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Doki Doki

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26.03.21 20:32
6 Ab 6 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

"Hey!"

Eine laute, raue Stimme erfüllte den gesamten Schulflur. Sie klang aufgeheizt.

Verwundert horchte er auf und sah sich um. Drama in der Schule war selten, wer konnte das sein?

Als er sich umdrehte sah er ein Mädchen. Er kannte sie nicht wirklich, doch sie war in seiner Stufe. Mit bösem Blick stapfte sie ausgerechnet auf ihn zu.

"Du!", rief sie weiter und erhob ihren Finger. Verwirrt schreckte er auf. Sie meinte wirklich ihn. Fragend blickte er ihr ins düstere Gesicht.

"Ja genau, ich meine dich!"

Sie schritt immer weiter auf ihn zu, bis sie ihm ganz nah war und ihm mit dem Finger ins Gesicht deuten konnte. Leicht ging sie auf ihre Zehenspitzen, doch für Augenhöhe war sie noch immer viel zu klein.

"Ich habe keine Ahnung wie du heißt, aber ich muss mit dir reden."

"Ace", raunte er und sah skeptisch auf sie herunter.

"Reiju", antwortete sie jetzt etwas ruhiger. Sie ließ ihre Fersen wieder zu Boden sinken und löste ihre geballten Fäuste.

"Reiju. Ein harter Name für ein zartes Mädchen wie dich."

Schlagartig verdunkelte sich ihr Blick wieder.

Vielleicht hätte er das nicht sagen sollen.

Ein weitaus härterer Faustschlag, als er bei ihren Armen je vermutet hätte, traf seinen Oberarm.

"Dein kleiner Bruder hat meinen geschlagen!"

Sie schien ihre Rage wieder voll gefunden zu haben.

"Und deshalb haust du jetzt mich?", fragte er und trat zur Sicherheit einen Schritt zurück. Ihr Blick war so düster, irgendwie schüchterte es ihn ein.

"Haben euch eure Eltern denn gar nichts beigebracht?!" Sie erhob wieder ihren Finger und bohrte ihn in seine Brust.

Überfordert zog er die Augenbrauen hoch. Die Schüler um sie herum begannen zu starren und kicherten leise, sie aber schien es gar nicht zu interessieren.

Was hatte er nur getan um das hier zu verdienen. Doch dann musste er lächeln. Er hob seine Arme und verschränkte sie hinter seinem Kopf. Sein Blick ging zur Decke.

"Sorry, aber Ren tut nun mal was er will."

Jetzt klang er selbstbewusst, ihr in die Augen zu blicken traute er sich trotzdem nicht. Reiju hatte sich wieder auf ihre Zehenspitzen erhoben und ballte erneut ihre Fäuste.

Tief atmete er ein und hielt in furchtsamer Erwartung den Atem an. Sein Oberarm pochte noch immer.

Kurz starrte sie ihn weiter an. Dann aber drehte sie sich einfach um und verschwand wieder den Flur runter aus dem sie gekommen war.

Reiju seufzte. Sie hatte sich mal wieder tief in ihren Gedanken verloren, doch Keitas lauter Aufschrei brachte sie schlagartig in die Realität zurück.

"Vergesst nicht die Party heute Abend!", rief er und streckte seinen Arm zwischen die desinteressierten Gesichter.

"Das ist keine Party, Keita", raunte Junko und starrte auf ihr Handy.

"Ich weiß, ich weiß", er zog seinen Arm zurück und schmollte. "Aber lasst mir die Vorstellung, okay?" "Du guckst definitiv zu viele Serien", antwortete Reiju nur und nahm einen Schluck von ihrem Getränk.

Die Sonne strahlte heute so hell, als wäre es schon Sommer. Es war als wollte die gesamte Erde, dass das Turnier ihrer Stufe heute Abend unbedingt stattfinden konnte.

Yuta hatte sich auch genug reingehängt. Die letzte Woche der Ferien hatte er allen in den Ohren gehangen, dass sie unbedingt kommen sollten. Der Zusammenhalt der Stufe müsse unbedingt gestärkt werden oder sowas in der Art.

"Ich weiß du hast keine Lust drauf", begann Suru plötzlich und stieß sie sanft in die Seite.

"Aber es wird lustig. Wir haben nur noch zwei Jahre auf der Schule vor uns, ich denke wir sollten sie so gut es geht genießen."

Reiju verzog das Gesicht. "Müssen wir gehen?", fragte sie gequält. Es war nicht so, dass sie nicht gern etwas unternahm, nur unternahm sie nicht so gern etwas unter so vielen.

"Wir werden gehen!", rief Keita wieder und erhob sich von seinem Stuhl. Seine Faust auf dem Tisch ließ alle Gläser springen.

"Ja wir gehen. Jetzt setz dich wieder." Junko griff ihn am Arm und zog ihn zurück auf seinen Platz. "Wir sind hier immer noch in der Öffentlichkeit."

"Sorry, aber Reiju muss überzeugt werden", antwortete Keita schnell und blickte sie an.

Reiju wusste, wenn sie seinen Blick jetzt entgegnen würde, würde sie sofort ja sagen. Sie konnte den dreien einfach nichts ausschlagen, so war es schon immer gewesen.

"Okay", sagte sie also ohne ihre Augen von ihrem Glas zu lösen.

"Ja!"

Suru musste lachen. "Richtige Entscheidung, Reiju."

 

"Da vorne ist es", sagte Suru und ging ruhigen Schrittes voran. Das Turnier sollte auf einer großen Wiese in der Nähe der Schule stattfinden. Aus der Ferne konnte Reiju schon ein paar Menschen erblicken.

Es war angenehm warm, viel wärmer als sie erwartet hatte, was ihre Stimmung etwas hob.

Junko ging stumm neben ihr. Von der anderen Seite ließ sie sich von Keitas Worten berieseln.

"Ich habe gehört sie wollen Fußball spielen. Yuta hat tatsächlich vier Teams zusammen bekommen. Das wird der Wahnsinn. Und zu unserem Glück ist es trotz Abendsonne noch immer warm."

"Warum spielst du eigentlich nicht mit?", fragte Junko. "Weil du nicht mitspielst um mich herauszufordern." Sie lachte und blickte ihm über Reiju hinweg entgegen. "Nur um dich nicht vor der ganzen Stufe zum weinen zu bringen."

"Na hör mal-"

Reiju schaltete ab, als Keita sich jetzt auf Junko stürtzte und sie mit Hilfe seines gesamten Körpers in den Schwitzkasten nahm.

Als sie ankamen, waren schon recht viele da. Yuta stand mitten auf der Wiese und lachte laut. Er schien entspannt, alles war wohl nach Plan verlaufen.

"Hier trinkt!"

Hanami, ein Mädchen aus ihrer Parallelklasse, drückte ihr und Suru einen Becher in die Hand. Reiju ließ ihren Blick auf den Inhalt sinken. Es war eisgekühlte Cola.

Erst dann fiel ihr auf wie sie sie alle gedanklich noch immer in Klassen einteilte, dabei würden sie in ein paar Tagen alle neu durchgemischt werden.

Es machte Reiju nervös, seit sie es wusste. Das erste Jahr auf der Highschool waren sie alle vier in einer Klasse gewesen. Es hatte sich wie Schicksal angefühlt, doch diesmal hatte sie ein schlechtes Gefühl.

"Nehmt euch auch was zu Essen. Die Zuschauerplätze sind da hinten", erklärte Hanami weiter, doch Reiju hörte nicht mehr zu.

Immer wieder aufs neue schätzte sie, dass Suru für sie alle vier so aufmerksam war.

Keita bediente sich ausgiebig am Buffet, während Junko versuchte ihn an seiner Kapuze zerrend in Schach zu halten. Reiju stand weiter still neben Suru. Er hatte gerade ein Gespräch mit Hanami angefangen.

"Ja, ich helfe Yuta. Wir haben die ganze Organisation zusammen gemacht." Sie lachte und strich sich durchs Haar. Es war blond. Vor den Ferien war es das noch nicht gewesen.

"Hey Reiju!", erhob sie plötzlich ihre Stimme. "Hm?", machte sie verwirrt und sah endlich von Hanamis Haaren ab. "Wie immer nicht ganz da", Hanami lachte wieder. "Wie deine Ferien so waren hab ich nur gefragt." "Oh. Gut, danke. Und deine?" Sie nickte. "Meine auch."

"Du hast deine Haare gefärbt", sprach Reiju dann aus. Sofort kassierte sie einen Seitenschlag von Suru. "Hey", raunte er leise. Hanami stockte in ihrem Gesichtsausdruck.

Beschämt fasste sie sich in ihre Haarlängen. "Ja..." "Steht dir", antwortete Suru schnell und Reiju nickte, weil sie wusste, dass er es von ihr verlangen würde. Sofort strahlte Hanami wieder auf. "Danke!"

"Alles klar, Leute! Wir beginnen gleich", rief Yuta plötzlich und löste die unangenehme Stille.

"Kommt." Suru fasste Keita und Junko am Arm und ging zu den Zuschauerplätzen. Er wusste, dass Reiju ihm ohnehin folgen würde, also zog er an ihr vorbei, um die anderen zwei unter Kontrolle zu bekommen. Sie folgte ihm langsamen Schrittes und blickte in den Himmel. Die Sonne ging gerade unter und färbte ihn in kräftigem rot.

Da tauchte Keita urplötzlich neben ihr auf und sprach ihr direkt ins Ohr. "Sieh nur wer da ist!"

Aufgeschreckt zuckte sie zusammen. "Keita...", fluchte sie, aber sah dann auf.

Ace rannte in kurzer Hose und Shirt über das abgesteckte Feld.

Reiju nickte. "Das hab ich ja völlig vergessen..." Aufmunternd schlug Keita ihr auf den Rücken. "Er sicher auch", sagte er, doch sein Lachen strahlte mehr als nur Sarkasmus aus. Seit sie Ace kurz vor den Ferien so angefahren war, zogen ihre Freunde sie immer wieder damit auf.

"Kommt ihr? Es beginnt", rief Junko dann und Reiju war all zu froh nicht weiter darüber nachdenken zu müssen. Die beiden nickten und gesellten sich zu ihren Freunden in das kühle Gras.

Der Abend verging schnell, es wurde dunkler und kälter und irgendwann waren sie doch froh, dass endlich die Finalisten bestimmt worden waren.

Die Zuschauer als auch die Spieler hatten sich inzwischen über die gesamte Wiese verteilt. Jeder saß nun dort wo er wollte, nur Reiju und ihre Freunde waren als Einzige noch da, wo sie am Anfang schon gesessen hatten. Etwas Abseits vom Spielfeld, aber mit einem guten Blick auf alles.

"Yuta ist im Finale", jubelte Keita. "Das hat er sich verdient." Junko nickte und betrachtete die zwei Teams.

"Hey, ist das nicht-" "Ja", Reiju unterbrach sie sofort. Junko hatte mit einem schnellen Nicken auf Ace gedeutet und ihr Grinsen dabei gefiel ihr gar nicht.

"Ace und sein bester Freund Izaya sind also auch im Finale", erklärte Suru, schenkte Reiju zu ihren Glück aber keinen Blick.

"Wusstet ihr, dass Ace und seine Brüder ganz alleine wohnen?", fragte er plötzlich.

Er hatte die Beine angezogen und stützte sein Kinn auf die Knie.

"Was, wieso das denn?", fragte Keita sofort und sah ihn verwundert an. Auch Junko und Reiju ließen ihren Blick jetzt von den Vorbereitungen für das Finale ab und blickten zu ihm rüber.

"Okay, vielleicht habe ich vor kurzem ein paar Infos aufgeschnappt", begann er dann und hob sein Kinn. "Es hat sich herausgestellt, dass meine Schwester in der Uni echt gut mit Ace großem Bruder befreundet ist." "Wow echt?", machte Junko.

Suru nickte. "Sie hat mir ein wenig erzählt. Aber ihr müsst das bloß für euch behalten! Ich will es Ace nicht unangenehm machen." Er blickte jeden kurz an, obwohl er eigentlich wusste, dass er ihnen vertrauen konnte.

Die Sonne war schon gänzlich untergegangen und nur das Spielfeld war beleuchtet mit Lampen. In der Düsternis erkannte er ihr nicken.

"Ace Vater ist vor circa einem Jahr gestorben. Was mit seiner Mutter ist weiß ich gar nicht. Seitdem wohnen die drei allein in ihrem Haus."

"Das ist ja richtig traurig." Keita klang bedrückt. Sein Blick fiel wieder aufs Spielfeld, wo das Finale gerade angepfiffen wurde. Junko nickte. "Wow, bei Ace hätte ich das niemals erwartet. Er wirkt irgendwie immer so... ausgelassen" Suru seufzte "Mich hat es auch gewundert."

Die Worte ihrer Freunde verschwammen für Reiju ins Unerkennbare. Sie sah rüber zu Ace.

Er hatte seine langen schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden und anscheinend ein neues Shirt angezogen, welches dennoch völlig durchgeschwitzt war. Er rannte und lachte dabei. Es klang heiter.

"Hey Reiju, alles gut?", fragte Junko nach einer Weile. Sie war selbst für sie ziemlich lange weggetreten gewesen und hatte leer auf das Feld gestarrt. Als sie jetzt zu sich kam zog sie sich ihre Kapuze weit über die Augen. "Mir... mir ist da gerade nur etwas eingefallen", hauchte sie. Jeder sah sie an und wartete darauf, dass sie weiter sprach.

Sie seufzte. "Als ich ihn vor den Ferien zur Rede gestellt habe, habe ich ihn gefragt ob ihnen ihre Eltern keine Manieren beibringen..." Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und stöhnte leise. "Jetzt fühle ich mich schlecht."

Kurz wurde es still, als Reiju in der Position verharrte.

"Aber das hat doch überhaupt nichts damit zu tun. Du konntest es doch auch gar nicht wissen", beruhigte Suru sie. "Ihr kennt euch überhaupt nicht", begann dann auch Junko und streckte ihren Arm nach ihr aus. "Ace hat es sich sicher nicht zu Herzen genommen." Reiju zögerte. Mit Schmollmund sah sie wieder hoch und nahm ihre Hand entgegen. Junko drückte sie und deutete aufs Spielfeld. "Ace scheint es doch gut zu gehen oder."

Keita lächelte und lehnte sich zu ihr rüber. "Mach dir keinen Kopf. Sieh doch, seine Mannschaft gewinnt!"

Gegen Mitternacht kam Reiju wieder zu Hause an.

Vorsichtig öffnete sie die Tür. Es war stockdunkel, sie sah ihre eigene Hand vor Augen nicht, doch an Licht konnte sie nicht denken. Es würde das ganze Haus aufwecken.

So leise wie möglich ließ sie die Tür wieder ins Schloss fallen. Sie zog sich die Schuhe aus und überwand erfolgreich die Stufe am Eingang. Doch als sie auf die Treppe zusteuerte blieb ihr beinahe das Herz stehen. Schnell schlug sie sich die Hände vor den Mund, um nicht laut loszuschreien.

"Kisumi!", flüsterte sie aufgebracht. Ihr kleiner Bruder saß im Dunkeln auf der letzten Treppenstufe und starrte sie an. "Was zur Hölle tust du hier?!"

"In dem gemütlichen Outfit warst du auf der Party?", fragte er matt. Reiju trat auf ihn zu und schnippte ihm gegen die Stirn. "Du bist 13, du hast da nichts zu sagen. Außerdem war das keine Party." Er ließ seinen eindringlichen Blick nicht von ihr ab. Durch die Dunkelheit hindurch konnte Reiju erkennen, dass irgendwas in seinen Augen nicht stimmte. Sie seufzte stumm.

"Wieso sitzt du hier?"

Jetzt sah Kisumi weg. Er zog seine Beine an und entwich ihrem Blick. "Ich hab auf dich gewartet", raunte er. Er klang unsicher, ganz ungewohnt.

Reiju streckte ihren Arm nach ihm aus und strich ihm durch das schwarze Haar. Ihr kleiner Bruder war noch nie so gewesen, so kleinmütig.

"Wieso?", fragte sie dann und setzte sich zu ihm. Sie betrachtete ihn von der Seite, doch er hatte sein Gesicht abgewandt.

"Ich...", begann er und seine Stimme zitterte plötzlich. Ein schweres Atmen entwich seiner Kehle. Reiju war total perplex. Was konnte ihren kleinen Bruder so aus der Fassung bringen? Vorsichtig fasst sie ihm an die Schulter und nahm ihn in den Arm.

Er entgegnete es gierig und schmiegte sich an ihre Brust. "Reiju", murmelte er. "Was ist passiert?", fragte sie sanft und drückte ihn so lange, bis ihr Bruder endlich zu sprechen begann.

 

Als am Montag der erste Schultag anbrach, konnte Reiju an nichts anderes denken als daran, dass es auch der Tag der Trennung war.

Unmotiviert setzte sie einen Fuß vor den anderen. Suru wartete am Ende der Straße sicher schon auf sie, aber sie konnte sich nicht aufraffen schneller zu gehen.

Vorgestern Nacht war ihr noch immer im Gedächtnis geblieben. Kisumi war so verletzt gewesen und sie dann irgendwie auch. Sie konnte es nicht glauben.

"Reiju", sagte Suru und lächelte. "Du bist spät dran." Reiju nickte nur und ging einfach weiter. Suru folgte ihr wortlos. "Ja, entschuldige", sagte sie dann. Kurz starrte sie einfach nur zu Boden. "Ist was nicht in Ordnung?", fragte er und lehnte sich etwas vor, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Reiju aber biss sich auf die Unterlippe. Immer fester, bis sie endlich aufsah und wild den Kopf schüttelte . "Nein, überhaupt nicht." Innerlich seufzte sie schwer. Es war der erste Schultag. Sie musste sich mit wichtigeren Dingen herumschlagen als das.

Suru starrte sie noch einen Moment weiter an, entschied dann aber es fürs Erste einfach dabei zu belassen.

"Bist du nervös?", fragte er also. Reiju nickte. Ja irgendwie war sie es. Diese blöden Plakate am schwarzen Brett würden ein ganzes Jahr ihres Lebens festlegen. Ein paar Namen untereinander, die ihren umgaben, hatten so viel zu bedeuten. Sie hatte keine Lust sich mit neuen Leuten anzufreunden. Sie wollte ihre drei und das war es.

Suru wunderte sich schon gar nicht mehr, wenn Reiju einfach nicht antwortete. Er wusste, dass sie in den Momenten stumm ihren eigenen Gedanken nachging. Also schloss er sich jedes mal an und blieb ebenfalls still, um sie nicht zu stören. Manchmal jedoch fragte er sich schon was in ihrem Kopf wohl so vorging. Er kannte sie jetzt schon seit der Mittelschule und seither hatte sie schon so einige Gedanken vor ihm verborgen.

"Alle sammeln sich schon vor den Aushängen", bemerkte Suru, als sie am Schultor ankamen. "Los, lass uns nachsehen." Er packte sie am Handgelenk, weil er wusste, sie würde es sonst ewig hinauszögern und zerrte sie zur Menschenmenge. Er suchte ihren Namen zuerst.

"Und?", fragte sie nach einer Weile. Suru war größer als sie und würde leicht über die Leute hinwegsehen können. "Du bist in Klasse 2-3", antwortete er.

"Und du?"

Suru ließ endlich ihr Handgelenk los und drehte sich zu ihr. "2-1." "Mhm", machte sie nur und verschränkte die Arme. "Mit wem so?", fragte sie dann tonlos. "Mit niemandem von uns. Aber mit dir in der Klasse ist Keita."

Reiju atmete erleichtert aus. Sie löste ihre Arme von ihrem Körper und sah sich kurz um.

"Tut mir leid für dich", raunte sie dann, doch Suru lachte. "Keine Sorge, ich komm schon klar."

Das stimmte. Suru war wirklich begabt darin neue Kontakte zu knüpfen. Er war offen und herzlich und hatte einen ganz eigenen Charme. "Ja, das glaub ich", sagte Reiju und lächelte. "Jetzt muss ich nur Keita finden." "Der wird sicher zu spät sein, wie immer eben. Ich schreib ihm zur Sicherheit mal, wo er hin muss." Reiju nickte und folgte Suru dann ins Schulgebäude.

Es war so unendlich ungewohnt zu wissen, dass sie sich gleich, wenn das neue Schuljahr beginnen würde, nicht einfach neben ihn setzen konnte. Sie würde Suru an ihrer Seite vermissen und dass Keita wie immer zu spät war machte ihr die Sache nicht leichter.

Mit Suru gemeinsam betrat sie jetzt die Sporthalle für die Willkommenszeremonie, doch verlassen tat sie sie allein. Unter all ihren neuen Klassenkameraden hatte sie Keita nicht finden können und auch nach einigen Minuten des Warten war er ihr nicht unter die Augen gekommen, weshalb sie sich jetzt auch allein durch die Schulflure begab und ihr neues Klassenzimmer suchte.

Reiju seufzte, bevor sie die Kraft aufwendete an die Türklinke zu fassen und den neuen Raum das aller erste Mal zu betreten. Wie sie sich bereits gedacht hatte waren so einige schon da, also suchte sie sich den erstbesten freien Platz und setzte sich.

Sie kannte jedes Gesicht der Anwesenden, doch kaum Namen. Sicher hatte sie schon mit jedem hier einmal geredet. Wenn sie angesprochen wurde, unterhielt sie sich auch, aber aus eigenem Willen erhielt sie keine der Kontakte. Sie redete nicht gern über belangloses, weshalb die Leute schnell die Lust an ihr verloren. Stören tat das Reiju jedoch nie.

Sie packte gemächlich ihre Schulsachen aus und schaute dann auf ihr Handy. Keita hatte ihr geschrieben. Er hatte bei der Zeremonie ganz hinten gestanden und beeile sich nun zum Klassenzimmer zu kommen. "Ja, ja", antwortete sie nur, aber nahm es ihm nicht wirklich übel. So war Keita nun mal.

Vertieft in ihren Chat mit ihm, schreckte sie auf, als sich plötzlich jemand an den Tisch neben ihr setzte. Der Stuhl kratzte lautstark über den Boden, als er ihn zurück schob.

"Entschuldige", sagte er, als er im Augenwinkel sah wie sie zusammen zuckte. Als er jedoch erkannte wer es war, der auf dem Stuhl neben ihm saß, zog er die Augenbrauen hoch und setzte sich stumm nieder.

Auch Reiju hatte Ace erst auf den zweiten Blick wahrgenommen. Er trug sein Haar heute das erste mal offen, zumindest sah sie es so das erste mal. Sie war alles andere als scharf auf ein Gespräch mit ihm, also wandte sie sich nach einem kurzen Blick, genau wie er auch, einfach ab.

Irgendwie war sie noch immer wütend auf ihn. Kisumi hatte wegen seinem Bruder noch immer eine Narbe an der Lippe und Ace Bruder schien nicht mal den Anschein zu machen sich entschuldigen zu wollen. Doch dann fiel ihr wieder ein was Suru ihnen vorgestern erzählt hatte. Vielleicht sollte sie sich ja doch entschuldigen. Im Endeffekt war es sowieso Kisumis Angelegenheit und nicht ihre eigene, oder?

In der Mittagspause kam Keita auf sie zu, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihr an den Tisch. Weil er wie angekündigt nur ganz knapp noch pünktlich gewesen war, hatte er nur noch einen Platz weit entfernt von ihr und nahe der Tafel bekommen.

"Entschuldige nochmal wegen heute morgen", sagte er und packte sein Essen aus.

"Kein Problem", antwortet Reiju. Sie starrte auf ihr Anpan und nahm dann einen Bissen.

"Jetzt haben wir nicht einmal mehr Plätze in der Nähe voneinander bekommen“, beteuerte er und begann zu Essen. „Und dazu sitzt du jetzt neben Ace.“ „Ja und es ist irgendwie unangenehm." Keita grinste. „Ach was.“

Reiju hörte ein paar Stimmen auf dem Flur und konnte die von Ace heraushören. Schuld und Abneigung mischten sich in ihr und verwirrten sie.

"Ich glaube ich entschuldige mich später bei ihm", sagte sie dann. Keita sah von seinem Essen auf. "Sicher, dass das eine gute Idee ist? Suru sagte wir sollen es für uns behalten." "Doch nicht speziell dafür", sagte sie und runzelte die Stirn. "Für die Sache im Gesamten." "Oh. Ich glaube aber nicht, dass das nötig ist. Wir machen zwar ab und an unsere Scherze darüber, aber eine wirklich große Sache war es jetzt nicht. Immerhin weiß du auch immer noch nicht was zwischen Kisumi und seinem Bruder eigentlich vorgefallen ist. Vielleicht hatte Ace es ja verdient."

Reiju zögerte mit ihrer Antwort. "Schon, aber... ich habe im Gefühl, dass ich es tun sollte."

Für einen Moment musterte er sie eindringlich, doch er vertraute ihrem Bauchgefühl. "Dann tu es."

Reiju nickte und biss wieder in ihr Gebäck. Ob es eine gute Idee war konnte sie zwar nicht eindeutig sagen, doch die Sache war für sie beschlossen.

Nach dem Unterricht fing sie ihn auf dem Schulflur ab.

"Hey, Ace?", fragte sie und fasste ihn kurz an die Schulter. Es war ein eigenartiges Gefühl, doch jetzt war es zu spät, um noch zu kneifen. Verwirrt drehte er sich um.

"Reiju. Was willst du wieder von mir?"

Sein Ton war seltsam genervt, doch sie entschloss sich es fürs Erste einfach zu ignorieren.

"Kann ich dich kurz sprechen?"

Er zuckte mit den Schultern und trat mit ihr einen Schritt zur Seite. "Was gibt es?", fragte er.

Er sah irgendwie ziemlich müde aus. Doch bevor sie sich wieder verlieren konnte, begann sie lieber schnell zu sprechen.

"Ich wollte mich nur für die eine Sache entschuldigen. Die vor den Ferien", sagte sie gerade heraus und beobachtete seine Mimik, doch er nickte nur.

"Alles klar, danke."

Sie sah ihn weiter an und erwartete irgendwie mehr. Konnte das ernsthaft alles sein?

"Dein Bruder... hat sich dennoch nicht entschuldigt weißt du", hing sie also noch hinten dran und wusste nicht, ob sie es bereuen sollte. "Tut mir leid Reiju, aber das ist wirklich nicht mein Problem."

Er wollte sich umdrehen und gehen, aber sie hielt ihn zurück. "Warte gefäll-"

Ihr lauter Klingelton unterbrach sie. Verwirrt hörte sie sofort auf zu reden und kramte ihr Handy aus ihrer Tasche. Sie wurde nie angerufen. Nicht mal von ihren Eltern.

Dennoch zeigte das Display die Nummer ihrer Mutter. Etwas besorgt ging sie ran, ohne aber Ace Arm loszulassen.

"Was ist los?", fragte sie. Ihre Mutter klang seltsam nervös. "Reiju, Liebling", begann sie und machte eine kurze Pause. "Kommst du heute nach der Schule bitte sofort nach Hause? Dein Vater und ich, wir müssen mit dir und Kisumi sprechen."

Ace wehrte sich nicht mehr gegen Reijus Hand. Er betrachtete ihren Gesichtsausdruck und merkte nicht einmal wie ihr Griff sich löste. Ihr Mund verkrampfte sich, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

Reiju legte auf und starrte ins Leere. Sie sagte nichts mehr, nicht mal ihren Satz führte sie zu Ende. Es ist also wirklich wahr, schoss ihr durch den Kopf und lähmte ihren gesamten Körper.

"Hey Reiju...", sagte Ace plötzlich und trat näher an sich heran. "Alles okay?"

Auf einen Schlag kam sie wieder zu sich und starrte Ace in sein viel zu nahes Gesicht.

"Natürlich", sagte sie und trat zurück. Sie schenkte ihm einen düsteren Blick und verschwand schnell zum Ausgang.

Das Ticken der Uhr im Wohnzimmer war Reiju noch nie so laut erschienen. Noch nie so bedrohlich.

Ticktack. Immer wieder, unaufhörlich drang es in ihren Kopf.

"Wo bleibt Papa denn?", fragte sie.

Kisumi hatte schon vor einer Weile vorsichtig nach ihrer Hand gegriffen. Ganz sanft hatte er sie angestupst und Reiju hatte sie sofort genommen und fest gedrückt.

Sie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, neben ihrem kleinen Bruder, und starrte ihre Mutter an. Heftig wippte diese mit dem Fuß.

"Er müsste gleich kommen."

Ihre Mutter blickte auf die Uhr und schien sich ein nervöses Seufzen nicht unterdrücken zu können.

Kisumi biss sich auf die Unterlippe.

Da hörten sie das Schloss der Haustür.

"Entschuldigt. Ich bin spät dran", sagte ihr Vater und zog sich schnell die Schuhe aus. Als er in das Wohnzimmer trat, sah er aus wie immer. Sein Anzug saß perfekt, genau wie seine kurzen, gemachten Haare.

Er betrachtete seine beiden Kinder kurz und lächelte, doch keines der beiden erwiderte es. Dann setzte er sich zu seiner Frau auf das gegenüberliegende Sofa.

Es blieb still. Niemand wagte es den Anfang zu machen.

"Jetzt sagt schon, was ihr sagen wolltet", raunte Reiju. Ihr harter Ton überraschte sie. Sie hatte noch nie so mit ihren Eltern gesprochen, doch jetzt gerade war sie zu nichts anderem in der Lage.

Ihre Mutter seufzte tief. Es schien sich unendlich lang zu ziehen.

"Kisumi hat uns von dem Brief erzählt, den er in Papas Büro gefunden hat. Ich weiß nicht was er da noch zu suchen hatte, doch zuallererst will ich... wollen wir sagen, dass es uns leid tut." Reijus Vater nickte. Wenigstens scheute er sich nicht seinen Kindern in die Augen zu blicken.

"In dem Brief stand, Vater hätte uns vor sieben Jahren verlassen", raunte Reiju. Kisumi hatte es ihr in allen Einzelheiten erzählt.

Er war in dem Büro ihres Vaters auf der Suche nach Unterlagen für einen Familienstammbaum gewesen. Er hatte nur für ein Schulprojekt recherchieren wollen, doch stattdessen fand er einen Brief ihrer Mutter. 'Bitte komm zurück.' 'Deine Kinder brauchen dich.' 'Ich werde dir verzeihen, wenn du nur wiederkommst.'

Reiju konnte sich an das Jahr in dem es passiert war nur vage erinnern. Ihr Vater war monatelang weg gewesen und ihre Mutter hatte erzählt er wäre für ein Arbeitsprojekt in einem anderen Land. Ein ganzes halbes Jahr! Wie lächerlich.

Reiju hatte so lange einfach nicht daran gedacht, es verdrängt. Wenn sie jetzt aber zurück blickte, dachte sie nur, dass es ihr doch hätte klar sein müssen. Sie hatte doch merken müssen, dass etwas nicht stimmte. Fest biss sie ihre Zähne zusammen.

"Ja, was in dem Brief steht stimmt."

Ihr Vater sprach ganz ruhig. Das tat er immer. Seine Stimme hatte etwas unglaublich sanftes an sich und doch rissen seine Worte Reiju jetzt das Herz aus.

Er war damals wieder gekommen und gewesen wie immer. Offen, sanft und liebenswürdig. Was für ein Schauspiel.

"Reiju, Kisumi. Es tut mir unendlich leid. Leid auch nur daran gedacht zu haben, diese Familie zu verlassen."

Das erste mal traute Reiju sich ihm in das Gesicht zu blicken. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen und sah furchtbar traurig aus, doch das war sie auch.

"Zu der Zeit… es ging mir nicht gut. Ich werde ehrlich mit euch sein, es war eine schwierige Phase für mich und wegzugehen entschied ich aus einem Impuls heraus", begann er weiter und konnte den Blick in Reijus Augen nicht mehr halten. Er faltete seine Hände und starrte auf sie herunter.

"Doch als ich dann fort war, in einer anderen Stadt… war ich völlig allein. Ich hatte kein gutes Leben und egal was ich getan hab, ich habe euch vermisst." Reijus Mutter legte ihren Arm um ihn und strich ihm sanft über den Rücken.

"Reiju, Kisumi.“ Sie ergriff wieder das Wort. „Ich verstehe, dass ihr verletzt seid. Das war ich auch, monatelang. Aber euer Vater und ich haben uns als er zurück war viel unterhalten, über Dinge die euch niemals erreichen sollten. Er war bitter ehrlich zu mir und deshalb habe ich ihm verziehen."

Ihre Mutter betrachtete ihre zwei Kinder. Wie Kisumis Hand sich krampfhaft um Reijus legte und sein Blick gesenkt war. Die Distanz in Reijus Augen und die Argwohn.

"Was kann ich tun..." Ihr Vater blickte wieder auf. Der Blick seiner Tochter traf ihn wie ein Schlag, doch was hatte er anderes erwarten dürfen.

"Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?"

"Wieso habt ihr es nie erzählt?", fragte Kisumi plötzlich. Seine Stimme klang so klein. Reiju brach es das Herz. Sie rückte näher an ihn heran und legte ihre zweite Hand auf seinen Oberschenkel. Sein Blick ging immer noch zu Boden. Sein langer Pony bedeckte seine Augen.

"Wir wollten euch nicht weh tun", antwortete ihre Mutter sofort. "Es tut mir... unendlich leid", raunte Reijus Vater hinterher.

"Danke für eure Ehrlichkeit", sagte Reiju dann, nachdem sie wieder eine gefühlte Ewigkeit geschwiegen hatten.

Kisumi hatte immer zu ihrem Vater aufgesehen, er hatte immer wie er sein wollen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was in seinem kleinen Kopf gerade vorgehen musste. Es fühlte sich an wie eine Abwertung, wie ungewollt. Ihr Vater hatte sie betrogen.

Da löste Kisumi seine Hand um ihre und stand auf.

"Es ist vier Uhr. Nach den Regeln darf ich noch raus oder?", fragte er und sah seiner Mutter stur in die Augen. Völlig überfordert entgegnete sie seinen Blick.

"Äh ja.. ja schon, aber wäre es nicht besser-"

Er ließ sie nicht aussprechen. Er hatte sich bereits seine Jacke und seine Schuhe gepackt und riss die Tür auf. Dann war er weg.

Ihr Vater sprang sofort hinterher. "Kisumi!", rief er, aber Reiju fasste ihn am Arm. "Lass es."

Sie sprach gleichgestellt mit ihm, völlig ohne Formalien und ihr Vater nahm es hin.

"Ich gehe selbst", sagte sie dann und zog sich ebenfalls ihre Schuhe an. "Vielleicht solltest du uns eine Weile Zeit geben... Papa."

Mit den Worten verließ auch sie das Haus.

Als sie nach Draußen trat, konnte sie ihren Bruder nicht mehr entdeckten.

Scharf dachte sie nach. Er konnte nicht weit gekommen sein, aber wohin würde er gehen. Welchen Ort würde er in solch einer Situation aufsuchen. Welchen Freund würde er um Hilfe bitten.

Ihr Kopf war leer und ihre Gedanken haltlos. Also wählte sie einfach eine Richtung und ging los.

Schnell aber begann sie zu rennen. Sie wusste Kisumi konnte auf sich selbst aufpassen, aber in so einer Situation sollte er nicht alleine sein. Wieso war er überhaupt gegangen? Ihr wurde mit einem mal klar, dass sie ihren kleinen Bruder überhaupt nicht mehr kannte.

Sie war bis zur Hauptstraße gerannt, doch es gab absolut kein Zeichen von ihm. Schwer atmete sie ein und aus. Es war noch ziemlich hell, ihm würde es gut gehen.

Sie hielt inne. Dann kramte sie ohne nachzudenken ihr Handy hervor.

"Suru?", fragte sie, immer noch völlig außer Puste. Sie hatte ihn angerufen... hatte sie ihn je angerufen?

"Reiju. Das ist ja wirklich selten. Was ist los? Ist alles gut?", fragte er. Er klang beschäftigt. Im Hintergrund hörte sie Menschen sprechen.

"Ähm... hast du kurz Zeit?", fragte sie. Eigentlich wusste sie nicht mal was sie von ihm wollte. Sie brauchte gerade nur jemanden. "Ja klar. Was gibt es?"

Die Stimmen um ihn herum wurden leiser.

"Kisumi ist weggelaufen. Es ist etwas passiert und ich kann ihn nicht finden."

"Was?" Suru klang sofort hellwach. Seine Stimme wurde lauter. "Was ist passiert? Wo bist du? Ich komme sofort!" Die Geräusche um ihn herum wurden wieder lauter und er schien sich tatsächlich auf den Weg machen zu wollen.

"Suru nein!", sagte sie schnell. "Nein das musst du nicht. Ich... ich bin wieder auf dem Weg nach Hause." Er stockte. "Aber Kisumi."

Reiju seufzte in den Hörer. "Der kommt schon wieder. Tut mir leid Suru, ich wollte dich nicht aufregen."

"Reiju, ist wirklich alles gut?", fragte er dann ruhiger. Dass sie angerufen hatte, sorgte ihn am meisten. "Ja, einigermaßen zumindest. Ich erzähle es dir Morgen, okay?" "Alles klar." Er legte nicht auf. Kurz darauf tat sie es.

Reiju atmete ein letztes Mal tief ein und wieder aus. Dann machte sie wirklich kehrt und schritt den Weg zurück, den sie gelaufen war. Sie wusste nicht, was ihr sonst noch übrig blieb.

Als sie zu Hause ankam wartete ihre Mutter schon auf sie.

"Hast du ihn gefunden?", fragte sie sofort. "Nein", antwortete Reiju nur und ging an ihr vorbei. "Ich gehe in einer Stunde noch mal los."

Sie betrat die Treppe und ging hoch in ihr Zimmer. Erschöpft ließ sie sich auf ihr Bett fallen und versuchte krampfhaft darüber nachzudenken wo Kisumi sein könnte. Wann hatten sie bloß aufgehört sich alles zu erzählen. Wann hatte sie aufgehört ihm jeden Tag zuzuhören, wann jeden Abend in seinem Zimmer zu verbringen, bis er sie wütend rausschmiss. Vielleicht war es für das Erste ja auch ganz gut, dass ihr nichts einfiel. Wenn er allein sein wollte, sollte er das auch sein können. Sie wollte er sicher auch nicht sehen.

Nach einer Weile aber ging sie wieder los. Vielleicht war ihr in dieser Zeit tatsächlich ein Ort eingefallen und sie wollte dort unbedingt nachsehen. Sie stürmte die Treppe herunter und zog sich erneut an.

"Bin gleich wieder da", rief sie aus Gewohnheit und lief diesmal direkt Richtung Park. Langsam fing es schon zu dämmern an.

Er musste einfach dort sein, bitte sei dort, sagte sie zu sich selbst. Doch da stieß sie plötzlich auf Widerstand.

Mit voller Geschwindigkeit prallte sie gedankenverloren in einen Menschen, der sie schnell hielt bevor sie zu Boden ging.

"Ace!", rief sie und entzog sich sofort seinem Griff. Sie ging einige Schritte zurück und betrachtete ihn. Sie wollte, ohne ein weiteres Wort zu sagen, an ihm vorbei und gehen, doch er hielt sie am Handgelenk bei sich. "Warte", raunte er.

Reiju sah ihn erzürnt an. Als er nicht den Anschein machte sie los zu lassen, begann sie um sich zu schlagen. "Was fällt dir bloß ein? Lass mich los!", rief sie und zerrte an ihrem Arm. Sie musste Kisumi endlich finden.

"Jetzt hör doch zu, verdammt!", sagte er. Er wich ihrer Hand aus, die ihm beinahe eine Ohrfeige verpasst hätte und festigte seinen Griff um sie. Ernst sah er ihr ins Gesicht. Noch entging sie seinem Blick, doch als sie hörte, was er zu sagen hatte, entgegnete sie ihn endlich.

"Kisumi ist bei uns zu Hause." Seine Stimme klang todernst und doch irgendwie sanft.

Kisumi... war in Sicherheit. Irgendwo, wo sie es nie erwartet hätte.

"Er schien etwas aufgebracht, also hab ich ihn nicht gleich bedrängt. Er wollte mir dann ohnehin nichts erzählen, also bin ich los und wollte bei euch zu Hause-" Er brach ab.

Reiju zitterte. Ihr Arm in seiner Hand hatte jegliche Kraft verloren. Sie schluchzte. Verwirrt ließ Ace sie los und betrachtete sie. Sie zog sich zusammen und schluchzte wieder.

"Reiju", sagte er, doch es klang eher ziemlich holprig als unterstützend. Was konnte er jetzt tun, sie kannten sich doch überhaupt nicht.

Überfordert von der Situation ergriff er sie einfach. Er nahm sie unbeholfen in den Arm und hielt sie, ohne auch nur an irgendwas zu denken. Sie weinte eine Weile, in der er sie nicht los ließ, bis sie zu ihm aufsah.

"Entschuldige", raunte sie und klang das erste mal ganz sanft, als sie mit ihm sprach. Ihr Gesicht war rot und vom weinen ganz feucht. Sie löste sich vorsichtig aus seinen Armen und wandte sich ab. Schnell wischte sie sich über das Gesicht.

Was war nur mit ihr passiert. Sie weinte sonst nie einfach so los. Tief atmete sie ein. Ihr Atem zitterte noch, doch sie drehte sich wieder zu ihm.

"Entschuldige", wiederholte sie. Ace schüttelte den Kopf. "Brauchst du nicht."

Er sah sie nicht direkt an. Sein Blick war irgendwie beschämt.

Reiju hielt Inne. Der gesamte Tag hatte sie plötzlich überrollt, ohne dass sie es hätte kontrollieren können. Es jagte ihr eine Heidenangst ein. Doch das Wichtigste war jetzt Kisumi.

Sie atmete schwer ein und wieder aus, dann sah sie Ace in die Augen.

"Bringst du mich jetzt bitte zu meinem Bruder?"

"Ich weiß nicht, ob ich mich dafür entschuldigen sollte, dass mein Bruder einfach bei euch aufgetaucht ist. Ich... bin irgendwie verwirrt."

Reiju ging neben Ace her und rieb nervös ihren Daumen gegen ihre Handfläche. Es war heute definitiv zu viel passiert. Ihr Herz raste noch immer, dabei reagierte sie sonst nie so heftig.

"Wieso entschuldigen?", sagte er stumm und sah hoch in den klaren Himmel. "Kisumi ist doch wirklich gut mit Ren befreundet. Außerdem schien es ihm nicht so gut zu gehen. Ist doch dann selbstverständlich." Er trat gegen einen kleinen Stein und beförderte ihn ins Gebüsch.

Was meinte er damit Ren und Kisumi wären wirklich gut befreundet? Wie und seit wann?

Es schmerzte sie irgendwie. Ihr kleiner Bruder schien wie ein Fremder für sie zu sein.

"Hat er geweint?", rutschte es ihr plötzlich raus. Ihre Stimme klang weniger fest als ihr lieb war. Sie konnte sich nicht an das letzte mal erinnern, dass Kisumi geweint hatte, doch heute war er so verletzt gewesen.

"Nein", antwortete Ace jedoch gelassen.

Sie war erleichtert, doch wagte es nicht noch mehr zu sagen. Durch das Weinen war es heute schon persönlich genug geworden. Es fühlte sich seltsam an. Die Stimmung war eigenartig und doch schien Ace völlig ruhig. War sie vielleicht die Einzige, die es so angespannt machte?

Beide sagten lange nichts, doch dann begann Ace wieder zu reden.

"Weißt du, Kisumi ist wirklich stark." Etwas überrascht konnte Reiju nur nicken. Das wusste sie natürlich. Wusste sie es? Schwer atmete sie ein.

"Alles gut?", fragte Ace und schielte zu ihr herunter. "Ja", antwortete sie schnell und strich sich endlich ihr Haar aus dem Gesicht. "Ich frage mich gerade nur... es ist mir irgendwie peinlich."

Jetzt drehte er seinen Kopf zu ihr. "Sind wir darüber nicht hinaus?"

Verwirrt sah sie zu ihm hoch, doch er lächelte seicht, als ihr Blick ihn traf. Sie schien wirklich die Einzige zu sein, die sich die Situation unangenehm machte.

"Entschuldige, das sollte ein Scherz sein", sagte Ace schnell, als er Reijus Blick nicht deuten konnte. "Aber wenn du was sagen willst, dann raus damit. Ich kenne dich ohnehin nicht, vielleicht habe ich es ja in ein paar Tagen wieder vergessen." Er zuckte mit den Schultern und blickte wieder auf die Straße. Reiju sah weiter zu ihm auf. Sein Gesicht schimmerte golden im schwachen Licht. Das aller erste mal bemerkte sie seine Sommersprossen.

Tatsächlich gaben Ace Worte ihr den nötigen Ruck. Er schien sorglos und gutherzig, ganz anders als sie ihn immer eingeschätzt hatte. Seine Ironie bestärkte sie.

"Ich wusste nicht, dass unsere Brüder Freunde sind", sagte sie dann.

Verwundert zog er die Augenbrauen hoch. "Aber Kisumi war in den Ferien doch fast jeden Tag bei uns." Reiju wusste nichts zu erwidern. Sie war genauso verwundert wie er... was sollte sie denn tun.

Frustriert schlug sie die Hände vor ihr Gesicht.

"Ich schäme mich so. So sehr dass ich meinen Bruder absolut nicht kenne."

Sie blieb stehen und presste ihre Hände gegen ihre Stirn. Ihr wurde alles zu viel. Ace hielt ebenfalls an und betrachtete sie.

"Und dann kommst du und scheinst eine so gute Beziehung zu Ren zu haben."

"Na ja bei uns ist das aber auch was anderes", raunte er beiläufig.

Reiju stockte. Langsam ließ sie ihre Hände wieder sinken und sah zu ihm auf. Er stand da, ihr zugewandt, und hatte die Hände in seinen Hosentaschen. Er wirkte irgendwie verlegen.

"Ace es... es tut mir so leid“, entwich es ihr plötzlich.

Eine kurze Stille stellte sich ein.

"Du weißt davon?", fragte er rau. Sein Blick war mit einem Mal undeutbar geworden. "Es hat sich wohl überall herumgesprochen."

Plötzlich wurde ihr klar, was ihre Reaktion eigentlich bedeutet hatte.

"Nein!", rief sie sofort. "Ja, ich weiß davon, aber nicht von einem Gerücht." Sie trat auf ihn zu und fuchtelte abwehrend mit ihren Händen. "Mein bester Freund, Suru, hat es von seiner Schwester, die wirklich gut mit deinem Bruder befreundet ist. Er hat es mir im Vertrauen erzählt und dieses werde ich auch niemals brechen." Sie sah ihm entschuldigend in die Augen. "Es tut mir wirklich leid."

Ace erwiderte ihren Blick kurz, doch sah dann weg. "Wäre ja auch egal gewesen", schnaubte er und ging dann weiter.

"Kommst du?", rief er nur, als er merkte, dass Reiju ihm nicht sofort folgte. Darauf setzte sie sich endlich wieder in Bewegung.

 

Ace wohnte in einem kleinen Haus nahe der Schule. Es war nichts Besonderes, doch hatte einen ungewöhnlich gepflegten und hübschen Vorgarten.

Er öffnete ihr die Tür und ließ sie eintreten. Es roch sofort irgendwie angenehm.

"Kisumi ist bestimmt noch in Rens Zimmer. Letzte Tür links."

Sie nickte und trat durch den Flur. Es war völlig ruhig.

Immer wieder fragte sie sich wie ihr diese Freundschaft hatte entgehen können. Wie hatte sie auch noch Missachtung für Ren hatte tragen können, wenn die Situation zwischen den beiden so friedlich ausgegangen war.

Reiju fühlte absolut nichts mehr außer Scham und dass Ace immer noch am Eingang stand und sie beobachtete machte das ganze nicht besser.

Sanft klopfte sie an Rens Zimmertür, doch niemand reagierte. "Öffne einfach. Die hören sicher Musik", rief Ace ihr zu.

Tatsächlich lagen ihr Bruder und Ren zusammen auf dem Boden und hörten Musik über Kopfhörer. Dennoch bemerkte Kisumi sie sofort.

"Reiju!", rief er überrascht und setzte sich auf. Die Kopfhörer rissen sich aus seinen Ohren. Er wirkte ertappt. Verwundert sah auch Ren jetzt auf und betrachtete sie. "Deine Schwester?"

"Entschuldigt", sagte sie unsicher. "Kisumi... lass uns reden, bitte." Ohne zu zögern nickte er.

Auf den Stufen vor Ace Haus war es noch warm. Die Sonne schien genau auf sie herunter und schenkte ihnen seltene Frühlingswärme.

"Du und Ren, ihr seid also gut befreundet", begann Reiju zaghaft und lächelte ihm zu.

"Ich habe es vor dir verheimlicht." Kisumi entgegnete es ohne Vorwarnung. "Entschuldige."

Er sah vor auf die Straße, doch seine Augen suchten hilflos nach Halt.

"Aber wieso?" "Ich hatte irgendwie Angst. Du warst so sauer auf Ren und Ace", er verstummte kurz. Nur ganz leise sprach er weiter. "Ich habe mich gefreut, dass du dich einmal wieder so um mich gesorgt hast. Das hast du lange nicht."

Sofort spürte er die Arme seiner Schwester um sich. Fest legten sie sich um ihn und hielten ihn. Reiju biss die Zähne zusammen. "Es tut mir so leid, Kisumi", flüsterte sie.

Sie konnte sich an die letzten Jahre nur noch vage erinnern. Sie wusste nicht mehr was sie mit ihrer Zeit angefangen hatte. Wo war sie mit ihrem Geist gewesen, als Kisumi immer direkt neben ihr gestanden hatte.

"Schon gut", antwortete ihr Bruder und erwiderte die Umarmung.

"Außerdem hatte ich irgendwie Angst vor deiner Reaktion", sprach er weiter und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter.

"Aber Kisumi." Aufgewühlt drückte sie ihn und redete sanft in sein Haar. "Ich freue mich für dich. Ihr scheint euch so gut zu verstehen... im Leben sollte man sich keine Feinde machen, Freunde sind immer besser."

"Du klangst gerade ja tatsächlich mal erwachsen", stichelte Kisumi plötzlich und löste die Umarmung.

Reiju sah zu ihm runter und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Sie packte ihn bei den Armen und drückte ihn noch einmal.

"Ich liebe dich, mein Kleiner." "Und ich dich ja auch, Reiju."

Er raunte es nur, doch es füllte ihr Herz bis zum Überfluss. Sie lächelte und nahm seine Hand. Ihr Blick ging zum Sonnenuntergang.

"Und was machen wir mit Mama und Papa?", fragte er dann leise. Sie ließ seine Hand nicht los. Sanft strich sie ihm über den Handrücken und unterdrückte ihr seufzen. Sie hatte absolut keine Ahnung.

"Das bekommen wir auch noch hin", sagte sie. Kisumi nickte vorsichtig. "Dann lass uns nach Hause gehen."

Er stand auf und öffnete die Tür, dann verschwand er. Es wurde gänzlich still um sie.

"Alles gut zwischen euch?", fragte plötzlich Ace. Er hatte Kisumi ins Wohnzimmer zu Ren geschickt und stand jetzt im Türrahmen. In der Hand eine Tasse Tee. Reiju stand auf, um ihn anzusehen und nickte.

"Danke, Ace", sagte sie und blickte ihm scheulos in die Augen. "Kein Problem."

Kisumi verabschiedete sich von Ren und trat dann wieder hinaus.

"Bye, Ace." Zu ihrer Überraschung nahm er Reijus Hand. "Geh Heim mit deiner Schwester", sagte Ace und schnippte ihm gegen die Stirn.

"Ich hab doch gesagt du sollst das lassen!", rief Kisumi doch Ace lachte nur.

"Tschüss", verabschiedete sich dann auch Reiju und lächelte ihm zu. Doch als sie gehen wollte hielt er sie noch einmal zurück.

"Welchen Grund auch immer das hier hatte. Ich hoffe es löst sich für euch."

Er hatte sich vorgebeugt und es so leise geraunt, dass nur sie es hatte hören können. Dann trat er wieder einen Schritt zurück und sah sie an. Sein Blick war aufrichtig, Reiju aber war ein wenig überfordert. "Danke", sagte sie zögernd, bevor sie von ihrem Bruder auf die Straße gezogen wurde.

Als Reiju am nächsten Morgen zur Schule aufbrechen wollte, hielt sie für einen Moment Inne. Vom Flur aus konnte sie Kisumi durch die Küchentür sehen. Er saß still am Tisch und frühstückte. Bevor sie sich also wie üblich wortlos anzog und ging, betrat sie den Raum.

"Morgen", sagte Reiju. Ihre Mutter stand am Wasserkocher und wartete, bis er fertig war, ihr Vater war wie immer schon außer Haus, wenn sie aus ihrem Zimmer kam.

"Morgen", antwortete ihre Mutter und lächelte unsicher, doch Reiju ignorierte es. Sie beugte sich zu Kisumi herunter und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

"Ih Reiju!", rief er bestürzt und wischte sich schnell mit seinem Ärmel über die Stelle, Reiju aber lachte.

"Bis später", rief sie und verließ das Haus.

Als sie austrat stand ungewöhnlicher Weise schon jemand am Fuße der Stufen und wartete auf sie.

Es war erst halb acht. Reiju war nicht spät dran und würde pünktlich an ihrem Treffpunkt mit Suru ankommen, heute Morgen aber wartete er schon vor ihrem Haus auf sie.

"Was machst du denn hier?", fragte sie und trat zu ihm herunter. Suru lächelte nur und umarmte sie. "Reiju, guten Morgen."

Als sie sich in Bewegung setzten, sah sie ihn noch immer fragend an. "Ich wollte gestern nicht so aufdringlich sein und vorbeikommen", begann er zaghaft und lächelte unsicher. "Du hattest mir am Abend ja geschrieben, dass Kisumi wieder zu Hause sei."

Reiju nickte und sah vor auf die Straße. "Wäre wahrscheinlich auch keine so gute Idee gewesen", sagte sie still. "Aber danke."

Suru sah zu ihr rüber. Sie wirkte eigentlich wie immer, auch ihr neutraler Blick war gleich. Dennoch spürte sie seine eindringlichen Augen schwer auf ihrer Haut.

"Wir hatten Stress mit unseren Eltern. Ich erzähle es dir später, okay? Am Morgen hab ich da keine Lust darauf." Sie wusste, dass er so etwas hören wollte. Einfach nur irgendeine Information darüber, was los war damit er entscheiden konnte wie große Sorgen er sich machen musste.

"Sicher", antwortete er und löste endlich seinen Blick von ihr. Er sah vor und blieb still.

"Kisumi war bei Ace. Er ist wirklich gut mit Ren befreundet", ließ Reiju plötzlich fallen.

"Was?" Surus Blick ging wieder zu ihr. Erstaunt musterte er sie.

"Ich hab ihn bei Ace zu Hause abgeholt. Ist schon irgendwie ironisch...", sprach sie weiter, während sie nicht aufhören konnte an dem Band ihrer Schuluniform zu spielen. "Wir haben uns sogar ganz gut verstanden."

 

In der Mittagspause erzählte Reiju Keita was passiert war. Er hörte interessiert zu und beobachtete sie beim Formulieren jeden Wortes. Wirkliche Details aber ließ sie aus. Auf tiefgründige Gespräche konnte sie in der Schule wirklich verzichten.

"Und was unternimmst du jetzt?", fragte er, als sie fertig war. "Im Bezug worauf?" "Na Ace!"

Reiju schüttelte sofort den Kopf. "Gar nichts natürlich." Keita atmete enttäuscht aus. " Du sagst ihr habt euch gut verstanden? Wann hörst du dann endlich auf immer so wenig Interesse in andere Leute zu legen?" "Ich lege Interesse in dich, was willst du mehr?" Sie zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch und schob ihren Grüntee zu ihm rüber.

"Hier. Der schmeckt mir nicht."

Keita ergriff die Flasche und stand auf. "Ihr zwei werdet aus dieser schicksalhaften Story schon noch irgendetwas mitnehmen. Das schwöre ich dir, Reiju!" Sie wagte es nicht mal über seinen Ton zu lachen, denn sie wusste, er meinte es todernst. "Keita... bitte tu nichts Dummes", raunte sie, doch er saß schon wieder auf seinem eigenen Platz. Genau zum Beginn des Unterrichts.

"Wir müssen noch die Klassensprecher wählen", kündigte ihr Lehrer heute als aller Erstes an und ergriff ein Stück Kreide. "Um es schnell zu machen, wer möchte denn?"

Sein Blick ging durch den gesamten Raum, doch niemand meldete sich. Tief seufzte er und legte die Kreide wieder beiseite.

"Wenn sich niemand meldet, muss ich den Zufall entscheiden lassen." Ein unbegeistertes Raunen ging durch den Raum, dennoch meldete sich weiterhin niemand.

"Wie ihr wollt", sprach Deji-Sensei also und ergriff die Klassenliste. "Gut mal sehen..."

Reiju hatte dieses Thema völlig vergessen. Bisher hatte es in jeder ihrer Klassen immer mindesten zwei Menschen gegeben, die den Posten unbedingt haben wollten, weswegen sie sich nie hatte Sorgen machen müssen. Diese aber schien ihr Untergang zu sein.

Fest presste sie ihre Handflächen aufeinander und hoffte wie wild, dass sie es nicht werden würde. Alles, aber lass es bloß nicht sie sein.

"Hamori Reiju?"

Ihr Name fiel. Von allen 20 Schülern fiel ausgerechnet ihr verdammter Name.

"Ja", antwortete sie widerwillig.

"Gut, sie sind hier. Dann suchen wir ihnen mal ein Gegenstück."

Wieso ausgerechnet sie. Nicht nur dass sie in eine Klasse voller neuer Menschen gesteckt wurde, sie würde mit all den Fremden auch noch mehrere Abende und Reisen verbringen müssen.

Genervt stützte sie ihren Kopf in ihre Hände und schloss die Augen. Das bedeutete viel Arbeit und außerdem viel soziales hin und her.

"Ich hab für so etwas keine Zeit!"

Ace laute Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Zeit. Worüber sprach er? Doch als Keitas begeistertes Grinsen ihren Blick traf, wusste sie genau worum es ging.

"Dann müssen sie sich eben Zeit beschaffen. Die Schule steht vor ihren privaten Spielereien."

Gereizt blickte Ace ihren Lehrer an. Schwer atmete er aus und verschränkte die Arme. Er schien wütend. Dann begann ohne ein weiteres Wort von Ace oder ihrem Lehrer der Unterricht und Reiju fesselte ihre Augen an die Tafel. Vor allem aber um Keitas Blicken zu entgehen.

Als es endlich zum Unterrichtsschluss klingelte rief Deji-Sensei die beiden neuen Klassensprecher noch kurz zu sich.

Reiju folgte seinem Aufruf und verpasste Keita im Vorbeigehen noch einen ordentlichen Schlag gegen den Oberarm. "Bis morgen", raunte sie ihm zu und wartete dann, bis Ace endlich nachkam.

Er verabschiedete sich auf dem Flur noch von jemandem. Ein blonder großer Junge, das musste Izaya sein. Dann kam er durch den inzwischen leeren Klassenraum auf sie zu geschlendert.

"Gut", begann Deji-Sensei. "Heute findet bereits das erste Meeting statt, also seid pünktlich." Er reichte den zwei Schülern einen Zettel mit Uhrzeit und Raum. Dann blickte er wieder zu ihnen hoch und betrachtete besonders Ace mit argwöhnischen Augen. "Und wagen sie es ja nicht das Treffen sausen zu lassen. Ich werde davon erfahren, wenn einer von ihnen fehlen sollte!"

Reiju nickte gehorsam auch wenn sie nur halbherzig zugehört hatte. Ace dagegen grummelte etwas vor sich hin und sah seinem Lehrer entnervt entgegen, welcher es gekonnt ignorierte und sich wieder an seinen Schreibtisch setzte, um ihnen zu signalisieren dass sie gehen konnten.

Reiju hatte keine Lust auf diese Sache, aber wenn sie schon gezwungen wurde, würde es sich wenigstens gut auf Bewerbungen machen und dass Suru unbedingt hatte Klassensprecher werden wollen, gab ihr ein klein wenig Hoffnung. Wenn er wirklich dabei war, würde es vielleicht doch ein wenig spaßig werden.

"Okay wir haben noch eine Stunde Zeit bis das Meeting beginnt. Treffen wir uns vor dem Raum?", fragte sie, als sie gemeinsam auf den Flur traten. Ace aber drehte ihr wortlos den Rücken zu. "Ja, wir sehen uns dort", raunte er, bevor er seine Tasche über beide Schultern zog und einfach verschwand.

 

Zum Meeting kam Ace zu spät.

Er entschuldigte sich knapp beim leitenden Lehrer, Kokon-Sensei, und setzte sich stumm neben Reiju. Verwundert betrachtete sie ihn von der Seite. Er schien ziemlich abgehetzt. Eine Schweißperle lief ihm über die Schläfe.

"Ist was?", fragte er rau, als er ihren Blick bemerkte. Reiju schreckte auf. "Nein, ganz sicher nicht", antwortete sie nur und sah wieder zur Tafel an der ihnen gerade ihre Aufgaben erklärt wurden.

Reiju hatte es gerade eben erst wieder geschafft gut drauf zu sein. Sie hatte Suru vor dem Raum entdeckt und gespürt wie die Erleichterung ihren ganzen Körper durchzogen hatte. Sie hatte sogar ein klein wenig Lust verspürt, bis Ace sie plötzlich mit seinem Blick ohrfeigte und auf den harten Boden zurück holte, dass Suru nicht der Einzige in diesem Raum war.

Kokon-Sensei redete und redete und Reiju wurde immer gelangweilter. Sie wollte nichts mehr wissen von den Wegen zur Motivation und Ace ließ auch nicht mit sich reden. Er ignorierte jede ihrer Fragen und tippte nur immer wieder etwas in sein Handy.

Teilnahmslos begann sie mit ihrem Finger die Maserung des Holztisches nach zu fahren.

"Wir sollen das ausfüllen."

Jetzt blickte Ace sie unter seinen Haaren heraus an. Sein Zopf war, im Gegensatz zu heute Mittag, aufgegangen und jetzt lagen die Strähnen wie ein langer Pony über seinen Augen. Das Blatt schob er zu ihr herüber. Reiju nickte und sah es sich an.

"Okay, Frage eins", sagte sie, aber er reagierte nicht mehr. Er hatte seinen Kopf auf seine Arme gebettet und schloss die Augen. "Ace, ist das dein Ernst?" Keine Reaktion.

Sie zog das Blatt vor sich und las es sich komplett durch. Die Fragen schienen einfach.

Reiju hatte keine Lust auf eine Auseinandersetzung, weder mit Kokon-Sensei noch mit Ace, also nahm sie ihren Stift in die Hand und begann einfach zu schreiben.

Nach einer Weile setzte sich Ace wieder auf und band seinen Zopf neu.

"Was hältst du von Frage vier?", fragte Reiju schnell. Sie würde ihn dennoch nicht so einfach davonkommen lassen. "Nichts", sagte er jedoch und schenkte ihr nur einen kurzen Seitenblick.

"Wie nichts?"

Er zuckte mit den Schultern und blinzelte langsam.

"Du könntest mir wenigstens ein bisschen helfen, weißt du." Er gähnte und schien keine Antwort parat zu haben. Reiju seufzte erneut.

"Was ist eigentlich los mit dir?", fragte sie und sah zurück auf dass Blatt. Jetzt warf Ace ihr einen längeren Blick zu und zuckte wieder mit den Schultern. "Was meinst du?" "Du benimmst dich heute wieder wie ein Arsch." Erneut erwiderte er nichts mehr. Sein Blick ging stumm vom Blatt, zu ihr und wieder auf das Blatt. Es wurde still. Reiju entschied sich, es einfach gar nicht mehr zu versuchen und sich mit der Stille abzufinden, doch da brach Ace sie wieder.

"Wie geht es Kisumi?", frage er.

Reiju schrieb die letzte Antwort zu Ende und stand auf.

"Wirklich?", fragte sie hart und warf ihm einen eiskalten Blick zu. Dann ging sie und gab das Blatt ab.

Als sie sich zurück an ihren Platz setzte, hatte Ace es sich wieder gemütlich gemacht.

Was konnte in seinem Kopf nur vorgehen. Erst war ihm alles egal und dann fragte er nach ihrem Bruder. Sie wusste, dass Kisumi ihn wirklich gern mochte, sie tat es in diesem Augenblick aber überhaupt nicht.

Als alle abgegeben hatten durften sie gehen und Reiju tat es ohne ein weiteres Wort zu Ace.

Sie schloss sich Suru an und verließ mit ihm und seinen Freunden stumm das Gebäude.

Suru machte sich nicht weiter Gedanken darum. Reiju war schon immer so gewesen. Ihr reichte es, wenn er neben ihr ging und das tat er immer ganz automatisch. Ansonsten unterhielt er sich angeregt mit seinen Freunden. Nach einer Weile Fußweg waren sie jedoch allein.

"Und wie ist es als Klassensprecherin?", fragte er aufgeregt. Reiju zuckte mit den Schultern.

"Zusammen mit Ace. Das ist doch super. Du meintest doch ihr habt euch gut verstanden."

Sie atmete aus und blickte zu ihm hoch. "Ja nur...", sagte sie. "Er scheint sich nicht entscheiden zu können ob er nett zu mir sein soll oder nicht." "Hm", machte Suru und blickte in den dunklen Himmel. Er schien ernsthaft darüber nachzudenken.

"Ace sah sehr gestresst aus heute. Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag." Es wurde still. Surus Worte stimmten sie voller Liebe für ihn. Wieso sah er in allem und jedem immer etwas Gutes.

"Ja vielleicht", hauchte sie und stupste ihren Kopf gegen seine Schulter. "Ich geh dann", sagte sie und bog in ihre Straße ein. Vielleicht hatte Suru recht. Vielleicht war Ace wirklich nur gestresst gewesen, aber vielleicht war er auch einfach nur unberechenbar.

Die nächste Woche verlief eigenartig.

Nachdem Reiju und Ace im letzten Meeting ziemlich angeeckt waren, schien er sie jetzt völlig zu ignorieren. Selbst im Unterricht sah er sie nicht an, obwohl er genau neben ihr saß.

Doch Reiju versuchte sich nicht daran zu stören. Ungewohnt viel ging ihr die Frage durch den Kopf, was mit ihm los sein könnte, doch sie verdrängte es. So gut es ging zumindest, denn Kisumi hing ihr seid ihrem Übereinkommen ständig über Ace und Ren in den Ohren, als wäre er froh, dass endlich alle Mauern gefallen waren und er offen mit ihr sprechen konnte.

Sie hatte Kisumi neulich von der Schule abgeholt und er hatte nur von den beiden geredet. Für ihn war Ace eben wie immer; vielleicht konnte er sie ja auch einfach nur nicht ausstehen.

Zu Hause verlief es nicht viel besser.

Ihre Eltern versuchten die alte Routine beizubehalten was jedoch kläglich scheiterte, denn Kisumi war nur noch allein in seinem Zimmer und verbrachte seine Zeit mit sich. Er schien nicht mehr gern mit ihren Eltern in einem Raum zu sein, was Reiju das Herz brach. Alles war irgendwie kalt und fremd geworden und wenn nicht bald jemand etwas sagte, würde das sicher nicht lange gut gehen. Dennoch schien Reijus Mund wie versiegelt.

Seufzend ließ sie sich auf Kisumis Bett fallen.

Wenigstens war ihre Beziehung zu ihrem kleinen Bruder endlich besser geworden und sie verfiel in alte geliebte Muster.

"Was machst du?", fragte sie. "Hausaufgaben", murrte er zurück. "Was denn so?" "Mathe." "Läuft es gut?" Auch wenn er sie vermisste hatte, hatte er sicher nicht vermisst von ihr genervt zu werden. Sie musste grinsen, als er sich jetzt mit ernsten Augen zu ihr umdrehte.

"Wolltest du nicht mit deinen Freunden raus?" "Ja gleich." "Ich hoffe gleich kommt sehr bald", sagte Kisumi und drehte sich wieder zurück an den Tisch. "Ist ja gut. Ich störe dich auch nicht mehr." Sie lachte und sah sich ein wenig um.

Es war Samstag Mittag und Reiju hatte sich schon komplett fertig gemacht, um sich mit Keita, Junko und Suru zu treffen. Allerdings hatte Junko um mehr Zeit gebeten und so musste Reiju jetzt eine ganze Stunde totschlagen.

Kisumis Zimmer war geräumig mit großen Fenstern, die den gesamten Raum erleuchteten. Dass er jetzt viel mehr Zeit hier und nicht im Wohnzimmer verbrachte machte sich ziemlich deutlich. Obwohl er immer ein realtiv ordentliches Zimmer hatte, lag nun sein Kram gestaut auf diesen kleinen Bereich verteilt, statt im gesamten Haus.

"Hast du eigentlich noch mal mit Papa geredet?", fragte sie plötzlich. Sofort drehte sich Kisumi wieder um.

"Nein", sagte er und zuckte mit den Schultern. "Er will immer, aber ich sage ich hab für die Schule zu tun."

Reiju stand auf und blickte über seinen Schreibtisch. Das Mathebuch lag über seinen halbherzigen Notizen.

"Es tut mir so leid", hauchte sie. "Kannst du doch nichts für. Ich hab nur keine Lust mit ihm zu reden." Kisumis Stimme klang fest. Er lächelte zu Reiju hoch und blickte dann zurück in sein Buch.

Kurz fragte sie sich, wie echt das Lächeln gewesen war, doch da bekam sie eine Nachricht von Suru.

"Oh, ich ich muss dann los", sagte sie und gab Kisumi einen Kuss auf die Wange. Sie hatte es in letzter Zeit jeden Tag gemacht und ganz langsam schien Kisumi sich daran zu gewöhnen. Er jaulte nicht mehr ganz so sehr wie zu Beginn.

"Viel Spaß", sagte er und Reiju rief ihm von der Treppe noch ein lautes "Danke" zu. Dann verließ sie das Haus.

 

Sie wollte sich mit den anderen im Park treffen. Es gab dort eine abgelegene Stelle, an der sich nur selten Menschen aufhielten, die aber weitaus schöner war als jeder Teil der grauen Stadt. Zumindest für Reiju. Sie war umgeben von alten Lindenbäumen, die im Sommer tiefe Schatten warfen.

Auch allein verbrachte Reiju dort gerne viel Zeit.

Als sie zum Parkeingang gelangte, wartete Junko schon auf sie. Sie stand in Jeans und weitem Pullover unter dem Torbogen und winkte. "Hey!", rief sie und deutete auf ihre große Tasche.

"Ich habe Kuchen von meiner Mutter mit", sagte sie und umarmte Reiju zur Begrüßung. "Der Übliche?", fragte sie neugierig zurück. Junko nickte und Reiju lief sofort das Wasser im Mund zusammen. Der Kuchen von Junkos Mutter war schon seit dem Kindergarten einfach der Beste gewesen.

"Die anderen warten dort auf uns", sprach Junko dann weiter und erwartete erst keine Antwort von Reiju. "Was haben wir vor?", fragte sie jedoch, als sie über den rauen Kieselweg schlenderten. Laut knirschte er bei jedem Schritt. Junko zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen." Sie nickte und spürte sofort das weiche Gras, als sie vom Weg abkamen. Sie würden gleich da sein.

Suru und Keita saßen schon auf dem umgefallenen langen Ast, der sich durch die Bäume zog. Keita lachte auf, als er sie bemerkte. "Da seid ihr ja endlich", sagte er und Reiju stieg über den Ast zu ihnen herüber. Dicht gefolgt von Junko. Auch Suru begrüßte sie und sah dann auf Junkos ungewohnt große Tasche. "Kuchen?", fragte er nur und sie musste lachen. "Ganz richtig."

Sie machten es sich gemütlich und Junko gab jedem ein Stück des noch warmen Kirschkuchens.

Es war heute, genau wie die letzten Tage auch, so sonnig. Es war hell und alles schien zu erblühen. Die Bäume wurden kräftig grün und die Blumen grell und farbig. Zumindest hier im Park, wo Natur noch ein Thema war.

Reiju dachte immer wieder daran, dass sie, wenn sie schon in einer Stadt leben sollte, wenigstens in einem Vorort lebte. Hier war es immer ganz ruhig und die Natur schien wenigstens noch ab und zu ihren Weg in die Welt der Menschen zu finden. Ganz anders als in der Innenstadt.

Sie legte sich, genau wie Keita, ins feuchte Gras und starrte in den Himmel während die anderen über irgendetwas sprachen. Sie lauschte dem Klang ihrer Stimmen, ohne aufzunehmen was sie sagten. Die reinen vertrauten Töne lagen so angenehm in ihren Ohren.

Die erste Woche der Schule hatte sie aufgewühlt. Sie wusste noch immer nicht, was sie davon halten sollte ihre drei besten Freunde nicht mehr täglich zu sehen. Umso glücklicher war sie in genau diesem Moment, dass es war wie immer, als wären sie noch genau wie früher Klassenkameraden.

Allerdings hatten sie sich jetzt viel mehr zu erzählen. Reiju wollte gern all ihren Geschichten lauschen. Junko hatte in ihrer Klasse neue Freunde gefunden, von denen sie ganz aufgeregt erzählte.

Eine von ihnen wollte genau wie sie einmal Medizin studieren.

Auch Suru hatte sich Freunde gemacht. Nach seinen Worten zu urteilen anscheinend die gesamte Klasse. Reiju musste lachen. Es war so typisch für ihn.

"Und Reiju hat sich einen Typen geangelt!", rief Keita plötzlich laut und warf seine Arme in die Luft. Er hatte schon erwartet dafür einen bösen Blick zu ernten, den er auch sofort bekam. Junko kicherte. "Ja da hab ich schon von gehört. Was läuft da zwischen dir und Ace?"

Reiju sah genervt auf. "Nichts", sagte sie. "Kisumi und Ren sind ziemlich dicke, also war ich einmal bei ihm zu Hause. Das war es aber auch."

"Und ich dachte er hätte dich ganz romantisch zu sich eingeladen", raunte Junko und grinste schelmisch. Sie kassierte einen Schlag quer über den Kuchen. "Lass das."

"Entschuldige", rief sie lachend. "Schon klar dass zwischen euch nichts läuft. Keine Sorge."

Reiju sah sie eine Weile an und seufzte dann. "Er ist gemein zu mir. Da hab ich keine Lust darauf." Junko nickte. "Kotoko meinte das auch. Sie stand eine Weile auf ihn, aber er hat sie wohl ziemlich hart abblitzen lassen." Da legte Suru den Kopf in den Nacken. "Hm", machte er.

"Was ist los?", fragte Keita sofort. Er spürte, dass Suru ganz und gar nicht Junkos und Reijus Meinung war. "Nichts, nichts", sagte er jedoch. "Mir scheint es nur, dass Ace ganz anders auf euch wirkt, als auf mich." Er lächelte den drei entgegen und schien zu leuchten, genau wie immer wenn er so lachte. "Zu mir war er bisher immer freundlich." "Seltsam", sagte Junko.

"Können wir aufhören über Ace zu sprechen, bitte?", sagte Reiju plötzlich ganz gleichgültig und jeder nickte.

"Es wird schon ein wenig dunkel", sagte Keita darauf. Tatsächlich färbte sich der Himmel langsam in seine dämmernden Farben. Reiju liebte diesen Moment. Wenn die Sonne sich gen Boden richtete und ihr rotes Licht mit letzten Kräften auf die Gebäude und Pflanzen der Stadt warf.

Alles färbte sich tiefrot. Die Bäume leuchteten auf und alles schien ihn hohen Flammen zu lodern.

Reiju stand auf und hing sich an einen hohen Ast an einem nahen Baum. Leichtfüßig schwang sie sich hoch und nahm auf dem dürren Ast platz. Von dort oben hatte sie einen besseren Blick über die rote Stunde des Tages.

Reiju war absolut nicht sportlich, doch wenn sie eine Sache konnte war es das.

Keita war jedes mal aufs Neue fasziniert davon, wie sie auf so hohe Bäume kam. Nur mit Mühe und Not konnte er ihr folgen, doch er folgte ihr jedes Mal. Während Junko und Suru meist unten blieben und sie stumm beobachteten.

Heute aber wagten sie es hinterher. Mit einer Räuberleiter von Suru schaffte Junko es ebenfalls hoch und er folgte kurze Zeit später.

In einer Reihe saßen sie still da und starrten auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.

Reiju wagte es ihren Blick für kurze Zeit zu lösen. Er fiel auf ihre Freunde neben ihr. Es war schon eine Weile her, dass sie alle zusammen so hoch oben saßen. Es gab ihr plötzlich ein so warmes Gefühl. Suru hatte Junkos Hand in seinem Schoß und Keitas Kopf lag auf ihrer Schulter.

Dann ging ihr Blick wieder nach vorn. Die Sonne schwand immer schneller vom Horizont und die Bäume wechselten ihre Gestalt von hohen Flammen zu düsteren Schatten. Es war die schönste Stunde. Wenn Tag und Nacht aufeinander trafen und die Welt sich in kürzester Zeit so oft wandelte. Von hell zu düster. Von Warm zu kalt.

Suru drückte Junkos Hand in seinem Schoß und blickte rüber zu den anderen. Reijus Blick ging wie gebannt in die Ferne. Von nichts ließ sie sich so einnehmen, von nichts so beeindrucken wie der Natur. Er musste lächeln. Sie sah selten so glücklich aus wie in diesem Moment. Sie schien nichts zu brauchen. Niemanden, außer diesen Anblick.

 

Dass die Schule darauf so schnell wieder anstand missfiel Reiju. Sie genoss das Wochenende. Hatte besonders das letzte so genossen und jetzt sah sie sich wieder vor der großen Hürde Schule. Und noch viel größer die wöchentliche Klassensprechersitzung.

Junko war heute noch etwas länger in der Schule geblieben und begleitete Reiju in ihrer Freistunde.

Der Dienstag Nachmittag war wieder kühler und die Sonne verbarg sich hinter tiefen Wolken.

"Wieso nur ist es plötzlich wieder so kalt?", fragte Junko und zog sich ihre dünne Jacke eng um den Körper. Sie waren draußen unterwegs und suchten nach etwas Essbarem für Reiju.

"Erderwärmung", raunte Reiju. Sie hörte ein tiefes seufzen aus Junkos Kehle. "Ich weiß, ich weiß", sagte sie. "Kannst du dich jetzt bitte entscheiden wo du essen willst? Damit wir ins Warme können?"

Reiju setzte lustlos einen Fuß vor den anderen. Eigentlich hatte sie nichts gegen so ein Wetter, doch heute lag es schwer auf ihrem Gemüt. Das Trübe drückte ihre Stimmung zu Boden und das tiefe Grau, welches sich durch die Luft zog, hielt sie dort fest.

"Lass uns einfach zurück gehen", sagte Reiju und wandte sich um. "Aber dein Essen", rief Junko und folgte ihr schnellen Schrittes. "Ich hab noch was kleines übrig." "Bist du sicher? Hol dir wenigstens was vom Automaten", redete sie weiter auf sie ein. Reiju aber streifte Junkos Hand mit ihrer und nickte. "Ja keine Sorge."

Damit war das Thema beendet und sie gingen eine Weile stumm nebeneinander her.

"Wo ist eigentlich Suru?", fragte Junko dann. "Der ist mit Freunden unterwegs. Irgendwas besorgen." Sie nickte. Suru hatte in der Schule immer was zu tun. Irgendwer wollte immer was von ihm.

"Noch 10 Minuten", sagte Reiju, als sie vor dem Klassenzimmer ankamen. "Wenn du willst kannst du gehen. Ich setz mich schon mal in den Raum", bemerkte sie, doch Junko schüttelte den Kopf. Sie blieb bis keine Zeit mehr übrig war. Erst dann verabschiedete sie sich und ging.

Reiju sah ihr noch einen kurzen, warmen Augenblick hinterher, dann setzte sie sich auf ihren Platz.

Suru war auch schon da. Sie und Junko hatten ihn begrüßt, als er gekommen war und auch jetzt winkte er ihr noch einmal zu, als er sie bemerkte.

Kokon-Sensei hatte schon begonnen, als auch Ace endlich auftauchte.

"Kojin. Schon wieder zu spät. Noch einmal und es gibt Konsequenzen", raunte ihr Sensei, aber wirklich ernst schien er es nicht zu meinen. "Entschuldigen sie", brachte Ace mit einer kurzen Verbeugung hervor. Dann nahm er wieder neben Reiju Platz. Ein raues "Hi", ließ er fallen und sie begrüßte ihn knapp zurück. Sie wollte ihn nicht zu sehr beachten. Letzte Woche war ihr genug gewesen, also starrte sie nur zur Tafel.

Doch heftiges Husten aus Ace Richtung lenkte ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf sich.

"Alles gut?", fragte sie verwundert, aber Ace nickte nur. Erst jetzt bemerkte sie wie anders er aussah. Seine Haut schien ganz rot und sein Gesicht fahl. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn und seine Lider lagen nur schwer über seinen Augen.

"So siehst du aber nicht aus", sagte sie. Ace blickte sie kurz an, doch erwiderte nichts.

Wieder hustete er.

"Trink was", sagte sie, ohne darüber nachzudenken mit wem sie da gerade sprach. Zu ihrem verwundern griff Ace wirklich in seine Tasche, doch leer kam seine Hand wieder raus.

"Hier", sagte sie also und hielt ihm ihr Wasser hin.

Ace betrachtete die Flasche und blickte dann in ihre Augen. Er zögerte, doch Reiju hielt sie genau vor seine Nase. "Nimm schon und stell dich nicht so an."

Als er die Flasche aus ihrer Hand nahm, ergriff sie eine plötzlich Hitze. Seine Haut brannte.

Schwankend drehte er den Kopf zurück nach vorn und trank einen Schluck. "Danke", sagte er matt, doch Reiju packte ihn plötzlich an der Schulter und legte ihre Hand auf seine Stirn.

"Ace du glühst!", sagte sie aufgebracht. Schnell schlug er ihre Hand beiseite und starrte sie an. "Lass das", raunte er.

"Du solltest zur Krankenschwester." "Nein", antwortete er hart, aber Reijus Blick klebte unermüdlich an seinem Gesicht. "Geh zum Arzt", raunte sie wieder. Ace schenkte ihr nur einen bösen Blick und schob ihre Hand weiter von ihm fern. "Lass mich in Ruhe." Seine Stimme war so kratzig, dass es Reiju nur vom zuhören in der Kehle schmerzte.

"Dann geh eben nach Hause und ruhe dich aus."

"Nein."

"Wieso nicht?"

"Ich muss noch arbeiten."

Verwirrt sah sie ihn an. Arbeiten? Es war schon halb sieben. "Was? Wo arbeitest du so spät denn bitte?" Sofort bereute Ace es ihr gesagt zu haben und seufzte.

"Warum willst du das wissen?", fragte er matt und lehnte sich über den Tisch. Reiju schnaubte und drehte sich zurück zur Tafel. Sie wollte es eigentlich gar nicht wissen. Ace schien es schlecht zu gehen, sie wollte nur das Schlimmste verhindern.

Als sie wieder irgendwelche Aufgaben bearbeiten sollten und alle in die Gruppenarbeiten übergingen, stand sie auf. "Kokon-Sensei", sagte sie und trat an seinen Pult heran. "Ace geht es nicht gut und er würde gerne zur Krankenschwester." Ihr Lehrer sah auf. Entrüstet erhob sich Ace urplötzlich von seinem Stuhl, doch statt wie gewollt laut nach Reiju zu rufen, ergriff ihn der Schwindel und er fiel unbeholfen auf seinen Stuhl zurück.

Reiju und Kokon-Sensei beobachteten ihn kurz. "Er hat sicher eine Grippe", sagte sie entschlossen. Kokon nickte. "Dann bring ihn bitte zur Station."

"Moment, ich?" "Ja sicher. Ihr seid doch aus einer Klasse. Ich entschuldige dich auch."

Reiju seufzte.

 

"Ich hasse dich", brachte Ace zwischen schwerem Husten heraus. Er lehnte mit einem Arm auf ihren Schultern und war schwer damit beschäftigt seinen Stand zu halten. "Also aufs Bringen war ich auch absolut nicht heiß", zischte sie zurück. Doch sie festigte ihren Griff um ihn, als er beinahe stolperte. Die Flure waren völlig leer. Es war so ungewohnt ruhig in der Schule.

"Wieso tust du das?", fragte Ace.

"Ich will niemanden sterben sehen weißt du", antwortete sie ironisch.

Dann wurde es still.

Stumm lieferte Reiju ihn bei der Krankenstation ab und wurde ohne ein weiteres Wort zu ihm zurück ins Klassenzimmer geschickt.

"ROADTRIP!"

Keitas laute, schrille Stimme schien aus dem Nichts aufzutauchen. Aufgeregt rannte er auf seine Freunde zu, die Arme weit aufgerissen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Reiju sah auf und starrte ihm genau in die Augen. Sie erwartete schon seine Umarmung.

Keita lachte und fiel ihr um den Hals..

"Wartet ihr schon lange?", fragte er und drückte sich noch einmal fest an Reiju.

"Nein, keine Sorge", antwortete Suru.

"Perfekt. Sind denn dann alle da?", fragte er weiter und sah sich um. Das Auto stand schon auf der Straße bereit. Surus Schwester Yuka belud es gerade mit einer großen Tasche.

„Hey Keita!“, rief sie. Sie sah auf und grinste. Ihr langes braunes Haar fiel ihr sanft auf die Schultern. Ihre Gesichtszüge waren wie immer ganz weich. Wenn Suru schon freundlich aussah, dann tat sie es erst recht. Suru und Yuka waren immer Menschen gewesen, die jeden mit nur einem Lächeln hatten umhauen können.

„Hey Yuka. Danke nochmal fürs Fahren“, sagte er und winkte zu ihr rüber. Sie war volljährig und hatte ihr eigenes Auto. Zwei Dinge in denen sie ihrem Bruder und seinen Freunden überlegen war.

Zu ihrem Glück verstand sie sich auch gut mit ihnen und opferte sich gerne mal als Chauffeur.

„Wir sind noch nicht ganz vollständig“, antwortete Suru endlich auf Keitas Frage. „Yuka hat noch ihren Freund eingeladen.“ „Aha“, machte Keita und zog es theatralisch in die Länge. "Und wo ist er?“ Er legte seine Hand an sein Kinn und blickte einmal von rechts nach links.

Yuka musste kichern. Sie schloss den Kofferraum und kam auf sie zu. „Er kommt zu spät, genau wie du es auch warst.“

Junko lachte und kniff Keita in den Oberarm.

„Setzt euch doch schon mal ins Auto“, sagte Yuka dann.

Schon seit Wochen hatten sie diesen Trip geplant, doch erst jetzt hatte Yuka dafür Zeit finden können. Sie studierte im 3. Semester und war jetzt im Frühling endlich in ihren ersehnten Semesterferien angelangt. Während die anderen sich ins Auto setzten, holte sie ihr Handy hervor.

"Kommt Yukas Freund immer so viel zu spät?", fragte Reiju, als sie alle saßen. Genau genommen hatte sie nämlich einen festen Plan. Sie hatten um elf Uhr losfahren wollen, um um zwölf schon da zu sein. Ihr Ziel war ein alter Wald außerhalb der Stadt. Er sollte laut Berichten von Keitas Opa völlig unberührt scheinen und eine gänzliche Stille bergen.

Reiju hatte sofort dorthin gewollt, auch wenn es eine Stunde Fahrt war, die vor ihnen lag. Auch die anderen waren sofort begeistert gewesen. Wenn Keitas Opa einmal begann von seinen alten Geschichten zu erzählen hörten sie ihm stundenlang zu und genossen es. Er hatte nie ein durchschnittliches Leben geführt und seine Jugend war immer voller Abenteuer gewesen. Reiju bewunderte ihn dafür. Jedes mal wenn er sich aufrichtete, um jetzt von seinem alten Ich zu sprechen, strahlten seine Augen und er schien zu verjüngen. Mit jedem begeisterten Wort, das über seine Lippen kam, schien es mehr und mehr als wäre er wieder in seinen 20ern und erlebte die Ereignisse seiner Jugend genau vor ihren Augen. Wie in einem Theater, nur aus Worten.

"Ja tut er", riss Suru sie aus ihren Gedanken. "Aber keine Sorge, er wird gleich da sein."

Sie sah zum Fenster raus. Yuka stand da und schaute die Straße runter. Sie hatte immer so etwas elegantes. Selbst wenn sie einfach nur dastand, wirkte sie, als gehöre ihr die Welt. Es war faszinierend. Da regte sie sich plötzlich. Sie trat einen Schritt vor und winkte jemandem. Neugierig beugte Reiju sich vor um besser sehen zu können.

Da kam also Yukas Freund.

"Hey", machte Keita plötzlich und legte den Kopf schräg. Verwundert sah er raus auf die Straße auf der Yuka gerade ihre Arme um ihren Freund legte.

"Ist das nicht Seiya?" Verwundert sah er rüber zu Suru.

Seiya. Wo hatte Reiju den Namen schon mal gehört?

"Ja klar. Ich hab euch doch erzählt die beiden kennen sich", antwortete Suru gelassen.

"Aber... nicht, dass sie zusammen sind." Junko konnte sich ein schrilles Lachen nicht verkneifen. Und da wurde Reiju bewusst, wieso Keita und Junko so eigenartig reagierten.

Seiya war Ace Bruder.

Dabei sah er gar nicht so aus. Sein Gesicht war viel weicher und sein Haar strahlend blond.

Reiju zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück in ihren Sitz. Im nächsten Moment stiegen die beiden auch schon ein.

Seiya steckte zuerst seinen Kopf durch die Tür und begrüßte alle. Dann setzte er sich und schaute noch einmal zu ihnen zurück.

"Ich hoffe ich werde euch heute nicht stören", sagte er und lächelte. Es war freundlich. Sein welliges Haar fiel ihm über die Augen, doch es bedeckte nicht seine Narbe. Er hatte eine nicht gerade kleine an der linken Augenbraue.

"Ach was", rief Keita. "Umso mehr desto besser!" Seiya nickte. "Finde ich auch."

Er sah kurz rüber zu Yuka, die noch mit ihrem Handy beschäftigt war. Sie schien nicht den Anschein zu machen, losfahren zu wollen.

"Ihr seid doch alle in Ace Stufe oder?", fragte er also und hielt das Gespräch aufrecht.

"Ja, sind wir", antwortete Suru.

"Ah, du hattest mir doch auch gesagt, zwei sind sogar aus seiner Klasse", redete Seiya weiter.

Keita horchte sofort auf und hob die Hand. "Ja, ich und Reiju." Er ließ sie wieder sinken und zeigt neben sich.

