen. Es wurde wieder still.

"Also, was hattet ihr heute eigentlich ohne mich vor?", fragte Keita dann. Suru musste lachen.

"Dich suchen. Was auch sonst." "Wir waren schon so verzweifelt, wir waren auf dem Weg zu deinem Haus, aber du kamst uns ja Gott sei dank zuvor." Junko grinste. "Bei dir zu Hause trifft man ja eh nie jemanden." "Ja, da hattet ihr Glück."

Sie unterhielten sich eine Weile und entschieden sich dann ein Eis holen zu gehen.

Der April schien es dieses Jahr wirklich gut mit ihnen zu meinen, es fiel beinahe kein Regen, schon den ganzen halben Monat nicht und immer war es angenehm warm und die Sonne schien hell.

"Habt ihr von Yutas Party gehört?", fragte Junko als sie sich weit über die Eistruhe lehnte. Der kleine Laden an der Straßenecke gehörte einem alten Mann, der den Vieren jetzt schon seit Jahren Eis und andere Süßigkeiten verkaufte.

"Ja, wir gehen doch hin oder?" Keita wurde sofort ganz aufgeregt. Partys waren seine Schwäche.

Er trat vom einen Fuß auf den anderen und Griff dann über Junkos Kopf hinweg nach einem Eis in der Truhe, während sie sich noch immer nicht entschieden hatte.

"Jaja", machte Reiju nur. Sie hatte wie immer keine Lust auf so was, aber noch weniger hatte sie gerade Lust darauf sich mit ihren Freunden anzulegen.

"Soll eine ziemlich große Party werden. Er hat die ganze Stufe eingeladen und seine Eltern sind das ganze Wochenende über in einer anderen Stadt." "Da hat wohl jemand zu viel Wert auf Klischees gelegt", raunte Reiju Keita entgegen. "Von deiner miesen Ich-hasse-Partys-Laune werde ich mich niemals anstecken lassen hörst du!", rief er verschreckt und zeigte drohend mit dem Finger auf sie. Er zahlte sein Eis und packte es aus. Sein böser Blick aber wich nicht von Reijus Sichtweite. Sie lachte und stellte sich nach ihm an die Kasse.

"Ich muss leider gleich schon los und Kisumi abholen."

Reijus Beine baumelten lose vom alten Klettergerüst. Ihre Tasche lag im Sand.

"Er hat heute noch einen Termin. Sein Gips kommt endlich ab."

"Er wird sich freuen wieder laufen zu können!", rief Keita. Er stand ganz oben an der Spitze und sah über die Weiten des Spielplatzes hinweg.

"Oh, Kisumi wird sich nur freuen wieder Volleyball spielen zu können." Lachend sprang Reiju ab. Sie schlug sich die schwarze Jeans sauber und griff nach ihrer Tasche. "Sehen wir uns dann auf Yutas Party?"

Sie wartete auf eine Antwort, doch stattdessen sprang Suru ebenfalls runter in den Sand.

"Sollen wir dich begleiten?", fragte er. Es war noch mitten am Nachmittag und die Sonne knallte heute das letzte mal mit allem was sie hatte. Er kniff die Augen zusammen gegen ihr helles Licht.

"Wenn ihr wollt", antwortete Reiju etwas zögerlich. "Ich muss heute sowieso alleine gehen."

"Dann ist es beschlossen!" Keita kletterte die zwei Etagen weiter runter und griff nach Junkos Hand. Mit ihr zusammen sprang auch er jetzt ab und landete genau neben Suru.

"Geht ihr zu Fuß? Müssen deine Eltern arbeiten?", fragte Junko, die ihre kurze Hose richtete.

"Nein", begann Reiju zögerlich und sah zur Seite. "Aber Kisumi wollte, dass nur ich ihn abhole."

"Ist es immer noch so schlimm?", fragte Suru.

"Gefühlt schlimmer." Reiju legte ihren Kopf von der einen Seite auf die andere. "Kisumi ist völlig überfordert und genau so mein Vater. Unsere Ungesprächigkeit haben wir auf jeden Fall von ihm."

Sie lachte auf und wollte losgehen, doch sofort drehte sie sich wieder um. Ihre Freunde hatten sich nicht geregt. "Kommt ihr?", fragte sie verwirrt, doch Surus betrachtete sie einfach nur eine Weile. Keita und Junko aber beließen es bei Reijus Worten und folgten ihr. Zuletzt kam dann also auch Suru.

 

Yuta wohnte in einem riesigen Haus auf einem Hügel. Es hatte ein Tor und eine ewig lange Auffahrt. Dazu einen riesigen Garten mit Veranda und Schaukel. Nur der Pool fehlte, um dieses Klischee perfekt zu machen.

Reiju stand mit Keita, Suru und Junko vor der Haustür und wartete, bis sie jemand rein ließ.

Das kurze schwarze Kleid lag unangenehm eng an ihrer Haut und raubte ihr jeglichen Komfort, aber Junko hatte darauf bestanden, dass sie es ihr auslieh. Manchmal hatte sie ihre ganz eigenen Momente, von denen sie nicht abzubringen war.

"Ich fühle mich wie in einem von Keitas Filmchen", sagte Reiju und seufzte.

Keita sah zu ihr rüber und verzog das Gesicht. "Wenn du das so sagst klingt es völlig falsch, Reiju."

Suru lachte und schlug Keita auf die Brust. "Hört auf ihr zwei. Das wird ein toller Abend."

Junko nickte. Reiju lehnte ihren Kopf gegen Surus Schulter und gähnte. "Wenn ich so lange durchhalte."

Endlich ging die Tür auf. Es war Yuta, der sie öffnete.

"Hey zusammen", rief er und hielt einen roten Becher in der Hand. Er gab sich wirklich vollste Mühe, jedes amerikanische Vorurteil zu erfüllen.

"Kommt rein. Im Wohnzimmer sind die Meisten, aber da gibt es auch den Alkohol." Er zwinkerte und ließ sie eintreten.

In Yutas Haus war es laut, voll, stickig und es roch nach Chuhai1. Es war wie angekündigt die gesamte Stufe hier und sie alle waren betrunken.

Als aller ersten entdeckte Reiju Izaya. Sein blonder Kopf ragte lachend über allen anderen hervor.

"Also, was wollt ihr als erstes tun?", fragte Suru und sah sich ganz genau um. Er erkannte viele der Menschen hier, doch noch lange nicht alle. Es waren anscheinend nicht nur Mitschüler, sondern auch Freunde von Freunden von Freunden.

Er spürte den starken Geruch von Chuhai und wurde unweigerlich an sein erstes Mal erinnert, bei dem seine Schwester Yuka ihn damit abgefüllt hatte. Er beließ es seit dem bei einem Drink pro Abend.

"Ich hol mir was zu Trinken", raunte Reiju monoton und steuerte Izaya an, der wie ein Barkeeper an der Auswahl an Alkohol stand und ihn ausschenkte.

"Warte Reiju. Sicher, dass du...", rief Suru ihr nach, doch sie hörte ihn nicht mehr.

"Sollten Sportler überhaupt trinken?", fragte sie Izaya und trat an die Theke. Überrascht drehte er sich zu ihr und begrüßte sie. "Ich trinke nur Wasser im ehrlich zu sein." Er hielt ihr sein Glas hin. Es war eiskaltes, sprudelndes Mineralwasser. "Aber ich schenke gern aus."

Er lachte und griff nach einem Becher. "Willst du was?", fragte er. Reiju nickte und nahm stumm den riesigen Plastikbecher entgegen. Zögernd hielt sie ihn an ihre Nase und schloss die Augen. Dieser Geruch war widerlich.

"Du trinkst wohl eigentlich auch nicht", merkte Izaya an, als Reiju noch immer keinen Schluck genommen hatte und das rote Plastik nur fest in ihren dürren Fingern hielt.

"Das tut sie wirklich nicht."

Suru hatte Junko und Keita auf einem freien Sofa abgeladen und sich auf die Suche nach Reiju gemacht. Er trat Izaya gegenüber und gab ihm die Hand. "Scheint Spaß zu machen an der Bar", sagte er lachend und warf dabei seinen Blick unmerklich auf Reiju. Stumm nahm sie jetzt einen Schluck und verzog zu aller verwundern nicht einmal das Gesicht.

"Yuta hat mich darum gebeten und ich mache es gern", antwortete Izaya, als er seinen Blick von Reiju löste. Er füllte einen weiteren Becher und reichte ihn Suru. "Danke."

Mit der Zeit wurden es immer mehr und mehr Leute in dem überfüllten Haus und genau so wurden es für Reiju immer mehr Drinks.

Sie verbrachte den Abend mit Izaya, vermied aber, genau wie sonst auch, ein langes Gespräch.

Suru war mal da und dort und versuchte zwischendurch immer wieder verzweifelt Reiju davon abzuhalten noch mehr zu trinken, doch sie ließ sich nicht abbringen.

"Ihr habt mich hierher geholt, also mach ich auch, weshalb alle hier sind."

Ihre Stimme zog sich in die Länge, ihr Gleichgewicht wurde holprig. Schnell packte Suru sie an den Schultern und setzte sie sicher auf einen Stuhl in Izayas Nähe. Zu naiv ging er davon aus, dass sie sitzen blieb.

"Gib ihr nichts mehr", sagte er dann zu ihm, doch dieser lachte. "Das tu ich schon lange nicht mehr, aber sie scheint wohl nicht so viel zu vertragen." Suru schluckte. "Ich geh mal und suche Keita und Junko. Ich glaube es wird Zeit zu gehen." "Ich habe ein Auge auf sie", sicherte Izaya ihm zu und klopfte ihm auf die Schulter. Doch als Suru verschwunden war und er seinen Blick endlich wieder auf den Stuhl lenkte, war Reiju nicht mehr da.

 

Reiju war schwindlig. Tief in ihr wusste sie, dass Suru sie ganz zu recht auf diesen Stuhl gesetzt hatte, doch das waren nüchterne Gedanken. Reiju aber war nicht nüchtern. Sie war vollkommen betrunken. Schwankend suchte sie sich ihren Weg durch das überfüllte Wohnzimmer. Sie brauchte ganz dringend frische Luft, sonst überlebte sie das nicht, dachte sie sich immer wieder und schluckte. Das enge Kleid schnürte ihr dazu noch die Brust ab. Es war ein beklemmendes und ungemütliches Gefühl. Hilflos gelang sie an die Gartentür, nur schaffte sie es nicht sie zu öffnen. Viel bekam sie von den nächsten Minuten nicht mehr mit.

Als sie wieder denken konnte war sie irgendwie auf der Veranda gelandet.

Wacklig trat sie die Stufen herab in das weiche Gras des Gartens, weiter als ein paar wenige Schritte schaffte sie es nicht. Sie fiel nieder und blieb liegen.

Tief atmete sie die frische Luft ein und aus und wartete darauf, dass ihre Übelkeit verschwand.

Am liebsten hätte sie das Kleid sofort ausgezogen und in den Müll geworfen, doch fürs nackt sein fehlten ihr dann doch noch ein paar Drinks.

Sie schloss die Augen.

Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch als sie sie wieder öffnete fasste ihr jemand an die Schultern.

"Ace", raunte sie und lächelte unkontrolliert. Seine langen schwarzen Wellen fielen ihr ins Gesicht. "Lange nicht gesehen!"

Reiju lallte so sehr, dass Ace sie kaum verstand. Skeptisch sah er sie an.

"Was machst du hier draußen?", fragte er und packte ihr unter die Arme. Er zog sie hoch und brachte sie auf die Stufen. Er setzte sie hin und starrte sie an. Reiju zitterte. Ihr Blick war leer.

"Du", sagte sie und sah zu ihm hoch. Sie grinste verloren. "Du bist ein unglaublich netter Mensch. Und-" Ihr Grinsen wurde breiter. Sie hob den Finger und tippte ihm gegen sein Knie. "Heiß bist du auch."

Reiju lachte. Ihr Arm sackte ab und fiel ihr in den Schoß.

Ace musste erst ebenfalls lachen. Er grinste und kratzte sich hilflos am Hinterkopf. Dann setzte er sich neben sie.

"Was ist mit dir los Reiju?", fragte er, während sie versuchte sich ihm anzunähern. Sie hakte sich bei ihm unter und rieb ihren Kopf gegen seine Schulter. Ace ließ sie machen, löste aber nicht seinen Blick von ihr. Was sollte er mit ihr tun. Er konnte sie nicht einfach hier lassen.

"Du hattest ein paar Drinks zu viel, hm", sagte er und drückte ihren Kopf jetzt sanft von seinem Körper. Sie durfte nichts tun, was sie später bereuen würde. Doch sie konnte sich nicht halten. Er spürte wie ihr Kopf auf seiner Schulter erneut immer schwerer wurde. Sie wurde müde.

"Weißt du, dass ich echt froh bin, dass du und deine Brüder so gut zu Kisumi seid?", sagte sie plötzlich. Es war nur ein raues Murmeln. "Wenn ihr nicht gewesen wärt, dann wäre Kisumi damals sonst wohin abgehauen, so sehr wie er unseren Vater hasst. Ich hätte ihn selbst doch nie gefunden."

Ace löste seinen Blick von ihr. Sein Herz schlug plötzlich schneller.

"Aber ich mag unseren Vater gerade ja auch nicht besonders. Glaub ich zumindest."

Plötzlich sackte ihr Oberkörper zusammen und sie fiel mit dem Kopf vor in Ace Schoß. Sie blieb still, um sich nicht zu übergeben. Alles um sie herum bewegte sich.

Ganz vorsichtig drehte sie sich in seinem Schoß und starrte zu ihm hoch. Ihr Blick traf seinen.

"Er hat uns verlassen. Ich war acht Jahre alt und er hatte nichts besseres zu tun, als uns zu verlassen", sprach sie weiter. "Sollte ich ihm dankbar sein, dass er zurückgekommen ist? Obwohl er uns nicht wollte?"