"Du bist also Reiju. Von dir hab ich schon viel gehört." Er blickte zu ihr rüber und starrte in ihre Augen. Überrascht zuckte sie zusammen.

"Was?", fragte sie zögerlich, doch Seiya lachte. "Kisumi erzählt immer so viel von dir."

"Tut er das." Sie atmete aus und schenkte ihm einen freundlichen Blick.

"Freut mich Ace Schulkameraden mal kennen zu lernen", sagte er noch, bevor Yuka endlich den Motor startete.

Kurz ließ Seiya seinen Blick über den Vieren ruhen. Dann sah er wieder rüber zu Reiju.

Ungewöhnlich lange blieb er an ihr hängen. Als Yuka losfuhr, drehte er sich endlich zurück auf seinen Platz.

Das war komisch, sagte sie zu sich, doch als Junko dazu keinen Kommentar fallen ließ, tat sie von dem Gedanken schnell ab.

"Was machen Ren und Ace denn heute?", hörte Reiju Yuka fragen, doch sie wandte ihren Kopf um. Ihr Blick ging nach draußen. Sie wusste, dass Kisumi heute zu Ren gegangen war. Ace war da sicher auch nicht weit.

Es wurde still.

"Was wollt ihr für Musik hören?", fragte Seiya nach einer Weile.

"Oh, darauf hätte ich dich wahrscheinlich vorbereiten sollen", fiel ihm Yuka plötzlich in sein Wort. Junko musste lachen. "Es gibt nur eine mögliche Art an Musik fürs Auto", sagte sie aufgeregt.

"Mach einfach das Radio an. Der richtige Sender ist schon eingestellt."

Und so hörten sie über die gesamte Fahrt ein klassisches Konzert von Bachs besten Stücken.

 

Als sie endlich in dem kleinen Ort ankamen, konnte Reiju gar nicht anders, als ein überwältigtes "Wow", über ihre Lippen kommen zu lassen.

Yuka parkte gerade. Viel konnte man bisher nicht sehen, doch der kleine Parkplatz war schon umgeben von unendlich hohen Bäumen. Ginkgos und alte Ahornbäume erstreckten sich über weite Flächen.

"Der Parkplatz ist ja sonst ganz leer", sagte Yuka, als sie ausstiegen. Keita nickte. "Wie mein Opa sagte. Dieser Wald wird seit Jahrzehnten nicht mehr verwaltet. Er ist praktisch ausgestorben."

"Doch die Natur lebt", raunte Reiju. Suru sah zu ihr rüber und musste kichern. Sie hatte diesen völlig erfüllten Blick drauf. Wenn sie diesen Wald betraten, konnte jeder von ihnen vergessen auch nur noch ein Wort mit ihr zu wechseln. Wie es schien barg dieser Wald viele Geheimnisse. Suru wusste sofort, Reiju würde sich gänzlich in ihm verlieren. Und auch Keita wurde immer ruhiger in Wäldern. Es schien als habe die Präsenz purer Natur etwas beruhigendes für sie alle.

Während Seiya ihre Tasche mit dem Proviant aus dem Kofferraum holte, sahen die anderen sich schon einmal um.

Es war kein Eingang zu erblicken. Überall standen die Bäume dicht an dicht und schienen eine undurchdringbare Dunkelheit zu bergen. "Wo gehen wir lang?", fragte Junko also. "Seltsam", entgegnete Suru nur verwundert.

"Am besten mitten durch." Seiya schloss das Auto ab und trat von hinten an sie heran.

Jeder überlegte wie ernst seine Aussage war, doch Reiju und Keita zögerten keine Sekunde.

Sie traten vor und bahnten sich durch die dicken Baumstämme einen Weg.

"Hey nicht zu weit vorgehen! Wir verlieren euch noch", rief Yuka und ging ihnen dicht gefolgt vom Rest schnell hinterher.

Sofort schlug eine Kälte auf sie ein.

Die Luft wurde modrig. Es war als betraten sie eine völlig andere Welt.

Es war recht dunkel, doch die Baumkronen leuchteten kräftig grün über ihnen. Der Frühling zeigte sich hier bereits in vollen, kräftigen Zügen. Alles blühte, alles entfachte sich in vollen Farben und schien sie warm zu umschließen. Die Bäume waren allesamt uralt, mächtig und bäumten sich hoch über sie auf. Die Zeit hatte sie belesen und nun wirkten sie ehrwürdig und weise, betagt mit Geschichten ihres Lebens. Ihre Borke war aufgesprungen und von zart grünem Moos durchzogen. Alles war feucht und lebendig, auch wenn es nach außen hin tot schien. Reiju spürte den Fluss der Energie beinahe schon an ihrem eigenen Leibe.

Yuka betrachtete sie. Wie konnte man nur so gegensätzlich sein.

Am Tage schien Reiju immer so unberührt, so besonnen.

Nicht kalt, aber als würde sie nichts erschüttern können. Völlig ruhig und abgeklärt. Auch wenn sie zeigte, dass Spaß sie nicht kalt ließ überwog dennoch das bedächtige an ihr.

Doch jetzt, hier in diesem alten unbedeutenden Wald. Zwischen alten und morschen Ahornbäumen. Auf dickem, grünem Moos. Unter den schützenden Blätterdächern voller leuchtender und raschelnder Blätter, wirkte sie so angreifbar. Ganz klein und sanft, als ergebe sie sich mit allem was sie hatte der unberührten Natur. Sie zollte ihr den höchsten Respekt. Ging vorsichtig und achtsam. Schien jedes Detail erkennen zu wollen, als entginge ihr ein wundervolles Meisterwerk, wenn sie nicht den Anblick eines jeden Blattes in sich aufnahm. Berührte die Borke der Bäume und sog die angenehm kühle Luft in sich ein. Den Geruch von feuchtem Holz und blühenden Knospen.

"Hey, da vorne wird es etwas heller", sagte Seiya und deutete auf einen Fleck zarten Lichtes. Es riss Yuka aus ihren Gedanken.

"Hoffentlich eine Lichtung", sagte Suru motiviert. Doch als sie über die schmalen Wege aus Laub und Moos an der Lichtquelle ankamen, sahen sie etwas, was keiner von ihnen erwartet hätte.

"Wahnsinn", raunte Junko demütig. Jedem verschlug es die Sprache.

Vor ihnen eröffnete sich ein Anblick wie aus alten Filmen.

Sie standen vor einem steinernen Torii. An den aufgesprungenen Stellen im alten Stein hatte sich Moos eingenistet und durchzog ihn in kunstvollen Mustern. Rechts und links umgaben ihn zwei alte Statuen. Klein und durch die Witterung gesichtslos. Auch sie waren wie grün eingefärbt.

Dahinter erstreckte sich eine lange Treppe. Sie war schmal und bewachsen und schien immer höher und immer tiefer in den Wald zu führen. Sanft wurde sie beleuchtet vom wenigen Licht, das die Baumkronen erlaubten. Der Stein glitzerte in der matten Sonne.

Reiju stand wie angewurzelt da, wagte es nicht vorzutreten. Es haute sie völlig um.

"Ob da oben... wohl immer noch der Schrein steht?", fragte Junko, doch ihre Stimme war leise. Als sei sie der Gegend nicht würdig.

Yuka nickte. "Stimmt, normalerweise führt so was immer an einen Schrein. Aber ganz ohne Fürsorge bezweifle ich, dass er noch gut erhalten ist."

"Ich tippe auf ja", warf Suru jedoch ein. "Sieh dir die beiden an." Er deutete rüber zu Keita und Reiju, die regungslos dastanden und ihren Blick nicht abwenden konnten. "Sie sind so eingenommen von der Magie des Waldes. Ich könnte fast glauben, hier spielt sich tatsächlich was magisches ab." Seiya musste lachen. Er fasste Suru auf die Schulter und blickte die langen Stufen hoch. "Das Gefühl hab ich auch."

Also begannen sie die Stufen hinauf zu steigen. Vorbei an sich wiederholenden kleinen Statuen und hohen, edlen Bäumen.

"Man sagt", begann Seiya plötzlich zu erzählen. "Auf diesem Wald lege ein Fluch."

Reiju wollte erst nicht zuhören. Stimmen ausblenden war ein Leichtes für sie, doch die Geschichte dieses Waldes interessierte sie brennend.

"Wenn man sich hier zu lange aufhält, beginnen die Yokai zu rebellieren. Sie beginnen zu versuchen einen loszuwerden. Das liegt wohl daran, dass die Menschen früher diesen Wald als Müllhalde nutzten, bis einige von ihnen angeblich verschwanden." Inzwischen hörte jeder zu. Gespannt neigten sie ihre Köpfe zu ihm rüber.

"Heutzutage glaubt da natürlich keiner mehr dran", sagte er und lachte. "Doch sein Ruf von damals hat diesen Wald verkommen lassen. Niemand traute sich mehr sich um ihn zu kümmern und irgendwann wusste niemand mehr wirklich von der Existenz seiner unglaublichen Weite. Niemand interessierte sich mehr und deshalb kann man auch ausmachen, dass die Stufen auf denen wir laufen mehrere 100 Jahre alt sein müssen." Seiya verstummte wieder und ging nur noch leise neben Yuka her.

Reiju legte ihren Kopf in den Nacken und sah in die unendliche Weite des Blätterdaches. "Dabei ist er doch so unglaublich schön", flüsterte sie ergeben.

"Seiya, du hast dich aber ganz schön gut informiert", witzelte Junko. Er musste lachen. "Ja ich hab den Ort hier gegoogelt. Wir von der Familie Kojin hatten schon immer einen grünen Daumen." Seine Stimme wurde lauter und er sah dramatisch in die Ferne, doch Yuka stieß ihm in die Seite. "Jetzt hör aber auf mit der Lautmalerei" Sie grinste und hakte sich bei ihm unter. "Die Geschichte dieses Waldes ist wirklich traurig."

Es dauerte eine Weile, bis sie das Ende der Stufen in der Ferne aufragen sahen.

"Wir sind fast da", sagte Seiya, jedoch als nur noch wenige Stufen vor ihnen lagen. Ein weiterer Torii kündigte ihr Ziel an. "Wer sagt dass uns ein Schrein erwartet?", fragte er und grinste. Suru, Keita und er selbst hoben den Arm.

"Ich bezweifle, dass so etwas so lange bestehen kann", sagt Junko entschlossen. Keita warf ihr sofort den Arm um die Schultern. "Wie immer pessimistisch eingestellt. Wir werden ja sehen."

Junkos Augen blitzten auf vor Rivalitätsdrang. Sie nickte und ging einige Stufen vor. Als erste kam sie ganz oben an.

Sie betrat wieder den weichen Boden aus Laub und Erde und sah sich um.

"Und?", rief Seiya neugierig.

"Ich glaube...", sie machte eine kurze Pause. "Das solltet ihr selbst sehen", antwortete sie und löste ihren Blick keine Sekunde von dem, was vor ihr lag.

Nach und nach trat jeder zu ihr und war sofort genauso gebannt wie sie.

Vor ihnen lag, eingebettet in einen hohen Hügel, ein großer Stein. Grau und grün ragte er aus dem Gebüsch hervor; historisch, mit alten zerfallenen Schriftzeichen.

Über ihm ein Torii. Umgeben von zwei mächtigen Kobushi-Magnolien. Sie standen in voller Blüte und ihre Rinde glänzte in zartem Silber.

Kurz sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort. Es war absolut still.

Reiju trat einen Schritt vor. Leise hörte man das Laub unter ihren Füßen rascheln. Stumm sog sie die süßlich, frische Luft tief in ihre Lungen.

"Hier sollten wir was essen", sagte Yuka. "Das ist der perfekte Ort."

Sie breiteten eine Decke auf dem feuchten Boden aus und Seiya konnte endlich die Tasche absetzen.

"Ist eigentlich überhaupt schon Blütezeit?", fragte er verwundert, als er weiter die zwei großen Bäume betrachtete. "März bis April", flüsterte Reiju, die sich jetzt endlich neben ihm auf der Decke niederließ. "Aber das ist nicht das seltsame an ihnen." Jeder sah auf. "Seltsam?", fragte Keita.

"Ja wisst ihr, Kobushi-Magnolien wachsen eigentlich nur in Bergwäldern. Hier sollten sie gar nicht aufzufinden sein." "Hm", machte Seiya. "Das ist wirklich seltsam."

"Seiya, Junko und du. Ihr würdet wirklich ein perfektes Team abgeben", lachte Yuka. Reiju musste lächeln. Gedankenverloren griff sie nach ihrem Bento.

Dieser Wald war wirklich was ganz besonderes. Noch nie hatte sie dieses Gefühl verspürt, was er ihr schenkte. Sie war völlig ruhig. Dachte an nichts, als an ihn. Den Wald. Die Natur.

Es sollte niemals zu Ende gehen.

 

Spät am Abend kamen sie zurück in ihre kleine Stadt. Die Sonne war schon beinahe untergegangen und brannte rot am Horizont.

"Vielen dank für den Tag", sagte Reiju, als Yuka vor ihrem Haus zum stehen kam. Sie ließen sie immer als Erste raus. "Und auch für das Fahren." Reiju lächelte und beugte sie etwas nach vorn, damit jeder sie hören konnte.

"Kein Problem. Ich bin froh, dass wir so etwas sehen durften." Reiju nickte. "Ja das bin ich auch. Also dann", sie fasste jeden ihrer Freunde kurz am Arm. "Wir sehen uns."

"Bye", riefen sie beinahe synchron und winkten gemeinsam mit Seiya und Yuka, als sie die Stufen zu ihrer Veranda aufstieg. Dann fuhren sie weiter.

Reiju blieb noch einen kurzen Moment vor ihrer Haustür stehen und atmete tief ein und aus. Der heutige Tag... war einfach perfekt.

"Reiju."

Verwundet drehte sie sich um.

"Ace?“

„Ace was machst du hier?“

Reiju legte den Kopf schräg und starrte auf ihn herunter.

Er hatte seine Kapuze über den Kopf gezogen und seine Hände in den Taschen des übergroßen, dunklen Pullovers. Sein Kopf lag im Nacken. Er sah ihr ins Gesicht.

"Dein Handy war aus. Ich konnte dich nicht erreichen", sagte er langsam.

Reiju trat eine Stufe zu ihm runter. Es wurde langsam kühl. Genau so kühl wie es dort gewesen war.

"Ja. Wir hatten im Wald andauernd keinen Empfang also hab ich es ausgeschaltet."

Sie fasste nach dem Handy in ihrer Jackentasche. Sie hatte über den Tag ganz vergessen, dass sie es überhaupt bei sich hatte.

"Warte", sagte sie dann aber. "Woher hast du überhaupt meine Nummer?"

"Von Kisumi, aber das tut nichts zur Sache. Hör mal", er sprach plötzlich lauter.

"Was ist los?", fragte sie also.

"Kisumi geht es gut, aber er ist im Krankenhaus." Sein Blick blieb an ihrem hängen und ließ ihn nicht los.

"Was?" Reiju trat die Stufen langsam zu ihm herunter. In seinem Blick las sie eine grübelnde Ruhe, es war nicht ganz deutbar.

"Ihm geht's gut."

Sie nickte.

"Deine Eltern und Ren sind da und er hat mich gebeten es dir zu sagen."

Wieder nickte sie.

"Er wollte nicht, dass du nach Hause kommst und es auf dem Anrufbeantworter hörst."

"Okay."

Sie passte sich seiner Ruhe an und trat gelassen zu ihm.

"Bringst du mich hin?"

Ace kratze sich am Kopf und sah die Straße runter. Er musste lachen.

"Wieso lachst du?", fragte sie verwirrt.

"Ich", begann er und hielt sich die Hand in dem langen Ärmel vor den Mund. Noch immer lachte er.

"Ich hätte mit mehr Drama gerechnet." Dumpf klang es durch den dicken Stoff. "Dass du weinst oder total durchdrehst und ich dir auf die Hände schlagen muss, damit du wieder klar denken kannst. Keine Ahnung irgendwie so was."

Reiju zog die Augenbrauen zusammen.

"Erstens", sagte sie und schloss den Reißverschluss ihrer Jacke. "Ist das echt nicht witzig." Ace grinste. "Zweitens, bin ich überhaupt nicht so. Unser erstes Treffen war nur ein Ausnahmezustand."

Dann ging sie los. Ace starrte ihr kurz grinsend hinterher, dann holte er schnell auf.

"Okay, entschuldige", sagte er und hustete als würde er damit seine Fassung zurück holen. "Ich versuche mir ein neues Bild zu machen. Wieso also spielst du es nicht auf?", fragte er.

"Du scheinst ungewohnt ruhig. Sonst bist du doch immer so ernst und genervt, also kann nichts Schlimmes passiert sein."

Ace Augenbrauen gingen nach oben. Erstaunt sah er sie an. "Also du solltest dir vielleicht auch ein neues Bild von mir machen", sagte er stoisch und lachte.

Reiju blickte zu ihm rüber. Das Lächeln auf seinen Lippen verflog nicht. Sie hatte ihn bisher nur ein einziges mal lachen sehen und zwar bei dem Fußballturnier vor ein paar Wochen. Danach war es aus seinem Gesicht verschwunden.

"Also... willst du mir vielleicht auch mal erzählen was passiert ist?", fragte sie dann endlich. Ace nickte ohne sie anzusehen.

"Wir haben Volleyball im Garten gespielt", begann er. "Und Kisumi ist umgeknickt."

"Volleyball im Garten also", sagte sie ruhig. "Und was genau ist passiert?", fragte sie dann.

"Wahrscheinlich ein gebrochenes Bein." "Vom... umknicken?" Ace zuckte mit den Schultern. "Vielleicht ist es auch nur ein überdehntes Band." Reiju sah zu ihm rüber und stieß ihm in die Seite. Ace lachte wieder. "Entschuldige, aber als ich da war wussten die Ärzte noch nicht so ganz Bescheid, aber ich hoffe natürlich, dass es nur angeknackst ist. Wenn wir zurück sind wissen sie bestimmt schon Genaueres."

Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her.

Reiju dachte an Kisumi und daran, dass er heute das erste mal nach Jahren wieder außerhalb seines Clubs Volleyball gespielt hatte. Dann schweiften ihre Gedanken weiter. Ihr Blick ging zu Ace. Auf seinen lockeren Zopf und seine matten Sommersprossen. Sie fielen ihr jedes mal aufs Neue auf.

"Es geht dir also endlich besser ja?", sagte Reiju dann, als es ihr auffiel. Ace war nicht mehr in der Schule gewesen, nachdem sie ihn am Dienstag nach Hause geschickt hatte.

"Ja ich bin auskuriert", antwortete er stolz. "Nicht mal meine Nase läuft noch."

"Gut das freut mich. Es sah nach einer ziemlich schlimmen Grippe aus." Ace nickte und zog die Ärmel seines Pullovers weiter über seine Hände.

"Hat mein Chef damals auch gesagt."

Reiju seufzte. Sie konnte nichts dagegen tun. "Du warst also echt noch auf der Arbeit?"

Sie beobachtete wie er versuchte seine Ärmel von innen mit seinen Händen zu greifen. Ganz konzentriert arbeitete er daran, bis er ihr plötzlich auf den Rücken schlug.

"Wir sind da, komm." Er nahm an Geschwindigkeit zu und ging als erster durch die große Eingangstür des Krankenhauses.

"Du willst mir also nicht antworten?", hakte Reiju weiter nach ohne darauf zu achten, dass sie gerade ebenfalls das Gebäude betrat.

Ace hatte sein kleines Ziel von eben schon wieder vergessen und krempelte seine Ärmel jetzt hoch.

"Ich weiß was du sagen wirst und darauf hab ich keine Lust."

"Du weißt also was ich sagen will? So weit ist es schon?" Sie sprach einfach weiter, während Ace sie in den Aufzug schob.

"Jetzt hör schon auf."

Er verschränkte die Arme und sah zur Seite, doch im Spiegel an der Aufzugwand konnte Reiju sehen, dass er lächelte.

"Übrigens. Danke." Sie lehnte sich etwas vor und suchte nach seinen Augen.

"Wofür?", fragte er und sah wieder zu ihr. Sie strich sich auf beiden Seiten ihre kurzen Haare hinter die Ohren. Sie lächelte so breit. Hatte Ace sie schon einmal lächeln sehen... er war sich nicht sicher.

"Dafür, dass du Kisumi ins Krankenhaus gebracht hast? Oder... dass du es mir gesagt hast? Oder dass du mich begleitest? Dass Ren da ist? Einfach danke."

Sie trat bei jedem Satz von einem Bein auf das anderen und warf nachdenklich ihren Kopf in den Nacken.

Ace zögerte. "Kein Problem."

Da kam der Aufzug zum stehen und öffnete seine Türen. "Komm. Kisumis Zimmer ist gleich da vorn."

 

Als Reiju in das kleine Zimmer trat saß Ren an Kisumis Bett. Er hielt ihm gerade sein Handy hin und lachte laut. Kisumi stimmte sofort mit ein.

Reijus Eltern saßen auf zwei Stühlen daneben. Sie dagegen gaben keinen Ton von sich.

"Kisumi!", sagte Reiju laut und lächelte.

Ace zog sich an die Seite zurück.

"Reiju, da bist du ja." Sie grüßte kurz auch Ren und ihre Eltern und setzte sich dann mit zu ihrem Bruder auf das Bett. "Wie geht es dir?", fragte sie. Er schüttelte den Kopf. "Mir geht es gut. Übermorgen soll ich schon nach Hause."

Reiju nickte und sah rüber zu ihren Eltern. "Was hat er denn genau?", fragte sie.

Ihre Mutter erhob sich, als sie Reijus Blick auf ihr sah. Sie strich Kisumi durch den langen Pony und lächelte nur ganz zaghaft. "Sein Fuß ist gebrochen. Das war anscheinend echtes Pech, aber es ist nicht so schlimm und eine OP ist auch nicht nötig."

"Übermorgen komm ich nach Hause und in ein paar Wochen bin ich wieder fit", sagte Kisumi aufgeregt. Reiju nickte. "Ganz genau."

Sie lehnte sich vor und küsste ihn auf die Stirn. Seine langen Haare kitzelten ihr an der Nase.

"Du hättest sehen sollen wie Kisumi geflogen ist!", rief Ren plötzlich.

"Er ist so unglaublich hoch gesprungen und hat den besten Schlag der Geschichte ausgeführt!" Heroisch gingen seine Hände in die Höhe. "Ja, nur die Landung war nicht mehr ganz so super", warf Ace lachend ein.

"Komm Ren, wir gehen. Die Besuchszeit ist gleich sicher zu Ende." Er legte seine Hand auf den Kopf seines kleinen Bruders und führte ihn zur Tür. Ren gehorchte ohne Widerworte. "Wir sehen uns morgen Kisumi!", sagte er. "Alles klar!"

Als sie gingen wurde es still im Raum. Reijus Mutter strich ihrem Sohn noch ein paar Mal durch das Haar, bevor er seinen Nacken kräuselte und ihr zu verstehen gab, dass es langsam unangenehm für ihn wurde. Sie seufzte und zog ihre Hand zurück. Dann sah sie zu ihrem Ehemann.

„Es ist spät, wir sollten auch langsam gehen“, sagte sie und er nickte.

„Ist es wirklich okay für dich hier allein zu sein?“, fragte er und blickte seinem Sohn entgegen, doch dieser nickte nur. „Sicher“, machte er stumpf und wagte es nicht den Blick seines Vaters länger als einen kurzen Moment zu halten.

„Reiju, kommst du auch?“, fragte ihre Mutter, während sie nach ihrer Jacke griff und sich anzog, doch sie schüttelte nach einem kurzen Blick zu Kisumi den Kopf.

„Ich werde bleiben, bis man mich rausschmeißt“, sagte sie und grinste breit. Kisumi lachte mit einem Mal wieder freudig auf. „Ja, bitte bleib noch!“

„Alles klar. Kommst du allein nach Hause oder soll Papa dich abholen?“, fragte ihre Mutter noch und steuerte schon den Türrahmen an. Als Reiju eine abfällige Handbewegung machte nickte sie.

„Brauchst du nicht, Papa“, sagte sie. Ihr Vater hatte sich erst jetzt erhoben und wartete noch einen kurzen Moment, bis seine Frau das Zimmer verlassen hatte. Sie ging immer gerne schon voraus, wenn er zu lange brauchte. Sie würde am Eingang auf ihn warten, das wusste er.

„Reiju, würdest du noch einen Moment mit mir raus kommen? Ich würde dir gern etwas sagen“, sagte er plötzlich, als er sich eine Weile nicht geregt hatte. Sie horchte auf. Kisumi dagegen schien sich noch immer nicht für seine Worte zu interessieren.

„Äh, klar“, machte sie unsicher und folgte ihm stumm auf den Flur.

„Was willst du?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und fühlte sich plötzlich unendlich unwohl. Es fühlte sich an wie vor einer Ewigkeit, dass sie das Letzte mal allein mit ihm war oder überhaupt richtig mit ihm geredet hatte.

„Hör mal, ich weiß du hast gerade nicht wirklich Lust dazu deinem Vater zuzuhören. Wahrscheinlich geht auch jedes Wort welches ich gleich sagen werde einfach an dir vorbei ohne, dass sie wirklich gehört werden, aber... ich würde gerne noch etwas sagen, bevor ich mich eurem Schweigen anschließen werde, sofern ihr das möchtet.“

„Ich hör dir zu“, sagte Reiju schnell und presste ihre Lippen wieder fest aufeinander.

„Mir... ist heute erst wieder klar geworden was diese ganze Situation eigentlich für uns bedeutet. Als Ace bei uns zu Hause anrief und sagte Kisumi würde ins Krankenhaus gebracht werden ging ich ans Telefon. Ich war schockiert und besorgt. Ich hatte Angst und das einzige was deine Mutter und ich in dem Moment wollten, war bei ihm zu sein und seine Hand zu halten. Als er dann aber, vor Schmerz noch weinend, mit rotem und nassen Gesicht, als er selbst dann meine Hand verweigerte und ich von der Ferne aus zusehen musste, wie er nur langsam den Schmerzen entkam, da wurde mir erneut bewusst was ich angerichtete hatte.“

„Erst dann wurde es dir bewusst?“, fragte sie plötzlich und klang harsch. Plötzlich tat ihr ihr Tonfall irgendwie leid. Ihr Vater verzog das Gesicht.

„Mir wurde bewusst, dass wir als Familie so nicht mehr existieren, obwohl das, und das musst du mir jetzt glauben, das Letzte ist was ich will. Hör mir zu, ich liebe dich und ich liebe deinen Bruder. Du bist gerade einmal sechzehn Jahre alt, aber ich weiß wie viel reifer du schon denkst. Mir ist bewusst, dass ihr Zeit braucht und die werde ich euch beiden geben, aber ich kann nicht oft genug sagen, dass es mir leid tut. Es tut mir so sehr leid und ich kann nichts anderes sagen als, dass ich es am aller meisten in meinem Leben bereue. Es gibt nichts was ich je dümmeres und grausameres getan habe als das. Ich wünschte ich hätte es nicht getan, aber die Vergangenheit kann ich leider nicht ändern. Also bitte ich dich einfach nur darum an meine Worte zu denken, während du mich anschweigst. Das war's auch schon.“

Reiju merkte wie nervös ihr Vater war, noch nie hatte sie ihn so zittrig gesehen.

„Hast du das auch Kisumi gesagt?“, fragte sie. „Er will mir nicht zuhören, egal was ich tue.“

Sie nickte. „Danke, aber... es tut noch zu sehr weh.“ Sie blickte in seine Augen und er nickte. Dann nickte auch sie. Darauf lösten sie ihr Gespräch und gingen stumm ihrer Weg.

Als Reiju zurück in das Zimmer trat sah Kisumi auf sein Handy.

„Willst du wissen, was er mir gesagt hat?“, fragte sie und setzte sich wieder zu ihm auf das Bett. Er schüttelte desinteressiert den Kopf. „Nein, danke“, sagte er. „Okay.“

„Viel lieber würde ich über etwas anderes reden“, begann er plötzlich und sah endlich zu ihr auf. Er wechselte sofort das Thema. „Über was?“, fragte sie neugierig. „Weißt du, ganz egal was Ace dir gesagt hat, es war seine Idee dich abzuholen."

"Wieso sagst du mir das?", fragte sie sofort und sah ihn intensiv an.

"Einfach so. Vielleicht interessiert dich ja die Wahrheit."

Reiju blieb still.

"Ich will euch ja nicht verkuppeln oder so", sagte er plötzlich. „Ich hab dich nur in letzter Zeit oft schlecht über ihn reden hören. Dabei ist Ace ein wirklich guter Mensch.“

"Und du bist manchmal viel zu durchdacht für dein Alter!" Reiju ignorierte die Tiefe seiner Stimme und griff unter seine Bettdecke. Sie kniff ihm in die Hand und war erleichtert als er endlich wieder lachte. Dennoch hallten seine Worte in ihr nach und ihr kam plötzlich wieder in den Sinn was Seiya heute noch gesagt hatte. Reiju war sich nach den letzten Tagen eigentlich ziemlich sicher gewesen, dass Ace tatsächlicher Charakter niemals naturverbunden und sanft sein könnte. Doch jetzt, nach dem heutigen Tag, nach den guten Worten über ihn, trotz allem wie er sich aufgeführt hatte, schien er vielleicht doch eine ruhige und freundliche Seite an sich zu haben.

 

Am Morgen des nächsten Tages waren Reiju ihre Eltern schon früh wieder im Krankenhaus.

Reiju musste beim Anblick ihres Vater sofort wieder an das gestrige Gespräch denken, was sie bisher wegen Kisumi völlig verdrängt hatte. Doch bei dem Verhalten ihres kleinen Bruders verstand sie auch sofort, worauf er hatte hinaus wollen.

Immer wenn ihre Eltern sich mehr bemühten schien Kisumi umso weniger an seinem Vater interessiert zu sein als sonst schon. Reiju beobachtete es jetzt immer wieder, wie er sich einfach verschloss, doch tun konnte sie bisher auch nichts. Er war verletzt und verwirrt und das war sie selbst ja auch. Sie fühlte sich schrecklich hilflos.

Zu ihrem Glück kamen kurz darauf Junko, Keita und Suru, um Kisumi zu besuchen. Sie brachen endlich die Stille, die geballt in dem winzigen Raum unerträglich geworden war.

"Sie wollten dich unbedingt sehen, als ich es ihnen gestern geschrieben habe", sagte Reiju und starrte aus dem Türrahmen den Flur herunter.

"So viele Leute sorgen sich um dich", sagte ihr Vater aufgeregt, doch Kisumi nickte nur.

Als sie endlich ankamen, fiel Reiju ein Stein vom Herzen.

Keita stürmte sofort auf Kisumi zu und brachte sein Bett zum beben. Junko und Suru setzten sich lachend dazu. Kurz grüßten sie auch Reijus und Kisumis Eltern und begannen dann damit Kisumis Gips zu begutachten. Sie unterhielten sich eine ganze Weile, doch konnte auch jeder einzelne von ihnen spüren, dass in diesem Raum etwas absolut nicht stimmte.

"Ist eigentlich alles gut bei euch zu Hause?", fragte Suru vorsichtig, als Reiju sie später wieder zum Hauptausgang brachte. Diese Frage war längst überfällig. Seit Reiju ihm damals versichert hatte, sie würden später noch darüber reden was sie so bedrückt hatte, war das Thema nicht mehr gefallen.

Reiju blieb auf die Frage hin lange ruhig.

"Nein nicht wirklich", sagte sie dann endlich. Es war zaghaft und sie zögerte.

Sie verließen das große Gebäude und setzten sich einvernehmlich auf eine Bank vor dem Eingang. Doch erst nach einer ganzen Weile der Stille begann Reiju endlich zu erzählen was passiert war.

"Wieso hast du es so lange verschwiegen?", fragte Junko.

Reiju zuckte mit den Schultern.

"Ich hatte irgendwie keine Lust darüber zu sprechen. Entschuldigt."

Jeder sah sie an. Es waren verständnisvolle Blicke, sie waren warm und tröstend.

"Ich habe versucht allein klar zu kommen", redete sie dann weiter. "Noch dazu... hat damals Ace Kisumi gefunden, als er davon gelaufen ist. Ich war damals so überfordert mit der Situation, dass ich vor ihm angefangen habe zu weinen."

Sie machte eine kurze Pause. Sie wusste, dass nicht mal Junko sie je hatte weinen sehen. Es war so seltsam. Wieso gerade Ace.

"Ich habe mich wohl irgendwie geschämt euch davon zu erzählen. Ich kann es noch immer nicht fassen, dass ich tatsächlich vor ihm geweint habe."

Sie blickte runter in ihren Schoß. Es tat ihr leid, für ihre Freunde und für Ace.

"Reiju, mach dir keine Sorgen. Es hat dich übermannt und er war eben da", sagte Junko. Sie schien ihre Gedanken zu lesen. Sie lehnte sich vor und lächelte Reiju in das Gesicht.

"Ja... das stimmt schon", antwortete Reiju. Sie wusste gerade nicht mehr wieso sie es so lange aufgeschoben hatte davon zu erzählen. Gerade spürte sie nichts anderes als Verständnis und es schien nur noch halb so schwer auf ihr zu lasten wie zuvor.

"Kisumi scheint es damit nicht so gut zu gehen oder?", fragte Keita dann aber. Reiju sah zu ihm auf und schüttelte zaghaft den Kopf. "Nein, er hat das noch überhaupt nicht weggesteckt", sagte sie leise. "Aber ich glaube... Ren ist ihm eine große Hilfe. Kisumi überkommt das schon." Keita nickte eifrig. "Und wir sind deine große Hilfe", rief Junko plötzlich. Keita lachte auf. Er stieß Reiju in die Seite und nahm sie dann fest in den Arm.

Suru blickte zu den beiden rüber und lächelte. Er und Junko gesellten sich zu ihrer Umarmung und er vergrub sein Gesicht in Reijus Schulter.

„Heute arbeiten wir mal etwas freier.“

Kokon-Sensei stand vor seiner Klasse und händigte dem Schüler in der ersten Reihe einen Stapel Blätter aus.

"Als Klassensprecher des zweiten Jahres habt ihr unter anderem die Aufgabe Ideen zur Verbesserung unseres Schulklimas beizutragen. Heute geht ihr bitte in euren Zweierteams nach draußen und sucht nach Mängeln und negativen Seiten. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier. Die Zettel zum ausfüllen gehen jetzt herum. Ich hoffe auf konstruktive Vorschläge."

Er beendete seinen Monolog und schob seinen Stuhl an den Tisch heran.

"Hat jeder ein Blatt?", fragte er und wartete.

Keine Beschwerde war zu hören, also blickte er auf die Uhr.

"Alles klar, eine Stunde Leute. Wenn ihr eine Frage habt, ich bin solange im Lehrerzimmer."

Er tippte auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr und verließ dann das Klassenzimmer. Jeder erhob sich und suchte ebenfalls den Weg zur Tür.

Es war zwar schon sechs Uhr, aber jetzt im April blieb es immer länger hell und sie konnten sich ohne Probleme draußen umsehen.

Suru stand ebenfalls von seinem Stuhl auf. Seine Partnerin Yua ging schon zur Tür, als er noch auf Reiju zukam.

"Kommt Ace mal wieder zu spät?", fragte er. Sein Blick fiel auf den leeren Stuhl neben ihr.

Sie zuckte mit den Schultern. "Wie immer wird er bestimmt gleich kommen."

Suru nickte. "Ich hoffe es. Wir sehen uns gleich." Er winkte und folgte Yua dann nach draußen.

 

Reiju starrte auf das Aufgabenblatt. Inzwischen war sie ganz allein in dem Raum. Ace hatte wirkliches Glück, dass sich Kokon-Sensei so gut wie gar nicht für diese Klassensprechersitzungen interessierte. Ob jeder da war oder nicht schien ihm ziemlich egal, die Hauptsache war, dass Ergebnisse geliefert wurden, die er dem Schulleiter zeigen konnte.

Reiju las die Aufgaben und gähnte.

Viel Schlaf hatte sie in der letzten Nacht nicht wirklich bekommen. Kisumi konnte noch immer nicht vernünftig laufen. Seinen Hobbys nachgehen war nicht drin, weshalb er als Zeitvertreib mit 'the Legend of Zelda' Spielen begonnen hatte und Reiju ließ es sich nicht entgehen ihm dabei ausgiebig zuzuschauen. Stundenlang lagen sie zusammen auf seinem Bett und rätselten.

Heute aber hatte Kisumi erst später Schule, weshalb er länger gespielt hatte, als Reiju hätte wach bleiben sollen.

Wieder gähnte sie.

Zehn Minuten war Ace jetzt zu spät. Sie ließ ihren Kopf auf ihren Armen nieder und schloss die

Augen.

 

20 Minuten. 20 ganze Minuten zu spät.

Ace hechtete durch den Schulflur und erreichte abgehetzt das Klassenzimmer. Kurz atmete er durch und horchte dann. Drinnen war es völlig ruhig. War es heute etwa ausgefallen?

Langsam schob er die Tür auf.

Tatsächlich war niemand da. Niemand außer… Reiju saß auf ihrem Platz. Ihr Kopf ruhte neben ihrem Arm auf der Tischplatte. Sie schlief.

Vorsichtig schloss Ace die Tür hinter sich und näherte sich leisen Schrittes seinem Stuhl. Er gab sich höchste Mühe keine Geräusche zu machen. Still setzte er sich hin.

Seltsam. So viel zu spät war er doch nun auch wieder nicht. Wieso war niemand da und wieso schlief Reiju.

Er betrachtete sie. Ihr Mund war leicht geöffnet. Ihr Körper hob und senkte sich regelmäßig. Dafür, dass sie in der Schule schlief, wirkte sie so beruhigt.

Ace musste lächeln. Sie sah wirklich zufrieden aus.

Da fiel sein Blick auf das Blatt neben ihr. "Kritik und Vorschläge" Er zog es zu sich und kramte einen Stift hervor. "Hm", machte er, während sein Blick nach Draußen ging. Es war noch recht hell. Die Sonne hob seine Stimmung. Es war ein guter Tag gewesen. Da fiel ihm etwas ein.

 

Reiju schreckte hoch. Wie viel Zeit war vergangen?

Sie setzte sich schnell auf und blickte sich um. Niemand war da, die Uhr tickte und zeigte sieben Uhr an. 50 Minuten seit Kokon-Sensei den Raum verlassen hatte. Aufgeschreckt suchte sie nach dem Arbeitsblatt.

"Hey, beruhige dich."

Ace trat von hinten an ihren Stuhl und tippte ihr auf den Kopf.

Verwundert sah sie zu ihm hoch. "Was... ist passiert?", fragte sie. Ihre Stimme klang verschlafen. Sie rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und beobachtete wie er sich neben sie setzte. "Du hast geschlafen, als ich gekommen bin."

"Es...es tut mir leid", sagte sie immer noch völlig verwirrt. Ace lachte. "Kein Problem. Du sahst aus als würdest du dein Päuschen genießen."

Sie ignorierte sein Kommentar, als sie das Aufgabenblatt entdeckte.

"Du hättest mich auch einfach wecken können", sagte sie und griff danach. "Ja, aber ich wollte dich nicht stören."

Reiju blickte auf fein säuberlich ausgefüllte Aufgaben.

"Die Pflanzen auf Vordermann bringen. Eventuell mit Garten AG", las sie Ace Antwort laut vor. "Eine Garten AG." Sie grinste und sah zu ihm auf.

Ace stützte seinen Kopf in seine Hand und sah zu ihr rüber. Er zuckte nur beiläufig mit den Schultern. Sein Blick wirkte wie so oft ermüdet oder vielleicht auch gleichgültig.

"Das klingt alles ziemlich gut. Kokon-Sensei wird begeistert sein."

"Das ist doch die Hauptsache."

Reiju legte das Blatt wieder beiseite und fuhr sich schnell durch das kurze Haar. Dass sie einmal in der Schule schlafen würde, hätte sie auch nie gedacht.

"Ace du hast doch jetzt schon eine Weile meine Nummer oder?", fragte sie, als sie die Situation langsam zu realisieren begann.

"Ja, wieso?" Er sah sie an. Direkt in ihre Augen.

"Wie wäre es wenn du mir nächstes mal kurz schreibst, wenn du zu spät kommst? Dann weiß ich wenigstens ob du überhaupt noch kommst."

"Mhm...", machte er. "Wenn ich das in der Küche schaffe."

"Küche? Hast du da etwa endlich verraten wo du arbeitest?"

Ace grinste. Sein Blick löste sich von ihrem und ging vor zur Tafel. Er spielte mit dem Stift in seiner Hand.

"In welcher Küche genau?", fragte sie weiter.

"Wieso willst du das wissen?"

"Smalltalk." Reiju warf ihm einen entschlossenen Blick zu, doch er sah sie nicht mehr an.

"Das geht aber bisschen über Smalltalk hinaus oder?"

"Wir können auch einfach still nebeneinander sitzen, wenn du das möchtest."

Ace sagte nichts mehr. Reiju seufzte still und schloss damit ab, dass dieses Gespräch wohl beendet war. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und streckte sich. Irgendwie interessierte sie es tatsächlich in welchen Nebenjob er so viel investierte. Küche... kochte er oder wusch er nur das Geschirr ab? Sie fragte sich, ob es ihm wenigstens Spaß bereitete. Er schien wirklich immer dort zu sein.

"Kageyamas."

"Hm?", machte sie.

Ace hatte unerwartet die längere Stille gebrochen. Er drehte seinen Kopf langsam wieder zu ihr und blickte in ihr aufgeschrecktes Gesicht.

"Da arbeite ich."

Sie hörten das Geräusch der Tür. Kokon-Sensei betrat den Raum. Hinter ihm folgten schon die ersten Schüler. Kokon stelle sich an die Tafel und begann eine Tabelle anzuschreiben.

Ihr Gespräch wurde vergessen.

Nach der Stunde verließ Reiju als eine der Letzten den Raum.

Sie freute sich einfach schnell nach Hause zu kommen und zu schlafen. Als sie jedoch auf den Flur trat, wurde sie direkt aufgehalten.

"Hey, ist Ace noch drin?", fragte ein Junge, der vor dem Klassenzimmer an der Wand lehnte.

Reiju erkannte ihn. Es war Izaya aus der Zwei. Ace bester Freund.

Reiju nickte. "Ja, ist noch drin."

Sie sah zu ihm hoch. Es fühlte sich an, als müsse sie ihren Kopf bis zum Anschlag in den Nacken werfen. Vom Nahen sah Izaya tatsächlich noch viel größer aus als sonst schon, wenn sie ihm auf dem Flur begegnete. Er war verdammt groß gewachsen und hatte struppiges blond gefärbtes Haar. Er trug Sportklamotten. Reiju hatte gehört, er solle das Ass im Volleyball Team sein. So groß wie er war, schien es auch kein Wunder.

"Du bist doch Reiju aus seiner Klasse oder?", fragte er weiter.

Reiju riss sich zusammen und hörte auf seine Frage. Sie nickte.

"Dann musst du also mit ihm zusammen arbeiten. Macht er sich gut als Partner?" Er lächelte und schien sich wirklich mit ihr unterhalten zu wollen.

"Wenn er nicht gerade zu spät kommt oder schlecht gelaunt, ist schon", antwortete sie knapp.

"Ach ja Ace. Ganz nach seiner Stimmung nicht zu gebrauchen."

"Hey!"

Endlich kam Ace aus dem Raum. Er lief auf Izaya zu und griff ihm um den Hals. Allerdings war er um einiges kleiner als er, weshalb die Pose schnell scheiterte.

Izaya lachte und löste seinen Griff. Langsam setzten sie sich zeitgleich in Bewegung. Reiju folgte ihnen Richtung Ausgang.

"Wir sehen uns so selten, weil du immer arbeitest. Deswegen dachte ich mir, gehen wir heute mal zusammen nach Hause. Vielleicht sehe ich dann ja auch mal wieder Ren und Seiya. Schau wie es euch so geht." "Seiya ist gerade nicht zu Hause. Und du bist nicht unser Vater, Izaya." Ace schnippte ihm gegen seinen nackten Unterarm.

"Ich weiß", er warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. "Trotzdem guck ich mal wie es bei euch so läuft. Bitte lass mich. Ich war eine Weile nicht mehr da, ich vermisse deine viel cooleren Brüder." Er grinste breit und sah herausfordernd zu Ace herunter.

"Na gut." Ace gab seufzend nach. "Vielleicht kannst du dann auch endlich deine Mutter beruhigen."

"Die ist erst ruhig, wenn sie sieht, dass ihr euren Garten auch weiterhin schön pflegt."

"Der ist wirklich sehr gepflegt", warf Reiju plötzlich in ihr Gespräch ein. Sie hatte abgeschaltet und nur mit einem halben Ohr zugehört, doch darauf reagierte sie ganz automatisch.

Izaya sah verwundert zu ihr rüber. "Sie darf bei dir vorbeikommen, aber ich nicht?", fragte er mit aufgesetzter Empörung.

"Du darfst kommen. Du sollst nur nicht alles so inspizieren."

Ace schien wieder so abweisend wie am ersten Tag und das sogar zu seinem besten Freund.

'Ganz nach seiner Stimmung nicht zu gebrauchen.' Das hatte Izaya eben noch gesagt. Also war Ace einfach nur verdammt müde und sein Verhalten ein Schutzmechanismus? Welcher Teil in ihm brachte ihn nur dazu, sich so zu wandeln. Dieser Teil musste völlig überfordert sein.

Aber Izaya war ganz ruhig. Er musste es von ihm gewohnt sein. Er schien damit umgehen zu können.

"Reiju, hey!" Izaya beugte sich herunter und kam ihrem Gesicht plötzlich ganz nah.

"Übertreib es nicht", raunte Ace jedoch und zog ihn von ihr.

"Hm?", mache Reiju nur, der ganz klar bewusst war, dass sie gerade wieder in Gedanken versunken absolut nichts mitbekommen hatte. Sie standen schon an den Schließfächern für die Schuhe.

"Wir machen uns dann auf den Weg. Man sieht sich", sagte Ace. Sie nickte nur. Dann griff er Izaya am Arm und schob seinen winkenden Freund zur Tür hinaus.

 

Ace musste gähnen. Er schlug sich die Hand vor den Mund und zog es weit in die Länge.

"Müde", sagte Izaya zu ihm, als sie in die Straße zu Ace Haus einbogen. Er nickte. "Natürlich."

"Du warst wieder schon vor der Schule da."

"Izaya." Ace klang todernst.

"Nein, Ace, das ist es nicht. Ich weiß was du sagen willst, aber darauf wollte ich nicht hinaus." Izaya war die Ruhe selbst.

"Ich habe es irgendwie aufgegeben."

Ace hielt inne. Izayas Stimme war kraftloser als sonst. Normalerweise verlor sie nie den Nachdruck. Er prahlte immer es kam von seiner unglaublichen Ausdauer aus dem Volleyball.

"Izaya, du weißt doch, dass ich nicht einfach so dort arbeite."

"Ich weiß. Und wenn es nur ums Geld gehen würde, hätte ich dich da schon längst raus geschleift."

Ace wusste kurz nichts zu entgegnen. Izaya kannte ihn. Jeden Winkel.

"Danke", sagte er dann.

Izaya lachte und schlug ihm mit seiner unglaublichen Angriffshand gegen den Rücken. Ace spürte sie tief in seiner Wirbelsäule. Er knickte gegen ihn jedes mal ein.

"Nicht so schwächeln", rief Izaya lachend, als sich Ace das Kreuz hielt. "Du bist ein Monster, Izaya." Er lachte weiter und rieb sich das Kinn. "Den Spitznamen sollte ich im Team einführen."

"Wir sind da. Lass uns einfach reingehen."

Ace raunte es durch ein Gähnen hindurch und kramte seinen Schlüssel hervor. Er schloss die Tür auf und holte die Post aus dem Briefkasten.

Izaya trat schon ein und sah sich einmal kurz um. Es war aufgeräumt und sauber. Sogar die Küche blitzte. Er fragte sich, wer wohl putzte wenn Ace und Seiya immer nur arbeiteten.

"Irgendwas spannendes in der Post?", fragte er, als Ace die Briefe durchging ohne richtig einzutreten.

"Nur Rechnungen, wie immer", sagte er. Ein Brief aber schien seine Augen zu fesseln.

"Lass mal sehen." Izaya trat zu ihm vor und nahm ihm die Briefe ab. "Du, zieh erst mal deine Schuhe aus."

Der oberste Brief war einer aus Seiyas Uni. Vom Badminton Club. Vorne stand "Trainingscamp" geschrieben.

"Er hat mir von nichts erzählt. Deswegen habe ich so geguckt."

Ace sprach beiläufig und ließ seine Schuhe zu Boden fallen.

Izaya nickte. Er ging in die Küche und legte die Briefe auf der Theke ab. "Hast du schon gegessen?", fragte er dann.

Kopfschüttelnd folgte Ace ihm. "Ren hat geschrieben er und Kisumi haben gekocht."

Er sah sich um. Auf dem Herd stand ein Topf. Als er den Deckel hob erfüllte den Raum der Geruch von Ramen. Es roch unglaublich gut.

"Du und Kisumi, ihr habt das irgendwie im Blut, was."

Jetzt musste Ace lächeln. Er schloss den Deckel wieder und drehte sich zu ihm.

"Willst du auch was?" Doch Izaya schüttelte den Kopf. "Meine Mutter wartet sicher schon auf mich, aber ich komme demnächst vorbei und dann erwarte ich ein drei Gänge Menü."

"Klar."

Izaya ging zurück zum Flur und zog sich die Schuhe an. "Ich sage meiner Mutter, dass euer Garten wunderschön aussieht."

"Ja bitte."

"Wir sehen uns."

"Das werden wir."

 

Kurz schaute Ace in Rens Zimmer rein. Er und Kisumi lagen auf dem Bett und spielten irgendein Spiel auf der Konsole.

Sie begrüßten sich und Ren machte ihn auf das Essen aufmerksam. Ace bedankte sich, dann ließ er sie wieder allein.

Es war schon recht spät. Kisumi müsste bald nach Hause, Seiya aber war noch immer nicht da.

Er ging zurück in die Küche und nahm sich eine Schüssel Ramen.

Am Küchentisch blieb er sitzen. Bis er die Tür hörte.

Seiya zog sich die Schuhe aus, warf seine Jacke auf die kleine Kommode und trat in den Flur vor.

"Ace, Ren?", rief er und warf einen Blick in die Küche.

"Da bist du ja." "Hey, Seiya."

Er entdeckte den Stapel an Briefen und betrat den Raum. Langsam begann er alle durchzugehen.

"Da ist auch einer von deinem Verein."

Seiya sah auf. Ace Stimme klang kalt.

Seiya blätterte weiter und entdeckte den Brief, der mit 'Trainingscamp' gebrandmarkt war.

Er seufzte tief.

"Ace. Bitte lass es", bat er ihn, doch Ace hörte nicht.

"Wenn du vorhättest hinzugehen, hättest du mir davon erzählt noch bevor die Anmeldeformulare angekommen wären. So war es doch sonst auch immer."

"Das ist richtig."

"Sag mir nicht du hast nicht vor hinzugehen."

"Aber so ist es."

Ace starrte auf die Tischplatte. Er spürte die Anspannung an seinem gesamten Körper.

"Was ist aus deinen Worten geworden? 'Das Camp bringt mich zur Spitze. Trainingsspiele sind das Wichtigste. Nur mit dieser Chance an intensivem Training kann ich wachsen'."

Seiya seufzte erneut. Er legte den Brief nieder und betrachtete die großen Zeichen auf dem Umschlag. Tief atmete er ein und wieder aus.

"Das war vor Papas Tod."

Ace ballte die Fäuste. Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Stuhl und sah seinem großen Bruder starr in die Augen.

"Dann hör dir meine Worte an!", sagte er laut.

"Das Trainingscamp ist deine Chance! Du willst das doch noch immer oder nicht?! Du träumst doch von dir an der Spitze. Du in den großen Hallen. In Olympia!"

Seiya lachte, doch es klang gequält. Er zog die Augenbrauen zusammen und zwang sich dem Blick seines Bruders standzuhalten.

"Sag jetzt nicht das tut nichts zur Sache. Sag es bloß nicht." Ace stieg die Wut bis zur Grenze. Er konnte sich nicht regen.

"Ja Ace, ich will das. Ich werde dir immer die Wahrheit sagen. Olympia war schon immer mein Traum. Diese hohen Hallen, der Druck, die Atmosphäre. All die Zuschauer, die ihren Blick nur auf dich und deinen Gegner richten..." Er hielt inne. Eine Gänsehaut durchfuhr ihn. Doch er fing sich.

"Aber ich kann nicht ins Trainingscamp. Mir gehen zu viele Arbeitsstunden verloren und wir brauchen das Geld."

Seiya zwang sich zur Ruhe. Er musste Ace jetzt seine Autorität zeigen. Wenn er sie nicht von ihm spüren durfte, dann war dort niemand mehr.

"Wofür? Wofür brauchen wir es schon wenn du es nicht für deine Karriere ausgeben kannst? Seiya ich bitte dich. Ich arbeite auch und wenn das Geld knapp wird, eben noch härter, aber geh in dieses verdammte Trainingscamp."

Ace atmete schwer. Seiya beobachtete ihn nur noch.

Er hatte ihn noch nie in so einem Gefühlsausbruch gesehen. Nie so wütend. Nie so emotional. Ace war immer ganz ruhig gewesen.

"Wenn du in ein paar Jahren nicht an der Spitze stehst Seiya, bin ich wirklich wütend."

Er funkelt ihn düster an. Sein Blick durchbohrte ihn.

"Okay." "Okay?"

"Ich gehe, wenn du mir versprichst deswegen nicht noch mehr zu arbeiten."

Seiyas Blick gewann an Sicherheit. Er klang jetzt völlig ruhig und trat auf Ace zu.

"Kageyama hat mir von deinen Überstunden erzählt."

Ace sackte ein. Seine Miene wurde weicher. Beinahe kleinlich.

"Wenn du aufhörst so viel zu arbeiten werde ich gehen. Wir bekommen das schon hin."

Ace nickte. Sein Atem beruhigte sich nur ganz langsam.

Dann spürte er die Arme seines Bruders um sich. Sanft lächelte Seiya und drückte ihn. In seiner Umarmung beruhigte sich sein Atem gänzlich.

Die Aprilsonne war warm. Hell und kräftig schien sie auf den kleinen Vorort herunter.

Reiju saß im Gras, ihre Jacke lag daneben. Sie war an diesem Tag völlig überflüssig.

Suru und Keita alberten neben ihr herum und Junko flocht einen ihrer langen Zöpfe nach.

Reiju genoss diese Ruhe auf dem Schulgelände, wenn sonst jeder schon zu Hause war.

Sie alle verbrachten heute Reijus und Surus Pause bis zum Meeting zusammen. Genau wie in den letzten Wochen auch.

"Wo sind eigentlich die anderen Klassensprecher, wenn wir hier sind?", fragte Junko und band ein Haargummi fest um ihre Haarspitzen.

Suru zuckte mit den Schultern. "Essen oder so?"

"Nur Ace ist arbeiten", antwortete Reiju und schloss die Augen. Die Sonne wärmte sanft ihr Gesicht.

"In nur einer Stunde?", fragte Junko, doch Reiju zuckte mit ihren Schultern. "Er hält viel von seinem Job."

"Wo arbeitet er denn? Ich hab gehört er soll immer dort sein."

Keita fing einen Schlag von Suru ab und grinste ihm siegessicher zu.

"In irgendeinem Café... oder Diner oder sonst was. Ich weiß nur, dass es Kageyamas heißt."

Zögerlich gingen Reijus Augen wieder auf. Die Sonne blendete, doch es störte sie nicht. Der helle weiße Punkt hoch oben am Himmel hob ihre Stimmung.

"Was hält Seiya eigentlich davon? Dass Ace so viel arbeitet mein ich", fragte Junko weiter. Doch Reiju wusste nichts zu sagen.

"Es muss schwer für sie sein", sagte Suru nachdem er mit einem letzten triumphierenden Schlag Keita zu Boden gerissen hatte. Dieser ließ sich zurück ins Gras fallen und akzeptierte seine Niederlage.

"Aber apropos Seiya!", rief Suru plötzlich. Er hatte ohnehin nicht vorgehabt über ihr Privatleben zu spekulieren. Alle sahen zu ihm auf.

"Er hat dieses Wochenende ein Freundschaftsturnier und Yuka hat uns eingeladen auch zu kommen."

Reiju starrte ihn an.

Richtig... Seiya spielte ja Uni Badminton. Das hatte er damals mal erwähnt.

"Wie aufregend", sagte Junko. "Uni Sport ist bestimmt spannend." Keita nickte und setzte sich auf. Er ging in den Schneidersitz und beugte sich vor.

"Seiya war cool. Lass ihn uns unterstützen!"

Zuletzt sah jeder rüber zu Reiju. Sie spürte die Blicke ihrer Freunde und lächelte. "Klar, wieso nicht."

"Perfekt. Dann sag ich ihr gleich Bescheid."

 

Die Halle in der das Turnier stattfand war riesig. Ein Badmintonplatz lag neben dem andern und mehrere Spiele fanden hier schon seit dem frühen Morgen gleichzeitig statt.

Seiyas erstes Spiel war für den Vormittag angesetzt. Yuka führte sie zu seinem Zuschauerbereich.

"Hast du ihn heute noch mal gesehen?", fragte Suru, der neben ihr die Reihe anführte, doch sie schüttelte den Kopf.

"An Tagen wie diesen sehen oder schreiben wir uns immer erst, wenn seine Spiele vorbei sind. Es macht ihn und mich sonst viel zu nervös."

"Ihr seid echt niedlich", warf Junko lachend ein, doch Yuka schüttelte beschämt den Kopf.

"Seht, Ace und Ren sind auch schon da."

"Und Izaya." Jedem schien es als wären das gerade Reijus erste Worte an diesem Tag gewesen. Keita, Suru und Junko sahen zu ihr rüber.

"Du kennst ihn?", fragte Keita. Reiju nickte. Normalerweise war sie nicht diejenige, die einfach neue Kontakte knüpfte. Sie wusste aber auch, dass er in Junkos Klasse war. So verwunderlich durfte es diesmal also nicht sein. Sie biss sich auf die Unterlippe und setzte sich schon mal, als sich jeder begrüßte.

"Reiju!", rief Izaya nachdem er Junko eine freudige Willkommensumarmung geschenkt hatte.

Reiju sah zu ihm rüber und winkte. Er saß vier Plätze weiter als sie. Dann sagte sie auch "Hi" zu Ace, Ren und ihrem eigenen Bruder, der mit ihnen gekommen war. Sein Bein war noch immer eingegipst. Seine Krücken nahmen neben ihm einen eigenen Platz ein.

"Nervös?", fragte Yuka und setzte sich neben Ace. Er nickte angespannt. "Jedes mal", sagte er.

Izaya begann sofort sich mit Junko zu unterhalten. Sie schienen sich gut zu verstehen. Reiju hörte wie sie sich über dies und jenes unterhielten, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen.

Sie musste lächeln.

"Wann beginnt Seiyas erstes Spiel?", hörte sie Keita fragen.

"In 10 Minuten", antwortete Ace.

Er trug sein Haar heute offen. Reiju lehnte sich in ihrem Sitz zurück und löste ihren Blick von ihm.

Die Zeit verging schnell und Seiya trat auf das Spielfeld.

Sein Trainer und ein paar seiner Vereinskollegen nahmen auf der Bank platz.

Seiya wirkte anders als sonst. Er wirkte ruhiger, völlig fokussiert. Es war ein gutes Zeichen, dachte sich Ace und ballte seine Fäuste.

Er selbst war nervös. Es waren nur reine Freundschaftsspiele und viele der Spieler der gegnerischen Unis waren eng befreundet. Freundschaftsspiele in dieser Konstellation gab es schon etliche Male, doch noch nie hatte Ace sich vor einem Spiel mit Seiya gestritten.

Auch wenn es jetzt schon eine Weile zurück lag, der Streit legte sich noch immer wie dunkler Nebel zwischen sie. Seiya hatte an diesem Abend gesagt, er würde ins Camp gehen, doch seine Augen hatten seit jeher eine Abneigung ausgestrahlt, jedes Mal wenn er vom Training kam.

Ace Körper zitterte.

Trotz allem glaubte er an ihn. Er wusste, Seiya konnte es schaffen. Immer weiter bis zum Finale.

Mit einem Haarband entfernte Seiya die Haare aus seinem Gesicht und trank einen letzten Schluck Wasser. Dann griff er nach seinem Schläger.

"Kennt man seinen Gegner?", fragte Izaya, doch Yuka schüttelte den Kopf.

"Er muss neu im Verein sein. Ich habe ihn noch nie gesehen."

Es war ein großer und ziemlich breiter Rotschopf. Kraft schien er zu haben, doch konnte er auch gegen Seiyas intelligenten Spielstil ankommen.

Die beiden Spieler gingen in Position und das Spiel wurde angepfiffen.

Wie als wäre es das Startsignal für Ace und nicht für das Spiel stand er auf. Er trat zum Geländer und lehnte sich weit vor. Seine Hände umklammerten das kalte Metall.

"Das ist dein nächster Schritt zu Olympia!" Er schrie es aus vollster Seele. Sein Blick war tief entschlossen. Egal was alles passiert war, egal wie Seiya drauf war. Wenn er auf dem Feld stand, brannten seine Augen letzten Endes noch immer so sehr wie bei seinem ersten Spiel in der Mittelschule.

Seiya hörte Ace Worte genau.

Sein Herz raste, als er den Aufschlag ausführte. Es raste und machte ihn nervös, doch er verlor sich im Spiel. Und siegreich kam er wieder.

 

"Zweite Runde!", schrie Keita und Ace stimmte ein. "Immer weiter, Seiya! Du schaffst das!"

Seiya atmete schwer ein und aus, dann erst sah er zu ihnen hoch.

Die Reihen hatten sich gefüllt, doch er sah seine Familie und Freunde ganz deutlich.

Er würde das hier... doch gewinnen?

Er war stark, er würde ihnen zeigen, dass er gut drauf war. Er würde ihnen zeigen, dass alles was er vorhatte richtig war. Trainingscamp hin oder her. Er würde auch ohne siegen.

Für Ace müsste er es. Er müsste alles gewinnen.

Plötzlich spürte er wie sein Herz weiter zu rasen begann, statt sich zu beruhigen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sah wieder weg.

"Gut gespielt", sagte sein Trainer und klopfte ihm auf die Schulter.

"Danke", sagte Seiya, doch es klang angestrengter als es sollte.

"Alles gut?", fragte Miyamoto. Er musterte ihn.

Vor dem Spiel hatte Seiya noch entschlossen gewirkt. Doch er hatte seit Wochen immer wieder diese Aussetzer. Momente in denen er sein Feuer verlor und genau das geschah auch gerade. Bisher kamen sie nie in Spielen vor, wenn es so kommen würde, wäre es für ihn wohl gelaufen.

"Ja sicher." Seiya nickte ihm zu und nahm sich seine Sachen. Er ging ohne auf die anderen zu warten.

 

Sein erstes Spiel gewann Seiya.

Auch das zweite ging zu seinem Vorteil aus, doch je länger er spielte, desto weniger schien er sich konzentrieren zu können. Je öfter er zuschlug, desto schwacher schien sein Wille.

Ace erkannte es. Auch Yuka schien es aufzufallen.

Reiju stand plötzlich auf. Sie wusste nicht ganz was sie tat, aber irgendwie hatte sie gerade das Bedürfnis ihre Gedanken loszuwerden.

"Eine halbe Stunde bis zum Halbfinale oder?", fragte sie.

Suru nickte. "Wieso? Musst du auf Klo?", fragte Junko. Reiju warf ihr einen kurzen Blick zu doch schüttelte nur mit dem Kopf.

"Einer von euch sollte mit Seiya reden."

Ace blickte sie verwirrt an. Genau wie der Rest von ihnen. "Reiju was ist los?", fragte Keita, doch Yuka stand auf.

"Ich gehe, wenn das okay ist, Ace." Er nickte nur.

"Seiya lässt nach oder?", fragte Ren, als Yuka verschwunden war.

"Irgendwas scheint ihn abzulenken", antwortete Ace.

Reiju setzte sich wieder und ignorierte Surus Blick auf ihr. Er musste sich fragen, wieso sie so anders handelte als sonst, doch das interessierte sie gerade nicht. Irgendwas lief mit Seiya falsch und das hatte nicht nur sie bemerkt.

"Gegen wen spielt er als nächstes?", fragte Junko, um die Stimmung etwas aufzulockern.

Kurz blieb es still, doch Ren antwortete ihr.

"Ähm, gegen Kousuke von der Shinzen."

"Kousuke", wiederholte Ace. Seine Stimme klang, als wäre sie in Erinnerungen verschwunden.

"Das ist ein guter Freund von Seiya, aber auch sein größter Rivale. Die beiden haben schon eine lange Geschichte durchgemacht. Seit der Highschool eifern sie sich gegenseitig nach."

"Wie spannend!", rief Junko, die endlich das Uni Drama bekam, welches sie erwartet hatte.

"Das wird ein schweres Spiel oder?", fragte Kisumi. Ace nickte. "Und der Druck steigt enorm."

Yuka kam genau rechtzeitig zum Spielbeginn wieder.

Sie setzte sich zurück auf ihren Platz neben Ace und wartete erst gar nicht auf seine Frage.

"Er ließ nicht viel mit sich reden, doch er schien fokussiert. Sein Trainer hat viel auf ihn eingeredet. Hoffen wir dass es hilft", sagte sie und beobachtete wie Seiya das Spielfeld betrat.

Seiya und Kousuke gaben sich die Hand und gingen in Stellung. Das schrille pfeifen des Schiedsrichters läutete das Spiel ein.

Je länger es lief desto höher stieg die Anspannung.

Man sah, wie gut die beiden sich kannten. Wie perfekt sie den anderen lesen konnten.

Der erste Satz ging lang und schien hart für beide Seiten. Nur mit Mühe und Not gewann ihn Seiya.

Der zweite Satz jedoch... niemand konnte ausmachen was sich vor ihren Augen abspielte. Kousuke dominierte von Anfang an, während Seiya immer nachlässiger wurde. Seine Schläge wurden ungenau, seine Annahmen dreckig.

Es war als hätte er sich in den drei Minuten Pause zu einem Amateur entwickelt.

"Was zur Hölle passiert da?!", fragte sich Tobio. Er war ein langer Teamkollege und Freund von Seiya und haderte jetzt schwer mit sich nicht vor Wut einfach von der Bank aufzuspringen.

Er hatte Seiya seit der Highschool trainieren sehen und nicht einmal war sein Spiel so unüberlegt gewesen.

Miyamoto legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Es ist hart, aber beruhige dich", raunte er ihm zu, ohne seinen Blick von Seiya zu nehmen.

Er schwankte über das Feld und schien nicht zu wissen was er tat.

Er fiel außer Kontrolle, bis es zu weit ging.

"Du bist zu weit vorn. Viel zu weit vorn", sagte Tobio immer wieder leise vor sich hin. Nervös tippte Miyamoto mit seinen Fingern gegen sein Kinn. Tobio hat recht, dachte er sich. Kousuke ist nicht dumm, er wird es ausnutzen und so den Matchpoint für sich erzielen. Seiya... wenn du so unüberlegt bleibst kannst du nur verlieren...

Wie erwartet schlug Kousuke weit. Der Ball würde perfekt an der Seitenlinie landen. Seiya wusste das, doch er schien zu vergessen wie unannehmbar diese Bälle waren, wenn man dort stand wo er es tat.

Er versuchte es dennoch, doch er bekam den Ball nicht. Stattdessen landete er am Boden.

"Er... er blutet", sagte Suru schockiert.

Er starrte runter auf das Spielfeld. Jeder von ihnen war aufgesprungen und hatte sich an das Geländer geklammert.

Seiya wurde von seinem Trainer und ein paar Teamkollegen umzingelt. Keiner von ihnen konnte erkennen was passierte.

Yuka atmete auf. Ihr stand die Angst wie in das Gesicht geschrieben. Sie konnte nicht einmal beschreiben was gerade passiert war.

"Kann er weitermachen?", fragte Suru leise. Yuka war wie gebannt.

Ace starrte stumm runter zu seinem Bruder.

"Ja...", sagte er und drückte Rens Hand in seiner. Seiya war gerade dabei aufzustehen. Er hielt sich den Kopf. Sein Trainer stützte ihn, doch er lehnte es ab und setzt sich von selbst auf die Bank. Seine Nase hörte nicht auf zu bluten.

"Aber sollte er es?" Reijus Stimme klang fest.

"Nein, wahrscheinlich nicht."

Doch Seiya stand wieder auf und griff entschlossen nach seinem Schläger. Er nahm das Handtuch seines Trainers entgegen und wischt sich das Blut aus dem Gesicht.

"Mir geht es gut!", sagte er entschlossen.

Er schien nicht er selbst zu sein. Seit er in den Rückstand geraten war, hatte er den Halt verloren. Es brach seine Konzentration und raubte ihm die Sinne. Er ließ sich völlig mitziehen.

Er warf das Handtuch zu Boden und schritt zurück auf das Feld, doch der Schiedsrichter starrte ihn an.

"Deine Nase", sagte er ernst.

Seiya wischte sich das frische Blut mit der Hand aus dem Gesicht und starrte auf den Ball in der Hand des Schiedsrichters.

"Nur noch der Satz", sagte er und ging in Position.

Der Schiedsrichter warf seinem Trainer einen kurzen Blick zu, doch der nickte.

"Was ist los mit dir", wisperte Kousuke, als er den Ball ausgehändigt bekam. "Wenn ich nur wegen deiner blutenden Nase gewinne, verzeihe ich dir das nie.“ Er zog die Augenbrauen zusammen und beobachtete wie Seiya das erneut frische Blut aus seiner Nase ignorierte und es auf sein graues Trikot fiel.

Er bemerkte ein merkwürdiges Blitzen in seinen Augen. Es war nicht das Übliche, das er von ihm kannte. Es war... verzweifelt.

Das Spiel wurde wieder angepfiffen und der Satz ging weiter.

Kousuke gewann. Der dritte Satz würde gespielt werden, doch nicht bevor Seiya sich nicht in Behandlung begab.

Wortlos ging er vom Feld. Niemand folgte ihm, auch nicht sein Trainer. Nur einer erhob sich von der Bank und ging ihm wortlos nach.

Tobio fand ihn in der Umkleide.

Der dritte Satz wurde so lang aufgeschoben, bis Seiya fertig behandelt war, doch jetzt saß er nur da und starrte zu Boden.

Tobio hatte ihn noch nie so gesehen. Seit der Highschool, als sie noch Partner für das Doppel gewesen waren, hatte er noch nie einen solchen Aussetzer bei ihm erlebt.

Er ging auf ihn zu und hielt ihm ein neues Handtuch hin.

"Deine Verletzung war völlig unnötig", sagte er ernst und blieb vor ihm stehen. Seiya nahm das weiße Handtuch entgegen und presste es sich gegen die Nase. Sie war blau angelaufen und sie pochte.

"Dein eigenes Wohl ist immer das Wichtigste im Badminton. Vor allem jetzt im Einzel. Du wärst nie in diese Situation gekommen, wenn du dich nicht unnötig in die Ecke hättest treiben lassen."

Seiya blieb stumm und drehte seinen Kopf zur Seite. Er wollte Tobios Blick nicht sehen. Er konnte ihn sich genau ausmalen. Völlig wütend und viel schlimmer noch auch völlig enttäuscht.

In ihm drehte sich alles.

Hatte er dieses Turnier nur gewinnen wollen um von Ace die Erlaubnis zu bekommen nie wieder spielen zu müssen? Hatte der Druck ihn dazu getrieben sich selbst außer Acht zu lassen? Was wollte er eigentlich erreichen. Der ganze Tag war wie das reinste auf und ab.

Wenn er spielte, spürte er etwas, das nichts anderes ihm geben konnte. Doch wenn er Ace ansah, wandelte es sich um in Schuldgefühle. Durfte er das Wohl seiner Familie nach hinten stellen, nur weil er ein paar Bälle schlagen wollte?

Dabei war doch eigentlich die Frage: was wollten Ace und Ren? Ace war doch derjenige, der ihn zum Spielen drängte. Er wollte, dass er spielte. Also wieso tat er es nicht? Diese Gedanken schwirrten ihm heute immer wieder im Kopf umher, doch er fand keine Antworten.

"Das bist nicht du!", sagte Tobio plötzlich. "Beruhige dich gefälligst und spiele vernünftig. Das hier ist zwar nur ein Trainingsspiel aber du musst weiter alles geben, verdammt. Wenn du einmal damit aufhörst kommst du nicht mehr rein. Atme tief durch und denk an alles was du gelernt hast. In all den Jahren bist du zu größerem herangewachsen, als zu jemandem der sich von einem Rückstand irritieren lässt."

Tobio atmete tief ein und aus, doch er bereute seine Worte nicht. Er starrte auf den blonden Hinterkopf.

Seiyas Atem ging weiter schwer. Er sah ihn noch immer nicht an. Er dachte nach. Über Tobios Worte und die von Ace.

"Ich weiß du hast es nicht leicht " Tobio seufzte plötzlich. Seine Stimme wurde ruhiger.

"Aber... fühlt sich nicht alles machbar an, wenn du diesen einen Schlag machst, der dir den Ruhm bringt? Gibt es dir nicht auch... dieses leise Gefühl von Freiheit welches dir sonst im Leben fehlt?"

Jetzt regte Seiya sich. Langsam sah er zu Tobio auf.

"Ich sage nicht dass es dein ganzes Leben verbessert, aber ich sage dass du dich für den einen Moment zusammenreißen sollst."

Seiyas Atem ging schneller, doch nicht mehr aus Erschöpfung, sondern aus Aufregung. Für diesen einen Moment drängte er sich dazu, einfach alles zu vergessen, genau wie Tobio es wollte.

"Solange der Ball nicht den Boden berührt, gewinne ich. So war das doch oder, Tobio?"

Seiya lächelte matt. Er ballte die Fäuste und stand auf. Er hatte keine Lösung. Er wusste noch immer nicht was richtig war, was er tun sollte. Was sein Vater getan hätte. Seine Sorgen und seine Ängste, die verschwanden nicht so einfach, doch es machte keinen Unterschied mehr. Ob er jetzt spielte oder nicht war nicht mehr von Bedeutung. Nicht nach der Szene, die er sich eben geleistet hatte. Also entschied er sich jetzt und für diesen einen Moment für den Sport und für Ace Worte, denn verdammt er liebte Badminton. Dieses Gefühl wollte er doch eigentlich niemals verlieren.

"Danke", sagte er also und verließ den Raum. Auf schnellstem Wege rannte er zurück auf sein Spielfeld.

"Ich bin wieder da", sagte er zu seinem Trainer. Er trank einen Schluck und ging in Position. Erleichtert nickte Miyamoto.

"Das bist du. Ganz sicher", sagte er sich und beobachtete wie Tobio neben ihm Platz nahm.

Er klopfte ihm auf die Schulter und ließ es so stehen. Die beiden wussten jetzt am besten, was sie zu denken hatten.

Allerdings war das Schicksal nicht auf Seiyas Seite.

Die zweite Hälfte wurde zwar wieder von niemandem dominiert, doch Seiya erlag. Schlussendlich hatte ihm das letzte Bisschen an Training gefehlt. 21 zu 18 ging es zu Ende.

Es war nur ein Freundschaftsspiel, doch es fühlte sich plötzlich an, als wäre alles verloren.

Mit seiner Unsicherheit hatte er sein Team enttäuscht, seinen Trainer, sich selbst, doch am aller schlimmsten... er hatte Ace enttäuscht.

Er hatte immer das beste für seine Familie gewollt, doch ihm wurde Moment um Moment klarer, das Beste war nicht immer seine eigenen Bedürfnisse zu löschen. Er begriff... endlich begriff er die Worte seines Vaters.

Ein Kapitän, ein Vater, ein Hüter eines Schatzes. Es ist zu Niemandes Vorteil, wenn er stirbt.

Seiya aber hatte sich aufgegeben und Ace und Ren mit ansehen lassen wie er starb.

Anstatt zu erzielen, dass er mehr Zeit hatte oder mehr Geld, erzielte er damit nur, dass sich jeder sorgte, dass Ace sich zu Grunde arbeitete und dass... er das einzige was er immer tun wollte verlor.

Er erzielte damit diese Niederlage.

Wie konnte er ein Vormund für seine Brüder sein, wenn er ihnen den einfachsten Weg vorlebte. Wenn er ihnen zeigte was aufgeben bedeutete.

Seiya war ihr Kapitän, ihr Hüter... ihr Vater. Und er wusste, jetzt wusste er es. Er durfte nicht sterben.

Dennoch saß er jetzt da. Unter seinen nackten Knien das harte Gummi des Feldes. Sein Blick, starr auf seinen Händen.

"Steh schon auf Seiya", sagte plötzlich eine Stimme. Es war Kousuke. Seiya sah auf und blickte ihn an. Der Schweiß rann ihm über die Schläfen. Sein schwarzes Haar war durcheinander. Hatte er hart gekämpft?

Kousuke hielt ihm seine Hand hin. "Komm schon. Deine Brüder sehen dich doch. Hast du nicht immer damit geprahlt was für ein gutes Vorbild du bist?"

Sein Blick war hart, doch das war genau was Seiya brauchte. Er nahm seine Hand und ließ sich hoch helfen.

Endlich wusste er was er zu tun hatte. Er hatte endlich verstanden, was sein Vater ihm immer hatte mitgeben wollen.

"Beim nächsten Mal!", schrie er plötzlich. "Beim nächsten Mal verliere ich nicht!"

Kousuke lächelte. "Das werden wir sehen", sagte er provozierend und nahm sein Händeschütteln entgegen. "Das nächste Mal, wird noch härter gekämpft."

Seiya nickte, doch er konnte sein schelmisches Grinsen noch nicht erwidern.

Er winkte kurz rüber zu Ace und den anderen. Er hoffte, dass sie seine Worte gehört hatten.

Er würde das Gefühl für seine neue Aufgabe noch finden. Er würde spüren, dass es so richtig war.

Dann drehte er sich um und verschwand in den Umkleiden.

Kurz sah er sich dort um. Er war allein. Er ging auf seine Tasche zu und lief am Spiegel vorbei. An ihm blieb er hängen.

Tief blickte er sich in die Augen. Er sah sich selbst, sah seinen Vater. Bis er anfing zu weinen.

Er spürte das erdrückende Gewicht der Niederlage. Er spürte das Gewicht welches das Fehlen seines Vaters auf ihn ausübte, was für ein großes Loch es geschlagen hatte. Spürte wie sehr er ihn vermisste.

Seiya würde spüren, dass es so richtig war, doch noch nicht jetzt sofort.

 

"Seiya braucht schon echt lange oder?", fragte Ren. Er hatte sich schon mit Kisumi was zu trinken geholt und war auf Klo gegangen, doch Seiya schien noch immer in den Umkleiden verloren. Sie alle standen draußen vor der Halle und warteten angespannt.

"Wie es ihm wohl geht", fragte Kisumi und kickte einen kleinen Stein fort.

Niemand antwortete. Niemand schien die Antwort zu kennen. Jeder war still und dachte nach. Sogar Keita war völlig in Gedanken versunken.

"Ich gehe mal nachsehen", sagte Ace und setzte sich in Bewegung.

"Soll ich mitkommen?", fragte Reiju, doch er schüttelte den Kopf. Dann ging er.

Er schlenderte durch die Flure und suchte nach der Umkleide seines Teams. Sie alle waren sicher noch in der Halle und schauten bei den Spielen zu. Seiya aber hatte geschrieben, dass er nach Hause wollte.

Als die Umkleide genau vor ihm lag, stellte er zu seinem verwundern fest, dass die Tür einen kleinen Spalt weit offen stand. Er hörte etwas.

War das... ein Schluchzen?

Vorsichtig drückte er die Tür auf.

Seiya saß auf der hintersten Bank und stützte seine Arme auf die Knie. Sein Gesicht lag in seinen Händen. Leise schluchzte er weiter.

Für einen kurzen Moment konnte Ace sich nicht regen. Was sollte er tun... Was sollte er sagen.

In einem Zug lehnte er die Tür wieder an und ging den Flur runter zurück nach draußen.

In diesem Moment konnte er nichts anrichten. Wenn Seiya wissen würde, dass er ihn gesehen hatte, würde es alles nur noch schlimmer machen.

Doch wieso zitterten seine Hände so sehr. Was war es was der Anblick ihm zeigte? Was hatte es zu bedeuten? Würde er Seiya wirklich vertrauen, dass sie das alles schon schaffen würden?

Er trat zu den anderen und hatte keine Ahnung, was er denken sollte. Er spielte den Anblick herunter, sah allen ins Gesicht und sagte: "Seiya kommt gleich nach."

"Wo ist eigentlich Keita? Wollte er nicht mit, wenn wir rausgehen?", fragte Junko.

Sie hatte sich darauf gefreut mal wieder einen Tag nur zu viert zu verbringen.

Suru steckte die Hände in seine Jackentaschen und sah die Straße runter. "Eigentlich ist er ja immer dabei, aber er hat sich nicht mehr gemeldet."

"Seit Seiyas Turnier ist er öfter zu Hause. Was er da wohl immer treibt", fragte Reiju. "Vielleicht finden wir ihn ja irgendwo."

Sie kramte ihr Handy hervor, doch Keita war schon seit einer Weile offline. Seltsam war das aber nicht, er vergaß sein Handy gerne mal.

Eine Weile folgten sie der Straße, die direkt zum Flussufer führte. Als sie das Wasser entdecken, sprang Junko plötzlich auf. "Seht, wen wir gefunden haben!"

Keita saß auf einer Bank am Ufer. Von dort aus hatte man einen guten Blick auf den ganzen Fluss. Wie gebannt waren seine Augen auf die Aussicht gerichtet. In seinem Schoß lag ein Block, seine Hand hielt einen Bleistift.

"Keita!", sagte Suru. Er fasste ihm vorsichtig an die Schultern. "Was tust du hier?", fragte er und sah begeistert auf das Blatt Papier.

"Was macht ihr denn hier?", fragte Keita und sah verwirrt auf die Uhr. "So spät schon!"

Junko grinste. "Du hast die Zeit vergessen?" "Scheint so", antwortete er und packte den Bleistift in seine Tasche. "Aber wohl zurecht." Reiju beugte sich tief über die Rückenlehne und starrte auf den Zeichenblock. Keita hatte gezeichnet. Es war beeindruckend.

"Du malst also wieder", stellte Suru fest und setzte sich jetzt neben ihn. Keitas Werk bildete seine Aussicht auf den Fluss ab.

Er nickte. "Ja, irgendwie hatte ich die Tage wieder Lust drauf." "Du hast das seit Ewigkeiten nicht getan und dennoch es sieht aus, als hättest du nie aufgehört." Junko griff begeistert nach dem Bild und sah es sich ganz genau an.

Keita zeichnete schon sein ganzes Leben. Als sie sich kennenlernten tat er in jeder freien Minute nichts anderes, als die Dinge in seiner Umgebung zu studieren und auf Papier zu bringen. Bis er irgendwann einfach damit aufgehört hatte.

"Wie kommt es zu dieser Ehre?", fragte Reiju sanft.

Keita eroberte sich seine Zeichnung zurück und packte sie schnell ein. "Ich weiß auch nicht", sagte er. "Ich glaube Seiya, um ehrlich zu sein."

"Seiya?", fragte Junko. Sie hing noch immer über der Lehne und schaukelte vor und zurück.

"Ja. Sein Anblick bei dem Turnier hat anscheinend irgendwas in mir ausgelöst. Er war so entschlossen, seine Augen brannten förmlich. Sein ganzer Körper schien in Flammen nur für diesen einen Sport. Er liebt es und steckt seine gesamte Leidenschaft hinein. Ihn in diesem letzten Satz spielen zu sehen hat mich so glücklich gemacht, aber irgendwie auch neidisch. Ich habe erkannt, dass... das genau ist, was ich auch will. Das was Seiya spürt will auch ich spüren. Da ist mir eingefallen was mir einmal so viel Spaß gemacht hat und ich musste sofort wieder damit anfangen."

"Das Zeichnen war wirklich immer dein ganzes Leben." Junko warf ihm von der Seite einen Blick zu. Sie hatte sich immer gefragt woran es gelegen hatte, dass er das Zeichnen so plötzlich aufgegeben hatte. Sie wusste, in der Mittelschule war viel passiert und sie vermutete immer, dass es Keita vielleicht zu sehr eingeschüchtert hatte, um weiter zu zeichnen. Doch wirklich wissen tat es keiner von ihnen.

"Auch wenn er verloren hat. Ich will für irgendetwas brennen können, genau wie er es tut."

Keitas Stimme erhob sich ein wenig. "Ich will an etwas so sehr hängen, dass es mich nieder haut wenn ich versage, genau wie es Seiya passiert ist." Unmerklich richtete er sich auf und sah runter auf seine rechte Hand. Graphit verschmiert lag sie in seinem Schoß und es fühlte sich gut an. Es gab ihm ein Gefühl des Schaffens.

"Keita-", Suru wollte etwas sagen, aber sofort wurde er unterbrochen.

"Das klingt seltsamer, als ich gedacht hätte", rief Keita in sein Wort hinein und lachte. "Naja jedenfalls versuche ich es mal wieder. Vielleicht wird ja was draus."

Er lehnte sich zurück und genoss weiter den Ausblick auf das silbern glänzende Wasser.

"Das ist nicht seltsam Keita. Etwas wofür du brennst, das muss schön sein", sagte Reiju in die frische Stille hinein und Keita nickte.

"Apropos Seiya", sprach sie dann weiter, doch hielt wieder kurz Inne und richtete sich auf. Suru hob den Blick.

"Wie geht es ihm eigentlich?" Sie ging um die Bank herum und setzte sich zu den Jungs. Ihre Augen wanderten rüber zu Suru, doch er zuckte mit den Schultern. "Yuka meinte es ginge ihm ganz gut. Wegen seiner Nase konnte er ein paar Tage nicht trainieren, aber jetzt bereitet er sich schon für die nächsten Spiele im Trainingscamp vor."

"Er sah nach dem Turnier wirklich nicht gut aus... aber das freut mich zu hören." Junko nickte und legte Reiju einen Arm um die Schultern.

"Du siehst nicht zufrieden aus", raunte Suru. Er wusste eigentlich schon woran es lag, doch würde Reiju es auch aussprechen.

"Richtig", sagte sie. Ihr Blick fiel in ihren Schoß. Krampfhaft versuchte sie die richtigen Worte zu finden, ansonsten würde sie einfach gar nichts sagen.

"Gib schon zu, dass du dir Sorgen um Ace machst", ließ Keita jedoch einfach vor ihr nieder prallen. "Er kommt immer seltener zum Unterricht und du fragst dich ob es an Seiya liegen könnte, doch Seiya geht es gut und das wurmt dich."

"Keita, hör auf", hauchte Junko. Er lachte. Er meinte es nicht so wie es klang, sein Gefühl versagte nur in diesem Moment.

"Also fehlt er im Unterricht auch? Zu den Meetings kommt er nämlich gar nicht mehr." Suru verschränkte die Arme und sah auf das Wasser. "Was treibt der immer."

"Ich weiß, Ace und ich, irgendwie sind wir ja befreundet, aber meint ihr ich mache mir zu viele Gedanken?", fragte Reiju plötzlich.

"Mach dir keinen Kopf darüber, wie sehr du dir einen Kopf über etwas machst", sagte Junko und lächelte. Sie rieb ihren Kopf gegen Reijus Schulter und sah hoch in ihr Gesicht. "Ace geht es ganz sicher gut. Seiya würde es niemals zulassen, dass er zu lange in der Schule fehlt. Er hat tolle Brüder und einen super besten Freund und wenn das nicht reicht, dann bist du eben auch noch da."

Suru und Keita konnten nur nicken. Junko hatte alles gesagt, was möglich war.

"Junko hat recht. Und wenn du dir zu große Sorgen machst, sprich einfach mit ihm."

Reiju biss sich still auf die Unterlippe und nickte. An mehr Gedanken ließ sie sie heute nicht teilnehmen. Es wurde wieder still.

"Also, was hattet ihr heute eigentlich ohne mich vor?", fragte Keita dann. Suru musste lachen.

"Dich suchen. Was auch sonst." "Wir waren schon so verzweifelt, wir waren auf dem Weg zu deinem Haus, aber du kamst uns ja Gott sei dank zuvor." Junko grinste. "Bei dir zu Hause trifft man ja eh nie jemanden." "Ja, da hattet ihr Glück."

Sie unterhielten sich eine Weile und entschieden sich dann ein Eis holen zu gehen.

Der April schien es dieses Jahr wirklich gut mit ihnen zu meinen, es fiel beinahe kein Regen, schon den ganzen halben Monat nicht und immer war es angenehm warm und die Sonne schien hell.

"Habt ihr von Yutas Party gehört?", fragte Junko als sie sich weit über die Eistruhe lehnte. Der kleine Laden an der Straßenecke gehörte einem alten Mann, der den Vieren jetzt schon seit Jahren Eis und andere Süßigkeiten verkaufte.

"Ja, wir gehen doch hin oder?" Keita wurde sofort ganz aufgeregt. Partys waren seine Schwäche.

Er trat vom einen Fuß auf den anderen und Griff dann über Junkos Kopf hinweg nach einem Eis in der Truhe, während sie sich noch immer nicht entschieden hatte.

"Jaja", machte Reiju nur. Sie hatte wie immer keine Lust auf so was, aber noch weniger hatte sie gerade Lust darauf sich mit ihren Freunden anzulegen.

"Soll eine ziemlich große Party werden. Er hat die ganze Stufe eingeladen und seine Eltern sind das ganze Wochenende über in einer anderen Stadt." "Da hat wohl jemand zu viel Wert auf Klischees gelegt", raunte Reiju Keita entgegen. "Von deiner miesen Ich-hasse-Partys-Laune werde ich mich niemals anstecken lassen hörst du!", rief er verschreckt und zeigte drohend mit dem Finger auf sie. Er zahlte sein Eis und packte es aus. Sein böser Blick aber wich nicht von Reijus Sichtweite. Sie lachte und stellte sich nach ihm an die Kasse.

"Ich muss leider gleich schon los und Kisumi abholen."

Reijus Beine baumelten lose vom alten Klettergerüst. Ihre Tasche lag im Sand.

"Er hat heute noch einen Termin. Sein Gips kommt endlich ab."

"Er wird sich freuen wieder laufen zu können!", rief Keita. Er stand ganz oben an der Spitze und sah über die Weiten des Spielplatzes hinweg.

"Oh, Kisumi wird sich nur freuen wieder Volleyball spielen zu können." Lachend sprang Reiju ab. Sie schlug sich die schwarze Jeans sauber und griff nach ihrer Tasche. "Sehen wir uns dann auf Yutas Party?"

Sie wartete auf eine Antwort, doch stattdessen sprang Suru ebenfalls runter in den Sand.

"Sollen wir dich begleiten?", fragte er. Es war noch mitten am Nachmittag und die Sonne knallte heute das letzte mal mit allem was sie hatte. Er kniff die Augen zusammen gegen ihr helles Licht.

"Wenn ihr wollt", antwortete Reiju etwas zögerlich. "Ich muss heute sowieso alleine gehen."

"Dann ist es beschlossen!" Keita kletterte die zwei Etagen weiter runter und griff nach Junkos Hand. Mit ihr zusammen sprang auch er jetzt ab und landete genau neben Suru.

"Geht ihr zu Fuß? Müssen deine Eltern arbeiten?", fragte Junko, die ihre kurze Hose richtete.

"Nein", begann Reiju zögerlich und sah zur Seite. "Aber Kisumi wollte, dass nur ich ihn abhole."

"Ist es immer noch so schlimm?", fragte Suru.

"Gefühlt schlimmer." Reiju legte ihren Kopf von der einen Seite auf die andere. "Kisumi ist völlig überfordert und genau so mein Vater. Unsere Ungesprächigkeit haben wir auf jeden Fall von ihm."

Sie lachte auf und wollte losgehen, doch sofort drehte sie sich wieder um. Ihre Freunde hatten sich nicht geregt. "Kommt ihr?", fragte sie verwirrt, doch Surus betrachtete sie einfach nur eine Weile. Keita und Junko aber beließen es bei Reijus Worten und folgten ihr. Zuletzt kam dann also auch Suru.

 

Yuta wohnte in einem riesigen Haus auf einem Hügel. Es hatte ein Tor und eine ewig lange Auffahrt. Dazu einen riesigen Garten mit Veranda und Schaukel. Nur der Pool fehlte, um dieses Klischee perfekt zu machen.

Reiju stand mit Keita, Suru und Junko vor der Haustür und wartete, bis sie jemand rein ließ.

Das kurze schwarze Kleid lag unangenehm eng an ihrer Haut und raubte ihr jeglichen Komfort, aber Junko hatte darauf bestanden, dass sie es ihr auslieh. Manchmal hatte sie ihre ganz eigenen Momente, von denen sie nicht abzubringen war.

"Ich fühle mich wie in einem von Keitas Filmchen", sagte Reiju und seufzte.

Keita sah zu ihr rüber und verzog das Gesicht. "Wenn du das so sagst klingt es völlig falsch, Reiju."

Suru lachte und schlug Keita auf die Brust. "Hört auf ihr zwei. Das wird ein toller Abend."

Junko nickte. Reiju lehnte ihren Kopf gegen Surus Schulter und gähnte. "Wenn ich so lange durchhalte."

Endlich ging die Tür auf. Es war Yuta, der sie öffnete.

"Hey zusammen", rief er und hielt einen roten Becher in der Hand. Er gab sich wirklich vollste Mühe, jedes amerikanische Vorurteil zu erfüllen.

"Kommt rein. Im Wohnzimmer sind die Meisten, aber da gibt es auch den Alkohol." Er zwinkerte und ließ sie eintreten.

In Yutas Haus war es laut, voll, stickig und es roch nach Chuhai1. Es war wie angekündigt die gesamte Stufe hier und sie alle waren betrunken.

Als aller ersten entdeckte Reiju Izaya. Sein blonder Kopf ragte lachend über allen anderen hervor.

"Also, was wollt ihr als erstes tun?", fragte Suru und sah sich ganz genau um. Er erkannte viele der Menschen hier, doch noch lange nicht alle. Es waren anscheinend nicht nur Mitschüler, sondern auch Freunde von Freunden von Freunden.

Er spürte den starken Geruch von Chuhai und wurde unweigerlich an sein erstes Mal erinnert, bei dem seine Schwester Yuka ihn damit abgefüllt hatte. Er beließ es seit dem bei einem Drink pro Abend.

"Ich hol mir was zu Trinken", raunte Reiju monoton und steuerte Izaya an, der wie ein Barkeeper an der Auswahl an Alkohol stand und ihn ausschenkte.

"Warte Reiju. Sicher, dass du...", rief Suru ihr nach, doch sie hörte ihn nicht mehr.

"Sollten Sportler überhaupt trinken?", fragte sie Izaya und trat an die Theke. Überrascht drehte er sich zu ihr und begrüßte sie. "Ich trinke nur Wasser im ehrlich zu sein." Er hielt ihr sein Glas hin. Es war eiskaltes, sprudelndes Mineralwasser. "Aber ich schenke gern aus."

Er lachte und griff nach einem Becher. "Willst du was?", fragte er. Reiju nickte und nahm stumm den riesigen Plastikbecher entgegen. Zögernd hielt sie ihn an ihre Nase und schloss die Augen. Dieser Geruch war widerlich.

"Du trinkst wohl eigentlich auch nicht", merkte Izaya an, als Reiju noch immer keinen Schluck genommen hatte und das rote Plastik nur fest in ihren dürren Fingern hielt.

"Das tut sie wirklich nicht."

Suru hatte Junko und Keita auf einem freien Sofa abgeladen und sich auf die Suche nach Reiju gemacht. Er trat Izaya gegenüber und gab ihm die Hand. "Scheint Spaß zu machen an der Bar", sagte er lachend und warf dabei seinen Blick unmerklich auf Reiju. Stumm nahm sie jetzt einen Schluck und verzog zu aller verwundern nicht einmal das Gesicht.

"Yuta hat mich darum gebeten und ich mache es gern", antwortete Izaya, als er seinen Blick von Reiju löste. Er füllte einen weiteren Becher und reichte ihn Suru. "Danke."

Mit der Zeit wurden es immer mehr und mehr Leute in dem überfüllten Haus und genau so wurden es für Reiju immer mehr Drinks.

Sie verbrachte den Abend mit Izaya, vermied aber, genau wie sonst auch, ein langes Gespräch.

Suru war mal da und dort und versuchte zwischendurch immer wieder verzweifelt Reiju davon abzuhalten noch mehr zu trinken, doch sie ließ sich nicht abbringen.

"Ihr habt mich hierher geholt, also mach ich auch, weshalb alle hier sind."

Ihre Stimme zog sich in die Länge, ihr Gleichgewicht wurde holprig. Schnell packte Suru sie an den Schultern und setzte sie sicher auf einen Stuhl in Izayas Nähe. Zu naiv ging er davon aus, dass sie sitzen blieb.

"Gib ihr nichts mehr", sagte er dann zu ihm, doch dieser lachte. "Das tu ich schon lange nicht mehr, aber sie scheint wohl nicht so viel zu vertragen." Suru schluckte. "Ich geh mal und suche Keita und Junko. Ich glaube es wird Zeit zu gehen." "Ich habe ein Auge auf sie", sicherte Izaya ihm zu und klopfte ihm auf die Schulter. Doch als Suru verschwunden war und er seinen Blick endlich wieder auf den Stuhl lenkte, war Reiju nicht mehr da.

 

Reiju war schwindlig. Tief in ihr wusste sie, dass Suru sie ganz zu recht auf diesen Stuhl gesetzt hatte, doch das waren nüchterne Gedanken. Reiju aber war nicht nüchtern. Sie war vollkommen betrunken. Schwankend suchte sie sich ihren Weg durch das überfüllte Wohnzimmer. Sie brauchte ganz dringend frische Luft, sonst überlebte sie das nicht, dachte sie sich immer wieder und schluckte. Das enge Kleid schnürte ihr dazu noch die Brust ab. Es war ein beklemmendes und ungemütliches Gefühl. Hilflos gelang sie an die Gartentür, nur schaffte sie es nicht sie zu öffnen. Viel bekam sie von den nächsten Minuten nicht mehr mit.

Als sie wieder denken konnte war sie irgendwie auf der Veranda gelandet.

Wacklig trat sie die Stufen herab in das weiche Gras des Gartens, weiter als ein paar wenige Schritte schaffte sie es nicht. Sie fiel nieder und blieb liegen.

Tief atmete sie die frische Luft ein und aus und wartete darauf, dass ihre Übelkeit verschwand.

Am liebsten hätte sie das Kleid sofort ausgezogen und in den Müll geworfen, doch fürs nackt sein fehlten ihr dann doch noch ein paar Drinks.

Sie schloss die Augen.

Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, doch als sie sie wieder öffnete fasste ihr jemand an die Schultern.

"Ace", raunte sie und lächelte unkontrolliert. Seine langen schwarzen Wellen fielen ihr ins Gesicht. "Lange nicht gesehen!"

Reiju lallte so sehr, dass Ace sie kaum verstand. Skeptisch sah er sie an.

"Was machst du hier draußen?", fragte er und packte ihr unter die Arme. Er zog sie hoch und brachte sie auf die Stufen. Er setzte sie hin und starrte sie an. Reiju zitterte. Ihr Blick war leer.

"Du", sagte sie und sah zu ihm hoch. Sie grinste verloren. "Du bist ein unglaublich netter Mensch. Und-" Ihr Grinsen wurde breiter. Sie hob den Finger und tippte ihm gegen sein Knie. "Heiß bist du auch."

Reiju lachte. Ihr Arm sackte ab und fiel ihr in den Schoß.

Ace musste erst ebenfalls lachen. Er grinste und kratzte sich hilflos am Hinterkopf. Dann setzte er sich neben sie.

"Was ist mit dir los Reiju?", fragte er, während sie versuchte sich ihm anzunähern. Sie hakte sich bei ihm unter und rieb ihren Kopf gegen seine Schulter. Ace ließ sie machen, löste aber nicht seinen Blick von ihr. Was sollte er mit ihr tun. Er konnte sie nicht einfach hier lassen.

"Du hattest ein paar Drinks zu viel, hm", sagte er und drückte ihren Kopf jetzt sanft von seinem Körper. Sie durfte nichts tun, was sie später bereuen würde. Doch sie konnte sich nicht halten. Er spürte wie ihr Kopf auf seiner Schulter erneut immer schwerer wurde. Sie wurde müde.

"Weißt du, dass ich echt froh bin, dass du und deine Brüder so gut zu Kisumi seid?", sagte sie plötzlich. Es war nur ein raues Murmeln. "Wenn ihr nicht gewesen wärt, dann wäre Kisumi damals sonst wohin abgehauen, so sehr wie er unseren Vater hasst. Ich hätte ihn selbst doch nie gefunden."

Ace löste seinen Blick von ihr. Sein Herz schlug plötzlich schneller.

"Aber ich mag unseren Vater gerade ja auch nicht besonders. Glaub ich zumindest."

Plötzlich sackte ihr Oberkörper zusammen und sie fiel mit dem Kopf vor in Ace Schoß. Sie blieb still, um sich nicht zu übergeben. Alles um sie herum bewegte sich.

Ganz vorsichtig drehte sie sich in seinem Schoß und starrte zu ihm hoch. Ihr Blick traf seinen.

"Er hat uns verlassen. Ich war acht Jahre alt und er hatte nichts besseres zu tun, als uns zu verlassen", sprach sie weiter. "Sollte ich ihm dankbar sein, dass er zurückgekommen ist? Obwohl er uns nicht wollte?"

Lange blieb es still.

Reiju atmete tief ein und aus. Ihr Kopf begann zu pochen. Ihre Übelkeit verschwand nicht.

"Reiju", sagte Ace endlich. "Du solltest nicht trinken."

Vorsichtig zog er sie aus seinem Schoß in den Aufrechten Sitz. Dann stand er auf.

"Komm", sagte er und nahm ihre Hand. So langsam wie nur möglich half er ihr auf die Beine.

"Suru muss hier doch irgendwo sein", sagte Ace zu sich selbst, als er sie zurück in das Wohnzimmer schob.

Reiju verlor immer mehr die Orientierung und konnte sich kaum noch halten. Ace hievte sie mit ihren Armen um seine Schultern und sah sich um.

Tatsächlich bahnte Suru sich gerade seinen Weg durch die tanzende Menge.

"Izaya, ich kann sie nicht finden!", rief er und blieb vor dem Blondschopf stehen. "Ich will dir ja nichts vorwerfen, aber... wieso zur Hölle musstest du sie verlieren!"

Izaya verzog das Gesicht und sah zu Suru herunter. "Wir finden sie schon. Weit kann sie ja nicht gekommen sein. Vielleicht im Garten?"

"Schon gut", raunte Ace plötzlich.

Er trat zu ihnen. Reiju hing über seiner Schulter und war jetzt kurz davor einzuschlafen.

"Ace..." Suru beäugte ihn. War er heute überhaupt da gewesen? Doch Izaya lachte erfreut auf.

"Gott sei dank!", rief er. Er klopfte Ace auf die Schulter und sah dann zu Reiju. "Die ist wirklich hinüber."

"Deswegen bring ich sie dir. Sie lag draußen im Gras." Ace Blick fiel auf Surus. Er war härter, als er ihn je gesehen hatte. Dann atmete er aus. "Danke. Ich suche sie schon überall."

Ace nickte und übergab ihm Reiju. Schwer lag sie auf seinen Schultern. "Su... ru?", raunte sie leise. Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht und nickte.

"Ich bringe sie dann mal nach Hause. Danke noch mal A..." Als er wieder aufsah, war Ace schon weg. „Ist abgehauen. Aber er weiß deinen Dank zu schätzen."

Izaya öffnete eine weitere Flasche Chuhai und reichte sie einem Mädchen.

"Okay... ich geh dann mal. Danke für alles Izaya." "Kümmere dich um sie. Der nächste Morgen wird schwer." Er grinste und winkte, als Suru das Wohnzimmer verließ.

 

Montag.

Yutas Geburtstagsparty hing noch immer wie ein Schatten an Reijus Körper. Sie hatte nicht trinken wollen. Sie hatte Suru keine Probleme machen wollen, sie hatte... Ace nicht so in Verlegenheit bringen wollen. Oh Gott Ace.

Sie hatte ihn mit ihrer Lebensgeschichte zugeredet und nachdem er sie zu Suru gebracht hatte, war er scheinbar wieder gegangen. Sie hatte allen nur den Abend verdorben und ihren Magen gleich dazu.

Dazu war Ace heute den ganzen Tag nicht in der Schule gewesen. Am liebsten würde sie sich bei ihm entschuldigen und ihn bitten alles zu vergessen, doch er war einfach nicht gekommen.

Sie schämte sich so sehr. Sie hatte noch Glück, dass sie sich auf niemanden übergeben hatte. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie sich an alles noch erinnern konnte. Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie es so besser fand.

Reiju schlenderte durch den zum Schulschluss völlig überfüllten Flur. Sie hatte heute sowieso keine Lust mehr auf ein Gespräch mit irgendwem. Sie wollte nach Hause, mit Kisumi sein neues Spiel spielen und schlafen. Mehr nicht. Doch dazu kam es nicht.

Wieso. Wieso war es genau jetzt, dass Ace durch die Tür der Schule trat und auf sie zukam.

"Hey, Reiju."

Genau vor ihr blieb er stehen als wäre er nur für sie gekommen.

Wieder sah er so müde aus. Seine Lider lagen träge über seinen Augen, doch sein Gesicht zierte tatsächlich ein seichtes Lächeln.

"Hi, Ace."

Die Scham stieg in Reiju bis zum Maximum. Sie wich seinem direkten Blick aus und sah an ihm herunter. Er trug nicht seine Schuluniform. Sein dunkelgrüner Sweater war befleckt.

"Wo warst du heute den ganzen Tag?", fragte sie. Geschickt überging er ihre Frage und animierte sie dazu loszugehen. "Wie war der Unterricht?" "Wie immer."

Ace nickte. Nickte immer wieder. Reiju bemerkt sofort, dass er etwas sagen wollte, doch er schämte sich. Wieso schämte er sich denn.

"Bevor du irgendwas sagst, lass mich zuerst."

Er sah auf, als hätte sie ihn aus seiner Trance gezwungen. Erwartungsvoll blickte er sie an.

"Das mit Samstag. Ich... bitte vergiss einfach was passiert ist, was ich gesagt habe. Es tut mir leid, dich so in die Ecke gedrängt zu haben. Bitte... vergiss es einfach."

"Also eigentlich." Ace blieb jetzt wieder stehen und zog sie am Ärmel zurück zu sich. "Dein Vater. Er hat sich doch sonst gut um euch gekümmert oder?"

"W...was?" Reiju war wie vor den Kopf gestoßen. Diese Frage war direkter als alles was Ace je von sich gegeben hatte. "Worauf willst du hinaus?"

"Wenn er es wirklich so bereut wie du sagst, ich will dir nichts vorschreiben, aber, so lange er nichts mehr tut, das dir weh tut... solltest du jede Sekunde mit deinen Eltern genießen denke ich."

Reiju wusste nichts zu erwidern. Absolut nichts. Sein Blick lag auf ihr, schwer wie Tonnen.

Sie wollte ihn nicht ansehen, sie fühlte sich schlecht und schuldig. Ihre Augen wanderten durch die Gegend bis sie auf ihr Armband fielen.

Es war ein völlig verwaschenes, blass-blaues Flechtarmband mit kleinen gelben Perlen. Sie hatte schon ganz vergessen, dass sie es seit damals nie ausgezogen hatte. Seit sie neun war trug sie es immer am Handgelenk.

"Das hat mein Vater mir damals mitgebracht, nachdem er zurück kam. Ich... hatte es total vergessen." Sie tippte auf das dünne Armband und musste plötzlich lächeln. Sie hatte sich damals so sehr gefreut.

Sie sah das Gesicht ihres Vaters. Wie er sich zu ihr nieder kniete und ihr das damals noch leuchtend blaue Armband überreichte, wie er lächelte. Doch schon damals hatte sie sich gefragt, was dieses komische etwas in seiner Mimik gewesen war. Er hatte gelächelt und doch hatte da irgendetwas nicht ganz gestimmt. Es war Reue, heute wusste sie es.

Ace sah sie weiter nur stumm an. Er war sich nicht sicher, ob er das ganze richtig angegangen war. Wahrscheinlich absolut nicht.

"Wieso tust du das?", fragte sie, nachdem er nichts mehr sagte, doch er zuckte nur mit den Schultern. "Entschuldige" Mehr erwiderte er nicht.

Schwer atmete sie, während Ace sie weiter wortlos betrachtete.

"Ich... muss schon wieder los", sagte er plötzlich und es klang zaghaft. Vorsichtig entfernte er sich einen Schritt ohne auf eine Antwort zu warten. Reiju sah nicht zu ihm auf.

Erst als er schon mehrere Meter gegangen war, traute sie sich eines Blickes. Er hatte ihr schon den Rücken zugewandt.

Er ging. Und Reiju sah ihn eine ganze Weile nicht wieder.

"Ich hab ihn nicht mehr gesehen seit-", Reiju brach ab und schloss schnell ihren Mund. Sie wich Keitas Blick aus. "Seit wann?", fragte er. Er spürte sofort, dass sie irgendwas verheimlichte. In der hellen Sonne sah er jeden Winkel ihrer Mimik und diese verriet sie.

"Seit einer viel zu langen Zeit", raunte sie und griff an ihr Armband. Beunruhigt spielte sie an den zwei dünnen Fäden des Verschlussknotens. "Du siehst es doch auch. Er kommt nie zum Unterricht."

Keita überlegte kurz.

Ace war tatsächlich schon seit längerer Zeit nur sporadisch aufgetaucht und seit bestimmt zwei Wochen war er gar nicht mehr in der Schule gewesen. Er verpasste viel Stoff und sammelte gefährlich viele Fehlstunden. Allerdings hatte er sich, obwohl er von Reijus Sorgen wusste, nie viel weiter einen Kopf darum gemacht. In Ace Leben lief sicherlich nicht alles glatt und er würde sich um ein paar Dinge kümmern müssen. Oder vielleicht war er auch einfach nur krank.

"Ja schon, aber was willst du denn tun?", fragte er schließlich. Reijus Blick war ungewohnt bewegt. Er zeigte noch nie dagewesene Unruhe.

Reiju wollte aufatmen und etwas sagen, von einer grandiosen Idee erzählen, doch ihr fiel nichts ein. Niederschmetternd wurde ihr aufs Neue bewusst, dass sie völlig hilflos war. Gänzlich mittellos. Sie kannte Ace nicht gut genug und sie wusste beinahe nichts über ihn oder sein Privatleben. Sie waren ja gerade einmal so Freunde, wenn sie es überhaupt waren. Er könnte überall sein. Es müsste nicht einmal etwas schlimmes vorgefallen sein. Es könnte einen völlig plausiblen Grund haben.

Dennoch hatte Reiju kein gutes Gefühl.

"Ich muss dann los. Ich muss mich heute etwas beeilen. Kannst du allein auf Suru warten?"

Sie nickte nur. Krampfhaft überlegte sie weiter was sie tun könnte. Keita fasste ihr entschuldigend an die Schulter und ging dann. Schnell war er über den Schulhof aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Reiju wurde nervöser, je mehr sie nachdachte. Es war absolut nicht gut was sie tat, doch es ließ sie nicht los. Vielleicht hatte Keita recht, aber...

"Hey Reiju!", rief Suru und trat aus dem Schulgebäude. Sie stand vor dem Eingang unter dem großem Kirschbaum und wirkte noch vertiefter in ihr eigenes Inneres als sonst. Er trat zu ihr und sah sie an. Ihr Blick war weit entfernt. "Hey Reiju. Alles gut?", fragte er. Eine Weile betrachtete er sie, als ihre Augen plötzlich aufglühten.

"Reiju wo willst du hin? Du hast doch jetzt auch Schluss oder nicht?", rief Suru, doch sie hörte ihn nicht mehr.

Reiju hatte es satt. Satt sich ins nichts führende Gedanken über Ace zu machen. Entweder sie hörte auf damit und vergaß ihn, oder sie musste Antworten finden und vergessen konnte sie ihn nicht. Sie waren doch... Freunde. Sie hatte sich nicht umsonst in den Meetings und im Unterricht mit ihm herumgeschlagen. Nicht um jetzt nie wieder was von ihm zu hören.

 

Schweren Atems kam sie vor dem Eisentor der Sporthalle zum stehen.

Sie hörte rufende Stimmen und das Quietschen von Schuhen auf dem Hallenboden. Sie stockte.

Das Volleyballtraining war wohl schon im vollen Gange.

Reiju schloss die Augen. Kurz horchte sie einfach nur auf die Geräusche des Spiels. Eine armbrechende Annahme, die zarte Berührung des Setters mit dem Ball und dann der Schlag. Das befreiende Geräusch des Balles, der im gegnerischen Feld zu Boden schmettert. Lautes Jubeln.

Reiju atmete tief ein und wieder aus.

Sollte sie jetzt die Halle betreten oder draußen warten?

Plötzlich öffnete sich die Tür.

"Ich hole es schnell", rief das schmale Mädchen, dass heraus trat und das Tor wieder zuschob. Sie erschrak, als sie die wenigen Stufen heruntersteigen wollte.

"Entschuldige", sagte Reiju und starrte das hellblonde Mädchen an. Sie hatte sie noch nie gesehen. Sie sah auch eher aus wie eine Drittklässlerin.

"Wer bist du denn?", fragte sie freundlich. Ihre Stimme war hell und warm. Sie lächelte.

"Ich muss zu Izaya."

"Oh. Der trainiert gerade noch."

"Hab ich mir gedacht."

Reijus neutrale Art schien sie zu verwirren. Etwas unsicher trat sie auf Reiju zu. "Ich müsste ganz schnell in das Lehrerzimmer und ein paar Unterlagen holen. Wenn ich zurück bin kann ich dir sagen ob du drinnen warten darfst oder ob unser Trainer was dagegen hat."

Reiju nickte stumm. Als das Mädchen bemerkte, dass mehr nicht von ihr kommen würde lächelte sie erneut freundlich auf und machte sich auf ihren Weg.

Reiju blickte ihr einen Moment lang nach und setzt sich dann auf die oberste Stufe.

Es war warm. Die langen schwarzen Ärmel ihrer Schuluniform brachten sie bereits den ganzen Frühling zum schwitzen und jetzt war es schon beinahe Sommer. Wieso verging die Zeit so schnell, ohne, dass auch nur irgendwas passierte. Alles schwamm so irgendwie vor sich hin.

Plötzlich öffnete sich die Tür hinter ihr erneut.

"Wer bist du denn?", rief eine hohe Kinderstimme. Verwundert drehte Reiju sich zu ihr.

Mit einem lauten Knall fiel die Tür wieder zu und das kleine Mädchen vor ihr zuckte zusammen und verlor sofort das Gleichgewicht. Schnell griff Reiju nach ihrer Hand und rettete sie vor einem Sturz.

"Danke", sagte das Mädchen und lächelte breit.

"Ich bin Reiju und wer bist du?" Das Mädchen starrte sie mit großen Augen an. "Von dir hab ich gehört!", rief sie und setzte sich neben sie. "Ich bin Hattori." "Gehört? Von wem denn?"

Hattori kicherte und stand wieder auf. Sie kletterte die Stufen herunter und hielt ihre Hand in die Höhe. Sie sprang auf und ab. "Von meinem Bruder. Der ist so groß!" Reiju musste lächeln. "Izaya?"

Wild nickte sie und ließ ihren Arm wieder sinken. Lächelnd trat sie von einem Fuß auf den anderen.

Tatsächlich hatte Hattori das gleiche struppige Haar wie Izaya, genau so wie das gleiche Glühen in den Augen.

"Und was machst du jetzt hier, Hattori?", fragte Reiju weiter und stützte ihre Arme auf ihre Knie.

"Mein großer Bruder nimmt mich doch so oft mit zum Volleyball. Ich feuere ihn immer ganz laut an!" "Das glaub ich dir", antwortete Reiju lächelnd und stand auf. "Komm wir bringen dich schnell wieder rein. Izaya vermisst deine Zurufe bestimmt schon."

Hattori horchte sofort auf und nickte wild. Sie kam zurück zu den Stufen und griff zu Reijus Überraschen nach ihrer Hand. Mit ihrer Hilfe zog sie sich sicher die Treppe hoch. Die winzige Kinderhand klammerte sich fest um Reijus. Doch als sie die Tür öffnete war Hattori mit einem mal in der Halle verschwunden.

Ganz schön schnell lief sie Izaya in die Arme und ließ Reiju allein im Türrahmen stehen. Ihr Blick fiel geradewegs aufs Feld.

Kisumi spielte seit dem ersten Jahr in der Mittelschule ebenfalls Volleyball, deshalb kannte sie es. Die Atmosphäre, die Geräusche und den Geruch.

Doch sie hatte Volleyball noch nie auf einem so hohen Niveau gesehen. Es war schnell und eiskalt. Hart und sanft zugleich. Es war nur ein Trainingsspiel doch beide Seiten des Teams wirkten perfekt eingespielt und völlig da. Auf höchster Konzentration.

Izaya umarmte seine kleine Schwester und fragte sie, wo sie gewesen war, doch statt zu antworten zeigte sie nur lachend auf Reiju. Sofort sah er auf und beobachtete kurz wie sie einfach nur verträumt da stand und das Trainingsspiel seiner Teamkollegen bestaunte.

"Komm Hattori, setz dich wieder. Ich sage Reiju kurz danke." Brav nickte sie und setzte sich zurück auf ihren Platz. Direkt neben ihre grünblaue Trinkflasche und ihr kleines Buch.

"Hey Reiju. Was machst du denn hier?", fragte er und gesellte sich zu ihr. Verwirrt entkam sie ihrer Abwesenheit und sah zu ihm auf. "Izaya. Entschuldige, dass ich einfach reingekommen bin."

"Nein, nein kein Problem", er lächelte doch hörte im nächsten Moment schon seinen Trainer nach ihm rufen. "Ich muss zurück, aber danke dass du Hattori reingebracht hast. Sie macht immer nur was sie will."

Er drehte sich um und und lief zurück auf das Spielfeld, wo sein Kapitän schon auf ihn wartete. Sie wechselten ein paar Worte und Izaya bekam ein Schulterklopfen, dann ging das Spiel weiter.

"Du bist ja reingekommen." Das Mädchen von eben stand plötzlich neben Reiju und starrte sie an, doch sie lächelte noch genau so freundlich wie zuvor.

"Ich habe Hattori reingebracht." "Ah, die kleine Ausreißerin. Ich frage mal schnell nach, aber es ist sicher kein Problem, wenn du dich einfach zu ihr setzt. Das Training ist sowieso gleich vorbei" "Danke."

"Ich bin übrigens Yue." "Reiju."

Reiju wartete kurz, bis Yue ihr zustimmend zulächelte. Also nickte sie und setzte sich rüber zu Izayas kleinen Schwester. Fröhlich rief sie ihren Namen und lachte als sie ihr durch das kurze Haar wuschelte.

Routiniert horchte Izaya bei dem schrillen Lachen seiner Schwester auf. Doch verwundert stellte er jetzt fest, dass Reiju bei ihr saß. Er fragte sich, was sie hier noch hielt.

Im nächsten Moment aber fasste er sich schnaubend an den Kopf. Ein ziemlich heftiger Ball hatte ihn genau an der Stirn getroffen.

„Alles gut, Izaya?“, rief sein Trainer und seine Mine war ernst. Etwas überfordert nickte er.

"Dann konzentriere dich gefälligst!", rief er weiter und pfiff neu an.

"Das ist mir wirklich lange nicht mehr passiert." Izaya hörte wie sein bester Freund und Kapitän Wakabayashi hinter ihm lachte. "Fünf Minuten hältst du ja wohl noch aus", sagte er grinsend und spielte ihm den Ball zu.

 

Der letzte laute Pfiff des Trainers zeigte das Ende des Trainings an.

Hattori sprang sofort auf, griff nach ihren Sachen und lief auf Izaya zu.

Erschöpft wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht, doch seine kleine Schwester nahm er dennoch voller Elan in seine Arme. Er warf sie hoch und ihr helles Lachen erfüllte die Sporthalle.

"Na wie war dein großer Bruder?", rief er und schwang sie durch die Luft.

"Super!"

"Super abgelenkt!"

Wakabayashi legte seine Hand auf Hattoris Kopf, die wieder am Boden stand und jetzt mit finsterer Mine zu ihm aufsah. Er erwiderte ihren Blick lachend.

"Nein, Izaya war super!", protestierte sie.

Reiju blieb auf ihrem Platz sitzen und beobachtete die Szene. Sie sah wie Yue zu Izaya ging und mit einem Seitenblick zu ihr mit ihm sprach. Izaya nickte.

Er nahm seine Schwester auf die Schultern und verließ die Halle.

Reiju blieb weiter sitzen und wartete geduldig.

Nach einer kurzen Weile trat Izaya wieder ein. Er winkte sie zu sich und sie gehorchte.

"Hey noch mal", sagte er und ging mit ihr nach Draußen.

Genau gegenüber des Halleneingangs befanden sich die Stufen zum Seiteneingang des Schulgebäudes. Izaya setzte sich auf die oberste Stufe und beobachtete wie Reiju sich zu ihm setzte.

"Yue meinte du willst mit mir reden. Ich schätze du wartest nicht so lange für etwas wenig Wichtiges." Er sah sie an und lächelte, seine Augen aber zeigten ihr, dass er sie ernst nahm. "Also, was ist los?"

Doch bevor Reiju etwas sagen konnte kam ein Junge in Trainingsklamotten aus der Halle. Er hatte etwas längeres graues Haar und war unfassbar groß. Aus der Ferne hatte er eben noch nicht so riesig gewirkt. Er unterbrach ihr noch so frisches Gespräch.

"Bis Morgen dann!", rief er lässig und sprang die drei Stufen vor der Halle herunter. "Ja bis Morgen", rief ihm Izaya hinterher. Dann sah er entschuldigend zurück zu Reiju.

"Der ist ja noch größer als du", sagte sie stumm und Izaya musste grinsen.

"Ja, das ist unser Masamune. Er ist ein wirklich langer Spieler, aber umso wertvoller."

Reiju nickte zustimmend, als wüsste sie aus Erfahrung genau was er meinte.

"So jetzt aber", fing Izaya ein weiteres mal an und lehnte sich kurz gegen sie, damit sie richtig zu sich kam. "Was ist los?"

"Ace", sagte sie bestimmt und sah jetzt zu Izaya auf. Er seufzte. Er faltete seine Hände, stellte seine Ellenbogen auf und stützte sein Kinn darauf. Als würde er schon genau wissen, was jetzt kam und es war nichts Gutes.

"Er kommt nicht zur Schule", redete Reiju weiter.

"Er kommt nicht zur Schule", wiederholte Izaya. "Also hab ich es mir nicht eingebildet."

"Nein", Reiju machte eine kurze Pause. Sie beobachtete Izayas Profil, doch er war unlesbar. Er wirkte einfach nur sehr konzentriert.

"Erst hat er nur in den Meetings gefehlt. Dann kam er irgendwann nur noch Morgens zur Schule. Seit einer Woche war er jetzt gar nicht mehr da."

Izaya nickte. Er überlegte, doch nicht lange. Er atmete aus und schien sofort zu wissen was los war. Er schien sofort einen Plan zu haben. Jahrelange Freundschaft in wenigen Sekunden durchgespielt.

"Danke Reiju", sagte er endlich. "Ich weiß denke ich, was er immer tut."

Er öffnete seine Hände wieder und seufzte. Gedankenverloren starrte er weiter gerade aus.

"Wie geht es eigentlich Seiya, weißt du das? Ich habe gehört er ist jetzt im Trainingscamp."

"Ja das ist er. Er scheint seine Leidenschaft wieder gefunden zu haben. Ihm geht es gut, aber-" Jetzt sah er zu ihr rüber. Ihr Gesicht war erwartungsvoll, als könne er ihr die Lösung bringen.

"Ich weiß nicht wie Ace das weggesteckt hat." Schnell sah er wieder nach vorne und hielt ihrem Blick keine Sekunde lang mehr stand. Sie hatten beide einfach viel zu wenig Ahnung.

"Es tut mir leid Izaya. Ist es komisch, dich gefragt zu haben und... mit dir über ihn zu reden?", fragte Reiju nach einer Weile. Ihre Stimme war ganz ruhig. Sie beobachtete das seichte Wanken des Laubes an einem jungen Kirschbaum.

"Nein, nein das ist es nicht."

Izaya wollte noch etwas sagen, doch er rang tatsächlich ein wenig nach Worten.

"Weißt du, Ace ist ein guter Mensch."

"Ja, das glaub ich." Reiju sagte nichts mehr. Inzwischen glaubte sie es wirklich.

"Aber... wenn er einen schlechten Tag hat tut er gern so als wäre er es nicht und davon hatte er in letzter Zeit viel zu viele. Ich weiß nicht was in solchen Momenten in ihm vorgeht. Er kleidet sich in völlig neue Verhaltensweisen." Reiju war es, als hätte Izaya diese Worte gerade zum aller ersten mal laut ausgesprochen. Und dann vertraute er sie ihr an. Sie konnte nicht sagen was das zu bedeuten hatte, doch es schien ein Anfang für... was auch immer.

"Ich würde ungern mitansehen wie er gar nicht mehr kommt", erwiderte sie plötzlich.

Izaya musste lächeln. Sie konnte einfach nicht sagen, was in seinem Kopf vorging. Eine schwere Stille stellte sich ein, während alle Spieler und zu Letzt auch Izayas Trainer die Halle verließen.

"Na ja", sagte er dann nach einer Weile und das Gespräch schien für ihn beendet. "Ich muss noch ein paar Bälle schlagen, bevor ich gehe."

Izaya wollte aufstehen, doch sein Blick in die Halle fiel auf totale Leere, also ließ er sich wieder neben Reiju sinken. "Alle sind schon weg", stellte er fest. Er lehnte sich zu ihr und sah sie plötzlich bittend an. Sein Mund verzog sich zu einem kindlichen Schmollen.

"Würdest du mir vielleicht ein paar Bälle zuwerfen?", fragte er.

Kurz blickte sie ihn nur an, doch er schmollte immer schlimmer.

"Okay."

 

Sie folgte Izaya in die Halle und stellte ihre Straßenschuhe neben die Tür. "Pass auf mit den Socken. Sonst rutscht du noch aus", rief er ihr zu und holte den Korb mit den Bällen. Reiju aber zog ihre Socken einfach aus und stellte sich barfuß an den Netzpfosten. "Oder so", lachte Izaya.

Er dehnte sich kurz, während sie den ersten Ball aus dem Korb holte.

"Wirf ihn einfach irgendwo vor das Netz. Ich muss nur noch ein paar Schläge ausführen, sonst rostet mein Handgelenk noch ein."

Er grinste breit, während Reiju nickte und etwas in die Knie ging. Izaya rannte los und sie warf.

Der Schlag auf das harte Leder erschütterte die gesamte Halle und beförderte den Ball genau innerhalb der Außenlinie. Dann wurde es wieder totenstill.

"Kannst du den Ball das nächste mal etwas näher an das Netz werfen?", fragte Izaya und ging wieder zurück in Position. "Okay."

Wieder warf Reiju den Ball, als Izaya losrannte. Er traf ihn perfekt. Die Wucht war dieses mal noch viel härter und schallte in Reijus Ohren wieder. So ging es ein paar Bälle.

"Deine Würfe werden immer perfekter für mich", sagte er nach ein paar Schlägen. "Du liest meine Bewegungen fast schon schneller als es unser Setter manchmal tut. Das ist unglaublich."

"Kisumi lässt mich für ihn immer Bälle werfen oder Schlagen. Ich bin also nicht ganz ohne Übung."

"Trotzdem", er grinste und ging erneut in Position. Er rannte und Reiju spielte ihm zu. Sein Schlag war perfekt. Unvorhersehbar und unmöglich zu blocken.

"Kisumi spielt also auch Volleyball, ja?", fragte er, während er schon den nächsten Ball von Reiju schlug.

"Ja, im Team der Mittelschule."

Reijus Augen beobachteten jede seiner Bewegungen vom Laufen, zum Schlag bis zur Landung. Seine Hand legte sich jedes mal sanft um den Ball und umspielte ihn, bevor er ihn völlig gewaltlos, aber mit einer enormen Stärke in die gegnerische Hälfte schickte. Er landete ausnahmslos jedes Mal innerhalb des Feldes.

"Hey Reiju!" Zurück bei Sinnen sah sie zu ihm auf. "Entschuldige. Lauf."

Er nickte und gehorchte sofort.

"Auf welcher Position spielt Kisumi denn?", fragte er, als er wieder am Boden aufkam. Er hatte genau diese Frage eben sicher schon ein paar Mal gestellt.

"Libero. Ich schmettere ihm den Ball zu und er versucht ihn in der Luft zu halten."

"Also das kannst du auch?"

"Irgendwie bekomme ich den Ball schon über das Netz."

Begeistert leuchtete Izaya auf und packte sie plötzlich an den Schultern.

"Komm, ich werfe und du schlägst. Zeig mir deine Technik."

Reiju wehrte sich nicht. Izaya gehörte, genau wie Keita, zu den Menschen, die sich so sehr für etwas begeisterten, dass sie keiner davon abbringen konnte. Reiju würde sich nur die Zähne ausbeißen und das wollte sie nicht riskieren.

"Okay. Wirf noch kurz bevor ich losgelaufen bin, sonst verfehle ich den Ball."

Sie ging an die Außenlinie und sah Izaya nicken.

Er warf und Reiju tat was sie tun musste. Sie lief, sprang, sah den Ball genau vor ihr in der Luft und traf ihn in der letzten Sekunde. Ihr Schlag landete im Aus.

"Dein Gefühl für Volleyball ist echt nicht zu unterschätzen." Begeistert wippte Izaya auf und ab.

"Der war im Aus", raunte Reiju und machte ihre rotglühende Hand zur Faust. Sie brannte.

"Egal, der Schlag war der Wahnsinn! In deinem dünnen Händchen steckt mehr Kraft als man erwarten würde."

"Wie gesagt, das war einfach nur nicht mein erstes Mal."

Sie öffnete ihre Hand wieder und schloss sie erneut. Izayas bohrenden Blick spürte sie, doch sie sah nicht auf. Er könnte jetzt alles von ihr verlangen, es war immerhin Izaya.

"Weißt du. Unsere Managerin ist schon im dritten Jahr und will sich ab dem Sommer auf die Uni konzentrieren. Wir suchen noch einen Ersatz."

Reiju ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. Geduldig starrte Izaya sie an.

"Ich weiß nicht."

Sie holte ihren und ein paar von Izayas Bällen und packte sie zurück in den Korb.

"Überlege es dir einfach." Er lächelte ihr zu und half ihr die restlichen Bälle einzusammeln.

"Du bist schon fertig?", fragte sie verwirrt, doch er winkte ab. "Ich entlasse dich jetzt. Aber bitte überlege es dir, okay?"

Reiju verzog das Gesicht, doch sie nickte.

"Okay."

"Er will mich als Managerin."

Reiju lang an diesem Abend noch lange wach im Bett. Sie überlegte. Überlegte viel und kam so nicht dazu endlich ihren nötigen Schlaf zu bekommen.

Das Zimmer war dunkel, doch in seichtes graues Mondlicht gehüllt. Es hatte etwas mystisches, wenn der Vollmond am Himmel stand und ihr Zimmer erleuchtete. Es zeigte ihr eine neue Welt.

Zum Glück war es Freitag und ihre Chatgruppe mit Junko, Suru und Keita noch immer reich belebt.

"Wie kommt er da darauf?", kam sofort Junkos fragende Antwort.

"Ich hab ihm heute ein wenig beim Einzeltraining ausgeholfen."

"Du und Izaya?"

"Ich hab ihn was wegen Ace gefragt."

"Ah."

"Reiju du wirst doch nicht etwa zusagen?", schaltete sich Keita ein. Suru war als Einziger noch offline.

"Ich bin mir nicht sicher."

"Hamori Reiju in einer freiwilligen Aktivität. Dass ich den Tag noch mal erleben darf! Historisch, das notiere ich mir."

"Hör auf Keita. Ich hab gesagt, ich weiß es noch nicht."

"Wenn du zusagst freut sich Izaya bestimmt und er wird dir sicher unter die Arme greifen." Junko schien kurz weg gewesen zu sein, doch jetzt war sie zurück.

"Was ist los? Reiju als Managerin?", meldete sich Suru plötzlich. "Ist eine gute Idee, du stehst auf Volleyball."

"Kisumi steht auf Volleyball."

"Und du genau so."

Es kam keine Antwort.

"Euer Vater hat euch nicht umsonst damit großgezogen", hakte Suru nach und schob noch hinterher "Sag zu!"

"Sag zu!", kam es ebenso von Junko und Keita, bis Reiju ihr Handy seufzend bei Seite legte.

 

"Du hast also wirklich zugesagt?", fragte Suru. Das Meeting an diesem Dienstag war gerade wieder beendet und sie traten aus dem Klassenzimmer.

Sie zuckte nur mit den Schultern.

"Das ist toll, Reiju. Es macht dir bestimmt Spaß und in Bewerbungen macht es sich auch gut."

Sie nickte. "Wir werden sehen. Ich hab ja schon Lust, nur-" Sie brach ab. Sie konnte nicht genau sagen, was dieses nur war. „Nur was?“, fragte Suru doch sie zuckte mit den Schultern.

Sie verließen gerade das Schulgebäude und schlenderten über den Schulhof.

"Ich lass mich einfach darauf ein, denk ich", sagte sie und schaute auf ihr Handy. Es erinnerte sie daran noch unbedingt in die Stadt zu müssen.

"Suru, du musst heute allein nach Hause. Ich muss noch was erledigen", sagte sie beiläufig und wandte sich schon zur anderen Seite als er noch etwas sagte.

"Was denn?", fragte er. Er lächelte. "Ich kann dich begleiten, wenn du willst."

Reiju verlagerte ihr Gewicht vom einen Bein auf das andere. Ihr besonnener Gesichtsausdruck traf seinen. "Schon gut, ich brauch nur neue Sportschuhe, jetzt wo ich nächste Woche anfange... ich komm alleine klar." Er nickte. "Bereite dich gut vor." Suru grinste breit. Er sah zu wie sie zögerlich nickte und dann Richtung Einkaufsstraße verschwand.

 

Nur ein paar neue Schuhe für einen ganz neuen Lebensrhythmus. Beinahe täglich würde sie bald dafür sorgen, dass für das Kinroko Volleyballteam alles glatt lief. Sie würde wirklich gute Schuhe brauchen.

Reiju konnte sich selbst noch nicht so recht erklären wieso sie Izayas Angebot angenommen hatte. Sie war nicht gern unter vielen Menschen und stand auch nicht gern unter Wettbewerbsdruck. Zwei Dinge die sie ab jetzt permanent verfolgen würden. Dennoch hatte sie zugesagt. Vielleicht weil Izaya ihr sympathisch war, vielleicht weil sie den unterschwelligen Drang hatte Dinge zu organisieren. Vielleicht aber auch, weil der Volleyball immer eine Verbindung zwischen ihr und ihrem Vater gewesen war. Eine mögliche Verbindung, die sie in letzter Zeit verzweifelt suchte.

Völlig überfordert lief Reiju plötzlich etwas über den Weg. So überraschend, dass es selbst ihr vertieftes Gemüt durchbrach. Doch er schien sie im Gegenzug nicht zu erkennen.

Sofort kehrte sie auf dem Absatz um und betrachtete seinen schweißgebadeten Rücken.

"Ace!", rief sie lauter als es nötig gewesen wäre. Er schreckte hoch. Die zwei schweren Kisten in seinen Händen machten einen Sprung und landeten nur gerade so noch sicher zurück auf seinen Armen.

Verwirrt drehte er sich zu ihr.

Er trug wieder den dunkelgrünen Sweater, die Ärmel waren mühsam hochgekrempelt. Diesmal erkannte Reiju das Logo auf seiner linken Brust. Es war das, des Restaurants vor dem sie gerade standen und sich wortlos anstarrten.

Sein Haar klebte ihm strähnig auf der Stirn. Seine Nase glänzte.

"Was tust du hier?", fragte er endlich. "Was tust du hier?", fragte Reiju betont zurück und entgegnete seinen Blick.

"Ich hab doch gesagt ich arbeite im Kageyamas oder? Das 'Ka' steht nicht umsonst auf meiner Brust."

Stumm trat Reiju zu ihm vor. Er war harsch. "Soll ich dir helfen?"

Sie griff nach einer Kiste und streifte seine Hand. Eiskalt durchzog es sie. Seine Hände waren Eiszapfen.

"Das ist mein Job, ich schaff das", zischte er und ging weiter. Unbeirrt folgte sie ihm.

"Wie geht es dir so, Ace?", fragte sie, doch er antwortete nicht und verschwand im Eingang des Kageyamas. Reiju ging ihm schnell nach. Leicht bückte sie sich unter dem kurzen Vorhang und blickte in einen überfüllten Raum.

Ihr eröffnete sich ein kleines Restaurant. Warm beleuchtet und mit vielen Fotos von Menschen an den Wänden. Die Tische standen eng zusammengedrängt. Niemand hatte wirklich viel Platz auf seinem Stuhl, doch es schien auch niemanden zu stören. Die Gäste saßen eng an eng und unterhielten sich guter Laune. Lautes Lachen erschallte im gesamten Raum.

Auf der anderen Seite gab es eine Theke vor einer offenen Küche. Ace ging hinter ihr her und verschwand in der Personaltür.

Reiju war überwältigt. Die Atmosphäre war anders, als die in den Cafés oder Diner, die sie kannte. Es war familiär, klein und schien freundlich und ausgelassen.

Wie paralysiert bahnte sie sich ihren Weg durch die vielen Tische und Stühle, zwischen essenden und trinkenden Menschen und setzte sich an die Theke. Es war wie eine Bar. Man schaut dem Meister bei seinem Handwerk zu, nur war es hier das Kochen.

Reiju spürte die gewaltige Hitze der Gasherde und der Öfen. Aber sie spürte auch den Reiz genau hier sitzen zu bleiben. Den Reiz beim Schaffen von etwas dabei zu sein.

Da trat Ace wieder hinaus.

Er hatte seine Haare zu einem Zopf gebunden und einen neuen Pullover angezogen. Die Ärmel von diesem waren ihm viel zu lang, er musste sich ihn von jemandem geliehen haben. Er krempelte sie hoch bis über die Ellenbogen.

Ace wurde von einem lauten Zurufen begrüßt, als er sich an den Herd stellte.

"Hey Ace Kleiner", sagte ein Mann mittleren Alters am Anfang der Theke. "Da bist du ja wieder. Ich freue mich auf mein Übliches."

Ace drehte sich zu ihm und lächelte. Er nickte und begann zu kochen.

"Bist in letzter Zeit ja ganz schön oft hier", rief ein anderer über die lauten Stimmen und die brutzelnde Pfanne hinweg. Ace zuckte nur mit den Schultern. "Kageyama mag mich eben", antwortete er ohne vom Herd aufzusehen.

Ace kochte also. Das tat er den ganzen Tag.

Er war fokussiert und ließ seinen Blick nicht von dem Gericht, dass vor ihm entstand.

Um seine Handflächen waren Bandagen gebunden, genau so auch um einige seiner Fingerkuppen. Von den restlichen Gästen hier schien es aber niemanden zu wundern. Jeder kannte ihn und das anscheinend schon eine ganze Weile.

Noch hatte er Reiju nicht bemerkt. Er war viel zu konzentriert. Er schien im Kopf runterzuzählen.

"Hey, du bist aber das erste mal hier oder? Ich hab dich noch nie hier gesehen", sagte ein Mann neben ihr. Er schien etwas jünger als die anderen. Vielleicht Mitte 30.

Reiju nickte. "Ja, das bin ich." "Was führt dich ins Kageyamas?", fragte er weiter. Er lächelte freundlich, doch Reiju war viel zu abgelenkt.

Ace hatte den richtigen Moment abgewartet und der war jetzt gekommen. Mit einem schnellen Zug mischte er Gewürze unter das Fleisch und zog dann die Pfanne von der blauen Flamme. Er schwenkte es noch einmal um und drapierte sein Werk auf einem Teller.

"Einmal das Übliche", sagte er routiniert und stellte es einem der wartenden Gäste vor die Nase.

"Wegen ihm bist du also gekommen", lachte der Mann neben Reiju. "Was?", fragte sie aufgeschreckt. "Ace ist unglaublich nicht wahr." Sie nickte nur. "Kennt ihr euch?" Reijus Blick ging etwas überfordert von Ace zu dem Mann. "Ähm wir-"

"Hayate, belästige unsere Gäste nicht", unterbrach Ace sie.

Er stand plötzlich vor ihnen und sah den Mann neben Reiju lachend entgegen. "Ich hab mich nur unterhalten", sagte er und grinste. "Aber wenn du schon hier bist kannst du mir direkt meine Ramen mitbringen." Ace nickte.

"War nett dich kennenzulernen", sagte Hayate zu Reiju und wandte sich zurück zu seinen Freunden.

„Was machst du hier?“, fragte Ace sofort als ihn keiner mehr ansah. Sein Blick war gleichgültig.

„Essen“, antwortete sie und griff nach der Karte. Er blieb stehen und beobachtete wie ihre Augen die Angebote musterten. „Ich empfehle das Donburi des Hauses“, sagte er nach einer Weile etwas ungeduldig.

Sie sah auf. „Ist das deine Spezialität?“, fragte sie grinsend und schloss die Speisekarte wieder. Ace nickte nur und nahm sie ihr ab. „Dann nehme ich einmal das ohne das Fleisch bitte“, sagte sie, als er sich schon zum Herde wandte. „Alles klar."

Reiju stützte ihren Kopf auf ihre Hand und sah sich etwas um.

Ace war zusammen mit einer jungen Kellnerin der einzige Angestellte im gesamten Restaurant und das obwohl es rappel voll war. Ihn aber schien das nicht zu überfordern, ganz im Gegenteil sogar. Er wirkte als würde er es genießen hier zu sein und zu kochen. Und die Kundschaft genoss es genau so ihn am Herd zu wissen.

Trotz des vollen Hauses dauerte es auch nicht lange und Reiju hatte eine dampfende Schüssel Donburi vor sich. Es roch unglaublich gut und glänzte in warmen, appetitlichen Farben.

„Danke“, sagte sie und nahm die Stäbchen von ihm entgegen.

Sie spürte seinen Blick auf sich, aber ließ sich nicht beirren. Tatsächlich hatte sie ziemlichen Hunger bekommen. Das Wasser lief ihr sofort im Mund zusammen.

Sie nahm sich etwas Reis zusammen mit dem gedämpften Gemüse zwischen ihre Stäbchen und führte es an ihren Mund. Der unglaubliche Geruch wurde intensiver. Es war köstlich, so außergewöhnlich hatte ein so einfaches Gericht wie Donburi für sie noch nie geschmeckt.

Reiju zwang es ihre Augen zusammen. Blind genoss sie den einnehmenden Geschmack.

Noch immer stand Ace vor ihr und betrachtete sie.

„Es schmeckt, hab ich recht?“, fragte er.

Reiju musste nicken. Selbst wenn sie gewollt hätte, über diesen Geschmack hätte sie nicht lügen können. Es überraschte sie irgendwie, doch auf der anderen Seite wurde ihr einiges klar.

Reiju aß langsam. Sie genoss jeden Bissen, während sie Ace stumm dabei beobachtete wie er weiter kochte und ganz offensichtlich tat was er liebte. Das sah man ihm einfach an.

Immer erst, wenn er seinen Blick von seiner Küche löste verebbte die Gier in seinen Augen. Erst wenn er zu ihr sah, war sein Blick wieder stumpf.

Mit der Zeit wurde es etwas ruhiger im Restaurant. Die Mittagswelle war anscheinend vorüber und Reiju war plötzlich allein an der Theke. Allein mit Ace.

Er machte sich daran aufzuräumen und wischte über die Arbeitsflächen.

„Darf ich dich mal was fragen?“, sagte sie, nachdem es lange still gewesen war. Sie hatte ihr Donburi beinahe aufgegessen und vermisste es jetzt schon.

Ace wusch seinen Lappen aus und hing ihm zum trocknen an den Ofen. Dann drehte er sich zu ihr.

„Was?“, fragte er.

„Wieso trägst du Bandagen?“

Ace sah runter auf seine Hände, auf die vom kochen ganz dreckigen Bandagen. An einer Stelle waren sie leicht angebrannt. Im Flow des Kochens bekam er nie etwas mit.

„Als ich hier angefangen habe, hab ich mir immer meine Hände verbrannt", begann er zu erzählen. „Anfangs konnte ich nicht mit dem Gasherd umgehen, wollte es aber unbedingt. Und dann als ich es drauf hatte, hab ich nie aufgehört damit herum zu experimentieren; mit extremer Hitze.“

Er redete ohne sie anzusehen. Er spielte mit seinen bandagierten Fingerkuppen. Still hörte Reiju zu wie er weiter sprach.

„Mein Chef sagt immer ich bin entweder besonders schlau oder nur dumm, mich gerade da zu verbrennen. Aber deswegen hat er mir diese Bandagen gegeben. Mein Vater war damals total verzweifelt. Er hatte Angst ich würde mir noch die ganzen Hände vernarben, aber ich arbeite nun mal gern mit Feuer.“

„Dein Vater?“, fragte Reiju. „Wie lange arbeitest du denn schon hier?“

„Seit ich 14 bin. Mein Vater kannte meinen Chef und er hat mich damals als Gefallen für ihn eingestellt. Ich sollte hier eigentlich nur abwaschen und mir mein Taschengeld verdienen, aber ich wollte unbedingt kochen. Seit dem bringt mein Chef mir alles bei.“

„Und das ganz schön gut.“ Reiju grinste und legte ihre Stäbchen in die leere Schale. „Vielen dank dafür.“

Ace lächelte zaghaft, aber nur ganz kurz. Er nahm ihr die Schüssel ab und stellte sie in die Spüle.

„Wie läuft es mit deinem Vater?“, fragte er plötzlich. Er hatte das Armband an ihrem Handgelenk gesehen. Es war immer der einzige Schmuck an den Armen, den sie trug.

Reiju sah zu ihm rüber. Er begann abzuwaschen.

„Dafür wollte ich dir noch danken“, sagte sie. Ihre Stimme war plötzlich leiser. „Ich hab mit ihm gesprochen. Vielen Dank Ace.“

„Das freut mich.“

Er hielt den Atem an.

„Willst du mir dann jetzt die Wahrheit sagen, weshalb du hier bist?“

Reiju sagte lange nichts. Er wusste doch ganz sicher, wieso sie so verwirrt gewesen und wieso sie ihm gefolgt war.

„Selbst Kisumi sagt er hätte dich bei euch zu Hause schon lange nicht gesehen.“

„Das geht Kisumi aber absolut nichts an.“

Reiju starrte Ace entgegen und ließ jetzt nicht mehr von ihm ab. Er hatte dieses Gespräch nun heraufbeschworen.

„Izaya macht sich Sorgen.“

„Der macht sich immer Sorgen.“

„Ich mache mir Sorgen.“

Jetzt ließ Ace die Schüssel los. Mit einem Knall landete sie auf dem Metall des Beckens.

„Reiju, du solltest gehen.“

„Wieso?“

Endlich sah er wieder auf und ging auf sie zu.

Im Raum war es leer. Nur wenige Gäste waren gerade da, dennoch sprach Ace ganz leise.

„Ich weiß was du willst. Auch wenn ich nicht verstehe wieso. Wahrscheinlich hat Izaya dich geschickt oder Suru. Er denkt wir wären ja so gute Freunde. Aber egal weshalb du hier bist. Geh.“

Reiju hielt krampfhaft an seinem Blick fest. Wenn sie etwas zu sagen hatte, musste sie es jetzt tun.

„Ich bin hier weil ich dir sagen will, dass du dein Tun überdenken solltest."

Ace reagierte nicht.

"Schule schwänzen bringt dir auch nichts. Du willst Koch werden? Dann mach deinen Abschluss und besuche eine Kochschule."

Sie stand auf und legte ihm das Geld auf die Theke. Ace Blick sagte ihr besser als alle Worte der Welt, dass sie sofort gehen sollte.

"Ich weiß nicht was du versuchst zu erreichen, aber Izaya ist nicht begeistert. Und Seiya wird es sicher auch nicht sein.“

Sie blickte Ace in seine Augen. Sein Gesicht strahlte Missachtung aus, doch tief in ihm sah Reiju, dass er wusste, dass sie recht hatte. Dennoch sagte er nichts. Er blickte ihr abfällig hinterher, als sie stumm den Laden verließ.

 

Um zehn war Ace Arbeitstag vorüber.

Er holte seine Sachen aus seinem Schrank und verabschiedete die Kellnerin. Die dritte, die heute Schicht hatte und sich von ihm verabschiedete.

Er schloss die Fensterläden und dann die Tür. Allein trat er auf die Straße.

Es war schon dunkel. Diese eine Stunde in der alles schwarz scheint, der Himmel jedoch in einem kräftigen blau erglüht.

Er zog die Ärmel seines Sweaters herunter und seufzte. Den ganzen Tag war er heute hier gewesen, das erste mal ganz allein. Er war es Kageyama schuldig.

Dann erst wagte er es einen ersten Schritt zu machen. Doch als er aufsah, stand Reiju auf der anderen Straßenseite.

Ace wollte gerade losgehen, doch er stockte. Er musste sie gesehen haben.

Sie war lange in der Stadt unterwegs gewesen und hatte alles in die Länge gezogen. Hatte jeden Laden durchforstet, bis das Kageyamas zu machte. Jetzt war sie hier und sie wusste nicht einmal genau wieso. Wieso sie so viel für Ace auf sich nahm.

Er regte sich nicht mehr. Wie erstarrt blieb er auf seinem Fleckchen stehen und sah zu ihr herüber, also überquerte sie die Straße.

„Ace“, hauchte sie.

„Reiju.“

Sie hörte seinen schweren Atem. Sofort begann ihr Herz schneller zu schlagen.

„Wieso bist du immer noch hier. Hab ich nicht gesagt du sollst gehen?“

„Sag mir wieso.“

„Wieso was?“, fragte er harsch.

Seine Stimme war so voller Hass.

„Wieso du es tust.“

Er starrte sie an. Er bohrte seinen Blick in ihren.

Reiju kannte Ace beinahe nicht. Sie hatten nie viel geredet und erst recht nichts miteinander geteilt. Sie waren wie flüchtige Bekannte, die sich öfters mal sahen. Dennoch war sie sich noch nie so sicher bei etwas gewesen. Das was er ihr gerade zeigte war nicht Ace. So war er nicht. Wieso konnte sie sich in dem Punkt so sehr vertrauen? Es verwirrte sie, aber Gott sie war sich so sicher.

Dennoch tat sein Blick gerade wirklich weh. Er spielte es gut. Den Hass und die Abwertung. Es war, als wären sie wirklich da. Als würde er es ihr immer klarer machen wollen.

„Reiju“, brach er plötzlich die Stille. Es klang so grausam. Sie brach gewaltsam in tausend Teile.

„Wir sind keine Freunde. Wir kennen uns nicht. Wieso also willst du mich nicht endlich einfach in Ruhe lassen? Geh Reiju. Geh endlich. Du hast hier nichts verloren. Du bedeutest mir ja nicht mal was, wieso also sollte ich gerade auf dich hören.“

Seine Stimme hatte einen solchen Nachdruck. Eine so gewaltige Festigkeit. Es war als spuckte er mit Galle.

Wieso war sie sich so sicher, dass er es nicht ernst meinte. Es schmerzte doch. Allein sein Blick tat so weh.

Als sie sich nicht regte drehte Ace ihr den Rücken zu. Er wollte gehen und es dabei belassen, doch Reiju handelte völlig instinktiv.

Sie trat einen Schritt vor und umfasste ihn, legte ihre Arme fest um seinen Körper und hielt ihn nah bei sich.

„Was ist nur los mit dir?“, fragte sie. Ace wehrte sich. Er wollte ihren Griff lösen, doch er wollte ihr auch nicht weh tun. Zuckend verblieb er in ihrer Umarmung.

„Erst bist du nett und dann wieder ein Arsch.“ Reiju hielt ihre Stimme nur mit größter Mühe in einer geraden Bahn.

„Wenn du Probleme hast, dann rede mit mir oder mit deinem besten Freund oder deinen Brüdern, aber lass das nicht an deinen Mitmenschen aus, verdammt.“

Ace haderte. Doch sprach dann.

„Was weißt du schon?“

„Wahrscheinlich gar nichts. Wir kennen uns ja nicht, ich weiß absolut nichts über dich. Aber ich weiß diese eine Sache. Es verletzt so viele Menschen dich so zu sehen... es verletzt auch mich. Was ist es, was passiert mit dir, dass du zu so einem Menschen wirst.“

Er hielt weiter inne. Jetzt sagte er nichts mehr.

„Ace... Ace!“ Sie wurde lauter.

Sie lockerte ihren Griff und lehnte sich vor. Sein Gesicht ging gen Himmel. Angespannt hielt er sich von jeglicher Regung ab. Er wehrte sich nicht mehr gegen ihre Arme.

„So wendet sich das Blatt was“, raunte er. Es klang, als würde er weinen. Weinte er? Spielte er auf damals an, als er sie beim Weinen gehalten hatte?

„Was ist nur los, Ace?“, murmelte sie in seinen Rücken hinein.

„Lass mich bitte endlich gehen.“

Seine Härte war zurück.

Jetzt löste er sich aus Reijus schwachen Armen und drehte sich noch einmal zu ihr bevor er ging. Sein Blick war erniedrigend.

„Bild dir nicht ein, du würdest alles über mich wissen.“

Damit verschwand er und ließ Reiju in der Dunkelheit zurück.

Gefühle an dich in einer Altbauwohnung Pt. 1 - Yung Hurn

Fahles, graues Licht fiel in das kleine Zimmer. Der Vollmond, gewaltig und einnehmend genau vor Reijus Fenster, zierte den düsteren Himmel und durchflutete es.

Viel zu hell um zu schlafen.

Viel zu wach um zu schlafen.

Reiju starrte auf den Lichtkegel der ihre Arme streifte. Silber gemustert leuchteten sie matt im kalten Mondlicht. Vorsichtig hob sie ihre Hand und schaute gebannt beim Tanz des Lichtes auf ihrer Haut zu.

Reiju war nicht verletzt. Sie musste auch nicht getröstet werden.

Es hatte weh getan, aber eigentlich war sie jetzt nur verwirrt.

Es war drei Uhr Morgens.

Es war so Still. Sie hörte nichts außer ihren Atem. Das raue ein und aus. Das und

Ace

Ace

Unaufhörlich zog sich sein Name durch ihre Gedanken. Zog sich die Szene mit ihm durch ihr Bewusstsein. Was hatte sie in den letzten Monaten eigentlich getan. Was hatte sie bewirkt ganz ohne es zu bemerken. Hatte sie geholfen oder hatte sie unabsichtlich eine Katastrophe herbeigeführt.

Ace. Was führst du überhaupt für ein Leben. Ich weiß gar nichts über dich. Was hast du für Hobbys. Was tust du wenn du nach Hause kommst. Grüßt du deine Brüder oder gehst du stumm in dein Zimmer. Kochst du auch wenn du zu Hause bist. Seit wann brennst du so dafür. Was hat das Kageyamas alles für dich getan. Siehst du deine Brüder regelmäßig. Wenn ja, was unternehmt ihr gerne. Was bedeutet das blaue Haargummi, das du manchmal trägst. Es hat ein trauriges und ein glückliches Gesicht, woher hast du es. Seit wann kennst du Izaya. Wart ihr schon immer so gut befreundet.

Vermisst du deinen Vater. Was erinnert dich an ihn.

Wie ist dein Leben, Ace. Kannst du Glück in etwas finden. Wer bedeutet dir etwas. Wer kann dir Freude schenken. Wem zeigst du deine Tränen. Gibt es jemanden. Jemand der dir Halt gibt. Jemand der dich zum Lachen bringt, auch wenn dir nicht danach ist.

Wenn ich dich richtig einschätze, bist du allein mit dir. Allein mit deinen Gedanken.

Wieso hing ich so an dir all die Zeit.

Hänge.

Weil deine Augen das selbe zeigen wie meine. Weil wir uns ähnlich sind. Aber ist das nicht absurd. Du sagst ich bedeute dir nichts. Wieso bedeutest du mir was. Wir sind Klassenkameraden. Höflichkeit ist für gewöhnlich Pflicht. Du aber warst nicht höflich. Ich glaube deswegen war ich einfach nur neugierig. Was steckt hinter all dem Vorlauten, Kojin Ace. Ich wollte es wissen, weil mich sonst nichts unterhält in dieser tristen Schule, weil ich sonst ganz alleine bin.

Du Ace aber bist nicht allein, selbst in Momenten ohne deine Freunde, bist du für Gewöhnlich nicht einsam, denn du kannst mit Menschen sprechen. Jeder mag dich und jeder erinnert sich gern an dich. Du bist äußerst sozial und charmant und machst dir einfach Freunde. Und das obwohl du mit mir beinahe gar nicht sprichst. Mit mir bist du still. Und völlig unausgeglichen. Als krempelst du dein Inneres hinaus an die Oberfläche. Nur um es mir zu präsentieren. Aber so sehe ich doch deine Fassade nicht. So sehe ich doch mehr. Wieso also zeigst du es gerade mir. Oder ist genau das deine Fassade, deine schützende Maske.

Wieso bist du dann bei Izaya genau so. Still, ungesprächig und mies gelaunt. Izaya und mir zeigst du das in gleichen Zügen, doch wieso tust du es auch ihm an. Er sollte dir doch mehr bedeuten, als eine Maske. Wieso lässt du ihn nicht an dich ran. Es verfolgt ihn. Dass er dir nicht helfen kann. Ihr kennt euch doch sicher schon eine ganze Weile. Izaya ist nicht dumm. Er sieht, wenn du leidest, das macht es nur noch schlimmer. Für ihn und für dich, denn ich bin mir sicher, du kannst es genauso sehen, wenn er leidet. Keiner von euch aber kann was tun, wieso. Wegen dir. Aber warum ist das so. Izaya würde alles für dich tun, ich bin mir sicher dir ist das bewusst, denn nur so bringst du ihn dazu einfach gar nichts zu tun. Er ist verunsichert. Der große selbstbewusste Izaya, verunsichert von einem dürren Jungen, weil ihm klar ist, dass er diesen kleinen dürren Jungen nicht retten kann.

Aber er ist nicht der Einzige. Denn das gleiche tust du auch mit Seiya. Er ist älter, du denkst er kommt mit allem gut klar, doch ich bin mir sicher dem ist nicht so. Ich weiß nicht viel über euch, doch eins weiß ich, ihr liebt euch abgöttisch. Dennoch scheinst du nicht mit ihm zu reden und er nicht mit dir. Bei seinem Turnier warst du schockiert, ich hab es in deinen Augen gesehen als du nach Draußen tratst. Du warst nicht du selbst und Seiya war es auch nicht. Aber ihr habt es dabei belassen oder. Jetzt ist Seiya im Camp und du bleibst zurück. Ohne Aussprache und ohne Antworten. Ohne den einzigen Menschen, der alles was passiert ist genau so aufgenommen hat wie du. So groß ist euer Altersunterschied doch gar nicht. Und trotzdem passt er auf euch auf wie ein Vater. Ist er dem gewachsen. Du bist dir nicht sicher, doch sprichst nicht mit ihm. Wieso. Du überlässt ihn seinen Gedanken. Lässt ihn Leben, für sich, ohne böse Absicht, denn das ist der Weg, den du gezwungen bist zu gehen. Aber irgendwo auf diesem Weg steht Ren. Das Energiebündel. So voller Liebe und Sonnenschein.

Fürchtest du dich sein Licht zu löschen. Lässt du ihn und Kisumi deshalb immer ganz allein im Haus. Verkriechst dich ohne Konfrontation. Er bedeutet dir alles und du willst ihn schützen. Das glühen in seinem Herzen. Du willst sein brennendes Auftreten nicht erlöschen. Mit deiner angeschleppten Dunkelheit. Doch bist du wirklich so dunkel. Bist du wirklich der grause Atemzug, der die Kerze erlischt. Denn dein Herz scheint warm.

Wir kennen uns nicht. Werden uns sicher in nächster Zeit auch nicht besser kennen lernen und doch trittst du mir freundlich gegenüber. Mit einem Lächeln. Mit Güte und Empathie. Bis du es nicht mehr tust.

Was zu spielen ist leichter. Ganz sicher das Böse. Es ist einfacher gar nichts zu zeigen, als die Wahrheit zu zeigen nicht wahr.

Ich versteh das Ace. Nur meine Engsten sehen mich Lachen, nicht mal alle von ihnen sehen mich weinen, aber ich habe mich bewusst dazu entschieden. Du aber tust es aus anderen Gründen. Tust es ungewollt. Völlig unbewusst.

Ich bin nicht gern unter Menschen, man könnte mir vorwerfen ich wäre die Verkörperung des Introvertierten und ich würde nur zustimmend nicken. Aber du bist das nicht. Mit vielen Menschen gehst du gerne um, und wenn du wirklich glücklich bist dann Lachst du herzlicher als die anderen es könnten. Beim Fußballturnier warst du es, nicht wahr. Zwischen all den Menschen, sahst du wirklich fröhlich aus. Und als du mich damals zu Kisumi gebracht hast, hast du permanent gelächelt. Wenn dir danach ist, bist du offen und herzlich. Wenn dir die Kraft entweicht, wirst du düster. Du weißt nicht wie du damit umgehen sollst. Wie du deine Gedanken kontrollieren sollst. Wie du sie überkommen sollst. Hilflosigkeit, ganz ohne Halt, macht sich in dir breit und du gibst auf. Deine Persönlichkeit und deine Normen werden von dir abgelegt und betrogen. Du denkst wenn du dich für nichts und niemanden entscheidest, du entscheidest, dass dir niemand wichtig ist, wäre es am besten für alle. Wenn alles bleibt wie gehabt und du niemanden neu mit hineinziehst. Du traust dir nicht. Hast Angst alles zu bereuen. Alles schlimmer zu machen und jemanden zu verletzten. Aber das führt zu nichts und das weißt du auch. Bist du damit zufrieden. Bist du okay damit. Wieso bleibst du allein mit dir selbst, wenn du es überhaupt nicht willst. Die Menschen um dich herum lieben dich auf eine ganz eigene, ganz besondere, warme und sanfte Art und Weise. Wieso lässt du es nicht zu. Ohne Familie bist da nur noch du

und ohne dich, gibt es keine Familie.

Du bewirkst so viel mehr als du ahnen magst. Und doch blockiert irgendwas in dir deine gesamte Persönlichkeit. Ich kann mir vorstellen was es ist, will es aber nicht. Dafür kennen wir uns nicht gut genug, das Recht habe ich nicht.

Und doch liege hier, einsam in meinem Bett, und bilde mir ein dich in allen anderen Belangen analysieren zu dürfen. Doch ich werde den Gedanken einfach nicht los, dass es so stimmt. Dass ich richtig liege. Doch was kann ich tun. Was würde dir helfen und was würde alles nur noch schlimmer machen. Beginnst du mich zu hassen, wenn ich mich einmische. Eigentlich wäre es mir egal, wenn ich dir nur helfen kann. Denn irgendwas muss ich tun können. Aus irgendeinem Grund hast du mich gewählt, obwohl so viele Menschen an dir verzweifeln. Wenn ich es also nicht für dich tun kann, tue ich es für Izaya, der mir ein guter Freund geworden ist. Oder für Yuka, die sich über all die Umwege unglaubliche Sorgen um eure Familie macht. Oder ich tue es für Kisumi, denn du fehlst ihm. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, tue ich es auch für mich selbst. Ich schätze dich und ich beginne sogar auf eine seltsame Art der platonischen Liebe etwas für dich zu empfinden. Letzten Endes sind wir wohl doch irgendwie Freunde geworden. Und meine Freunde dümpeln nicht im Dornenstrauch. Meine Freunde sprühen Funken.

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"Reiju! Da bist du ja!"

Suru sah von dem kleinen Grüppchen Schüler in dem er stand auf und blickte zu ihr rüber. Er winkte und verabschiedete sich knapp von seinen Freunden. Dann kam er auf sie zu gerannt.

Reiju kämpfte sich gerade ihren Weg durch den vollen Schulflur. Es war die erste Mittagspause und sie hatte erst jetzt ihren Weg ins Schulgebäude gefunden. Viel zu lang hatte sie heute Morgen verschlafen.

Suru schloss sich ihrem Weg zum Klassenzimmer an und betrachtete sie. "Hey", raunte sie ihm entgegen und strich sich ihr heute so wirres Haar hinter das Ohr. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt es zu waschen. Ihr Pony war hochgesteckt. Das Deckhaar in ihrem Gesicht machte sie wahnsinnig.

"Wo warst du? Wir haben uns Sorgen gemacht." Suru konzentrierte sich dabei ihrem schnellen Schritttempo folgen zu können. "Ja entschuldige. Ich hab einfach verschlafen."

"Das ist dir ja noch nie passiert."

"Was machst du eigentlich hier?", fragte sie und sah endlich zu ihm hoch. Ihre müden Augen lächelten angestrengt.

"Ich schlendere nur ein wenig umher." Sie nickte. "Ich hab mich gefragt was passiert sein könnte, als du heute Morgen nicht aufgetaucht bist." Sie kamen vor Reijus Klassenzimmer zum stehen.

"Bin fast selbst zu spät gekommen." Er hob seinen Arm hinter seinen Kopf und lächelte. Es war etwas beschämt. Reiju musste gähnen, doch unterdrückte es so gut es ging. Sie zwang sich zu einem Lächeln und blickte Suru in die Augen.

"Entschuldige."

"Ist alles gut bei dir?", fragte er dann. Sein Blick fiel auf ihr gesamtes Erscheinen. Sie sah müde und fertig aus. Ihre Schuluniform saß nicht regelkonform. Sie war wahllos zusammengewürfelt und das rote Band am Kragen nicht zusammengebunden.

"Ich hatte gestern Abend eine Auseinandersetzung mit Ace", sagte sie leise. Verwundert starrte Suru auf sie herunter. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch da sprang Keita plötzlich auf sie zu.

"Da bist du ja! Wo bist du gewesen?"

Reiju gab unter seiner Last auf ihren Schultern nach und beugte sich etwas vor. "Entschuldige Keita."

"Was meinst du mit Auseinandersetzung, Reiju?", fragte Suru dennoch völlig unbeirrt. Keita horchte auf. Er hielt seinen Arm auf Reijus Schulter fest und sah zu ihr rüber.

"War Ace heute da?", fragte sie ihn, ohne auf seine Frage zu achten, doch er schüttelte den Kopf.

"Habt ihr euch gestritten?" "Na ja ich weiß nicht, ob man es als Streit bezeichnen kann."

Surus Blick ließ nicht ab.

"Ich bin ihm gestern zufällig begegnet und habe ihn zur Rede gestellt. Vielleicht war das einfach keine so gute Idee."

Suru als auch Keita sahen Reiju an und konnten nicht sagen was das für eine Regung in ihrem Blick war. War es Sorge? War es Scham? Oder Entschlossenheit?

"Irgendjemand musste früher oder später sowieso mit ihm sprechen. Mach dir keinen Kopf", sagte Suru. Keita drückte sie an der Schulter.

Reiju nickte. Es war gedankenverloren. Sie sah zu Boden und grübelte.

"Hat Ace etwas getan was dir -" Suru sprach nicht aus. "Um Gottes Willen Suru. Ace hat nichts schlimmes getan. Es war nur ein Streit. Er war nicht gut drauf, aber das ist er ja irgendwie nie." "Entschuldige", antwortete er matt.

"Wisst ihr was darüber, wann Seiya wiederkommt?", fragte Reiju weiter.

Suru überlegte kurz. Yuka hatte es ihm doch bestimmt irgendwann mal gesagt. "Samstag Morgen glaube ich. Yuka ist ganz aufgeregt."

"Danke."

Da klingelte es schon zur nächsten Stunde. Suru verabschiedete sich von den beiden und ließ Reiju nur wegen Keita so einfach gehen.

"Ist sicher alles okay?", fragte er noch mal, als er sie an ihrem Platz ablud. Ace leerer Stuhl neben ihrem war wie ein drohendes Monument für seine Abwesenheit. Doch Reiju nickte.

"Du machst dir wirklich Sorgen, was", fragte er ohne abzulassen.

"Ja Keita." Sie sah ihm in die Augen.

"Und du bist dir wirklich sicher, dass irgendwas falsch läuft."

Kurz sagte sie nichts. Sie spielte im Kopf alles durch, was Keita sich denken könnte. Was für normale Gründe es haben könnte Wochen nicht in die Schule zu gehen.

"Ja, ich mache mir Sorgen", sagte sie noch einmal. "Und ich glaube auch, dass es nicht richtig ist, wie Ace sich benimmt." Sie lehnte sich vor und hielt an Keitas Augen fest. "Und ich hab es satt darüber nachzudenken ob es angebracht ist. Ich mache mir Sorgen um Ace und es macht mich wahnsinnig absolut nichts tun zu können, weil er jeden zu hassen beginnt der ihm zu nahe kommt." Über ihre Rage hinweg versuchte sie angestrengt leise zu sprechen. Mitten im Klassenzimmer sollte nur Keita ihre Worte zu hören bekommen.

"Entschuldige, dass ich dir nicht geglaubt habe."

Frustriert atmete sie aus. Was tat sie hier eigentlich. Sie wollte nicht noch mehr Streit. Sie wollte endlich wieder Frieden. "Schon gut. Setz dich jetzt hin. Wir reden später", hauchte sie und schenkte Keita etwas Sanftheit in ihrem Blick.

Er nickte und gehorchte ihr.

Reiju fühlte sich, als hätte sie eine riesige Menge an Erleuchtungen gehabt. Erleuchtungen, so besonders, sie hatten doch nur sie ereilen können... Plötzlich fühlte sich das alles total lächerlich an.

Aber ob es wahr war oder nicht. Sie hatte gestern mit eigenen Augen sehen können, dass mit Ace irgendwas nicht stimmte. Das hätte jeder sehen können, aber Reiju war in dem Moment nun mal da gewesen. Seiya würde wenigstens bald wieder da sein, vielleicht konnte er irgendwas bewirken. Er musste um jeden Preis erfahren, was los war, auch wenn Ace sie dafür verfluchen würde oder sogar noch schlimmeres.

Gerade wünschte sie sich irgendwie mit Izaya sprechen zu können. Er musste noch viel mehr daran denken als sie. Er verzweifelte so daran.

 

Nach der Stunde packte sie Keita am Arm und zerrte ihn aus dem Klassenzimmer.

"Ich muss mit Izaya reden", sagte Reiju entschlossen und schleppte ihn zum Ende des Flures. "Toll, dann kann ich Junko ein wenig auf die Nerven gehen." Reiju nickte übereinstimmend und sah sich um. Izaya stand mit Junko an der Fensterbank vor dem Klassenzimmer und teilte sich ein Meronpan mit ihr.

"Hey Junko!", rief Keita und ließ sie ihre Hälfte beinahe aus der Hand fallen. Verwirrt sah sie auf. "Was macht ihr hier?", fragte sie und sah zwischen Reiju und Keita hin und her. Die beiden waren noch nie mitten am Schultag hier aufgetaucht.

"Izaya, kann ich mit dir reden?", fragte Reiju ohne Umschweife und er antwortete sofort.

"Klar." Er lächelte und fasste Junko an den Arm. Sie sah zu ihm auf und nickte einverstanden. Dann ließ sie sich von Keita einen Schritt zur Seite ziehen und horchte ihm, was los war.

"Was gibt es?", fragte Izaya freundlich, als sie alleine waren. "Ich habe gestern mit Ace geredet." Verstehend atmete er auf.

"Es ging nicht so gut aus", sagte sie. Sie sprach schnell. Viel Zeit hatten sie nicht, bis die nächste Stunde wieder begann. Izaya nickte. "Du hast ihn gesehen? Da bist du mir schon mal voraus. Ich weiß zwar wo er arbeitet, aber er zeigt sich mir nicht."

Reiju blieb stumm und sah Izaya an.

"Ich wollte ihn am Wochenende besuchen, wenn Seiya wieder kommt. Er kann nicht durcharbeiten, wenn sein Bruder da ist. Der würde das nicht zu lassen."

Jetzt nickte sie. "Danke fürs mitteilen", sagte Izaya und atmete aus. Er war froh, dass sich jemand genau so große Sorgen machte wie er. Er war froh sie und ihre Freunde in seinem Rücken zu haben, auch wenn es da bisher nur um seinen Freund Ace ging.

"Danke fürs involvieren. Ich hab mich dazu entschieden Ace helfen zu wollen, aber ich glaube durch dich funktioniert es besser." Izaya lachte auf. "Wie werden sehen. Auf jeden Fall werde ich dafür Sorgen, dass Seiya davon erfährt. Ace macht schon viel zu lange nur was er will."

Am Samstag saß Reiju in Kisumis Zimmer. Sie hatten dieses Wochenende nichts vor. Suru war mit seinem Vater unterwegs und Keita besuchte gerade seinen Opa, also saß sie den ganzen Tag da und beobachtete was Kisumi so trieb.

Gerade machte er wieder Hausaufgaben. Japanisch. Er lehnte über den Kanji und ließ seine Schwester in seinem Rücken.

"Sag mal, weißt du eigentlich was mit Ace los ist?", fragte er plötzlich ganz beiläufig. Reiju horchte auf.

Kisumi hatte ein neues Foto von ihrer Familie zu viert neben sein Bett gestellt. Vielleicht als Friedensangebot an ihren Vater. Reiju musste zugeben, dass sie anscheinend nur einen Arschtritt gebraucht hatte, um ihren Mund zu öffnen und den Bitten ihres Vaters entgegen zu kommen. Seitdem lief es besser, denn sie hatte Kisumi gleich mit hineingezogen. Auch wenn es noch nicht war wie früher.

"Was meinst du diesmal?", fragte sie und lachte neckend. Izaya musste gerade bei Ace zu Hause sein, dachte sie sich und sah auf ihr Handy. Es war 14 Uhr. Seit Dienstag hatte keiner von ihnen noch was von ihm gehört.

"Er ist irgendwie nie da. Hat er ein neues Hobby von dem selbst Ren nichts weiß?"

Kisumi drehte sich zu ihr und sah sie an, wie sie auf seinem Bett auf dem Bauch lag. In gemütlicher Shorts und dem alten Shirt ihres Vaters, das sie seit Jahren trug.

"Und ich soll es dann wissen?" Reiju setzte sich auf und blickte ihren Bruder an. Wie viel wusste er.

"Keine Ahnung, ich frage ja nur." Er zuckte mit den Schultern und griff nach seinem Bleistift.

"Ace hat zur Zeit ziemlich viel zu tun. Keine Ahnung was er treibt. Immer ist er am arbeiten."

"Aber Seiya kommt heute doch wieder oder?"

"Ja wieso?"

"Er wird ihm doch sicher verbieten so viel zu arbeiten."

Kisumi wusste wohl so gut wie alles. Bei seiner Freundschaft mit Ren hätte Reiju aber auch nichts anderes erwarten dürfen. Sie seufzte und legte ihre Hände auf ihre Knie. Sie kreuzte sie und drückte sie runter bis es in ihren Oberschenkeln schmerzte. Dann zog sie die Beine an.

"Ich hoffe es", sagte sie. "Ich frage mich ja ob das überhaupt legal ist, was er tut."

Sofort schüttelte Kisumi den Kopf.

"Ist es nicht. Das kannst du mir glauben." Demonstrativ kreuzte er seine Arme vor der Brust.

"Dieser Kageyama muss echt hart drauf sein." Er sah seiner Schwester ins Gesicht, aber sie reagierte nicht, also wandte er ihr wieder den Rücken zu und setzte sich zurück an seine Aufgaben.

"Ich glaube ja, er ist das genaue Gegenteil. Weswegen er nicht nein sagen kann."

Öde. Das war Ace Tag heute wohl am ehesten gewesen. Bis jetzt.

Seiya war später als geplant zu Hause angekommen. Ace und Ren hatten den ganzen Tag nur gewartet, doch als er endlich zu Tür eingetreten war, hatte sich dennoch nichts geändert.

Seiya hatte die beiden freudig begrüßt, hatte Ace und Ren eine lange und feste Umarmung geschenkt. Er hatte seinen Koffer ausgepackt, gekocht, was er sonst nie tat, und sie hatten gegessen. Doch wirklich etwas getan oder geredet hatten sie nicht. Ace hatte sich gefragt ob es immer noch wegen ihrem Streit so war. So still. Bis Seiya Ren bat auf sein Zimmer zu gehen und meinte, er müsse mit Ace reden.

Jetzt saß Ace auf einem Stuhl in der Küche und starrte auf seinen vier Jahre älteren Bruder.

Vom aufgeregten Reden wippte sein Haar auf und nieder. Seine Hände gestikulierten. Er sprach intensiv auf ihn ein. Sagte viele Dinge, die Ace missfielen, obwohl er wusste, dass sie wahr waren. Sprach laut und streng, auch wenn sein Ausdruck immer weich blieb.

Seiya redete und redete und Ace verstand auch jedes Wort. Verstand von jeder Aussage den Sinn. Verstand wieso er gerade eigentlich hier saß, doch wirklich ankommen tat es bei ihm nicht.

Seiya sprach über die Schule und das Kageyamas. Sprach von Enttäuschung und großer Sorge. Und obwohl Ace alles ganz klar verstehen konnte, konnte er weder etwas sagen noch überhaupt darüber nachdenken.

Sein Kopf war leer. Leer von den letzten Monaten. Leer vom letzten Jahr.

Plötzlich redete Seiya nicht mehr. Ace sah, dass sich sein Mund nicht mehr bewegte, doch es wurde nicht still für ihn. Es wurde stattdessen immer lauter. Sein Inneres wiederholte alles was es gehört hatte und in seinem Kopf schrie es so viel lauter, als Seiya es getan hatte.

"Ace, ist alles gut?", hörte er Seiya fragen. Langsam nickte er. "Hast du verstanden, worauf ich hinaus möchte?", gelang es an Ace Ohren. Wieder nickte er ganz langsam.

Seiya kam ihm etwas näher, blickte ihm in die Augen. Wuschelte ihm durch sein Haar.

Seiyas Blick war skeptisch, das wurde Ace bewusst. Ihm wurde gerade zum allerersten Mal seit langem wieder etwas bewusst. Einfach irgendwas. Ihm war es als wäre er so lange völlig ohne Bewusstsein gewesen.

War er in der Schule gewesen, hatte er gearbeitet, war er jemals einmal müde, hatte er je Hunger.

"Ace, Ace", sagte Seiya immer wieder.

"Darf ich noch kurz das Haus verlassen?", fragte Ace jedoch und stand auf.

"Was?"

Ace hörte wie Seiyas Stimme wieder zu sprechen begann. Er spürte seine Hand auf seiner Schulter und einen Druck, der ihn nach Hinten zog, doch er ging einfach weiter. "Ich bin nicht lange weg", sagte er und verschwand.

 

Den ganzen Tag lang saß oder lag Reiju nur auf Kisumis Bett. Las etwas, spielte an ihrem Handy herum oder unterhielt sich mit ihm. Ihr war nicht danach irgendwas zu unternehmen oder etwas spannendes zu erleben. Ihr war heute einfach nach gar nichts. Das hatte sie nur in den seltensten Fällen. Vielleicht lag es daran, dass Izaya nicht zu erreichen war. Er hatte ihr schreiben wollen, wenn Seiya zurück war, aber er war einfach wie vom Erdboden verschluckt. Es machte sie irgendwie nervös.

Alles was sie tat lenkte sie ab, doch das stille Nervöse in ihr verschwand einfach nicht. Sie fragte sich, ob etwas passiert war. Mit Izaya, Ace oder Seiya.

Es war so öde immer nur zu warten und sie war so furchtbar unruhig. Es war jetzt schon nach zehn Uhr und sie hatte den ganzen Tag nur so verplempert. Also stand sie auf.

Irgendwas in ihr zog sie nach Draußen. Sie wollte raus in die sommerliche Nacht und endlich über nichts mehr nachdenken. Ihr Inneres schrie danach.

"Ich gehe noch bisschen raus", raunte sie und ließ Kisumi verwirrt in seinem Zimmer zurück. Ihren Eltern sagte sie knapp, Suru würde sie abholen, dann trat sie in die Dunkelheit.

Reiju strich durch die Nacht und zwang sich dazu über nichts nachzudenken. Es war so friedlich hier draußen. Ganz in der Nähe vom Park, mit den vielen Bäumen und dem Sommergeruch der blühenden Blumen wirkte alles so einfach.