Lange blieb es still.

Reiju atmete tief ein und aus. Ihr Kopf begann zu pochen. Ihre Übelkeit verschwand nicht.

"Reiju", sagte Ace endlich. "Du solltest nicht trinken."

Vorsichtig zog er sie aus seinem Schoß in den Aufrechten Sitz. Dann stand er auf.

"Komm", sagte er und nahm ihre Hand. So langsam wie nur möglich half er ihr auf die Beine.

"Suru muss hier doch irgendwo sein", sagte Ace zu sich selbst, als er sie zurück in das Wohnzimmer schob.

Reiju verlor immer mehr die Orientierung und konnte sich kaum noch halten. Ace hievte sie mit ihren Armen um seine Schultern und sah sich um.

Tatsächlich bahnte Suru sich gerade seinen Weg durch die tanzende Menge.

"Izaya, ich kann sie nicht finden!", rief er und blieb vor dem Blondschopf stehen. "Ich will dir ja nichts vorwerfen, aber... wieso zur Hölle musstest du sie verlieren!"

Izaya verzog das Gesicht und sah zu Suru herunter. "Wir finden sie schon. Weit kann sie ja nicht gekommen sein. Vielleicht im Garten?"

"Schon gut", raunte Ace plötzlich.

Er trat zu ihnen. Reiju hing über seiner Schulter und war jetzt kurz davor einzuschlafen.

"Ace..." Suru beäugte ihn. War er heute überhaupt da gewesen? Doch Izaya lachte erfreut auf.

"Gott sei dank!", rief er. Er klopfte Ace auf die Schulter und sah dann zu Reiju. "Die ist wirklich hinüber."

"Deswegen bring ich sie dir. Sie lag draußen im Gras." Ace Blick fiel auf Surus. Er war härter, als er ihn je gesehen hatte. Dann atmete er aus. "Danke. Ich suche sie schon überall."

Ace nickte und übergab ihm Reiju. Schwer lag sie auf seinen Schultern. "Su... ru?", raunte sie leise. Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht und nickte.

"Ich bringe sie dann mal nach Hause. Danke noch mal A..." Als er wieder aufsah, war Ace schon weg. „Ist abgehauen. Aber er weiß deinen Dank zu schätzen."

Izaya öffnete eine weitere Flasche Chuhai und reichte sie einem Mädchen.

"Okay... ich geh dann mal. Danke für alles Izaya." "Kümmere dich um sie. Der nächste Morgen wird schwer." Er grinste und winkte, als Suru das Wohnzimmer verließ.

 

Montag.

Yutas Geburtstagsparty hing noch immer wie ein Schatten an Reijus Körper. Sie hatte nicht trinken wollen. Sie hatte Suru keine Probleme machen wollen, sie hatte... Ace nicht so in Verlegenheit bringen wollen. Oh Gott Ace.

Sie hatte ihn mit ihrer Lebensgeschichte zugeredet und nachdem er sie zu Suru gebracht hatte, war er scheinbar wieder gegangen. Sie hatte allen nur den Abend verdorben und ihren Magen gleich dazu.

Dazu war Ace heute den ganzen Tag nicht in der Schule gewesen. Am liebsten würde sie sich bei ihm entschuldigen und ihn bitten alles zu vergessen, doch er war einfach nicht gekommen.

Sie schämte sich so sehr. Sie hatte noch Glück, dass sie sich auf niemanden übergeben hatte. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie sich an alles noch erinnern konnte. Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie es so besser fand.

Reiju schlenderte durch den zum Schulschluss völlig überfüllten Flur. Sie hatte heute sowieso keine Lust mehr auf ein Gespräch mit irgendwem. Sie wollte nach Hause, mit Kisumi sein neues Spiel spielen und schlafen. Mehr nicht. Doch dazu kam es nicht.

Wieso. Wieso war es genau jetzt, dass Ace durch die Tür der Schule trat und auf sie zukam.

"Hey, Reiju."

Genau vor ihr blieb er stehen als wäre er nur für sie gekommen.

Wieder sah er so müde aus. Seine Lider lagen träge über seinen Augen, doch sein Gesicht zierte tatsächlich ein seichtes Lächeln.

"Hi, Ace."

Die Scham stieg in Reiju bis zum Maximum. Sie wich seinem direkten Blick aus und sah an ihm herunter. Er trug nicht seine Schuluniform. Sein dunkelgrüner Sweater war befleckt.

"Wo warst du heute den ganzen Tag?", fragte sie. Geschickt überging er ihre Frage und animierte sie dazu loszugehen. "Wie war der Unterricht?" "Wie immer."

Ace nickte. Nickte immer wieder. Reiju bemerkt sofort, dass er etwas sagen wollte, doch er schämte sich. Wieso schämte er sich denn.

"Bevor du irgendwas sagst, lass mich zuerst."

Er sah auf, als hätte sie ihn aus seiner Trance gezwungen. Erwartungsvoll blickte er sie an.

"Das mit Samstag. Ich... bitte vergiss einfach was passiert ist, was ich gesagt habe. Es tut mir leid, dich so in die Ecke gedrängt zu haben. Bitte... vergiss es einfach."

"Also eigentlich." Ace blieb jetzt wieder stehen und zog sie am Ärmel zurück zu sich. "Dein Vater. Er hat sich doch sonst gut um euch gekümmert oder?"

"W...was?" Reiju war wie vor den Kopf gestoßen. Diese Frage war direkter als alles was Ace je von sich gegeben hatte. "Worauf willst du hinaus?"

"Wenn er es wirklich so bereut wie du sagst, ich will dir nichts vorschreiben, aber, so lange er nichts mehr tut, das dir weh tut... solltest du jede Sekunde mit deinen Eltern genießen denke ich."

Reiju wusste nichts zu erwidern. Absolut nichts. Sein Blick lag auf ihr, schwer wie Tonnen.

Sie wollte ihn nicht ansehen, sie fühlte sich schlecht und schuldig. Ihre Augen wanderten durch die Gegend bis sie auf ihr Armband fielen.

Es war ein völlig verwaschenes, blass-blaues Flechtarmband mit kleinen gelben Perlen. Sie hatte schon ganz vergessen, dass sie es seit damals nie ausgezogen hatte. Seit sie neun war trug sie es immer am Handgelenk.

"Das hat mein Vater mir damals mitgebracht, nachdem er zurück kam. Ich... hatte es total vergessen." Sie tippte auf das dünne Armband und musste plötzlich lächeln. Sie hatte sich damals so sehr gefreut.

Sie sah das Gesicht ihres Vaters. Wie er sich zu ihr nieder kniete und ihr das damals noch leuchtend blaue Armband überreichte, wie er lächelte. Doch schon damals hatte sie sich gefragt, was dieses komische etwas in seiner Mimik gewesen war. Er hatte gelächelt und doch hatte da irgendetwas nicht ganz gestimmt. Es war Reue, heute wusste sie es.

Ace sah sie weiter nur stumm an. Er war sich nicht sicher, ob er das ganze richtig angegangen war. Wahrscheinlich absolut nicht.

"Wieso tust du das?", fragte sie, nachdem er nichts mehr sagte, doch er zuckte nur mit den Schultern. "Entschuldige" Mehr erwiderte er nicht.

Schwer atmete sie, während Ace sie weiter wortlos betrachtete.

"Ich... muss schon wieder los", sagte er plötzlich und es klang zaghaft. Vorsichtig entfernte er sich einen Schritt ohne auf eine Antwort zu warten. Reiju sah nicht zu ihm auf.

Erst als er schon mehrere Meter gegangen war, traute sie sich eines Blickes. Er hatte ihr schon den Rücken zugewandt.

Er ging. Und Reiju sah ihn eine ganze Weile nicht wieder.

"Ich hab ihn nicht mehr gesehen seit-", Reiju brach ab und schloss schnell ihren Mund. Sie wich Keitas Blick aus. "Seit wann?", fragte er. Er spürte sofort, dass sie irgendwas verheimlichte. In der hellen Sonne sah er jeden Winkel ihrer Mimik und diese verriet sie.

"Seit einer viel zu langen Zeit", raunte sie und griff an ihr Armband. Beunruhigt spielte sie an den zwei dünnen Fäden des Verschlussknotens. "Du siehst es doch auch. Er kommt nie zum Unterricht."

Keita überlegte kurz.

Ace war tatsächlich schon seit längerer Zeit nur sporadisch aufgetaucht und seit bestimmt zwei Wochen war er gar nicht mehr in der Schule gewesen. Er verpasste viel Stoff und sammelte gefährlich viele Fehlstunden. Allerdings hatte er sich, obwohl er von Reijus Sorgen wusste, nie viel weiter einen Kopf darum gemacht. In Ace Leben lief sicherlich nicht alles glatt und er würde sich um ein paar Dinge kümmern müssen. Oder vielleicht war er auch einfach nur krank.

"Ja schon, aber was willst du denn tun?", fragte er schließlich. Reijus Blick war ungewohnt bewegt. Er zeigte noch nie dagewesene Unruhe.

Reiju wollte aufatmen und etwas sagen, von einer grandiosen Idee erzählen, doch ihr fiel nichts ein. Niederschmetternd wurde ihr aufs Neue bewusst, dass sie völlig hilflos war. Gänzlich mittellos. Sie kannte Ace nicht gut genug und sie wusste beinahe nichts über ihn oder sein Privatleben. Sie waren ja gerade einmal so Freunde, wenn sie es überhaupt waren. Er könnte überall sein. Es müsste nicht einmal etwas schlimmes vorgefallen sein. Es könnte einen völlig plausiblen Grund haben.

Dennoch hatte Reiju kein gutes Gefühl.

"Ich muss dann los. Ich muss mich heute etwas beeilen. Kannst du allein auf Suru warten?"

Sie nickte nur. Krampfhaft überlegte sie weiter was sie tun könnte. Keita fasste ihr entschuldigend an die Schulter und ging dann. Schnell war er über den Schulhof aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Reiju wurde nervöser, je mehr sie nachdachte. Es war absolut nicht gut was sie tat, doch es ließ sie nicht los. Vielleicht hatte Keita recht, aber...

"Hey Reiju!", rief Suru und trat aus dem Schulgebäude. Sie stand vor dem Eingang unter dem großem Kirschbaum und wirkte noch vertiefter in ihr eigenes Inneres als sonst. Er trat zu ihr und sah sie an. Ihr Blick war weit entfernt. "Hey Reiju. Alles gut?", fragte er. Eine Weile betrachtete er sie, als ihre Augen plötzlich aufglühten.

"Reiju wo willst du hin? Du hast doch jetzt auch Schluss oder nicht?", rief Suru, doch sie hörte ihn nicht mehr.

Reiju hatte es satt. Satt sich ins nichts führende Gedanken über Ace zu machen. Entweder sie hörte auf damit und vergaß ihn, oder sie musste Antworten finden und vergessen konnte sie ihn nicht. Sie waren doch... Freunde. Sie hatte sich nicht umsonst in den Meetings und im Unterricht mit ihm herumgeschlagen. Nicht um jetzt nie wieder was von ihm zu hören.

 

Schweren Atems kam sie vor dem Eisentor der Sporthalle zum stehen.

Sie hörte rufende Stimmen und das Quietschen von Schuhen auf dem Hallenboden. Sie stockte.

Das Volleyballtraining war wohl schon im vollen Gange.

Reiju schloss die Augen. Kurz horchte sie einfach nur auf die Geräusche des Spiels. Eine armbrechende Annahme, die zarte Berührung des Setters mit dem Ball und dann der Schlag. Das befreiende Geräusch des Balles, der im gegnerischen Feld zu Boden schmettert. Lautes Jubeln.

Reiju atmete tief ein und wieder aus.

Sollte sie jetzt die Halle betreten oder draußen warten?

Plötzlich öffnete sich die Tür.

"Ich hole es schnell", rief das schmale Mädchen, dass heraus trat und das Tor wieder zuschob. Sie erschrak, als sie die wenigen Stufen heruntersteigen wollte.

"Entschuldige", sagte Reiju und starrte das hellblonde Mädchen an. Sie hatte sie noch nie gesehen. Sie sah auch eher aus wie eine Drittklässlerin.

"Wer bist du denn?", fragte sie freundlich. Ihre Stimme war hell und warm. Sie lächelte.

"Ich muss zu Izaya."

"Oh. Der trainiert gerade noch."

"Hab ich mir gedacht."

Reijus neutrale Art schien sie zu verwirren. Etwas unsicher trat sie auf Reiju zu. "Ich müsste ganz schnell in das Lehrerzimmer und ein paar Unterlagen holen. Wenn ich zurück bin kann ich dir sagen ob du drinnen warten darfst oder ob unser Trainer was dagegen hat."

Reiju nickte stumm. Als das Mädchen bemerkte, dass mehr nicht von ihr kommen würde lächelte sie erneut freundlich auf und machte sich auf ihren Weg.

Reiju blickte ihr einen Moment lang nach und setzt sich dann auf die oberste Stufe.

Es war warm. Die langen schwarzen Ärmel ihrer Schuluniform brachten sie bereits den ganzen Frühling zum schwitzen und jetzt war es schon beinahe Sommer. Wieso verging die Zeit so schnell, ohne, dass auch nur irgendwas passierte. Alles schwamm so irgendwie vor sich hin.

Plötzlich öffnete sich die Tür hinter ihr erneut.

"Wer bist du denn?", rief eine hohe Kinderstimme. Verwundert drehte Reiju sich zu ihr.

Mit einem lauten Knall fiel die Tür wieder zu und das kleine Mädchen vor ihr zuckte zusammen und verlor sofort das Gleichgewicht. Schnell griff Reiju nach ihrer Hand und rettete sie vor einem Sturz.

"Danke", sagte das Mädchen und lächelte breit.

"Ich bin Reiju und wer bist du?" Das Mädchen starrte sie mit großen Augen an. "Von dir hab ich gehört!", rief sie und setzte sich neben sie. "Ich bin Hattori." "Gehört? Von wem denn?"

Hattori kicherte und stand wieder auf. Sie kletterte die Stufen herunter und hielt ihre Hand in die Höhe. Sie sprang auf und ab. "Von meinem Bruder. Der ist so groß!" Reiju musste lächeln. "Izaya?"

Wild nickte sie und ließ ihren Arm wieder sinken. Lächelnd trat sie von einem Fuß auf den anderen.

Tatsächlich hatte Hattori das gleiche struppige Haar wie Izaya, genau so wie das gleiche Glühen in den Augen.

"Und was machst du jetzt hier, Hattori?", fragte Reiju weiter und stützte ihre Arme auf ihre Knie.

"Mein großer Bruder nimmt mich doch so oft mit zum Volleyball. Ich feuere ihn immer ganz laut an!" "Das glaub ich dir", antwortete Reiju lächelnd und stand auf. "Komm wir bringen dich schnell wieder rein. Izaya vermisst deine Zurufe bestimmt schon."

Hattori horchte sofort auf und nickte wild. Sie kam zurück zu den Stufen und griff zu Reijus Überraschen nach ihrer Hand. Mit ihrer Hilfe zog sie sich sicher die Treppe hoch. Die winzige Kinderhand klammerte sich fest um Reijus. Doch als sie die Tür öffnete war Hattori mit einem mal in der Halle verschwunden.

Ganz schön schnell lief sie Izaya in die Arme und ließ Reiju allein im Türrahmen stehen. Ihr Blick fiel geradewegs aufs Feld.

Kisumi spielte seit dem ersten Jahr in der Mittelschule ebenfalls Volleyball, deshalb kannte sie es. Die Atmosphäre, die Geräusche und den Geruch.

Doch sie hatte Volleyball noch nie auf einem so hohen Niveau gesehen. Es war schnell und eiskalt. Hart und sanft zugleich. Es war nur ein Trainingsspiel doch beide Seiten des Teams wirkten perfekt eingespielt und völlig da. Auf höchster Konzentration.

Izaya umarmte seine kleine Schwester und fragte sie, wo sie gewesen war, doch statt zu antworten zeigte sie nur lachend auf Reiju. Sofort sah er auf und beobachtete kurz wie sie einfach nur verträumt da stand und das Trainingsspiel seiner Teamkollegen bestaunte.

"Komm Hattori, setz dich wieder. Ich sage Reiju kurz danke." Brav nickte sie und setzte sich zurück auf ihren Platz. Direkt neben ihre grünblaue Trinkflasche und ihr kleines Buch.

"Hey Reiju. Was machst du denn hier?", fragte er und gesellte sich zu ihr. Verwirrt entkam sie ihrer Abwesenheit und sah zu ihm auf. "Izaya. Entschuldige, dass ich einfach reingekommen bin."

"Nein, nein kein Problem", er lächelte doch hörte im nächsten Moment schon seinen Trainer nach ihm rufen. "Ich muss zurück, aber danke dass du Hattori reingebracht hast. Sie macht immer nur was sie will."

Er drehte sich um und und lief zurück auf das Spielfeld, wo sein Kapitän schon auf ihn wartete. Sie wechselten ein paar Worte und Izaya bekam ein Schulterklopfen, dann ging das Spiel weiter.

"Du bist ja reingekommen." Das Mädchen von eben stand plötzlich neben Reiju und starrte sie an, doch sie lächelte noch genau so freundlich wie zuvor.

"Ich habe Hattori reingebracht." "Ah, die kleine Ausreißerin. Ich frage mal schnell nach, aber es ist sicher kein Problem, wenn du dich einfach zu ihr setzt. Das Training ist sowieso gleich vorbei" "Danke."

"Ich bin übrigens Yue." "Reiju."

Reiju wartete kurz, bis Yue ihr zustimmend zulächelte. Also nickte sie und setzte sich rüber zu Izayas kleinen Schwester. Fröhlich rief sie ihren Namen und lachte als sie ihr durch das kurze Haar wuschelte.

Routiniert horchte Izaya bei dem schrillen Lachen seiner Schwester auf. Doch verwundert stellte er jetzt fest, dass Reiju bei ihr saß. Er fragte sich, was sie hier noch hielt.

Im nächsten Moment aber fasste er sich schnaubend an den Kopf. Ein ziemlich heftiger Ball hatte ihn genau an der Stirn getroffen.

„Alles gut, Izaya?“, rief sein Trainer und seine Mine war ernst. Etwas überfordert nickte er.

"Dann konzentriere dich gefälligst!", rief er weiter und pfiff neu an.

"Das ist mir wirklich lange nicht mehr passiert." Izaya hörte wie sein bester Freund und Kapitän Wakabayashi hinter ihm lachte. "Fünf Minuten hältst du ja wohl noch aus", sagte er grinsend und spielte ihm den Ball zu.

 

Der letzte laute Pfiff des Trainers zeigte das Ende des Trainings an.

Hattori sprang sofort auf, griff nach ihren Sachen und lief auf Izaya zu.

Erschöpft wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht, doch seine kleine Schwester nahm er dennoch voller Elan in seine Arme. Er warf sie hoch und ihr helles Lachen erfüllte die Sporthalle.

"Na wie war dein großer Bruder?", rief er und schwang sie durch die Luft.

"Super!"

"Super abgelenkt!"

Wakabayashi legte seine Hand auf Hattoris Kopf, die wieder am Boden stand und jetzt mit finsterer Mine zu ihm aufsah. Er erwiderte ihren Blick lachend.

"Nein, Izaya war super!", protestierte sie.

Reiju blieb auf ihrem Platz sitzen und beobachtete die Szene. Sie sah wie Yue zu Izaya ging und mit einem Seitenblick zu ihr mit ihm sprach. Izaya nickte.

Er nahm seine Schwester auf die Schultern und verließ die Halle.

Reiju blieb weiter sitzen und wartete geduldig.

Nach einer kurzen Weile trat Izaya wieder ein. Er winkte sie zu sich und sie gehorchte.

"Hey noch mal", sagte er und ging mit ihr nach Draußen.

Genau gegenüber des Halleneingangs befanden sich die Stufen zum Seiteneingang des Schulgebäudes. Izaya setzte sich auf die oberste Stufe und beobachtete wie Reiju sich zu ihm setzte.

"Yue meinte du willst mit mir reden. Ich schätze du wartest nicht so lange für etwas wenig Wichtiges." Er sah sie an und lächelte, seine Augen aber zeigten ihr, dass er sie ernst nahm. "Also, was ist los?"

Doch bevor Reiju etwas sagen konnte kam ein Junge in Trainingsklamotten aus der Halle. Er hatte etwas längeres graues Haar und war unfassbar groß. Aus der Ferne hatte er eben noch nicht so riesig gewirkt. Er unterbrach ihr noch so frisches Gespräch.

"Bis Morgen dann!", rief er lässig und sprang die drei Stufen vor der Halle herunter. "Ja bis Morgen", rief ihm Izaya hinterher. Dann sah er entschuldigend zurück zu Reiju.

"Der ist ja noch größer als du", sagte sie stumm und Izaya musste grinsen.

"Ja, das ist unser Masamune. Er ist ein wirklich langer Spieler, aber umso wertvoller."

Reiju nickte zustimmend, als wüsste sie aus Erfahrung genau was er meinte.

"So jetzt aber", fing Izaya ein weiteres mal an und lehnte sich kurz gegen sie, damit sie richtig zu sich kam. "Was ist los?"

"Ace", sagte sie bestimmt und sah jetzt zu Izaya auf. Er seufzte. Er faltete seine Hände, stellte seine Ellenbogen auf und stützte sein Kinn darauf. Als würde er schon genau wissen, was jetzt kam und es war nichts Gutes.

"Er kommt nicht zur Schule", redete Reiju weiter.

"Er kommt nicht zur Schule", wiederholte Izaya. "Also hab ich es mir nicht eingebildet."

"Nein", Reiju machte eine kurze Pause. Sie beobachtete Izayas Profil, doch er war unlesbar. Er wirkte einfach nur sehr konzentriert.

"Erst hat er nur in den Meetings gefehlt. Dann kam er irgendwann nur noch Morgens zur Schule. Seit einer Woche war er jetzt gar nicht mehr da."

Izaya nickte. Er überlegte, doch nicht lange. Er atmete aus und schien sofort zu wissen was los war. Er schien sofort einen Plan zu haben. Jahrelange Freundschaft in wenigen Sekunden durchgespielt.

"Danke Reiju", sagte er endlich. "Ich weiß denke ich, was er immer tut."

Er öffnete seine Hände wieder und seufzte. Gedankenverloren starrte er weiter gerade aus.

"Wie geht es eigentlich Seiya, weißt du das? Ich habe gehört er ist jetzt im Trainingscamp."

"Ja das ist er. Er scheint seine Leidenschaft wieder gefunden zu haben. Ihm geht es gut, aber-" Jetzt sah er zu ihr rüber. Ihr Gesicht war erwartungsvoll, als könne er ihr die Lösung bringen.

"Ich weiß nicht wie Ace das weggesteckt hat." Schnell sah er wieder nach vorne und hielt ihrem Blick keine Sekunde lang mehr stand. Sie hatten beide einfach viel zu wenig Ahnung.

"Es tut mir leid Izaya. Ist es komisch, dich gefragt zu haben und... mit dir über ihn zu reden?", fragte Reiju nach einer Weile. Ihre Stimme war ganz ruhig. Sie beobachtete das seichte Wanken des Laubes an einem jungen Kirschbaum.

"Nein, nein das ist es nicht."

Izaya wollte noch etwas sagen, doch er rang tatsächlich ein wenig nach Worten.

"Weißt du, Ace ist ein guter Mensch."

"Ja, das glaub ich." Reiju sagte nichts mehr. Inzwischen glaubte sie es wirklich.

"Aber... wenn er einen schlechten Tag hat tut er gern so als wäre er es nicht und davon hatte er in letzter Zeit viel zu viele. Ich weiß nicht was in solchen Momenten in ihm vorgeht. Er kleidet sich in völlig neue Verhaltensweisen." Reiju war es, als hätte Izaya diese Worte gerade zum aller ersten mal laut ausgesprochen. Und dann vertraute er sie ihr an. Sie konnte nicht sagen was das zu bedeuten hatte, doch es schien ein Anfang für... was auch immer.

"Ich würde ungern mitansehen wie er gar nicht mehr kommt", erwiderte sie plötzlich.

Izaya musste lächeln. Sie konnte einfach nicht sagen, was in seinem Kopf vorging. Eine schwere Stille stellte sich ein, während alle Spieler und zu Letzt auch Izayas Trainer die Halle verließen.

"Na ja", sagte er dann nach einer Weile und das Gespräch schien für ihn beendet. "Ich muss noch ein paar Bälle schlagen, bevor ich gehe."

Izaya wollte aufstehen, doch sein Blick in die Halle fiel auf totale Leere, also ließ er sich wieder neben Reiju sinken. "Alle sind schon weg", stellte er fest. Er lehnte sich zu ihr und sah sie plötzlich bittend an. Sein Mund verzog sich zu einem kindlichen Schmollen.

"Würdest du mir vielleicht ein paar Bälle zuwerfen?", fragte er.

Kurz blickte sie ihn nur an, doch er schmollte immer schlimmer.

"Okay."

 

Sie folgte Izaya in die Halle und stellte ihre Straßenschuhe neben die Tür. "Pass auf mit den Socken. Sonst rutscht du noch aus", rief er ihr zu und holte den Korb mit den Bällen. Reiju aber zog ihre Socken einfach aus und stellte sich barfuß an den Netzpfosten. "Oder so", lachte Izaya.

Er dehnte sich kurz, während sie den ersten Ball aus dem Korb holte.

"Wirf ihn einfach irgendwo vor das Netz. Ich muss nur noch ein paar Schläge ausführen, sonst rostet mein Handgelenk noch ein."

Er grinste breit, während Reiju nickte und etwas in die Knie ging. Izaya rannte los und sie warf.

Der Schlag auf das harte Leder erschütterte die gesamte Halle und beförderte den Ball genau innerhalb der Außenlinie. Dann wurde es wieder totenstill.

"Kannst du den Ball das nächste mal etwas näher an das Netz werfen?", fragte Izaya und ging wieder zurück in Position. "Okay."

Wieder warf Reiju den Ball, als Izaya losrannte. Er traf ihn perfekt. Die Wucht war dieses mal noch viel härter und schallte in Reijus Ohren wieder. So ging es ein paar Bälle.

"Deine Würfe werden immer perfekter für mich", sagte er nach ein paar Schlägen. "Du liest meine Bewegungen fast schon schneller als es unser Setter manchmal tut. Das ist unglaublich."

"Kisumi lässt mich für ihn immer Bälle werfen oder Schlagen. Ich bin also nicht ganz ohne Übung."

"Trotzdem", er grinste und ging erneut in Position. Er rannte und Reiju spielte ihm zu. Sein Schlag war perfekt. Unvorhersehbar und unmöglich zu blocken.

"Kisumi spielt also auch Volleyball, ja?", fragte er, während er schon den nächsten Ball von Reiju schlug.

"Ja, im Team der Mittelschule."

Reijus Augen beobachteten jede seiner Bewegungen vom Laufen, zum Schlag bis zur Landung. Seine Hand legte sich jedes mal sanft um den Ball und umspielte ihn, bevor er ihn völlig gewaltlos, aber mit einer enormen Stärke in die gegnerische Hälfte schickte. Er landete ausnahmslos jedes Mal innerhalb des Feldes.

"Hey Reiju!" Zurück bei Sinnen sah sie zu ihm auf. "Entschuldige. Lauf."

Er nickte und gehorchte sofort.

"Auf welcher Position spielt Kisumi denn?", fragte er, als er wieder am Boden aufkam. Er hatte genau diese Frage eben sicher schon ein paar Mal gestellt.