Selbst die große Kreuzung hier im Vorort war leer und nicht befahren. Kein Mensch trieb sich herum.

Es war ganz ruhig und idyllisch und es wurde auf einen Schlag zerbrochen.

Jemand trat über die Straße. Schwach konnte sie die Umrisse einer Person erkennen. Sie sah sich um, schien sich kurz unsicher und kam dann aber direkt auf Reiju zu. Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen.

Die Person blieb stehen. Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie jetzt unter dem schwachen Licht einer Straßenlaterne. Sonst war es stockfinster. Noch immer kein Auto, keine beleuchteten Fenster. Sie sah ihn an.

"Ace. Was tust du hier?"

Er hatte seine Kapuze so tief über seine Augen gezogen, sie hätte ihn beinahe nicht erkannt.

"Was tust du hier?"

Seine Stimme klang seltsam. Ganz anders als sonst.

"Ich habe etwas frische Luft gebraucht", antwortete sie. Ace blieb still.

"Ich habe gehört Seiya ist wieder da. Das freut mich."

Er nickte, doch er sagte nichts. Er sah sie auch nicht an. Er trat nur nervös von einem Fuß auf den anderen.

Reiju konnte ihn nur betrachten. Wie all seine Bewegungen hektisch wurden. Wie er plötzlich so unter Strom stand. Er fasste sich an die Kapuze. Kratze sich am Kopf.

Ace stand völlig neben sich. Konnte nicht klar denken. Sich nicht normal regen. Alles war ihm zu viel. Zu hell, zu laut, zu nah, zu schmerzvoll.

Er fasste sich an die Brust. Unter seiner Hand spürte er sein Herz so sehr rasen. Es pochte und pochte und pochte immer schneller.

Er krallte seine Finger fester in den weißen Stoff. So fest, seine Knöchel färbten sich in der gleichen Farbe. So gewaltsam er hätte ihn durchstoßen können.

Alles in ihm begann plötzlich zu kochen. Alles begann zu schmerzen. Es staute sich auf und sammelte sich geballt in seiner Brust. Es war qualvoll. So qualvoll, als würde sie unter all dem Druck zu Grunde gehen. Als würde ihn etwas von innen zerschlagen.

Genau wie sein Herzschlag wurde jetzt auch sein Atem immer schneller und flacher. Es schnürte ihm die Kehle zu. Ließ ihn nicht nach Luft holen. Es war als würde er einfach so ersticken. Jeder Atemzug wurde zu einem haltlosen Keuchen.

Suchend ging sein Blick zu Boden. Er konnte nichts tun außer in schnellen, panischen Stößen die Luft aus seiner Lunge zu zwängen. Seine Sicht verschwamm. Er sah nichts außer weiße Lichtschleier vor schwarzem Beton.

Alles fühlte sich mit einem Mal so schwer an. So beengend. So erdrückend. Der Pullover auf seiner Haut wurde schwer wie Blei. Die Jeans brannte wie Feuer. Er hockte sich hin.

Es sah viel mehr aus als würde er in sich zusammen fallen, als hätte sein Körper plötzlich aufgegeben, doch am Boden kauerte er sich über seine Beine und fasste an seine Kapuze. Er zog sie herunter und verhakte seine Finger in seinen langen, chaotischen Wellen.

Reiju blieb wortlos vor ihm stehen. Vor ihr spielte sich etwas ab, was, das wusste sie ganz genau, nichts mit ihr zu tun hatte. Ace hatte seinem Inneren das rote Tuch gezeigt. Er zerbrach gerade. Fiel in Stücke unter all der Last und der Schuldgefühle.

Sein Gesicht war gequält. Sein gesamter Körper auf höchster Spannung. Noch immer klang sein Atem nach hilflosem Ringen. Ein raues, leises Ächzen entkam seinen Lippen. Es war abgezehrt und hilflos.

Er verlor die Kontrolle. Die Kontrolle über seinen Körper, sein Leben und seine Emotionen.

Vorsichtig kniete Reiju sich zu ihm. Sie streckte ihre Hand aus, doch sie grämte sich ihn zu berühren. Sie hatte Angst er würde einfach so zerbrechen. Unter ihrer Hand einfach dahin gehen. Doch sie wagte es.

Reijus Wärme durchbrach für Ace einen kurzen Moment das Muster des Schmerzes. Er umfasste einen ihrer Finger mit einem von seinen. Die Berührung durchzog ihn so zart und tröstlich.

"Ace... ruhig", hauchte Reiju. Es war wie ein warmer Strom, der ihn erreichte.

Zitternd atmete er tief ein. Zitternd atmete er wieder aus. Doch er atmete und nur das zählte.

Reiju spürte wie seine Hand sich unter ihrer entkrampfte. Langsam nahmen Beide wieder ihre gesunde Farbe an.

Sie rückte ihm etwas näher und strich ihm mit ihrer anderen Hand über die Stirn. Er schwitzte so sehr. Doch durch all den Schmerz spürte er ihre zaghaften Finger an seiner Haut und wurde plötzlich daran erinnert, wieso er eigentlich hier war. Wieso er atmete und lebte. Es war eine so unglaublich sanfte Berührung.

"Reiju." Endlich konnte er etwas zwischen seinen angespannten Lippen hervor bringen.

"Reiju", wiederholte er.

"Ganz ruhig", machte sie beruhigend und legte ihre beiden Hände um seinen Kopf. Vorsichtig löste sie seine Fingernägel von seiner Kopfhaut. Zog sanft seine Finger aus seinen Haaren und legte sie zu Boden. Dann strich sie ihm das Haar aus seinen Augen.

Mit jeder Berührung, die sie machte, und jedem Wort, das sie sprach, holte sie ihn ein weiteres, kleines Stück aus seiner Panikattacke zurück in die Realität.

"Reiju."

Mit einem Mal brach es aus ihm heraus. Sein Körper entkrampfte sich und er begann zu weinen. Schrecklich zu weinen. Er schluchzte unkontrolliert.

Immer mehr und mehr Tränen fanden ihren Weg auf seine Hände, seine Klamotten und den eiskalten Betonboden.

"Ich kann nicht mehr Reiju."

Seine Stimme war nur ein leises, hilfloses Hauchen. Zwischen all den Tränen kam sie gerade so noch an die Außenwelt. Er schluchzte. Versuchte verzweifelt seinen zitternden Atem unter Kontrolle zu kriegen bevor er weiter sprach, doch es gelang ihm nicht.

"Seiya... studiert, arbeitet und versucht händeringend sein Sozialleben aufrecht zu erhalten." Er atmete tief ein und aus. Sein Blick war konzentriert, doch er ging ins Nichts. "Er hält starr durch doch ich weiß nicht wie lange er das noch aushält. Und Ren... er ist so ein guter Junge. Immer brav, immer still. Immer zu hört er auf mich. So war er früher nicht. Seit unser Vater tot ist, hat er seinen Glanz verloren."

Sein Atem ging immer noch schwer, doch endlich regelmäßiger. Ganz langsam beruhigte sich sein Herzschlag. Doch seine Tränen wurden nicht weniger.

Sein Schluchzen zerriss die Luft. Es war getränkt von Leid. Es suchte nach Hilfe.

Nachdem Ace eben nichts mehr als Schmerz verspürt hatte, spürte er jetzt den Grund dafür. Er spürte alles. Spürte den Tod seines Vaters. Spürte die damals ersten Nächte ohne ihn im Haus. Spürte Rens Stille. Wie Seiya sich distanzierte, wie er zu arbeiten begann. Wie er verzweifelte.

Er verspürte das gesamte letzte Jahr und das auf einen Schlag.

Es erdrückte ihn. Hielt ihn fest.

"Und du, Ace, bist irgendwo dazwischen", sagte Reiju leise.

Sie starrte ihn an.

"Du versuchst eure Familie zusammenzuhalten. Sie allein zu retten, aber du bist nicht alleine Ace."

Wieder strich sie ihm durchs Haar. Ganz zärtlich, ganz vorsichtig. Sie spürte wie auch ihr plötzlich die Tränen in die Augen schossen. Sie bekam einen Kloß im Hals, doch sie unterdrückte es.

Plötzlich kam es ihr so vor, als hätte sie doch schon so einiges mit ihm durchlebt.

Auch wenn er immer so abweisend und wütend gewesen war... sie sähe ihn jetzt lieber zornig als so. Sein Wille war gebrochen. Ein Requiem für seine Seele, voll Kummer und Selbstvorwürfe. Sie sah die Tränen auf seinem einst doch fröhlichen Gesicht und es war unerträglicher, als wenn es wutverzerrt wäre. Das war sein wahres Gesicht und es brach ihr das Herz.

"Bitte lass dir helfen, Ace. Deine Brüder haben sicher auch was dazu zu sagen. Nimm das nicht nur auf deine Schultern. Bitte."

Sie führte ihre Hand sein Gesicht entlang. Ihre Fingerspitzen strichen über seine Haut bis zu seinem Kinn.

Sanft hob sie seinen Kopf. Er widerstrebte nicht. Er ließ sich von ihrer Berührung führen und landete mit seinen Augen genau in ihren.

Reiju strauchelte. Der Blick, der sie traf war so herzzerreißend und völlig leer. Sie konnte nicht erkennen wie viel von Ace dort noch zu finden war. Er nahm ihr alles, wie es Ace alles genommen hatte.

"Bitte", zitterte sie.

"Bitte", wiederholte sie noch einmal. Diesmal fester. Diesmal fordernder.

Ace aber reagierte nicht.

Er war so müde. Müde von allem. Sein Körper gab nach und er sackte weiter zu Boden. Im Schneidersitz beugte er sich weit über seine Beine. Es war als würde all die Erschöpfung, all die Rastlosigkeit der letzten Monate mit einem Mal auf ihn hereinbrechen. Sein Körper gab nach. Seine Gliedmaßen brannten. Seine Lider wurden schwer.

Was war bei Ace zu Hause passiert. Izaya war die ganze Zeit nicht zu erreichen gewesen und jetzt...

Reiju stand auf. Tief atmete sie ein und wieder aus, erst dann holte sie ihr Handy hervor. Ein verpasster Anruf einer unbekannten Nummer stand auf dem Display. Wieso hatte sie im Gefühl, dass das Seiyas Nummer war. Sie hoffte es so sehr.

"Reiju!?"

Es war tatsächlich Seiya. Seine Stimme war nervös. Aufgebracht sprach er weiter.

"Ist Ace bei dir?"

Reiju warf kurz ihren Blick zurück und betrachtete ihn. Er hatte sich nicht geregt und saß noch immer da, mit tiefen Schultern und gesenktem Kopf.

"Seiya, ich bin erleichtert, dass du anrufst", antwortete sie und gab sich größte Mühe, seine Sorgen nicht noch schlimmer zu machen, indem ihre Stimme zitterte.

"Ace ist bei mir. Wir sind an der großen Kreuzung, kommst du ihn abholen? Er braucht dich."

Seiya blieb kurz still. "Ich komme sofort. Danke, Reiju. Bis gleich."

 

Nach einer Weile hielt neben ihnen ein Auto. Es war Seiyas alter Wagen, der laut zum stehen kam. Es waren nur wenige Minuten gewesen, doch für Ace waren es wie Stunden, die er schweigend auf dem kalten Boden saß und sich nicht regen konnte. Reiju saß neben ihm. Er spürte ihre Hand an seinem Rücken und ihren Blick auf seinem Gesicht.

Er hatte schon erwartet, dass sie ihn holen würde, doch sie hatte seit dem Anruf nichts mehr gesagt.

Seiya stieg aus. Er wusste noch nicht was er jetzt tun sollte und der Anblick seines Bruders machte es ihm nicht leichter. Er näherte sich nicht. Ace saß völlig still, so heimgesucht am Boden und ließ sich von Reiju schützen.

Sofort aber stand Reiju auf, als sie Seiyas Zögern sah. Sie blickte runter zu Ace. Er zwang sich selbst dazu sich mit beiden Händen über sein Gesicht zu reiben und trocknete sie dann an seiner schwarzen Jeans. Dann sah er vorsichtig auf. Sein Blick kreuzte sich mit Seiyas. Es stahl ihm die Sinne. Also griff Reiju ohne groß nachzudenken nach seiner Hand.

"Komm. Du fährst mit Seiya nach Hause, da gehörst du hin", raunte sie sanft.

Sie zog ihn hoch und ließ nicht von ihm ab, bis er seinen sicheren Stand gefunden hatte. Dann führte sie ihn langsam zum Auto, bis er etwas sagte. Er hielt sie zurück und blieb stehen.

"Danke Reiju und.... es tut mir leid."

Er sah auf und wagte es ihr ins Gesicht zu schauen. Endlich sah sie etwas darin, auch wenn es Schmerz war, war es nicht mehr leer. Sie sah darin auch Aufrichtigkeit und Reue.

"Alles Gut", sagte sie und drückte seine Hand. Dann ging sie weiter und ließ ihn erst los, als er vor Seiya zum stehen kam.

Sofort packte sein Bruder ihn bei den Schultern und nahm ihn in den Arm. Heiße Tränen stiegen ihm in die Augen. Was auch immer er jetzt tun musste, er wollte Ace zeigen, dass er geliebt wurde, denn das wurde er.

"Ace", raunte Seiya und spürte endlich wie seine Arme die Berührung erwiderten. Sie legten sich schwach um Seiyas Rücken.

Reiju betrachtete die beiden kurz. Es war ein trauriges, aber auch unglaublich schönes Bild. Sie würde die zwei besser alleine lassen. Sie zog sich ihre Jacke zu und wollte gehen, als Seiya jedoch die Umarmung löste.

"Warte, ich fahre dich nach Hause", sagte er schnell. Reiju drehte sich zurück zu ihm, aber wedelte mit der Hand. "Das brauchst du nicht."

"Bitte." Es war jetzt Ace. Seine Stimme war starr. Sie war noch rau vom ganzen Weinen, doch plötzlich hatte sie ein wenig an Kraft zurück gewonnen.

"Für letztes Mal... lass uns dich nach Hause fahren."

Verwirrt starrte sie ihn an. Sie wusste was er meinte, aber woher kam plötzlich dieser Wille in ihm.

"Okay", sagte sie zögerlich. Unsicher stieg sie mit ihnen ins Auto und ließ sich durch die dunkle Stille nach Hause fahren.

Stille. Dröhnende, schmerzende Stille lag über Seiyas gesamten Körper.

Ace saß hinter ihm auf der Rückbank und sagte gar nichts. Er selbst krallte seine Finger um das Lenkrad und versuchte krampfhaft sich auf die Straße zu konzentrieren. Es war so unfassbar schwer.

Sie hatten gerade eben Reiju zu Hause abgesetzt. Auch das ohne ein wirkliches Wort. Sie hatte sanft über Ace Arm gestrichen und ein leises "Danke" fallen lassen. Dann war sie ausgestiegen.

Jetzt waren Ace und Seiya schon beinahe zu Hause und es war nichts zu hören außer das stumpfe Dröhnen des Motors.

"Es tut mir leid Seiya."

Im Rückspiegel trafen die Augen seines Bruders seine. Seiyas Hände begannen zu zittern. Er klammerte sie nur noch fester um das harte Leder.

"Was denn, Ace?" Sein Stimme war vorsichtig, viel zu unsicher.

Lange sah Ace ihn an. Lange quälte er ihn mit einem intensiven Blick.

"Alles."

Wieder brach seine Stimme ab. Seiyas Kiefer verkrampfte sich. Er sah im Rückspiegel wie Ace seinen Kopf nach vorne warf und weinte. Leise, doch er weinte. Endlich weinte er mal.

Sofort fuhr Seiya an den Straßenrand. Der Anblick war zu schmerzvoll. Zu einnehmend, als dass er hätte fahren können. Er hielt an und stieg aus. Langsam ging er zur Rückbank. Es war als bereite sein Körper sich auf etwas vor. Vor, auf etwas Schweres.

Er öffnete die Hintertür und setzte sich neben seinen kleinen Bruder.

"Ace", sagte er. Er sah ihn nicht an. "Sprich mit mir."

Kurz blieb es noch still. Stille in der Ace sich wieder nicht regte, nichts sagte, wie all die Monate auch. Doch dann sah er auf. Sein Gesicht war nass. Getränkt von schmerzlichen Tränen glänzte es im sanften Mondlicht, das durch die Autofenster strömte.

"Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich habe alles falsch gemacht. Habe so viele falsche Entscheidungen getroffen."

Seiya kämpfte immer noch mit sich selbst. Mit Ace völlig lebensschwacher Stimme. Er hatte ihn nie so gesehen, nie so gehört. Es schmerzte ihn mehr als er je hätte erahnen können. Wieso ließ er so etwas zu. Wieso hatte er zugelassen, dass sein kleiner Bruder jetzt leidend vor ihm sitzen musste. Er musste doch etwas tun können um sein Lachen wieder hervor zu bringen. Das echte Lachen. Das Lachen, was er zuletzt vor über einem Jahr bei ihm gesehen hatte.

Er griff nach Ace Hand. "Du weißt, dass ich mir immer nur Sorgen gemacht habe", sprach Ace weiter. Es war als konnte er sich nicht entscheiden, ob er sich traute Seiya ins Gesicht zu schauen oder nicht. Sein Blick war haltlos und wanderte hin und her. Wonach suchte er nur.

"Immer nur Sorgen um dich und um Ren. Ich wollte, dass alles gut läuft, dass es allen gut geht. So was hat doch sonst immer Papa gemacht."

Die Erwähnung ihres Vater war wie das Hervorziehen eines lang versteckten Geheimnisses.

"Und du... du hattest schon so viel zu tun. Die Bürokratie hat dich alle Nerven gekostet, wir konnten das beide sehen. Ren und ich."

Seiya spürte wie ihm die Tränen über die Wangen flossen, doch er nahm es nicht wirklich wahr. Er nahm nur wahr, wie Ace Hand schwach in seiner lag. Er nahm sie in seine beiden Hände und drückte sie fest.

Sie hatten alle so viele Fehler gemacht. Hatten nötige Dinge nie getan. Hatten sich zu sehr auf den Lauf der Dinge gestützt. Doch das durfte nicht das Ende sein.

"Ace", sagte er. Er rückte zu ihm rüber und legte seine Hand auf seine Wange. Er sah so unfassbar erschwacht aus. Seine Augen waren nur noch halb geöffnet. Seine Haut war erkaltet.

Seiya fasste um Ace Kopf und drückte ihn sanft gegen seine Brust. Er hielt ihn. Hörte sein leises Schluchzen. Spürte das Gewicht seines ungewohnt dünnen Körpers.

"Du versuchst uns allen allein das Leben zu retten", sagte er endlich. "Tu... das nicht." Seiya schluchzte. Es war unkontrollierbar für ihn.

"Ich bin da Ace. Ich bin immer da, auch wenn ich mal länger nicht zu Hause bin. Ich passe auf euch auf, das ist meine Aufgabe."

Er konnte Ace Gesicht nicht sehen, doch er wusste er hörte zu. Seine Hand ging über sein Haar und sein Ohr. Sie legte sich auf seine Schulter und drückte ihn.

"Und ich passe auch auf mich auf. Ich hatte letztens... so was wie eine Eingebung von Papa." Kurz hielt er inne. Er spürte wie Ace tief einatmete. Es war zittrig.

"Was hat er gesagt?"

Matt musste Seiya lächeln. Es fühlte sich gerade so an als säße er wieder als Achtjähriger auf dem kalten Fußboden ihres Hauses und hielte seinen kleinen vierjährigen Bruder in seinen Armen. Ace weinte damals bitterlich, weil er seine Hand in der Gartentür eingeklemmt hatte. Sie war nicht verletzt, doch der Schock durchzog seinen jungen Geist und ließ Ace nicht ruhen. Seiya hielt ihn, doch er hatte ihn einfach nicht beruhigen können. Er weinte immer weiter, bis ihr Vater endlich zu ihnen kam. Er gab der winzigen roten Hand einen Kuss und umarmte Ace, mitsamt seinem großen Bruder. Seiya hatte Ace nie beruhigen können. Das hatte immer nur ihr Vater gekonnt.

"Es klingt komisch, aber er sagte mir das, was er früher schon immer gesagt hatte. Wenn du auf etwas aufpassen willst, muss es dir selbst auch gut gehen. Ein Kapitän, ein Vater, ein Hüter eines Schatzes. Es ist zu Niemandes Vorteil, wenn er stirbt. Erinnerst du dich?"

Ace nickte schwach.

"Das sagte er immer zu sich selbst, wenn einer von uns mal wieder Mist gebaut hatte."

"Ja, und es ist wahr, Ace, das musste auch mir erst mal klar werden. Deswegen hatte ich so sehr gehadert mit dem Badminton, aber der Spruch stimmt. Ich liebe dich, Ace. Du bedeutest mir einfach alles. Viel mehr als du dir vorstellen kannst. Also wenn du uns retten willst, bitte rette erst dich."

Seiya spürte, wie das zittern in Ace Muskeln nachließ. Sein Atem wurde ruhiger.

"Aber...", raunte Ace. Doch es klang jetzt nur noch erschöpft und müde. Ihm ging die Energie aus, um sich zu erklären.

"Ace, ich verbiete dir nicht zu arbeiten, aber halte dich wenigstens an unsere alten Regeln, die von Papa. Geh wenigstens zur Schule. Wir brauchen nicht jeden Cent 10 mal umzudrehen, wir schaffen das auch so. Wir schaffen alles. Unser Vater hat uns richtig erzogen und er ist immer an unserer Seite." Wieder nickte Ace. Seiya spürte wie sein Gewicht auf ihm langsam zunahm und er auf seinen Schoß rutschte.

Es war genau wie damals als ihr Vater kam, um Ace zu trösten und sie zu umarmen. Erst in seinen wärmenden Armen begann Ace sich zu beruhigen. Jetzt gerade konnte Seiya sie beinahe wieder spüren. Wie sie sich fest um seinen und Ace Körper schlangen.

Und genau wie damals, als sich der kleine vierjährige Ace von seinem Schock erholte, schlief er auch jetzt in den Armen seines Bruders und gehütet von seinem Vater einfach ein.

 

Der Montag brach an, als wäre nichts gewesen.

Reiju hatte noch Sonntag mit Izaya gesprochen. Er war bei Ace gewesen wie er es vorgehabt hatte, doch er hatte nicht lange bleiben können. Und da Seiya erst verspätet nach Hause gekommen war, hatte er nicht mit ihm gesprochen. Er hatte ihn nicht einmal gesehen. Notgedrungen landete also nur eine Nachricht auf Seiyas Mailbox. Jetzt gab Izaya sich selbst die Schuld an Ace Reaktion. Reiju hatte ihn nur damit beruhigen können, dass es auch mit ihm wohl genau so gekommen wäre. Da war sie sich sicher.

Als sie alle wie gewohnt in ihren Klassenzimmern saßen, begannen ihre Hände plötzlich zu zittern. Sie fragte sich wie es Ace jetzt ging, ob er mit Seiya gesprochen hatte, ob er sich erholte.

Jeder wartete gespannt, ob er heute zur Schule kommen würde, doch Reiju zweifelte daran.

Die Minuten vor der ersten Stunde vergingen wie im Flug, während der Platz neben ihr frei blieb. Ace kam nicht und auch als es zur Stunde klingelte war sein Stuhl noch immer leer.

Doch genau auf die Sekunde, als sie ihr Handy gerade wegpacken wollte, als Deji-Sensei gerade vor ihre Klasse trat, zeigte sich auf ihrem Handy eine neue Nachricht. Sie war von Ace.

„Wir sehen uns Mittwoch.“

Vier einfache Worte, nur eine einzige Zeile und dennoch, er hatte ihr tatsächlich Bescheid gesagt. Er hatte ihr geschrieben, hatte an sie und die Schule gedachte. Hatte daran gedacht, dass sie alle warten würden.

Er würde wieder kommen, würde wieder seinen Stuhl besetzten und ihre linke Seite füllen. Und irgendwann würde vielleicht auch endlich wieder wirklich Ace dort sitzen.

 

Nach der Schule musste Reiju heute zum ersten mal zum Volleyballtraining.

Es fühlte sich seltsam an dort jetzt hinzugehen. Ihr Herz pochte für sie fremdartig schnell, ihr Mund war ganz trocken. Wovor hatte sie eine solche Angst.

Sie holte ihre Sportsachen aus ihrem Spind und macht sich auf den Weg zur Halle. Als sie aus dem Schulgebäude trat, stand Izaya schon vor den Stufen der Hallentür und schien auf sie zu warten. Mit seinen Augen verfolgte er ihre Bewegungen und lächelte freundlich.

Erst erleichterte sie es ihn als aller erstes zu Gesicht zu bekommen. Vielleicht konnte er sie beruhigen, denn bei ihm konnte sie sich wohl fühlen, das wenigstens wusste sie. Dann aber sah sie eine merkwürdige Regung in seinem Gesicht und sie wusste sofort, dass irgendwas nicht stimmte.

Nervös trat sie auf ihn zu und begrüßte ihn. Izaya lächelte noch immer als er jetzt zu ihr herunter blickte und sie ebenfalls grüßte.

„Bevor du reingehst oder bevor du überhaupt irgendwas sagen kannst...“, er hielt kurz Inne und hielt ihren Blick fest in seinem. „Du musst dir jemanden anhören.“

Aufmerksam horchte sie seinen Worten, dann trat er einen Schritt beiseite und eröffnete ihr einen direkten Blick auf den Hof hinter ihm. Dort stand Ace. Er lehnte an dem Eisentor des Schulzauns und sah zu ihr herüber. Als er bemerkte, dass sie ihn entdeckt hatte, kam er auf die beiden zu.

"Ace, was tust du denn hier?", fragte sie. Sie war verwirrt. Verwirrt und etwas sprachlos.

"Na er geht immerhin hier zur Schule oder?", witzelte Izaya und sah zu ihm rüber. Als Ace ihr immer näher kam lächelte er, doch es war nur ganz zart. Als würde es bei der leichtesten Erschütterung sofort wieder verschwinden. Reiju hatte Angst davor es wieder schwinden zu sehen.

"Hey Reiju”, sagte Ace ganz sanft.

Sie sah kurz rüber zu Izaya. Irgendwas an ihm war anders, doch er lächelte noch immer.

"Mit mir hat er schon gesprochen. Du bist die Nächste."

Reiju nickte etwas geistesabwesend. Sie verstand noch nicht ganz, doch Ace trat nah an sie heran.

"Ich muss mit dir reden", sagte er jetzt. Im Augenwinkel konnte sie sehen wie Izaya in die Sporthalle verschwand und sie alleine ließ.

"Natürlich. Was ist los?", fragte sie unsicher.

"Ich wollte mich entschuldigen und mich außerdem nochmal bei dir bedanken."

"Für was denn?"

"Dafür, dass du am Samstag... dass du bei mir geblieben bist, dass du dich um mich gekümmert hast." Sein Lächeln bebte. Es schien ihn anzustrengen es aufrecht zu erhalten.

"Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ace, das ist doch selbstverständlich."

"Nein, das ist es nicht." Gequält durchzog es ihn.

"Was meinst du damit?"

Er blickte sie an, doch blieb still. Seine Augen bargen einen inneren Kampf, den noch keine Seite für sich zu entscheiden hatte.

"Erzähl es mir."

Ace trat nervös einen kurzen Schritt zur Seite. Dann sah er sich um. Er war noch immer unruhig.

Niemand war da und die Tür zur Halle war zu. Sie standen an der Seite des Weges. Reiju war halb gegen die Außenwand der Sporthalle gelehnt. Ace seufzte.

"Da gibt es nicht viel zu erzählen."

"Erzähl es mir."

Schwer atmete er durch den Mund ein und wieder aus.

"Seiya sagt immer, ich hätte nie um unseren Vater geweint, doch das stimmt so nicht ganz. Er weiß es nur nicht." Kurz ruhte Ace Blick weiter still im Einklang mit ihrem. "Was mir am Samstag passiert ist, das war nicht das erste Mal. Kurz vor Ende der neunten Klasse hatte mir ein Mädchen aus meiner Stufe ihre Liebe gestanden. Ich hatte sie immer schon ziemlich niedlich und nett gefunden, also nahm ich ihr Geständnis an und wir wurden ein Paar. Als dann aber... mein Vater starb kam es dazu, dass ich bei ihr um ein wenig Trost suchte. Ich sackte vor ihren Augen zusammen und weinte und sie... sie sah mich einfach nur an und sagte sie würde besser gehen wollen. Sie könne nichts für mich tun."

Reiju atmete auf. "Ace..."

Er senkte den Kopf, erst dann sprach er weiter.

"Sie ließ mich allein auf einer Parkbank und verschwand. Es war ein seltsames Gefühl, immerhin hatte ich geglaubt sie wäre der Mensch, der mir am aller nächsten stand. Es ist also nicht selbstverständlich, dass du so gehandelt hast, Reiju."

Reijus Kopf arbeitete. Ein einziger Name kam ihr in den Sinn und sie wusste, dass sie nicht falsch liegen konnte. "Kotoko", raunte sie aufgebracht. Sofort sah Ace wieder auf. "Woher-"

Er sah verwirrt auf sie herab. Seine Hände zitternden, seine Augenringe waren tief, sein Brustkorb angespannt. Er weinte nicht, auch wenn es so wirkte, als würde sein ganzer Körper am liebsten in dem Schmerz ausbrechen. Keine einzige Träne kam gegen seinen eisernen Willen an, keine erlangte die Freiheit. Und da wurde Reiju bewusst, was Kotoko angerichtet hatte.

Sie spürte wie eine Wut in ihr aufstieg. Eine so unendliche Wut auf die hübsche und so zierliche Schulkameradin, die zu alledem noch in der Schule herum rannte und erzählte Ace hätte sie damals ganz grausam abgewiesen. Dabei war sie diejenige, die ihn mehr als jeder andere verletzt hatte. Sie hatte Ace mit nur einer Handlung fühlen lassen, was absolute Abweisung bedeutete und verschloss ihn auf ewig.

Reiju trat einen Schritt vor und warf ihre Hände um Ace Hals. Sie drückte ihn fest an sich. Er selbst regte sich einen Moment nicht, ließ sie mit ihm machen was sie wollte.

"Ich wusste, dass das was sie getan hatte grausam und falsch war. Dennoch war ich seitdem nicht in der Lage auch nur eine weitere Träne zu vergießen."

Der Schmerz, der immer wieder in Ace Stimme lag verfolgte sie. Sie wollte ihn nicht mehr hören müssen. Wieder brach es ihr das Herz. Ace klang untröstlich, verloren. Sie wollte ihm Helfen mit allem was sie hatte.

Sie legte ihre Arme immer enger um Ace Hals und war erleichtert, dass er es zuließ. Seine jetzt erwidernden Arme um sie schenkten ihr Bestätigung. Er war gekommen, um mit ihr zu sprechen. Er war da und redete mit ihr. Er kämpfte mit sich, tat aktiv das, was ihm am meisten widersprach, tat das Richtige.

Reiju würde gleich sofort zum Training müssen. Sie würde nicht mit Izaya sprechen können und ihre Angst war noch immer da, doch Ace hatte gerade wahrscheinlich zum aller ersten Mal seit langem offen mit jemandem gesprochen. Irgendwas in ihm trieb ihn dazu einen Kampf gegen sich selbst zu führen, aus dem er gestärkt hervorgehen sollte. Auch wenn er noch lange dafür leiden musste, er hatte seinen ersten Schritt getan.

Reiju erkannte es. So voller Erleichterung erkannte sie, dass Ace nicht verloren war. Auch wenn der Weg noch lange währen würde, sie würde ihm folgen. Ihre Angst erstarrte.

Ihr Inneres wollte Frieden, doch ihr Geist führte jetzt Krieg. Krieg um ein erfüllteres Leben.

Reiju würde Glück anstreben und das für sie alle. Ganz egal was sie dafür tun musste. Doch zuallererst würde Kotoko an der Reihe sein und daran würde sie absolut nichts hindern können.

~

"Izaya?"

Er schreckte auf. Diese Stimme. Er hatte sie seit Wochen nicht mehr gehört. Wie sie jetzt seine Ohren erreichte durchzog es ihn. Ganz seltsam.

"Ace!" Er stand schnell von den Stufen der Sporthalle auf und starrte ihn an. "Was tust du hier?"

Ace trat unsicher einen Schritt zu ihm vor. Er zuckte mit den Schultern.

Eigentlich wirkte er wie immer. Wie immer hatte er seine Haare in einem Zopf und seine Hände in den Jackentaschen, doch seine Augen bargen etwas Neues. Es war nicht mehr die Gleichgültigkeit, die sein Herz so gequält hatte. Es war jetzt Unsicherheit oder war es Trauer. Oder doch Schuld.

"Ich bin so froh dich zu sehen, Ace."

Izaya konnte sich nicht halten. Wochen hatte er ihn nicht gesehen. Wochen hatte er sich gefragt was er trieb und wie es ihm ging. Ace hatte sich all die Wochen geschickt vor ihm versteckt und das obwohl er sich so bemüht hatte.

Er umarmte ihn und drückte ihn fest an sich. Ihn jetzt endlich in seinen Armen zu spüren, war eine pure Erleichterung. "So froh", wiederholte er leise.

"Ich bin es auch", raunte Ace und erwiderte seine Umarmung.

"Was führt dich her?", fragte Izaya wieder und löste widerwillig seine Arme um ihn. "Keine Ahnung. Seiya ist nicht zu Hause und ich bin einfach raus. Aber jetzt wo ich hier bin... würde ich gern mit dir reden."

"Bitte, sprich mit mir."

Zögerlich begannen Ace Lippen zu beben. Er haderte.

"Du warst immer da, Izaya", begann er, doch traute sich nicht ihm in die Augen zu blicken. Er entwich ihm. "Du hast dich immer um mich gekümmert. Seit mein Vater gestorben ist, warst du immer an meiner Seite und ich habe dir nie dafür gedankt. Bitte lass mich dir sagen wie leid es mir tut, dass ich so Ignorant war und dir nie gezeigt habe wie viel du mir bedeutest."

"Ace..."

Er schüttelte nur den Kopf und sah jetzt auf.

"Es ist endlich Zeit dafür, dass ich es dir sage. Ich kann es nicht oft genug wiederholen. Ich habe so viele Fehler gemacht in den letzten Monaten. Bitte nimm meine Worte an und sprich sie nicht als unnötig herab. Ich brauche deine ehrliche Antwort. Kannst du mir verzeihen?"

Izaya sah seinem Freund aus Kindertagen in die Augen und sah so viel Schmerz. Es hatte sich für sie beide in den letzten Monaten so einiges verändert, aber vor allem ihre Nähe zueinander war so sehr heruntergebrochen worden. Ace war nicht mehr er selbst gewesen.

"Natürlich verzeihe ich dir. Ich spreche deine Worte nicht herab, aber ich sage dir, dass es für mich keinen Grund dafür gibt. Viel eher solltest du mir verzeihen. Dafür, dass ich so abwesend war. Ich hätte für dich da sein sollen, statt immer nur Volleyball zu spielen."

"Izaya nein. Der Volleyball ist dein Leben, irgendwann erreichst du damit etwas Großes. Gib dir nicht die Schuld für meinen Schmerz, denn niemand gibt dir die Schuld für irgendwas. Du hättest es auch nicht verhindern können. Ich habe getan was ich getan habe und versuche jetzt irgendwie da raus zu kommen."

"Dann lass mich dir endlich dabei helfen.”

~

"Izaya, ist alles gut?", fragte Reiju, als sie gerade von Yue zurück in die Halle geführt wurde. Er stand am Korb mit den Bällen und schien mit den Gedanken ganz wo anders zu sein. Verloren in ihnen starrte er ins Leere.

"Ja sicher. Alles gut." Er lächelte und nickte zur Unterstreichung, dann sah er an ihr herunter. Sie trug die schwarze lange Trainingshose und das graue T-Shirt des Volleyballclubs. Das blau, golden glänzende Logo der Schule zierte ihre linke Brust.

"Siehst gut aus", grinste er und ließ seinen Blick weiter über sie wandern. "Ja, die protzigen Farben unterstreichen wie edel diese Schule ist", sagte sie scharf, lächelte aber, als Yue traurig das Gesicht verzog. "Ich hab doch gesagt es sieht gut aus", überging sie Reijus Worte und sprach dann weiter. "Wir hatten sogar direkt die richtige Größe da." "Ich sagte ja, Reiju gehört einfach hierher", lachte Izaya und überreichte ihr einen Volleyball. "Fühlt sich gut an oder?", fragte er. Er meinte es vollkommen ernst. Seine Augen brannten vor Begeisterung.

Reiju hielt den gelb, blauen Ball in beiden Händen und ließ ihn zwischen ihnen rotieren.

"Ich muss sie ja nur werfen und einsammeln." "Du hast das 'Leider' vergessen, Reiju." Izaya fasste der leidenden Yue an die Schulter und schob dann den Wagen mit den Bällen an seinen Platz.

"Komm, als erstes stellen wir dich vor." Schnell nahm Yue Reiju den Ball ab und ging, um sich zum Rest des Teams zu gesellen. Sie folgte ihrer Vorgängerin nur langsam.

Auf einer Bank rechts am Eingang saß ein jüngerer Mann, vielleicht ende dreißig, und starrte auf ein Tablet. Er musste der Trainer sein. Um ihn herum hatten sich die Spieler versammelt. Ein Haufen riesiger Jungs in kurzen schwarzen Hosen und grauen Shirts. Nur zwei von ihnen waren kleiner. Einer davon vielleicht sogar kleiner als sie.

Sie sah wie Izaya von einem Jungen auf die Schulter geklopft wurde. "Alles gut bei dir? Siehst nicht ganz da aus", fragte der braunhaarige Spieler. Er war kleiner und dünner als Izaya, jedoch nicht wirklich viel. "Ja, alles gut. Danke Wakabayashi", antwortete er und zog seine Knieschoner enger.

Yue ging rüber zum Trainer. Er nickte zu ihren Worten, checkte ein letztes Mal sein Tablet und stand dann auf. Auf sein Kommando stellten sich alle Jungs in eine Reihe und sahen erwartungsvoll in seine Richtung. Er lächelte und Blickte dann rüber zu Reiju. Sie wurde von Yue am Handgelenk gepackt und zu ihr rüber gezogen.

"Ich bin Toudo Kyoshiro. Nenn' mich einfach Toudo. Ich bin der Trainer von den Chaoten hier. Sie werden sich dir mit der Zeit sicher auch noch einzeln vorstellen."

Reiju nickte und verbeugte sich kurz vor ihm. Dann sah sie etwas planlos rüber zu Yue.

"Na los, jetzt stell du dich vor", sagte Toudo. Er klang freundlich und ziemlich locker. Reiju nickte und blickte endlich in die elf Gesichter vor ihr. Manche kannte sie vom sehen, manchen war sie noch nie begegnet.

"Ich bin Hamori Reiju aus der 11-3. Ich bin ab heute wohl eure Managerin."

"Guten Tag, Reiju!", riefen alle im Chor und verbeugten sich höflich. Zögerlich verbeugte sie sich ebenfalls.

"Auf gute Zusammenarbeit", raunte sie und ließ ihren Blick noch mal über alle Gesichter schweifen.

"Reeeeiijuuu", rief Izaya plötzlich. Aufgeregtes Rufen kam ihm als Antwort.

Sie warf Izaya einen düsteren Blick zu, doch die Jungs klatschten. Sie lachten und sahen ihr freundlich entgegen. Sie sah Freude und Aufregung in jedem einzelnen Gesicht und bekam ein seltsames Gefühl des Zusammenhaltes. Mit diesen Jungs würde sie jetzt also um den Erfolg kämpfen. Sie war nicht ganz abgeneigt.

Reiju lächelte und sah dabei widerwillig in Izayas selbstgefällige Augen.

"Okay, dann geht's los. Zum Aufwärmen ein paar runden um das Netz!", rief Toudo und alle gehorchten. Sie schnürten ihre Schuhe oder Schoner enger und begannen zu joggen.

"Sie wirken chaotisch, aber sie werden dir sicher ans Herz wachsen", sagte Toudo und gesellte sich zu Reiju, die etwas orientierungslos den Runden laufenden Spielern aus dem Weg ging. "Nicht war Yue?", fügte er noch hinzu und die alte Managerin nickte entschlossen. "Das sind allesamt gute Jungs." "Ja da bin ich mir sicher."

Reiju beobachtete wie der kleinste von ihnen ihr unentwegt zuwinkte. Er hoffte wohl darauf, dass sie es entgegnete, doch das tat sie nicht.

Nach einer Weile pfiff Toudo und jeder von ihnen kam auf ihn zu geschlendert. Yue verteilte Wasser und reichte Reiju ebenfalls ein paar Flaschen.

"Ich bin Wakabayashi, aber du kannst mich Yashi nennen", sagte der braunhaarige, den sie jetzt schon so oft mit Izaya gesehen hatte. "Niemand nennt dich Yashi", rief ihnen jemand dazwischen, doch Reiju nickte nur. "Wie du willst."

Yashi grinste und nahm eine Wasserflasche von ihr entgegen. "Vielen Dank."

Als das Training richtig begann, zog Yue sie auf die Seite. Sie setzte sich auf die Bank und zeigte ihr sich neben sie zu gesellen.

Reiju war alles hier seltsam fremd. Sie konnte noch nicht ausmachen ob es ihr hier gefiel oder ob es einfach viel zu anders war als alles, was sie je verspürt hatte. Sie konnte diese Atmosphäre nicht einmal benennen. Jeder war offen, herzlich und redefreudig. Jeder sprach mit ihr und dennoch verlangte niemand eine Antwort.

"Fühlst du dich wohl?", fragte Yue. Sie war jedes mal überfordert von Reijus neutralem Blick. Ihre Augen strahlten für sie einfach gar nichts aus. "Seltsamerweise ja", antwortete Reiju jedoch und hörte wie die ersten Bälle geschlagen wurden. Es war so befriedigend dabei zuzuhören.

"Das freut mich. Ich wollte dir heute mal ein paar Dinge erklären, die du zu tun hast als Managerin." Reiju nickte, auch wenn sie etwas abwesend war.

"Eigentlich musst du einfach alles tun, damit es dem Team gut geht. Du kümmerst dich um die Promotion, darum, dass jeder weiß wann er wo zu sein hat, organisierst Materialien und wenn es sein muss bleibst du auch mal länger und trainierst noch mit jemandem. Aber keine Sorge, du musst das auch nicht alleine tun. Toudo und die Spieler werden dir helfen."

"Klingt nach viel Arbeit", raunte Reiju, doch Yue lachte nur. "Niemand hat gesagt, dass das ein einfacher Job wird, aber wenn du alles richtig machst, baust du zu jedem einzelnen aus diesem Team eine tiefe Verbindung auf. Du lernst, was sie brauchen, wie du ihnen die Nervosität nimmst und was du ihnen sagen musst, um sie zur Höchstform zu treiben. Soma zum Beispiel, der mit dem weißen Schweißband, hat sich als Lebensziel gesetzt immer besser zu sein als sein Vater. Das pusht ihn."

Reiju ließ ihren Blick jetzt schweifen. Elf Jungs. Elf verschiedene Geschichten. Elf Leben auf die sie jetzt Einfluss haben würde. "Und was spornt Izaya an?", fragte sie gedankenverloren. Er machte gerade einen Aufschlag. Ein Sprungaufschlag mit gewaltiger Kraft.

Yue musste lächeln. Ihr war als könnte sie endlich sehen, wie Reijus Fassade wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde zu bröckeln begann, bevor sie sie wieder aufzog.

"Izaya spornt wirklich vieles an. Das kannst du am besten selbst herausfinden. Wenn du die Verbindungen spürst ist es ein unglaubliches Gefühl, das verspreche ich dir." Sie fasse Reiju auf die Schulter und blickte zufrieden auf ihr jetzt ehemaliges Team. Sie waren in guten Händen, das konnte sie spüren. Reiju war anders, als alles, womit diese Mannschaft je hatte umgehen müssen, aber vielleicht brachte ihnen genau das den nötigen Zug um bis in die Nationals zu kommen.

"Ich trete in wirklich große Fußstapfen. Ich hoffe ich kann sie auch füllen", hauchte Reiju und ließ sich ihre Gedanken von den ersten Eindrücken ihrer neuen Aufgabe füllen.

 

Nach dem Training wartete Reiju noch auf Izaya. Sie selbst hatte ihre Klamotten nur schnell umgezogen und war sofort fertig, doch er brauchte eine Weile länger, was auch immer er noch in der Umkleide tat.

Sie stand am Tor zum Schulgelände und blickte in die untergehende Sonne. Es war inzwischen sieben Uhr. Noch gar nichts im Gegensatz dazu, wann sie sonst immer Schluss machten, hatte sie sich vom Kleinsten aus dem Team sagen lassen. Chisa hieß er glaubte sie.

Reiju ging ein wenig auf und ab, um sich die Zeit zu vertreiben. Da fasste sie plötzlich jemand an die Schultern.

"Hey Reiju!", rief Junko. "Ganz vergessen, dass du jetzt auch immer hier bist." Sie grinste breit und ließ von Reiju ab, die nicht einmal zusammengezuckt war.

"Was tust du hier?", fragte sie, doch konnte es sich eigentlich schon denken. "Ich hole Izaya ab, so wie jeden Montag. Hab ich das nie erwähnt?" Reiju schüttelte nur den Kopf und zupfte ihr Shirt von Junkos Überfall zurecht. "Ist ja freundlich von dir." "Ja nicht wahr."

Das Glänzen in Junkos Augen verflog nicht, doch Reijus wurden plötzlich düster.

"Hey alles gut?", fragte Junko sofort. Reiju sah auffällig über sie hinweg und starrte mit dunkler Miene auf jemanden hinter ihr.

"Da ist Kotoko", raunte sie.

"Und wieso regt dich das so auf?"

Reiju seufzte tief. "Ace hat mir heute etwas anvertraut. Sie hat etwas getan, was ich ihr nicht so einfach verzeihen kann."

"Okay, du musst mir schon mehr erzählen, wenn ich sie auch hassen soll."

Reiju ließ langsam ihren Blick von Kotoko ab und sah wieder zu Junko. Sie schüttelte matt den Kopf, dann erzählte sie ihr was Ace sich getraut hatte auszusprechen. Sofort ballte Junko die Fäuste.

"Ich wusste irgendwas mit Ms. Perfect läuft falsch. Ich fasse es nicht." "Was meinst du damit?"

"Es vergeht kein Tag an dem sie nicht eine abfällige Bemerkung gegen Ace fallen lässt. Ich habe es euch am Anfang ja erzählt gehabt, doch irgendwann wurde es beinahe schon krankhaft." "Jeden Tag? Junko, wieso?" Sie zuckte mit den Schultern. "Kotoko ist es gewohnt geliebt zu werden. Das war doch schon immer so." Reiju biss ihren Kiefer zusammen.

"Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich würde sie am liebsten zur Rede stellen, aber was sag ich dann und was bringt das schon."

Doch noch bevor Junko etwas erwidern konnte, stand Kotoko plötzlich hinter ihr.

"Hey, was macht ihr denn so spät noch hier?", fragte sie und lächelte. Reiju lief es eiskalt den Rücken runter.

"Oh hey, Kotoko. Was machst du denn hier?" Junko spielte es wirklich gut.

"Ich komme gerade von meiner Klubaktivität." "Cool, wir auch." "Reiju auch? Ich dachte du hasst Klubs." Kotoko ließ ihren lächelnden Blick auf Reiju ruhen. Es machte sie wahnsinnig.

"Nein", sagte sie nur. Ihr Blick klebte starr an ihren Augen, bis es Kotoko unangenehm wurde.

"Reiju, du bist aber seltsam drauf heute." "Entschuldige."

Sie sah verunsichert zu Junko. Sie waren Klassenkameraden und Junko war immer freundlich zu ihr gewesen. Jetzt aber sagte sie gar nichts.

"Was ist denn los mit euch zwei?"

"Kotoko", sagte Reiju. "Kann ich kurz mit dir sprechen? Über Ace."

Kotokos Blick veränderte sich nicht. Die tiefe Freundlichkeit verflog nicht, wenn es überhaupt welche war. Völlig unbeirrt starrte sie die beiden weiter an.

"Dass du so viel redest ist aber ungewöhnlich, Reiju. Geht es dir nicht gut?"

"Du bist grausam", zischte Junko und fasste Reiju beinahe schon automatisiert an die Hüfte.

"Ich meine es ernst, Kotoko. Ich will, dass du aufhörst schlecht über ihn zu sprechen."

"Ach tust du das?", fragte sie und trat einen verteidigenden Schritt zurück.

"Ace hat mir erzählt, was du getan hast. Aber weißt du das ist mir sogar egal, wenn du nur damit aufhörst Dinge zu verbreiten, die anderen schaden. Du weißt ja nicht was du damit anrichtest."

Kotokos Mine blieb ungerührt. Sie sah von Reiju rüber zu Junko und lächelte plötzlich wieder.

"Was seid ihr, Ace Bodyguards? Reiju deine Worte wird dir eh niemand glauben, also was willst du von mir?"

"Die richtigen Menschen werden es."

Jetzt trat Kotoko plötzlich wieder einen Schritt auf sie zu. Sie benahm sich als würde es mit dieser Information um den Erhalt und den Fall ihres Rufes gehen. Sie waren doch gerade mal in der elften Klasse. Sie hatten noch ihr ganzes Leben vor sich und Reiju kämpfte dafür, dass es auch bei Ace so war.

"Niemand wird dir glauben, denn niemand hört dir je zu. Dein dünnes, schwaches Stimmchen passt wirklich perfekt zu Ace Weinen."

Reiju überkam es. Sie konnte nicht anders. In einem heftigen Schwung hob sie ihren Arm und wollte Kotoko gerade eine Ohrfeige verpassen, als Izaya auftauchte und beiläufig ihre Hand zurück hielt.

"Hey Kotoko. Schön dich zu sehen. Komm gut nach Hause."

Er packte auch Junko am Arm und drehte sich von ihr. Dann gingen sie einfach.

Eine Weile gingen sie schnellen Schrittes stumm die Straße runter. Angeführt von Izayas starken Händen um ihre Handgelenke, sagte keiner von ihnen für eine ganze Weile auch nur ein Wort.

"Entschuldige", raunte Reiju endlich. Sie hatte sich für diesen kurzen Moment völlig verloren. Doch sie wusste nicht, ob sie es bereute.

"Ich habe gehört was sie gesagt hat, aber das ist kein Schulverweis wert", sagte Izaya hart, ließ jetzt aber wieder ihre beiden Arme los. "Ich weiß. Es ist nur, sie ist an allem Schuld Izaya. Sie ist die Quelle für so viel Schmerz in Ace Leben." Reijus Stimme blieb sachlich. Sie sah hoch zu Izaya, der ihren Blick nicht erwiderte.

"Du kannst mir gerne später erklären, wie genau du das meinst. Aber egal wie, es ist es nicht Wert. Fang keine Handgreiflichkeit an. Daraus gewinnt niemand." "Ich weiß. Es hat mich einfach nur überkommen."

Izaya seufzte und warf einen Blick auf Junko, die still neben ihm ging. "Ich werde dann mal hier abbiegen. Wir sehen uns Morgen", raunte Reiju, als sie schon an ihrer Straße angelangt waren. Ohne ein weiteres Wort ging sie und ließ die zwei allein.

Izaya beobachtete noch kurz wie sie in der Dunkelheit verschwand, dann sah er wieder rüber zu Junko und passte sich ihrer Geschwindigkeit an.

"Ich habe Reiju noch nie so gesehen. Es ist total seltsam", raunte sie. "Sie war noch nie so wütend, außer es ging um ihren Bruder."

Izaya seufzte. "Wann wird sich alles endlich zum Guten wenden?" Mehr konnte er nicht erwidern. Er war so erschöpft. Erschöpfter als er es vom Training je gewesen war.

"Hey, was meinst du denn damit?", fragte Junko. Sie wusste schon, was er sagen wollte, doch es klang trauriger als es ihr lieb war.

"Ace geht es beschissen und ich kann nichts tun. Ich weiß nicht wie lange ich das noch aushalte, wenn sich nicht bald irgendwas finden lässt, was das alles zum Guten führt."

Junko stoppte sofort ihr Gehen. Sie hielt Izaya am Arm zurück und zog ihn zu sich. Sanft lehnte sie sich gegen seine Brust und drückte ihn an sich.

"Alles wird gut, Izaya. Wir alle finden unseren Frieden. Früher oder später, aber wie finden ihn. Ace wird das auch tun."

Izaya legte seine Arme um sie und atmete frustriert aus. Er spürte ihre Wärme und ihre Anwesenheit.

"Ja, da musst du wohl recht haben."

Reiju war an diesem Morgen auf dem Weg zum Klassenzimmer. Allein schritt sie durch die Flure und stieg die Stufen hinauf.

Die ganze Nacht hatte es geregnet und das tat es auch jetzt noch. Es war so düster und grau draußen, dass im gesamten Gebäude die Lichter brannten. Es gab ihr ein ganz seltsames Gefühl der Unsicherheit. Dieses weiße Licht aus Neonröhren war kalt und ausladend.

Reiju erreichte das Stockwerk ihres Klassenzimmers.

Der Flur war lang und den ganzen Weg hörte sie an der langen Fensterfront die schweren Wassertropfen gegen die Scheiben prasseln. Für sie war es beruhigend. Das Geräusch war friedlich für sie. Es stand im Gegensatz zur Atmosphäre. Sie hörte nichts mehr als das. Der Schulflur war voll wie immer, doch für sie gar nicht zu hören. Reiju hörte nur die Regentropfen.

Als sie gerade in das Klassenzimmer treten wollte, sah sie Ace in ihrem Augenwinkel durch den Flur gehen. Wie ein Geist vergessener Tage schwebte er langsam und beinahe ungesehen durch die Menschenmassen und ignorierte sie einfach. Es war als wäre er gemeinsam mit ihr in dieser Stille gefangen. Doch seine Stille brachte nicht der düstere Tag mit sich.

Als sie sich zu ihm umdrehte, stand er schon neben ihr.

"Hallo, Ace."

"Hi, Reiju."

Die Stille umhüllte sie beide. Gemeinsam. Auch ihre Stimmen klangen nur wie dumpfe Stille durch ihre Ohren.

"Schön dich wieder hier zu sehen."

Er nickte. "Ist seltsam. Jeder grüßt mich." "Das ist wirklich seltsam."

"Selbst Kotoko hat mir zugewunken." "Lass dich von ihr nicht beirren."

Wieder ein Nicken. Pause.

"Ich habe gehört, du hast mit ihr gesprochen." "Lass uns das später bereden."

Ace regte sich nicht.

Das seltsam stille Gespräch war beendet, doch er hielt noch daran fest.

Sie sah ihn wortlos an und griff nach seiner Hand.

"Es ist an der Zeit für dich wieder diesen Raum zu betreten."

Sanft zog sie ihn hinter sich her in das Klassenzimmer.

Ace folgte ihr. Folgte ihr bis zu seinem Stuhl. Er setzte sich. Stellte seine Tasche ab. Blickte nach vorn zur Tafel.

Mit einem Mal war es nicht mehr so, als wäre er allein gefangen in dieser Stille. Mit einem Mal war es als könne er wieder hören. Seine Sinne klarten auf.

Er hörte die lauten Gespräche der Schüler, sah Keita wie er ihm erfreut entgegen lachte, spürte das raue Holz unter seinen Fingern.

Reiju nahm neben ihm Platz. Ihr Stuhl knarzte, als sie sich setzte. Er hörte es. Sie drehte sich zu ihm. Strich ihr Haar hinter ihre Ohren und stützte ihren Kopf in ihre Hand. Das raue Rauschen in Ace Ohren wurde zum klaren Prasseln am Fensterglas.

Dann betrat Deji-Sensei das Klassenzimmer und stellte seine Tasche ab. Wie immer begann er den Unterricht.

"Du bist wieder da."

Ganz leise hörte Ace es Reiju zu sich selber sagen. Er lächelte und sah vor zur Tafel.

 

"Er ist wieder da!", rief Keita lauter als es jedem lieb war in den Himmel hinein. Ace sah ihn betreten an und sah dann zu Boden, doch er lächelte. Ganz sanft lächelte er.

Sie standen zu sechst unter dem großen Kirschbaum auf dem Schulhof und genossen seinen kühlenden Schatten. Auch wenn die Kirschblüten im Juni schon wieder fort waren, die elliptischen Blätter, die gelb, grün in der Sonne strahlten, waren beinahe genau so schön.

Es war irgendwie seltsam, dass sie jetzt wirklich zu sechst hier standen. Nicht nur, weil Ace endlich wieder hier war. Am Anfang des Schuljahres hatte Reiju nicht auch nur einmal daran gedacht, dass sie neue Freunde finden würde und vor allem nicht Ace und Izaya, doch tatsächlich waren sie es alle geworden.

Suru verstand sich sowieso mit jedem, Junko war wirklich eng mit Izaya, Keita schmuggelte sich überall gut mit rein und sie selbst... was auch immer sie mit Ace hatte, Freundschaft war auf jeden Fall ein großer Teil davon. Auch wenn diese Freundschaft bisher nur von Schmerz gezeichnet war. Sie war gewachsen aus Problemen, doch sie hoffte, dass sie in schönen Momenten blühen würde.

Am liebsten würde sie es sofort herbeiführen und ihre neue Freundschaft mit Momenten des Glücks füllen. Wenn es ihr nur irgendwie möglich wäre.

"Was hast du die letzten zwei Tage eigentlich noch gemacht, Ace?", hörte sie Izaya plötzlich fragen und horchte auf. Keita erzählte Suru und Junko gerade aufgeregt über einen neuen Anime, den er angefangen hatte zu schauen. Keita redete seit Tagen über nichts anderes als JoJo. Junko fand es ganz witzig, aber Suru schien ein wenig darunter zu leiden. Es war einfach absolut nicht sein Genre, doch er hörte wie immer geduldig zu, während Keita laut und mit viel Körpereinsatz die letzte Handlung wiedergab. Reiju selbst hörte ihm eigentlich immer gerne zu, doch jetzt ergriff sie ihre Chance, um Keita zu entgehen, und drehte sich zu Ace.

"Am Montag war Seiya mit mir in der Schule, um die Fehlstunden zu klären. Am Dienstag ist er mit mir zum Kageyamas. Ich habe Kageyama-Sensei so viel Leid angetan, ich musste mich vernünftig entschuldigen." Ace zuckte mit den Schultern und sah beklemmt von Izaya zu Reiju.

"Das schwerste ist getan." Izaya fasste ihm an die Schulter und lächelte sanft. "Was hat der Schulleiter gesagt?"

"Nichts. Er war nicht sehr erfreut aber er sagt, ich müsse mir keine Sorgen über meine Versetzung in die Zwölfte machen."

"Es kann nur noch bergauf gehen, Ace", sagte Reiju nachdem sich eine kurze Stille eingestellt hatte. Ace zwang sich zu einem Lächeln. "Weiter runter kann es auf jeden Fall nicht gehen."

Sofort war Keita zur Stelle und wechselte das Thema. Er begann darüber zu sprechen, dass die Sommerferien bald anstanden und er sie zu vielen Hanabis in seinem Garten einladen würde.

Reiju schweifte etwas ab. Die nächtlichen Treffen in Keitas Garten, wenn sie ganz alleine bei ihm waren... sie hatten es erst zweimal gemacht, doch es waren bisher die schönsten aller Nächte gewesen.

So wie ihre Gedanken abschweiften, tat es auch ihr Blick. Er ging über all die Schüler, jünger und älter, über die Wiese und die Bänke, über das Schulgebäude bis genau in Kotokos Augen.

Sie sah her und giftete Reiju über den gesamten Schulhof aus an. Lange sah sie ihr einfach in die Augen, dann tippte sie ihrer Freundin auf die Schulter und begann zu lachen. Ganz, ohne ihren Blick zu lösen.

Reiju war wie in Trance. Kotoko zog sie in einen gedankenlosen Bann. Benommen trat sie einen Schritt nach vorn. Wortlos trat sie auf Kotoko zu. Sie dachte nicht nach, sie folgte nur ihren Instinkten, doch da zog sie plötzlich jemand an ihrem Hemd zurück.

"Reiju, wo willst du hin?", fragte Suru, doch es war Izayas Hand an ihrem Oberteil, die er jetzt wieder schnell zurück zog, bevor er ihre Haut streifen konnte.

Verwirrt sah sie auf. Sie war noch nicht ganz wieder da.

Kotoko hatte sie mit ihrem Blick eingewickelt. Es zog sie in ihren unangenehmen Sog.

"Reiju, lass es besser", raunte Izaya zart und schüttelte den Kopf. Suru nickte, auch wenn er nicht wusste was los war. Der Blick in Reijus Augen gefiel ihm irgendwie nicht. Es war der gleiche wie damals, als sie auf Ace losgegangen war.

"Nein, nein wieso?", fragte sie. Ihre Stimme war zwar ruhig, doch ihr Inneres war es ganz und gar nicht. "Kotoko wird nicht aufhören."

Reiju sah Izaya genau in die Augen und drehte sich dann einfach wieder um. Sie wäre gegangen. Sie hätte Kotoko wieder zur Rede gestellt und sie hätte nicht gewusst wie weit sie gegangen wäre. Sie hätte es getan, wenn Ace dünne Stimme sie nicht aufgehalten hätte.

"Reiju", sagte er und hoffte sie würde ihn gut genug hören können. Sofort blieb sie stehen. "Sie ist es nicht wert."

Sie drehte sich zu ihm und blickte ihm in die müden Augen.

"Ist okay. Danke, aber es ist okay. Sie ist es wirklich nicht wert."

Reiju nickte langsam und trat zurück an ihren Platz. "Entschuldige", sagte sie rau und senkte ihren Blick wieder von seinem.

"Reiju, Kotoko wird ihre gerechte Behandlung noch bekommen, aber nicht so", beschwichtigte Junko. Sie warf einen Blick zu Ace. Es musste ihn am meisten bedrücken, denn im Endeffekt ging alles hier nur um ihn. Alles drehte sich um Ace und es schien ihm nicht wirklich zu gefallen. Er sah so fehl am Platz aus, als wolle er absolut nicht hier sein. Das musste sich schleunigst ändern. Er hatte doch nur sie.

"Wie wäre es wenn wir nach der Schule mal was unternehmen würden? Wir alle sechs", fragte sie und versuchte das Thema langsam wieder abzulenken. Alle horchten auf.

"Eine Idee was?", fragte Suru. Junko legte ihren Finger an ihr Kinn und überlegte scharf.

"Wie wäre es mit Essen gehen?"

Alle blieben still. Beinahe unbemerkt sah jeder sofort zu Ace.

"Ihr wollt ins Kageyamas", stellte er stumm fest und seufzte. Junko aber grinste breit. "Gute Idee", sagte Keita und zog es in die Länge. "Aber nicht heute. Und nicht morgen, morgen arbeite ich. Außer ihr wollt mir nur beim Kochen zusehen." Jeder verstummte sofort. Reiju sah zu ihm hoch.

"Ich arbeite am Freitag nicht, also...", schob Ace schnell hinterher. Es war auf einen Schlag wieder so still und beklemmend geworden wie auf einer Trauerfeier. Hatten sie wirklich erwartet er würde gar nicht mehr arbeiten gehen.

"Gut, dann Freitag", sagte Reiju.

"Da haben wir schon um zwei Training. Wenn ihr warten könnt, können wir danach sofort los", sagte Izaya und fasste Ace an die Schulter. "Keiner hier wird es bereuen dort zu sein. Vielleicht kochst du uns ja trotz deines freien Tages was." Er grinste und sah jedem ins begeisterte Gesicht. "Ich hab mich schon immer gefragt, wie gut du das kannst", sagte Suru herausfordernd und lachte.

Ace nickte. "Wenn Kageyama-Sensei nichts dagegen hat."

"Ansonsten kommen wir wieder, wenn du arbeitest. Wenn du denkst du kannst uns jetzt je wieder loswerden hast du Pech gehabt", rief Keita und warf seinen Arm in die Luft. Junko gab ihm ein High Five, was Keita seinen Arm verwirrt wieder sinken ließ.

Ace sah auf und musste lächeln. "Ich muss Kageyama-Sensei dringend vor euch warnen."

 

Am Abend saß Ace auf dem Sofa. Eine ruhige Stille umgab ihn. Da war nur das Ticken der Uhr, Rens stilles Murmeln und der leise Zelda Soundtrack aus seiner Konsole.

Ace hatte Zeit. Er war zu Hause, hatte Freizeit und nichts zu tun. Es war so seltsam. Rens Anwesenheit gab ihm ein weiches Gefühl des zu Hause Seins. Es kam ihm so vor als hätte er ihn seit Monaten nicht mehr gesehen. Sein Haar war ein wenig länger. Er sah so zufrieden aus. Mit den Augen gebannt auf dem Bildschirm und seinen Fingern am Controller. Er steuerte Link sicher durch die Wälder.

Ace atmete ein.

Was tat er jetzt mit all der Zeit, die er hatte. Was tat er ohne den Stress, was ohne die andauernde Beschäftigung.

Ace atmete wieder aus.

Seiya hatte versprochen heute hier zu sein, nur deswegen hatte er für heute den anderen abgesagt, doch er war es nicht. Wo war er, wenn er doch auch ausnahmsweise mal nicht zur Arbeit musste.

Ace lehnte seinen Kopf zurück gegen die Rückenlehne des Sofas. Er legte ihn tief in seinen Nacken und schloss die Augen.

Er hatte so viele Möglichkeiten. Er hatte so viel Zeit. Aber eigentlich... wollte er doch nur kochen. Und das am liebsten den ganzen Tag.

Das Klingeln an der Haustür löste in ihm eine solche Unruhe aus, dass er beinahe nicht aufgestanden wäre. Doch als Ren pausierte, hielt er ihn schnell auf.

"Warte ich gehe schon."

Er erhob sich und ging langsam zur Haustür. Er hoffte, dass es Seiya war, doch er bezweifelte es irgendwie.

Langsam öffnete er die Tür.

"Tobio." Ace war überrascht. Sogar mehr als das.

"Abend Ace. Wie geht es dir?"

"In Ordnung und dir?" Er war noch immer verwirrt. Tobio war seit einem Jahr nicht mehr bei ihnen zu Hause gewesen. Er war immer nur mit Seiya auf dem Feld. Sie trainierten gemeinsam, wie sie es seit Jahren taten.

"Auch, danke." Er lächelte freundlich.

Er kannte Ace seit neun Jahren. Er war damals noch so unglaublich jung gewesen, als er ihn das erste mal gesehen hatte und er selbst war es damals auch. Ihn jetzt seit Jahren wieder Auge um Auge zu sehen berührte ihn. Er war so groß geworden. Sein Haar war so lang und seine Augen... so müde.

"Ist Seiya da?", fragte er weiter.

Ace starrte ihn eine Weile an. Wie lang war es her. Er trug seine Haare noch immer wie damals in der Mittelschule. Sein Mittelscheitel mit dem kleinen Zopf. Es hatte Ace immer verfolgt.

"Nein, entschuldige."

"Oh, er hat mir gesagt er will seine Arbeitsstunden kürzen und ist Mittwochs jetzt immer zu Hause."

"Ja das stimmt. Er arbeitet auch gerade nicht. Keine Ahnung wo er steckt."

"Kannst du ihm ausrichten, dass ich hier war? Ich hätte gern mit ihm gesprochen und er geht nicht an sein Handy."

"Klar."

Tobio nickte dankend und hob den Arm zum verabschiedenden Winken. Er drehte sich etwas ab und wollte gehen, doch Ace rief ihm nach.

"Warte. Tobio, kann ich mit dir reden?"

Verwundert blieb er stehen und drehte sich sofort wieder zu ihm um.

"Ja sicher. Was ist los?"

Er trat zurück auf die Veranda und blickte Ace in die Augen. Er wirkte unsicher, doch er begann zu sprechen.

"Geht... geht es Seiya gut?"

"Ja, das tut es. Er hat große Freude am Spiel. Ich würde sogar sagen ihm geht es sehr gut."

Er betrachtete Ace eine Weile. Seiya hatte ihm ein wenig erzählt, doch, dass man es ihm tatsächlich so sehr ansah, ließ ihn erschaudern. Er wirkte dünner, ausgelaugt und fahl.

"Ich habe gehört, du hast eine schwere Zeit."

Ace senkte sofort seinen Blick.

"Was meinst du damit."

Tobio war vielleicht ein wenig zu voreilig. Er wollte ihm nicht zu nahe treten und dennoch wollte er nicht still bleiben.

"Du musstest deine Arbeitsstunden kürzen nicht wahr."

"Ja."

"Das Kochen muss dir fehlen."

"Natürlich tut es das." Ace sah wieder auf und Tobio erkannte ein kurzes Brennen in seinen Augen. "Mir fehlt es in jeder Sekunde in der ich nicht koche. Es ist anstrengend und verdammt schmerzhaft so zurückgeworfen zu werden. Ich weiß ich habe falsche Entscheidungen getroffen aber es leiden die falschen Dinge darunter."

"Seiya leidet jetzt weniger als zuvor. Genau so wie du oder nicht? Kochen kannst du auch von zu Hause aus."

Tobio hielt kurz inne und überlegte wie viel er sagen durfte. Doch er kannte Ace schon eine Ewigkeit und hatte ihn noch nie so gesehen. Es war seltsam, er sah auf einen Blick sofort, dass etwas nicht stimmte und so war es auch mit Seiya gewesen. Er konnte sich nicht zurückhalten.

"Iss genug und schlafe genug. Dann wirst du auch genug zum Kochen kommen. Kochen, welches voller Energie steckt. Gerichte die übersprühen vor deinem Talent."

Ace jedoch blieb still.

"Ich weiß noch, früher hast du immer für alle gekocht und es war der Wahnsinn. Ich würde es gerne wieder mal probieren. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie es jetzt schmecken muss. Nach all den Jahren musst du nochmal so viel besser geworden sein."

"Vielleicht wenn du irgendwann mal richtig vorbei kommst", sagte Ace nur stumm. Doch Tobio nickte. "Sehr, sehr gern."

Ace sah langsam wieder zu ihm hoch und zwang sich zu einem matten Lächeln.

"Ich werde dann mal. Wir sehen uns, versprochen", sagte Tobio also. Er lächelte noch einmal und trat ein weiteres mal die Stufen herab.

Still. Absolute Stille.

Kein Rauschen. Kein hoher langer Ton. Kein dumpfes Dröhnen. Es war einfach nur still. Da war nichts, nichts außer diese unerträgliche Stille.

Seiyas Augen vor ihm hallten wieder in dieser unendlichen Stille. Stumm schrien sie nach ihm. Ersuchten ihn nach Hilfe, doch er konnte nichts tun. Er konnte doch nichts ausrichten. Er war hilflos, mit gebundenen Händen. Und er hörte einfach rein gar nichts.

Seiyas Mund bewegte sich. Rens Lippen bebten. Doch an Ace Ohren gelang nichts als diese verdammte Stille.

Da spürte er Seiyas Hand an seiner. Sie zog an ihm. Zerrte ihn von seinem Platz und auf die Beine.

Er folgte ihm, doch er konnte nicht mehr sagen wo sie gerade eigentlich waren. Für Ace führte ihr Weg durch lange, dunkle Tunnel. So abgeschieden von der lauten Welt.

Er setzte sich in ein Auto. Die Tür wurde zugeschlagen. Im Rückspiegel sah er Seiya weinen. Ren biss sich auf die zitternde Unterlippe.

Seiya fuhr hektischer als sonst. Ganz aufgeregt. Konnte er überhaupt was sehen in dieser Dunkelheit. Hörte er überhaupt was in dieser Stille.

Die Fahrt schien unendlich. Alles war so fremd und ihm bitter unbekannt.

Als sie endlich ausstiegen erreichte ihn ein heller Strom.

Doch es war kein warmes Licht, kein Licht das Gutes brachte. Es war kaltes, fremdes Licht, das ihn benebelte.

Er schwankte hinter seinen Brüdern hinterher. Trat nur dahin, wo sie es taten. Seine Sicht war verschwommen.

Wieso war es selbst nach Betreten des großen Gebäudes noch immer so still. Da waren unzählige Menschen. Wild rannten sie umher, schrien, redeten, machten irgendwas, was zu hören sein musste, doch das war es für ihn nicht. Er konnte nichts hören. Nicht hören wie Seiya mit Ren redete, nicht wie er auf ihn zukam um seine Hand zu halten. Er konnte nicht hören was die Krankenschwester ihm sagte. Wie Seiya weinte. Er hörte gar nichts, da war nichts. Absolutes Nichts.

Auf einen Schlag sprang Ace auf.

Schweißgebadet saß er in seinem Bett. Tief über seine Beine gebeugt schnappte er röchelnd nach Luft. Sein Herz pochte. Er spürte es im ganzen Körper.

Was war passiert.

Er war wach. Es war Nacht, doch diesmal konnte er wärmende Lichter von draußen erkennen.

Und er hörte.

Er konnte hören. Ein Auto fuhr an seinem Fenster vorbei. Die Äste der Linde im Vorgarten klopften sanft gegen seine Scheibe.

Ein Tropfen landete auf seiner Bettdecke.

War das Schweiß oder eine Träne.

Verwirrt fasste er sich über das feuchte Gesicht.

Er weinte. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Tief atmete er ein und wieder aus. Ganz langsam beruhigte sich sein Herzschlag und es wurde wieder gänzlich still im Haus, doch Ace hörte die sanften nächtlichen Geräusche von draußen und war so erleichtert.

Er hörte und das seichte Licht der Straßenlaternen durchbrach seine Verlorenheit.

 

"Dass dieser Tag jetzt doch noch mal endet", seufzte Junko und streckte ihr Gesicht gen Himmel. "Der Unterricht schien ewig."

"Bei uns genau so. Wieso sind Freitage jedes mal so öde", raunte Keita. Er trank einen Schluck von seiner Traubenlimonade und reichte sie Suru. Er liebte diese Sorte.

Erfreut griff er nach der Flasche und nahm sich einen großen Schluck.

"Wie lang geht das Training noch?", fragte er dann und gab Keita die Flasche etwas ungern wieder zurück.

"Behalte die", warf er ihm beiläufig zu und holte sein Handy hervor. Suru zögerte nicht und packte die Flasche in seine Tasche.

"Müssten eigentlich durch sein. Mal sehen wer länger zum Umziehen braucht." Er grinste und starrte zum Halleneingang. "Definitiv Izaya", tippte Junko und schon stand Reiju neben ihnen.

"Korrekt", sagte sie und ließ sich neben sie auf die Bank nieder. Sie genoss es endlich wieder frische Luft atmen zu dürfen.

"Wie war dein erstes Training ganz allein?", fragte Suru gespannt und lehnte sich zu ihr rüber. "Hat es Spaß gemacht?"

Reiju sah ihn kurz an. Junko saß halb auf seinem und halb auf Keitas Schoß. Neben ihnen saß Ace, doch er war ganz still.

"Ja hat es."

Reijus Haar war ein wenig verschwitzt und eine Schweißperle stand ihr auf der Stirn. "War heute etwas anstrengend. Alle wollten plötzlich Aufschläge üben und ich musste nach den Bällen laufen."

Keita lachte auf. "Balljunge sein ist ehrbar, keine Sorge."

Reiju nickte nur zustimmend. "Das Team nimmt mich nicht für selbstverständlich."

"Die müssen alle wirklich gut drauf sein." Suru musste lächeln, denn auch wenn Reiju es sich wie üblich nicht anmerken ließ, er wusste dass es ihr unglaublichen Spaß machte. Und umso mehr freute es ihn, dass das Team sie gänzlich zu akzeptieren schien.

"Ja, das sind sie auch."

"Da ist ja Izaya!", rief Junko plötzlich. Erfreut stand sie auf und zog Keita und Suru mit sich.

"Ich habe unglaublichen Hunger. Ace, das wird deine Stunde!", rief Izaya und lachte ihm entgegen. Matt lächelte er zurück und erhob sich ebenfalls. "Ich habe Kageyama-Sensei gar nicht Bescheid gesagt. Kochen wird nicht drin sein."

"So oder so, wir bekommen doch sicher grandioses Essen." Suru klopfte ihm auf die Schulter und ließ sich von Junko Richtung Schultor zerren.

"Endlich unternehmen wir mal was", sagte Keita erfreut.

Ace nickte und setzt sich in Bewegung. Izaya war schon voraus gegangen. Nur Reiju gesellte sich an seine Seite.

"Hey, Ace", grüßte sie ihn und passte sich seinem langsamen Schritttempo an. "Alles gut bei dir? Du warst heute den ganzen Tag so still."

Sofort horchte er auf. Er lächelte beschämt. "Ja alles gut. Entschuldige", sagte er schnell und zwang sich dazu das Lächeln aufrechtzuerhalten.

"Hm", machte Reiju kurz nur. "Na gut. Dann lass uns ein wenig Spaß haben. Und keine Entschuldigungen!"

Sie griff nach seiner Hand und zerrte ihn vor zu den Anderen.

Keita warf lachend seinen Arm um sie und steuerte alle sicher zum Kageyamas.

 

Die Atmosphäre des Kageyamas hatte sich seit dem letzten Mal, als Reiju hier war, nicht verändert. Es war noch immer so wohlig in diesem kleinen offenen Raum und sie schien nicht die einzige zu sein, die das verspürte.

"Wirklich schön hier", sagte Suru und sog die Luft tief in sich hinein. Sie war getränkt von unglaublichem Essen und guter Laune.

"Von diesem Geruch knurrt mein Magen nur noch mehr." Izayas Stimme verlor sich in Sehnsucht. Sein Blick suchte eilig nach einem freien Platz.

"Kommt nach da vorn. In die Nähe der Theke", sagte Ace stumm und ging voran.

Er nahm drei dreckige Teller vom Tisch und verschwand kurz in der Küche. Dann wischte er schnell über die Tischplatte. "Setzt euch."

"Gibt es nicht Kellner dafür, selbst wenn du nicht arbeitest?", fragte Keita neckisch und ließ sich auf einem blass grünen Stuhl nieder.

"Wenn ich schon mal hier bin. Ist doch nichts dabei", antwortete Ace knapp und räumte den Lappen zurück an seinen Platz. Mit den Augen suchte er nach seinem Sensei.

Als er sich gerade setzten wollte sprach ihn jemand an.

"Ace, was machst du denn an deinem freien Tag hier?"

Der Mann hinter Ace fasste ihn an die Schultern und lächelte fröhlich.

Reiju sah sofort zu ihm auf. Sie kannte den Mann nicht, aber ihr war es auf einen Schlag völlig klar. Sie war sich ganz sicher. Das war Kageyama.

Er war etwas größer als Ace und vielleicht Anfang fünfzig. Er hatte kurzes, tiefschwarzes Haar und einen Dreitagebart. Seine Augen gaben einem sofort das Gefühl von Geborgenheit. Sie waren unfassbar freundlich.

"Kageyama-Sensei. Meine Freunde wollten unbedingt meinen Arbeitsplatz sehen."

"Und sie!", rief Keita plötzlich. "Sie wollten wir auch kennenlernen! Sie sind also der berühmte Kageyama." Er grinste gegen jeden Blick den er erntete hinweg und begrüßte den warmen Blick von Ace Chef.

Kageyama lachte. Herzlich und kratzig kam es aus seiner Kehle.

"Ja, der bin ich. Hab ich so sehr die Runde gemacht?" "Entschuldige, Sensei", raunte Ace und beobachtete weiter wie seine Freunde zu ihm hoch starrten.

"Ach was Ace, ich mach doch nur Scherze."

Kageyamas Stimme war so tief und rau. Sie erinnerte einen an jede vertrauenswürdige und liebevolle Autorität die man je getroffen hatte und schien diese sogar noch zu übertreffen.

"Setzt euch alle und genießt die Zeit in meinen vier Wänden."

Er schob Ace den Stuhl zurecht und ließ ihn sich setzen.

"Ihr könnt von Glück sprechen, dass ich heute in der Küche stehe." Er zwinkerte ihnen entgegen und klopfte auf Ace Schultern. "Er hier ist noch lange nicht auf meinem Level."

"Warten sie nur ab", reagierte Ace sofort und starrte zu ihm hoch. Von seinem entschlossenen Blick begleitet, verließ Kageyama die Sechs und trat hinter die Theke an den Herd. Sein Lachen erfüllte noch kurz den gesamten Raum. Es gab ihm die letzte Note von guter Laune und Wohligkeit.

"Der ist aber ganz schön gut in Form", brach Keita sofort das spärliche Eis.

"Sein Shirt saß perfekt an den richtigen Stellen", lachte Junko und starrte Ace entgegen. "Wie alt ist Kageyama?"

„Könnt ihr aufhören so über meinen Chef zu sprechen?“, grätsche Ace ihnen ins Gespräch. Er sah keinen von ihnen an, sondern entwich mit seinem Blick auf die Speisekarten. Er reichte jedem eine, selbst brauchte er sie nicht. Er kannte sie natürlich in und auswendig und wusste noch dazu genau, was besonders Kageyama-Sensei in völliger Perfektion auf den Tisch bringen konnte.

„Ich würde sagen er ist 50“, schlug Reiju jedoch nach einer Weile vor und führte das Gespräch so weiter. „Ich sage 53“, tippte Keita grinsend und blickte wieder rüber zu Ace.

„56“, antwortete er knapp und hoffte, dass sie damit endlich aufhören würden so annähernd über seinen Chef zu sprechen. Schnell drehte er sich weg, um nicht weiter ansprechbar zu sein und suchte nach einem Kellner, um schon mal Getränke bestellen zu können.

Reiju nickte. Ace war schon seit der ersten Stunde heute so gewesen. Abweisend und irgendwie ein wenig harsch. Er schien beinahe wieder wie am ersten Tag, als sie sich richtig kennen gelernt hatten. Damals in dem ersten Meeting, als er sie noch nicht einmal angesehen hatte.

Es machte sie nervös. Irgendwas musste vorgefallen sein und der Gedanke daran machte sie unruhig. Ace verfiel irgendwas und es schien nicht in seiner Hand zu liegen, wie er damit umgehen sollte.

Sie bestellten ihre Getränke und jeder beugte sich über seine Karte.

„Wollt ihr eine Empfehlung?“ Kageyamas freundliche Stimme erfüllte plötzlich wieder die Gruppe.

„Ja sehr gern“, antwortete Suru sofort, der sich mit der Entscheidung gerade wirklich schwer tat. Jedes von den Gerichten klang unglaublich und noch viel unglaublicher, wenn er daran dachte, dass jedes von Ace Worten über seinen Sensei wahr sein sollte.

„Wenn ich in der Küche stehe ist für gewöhnlich das Okonomiyaki die Spezialität des Hauses. Ihr müsst nur sagen, was ihr drauf haben wollt.“ Er lächelte zufrieden und wartete geduldig eine Antwort ab.

„Welche Variante davon bieten sie denn hier an?“, fragte Suru interessiert und sah zu ihm hoch. Doch Kageyama entwich nur ein überheblicher Ton, während er sein Grinsen nicht verlor. „Natürlich nur die einzig Richtige. Ich bin im Westen des Landes geboren und aufgewachsen. Sagt dir das genug?“

Er lachte und Suru musste über seine übersprudelnde Überzeugung grinsen. Dieser Mann war voller Liebe für seinen Beruf, das war sicher.

Als jeder von ihnen Kageyama seine Speisekarte entgegenhielt lachte er laut auf.

„Überzeugt, das nehmen wir!“, riefen sie beinahe im Einklang.

„Gut, eine kluge Wahl.“ Er nickte bestätigend und sammelte die Karten ein.

„Für mich bitte vegetarisch, aber sonst- überraschen sie uns was den Belag angeht!“, sagte Reiju.

Wieder nickte Kageyama. „Alles klar. Vollste Freiheit in meiner künstlerischen Arbeit also. Damit kann ich umgehen.“

Ohne Sorge legte jeder sein Essen mit vollstem Vertrauen in seine Hände. Dann unterhielten sie sich eine Weile. Reiju hörte zu und lachte hier und da, wenn sie etwas dazu brachte. Ace aber war gänzlich still.

„Und dann wurde angekündigt, dass endlich JoJo Part 5 rauskommt!“, hörte er Keita rufen. Reiju musste über Surus Blick lachen, während Keita redete und redete. „Der Trailer ist unglaublich, Leute“, raunte er völlig verfallen.

„Den Anime hab ich auch gesehen“, sagte Izaya plötzlich. Keita schreckte auf. Sofort sah er zu ihm.

„Ernsthaft?!“, fragte er aufgeregt und lehnte sich zu ihm rüber.

„Ja, ist schon eine Weile her, aber ich fand den echt gut.“

„Es ist ja auch JOJO!“, rief Keita und fühlte, als hätte er seinen neuen Seelenverwandten entdeckt.

„Wieso hast du das nicht schon früher erzählt?“, fragte er verzweifelt. Izaya musste lachen.

„Entschuldige, mir war bisher nicht danach.“ Er grinste Keita entgegen und wollte gerade noch was sagen, da wurde er unterbrochen.

"Du tust gerne Dinge ohne irgendwem davon zu erzählen was?", fragte Ace plötzlich. Jeder wurde auf einen Schlag still. Ace Stimme war wie ein tödlicher Speer mitten in die gelassene Atmosphäre. Seine Hand auf dem Tisch verkrampfte sich. Er ballte sie zur Faust.

Niemand wagte es etwas zu sagen, außer Izaya selbst. "Was meinst du?" Er blieb ganz ruhig. Ace Augen verrieten, dass er nicht bei sich war. Aufgeschreckt und unruhig wurde er von ihnen durchbohrt.

"Seiya hat mir erzählt was du und deine Familie das ganze letzte Jahr getan habt."

"Ace was-?"

"Wieso hast du nie etwas gesagt?" Ace Stimme gewann derart an Nachdruck. Sie war aggressiv und giftete Izaya über den ganzen Tisch hinweg an. "Wieso?!", schrie er plötzlich und schlug mit seiner Faust auf die Tischplatte. Das Geschirr machte einen Satz. Dann wurde es totenstill im ganzen Raum.

"Ace. Lass uns raus gehen, was hältst du davon?" Reiju unterbrach das Gespräch sofort. Er durfte nichts mehr sagen können, was er später bereuen sollte.

Sie stand auf und zupfte an seinem dunklen Shirt.

Sofort erhob er sich. "Entschuldigt", raunte er plötzlich und seine Stimme war wie verwandelt. Sie war haltlos.

"Lass uns kurz raus, komm."

Ohne ein weiteres Wort gingen sie gemeinsam zur Tür hinaus.

Auch Kageyama war der Vorfall nicht entgangen. Besorgt sah er seinem jungen Schüler hinterher, bis er hinter Reijus Rücken gänzlich verschwunden war.

 

Kaum war Ace an der frischen Luft stolperte er ein paar Schritte vorwärts und hielt sich zitternd an der nächsten Laterne fest.

Am liebsten hätte er sich hier und jetzt sofort übergeben. Sein Magen war eine Katastrophe, doch nichts fand seinen weg nach draußen. Seine Kehle blieb frei, doch atmen konnte er dennoch nicht.

"Ace, was ist passiert."

Schwer atmete er ein und aus, während er sich zusammenkrampfte und mit seiner freien Hand seinen Bauch hielt.

"Es tut mir so leid", raunte er.

Er weinte. Wieder weinte er und wieder konnte Reiju nichts dagegen tun. Sie hatte es so unendlich satt so hilflos zu sein.

"Ace!", rief sie. Er zuckte gewaltsam zusammen und sah hilflos zu ihr auf. Gekrümmt über seinen Magen hielt er sich noch immer fest an der kalten Laterne.

Reiju ging einen Schritt auf ihn zu und zog ihn zu sich.

Sein Haar schmiegte sich an ihr Kinn und sie konnte spüren wie jeder einzelne Muskel in seinem Körper völlig verkrampft war. Seine Tränen befeuchteten ihr graues Top. Sie waren so getränkt von schmerzlicher Unruhe, dass Reiju es nicht ertragen konnte. Sie presste ihn so fest es ihr möglich war an ihren dünnen Körper. Ihre Tränen fielen auf seinen Scheitel.

"Alles gut, Ace."

"Du weißt nicht mal worum es geht und es nimmt dich so mit?", fragte er plötzlich. Ihre Stimme hatte zittern müssen. Sie konnte nie sagen wie sie sich gerade anhörte, ob sie auch wirklich so klang wie sie es wollte.

Sanft. Sie wollte sie sanft.

"Ich sage dir doch, bitte erzähl mir was passiert ist."

Ace ließ sich bewegungslos von ihr halten. Nur sein zittern ließ ihn sich unkontrolliert zwischen ihren Armen regen.

"Seiya war den ganzen Mittwoch nicht da." Seine Stimme verlor sich. Es klang als wäre ihm kalt.

"Ich war allein mit Ren. Ich hatte meinen Tag eigentlich mit beiden verbringen wollen, aber Seiya war wie vom Erdboden verschluckt."

Reiju minderte zu keiner Sekunde den Druck um Ace Körper. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass es beruhigend wirken sollte. Sie konnte gerade nichts mehr tun als zu hoffen, dass es stimmte.

"Er war an dem Abend bei dem Grab unseres Vaters gewesen. Er wollte dort endlich einmal aufräumen, wir waren doch seit Monaten nicht mehr da gewesen. Doch als er da war, war alles ordentlich und sauber. Izayas Mutter hatte sich all die Zeit darum gekümmert. Seiya war so überwältigt gewesen, er konnte nicht nach Hause. Die Schuldgefühle zerfraßen ihn. Er war bei Izaya und bedankte sich bei seiner Familie, die Nacht schlief er bei Yuka. So habe ich den Abend ganz allein verbracht. Nachdem Ren im Bett war konnte ich nicht schlafen. Ich war völlig allein. Seiya kam erst gestern am späten Abend wieder. Er hatte niemandem Bescheid gesagt, die Sorgen quälten mich, dann hat er mir alles erzählt und sich entschuldigt. Aber die Schuld liegt in unser aller Händen. Wir haben so wenig an unseren Vater gedacht. Seit dem verfolgt es mich."

Auf einen Schlag hatte er alles herunter erzählt was er zu sagen hatte. Er war so geladen. Sein Körper verbrauchte Unmengen an Energie.

Reiju wartete einen Moment, dass ihr Schluchzen vorüber ging, bevor sie etwas sagte. Sie war sich unsicher was ihm helfen konnte, doch sie musste irgendetwas sagen.

"Ihr tragt keine Schuld", raunte sie leise in sein Haar hinein. "Ihr seid mit all dem so umgegangen wie es für euch möglich war", flüsterte sie weiter. Mehr sagte sie nicht. Sie fasste nur immer enger um Ace Körper und versuchte ihr eigenes Weinen unter Kontrolle zu bringen. Es war unaufhaltsam.