"Libero. Ich schmettere ihm den Ball zu und er versucht ihn in der Luft zu halten."

"Also das kannst du auch?"

"Irgendwie bekomme ich den Ball schon über das Netz."

Begeistert leuchtete Izaya auf und packte sie plötzlich an den Schultern.

"Komm, ich werfe und du schlägst. Zeig mir deine Technik."

Reiju wehrte sich nicht. Izaya gehörte, genau wie Keita, zu den Menschen, die sich so sehr für etwas begeisterten, dass sie keiner davon abbringen konnte. Reiju würde sich nur die Zähne ausbeißen und das wollte sie nicht riskieren.

"Okay. Wirf noch kurz bevor ich losgelaufen bin, sonst verfehle ich den Ball."

Sie ging an die Außenlinie und sah Izaya nicken.

Er warf und Reiju tat was sie tun musste. Sie lief, sprang, sah den Ball genau vor ihr in der Luft und traf ihn in der letzten Sekunde. Ihr Schlag landete im Aus.

"Dein Gefühl für Volleyball ist echt nicht zu unterschätzen." Begeistert wippte Izaya auf und ab.

"Der war im Aus", raunte Reiju und machte ihre rotglühende Hand zur Faust. Sie brannte.

"Egal, der Schlag war der Wahnsinn! In deinem dünnen Händchen steckt mehr Kraft als man erwarten würde."

"Wie gesagt, das war einfach nur nicht mein erstes Mal."

Sie öffnete ihre Hand wieder und schloss sie erneut. Izayas bohrenden Blick spürte sie, doch sie sah nicht auf. Er könnte jetzt alles von ihr verlangen, es war immerhin Izaya.

"Weißt du. Unsere Managerin ist schon im dritten Jahr und will sich ab dem Sommer auf die Uni konzentrieren. Wir suchen noch einen Ersatz."

Reiju ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Geduldig starrte Izaya sie an.

"Ich weiß nicht."

Sie holte ihren und ein paar von Izayas Bällen und packte sie zurück in den Korb.

"Überlege es dir einfach." Er lächelte ihr zu und half ihr die restlichen Bälle einzusammeln.

"Du bist schon fertig?", fragte sie verwirrt, doch er winkte ab. "Ich entlasse dich jetzt. Aber bitte überlege es dir, okay?"

Reiju verzog das Gesicht, doch sie nickte.

"Okay."

"Er will mich als Managerin."

Reiju lang an diesem Abend noch lange wach im Bett. Sie überlegte. Überlegte viel und kam so nicht dazu endlich ihren nötigen Schlaf zu bekommen.

Das Zimmer war dunkel, doch in seichtes graues Mondlicht gehüllt. Es hatte etwas mystisches, wenn der Vollmond am Himmel stand und ihr Zimmer erleuchtete. Es zeigte ihr eine neue Welt.

Zum Glück war es Freitag und ihre Chatgruppe mit Junko, Suru und Keita noch immer reich belebt.

"Wie kommt er da darauf?", kam sofort Junkos fragende Antwort.

"Ich hab ihm heute ein wenig beim Einzeltraining ausgeholfen."

"Du und Izaya?"

"Ich hab ihn was wegen Ace gefragt."

"Ah."

"Reiju du wirst doch nicht etwa zusagen?", schaltete sich Keita ein. Suru war als Einziger noch offline.

"Ich bin mir nicht sicher."

"Hamori Reiju in einer freiwilligen Aktivität. Dass ich den Tag noch mal erleben darf! Historisch, das notiere ich mir."

"Hör auf Keita. Ich hab gesagt, ich weiß es noch nicht."

"Wenn du zusagst freut sich Izaya bestimmt und er wird dir sicher unter die Arme greifen." Junko schien kurz weg gewesen zu sein, doch jetzt war sie zurück.

"Was ist los? Reiju als Managerin?", meldete sich Suru plötzlich. "Ist eine gute Idee, du stehst auf Volleyball."

"Kisumi steht auf Volleyball."

"Und du genau so."

Es kam keine Antwort.

"Euer Vater hat euch nicht umsonst damit großgezogen", hakte Suru nach und schob noch hinterher "Sag zu!"

"Sag zu!", kam es ebenso von Junko und Keita, bis Reiju ihr Handy seufzend bei Seite legte.

 

"Du hast also wirklich zugesagt?", fragte Suru. Das Meeting an diesem Dienstag war gerade wieder beendet und sie traten aus dem Klassenzimmer.

Sie zuckte nur mit den Schultern.

"Das ist toll, Reiju. Es macht dir bestimmt Spaß und in Bewerbungen macht es sich auch gut."

Sie nickte. "Wir werden sehen. Ich hab ja schon Lust, nur-" Sie brach ab. Sie konnte nicht genau sagen, was dieses nur war. „Nur was?“, fragte Suru doch sie zuckte mit den Schultern.

Sie verließen gerade das Schulgebäude und schlenderten über den Schulhof.

"Ich lass mich einfach darauf ein, denk ich", sagte sie und schaute auf ihr Handy. Es erinnerte sie daran noch unbedingt in die Stadt zu müssen.

"Suru, du musst heute allein nach Hause. Ich muss noch was erledigen", sagte sie beiläufig und wandte sich schon zur anderen Seite als er noch etwas sagte.

"Was denn?", fragte er. Er lächelte. "Ich kann dich begleiten, wenn du willst."

Reiju verlagerte ihr Gewicht vom einen Bein auf das andere. Ihr besonnener Gesichtsausdruck traf seinen. "Schon gut, ich brauch nur neue Sportschuhe, jetzt wo ich nächste Woche anfange... ich komm alleine klar." Er nickte. "Bereite dich gut vor." Suru grinste breit. Er sah zu wie sie zögerlich nickte und dann Richtung Einkaufsstraße verschwand.

 

Nur ein paar neue Schuhe für einen ganz neuen Lebensrhythmus. Beinahe täglich würde sie bald dafür sorgen, dass für das Kinroko Volleyballteam alles glatt lief. Sie würde wirklich gute Schuhe brauchen.

Reiju konnte sich selbst noch nicht so recht erklären wieso sie Izayas Angebot angenommen hatte. Sie war nicht gern unter vielen Menschen und stand auch nicht gern unter Wettbewerbsdruck. Zwei Dinge die sie ab jetzt permanent verfolgen würden. Dennoch hatte sie zugesagt. Vielleicht weil Izaya ihr sympathisch war, vielleicht weil sie den unterschwelligen Drang hatte Dinge zu organisieren. Vielleicht aber auch, weil der Volleyball immer eine Verbindung zwischen ihr und ihrem Vater gewesen war. Eine mögliche Verbindung, die sie in letzter Zeit verzweifelt suchte.

Völlig überfordert lief Reiju plötzlich etwas über den Weg. So überraschend, dass es selbst ihr vertieftes Gemüt durchbrach. Doch er schien sie im Gegenzug nicht zu erkennen.

Sofort kehrte sie auf dem Absatz um und betrachtete seinen schweißgebadeten Rücken.

"Ace!", rief sie lauter als es nötig gewesen wäre. Er schreckte hoch. Die zwei schweren Kisten in seinen Händen machten einen Sprung und landeten nur gerade so noch sicher zurück auf seinen Armen.

Verwirrt drehte er sich zu ihr.

Er trug wieder den dunkelgrünen Sweater, die Ärmel waren mühsam hochgekrempelt. Diesmal erkannte Reiju das Logo auf seiner linken Brust. Es war das, des Restaurants vor dem sie gerade standen und sich wortlos anstarrten.

Sein Haar klebte ihm strähnig auf der Stirn. Seine Nase glänzte.

"Was tust du hier?", fragte er endlich. "Was tust du hier?", fragte Reiju betont zurück und entgegnete seinen Blick.

"Ich hab doch gesagt ich arbeite im Kageyamas oder? Das 'Ka' steht nicht umsonst auf meiner Brust."

Stumm trat Reiju zu ihm vor. Er war harsch. "Soll ich dir helfen?"

Sie griff nach einer Kiste und streifte seine Hand. Eiskalt durchzog es sie. Seine Hände waren Eiszapfen.

"Das ist mein Job, ich schaff das", zischte er und ging weiter. Unbeirrt folgte sie ihm.

"Wie geht es dir so, Ace?", fragte sie, doch er antwortete nicht und verschwand im Eingang des Kageyamas. Reiju ging ihm schnell nach. Leicht bückte sie sich unter dem kurzen Vorhang und blickte in einen überfüllten Raum.

Ihr eröffnete sich ein kleines Restaurant. Warm beleuchtet und mit vielen Fotos von Menschen an den Wänden. Die Tische standen eng zusammengedrängt. Niemand hatte wirklich viel Platz auf seinem Stuhl, doch es schien auch niemanden zu stören. Die Gäste saßen eng an eng und unterhielten sich guter Laune. Lautes Lachen erschallte im gesamten Raum.

Auf der anderen Seite gab es eine Theke vor einer offenen Küche. Ace ging hinter ihr her und verschwand in der Personaltür.

Reiju war überwältigt. Die Atmosphäre war anders, als die in den Cafés oder Diner, die sie kannte. Es war familiär, klein und schien freundlich und ausgelassen.

Wie paralysiert bahnte sie sich ihren Weg durch die vielen Tische und Stühle, zwischen essenden und trinkenden Menschen und setzte sich an die Theke. Es war wie eine Bar. Man schaut dem Meister bei seinem Handwerk zu, nur war es hier das Kochen.

Reiju spürte die gewaltige Hitze der Gasherde und der Öfen. Aber sie spürte auch den Reiz genau hier sitzen zu bleiben. Den Reiz beim Schaffen von etwas dabei zu sein.

Da trat Ace wieder hinaus.

Er hatte seine Haare zu einem Zopf gebunden und einen neuen Pullover angezogen. Die Ärmel von diesem waren ihm viel zu lang, er musste sich ihn von jemandem geliehen haben. Er krempelte sie hoch bis über die Ellenbogen.

Ace wurde von einem lauten Zurufen begrüßt, als er sich an den Herd stellte.

"Hey Ace Kleiner", sagte ein Mann mittleren Alters am Anfang der Theke. "Da bist du ja wieder. Ich freue mich auf mein Übliches."

Ace drehte sich zu ihm und lächelte. Er nickte und begann zu kochen.

"Bist in letzter Zeit ja ganz schön oft hier", rief ein anderer über die lauten Stimmen und die brutzelnde Pfanne hinweg. Ace zuckte nur mit den Schultern. "Kageyama mag mich eben", antwortete er ohne vom Herd aufzusehen.

Ace kochte also. Das tat er den ganzen Tag.

Er war fokussiert und ließ seinen Blick nicht von dem Gericht, dass vor ihm entstand.

Um seine Handflächen waren Bandagen gebunden, genau so auch um einige seiner Fingerkuppen. Von den restlichen Gästen hier schien es aber niemanden zu wundern. Jeder kannte ihn und das anscheinend schon eine ganze Weile.

Noch hatte er Reiju nicht bemerkt. Er war viel zu konzentriert. Er schien im Kopf runterzuzählen.

"Hey, du bist aber das erste mal hier oder? Ich hab dich noch nie hier gesehen", sagte ein Mann neben ihr. Er schien etwas jünger als die anderen. Vielleicht Mitte 30.

Reiju nickte. "Ja, das bin ich." "Was führt dich ins Kageyamas?", fragte er weiter. Er lächelte freundlich, doch Reiju war viel zu abgelenkt.

Ace hatte den richtigen Moment abgewartet und der war jetzt gekommen. Mit einem schnellen Zug mischte er Gewürze unter das Fleisch und zog dann die Pfanne von der blauen Flamme. Er schwenkte es noch einmal um und drapierte sein Werk auf einem Teller.

"Einmal das Übliche", sagte er routiniert und stellte es einem der wartenden Gäste vor die Nase.

"Wegen ihm bist du also gekommen", lachte der Mann neben Reiju. "Was?", fragte sie aufgeschreckt. "Ace ist unglaublich nicht wahr." Sie nickte nur. "Kennt ihr euch?" Reijus Blick ging etwas überfordert von Ace zu dem Mann. "Ähm wir-"

"Hayate, belästige unsere Gäste nicht", unterbrach Ace sie.

Er stand plötzlich vor ihnen und sah den Mann neben Reiju lachend entgegen. "Ich hab mich nur unterhalten", sagte er und grinste. "Aber wenn du schon hier bist kannst du mir direkt meine Ramen mitbringen." Ace nickte.

"War nett dich kennenzulernen", sagte Hayate zu Reiju und wandte sich zurück zu seinen Freunden.

„Was machst du hier?“, fragte Ace sofort als ihn keiner mehr ansah. Sein Blick war gleichgültig.

„Essen“, antwortete sie und griff nach der Karte. Er blieb stehen und beobachtete wie ihre Augen die Angebote musterten. „Ich empfehle das Donburi des Hauses“, sagte er nach einer Weile etwas ungeduldig.

Sie sah auf. „Ist das deine Spezialität?“, fragte sie grinsend und schloss die Speisekarte wieder. Ace nickte nur und nahm sie ihr ab. „Dann nehme ich einmal das ohne das Fleisch bitte“, sagte sie, als er sich schon zum Herde wandte. „Alles klar."

Reiju stützte ihren Kopf auf ihre Hand und sah sich etwas um.

Ace war zusammen mit einer jungen Kellnerin der einzige Angestellte im gesamten Restaurant und das obwohl es rappel voll war. Ihn aber schien das nicht zu überfordern, ganz im Gegenteil sogar. Er wirkte als würde er es genießen hier zu sein und zu kochen. Und die Kundschaft genoss es genau so ihn am Herd zu wissen.

Trotz des vollen Hauses dauerte es auch nicht lange und Reiju hatte eine dampfende Schüssel Donburi vor sich. Es roch unglaublich gut und glänzte in warmen, appetitlichen Farben.

„Danke“, sagte sie und nahm die Stäbchen von ihm entgegen.

Sie spürte seinen Blick auf sich, aber ließ sich nicht beirren. Tatsächlich hatte sie ziemlichen Hunger bekommen. Das Wasser lief ihr sofort im Mund zusammen.

Sie nahm sich etwas Reis zusammen mit dem gedämpften Gemüse zwischen ihre Stäbchen und führte es an ihren Mund. Der unglaubliche Geruch wurde intensiver. Es war köstlich, so außergewöhnlich hatte ein so einfaches Gericht wie Donburi für sie noch nie geschmeckt.

Reiju zwang es ihre Augen zusammen. Blind genoss sie den einnehmenden Geschmack.

Noch immer stand Ace vor ihr und betrachtete sie.

„Es schmeckt, hab ich recht?“, fragte er.

Reiju musste nicken. Selbst wenn sie gewollt hätte, über diesen Geschmack hätte sie nicht lügen können. Es überraschte sie irgendwie, doch auf der anderen Seite wurde ihr einiges klar.

Reiju aß langsam. Sie genoss jeden Bissen, während sie Ace stumm dabei beobachtete wie er weiter kochte und ganz offensichtlich tat was er liebte. Das sah man ihm einfach an.

Immer erst, wenn er seinen Blick von seiner Küche löste verebbte die Gier in seinen Augen. Erst wenn er zu ihr sah, war sein Blick wieder stumpf.

Mit der Zeit wurde es etwas ruhiger im Restaurant. Die Mittagswelle war anscheinend vorüber und Reiju war plötzlich allein an der Theke. Allein mit Ace.

Er machte sich daran aufzuräumen und wischte über die Arbeitsflächen.

„Darf ich dich mal was fragen?“, sagte sie, nachdem es lange still gewesen war. Sie hatte ihr Donburi beinahe aufgegessen und vermisste es jetzt schon.

Ace wusch seinen Lappen aus und hing ihm zum trocknen an den Ofen. Dann drehte er sich zu ihr.

„Was?“, fragte er.

„Wieso trägst du Bandagen?“

Ace sah runter auf seine Hände, auf die vom kochen ganz dreckigen Bandagen. An einer Stelle waren sie leicht angebrannt. Im Flow des Kochens bekam er nie etwas mit.

„Als ich hier angefangen habe, hab ich mir immer meine Hände verbrannt", begann er zu erzählen. „Anfangs konnte ich nicht mit dem Gasherd umgehen, wollte es aber unbedingt. Und dann als ich es drauf hatte, hab ich nie aufgehört damit herum zu experimentieren; mit extremer Hitze.“

Er redete ohne sie anzusehen. Er spielte mit seinen bandagierten Fingerkuppen. Still hörte Reiju zu wie er weiter sprach.

„Mein Chef sagt immer ich bin entweder besonders schlau oder nur dumm, mich gerade da zu verbrennen. Aber deswegen hat er mir diese Bandagen gegeben. Mein Vater war damals total verzweifelt. Er hatte Angst ich würde mir noch die ganzen Hände vernarben, aber ich arbeite nun mal gern mit Feuer.“

„Dein Vater?“, fragte Reiju. „Wie lange arbeitest du denn schon hier?“

„Seit ich 14 bin. Mein Vater kannte meinen Chef und er hat mich damals als Gefallen für ihn eingestellt. Ich sollte hier eigentlich nur abwaschen und mir mein Taschengeld verdienen, aber ich wollte unbedingt kochen. Seit dem bringt mein Chef mir alles bei.“

„Und das ganz schön gut.“ Reiju grinste und legte ihre Stäbchen in die leere Schale. „Vielen dank dafür.“

Ace lächelte zaghaft, aber nur ganz kurz. Er nahm ihr die Schüssel ab und stellte sie in die Spüle.

„Wie läuft es mit deinem Vater?“, fragte er plötzlich. Er hatte das Armband an ihrem Handgelenk gesehen. Es war immer der einzige Schmuck an den Armen, den sie trug.

Reiju sah zu ihm rüber. Er begann abzuwaschen.

„Dafür wollte ich dir noch danken“, sagte sie. Ihre Stimme war plötzlich leiser. „Ich hab mit ihm gesprochen. Vielen Dank Ace.“

„Das freut mich.“

Er hielt den Atem an.

„Willst du mir dann jetzt die Wahrheit sagen, weshalb du hier bist?“

Reiju sagte lange nichts. Er wusste doch ganz sicher, wieso sie so verwirrt gewesen und wieso sie ihm gefolgt war.

„Selbst Kisumi sagt er hätte dich bei euch zu Hause schon lange nicht gesehen.“

„Das geht Kisumi aber absolut nichts an.“

Reiju starrte Ace entgegen und ließ jetzt nicht mehr von ihm ab. Er hatte dieses Gespräch nun heraufbeschworen.

„Izaya macht sich Sorgen.“

„Der macht sich immer Sorgen.“

„Ich mache mir Sorgen.“

Jetzt ließ Ace die Schüssel los. Mit einem Knall landete sie auf dem Metall des Beckens.

„Reiju, du solltest gehen.“

„Wieso?“

Endlich sah er wieder auf und ging auf sie zu.

Im Raum war es leer. Nur wenige Gäste waren gerade da, dennoch sprach Ace ganz leise.

„Ich weiß was du willst. Auch wenn ich nicht verstehe wieso. Wahrscheinlich hat Izaya dich geschickt oder Suru. Er denkt wir wären ja so gute Freunde. Aber egal weshalb du hier bist. Geh.“

Reiju hielt krampfhaft an seinem Blick fest. Wenn sie etwas zu sagen hatte, musste sie es jetzt tun.

„Ich bin hier weil ich dir sagen will, dass du dein Tun überdenken solltest."

Ace reagierte nicht.

"Schule schwänzen bringt dir auch nichts. Du willst Koch werden? Dann mach deinen Abschluss und besuche eine Kochschule."

Sie stand auf und legte ihm das Geld auf die Theke. Ace Blick sagte ihr besser als alle Worte der Welt, dass sie sofort gehen sollte.

"Ich weiß nicht was du versuchst zu erreichen, aber Izaya ist nicht begeistert. Und Seiya wird es sicher auch nicht sein.“

Sie blickte Ace in seine Augen. Sein Gesicht strahlte Missachtung aus, doch tief in ihm sah Reiju, dass er wusste, dass sie recht hatte. Dennoch sagte er nichts. Er blickte ihr abfällig hinterher, als sie stumm den Laden verließ.

 

Um zehn war Ace Arbeitstag vorüber.

Er holte seine Sachen aus seinem Schrank und verabschiedete die Kellnerin. Die dritte, die heute Schicht hatte und sich von ihm verabschiedete.

Er schloss die Fensterläden und dann die Tür. Allein trat er auf die Straße.

Es war schon dunkel. Diese eine Stunde in der alles schwarz scheint, der Himmel jedoch in einem kräftigen blau erglüht.

Er zog die Ärmel seines Sweaters herunter und seufzte. Den ganzen Tag war er heute hier gewesen, das erste mal ganz allein. Er war es Kageyama schuldig.

Dann erst wagte er es einen ersten Schritt zu machen. Doch als er aufsah, stand Reiju auf der anderen Straßenseite.

Ace wollte gerade losgehen, doch er stockte. Er musste sie gesehen haben.

Sie war lange in der Stadt unterwegs gewesen und hatte alles in die Länge gezogen. Hatte jeden Laden durchforstet, bis das Kageyamas zu machte. Jetzt war sie hier und sie wusste nicht einmal genau wieso. Wieso sie so viel für Ace auf sich nahm.

Er regte sich nicht mehr. Wie erstarrt blieb er auf seinem Fleckchen stehen und sah zu ihr herüber, also überquerte sie die Straße.

„Ace“, hauchte sie.

„Reiju.“

Sie hörte seinen schweren Atem. Sofort begann ihr Herz schneller zu schlagen.

„Wieso bist du immer noch hier. Hab ich nicht gesagt du sollst gehen?“

„Sag mir wieso.“

„Wieso was?“, fragte er harsch.

Seine Stimme war so voller Hass.

„Wieso du es tust.“

Er starrte sie an. Er bohrte seinen Blick in ihren.

Reiju kannte Ace beinahe nicht. Sie hatten nie viel geredet und erst recht nichts miteinander geteilt. Sie waren wie flüchtige Bekannte, die sich öfters mal sahen. Dennoch war sie sich noch nie so sicher bei etwas gewesen. Das was er ihr gerade zeigte war nicht Ace. So war er nicht. Wieso konnte sie sich in dem Punkt so sehr vertrauen? Es verwirrte sie, aber Gott sie war sich so sicher.

Dennoch tat sein Blick gerade wirklich weh. Er spielte es gut. Den Hass und die Abwertung. Es war, als wären sie wirklich da. Als würde er es ihr immer klarer machen wollen.

„Reiju“, brach er plötzlich die Stille. Es klang so grausam. Sie brach gewaltsam in tausend Teile.

„Wir sind keine Freunde. Wir kennen uns nicht. Wieso also willst du mich nicht endlich einfach in Ruhe lassen? Geh Reiju. Geh endlich. Du hast hier nichts verloren. Du bedeutest mir ja nicht mal was, wieso also sollte ich gerade auf dich hören.“

Seine Stimme hatte einen solchen Nachdruck. Eine so gewaltige Festigkeit. Es war als spuckte er mit Galle.

Wieso war sie sich so sicher, dass er es nicht ernst meinte. Es schmerzte doch. Allein sein Blick tat so weh.

Als sie sich nicht regte drehte Ace ihr den Rücken zu. Er wollte gehen und es dabei belassen, doch Reiju handelte völlig instinktiv.

Sie trat einen Schritt vor und umfasste ihn, legte ihre Arme fest um seinen Körper und hielt ihn nah bei sich.

„Was ist nur los mit dir?“, fragte sie. Ace wehrte sich. Er wollte ihren Griff lösen, doch er wollte ihr auch nicht weh tun. Zuckend verblieb er in ihrer Umarmung.

„Erst bist du nett und dann wieder ein Arsch.“ Reiju hielt ihre Stimme nur mit größter Mühe in einer geraden Bahn.

„Wenn du Probleme hast, dann rede mit mir oder mit deinem besten Freund oder deinen Brüdern, aber lass das nicht an deinen Mitmenschen aus, verdammt.“

Ace haderte. Doch sprach dann.

„Was weißt du schon?“

„Wahrscheinlich gar nichts. Wir kennen uns ja nicht, ich weiß absolut nichts über dich. Aber ich weiß diese eine Sache. Es verletzt so viele Menschen dich so zu sehen... es verletzt auch mich. Was ist es, was passiert mit dir, dass du zu so einem Menschen wirst.“

Er hielt weiter inne. Jetzt sagte er nichts mehr.

„Ace... Ace!“ Sie wurde lauter.

Sie lockerte ihren Griff und lehnte sich vor. Sein Gesicht ging gen Himmel. Angespannt hielt er sich von jeglicher Regung ab. Er wehrte sich nicht mehr gegen ihre Arme.

„So wendet sich das Blatt was“, raunte er. Es klang, als würde er weinen. Weinte er? Spielte er auf damals an, als er sie beim Weinen gehalten hatte?

„Was ist nur los, Ace?“, murmelte sie in seinen Rücken hinein.

„Lass mich bitte endlich gehen.“

Seine Härte war zurück.

Jetzt löste er sich aus Reijus schwachen Armen und drehte sich noch einmal zu ihr bevor er ging. Sein Blick war erniedrigend.

„Bild dir nicht ein, du würdest alles über mich wissen.“

Damit verschwand er und ließ Reiju in der Dunkelheit zurück.

Gefühle an dich in einer Altbauwohnung Pt. 1 - Yung Hurn

Fahles, graues Licht fiel in das kleine Zimmer. Der Vollmond, gewaltig und einnehmend genau vor Reijus Fenster, zierte den düsteren Himmel und durchflutete es.

Viel zu hell um zu schlafen.

Viel zu wach um zu schlafen.

Reiju starrte auf den Lichtkegel der ihre Arme streifte. Silber gemustert leuchteten sie matt im kalten Mondlicht. Vorsichtig hob sie ihre Hand und schaute gebannt beim Tanz des Lichtes auf ihrer Haut zu.

Reiju war nicht verletzt. Sie musste auch nicht getröstet werden.

Es hatte weh getan, aber eigentlich war sie jetzt nur verwirrt.

Es war drei Uhr Morgens.

Es war so Still. Sie hörte nichts außer ihren Atem. Das raue ein und aus. Das und

Ace

Ace

Unaufhörlich zog sich sein Name durch ihre Gedanken. Zog sich die Szene mit ihm durch ihr Bewusstsein. Was hatte sie in den letzten Monaten eigentlich getan. Was hatte sie bewirkt ganz ohne es zu bemerken. Hatte sie geholfen oder hatte sie unabsichtlich eine Katastrophe herbeigeführt.

Ace. Was führst du überhaupt für ein Leben. Ich weiß gar nichts über dich. Was hast du für Hobbys. Was tust du wenn du nach Hause kommst. Grüßt du deine Brüder oder gehst du stumm in dein Zimmer. Kochst du auch wenn du zu Hause bist. Seit wann brennst du so dafür. Was hat das Kageyamas alles für dich getan. Siehst du deine Brüder regelmäßig. Wenn ja, was unternehmt ihr gerne. Was bedeutet das blaue Haargummi, das du manchmal trägst. Es hat ein trauriges und ein glückliches Gesicht, woher hast du es. Seit wann kennst du Izaya. Wart ihr schon immer so gut befreundet.

Vermisst du deinen Vater. Was erinnert dich an ihn.