Ace Schmerz lag wie ein Schleier über der gesamten Umgebung. Es war so still und niemand war da. Nicht einmal ein Vogel flog am Himmel.

"Ich habe mich geöffnet und habe geredet. Ich habe versucht das alles zu überkommen. Ich habe mich in meinem Alten Ich nicht mehr wieder erkannt, habe versucht es verschwinden zu lassen, und dennoch... jetzt tut es nur noch mehr weh. Es tut so viel mehr weh als vorher. Es schmerzt so sehr Reiju. Ich will... doch nur glücklich sein. Aber wie kann ich sagen, wann es mir endgültig möglich ist. Mit dir und den anderen, im Kageyamas, in diesen Momenten bin ich wirklich glücklich, aber das Weinen steckt mir immer im Halse fest. Es ist wie ein Strom. Hab ich einmal angefangen hört es nie mehr auf."

Reiju schloss ihre Augen und horchte auf das leise Summen der alten Straßenlaternen. Sonst war da nichts außer Ace harter Atem unter ihr.

Wie konnte sie all dem ein Ende setzen. Konnte sie es überhaupt jemals. Doch sie würde es sich niemals nehmen lassen an seiner Seite zu sein.

„Du weißt, dass du nicht alleine bist oder? Du bist niemals allein. Niemand wird dir jemals von der Seite weichen. Es ist kein Spiel auf Zeit Ace. Nimm dir alles, was du brauchst. Keiner von uns wird je zögern es dir zu geben.“

„Zählt das zu diesen klassischen einfachen Dingen, die jedes mal völlig ungesehen sind?“, fragte er.

„Lass uns für dich da sein. Du wirst die einfachen Dinge sehen, du wirst alles wieder sehen, aber gib dir ein wenig Zeit. Gib dir selbst Zeit zu heilen.“

Tief atmete er ein und wieder aus. Seine Tränen verebbten so langsam. Er wurde ruhiger.

"Es muss elendig aussehen wie du mich hältst. Wie ein kleines Kind."

"Hör auf, Ace. Hör auf", raunte sie ganz ruhig.

"Wieso bist du nur so gut zu mir?"

"Weil wir Freunde sind“, kam es selbstverständlich über ihre Lippen. Ihr Kopf lag in seinem Haar. Ihre Augen hielt sie geschlossen. Es fühlte sich gewohnt an und so behaglich.

„Und woher willst du wissen, dass ich kein schlechter Mensch bin?“

„Menschen mit so einem besten Freund wie Izaya sind keine schlechten Menschen, die haben ganz andere Probleme.“

Ace verstummte.

"Ich hätte nach Izaya niemals gedacht, dass es jemand noch einmal so weit mit mir schaffen würde."

"Ich bei mir auch nicht."

„Danke Reiju.“

„Nichts zu danken.“ Ihre Stimmte klang so unendlich beruhigend. Tief atmete Ace ein.

"Du... du kannst mich jetzt loslassen", raunte er und bewegte sich zwischen ihren Armen vorsichtig von ihr weg.

"Sicher?"

"Ganz sicher."

Er rappelte sich wieder auf und fuhr sich durchs lange, offene Haar. Dann ging er mit seinen blassen Händen über sein Gesicht. Es war nass und seine Augen ganz rot.

Jetzt standen sie da. Sie standen einfach nur da und starrten sich an. Ace Tränen hatten auf Reijus Shirt ihre Spuren hinterlassen. Ace war völlig ausgelaugt.

Keiner von ihnen regte sich. Niemand machte den Anschein, etwas tun oder sagen zu wollen. Es war ein stiller Moment in dem sich ihre Blicke immer mehr ineinander verwoben. Es war eine angenehme Stille.

"Ace, eins musst du mir versprechen“, sagte sie leise ohne ihren Blick von ihm zu lösen. Er nickte nur.

„Versprich mir. Bitte versprich mir, Ace“, ihre Stimme war irgendwie verzweifelt. Sie bekam keine Kontrolle. Sie wollte es einfach nur aus seinem Mund hören. Er sollte es ihr für immer versprechen.

„Dass du immer über die Dinge reden wirst. Egal wie schwer es dir fällt, einen Tag wie heute... ich will nicht, dass du dir das immer wieder antust. Wir alle hören dir zu Ace, wann immer du uns brauchst. Versprich es mir.“ Sie sprach so schnell und aufgewühlt, ihr entwich der Atem. Tief holte sie nach Luft.

„Ich...“, begann Ace zögerlich. „Ich tue mein Bestes, Reiju.“

„Das ist alles, was ich verlange.“

Eine Weile blieben sie noch so stehen, völlig gebannt von dem was geschehen war. Bis Ace es durchbrach.

„Lass uns wieder rein gehen“, sagte er und seine Stimme klang nicht mehr ganz so rau vom Weinen.

„Sicher, dass du wieder zurück willst?“

„Ja, ganz sicher. Nicht... weil ich muss, sondern weil ich es will.“

Reiju nickte. Sie schloss für einen kurzen Moment wieder ihre Augen. Matt lächelte sie auf.

„Dann lass uns wieder rein gehen.“

Als sie zurück an den Tisch traten, stand ihr Essen schon bereit. Jedoch hatte noch niemand von ihnen seines angerührt. Jeder saß still da und schien auf ihre Rückkehr zu warten.

Als Ace sich setzte sah nur Izaya ihn an. Seine roten Augen fielen ihm auf, jedem fielen sie auf. Genau so wie Reijus nasses Shirt, doch niemand sagte etwas.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Izaya. Es war nicht ganz ernst gemeint. Irgendwas musste absolut nicht in Ordnung sein, dennoch fragte er es, um überhaupt irgendwas zu fragen.

Ace nickte nur. „Danke fürs warten“, sagte er und griff nach seinen Stäbchen. „Haut rein, das Okonomiyaki ist wirklich unglaublich gut“, sagte er noch und begann dann selbst als erster zu essen.

Kurz verharrte noch jeder. Es war seltsam, meinte Ace es wirklich ernst. Doch als auch Reiju nach ihren Stäbchen griff, löste sich die kalte, besorgte Stimmung und jeder begann zu essen.

Lange blieben sie jedoch nicht mehr sitzen. Für den heutigen Tag lag über diesem Tisch im Kageyamas ein seltsamer Schleier, unter dem sie es nicht lange aushielten.

Jeder aß sein Essen auf und bedankte sich aufrichtig bei Kageyama für die Gastfreundschaft. Das Gericht war unbeschreiblich gewesen. Es war lecker und musste einen warm durchziehen, wenn man nicht so abgelenkt war.

Ace Aussetzer war kein Gesprächsthema am Tisch gewesen. Jedem von ihnen war bewusst, dass es nicht er selbst gewesen war, der gesprochen hatte. Sie beließen es zwischen ihm und Reiju. Dennoch ließ es sie nicht kalt. Niemand von ihnen war ruhig.

Umso glücklicher stimmte es sie, dass Ace zum aller ersten Mal an diesem Tag lächelte, als sein Sensei ihm eine feste Umarmung schenkte. Sie sprachen kurz miteinander, dann ließ Kageyama ihn gehen.

„Wir haben morgen früh keine Pflichten. Lass uns doch noch zu mir nach Hause, wenn ihr wollt“, schlug Keita vor, als sie alle in die Abenddämmerung traten. Der Abend sollte nicht so zu Ende gehen. Nicht für Ace und nicht für sie alle.

„Stören wir deine Eltern nicht?“, fragte Izaya, aber Keita schüttelte sofort exzessiv den Kopf. „Die sind nicht da, ihr seid herzlich eingeladen.“ Er grinste und blickte erwartungsvoll in erfreute Gesichter.

„Nach Hause gehen muss ich jetzt wirklich noch nicht“, raunte Junko und nickte. „Lass uns noch zu dir.“ „Bin dabei“, rief Izaya. „Genau wie ich“, sagte Ace leise und alle nickten erfreut.

Zufrieden grinste Keita. Sofort machten sie sich auf den Weg.

 

Keitas Haus lag am Rande des Vororts und grenzte beinahe direkt an den Fluss. Das Gebäude war nicht besonders groß oder pompös, doch es wurde von einem großen Grundstück umschlossen welches bewachsen war mit jeglichen Pflanzen aller Art. Dazu stach die alte japanische Bauweise ziemlich aus den anderen schlichten Häusern der Gegend heraus.

„Wow Keita, das Haus ist wunderschön und diese Blumen.“ Izaya war völlig überwältigt, als sie vor dem Zauntor ankamen. Zaghaft betrat er den Vorgarten, der überwuchert war von weißen und lilafarbenen Iris. Sie erstreckten sich über die gesamte Fläche.

„Ja, danke“, lachte Keita und hielt jedem von ihnen die Zauntür auf. „Das Haus hieß früher einmal das Ayame-Anwesen. Das hat schon meinen Vorfahren gehört. Diese Blumen waren irgendwie schon immer da und vergehen nie.“

„Was genau sind das eigentlich für welche?“, fragte Junko und hockte sich zu ihnen herunter. Sie war schon so viele male hier gewesen, doch wirklich angeguckt hatte sie sich die Blumen nie.

„Japanische Sumpf-Schwertlilien“, sagte Reiju unbekümmert.

Jedes mal wenn sie hier war, konnte sie ihren Blick nicht von ihnen lassen. Es war wie ein purpurnes Meer aus wunderschönen Blumen. Über und über bewuchsen sie die ganze Wiese und raubten jeder anderen Pflanze das Licht. Sie hatten diesen Ort völlig eingenommen.

„Ja genau“, sagte Keita und bahnte sich seinen Weg vor zur Haustür.

„Das Haus muss eine lange Geschichte haben“, raunte Ace und gesellte sich zu ihm, während er aufschloss. „Weiß ich leider nicht viel drüber. Dieses Haus birgt Geheimnisse überall wo du hinsiehst.“

Keita stieß die Tür auf und eröffnete ihnen den Blick direkt ins Wohnzimmer. Hell, offen und freundlich war es mit einer langen Shojifront das erste was man sah, wenn man in den Eingangsbereich trat.

„Wir haben nicht so viel Geld wie es aussieht“, scherzte Keita und zog seine Schuhe aus. „Das meiste gehörte einfach schon immer zu diesem Haus.“

Jeder tat es ihm gleich und schritt über das dunkle Parkett in den großen Raum.

„Immer wieder, wenn ich hier bin, frag ich mich was hier wohl schon alles passiert ist“, sagte Suru ehrfürchtig und ließ sich auf eines der Sofas fallen.

„Wohl zu viel um es aufzuzählen“, lachte Keita und zog die Shoji auf, um mehr Licht hereinzulassen. Es zeigte ihnen einen schmalen Flur und dahinter, eine lange Fensterfront. Izaya sah direkt raus in den Garten.

„Ich will ja nicht zu begeistert rüber kommen, aber verdammt Keita, wie schön ist euer Grundstück bitte?“

„Jedes mal wenn ich in diesem Garten sitze, will ich nie mehr gehen“, raunte Reiju und setzte sich jetzt in Bewegung, nachdem sie kurz etwas verloren neben Ace gestanden hatte.

Sie trat auf den Flur und öffnete die Gartentür. Dort blieb sie stehen. Hier hatte sie das Beste von beidem. Sie hörte ihre Freunde, doch ihr Blick ging auf eine weite Wiese mit überwucherten Bäumen und Gebüschen. Es war so viel Natur, die in diesen einen Garten gedrängt wurde. Es gab nichts, was Reiju lieber ansehen würde.

„Das ist alles uralte japanische Architektur. Nur die Fensterfront hat mein Großvater einbauen lassen, wegen der Wärmedämmung.“ Jeder nickte. Ace und Izaya mussten diesen Anblick erst einmal sacken lassen.

„Euren Blicken nach zu urteilen, wollt ihr noch mehr erfahren?“

Izaya musste lachen. „Entschuldige, aber so etwas hab ich noch nie in Form eines normalen Wohnhauses gesehen. Wer bitte waren deine Vorfahren, dass euch so ein Haus gehört. Es ist... Wahnsinn.“

Keita konnte nicht aufhören zu grinsen. Er wusste wie gesegnet sie mit diesem Stück japanischer Geschichte waren. Er genoss es jeden Morgen aufs neue auf einen großen Garten hinausblicken zu können, nur weil dieses Wohnzimmer traditionell nach dem Sinn eines Shoin erbaut wurde. Er liebte es, dass es eine Veranda um das gesamte Haus gab und alles wie im alten Japan der Natur nach ausgerichtet war.

„Wir lieben es genau so wie du, Izaya, du kannst aufhören so groß zu reden“, rief Junko lachend und schmiss ein Kissen nach ihm. „Schon gut“, beschwichtigte Keita. „Aber das einzige was ich noch weiß ist, dass es irgendwann um 1870 erbaut wurde. Mein Ururgroßvater war irgendein reicher Geschäftsmann. Weiß man heute aber nicht mehr so viel drüber. Entschuldigt.“

Izaya nickte und blickte sich noch einmal um. An einen Ende des Wohnzimmers war sogar einer von diesen alten japanischen Altären eingelassen. Keita holte Gläser und etwas zu trinken aus der Küche und belustigte sich weiter an Izayas Blick. Ace dagegen sah inzwischen einfach nur noch so aus, als fühle er sich wirklich wohl. Ob es nun an ihnen oder an dem Haus lag, es erfreute Keita unglaublich.

„Okay, bevor Izayas Mund für immer offen stehen bleibt, lasst und das Thema wechseln“, lachte Keita ihm entgegen und sah in die Runde. Reiju hatte die Gartentür offen gelassen, sich aber jetzt auf den Boden, am Rand des Zimmers gesetzt. Sie spürte den seichten Luftzug in ihrem Rücken und auch der frische grüne Duft des Gartens erreichte sie noch.

„Hey Keita, da steht ja ein Flügel“, sagte Ace plötzlich. Er war aufgestanden und hatte sich ein wenig umgesehen. Gegenüber vom Wohnzimmer stand in einem kleinen Raum nichts mehr als ein Flügel.

„Ja, der gehört meinen Eltern“, rief Keita ihm zu.

„Wo sind sie eigentlich gerade?“, fragte Izaya beiläufig und gesellte sich zu Ace. Den Anblick ließ er sich nicht entgehen.

„Nicht da“, waren Keitas einzige Worte bevor er ebenfalls aufstand und mit ihm die gesamte Truppe das Wohnzimmer verließ, um sich vor dem Flügelzimmer zu versammeln.

Junko lehnte ihr Kinn auf seine Schulter und sah zu ihm auf.

„Wann hast du eigentlich so das letzte Mal gespielt?“, fragte sie grinsend.

„Du spielst also auch“, stellte Ace fest.

„Ja, früher einmal ein bisschen.“

„Bisschen ist gut!“, rief Junko. „Er hat früher jeden Tag geübt. Zeichnen und Musik waren immer sein Ding.“

Suru nickte und erinnerte sich an Tage an denen er in diesem Zimmer auf dem Boden gelegen hatte, während Keita ihm ein Stück nach dem anderen vorspielte.

„Junko sei bloß ruhig, du spielst doch selber auch", entgegnete Keita.

„Aber auch nur weil meine Eltern mich klischeehaft immer dazu gezwungen haben. Außerdem hab ich nicht so einen schönen Flügel wie du.“

„Darfst dich gerne mal dran setzen“, sagte er scharf und hob ruckartig seine Schulter, um ihr einen kleinen Schlag zu versetzen.

„Gerne, wenn du es zu erst tust.“ Sie grinste herausfordernd.

Während sich die beiden noch rivalisierend anfunkelten, trat Reiju zu Ace. „Du siehst dir diesen Flügel so fasziniert an. Spielst du auch?“, fragte sie. „Hab ich früher einmal.“

„Ace spielt auch!“, rief Junko, die auf solche Informationen jeden Moment lauerte, doch ihre Aufregung wurde sofort unterbunden.

„Lasst ihn aus euren Spielchen raus“, sagte Suru schnell und nahm Ace dankendes Lächeln entgegen.

„Ich hab wirklich schon lange nicht mehr gespielt, also bezieht mich bloß nicht ein.“ Er lachte beschämt und sah zurück auf den alten Flügel.

Schwarz glänzte er in den letzten roten Sonnenstrahlen, die sich durch das matte Papier der Shojis kämpften. Er war wunderschön.

„Okay, du spielst ein Teil eines Stücks und ich mach es dann zu ende“, riss es Ace aus seinen Gedanken. Es waren Junkos Worte gewesen.

„Seid ihr bereit für-“, sie hielt inne und starrte auf das aufgedeckte Notenblatt auf dem Notenständer.

„Für Clair de Lune vom guten alten Claude Debussy?“

Clair de Lune – Claude Debussy

Suru horchte auf. Dieser Name war ihm so sehr im Gedächtnis geblieben.

Es war damals für Keita das schönste, aber auch härteste Klavierstück von allen gewesen. Er hatte Ewigkeiten gebraucht um es zu vollenden, aber es hatte ihm so viel bedeutet.

Es war immer das Lieblingsstück seiner Mutter gewesen. Es hatte eine ewige Geschichte für Keita.

Suru hatte immer da gelegen und 'Clair de Lune' gelauscht. Tag ein, Tag aus. Er hatte mitangehört wie sein bester Freund irgendwann makellos wurde. Immer zügiger spielte und immer flüssiger. Er hatte am Ende nicht auch nur einmal gehadert und kannte das Stück gänzlich auswendig. Er hatte jede Note völlig in sich aufgenommen und hatte im selben Takt geatmet wie sie.

Wie die Noten jetzt dort lagen war es, als sei die Zeit nie weiter gelaufen. Als sei er immer noch acht Jahre alt und Keita sieben. Als seien sie noch immer die jungen Grundschüler von damals.

Beinahe unmerklich sah er rüber zu seinem Freund seit Kindertagen. Bei dem Titel des Stückes zog sich in ihm alles zusammen, das sah Suru.

„Bei dem Stück gewinnst du nie“, hauchte Keita ganz sanft und betrat dann ebenfalls den Raum, in dem er so lange nicht gewesen war.

Er warf einen Blick auf die Noten und entstaubte den alten Schemel. Leise knarzte er, als Keita sich endlich setzte.

Es war seltsam. Die Stimmung zwischen ihnen war gut. Dies hier war doch nur eines von Keitas und Junkos kleinen Spielchen und für gewöhnlich fieberte jeder mit, oder es war ihnen egal.

Doch mit einem Mal, in dem Moment in dem Keitas Finger sanft über die Tasten strichen und er ein letztes Mal tief einatmete, bevor er anfing zu spielen, wurde alles ganz still.

Keita saß da und wirkte wie verändert. Er wirkte anmutig. Er hatte etwas Unbesiegbares an sich.

Jeder von ihnen wurde von einer Faszination ergriffen, einem tiefen Gefühl der Ergebenheit.

Dann setzte Keita endlich an und begann zu spielen.

Die ersten traurigen Töne erfüllten den Raum und jeder konnte spüren wie sie die Luft sanft in Stücke brachen.

Der sonst so aufmüpfige, laute und nicht zu bändigende Keita, saß völlig still da und ließ seine Finger konzentriert über die alten Tasten des Flügels gleiten. Sie schwebten über der Klaviatur und begleiteten die Töne in ihrem Tanz.

Keita, den man sonst nur schwer zum Schweigen brachte, schloss seine Augen und spielte. Es passierte noch immer völlig automatisch. Die Noten waren überflüssig. Sein Gesicht verzerrte sich zur Konzentration. Jeder vergaß, dass er nur die Hälfte spielen sollte. Jeder ließ ihn machen und genoss es. Versank in dem Schauspiel.

Der alte Flügel gab unter Keitas Fingern ergebend nach und entließ raue, aber völlig klare Noten in die Freiheit, die nur Keita zu bändigen verstand.

So wie er spielte sah er sich wieder als kleinen Jungen in diesem Raum, sah alles was damals geschehen war und spürte was seine Mutter ihm bedeutet hatte.

Dieses Stück hatte er immer nur für sie gespielt.

Heute fragte er sich immer wieder, wie er nur darauf gekommen war.

Es war so viel Zeit vergangen und es war so viel passiert.

Unmerklich entkam seinem Auge eine Träne.

Dieses Stück hatte ihm so viel Zeit genommen, hatte Suru so viel Zeit genommen. Hatte für ihn so vieles verändert und doch konnte er es nicht hassen.

Er liebte es.

Im Zustand völliger Vertiefung warf Keita seinen Kopf in den Nacken. Er spürte die Tränen an seiner Wange, doch realisierte es gar nicht.

Dieses Stück gab ihm alles, gab ihm sein Leben wieder, auch wenn es ihm dieses das letzte Mal genommen hatte.

Er fühlte so vieles auf einmal, was so lange Zeit nicht da gewesen war, erinnerte sich an so viele Dinge und dann, so wie das Stück sich langsam zum Ende neigte, verging das alles wieder.

Nur ganz zögerlich kam er zum Abschluss. Spielte die letzten Noten. Warf seinen Kopf zurück nach vorn und schloss es ab.

Er legte seine Hände in den Schoß und wagte es nicht aufzusehen.

Noch eine ganze Weile blieb es absolut Still im Raum.

Jeder hatte gebannt zugesehen wie Keita seine Seele offen auf die Tasten gelegt hatte.

Keita so zu sehen war anders, doch es war so harmonisch.

Da stand er auf.

„Lass uns dieses Zimmer endlich verlassen. In der Küche haben wir glaube ich noch Kuchen“, sagte er und grinste. Er lachte, während sein Gesicht noch immer die Tränen zierten.

„Kuchen klingt gut“, antwortete Suru sanft und folgte ihm. Er kannte das. Er hatte es schon einmal gesehen. Unzählige Male.

Die anderen dagegen kannten Keita nicht auf diese Weise, auch Junko und Reiju nicht. Es hinterließ sie irgendwie betroffen. Nein, eher unglaublich bewegt. Nur langsam wachten sie auf aus der angenehmen Benommenheit.

„Keita hat... er hat auf jeden Fall gewonnen“, hauchte Junko und verließ den Raum.

Reiju nickte und folgte ihr stumm in die Küche. Erst dann schlossen sich Izaya und Ace ebenfalls an.

 

„Ein wirklich guter Kuchen!“, lobte Suru, als sich jeder um die Theke versammelt hatte.

„Lasst uns ins Wohnzimmer“, sagte Keita und sie gehorchten.

Eine Weile saßen sie an dem niedrigen Tisch auf ihren Sitzkissen, aßen Kuchen, tranken Tee und unterhielten sich. Unterhielten sich auch über Keitas Klavierstück, doch niemand wagte zu fragen, was es für in bedeutete. Nicht heute, nicht hier. Dieser Abend gehörte allen sechs und sie genossen ihn in vollen Zügen.

Reiju konnte spüren, wie sie allein schon der heutige Tag ein wenig enger beisammen gebracht hatte. Auch wenn nicht alles perfekt verlaufen war. Ungewöhnlich wie sehr sie sich freute, über diese neue Gruppe.

Jeder von ihnen war in einer so ruhigen Stimmung. Keitas Spielen hatte jedem von ihnen ein Stück Ausgeglichenheit geschenkt. Er hatte das Spielen so geliebt und das hatte man hören als auch spüren können, diese Atmosphäre blieb den ganzen Abend an ihnen hängen.

„Ich gehe mal ein Wenig an die frische Luft“, sagte Izaya nach einer Weile.

Jeder nickte und ließ ihn gehen, doch Ace folgte ihm still.

Sie traten raus auf die Veranda und wurden von einem Strom an frischer, kühler Luft begrüßt.

„Ace, was ist los?“, fragte Izaya, als er sah, dass er ihm gefolgt war.

Er setzte sich nieder auf die Veranda und Ace tat es ihm gleich. Es war völlig still. Nur die leisen Gespräche ihrer Freunde und das seichte Zirpen der Grillen erfüllte die Luft.

„Nach allem was heute schon passiert ist-“, begann Ace und klang unsicher, aber auch entschlossen. „Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Für meine Szene im Kageyamas.“

Er sah Izaya nicht an. Er starrte runter auf seine Schuhe in dem weichen Gras.

„Schon gut. Ich versteh das schon.“

„Danke dir. Ich danke dir für alles. Genau so deiner Mutter. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn wir sein Grab völlig hätten verkommen lassen.“

„Das haben wir gern gemacht. Wirklich. Meine Mutter war da sehr sehr gerne dabei.“

„Ich weiß nicht... was ich ohne dich tun würde Izaya.“ Jetzt sah er auf. Er blickte seinem besten Freund entgegen und er erwiderte es. Doch er lachte. „Das wirst du auch nie herausfinden müssen.“

Ace verfiel seinem Lachen und tat es ihm gleich.

„Gib mir etwas Zeit und ich werde wieder der Alte. Das verspreche ich dir.“

„Das weiß ich doch“, Izaya nickte und warf seinen Arm um ihn. „Nimm dir alle Zeit der Welt.“

Er drückte ihn fest an sich und verharrte kurz.

„So wie heute könnten doch mal öfter Tage vergehen oder?“, fragte er und hoffte so sehr Ace würde ihm zustimmen. Er hatte seinen Freund all die Zeit unglaublich vermisst.

Ace nickte.

„Ja, das würde mich sehr freuen.“

"Chisa, konzentriere dich!", rief nicht ihr Trainer Toudo lauthals, sondern ihr Kapitän Wakabayashi zu dem Kleinsten in seinem Team rüber. Sie standen sich in ihrer Trainingseinheit gerade als Gegner gegenüber und Chisa hatte seine Annahme völlig verhauen. Mit Schwung landete der Ball an der Hallenwand und fiel energielos zu Boden.

Erschöpft ließ Chisa die Arme hängen. "Du bist mein Gegner in dieser Wette, freue dich doch, dass du weniger Bälle verhauen kannst als ich", quengelte er und schlurfte los, um den Volleyball einzusammeln.

Jeden Mittwoch Abend taten sie sich in Zweierteams zusammen und spielte sich den Ball hin und her. Derjenige, der am Ende die meisten Bälle hatte zu Boden gehen lassen, gab dem ganzen Team ein Eis aus. Toudo und die Managerin eingeschlossen. Und jeden Mittwoch waren es er oder Gonkuro, die ihr Geld lassen mussten.

"Ich bin auch dein Kapitän, Chisa", entgegnete Wakabayashi nur, während er mit ernster Miene beobachtete wie Chisa den Ball in seine Hände nahm und ein paar mal mit ihm dribbelte. "Wenn du auf dem Platz keinen einzigen Ball annehmen kannst, ist es mir egal, ob ich euch ein Eis kaufen musste oder nicht."

"Ist ja gut, ist ja gut." Chisa wedelte wild mit den Armen und ging wieder auf Position.

"Ich muss nicht einmal selbst was sagen", raunte Toudo und blickte mit zufriedenen Augen auf seinen Teamkapitän. Reiju nickte. Sie hatte schon gehört, wer so normalerweise für den Spaß zahlte. Sie fragte sich nur, ob Chisa nicht irgendwann das Geld ausgehen musste, wenn er immer wieder so unkonzentriert bei der Sache war. Doch es schien ein allgemeines Ding der Erstklässler zu sein. Gonkuro und er litten beide an fehlender Kompetenz bei dieser Aufgabe. Doch wenigstens gaben sie ihr Bestes.

"Yashi nimmt seine Position sehr ernst", ließ Reiju fallen, ohne ihren Blick von ihm zu lassen. Er trug immer dieses rote breite Schweißband um seinen Kopf. Er würde so niemals übersehen werden.

Toudo nickte. "Als einer der wenigen Drittklässler, die im Team bleiben werden ist er auf jeden Fall derjenige, dem mit am Meisten an Kinroko liegt." "Ja, er scheint sich mit allen sehr gut zu verstehen." Reiju sprach aus was durch ihren Kopf ging.

"Du scheinst dich schnell einzufinden und ein gutes Auge zu haben. Vielen Dank nochmal, dass du den Job übernimmst."

Etwas überfordert brachte Reiju ihm ein Danke entgegen. Sie dachte nicht wirklich über all das hier nach. Sie kam her und versuchte ihre Aufgaben für das Team zu erfüllen. Das neunte mal war sie jetzt hier und ihr innerer Rhythmus begann so langsam es als normal anzusehen.

"Freust du dich schon auf dein Eis gleich?", fragte er, nachdem sie ein wenig in Gedanken versunken war.

"Es wäre zwar das erste Mal für mich, aber es würde mir schon leid tun, wenn es wieder aus Chisas Tasche käme, so viel wie ich gehört habe." Toudo lachte auf. "Keine Sorge, ich zwinge den Jungs nichts auf was sie nicht zahlen können. Meistens zahl ich das meiste vom Eis schon im Voraus beim Kiosk und sie denken der kleine Betrag den sie da lassen, wäre für alles."

Reiju erwiderte nichts. Toudo schien an alles zu denken.

"Vielleicht ist es deswegen auch ganz gut, dass Chisa immer dran ist. Er ist nicht der hellste und bemerkt es nie." Jetzt musste sie lachen. Es entwich ihrer Kehle und schien kurz die gesamte Halle zu durchströmen.

Izaya sah zufrieden zu ihr rüber. Unbekümmert nahm er Gonkuros leichten Aufschlag entgegen.

"Sie kann also auch lachen", witzelte Wakabayashi und sah wieder zu Chisa, der auch am nächsten Aufschlag scheiterte. Wenigstens war er selbstbewusst in dem was er tat.

 

Als das Training beendet war, war es schon beinahe dunkel draußen.

Die Jungs brauchten wie immer ewig, bis sie sich umgezogen hatten, doch diesmal musste Reiju nicht alleine warten.

Zusammen mit ihrem Trainer stand sie draußen auf dem Bürgersteig und wartete.

Toudo sagte lange nichts, genau wie Reiju auch. Es war so still, doch das störte sie überhaupt nicht. Ihn aber ganz anscheinend schon. Er wirkte etwas unruhig.

"Wollen sie irgendetwas sagen?", fragte Reiju und sah langsam zu ihm rüber. "Oh nein, nein. Entschuldige." "Wofür?" Er lachte. "Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dich ein wenig kennen zu lernen. Spielst du auch Volleyball?" Reiju drehte sich etwas zu ihm und betrachtete ihn kurz bevor sie weitersprach. Er war für sie zwar definitiv eine Autoritätsperson, doch wirkte er gerade nicht wie eine. Er konnte streng sein, wenn er es musste, aber sonst war er mit ihr völlig auf einer Ebene. Die Jungs liebten das an ihm. Er war erreichbar, nahbar und sah nicht auf sie herab.

"Mein kleiner Bruder spielt seit der Mittelschule Volleyball. Ich helfe ihm manchmal beim Training. Wir haben ein kleines Netz im Garten." Toudo nickte. "Klingt sehr gut. Macht es dir denn Spaß?" "Ich helfe ihm gerne. Dem Team auch." Kurz wurde es wieder still. Bevor Toudo etwas nächstes sagen konnte, sprach Reiju weiter.

"Darf ich sie auch etwas fragen?"

"Ja, sicher." Ganz überrascht darüber, dass Reiju plötzlich mehr Interesse zu zeigen schien, strahlte er auf.

"Was tun sie, wenn sie nicht hier sind?" Kurz verging das Strahlen, doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Reiju aber bemerkte es. "Entschuldigen sie, wenn das zu privat sein sollte."

Sofort schüttelte er den Kopf. "Ich war nur etwas überrascht. Wo sollte ich denn sein", er lächelte. "Ich bin zu Hause bei meiner Frau und grüble darüber nach, wie wir das nächste Spiel gewinnen können."

"So wie das Freundschaftsspiel Anfang der Ferien?" Er nickte. "Ganz richtig. Meine Frau ist mir da sogar immer wieder eine große Hilfe. Manchmal versteht sie die Jungs einfach besser als ich." Über Reijus Lippen huschte ein Lächeln. Toudo sah glücklich aus. "Wenn ich auch irgendetwas tun kann, dann sagen sie es bitte. Ich denke unser Erfolg stützt sich auf die Nähe und das Wohlsein im Team. Ich hoffe, dass ich dazu etwas beitragen kann." Toudo nickte. "Du redest wie eine richtige Trainerin. Aber mach dir keine Sorgen. Du machst deinen Job bisher sehr gut. Wenn ich was brauche, melde ich mich."

Nach und nach kamen jetzt die Spieler zu ihnen auf die Straße geströmt.

"Und wieder Chisa, der uns einen ausgeben muss!", rief Kemudashi lachend und versetzte dem kleinen Flügelspieler einen Schlag.

Seit Reiju Kemudashi das erste mal gesehen hatte, gingen ihr seine feuerroten Haare nicht aus dem Kopf. Man sah sie schon vom Weiten wie Flammen durch den Wind wehen.

Er war, das hatte sie die letzten Tage so aufgeschnappt, wie Chisa und Gonkuro ebenfalls in der ersten Klasse. Doch er teilte nicht die Ungeschicklichkeit mit ihnen. Seine Art und Weise des Flügelspiels hatte Ass-Potential.

Izaya kam als einer der Letzten mit Wakabayashi an seiner Seite aus der Halle. Kapitän und inoffizieller Co-Kapitän. Sie ergänzten einander schon vom Auftreten her perfekt.

Izaya riesig, bedrohlich und aufbäumend. Yashi etwas kleiner, mit scharfem Blick und flink auf den Beinen.

Sie hatten ihr erklärt, dass sie immer als Letztes raus kamen, weil sie darauf achteten, dass auch bis zum Letzten nicht getrödelt wurde, aber das glaubte Reiju ihnen nicht wirklich.

Jetzt waren also alle da. Toudo zählte noch mal nach und führte dann die Truppe an.

Eine Weile waren sie alle noch unglaublich aufgedreht. Ihr Adrenalin aus dem Training schoss noch durch ihre Adern, doch als sie an dem kleinen Kiosk ankamen hatten sich die Meisten beruhigt.

"Ich geh dann mal das Eis besorgen", raunte Chisa beiläufig und verschwand in der Eingangstür des heimischen Ladens, bis er mit dreizehn Eis am Stiel wieder in die warme Nacht trat. Jeder bekam eines zugeworfen. Auch Reiju, die es meisterlich zu fangen bekam und einen kleinen Applaus kassierte. "Danke", murmelte sie und entpackte es. Dann sammelte sie von jedem den Müll ein. Lieber so, als das irgendwas dort landete, wo es nicht hingehörte.

"Dich hab ich ja noch gar nicht gesprochen", sagte sie als sie von einem blonden Spieler die Eisverpackung entgegen nahm.

"Ach Reiju, das ist Link", schaltete Izaya sich plötzlich ein. "Er redet nicht viel."

Verwirrt starrte Reiju Izaya und dann Link an. Moment, meinte er das gerade wirklich ernst?

Reiju nahm noch den letzten Müll in ihre Hand und schmiss es in den nahen Mülleimer. Alles ohne ihren Blick von Link zu lösen. Izaya folgte ihr mit seinen Augen und musste grinsen, denn er wusste genau an was Reiju gerade dachte. Dann stelle sie sich wieder zu ihnen. Links Blick war gequält.

"Also du heißt Link? So wie... Held der Zeit Link? Ich rette Hyrule vor Ganon und befreie Zelda Link?" Izaya lachte laut auf.

"Ja genau wie der Link", antwortete Link und wirkte im ersten Moment etwas hilflos genervt.

"Wieso hab ich dich bisher nicht gesehen?", fragte sie dann. Er war aufgetaucht, wie als wäre er gespawnt.

"Ich war krank."

Reiju nickte als verstehe sie, doch eigentlich war sie viel zu verwirrt.

"Darf... ich fragen welche Position du spielst?" Link atmete aus. Er hatte sofort gemerkt, dass das kein kurzes Gespräch bleiben würde.

"Libero", antwortete er also und ließ es über sich ergehen.

"Kannst... kannst du etwa nicht springen?"

Izaya stand neben seinem Teamkameraden und konnte nicht aufhören zu lachen. Er sah Links gequälten Ausdruck und fand es in diesem Moment einfach viel zu witzig. Reiju schien ein Wenig auf zu gehen und sprach ein Wortspiel nach dem anderen aus. Link jedoch seufzte tief.

"Nein nicht deswegen."

"Aber er springt tatsächlich nicht wirklich hoch", brachte Izaya grinsend hervor und auch Reiju lachte jetzt auf.

"Es tut mir leid", raunte sie. Izayas Lachen in ihren Ohren motivierte sie jedoch zu mehr. "Dass das Team auch als die Wölfe bezeichnet wird, muss dir gut passen oder?" "Bitte... hör auf." Link starrte sie an, doch plötzlich entwich auch ihm ein Lachen. "Wenigstens warst du kreativer als die Meisten", sagte er matt und begann endlich sein Eis zu essen.

"Nein, es füllt meine Herzen nicht auf", sagte er schnell und grinste, bevor er sich vor Reiju schnell bei Gonkuro in Sicherheit brachte.

"Du verschreckst noch unsere Erstklässler", lachte Izaya und begann ebenfalls mit seinem Eis. Reiju tat es ihm gleich. Es war grünes Meloneneis.

"Ich hab ihm nur ein paar Fragen gestellt." Sie konnte sich ihr Grinsen nicht verkneifen. Je mehr Teammitglieder sie kennenlernte, desto mehr wuchs ihr die ganze Aufgabe ans Herz. Jeder von ihnen hatte seine ganz individuellen Eigenheiten und sie liebte es sich ihnen anzunehmen.

Plötzlich landete ein Wassertropfen genau auf Reijus Nasenspitze. Auch Izaya sah verwundert hoch in den Himmel. Es war schon den ganzen Tag bewölkt gewesen, doch jetzt schien das Licht gänzlich verschwunden und von dicken grauen Wolken ausgesperrt.

"Es regnet", sagte sie matt. Izaya nickte. "Wir sollten langsam gehen, bevor es zu stark wird."

Immer mehr Tropfen bahnten sich ihren Weg auf sie nieder und Reijus Haar wurde von mal zu mal nasser.

Sie nickte. Immer wenn es regnete spazierte sie so unfassbar gern alleine durch die Gegend. Sie musste gehen.

"Okay Leute, der Abend war schön mit euch. Wir sehen uns Morgen!", rief Toudo und geleitete einige von seinen Spielern die Straße runter. Jeder begann sich zu verabschieden und ging, nur Izaya und Kemudashi nicht.

"Ich kann da nicht raus", sagte Kemudashi müde. "Ich hasse den Regen." Er und Izaya standen unter dem überdachten Eingang des Kiosks und bewegten sich nicht von der Stelle.

"Beruhige dich. Vielleicht hat irgendjemand einen Regenschirm dabei", raunte Izaya ihm zu und sah sich um. Die Meisten waren tatsächlich schon gegangen. Es stand nicht gut um Kemudashi, den eine kleine Phobie vor dem nass werden quälte.

"Hey Reiju! Hast du zufällig einen Schirm?", rief er ihr zu. Sie stand im Freien und ergab sich dem Wasser. Sie war schon völlig durchnässt.

"Nein, leider nicht. Entschuldige."

Es war interessant. Als es Letztens beim Training einmal geregnet hatte, war Kemudashi auch so seltsam gewesen.

"Kann ich irgendwas anderes für dich tun, Kemudashi?", fragte sie und trat auf ihn zu. Unmerklich wich er einen wackligen Schritt vor ihr zurück. "Bring mich trocken Heim", jammerte er. Reiju sah rüber zu Izaya. Er warf den Kopf in den Nacken und grinste. "Stell dich nicht so an Kemudashi. Ich rufe jemanden, der einen Schirm bringt, okay?" Jetzt wand er sich zu Reiju. "Ist nicht das erste mal, dass das passiert. Du kannst ruhig gehen. Ich klär das." Doch sie ging noch nicht. Izayas Blick verriet, dass noch etwas folgen würde. Er sah sie eindringlich an und zog dann seine blaue Trainingsjacke aus.

"Nimm die. Wenn schon ohne Regenschirm, dann wenigstens mit einer Jacke." Er hielt sie ihr hin und rechnete erst gar nicht damit, dass sie es abschlagen würde. Er würde es ihr ohnehin nicht erlauben. Und Reiju gehorchte tatsächlich. Bei Izaya tat man es einfach. Er war immer so freundlich, sie wollte, dass es auch so blieb.

Dann nickte sie und trat zurück in den Regen. Kemudashi lief es eiskalt den Rücken runter, während Izaya sein Handy an sein Ohr hielt. Doch Reiju hörte es schon gar nicht mehr. Sie hörte nur noch den Regen und das prasseln auf den Bäumen.

Tief atmete sie ein und wieder aus. Dann ließ sie die beiden in ihrem Rücken. Jeder war sicher auf seinem Weg nach Hause. Niemand mehr würde ihre Hilfe brauchen.

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Reiju ging still durch den plätschernden Regen und genoss das laute Geräusch der Tropfen auf ihrer Umgebung.

Sie hatte sich etwas rasch von ihrem Team verabschiedet, doch sie würden es ganz sicher schon verstehen. Izayas Jacke lag warm auf ihren Schultern und bestätigte es ihr. Sie war Reiju viel zu groß, doch umso gemütlicher.

Es war völlig leer auf den Straßen. Die Meisten waren zu scheu in diesem Wetter, aber Reiju liebte es. Es war Abends, schon recht dunkel und die tiefe, graue Wolkendecke umgab sie wohlig warm.

Wenn es so sehr regnete erschien ihr alles einfach so viel greifbarer.

Das Team, ihre Freunde... Ace. Es machte plötzlich so viel mehr Sinn.

"Hi."

Ace war vor ihr zum stehen gekommen. Er stand dort auf der spiegelnden Straße, unter seinem Regenschirm, geschützt vor der Freiheit, die Reiju so liebte.

"Hey, gehst du vom Training nach Hause?", fragte er. Sie konnte seine Augen ganz knapp unter dem Schirm hervor schauen sehen.

Sie nickte. "Was tust du hier?"

Er lachte unsicher auf und deutete auf die weiteren Regenschirme um sein Handgelenk. "Ich habe alle mitgenommen, die ich im Kageyamas finden konnte. Izaya hat mich gebeten welche vorbei zu bringen. Vor allem für Kemudashi. Der Arme rührt sich sonst nie vom Fleck."

"Das mit Kemudashi hab ich mitbekommen. Er hat tatsächlich eine Wasserphobie?" "So ungefähr."

Reiju musste lächeln und Ace tat es ihr gleich.

"Dieses Lächeln hat mir gefehlt", sagte sie plötzlich. Doch bereute es irgendwie. Ace musste rot werden.

"Ich kann auch nicht behaupten, dass ich deines schon oft gesehen hätte", antwortete er kess. Es wurde still, bis Ace anfing zu lachen. Reiju war ein wenig überfordert, doch musste grinsen, als Ace sich die Hand vor den Mund schlug. Das hatte er damals als er sie einmal abgeholt hatte auch getan, als er hatte lachen müssen.

"Du solltest dich vielleicht besser beeilen, bevor wir Kemudashis Lächeln auch nicht mehr zu Gesicht bekommen." Ace beruhigte sich und senkte seine Hand wieder. "Ach richtig. Entschuldige, ich sollte gehen." Reiju nickte und beobachtete wie er an ihr vorbei ging und nun hinter ihr lag.

"Warte!", sagte er plötzlich jedoch. Sie drehte sich zu ihm. Reiju tropfte es von ihrem Pony runter auf ihre Lippen. Immer wieder traf der Regen auf ihre Klamotten und ihre nackte Haut.

"Hm?", machte sie nicht ganz anwesend und starrte ihn durch den Regen hinweg an. Es strömte so sehr, er hatte ihre Reaktion wahrscheinlich gar nicht hören können. Die Tropfen auf seinem Regenschirm machten die Geräuschkulisse nur noch lauter.

"Hier, den kannst du haben."

Er hielt ihr einen der zwei Regenschirme, die um sein Handgelenk baumelten hin und starrte sie an. "Du erkältest dich sonst noch." Doch Reiju schüttelte heftig den Kopf. Ihre kurzen Haare entließen in der Bewegung kleine Wassertropfen in die Freiheit.

"Brauche ich nicht, danke", raunte sie laut über das Prasseln hinweg.

"Nimm", wiederholte er jedoch und trat einen Schritt an sie heran. Sein Schirm lag jetzt auch über ihr. Es wurde lauter um sie, aber auch ruhiger um ihren Körper. Ihr fehlte die Berührung des Wassers sofort.

Ace stand ihr jetzt so nah, sie konnte seinen schweren Atem hören. Er hatte sich wohl beeilt.

"Was tust du?", fragte sie etwas unsicher. Sie wollte nur weiter durch den Regen nach Hause spazieren.

"Sicher, dass du keinen Schirm willst?" Sein Blick war ganz zart. Er ließ ihn ruhig von oben auf ihr ruhen. Um sie vor dem Regen gänzlich zu schützen beugte er sich etwas vor. Sein Rücken wurde nass. Die Hitze seines Atems und der warmen Sommerluft mischte sich mit Reijus nassen Klamotten und legte sich schwer um ihre Körper. Sie waren wie eingeschlossen. Das Wasser perlte an ihr herunter. Sie triefte. Ein großer Tropfen löste sich aus dem Wirr ihres Ponys und benetzte ihre purpurnen Lippen. Ihre Wimpern glänzten feucht. Das Haar klebte ihr im Nacken.

Ace konnte seinen Blick nicht von ihr lassen.

Es war ein kurzer heimlicher Moment in dem Reiju nicht ausmachen konnte, was sie tun wollte. Ace oder der Regen.

Seine trockenen Wellen flogen auf, als sie sich regte.

"Ganz sicher. Danke."

Reiju bemühte sich trotz ihrer diffusen Gedanken um ein sicheres Lächeln und trat dann einen Schritt zurück in den Regen. Sofort spürte sie die entlastende Kälte der unzähligen Berührungen.

"Ich genieße es einfach viel zu sehr!", rief sie dann und drehte ihm wieder den Rücken zu. Kemudashi würde sich auf den Regenschirm freuen. Für sie aber, war einer nicht nötig. Noch weniger als das.

Sie hörte wie hinter ihr auch Ace wieder zu gehen begann. Ganz langsam entfernten sie sich

voneinander und ließen die Massen an Regen zwischen sie.

Reiju seufzte tief. Rau und klar entwich es ihrer Kehle und erreichte Ace, der ihr schräg gegenüber saß. Sie war so unruhig. Sie hasste es. Wenn sich alles in ihr regte und sie nicht klar denken konnte. An nichts denken konnte, außer an diese eine Sache.

Sie biss die Zähne zusammen. Wann würde Suru zurück sein. Sie musste ihn etwas fragen. Denn wenn sie so recht nachdachte wusste sie rein gar nichts.

Sie sah Ace nicht an. Dann legte sie sich mit dem Kopf auf die Tischplatte. Sie starrte in den kleinen dunklen Raum und ging ihren Gedanken nach. Gedimmt und schummrig.

Ace betrachtete sie. Wie sich ihre schwarzen Strähnen auf dem hellen Holz ausbreiteten und ihr Körper sich sanft hob und senkte. Sie war völlig still.

Er legte sich ebenfalls auf die alte Tischplatte und sah zu ihr. Sein Gesicht ging zu ihren Haaren. Er konnte sie an seiner Nase spüren. Ihr sanfter, frischer Geruch erreichte ihn.

Es war still. Nicht viel war für ihn zu hören, außer ihr tiefer Atem.

Da drehte sie sich plötzlich zu ihm.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre Gesichter berührten sich beinahe. So beinahe sie konnten des anderen Wärme spüren.

„Ist alles gut?“, raunte Ace leise.

Reiju reagierte nicht.

„Wegen Keita“, sprach er weiter. „Übermorgen wirst du ihn sehen können.“

Sie starrte ihm immer tiefer in seine fast schon schwarzen Augen. Dann kniff sie ihre zusammen und starrte in die Dunkelheit. Mit Keita war nichts, mit Keita war nichts, sagte sie zu sich. Sie machte sich nur immer Unmengen an Sorgen, die am Ende nicht berechtigt waren.

Hoffentlich waren sie nicht berechtigt.

 

Reiju gähnte tief. Es war mehr als früher Morgen und sie stand mit einem Koffer und ihrer Tasche auf dem Schulhof ihrer Schule. Neben ihr eine Menge mehr Menschen aus allen Stufen und Klassen, die mit ihr das Schicksal des Klassensprecher teilten.

Wieder gähnte sie. Wo aber blieb Ace, fragte sie sich und sah auf ihr Handy. Halb acht war es. Gerade mal halb acht und sie musste schon hier stehen. Inmitten all dieser Menschen und Suru.

Der war gerade allerdings damit beschäftigt sich mit dem Busfahrer gut zu stellen, damit er und seine Klassensprecher Partnerin einen Platz ganz vorne bekamen. Sie hatte es ganz gut und bildlich beschrieben, was passieren würde, wenn sie nicht ganz vorne sitzen würde. Suru war so nett ihr dabei unter die Arme zu greifen.

Ace aber verspätete sich. Halb acht würden sie alle schon in den Bus steigen, hatte Kokon-Sensei gesagt. Und erst um fünf nach Halb traf Ace ein.

„Da bist du ja“, raunte Reiju. „Ist alles in Ordnung?“ Er nickte und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Ja, Seiya hat mich gefahren, wegen dem Koffer. Er hat Gestern aber noch spät gearbeitet und verschlafen.“

Reiju nickte. „Das nächste mal fährst du eben mit uns.“

Stumm gab sie ihren Koffer dem Busfahrer, der endlich von Suru in Ruhe gelassen wurde, und stieg dann ein. Ace folgte ihr dicht hinterher.

Suru saß schon ganz vorne neben Yua. Triumphierend grinste er sie an und sie brachte ihm ein Lächeln entgegen. Dann setzte sie sich in der Mitte des Busses ans Fenster. Ace setzte sich still neben sie.

Sie hatten jetzt drei Stunden Fahrt vor sich. Drei Stunden voller freudiger Erwartungen auf die Klassensprecherfahrt voller Teamgeist und Verantwortung stärkenden Aufgaben.

Suru hatte Reiju letzte Nacht schon bequatscht, dass es lustig werden würde und sie sich keine Sorgen machen solle. Sie hatte so ja nur mehr Zeit mit Ace, da sie sich ja immer noch Sorgen um ihn machte.

Und Suru hatte schon recht. Reiju konnte diesen Schleier nicht loswerden, dass es Ace nicht gut ging. Sie konnte es nicht vergessen und die Sorgen waren immer da. Vielleicht konnte sie es an diesem Wochenende endlich vergessen oder zumindest mindern.

Sie warf ihm einen zaghaften Blick zu und beobachtete, wie er seine Kopfhörer hervor holte.

"Stört es dich?", fragte er. "Ich glaube ich schlafe noch etwas." Sie schüttelte den Kopf.

Zufrieden blickte sie zum Fenster raus. Gerade ließen die Schule hinter sich.

Sie fuhren lange über die Autobahn, bis sie irgendwann abfuhren und eine Ewigkeit durch Wälder und Felder ihren Weg suchten. Es war eine wundervolle Ewigkeit.

Dunkle, hohe Kiefern und weite, helle Wiesen streiften viel zu schnell an Reijus Sicht vorbei und unterhielten sie die ganze restliche Fahrt lang. Bis sie irgendwann an einem Campingort ankamen, der mit lauter kleinen Holzhütten geschmückt war. Dahinter erstreckte sich ein großes Haus und dahinter nichts als Bäume und sattes Grün.

„Es ist wirklich schön hier“, raunte Ace und lehnte sich etwas zu Reiju rüber um ebenfalls aus dem Fenster sehen zu können. Sie hatte es sonst die gesamte Fahrt über für sich allein beschlagnahmt.

Als sie ausstiegen war es still. Sie konnte nicht sagen wie weit sie von der nächsten richtigen Straße entfernt waren, aber wenigstens weit genug um sie nicht zu hören. In der Luft lag nichts als das Rauschen des Windes und das Zwitschern der Spatzen.

„Muss dir hier gefallen“, sagte Suru als er als einer der Letzten mit Yua an seiner Seite endlich auch aus dem Bus in die frische Luft trat. Reiju nickte. „Sicher“, sagte sie und ließ ihren Blick über die Bäume, Büsche und Blumen schweifen. Der Sommer war hier gänzlich angelangt.

Die Baumkronen waren hell erleuchtet in sattem grün und gelb. Die Sonne stach durch sie hindurch und färbte die gesamte Umgebung in einem sanften grünlichen Ton. Auch die Blumen blühten und färbten die Wiese in gesprenkeltem weiß. Es roch nach alten Kiefern und süßem Nektar.

„Hey Reiju“, sagte Ace in ihre Gedanken hinein und rüttelte sie wach. „Komm, alle gehen schon.“

Sie nickte, griff nach ihrem Koffer und folgte ihm als Letzte in das Gebäude hinein.

Sie bekamen an der Rezeption ihre Hütten zugewiesen. Immer Grüppchen an Mädchen und Grüppchen an Jungs je eine. Sie würde die Nächte mit Menschen verbringen die sie nicht kannte, doch das war nichts Neues für Reiju.

Sie stellten ihre Koffer ab, machten sich fertig und gingen dann alle zum ersten Treffen ins Hauptgebäude. Reiju gesellte sich zu Suru, Ace und Yua und hörte halbherzig zu, wie ihnen Kokon-Sensei ihre Aufgaben erklärte. Draußen zog gerade eine milde Brise vorbei und riss wenige Blätter von den Bäumen. Das Gras erzitterte, dann wurde es wieder ruhig.

Ihre erste Aufgabe war eine Art Schnitzeljagd im Wald. Jedes Zweierteam musste zwei Pflanzen in der Wildnis finden und präsentieren können.

Für sie und Ace waren es eine Chrysantheme und das Blatt eines japanischen Ahorns.

„Seltsame Dinge, die sie sich immer wieder ausdenken“, raunte Ace und sah auf den Zettel den sie bekommen hatten. Eine kleine Karte war darauf gedruckt und ein Foto der zwei Dinge, die sie finden mussten.

Sie standen schon draußen und waren bereit loszugehen.

„Komm, Ace“, sagte Reiju und näherte sich dem Waldeingang. Lange war es wieder her, dass sie einen betreten hatte. Sie hasste die Stadt und ihr Grau so sehr.

Er nickte und folgte ihr ins dunkle Grün.

„Müssen wir jetzt einfach nur rumlaufen und nach diesen Dingen suchen?“, fragte Ace nach einer Weile. Reiju zuckte mit den Schultern. „Scheint so.“

Sie sah sich um. Selbst im Schatten der hohen Bäume war es noch immer so warm. Die Blätter erstrahlten.

„Im Frühling wäre es weitaus einfacher gewesen einen japanischen Ahorn zu finden“, raunte Ace, während seine Augen über die Umgebung flogen. Nicht eines der beiden Dinge konnte er entdecken. „Was passiert, wenn wir am ende der Zeit keins der Pflanzen gefunden haben?“, fragte er.

„Nichts. Die wollen doch nur unseren Teamgeist stärken.“ Reijus Antworten waren knapp. Sie schien vertieft. „Da hast du wohl recht.“

Immer tiefer schritten sie in den Wald hinein und versuchten ihre Aufgabe zu erfüllen. Wobei Ace wahrscheinlich der Einzige war, der wirklich suchte.

Reiju machte einen bedachten Schritt nach dem anderen. Sie nahm alles in sich auf, was sie entdecken konnte und badete sanft in der sicheren Atmosphäre.

„Da!“, sagte sie plötzlich und unterbrach ihren ruhigen Atem im Einklang mit allem was sie umgab.

Ace horchte auf. Er blickte in die Richtung in die ihr Finger zeigte.

„Eine Chrysantheme“, sagte er ganz sanft und lächelte. Sie stand da. So einsam und wunderschön. Ein einzelnes Pflänzchen im täglichen Kampf gegen die Bäume.

Reiju kniete sich nieder und betrachtete sie. Die hellgelben Blüten hingen erschlafft an dem starken Stiel herunter.

Dann holte Reiju ihr Handy hervor.

„Was tust du?“, fragte Ace und kniete sich zu ihr. „Du dachtest doch nicht, wir pflücken sie jetzt“, antwortete Reiju demütig. Sie schoss ein Foto von der wunderschönen Blüte und sah sie noch einmal kurz an. „Ich weiß nicht, was ich dachte“, antwortete Ace stumm. „Aber so gefällt es mir definitiv am besten.“

Sie standen wieder auf und machten sich weiter auf den Weg und auf die Suche nach dem Ahornblatt. Ace ließ Reiju in Ruhe, bei was auch immer sie tat. Es sah aus als würde sie Baden in der Fülle des Waldes. Er wollte sie nicht stören, doch er würde auch so gern mal hören was sie wohl alles zu sagen hätte, wenn sie einmal wirklich spräche.

"Wir haben Chrysanthemen bei uns im Garten. Seiya und ich, wir haben sie vor Jahren einmal angepflanzt", sagte er nach einer Weile der wohlen Stille. Reiju sah nicht zu ihm doch ihr Körper hatte sich ihm bei seiner Stimme sofort entgegen geneigt. Er wusste genau, sie hörte gut zu.

"Dass man eine Art von ihnen noch wild finden kann, wusste ich nicht. Macht mich irgendwie wirklich froh."

Jetzt sah sie ihn an. Im gehen hatte sie ihm ihre Augen zugewandt. "Mich auch", sagte sie nur und lächelte. Dann wurde es wieder still.

Sie fanden ihr gesuchtes Blatt und Reiju pflückte es sanft von einem tiefen Ast am Baumstamm. Sie waren gut in der Zeit und bewegten sich langsam zurück zu ihren Hütten.

"Wir haben es fast eine Stunde früher geschafft, als wir Zeit gehabt hätten", sagte Ace zufrieden und ließ das gezackte Blatt von einer Hand in die andere gleiten. "Glaubst du wir-"

Ace sprach seinen Smalltalk nicht zu Ende. Er hatte sich umgedreht, um nach Reiju zu sehen, aber die war nicht mehr hinter ihm.

"Reiju?", rief er zuerst. "REIJUUU", rief er dann noch mal viel lauter und blieb in leichter Panik stehen. Das hier ähnelte viel zu sehr einem Horrorfilm. Obwohl Ace sich eigentlich ziemlich sicher war, dass Reiju viel zu versunken in den Wald, einfach vom Weg abgegangen war, machte er sich plötzlich Sorgen.

Er holte sein Handy hervor und schrieb Suru eine Nachricht.

"Reiju ist im Wald verschwunden."

Er schien ihm gerade die einzige Anlaufstelle. Ace konnte sie nirgendwo mehr entdecken, geschweige denn hören. Sie war weg und er würde sie auch sicher nicht finden können. Nicht sie.

"Ja, das passiert manchmal. Entschuldige, hätte ich dich warnen sollen?", kam es gelassen von Suru zurück.

Ace schnaubte. "Ja, hättest du!"

Er atmete einmal tief ein und wieder aus. Wenn Suru sich keine Sorgen machte, musste er es doch erst recht nicht tun.

Tief seufzend begann er wieder zu gehen und suchte jetzt allein den richtigen Weg aus dem Wirr der Bäume.

 

Suru beobachtete aus dem großen Fenster des Aufenthaltsraum wie Ace draußen auf einer Bank saß und zum Wald starrte. Er sah ab und an auf sein Handy und legte es dann wieder bei Seite. Dabei hatte er ihm schon ein paar mal gesagt, dass Reijus Handy unterwegs immer im Flugmodus war.

Das Treffen zu ihren Ergebnissen war bereits abgehalten und sie hatten jetzt etwas Freizeit.

Reiju war seither im Wald nicht wieder aufgetaucht und Ace hatte den Lehrer damit besänftigen müssen, dass es Reiju nicht gut ging und sie ihr Zimmer unmöglich verlassen konnte. Leider war es gerade dann nicht Kokon-Sensei gewesen, der die Stunde gehalten hatte. Bei ihm wäre es sicher nicht einmal aufgefallen, dass Reiju fehlte.

Manchmal fragte sich Suru, ob man sich als Lehrer immer entscheiden musste, zwischen gutem Unterricht und vollem Verantwortungsbewusstsein.

Seit die Stunde aus war saß Ace jetzt da draußen. Irgendwie belustigte es Suru ein wenig. Es war seltsam schön anzusehen, wie sich jemand, bis vor kurzem noch so Fremdes, solche Sorgen um Reiju machte. Es beruhigte ihn irgendwie. Ganz auf Kosten von Ace Nerven. Suru lächelte und entschied endlich Ace Gesellschaft zu leisten, doch da erhob er sich plötzlich.

Reiju trat aus dem Dickicht der Bäume hervor und sah nicht anders aus als heute Mittag. Nur ihr Haar hatte gelitten unter der sanften Waldbrise. Ihre Ärmel tief über ihre Hände gezogen, kam sie auf Ace zu.

"Reiju", sagte er erst etwas zaghaft. Er hatte jetzt schon eine Weile auf sie gewartet und beinahe die Hoffnung aufgegeben sie käme wirklich aus dieser Richtung zurück. Vielleicht hatte sie ja den gesamten Wald durchforstet und betrat die Anlage auf der ganz anderen Seite wieder, doch sie war hier. "Endlich, Reiju!", rief er dann und trat auf sie zu. Er packte sie bei den Schultern und umarmte sie. "Tut mir leid, wenn du dir Sorgen gemacht hast", raunte sie etwas verwirrt. Normalerweise waren es die Menschen in ihrer Umgebung gewohnt. Sie bekam nie solch eine Begrüßung. "Natürlich hab ich mir Sorgen gemacht, du warst ja einfach fort." Sie hob einen Arm, als wolle sie sie vor ihrer Brust verschränken, doch es blieb bei dem Linken. "Entschuldige", sagte sie, grinste ihm jedoch entgegen. Sein Blick zitterte und er schien müde. Müde wie jemand der den ganzen Tag auf einer Bank gesessen und gewartet hatte. Er hatte sich tatsächlich Sorgen gemacht. Es war so niedlich.

"Es tut mir wirklich leid", wiederholte sie mit einem Lachen in ihrer Stimme. "Du machst dich lustig." Ace klang nicht amüsiert. "Vielleicht ein bisschen."

Doch Reijus herzhaftes Lachen unterstrich ihm nur, wie sehr sie dem verfallen war, was er nicht wahrnehmen konnte. Der Wald nahm sie den allen, die sie nicht in der Realität halten konnten. Er lächelte matt. Sie war der grünen Fremde so zu Willen.

"Lass uns reingehen, bevor es zu kalt wird. Bald gibt es Essen und du hast doch ganz sicher Hunger", wechselte er dann schnell das Thema und drehte sich zur Tür. Die Lehrer würden sie sicher auch bald schon suchen.

"Wie hast du unseren Lehrer eigentlich vertröstet?", fragte sie, als sie sich mit Ace auf zum Eingang machte. "Ich hoffe es gab keinen Ärger."

"Tu einfach so, als wärst du schwer erkältet", raunte er aber lachte, als sie es tat. "Danke, Ace. Und es tut mir leid. Auch wenn ich nichts bereue." "Schon gut."

Er blieb stehen und blickte zu ihr herunter. Sie wirkte fertig, aber glücklich. Sie wirkte irgendwie ausgeglichener. "Ich bin nur froh, dass du deinen Spaß hattest." Sie nickte wild und griff zur Türklinke. "Den hatte ich, das kann ich dir versprechen."

Sie öffnete die Tür nicht. Seltsamerweise wechselte sie schnell ihre Hand und schob erst mit ihrer Linken endlich die Tür auf.

"Was war das denn?", fragte Ace beinahe schon beiläufig, als sie in das Gebäude traten. Sie konnten ihre Mitschüler aus den Fluren der Aufenthaltsräume hören.

"Meine Hand. Sie tut etwas weh, um ehrlich zu sein." Ace nickte. "Vielleicht ist es jetzt Zeit zu fragen, was du da draußen eigentlich gemacht hast." Reiju lehnte ihren Kopf von der einen zur anderen Seite. "Was glaubst du denn?", fragte sie. Sie wollte nicht zu den ganzen anderen Schülern, also blieb sie im Eingangsbereich stehen und blickte hoch zu Ace. "Dich der Natur hingeben und Waldbaden? Das verletzt aber keine Hand." Er hob eine Augenbraue und musterte sie genau. Reiju zog ihren Ärmel hoch und starrte runter auf ihr Handgelenk. "Ich weiß nicht ob es verstaucht oder gebrochen ist. Obwohl ich glaube, dass gebrochene Handgelenke sehr viel mehr weh tun müssen als das."

"Darf ich mal sehen?" Sie nickte und legte ihre Hand in Ace offene Hände.

"Was genau ist denn jetzt passiert?", fragte er während er mit seinen Fingern sanft über ihre Haut strich. Reiju konnte Ace Wärme an ihrer blassen Haut spüren. Genauso wie den leichten Schweiß an seinen Handflächen.

"Du würdest es mir niemals glauben", wisperte sie plötzlich nur noch. "Versuch es." Sein Blick ging wieder hoch zu ihr. Mit solch einer auffordernden Sanftheit, dass sie nicht widerstehen konnte.

"Ich hab einem Eichhörnchen geholfen", sagte sie leise. "Einem Eichhörnchen?" Ace Blick wurde skeptisch. Er lächelte. "Ja, es hatte sich in Müll verfangen also... aber als ich wieder aufgestanden bin, bin ich gestolpert."

Er nickte und sah kurz wieder runter auf ihren Arm. "Eine heldenhafte Verletzung also."

"Jetzt machst du dich aber auch lustig", raunte sie. Ace lachte auf und schüttelte unschuldig den Kopf. Er konnte einfach nicht anders als zu grinsen, wenn er daran dachte, dass Reiju im Wald rumlief und verletzte Tiere rettete.

"Du solltest zu einem Lehrer", sagte er dann. "Kokon-Sensei wird die Story lieben", sagte er grinsend. Sie ignorierte seinen neckenden Gesichtsausdruck und nickte. "Hatte ich vor. Weißt du wo er ist?"

Ace konnte nicht antworten.

"Kokon-Sensei ist auf seinem Zimmer und ruht sich aus, was heißt er schläft oder trinkt."

"Suru." Reiju sah zu ihm auf und ließ Ace in seinem Blick allein. "Was ist los? Hattest du zu viel Spaß im Wald?" Reiju deutete auf ihre Hand und zuckte dann mit den Schultern.

"Ein Eichhörnchen lebt heute länger dank Reiju", sagte Ace. Suru zog nur die Augenbrauen zusammen und lachte. "Du kommst genau richtig. Kannst du sie zu Kokon-Sensei bringen? Ich hole ihr ein Kühlpack und komme sofort nach."

"Sicher. Dann kann sie mir auch gleich die ganze Geschichte erzählen."

"Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern", raunte Reiju plötzlich, doch da war Ace schon verschwunden und Suru bei ihr untergehakt.

Sie gingen über den stillen Hof. Die meisten waren gerade noch irgendwo unterwegs, weshalb man nicht mal ein Flüstern aus den Hütten hören konnte.

Reiju erzählte Suru von ihrem Tag und er hörte gebannt zu, was sie im Wald erlebt hatte. So wie er es immer tat.

„Ein verletztes Eichhörnchen also“, sagte er nachdenklich.

„Ein verletztes Eichhörnchen", wiederholte sie.

Dann grinste er wieder. „Dass du dafür dein eigenes Handgelenk opferst, wundert mich nicht.“

„Na ja, lieber wäre es mir, ich hätte mich nicht verletzt.“

"Du hättest es doch immer riskiert, egal was dafür geopfert werden würde."

Das kommentierte Reiju nicht mehr. Sie hielt ihre verletzte Hand in der anderen und versuchte weiter krampfhaft dem Schmerz zu entgehen.

"Er wird dich sicher einfach ins Krankenhaus schicken."

"Er muss aber Bescheid wissen, er passt immer noch auf uns auf."

"Ja, schon klar, aber Ace und ich, wir begleiten dich lieber."

"Musst du nicht zurück zu deinem Team? Heute Abend sollte doch noch irgendwas ausgewertet werden."

"Keine Widerrede gegen mich als Begleitung", sagte Suru bestimmt und klopfte an Kokon-Senseis Tür. "Die anderen bekommen das auch alleine hin."

Reiju seufzte. Suru hatte einfach zu viel Macht über sie alle.

Als sich die Tür öffnete stand Kokon-Sensei in Sporthose und Shirt vor ihnen. Seine Haare lagen ihm ungegelt auf der Stirn. Es war ein seltsamer und ungewohnter Anblick.

"Suru. Reiju.“ Er betrachtete die beiden kurz. Er würde es ihnen jetzt sicher ein wenig übel nehmen, dass sie ihm etwas von seiner freien Zeit raubten.

"Was gibt es?"

"Reiju hat sich im Wald das Handgelenk verletzt", erklärte Suru.

"Ah", machte ihr Lehrer erst nur und schaute dann auf ihre Hand herunter. "Du musst also ins Krankenhaus", stellte er weiter fest. Sie nickte etwas verloren.

"Gut...Moment. Keiner von uns Lehrern ist mit dem Auto gekommen. Ich rufe also einen Krankenwagen für dich... und dann mach ich mich nur kurz fertig und-" Suru fiel ihm ins Wort. Er mochte Kokon-Sensei. Er mochte ihn als Lehrer und Privatperson wirklich sehr, doch Autorität und Verantwortung waren Fremdwörter für ihn. Er war sich außerdem ziemlich sicher, dass er angetrunken war. Sein Anruf und der Krankenwagen war ihre einzige Chance sicher und ohne Ärger von den anderen Lehrern hier raus zu kommen.

"Machen sie sich da bloß keine Sorgen. Ich begleite sie schon. Rufen sie einfach den Krankenwagen ja?" Kokon nickte, ohne auch nur nachzudenken. Er holte sein Handy hervor, dann wählte er die Nummer.

Als er wieder auflegte bedankte sich Suru und war sich dann ziemlich sicher, dass sein Lehrer, nachdem er die Tür geschlossen hatte, direkt wieder in tiefem Schlaf versinken würde.

 

"Dauert das immer so lange?", fragte Ace, als sie schon beinahe eine Stunde im Wartezimmer des Krankenhauses verbracht hatten. Er war etwas nervös. Seit ihrem ersten Schritt in das Gebäude pochte sein Herz wie verrückt. Krankenhäuser brachten ihn immer zum zittern. Dennoch hätte er sie auch nicht nicht begleiten können. Er war hier und er hielt für Reiju durch.

Sie saßen ziemlich zerstreut in dem kleinen Zimmer und bewegten sich immer mal wieder von einem Platz zum anderen. Die Zeit schien beinahe gar nicht zu vergehen.

Reiju zuckte mit den Schultern. "Das Krankenhaus scheint sehr klein zu sein", raunte sie gelangweilt und streckte ihren Rücken einmal durch. "Ich hoffe nur wir sitzen hier nicht mehr all zu lang."

"Hey Reiju", machte Suru jedoch aus dem Nichts und stand von seinem Platz bei den Zeitschriften auf. Er wirkte ganz verändert. "Hast du dein Handy dabei?"

Sie sah auf und musste den Kopf schütteln. "Was ist denn los?", fragte sie, als er sich neben sie setzte. Sein Gesicht schien angespannt.

"Junko hat geschrieben. Sie macht sich Sorgen um Keita."

Auch Ace horchte jetzt auf und setzte sich zu ihnen. "Was ist mit ihm?", fragte Reiju.

"Seine... seine Eltern sind zu Hause."

Verwirrt sah Ace von einem schockierten Gesicht in das andere.

"Seine Eltern? Aber ich dachte die sind aus der Stadt und bleiben auch dort." Suru zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung was sie hier wollen, aber Junko hat Keita wohl seit gestern nicht mehr erreicht."

Reiju biss sich auf die Unterlippe und dachte nach. Ace war es als sprächen sie von einem völlig Fremden. Ihm wurde erst jetzt bewusst wie wenig er eigentlich über Keita wusste.

"Kann mich einer von euch vielleicht mal aufklären?", fragte Ace nervös. Was waren Keitas Eltern für Menschen. War er vielleicht sogar in Gefahr bei ihnen. Suru sah zu ihm rüber und wollte gerade etwas sagen, doch da wurde Reiju plötzlich aufgerufen.

"Ein Hoch auf das Timing", murmelte sie und stand auf. "Bis gleich."

Ihr Herz pochte, doch nicht wegen der Behandlung. Sie machte sich Sorgen um Keita. Ace wollte Informationen, dabei hatten sie doch selber keine. Sie hatte Keitas Eltern noch nie gesehen. Sie wohnten in einer anderen Stadt auf der anderen Seite Japans und kamen für gewöhnlich nur an Weihnachten her. Wenn überhaupt. Die letzten Jahre waren sie das nicht.

Sie schienen irgendetwas sehr Wichtiges zu leiten, doch auch das war nur eine Vermutung.

Keita sprach nicht viel über sie. Aber wenn Reiju so recht überlegte, hatten sie sich auch nie wirklich viel Mühe mit dem ausfragen gemacht.

Jetzt waren seine Eltern plötzlich nach Jahren wieder da und keiner von ihnen kam an ihn heran. Junko fand ihn nicht und sie und Suru waren hier. Irgendwo am Arsch der Welt. Genau wie Ace auch, der sich ebenfalls Gedanken machte.

Was ging in Keita jetzt nur vor.

 

Nach einer halben Stunde kam Reiju zurück zu Ace und Suru in den Wartebereich. Ihre Hand war bandagiert. Sie sah müde aus.

"Lasst uns gehen", raunte sie nur und ging voran.

Es war inzwischen schon neun Uhr. Damit hatte jeder von ihnen das Abendessen verpasst und die Nachtruhe hatte auch schon angefangen.

"Wie kommen wir eigentlich zurück?", fragte Ace als sie raus in die Nacht traten. Sein Puls beruhigte sich mit der kühlen Luft in seiner Lunge.

"Kokon-Sensei hat mir Geld für ein Taxi zugesteckt, kurz bevor wir gegangen sind."

Wieso wunderte es Ace so überhaupt nicht. Ihr Lehrer sorgte sich, wenn auch auf eine sehr seltsame Art und Weise.

"Wir haben das Essen verpasst", sagte Reiju rau, doch Suru gab ihr eine Antwort, die sie nicht erwartet hatte.

"Sollen wir noch was essen gehen? Ich glaube uns erwartet ohnehin keiner", sagte Suru grinsend und trat vor zur Straße. Sein Blick ging einmal nach rechts und links. Es war dunkel doch er schien etwas zu entdecken. Helles Licht am Ende der Straße. Straßenlaternen und ganz sicher auch ein nettes Café.

"Sicher. Ich habe langsam wirklich Hunger bekommen", verkündete Ace, der eine Ablenkung gern entgegen nahm. Er packte Reiju am Arm und folgte Suru vom Krankenhaus weg.

Sie gingen ein Stück an einer stark befahrenen Straße entlang. Zu ihrer rechten aber war nichts als Wald. Dunkle und stille Bäume, eingezäunt von Autos.

So klein und abgeschieden, wie hier alles auch schien, kamen sie dennoch relativ schnell an ein kleines Diner.

"Wie wäre es mit hier?", fragte Ace und blieb am Eingang stehen. Über der Tür zuckte ein kaputtes Neon-Schild. "Die Karte sieht ganz gut aus."

"Er ist Koch, ihm vertrauen wir", sagte Suru grinsend und haute dem verunsicherten Ace auf die Schulter. "Ich garantiere für nichts, okay", rief er und betrat mit ihm das Diner.

Das Licht war gedimmt und ganz schummrig. Es waren nicht viele Leute da, ganz leise lief Musik.

Suru suchte einen Platz für sie drei und setzte sich.

Sie bestellten still, keiner ließ auch nur mit einem Wort etwas über Keita fallen. Sie suchten sich aus was am besten klang und saßen sich dann stillschweigend gegenüber. Jetzt wo sie hier saßen mussten sie wieder an ihn denken, doch keiner wollte etwas sagen.

"Die Stimmung ist echt seltsam oder?", fragte Ace nach einer Weile. Jeder nickte.

"Ich glaube ich geh mal pinkeln", sagte Suru dann und stand auf. Er entfloht ihr für einen kurzen Moment.

 

Suru betrat das kleine Männerklo und atmete einmal tief ein und wieder aus. Die Fliesen waren vollgekritzelt mit Nachrichten und das Licht flackerte ein wenig.

Reiju würde, wenn er zurück war, reden wollen. Das würde sie ganz sicher, doch was sollte er sagen. Sie konnten nichts tun. Sie waren hier und ließen Junko allein mit der Aufgabe Keita zu helfen mit etwas umzugehen, was sie alle nicht kannten. Sie wussten nichts. Rein gar nichts. Selbst er, Keitas längster Freund, wusste nichts.

Suru sah wie seine Hände zu zittern begann. Er durfte an nichts denken, außer daran, dass es Keita gut ging, doch er dachte nur an alles andere.

Keita sollte nicht alleine sein, doch sie kannten ihn nicht gut genug um ihn zu finden. Wieso kannte er ihn nicht gut genug.

Schwer atmete er ein und wieder aus.

Das kalte Wasser aus dem Hahn half ihm, die Kontrolle über seine wirren Gedanken zu behalten. Er ließ es über seine Hände und seine Unterarme fließen und konzentrierte sich auf das ziehende Gefühl, wenn das Kalt seine Haut umgab. Allzu lange durfte er nicht weg bleiben. Zu lange und es würde auffallen. Doch da draußen erwartete ihn Sorge und Hilflosigkeit und damit hatte er schon genug zu kämpfen.

Dennoch schloss er den Hahn wieder und trocknete seine Hände. Er richtete seine Haare in dem kleinen Spiegel und trat wieder raus in das dunkle Lokal.

 

Als Suru wieder kam, saßen beide schon wieder aufrecht.

"Wollen wir jetzt eigentlich endlich darüber reden oder lassen wir es den ganzen Abend so stehen?"

Es war Reiju die eiskalt die schützende Wand in ihre Einzelteile zerbrach. Sie ließ sich Suru nicht einmal in Ruhe setzten. Es brach aus ihr heraus.

"Was sind Keitas Eltern für Menschen?", fragte Ace leise. Er wusste nicht wie viel er fragen durfte, doch er wollte helfen können und ein wenig Neugierig war er auch.

"Keine Ahnung", antwortete Reiju nur.

"Selbst ich hab sie erst einmal gesehen und ich kenne Keita wie lange? 10 Jahre?"

Suru seufzte. Er machte sich Vorwürfe. Vorwürfe darüber, dass sie absolut nichts wussten. Er konnte sich jetzt nicht einmal vorstellen, was Keita fühlen musste.

"Das einzige was ich weiß ist, dass zwischen ihm und seiner Mutter vor Jahren mal etwas vorgefallen war. Zu seinem Vater hatte er noch nie wirklich Kontakt."

Ace nickte und versuchte die wenigen, schwammigen Informationen in sich aufzunehmen.

"Seine Eltern müssen sehr beschäftigt sein."

"Selbst das wissen wir nicht genau. Sie könnten auch einfach irgendwo ihr Leben genießen", warf Suru sich selbst vor. "Wir wissen gar nichts und jetzt ist er einfach verschwunden. Er könnte jetzt alles machen, alles fühlen und wir wüssten nicht einmal Bescheid. Junko meinte nicht mal bei ihm zu Hause konnte sie ihn finden. Keitas letzte kryptische Nachricht, dass seine Eltern aufgetaucht seien ist das einzige was wir haben." Schwer atmete Suru nach seinen schnellen Worten ein und wieder aus. Da spürte er Reijus Hand an seiner. "Du hast keine Schuld, Suru", raunte sie ihm zu. "Hat keiner von euch", ergänzte Ace. "Keita scheint sehr verschlossen, wenn es um seine Eltern geht." Beide nickten schwach. "Er redete noch nie gern darüber. Er unternahm jedes mal lieber etwas lustiges, als über sie auch nur ein Wort zu verlieren." "Und das habt ihr respektiert. Jetzt aber geht es um mehr und wir werden ihn finden." Reiju sah ein merkwürdiges glänzen in Ace Augen. War es das, was seine Entschlossenheit so unterstrich.

"Ich bin froh, dass du hier bist", sagte Suru plötzlich. Er hatte in sein Glas gestarrt und nicht mehr aufgeblickt, doch jetzt sah er Ace in die dunklen Augen. Er lächelte. Sie hatten ihm alle immer beigestanden. Anscheinend war jetzt die Zeit gekommen seine eigenen Probleme zurückzustellen und Keita jetzt beizustehen.

"Das bin ich auch."

 

Am Morgen des Abreisetages war Junkos nach Hilfe ersuchende Nachricht zwei Tage her.

Keita hatte ein kleines Lebenszeichen gezeigt, war aber sofort wieder verschwunden, als sie ihm ihre Unterstützung zusagten.

Reiju konnte ihre Nervosität nicht in den Griff kriegen und schlief schlecht. Sie hoffe so sehr ihr Kopf über reagierte.

Mehr als ungeduldig packte sie ihren Koffer in den Bus und stieg zusammen mit Ace ein. Sie sprachen nicht auch ein Wort auf der Fahrt.

Reiju, Ace, Suru und Junko hatten abgemacht heute Mittag alle zusammen wieder bei Keita vorbeizuschauen und darauf bereiteten sie sich vor. Auch Suru war stiller als sonst. Bei ihm fiel es richtig auf. Er schien geplagt von Vorwürfen, obwohl Ace ihm darin immer wieder widersprach.

Die letzten Tage waren keine aufregenden gewesen. Jetzt hieß es nur noch Keita in ihrer aller Köpfe und sie hofften so sehr ihn anzutreffen.

"Wirst... wirst du abgeholt?", fragte Reiju nur ganz zaghaft. Sie hatte die gesamte Busfahrt nichts gesagt und jetzt erreichten sie beinahe schon die Schule.

"Verdammt", fluchte Ace nur zurück. Aufgeschreckt sah er auf sein Handy. "Ich sollte Seiya Bescheid geben, wann wir da sind. Ich war so abgelenkt, ich hab es vergessen."

Reiju sah nicht zu ihm. Ihr war nicht danach.

"Du kannst auch einfach mit mir und meiner Mutter fahren", sagte sie lakonisch und starrte weiter auf die Straße.

Ace blickte ihr entgegen. Ihr Haar war ganz durcheinander vom Anlehnen, ihr Shirt war verrutscht. "Danke", antwortete er nur. Er schlug es nicht ab. Er wollte mit ihr zusammen nach Hause fahren.

"Wie geht es deiner Hand?"

Reiju zuckte nur mit den Schultern, sie wollte nicht reden. Die Bandage saß noch immer fest und schützte ihr Handgelenk vor jeder Bewegung.

"Besser. Denk ich. Es tut nicht mehr so weh." "Gut", antwortete Ace nur und wurde wieder still.

"Ich hoffe nur wir schaffen es alle so schnell wie möglich zu Keita."

Er nickte ihr zustimmend entgegen und sah jetzt ebenfalls raus auf die Straße.

"Was glaubst du, tut er gerade?", fragte er dann, doch wieder konnte sie nur mit den Schultern zucken. "Ich wünschte ich wüsste es", murmelte sie.

 

Sie trafen sich alle um genau zwei Uhr vor Keitas Haus. Endlich sahen sie auch Junko wieder. Sie stand schon vor dem schwarzen Tor, als Reiju, Suru und Ace um die Ecke traten.

Sofort nahm sie Reiju in den Arm und vergrub ihr Gesicht in ihrer Schulter. Hilflosigkeit hatte ihre Tage bestimmt, doch diese drei Menschen würden hoffentlich Keitas Rettung bedeuten. So fühlte sie es zumindest.

"Endlich", flüsterte sie leise. "Ich wusste nicht was ich ohne euch tun sollte." Reiju drücke sie fest. "Du hast alles richtig gemacht, Junko. Lass uns jetzt klingeln gehen."

Wie sie alle so gemeinsam für die eine Aufgabe durch das Blumenfeld schritten, fühlte es sich fast schon irgendwie heroisch an. Hoffentlich bewahrheitete es sich auch.

Suru trat als Erster an die Tür und klingelte. Er war rastlos.

Kurz warteten sie. Nichts.

Dann klingelte Suru wieder und wieder. Immer wieder. Sie hätten es beinahe aufgegeben zu klingeln, aber Suru machte einfach immer weiter. Wieder klingelte er verzweifelt und der schrille Ton erfüllte die Luft. Und dann, da war tatsächlich etwas. Durch die dünnen alten Wände hörte man, wie sich etwas regte. Der Boden knarzte. Dann ging die Tür auf.

"Keita", flüsterte Suru, doch bewegte sich kein Stück. Er war da. Er hatte aufgemacht. Doch er sah müde aus. Blass und fertig. Als hätte er nicht geschlafen, die ganzen letzten Tage.

"Hi." Seine Stimme war so rau, als wäre sie lange nicht mehr in Benutzung gewesen. Jeder sah ihn nur an und er blickte aus müden Augen unter seinen langen, chaotischen Haaren zu ihnen zurück.

"Kommt doch rein", sagte er dann und unterbrach die angespannte Stille. Er trat einen Schritt bei Seite und ließ sie passieren.

Suru folgte seiner Aufforderung nur verzögert. Er war erschüttert oder auch voller Scham, er konnte es nicht sagen; so aber hatte er Keita noch nie gesehen.

Als er endlich eintrat, war es im Haus völlig still. Keita schien alleine zu sein.

Sie setzten sich in das Wohnzimmer und warteten darauf, dass er zu ihnen stieß.

Nur langsam folgte er seinem Gästen in den großen Raum.

Es war unaufgeräumt und irgendwie ganz chaotisch. Es war ungewohnt für Keitas Haus. Auch wenn seine Eltern nie hier waren, waren sie immer sehr darauf erpicht, es sauber zu halten und bezahlten über Keita hinweg eine Putzfrau. Sie selbst aber schienen wohl nicht die ordentlichsten zu sein.

Keita setzte sich.

"Was wollt ihr hier?", fragte er dann. Seine Stimme wirkte entfernt.

"Wie geht es dir?", fragte Suru und war damit der Erste, der sich traute ein Wort zu sagen. Das hier musste ein Ende finden, auch wenn er es krampfhaft dazu bringen musste.

Keita bewegte sich seltsam mühsam. Langsam schloss und öffnete er seine Lider, als wären sie schwer wie Blei.

"Gut, denke ich." Skeptisch und besorgt wurde er von vier Augenpaaren beobachtet.

"Was ist mit deinen Eltern? Sind sie noch hier?", fragte Suru dann weiter.

Reiju, die direkt neben Keita saß, konnte eine Regung in ihm sehen. Instinktiv griff sie mit ihrer gesunden Hand nach seiner. Er wehrte sich nicht und ließ Reiju sie zu sich ziehen und fest an sich drücken.

"Nein, die sind heute Morgen abgereist."

"Und... was hast du die letzten Tage gemacht? Wieso hast du dich nicht gemeldet?" Junko war emotionaler als Suru. Sie sprach ihre sorgengetränkten Gedanken direkt in Keitas müdes Gesicht.

"Mir war nicht danach." Verschmäht starrte sie ihn an. "Was hast du die letzten Tage getan?", wiederholte sie und klang diesmal sanfter, fast schon flehend.

Jeder sah Keita entgegen. Sie alle wollten ihm helfen und dennoch war Keitas Blick aufgebracht als er seine Augen über sie schweifen ließ.

"Was ich gemacht habe?", fragte er zurück und seine Stimme wuchs unversehens.

"Meine Eltern waren nach über einem Jahr mal wieder hier, bei mir, und ich habe mit ihnen nicht auch nur ein Wort gewechselt. Sie sind urplötzlich hier aufgetaucht, haben ihre Sachen abgestellt und sind ohne eine Begrüßung in ihrem Arbeitszimmer verschwunden. Sie waren Stunden und Tage da drin, während ich einfach nur hier saß und nichts tun konnte.

Ich beobachtete wie sie kurz raus kamen, auf Toilette gingen oder sich was zu Essen holten und dann verschwanden sie einfach wieder hinter der dunklen Tür. Ich saß da und konnte sie immer wieder sehen. Sah meine Mutter das erste mal nach über einem Jahr und konnte nicht einmal mit ihr sprechen, weil sie es nicht zuließ." Seine Wut wand sich in Frustration, bis sie in ihr unterging.

"Keita", raunte Reiju leise, die immer noch seine Hand in ihrer hatte. Sie würde ihn niemals loslassen. Die anderen waren ganz still und ließen Keita frei zu Wort kommen. Es schien sich so viel Verzweiflung in ihm angestaut zu haben. Es war so untypisch für ihn, wie er sprach und sich regte.

"Irgendwann an irgendeinem Tag war ich wohl einmal kurz eingeschlafen, denn als ich die Augen, liegend, von diesem Sofa aus wieder öffnete, sah ich meine Mutter. Sie trat gerade aus dem Flügelzimmer zurück in den Flur. In ihrer Hand hielt sie meine Notenblätter, doch das erkannte ich nicht sofort. Ich raunte, was sie da hatte, und sie hob sie einfach nur in die Höhe und zeigte mir, was es war. Sie faltete sie, zerknüllte sie und verschwand wie gewohnt in ihrem Arbeitszimmer.

Als sie dann weg waren, war ich wieder allein. Und diesmal auch meine Noten."

"Keita wieso auch immer deine Eltern hier waren, es ist gut, dass sie wieder weg sind", sagte Suru. "Und alleine bist du niemals", ergänzte Ace schnell. Er fühlte sich hier so machtlos. Doch Keita schien es nicht zu stören, dass er da war. Er sprach offen mit ihnen; es erwärmte Ace. Ihm wurde vertraut und er vertraute ihnen.

"Ja", begann Keita wieder. Niemand von ihnen konnte ganz deuten wie es ihm mit der ganzen Situation ging. Mit seinen Eltern und mit ihnen allen, dass sie einfach aufgetaucht waren. Er schien einfach nur völlig neben der Spur und nicht zu wissen was er denken oder fühlen sollte. Seine Eltern stellten ihn immer wieder aufs Neue vor ein Rätsel, für welches es für ihn wohl nie eine Lösung geben sollte.

"Ja schon, aber ich saß die ganze Zeit in der meine Eltern hier waren hier auf diesem Sofa. Ich war wie versteinert, wie angewachsen. Alles in mir verbot mir zu gehen, weil ich Angst hatte, dass, wenn ich einfach in mein Zimmer gehe und sie aus den Augen lasse, sie wie damals wieder einfach verschwinden würden. Ich dachte wenn ich hier sitze, direkt am Flur wo sie mich sehen können, würden sie mit mir wenigstens ein Wort wechseln, aber das haben sie nicht. Und dann sind sie, obwohl ich hier saß und sie mich genau sehen konnten, dennoch einfach gegangen. Genau wie damals."