Wie ist dein Leben, Ace. Kannst du Glück in etwas finden. Wer bedeutet dir etwas. Wer kann dir Freude schenken. Wem zeigst du deine Tränen. Gibt es jemanden. Jemand der dir Halt gibt. Jemand der dich zum Lachen bringt, auch wenn dir nicht danach ist.

Wenn ich dich richtig einschätze, bist du allein mit dir. Allein mit deinen Gedanken.

Wieso hing ich so an dir all die Zeit.

Hänge.

Weil deine Augen das selbe zeigen wie meine. Weil wir uns ähnlich sind. Aber ist das nicht absurd. Du sagst ich bedeute dir nichts. Wieso bedeutest du mir was. Wir sind Klassenkameraden. Höflichkeit ist für gewöhnlich Pflicht. Du aber warst nicht höflich. Ich glaube deswegen war ich einfach nur neugierig. Was steckt hinter all dem Vorlauten, Kojin Ace. Ich wollte es wissen, weil mich sonst nichts unterhält in dieser tristen Schule, weil ich sonst ganz alleine bin.

Du Ace aber bist nicht allein, selbst in Momenten ohne deine Freunde, bist du für Gewöhnlich nicht einsam, denn du kannst mit Menschen sprechen. Jeder mag dich und jeder erinnert sich gern an dich. Du bist äußerst sozial und charmant und machst dir einfach Freunde. Und das obwohl du mit mir beinahe gar nicht sprichst. Mit mir bist du still. Und völlig unausgeglichen. Als krempelst du dein Inneres hinaus an die Oberfläche. Nur um es mir zu präsentieren. Aber so sehe ich doch deine Fassade nicht. So sehe ich doch mehr. Wieso also zeigst du es gerade mir. Oder ist genau das deine Fassade, deine schützende Maske.

Wieso bist du dann bei Izaya genau so. Still, ungesprächig und mies gelaunt. Izaya und mir zeigst du das in gleichen Zügen, doch wieso tust du es auch ihm an. Er sollte dir doch mehr bedeuten, als eine Maske. Wieso lässt du ihn nicht an dich ran. Es verfolgt ihn. Dass er dir nicht helfen kann. Ihr kennt euch doch sicher schon eine ganze Weile. Izaya ist nicht dumm. Er sieht, wenn du leidest, das macht es nur noch schlimmer. Für ihn und für dich, denn ich bin mir sicher, du kannst es genauso sehen, wenn er leidet. Keiner von euch aber kann was tun, wieso. Wegen dir. Aber warum ist das so. Izaya würde alles für dich tun, ich bin mir sicher dir ist das bewusst, denn nur so bringst du ihn dazu einfach gar nichts zu tun. Er ist verunsichert. Der große selbstbewusste Izaya, verunsichert von einem dürren Jungen, weil ihm klar ist, dass er diesen kleinen dürren Jungen nicht retten kann.

Aber er ist nicht der Einzige. Denn das gleiche tust du auch mit Seiya. Er ist älter, du denkst er kommt mit allem gut klar, doch ich bin mir sicher dem ist nicht so. Ich weiß nicht viel über euch, doch eins weiß ich, ihr liebt euch abgöttisch. Dennoch scheinst du nicht mit ihm zu reden und er nicht mit dir. Bei seinem Turnier warst du schockiert, ich hab es in deinen Augen gesehen als du nach Draußen tratst. Du warst nicht du selbst und Seiya war es auch nicht. Aber ihr habt es dabei belassen oder. Jetzt ist Seiya im Camp und du bleibst zurück. Ohne Aussprache und ohne Antworten. Ohne den einzigen Menschen, der alles was passiert ist genau so aufgenommen hat wie du. So groß ist euer Altersunterschied doch gar nicht. Und trotzdem passt er auf euch auf wie ein Vater. Ist er dem gewachsen. Du bist dir nicht sicher, doch sprichst nicht mit ihm. Wieso. Du überlässt ihn seinen Gedanken. Lässt ihn Leben, für sich, ohne böse Absicht, denn das ist der Weg, den du gezwungen bist zu gehen. Aber irgendwo auf diesem Weg steht Ren. Das Energiebündel. So voller Liebe und Sonnenschein.

Fürchtest du dich sein Licht zu löschen. Lässt du ihn und Kisumi deshalb immer ganz allein im Haus. Verkriechst dich ohne Konfrontation. Er bedeutet dir alles und du willst ihn schützen. Das glühen in seinem Herzen. Du willst sein brennendes Auftreten nicht erlöschen. Mit deiner angeschleppten Dunkelheit. Doch bist du wirklich so dunkel. Bist du wirklich der grause Atemzug, der die Kerze erlischt. Denn dein Herz scheint warm.

Wir kennen uns nicht. Werden uns sicher in nächster Zeit auch nicht besser kennen lernen und doch trittst du mir freundlich gegenüber. Mit einem Lächeln. Mit Güte und Empathie. Bis du es nicht mehr tust.

Was zu spielen ist leichter. Ganz sicher das Böse. Es ist einfacher gar nichts zu zeigen, als die Wahrheit zu zeigen nicht wahr.

Ich versteh das Ace. Nur meine Engsten sehen mich Lachen, nicht mal alle von ihnen sehen mich weinen, aber ich habe mich bewusst dazu entschieden. Du aber tust es aus anderen Gründen. Tust es ungewollt. Völlig unbewusst.

Ich bin nicht gern unter Menschen, man könnte mir vorwerfen ich wäre die Verkörperung des Introvertierten und ich würde nur zustimmend nicken. Aber du bist das nicht. Mit vielen Menschen gehst du gerne um, und wenn du wirklich glücklich bist dann Lachst du herzlicher als die anderen es könnten. Beim Fußballturnier warst du es, nicht wahr. Zwischen all den Menschen, sahst du wirklich fröhlich aus. Und als du mich damals zu Kisumi gebracht hast, hast du permanent gelächelt. Wenn dir danach ist, bist du offen und herzlich. Wenn dir die Kraft entweicht, wirst du düster. Du weißt nicht wie du damit umgehen sollst. Wie du deine Gedanken kontrollieren sollst. Wie du sie überkommen sollst. Hilflosigkeit, ganz ohne Halt, macht sich in dir breit und du gibst auf. Deine Persönlichkeit und deine Normen werden von dir abgelegt und betrogen. Du denkst wenn du dich für nichts und niemanden entscheidest, du entscheidest, dass dir niemand wichtig ist, wäre es am besten für alle. Wenn alles bleibt wie gehabt und du niemanden neu mit hineinziehst. Du traust dir nicht. Hast Angst alles zu bereuen. Alles schlimmer zu machen und jemanden zu verletzten. Aber das führt zu nichts und das weißt du auch. Bist du damit zufrieden. Bist du okay damit. Wieso bleibst du allein mit dir selbst, wenn du es überhaupt nicht willst. Die Menschen um dich herum lieben dich auf eine ganz eigene, ganz besondere, warme und sanfte Art und Weise. Wieso lässt du es nicht zu. Ohne Familie bist da nur noch du

und ohne dich, gibt es keine Familie.

Du bewirkst so viel mehr als du ahnen magst. Und doch blockiert irgendwas in dir deine gesamte Persönlichkeit. Ich kann mir vorstellen was es ist, will es aber nicht. Dafür kennen wir uns nicht gut genug, das Recht habe ich nicht.

Und doch liege hier, einsam in meinem Bett, und bilde mir ein dich in allen anderen Belangen analysieren zu dürfen. Doch ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass es so stimmt. Dass ich richtig liege. Doch was kann ich tun. Was würde dir helfen und was würde alles nur noch schlimmer machen. Beginnst du mich zu hassen, wenn ich mich einmische. Eigentlich wäre es mir egal, wenn ich dir nur helfen kann. Denn irgendwas muss ich tun können. Aus irgendeinem Grund hast du mich gewählt, obwohl so viele Menschen an dir verzweifeln. Wenn ich es also nicht für dich tun kann, tue ich es für Izaya, der mir ein guter Freund geworden ist. Oder für Yuka, die sich über all die Umwege unglaubliche Sorgen um eure Familie macht. Oder ich tue es für Kisumi, denn du fehlst ihm. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, tue ich es auch für mich selbst. Ich schätze dich und ich beginne sogar auf eine seltsame Art der platonischen Liebe etwas für dich zu empfinden. Letzten Endes sind wir wohl doch irgendwie Freunde geworden. Und meine Freunde dümpeln nicht im Dornenstrauch. Meine Freunde sprühen Funken.

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"Reiju! Da bist du ja!"

Suru sah von dem kleinen Grüppchen Schüler in dem er stand auf und blickte zu ihr rüber. Er winkte und verabschiedete sich knapp von seinen Freunden. Dann kam er auf sie zu gerannt.

Reiju kämpfte sich gerade ihren Weg durch den vollen Schulflur. Es war die erste Mittagspause und sie hatte erst jetzt ihren Weg ins Schulgebäude gefunden. Viel zu lang hatte sie heute Morgen verschlafen.

Suru schloss sich ihrem Weg zum Klassenzimmer an und betrachtete sie. "Hey", raunte sie ihm entgegen und strich sich ihr heute so wirres Haar hinter das Ohr. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt es zu waschen. Ihr Pony war hochgesteckt. Das Deckhaar in ihrem Gesicht machte sie wahnsinnig.

"Wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht." Suru konzentrierte sich dabei ihrem schnellen Schritttempo folgen zu können. "Ja entschuldige. Ich hab einfach verschlafen."

"Das ist dir ja noch nie passiert."

"Was machst du eigentlich hier?", fragte sie und sah endlich zu ihm hoch. Ihre müden Augen lächelten angestrengt.

"Ich schlendere nur ein wenig umher." Sie nickte. "Ich hab mich gefragt was passiert sein könnte, als du heute Morgen nicht aufgetaucht bist." Sie kamen vor Reijus Klassenzimmer zum stehen.

"Bin fast selbst zu spät gekommen." Er hob seinen Arm hinter seinen Kopf und lächelte. Es war etwas beschämt. Reiju musste gähnen, doch unterdrückte es so gut es ging. Sie zwang sich zu einem Lächeln und blickte Suru in die Augen.

"Entschuldige."

"Ist alles gut bei dir?", fragte er dann. Sein Blick fiel auf ihr gesamtes Erscheinen. Sie sah müde und fertig aus. Ihre Schuluniform saß nicht regelkonform. Sie war wahllos zusammengewürfelt und das rote Band am Kragen nicht zusammengebunden.

"Ich hatte gestern Abend eine Auseinandersetzung mit Ace", sagte sie leise. Verwundert starrte Suru auf sie herunter. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch da sprang Keita plötzlich auf sie zu.

"Da bist du ja! Wo bist du gewesen?"

Reiju gab unter seiner Last auf ihren Schultern nach und beugte sich etwas vor. "Entschuldige Keita."

"Was meinst du mit Auseinandersetzung, Reiju?", fragte Suru dennoch völlig unbeirrt. Keita horchte auf. Er hielt seinen Arm auf Reijus Schulter fest und sah zu ihr rüber.

"War Ace heute da?", fragte sie ihn, ohne auf seine Frage zu achten, doch er schüttelte den Kopf.

"Habt ihr euch gestritten?" "Na ja ich weiß nicht, ob man es als Streit bezeichnen kann."

Surus Blick ließ nicht ab.

"Ich bin ihm gestern zufällig begegnet und habe ihn zur Rede gestellt. Vielleicht war das einfach keine so gute Idee."

Suru als auch Keita sahen Reiju an und konnten nicht sagen was das für eine Regung in ihrem Blick war. War es Sorge? War es Scham? Oder Entschlossenheit?

"Irgendjemand musste früher oder später sowieso mit ihm sprechen. Mach dir keinen Kopf", sagte Suru. Keita drückte sie an der Schulter.

Reiju nickte. Es war gedankenverloren. Sie sah zu Boden und grübelte.

"Hat Ace etwas getan was dir -" Suru sprach nicht aus. "Um Gottes Willen Suru. Ace hat nichts schlimmes getan. Es war nur ein Streit. Er war nicht gut drauf, aber das ist er ja irgendwie nie." "Entschuldige", antwortete er matt.

"Wisst ihr was darüber, wann Seiya wiederkommt?", fragte Reiju weiter.

Suru überlegte kurz. Yuka hatte es ihm doch bestimmt irgendwann mal gesagt. "Samstag Morgen glaube ich. Yuka ist ganz aufgeregt."

"Danke."

Da klingelte es schon zur nächsten Stunde. Suru verabschiedete sich von den beiden und ließ Reiju nur wegen Keita so einfach gehen.

"Ist sicher alles okay?", fragte er noch mal, als er sie an ihrem Platz ablud. Ace leerer Stuhl neben ihrem war wie ein drohendes Monument für seine Abwesenheit. Doch Reiju nickte.

"Du machst dir wirklich Sorgen, was", fragte er ohne abzulassen.

"Ja Keita." Sie sah ihm in die Augen.

"Und du bist dir wirklich sicher, dass irgendwas falsch läuft."

Kurz sagte sie nichts. Sie spielte im Kopf alles durch, was Keita sich denken könnte. Was für normale Gründe es haben könnte Wochen nicht in die Schule zu gehen.

"Ja, ich mache mir Sorgen", sagte sie noch einmal. "Und ich glaube auch, dass es nicht richtig ist, wie Ace sich benimmt." Sie lehnte sich vor und hielt an Keitas Augen fest. "Und ich hab es satt darüber nachzudenken ob es angebracht ist. Ich mache mir Sorgen um Ace und es macht mich wahnsinnig absolut nichts tun zu können, weil er jeden zu hassen beginnt der ihm zu nahe kommt." Über ihre Rage hinweg versuchte sie angestrengt leise zu sprechen. Mitten im Klassenzimmer sollte nur Keita ihre Worte zu hören bekommen.

"Entschuldige, dass ich dir nicht geglaubt habe."

Frustriert atmete sie aus. Was tat sie hier eigentlich. Sie wollte nicht noch mehr Streit. Sie wollte endlich wieder Frieden. "Schon gut. Setz dich jetzt hin. Wir reden später", hauchte sie und schenkte Keita etwas Sanftheit in ihrem Blick.

Er nickte und gehorchte ihr.

Reiju fühlte sich, als hätte sie eine riesige Menge an Erleuchtungen gehabt. Erleuchtungen, so besonders, sie hatten doch nur sie ereilen können... Plötzlich fühlte sich das alles total lächerlich an.

Aber ob es wahr war oder nicht. Sie hatte gestern mit eigenen Augen sehen können, dass mit Ace irgendwas nicht stimmte. Das hätte jeder sehen können, aber Reiju war in dem Moment nun mal da gewesen. Seiya würde wenigstens bald wieder da sein, vielleicht konnte er irgendwas bewirken. Er musste um jeden Preis erfahren, was los war, auch wenn Ace sie dafür verfluchen würde oder sogar noch schlimmeres.

Gerade wünschte sie sich irgendwie mit Izaya sprechen zu können. Er musste noch viel mehr daran denken als sie. Er verzweifelte so daran.

 

Nach der Stunde packte sie Keita am Arm und zerrte ihn aus dem Klassenzimmer.

"Ich muss mit Izaya reden", sagte Reiju entschlossen und schleppte ihn zum Ende des Flures. "Toll, dann kann ich Junko ein wenig auf die Nerven gehen." Reiju nickte übereinstimmend und sah sich um. Izaya stand mit Junko an der Fensterbank vor dem Klassenzimmer und teilte sich ein Meronpan mit ihr.

"Hey Junko!", rief Keita und ließ sie ihre Hälfte beinahe aus der Hand fallen. Verwirrt sah sie auf. "Was macht ihr hier?", fragte sie und sah zwischen Reiju und Keita hin und her. Die beiden waren noch nie mitten am Schultag hier aufgetaucht.

"Izaya, kann ich mit dir reden?", fragte Reiju ohne Umschweife und er antwortete sofort.

"Klar." Er lächelte und fasste Junko an den Arm. Sie sah zu ihm auf und nickte einverstanden. Dann ließ sie sich von Keita einen Schritt zur Seite ziehen und horchte ihm, was los war.

"Was gibt es?", fragte Izaya freundlich, als sie alleine waren. "Ich habe gestern mit Ace geredet." Verstehend atmete er auf.

"Es ging nicht so gut aus", sagte sie. Sie sprach schnell. Viel Zeit hatten sie nicht, bis die nächste Stunde wieder begann. Izaya nickte. "Du hast ihn gesehen? Da bist du mir schon mal voraus. Ich weiß zwar wo er arbeitet, aber er zeigt sich mir nicht."

Reiju blieb stumm und sah Izaya an.

"Ich wollte ihn am Wochenende besuchen, wenn Seiya wieder kommt. Er kann nicht durcharbeiten, wenn sein Bruder da ist. Der würde das nicht zu lassen."

Jetzt nickte sie. "Danke fürs mitteilen", sagte Izaya und atmete aus. Er war froh, dass sich jemand genau so große Sorgen machte wie er. Er war froh sie und ihre Freunde in seinem Rücken zu haben, auch wenn es da bisher nur um seinen Freund Ace ging.

"Danke fürs involvieren. Ich hab mich dazu entschieden Ace helfen zu wollen, aber ich glaube durch dich funktioniert es besser." Izaya lachte auf. "Wie werden sehen. Auf jeden Fall werde ich dafür Sorgen, dass Seiya davon erfährt. Ace macht schon viel zu lange nur was er will."

Am Samstag saß Reiju in Kisumis Zimmer. Sie hatten dieses Wochenende nichts vor. Suru war mit seinem Vater unterwegs und Keita besuchte gerade seinen Opa, also saß sie den ganzen Tag da und beobachtete was Kisumi so trieb.

Gerade machte er wieder Hausaufgaben. Japanisch. Er lehnte über den Kanji und ließ seine Schwester in seinem Rücken.

"Sag mal, weißt du eigentlich was mit Ace los ist?", fragte er plötzlich ganz beiläufig. Reiju horchte auf.

Kisumi hatte ein neues Foto von ihrer Familie zu viert neben sein Bett gestellt. Vielleicht als Friedensangebot an ihren Vater. Reiju musste zugeben, dass sie anscheinend nur einen Arschtritt gebraucht hatte, um ihren Mund zu öffnen und den Bitten ihres Vaters entgegen zu kommen. Seitdem lief es besser, denn sie hatte Kisumi gleich mit hineingezogen. Auch wenn es noch nicht war wie früher.

"Was meinst du diesmal?", fragte sie und lachte neckend. Izaya musste gerade bei Ace zu Hause sein, dachte sie sich und sah auf ihr Handy. Es war 14 Uhr. Seit Dienstag hatte keiner von ihnen noch was von ihm gehört.

"Er ist irgendwie nie da. Hat er ein neues Hobby von dem selbst Ren nichts weiß?"

Kisumi drehte sich zu ihr und sah sie an, wie sie auf seinem Bett auf dem Bauch lag. In gemütlicher Shorts und dem alten Shirt ihres Vaters, das sie seit Jahren trug.

"Und ich soll es dann wissen?" Reiju setzte sich auf und blickte ihren Bruder an. Wie viel wusste er.

"Keine Ahnung, ich frage ja nur." Er zuckte mit den Schultern und griff nach seinem Bleistift.

"Ace hat zur Zeit ziemlich viel zu tun. Keine Ahnung was er treibt. Immer ist er am arbeiten."

"Aber Seiya kommt heute doch wieder oder?"

"Ja wieso?"

"Er wird ihm doch sicher verbieten so viel zu arbeiten."

Kisumi wusste wohl so gut wie alles. Bei seiner Freundschaft mit Ren hätte Reiju aber auch nichts anderes erwarten dürfen. Sie seufzte und legte ihre Hände auf ihre Knie. Sie kreuzte sie und drückte sie runter bis es in ihren Oberschenkeln schmerzte. Dann zog sie die Beine an.

"Ich hoffe es", sagte sie. "Ich frage mich ja ob das überhaupt legal ist, was er tut."

Sofort schüttelte Kisumi den Kopf.

"Ist es nicht. Das kannst du mir glauben." Demonstrativ kreuzte er seine Arme vor der Brust.

"Dieser Kageyama muss echt hart drauf sein." Er sah seiner Schwester ins Gesicht, aber sie reagierte nicht, also wandte er ihr wieder den Rücken zu und setzte sich zurück an seine Aufgaben.

"Ich glaube ja, er ist das genaue Gegenteil. Weswegen er nicht nein sagen kann."

Öde. Das war Ace Tag heute wohl am ehesten gewesen. Bis jetzt.

Seiya war später als geplant zu Hause angekommen. Ace und Ren hatten den ganzen Tag nur gewartet, doch als er endlich zu Tür eingetreten war, hatte sich dennoch nichts geändert.

Seiya hatte die beiden freudig begrüßt, hatte Ace und Ren eine lange und feste Umarmung geschenkt. Er hatte seinen Koffer ausgepackt, gekocht, was er sonst nie tat, und sie hatten gegessen. Doch wirklich etwas getan oder geredet hatten sie nicht. Ace hatte sich gefragt ob es immer noch wegen ihrem Streit so war. So still. Bis Seiya Ren bat auf sein Zimmer zu gehen und meinte, er müsse mit Ace reden.

Jetzt saß Ace auf einem Stuhl in der Küche und starrte auf seinen vier Jahre älteren Bruder.

Vom aufgeregten Reden wippte sein Haar auf und nieder. Seine Hände gestikulierten. Er sprach intensiv auf ihn ein. Sagte viele Dinge, die Ace missfielen, obwohl er wusste, dass sie wahr waren. Sprach laut und streng, auch wenn sein Ausdruck immer weich blieb.

Seiya redete und redete und Ace verstand auch jedes Wort. Verstand von jeder Aussage den Sinn. Verstand wieso er gerade eigentlich hier saß, doch wirklich ankommen tat es bei ihm nicht.

Seiya sprach über die Schule und das Kageyamas. Sprach von Enttäuschung und großer Sorge. Und obwohl Ace alles ganz klar verstehen konnte, konnte er weder etwas sagen noch überhaupt darüber nachdenken.

Sein Kopf war leer. Leer von den letzten Monaten. Leer vom letzten Jahr.

Plötzlich redete Seiya nicht mehr. Ace sah, dass sich sein Mund nicht mehr bewegte, doch es wurde nicht still für ihn. Es wurde stattdessen immer lauter. Sein Inneres wiederholte alles was es gehört hatte und in seinem Kopf schrie es so viel lauter, als Seiya es getan hatte.

"Ace, ist alles gut?", hörte er Seiya fragen. Langsam nickte er. "Hast du verstanden, worauf ich hinaus möchte?", gelang es an Ace Ohren. Wieder nickte er ganz langsam.

Seiya kam ihm etwas näher, blickte ihm in die Augen. Wuschelte ihm durch sein Haar.

Seiyas Blick war skeptisch, das wurde Ace bewusst. Ihm wurde gerade zum allerersten Mal seit langem wieder etwas bewusst. Einfach irgendwas. Ihm war es als wäre er so lange völlig ohne Bewusstsein gewesen.

War er in der Schule gewesen, hatte er gearbeitet, war er jemals einmal müde, hatte er je Hunger.

"Ace, Ace", sagte Seiya immer wieder.

"Darf ich noch kurz das Haus verlassen?", fragte Ace jedoch und stand auf.

"Was?"

Ace hörte wie Seiyas Stimme wieder zu sprechen begann. Er spürte seine Hand auf seiner Schulter und einen Druck, der ihn nach Hinten zog, doch er ging einfach weiter. "Ich bin nicht lange weg", sagte er und verschwand.

 

Den ganzen Tag lang saß oder lag Reiju nur auf Kisumis Bett. Las etwas, spielte an ihrem Handy herum oder unterhielt sich mit ihm. Ihr war nicht danach irgendwas zu unternehmen oder etwas spannendes zu erleben. Ihr war heute einfach nach gar nichts. Das hatte sie nur in den seltensten Fällen. Vielleicht lag es daran, dass Izaya nicht zu erreichen war. Er hatte ihr schreiben wollen, wenn Seiya zurück war, aber er war einfach wie vom Erdboden verschluckt. Es machte sie irgendwie nervös.

Alles was sie tat lenkte sie ab, doch das stille Nervöse in ihr verschwand einfach nicht. Sie fragte sich, ob etwas passiert war. Mit Izaya, Ace oder Seiya.

Es war so öde immer nur zu warten und sie war so furchtbar unruhig. Es war jetzt schon nach zehn Uhr und sie hatte den ganzen Tag nur so verplempert. Also stand sie auf.

Irgendwas in ihr zog sie nach Draußen. Sie wollte raus in die sommerliche Nacht und endlich über nichts mehr nachdenken. Ihr Inneres schrie danach.

"Ich gehe noch bisschen raus", raunte sie und ließ Kisumi verwirrt in seinem Zimmer zurück. Ihren Eltern sagte sie knapp, Suru würde sie abholen, dann trat sie in die Dunkelheit.

Reiju strich durch die Nacht und zwang sich dazu über nichts nachzudenken. Es war so friedlich hier draußen. Ganz in der Nähe vom Park, mit den vielen Bäumen und dem Sommergeruch der blühenden Blumen wirkte alles so einfach.

Selbst die große Kreuzung hier im Vorort war leer und nicht befahren. Kein Mensch trieb sich herum.

Es war ganz ruhig und idyllisch und es wurde auf einen Schlag zerbrochen.

Jemand trat über die Straße. Schwach konnte sie die Umrisse einer Person erkennen. Sie sah sich um, schien sich kurz unsicher und kam dann aber direkt auf Reiju zu. Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen.

Die Person blieb stehen. Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie jetzt unter dem schwachen Licht einer Straßenlaterne. Sonst war es stockfinster. Noch immer kein Auto, keine beleuchteten Fenster. Sie sah ihn an.

"Ace. Was tust du hier?"

Er hatte seine Kapuze so tief über seine Augen gezogen, sie hätte ihn beinahe nicht erkannt.

"Was tust du hier?"

Seine Stimme klang seltsam. Ganz anders als sonst.

"Ich habe etwas frische Luft gebraucht", antwortete sie. Ace blieb still.

"Ich habe gehört Seiya ist wieder da. Das freut mich."

Er nickte, doch er sagte nichts. Er sah sie auch nicht an. Er trat nur nervös von einem Fuß auf den anderen.

Reiju konnte ihn nur betrachten. Wie all seine Bewegungen hektisch wurden. Wie er plötzlich so unter Strom stand. Er fasste sich an die Kapuze. Kratze sich am Kopf.

Ace stand völlig neben sich. Konnte nicht klar denken. Sich nicht normal regen. Alles war ihm zu viel. Zu hell, zu laut, zu nah, zu schmerzvoll.

Er fasste sich an die Brust. Unter seiner Hand spürte er sein Herz so sehr rasen. Es pochte und pochte und pochte immer schneller.

Er krallte seine Finger fester in den weißen Stoff. So fest, seine Knöchel färbten sich in der gleichen Farbe. So gewaltsam er hätte ihn durchstoßen können.

Alles in ihm begann plötzlich zu kochen. Alles begann zu schmerzen. Es staute sich auf und sammelte sich geballt in seiner Brust. Es war qualvoll. So qualvoll, als würde sie unter all dem Druck zu Grunde gehen. Als würde ihn etwas von innen zerschlagen.

Genau wie sein Herzschlag wurde jetzt auch sein Atem immer schneller und flacher. Es schnürte ihm die Kehle zu. Ließ ihn nicht nach Luft holen. Es war als würde er einfach so ersticken. Jeder Atemzug wurde zu einem haltlosen Keuchen.