Reiju strich ihm stumm über den Handrücken. Dann lehnte sie ihren Kopf auf seine Schulter.

"Das tut mir so unendlich leid", wisperte sie und wusste einfach nicht mehr zu sagen. Es war ihr und den anderen unbegreiflich. Aber Keita war es das wahrscheinlich immer noch am meisten.

"Keita, wir lieben dich", murmelte Junko kleinlaut. Sie blickte ihn an. Er starrte ins Leere und sagte nichts mehr.

"Und du bist nicht allein", fügte Suru hinzu. "Niemals."

Jetzt nickte er "Ich weiß", sagte er schwersinnig. Reiju hob wieder ihren Kopf und strich Keita das Haar aus dem Gesicht. "Hast du noch irgendwas zu sagen?", fragte sie leise, doch er schüttelte den Kopf. "Mehr als das ist nicht passiert. Ihr wisst alles, was ihr solltet." Sie nickte und presste sein Gesicht gegen ihre Stirn. "Wir lieben dich. Deine Eltern verdienen deine Trauer nicht", flüsterte sie weiter. Er nickte und regte sich, damit Reiju ihn los ließ. "Können wir jetzt bitte einfach vergessen, dass das je passiert ist?", fragte er und seufzte. Ihm fehlte die Kraft für auch nur einen weiteren Gedanken daran.

Es wurde ruhiger.

"Heute... ist das Tanabata", sagte Ace dann in die Stille hinein. Es ging ihm zufällig durch den Kopf und er hoffte so Keita Ablenkung zu gewähren. Sofort sah er auf. Seine müden Augen strahlten Ace matt entgegen. "Schon?", fragte Junko verwundert. "Ren redet seit Wochen von nichts anderem." Reiju nickte zustimmend. Doch Keita schien ihnen gar nicht mehr zu folgen.

"Lasst uns gehen!", sagte er aufgeregt. "Bitte lasst uns gehen."

Sein Blick ging durch den Raum

Jeder sah ihm entgegen, doch eher besorgt, als mitgerissen. "Bitte", wiederholte er. Er bettelte. "Ich muss hier einfach nur raus", fügte er noch hinzu. Seine Augen ersehnten sich einen Ausweg.

"Gut." Reiju lächelte und deutete den anderen mit einem scharfen Blick, dass sie ebenfalls nicken sollten. Sie waren kurz davor ihm dagegen zu raten, aber vielleicht war das genau was Keita jetzt brauchte.

"Wir gehen heute Abend, aber zu erst schläfst du etwas."

"Was, aber-", er sah sie an. Er sah so desillusioniert aus, als wäre er nicht wirklich da. Ein Körper ohne Seele und völlig schlaflos.

"Komm her", sagte sie sanft und fasste ihm an den Kopf. Dann zog sie ihn vorsichtig runter auf ihren Schoß. Trotz Keitas Worten, wehrte er sich nicht. Er musste viel müder sein, als ihm selbst bewusst war. Langsam folgte er ihrer Hand und bettete sich auf ihre Beine. Der Stoff ihrer dunklen Leggins war so weich und wohlig warm an seiner Wange, dass er schlagartig nachgab. "Schlaf etwas, Keita. Gegen acht kommen wir dich abholen", sagte Suru sanft, doch seine Augen waren bereits geschlossen. Unter Reijus seichter Hand in seinen Haaren fand er sofort den Weg ins lösende Land der Träume.

"Er schläft", wisperte Ace erleichtert. "Wann er das das letzte mal wohl richtig getan hat", entgegnete Suru und stand vom Sofa auf. "Wir sollten gehen und ihm Ruhe gönnen." Jeder von ihnen nickte übereinstimmend. Sie standen auf und gingen zur Tür.

"Kommst du auch, Reiju?", fragte Ace, der sich als letzter erhob.

Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und sah zu Keita herunter. Er schlief jetzt wirklich tief und fest. Sein Atem ging regelmäßig und er war ganz still.

"Ich bleibe noch", sagte sie, als sie wieder aufsah. Ace nickte. Er trat an die beiden heran und hob Keitas Beine auf das Sofa. Dann deckte er ihn zu.

"Hier, leg ihm das unter den Kopf wenn deine Beine müde werden." Er legte ihr ein Sofakissen in Griffnähe und schloss sich dann den anderen vor der Haustür an. "Wir sehen uns heute Abend", raunte Suru ihr noch zu. "Melde dich, wenn was ist."

Reiju nickte und hörte wie ihre Freunde die Türe schlossen.

Eine Weile blieb sie so dort sitzen. Sie spürte Keitas Nähe und hoffte einfach nur ihm irgendwie helfen zu können. Dann griff sie nach dem Kissen und schob es ihm so vorsichtig wie möglich als Ersatz für ihren Schoß unter den Kopf.

Sie beschloss ein wenig aufzuräumen. Wenn Keita aufwachte, sollte er nichts mehr sehen müssen, was von dem Besuch seiner Eltern zeugen könnte. Er hatte mehr im Leben verdient, seine Eltern waren nichts.

Sie schmiss den wenigen Müll weg und wusch das Geschirr, das sich schwer angesammelt hatte. Räumte Keitas Überbleibsel von seinen drei Tagen im Wohnzimmer bei Seite und wischte einmal über die Tische. Als sie gerade wieder auf dem Weg in die Küche war, blickte sie den Flur herunter. Das Arbeitszimmer war offen. Das Zimmer von Keitas Eltern.

Sie warf einen kurzen Blick zurück ins Wohnzimmer. Er lag immer noch da, so friedlich. Seine fülligen Haare bedeckten sein schlafendes Gesicht.

Gedankenlos ging sie auf das Arbeitszimmer zu und warf einen kurzen Blick hinein. Es war blitzblank und aufgeräumt. In ihr staute sich die Wut.

Dann griff sie von Innen nach dem Schlüssel, er steckte, und sperrte die Tür ab.

Sie atmete einmal tief ein und aus und steckte dann den Schlüssel in die oberste Schublade des Schuhschranks, in der Hoffnung, er würde lange Zeit nicht mehr gebraucht werden.Dann ging sie wirklich in die Küche.

Es war inzwischen schon einige Zeit vergangen, als Keita zu ihr trat. Seine Augen ermüdet und sein Haar völlig wirr. "Du bist immer noch da", sagte er verschlafen und sah sich um. Reiju sah sofort von ihrem Handy auf und lächelte ihm entgegen.

"Und du hast gekocht", raunte er und blickte dem dampfenden Topf auf dem Herd lange entgegen.

"Eigentlich habe ich nur deine letzten Reste Ramen und alles was du noch im Kühlschrank hattest zusammengeworfen. War nicht viel Auswahl da."

"Ja, meine Eltern haben alles was ich da hatte aufgebraucht.“ Er klang etwas verloren, stand noch immer in der Tür und sah sich einfach nur um. "Aufgeräumt hast du auch", stellte er weiter fest. Reiju nickte und stand jetzt auf.

"Komm setz dich und iss was. Es schmeckt ganz in Ordnung, auch wenn ich es gemacht hab." Sie lächelte und stellte ihm Schüssel und Stäbchen hin. "Willst du einen Tee?", fragte sie und sah wieder zu ihm.

Keita hatte sich noch immer nicht geregt. Hinter den Unmengen an Haaren sah Reiju eine Träne. Er weinte. Kurz standen sie einfach nur da. Eine kurze Weile in der Reiju ihn in seiner Freiheit alleine ließ, während er weinte, was er rauszulassen hatte. Er schluchzte, dann wischte er sich mit beiden Händen über die Augen.

"Danke, Reiju", sagte er dann und sah endlich zu ihr auf. Seine Augen leuchteten rot und glänzten matt im Licht, doch er lächelte. Er lächelte breit und aufrichtig.

Reiju erwiderte es und ging auf ihn zu. "Komm, setz dich. Iss was und danach gehst du endlich mal duschen." Er atmete aus, während seine Stimme, noch etwas angeraut vom Weinen, kurz abbrach. "Okay." Dann nickte er und setzte sich an seinen Esstisch. Sie goss ihm etwas Suppe in seine Schüssel und schenkte ihm Tee ein. Dann setzte sie sich zu ihm und ließ ihn nicht auch nur eine Sekunde aus den Augen.

"Willst du jetzt hier bleiben bis wir uns treffen und so auf das Fest gehen?", fragte er plötzlich. Reiju schreckte auf. "Ich hab ja nur eine Leggins und ein Shirt an", sagte sie matt."Aber das wird schon keinen interessieren", fügte sie schnell hinzu und beobachtete Keita weiter dabei, wie er an seinem Tee nippte. "Ich gehe eh gleich duschen, Reiju. Du kannst gehen", raunte er.

"Nein nein, schon gut. Ich bleibe." Er seufzte und sah zu ihr rüber.

"Ich weiß ganz genau, wie sehr du dich auf dein Outfit für die diesjährigen Straßenfeste gefreut hast. Geh Reiju, ich komme klar."

"Diesjährig, ganz genau. Es werden mehr kommen." Keita lachte und schüttelte den Kopf. Dann stand er auf. "Du bist so ein Dickkopf. Ich werde duschen und du gehst nach Hause. Wir sehen uns gegen acht wieder hier." Ihre Augen folgten ihm. Der Schlaf schien ihm gut getan zu haben. Er war wieder da. Der Keita, der vor ihm stand war wieder der, den sie kannte. Doch wie viel davon war wirklich Realität.

"Na gut", sagte sie dann und erhob sich ebenfalls. "Wir sehen uns später. Melde dich, wenn du was brauchst."

"Jetzt geh", rief Keita lachend und wartete das Geräusch der Tür ab, die ins Schloss fiel. Dann war er allein.

Er atmete einmal tief ein und wieder aus. Er würde zur Normalität zurück finden müssen. Alles war aufgeräumt und sauber und -.

Die Tür vom Arbeitszimmer war geschlossen, obwohl seine Eltern sie offen hatten stehen lassen. Keita dachte nicht nach, als er auf sie zu ging. Was er suchen würde und was er finden könnte, er wusste es nicht. Er griff nach der Türklinge doch sie ließ sich nicht öffnen. Kurz rüttelte er, doch schnell gab er auf. "Ich liebe dich, Reiju", raunte er in sich hinein und versuche wieder zu sich zu finden. Dann ging er endlich duschen.

Er ließ sich Zeit beim fertig machen. Er duschte lange ohne auch nur über irgendetwas nachzudenken. Dann trocknete er sich gemächlich ab, föhnte seine Haare und legte sich seine Yukata an, die er jetzt schon trug seit er nicht mehr gewachsen war.

Kurz vor acht setzte er sich bereit abgeholt zu werden ins Wohnzimmer, mied aber seinen gewohnten Platz gegenüber der Tür.

Nervös wippte er mit dem Fuß. Er würde Spaß haben, um jeden Preis.

Pünktlich klingelte es.

"Hey Keita!", sagte Izaya und lächelte, als er nur langsam zu ihm heraustrat. Er lächelte immer so unglaublich warm.

"Komm, die anderen warten schon."

Er packte ihn an seiner Hand und zog ihn durch sein Blumenmeer von Vorgarten.

Auf der Straße standen Ace und Junko schon bereit. Daneben tummelten sich Ren und Kisumi und neckten sich.

Sie drehten sich zu ihnen, als sie durch das Tor traten.

Junko sah unglaublich hübsch aus in ihrer Yukata. Die Haare hochgesteckt zierte sie eine Spange in Form einer Kirschblüte. Ihr langes rosa Gewand wog sanft um ihren Körper.

"Ich hoffe es ist okay, dass wir jeden eingeladen haben", sagte Junko zart und blickte runter auf Kisumi, der sie beinahe mit seiner Faust traf.

Keita schüttelte den Kopf. "Ich bin froh. So froh", sagte er leise. Er schluckte. Izaya war heute Mittag nicht da gewesen und es tat ihm irgendwie leid.

"Besonders auch dich zu sehen", sagte er dann zu ihm gewandt. Izaya lachte.

"Lass uns gehen. Der Rest wartet sicher schon."

 

Still schlenderten sie durch die reich besuchten Straßen. Jeder lief durch die Gegend und ersuchte sich seinen Weg zur Stadtmitte, um traditionell an dem großen Fest teilzuhaben. Langsam fing es schon zu dämmern an und die vielen Laternen begannen über ihnen zu strahlen. Sie färbten alles was sie erreichten in ein sattes gelb orange und ließen es matt aufschimmern.

Jedes Haus und jedes Geschäft nahm an diesem Fest jedes Jahr aufs Neue Teil und hing wunderschöne Dekorationen an ihre Fenster und Zäune. So war schon ihr Weg dorthin reich geschmückt mit unzähligen bunten Fukinagashi und kleinen papierenen Kimonos. Alles Symbole des Paares in den Sternen, die sich heute endlich wieder begegnen durften.

Keita war es, als sei er Monate in seinem Haus gewesen ohne es zu verlassen, so sehr hatte sich diese Vorstadt mal wieder in ein kleines Märchen verwandelt.

Als sie dem Kern des Festes immer näher kamen erwarteten sie schon die ersten hohen Bambushalme, die die frühen wenigen Wünsche der ersten Gäste schon fest um ihre Äste trugen. Das Licht erhellte sich langsam und ebnete ihren Blick in das Getümmel der Menschen. Der Torii am Parkrand schien wieder mal wie das Tor zu einer anderen Welt. Dahinter sammelten sich Wesen in bunten Yukatas, Stände voll mit Essen und Souvenirs und die gesamte überwältigende Aufmachung des Tanabatas. Alles war jetzt noch mehr und mehr in allen erdenklichen Farben geschmückt und an jeder freien Ecke erhoben sich die Bambushalme erwartungsvoll über die Menschen. Hier sammelten sich die Wünsche und Träume aller anwesenden Seelen und leuchteten unter dem gewaltigen Sternenhimmel farbenfroh auf.

"Da sind sie ja", rief Ren plötzlich und winkte Suru und Reiju entgegen, die mitten auf dem Weg standen und sich umsahen.

Das Licht war hell, doch in einem warmen gelben Ton und so niedrig, es warf harte aber wunderschöne Kanten über die ganze Gegend.

Reiju drehte sich nur langsam den Rufen entgegen. Ace hätte sie beinahe nicht erkannt.

Schon von hinten glänzte ihre kurze Yukata im gedimmten Licht hell auf. Sie war bestickt mit unzähligen kleinen silbernen Sternen, die in dem tief dunklen Blau ihr bestes gaben, um zu erstrahlen. Nach unten aber bauten sich mächtige Baumkronen auf, die Reiju um jeden Preis zu schützen schienen. Es war als hätte sie den nächtlichen Wald persönlich als ihren heutigen Begleiter gebeten.

Als sie sich ihm zuwandte trug sie um ihren Hals eine schwarze enge Kette. Ihr offenes, welliges Haar wog mit dem Wind und blitze plötzlich auf, als das Licht ihre Spange traf. Es war ein grün glänzendes Ahornblatt.

Sie winkte ihrem kleinen Bruder zu und die dunklen Bänder um ihre Handgelenke wehten in der seichten Brise, die sie umgab. Ihre Beine waren nackt, ihre Knöchel von Schnüren umgeben.

Sie stach hervor, hervor aus allen anderen, die hier waren. Sie war durch und durch, beispiellos, atemberaubend.

Ace war verwirrt und so hingerissen zugleich. Still trat er mit den anderen an sie heran.

"Keita, so schön dich jetzt zu sehen", sagte sie ruhig und umarmte ihn.

"Lass uns losgehen und entdecken was das Tanabata dieses Jahr zu bieten hat", rief Suru aufgeregt und führte die endlich vollendete Truppe durch die Stände.

 

"Wie geht es dir so, Keita?", fragte Reiju und sah ihm zu, wie er sich Dangos bestellte. Stumm zuckte er mit den Schultern. "Ich habe Spaß", antwortete er dann grinsend und nahm sein Essen von der jungen Verkäuferin entgegen. "Willst du was?" Reiju schüttelte den Kopf und lächelte zaghaft. "Das freut mich", raunte sie. Mit ihrem Blick suchte sie den Rest von ihnen, doch unter all den Yukatas war es schwer ihre ganz Bestimmten zu entdecken. Kisumi und Ren hatten sich schon vor einer Weile losgesagt und waren jetzt allein unterwegs.

"Was willst du als nächstes tun?", fragte sie dann, doch Keitas Augen leuchteten schon längst auf. Vor ihnen waren Suru und Izaya aufgetaucht und hatten kleine Yo-Yo Ballons um ihre Finger gewickelt. Junko folgte dicht hinterher und grinste sofort, als sie Keita entdeckte.

"Ihr wart schon beim Yo-Yo Suki?!", rief Keita aufgeregt. "Dann habt ihr es gefunden!" Er grinste breit und lief auf die Beiden zu. Dann packte er Junko bei der Hand. "Wir beide. Yo-Yo Suki. Jetzt", sagte er lachend und folgte Izaya und Suru zum Ziel seines Herzens.

Reiju gesellte sich zu Ace und schlenderte ihnen langsam hinterher, auch wenn sie sie schnell aus den Augen verloren. "Keine Sorge, ich weiß wo der Stand ist", sagte Ace und schob sich einen Takoyaki in den Mund. Reiju nickte und blieb still.

Auf der gesamten Fläche des Festes konnte man seichte Musik hören. Überall waren fröhliche Menschen, die aßen, ihre bunten Fächer nutzen oder Masken trugen. Sie hatten alle Spaß und genossen die warme Nacht der nur den Sternen und den Liebenden in ihnen gehörte.

"Der Stand mit den Fächern ist dieses Jahr wieder da", sagte Reiju und musste lächeln. Die alte Frau stellte ihn Jahr für Jahr immer wieder auf und schien über die Zeit immer nur noch freundlicher zu werden. "Den gibt es schon seit Jahren. Die Besitzern hat mir mal einen Neuen geschenkt, als Kisumi meinen aus versehen zerbrochen hatte", erzählte sie weiter und schwelgte ein wenig in Erinnerungen.

"Ja, ich weiß", entgegnete Ace ihr. "Mein Vater hat uns früher jedes Jahr, wenn wir hier waren einen neuen ihrer Fächer gekauft. Immer einen von denen, den Uchiwa." Er deutete auf die oberste Reihe sauber aufgereihter, flacher und wunderschön bemalter Fächer.

"Wir haben unzählige davon zu Hause. Ich glaube meinem Vater war die alte Frau auch einfach nur sympathisch. So oder so hat es uns drei immer wieder gefreut." Matt lächelte er auf, als sie an dem Laden vorbeigegangen waren. "Das ist wirklich süß", sagte Reiju verträumt. Dann sah sie wohlwollend zu ihm auf.

"Was ist?", fragte er unsicher. Sie ließ ihren Blick nicht mehr von seinem Gesicht. "Du hast das Erste mal von dir aus etwas über deinen Vater erzählt." Reiju klang zufrieden. Ace nickte.

"Ja und mein Herz schlägt 100 mal schneller als davor." Er schluckte, als es ihm klar wurde. Nervös stocherte er in seinem Essen herum.

"Woran nichts schlimm ist, Ace. Das war ein erster Schritt und die Erinnerung ist so schön.“

Reiju sah wieder nach vorn und konnte den Yo-Yo Suki Stand entdecken. Keita und Junko waren gerade mitten in einem für sie wahrscheinlich sehr intensiven Duell.

"Danke, Reiju", raunte Ace und aß schnell sein letztes Takoyaki bevor er die kleine Pappschale und die kurzen Stäbchen in den Müll warf.

"Ich freue mich auf mehr, wenn du etwas zu sagen hast", sagte sie, dann hatte Junko die beiden auch schon entdeckt.

"Hey, schnell kommt rüber", rief sie grinsend und winkte sie zu sich. Um sie und Keita hatte sich eine kleine Schar an Kindern versammelt. Manche versuchten ebenfalls ihr Glück und manche schauten den beiden einfach nur dabei zu. Konzentriert streckte Keita seine Zunge heraus.

"Wie läuft es?", fragte Reiju, als sie Suru und Izaya erreichten. „Sie haben sich laut Ladenbesitzer zwei der schwersten von allen rausgesucht. Das kann eine lange Nacht werden." Das wurde es bei den beiden immer, dachte Reiju sich und beobachtete Junko und Keita dabei wie sie mit dem dünnen Papierstreifen aufgeregt den winzigen Haken um die Schlinge an einem Ballon zu führen versuchten.

"Beeilt euch", sagte Suru nach einer Weile und lachte. "Alle Traditionen es Tanabatas warten noch auf uns, also los." Da sprang Keita plötzlich auf. "Ich hab ihn!", rief er und zog einem blauen Ball aus dem Wasser. "Ich hab es geschafft", sagte er noch mal etwas ruhiger. Junko stand auf. "Gewonnen ist gewonnen", raunte sie aber lächelte. Keita strahlte, als er den Ball triumphierend in seinen Händen hielt. "Gut, lass uns gehen", rief Izaya. "Du hast dein bestes getan, Junko." Sie lachte und wollte sich bei Keita unterhaken, da bückte er sich jedoch runter zu einem kleinen Jungen. Den ganzen Prozess über hatte er laut für ihn gejubelt.

"Hier, der hier ist für dich", sagte Keita und überreichte dem Jungen das Spielzeug. Sofort leuchteten seine Augen auf und er grinste über beide Ohren. "Wirklich?", fragte er aufgeregt. Keita nickte und stand wieder auf. "Viel Spaß damit", sagte er noch und fuhr dem Jungen durchs kurze Haar. "Lasst uns gehen", verkündete er dann zufrieden und ließ sein liebstes Festspiel hinter sich.

 

Sie holten sich an einem Stand ihre Tanzakus und gingen ein Stück. In die Richtung zum Fluss wurde es ruhiger und die Stände immer weniger. Dort setzten sie sich in das Gras am Ufer. Hier hatten sie jetzt auch einen Treffpunkt mit Ren und Kisumi ausgemacht.

Reiju holte einige Stifte aus ihrer Tasche und verteilte an jeden einen. Es wurde still.

Die Tanzakus waren dünne, bunte Streifen aus Papier. Sie wurden jährlich mit den größten Wünschen der Menschen beschrieben, mit allem was einem in den Sinn kam. Im Laufe des Jahres, bis zum nächsten Tanabata, sollte es sich erfüllen. So sagte man zumindest.

Für Reiju war es jedes Jahr das Symbol dafür, dass sie alle die Mitte des Jahres erreicht hatten. Es war für sie der Beginn des Sommers wie sie ihn am meisten liebte und es war für sie eine Möglichkeit sich darüber Gedanken zu machen, was sie sich gerade eigentlich wünschte.

Es war so unglaublich warm, doch ihre dünne Yukata lag luftig auf ihrer Haut. Dieses Jahr war das aller Erste in dem jeder von ihnen eine trug und es war das Erste in dem sich Reiju so unfassbar wohl in ihrer fühlte. Sogar Kisumi hatte eine Yukata von ihren Eltern bekommen.

Sie blickte ihren Freunden alle kurz einzeln in ihre Gesichter. Auch Ace und Izaya, die ihr ungewöhnlich schnell so sehr ans Herz gewachsen waren.

Sie konnte nicht anders, als mit einem Mal so viel Liebe in sich zu verspüren. Jeder von ihnen sah konzentriert auf ihre Tanzakus herunter und überlegte oder schrieb schon wie wild. Sie sahen alle, jetzt gerade in diesem Moment, so unfassbar friedlich aus. So zufrieden. Reiju fühlte sich für einen Moment so sehr überwältigt. Dann schrieb sie ihren Wunsch nieder. Dass sie alle, egal was auch jemals kommen möge, sich niemals verlieren würden.

Junko war die Erste, die mit ihrem Wunsch fertig war. "Einen Platz als Medizinstudentin bekommen", sagte sie zufrieden und legte ihren Stift beiseite. "Ich wünsche mir das jetzt jedes Jahr, seit ich zwölf bin. Irgendwas muss diese Tradition doch irgendwann bringen."

Izaya lächelte. "Das hoffe ich doch", sagte er. "Dass Kinroko durch das Auswahlturnier und in die Nationals kommt'", las sie holprig vor. "Izaya deine Schrift ist wirklich grausam." Sie lachte auf, als sie seinen beleidigten Blick erntete. "Lies meinen Wunsch doch nicht vor", rief er ironisch und legte ihn zusammen mit dem von Junko in ihre Mitte.

"Also wir haben uns längere Sommerferien gewünscht!", rief Kisumi plötzlich und kam auf die Gruppe zugerannt. Dicht gefolgt von Ren. Voller Schwung kamen die beiden neben ihnen zum stehen und setzten sich. Sie legten ihre beschriebenen Tanzakus zu denen von Junko, Izaya und Reiju und starrten gespannt in die Runde. "Und ihr?", fragte Ren.

"Ich hab mir für das nächste Jahr einfach nur Ruhe gewünscht und Glück", sagte Suru und legte seinen Wunsch dazu. "Wie langweilig", kicherte Kisumi. "Warte ab, bis du davon profitierst", grinste Suru und blickte in die Runde. Keita und Ace schrieben noch.

Still legte Keita seinen Zettel zu den anderen. Er hatte nicht lange überlegen müssen, doch er hatte lange dafür gebraucht es nieder zu schreiben. Er wollte nicht an seine Eltern denken. Nicht an irgendwas, das ihn herunterzog. Das Einzige, das er wollte war, dass seine Gedanken nur noch seinen liebsten Menschen folgen mussten und genau so etwas hatte er auch geschrieben. Sein Herz, heute Morgen noch so düster und schwer, erstrahlte nach diesem Abend wieder so hell und erleichternd. Er brauchte nichts mehr in seinem Leben. Er wünschte sich so sehr sich von seinen Eltern endlich lösen zu können und das ging nur auf einem bestimmten Weg.

Dann landete auch Ace Zettel in der Mitte.

"Was hast du geschrieben, Ace?", fragte Ren sofort ganz aufgeregt. Ace grinste.

"Das werdet ihr nicht erfahren." Reiju sah zu ihm auf. Er sah zufrieden aus, also lächelte sie.

"Gut, dann lasst sie uns aufhängen", sagte sie und schnitt Ren das Wort ab.

Sie suchten sich einen leeren und einsamen Bambushalm am Festrand. Still und einvernehmlich banden sie das Seil ihres Wunsches an einen dünnen Zweig und ließen sie frei im Wind.

Die roten, grünen, blauen, gelben und lilafarbenen Papierstreifen hielten sich fest an ihrem dünnen Ast und gaben ihr bestes die Träume, die sie trugen, zu schützen.

Dann gingen sie zurück zum Ufer und setzten sich wieder. Reiju warf ihren Kopf weit in den Nacken und starrte zum Himmel. "Es ist so eine klare Nacht", raunte sie. Es war so dunkel, aber der Mond schien hell auf sie nieder. "Man kann sie sehen!", sagte sie plötzlich ganz aufgeregt. "Letztes Jahr war es viel zu bewölkt, aber dieses..." Sie warf sich zurück in das hohe Gras und starrte weiter hoch ins klare Nichts.

"Wen kann man sehen?", fragte Ace und folgte ihrem Blick. Es waren einige Sterne zu sehen, aber lange nicht so viele, wie es sein sollten.

"Orihime und Hikoboshi", antwortete Reiju verträumt. "Das Liebespaar aus der Mythe", ergänzte Junko. "Welches Liebespaar?" Kisumi war verwirrt. Er und die anderen legten sich jetzt ebenfalls auf den Rücken. Reiju wurde umkreist von ihren Freunden und jeder lauschte plötzlich gespannt ihren Worten. "Hat euch das in der Schule keiner erzählt?", fragte sie verwundert.

Kisumi schüttelte den Kopf.

"Seht ihr die drei hellen Sterne dort?", fragte sie dann und zeigte mit ihrem Finger in die Lüfte. Drei kräftige und helle Sterne bildeten ein Dreieck am Himmel.

"Die zwei links und rechts, Wega und Altair, stellen Orichime und Hikoboshi dar. Sie war die Tochter des Himmelsgottes und hat immerzu Kleider genäht und er war ein einfacher Kuhhirte. Als sie sich verliebten, vergaßen sie ihre Leben und hörten auf zu arbeiten, wofür Orichimes Vater die beiden bestrafte. Sie mussten daraufhin auf je der anderen Seite eines stürmischen Flusses leben. Im echten Sternenbild werden sie durch die Milchstraße getrennt.

Weil Orichime aber so traurig war, erlaubte ihr Vater den beiden sich einmal im Jahr zu treffen, über eine Brücke, die Vögel für sie schufen. Das ist der dritte Stern. Im Himmelszeichen des Sommerdreiecks verbindet Deneb, der Stern oben in der Mitte, Orichime und Hikoboshi und bildet so ihre Brücke zueinander. Die Japaner fanden die Geschichte so schön, dass sie nun Tanabata feiern, immer an dem Tag, an dem sich die beiden endlich wieder treffen dürfen."

"So genaue Details wusste auch ich gar nicht", raunte Ace plötzlich etwas demütig. "Wir feiern die Liebe zweier Menschen. Deswegen ist Tanabata mein liebstes Fest im Sommer!", sagte Junko verträumt und sah hoch zu dem Paar, dass sich weit über ihnen endlich wieder in die Arme schloss.

"Wieso wir uns dann wohl jedes mal was wünschen können", hinterfragte Keita plötzlich. "Du feierst die Sterne und die Liebe. Passt doch ganz gut dazu." Junko zuckte mit den Schultern. "Ich hoffe der Himmelsgott erhört uns dann auch." Keita lachte auf, doch es klang nicht ganz zwanglos.

"Was hast du dir eigentlich gewünscht?", fragte Suru darauf.

Kisumi und Ren hatten sich ohne großes Interesse wieder erhoben und waren ans Wasser gerannt, um Steine zu flitschen.

Suru fiel auf, dass ihn keiner vorher gefragt hatte. Er hatte still und heimlich seinen Zettel zu den anderen gelegt und hatte nicht auch nur ein Wort gesagt.

"Ich", begann Keita und jeder horchte auf. "hab mir gewünscht, dass ich Clair de Lune vergessen kann."

Junko sprang schlagartig auf. Sie starrte auf Keita herunter und wirkte völlig erschüttert.

"Wieso?!"

Er blieb gelassen und sah ganz ruhig zu ihr auf. "Es ist das Letzte, was mich an meine Eltern bindet. Ich will meine Bindung zu ihnen endlich lösen können." Seine Stimme zitterte nicht und er klang auch nicht mehr gequält. Da war nur eine Tiefe Erschöpfung, die seine Worte untermalte.

"Aber Clair de Lune. Keita du liebst dieses Stück!" Junko setzte sich jetzt wieder nieder und starrte im Schneidersitz über Suru hinweg in Keitas Augen. "Du kannst mir nicht erzählen, dass du es nicht dennoch liebst. Ganz unabhängig von deinen Eltern!"

Jetzt sah er sie nicht mehr an. Er blickte hoch zu Orichime und Hikoboshi und sehnte sich nach der Entfernung und der unfassbaren Weite. Der Wärme, die sie sich jährlich gaben und der Freude.

"Das spielt keine Rolle; meine Mutter hat meine Noten zerstört. Ich werde das Stück vergessen und nie wieder an die Vergangenheit denken."

„Hey Reiju!“, rief Soma und kam auf sie zugelaufen. Sein Trainingsteam spielte noch, doch er hatte ein Problem. Sie sah von ihrem Notizbuch auf. Somas dunkle Haare wippten über seinem Schweißband auf und nieder. „Hast du vielleicht eine Idee, wo ich Knieschoner her bekomme?“

Sie sah an ihm herunter und erblickte seine nackten, schon ganz roten Knie. Eine Weile hatte er es ohne anscheinend noch ausgehalten.

Dann nickte sie. „Ich habe gestern Abend welche im alten Lager gefunden. Die kannst du haben.“ Soma strahlte auf. „Es gibt ein altes Lager?“, fragte er dann. „Irgendwohin muss die dritte Tür in der Umkleide ja führen." "Du bist wirklich auf alles vorbereitet nicht wahr?“, fragte er dann begeistert und streifte sich sofort seine Schuhe von den Füßen. „Ich gebe mein Bestes.“ Jetzt lächelte sie zart. Soma zog sich die alten Schoner über die Knie und klopfte jedes einmal ab. „Passen wie angegossen“, stellte er zufrieden fest, als er sich wieder erhob und grinste. „Vielen Dank Reiju!“ „Dafür bin ich doch da“, raunte sie. „Na ja.“ Soma schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht ganz für so was. Du bist überqualifiziert!“ Er streckte ihr den Daumen entgegen und und hörte nicht zu Grinsen auf. „Geht es deinen Knien darunter überhaupt noch gut? Brauchst du was zum kühlen?“, fragte sie dann. „Du bist zu gut, Reiju. In deiner Tasche hast du wohl alles, hm?“ „Alles was mir so einfiel und der Volleyballanime, den ich gesehen habe mir sagen konnte.“ Soma lachte herzlich auf. Es schallte in Reijus Ohren wohlwollend wieder. „Du magst nicht so wirken, aber du bist der softeste Mensch, den ich kenne“, sagte er lachend, da grätschte Toudos laute Stimme in ihr Gespräch.

„Gonkuro! Konzentriere dich gefälligst!“, rief er streng.

Gonkuro schlenderte gemächlich vor dem Netz hin und her und blockte still seine Bälle ab.

„Ich hab bisher keinen einzigen Ball durchgelassen“, kam es von ihm verwundert zurück und das Spiel wurde unterbrochen. Wakabayashi nahm den Ball an sich und wartete auf weitere Worte des Trainers. „Du magst vielleicht an jeden Ball rankommen, weil du so groß bist und das Team so gut kennst. Gegen neue Teams wirst du auf diese Weise jedoch nicht gewinnen!“

Toudo hatte sich dem Spielfeld genähert und sagte es genau in Gonkuros genervtes Gesicht. „Ich bin riesig und meine Arme haben eine unfassbare Kraft. Ich bin die geborene Mauer!“, raunte er in sich hinein und gab dem Trainer keine weitere Antwort. „Bisher hast du gut funktioniert, pass auf, dass du deine Deckung nicht fallen lässt“, sagte Toudo noch und wandte sich dann wieder ab. Wakabayashi würde den Rest tun, das wusste er.

„Ohne Kopf wirst du nicht weit kommen“, rief Gonkuros Kapitän ihm wie aufs Stichwort entgegen. „Das Turnier, welches bald ansteht, bieten den größten Teams der Präfektur eine Bühne. Auf so einem Level hast du noch nie gespielt. Also lass dich nicht hängen.“

Gonkuro schnaubte und nickte widerwillig. „Wir werden schon siegen, keine Sorge.“

Wakabayashi seufzte und warf ihm den Ball zu. "Trainiere und du wirst der Beste Blocker, den Kinroko je gesehen hat."

Gonkuro sah ihn nicht an. Er war genervt und in seinem Stolz angegriffen.

"Jetzt mach den Aufschlag. Los."

Wakabayashi überließ seinen jungen Spieler letztendlich sich selbst. Er drehte sich vor zum Netz und vertraute in seinen Willen. Kurz war es still. Dann flog ein aggressiver Aufschlag über ihre Köpfe und rollte nur knapp über das Netz.

"Mach dir nichts draus!", rief Link. Gonkuro aber knurrte aufgeheizt und rannte vor an seine Position.

"Er ist nicht gut drauf", raunte Reiju. "Das ist er nie", antwortete Soma, doch er wirkte nicht abgeneigt.

"Er ist hervorragend in dem was er tut, doch er hat noch so einige Charakter Probleme. Außerdem sind seine Annahmen und Aufschläge miserabel. Er beschränkt sich leider viel zu sehr auf das, was er schon kann", warf Toudo in ihr Gespräch und gesellte sich zu Reiju.

"Und was tust du hier?", fragte er Soma dann. "Dein Team spielt also ohne Setter?"

"An Gonkuro kommt jetzt sowieso keiner mehr vorbei", antworte Soma gelassen und schlüpfte wieder in seine Schuhe.

Gonkuro hinter ihm war jetzt völlig in Fahrt. Er kochte vor Enthusiasmus oder aber auch vor Wut. Jeder gespielte Ball landete durch seine Hand mit einem lauten Knall auf der gegnerischen Hälfte. Er war nicht mehr zu stoppen.

"Zurück mit dir aufs Feld, Soma!" Toudos Ton war streng, doch er verlor sein Lächeln nie.

Soma nickte und richtete noch mal sein Stirnband. Dann joggte er zurück ins Spiel, endlich mit gesicherten Knien.

Gonkuros Gegenangriffe wurden jetzt langsam wackliger. Er wurde müde, auch wenn er es sich nie eingestehen würde. Das war Somas Möglichkeit zu üben und zu strahlen, wenn er doch sonst unter Wakabayashis Schatten zu erlöschen drohte.

„Als Setter eine solche Einsatzkraft zu haben ist unglaublich“, begann Toudo zu sprechen, als sein Zweitklässler wieder am Spielgeschehen teil nahm. „Er reißt sich um jeden Ball und schmeißt sich dafür sogar zu Boden. Auf seiner Position ist das eigentlich nicht nötig und eher gefährdend, doch Somas Gespür für das Spiel und die Entscheidungen der anderen Spieler ist so ausgezeichnet, dass er seine Aufgabe damit keinesfalls beeinträchtigt. Er hat sich seit seinem ersten Jahr unglaublich gesteigert.“

Reiju nickte und schrieb eine kleine Notiz in ihr Buch. „Auch ohne Schoner riskiert er blutige Knie“, raunte sie. „Sein Vater muss ein guter Spieler gewesen sein, wenn er sich so gegen ihn ins Zeug legt.“

„Er hat in der Oberschule damals mehrmals die Nationals gewonnen und war auch auf der Uni noch lange ein guter Spieler. Kein Wunder, dass Soma zu ihm aufsieht.“ „Es muss hart sein“, entgegnete Reiju. „In zwei Schatten solcher Größen zu stehen.“ Toudo nickte und seufzte. „An Wakabayashi, dem Kapitän und Drittklässler, vorbei zu kommen war ihm bisher leider nicht möglich. Es nagt an ihm, dass sein Vater ihn meistens nur auf der Bank sitzen sieht, obwohl er von zu Hause diesen Druck nicht einmal zu spüren bekommt. Soma ist einfach nur zu ehrgeizig.“

„Was macht ihn schlechter als Yashi?“, fragte Reiju dann.

Sie sah beide Setter immer wieder in Aktion und mit beiden funktionierte das Spiel einwandfrei. Yashi war unfassbar flink; auf den Beinen, als auch im Kopf. Soma dagegen servierte den Ball immer präzisionsgenau dort, wo er ihn haben wollte.

„Der Mangel an Erfahrung? Auch wenn ihm selbst das keinen Nachteil beschert. Wakabayashi ist einfach der Kapitän. Ohne ihn fehlt die starke Führung auf dem Feld. Aber es ist ja auch nicht so, als würde Soma niemals spielen. Izaya kann Wakabayashi ganz gut ersetzen, wenn er ausgewechselt wird. Es ist jedoch nicht das Gleiche und Soma reicht das alle mal nicht.“

Gebannt lauschte Reiju den Worten des Trainers und versuchte jeden Winkel davon zu verstehen. Dann schrieb sie wieder eine kurze Notiz.

Soma hatte auf dem Feld immer dieses ernste Gesicht. Volleyball war für ihn mehr als nur ein Spiel. Seine Augen funkelten so voller Entschlossenheit, doch genau so auch voller Spaß. Es erfüllte jede Faser seines Körpers, wenn er konzentriert seine kurzen Kontakte zum Ball durchführte und jeder von ihnen diesen genau zu seinen Flügelspielern beförderte. Sicher und immer dort, wo sie ihn als nächstes brauchen würden.

Reiju fragte sich, ob es je möglich sein würde jeden dieser elf Spieler völlig zu verstehen, noch bevor es zu spät war. Doch umso mehr war sie auf das Trainingscamp gespannt; die Notizen in ihrem kleinen Heft würden sonst niemals dafür genügen.

Dann gingen ihre Gedanken wieder zum Spielfeld. Soma und Yashi standen sich hier jedes Mal als Rivalen gegenüber. Auch wenn Soma sein Nachteil klar war, scheute er nicht den Kampf mit ihm. Immer wieder schickte er durch das Netz herausfordernde Blicke an seinen Kapitän, die er nur zu gern entgegen nahm und ihm wieder entgegensetzte.

Link, als der Libero im Team, tauschte sich selbstständig immer wieder gegen einen Spieler der anderen Seite ein. So trainierten sie heute das aller erste mal. Dennoch funktionierte alles beinahe wortlos. Reiju konnte immer mehr verstehen was die Stärke dieses Teams war.

 

„Vergesst nicht euer erstes Freundschaftsspiel dieser Saison!“, begann Toudo heute seine Ansprache zum Ende des Trainings. Tatsächlich waren es jetzt nur noch zwei Wochen bis zum ersten Spiel seit Reiju dem Team beigetreten war. Und nur noch eine Woche bis zu den Sommerferien.

"Und vergesst nicht, dass die erste Sommerferienwoche unser Trainingscamp ist! Mir fehlen immer noch ein paar Einverständniserklärungen der Eltern. Und zwar von Kemudashi, Chisa und-" Er machte eine kurze Pause und schaute auf sein Klemmbrett. "Gonkuro."

"Ich hab die längst abgegeben!", brüllte Gonkuro jedoch aus der letzten Reihe der Spieler und seine düsteren Augen beäugten seinen Trainer. "Er war der aller Erste und hat sie mir direkt am nächsten Tag nach der Austeilung wieder mitgebracht", ließ Reiju ruhig fallen. Gonkuro grummelte etwas vor sich hin, als Toudo es noch einmal überprüfte. "Tatsächlich, entschuldige. Also noch mal, Chisa und Kemudashi, ich brauche das Formular spätestens Morgen."

Chisa quiekte auf. "Ist gut!", rief er. "Das lass ich mir wegen so was doch nicht entgehen!"

"Das will ich aber auch hoffen", entgegnete Toudo ernst.

"So etwas werdet ihr sicher nicht vergessen, doch ganz im Gegenteil zur ersten Ferienwoche, ist die letzte schon das große Sommerturnier." Geflüster ging durch die Schüler.

"Wir hatten dieses Jahr wenig Glück mit Freundschaftsspielen. Das letzte dieses Schuljahr liegt schon eine Weile zurück und Reiju hat noch keines gesehen. Im Sommer aber erwarten uns so einige, die wir auch dringend benötigen. Also Kinroko... Strengt euch an!"

"Natürlich, Toudo", kam es im Einklang vom Team wieder und Reiju beobachtete wie sogar Gonkuro es widerwillig über seine Lippen kommen ließ.

An einer Sache fehlte es dem Team zu ihrem Glück absolut nicht und das war Motivation. Aus welchen Beweggründen sie alle im Einzelnen auch angetrieben wurden, als Team verband sie die Leidenschaft; der Bund, genau wie bei einem Rudel aus Wölfen, schien unerschütterlich. Vor allem die Erstklässler waren alle ein Herz und eine Seele und schienen genau zu wissen wie sie am besten funktionierten. Besonders Gonkuro wurde von ihnen gehegt und gepflegt, was ihm zwar immer wieder gegen den Strich ging, aber insgeheim, da war Reiju sich sicher, auch sein doch so warmes Herz hütete. Was sie in ihm sahen, das taten nur die Wenigsten.

"Da wir ab dieser Saison, im Gegensatz zu der Letzten, auch endlich wieder einen Libero im Team haben-" "Yeah, Link!", untermalte Chisa Toudos Worte. "Will ich, dass ihr und besonders die Zweitklässler, die es nur anders gewohnt sind, euch noch mehr an das Gefühl gewöhnt eine Verstärkung der Verteidigung eingetauscht bekommen zu können. Ich will, dass ihr genau wisst was das für alle auf dem Feld bedeutet. Natürlich bringt es nur Vorteile, aber unvorbereitet kann keiner seinen Nutzen ziehen!"

"Alles klar!" Wieder alle im Chor.

Link nickte. "Ich bin für freies Training immer zur Stelle", rief er dann und hob seine Hand. Toudo lächelte zufrieden. "Genau wie ich!", rief Chisa. "Schließt mich bloß nicht aus", gaffte Gonkuro und bekam eine Hand auf die Schulter gelegt. "Um dich kümmere ich mich!" Es war Masamune, der bedrohlich grinsend auf den Erstklässler niederblickte.

"Ich bin auch dabei euch noch unter die Arme zu greifen", bestätigte Reiju und meldete sich stramm zu Wort. Auch wenn ihre Worte nur leise waren, ihre Entschlossenheit hatte jeder wahrgenommen.

Izaya lächelte.

"Dürfen wir also noch eine Weile hier bleiben?", fragte Soma. Er war wild entschlossen mit Link ein paar Strategien zu üben. Er wollte für jeden möglichen Einsatz gefasst sein.

"Ich bin begeistert von euch", sagte Toudo lächelnd. "Ich muss leider schon gehen, aber die Halle abschließen könnt ihr auch selbst. Viel Spaß euch Jungs."

"Bis Morgen Toudo!" Wieder völlige Synchronizität.

"Machen sie sich keine Sorgen, Trainer, ich kümmere mich um die Jungs und vor allem um ihn hier." Masamune zerrte den sich wehrenden Gonkuro mit einer Hand in eine Ecke der Halle. Mit der anderen hielt er den Daumen nach oben. "Masamune lass mich los!", schrie der Erstklässler. "Nicht solange deine Annahmen scheiße sind." "Du bist scheiße!", rief Gonkuro zurück und richtete sein Shirt. Er wollte nur zurück zu seinen Freunden, doch Masamune packte ihn wieder bei der Schulter. "Aber nicht in Annahmen", entgegnete er nur und verlor sein unheimliches Grinsen nicht.

Toudo lachte zufrieden und vertraute seinem großen Drittklässler in jedem Belangen, dann verließ er die Sporthalle.

Sofort formatierten sich die Restlichen zu kleinen Grüppchen. Einige gingen aber auch.

"Du bleibst also", sagte Izaya und trat auf Reiju zu. "Ja, ich hab ohnehin noch etwas Zeit bevor ich los muss." Izaya nickte und starrte wie schon den ganzen Tag auf die Tüte neben Reijus Tasche. "Hat das was damit zu tun?", fragte er und deutete darauf. Reiju nickte. "Ja. Ich gehe Ace noch besuchen." Izaya sah ihr lange in die Augen. Er suchte nach der Antwort auf die Frage, die sich ihm die ganze Zeit schon stellte. Doch er war sich eigentlich sicher, dass er sie wusste.

Dann trat er etwas näher an sie heran. "Ich wollte dich noch fragen, ob du weißt wie es Keita geht. Ich hab ihn den ganzen Tag nicht gesehen und Junko hab ich es nicht gewagt zu fragen." Reiju sah etwas verwundert auf, doch sie verstand sehr gut. "Es scheint ihm ganz gut zu gehen. Suru war gestern noch mal bei ihm und heute schien er wieder ganz der Alte. Mal sehen was sich noch entwickelt mit... seinem Flügel."

Izaya nickte. "Da bin ich erst mal erleichtert. Danke." Er schlüpfte aus seinen Schuhen und lächelte.

"Du gehst?", fragte sie darauf.

"Jap. Meine Mutter hat heute Nachtschicht und ich muss auf Hattori aufpassen. Berichte mir morgen ja?" Er fragte es mit einem unfassbaren Strahlen. Sofort nickte Reiju. "Klar. Bis morgen."

 

Den ganzen Tag hatte Reiju diese Tüte mit sich getragen. In der Schule hatte sie sie Ace nicht geben wollen, also betrat sie jetzt einmal mehr das Kageyamas.

Sie strich sich suchend die Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Es war wieder reich besucht und fröhliche Stimmen erfüllten den kleinen Raum. Ace aber war nicht an der Theke und er kellnerte auch nicht. Er war nicht da.

Sie beschloss gerade sich erst mal zur Küche zu setzen, als ihr jemand zuvor kam.

"Hey, du bist doch eine von Ace Freunden oder?" Kageyama tauchte urplötzlich vor ihr auf und lächelte ihr strahlend entgegen. Sie nickte. "Du willst dann bestimmt auch zu ihm. Er ist gerade hinten, aber setzt dich doch zur Theke und warte." "Danke", sagte sie und folgte ihm zu einem freien Hocker. "Ist schön dich zu sehen. Willst du irgendwas wichtiges von ihm?" "Sie auch." Reiju setzte sich und platzierte die braune Tüte zwischen ihren Beinen auf dem Boden. "Ich wollte ihn nur mal sehen." Kageyama nickte und stellte sich wieder in die Küche. "Er wird sich freuen", redete er weiter und verlor sein Lächeln zu keiner Sekunde. Er begann zu kochen. "Ich freue mich auch." Genau auf diese Worte blickte Ace ihr in die Augen.

"Reiju?", fragte er verwundert, als er aus dem Lager trat. "Was tust du hier so spät Abends?"

Kageyama lachte bei seinem verwirrten Blick heiser auf. "Das hab ich alles schon geklärt, keine Sorge mein Junge. Du bringst sie später doch sicher nach Hause?"

Ace nickte unsicher und legte die Schüssel voller Gemüse ab, bevor er weiter etwas sagte. "Ich bin hier, weil ich dir etwas geben wollte", antwortete Reiju nach Kageyamas Einleitung. "Ich warte auch bis du Schluss hast, ich wollte nur nicht nach Hause und dann noch mal los." Wieder nickte Ace und wirkte dabei etwas verloren.

"Hey, hey Ace. So kennt man dich ja gar nicht", rief Kageyama vom Herd rüber, der die beiden noch immer aus dem Augenwinkel beäugte.

"Kageyama-Sensei, könnten sie bitte aufhören?", fragte Ace und drehte sich etwas steif wieder zu Reiju. Sie schien das ganze gar nicht zu kümmern.

"Willst du so lange was essen?", fragte er dann und sie nickte eifrig. "Ich hatte gehofft wieder was von dir zu bekommen."

"Waren dir meine Kochkünste etwa nicht gut genug?", fragte Kageyama und stellte einem seiner Stammgäste jetzt sein Essen hin. "Unmöglich", raunte dieser und langte schnell zu.

"Oh, entschuldigen sie Kageyama-Sama. Ihr Okonomiyaki war einfach perfekt." Er nickte zufrieden. Reijus Blick ging zu Ace. Er lächelte seinem Sensei entgegen. "Ace Essen damals aber, ich kann es nicht ganz benennen, doch es war besonders. Etwas völlig Neues."

"Danke Reiju", sagte er geschmeichelt und ließ seinen Lehrer sein Haar durchgehen.

"Das liegt an seinem sehr seltsamen Entdeckersinn in der Küche." Reiju nickte. Genau so hatte sein Essen auch gewirkt. Wie eine völlige Neuentdeckung.

"Gut, gut. Ich zieh mich zurück. Ace zeig was du kannst."

"Danke Sensei", sagte er respektvoll und gab ihm den Platz frei das Gemüse zu schneiden. Der Herd gehörte jetzt ganz Ace.

"Was willst du haben?", fragte er und seine Augen glühten plötzlich. Reiju lächelte ihm zu und bestelle sich das erste was ihr in den Sinn kam. "Sollst du haben!"

Jedes mal wenn Reiju Ace in der Küche sah wirkte er wieder wie damals auf dem Fußballplatz. Frei und durch und durch zufrieden. Selbst als er völlig im Dunkeln versunken war, hatte sie das Funkeln in der Finsternis noch immer sehen können, als er sich an den Herd begeben hatte. Und jetzt sah sie dieses Funkeln frei in ihm aufgehen. Ace hatte so viel durchgemacht, aber das Kochen war ihm ein steter Wegbegleiter gewesen. Es schien ihn noch nie enttäuscht zu haben. Er hatte einfach so unfassbar viel Spaß daran, Reiju hätte ihm Ewigkeiten zuschauen können. Leidenschaft nährte sie. Doch dann war er fertig und stellte ihr eine dampfende Schüssel vor die Nase.

Er wirkte gänzlich selbstzufrieden. Sein so lang vergessenes Selbstbewusstsein unterlag dem völligen Rauschgefühl und kam strahlend ans Licht, als Ace ihr sein Werk präsentierte. Sie musste ihn nur zum Kochen bringen und sie wusste, dass einfach alles gut werden würde.

"Danke", sagte sie und langte direkt zu. Warten wäre eine Tortur gewesen. Der Geruch legte sich wie ein Segen um ihre Sinne.

"Ich kann es nicht oft genug sagen", brachte sie nach einer Weile hervor. Sie tippte ihre Stäbchen gegen ihre Lippen und schluckte den letzten Bissen herunter. "Dein Essen ist unglaublich Ace." Er grinste sofort, als er ihre Worte hörte. "Danke", sagte er und war nicht mehr verloren. In diesem Moment wusste er ganz genau wo er war und wohin er wollte.

Reiju blieb auf ihrem Platz sitzen, bis Ace Feierabend hatte. Sie beobachtete ihn bei seiner Arbeit und fühlte sich wohl in der familiären Atmosphäre. Immer wieder gesellte sich Kageyama zu ihr und plauderte mit ihr. Dann ging auch er wieder seinen Pflichten nach. Reiju bekam einen Nachschlag von Ace und trank hauseigenen Grüntee.

Dann fing es draußen schon zu dämmern an.

"Gut den Abschluss mach ich. Ace du kannst deinen Kram aufräumen und für heute Schluss machen!", rief Kageyama seinem Schüler aus dem Lager entgegen. "Sicher? Es ist noch einiges zu tun, Sensei." Seine Hände abklopfend kam dieser zurück in die Küche. "Ace. Geh nach Hause." Seine Aura hatte sich plötzlich gewandelt und er klang ernst, doch nur für den Moment. "Reiju wartet doch schon so lange sehnsüchtig auf dich!" Jetzt lachte er wieder und zog Ace seine Schürze auf. "Mach Schluss mein Junge." Ace nickte und wusch den letzten Teller auf der Ablage zu Ende.

"Ich zieh mich nur kurz um. Du kannst schon mal draußen warten", sagte er dann zu Reiju gewandt und sie gehorchte.

 

"So was ist es, was du mir geben wolltest?", fragte Ace und öffnete seinen engen Pferdeschwanz. Sein schwarzes Haar umrahmte sein sommergesprosstes Gesicht. Zart legten sich die Wellen um seine Wangen.

Sie standen sich ein paar Schritte weiter vom Kageyamas gegenüber. Endlich konnte Reiju die Tüte hervorholen, den ganzen Tag hatte sie darauf gewartet.

"Hier. Das ist für dich", sagte sie und lächelte nur ganz zart.

"Womit hab ich Geschenke verdient?", fragte er und nahm es an sich. Erst jetzt erkannte er von wo die braune Papiertüte stammte. Der Druck zeigte einen Bambushalm mit einem kleinen Tanzaku. Sein Herz begann zu rasen.

"Mach es einfach auf", sagte sie, aber klang nicht fordernd.

Langsam faltete Ace die Öffnung auf. Dann fiel sein Blick auf den Inhalt.

"Wie... Wann?"

Mehr sagte er nicht. Er griff in die Tüte und fasste nach drei Uchiwas. Ein Blauer, einer in orange und ein Roter. Alle drei mit der Unterschrift der alten Ladenbesitzerin vom Tanabata.

"Meine Eltern waren Sonntag noch mal da, also habe ich sie gebeten drei zu kaufen."

Reiju wusste nicht genau was das in Ace auslösen würde, also lächelte sie einfach stur weiter.

"Ich-" Er war sprachlos. Keinen Satz brachte er zustande. Dann packte er die Uchiwas stumm wieder in die Tüte und stellte sie zu Boden.

"Ich weiß es ist nicht das Selbe, aber-"

Er machte einen Schritt auf Reiju zu und umarmte sie. Stark umfassten seine dünnen Arme Reijus Oberkörper und drückten sie. Drückten sie so eng, dass Reiju schluckte, doch sie war zufrieden.

"Ich weiß nicht was ich sagen soll außer danke", hauchte er, doch er ließ sie nicht los.

"Das reicht", antwortete sie und erwiderte seine Umarmung mit ihren beiden Armen. Noch immer hielt Ace sie und wollte nicht loslassen. Er drückte seine Wange gegen ihre Haare und presste seine Hände gegen ihren Rücken. Reiju genoss ihr Gesicht in seiner Brust und störte sich auch nicht an seinem verschwitzten Shirt. Es machte sie so glücklich.

Dann ließ Ace ganz langsam los. Sofort griff er wieder nach der Tüte und drückte sie fest an sich. "Danke", sagte er noch einmal. Er schien immer noch ein wenig überwältigt. Sein Atem zitterte.

Reiju antwortete nicht mehr; sie schenkte ihm einfach nur ein weiteres Lächeln. Jedes mal war es etwas so Besonderes, wenn sie das tat. Es hinterließ Ace ganz warm und wohl; die Art wie sich ihre Mundwinkel nur ganz zurückhaltend hoben, als würde sie am liebsten gar nicht lächeln, doch es trotzdem tun. Er fühlte sich dabei immer ein wenig besonders. Als würde sie nur für ihn lächeln und für niemand anderen.

"Sollen wir dann?", fragte sie. Und zum aller ersten Mal war sie es, die jemanden aus seinen Gedanken riss. Ace nickte schnell und schritt mit Reiju an seiner Seite die Straße herunter.

 

"Im Kageyamas läuft es gut ja?", fragte sie nach einer Weile. Ace hatte tatsächlich darauf bestanden sie nach Hause zu bringen und jetzt waren sie nicht mehr weit von ihrem Haus. Er nickte.

"Ja, das tut es." Er stoppte und atmete schwer aus. Reiju sah zu ihm hoch. Sie sagte nichts, doch ihr Blick deutete ganz klar, dass sie seine Antwort hinterfragte.

"Es ist wirklich alles gut. Es ist nur...Kageyama-Sensei hatte sich ein paar mal mit mir zusammengesetzt. Er hat mich bestraft und angeschrien aber er hat auch geweint und sich bei mir entschuldigt... Ich hatte das ganze aber auch gut vor ihm geheim gehalten." Ace lachte auf, doch es klang gequält. "Ich habe ihm eine ganze Menge Stress und Sorge angetan. Oft wusste er ja nicht mal, dass ich an den Tagen so lange gearbeitet habe. Als er dann die ganze Geschichte von Seiya gehört hat... ich weiß auch nicht. Es scheint irgendwas in ihm verändert zu haben."

"Was meinst du?"

"Er macht sich unzählige an Schuldgefühlen und achtet penibel auf mein Wohl. Es ist seltsam. Ich denke er braucht nur etwas Zeit, aber ich fühle mich jedes Mal aufs Neue schlecht, dass ich so egoistisch war."

"Hm", machte Reiju. Mehr sagte sie nicht. Die knappe Antwort machte Ace ganz nervös.

"Ich denke Kageyama fühlt sich genau so schlecht wie du." Ace nickte. "Du warst kein Arsch, Ace. Du warst nur nicht du selbst." Wieder nickte er.

"Egal wie oft ich es dir sage", sie blieb stehen und stellte sich vor ihn. Wieder lächelte sie. Dieses zarte flüchtige Lächeln. "Du wirst nicht daran glauben, so schätze ich dich ein. Also sprich noch mal mit Kageyama. Kommunikation ist unsere einzige Waffe."

Auch wenn sie nicht oft viel sprach, waren die Worte, die ihren Mund verließen jedes Mal die ehrlichsten, die sie finden konnte. Gut überlegte Worte gefüllt mit Teilen ihrer eigenen Seele. Sorgfältig für einen ausgewählt.

Ace legte den Kopf schräg. Sie hatte ihre Haare vom Training noch in einem Pferdeschwanz. Ihr Pony kräuselte sich und ihr weites Shirt lag zerknittert über ihrer Leggins.

Ace musste lächeln, es gab keinen Weg daran vorbei. Wieso half sie ihm immer wieder aus seinen Problem heraus.

"Wir sind übrigens da", sagte sie dann. Verwundert sah er von ihr auf. Im rot gelben Licht der Dämmerung schimmerte Reijus zu Hause genau vor seinen Augen.

"Oh, dann gute Nacht Reiju."

"Gute Nacht."

Sie umarmte ihn kräftig, dann stieg sie die Stufen zur Haustür hoch.

"Ach und danke noch mal." Er deutete auf die Tüte in seiner rechten Hand, als sie sich noch einmal zu ihm wandte. "Das bedeutet mir wirklich viel und wird es Seiya und Ren auch." "Immer wieder gern", antwortete sie und es war nur noch ein Hauchen. Dann war sie hinter ihrer Haustür verschwunden.

„Hast du alles?“, fragte Junko und warf sich ihre große Sporttasche über die Schulter.

„Denke schon“, antwortete Reiju.

Es war siebzehn Uhr und die Sonne stand noch hoch am Himmel. Die heißen Strahlen des Sommers knallten auf die Menschen hinunter und ließen sie schwitzen.

Der Himmel war strahlend blau. Es war ein perfekter Tag.

„Habt ihr auch nichts vergessen?“, fragte sie dann. „Alles da, was wir brauchen!“, sagte Suru und hielt seinen Rucksack in die Höhe. Er lugte Junko über die Schulter und schaute in Reijus kleines Zimmer. Sie hievte ihre Tasche von ihrem Bett und sah ihre beiden Freunde an. Sie wirkte voller Aufbruchstimmung. „Dann lasst uns gehen“, sagte sie und Junko nickte wild.

Sie schlugen sich ihren Weg durch die Hitze und hielten Ausschau nach Izaya und Ace. Kurz vor Keitas Haus, stießen sie zu ihnen.

Einvernehmlich blieben sie gemeinsam vor dem schwarzen Tor stehen und Suru öffnete es. Die Scharniere quietschten und ließen den Weg frei in das Blumenmeer.

Keita hatte sie aus dem Wohnzimmerfenster schon längst entdeckt und kam zur Tür gesprintet. Er war aufgeregt und freute sich schon seit Monaten auf diesen einen Tag.

Es war Sommer, der Samstag vor den Sommerferien.

Schon das Jahr davor hatten sie, sofort als der Moment vorbei war, beschlossen aus ihrem kleinen Treffen damals eine feste Tradition zu machen und jährlich gemeinsam in die Ferien zu starten. Sie trafen sich und ließen alles gehen. Den Stress, die Probleme und genossen einfach nur einander. Es hatte die vier letztes Jahr so sehr gestärkt.

Aufgekratzt öffnete er die Tür. „Kommt rein, kommt rein“, sagte er grinsend. „Geht direkt in den Garten“, fügte er hinzu und schloss die Tür wieder. Izaya war der Erste, der seine Tasche auf den Wohnzimmerboden sinken ließ und auf die Veranda trat.

"Du hast ja schon einiges vorbereitet", sagte er grinsend.

Als er das letzte mal auf dieser Veranda stand, hatte er in der tiefen Dunkelheit nicht so viel entdecken können. Jetzt aber sah er die unendliche Weite dieses Gartens. Blumen, Kräuter und Gräser. Sträucher und riesige Bäume bildeten beinahe schon einen Wald auf diesem lächerlich großen Grundstück. Es war einnehmend.

Mitten auf der Wiese hatte Keita Decken ausgebreitet. Gläser, Getränke und Süßes. "Natürlich!"

Keita kam wie ein Strom reiner Energie auf ihn zu und warf seinen Arm um ihn. "Ich hab mich auch lang genug hierauf gefreut!"

"Ich hab auch noch den Süßkram mit!", rief Junko aus dem Wohnzimmer und hievte ihre große Tasche auf das Sofa. Wieder hatte sie den berühmten Kirschkuchen ihrer Mutter dabei. Dazu unzählige Süßigkeiten aus ihrem Laden.

"Durftest du dich wieder ausleben?", fragte Suru und betrachtete die große rosa Tüte, die Junko nur beschwerlich aus ihrer Tasche zog. Sie nickte. "Ich hab von allem was dabei, das könnt ihr mir glauben."

"Leg es sofort zum Rest!" Keita war total aufgeregt und schien nicht still stehen bleiben zu können. Er wippte seicht auf und nieder.

Dann traten sie in das hohe Gras. Es wuchs lang und weich und dennoch wirkte der Garten nicht überwuchert. Es war wie das softe Gras eines schattigen Waldes.

Sie setzten sich alle auf die vielen Decken und machten sich breit auf ihrem Fleckchen. Nur Ace kam nach.

"Ich hab das Zeug für den Grill in den Kühlschrank gestellt", sagte er und landete dann auf dem einzig noch freien Platz zwischen Suru und Izaya.

"Du bist wirklich ein Segen, Ace. Mit dir als Koch schmeckt das Essen in diesem Haus vielleicht auch endlich mal so richtig gut." Ace grinste geschmeichelt auf. "Wo ist denn dein Grill? Dann mache ich alles fertig."

"Ein Koch als besten Freund ist alles was uns noch gefehlt hat", sagte Suru lachend, als Keita und Ace sich zum schon bereitstehenden Grill aufmachten und alle Zutaten aus dem Haus holten.

Ace begnügte sich den ganzen Prozess des Kochens lang am Grill und jeder ließ ihn machen. Er sah zu zufrieden aus und war außerdem voll vertrauenswürdig.

Schon bald erreichte die Fünf ein sanfter Geruch. Eine Mischung aus gegrilltem Fleisch als auch Gemüse, Tofu und Pilzen mariniert in Ace bester Soße. Hausgemachte Yakitori-Spieße wie sie auch das Kageyamas verkaufte. Diesmal aber nur allein für sie Sechs.

Dazu gab es jede Menge Yakionigiri.

Jedem von ihnen knurrte sofort der Magen. Ihre Teller waren bereit und Ace konnte mit stolz servieren.

Sie genossen das Essen. Es schien als genossen sie es mehr als sie je ein Essen hatten genießen können. Die heiße Juni Sonne knallte auf sie nieder und das dichte Gras unter ihnen war warm angelaufen. Ihnen stand ein zarter Schweißfilm auf der Stirn. Ein großer Baum warf seinen harten, kühlenden Schatten auf sie nieder. Die Stimmung war gut. Jeder war still und viel zu sehr vertieft in sein Essen. Es war ein ruhiger, sonniger Moment und der perfekte Anfang für ihre Sommerferien.

Sie aßen lange. Ace machte immer wieder Nachschub und sie aßen bis nichts mehr übrig war. Bis sie völlig satt und zufrieden ihre Teller sinken ließen und seufzten. Jeder einzelne von ihnen war übersättigt und glücklich.

"Das war wirklich lecker, Ace. Vielen Dank", sagte Izaya und tätschelte seinen Bauch. "Von der Menge, die ich gegessen habe, könnte ich Monate leben!", rief Keita begeistert und streckte Ace den Daumen entgegen. "Vielen Dank, Meisterkoch."

Ace lächelte. Er konnte nicht anders. Kochen weckte in ihm jedes mal den Funken Ehrgeiz, der wohl noch immer in ihm steckte.

Unweigerlich sah er rüber zu Reiju. Sie hatte nicht so viel gegessen wie die anderen, aber das tat sie nie. Er erwischte sich dabei darauf zu warten, dass genau sie noch etwas sagen würde.

Sie bemerkte seinen Blick. "Danke Ace", sagte sie sanft, nachdem sie alle Teller gestapelt und beiseite gestellt hatte. Sie lächelte nicht. Sie deutete es nur an, wie sie es meistens tat, doch das reichte ihm. Er glaubte inzwischen genau zu wissen, was dieser Blick zu bedeuten hatte.

Da landete plötzlich ein Tropfen auf Ace gesommersprossten Nase. Ein weiterer folgte. Dann noch einer.

"Es regnet", rief Junko und sprang auf.

Immer mehr Regentropfen begannen auf die Sechs niederzuprasseln und befeuchteten den gesamten Garten. Es wurde stärker und stärker, während Keita schnell den Grill und seine Musikbox in Sicherheit brachte und die anderen Decke, Geschirr und Kissen ins Haus trugen.

"Kommt ihr?", fragte Suru, als nur noch die zwei Becher in Ace Händen übrig waren. Er sah ihn an. Dann sah er zu Reiju und wieder zurück zu ihm.

"Hier, nimm die", rief Ace über das laute Geräusch des Regens hinweg und drücke Suru die zwei Becher in die Hände. "Ich bleibe", sagte er dann und wirkte völlig eingenommen.

Suru betrachtete wie Reiju, den Regen genießend, den Kopf in den Nacken warf. Sie war eben erst gar nicht aufgestanden. Sie war abgelenkt von der Decke gerutscht, als Izaya sie hatte anheben wollen und hatte sich einfach ins Gras gesetzt. Tief atmete sie jetzt die feuchte Luft ein und wieder aus.

"Okay", antwortete Suru und lächelte. Er war sich nicht sicher, ob Ace es in dem heftigen Regen überhaupt hatte hören können, doch er war ohnehin viel zu hingerissen, um sich auf irgendwas anderes, als das was vor ihm lag, zu konzentrieren. Also trug Suru die Letzten Dinge nun wortlos ins regengeschützte Haus.

"Wo sind Ace und Reiju?", fragte Junko, als er die Gartentür hinter sich schloss.

"Was denkst du denn?"

"Bei Reiju kann ich es mir sehr gut denken, aber Ace?", erwiderte Keita und kam aus dem Bad zurück ins Wohnzimmer. "Er ist bei ihr geblieben", sagte Suru lächelnd. Keita erwiderte es. Genau wie Junko und Izaya. Ein kleines, zartes Lächeln machte bei ihnen die Runde, bis Keita es unterbrach.

"Hier trocknet euch damit ab", rief er und warf Suru ein Handtuch ins abgelenkte Gesicht. "Danke", antwortete er schnell und warf es sich über die Schultern. Izaya rubbelte sich die Haare trocken und dann sein Gesicht.

"Du sieht ja genau so aus, wie sonst auch immer", kicherte Junko, als Izaya das Handtuch wieder sinken ließ. "Was glaubst du wie ich Morgens meine Haare mache", antwortete er grinsend und beobachtete wie sie langsam ihre Zöpfe öffnete. Ihr langes blondes Haar legte sich wie Seide auf ihre Schultern. Sie kicherte. Vom Regen und Flechten waren sie jetzt ganz gewellt. Jede Strähne legte sich kraus um ihr nasses Gesicht. Izaya kam nicht umhin, zu bemerken, dass es sie noch einmal so viel anmutiger wirken ließ, als sie es sonst schon immer tat.

Die vier machten es sich im Wohnzimmer gemütlich, während sie darauf warteten, dass der Regen nachließ oder Ace und Reiju reinkamen. Sie dachten nicht daran, was sie draußen tun würden. Reiju würde einfach nur den Regen genießen wollen, dass war ihnen klar. Viel mehr dachten sie daran, dass die beiden klatschnass im Gras saßen und sich im Nu eine Erkältung einfangen konnten. Doch sie ignorierten diese Einfälle. Sie wussten, dass Reiju von ihrem Naturtrieb nicht abzubringen war. Da konnte dann nicht einmal Suru noch etwas tun.

Nur Keita hatte kurz laut ausgesprochen, dass sie ihnen doch wenigstens ein Handtuch raus bringen könnten, aber Junko sagte, dass es ihnen im Regen schnell ohnehin nichts mehr nützen würde und damit war das Thema abgehakt.

Izaya stand auf. Während die anderen drei begannen sich über kommende Unternehmungen zu unterhalten sah er sich Keitas Wohnzimmer etwas genauer an.

Noch immer war er fasziniert von der alten Bauart und den historischen Antiquitäten die den Raum wohl schon seit Jahrzehnten schmückten. Dieses Haus war eine Sehenswürdigkeit für sich.

Da gewann jedoch etwas ganz bestimmtes seine Aufmerksamkeit.

"Sind das deine?", fragte Izaya und schien das Gespräch der Anderen dadurch hart zu unterbrechen. Sie störten sich jedoch nicht daran und sahen zu Izaya auf.

Er hielt Zeichnungen in der Hand. In jeder eine und starrte auf die uralte Kommode hinunter. "Ja, die sind alle von mir", antwortete Keita beiläufig. Izaya sah auf ein Meer von filigranen Linien. Keitas Zeichnungen zeigten Landschaften, Städte oder kleine Sketche von Menschen, die miteinander interagierten. Izaya erkannte den Fluss aus ihrer kleinen Vorstadt wieder. Den Parkeingang mit seinem riesigen Torii und den Kirschbaum vor ihrer Schule. Er sah Menschen die zusammen lachten, Menschen die einander trösteten oder sich umarmten. Er erkannte Reiju auf vielen dieser Zeichnungen. Auch Suru und Junko hatte er oft als Motiv verwendet. Es war wie ein Haufen an Losen Erinnerungen an Momente und Orte in Keitas Leben.

Er sah sich jede Einzelne an und versuche bemüht die Ordnung, falls es überhaupt eine gab, nicht durcheinander zu bringen. Da stieß er plötzlich auf eine Zeichnung von einem kleinen Jungen. Er saß auf den Stufen einer Veranda, er erkannte Keitas Haus im Hintergrund. In den Händen hielt er Notenblätter. Sein Beine waren angezogen.

Er weinte.

Der Junge auf der Zeichnung weinte bitterlich und die Tränen tropften auf die Notenblätter und das Holz unter ihm.

Izaya kam nicht dazu weiter darüber nachzudenken. Er hätte wahrscheinlich lange an diesem Bild festgehalten, wenn Keita ihn nicht aus seinen Gedanken geworfen hätte.

"Sie scheinen dir zu gefallen, so lange wie du sie anstarrst." Keita grinste breit und erhob sich. Ohne darüber nachzudenken bedeckte Izaya die Zeichnung, die er sich eben noch so lange angesehen hatte, schnell mit ein paar anderen.

"Die sind wirklich unglaublich, Keita. Ich wusste nicht, dass du zeichnest." Keita nickte und ließ seinen Blick über seine Werke schweifen. "Er hat es auch lange schon nicht mehr getan. Aber du scheinst seit dem Badminton Spiel wirklich wieder voll drin zu sein." Suru beäugte den überwältigenden Stapel vor Izaya. Keita nickte eifrig. "Ich hab es ja gesagt. Zeichnen scheint das einzige zu sein, das mir wirklich Spaß machen könnte." Junko lächelte. Sie liebte das Feuer in Keita lodern zu sehen. Es war eine zu lange Zeit nur eine schwache Glut gewesen.

"Das aber-", Keita deutete auf das oberste Bild, welches Izaya auf den Stapel gelegt hatte. "Das ist nicht von mir. Das hat Reiju hier mal vergessen. Hast du das die ganze Zeit angestarrt?"

Verwirrt sah Izaya runter auf die Zeichnung. Er hatte sie eben überhaupt nicht gesehen in seiner panischen Reaktion. Sie war mit viel gröberen Linien gefertigt und zeigte nur vage ein Motiv. Es war ein Sichelmond und ein Mädchen, glaubte er. Man erkannte sofort, dass es nicht vom selben Künstler war. "Da entdeckst du meine Kunst und das einzige was dir gefällt, ist Reijus." Keita lachte und grinste ihm schelmisch entgegen. Izaya schüttelte etwas unbeholfen den Kopf.

"Das war nur ein Scherz", lachte Keita weiter und schob die Seiten aus dem Papier aus seinem liebsten Skizzenblock zusammen. "Danke Izaya", sagte er dann und legte Reijus Werk bei Seite.

"Wofür?" "Für dein Interesse." Keita grinste sein breites Grinsen und Izaya erwiderte es. "Sehr gern", antwortete er und vergaß das Bild, dass ihn so gefesselt hatte.

 

Draußen regnete es immer noch. Reiju lag auf dem dichten Gras und hörte nichts außer das laute Prasseln des Wassers auf den Blättern und Blüten, auf dem Holz der Veranda und dem alten Dach von Keitas Haus.

Ihre Klamotten nahmen sich dem Wasser an, welches vom Boden inzwischen unaufnehmbar war und sie begann zu triefen. Sie liebte es. Anders hätte sie es nicht ausdrücken können.

Ace lag neben ihr. Sie hörte ihn nicht und konnte ihn in ihrem Augenwinkel auch nicht entdecken, doch sie spürte wie nah sein Arm neben ihrem lag. Sie spürte seine angenehme Aura, auch wenn er so nie über sich sprechen würde, und seine Wärme. Er hatte nichts gesagt, als er sich neben sie gelegt hatte. Sie war sich nicht sicher ob es daran lag, dass er sie einfach nur nicht stören wollte oder aber daran, dass er viel zu nervös war, um etwas zu sagen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem.

"Ich liebe das Waldbaden", sagte sie also, um ihm ein wenig unter die Arme zu greifen, und hoffte ihre Worte würden über den starken Regen überhaupt zu ihm durchdringen.

"Es gibt nichts was mich mehr erfüllt als die mystische Atmosphäre eines Waldes. Nichts erfüllt mich mehr als das satte Grün einer Pflanze. Oder rot oder gelb. Nichts macht mich glücklicher. Aber Baden in der Stille in Keitas Garten kommt dem schon sehr nahe."

Sie spürte, wie er sich sanft neben ihr regte. Er hörte sie.

Ace lag da und lauschte ihren Worten. Irgendwie begann er sich zu schämen. Er schämte sich plötzlich und wurde unfassbar unsicher. Das einzige woran er nach ihren Worten denken konnte war Reijus Hand zu ergreifen und sie zu halten. Sein Kopf schwirrte und dennoch... zum aller ersten Mal ergriff er ihre Hand und hielt sie fest in seiner.

Reiju war nicht verwundert und sie zierte sich auch nicht. Sie erwiderte es nur wortlos und drückte seine Hand in ihrer, als wäre es das normalste der Welt. Als hätten sie es schon etliche Male getan.

Reiju wirkte frei. Immer wieder schien sie so unfassbar frei von den Sorgen, die Ace sonst lange plagten. Sie war selbst bestimmend und tat nichts was Fremde von ihr verlangten. Sie schien so okay, so selbstgerecht mit all den Dingen zu sein, die für Ace noch absolut ausgeschlossen wirkten.

Sie tat nur was ihr Innerstes von ihr verlangte und sie liebte alles an Natur was sie umgab.

Wie sie selbst über sich dachte, wusste er nicht. Wie viel sie aufgeben und bezahlen musste, um so handeln zu können, konnte er sich nicht ausmalen. Doch es machte sie aus.

Es gab ihrem sonst so harten Gesicht etwas sanftes. Es gab ihr etwas so wunderschönes.

Und während Ace noch dabei war das Gefühl von Reijus Haut auf seiner zu genießen, hörte es plötzlich zu regnen auf.

 

"Ich glaube es hat aufgehört", sagte Suru. Er war kurz an die gläserne Tür getreten, um nach Reiju und Ace zu sehen, als Ace verwirrt seine Hand gehoben hatte, um völlig unnötig sicher zu gehen,ob es tatsächlich nicht mehr regnete. Seine freie Hand. Seine andere lag seelenruhig in Reijus und Suru konnte einem Lächeln nicht entgehen.

Izaya sah von Junko auf und zu Keita. "Vielleicht sollten wir ihnen direkt ein paar Handtücher mit raus bringen", sagte er. "Und am besten auch ein paar Klamotten", fügte Junko hinzu. Keita nickte. Er stand auf und wurde von Izaya auf seinem Weg in sein Zimmer begleitet.

Suru beobachtete weiter wie Ace und Reiju sich aufsetzten. Sie lächelte zart. Dann begannen sie sich zu unterhalten. Ace musste lachen und sie schloss sich ihm an. Seine Hand hielt noch immer ihre. Dann kam Suru raus in den Garten, in den Händen zwei große Handtücher. "Kommt rein!", rief er. "Wir haben Klamotten und Handtücher für euch!"

Ace fühlte sich ein wenig erwischt, als Reiju sanft ihre Hand aus seiner zog, um sich beim Aufstehen abzustützen. "Komm", sagte sie leise und er gehorchte.

Während Reiju sich in Keitas Zimmer und Ace im Bad umzog, bauten die vier Anderen ihr kleines Lager im Garten wieder auf. Keita holte noch ein paar Stühle und sie setzten sich auf die Veranda.

Ace hatte seine nassen Haare geöffnet, damit sie an der jetzt wieder so heißen Sommerluft trocknen konnten. Ihm passte Keitas übergroßes lilafarbenes Shirt mit dem engen, leichten Kragen und dem Druck, was auch immer er darstellen sollte, perfekt, auch wenn er damit etwas ungewohnt aussah. Es war nicht die Art an Oberteil, die er sonst tragen würde, doch es stand ihm. Reiju dagegen sah aus wie immer. Sie hatte ihre kurze Shorts anbehalten, die immer noch völlig durchnässt war, und das neue, große, rosa T-Shirt mit Ärmeln, die ihr bis zu den Ellenbogen gingen, in die Hose gesteckt. Es hätte auch ihr Oberteil sein können. Sie hatte ihre Haare nur kurz mit dem Handtuch trocken gerieben und ihre verschmierte Wimperntusche mit der Handseife im Bad entfernt.

"Setzt euch", sagte Keita, als sie gemeinsam aus dem Haus traten. Sie nickten.

Auf dem Tisch zwischen ihnen standen jetzt wieder die Gläser, Getränke und Snacks.

"Nicht mehr all zu lang und es wird dunkel", sagte Reiju und sah aus, als würde ihr just in diesem Moment etwas wichtiges einfallen. "Ich hole mal raus, was ich mitgebracht habe." "Ja, bitte", rief Keita plötzlich begeistert. "Hat dein Vater alle bekommen, die wir wollten?", fragte er aufgeregt. Reiju nickte und trat zurück ins Haus.

Ihr Vater war gestern Abend extra noch auf seinem Fahrrad in einen Supermarkt gefahren, um für sie Handfeuerwerkskörper zu besorgen. Keita und Junko hatten eine lange Liste geschrieben, welche sie unbedingt ausprobieren wollten und Reijus Vater hatte alles und noch sehr viel mehr gekauft.

Sie zog die volle Tüte Hanabis aus ihrer Tasche und stellte sie draußen neben den Tisch. "Wenn es gleich richtig dunkel ist, kann es losgehen", sagte jetzt auch Suru freudig.

Es war inzwischen schon beinahe neun Uhr und es dämmerte. Der Himmel hatte sich wieder gelichtet und lag zartrosa über ihnen. Die Sonne war schon außer Sichtweite.

Es roch nach Sommer und vergangenem Regen. Das Geräusch von zirpenden Zikaden erfüllte die Luft. Hirschkäfer erkämpften sich ihren Weg die Säulen der Veranda hinauf.

Es war der perfekte japanische Sommerabend.

Sie unterhielten sich, sahen zu wie der Himmel immer pinker und dann immer grauer wurde und spürten wie sich die trockene Hitze in angenehme Kühle verwandelte.

"Wir müssen diesen Sommer unbedingt wieder einmal so einen Ausflug machen wie mit Yuka und Seiya damals!", sagte Keita aufgeregt. "Und diesmal nehmen wir noch Ace und Izaya mit."

"Stimmt", murmelte Ace, der es seltsam fand an die Zeit zu denken, als Seiya diese vier noch besser gekannt hatte als er, auch wenn das nur wenige Monate her war.

"Auf jeden Fall. Wir finden sicher noch mehr interessante Orte", träumte Suru und blickte in die Runde. Junko und Reiju horchten auf. Sie hatten beide diesen aufgeweckten Gesichtsausdruck, den man immer dann hatte, kurz bevor man etwas ganz bestimmtes sagen würde.

"Orte an die uns dann ältere hin kutschieren können", sagten sie im Einklang und realisierten es nicht sofort. Einige Sekunden verzögert drehten die sich gleichzeitig zueinander. Sie saßen sich allerdings so nahe, dass ihre Lippen genau aufeinander trafen.

Kurz wurde es still. Reiju lehnte sich etwas zurück, um Junko in die Augen blicken zu können, dann prustete sie plötzlich los und konnte gar nicht mehr aufhören. Genau wie Junko.

"Ist das gerade wirklich nur aus Zufall passiert?", fragte Keita und hielt ihnen ungläubig die Hand entgegen, doch er lachte. Suru stimmte mit ihnen ein. "Ich war ja immer der Meinung, dass die beiden sowieso irgendwann mit Küssen auf den Mund anfangen würden. Wir anderen sind dann sicher auch bald dran."

Izaya und Ace, die sich im ersten Moment wie in einen fremden Insider hineingeworfen gefühlt hatten, begannen jetzt ebenfalls zu lachen. Der Zufall war viel zu absurd.

"Es ist dunkel und unsere Gespräche damit definitiv unterbrochen. Lasst uns schnell die Hanabis anzünden, bevor Reiju und Junko noch weiter machen", sagte Keita plötzlich grinsend und stand von seinem Stuhl auf. "Also mit einem Kuss von Reiju habe ich definitiv einen meiner Lebensziele erreicht", lachte Junko und sah noch einmal kurz zu ihrer besten Freundin herüber, bevor sie ebenfalls aufstand. Reiju nickte. "Vielen dank, das war wirklich sehr schön." Junko stieß sie in die Seite und kicherte.

Dann fanden sie sich alle inmitten des Gartens auf der feuchten Wiese zusammen.

Keita und Junko ergriffen sofort zwei der funkelnden Handfeuerwerke und stellten sich einige Meter voneinander entfernt gegenüber, damit sie sich auch wirklich nicht trafen. Dann zündeten sie sie an.

"Mach dich bereit für diesen Kampf!", rief Junko und ging leicht in die Knie. Provozierend funkelte sie ihn an. "Nimm dich bloß in Acht", entgegnete Keita als seines auch endlich brannte und der Kampf beginnen konnte. In ihren Köpfen fechteten sie gerade wohl den epischsten Kampf des Jahrhunderts aus, aber natürlich durften sie sich nicht zu nahe kommen, weshalb sie in Wahrheit nur ziellos auf und ab hüpften und sich gegenseitig verspotteten.

Keita richtete angriffslustig sein kleines Feuerwerk in Junkos Richtung. "PK Funken!", rief er und Junko lachte sofort laut los. Ihre schrille, freudige Stimme erfüllte die Luft und erwärmte sie. Reiju beobachtete wie Junko sich gar nicht mehr einkriegte und lachend ihr Feuerwerk zu Boden warf, um sich auf ihre Knie zu stützen. Auch Reiju musste über Keitas Worte lachen. Junkos Funken erstarben und sie zündete sich das Nächste an.

"Hier Reiju nimm das", sagte Suru und drückte ihr einen Bündel an kleinen Handfeuerwerken in die Hand, die nur langsam und leicht brannten. Er wusste gut genug, dass Reiju vor allem Größeren in ihren Händen erschauderte und erinnerte sich nur ungern daran, wie sie vor vier Jahren einmal fast angefangen hatte zu weinen, als Keita sie gezwungen hatte einen von denen in ihrer Hand zu entzünden, die energisch und hell brennen konnten. Sie nickte dankbar und ließ sich zwei von Ace anzünden. "Danke", sagte sie leise. Es war kühler geworden, aber immer noch warm genug um keine Jacke zu brauchen. Die Zikaden machten noch immer ihren Job und es war zu keiner Sekunde wirklich gänzlich still in Keitas großem Garten. Der Himmel war inzwischen tief dunkel blau. Junko und Keita lachten unaufhörlich und hielten die Stimmung froh und munter.

Izaya betrachtete die beiden geistesabwesend.

„Izaya! Komm schnell rüber!“, rief Suru plötzlich. Er sah auf und kam mit seinem kleinen Feuerwerk auf ihn zu gestapft. Sorgsam hielt er es zu Boden und beachtete die vielen bunten Funken gar nicht, die freudig auf seiner Hose tanzten. Reiju und Ace waren gerade dabei einen Eimer unter dem Gartenschlauch zu befüllen. Suru hielt eine Packung Senkous in der der Hand.

„Die auch noch? Reiju wie spendabel war dein Vater?“, fragte Izaya ungläubig und warf sein beinahe ausgeglühtes Hanabi in den Eimer Wasser. Im dumpfen Licht Keitas Verandalampen erkannten Reiju und Ace nicht viel und der Eimer lief über. Kaltes Wasser benetzte Izayas Schuhe.

Reiju sah nach seinen Worten etwas verwundert hoch. Sie hatten für seinen normalen Sprachgebrauch viel zu hart geklungen, doch als sie ihm in das Gesicht sah, lächelte er sanft wie immer. „Sehr“, antwortete sie nur und lächelte matt zurück. Dann griff sie nach dem Henkel des Eimers, als sie und Ace endlich bemerkt hatten, dass er schon längst mehr als voll war.

Ace stellte das Wasser ab und Reiju hob ihn an. „Warte ich nehme ihn“, sagte Ace, aber da war Reiju schon wortlos Richtung Gartenmitte verschwunden. Izaya grinste ihm entgegen und sah dann wieder zu Suru.

„Also, was wolltest du von mir?“; fragte er und beobachtete wie Suru zu kichern begann. „Nichts. Du saßt da nur so einsam.“ Izaya betrachtete ihn kurz. Sein braunes kurzes Haar, dass vom Schweiß ganz zerzaust war und sein blasses Gesicht, das ihm freudig entgegen grinste. Dann lachte er. „Also, lasst uns Junko und Keita in die Realität zurückholen. Es wird Zeit für die ganz besonderen Hanabis hier.“ Ace und Izaya nickten und folgten Suru, der demonstrativ die gelbe Packung in die Höhe hielt. Keita erkannte sie sofort. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte er. „Mitternacht“, antwortet Suru und verlor sein Grinsen nicht. Keita nickte.

Er schloss Waffenstillstand mit Junko und trat mit ihr zu den anderen, als es plötzlich ganz ruhig wurde.

„Ihr kennt die Regeln oder?“, fragte Suru, der an diesem Teil von Hanabis am aller meisten Spaß zu haben schien. Er gab jedem ein Senkou und sie knieten sich nieder.

„Bei wem das Senkou als erstes erlischt, der verliert die Runde.“ Ace nickte. „Ruhig und vorsichtig. Lasst den Tropfen nicht fallen“, fügte er hinzu. Jeder sah für einen kurzen Moment rüber zu Keita. „Damit spornt ihr mich nur an“, sagte er erbittert und sie lachten und er tat es auch. Dann entzündeten Suru und Ace jedes der kleinen empfindlichen Handfeuerwerke und sofort trat eine ungeplante, aber unendliche Stille ein.

Sie knieten und hielten den dünnen Stab so ruhig es ihnen möglich war zu Boden. Nur wenig Licht erreichte sie hier hinten im Garten, dafür waren die Verandalampen nicht kräftig genug. Das Funkeln und Sprühen am Ende der Senkous war die einzige, so zerbrechliche Lichtquelle, die sich zart in dem Wasser des Eimers spiegelte. Es zitterte ehrfürchtig, wenn ein Funke es traf, und kam dann nur ganz langsam wieder zur Ruhe.