Suchend ging sein Blick zu Boden. Er konnte nichts tun außer in schnellen, panischen Stößen die Luft aus seiner Lunge zu zwängen. Seine Sicht verschwamm. Er sah nichts außer weiße Lichtschleier vor schwarzem Beton.

Alles fühlte sich mit einem Mal so schwer an. So beengend. So erdrückend. Der Pullover auf seiner Haut wurde schwer wie Blei. Die Jeans brannte wie Feuer. Er hockte sich hin.

Es sah viel mehr aus als würde er in sich zusammen fallen, als hätte sein Körper plötzlich aufgegeben, doch am Boden kauerte er sich über seine Beine und fasste an seine Kapuze. Er zog sie herunter und verhakte seine Finger in seinen langen, chaotischen Wellen.

Reiju blieb wortlos vor ihm stehen. Vor ihr spielte sich etwas ab, was, das wusste sie ganz genau, nichts mit ihr zu tun hatte. Ace hatte seinem Inneren das rote Tuch gezeigt. Er zerbrach gerade. Fiel in Stücke unter all der Last und der Schuldgefühle.

Sein Gesicht war gequält. Sein gesamter Körper auf höchster Spannung. Noch immer klang sein Atem nach hilflosem Ringen. Ein raues, leises Ächzen entkam seinen Lippen. Es war abgezehrt und hilflos.

Er verlor die Kontrolle. Die Kontrolle über seinen Körper, sein Leben und seine Emotionen.

Vorsichtig kniete Reiju sich zu ihm. Sie streckte ihre Hand aus, doch sie grämte sich ihn zu berühren. Sie hatte Angst er würde einfach so zerbrechen. Unter ihrer Hand einfach dahin gehen. Doch sie wagte es.

Reijus Wärme durchbrach für Ace einen kurzen Moment das Muster des Schmerzes. Er umfasste einen ihrer Finger mit einem von seinen. Die Berührung durchzog ihn so zart und tröstlich.

"Ace... ruhig", hauchte Reiju. Es war wie ein warmer Strom, der ihn erreichte.

Zitternd atmete er tief ein. Zitternd atmete er wieder aus. Doch er atmete und nur das zählte.

Reiju spürte wie seine Hand sich unter ihrer entkrampfte. Langsam nahmen Beide wieder ihre gesunde Farbe an.

Sie rückte ihm etwas näher und strich ihm mit ihrer anderen Hand über die Stirn. Er schwitzte so sehr. Doch durch all den Schmerz spürte er ihre zaghaften Finger an seiner Haut und wurde plötzlich daran erinnert, wieso er eigentlich hier war. Wieso er atmete und lebte. Es war eine so unglaublich sanfte Berührung.

"Reiju." Endlich konnte er etwas zwischen seinen angespannten Lippen hervor bringen.

"Reiju", wiederholte er.

"Ganz ruhig", machte sie beruhigend und legte ihre beiden Hände um seinen Kopf. Vorsichtig löste sie seine Fingernägel von seiner Kopfhaut. Zog sanft seine Finger aus seinen Haaren und legte sie zu Boden. Dann strich sie ihm das Haar aus seinen Augen.

Mit jeder Berührung, die sie machte, und jedem Wort, das sie sprach, holte sie ihn ein weiteres, kleines Stück aus seiner Panikattacke zurück in die Realität.

"Reiju."

Mit einem Mal brach es aus ihm heraus. Sein Körper entkrampfte sich und er begann zu weinen. Schrecklich zu weinen. Er schluchzte unkontrolliert.

Immer mehr und mehr Tränen fanden ihren Weg auf seine Hände, seine Klamotten und den eiskalten Betonboden.

"Ich kann nicht mehr Reiju."

Seine Stimme war nur ein leises, hilfloses Hauchen. Zwischen all den Tränen kam sie gerade so noch an die Außenwelt. Er schluchzte. Versuchte verzweifelt seinen zitternden Atem unter Kontrolle zu kriegen bevor er weiter sprach, doch es gelang ihm nicht.

"Seiya... studiert, arbeitet und versucht händeringend sein Sozialleben aufrecht zu erhalten." Er atmete tief ein und aus. Sein Blick war konzentriert, doch er ging ins Nichts. "Er hält starr durch doch ich weiß nicht wie lange er das noch aushält. Und Ren... er ist so ein guter Junge. Immer brav, immer still. Immer zu hört er auf mich. So war er früher nicht. Seit unser Vater tot ist, hat er seinen Glanz verloren."

Sein Atem ging immer noch schwer, doch endlich regelmäßiger. Ganz langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Doch seine Tränen wurden nicht weniger.

Sein Schluchzen zerriss die Luft. Es war getränkt von Leid. Es suchte nach Hilfe.

Nachdem Ace eben nichts mehr als Schmerz verspürt hatte, spürte er jetzt den Grund dafür. Er spürte alles. Spürte den Tod seines Vaters. Spürte die damals ersten Nächte ohne ihn im Haus. Spürte Rens Stille. Wie Seiya sich distanzierte, wie er zu arbeiten begann. Wie er verzweifelte.

Er verspürte das gesamte letzte Jahr und das auf einen Schlag.

Es erdrückte ihn. Hielt ihn fest.

"Und du, Ace, bist irgendwo dazwischen", sagte Reiju leise.

Sie starrte ihn an.

"Du versuchst eure Familie zusammenzuhalten. Sie allein zu retten, aber du bist nicht alleine Ace."

Wieder strich sie ihm durchs Haar. Ganz zärtlich, ganz vorsichtig. Sie spürte wie auch ihr plötzlich die Tränen in die Augen schossen. Sie bekam einen Kloß im Hals, doch sie unterdrückte es.

Plötzlich kam es ihr so vor, als hätte sie doch schon so einiges mit ihm durchlebt.

Auch wenn er immer so abweisend und wütend gewesen war... sie sähe ihn jetzt lieber zornig als so. Sein Wille war gebrochen. Ein Requiem für seine Seele, voll Kummer und Selbstvorwürfe. Sie sah die Tränen auf seinem einst doch fröhlichen Gesicht und es war unerträglicher, als wenn es wutverzerrt wäre. Das war sein wahres Gesicht und es brach ihr das Herz.

"Bitte lass dir helfen, Ace. Deine Brüder haben sicher auch was dazu zu sagen. Nimm das nicht nur auf deine Schultern. Bitte."

Sie führte ihre Hand sein Gesicht entlang. Ihre Fingerspitzen strichen über seine Haut bis zu seinem Kinn.

Sanft hob sie seinen Kopf. Er widerstrebte nicht. Er ließ sich von ihrer Berührung führen und landete mit seinen Augen genau in ihren.

Reiju strauchelte. Der Blick, der sie traf war so herzzerreißend und völlig leer. Sie konnte nicht erkennen wie viel von Ace dort noch zu finden war. Er nahm ihr alles, wie es Ace alles genommen hatte.

"Bitte", zitterte sie.

"Bitte", wiederholte sie noch einmal. Diesmal fester. Diesmal fordernder.

Ace aber reagierte nicht.

Er war so müde. Müde von allem. Sein Körper gab nach und er sackte weiter zu Boden. Im Schneidersitz beugte er sich weit über seine Beine. Es war als würde all die Erschöpfung, all die Rastlosigkeit der letzten Monate mit einem Mal auf ihn hereinbrechen. Sein Körper gab nach. Seine Gliedmaßen brannten. Seine Lider wurden schwer.

Was war bei Ace zu Hause passiert. Izaya war die ganze Zeit nicht zu erreichen gewesen und jetzt...

Reiju stand auf. Tief atmete sie ein und wieder aus, erst dann holte sie ihr Handy hervor. Ein verpasster Anruf einer unbekannten Nummer stand auf dem Display. Wieso hatte sie im Gefühl, dass das Seiyas Nummer war. Sie hoffte es so sehr.

"Reiju!?"

Es war tatsächlich Seiya. Seine Stimme war nervös. Aufgebracht sprach er weiter.

"Ist Ace bei dir?"

Reiju warf kurz ihren Blick zurück und betrachtete ihn. Er hatte sich nicht geregt und saß noch immer da, mit tiefen Schultern und gesenktem Kopf.

"Seiya, ich bin erleichtert, dass du anrufst", antwortete sie und gab sich größte Mühe, seine Sorgen nicht noch schlimmer zu machen, indem ihre Stimme zitterte.

"Ace ist bei mir. Wir sind an der großen Kreuzung, kommst du ihn abholen? Er braucht dich."

Seiya blieb kurz still. "Ich komme sofort. Danke, Reiju. Bis gleich."

 

Nach einer Weile hielt neben ihnen ein Auto. Es war Seiyas alter Wagen, der laut zum stehen kam. Es waren nur wenige Minuten gewesen, doch für Ace waren es wie Stunden, die er schweigend auf dem kalten Boden saß und sich nicht regen konnte. Reiju saß neben ihm. Er spürte ihre Hand an seinem Rücken und ihren Blick auf seinem Gesicht.

Er hatte schon erwartet, dass sie ihn holen würde, doch sie hatte seit dem Anruf nichts mehr gesagt.

Seiya stieg aus. Er wusste noch nicht was er jetzt tun sollte und der Anblick seines Bruders machte es ihm nicht leichter. Er näherte sich nicht. Ace saß völlig still, so heimgesucht am Boden und ließ sich von Reiju schützen.

Sofort aber stand Reiju auf, als sie Seiyas Zögern sah. Sie blickte runter zu Ace. Er zwang sich selbst dazu sich mit beiden Händen über sein Gesicht zu reiben und trocknete sie dann an seiner schwarzen Jeans. Dann sah er vorsichtig auf. Sein Blick kreuzte sich mit Seiyas. Es stahl ihm die Sinne. Also griff Reiju ohne groß nachzudenken nach seiner Hand.

"Komm. Du fährst mit Seiya nach Hause, da gehörst du hin", raunte sie sanft.

Sie zog ihn hoch und ließ nicht von ihm ab, bis er seinen sicheren Stand gefunden hatte. Dann führte sie ihn langsam zum Auto, bis er etwas sagte. Er hielt sie zurück und blieb stehen.

"Danke Reiju und.... es tut mir leid."

Er sah auf und wagte es ihr ins Gesicht zu schauen. Endlich sah sie etwas darin, auch wenn es Schmerz war, war es nicht mehr leer. Sie sah darin auch Aufrichtigkeit und Reue.

"Alles Gut", sagte sie und drückte seine Hand. Dann ging sie weiter und ließ ihn erst los, als er vor Seiya zum stehen kam.

Sofort packte sein Bruder ihn bei den Schultern und nahm ihn in den Arm. Heiße Tränen stiegen ihm in die Augen. Was auch immer er jetzt tun musste, er wollte Ace zeigen, dass er geliebt wurde, denn das wurde er.

"Ace", raunte Seiya und spürte endlich wie seine Arme die Berührung erwiderten. Sie legten sich schwach um Seiyas Rücken.

Reiju betrachtete die beiden kurz. Es war ein trauriges, aber auch unglaublich schönes Bild. Sie würde die zwei besser alleine lassen. Sie zog sich ihre Jacke zu und wollte gehen, als Seiya jedoch die Umarmung löste.

"Warte, ich fahre dich nach Hause", sagte er schnell. Reiju drehte sich zurück zu ihm, aber wedelte mit der Hand. "Das brauchst du nicht."

"Bitte." Es war jetzt Ace. Seine Stimme war starr. Sie war noch rau vom ganzen Weinen, doch plötzlich hatte sie ein wenig an Kraft zurück gewonnen.

"Für letztes Mal... lass uns dich nach Hause fahren."

Verwirrt starrte sie ihn an. Sie wusste was er meinte, aber woher kam plötzlich dieser Wille in ihm.

"Okay", sagte sie zögerlich. Unsicher stieg sie mit ihnen ins Auto und ließ sich durch die dunkle Stille nach Hause fahren.

Feedback

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Yukis Profilbild
Yuki Am 14.10.2020 um 19:38 Uhr Mit 14. Kapitel verknüpft
OMG das ist so schön. ♡♡♡
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nagayto (Autor)Am 15.10.2020 um 20:48 Uhr
Danke, danke, danke �
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Yukis Profilbild
Yuki Am 14.10.2020 um 11:45 Uhr
Du hast mich. Ich will unbedingt wissen wie es weiter geht mit Ace, Izaya, Reiju und den anderen.
Bitte lass mich nicjt so lange warten ;-)
nagaytos Profilbild
nagayto (Autor)Am 14.10.2020 um 18:18 Uhr
Vielen vielen Dank, das freut mich zu hören!
Ich gebe mein Bestes :D
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Yukis Profilbild
Yuki Vor 5 Tagen und 22 Minuten Mit 17. Kapitel verknüpft
Sie wird immer spannender, man spürt das kitzeln, die aufgeheitzte Luft. Egal ob sie nun Freunde bleiben oder nicht. So ergriffend, das man immer weiter lesen möchte. ;-)

Autor

nagaytos Profilbild nagayto

Bewertung

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Statistik

Kapitel:17
Sätze:4.301
Wörter:43.024
Zeichen:240.499

Kurzbeschreibung

Die stille Reiju sieht sich eines Tages mit ihrem Mitschüler Ace konfrontiert. Nachdem sie sich darauf nach Beginn des neuen Schuljahres immer wieder in Vorkommnisse mit ihm verwickelt findet, kommen sich die beiden näher. Allerdings hat Ace eine lange Vergangenheit und auch Reijus Leben wird zu dem Zeitpunkt schwer erschüttert. Dennoch können sie nicht voneinander lassen. So fügt sich Reijus eigener Freundeskreis mit dem von Ace zusammen und sie beginnen den Schulalltag, als auch all die anderen Probleme des Lebens, gemeinsam anzugehen. Eine Geschichte, die etwas mehr über die Liebe der Freundschaft, als über die Liebe nur zweier Menschen zueinander geht.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Alltag, Freundschaft und Schmerz & Trost gelistet.