Es schien als hätte jemand jeden einzelnen von ihnen einfach ausgeknipst, so schweigsam waren sie urplötzlich geworden. Sie vergaßen jede Handlungen und jedes Gelächter und konzentrierten sich auf das gleißende Licht vor ihnen. Bemüht darum den hellen Tropfen am Ende nicht erlöschen zu lassen.

„Mono no aware“, hauchte Reiju. Die Stille hatte sie alle ergriffen. Es herrschte eine seichte Bedrücktheit. Ein stummer Moment, der sie alle in den Flammen ihrer Senkous verband. Ganz langsam sah jeder seine Flamme erlöschen; sah wie der zarte Tropfen aus glühendem Erz stetig seinem Ende zu rannte. Die Vergänglichkeit würde siegen.

„Das Pathos der Dinge.“ Suru ergänzte es nur ganz leise. Er wusste genau an was Reiju denken musste; schon so oft hatten sie sich darüber unterhalten, doch erst heute spürte er es wirklich.

'Mono no aware', die seichte angenehme Traurigkeit über die Vergänglichkeit des Lebens und das schlussendliche Abfinden damit. Man las es immer wieder. 'Das Pathos der Dinge', erreichte jeden, der es wagte seinem Senkou seine Seele zu öffnen, und heute spürte Suru es zum aller ersten Mal selbst. Genau so wie die anderen. Das war es was sie in diesem Moment so stark verband. Das ruhige gehen lassen, das Wohlbefinden, die Seligkeit.

Suru hatte es sich nicht erträumen lassen. Er liebte an den Senkous, dass sie es jedes mal schafften eine gemeinschaftliche Stille zu erschaffen, doch so verbunden zu seinen Mitmenschen hatte er sich dabei noch nie gefühlt. Ob es an den ganz besonderen Personen lag, die heute bei ihm waren, oder an der besonders idyllischen Sommernacht, die einem alles bot, an was man bei japanischem Sommer denken konnte. Mono no aware erreichte heute einfach jeden einzelnen von ihnen und schien sie vollkommen zu erfüllen.

Izayas Senkou ging als Erstes aus. Er steckte ihn in den Eimer und wartete still, bis es immer dunkler in der Runde wurde und Keita als aller Letztes seinen ausgebrannten Senkou in den Eimer sinken ließ. Er hatte gewonnen, doch es gab keinen Freudenruf, kein aufgeregtes Arme Heben. Er genoss die Stille so lange sie noch anhielt. Reiju ließ sich auf ihren Hintern sinken, nachdem ihre Füße zu schmerzen begannen hatten, und beobachtete den sanften Rauch, der aus dem Eimer stieg.

Suru war aufgestanden und hatte das ganze von oben betrachtet. Sein Senkou hatte sich unfassbar schön im Wasser gespiegelt. Jetzt setzte er sich wieder. Izaya streckte seine Arme aus.

„Wir haben noch Wassermelone da.“ Junkos zarte und leise Stimme öffnete die Stille und hüllte jeden von ihnen in Geräusche der Wärme. Sie lächelte ganz zaghaft und erhob sich.

„Lass uns Wassermelone essen“, bestätigte Suru.

 

Suru brach die kühle Wassermelone in zwei Hälften und Keita breitete seine Decke wieder im Gras aus.

Die Erde war noch ein wenig feucht vom Regen, aber das war schon in Ordnung. Sie war trotzdem ganz warm und lud die Sechs ein sich auf der kleinen Decke eng zusammen zu kuscheln, die Wassermelone zu genießen und sich leise zu unterhalten.

Sie sprachen miteinander, während eine Stunde nach der anderen verging. Lachten und hielten sich zaghaft zurück, grübelten und neckten sich. Es war ausgelassen. Ace war irgendwann einfach eingeschlafen, hatte sich neben Reiju zu Boden gebettet, während sie ihm sanft durchs Haar strich. Davon war er sofort eingenickt. Es gab Zeiten, da war das immer und überall passiert, doch dieses Mal war das Erste seit über einem Jahr.

Als Junko allerdings etwas lauter sprach, erwachte er wieder. Er blinzelte in das gedämmte Licht und Reiju zog ihre Hand zurück. Er beobachtete wie Junko aufstand. Sie hatte Keitas Kopf in ihrem Schoß sanft gehoben und war von der Decke zurück getreten. Es war, als sei ihr zum wiederholten Male etwas aufgefallen und sie hielt es jetzt einfach nicht mehr aus.

Sie ging um die Decke herum und tippte Izaya auf die Schulter. „Können wir kurz reden?“, sagte sie bestimmt und in einem Ton, der nur schwer als wütend oder bettelnd gedeutet werden konnte. Izaya nickte nur und folgte ihr. In das Haus und die Stufen hinauf bis in Keitas Zimmer. Sie wollte ganz sicher gehen, dass sie keiner hören konnte.

Keita hatte sich wieder aufgesetzt und ihnen lange nach gesehen. Er hatte ein schelmisches Grinsen auf den Lippen, doch er blieb still. Keiner sagte etwas dazu. Wenn Junko es ihnen später mitteilen wollen würde, würde sie es noch tun. Lange blieben sie auch gar nicht weg. Sie kamen genau dann, als Suru sich gerade das letzte Stück der ersten Hälfte der Wassermelone zwischen die Lippen schob. Ace war nach seinem kurzen Schläfchen wieder wach und erzählte gerade davon, wie er und Seiya jahrelang versucht hatten ihren Rasen so fluffig wie den von Keita hinzubekommen, es Jahr für Jahr jedoch immer wieder scheiterte. Keita zuckte nur mit den Schultern, denn er tat gar nichts dafür, dass der Garten war, wie er war. Er wuchs einfach. Ein wenig Neid flog über Ace Augen, als Junko und Izaya sich wieder setzten. Keita lachte und entschuldigte sich im Spaß bei ihm. Dann kam es zu einer kurzen Pause der Gespräche. Irgendwas schien sich von Junko anzubahnen; sie wirkte aufgeschreckt. Erwartungsvoll blickte Reiju sie an.

"Sag mal, Keita", begann Junko urplötzlich. Ihre Stimme war ganz leise. Sie klang vorsichtig. Er sah zu ihr auf und seiner Kehle entwich ein aufmerksames "Mhm?".

"Hast du dich wirklich endgültig dazu entschieden nie wieder Klavier zu spielen?"

Es kam aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung. Hatte sie das mit Izaya besprochen? Oder war es ihr nur mit Blick auf das Flügelzimmer in den Sinn gekommen?

"Junko-", begann er sofort und seufzte laut, doch sie unterbrach ihn schnell.

"Hör mir nur einmal zu, okay. Du musst nur zuhören Keita." Ihre Stimme war jetzt lauter. Sie wollte ihn unbedingt erreichen. Sie musste ihn zum zuhören bringen.

"Lass mich einmal ausreden und wenn dir das, was ich dir jetzt sage, nicht gefällt, sprechen wir alle nie wieder über dieses Thema." Alle horchten auf.

Es war Junko so wichtig, war es schon immer gewesen, dass Keita an seinen Träumen festhielt, denn er neigte am aller Meisten dazu, sie leichtfertig aufzugeben. Dass er beschlossen hatte das Klavierspielen und 'Clair de Lune' für immer zu vergessen, hatte sie viel zu tief getroffen.

"Ich habe recherchiert, Keita. Du hast uns nie deine ganze Geschichte erzählt, doch ich weiß dieses eine Detail. Du hast 'Clair de Lune' Tag ein, Tag aus geübt und es perfektioniert, aber du hast es nie vor Publikum gespielt, oder? Und das obwohl du für den Kinder und Jugend Wettbewerb damals angemeldet warst."

Sofort sah Keita auf und starrte zu Junko rüber. Sein Blick war starr. War sie zu weit gegangen?

"Ich habe alte Anmeldelisten von offiziellen Wettbewerben aus der Umgebung im Internet gefunden. Auch die von vor neun Jahren Dein Name stand drauf und dahinter in roten Buchstaben 'disqualifiziert'. Du bist dort nie aufgetaucht."

Kurz war es still. Jeder sah erstaunt von Junko zu Keita und wieder zurück. Er senkte seinen Blick wieder, als wäre es ihm unfassbar unangenehm. Junko biss die Zähne zusammen. Sie hasste es ihn so zu sehen, aber sie hatte einen Plan.

"Nein", sagte Keita nach einer gefühlten Ewigkeit. Junko nickte.

"Aber nicht freiwillig, oder?", fragte sie.

"Nein", kam es erneut aus Keitas Kehle. Seine Stimme war nur ein rauer Klang.

Izaya kam plötzlich die Zeichnung wieder in den Kopf. Der kleine Junge, weinend vor dem Haus, welches Keitas so unfassbar ähnlich sah.

"Worauf willst du hinaus, Junko?", fragte Keita plötzlich, als sie nicht sofort weiter sprach.

"Ich habe einen Wettbewerb gefunden. Im September. Das Pflichtstück ist 'Clair de Lune' und ich möchte, dass du daran teilnimmst."

Reiju war ehrfürchtig vor Junkos Hingabe. Sie wünschte sich für den Bruchteil eines Momentes, sie hätte das selbe getan. Aber Junko machte das selbst unglaublich gut, besser als sie es je hätte tun können. Sie schien an alles gedacht zu haben.

"Es ist Mitte September und ein Sonntag. Das heißt die Schule stört nicht und dein Opa könnte auch dabei sein. Es sind zu der Zeit noch keine überanstrengenden Prüfungen und du hättest noch genug Zeit dich darauf vorzubereiten. Vielleicht noch ein anderes Stück lernen oder aber auch nicht; du musst auch gar nicht am ganzen Wettbewerb teilnehmen. Das wichtigste ist nur, dass du 'Clair de Lune' einmal spielst. Für eine große Menge, für die Jury, für deinen Opa und uns und... für dich." Junko machte eine Pause und betrachtete Keita, der sich bei ihrer Ansprache nicht auch einen Millimeter gerührt hatte. Er starrte noch immer zu Boden. Die Beine angezogen und die Arme fest um sie geschlungen. Junko blieb still. Genau wie alle anderen. Reiju, Suru, Ace und Izaya fühlten sich irgendwie fehl am Platz und unfassbar hilflos.

"Junko, ich-", begann Keita und brach ab. "Entschuldige, Keita", sagte sie plötzlich und rückte auf ihn zu. Sie löste seine Arme und legte ihre eigenen um ihn. "Ich kann das nicht, Junko", raunte er und versuche krampfhaft über ihre Schulter hinweg jedem Augenkontakt zu entgehen. "Du kannst", sagte sie.

"Du kannst das, Keita. Ganz sicher. Es könnte dir sicher eine Art Befreiung schenken.“ Es war jetzt Suru, der sich einschaltete. Er war ganz ruhig geworden, hatte mit verlorenem Blick Junkos Worten gehorcht und sich Vorwürfe gemacht, wieso er nicht auch schon viel früher darauf gekommen war. Er wusste noch ganz genau was damals passiert war. Er wusste noch wie sehr Keita geweint hatte. Jetzt tatsächlich auf einer Bühne zu spielen würde das alles sicher wieder hoch holen, aber es würde ihn auch endlich davon lösen können. Dem war sich Suru sicher.

"Du musst es tun", sagte er plötzlich fordernder und schämte sich sofort dafür. Junko hatte Keita wieder losgelassen. Verwundert sah er Suru an. Dann schlucke er.

"Nicht heute. Danke Junko, für deine Arbeit, aber... bitte nicht heute."

Sie nickte. Keita hatte noch einen Monat Zeit sich anzumelden, das hatte sie bedacht. Ihr war schon klar gewesen, dass er da nicht sofort einwilligen würde. Er hatte alle Zeit, die er brauchte.

Langsam rutschte sie zurück auf ihren Platz.

Benommen rieb sich Keita über das Gesicht und legte dann seinen Kopf in den Nacken.

"Starrt alle nicht so. Redet über irgendwas!", sagte er spöttisch, ohne seine Freunde anzusehen. Sie begannen wieder zu sprechen, und nach einer kurzen Weile des Schweigens, schloss sich auch Keita ihnen wieder an.

"Mama! Mama!"

Keita rannte aufgeregt auf seine Mutter zu. In seinen Händen hielt er Blätter. Die sechs Seiten, welche ihm Clair de Lune gelehrt hatten. Auch wenn er sie gar nicht mehr brauchte, trug er sie immer bei sich.

"Mama, heute ist es endlich so weit. Es ist so weit!", rief er und sprang freudig auf und ab. Immer wieder hüpfte er vor seine Mutter in die Lüfte. "Nicht so laut bitte, Keita", raunte sie und trank einen Schluck Kaffee. "Für was ist es so weit?", fragte sie und sah ihn endlich an. "Das Konzert. Der Wettbewerb! Heute spiele ich dir endlich das Stück vor, das du so liebst!" Er grinste freudig auf und strahlte seiner Mutter entgegen. Seine Augen glänzten vor Vorfreude. "Ach richtig", sagte sie und stand von dem Küchenstuhl auf. Sie trat auf den Flur. "Es beginnt um eins, aber dran bin ich erst um halb drei, also haben wir ganz viel Zeit uns die anderen auch noch anzuhören."

Er folgte ihr lächelnd. "Wann müssen wir los, wenn wir um eins da sein müssen?", fragte er dann und in seiner Stimme schwang diese unendliche, kindliche Unwissenheit mit.

"Später, später", sagte seine Mutter nur. "Kurata! Kommst du? Wir sind spät dran", rief sie dann und schlüpfte routiniert in ihre Pumps. Sie trug einen Hosenanzug und einen strengen Dutt.

Da kam Keitas Vater auch schon aus ihrem Büro.

"Komme ja schon." Auch er hatte seinen Anzug an und kam jetzt auf die beiden zu. "Ihr geht?", fragte Keita etwas nervös. "Wann seid ihr denn wieder hier?"

Er fühlte sich völlig ignoriert. Sein Vater hastete zum Eingang und zog sich die Schuhe an. "Bis dann mein Junge", sagte er und wuschelte durch das dichte Haar seines Sohnes. Dann öffnete er die Tür. "Ganz sicher bald", sagte Keitas Mutter ohne ihn anzusehen; eine Nachricht auf ihrem Handy war wichtiger. Dann schloss sie die Tür hinter sich. Keitas Eltern ließen ihn allein im Haus.

Unsicher rannte er zur Küche und schaute auf die Uhr. Es war elf, das konnte er lesen. Er rechnete. Elf, zwölf, dreizehn. Noch zwei Stunden und sie müssten dort sein. Er trat von einem Fuß auf den anderen und versuchte nicht daran zu denken was wäre, wenn er gleich nicht spielen durfte. Es brachte ihm die Tränen in die Augen, also dachte er viel lieber daran wie es sich wohl anfühlen würde vor so vielen Menschen zu spielen. Das wiederum machte ihn unfassbar glücklich.

Als es an der Tür klingelte, rannte er wieder in den Flur. In den Händen noch immer die Notenblätter. Sein Großvater und seine Großmutter betraten das Haus. Sie wussten von dem Wettbewerb und sie wussten auch, dass Keitas Eltern eben gegangen waren. Für ganze zwei Wochen.

Keitas Opa kniete zu seinem Enkel nieder, als er sah wie aufgeweckt er mit seinen Noten im Flur umher sprang.

"Opa, Oma! Kommt ihr gleich mit zu meinem Auftritt?"

Nur zu gern, hätte Keitas Opa ihn in ein Auto gesteckt und selbst dafür gesorgt, dass er dort sein konnte. So gern hätte er ihm diese unglaubliche Möglichkeit greifbar gemacht, doch er durfte nicht mehr fahren. Seine Augen waren zu kaputt und sein Nacken zu steif; seine Knochen zu gebrechlich für den langen Weg. Es waren Momente wie diese in denen er das Alter hasste.

"Keita", sagte er sanft und sprach auf Augenhöhe mit dem sieben jährigen Jungen. "Deine Eltern, sie schaffen es wahrscheinlich nicht."

Keitas Miene erschlaffte nicht. "Aber Mama hat gesagt sie kommen!", rief er und sah hoch zu seiner Oma. "Da wird sie sich vertan haben, mein Schatz", brachte sie nur schweren Herzens über ihre Lippen. Sie konnte es immer wieder aufs Neue einfach nicht verstehen, wie ihre Tochter so mit ihrem Sohn umgehen konnte. Es brach ihr das Herz.

"Aber…", Keita brach ab. "Sie haben noch Zeit! Sie werden wieder kommen, ganz sicher!", rief er plötzlich, erfüllt von kindlichem Trotz, und quetschte sich an seinen Großeltern vorbei zur Tür. "Und ich werde draußen auf sie warten!"

Keita setzte sich entschlossen auf die Verandastufen und wartete; hielt die Notenblätter fest umklammert und wartete einfach.

Die Stunden vergingen und Keitas Opa war mehrmals zu ihm herausgetreten, doch Keita war einfach zu stur, um sich seine Bitten anzuhören. Also stellte er seinem kleinen Enkel nur immer wieder etwas zu Essen und zu Trinken raus und beobachtete ihn aus dem Fenster. Wie seine aufgeregten Schultern immer tiefer sanken und sein Kopf schwerer wurde. Wie er irgendwann zu zittern begann. Keita wartete Stunden und selbst er, mit seinen sieben Jahren, wusste, dass es schon lange zu spät war, als die Sonne unterging.

Leise begann er zu weinen. Die Seiten dieses blöden Stückes eng um seinen Körper gepresst begann er dicke Tränen zu weinen. Auf seine Wangen, seine Notenblätter und das dunkle Holz unter ihm.

Plötzlich ging die Gartentür auf.

"Hallo Keita! Bist du schon zurück? Wie lief es?"

Suru schloss das Tor hinter sich etwas unbeholfen und sah erst dann zu seinem besten Freund herüber. Sofort verging sein aufgeregtes Lächeln. Seine kindliche Freude in den Augen versiegte.

Keita konnte unter all den Tränen nicht viel erkennen, doch Suru würde er überall heraushören. Verschwommen erkannte er sein dunkles Haar, das so viel kürzer war als seines.

Keita schluchzte und antwortete nicht. Ihm war einfach nicht zum reden zu mute.

Suru sah ihn eine kurze Weile an. Er hatte heute eigentlich so gern mitkommen wollen, doch seine Eltern hatten andere Pläne gehabt. Also hatte er sich vorgenommen vor Keitas Haus so lange zu warten, bis er wieder kam, um sich all die tollen Geschichten anzuhören, die er sicher hätte erzählen können. Doch jetzt… er schien gar nicht dort gewesen zu sein. Er hatte noch seine Sporthose an und ein T-Shirt. Sein Gesicht war rot und feucht.

Langsam ging Suru auf ihn zu. Es jagte ihm ein wenig Angst ein, dass Keita so verletzt aussah. So traurig waren sonst nur die Menschen in Filmen oder Animes.

Vorsichtig setzte er sich neben seinen besten Freund und legte einen Arm um ihn.

Keita weinte noch immer, doch er schien Surus Berührung zu genießen. Annehmend kam er seinem Arm entgegen und drehte sich etwas zu ihm.

Suru hörte ihn Schluchzen. Es war so laut und so schmerzlich, dass sein Inneres erzitterte. Dann wurde es leiser. Es wurde leiser und immer leiser. Surus Sicht verschwamm, während er verwirrt auf seinen besten Freund herüberblickte, bis er plötzlich die Augen aufschlug und schweren Atems in seinem Bett wieder zu Sinnen kam.

Nur ganz langsam wurde ihm das Jahr und sein Alter wieder bewusst. Er war siebzehn, nicht sieben.

Tief atmete er ein und wieder aus. Seine Hände zitterten, als er auf sein Handy sah. Er war noch vor seinem Wecker aufgewacht.

Schwer seufzte er und konnte das Gefühl noch nicht ganz abwehren, dass das gerade wirklich nur ein Traum gewesen war, obwohl es genau genommen auch gar nicht nur einer war. Es waren Erinnerungen; von ihm und den Erzählungen Keitas. Nachdem Junko in der Nacht zuvor darüber gesprochen hatte, konnte er es nicht mehr vergessen.

Er starrte zu seiner hohen Zimmerdecke hinauf und seufzte wieder. Noch zehn Minuten. Dann würde er aufstehen, sich duschen, etwas essen und seine Klamotten für den Tag überwerfen, bis er los musste, um Reiju abzuholen.

 

Suru sah erschöpft aus, als er an der gewohnten Kreuzung zu Reiju trat. "Geht es dir gut?", war das erste, was sie an diesem Montag Morgen zu ihm sagte. Er nickte und gähnte lange. "Hab' nicht so gut geschlafen, aber es ist alles okay." Sie nickte und musterte ihn kurz. Dann beließ sie es dabei.

"Freust du dich schon?", fragte er dann und nahm ihr wortlos ihren Rollkoffer ab. Sie ließ es geschehen und sie machten sich auf den Weg.

Eigentlich hätte ihre Mutter sie heute wieder gefahren, allerdings musste sie sich kurzfristig um etwas in ihrem Büro kümmern, also hatte Suru angeboten Reiju wenigstens beim Koffer und Taschen tragen zu helfen.

Heute war der erste Tag des Trainingslagers des Kinroko Volleyball Teams und es ging für eine ganze Woche raus in die Berge. An Natur würde sie zwar sicher nicht viel sehen können, doch sie freute sich trotzdem auf die frische Luft und den Geruch von Ländlichkeit.

"Ja", antwortete sie also und war selbst ein wenig überrascht darüber, dass es die Wahrheit war.

Suru lächelte. "Das will ich auch hoffen", sagte er und klang wieder genau so energisch, wie er es sonst immer war. "Du und das Team, ihr habt noch mal so richtig die Chance euch kennen zu lernen. Und am Ende der Woche habt ihr auch noch ein paar Spiele oder? Das hatte Izaya mir erzählt. Trainiert gut und ihr werdet sie alle gewinnen!" Er grinste ihr entgegen und hoffte ihren Teamgeist damit noch stärker zu entfachen. "Du redest ja so, als wäre ich auch eine der Spieler auf dem Feld", sagte sie jedoch.

Sie schwitzte ein wenig in der Juli Hitze und der Rucksack auf ihren Schultern unterstütze das noch mal. Die Bäume an den Straßenseiten schenkten in der senkrechten Sonne leider nicht viel Schatten.

"Du stehst vielleicht nicht mit auf dem Feld, aber daneben und ich bin mir sicher, jeder denkt genau so, wenn ich sage, dass du ebenso wichtig bist wie ein Setter oder Blocker."

Bei Surus unfassbar sanftem Lächeln wurde ihr jedes mal bewusst, wie ernst er seine Worte eigentlich tatsächlich meinte. Sie lächelte.

Reiju hoffte dem Team eine Unterstützung bis in das nationale Turnier im Frühling sein zu können und das hoffte sie wirklich. Sie wollte, dass ihre Spieler nichts zu bereuen hatten, auch nicht ihre Wahl der Managerin. Suru überließ sie erneut ihren Gedanken und war zufrieden. Er merkte ihr sofort an, wie viel ihr das Team bedeutete, auch wenn es sie noch zu verwirren schien. Reiju trug so viel mehr Liebe in sich, als sie es sich zugab.

 

Die Verabschiedung von ihr viel ihm leicht. Zumindest leichter als er gedacht hatte. Er wusste sie in guten Händen. Suru kannte das Team, hatte hier und da schon einmal bei Promotion mitgeholfen und war auch schon mit mehreren der Zweit- und Drittklässler unterwegs gewesen. Es waren gute Jungs, die für ihr Hobby brannten. Außerdem war ja auch Izaya dabei und ihm vertraute er blind, auch wenn er ihn erst so kurz kannte.

Reiju umarmte Suru fest und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, der verwundert von den anderen beäugt, aber nicht weiter besprochen wurde. Dann stieg sie als eine der Ersten schon einmal in den Bus ein.

"Viel Glück und pass auf sie auf", sagte Suru zu Izaya gewandt, als dieser endlich bereit zum Einsteigen war. "Besser als auf der Party damals." Izaya lächelte beschämt und nickte. "Nur ein Scherz", ergänzte Suru schnell, als er seinen ernsten Blick sah. "Sicher", sagte Izaya und bemühe sich um ein Lachen. Dann umarmten sie sich. "Und vor allem viel Spaß", rief Suru ihm noch hinterher, als er einstieg. Er drehte sich noch einmal zu ihm um und nickte zielsicher, dann setzte er sich auf seinen vorderen Platz neben Wakabayashi. Schräg gegenüber von Reiju, welche ganz vorne neben ihrem Trainer saß. Er hatte höflich vorgeschlagen sich auch wo anders hinsetzen zu können, damit sie alleine sitzen konnte, doch sie hatte sofort verneint. Sie wollte sich unbedingt mit ihm über ein paar Strategien unterhalten, die sie auf YouTube entdeckt hatte.

Reiju, die sich unbedingt austauschen wollte… Suru wäre stolz gewesen, dachte sich Izaya, der genau beobachten konnte, wie sie mit ernster Miene zu Toudo sah und sich konzentriert von ihm aufklären ließ.

"Hör auf unsere Managerin anzustarren", sagte Wakabayashi plötzlich und stieß seinem Kameraden in die Seite. Er grinste ihm neckisch entgegen. "Hör auf so zu gucken", erwiderte Izaya nur. "Stimmt ja, du stehst ja sowieso auf eine ganz andere. Junko hieß sie? Läuft da inzwischen eigentlich was?" Wakabayashi war so in seine kleine, neckende Rede verfallen, dass er viel zu spät erst merke, wie Izaya ihn ernst ansah. "Entschuldige", beteuerte er schnell und blieb anschließend still, bevor er weiter etwas sagen konnte, was ganz anscheinend über Izayas Grenzen hinaus ging. Izaya und er neckten sich immer. Hin und her ging es und das die ganzen Trainingseinheiten lang, niemals aber ging es weiter, wenn es über den Scherz hinaus schwang. Das wussten sie beide.

"Junko und ich, wir sind kein Paar", sagte Izaya schließlich ganz ruhig und Wakabayashi beließ es dabei.

"Reiju scheint ganz schön was vorbereitet zu haben, oder?", fragte er erst nach einer Weile, als sie schon eine ganze Strecke gefahren waren. Izaya nickte. "Sie wollte mir noch nichts davon zeigen, aber sie scheint sich für jeden von uns etwas überlegt zu haben." Wakabayashi grinste und Izaya tat es auch. "Sie ist perfekt, das hab ich doch gesagt", raunte Izaya. "Der Punkt geht glücklicherweise an dich."

 

Als sie mit dem Bus auf einem kleinen Parkplatz zum stehen kam, war Toudo der Erste, der ausstieg. Die Luft war warm, jedoch kühler, als unten bei ihnen. Ein angenehmer Luftzug wog Reiju um die Nase. Als aller Letzte stellte sie sich zu ihrem Team in die ordentlich gebildete Reihe und sah zu ihrem Trainer.

„Wir starten ohne Pause. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Ein lautes, kraftvolles „Ja, Toudo!“ kam von den Spielern. Reiju nickte stumm. „Stellt euer Gepäck in die Zimmer und kommt zur Halle. Ich erwarte euch dort in zwanzig Minuten. „Alles Klar“, kam es wieder im Chor und schon teilten sich die Spieler in ihre Stufen ein und gingen durcheinander zu der kleinen Hütte.

Dieses Haus mit Sporthalle war seit vielen Jahren im Besitz der Kinroko Highschool und eine riesige Erleichterung für jedes Sportteam. Auch wenn es jeden Sommer aufs Neue eine Anstrengung war herauszufinden, wer wann hier trainieren durfte. Das Volleyballteam hatte dieses Jahr leider ein früheres Datum erwischt, beinahe einen ganzen Monat vor den Playoffs für das nationale Turnier, doch sie machten alle das Beste daraus. Vielleicht ergab sich in diesem Sommer ja doch noch eine zweite Chance für ein kurzes Camp.

Reiju griff nach ihrem Koffer und machte sich jetzt ebenfalls auf den Weg. Die Hütte hatte drei große Schlafzimmer, für jede Stufe eines, und zwei kleinere, für sie und Toudo.

Als Chisa ihr freudig die Tür aufhielt, bemerkte sie wie ihr Herz plötzlich heftig zu pochen begann.

Ihr wurde mit einem Mal die Schwere bewusst, mit der ihre Aufgabe auf ihren Schultern lastete. Sie sah Chisas lebensfrohes Lachen und wollte nichts mehr, als es mit einem Sieg in den Qualifikationsspielen der Präfektur am Leben zu erhalten. Sie wunderte sich über ihre eigene Anteilnahme an dieser ganzen Sache, dachte an die Stunden, die sie mit Recherchieren und Zuteilen verbracht hatte. War sie je so sehr eingebunden gewesen in solch eine Sache? Sie wurde eigentlich nicht schnell nervös, doch jetzt spürte sie einen dicken Kloß in ihrem Hals, der ihr das Sprechen verbot.

„Alles gut bei dir?“, fragte Chisa plötzlich, als Reiju nur langsam durch die Tür in den dunklen Flur der Hütte trat. Sie nickte schnell. Chisa ließ erst nach einem langen Blick auf ihre Miene wieder von ihr ab. „Wir sehen und gleich ja?“, sagte er dann und als sie wieder nur nickte gesellte er sich zurück zu den anderen Erstklässlern, um ihr Zimmer auszukundschaften.

Reiju nahm einen tiefen Atemzug und wünschte sich in diesem kurzen Augenblick so sehr jemand tief Vertrautes an ihre Seite. Dann schüttelte sie den Kopf. Izaya hatte in dieser Woche an wichtigeres zu denken und zu Hause wurde sicher noch nicht mit ihrem Anruf gerechnet.

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und umklammerte fest den Griff ihres Koffers. Sie würde diesem Team alles geben, was sie zu bieten hatte, sagte sie sich entschlossen und betrat endlich ihr Zimmer, um sich in die Sportklamotten ihres Vereins zu schmeißen.

 

Es war angenehm klimatisiert in der Sporthalle. Sie war nicht gerade groß, noch viel kleiner als die in ihrer Schule, doch sie schien erst vor einigen Jahren renoviert worden zu sein und strahlte noch in dem frischen hellbraun des Bodens und der Wände.

„Also gut. Baut zu aller erst einmal die Netze auf. Ihr findet alles was ihr braucht hinter mir in dem Lager. Danach sprechen wir weiter.“

Die Spieler begannen das Tor zum Lager zu öffnen und ein Teil nach dem Anderen herauszuholen.

Währenddessen gesellte Reiju sich zu Toudo.

„Na, bist du bereit heute deine Pläne vorzustellen?“, fragte er. Reiju schluckte unweigerlich. Er musste lachen und legte ihr eine beruhigende Hand auf die Schulter. „Keine Sorge, die Spieler werden sich darüber freuen. Deine Ansätze sind alle sehr gut.“ Sie nickte und starrte stur auf die zwei Felder, aus welchen so langsam Volleyballplätze wurden. „Danke.“

Toudos gesamte nächste Ansprache lang war Reiju zu nervös um zuzuhören. Sie hatte sich auf eine Bank gesetzt und blickte in ihre Notizen. Zu aller erst würde sie sich gleich den Angriff vornehmen. Toudo hatte ihr den gesamten Trainingsplan der Woche überreicht und jetzt musste sie nur schauen, wie ihre Ideen darin Platz fanden. Wenn sich das Team gleich daran machen würde Schläge und Blocks zu trainieren, würde der erste Punkt perfekt hineinpassen.

Sie atmete tief ein und aus und wartete dann still, bis Toudo ihren Namen aufrief und sie zu sich winkte.

„Während die anderen schon zu trainieren beginnen können, würde ich noch gern mit ein paar von euch sprechen.“ Reiju blätterte in ihrem Notizblock zurück und starrte darauf. „Izaya, Kemudashi, Chisa und Masamune. Würdet ihr zu mir rüber kommen.“

„Na klar!“, war Chisas schnelle Antwort. Freudig hüpfte er auf sie zu und war erleichtert zu sehen, dass ihr Blick nicht mehr ganz so verkrampft schien wie er es noch in der Hütte gewesen war.

Izaya stellte sich grinsend vor sie und verschränkte die Arme.

„Also, was hast du für uns?“, fragte er, als der Rest des Teams mit dem normalen Training begann. Sie standen jetzt zu fünft am Rand der Halle und Reiju war immer noch irgendwie nervös. Sie hatte sich die letzten Wochen viel informiert, hatte Videos gesehen und das Team beobachtet. Dennoch fragte sie sich gerade, wieso sie eigentlich dachte, sie habe das Zeug zu solch wichtigen Aufgaben. Sie seufzte, nur ganz leise, doch Izaya schien es gehört zu haben.

Er beobachtete wie Reiju auf ihren Notizblock starrte, der aussah, als hätte sie ihn die letzten Wochen immer an ihrer Seite gehabt. Wieso nur machte sie das ganze gerade so verdammt nervös, so war sie sonst nie.

„Ganz ruhig, Reiju“, raunte Izaya plötzlich und lächelte auf seine so verdammt sanfte Art und Weise. Es war das gleiche Lächeln, das er auch seiner kleinen Schwester schenkte. Reiju sah zu ihm hoch und atmete tief ein. „Keine Sorge. Wir wissen, dass Toudo uns nur Menschen anvertraut, denen er sich ganz sicher ist“, sagte Masamune mit einem Augenzwinkern. Reijus Schultern entspannten sich. „Wir trauen dir, Reiju!“ „Izaya hat dich nicht umsonst hergeholt.“ Chisa und Kemudashi sagten es im Einklang. Reiju sah in die vier Gesichter vor ihr und musste plötzlich lächeln. Sie hielt sich zaghaft die Hand vor den Mund und atmete dann noch einmal tief ein und wieder aus.

„Gut“, sagte sie dann. Es war lächerlich. Das alles war so lächerlich. „Toudo hat natürlich alles abgesegnet was ich euch jetzt sagen werde“, begann sie. Masamune nickte verständlich.

Sie musste einfach nur sagen, was sie in den letzten Wochen recherchiert und von Toudo hatte absegnen lassen. Es waren praktisch die Worte ihres Trainers, nur durch ihren Mund.

„Okay. Habt ihr schon mal etwas von einem Synchronen Angriff gehört?“, fragte sie also und ihre Stimme klang wieder gewohnt zurückgezogen und kühl.

Alle schüttelten den Kopf. Reiju nickte.

„Bei einem Synchronen Angriff laufen vier Spiel, also ihr, zu dem exakt gleichen Moment los. Jeder bereit dazu den nächsten Ball zu schlagen, doch nur einer von euch wird ihn dann auch tatsächlich zugespielt bekommen. Das ist dann Sache der Absprache mit dem Setter.“

Sie sah von ihrem Notizblock wieder auf, auf welchem sie in einer kleinen Zeichnung gezeigt hatte, wie der Angriff genau funktionierte. Vier Spieler, vier mögliche Angreifer, vier Situationen mit denen der Gegner klar kommen musste.

„Mir ist nämlich aufgefallen,“, sprach sie dann weiter und deutete wieder auf die Zeichnung eines Volleyballfeldes. „Dass der Angriff im Team zwar ungemein stark ist, oft allerdings viel zu vorhersehbar. Wenn Izaya als nächstes angreifen wird, sieht der Gegner das sofort. Nach zwei, drei Mal wird man euer Angriffsmuster sofort verstanden haben. Diese Technik erlaubt euch ein wenig mehr Variation und lässt die Überraschung auf eurer Seite.“

Izaya nickte. Masamune hatte fokussiert den Finger auf sein Kinn gelegt. Chisa und Kemudashi hüpften aufgeregt auf und ab. „Wann dürfen wir es probieren?“, fragte Kemudashi aufgeregt und blickte ihr ins Gesicht. Jedes Mal wenn Reiju seinen aufgeweckten Charakter sah, vergaß sie für einen kurzen Moment, dass von ihm die besten Aufschläge im Team kamen, nach Izaya, versteht sich. Kemudashi war, genau wie Chisa, laut und stürmisch. Auf dem Feld jedoch war er, diesmal ganz im Gegensatz zu seinem besten Freund, wie ausgewechselt, ruhig und konzentriert; in der Reife seinem Alter voraus.

Sie lächelte. „Sofort“, sagte sie.

Als sie sich auf den Weg zum zweiten Feld in dieser Halle machten, gesellte sich Izaya sofort neben sie. „Das hast du gut gemacht“, sagte er und tätschelte ihre Schulter. „Auch wenn ich mich frage, ob du dein gesamtes Wissen nicht eventuell aus einem gewissen Sportanime hast.“ Er grinste.

„Und ich frage mich, ob das bedeutet, dass du diesen gewissen Sportanime auch gesehen hast.“ Er lachte laut auf und schlug ihr sanft auf den Rücken. „Erwischt“, sagte er und beobachtete wie Chisa und Kemudashi anfingen auf der Stelle zu laufen und auf und ab zu hüpfen. Die zwei hatten einfach viel zu viel Energie.

„Ja, ich habe ein paar Ideen aus diesem Anime, aber eigentlich hat sich schon mein ganzes Leben immer ein wenig um Volleyball gedreht. Ich habe früher viel mit meinem Vater im Garten gespielt und konnte ihn so einiges Fragen. Außerdem ist Google immer dein Freund.“

Verwundert darüber, dass Reiju ihm tatsächlich noch eine richtige Antwort gab, sah er sie erfreut an. Sie sah den Frohsinn in seinen Augen und es gab ihr ein warmes Gefühl.

„Ich wusste du wärest perfekt, Reiju.“ Sie entkam sofort seinem Blick und sah zu Boden. Noch einmal drückte er ihre Schulter, dann ging er zu seinen Teamkameraden.

„Also, wie hast du dir das ganze vorgestellt?“, fragte Masamune. „Wir haben keinen Setter.“

Reiju ging ein Licht auf. Unwohl öffnete sie den Mund und schloss ihn wieder. „Richtig.“

Kurz war es still, dann hob sie ihren Blick. „Ich hole Soma! Das passt perfekt in meinen Plan.“

Sie legte ihren Notizblock zu Boden und lief zum ersten Feld.

„Ich weiß wie das funktioniert!“, rief Gonkuro erzürnt in Hakus Richtung, der mit seiner aufbrausenden Art nicht wirklich gut umgehen konnte, und schnappte sich den nächsten Ball für einen Aufschlag. Auch wenn seine Technik und Einschätzungsgabe beim Blocken schon beinahe perfekt war, mangelte es ihm an allem anderen noch immer und das nagte an ihm.

Wakabayashi bemerkte Reiju sofort.

„Braucht ihr noch jemanden?“, fragte er, als er sie stumm am Spielrand stehen sah. Sie nickte. „Soma, könntest du zu uns rüber kommen?“

Der Junge mit dem blassbraunem Haar und dem leuchtend weißen Schweißband sah sofort zu ihr rüber. „Wir brauchen noch einen Setter.“

Seine Augen schienen mit einem Mal aufzuleuchten. Er war noch nie die erste Wahl gewesen, wenn jemand einen Setter gebraucht hatte. Toudo konnte ihm noch so oft sagen, wie gut er war. Er wusste ganz genau, wenn er keine Praxis bekam, würde er auch nicht besser werden. Wenn Reiju ihn jetzt jedoch für eine spezielle Technik benötigte, würde das vielleicht seine Chancen im nächsten Spiel um Längen steigern. Außerdem konnte er sich so noch ein gefestigteres Gefühl von den Anforderungen der vier machen. Alles an Reijus Aufruf ließ ihn strahlen. Außerdem hatte er Aufschläge und Annahmen langsam satt. „Sicher!“, war seine absolute Antwort.

Sie trainierten zu fünft und es dauerte eine Weile, bis die Vier Angreifer tatsächlich Synchron waren, doch es wurde langsam.

Wakabayashi versuchte in der Zwischenzeit Gonkuro ein wenig an die Leine zu nehmen. Seine Aufschläge wurden nur langsam besser, was ihn immer wieder unfassbar wütend machte. Er schien zu glauben, dass ihn dieser Makel aus der Starting Six werfen würde.

Wakabyashi versuchte ihn unterschwellig klar zu machen, dass das nicht der Fall war. Sie brauchten seine unfassbar starken Blocks einfach zu sehr, aber Gonkuro schien es nicht so ganz zu verstehen. Wenigstens wurde er im Training mit seinem Kapitän im Angriff immer besser, dachte sich Toudo und wandte sich zum Rest seines Teams um. Link nahm immer wieder Bälle an, die Jumin zu schmettern versuchte. Er als Flügelspieler war allerdings nicht ganz bei der Sache. Dafür vermisste er seine Katze hier draußen in den Bergen einfach viel zu sehr.

 

Zum Ende des langen Trainings, welches, mit der Mittagspause eingeschlossen, schon über den gesamten Tag ging, trat Reiju noch an Link heran.

Der Synchrone Angriff war nicht das Einzige, was sie sich für das Team überlegt hatte. Die Vorhersehbarkeit war ihr größtes Problem, das hatte Toudo ihr von Anfang an gesagt. Deshalb war er umso erfreuter gewesen, als sie ergänzend zu seinen Ideen, noch zwei völlig außergewöhnliche Techniken zur Sprache brachte und hatte ihr es sofort erlaubt, sie seinem Team beizubringen.

„Link“, sagte Reiju bedeutend, die es einfach nicht lassen konnte sich bei ihm wie in einer epischen Heldensaga zu fühlen. „Ich habe eine schwere Aufgabe für dich. Mit deinem Mut aber weiß ich, dass du sie lösen können wirst.“ Sofort drehte sich Link wieder von ihr ab und wollte gehen, doch sie zog ihn am Shirt zurück. „Entschuldige“, sagte sie. „Aber ich habe tatsächlich eine schwere Aufgabe für dich, da du ja-“, sie machte eine untermalende Pause. „Nicht so gut springen kannst.“ Er seufzte tief doch horchte ihren Worten. Leider waren ihre Wortwitze zu originell, um sie völlig dafür zu hassen.

„Schon mal was von einem zuspielenden Libero gehört?“ Er wurde neugierig.

Ein Libero konnte dem Angreifer normal den Ball zuspielen, wenn er vor der Angriffslinie absprang und den Ball noch in der Luft zum nächsten Spieler beförderte. Für Link klang das ganze ziemlich kompliziert, zumal der Libero so unfassbar vielen Regeln unterlag, doch nichts daran hinderte ihn die Technik sofort ausprobieren zu wollen.

Reiju zeigte ihm ein paar Videos und Link bat Izaya ihm beim Training zu helfen. Das taten sie, bis es dunkel war.

„Okay Leute!“, rief Toudo, als es acht Uhr schlug. Nachdem das Mittagessen etwas spärlich ausgefallen war, hatte er jetzt noch eine Überraschung für sein Team.

„Ihr habt alle unfassbar gut gearbeitet.“ Er hörte Gonkuro neben Masamune laut schnauben.

„Wir treffen uns gleich alle im Versammlungszimmer. Meine Frau ist dort und kocht schon fleißig für euch! Also lasst euch das hausgemachte Essen schmecken!“

Ein Jubeln ging durch die Reihen. Die Jungs griffen nach ihren Wasserflaschen, Handtüchern und Schuhen und machten sich eilig auf den Weg zu ihrem Abendessen.

Reiju schritt gemächlich als Letzte aus der Halle und schloss sie auf Toudos Bitte ab. Er war schon vorfreudig vorgegangen.

 

Im großen Versammlungszimmer der Hütte roch es schon nach gebratenem Fleisch und Reis. Toudos Frau stand neben zwei großen Töpfen und schien die Hand ihres Ehemannes auf ihrer Hüfte sehr zu genießen. Sie war schmal und groß und schien genau wie Toudo um die 40 Jahre alt zu sein. Sie rief die zu erst noch etwas vorsichtigen Jungs freundlich zu sich in den Raum und verteilte mit guter Stimmung das Essen, welches sie extra für sie gekocht hatte. In einem kurzen Gespräch mit ihr fand Izaya heraus, dass sie Lehrerin an einer Grundschule war und in ihren Ferien sehr gerne ihrem Mann unter die Arme griff. Izaya nickte lächelnd und schlug dann auch endlich zu.

Das Essen war unglaublich gut und jeder von ihnen schlang es nach dem anstrengenden Tag nur so herunter.

Reiju war die Erste, die zu Ende gegessen hatte. Sie räumte still ihr Geschirr weg, bedankte sich bei Toudos Frau für das leckere Essen, woraufhin sie strahlend lächelte, und ging dann nach draußen auf die schmale Veranda des Hauses. Sie war dankbar, dass sie niemand mehr angesprochen hatte.

Still setzte sie sich auf das raue Holz und genoss den kühlen Wind auf ihrer Haut. Die Bergluft füllte ihre Lungen und schenkte ihr Ruhe.

Der Tag hatte wirklich Spaß gemacht, hatte sie aber auch völlig ausgelaugt; und das obwohl sie nicht einmal wirklich Sport gemacht hatte. Es waren die vielen Menschen um sie herum, die sie zwar alle in ihr Herz geschlossen hatte, ihr aber dennoch die Energie raubten.

Sie atmete tief ein und wieder aus, genoss es allein zu sein und ließ sich von der frischen und so viel saubereren Luft das Gemüt leeren.

Sie dachte an gar nichts und meditierte schon beinahe. Ihr Blick ging über den weiten Ausblick der sich ihr bot. Berge über Berge reihten sich aneinander und wurden geschmückt von vielen kleinen Tannen.

Da öffnete sich plötzlich die Tür der Hütte. Toudos Frau kam heraus.

"Oh entschuldige, ich wollte nicht stören", sagte sie freundlich, als sie Reiju dort sitzen sah.

"Kein Problem, ich sitze ja direkt am Eingang." Toudos Frau lächelte und nickte.

"Ich mache mich dann auf den Weg. Viel Glück morgen beim Training." Reiju bedankte sich und beobachtete wie die schlanke Frau zu ihrem Auto ging, bis ihr einfiel, dass sie nicht mal wusste wie sie hieß. Toudo hatte ihr erzählt als was sie arbeitete und dass sie schon seit fast zwanzig Jahren verheiratet waren, aber ihr Name war irgendwie nie gefallen.

Reiju fand es wirklich besonders, dass sie sich an jedem der fünf Tage bereit erklärt hatte die 45 Minuten Fahrt auf sich zu nehmen und für das Team zu kochen. Sie war auch ein wenig erleichtert, dass es nicht zu ihrem Aufgaben zählte. Kochen lag Reiju nämlich ganz und gar nicht.

Kurz dachte sie an das Team, als der Motor startete und Toudos Frau langsam durch die Dunkelheit verschwand. Sie würden sicher lange Essen und dann ausgiebig duschen. Sie hätte also noch eine Weile Zeit für sich, bis sie dann selbst duschen gehen und sicher verzweifelt versuchen würde die Erstklässler in ihre Betten zu zwingen. Reiju lächelte trotz allem bei diesem Gedanken. Wenn sie Glück hatte wäre jeder von ihnen von dem Tag schon so erschöpft, dass sie stumm in ihre Betten fielen, bei Chisa war sie sich da allerdings nicht so sicher.

Es verging eine stille Weile. Momente der völligen Ruhe verstrichen. Dann öffnete sich die Tür hinter Reiju erneut.

„Wusste ich es doch, dass du hier bist“, sagte Izayas sanfte Stimme. Sie drehte sich ein wenig aufgeschreckt zu ihm rüber. Er hatte ein Handtuch über seine Schulter geworfen und grinste ihr mit völlig verwuschelten Haaren entgegen. „Ich hoffe die sind geföhnt. Sonst lass ich dich nicht neben mir sitzen.“ Izaya lachte freudig auf und setzte sich neben sie. Er zog seine Beine in einen Schneidersitz und lachte sie an. „Alles trocken. Keine Sorge.“

Sie musste lächeln bei seinem Ausdruck.

„Wie fühlst du dich?“, fragte Izaya. Reiju zuckte mit den Schultern. „Gut, aber müde.“ Er lachte und blickte in die dunkle Ferne. „Genau wie ich.“

„Sind die anderen noch wach?“, fragte sie dann etwas neugierig. „Falls du damit auf Chisa anspielst“, begann Izaya lachend. „Dann ist der definitiv nicht mehr wach. Ich hab ihn eben noch in sein Bett fallen sehen. Er mag unfassbar viel Energie haben, schläft dafür am Ende des Tages jedoch auch wie ein Stein.“ Reiju lächelte. Irgendwie kam ihr bei seinen Worten seine kleine Schwester in den Sinn. Sie lehnte sich zu ihm rüber und stützte ihr schweres Kinn auf seine hohe Schulter.

„Sag mal“, begann sie dann wieder zu sprechen. "Wo ist eigentlich Hattori, wenn du wie Morgen nicht zu Hause bist?", fragte sie.

"Meine Mutter hat sich die Woche frei genommen, um auf sie aufzupassen“, kam es nach einer kurzen Pause. Er sah sie nicht an, lehnte aber seinen Kopf gegen ihren.

"Wie gut, dass das funktioniert."

"Meine Mutter hat auch genug dafür getan“, antwortete er diesmal sofort. „Sie hat in den letzten Wochen so viel gearbeitet, damit sie sich die Woche freinehmen durfte und das nur für mich und mein Hobby."

"Hör ich da Schuldgefühle heraus?"

Izaya lachte auf, doch er nickte sanft. "Ja das tust du wohl. Meine Mutter tut wirklich viel für uns, ich wünschte manchmal, ich könnte ihr mehr zurückgeben." Plötzlich klang seine Stimme bedrückt. Es war ganz ungewohnt für den so positiven Izaya.

"Du tust was du kannst oder? Deine Mutter weiß das und ihr wird es reichen." Er regte sich.

"Du scheinst ein sehr fürsorglicher und sanfter Sohn zu sein und passt wirklich gut auf deine Schwester auf. Auch du gehst Kompromisse ein oder nicht. Deine Mutter würde niemals mehr von dir verlangen."

"Das würde sie nicht, niemals, aber das macht nicht den Unterschied. Sie hat eine sehr lange schwere Zeit hinter sich und tut dennoch alles für uns. Man ich weiß noch wie Ace Vater sich um sie und auch um mich und Hattori gekümmert hat, es war beinahe schon peinlich." Er lächelte, dann sanken seine Mundwinkel wieder.

"Er war der liebevollste Mensch den ich je kennen gelernt habe."

Izaya schien sich ein wenig in seinen Gedanken zu verlieren. Aufmerksam horchte Reiju dem Flüstern seiner Seele. "Er wusste wie es zu Hause bei mir aussah, also hat er meine Mutter und mich immer wieder zum Essen eingeladen. Wir gehörten für ihn zur Familie.

Es fühlt sich an als wäre das ein ganz anderes Leben gewesen. Auch ich vermisse ihn unglaublich." Er zog seine Knie jetzt eng an seinen Körper und versuchte die Umrisse, der immer dunkler werdenden Berge, zu erkennen.

"Du bringst die Menschen tatsächlich zum reden, ohne auch nur selbst etwas zu sagen", sagte er plötzlich und sah zu Reiju herunter. Fragend zog sie ihr Kinn zurück und blickte ihn an.

"Was meinst du?"

"Keine Ahnung. Es ist wirklich wie deine Spezialität oder so." Er lachte plötzlich und seine Worte von eben schienen vergessen.

"Du bist wirklich gutherzig Izaya. Deine Mutter ist sicher stolz auf dich."

Ganz zaghaft lächelte er auf, dann versetzte er ihr einen leichten Schubser.

"Hör schon auf.“, sagte er und schlang seine Arme um sie. Er drückte sie einmal fest und ließ sie dann wieder los.

„Ich glaube du bist wirklich das Beste was Ace hätte passieren können.“

Sie blieb still. Sie konnte nicht ganz lesen, was er ihr damit sagen wollte.

„Tut mir leid“, sagte er lächelnd, als er ihren unwohlen Gesichtsausdruck sah. „Damit will ich nichts andeuten. Ich wollte dich auch nicht unter Druck setzen. Der Tod seines Vaters hat in viele Leben ein großes Loch gerissen. Ich denke einfach nur, dass es nach über einem Jahr endlich Zeit ist, dieses Loch bei jedem zu schließen.“

„Danke, dass ihr euch so knapp vor eurem Mittagessen noch mal hier versammelt“, begann Toudo, nachdem er seinen Spielern gerade erst verboten hatte die Halle schon so eilig zu verlassen. Sie saßen alle gemeinsam auf dem Boden der Halle und starrten erwartungsvoll zu ihrem Trainer. Auch Reiju wusste nicht was er vor hatte.

"Ich habe gestern bei der offiziellen Stelle für die Vornominierungen im Frühling einmal nachgefragt und das Video von eurem Spiel gegen die Itachiyama bekommen", sagte Toudo und blickte ernst in die Runde. "Erinnert ihr euch an den Gegner?"

Einen Moment blieb es still. Niemand regte sich.

"Es war unsere Niederlage“, brach Wakabayashi das Schweigen. Seine Stimme war ruhig. Wie ein starrer Fels in der Brandung, die die Emotionen darstellten, die das Spiel noch immer mit sich brachten.

"Das große Aus im Halbfinale“, fügte Chisa hinzu und zog seine Beine enger an seinen Körper. "Die haben uns mit ihrem flinken Setter und den zwei riesigen Blockern in Grund und Boden gestampft. So was vergisst man nicht“, sagte er bitter und stützte seinen Kopf auf die Knie.

Toudo nickte. „Ich weiß“, raunte er. Er wirkte so viel ernster als sonst. "Aber das ist auch gut so. Daraus lernt ihr am aller besten, was ihr besser machen solltet.“ Nicken ging durch die Schüler.

„Ich habe euch gerade eben das Video in unseren Gruppenchat geschickt. Bitte schaut es euch heute an und lernt daraus. Jeder von euch! Das Training für heute ist damit beendet.“

„Was, aber... wir brauchen das doch!“, rief Kemudashi, der es in Reijus Augen am aller meisten von ihnen für sich selbst brauchte, auf dem Feld zu stehen. „Gerade wegen dem Spiel gegen die Itachiyama brauchen wir es doch um so dringender von ihnen trainiert zu werden!“

Toudo reagierte nicht darauf.

„Die Halle bleibt auf bis neun, macht also was ihr wollt. Wenn ihr mich später braucht, ich sitze im Versammlungszimmer.“

Toudo packte seine Sachen und verließ die Halle. Er überließ jeden von ihnen sich selbst; für diese eine Trainingseinheit sollten sie ihr eigenes Ich kennen lernen. Was konnten sie und was noch nicht?

Das Spiel gegen die Itachiyama war eine Katastrophe gewesen.

Eine Katastrophe, da zu dem Zeitpunkt jeder Einzelne von ihnen dazu gezwungen wurde an sich selbst zweifeln zu müssen. Sie wurden nach einer Reihe guter Spiele dazu gedrängt sich selbst zu hinterfragen, als es plötzlich und ohne Vorwarnung eng für sie wurde. Ein starkes Team mit einer hohen Angriffskraft, unverwechselbaren Blockern und einem Setter, den man nur selten so aktiv sah, er hatte sie alle gelesen wie ein Buch und sie hatten es in ihrer Unsicherheit hindernisfrei zugelassen. Außerdem eine seltsame Aura, die jeden Kopf seiner Spieler scheinbar in andere Welten befördert hatte. In Welten, in denen sie der Itachiyama um Längen in Technik und Können unterlagen; ob es nun wahr war oder nicht.

Als Toudo nach unzähligem ansehen des Videos klar wurde, dass sie keine gravierenden Fehler gemacht hatten, sondern einfach nur mental völlig überfordert gewesen waren, war es für ihn jetzt ganz sicher. Sein Team musste in den wenigen Tagen, die ihnen geblieben waren an Selbstvertrauen gewinnen und das taten sie zu aller erst allein und untereinander am aller Besten.

 

"Es… es tut mir leid!"

Links entschuldigende Stimme erfüllte die Halle. Er war zum etlichen Male abgesprungen, hatte den Ball in der Luft erreicht, ihn zugespielt und Izaya hatte ihn nicht über das Netz bekommen.

Link tat sich schwer an seiner neuen Aufgabe. Noch kein einziges mal war den beiden der neue Angriff gelungen. Es lag entweder daran, dass Link nicht hoch und weit genug sprang, dass er die Linie übertrat oder den Ball einfach nicht zu fassen bekam.

"Schon gut, schon gut", sagte Izaya aufbauend, der langsam schon an seinen eigenen Fähigkeiten als Ass zu zweifeln begann.

"Aber wir trainieren schon seit einer Stunde und bisher hast du den Ball erst zwei, drei Mal traurig über das Netz befördern können." Link klang niedergeschlagen. "Ist doch kein Problem. Wir machen einfach weiter", sagte Izaya sofort und lächelte dem Jungen aufmunternd entgegen. "Na komm. Ich werfe ihn dir zu." "Ich kann das auch eine Weile allein tun. Musst du nicht deinen Synchronen Angriff üben?", sagte Link jedoch und blickte Izaya in die Augen, doch dieser schüttelte sanft den Kopf. "Los jetzt. Wir machen weiter und du wirst es hinbekommen."

Link atmete tief aus und sah kurz zu Boden. Seine Knie schwitzten unter den Schonern, doch sie waren wie gute Wegbegleiter für ihn, die schon so manche Schürfwunde verhindert hatten. Er war Libero und warf sich immer wieder für die Bälle zu Boden. Jetzt nach ihnen zu springen fühlte sich seltsam an, jedoch auch irgendwie befreiend. Es schenkte ihm unfassbare Möglichkeiten.

Entschlossen ballte er seine Fäuste vor der Hüfte und zog dann seinen niedrigen blonden Zopf fest. Der nächste Ball von Izaya kam schon wie auf Kommando.

Reiju stand still neben dem Netz und beobachtete die Beiden jetzt schon den ganzen Tag. Sie achtete darauf, ob Link übertrat, ob er die richtige Haltung hatte und wie weit er gerade eigentlich gesprungen war. Schon ein paar Mal war er so energisch abgesprungen, dass er im Netz gelandet war und das durfte erst recht nicht passieren. Es barg viel zu viele Gefahren für Verletzungen. Doch irgendwann war er ungeduldig geworden und hatte immer wieder Fehler solcher Art gemacht. Diese kurze Pause schien er gebraucht zu haben. Sie holte ihn wieder zurück zum Wesentlichen.

Link sah nervös zu Izaya rüber, nachdem der Ball seine Finger verlassen hatte.

Gestern hatten die Beiden das Zuspiel eine Weile geübt, ohne dass Link abspringen musste und es war recht gut gelaufen. Nur im Sprung bekam er einfach nicht die nötige Präzision.

Wieder bekam Izaya den Ball nicht richtig zu fassen und er landete am Netz. Enttäuscht seufzte Link, ging dieses Mal aber schnell wieder auf Position und wollte es sofort erneut probieren.

Müde gähnte Reiju auf. Sie hatte heute Morgen vor dem Training schon die Bälle aufgepumpt, die Wasserflaschen gefüllt, frische Handtücher geholt und die Netze festgezurrt. Sie wusste, dass sie das meiste davon eigentlich nicht unbedingt tun musste, aber sie war ohnehin früher wach gewesen als nötig. Sie hatte danach sogar noch Zeit gehabt ein wenig mit Suru zu schreiben, der als Einziger so früh schon wach gewesen war.

Jetzt war es sechs Uhr und sie fühlte sich irgendwie müde und gerädert, doch sie war auch noch immer hochmotiviert.

Ihr Blick ging durch die Halle und sie sah ihr Team. Ihres.

Sie trainierten ohne, dass sie die Anweisung dazu hatten. Jeder war hier, um an sich zu arbeiten und niemand dachte auch nur daran früher diese Halle zu verlassen, als neun Uhr. Sie dachten nur an Volleyball und das zu jeder Sekunde. Es motivierte Reiju nur noch mehr.

Sie umgab der Geruch von Volleybällen und Gummisohlen, die Geräusche von Händen und Armen, die gegen das Leder preschten, und der Anblick von verschwitzten, konzentrierten Spielern. Sie genoss die Kulisse um sich, doch wurde plötzlich hellwach.

Sie sah wieder zu Link und Izaya. Der Ball kam Link in schneller Bahn entgegen. Er selbst machte einen hastigen Satz nach vorn und seine Fußspitze grenzte perfekte an die Angriffslinie. Er sprang und erreichte in der Mitte der Angriffszone seinen höchsten Punkt. Genau die Sekunde in der er den Ball an seine Finger bekam. Sein Zopf hüpfte, als er sich etwas nach hinten lehnte, um die Wucht des Schlages in sich aufzunehmen. Dann spielte er ihn allein mit den Fingerspitzen zurück zu Izaya. Dieser war schon längst in Position und lief voran. Er sprang und bekam den Ball zu fassen.

In einer perfekten Linie flog er von Izayas Hand über das Netz und landete mit einem lauten, triumphierenden Geräusch auf der anderen Seite innerhalb des Feldes.

Er hüpfte ein paar Mal und kam dann ganz langsam zur Ruhe.

Link sah auf. Sah zum Ball und dann zu Izaya und riss seine Augen auf.

„Wir... wir haben es geschafft!“, rief er völlig außer sich und hastete zu Izaya rüber, der seine Arme schon einladend aufgerissen hatte. Er nahm den dünnen und viel kleineren Jungen in die Arme und war sogar in der Lage ihn einmal hoch zu heben und hin und her zu schleudern. Links schallendes Lachen ging durch den Raum und richtete sich dann an Reiju. Er lachte ihr über das Volleyballfeld hinweg entgegen und sie konnte die pure Erleichterung in seinen Augen sehen.

Reiju lachte sofort zurück.

 

„Noch mal.“

Wakabayashis Stimme war tief und rau und hing Gonkuro schon gewaltig aus den Ohren heraus.

„Na los, noch mal hab ich gesagt.“

Seine buschigen, dunklen Augenbrauen zogen sich ernst über seinen Augen zusammen und beäugten den Erstklässler scharf.

Gonkuro schnaubte. Er atmete schwer ein und aus und senkte seinen Blick. Er hatte keine Lust mehr auf seinen Kapitän.

Schweren Atems stützte er sich auf seine Knie und beugte sich vor. Sein Herz raste vor Erschöpfung und ihm wurde schon beinahe schlecht. Eine schwere Schweißperle löste sich von seiner Nase und landete vor seinen Füßen auf dem hellen Holzboden.

Wieder schnaubte er. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig.

„Was ist los? Komm schon!“

Wakabayashis Stimme zog sich durch Gonkuros gesamtes Mark. Sein Atem beruhigte sich nur ganz langsam.

„Ich kann nicht mehr“, nuschelte er plötzlich.

„Wie bitte?“, fragte sein Kapitän hellhörig.

„Ich... kann nicht mehr“, wiederholte Gonkuro und es klang, als verstoße er dabei gegen jede seiner eigenen Regeln. Als ginge es gegen alles, zu was sein Körper eigentlich fähig war.

„Ich kann dich nicht hören, wenn du so nuschelst“, sagte Wakabayashi nur und starrte auf seinen Teamkameraden herunter.

Ganz langsam richtete Gonkuro sich wieder auf. „Ich kann nicht mehr.“

„Ich kann nicht mehr!“, wiederholte er, als er schweren Schrittes auf Wakabayashi zukam. Seine Stimme wurde immer lauter.

„Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!“

Er schrie es, als er genau vor seinem Kapitän zum stehen kam und ihm angeheizt in die Augen blickte.

Er kochte.

„Den ganzen Tag lässt du mich nichts anderes tun als Bälle zu schlagen, einen nach dem anderen, nach dem anderen. Immer und immer wieder. Du stehst nur still da, spielst sie mir zu und lässt mich umherlaufen wie ein Blöder. Bin ich dein Schoßhündchen?!“

Er war jetzt völlig außer sich und schrie es mit voller Kraft.

„Und anstatt mich das üben zu lassen, wofür ich eigentlich hier bin, nämlich Blocks, falls du das vergessen haben solltest, muss ich wiederholt diese Dinge tun, von denen Toudo immer wieder sagt, ich hab sie nicht drauf!

Ich bin jetzt aber völlig fertig, okay. Das ist doch das, was du von mir hören wolltest oder? Ich kann nicht mehr und bin immer noch genau so kacke in Volleyball wie vorher! Bist du jetzt zufrieden, Wakabayashi!?“

Still legte Wakabayashi den Volleyball in seinen Händen zu Boden. Er sah dem nur ein wenig kleineren Jungen in die müden und aufgewühlten Augen.

„Du bist nicht kacke, Gonkuro. Du gehörst zu unseren besten Spielern und bist in der Starting Six. Deswegen tu ich das hier.“

Er sprach ganz ruhig und ließ seinen Blick nicht von ihm ab. Gonkuro konnte diesem nicht lange stand halten. Er ließ ihn zu Boden sinken und horchte stumm den Worten seines Kapitäns.

„Deswegen liegt es mir, Toudo und allen anderen nur noch mehr am Herzen, dass du stärker werden kannst. Wir brauchen dich, Gonkuro. Defensiv natürlich, aber auch offensiv, das musst du endlich verstehen. Du musst begreifen, dass deine Blocks allein nicht alles sind. Wir brauchen mehr von dir. Du willst deine Position doch behalten oder nicht. Dann lerne verdammt nochmal vernünftig wie man Aufschläge und Angriffe macht. Dann wirst du auch bis zum Schluss auf dem Feld stehen können.“

Gonkuro atmete schwer aus und rieb mit der Sohle seines Schuhs gegen den Hallenboden. Er sah aus wie ein Kind, das gerade ermahnt wurde und schmollte, als er endlich wieder aufsah.

Er blickte zur Seite und zog widerwillig seinen Mund zusammen. Dann stapfte er zurück zum Ende des Feldes.

„Tsch“, hörte Wakabayashi aus seiner Richtung, doch er stellte sich in Position und sah ihn endlich wieder an.

„Jetzt mach auch“, sagte er gereizt.

Er ging ein wenig in die Knie und starrte entschlossen zum Netz.

„Als würde ich so simplen Anfängerkram nicht auch perfektionieren können“, raunte er missbilligend und fing endlich an mit aller Kraft nach dem Volleyball zu schlagen.

Reiju betrachtete die beiden eine kurze Weile. Zuerst war sie erschrocken gewesen, von Wakabayashis Eiseskälte, doch sie verstand auch, dass er nur tat, was Gonkuro anscheinend brauchte. Die Wärme und Zuneigung würde er später noch genug von seinen Stufenkameraden aufgezwungen bekommen. Chisa, Kemudashi und Link waren darin besser als jeder andere.

 

Zwei Tage zog Toudo seinen Plan durch. Er trainierte mit seinem Team den gesamten Vormittag die Basics des Volleyballs. Ließ sie Aufschläge machen, Annahmen, Blocks und dann ihre Techniken in denen sie schon lange unverbesserlich waren, wie die Schnellangriffe von Wakabayashi und Izaya. Nach dem Mittagessen dann blieb er in der Hütte und stand nur noch zur Verfügung, wenn jemand eine Frage hatte.

Am vierten Tag des Trainingscamps gesellte er sich wieder zu seinen Spielern.

Er sah sie sich jetzt einmal ganz genau an. Ob seine Taktik sich ausgezahlt hatte, würde sich erst am Samstag, dem sechsten Tag, zeigen. Allerdings war er guter Dinge. Sie scheuten sich nicht mehr vor Alleingängen oder aber davor nach Hilfe zu Fragen. Das war das aller wichtigste. Dadurch, dass er gefehlt hatte, waren sie gezwungen gewesen sich untereinander auszutauschen und die mit ganz bestimmten Stärken nach Unterstützung zu bitten. Es hatte ganz sicher ihren Charakter und ihre Zusammenarbeit gestärkt.

„Die Spiele am Wochenende werden uns die aller ersten Blüten ihrer Arbeit zeigen. Wenn wir Pech haben aber auch den totalen Misserfolg“, raunte Toudo vor sich hin. Er stand neben Reiju und unterhielt sich mit ihr, sagte es jedoch viel eher zu sich selbst. Sie schluckte.

Reiju wunderte sich schon gar nicht mehr über diese seltsame Beklemmung in ihrer Brust, wenn sie daran dachte, dass es bald ernst werden würde. Dabei wurde es noch gar nicht so ernst.

Auf den Schlafentzug hätte sie aber getrost verzichten können. Diese Nacht fand sie Stunden keinen Schlaf. Etwas entnervt atmete sie in die dunkle Stille ihres Zimmers.

Sie hatte schon länger geduscht, als für sie üblich, war länger als nötig den Flur auf und ab gelaufen, um zu checken, ob auch wirklich jeder schon schlief, und hatte sich sogar noch extra etwas zu trinken geholt. Jetzt aber lag sie da und fand einfach keinen Schlaf. Sie dachte an alles, was sie noch tun müsste. Die Leibchen vorbereiten, die Bälle wieder aufpumpen und die neuen Techniken, die sie eingeführt hatte, absegnen. Das Letzte machte sie am aller nervösesten. Sie hatte diese Menschen dazu gebracht ihr völlig zu vertrauen. Wenn diese Techniken jetzt nicht funktionierten, würde sie sich fühlen, als hätte sie sie alle betrogen. Stunde um Stunde hielten sie diese Gedanken am Bewusstsein.

Ermüdet von dem Stress, den sie sich selbst auflud, griff sie nach ihrem Handy.

Reiju war ruhig, autark und besonnen. Wieso jetzt nicht.

Sie scrollte durch Social Media und dann durch ihre Chats. Da bemerkte sie, dass Junko noch online war und schrieb ihr.

„Du bist noch wach?“

„Genau wie du anscheinend“, kam ihre schnelle Antwort. „Was ist los? Ist was passiert? Passt Izaya nicht gut genug auf dich auf?“

Reiju musste lächeln. Sie verneinte schnell und schrieb dann weiter.

„Was machst du so spät noch?“, fragte sie.

„Ich gucke diesen Volleyball Anime.“

Reiju blickte verwundert auf die schwarzen Buchstaben. Ihr Hintergrundbild im Chat lächelte ihr dunkel durch die Textboxen hindurch entgegen. Es waren sie und ihr Bruder Kisumi.

„Für Izaya?“, fragte sie dann und setzte einen schelmischen Emoji dahinter.

Lange kam keine Antwort mehr. Junko war einfach weg. Sie antwortete so lange nicht, dass Reiju vorsichtig einen weiteren Versuch machte, etwas zu schreiben.

„Gefällt er dir?“, fragte sie.

„Ja er ist gut...zu gut. Und jetzt kann ich nicht aufhören ihn zu gucken.“

Erleichtert blickte Reiju auf die neue Nachricht. „Hab ich doch gesagt“, schrieb sie schnell und verfiel mit Junko dem Gespräch über Charaktere, Story und Musik.

 

Irgendwann musste Reiju doch noch in den Schlaf gefunden haben, denn als sie am nächsten Morgen aufwachte, lag ihr Handy genau vor ihrer Nase.

Junkos Erzählen über den Anime hatte sie vollkommen abgelenkt und so hatte sie doch noch ein paar wenige Stunden schlafen können, auch wenn es wahrscheinlich nur drei oder vier gewesen waren.

Völlig fertig setzte Reiju sich auf und ging davon aus, dass es die gleiche Uhrzeit war wie immer, wenn sie aufwachte. Doch als sie auf ihr Handy sah, war es schon beinahe Zeit fürs Training.

Aufgeschreckt sprang sie aus dem Bett, zog sich schnell um und kam gerade noch so mit den ersten Spielern in der Halle an, die wohl genährt vom Frühstück kamen.

Sie verzichtete auf ihr Essen an diesem Morgen und erledigte noch schnell ihre Vorbereitungen zum Training, bevor Toudo an diesem letzten reinen Trainingstag die Halle betrat.

Sie checkte gerade die letzte Befestigung vom zweiten Netz, als auch der Letzte vom Essen kam und sich zu den anderen zu Boden setzte. Sie beobachtete wie die Spieler von Toudo Anweisungen zum heutigen Training bekamen. Dann standen sie auf und begannen fünf gegen fünf mit einem Trainingsspiel, als sie fertig war und bei Seite trat. Izaya war der Erste, der aussetzte und rief plötzlich ihren Namen. Er joggte auf sie zu.

„Was gibt’s?“, fragte sie und atmete tief ein und aus. Sie hatte das Gefühl als zeichne sich so langsam ihr schneller Morgen ab und das an ihrem gesamten Körper. Seltsamer Weise schwankte sie ein wenig.

„Ist alles gut?“, fragte er etwas überrascht, als er neben ihr zum stehen kam. Sie nickte wortlos.

„Ich-“, sprach Izaya also unsicher weiter. „Wir haben dich beim Frühstück vermisst. Wo warst du? Ich wollte dir was ausrichten.“ Reiju zuckte mit den Schultern. „Ich habe verschlafen. Ich besorge mir gleich etwas.“ Er nickte verständnisvoll. „Bitte tu das. Ein Morgen ohne Frühstück ist wie Schuhe tragen ohne Socken.“ Er lachte. „Das sagt Hattori zumindest immer. Keine Ahnung woher sie das hat.“

Jetzt musste Reiju auch ganz zart lächeln. „Ist gut Izaya. Ich hole mir was.“ Er nickte eifrig.

„Was wolltest du jetzt von mir?“, fragte sie dann freundlich und sah zu ihm auf.

„Ich habe gestern mit Ace geschrieben und ich soll dich einfach nur grüßen. Jetzt hab ich das so lange angekündigt, dass es völlig unspektakulär scheint. Entschuldige.“ Beschämt schlug er eine Hand hinter seinen Kopf und sah ihr lachend in die dunklen Augen.

Reiju lächelte. Sie hatte seit Sonntag nichts mehr von Ace gehört.

„Alles gut. Dankeschön“, sagte sie und tätschelte seinen Arm. „Los jetzt. Das Training wartet nicht.“ Er gab einen gehorchenden Laut von sich und lief aufs Feld, wo er jetzt mit Kemudashi den Platz tauschte.

Reiju seufzte. Langsam bekam sie tatsächlich ein wenig hunger. Da wurde ihr Name schon wieder gerufen.

Kemudashi hatte Probleme mit seinem Ringfinger. Er hielt ihn Toudo hin und verzog leicht das Gesicht. „Reiju, könntest du ein Kühlpack holen? Aus der Küche?“, fragte Toudo und sah nicht von Kemudashis inzwischen leicht blauen Finger auf.

„Ich muss beim Schlagen falsch aufgekommen sein mit meiner Hand. Es ist sicher nicht gebrochen, tut aber doch ziemlich weh“, sagte Kemudashi ganz ruhig und unterdrückte ein kleines schmerzliches Winseln, als Toudo den Finger vorsichtig zu bewegen versuchte. Er hatte Angst von seinem Trainer auf die Bank gesetzt zu werden und nicht spielen zu dürfen.

„Sicher“, sagte Reiju sofort und machte sich hastig auf den Weg zur Hütte. Etwas zu hastig, als sie auf die Wiese trat und sich für einen kurzen Moment festhalten musste. Genervt atmete sie aus und machte sich dann etwas langsamer auf den Weg zum Kühlpack.

In der Eile vergaß sie sich auch noch etwas zum Essen mitzunehmen und trat schlapp zu Kemudashi, der inzwischen neben dem Feld auf dem Boden saß und auf sie wartete.

„Danke“, sagte er kleinlaut, als sie ihm die kühlende Hilfe auf den Finger legte.

„Klar“, antwortete sie nur und spürte sofort wieder, wie ihr schwindlig wurde, als sie sich aus der Hocke erhob.

„Kann ich noch etwas für dich tun?“, fragte sie schnell und sah zu ihm herunter.

„Ist alles gut bei dir?“, fragte er jedoch etwas verwundert. Er hatte den selben Blick drauf wie Izaya. „Mir... geht es gut“, antwortete sie weniger überzeugend und hielt ihren Blick nicht auf seinem.

„Sicher? Du bist so blass.“ Sie nickte und sah rüber zu Toudos Tasche, wo er Tape für Kemudashis Finger schon bereit gelegt hatte.

Er folgte ihrem Blick und nickte. „Stimmt. Aber das kann auch Toudo für mich tun. Setz dich lieber“, sagte er, als sie darauf zugehen wollte, aber keinen sicheren Stand fand.

Schnell erhob Kemudashi sich und wollte ihr unter die Arme greifen, doch sie verneinte.

„Keine Sorge, mir geht es gut“, sagte sie. Sie wusste nicht einmal wieso sie das sagte. Ihr ging es gerade nämlich absolut nicht gut. Sie war müde und hungrig. Ihr Kreislauf gab langsam nach.

Nervös rannte Kemudashi rüber zu Toudo und erzählte ihm, dass es Reiju nicht gut zu gehen schien.

Sofort sah ihr Trainer sie an. „Reiju!“

Es war jetzt schon das dritte mal, dass jemand ihren Namen rief. Sie sah zu ihm auf, als er auf sie zuging. Er blickte ihr prüfend ins Gesicht und fasst nach ihrer Hand. Sie war blass und ihre Haut eiskalt.

„Setz dich mal besser eine Runde auf die Bank, hörst du.“

Er klang ernst. Seine Augen klebten an ihren.

„Toudo, mir geht es gut“, sagte sie matt und starrte auf das Tape, welches nur noch einen Schritt von ihr entfernt lag.

„Auf die Bank mit dir, Reiju.“ Ihr Trainer schien ihr nicht zuzuhören und spitzte seine Stimme zu einem bestimmten Hauch zusammen.

Sie seufzte, als ihr plötzlich noch Izaya seine Hand auf die Schulter legte. Sie konnte es nicht ausstehen so bemuttert zu werden.

„Sie hat heute nicht gefrühstückt. Ihr ist sicher schwindlig“, sagte er zu Toudo und drängte Reiju sanft an der Schulter zur Bank. Er setzte sie nieder und wartete einen Moment, als wolle er überprüfen, ob sie wirklich sitzen blieb.

„Toudo ich...“, sie wollte noch kurz protestieren, doch er unterbrach sie nachdrücklich.

„Auf die Bank!“, sagte er erzürnt und schickte Izaya dann mit einem heftigen Kopfnicken zurück aufs Feld. Dann griff er nach dem Tape neben ihr und ging zurück zu Kemudashi, der aufgeschreckt am Feldrand stand und entschuldigend zu ihr rüber sah. Toudo hatte heftiger reagiert, als er gehofft hatte. Er hatte ihr doch nur helfen wollen.

Izaya dagegen wusste, dass Toudo immer genau so reagierte. Deswegen war er auch sofort dazu gestoßen. Er wusste, dass er es nicht so meinte, konnte aber gerne mal sehr wütend wirken, wenn sich jemand gegen seine Gesundheit entschied.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er jetzt Reiju, die vornüber gebeugt auf der Bank saß und ihren Kopf in die Hände gestützt hielt. Ihr Haar fiel ihr vor das blasse Gesicht.

Nachdem Toudo Kemudashis Finger getaped hatte, trat er wieder an sie heran. Er half ihr langsam beim aufstehen und brachte sie raus zur Tür.

10 Minuten brauchte er um zurück zur Halle zu gelangen. Izaya hätte sich nicht gewundert, wenn er Reiju noch gefüttert hätte, bevor er sie allein gelassen hatte. Er lächelte in sich hinein und konzentrierte sich endlich wieder auf das Spiel.

 

Reiju schob sich nur all zu gern eine Ladung Reis in ihren Mund und kaute sorgfältig darauf herum. Vom Schwindel war ihr eigentlich total übel geworden, aber das Essen stillte für sie gerade alles.

Eine kleine Portion Reis nach der anderen landete in ihrem Mund und füllte ihren leeren Magen.

Als sie fertig war lehnte sie ihren Kopf auf den kühlen Holztisch und schloss die Augen. Schwindlig war ihr noch immer.

Sie war auch wirklich naiv gewesen zu glauben ihr Körper würde den gesamten Vormittag ohne Essen und Schlaf aushalten, wobei ihr schon immer so leicht schwindlig wurde.

Sie atmete tief ein und wieder aus und versuchte an gar nichts zu denken. Nicht daran, dass sich alles um sie herum drehte und auch nicht daran, dass es genau so auch ihr Magen tat.

Nach einer kurzen Weile wurde ihr das ein wenig zu blöd und sie schaute auf ihr Handy.

Sie hatte eine Nachricht von Suru. Er schrieb ihr jeden Tag und wartete bis sie ihm knapp zum Mittagessen antworten konnte, um ihr dann wieder zu schreiben und bis zum Abend zu warten.

Diesmal aber rief Reiju ihn einfach an. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich deswegen noch Sorgen machen würde.

„Reiju?“, fragte er ganz verwundert. Sie hörte Autos und wildes Gerede im Hintergrund.

„Passt es dir nicht?“, fragte sie, doch er verneinte sofort.

„Was ist los?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern, auch wenn er es nicht sehen konnte.

„Mir wurde gerade verboten die Halle zu betreten“, sagte sie und ihre Stimme klang träge.

Stumm wartete Suru, bis sie es genauer erklären würde.

„Ich habe nicht gefrühstückt und bin beinahe umgekippt“, sagte sie unklar. Ihr war es so unangenehm.

„Reiju.“ Sie hörte ihm sofort diesen leichten Ärger an, der in ihm aufstieg, doch er blieb sanft.

„Wie geht es dir jetzt?“, fragte er. „Gut. Mir ist nur etwas schwindlig.“ „Ruh dich aus Reiju. Und wehe du vergisst noch einmal zu essen!“ Da war er ja. Der freundliche und seichte Ärger.

„Ich hätte ja gegessen hätte ich nicht verschlafen. Und ich hätte nicht verschlafen, wäre ich nicht so nervös.“

„Wieso nervös?“, fragte er und horchte auf. Sie seufzte und setzte sich vorsichtig aufrecht in ihren Stuhl.

„Diese ganze Volleyball Sache macht mich einfach nervös.“ Ihre Stimme klang leise durch den Hörer an Surus Ohr. „Ich war noch nie nervös wegen so etwas. Nicht einmal bei Klausuren.“

Sie hörte sich so erschöpft an, dass Suru einen Moment schluckte. „Ich glaube ich bin es einfach nicht gewohnt so sehr in etwas eingebunden zu sein.“

„Weißt du Reiju“, begann er dann und sie wusste, dass er die richtigen Worte finden würde.

„Ich denke, dass du hier so nervös bist liegt nicht daran, dass du noch nie etwas der gleichen leidenschaftlich geliebt hast.“ Er machte eine kurze Pause und horchte ihrem klaren Atem. Er dachte nach.

„Ich denke es liegt nur daran, dass du dir nicht eingestehst gut genug zu sein. Das hast du die letzten Tage doch immer wieder von dir gesagt oder?

Ich meine... wenn es um Natur geht bist du dir so sicher. Da ist es dir völlig egal, was andere denken oder tun. Du kennst diese Liebe seit deiner Kindheit und deswegen ist es eine so leichte Leidenschaft für dich, aber der Volleyball-“

Reijus Herz pochte ihr bis zum Halse, als er so offen über ihre Seele sprach.

„Er steht noch halb im Dunkeln für dich und bezieht noch so viele andere Leben mit ein, als nur deines. Du bist nicht mehr für dich und dabei kennst du das was vor dir liegt noch gar nicht.

Gib dir ein wenig Zeit, dich einzufinden. Das regelt sich schon.“

Reiju blieb lange still, als Suru aufgehört hatte zu reden. Er ließ sie alleine für sich denken und blieb wortlos an ihrer Seite.

„Mich stört es so, dass ich nicht sein kann wie immer“, sagte sie dann vorsichtig.

„Lass dir von den schlechten Gefühlen nicht deinen Spaß nehmen. Den hast du doch, oder?“

Wieder kurze Stille.

„Ich würde am liebsten sofort zur Halle zurück und weiter machen“, sagte sie und klang doch völlig lakonisch. Er lächelte.

„Ruh dich noch etwas aus und überstürze es nicht. Und iss vernünftig, hörst du.“

„Mhm“, machte sie nur, doch er wusste, dass sie es ernst meinte. Dann legten sie beide auf.

 

Als Reiju nach einer Weile zurück zur Halle kam, hatte sie nicht erwartete von einem immer noch so erzürnten Blick auf Toudos Gesicht begrüßt zu werden. Die Spieler schlossen gerade alle ihre Übungen ab, um zu Mittag zu essen.

Reiju wollte sich zu ihnen gesellen als Toudo sie abfing und zurück zur Hütte brachte. In seinem Zimmer setzte er sie auf einen Stuhl und sah zu ihr herunter.

Reiju dachte jetzt gerade an zwei Dinge. Entweder er würde sie jetzt völlig außer sich anschreien oder ganz sanft um ihr ergehen ausfragen. Er hatte eben schon beide dieser Seiten gezeigt. Oder aber er mischte sie einfach zusammen.

„Reiju“, begann er und er starrte sie erbarmungslos an. „Ich kann es einfach nicht fassen. Kann es nicht fassen, dass einer von euch seine Gesundheit aufs Spiel setzt und dann auch noch du, die doch sonst nur so vor Verantwortung und Besonnenheit übersprüht. Und für was? Nur für einen... Sport!

Ich werde ja wirklich selten sauer, aber wenn es um so etwas geht, könnte ich explodieren.

Du magst vielleicht keiner meiner Spieler sein und deinem Alter voraus handeln. Du magst eine treibende Kraft im Training sein und an meiner Seite arbeiten, aber du bist immer noch sechzen Jahre alt, verdammt, und ich dein Aufpasser. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustößt. Jeder einzelne von euch ist wie eines meiner Kinder. Und wenn es dir schlecht geht, dann sagst du das verdammt nochmal und ruhst dich aus.“

Irgendwie war es Reiju mit einem Mal, als stünde Suru vor ihr. Junko und Keita, die sanft eine Hand auf ihre Schultern legten und Suru, der energisch auf sie einsprach.

Toudos Stimme war zum Ende immer ruhiger geworden. Genau wie Suru, der ihr nach der Standpauke sanft einen Kuss auf die Stirn gab und sie umarmte, während sich Junko und Keita mit dazu drängten.

Abgesehen von ihnen hatte noch nie jemand so mit ihr gesprochen und schon gar keine Autoritätsperson. Und auch wenn sie und Toudo sich oft wie Gleichwertige benahmen, war er noch immer ihr Trainer und stand ganz klar über ihr. Er schien sich in diesem Punkt Vorwürfe zu machen.

Sie blieb still, auch als Toudo tief seufzte und sie ansah.

„Entschuldigen sie“, sagte sie nach einer Weile.

Er blickte ihr weiter in die Augen und sein Gesicht wurde sanfter, Sekunde um Sekunde.

„Wie geht es dir jetzt?“, fragte er und war jetzt wieder völlig ruhig und fürsorglich.

„Mir geht es gut. Es war nur der Kreislauf.“

Er nickte überlegt und deutete dann auf die Tür. „Dann geh jetzt und iss was. Genieße die letzten Mahlzeiten von meiner Frau.“

Reiju stand auf und verbeugte sich halb vor ihm. „Entschuldigen sie, Toudo.“

Mit den Worten verließ sie das Zimmer.

23 Uhr. Abend des fünften Tages.

Reiju machte ihren letzten stillen Gang durch die Flure der Hütte und checkte in den drei Zimmern der Jungs, ob alles in Ordnung war.

Jedes Mal kam ihr nur müdes Nicken und ein raues „Gute Nacht, Reiju“ entgegen. Zufrieden nickte sie also drei Mal zurück und wünschte ebenfalls eine Gute Nacht. Dann ging sie den Flur wieder runter und wollte ebenfalls endlich schlafen gehen, als ihr das Geräusch der Toilettenspülung entgegen kam. Die Tür der Toilette öffnete und schloss sich. Kemudashis feuerrotes Haar stand im Mondlicht und war für Reiju unverkennbar.

Die Erstklässler waren doch eigentlich schon vor einer Stunde ins Bett gegangen, dachte sie sich und trat auf ihn zu.

„Ist alles okay?“, fragte sie, als er eine Weile einfach nur dort vor dem Fenster gestanden und sich nicht geregt hatte. Sie legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.

Aufgeschreckt zog er sich zusammen und sah mit weiten Augen zu ihr rüber.

„Entschuldige“, murmelte sie. Sein Gesicht war erschüttert. Es erschien kreidebleich im blassen Licht der Nacht.

„Ja, alles gut“, antwortete er dann knapp, nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte.

„Sicher?“ Ein wortloses Nicken kam ihr entgegen. Sie ließ ihren Blick nicht ab.

„Ich-“, begann er also doch zu sprechen. „Ich kann nicht schlafen.“

Reiju sah ihm weiter ins Gesicht. Seine Haare, die er sonst hoch nach oben gegelt trug, lagen jetzt frisch gewaschen und lang auf seiner Stirn.

„Ich bin viel zu nervös. Aber wenn ich nicht schlafe, dann bin ich Morgen nicht fit und das macht mich noch viel nervöser. Dann geht das ganze immer im Kreis und ich komme nie zur Ruhe.“

Reiju nickte. Kemudashi war laut und aufgeweckt, genau wie Chisa, doch auch ruhig und fokussiert und das brachte ihm genügend Sorgen mit. Sie tastete sich langsam an seinen Charakter heran und versuchte ihn zu verstehen. Toudo schien ihn in den letzten Tagen wohl doch ein wenig mehr verunsichert zu haben, als sie gedacht hatte. Seine Abwesenheit hatte ihm als Einziger irgendwie seine Sicherheit genommen, statt sie ihm zu geben.

"Du solltest wirklich schlafen, da hast du recht." Ein stummer Blickwechsel. So nah hatte er Reiju noch nie gestanden, dachte er sich. Ihre Ausstrahlung war unerwartet wohltuend und behaglich.

"Also gut, wie war das noch mal beim Synchronen Angriff? Was habt ihr euch für ein Zeichen überlegt?", fragte sie sanft. Er beäugte sie. Zögernd streckte er Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand und legte den Daumen über den kleinen und den Ringfinger. Sie nickte. „Stimmt“, sagte sie. „Und wann genau lauft ihr dann los?“ Kemudashi legte den Kopf schräg, als verstehe er überhaupt nicht worauf sie hinaus wollte. „Wenn Izaya erneut das Zeichen gibt.“ Reiju nickte bestätigend. Sie sah ihn schweigend an. "Du scheinst gut vorbereitet zu sein. Deine Aufgaben hast du jedenfalls erledigt." Er nickte unsicher.

"Bist du denn bisher gar nicht müde?", fragte sie dann. Sie hob ihre Hand, in der sie noch ihre frisch gekaufte Wasserflasche hielt, und reichte sie ihm. "Doch schon", sagte er und gähnte plötzlich. Dann nahm er die Flasche entgegen. "Trink einen Schluck, dann geht's dir besser. Danach kannst du sicher schlafen.“ Er nickte und bedankte sich. Er wusste noch immer nicht so ganz was gerade eigentlich vorging. Versuchte Reiju ihm gerade zu helfen oder unterhielt sie sich nur ein wenig mit ihm?

Sie fasste ihm an den Arm und sah dann den Flur runter. Er nickte wieder. Dann ging er zurück in das Schlafzimmer der Erstklässler. Die anderen schliefen schon seit einer ganzen Weile.

Er trank einen großen Schluck Wasser und spürte wie das kalte Nass seine Kehle runter rann. Dann legte er sich hin und fand nach ein paar weiteren wachen Minuten endlich seinen Schlaf.

 

08Uhr. Morgen des sechsten Tages.

Sie kamen als letztes der drei teilnehmenden Teams an der großen Halle, eine halbe Stunde ihrer eigenen entfernt, an. Das eine Team war gerade dabei sich zu dehnen, als sie frisch umgezogen und bereit zu ihnen traten.

Toudo, der seit zwei Jahren Trainer der Kinroko war begrüßte den Trainer freundlich und umarmte ihn sogar, als sie sich gerade noch die Hand gaben.

Mit zwei Jahren war er noch lange davon entfernt ein alter Hase in dieser Branche zu sein; Zusammen mit Wakabayashi war er damals an die Schule gekommen, doch diesen Trainer kannte er wirklich gut. Sie hatten sich schon früh bei einem Spiel gegeneinander gut verstanden und eine enge Freundschaft aufgebaut, die darin resultierte, dass das Kinroko Volleyballteam einen festen Rivalen und Gegner fürs Training hatte.

Damals unterlag die Iwatobi der Kinroko so gravierend, dass sich ihr Trainer Nanase nach dem Spiel sofort zu Toudo rüber begab und ihm eine Frage nach der anderen stellte. Er führte eine komplette Spielanalyse mit ihm durch, hinterfragte jeden Spielzug seiner Jungs und durchdachte Alternativen, fast als wären sie beim professionellen Shogi.

Toudo hatte das aber irgendwie sympathisch gefunden. Nanase war nur wenig älter als er, war aber schon seit acht Jahren Trainer der Iwatobi. Er schien Niederlagen nicht gewohnt gewesen zu sein und hatte ihm eine technische Frage nach der anderen gestellt. Dabei hatte Toudo zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich viel für das Team getan und es einfach nur von seinem Vorgänger übernommen, was er auch gesagt hatte, aber das schien Nanase gar nicht zu interessieren. 'Im letzten Jahr haben wir noch gegen euch gewonnen. Irgendwas musst du also bewirkt haben', hatte er gesagt und ihn damit viel mehr loben wollen, als sein Ausfragen zu rechtfertigen. Er hatte gegrinst und ihm seine Nummer gegeben.

Jetzt sahen sie sich dieses Schuljahr das erste Mal zu einem Freundschaftsspiel und Toudo war erfreut ihm sein neues Team mit den neuen, starken Erstklässlern vorstellen zu können.

„Ihr könnt euch dem Dehnen direkt anschließen“, sagte Toudo zu seinem Team gewandt und beobachtete zufrieden wie sie ihre Wasserflaschen zu Boden stellten. Sie dehnten ihre Schultern und Finger, die Hüfte und zu guter Letzt ihre Beine, wozu sie sich zu zweit zusammen taten.

Toudo drehte sich wieder zu Nanase. „Wo ist das andere Team, welches du eingeladen hast?“, fragte er. „Ah, die sind draußen und laufen ihre Runden auf der Wiese.“ Toudo nickte. „Wie hießen sie noch gleich?“ „Samezuka.“ Toudo nickte. „Nervös ihnen nicht gewachsen zu sein?“, fragte Nanase dann grinsend. Toudo schüttelte lachend den Kopf. „Ich doch niemals.“ Er grinse. „Mal sehen wie hoch sie ihr erstes Spiel gegen uns verlieren werden.“ Nanase lachte laut schallend los und ließ seinen Blick über sein Team schweifen. Es saß einige Schritte entfernt von der Kinroko, die bei den Beinen angekommen waren und sich ruhig unterhielten.

„Wisst ihr irgendwas über die Teams, gegen die wir heute spielen?“, fragte Chisa während Kemudashi seinen Oberkörper sanft gen Boden drückte und seine Beine dehnte.

„Gegen die Iwatobi haben wir schon oft gespielt. Sie sind stark, aber ein wirklich sympathisches Team. Das andere Team kenne ich nicht“, sagte Wakabayashi.

„Ich habe draußen auf einem der Busse Samezuka gelesen. Die Schule ist so reich die können sich sogar einen eigenen Bus leisten“, entgegnete Soma sofort. Izaya musste lachen. Er ließ sich von Link zu Boden zwingen. „Mach dir davon keinen ersten Eindruck. Spiel erst mal gegen sie.“

„Ja, ja“, sagte Soma aber grinste seinem Co-Kapitän entgegen.

„Wie ist die Iwatobi so?“, fragte er dann. Er war sich heute so sicher auch einmal zum Zug zu kommen. Bei zwei Tagen Spielen und unendlich erlaubten Auswechslungen würde Toudo doch nicht anders können, als Wakabayashi auch mal auf die Bank zu schicken.

„Sie haben einen ziemlich wilden Spielstil, wenn du mich fragst“, sagte Izaya, der letztes Schuljahr schon ein paar mal gegen sie gespielt hatte. „Wild?“, fragte Link. „Ja sie sind recht schlecht einzuschätzen, da jeder Spieler von ihnen gefühlt auf jeder Position spielt. Es ist schwer zu beschreiben, aber sie bewegen sich wirklich viel.“ Masamune nickte. „Das trifft es ganz gut.“

Soma dachte scharf nach. Unvorhersehbar. Das war ein Problem, welchem er sich als Setter annehmen müsste. Wie las man ein Team, das von über all her kommen konnte?

„Aber sie werden auch schnell müde“, fügte Wakabayashi hinzu. „Jedes Team hat seine Schwächen“, sagte er grinsend und zog die Beine an. Er hatte den sich weigernden Gonkuro dazu gezwungen ihm beim Dehnen zu helfen, auch wenn er dem Erstklässler gehörig auf die nerven ging, und jetzt war er an der Reihe seine Beine aufzuwärmen. Gonkuro nahm vor ihm Platz und Wakabayashi war wirklich beeindruckt davon wie erstaunlich dehnbar er doch war.

 

Nachdem sie draußen noch ein paar Runden gelaufen waren machten sie sich eine Stunde nach der Ankunft bereit für das erste Spiel. Zu aller erst spielten sie gegen die die Iwatobi. Darauf hatten sie alle bestanden.

Izaya richtete seine Knieschoner und war mehr als bereit endlich mal wieder gegen ein anderes Team zu spielen als gegen sich selbst. Nicht auch nur ein Funken Nervosität durchzog ihn. Er war absolut motiviert und spürte ein seichtes Gefühl des Zusammenhalts zwischen seinen Spielern. Er wusste, dass sie gut zusammen arbeiteten; Zusammenhalt war ja auch das Motto ihres Teams und prangte auf ihrem Fanplakat. Aber dieses Gefühl vor einem Spiel war einfach unverwechselbar. Es war stark und allgegenwärtig, als würden sie alle das gleiche spüren und denken. Als würden sie alle gemeinsam wissen, dass jeder von ihnen einfach alles geben würde, egal was auch passierte.

Als die ersten sechs das Feld betraten, saß Link auf der Bank. In den Händen hielt er einen der Volleybälle.

Er drehte ihn zwischen seinen Handflächen hin und her und hielt ihn sich vor die Brust, als wollte er sich wieder und wieder an das Gefühl des Balls gewöhnen und sich ihm annehmen. Er schien ganz ruhig, doch er war auch irgendwie nervös. Er starrte auf den Ball und hatte ein wenig Angst davor sich über die letzten fünf Tage nicht weiter entwickelt zu haben.

„Link“, hörte er plötzlich Reijus zarte Stimme, doch er sah nicht auf.

„Hörst du die Seele des Balls mit dir sprechen, Link?“

Jetzt sah er zu ihr und blickte sie mit düsteren Augen an, doch sie lächelte nur. Sie wusste genau, dass es ihn auflockern würde.

Er atmete tief ein und aus und legte endlich den Ball bei Seite. Dann lächelte er flüchtig in ihre Richtung.

Das erste Spiel hatte schon angefangen. Toudo mimte den Schiedsrichter und die zwei Managerinnen der Iwatobi hatten sich bereit erklärt die Punkte zu notieren und es Toudo und Reiju später auch auszuhändigen.

So wie Reiju sich sicher war, dass es Link gut ging, sah sie rüber zum Feld. Es war ein Freundschaftsspiel, doch jeder von ihnen nahm es ernst, das konnte sie sehen. Sie wirkten in einem richtigen Spiel irgendwie anders als sonst. Sie schienen sich viel mehr zu fokussieren und alles andere auszublenden. Sie formatierten sich zu einem Rudel Wölfe, die alle an einem Strang zogen. Wenn Izaya als treibendes Ass im Team zu einem Angriff ausholte, spürte sie die Hoffnung und die Motivation, die durch jeden hindurchfloss. Er als Ass zog sie alle voran und zeigte, dass sie immer weiter machen konnten, egal wie es am Ende ausging. Er war für alles die Notlösung, doch nicht der Einzige, der Punkte erzielte. Im Gegensatz zu Chisa, holte er sogar weniger.

Immer wieder wurde das Team durchgewechselt und dennoch veränderte sich nicht die Dynamik zwischen ihnen. Egal wer aufspielte, angriff oder blockte, sie kannten und vertrauten sich. Sie arbeiteten zusammen und wirkten, als gehörten sie schon von Geburt an genau hier hin, in dieses Team und in kein anderes. Egal in was sie schwächelten, die Teamarbeit stand an aller erster Stelle.

Sie waren wirklich wie Wölfe, die sich im Rudel an dich anpirschten, bis sich einer zum Angriff erhob.

Reiju verlor sich in dem Anblick. Sie fand Volleyball schon immer irgendwie interessant, aber so eingebunden spürte sie was es wirklich bedeute konnte. Ihre Jungs liebten das Spiel, doch dass es so offensichtlich auf dem Feld zu sehen sein würde, hätte sie niemals gedacht.

Kemudashi entriss sie ihren Gedanken.

„Hast du noch was zu trinken da?“, fragte er und beugte sich zu ihr herunter. Das Spiel ging jetzt schon eine Weile und es lief der dritte Satz. Schwerer Atem berührte ihre Haut und sie erwachte.

Kemudashis verschwitztes Gesicht sah ihr fragend entgegen. Als er sah, dass sie reagierte stellte er sich wieder auf.

„Klar, hier.“ Sie griff in die Kühlbox des Teams und reichte ihm eine Wasserflasche. „Danke“, antwortete er freundlich und setzte sich neben sie.

Reiju blickte zu ihm rüber und dann auf die restlichen Spieler auf der Bank. „Will noch jemand was trinken?“, fragte sie und jeder verneinte. Nur Izaya nicht. Er reagierte einfach überhaupt nicht.

„Hey, Izaya!“, sagte sie also etwas lauter und obwohl sie sich ganz sicher war, dass er sie diesmal hätte hören müssen, regte er sich wieder nicht. Er lehnte auf seinen Knien und starrte auf das Feld, schloss für eine Weile seine Augen und sah dann wieder nach vorn.

„Das tut er immer“, sagte Kemudashi, als er ihren verwunderten Blick sah. Sie sah zu ihm.

„Immer wenn er gerade nicht spielt, also für gewöhnlich in Auszeiten, sitzt er so da und versucht seine Konzentration vom Spiel aufrecht zu erhalten. Wenn er dann wieder zurück aufs Feld kommt ist es dann so, als sei er nie weg gewesen.“ Kemudashi lächelte, als es in Reijus Kopf zu arbeiten begann. „Er will den Flow nicht lösen?“, fragte sie. Kemudashi nickte. „Jap, so ist es.“ Reiju nickte und speicherte die Information ab. „Danke“, sagte sie und sah wieder zum Spiel.

„Der Synchrone Angriff funktioniert wirklich gut“, sagte er dann, um das Gespräch aufrecht zu erhalten. "Ich muss zugeben, dass es mich wirklich nervös gemacht hat, aber dass er so effektiv ist, hätte ich wirklich nicht gedacht."

Reiju horchte sofort auf. Sie sah schon die ganze Zeit aufs Spiel und hatte die Male gezählt in denen der synchrone Angriff geklappt und in denen er versagt hatte.

Tatsächlich hatten die vier diesen Angriff jetzt schon drei Mal versucht und nur einmal war er ohne Punkt ausgegangen. Sie waren dadurch, wie Toudo es sich gewünscht hatte, wirklich ein wenig weniger einfach lesbar geworden und dadurch, dass es immer wieder vier mögliche Angreifer gab, konnten sie diesen Angriff auch problemlos ein paar Mal öfter ausführen.

Reiju fiel jetzt ein riesiger Stein vom Herzen. Dass auch Kemudashi selbst ihr die Bestätigung gab, dass es für ihn gut funktionierte, erleichterte sie so sehr. Sie alle sahen tatsächlich Fortschritte in ihrer aller Verhalten.

Gonkuro schien, zumindest wenn er gemeinsam mit Wakabayashi auf dem Feld stand, besonnener und bekam jetzt auch Angriffe flüssiger hin.

Soma hatte durch die Zusammenarbeit ganz genau lernen können, was Izaya, Masamune, Chisa und Kemudashi im Angriff brauchten.

Izaya hatte gelernt flexibler in seinem Angriffsmuster zu sein und auch mal von weiter hinten einen Ball zu schlagen.

Link war sicherer jedes Mal, wenn er am Boden einen Ball rettete und bekam lauten Zuspruch von Izaya, bei jedem seiner Aktionen.

Die Liste ging in Reijus Kopf immer so weiter und weiter.

Jetzt wartete sie nur noch darauf, dass Link sich traute Izaya das Symbol für sein Zuspiel zu geben. Doch dazu kam es im ersten Spiel nicht mehr.

Dennoch gewannen sie knapp im dritten Satz 32 zu 30. Erschöpft aber glücklich holte sich jeder von ihnen etwas zu trinken und sofort dachten sie an ihr nächstes Spiel gegen die Samezuka. Iwatobi führte in der Zwischenzeit ihr Straftraining durch und machten sich bereit mehrere Runden um die Halle zu laufen.

 

"Ihr wart wirklich gut", begann Toudo eine kurze Ansprache. "Ihr wart am Anfang vielleicht etwas nervös, aber ihr seid schnell warm geworden. Ich bin stolz auf euch Jungs."

Er sah jedem von ihnen kurz in die Augen und versuchte ihnen mehr und mehr ein gutes Gefühl zu geben.

"Als nächstes kommt Samezuka und ich kann euch leider überhaupt nicht sagen wie sie so spielen. Ihr Trainer war auch nicht wirklich gesprächig, aber einer ihrer Blocker ist unfassbar groß. Passt auf alles auf, was euch seltsam vorkommt." Alle nickten. "Gut, wenn ihr dann bereit seid dann kommt her."

Er lächelte und legte Izaya und Chisa neben sich die Arme um die Schultern. Dann machte es jeder. Sie, Reiju eingeschlossen, steckten die Köpfe zusammen und sahen einvernehmlich zu Boden. Sie riefen gemeinsam ihren Schlachtruf und lösten sich dann mit einem Mal auf. Die sechs ersten betraten das Feld. Die anderen setzten sich oder wärmten sich noch einmal auf.

Reiju blickte sich noch einmal kurz um. Ihr Team, ihr Trainer. Dann stellte sie sich zum Feld, bereit diesmal die Punkte selbst zu notieren.

Dieses Spiel verlief auf seltsame Art und Weise zäher. Es fielen nur schwerfällig Punkte und wenn, dann welche für die Samezuka. Schwerfällig, groß und mit kaltem Blick standen ihre Blocker nah am Netz und schmetterten jeden Angriff einfach so ab. Nur wenige Angriffe von Izaya, Chisa oder Kemudashi landeten im gegnerischen Feld am Boden.

Der Synchrone Angriff funktionierte zwar auch bei diesem Team gut, doch sie konnten damit nicht ewig angreifen.

Es setzte Link unter Druck sein Zuspiel auszuprobieren und je länger er auf der Bank saß und zusah wie sein Team kämpfte desto mehr brannte er plötzlich darauf.

"Toudo!" Er sprang auf und rannte zu seinem Trainer. "Lassen Sie mich bitte sofort spielen. Lassen Sie mich bitte. Ich werde es probieren."

Zufrieden über sein plötzliches Vertrauen in sich selbst nickte er. Er schicke Gonkuro vom Feld und ließ Link sein Ding tun.

Als Reiju sah wie er eingewechselt wurde, begann ihr Herz zu rasen. Aufgeregt beobachtete sie weiter das Spiel.

Sie waren inzwischen beim zweiten Satz und hatten den ersten verloren. Es schien in Link etwas bewegt zu haben. Er brannte und wartete nur darauf, dass Soma einen Fehler machte. Er wartete den perfekten Zeitpunkt ab und da war er. Soma berührte den Ball und schenkte Link seinen Moment. Er streckte seine Finger aus, mit dem Daumen auf der Handfläche und startete seine ganz eigene Spieltaktik.

Izaya sah es sofort. Unmerklich nickte er und bereitete sich vor. Der Ball kam locker und war in der perfekten Höhe. Link sprang, spielte zu und musste sehen, wie Izaya den Ball nicht recht an die Hand bekam. "Entschuldige!", rief Link sofort, doch noch schneller kamen die Rufe seiner Teamkameraden. "Guter Versuch!", riefen sie und machten einfach weiter. Link atmete tief ein und machte sich auf den nächsten Ball gefasst.

Reiju hatte gedacht es würde sie vollkommen aus der Fassung bringen, wenn eine ihrer Vorschläge nicht funktionierte, doch sie sah diese tiefe Entschlossenheit in Links Augen und die absolute Akzeptanz der anderen Spieler und war sich einfach nur sicher, dass es das nächste mal klappen würde.

Link brauchte noch ein paar Ansätze über das gesamte Spiel hinweg und verschenkte viele Punkte, doch das interessierte niemanden. Es war nicht wichtig, ganz und gar nicht. Das einzige was zählte war der unglaubliche Moment in dem Link es schaffe Izaya einen perfekten Ball völlig regelkonform zuzuspielen und Izaya an den verwirrten Blockern vorbei einen Punkt erzielte. Es was ekstatisch.

Ein flüchtiger Blick von Link gehörte nur Reiju. Sie war über glücklich.

 

Nur mit Mühe und Not gewannen sie den zweiten Satz und bekamen in einem dritten ihre Chance noch zu gewinnen.

Toudo nutzte die kurze Pause zwischen den Sätzen und ließ sein Team sich um ihn versammeln.

„Ich habe eine Idee“, sagte er und sprach schnell. Sie würden nicht lange Zeit für die Pause haben.

„Die Samezuka, sie machen unfassbar viele Finten.“

„Sollen wir jetzt auch eine Finte nach der anderen spielen?“, fragte Gonkuro gereizt. Er war die Spitze der Verteidigung und dennoch hatte er unfassbar lange gebraucht, um sich an ihren Spielstil anzupassen. Er hatte eine Finte nach der andere durchgelassen und sich einfach nicht daran gewöhnen können, wie außergewöhnlich präzise sie sie spielten.

„Mach dir nichts draus“, halte es von Wakabayashi und den anderen Spieler in seinem Kopf wieder, doch er machte sich etwas daraus. Es war unfassbar stressig zu wissen, dass sie die Bälle so leicht an ihm vorbei spielten. Es reizte ihn.

Toudo schüttelte den Kopf. „So ähnlich“, sagte er und starrte plötzlich zu Chisa. Er hatte beim Beobachten eine ganz neue Eingebung gehabt.

„Es ist so“, begann er und betrachtete seinen jungen Spieler. „Du bist der kleinste Chisa und dafür, dass du zu den Angreifern gehörst ist deine Sprungkraft nicht wirklich außerordentlich.“

„Können sie das ganze nicht etwas netter formulieren?“, fragte er kleinlaut und schmollte. „Außerdem...ich bin 1,70! So klein ist das gar nicht.“

„Entschuldige“, sagte Toudo und ignorierte Chisas Einwand. „Aber das ist genau was dich zum perfekten Lockvogel macht. Ich sage nicht, dass du gar nicht mehr angreifen sollst, aber wenn es gleich wieder an den Punkt kommt an dem die Samezuka euch scheinbar vollkommen gelesen hat, sollst du ins Spiel kommen.

Für besondere Angriffe läufst du doch immer eine gewisse Strecke an, bevor du abspringst.“

Er nickte. Das gesamte Team war völlig still und horchte seinem Trainer.

„Du kommst aus dem Stand eben einfach nicht so hoch wie Izaya oder Kemudashi und das ist Ordnung, aber wir können uns das zu Nutze machen. Du bist klein und hast dein Anlaufen schon ein paar mal gezeigt. Wenn du also anfängst zu rennen und dann wirklich so tust, als würdest du tatsächlich angreifen wollen, wird die Samezuka hoffentlich nicht sofort bemerken, dass sich eigentlich gerade jemand anderes zum Angriff bereit macht. Diese Zeit vom Anlaufen bis zum Sprung sind goldene Sekunden, die du uns verschaffen kannst. Verstehst du mich Chisa?“

Er überlegte einen Moment. Dann nickte er. „Ich muss einfach nur so tun als würde ich angreifen und ein anderer bekommt den Ball dann zugespielt? Das bekomme ich hin“, sagte er und grinste zufrieden.

„Natürlich klappt diese Methode nur ein paar wenige Male, gegen bestimmte Teams sogar nur ein Mal, aber diese wenigen Momente könnten irgendwann entscheidend sein!“

Alle nickten im Einklang.

„Also gut, dann zurück aufs Feld mit euch und gewinnt dieses Spiel.“ Endlich lachte Toudo und entließ seine Spieler wieder in die Freiheit.

Motiviert starteten sie in die dritte Hälfte des Spiels, welches sie so herausforderte und auch Link war jetzt guter Dinge sein Zuspiel erneut und erneut zu probieren.

Es fing schleppend an.

Laute Rufe beider Seiten erfüllten die Halle. „Gute Annahme!“ „Mach dir nichts draus!“ „Einfach weiter!“ Es waren Zusprüche und Aufmunterungen, die das Spiel am Limit hielten.

Reiju beobachtete scharf jede der Handlungen. Ihres eigenen Team, als auch die der Samezuka, und versuchte ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Sie konnte sehen wie Toudo genau das selbe tat.

Link versuchte seine neue Technik noch ein paar weitere Male, auch wenn sie noch nicht wirklich häufig klappte, war es umso schöner, wenn sie es dann doch tat.

Der Synchrone Angriff aber funktionierte perfekt, wenn sie sich einmal an ihn heran wagten.

Zufrieden blickte Reiju auf ihr Team und war sich sicher, dass die letzten fünf Tage mehr als erfolgreich gewesen waren. Sie alle hatten an Fähigkeiten dazu gewonnen und trauten sich sie auszuprobieren.

Als Izaya zum Ende des dritten Satzes plötzlich „Chance Ball“ rief, war sich jeder einzelne von ihnen sicher, dass Chisa sein Lockvogel Dasein einmal ausprobieren sollte, ob es nun klappen würde oder nicht.

Chisa wechselte einen bestimmten Blick mit Kemudashi, dann ging er einige Schritte zurück. Er wartete, bis der Ball beinahe bei Soma angelangt war und rannte los. Er sprang zum Angriff und fesselte den gegnerischen Blocker mit seinem entschlossenen Blick. Er hob seine Hand, holte aus und grinste breit, als er spürte wie der Ball knapp an ihm vorbei flog und an Kemudashis Hand gelangte.

Mitte Juli. Sommerferien.

Reiju atmete tief ein und aus. Spürte die Wärme, spürte das Licht, die trockene Luft.

Es roch nach Sommer; dieser ganz eigene Geruch der warmen Jahreszeit. Er paarte sich mit dem Duft von Blumen, warmen Flüssen und Sonnencreme.

Tief sog Reiju erneut die Luft in ihre Lungen und ließ sie nur ganz langsam wieder entweichen.

Der Blick auf den Park war im Sommer am aller schönsten. Es war grün. Grün über grün über grün. Dieser Park wucherte nur so über in den heißen Monaten und genau so tat es auch ihr Herz.

Die Bäume trugen kräftige grüne Blätter, die Büsche erstrahlten in den sattesten Tönen und die Blumen streckten mühsam ihre Köpfe in die Höhe und kämpften um jeden Sonnenstrahl.

Es war unbeschreiblich.

Sie hörte nicht wie ihre Freunde auf sie zukamen. Nicht wie Junko mit schnellen Schritten über den Kieselweg rannte; nicht wie die Süßigkeiten in der Papiertüte auf und ab sprangen, als Keita energisch vor sie trat.

Junkos Hand legte sich zaghaft auf ihre Schulter. Keita bedeckte ihr den Ausblick und kam ihr mit seinem Gesicht ganz nah.

"Da sind wir wieder", sagte er. Reiju nickte und versuchte unauffällig an ihm vorbeizusehen.

Wortlos trat er wieder zur Seite.

"Wir haben alles bekommen, was wir wollten“, fügte Junko hinzu und sie strahlte über das gesamte Gesicht.

Wieder nickte sie.

„Gut gemacht“, sagte Suru dann und musste lachen bei dem Blick auf Reijus enttäuschte Augen; ihr ruhiger Moment im Grünen war vorüber.

Er saß neben ihr an einem Picknicktisch. Während Junko und Keita losgegangen waren, um ihnen was Süßes zu besorgen, hatte sie da gesessen. Reiju hatte einfach nur still auf ihrem Platz gesessen und in das Grüne gestarrt und er hatte sie wortlos beobachtet. Sie hatte in ihrem Augenwinkel gesehen, wie er den Kopf in die Hände gestützt hatte und den Blick nicht von ihr ließ.

Jetzt drängten sich Junko und Keita zwischen die beiden und warfen die Papiertüte auf den Tisch.

„Wegen dem Fest heute hatten sie groß aufgestockt“, sagte Junko und nickte in Richtung ihrer Ausbeute.

Reiju rückte ein ganzes Stück bei Seite, damit die zwei zwischen sie und Suru passten und blickte auf die rosa gestreifte Tüte. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen beim plötzlichen Gedanken an Taiyaki, die sie sich gewünscht hatte.

„Du kannst zugreifen, Reiju“, sagte Keita und grinste ihr entgegen, als er ihren Blick bemerkte. Sofort holte sie sich eines heraus.

Heute Abend stand wieder ein großes Straßenfest in ihrem Ort an und sie hatten eigentlich alle sechs zusammen hingehen wollen, Ace aber musste arbeiten und Izaya hatte ebenfalls spontan abgesagt. Jetzt saßen sie nach langer Zeit mal wieder nur zu viert zusammen und überlegten, was sie unternehmen sollten.

Es war drückend heiß und der Schweiß stand jedem von ihnen auf der Stirn. Die Baumkrone über ihnen bot hier den perfekten Schatten und kreierte ihnen einen kühlen Rückzugsort.

„Also, gehen wir heute noch auf das Fest?“, fragte Suru, nachdem er sich als Letzter etwas Süßes genommen hatte. Keita legte sich theatralisch mit der Stirn auf die Tischplatte. „Aber es ist so heiß!“, jaulte er, obwohl er eben noch mehr als bereit gewesen war, ihnen Süßigkeiten zu besorgen.

Suru grinste. „Wir können auch einfach hier sitzen bleiben, bis es dunkel ist und dann einen kurzen Blick drauf werfen.“

Junko nickte sofort.

„Ja bitte“, sagte Reiju und war schwer damit beschäftigt ihren Taiyaki zu genießen.

„Hier im Grünen ist es auch wirklich viel schöner“, raunte Suru und ließ seinen Blick wieder über den Park schweifen. Reiju stimmte ihm stumm zu.

Sie waren dieses Jahr erst auf einem Fest gewesen und doch hatte sie heute keine Lust mehr sich zu erheben. Es würden noch genügend kommen und dann wären sie auch vollzählig… ja, sie Vier waren nicht mehr die Einzigen. Sie waren nicht mehr allein, sondern nur vollständig mit Izaya und Ace an ihrer Seite.

Wie als hätte Keita ihre Gedanken gehört begann er zu sprechen.

"Junko ich muss dir jetzt endlich mal diese eine Frage stellen“, begann er und Junko sah sofort zu ihm auf, als hätte sie eine dunkle Vorahnung. „Also, du und Izaya-"

Genervt ließ sie ein lautes Schnaufen zwischen ihren Lippen entweichen und sah ihm in die aufgeregten Augen. „Wie oft willst du mir diese Frage eigentlich noch stellen, Keita?“, fragte sie und schüttelte den Kopf. „Bis du es endlich zugibst“, gab er schlagfertig zurück und ließ sich von ihrem aufgebrachten Gemüt nicht abbringen. Er ließ seine Augen auf ihr. Auch, als sie gleichgültig wieder weg sah und sich an ihrer Süßigkeit zu schaffen machte.

„Du willst uns also wirklich im Dunkeln lassen?“, fragte er und schmollte plötzlich wie ein kleines Kind vor seiner Mutter. Sie lachte höhnisch über ihn hinweg und sah in den Himmel auf. „Ich hab dir doch schon eine Antwort gegeben gehabt, oder etwa nicht?“

Sie sah wieder zu ihm und er nickte vorsichtig. „Schon nur“, er sah für einen kurzen Moment zu Suru und dann zu Reiju, die beide dem Gespräch nur teilnahmslos zuhörten.

„Ich bin mir nicht sicher, ob du die Wahrheit sagst.“ Er grinste. Er liebte nichts mehr auf dieser Welt, als Junko zu ärgern.

„Du vertraust mir also nicht?“, fragte sie plötzlich noch mal sehr viel sturer, als zuvor.

„Doch natürlich, aber vielleicht ja deinem Herzen nicht.“ Er lachte und warf sich mit dem Oberkörper zu ihr nach vorn. Sein Kopf landete auf ihrer Schulter. „Nur ein Scherz, Junko. Ich weiß du hast nein gesagt“, raunte er jetzt. „Aber ihr wärt doch schon ganz schön süß zusammen.“

Keita spürte plötzlich wie Junkos Körper unter ihm zu beben begann. Sie hatte etwas zu sagen, aber tat es nicht. Keita richtete sich auf. „Bin ich zu weit gegangen?“, fragte er und sein Blick fiel auf ihre starre Körperhaltung. Auch Suru und Reiju sahen sie jetzt verwundert an. Sie blieb noch eine Weile still, während sich etwas in ihr auszuweiten schien.

"Ich stehe auf Frauen!", sagte sie dann und löste Keitas Rede in Luft auf. Es war als seien mit einem Mal alle Stricke gerissen, die diesen Satz so lange hatten tragen müssen. Junko atmete tief ein und wieder aus, ihr Herz pochte heftig in ihrer Brust.

Stumm nahm Reiju Junkos Hand. Ihre aller beste Freundin saß zitternd neben ihr und vermied jeden Blickkontakt. "Wir lieben dich Junko, vergiss das nicht“, sagte sie ganz leise und drückte ihre Hand fest in ihrer. „Du bleibst du und du bist das Einzige was zählt."

Junko wirkte noch immer nervös.

"Ich weiß", sagte sie dann streng. "Entschuldigt, dass ich euch so lange nichts davon erzählt habe."

Sofort schüttelte Reiju den Kopf. "Da gibt es nichts zu entschuldigen." Sie lächelte ihr entgegen und beobachtete wie Keita jetzt aufstand. Er stellte sich hinter sie und lehnte ihr sein Kinn einmal rechts und links auf die Schulter und kam dann auf ihrem Kopf zur Ruhe.

"Es hätte natürlich viel Aufziehen unserer Seite erspart." Er lachte auf und fügte sofort hinzu. "Wen du liebst oder nicht, das ist uns wirklich egal, Junko."

"Aber ich liebe euch", sagte sie schnell und lächelte endlich auf, als Suru sich auf sie lehnte.

"Und wir dich", rief Keita lauthals und tippte mit seiner Nase auf ihren Scheitel.

"Alles ist gut", hörte sie Suru auf seine so beruhigende Art zu ihr sagen.

"Aber sag mal“, begann Keita plötzlich und brach den Moment in zwei. „Was haben du und Izaya also damals bei mir im Haus gemacht?" Suru stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, doch Junko lächelte nur matt und strich ihm beschwichtigend über seinen Oberschenkel. "Ich hab ihm davon erzählt." "Und wie hat er reagiert?", fragte Suru, als er eine Regung in ihrer Stimme erkennen konnte. "Wie wohl.“ Sie spürte Reijus Hand auf ihrer, Surus Kopf auf ihrer Schulter und Keitas Kinn in ihren Haaren. Sie spürte Geborgenheit. "Er hat mich einfach nur umarmt und mir gut zugesprochen. Dieser Idiot." Sie lachte auf und blickte hoch zu Keita, dem noch immer etwas auf der Zunge zu brennen schien.

"Izaya kann einem leid tun. Da hatte er fast diese perfekte Freundin, doch da steht sie einfach nicht auf ihn." Junko zog eine Augenbraue hoch und langte nach ihm. "Hör auf", sagte sie, doch diesmal lachte sie wieder.

Er legte seine Hände auf ihre Schultern und sie bettete ihr Gesicht auf ihnen.

"Es ist erleichternd, es endlich gesagt zu haben."

"Wir sind froh, dass du es uns anvertraust. Wir lieben dich", raunte Reiju und lächelte zaghaft. Junko nickte. Sie schloss ihre Augen. "Ich liebe euch."

Jeder von ihren besten Freunden zeigte ihr auf seine eigene Art wie wenig es ihren Blick auf sie verbog. Es ließ ihr Herz sofort zur Ruhe kommen. Es ließ ihre Seele für den Moment ruhen.

Sie saßen eine Weile da und Junko ließ es sich selbst genießen von ihren drei liebsten Menschen vor Zuneigung beinahe erdrückt zu werden. Sie hielt wohlig ihre Augen geschlossen und hörte eine Weile nichts mehr als ihren Atem und den Wind an ihren Ohren.

In der Zwischenzeit wurde es dämmrig und die Sonne sank zu Boden. Das Grün wurde grau und der Himmel rosa, rot und schwarz.

"Wollt ihr gleich noch was unternehmen?", brach Suru die seichte Stille. Junko musste seufzen.

"Ist es okay, wenn wir nicht auf das Fest gehen? Mir ist irgendwie nicht nach vielen Menschen."

"Natürlich", kam Reijus schnelle Antwort. "Ich bin da sowieso nie so gerne", sagte sie sanft und strich Junko eine Strähne hinter das Ohr. Sie lächelte dankbar. Keita nickte bestätigend.

"Ich weiß wo wir hin können!", verkündete Suru plötzlich und erhob sich. Er packte die Getränke und das wenige übrig gebliebene Essen in seinen Rucksack und wartete erst gar nicht auf eine Zustimmung. Er zog ihn sich stumm über die Schultern und zeigte ihnen ihm einfach zu folgen.

 

Suru führte sie durch den gesamten, menschenleeren Park bis runter an den Fluss. Es war eine ruhige Stelle. Die Menschen wären heute alle unterwegs und deshalb nicht so viel hier unten, hatte er gesagt. "Und vor allem nicht genau hier!"

Er deutete runter auf das Wasser. Die Sicht jedoch wurde von hohen Büschen und Bäumen bedeckt.

"Die Stelle dahinter hab ich mal mit Yuka entdeckt. Dort ist wirklich keine Menschenseele."

Keita, Junko und Reiju sahen sich an. Dann grinsten sie neugierig. Was sie jedoch hinter dieser Mauer aus lebendem Grün erwarten würde, hatte auch Suru nicht geahnt.

Er zog einen dünnen Ast bei Seite und Reiju schlüpfte als Erste hindurch; in die Blätter und raus auf eine weiche Wiese.

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Sie klopfte sich einige Blätter aus den Haaren und sah erst im zweiten Moment auf, als Junko schon fassungslos neben ihr erschien. Neugierig folgte sie ihren Augen und wurde sofort von starker Ehrfurcht durchzogen.

Reijus Blick eröffnete sich Licht.

Winzige, schwebende Quellen des Lichts tanzten an der Wasseroberfläche; erhellten die Dunkelheit in der sie standen; ließen sie sanft leuchten.

"Glühwürmchen."

Keita und Suru stolperten lachend neben sie doch erstarrten sofort, als sie das kleine Schauspiel entdeckten.

"Glühwürmchen", wiederholte Reiju.

Ihre Stimme war ganz zart. Sie klang zerbrechlich; flüchtig, genau wie dieser Moment voller kleiner, heller Wesen, die durch die Nacht flogen, als würden sie nichts fürchten. Als gäbe es kein Ende für sie.

"Ist das wirklich wahr?", fragte Junko und sah rüber zu Reiju. Sie wusste immer alles, sie sollte ihr erklären, ob das möglich war. Doch Reijus Blick sagte ihr genug. Genug davon wie völlig sonderbar es war.

"Das… das dürfte nicht möglich sein. Völlig ausgeschlossen", zwangen Junkos stierende Augen aus ihr heraus. "Nicht zu dieser Zeit, nicht so nah an der naturfernen Stadt." Es klang als hätte sie geweint, als wäre sie den Tränen noch immer so nahe. Sie war gerührt und eingenommen. Völlig fassungslos; die Realität legte sich schummrig um ihre Sinne.

Suru lächelte. Das Licht spiegelte sich in seinen dunklen Augen und ließ sie funkeln.

"Lasst uns näher ran", sagte er und fasste nach Keitas Hand.

Ein vorsichtiger Schritt folgte dem Nächsten. Folgte ihm über schwarzes Gras und dunkle Erde. Hinein in eine andere Welt.

Eine andere Welt in der die Natur noch zu siegen schien. In der sie noch immer mit Überhand herrschte.

Sie setzen sich an das Ufer und sahen nur immer weiter dem Tanz der Glühwürmchen zu.

Der Himmel über ihnen war dunkel und selten in Begleitung. Einsam erstreckte er sich über die Welt. Die vier aber hatten Licht, ihre eigenen Sterne in dieser Dunkelheit.

Wie kleine Feen aus dieser Welt, in der die Natur noch keinen Schatten kannte, kamen sie ihnen ganz nahe und entfernten sich erschrocken wieder. Nur eine wagte es auf Reijus Finger zu ruhen, als sie ihn gutmütig erhob.

Ganz langsam legte sie die Flügel zur Ruhe, streckte die Fühler in die Höhe und ließ sich leuchten und verdunkeln, bis sie Reijus warme Haut wieder verließ.

Dieser Ort war so fernab ihrer Welt voller Stress und Zwang. Sie waren hier und sahen winzige Wesen um die Wette leuchten. Die Dunkelheit bekämpfend.

Sie taten es für sich und nicht für die Menschen und das machte es so pur. So rein von all dem jenseits der Böschung hinter ihnen. Reiju würde diesen Ort niemals vergessen können, genauso wenig wie ihre Freunde.

Es war Ruhe und es war Ausgeglichenheit.

Plötzlich beugte sie sich zu Junko herüber. In Reijus Augen schwang ein wenig Wahnsinn mit. Sie war ganz verändert. Von diesem Anblick viel zu bewegt.

"Wir lieben dich Junko! Wir lieben dich, egal was passiert. Sieh dir diese Glühwürmchen an, Junko! Das ist wahres Glück."

Junko lächelte ihr entgegen und nickte entschlossen. Sie hatte recht.

Nichts in diesem einen Moment, in diesen einen wenigen Minuten auf dieser Welt, war, umgeben von leuchtenden Geschöpfen, mehr wichtig. Genau hier und jetzt war sie einfach nur sie selbst, ganz ohne Sorgen. Nackt vor der unbefleckten Natur. Sie fühlte sich leicht, zwischen ihren Freunden ganz frei und wusste sie sicher an ihrer Seite.

Suru nickte in sich hinein. Sein Blick war geheftet an die Leuchtkäfer vor sich. Seine Ohren gehörten seinen Freunden.

"Dass ich das wirklich sehen darf. Es ist völliger Wahnwitz, doch sie sind hier. Wir träumen nicht", raunte Reiju weiter.

"Es ist ein kleines Wunder."

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Er folgte ihr schweigend durch das Wohnzimmer und die Treppe hoch. Bis in Keitas Zimmer gingen sie durch das dunkle Haus, ohne auch nur ein Wort zu wechseln.

Izaya war angespannt. Er wusste nicht, was sie von ihm wollte, aber irgendwie hatte er eine Ahnung.

Junko stapfte still vor ihm her und zeigte ihm, wo sie ihn haben wollte.

Allein, abgeschirmt von ihren Freunden draußen im Garten. 

Als sie das dunkle Zimmer betraten schaltete sie das Licht ein und schloss die Tür.

Er schluckte.

Allein und abgeschirmt von jeglichen Zeugen.

Sie blieb eine Weile dort vor der Türe stehen, mit dem Rücken in seine Richtung, und sah ihn nicht an. Er hörte sie schwer ein und aus atmen.

"Junko", sagte er nach einem kurzen Moment. Er hielt die Stille nicht aus. "Was ist los mit dir?"

Jetzt drehte sie sich endlich zu ihm und blickte ihm in die Augen. Sie sah wütend aus.

Sie hatte ihre Augenbrauen zusammengezogen; es bildete sich eine scharfe Falte zwischen ihnen.

"Sag es endlich!", rief sie plötzlich.

Verwirrt starrte er sie an.

"Izaya, sag es endlich, na los."

Sie wirkte so wütend. Sie war völlig außer sich, aber es schien nicht als sei sie es wegen ihm. Es schien viel mehr, als sei es gegen sie selbst gerichtet.

Verzweifelt rang er nach Worten.

"Was denn? Junko was willst du von mir hören?"

Sie atmete tief ein und er hörte wie sie leicht zitterte.

"Sag schon, dass du auf mich stehst!"

Verdutzt stockte ihm der Atem.

"Ich sehe es immer wieder, deine Seitenblicke und die Kommentare die du über mich abgibst. Gib es endlich zu!"

Sie war einen Schritt auf ihn zu gekommen und starrte ihn an. Izaya wich ihr nicht aus.

"Ja", sagte er dann. "Ja, es stimmt. Ich stehe wirklich auf dich Junko und das sehr."

Sie atmete ein paar Mal schwer ein und aus.

Izayas Gedanken überschlugen sich. Was wollte sie damit erreichen. Ging sie jetzt darauf ein oder würde er abserviert.

Er dachte an alles mögliche, woran sie denken mochte, was sie fühlte, wie es ihr ging, während Junko einfach nur still vor ihm stand und schwer atmend den Blick sinken ließ.

"Es tut mir leid", sagte sie plötzlich. Nur langsam hob sie ihre Hände und legte sie über ihr Gesicht. Verdeckte vergebens ihre Tränen.

Sie schluchzte. "Es tut mir so leid."

Izaya brauchte einen kurzen Moment, um die Situation richtig wahrzunehmen.

Junko weinte. Sie weinte bitterlich.

Er trat an sie heran und legte ihr vorsichtig erst einen und dann als sie nicht so schien, als sei es ihr unangenehm, auch noch den anderen Arm um den Körper und drückte sie.

"Was tut dir leid, Junko?", fragte er völlig überrascht von ihrer Reaktion.

"Ich… ich stehe auf Frauen, Izaya." 

Ihre Stimme war nur ein Hauch zwischen ihrem Schluchzen. Sie spürte wie ihr Herz bis in ihre Kehle pochte und sich dort schmerzhaft zu Wort meldete. Sie konnte nichts mehr sagen.

"Aber… aber wieso entschuldigst du dich denn dafür?", fragte Izaya und hielt sie wieder eine Armlänge entfernt, um ihr in das rote Gesicht sehen zu können.

"Ich…", sie machte eine kurze Pause und schniefte. Ihre Hände wischten verzweifelt im Kampf gegen die neuen Tränen ihr Gesicht immer wieder aufs Neue trocken. Seine Hände umklammerten ihre Arme.

"Ich weiß es nicht", brachte sie dann hervor und schluckte. "Izaya, ich liebe dich, aber nicht so wie du mich liebst."

Er lächelte. Ganz zaghaft huschte es über seine Lippen. Dann presste er sie wieder gegen seine Brust. Ihr vom Trocknen so krauses Haar legte sich an sein Kinn. Er spürte ihren schweren Atem an seinem nackten Arm.

"Es gibt nichts wofür du dich entschuldigen müsstest. Ich liebe dich noch genau so wie vorher, auch wenn es nur als beste Freundin ist."

Wieder schluchzte sie. Diesmal jedoch leiser. Ihr Atem beruhigte sich.

"Ich habe Angst, Izaya."

Sie hatte endlich zu weinen aufgehört. Ihre Stimme war kratzig aber klar. Es kam ganz deutlich an seine Ohren.

Er drückte sie immer fester an sich und wagte es nicht loszulassen.

"Wovor?", fragte er, obwohl er sich gut genug vorstellen konnte, dass sie darauf keine Antwort fand.

Sie zuckte ganz sanft mit den Schultern.

"Vor allem."

Er nickte und drückte sie. Wieder und wieder, und ließ sie nie mehr los.

"Hallo, Reiju?", klang Ace etwas zögerliche Stimme an ihr Ohr. "Hey, Ace."

Verwundert war sie an ihr Handy gegangen, als sie seinen Namen auf dem Display entdeckt hatte. Er hatte sie noch nie angerufen. "Was gibts?"

Ihre Füße baumelten über der Sofalehne, ihr Blick ging zum Garten. Kisumi spielte konzentriert Volleyball mit ihrem Vater.

"Ich wollte fragen, ob du heute vielleicht Zeit hast?", fragte er und hörte plötzlich Kisumis helle Stimme dumpf an sein Ohr klingen.

Niedergeschlagen ging er zu Boden und musste sich seine erneute Niederlage gegen seinen Vater eingestehen, der herzlich zu lachen begann.

"Störe ich?", schob Ace sofort hinterher.

"Oh nein, Kisumi ist nur etwas aufgedreht." Er nickte. "Sag du's mir. Habe ich heute was vor?"

Jetzt musste er grinsen und war froh, dass sie seinen Ausdruck nicht sehen konnte. "Was hältst du davon wenn ich dich um drei Uhr abhole?"

"Klingt gut. Wohin geht es denn?"

"Das siehst du dann." Er konnte sich sein breites Grinsen nicht mehr verkneifen. Sie beließ es dabei und sagte der Überraschung einfach zu.

 

Pünktlich trat Reiju aus ihrer Haustür.

Ace saß schon auf der Veranda und hatte ihr den Rücken zugekehrt. Sein Haar war zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden, es breitete sich aus auf dem hellen Shirt.

Reiju musste grinsen, als sie das Kätzchen zu seinen Füßen entdeckte. Es rekelte sich unter seinen sanften Fingern auf dem warmen Asphalt.

"Sie liebt es am Bauch gekrault zu werden", sagte Reiju. Ace sah aufgeschreckt zu ihr hoch. "Ja, das zeigt sie sehr gut", sagte er schnell und realisierte ihr Auftauchen erst nach einer Sekunde. Er lächelte und strich der grauen Katze noch einmal über den gesamtem Körper, dann erhob er sich. Sofort sprang sie auf die Beine und suchte verschreckt nach einem neuen Ort unter der Sonne.

Reiju stand mit Rucksack und festen Sneakern vor ihm. Sie trug eine kurze Shorts und ein Top über einem T-Shirt. Sie hatte ihre kurzen Haare wirr zusammengebunden, hier und da ragten einzelne schwarze Strähnen hinaus. Ihre Wange unter dem rechten Auge zierte ein kleiner silberner Stern.

"Du siehst gut aus", sagte er und seine Souveränität schwankte sofort, doch sie entgegnete seinen Blick und erwiderte sanft, "Du auch", ohne auch nur eine Miene zu verziehen.

Sie betrachtete ihn, bis er endlich wieder zu Worten fand.

"Dann lass uns gehen. Unsere Bahn kommt in 20 Minuten." Er lächelte seicht und tippte auf sein Handy. Sie nickte und ließ ihn die Richtung angeben.

Sie gingen die 15 Minuten zur Haltestelle zu Fuß und unterhielten sich ruhig. Am Bahnhof scannten sie ihre Tickets und Ace führte sie noch immer voller Geheimniskrämerei zum zweiten Gleis.

"Es geht schon mal nicht in die Stadt", stellte sie fest, als sie die Richtung erkannte.

"Wäre es je eine gute Idee dich in die Stadt mitzunehmen?", fragte er und lachte, als sie einfach nur stumm den Kopf schüttelte.

"Keine Sorge, wir kommen hier mal raus."

Sie nickte und spürte wie sie ganz aufgeregt wurde. Ihr Abenteurerdrang erwachte und sie wünschte sich so sehr einen aufregenden Tag.

Im Zug klebten Reijus Augen an den Fensterscheiben. Sie sah den Vorort vorbeiziehen, Häuser und Geschäfte, doch es dauerte nicht lang, bis sie mit einem Mal nur noch grüne Landschaften durchfuhren.

Beinahe eine halbe Stunde waren sie unterwegs und Reiju betrachtete nun mit stiller Begeisterung wie Bäume und Felder an ihnen vorbeirasten.

Ab und an erzählte Ace ihr etwas über die Orte vor ihren Augen, erzählte wie er hier und dort schon einmal Ramen essen war oder mit Seiya einen kleinen Badminton Laden entdeckt hatte. Er musste diese Strecke schon unzählige Male gefahren sein.

Als es in der Bahn plötzlich von lichtdurchflutet zu düster überschlug fühlte Reiju sich wohl umarmt von all den Bäumen, die die Gleise wie dichte Mauern umgaben.

Als es sich wieder lichtete, fasste Ace ihr an den Arm und zeigte ihr aufzustehen. „Wir sind da“, sagte er und grinste bei ihren strahlenden Augen.

Sie stiegen auf einen alten, fast schon morschen Holzsteg aus. Es war ruhig hier, in der Luft lag der Duft von Sommerfeldern und es war nichts zu hören außer ein alter ratternder Motor und Unmengen von Vögeln.

Mit aufrechter Brust sog Reiju die Landluft immer tiefer in ihre Lungen und schloss ihre Augen, als sie sanft durch ihre Nase wieder entfloh.

Die Bahn hinter ihnen machte sich wieder auf ihren Weg immer weiter die Schienen runter und hinterließ einen starken Windstoß, der Reijus und Ace Haare zum schweben brachte.

Er hörte nie mehr auf zu grinsen an diesem Tag.

"Der Weg rechts runter führt direkt in das angrenzende Dorf. Sie leben dort von dem vielen Getreide, der hier angebaut wird."

Reiju nickte. Vor ihnen lag eine freie, weite Sicht auf ein goldenes Feld neben dem anderen. Darüber der weite Himmel, der sich bis tief über den Horizont in kräftigen Blaustufen erstreckte und ihr die Unendlichkeit von dem aufzeigte, was ihr noch lange unbekannt war.

"Aber hier lang", Ace drehte sich nach links und deutete auf eine überwucherte alte Holztreppe. Er fasste sie sanft am Arm, um es ihr zu zeigen und sah ihr dann schnell in die Augen. "Geht es direkt über die Wiese in den Wald dort."

Reiju drehte sich in seine Richtung und sah hohes wildes Gras. Hinter ihnen und den Schienen lag eine große Wiese und dann... angrenzend zu ihr sah sie in der Ferne einen alten Wald, der sich über dem jungen Gras hoch aufbäumte und ihm die Sonne raubte.

Ihr Augen wurden groß, ihr Ausdruck strahlte. Ihr Blick zitterte vor Aufregung. Dann nickte sie wild.

„Lass uns gehen!“

Er lachte vorfreudig und packte völlig gedankenlos ihre Hand. Dann zog er sie mit schnellen, ungeduldigen Schritten über die kaputte Treppe in das hohe Unkraut. Sie überquerten zügig die Schienen und rannten, kaum hatten sie das weiche Gras betreten, im selben Takt zusammen los.

Der Wind rauschte laut an ihren Ohren und die Mittagssonne blendete ihre ferne Sicht. Reiju klammerte sich fest mit ihrer Hand an seine und dachte nicht einmal daran loszulassen. Sie schlug einfach nur immer wieder das eine Beine vor das andere und genoss es den kühlenden Wind auf ihrer Haut mit der aufsteigenden Hitze in ihrem Körper konkurrieren zu spüren.

Dann blieb Ace plötzlich stehen und riss sie aus ihrem Lauf zurück zu ihm.

Sie stolperte rückwärts auf ihn zu und zog ihn mit sich zu Boden.

„Was war los?“, fragte sie verwirrt und sah ihm in das lachende Gesicht. Seine Augen kniffen sich gegen die Sonne kräftig zusammen und sein Mund war freudig aufgerissen. Lautes Glucksen erfüllte die Luft. Reiju lächelte. Wieso war es, dass sie sein Lachen immer wieder voller Wärme füllte. Es war so selten, seit sie sich kannten und trotzdem war es das schönste, was er für sie tat.

Sie spürte einen Stein an ihrem Oberschenkel. Ace dünnes Bein lag auf ihrem, das andere darunter. Sein Arm, der noch versucht hatte sie aufzufangen, klemmte zwischen Boden und ihrer Hüfte. Sie lag mit ihrem halben Oberkörper auf seinem und spürte seinen heftigen Herzschlag.

Sie starrte in sein immer noch lachendes Gesicht und lachte ebenfalls.

„Entschuldige, ich habe ganz ausgeblendet, dass ich dich noch immer an der Hand hatte.“ Sie lächelte und schüttelte den Kopf.

„Ist meine Hand so unscheinbar?“, fragte sie und ließ ihre Augen nicht von seinen. Sein Lachen versiegte langsam und er entgegnete ihren Blick nur noch stumm.

„Nein, nur so ungewohnt vertraut.“

Sein Blick wurde immer inniger, bis sie verdutzt ihren Kopf hob und sich etwas zur Seite rollte, um jetzt aufzustehen. Betreten ließ Ace seine Augen von ihr sinken und folgte ihr erst nach einem kurzen Moment.

Sie stapften weiter über die Wiese, das hohe Gras, wilde Blumen und Kräuter und je weiter sie gingen, desto weiter richtete sich der düstere Wald bedrohlich vor ihnen auf.

„Er sieht so dunkel aus“, sagte Reiju nach einer Weile. „Wie ein schwarzer Streifen am Horizont.“

Ace nickte. „Als absorbiere er jegliches Licht“, fügte er hinzu und fühlte sich angenommen, als sie ebenfalls zustimmend ihren Kopf sanft vor und zurück wog.

„Ich frage mich nur“, begann sie dann und klang diesmal weniger eingenommen, als betrübt. Ace folgte ihrem Blick über die Wiese und lehnte seinen Kopf auf die linke Seite. Er wusste sofort, was ihr durch den Kopf ging.

Haufen an gefälltem Holz, abgerissene Äste und Blätter lagen Seite bei Seite über eine gewaltige Strecke der Wiese verteilt. Dahinter war nichts mehr. Fläche, kahl und weitreichend. Den Blick Kilometer weit führend. Während vor ihnen ein dichter Wald zu liegen schien, lag zu ihrer linken ein Friedhof. Abgesägte Bäume auf trockener Erde.

„Leider gehört ein Großteil des Waldes einem Menschen, dem nicht viel an ihm zu liegen scheint“, kam er ihr zuvor. „Es wird wohl keine Forstwirtschaft sein, der Wald ist viel zu alt und die Bäume zu morsch.“

Reiju nickte stumm und verlor kein Wort mehr unter dem freien, blauen Himmel.

Nur langsam erreichten sie die ersten lichten Bäume.

 

„Sag mal Ace“, sagte sie erst, als es um sie herum jetzt immer dunkler wurde. Die Baumkronen formierten sich wie in einem Puzzle Blatt an Blatt und waren eine dichte Decke über ihnen. Nur selten erleuchtete sich ihr Weg. Es funkelte dann seicht durch die Baumstämme und wirkte ganz weich und samtend. Schnell wurde es auch angenehm kühl und sie hörten zu Schwitzen auf. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an das dämmrige Licht.

Ace ging stumm neben ihr und ließ sich ganz und gar auf ihre Art ein. Sie ließ sich gehen, ihre Gedanken schweifen, ihren Kopf leeren. Sie badete, so wie sie es in Keitas Garten gesagt hatte und versank völlig in dem satten Grün und dem zarten Braun.

Bei ihren Worten horchte er auf.

„Wo sind wir hier?“

Sie war so verwundert darüber wie vielen schönen Orten sie in den letzten Monaten hatte begegnen dürfen. Ihr Herz konnte sein Glück nicht fassen. Es lief über in den winzigen Kammern. Das hatte es noch nie gekannt.

„Du warst wirklich noch nie hier in der Nähe?“, fragte er verwundert, doch sie senkte nur beschämt den Kopf.

„So war das nicht gemeint!“, entgegnete er sofort. „Mich wundert es nur etwas.“

„Ich habe unsere Vorstadt noch nie wirklich verlassen. Den Ort, mein Haus; alles so nah an den Stadtgrenzen.“ Sie hielt kurz inne. Ihr Blick löste sich keinen Moment mehr von dem weichen Moos, welches die Wege umzäunte. „Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass ich mich dort noch nie vollkommen wohlgefühlt habe.“

„Gerade unsere Gegend aber hat doch nicht nur Stadt zu bieten“, antwortete Ace wertfrei und wartete geduldig auf ihre Antwort.

„Ja, das sehe ich immer wieder. Aber obwohl ich es so sehr liebe, habe ich nie viel dafür getan das Haus wirklich weit zu verlassen.“

„Wieso nicht?“

„Weißt du...“ Wieder überlegte sie lange. Sie brauchte eine ewige Weile, um die richtigen Worte zu finden und selbst dann sprach sie sie nur ganz zögernd aus.

„Wenn draußen noch wirklich draußen wäre, dann wäre ich auch gerne draußen. Aber so... es ist beinahe frustrierend. Überall hat der Mensch seine Hand drauf, steckt ein Gebiet fest, sagt es gehört ihm und zerstört es, Pflanze um Pflanze.“

Es war so still um sie herum. Sie hörten ihr Gehen, wie ihre Schuhe in die weiche Erde drangen und zögernd wieder herausgerissen wurden. Hörten das Rascheln von Ästen und Blättern. Hörten entferntes Vogelgezwitscher. Doch all diese Geräusche waren dumpf und drangen ungenau, kaum deutbar an Ace und Reijus Ohren.

Die Stille haute beide in diesem Moment beinahe um.

„Ist das hier gerade für dich draußen?“

Reiju strauchelte etwas bei dieser Frage. Sie hatte sie sich noch nie gestellt, hatte noch nie darüber nachgedacht, wenn sie mal an solch einem Ort war. Als hätte sie über all die wichtigen Dinge in ihrem Leben noch nie Debatte gehalten.

Sie zog verwirrt ihre Brauen zusammen.

„Ich kann es dir nicht sagen, aber... jetzt gerade fühlt es sich an, wie draußen.“

Ace lächelte zufrieden und sah tiefer in den Wald hinein. Sie gingen noch ein ganzes Stück, bis er wieder etwas sagte.

„Wir müssen auf jeden Fall darauf achten rechts zu bleiben“, verkündete er und sie nickte übereinstimmend. „Außerdem liegt irgendwo in die rechte Richtung noch ein Ort, den ich dir gerne zeigen würde. Es ist nichts Besonderes, aber ich war dort schon unzählige Male und habe mich immer sehr wohl gefühlt.“ Er blickte zu ihr und dann wieder fort. Seine Lippen bebten, als könne er sich nicht entscheiden noch mehr erklären zu wollen oder nicht.

„Sehr gern“, antwortete sie schnell, bevor seine Unsicherheit noch zu viele ungewollte Worte aus ihm herauszwang. Er verstummte dankbar und nickte zögerlich.

„Gut“, sagte er dann mit fester Stimme und blickte hoch in die Baumkronen.

Reiju schenkte ihm einen sanften Seitenblick. Er wirkte immer auch etwas beschämt, wenn er merkte, dass er unsicher war. Das eine biss sich mit dem anderen.

„Du warst früher mal anders, oder?“, fragte sie plötzlich. „Selbstsicherer? In der Schule nur so umringt von Menschen, die dich bewundern.“

Ace senkte seinen Blick nicht und ging einfach ruhigen Schrittes weiter.

„Ja“, sagte er. „Nachdem das ganze passiert ist, ich so lange nicht in der Schule war, weißt du... ich habe irgendwie den Anschluss verloren. Ich war nicht mehr da und sie haben mich einfach hinter sich zurück gelassen.“

„Das... das tut mir leid, Ace.“

„Oh nein, das ist schon in Ordnung. Von all den Freunden, die ich vorher hatte, war, denke ich niemand wirklich mein Freund. Bis auf Izaya natürlich. Ich meine, sie ignorieren mich nicht und ziehen mich auch nicht auf, aber für sie gehöre ich nicht mehr so dazu wie früher, aber das ist mir eigentlich egal. Um ganz ehrlich zu sein...“, er machte eine Pause und lächelte voller Scham gen Boden. „Ich habe euch und ihr seid mit Izaya das Beste, was mir nach so langer Zeit passiert ist.“ Lachend schlug er seinen Kopf wieder in den Nacken und sah dann rüber zu Reiju.

Schon zum zweiten Mal hörte sie jetzt diese Worte, doch diesmal spürte sie keinen Deut Überforderung, diesmal fühlte sie nichts als Stolz in sich. Wild nickte sie und Ace gab sich mit ihrem so wertvollen Lächeln mehr als zufrieden.

Er war als sie ihn kennen gelernt hatte noch so voller Eigenüberzeugung gewesen. So voller Inbrunst und nach außen gekehrt. Doch je länger sie ihn kannte, desto mehr sah sie wer er war. Das, was wirklich in ihm loderte, nicht das was er spielte.

Und in jeder Sekunde, in der er ihr erneut seine Seele präsentierte, fühlte sie sich mehr und mehr geehrt diejenige sein zu dürfen, die sie sah. Sie fühlte sich angenommen und irgendwie verbunden zu ihm. Sie fühlte sich plötzlich, als könne auch sie sich ihm in allem öffnen.

 

„Hey Reiju.“

Sie horchte auf. Ihr Spaziergang durch diesen alten Wald verlief episodenhaft. Sie redeten, dann eine ganze Weile gar nicht, und dann redeten sie wieder.

„Ich glaube da vorne ist es.“

Aufgeregt drehte sie ihren Blick in die Richtung, in die er deutete. Zwischen dichten Bäumen erstrahlte plötzlich dämmriges Licht und lenkte die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Hinter diesen Bäumen würde keine zarte Dunkelheit mehr liegen, sondern schummriges Strahlen.

„Na los!“, sagte sie plötzlich und begann in schnelleren Schritten voran zu schreiten. „Komm, Ace“, rief sie ihm zu, als er holprig zurückblieb und versuchte mit ihr über die Steine, Äste und den feuchten Boden mitzuhalten.

„Komme“, entgegnete er, doch mit einem Mal war sie verschwunden, wie verschluckt von den versteckten Wesen des Waldes.

Sie landete auf einer kleinen Lichtung.

Die Sonne erreichte diesen offenen Fleck in dem verschlossenen Bund aus Wald, doch es war trotzdem nicht wirklich hell. Es war gedämmtes, weiches Licht, welches sich orange-rot über alles niederlegte.

Ace kam kurz nach ihr auf sie zu gestolpert. Er richtete sich auf und gesellte sich an ihre Seite, als sie gerade etwas raunte. „Diese zwei Baumstämme.“ Sie klang verwundert und versuchte jeden Winkel dieses Ortes in sich aufzunehmen. Er nickte nur und lächelte. „Sie waren schon da, als ich das erste mal hier war.“

Genau in der Mitte der Lichtung stand ein breiter, tief abgeholzter Baumstamm. Dahinter ein weiterer, der hoch über ihnen ragte, doch auch ihm fehlte die Krone. Ungeschmückt stand er wacker da und widerstand jeder Witterung.

„Das sieht beinahe aus wie in den Verlorenen Wäldern.“ Sie lachte plötzlich und durchschritt seicht das glühende Gras. Sie ließ ihren Blick ein weiteres Mal über alles wandern, bevor sie sich auf das feuchte Holz niederließ. Dieser Stamm war wie geschaffen für einen Moment der Ruhe.

„Ocarina of Time“, entgegnete Ace erst, als sie mit ihrer Begutachtung fertig war und grinste stolz darüber, dass er es ebenfalls erkannte. Sie nickte zufrieden und beobachtete, wie er ihr folgte. Er streckte sich und nahm dann neben ihr Platz. Das Holz war ganz warm.

„Hier hast du also deine Kindheit verbracht?“, fragte Reiju nach einer kurzen Pause in der sie alles bisherige zu verarbeiten versuchte. Ihre Stimme klang verträumt. Ace nickte. „Viele Wochenenden auf jeden Fall.“

„Das stelle ich mir schön vor.“

„Das war es auch.“

Er lächelte und blickte zu ihr rüber. Er betrachtete ihr Gesicht. Sie sah immer so aus, als würde sie stumm auf seine Worte jeder Art warten um ihm ewig zuzuhören.

„Erzähl mir was von dir“, sagte er plötzlich und klang entschiedener denn je.

„Wie bitte?“

„Erzähl mir irgendwas über dich, was ich noch nicht weiß.“

„Du weißt doch aber schon eine ganze Menge, oder nicht?“, fragte sie leise, er aber schüttelte nur heftig den Kopf. „Ich weiß du wohnst bei deinen Eltern, stehst auf ziemliche viele Dinge, hast drei aller beste Freunde und liebst die Natur. Aber.... erzähl mir irgendwas was dich ausmacht, Reiju.“

„Aber diese Dinge machen mich doch aus.“

Ace musste jetzt wieder lächeln. Sie war zäh und schwer zu knacken.

„Dann erzähl mir eben einfach irgendwas über dich, was du mir noch nicht preisgegeben hast.“

Sie seufzte und ließ ein angestrengtes „Hm“ fallen. Ihr Kopf lag im Nacken, ihr Blick ging hoch auf die Baumkronen. Sie überlegte angestrengt, was sie sagen konnte. Ace beobachtete wie ihre Miene immer wieder zwischen entschlossen und abgeneigt hin und her sprang.

„Also gut“, begann sie dann dennoch und Ace richtete sich auf, um ihren Worten genau lauschen zu können. „Der abgeholzte Wald, das was wir gesehen haben... die Gedanken daran, dass sowas passiert. Tagtäglich noch so viel schlimmer. So etwas tut weh. Es tut seltsamer Weise wirklich weh, weißt du. Einfach mitzuerleben wie wir alles zerstören, was uns gegeben wurde, mag es sein von wem auch immer. Wie wir alles, was uns umgibt so respektlos und völlig ignorant behandeln.

Ich würde am liebsten irgendetwas tun, will die Umwelt retten. Möchte die Abholzung des Regenwaldes stoppen, den Klimawandel. Ich möchte ein Bewusstsein für all diese Probleme schaffen, aber die Hoffnung lässt mich immer wieder aufs Neue zweifeln. Und so schmerzt es weiter, als verliere ich einen geliebten Freund. Als rinne mir ein hilfloses Leben durch die Finger, dem niemand mehr die Hand zu reichen wagt. Ich...“, sie unterbrach sich selbst und seufzte. „Entschuldige. Du wolltest etwas über mich wissen, aber das Einzige was mir einfällt ist total wirres Zeug.“

„Nein, bitte, rede weiter.“

„Es ist mir einfach nur wichtig, weißt du. Die Wälder, die Meere, unser ganzer Planet. Aber all das zu retten, sein Leben danach umzustellen, ist heutzutage so viel komplizierter, als man anfangs vielleicht denken mag. Vieles was man tun kann ist einfach, aber viel zu vieles auch noch so unmöglich.“

„Ist der Gedanke daran nicht das aller Erste, was zählt.“

„Ja natürlich, nur ist das nicht genug. Egal was ich tue, es wird niemals genug sein...“

Ace war fasziniert davon wie anders sie wirkte. Das aller erste mal, seit er sie kannte wirkte sie völlig verletzlich. Selbst damals als sie mit ihm über ihren Vater gesprochen hatte, hatte sie immer noch irgendwie ihren Ausdruck bewahrt, doch jetzt gerade war sie gänzlich schutzlos.

„Lassen wir das“, sagte sie plötzlich, bevor er auch nur die Möglichkeit dazu hatte etwas zu erwidern und lächelte flüchtig. „Es ist... schwer beim sprechen die richtigen Worte zu finden.“

Sie sah ihn nicht mehr an und erwartete auch keine Antwort mehr von ihm. Die Worte, die sie hatte an seine Ohren gelangen lassen waren tief vergraben gewesen. Sie hatten lange in ihrem Herzen geruht und sie auszusprechen war seltsam gewesen. Es hatte sie Unmengen an Energie gekostet. Kaum hörbar schnaufte sie erschöpft in sich hinein und versuchte ihre Gedanken auf etwas anderes zu lenken.

„Allein daran zu denken finde ich unglaublich stark. Es dann auch noch umsetzen zu wollen ist das Höchste, was du erreichen kannst.“ Ace Worte waren wie weicher Schaum, der zu ihr rüber wehte. Er murmelte sie nur, doch er wusste, dass Reiju sie hören würde und das sollte sie auch. Sie sollte noch so viel mehr hören als das. Reiju unterlag, das wusste er jetzt, einem ihm so unbekanntem Schmerz, der so schnell nicht vergehen konnte.

Unmerklich entwich sie seinem Blick jetzt. Er spürte wie unangenehm es ihr war. Wie ungewohnt es für sie gewesen war solche Worte laut auszusprechen. Laut und wahrhaftig zu sagen, was in ihr ruhte. Also ließ er seine Augen von ihr und sah weg.

Langsam ließ er sich nach hinten fallen und legte sich auf das feuchte Holz. Sein Blick fiel auf die etlichen Weiten der Bäume und des Himmels. Sie ergänzten einander und machten sich unendlich.

Da ließ sich auch Reiju neben ihm nieder. Die Beine noch im Gras legte sie sich mit dem Rücken nah an seinen.

"Danke Ace", raunte sie plötzlich. Sie klang wieder gefasst. Sie klang wieder wie immer.

"Für was denn?"

"Einfach danke." Sie atmete ruhig und gelassen. Ihre Augen schlossen sich und sie lauschte dem seichten Rauschen des Waldes.

"Danke auch dir", erwiderte er also und tauchte wieder mit ihr ein. Tief und immer tiefer in die Unermesslichkeit.

Ace dachte daran was Reiju ihm heute alles anvertraut hatte. Er fühlte sich so geschätzt, wie lange nicht mehr. Er hatte ihr ein Gefühl von Draußen geschenkt und das war das wertvollste, was ihr jemand geben konnte. Für diesen Moment spürte er, dass er etwas bedeuten konnte; er konnte wirken und für jemanden von wahrhaftigem Wert sein.

 

Spät am Abend ließ Ace sie vor ihrem Haus wieder gehen.

Den ganzen Tag hatten sie gemeinsam verbracht und er würde es niemals wieder missen wollen ihrem Herzen so nah zu sein, wie er es heute hatte sein dürfen. In ihr steckte eine völlig neue Welt, die es zu erkunden gab.

Als sie ihre Tür aufschloss und mit einem letzten Winken verschwand, ergriff ihn eine kurze Einsamkeit. Reijus Nähe war jedes Mal wie eine warme Dusche im Winter, wie ein wärmendes Kotatsu an kalten Tagen.

In ihrer Nähe war es wohl und behaglich, man wollte nie wieder ihre Wärme missen. Doch wenn sie dann ging wurde es umso kälter und man erfror beinahe innerlich zu Eis.

Und obwohl es jedes Mal aufs Neue dazu kam, dass man gezwungen war ihr zu entfliehen und in die markdurchdringende Kälte zu treten, nahm man es für ihre Wärme immer wieder gerne in Kauf.

Es war unfassbar heiß in dem kleinen Restaurant. Die Luft kochte über den heißen Herden und Öfen und legte sich wie warme Decken um jeden Gast, doch die Stimmung kochte ebenfalls und das in lodernden Flammen. Ace war ausgelassen, als er Suru die geleerte Schüssel abräumte.

"Danke", sagte er und lächelte zufrieden über die wundervollen Ramen, die sich in seinem Magen wohl und warm anfühlten.

"Das war perfekt für meinen noch so langen Abend", sagte Junko und stand plötzlich auf. Izaya warf ihr einen fragenden Blick zu.

"Du gehst schon?", fragte Ace und sie nickte. Der hohe Pferdeschwanz den sie heute trug wippte auf und nieder. "Ich hab meinen Eltern versprochen nicht zu spät zu kommen. Wir müssen noch einkaufen. Für O-Bon." Einsichtig nickte Suru. "Wir haben gestern alles besorgt. Es geht in zwei Tagen schon los oder?" Keita nickte nur, ließ sich aber nicht weiter von seinem Essen ablenken und blieb still. "Genau, und da Tradition meinen Eltern so wichtig ist werde ich mich wohl auf den Weg machen müssen. Sonst gibt es noch Ärger." Junko lachte auf und warf sich die Tasche über die Schulter. „Wir sehen uns die Tage!“, sagte sie noch zum Abschied und wandte sich zur Tür. Reiju betrachtete wie sie ging und ein letztes Mal winkte, dann sah sie rüber zu Ace. Er hatte sein Gesicht von Junko abgewandt, als sie angefangen hatte vom O-Bon Fest zu sprechen. Jetzt rieb er intensiv eine Ramenschale trocken.

"Habt ihr schon alles vorbereitet?", fragte Suru in die Runde und jeder nickte. Unsicher nickte auch Ace. "Meine Mutter hat das Fest bei uns nie groß aufgezogen, aber ein paar Traditionen befolgen wir auf jeden Fall", erzählte Izaya, während Reijus Augen noch immer unbemerkt an Ace klebten. Seine Unsicherheit verriet ihn. Surus Blick glitt weiter über seine Freunde. Keita würde er keine Antwort entlocken, also sah er zu Reiju. Sie bemerkte gar nicht wie die Bänder ihres Armbands in die heiße Suppe fielen. „Ace, habt ihr schon etwas vorbereitet?“, fragte er völlig bewusst. Ace zuckte beinahe unbemerkt. Wie sollte er ihnen erzählen, dass sie und auch seine Brüder nicht auch nur einen Moment daran gedacht hatten. Er ließ das Geschirrtuch sinken und griff nach der nächsten nassen Schale. „Sicher“, sagte er mit dem Rücken zu ihnen. Reiju zog die Brauen zusammen. „Wir haben schon die Zweige und alles fürs Festessen besorgt“, sagte sie dann schnell. „Meine Mutter hat dieses Jahr auch ein neues Foto ihrer Oma rahmen lassen. Es ist wirklich hübsch geworden.“ Suru lächelte sanft, als sie zu sprechen begann. Er sah zu ihr. „Das klingt wirklich schön.“ Reiju nickte. „Ich werde wie immer meinen Großvater besuchen, vielleicht sogar über alle drei Tage“, klinkte sich Keita endlich in das Gespräch ein. Auch Ace horchte jetzt auf. „Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, aber über meine Oma wird er wohl nie hinweg kommen“, sagte er matt und nahm den letzten Schluck seiner Ramen. „Das freut ihn sicher wieder“, sagte nur Suru und klopfte ihm auf die Schulter. „Bringst du ihm wieder seine liebsten Süßigkeiten mit?“ „Sicher.“ Keita nickte und schob Ace die leere Schale über die Theke hinweg entgegen. „Wie könnte ich die je vergessen, wenn ich ihn besuche.“

So verlief das Treffen der verbliebenen fünf in den Abend.

 

Reiju zog den schweren Beutel auf ihrer Schulter höher und atmete tief ein und wieder aus, dann erst klingelte sie. Sie war sich nicht sicher über ihr Vorhaben, war sich nicht sicher wie viele Grenzen sie damit überschritt, aber Grenzen überschritten hatte sie in letzter Zeit so oft, auf zwei oder drei mehr kam es jetzt auch nicht mehr an. Genau in diesen Gedanken hinein öffnete sich die Tür vor ihr.

"Reiju." Seiyas Stimme war verwundert aber sanft. Er blickte sie an und lächelte.

"Hallo, Seiya.“ Sie entgegnete sein Lächeln und sprach sofort weiter. „Darf ich rein kommen?“

"Sicher." Er trat bei Seite und ließ sie mit samt ihren zwei Taschen das Haus betreten. "Erwartet Ace dich? Er hat mir nichts erzählt." "Nein, ich komme ohne Vorwarnung. Störe ich?", fragte sie, während sie in ihren Schuhen im Eingang stehen blieb.

"Nein, überhaupt nicht. Bitte, zieh deine Schuhe aus und stell deine Taschen ab." Er deutete auf den Beutel und griff danach. Sie ließ ihn sich abnehmen und streifte sich die Schuhe von den Füßen. „Ich werde Ace sofort holen gehen.“ Mit jedem Wort, das er sprach wurde seine Stimme dünner. Sein Blick fiel auf den Inhalt des Beutels. Er war gefüllt mit allerlei Kram, den er nur zu gut kannte.

Sie ignorierte es und nickte dankend. „Ist Ren auch da?“, fragte sie. "Ja", sagte Seiya etwas neben sich. Er beobachtete wie sie ihre Schuhe ordentlich zu den anderen stellte und auf ihn zu kam. Sie wirkte völlig ruhig.

„Gut. Ich habe nämlich eine kleine Überraschung für euch drei.“ „Ach ja?“, fragte er zögerlich als sie jetzt in ihren rosa Socken vor ihn trat, wusste jedoch schon längst was sie vor haben würde. Schwach nickte sie. "Es ist doch O-Bon."

Sie hielt einen Moment lang inne und wartete bis Seiya wieder zu atmen begann. Leise schnappte er nach Luft. "Ich hoffe es ist okay, aber ich habe ein paar Dinge besorgt. Du weißt schon, was man eben so braucht." "Richtig", sagte er nur und seine Stimme klang entfernt. "O-Bon beginnt heute."

"Ich hatte mir gedacht, dass keiner von euch die Kraft aufbringt alles vorzubereiten. Deswegen habe ich alles da."

Durcheinander nickte Seiya und reichte ihr wieder den Beutel. Dann drehte er sich um. "Geh ruhig schon ins Wohnzimmer. Ich werde Ace und Ren holen", sagte er doch Reiju hielt ihn noch einen kurzen Moment zurück. Stumm sah sie ihm in die aufgewühlten Augen. Sie hatte sich nach Ace sturem Blick im Kageyamas nicht sicherer sein können, doch es war ihr so wichtig, dass sie diese Tradition nicht einfach unterschlugen. O-Bon war das Fest der Toten. Das Fest des Gedenkens und die Zeit in der man in guten Gedanken an die Verstorbenen erinnern sollte. Es war ein Fest der Ehrung, der Dankbarkeit und des Respekts. Aber allem voran war es ein Fest, an dem man alles um sich herum wertzuschätzen hatte, die Toten wie auch die Lebenden.

"Es ist okay, Seiya. Alles ist gut", raunte sie ihm zu und blickte ihn mit munteren Augen an. Sanft nickte er wieder, er fand nicht zu seinen Worten, und sie ließ ihn den Flur runter verschwinden.

Kurz stand Reiju da und fragte sich wieder ob es okay war, was sie tat. Dann aber schüttelte sie den Kopf und blickte auf zum Wohnzimmer. Sie war hier und es war völlig richtig. Sie umklammerte den Beutel fest mit beiden Händen und betrat das überschaubare Zimmer.

Reiju fiel auf, dass sie noch nie hier gewesen war. Überhaupt kannte sie in diesem Haus nur den Flur und Rens Türrahmen, mehr nicht. Es wirkte sofort hell und freundlich auf sie und war voll gestellt mit allerlei Kram. Sie ließ ihren Blick über die weiten Sammlungen in den Regalen wandern, als sie an etwas hängen blieb. In mitten von Animes, Mangas, Spielen und Filmen stand ein kleiner Hausschrein. Ein abgebranntes Räucherstäbchen stand daneben und ein Foto.

Etwas neugierig formte sie ihre Augen zu schmalen Schlitzen und versuchte die Person auf dem Bild erkennen zu können. Sie sah einen Mann vor weitem Grün. Er hatte dunkles Haar, trug ein weißes T-Shirt und... bevor sie Ace Vater genauer hätte betrachten können, betraten die drei Brüder schon den Raum. Sofort drehte sie sich wieder zur Tür, als sie Rens helle Stimme erkannte.

"Reiju! Du hast für uns zu O-Bon eingekauft? Das ist spitze!", rief er sofort und lief seinen älteren Brüdern voran. Gespannt starrte er auf die Tasche in ihren beiden Händen. "Letztes Jahr haben wir ja nicht gefeiert", erzählte er weiter. "Und das sollte eine Ausnahme bleiben", unterbrach ihn Seiya und klang dabei ungewohnt streng. Ob es jedoch gegen Ren oder eher gegen sich selbst gerichtet war blieb sein Geheimnis.

"Das hoffe ich auch", entgegnete Ren jetzt nur noch und wartete darauf was als nächstes passieren würde. Ace blieb still. Nur eine Begrüßung ließ sich seinen Lippen entlocken.

"Okay", begann Reiju also und setzte sich an ihren niedrigen Wohnzimmertisch. "Ich denke ich habe alles da, was wir brauchen." Eine Sache nach der anderen landete aus ihrer Tasche auf dem hellen Holz. "Ich habe Hanfzweige, eine Tonschale, falls ihr so etwas nicht besitzen solltet, Lampions, Blumen..." Sie legte alles ordentlich nebeneinander und blickte dann wieder hoch zu den anderen, die sich inzwischen zu ihr nieder gesetzt hatten.

"Ich muss mich nur entschuldigen für die hier." Etwas beschämt hielt sie den dreien eine Aubergine und eine Gurke hin, beide so klein, dass sie perfekt in ihre Handflächen passten. "Ich habe den grünen Daumen meiner Mutter wohl etwas überschätzt." Ren lachte auf, als er das kümmerliche Gemüse sah und nahm es Reiju aus ihren Händen. "Das ist schon perfekt", sagte er aufmunternd und legte es vor sich auf den Tisch. "Gibst du mir die Hanfzweige?", fragte er. "Warte, ich hole eine Schere." Ace erhob sich. Ren war ganz aufgeregt und Seiya saß ein wenig grübelnd da, doch er schien erleichtert. Er war beruhigt dieses Fest endlich wieder in guten Händen zu wissen.

Ace reichte Ren eine Schere und dieser schnitt einen Hanfzweig in acht gleich große Stücke. Dann steckte er je vier in die Aubergine und in die Gurke, sodass sie wie Tiere auf allein vieren stehen konnten.

"Gib sie mir", sagte Seiya jetzt ganz sanft und nahm die zwei Figuren an sich.

Eine Gurke und eine Aubergine. Ein Pferd und ein Ochse. "Auf dass unser Vater heute Abend schnell zu uns findet auf seinem Pferd", sagte Seiya und stellte die Gurke neben ihren kleinen Hausschrein. "Und auf dass er am letzten Tag mit seinem vollgepackten Ochsen sicher wieder zurück findet!", ergänze Ren und beobachtete wie Seiya die Aubergine auf die andere Seite des Schreines stellte. Dann setzte er sich wieder. Eine alte Tradition Gemüse als Reittiere für die verstorbenen Seelen auszustellen. An O-Bon rief man sie zu sich, sie sollten damit in der Lage sein sicher ihre Wege zu bestreiten.

"Gut, was als nächstes?", fragte plötzlich Ace und blickte Reiju jetzt zum allerersten Mal richtig an. Er schien sich so langsam an den Gedanken zu gewöhnen. Sein Blick motivierte sie. Sie nickte entschlossen und deutete auf die Lampions, die sie mitgebracht hatte.

"Die kann ich aufhängen“, sagte Seiya. "Kümmert ihr euch um das Essen."

Er deutete auf die Tüte aus dem nahen Supermarkt, die noch an Reijus Seite gegen ihren Oberschenkel lehnte. Ace nickte. "Ich helfe gerne beim Schneiden, an mehr solltest du mich nicht ran lassen, wenn ihr heute noch was essen wollt." Ren lachte bei ihren Worten und zu Reijus Erleichterung stimmte Seiya mit ein. Ace entkam ein zartes Lächeln. "Ja, schneiden reicht als Hilfe aus", sagte er und griff nach der Tüte.

Während er akribisch begann die Zutaten, die Reiju nach einem Rezept ihrer Mutter eingekauft hatte, zu begutachten sprang Ren Seiya hinterher durch das Wohnzimmer. "Ich helfe dir, ich helfe dir!", rief er aufgeregt und schleppte ihm die Lampions rüber.

Seiya öffnete ihre Verandatür zum Hintergarten und sog für einen Moment die frische Luft tief in seine Lungen. Er sollte nicht so nervös bei dem Gedanken daran sein, jemandem in einer alten Tradition zu gedenken. Doch es war nun mal nicht nur irgendjemand. Es war ihr Vater und irgendwas in jedem von ihnen dreien hielt ihn noch viel zu sehr in ihrer Welt.

"Reiju hat mir auch ein Feuerzeug gegeben", sagte Ren plötzlich und drängte sich an Seiya vorbei raus auf die Veranda. Mit großen Augen lugte er zu seinem älteren Bruder hoch.

"Ist alles gut?", fragte er und klang mit einem Mal ganz zögerlich. Seiya wusste beim nächsten Blinzeln würde er eine Träne verlieren. Ungewohnt lange sah er Ren nicht an, sondern wischte sich ausgiebig mit beiden Händen über das Gesicht, dann fasste er seinem kleinen Bruder in sein dichtes Haar. Er war ihr großer Bruder und man sollte meinen, dass er jetzt auch schon lang genug ihr Vormund war, um auch so zu handeln. Doch Seiya allein schien zu wissen, dass es nicht so einfach war. Nicht so einfach immer die richtigen Entscheidungen zu treffen und allem voran den Mut für sie aufzubringen. Er wusste er hatte mit O-Bon im letzten Jahr eine falsche Entscheidung getroffen, doch ihm hatte jene Kühnheit gefehlt, die ihn seinen Vater hätte ehren lassen.

"Ja, alles gut." Er lächelte und ihm war jetzt wirklich zum lächeln zumute. Rens Ausdruck schaffte es immer wieder. Er trug das Glück selbst in seinen dunklen Augen.

Zufrieden über Seiyas Mimik nickte Ren und drückte ihm sofort den ersten Lampion in die Hand. "Und hier das Feuerzeug!" "Danke, Kleiner."

Seiya nahm den tiefroten papiernen Lampion in seine Hände und faltete ihn auf. Dann befestigte er ihn als aller ersten an der Veranda.

"Weißt du, wieso wir die heute aufhängen?", fragte er, als Ren ihm den nächsten reichte. Er nickte. "Klar. Wir leiten unseren Ahnen den Weg!" Seiya nickte bestätigend und schwieg für einen Moment. "Und vor allem unserem Vater", fügte er zaghaft hinzu. Ren ließ einen Moment lang die Schultern sinken. "Vor allem das", sagte er und es klang jetzt weniger enthusiastisch als seine Worte zuvor. Doch sofort setzte er wieder sein Lächeln auf und reichte Seiya weiter fleißig einen Lampion nach dem anderen. Jetzt aber schwiegen sie während ihrer Aufgabe.

„Komm, du darfst sie anzünden“, sagte Seiya, als Ren ihm den Letzten gereicht hatte.

„Wirklich?“, fragte er begeistert und Seiya nickte nur. Er reichte seinem kleinen Bruder das lange Feuerzeug und fasste ihm an die Hüfte. „Bereit? Ich hebe dich hoch und dann musst du nur aufpassen das dünne Papier nicht mit anzuzünden.“ Ren lachte auf und nickte wild. „Bereit“, sagte er. Seiya hob den kleinen, dünnen Jungen in die Höhe, sodass sein Kopf beinahe an das Dach stieß und versuchte ihn ganz ruhig zu halten.

„Hast du's?“, fragte er nach einem Moment, da er spürte wie seine Muskeln gleich zu zittern begannen. Und in diesem Moment flackerte die zitternde Flamme hinter dem harten rot hell auf.

 

Als sie wieder in das Wohnzimmer traten waren Reiju und Ace schon in der Küche verschwunden. Seiya hörte sie schon durch die geöffneten Türen miteinander sprechen.

„Mach ich das so richtig?“, fragte Reiju und sah unsicher zu Ace rüber. Fragend blickte er zurück zu ihr. „Das Umrühren?“ Er lachte. Reiju stand am Herd und wog die Stäbchen behutsam im Topf hin und her. Sie wirkte völlig hilflos. „Ja, das Umrühren“, bestätigte sie ihm und ließ ihren Blick nicht von ihm. Wieder musste er lachen und sie war heil froh, dass er endlich völlig aufgetaut schien. „Ich glaube da gibt es nicht viel zu vergeigen“, sagte er dann. „Ich will nur nicht, dass ihr wegen mir am Ende ohne Essen dasteht“, beteuerte sie und drängte ihren Blick weiter in seinen. „Du machst das toll. Keine Sorge.“ Lachend blickte er in die brodelnde Flüssigkeit und dann wieder zu Reiju, die jetzt etwas entspannter ihre Schultern sinken ließ.

„Darf ich bei irgendwas helfen?“, fragte Ren, als er die Küche betrat. Ace und Reiju sahen auf. Ihr Gesicht war gezeichnet von Erleichterung. „Du kannst umrühren“, sagte sie und war froh, dass Ren so ein begeisterter Mensch war. Er nahm ihr die Stäbchen und damit die Verantwortung ab, doch Ace ließ das nicht so einfach auf sich sitzen. „Dann schneidest du die Lotuswurzel“, sagte er und hielt ihr ein Messer hin. „Was? Das hatte ich noch nie in der Hand.“ Widerwillig wurde sie von Ren mit einer Hand zur Theke geschoben. Ace lachte immer wieder auf, als er in ihrer starren Miene die blanke Angst entdeckte. „Du schneidest sie nur in Scheiben.“ „Muss man die schälen?“, fragte sie und hob die helle Lotuswurzel mit einer Hand in die Höhe. Sie hatte sie natürlich schon viele Male gegessen, aber frisch hatte sie noch nie eine in der Hand gehalten.

„Ja, muss man“, antwortete Ace grinsend. Reiju legte die Lotuswurzel wieder nieder auf das Schneidebrett und atmete aus. Ein kurzer Moment verging. „Okay, ich helfe die dabei.“ „Du machst dich doch nur lustig über mich“, beschwerte sie sich, doch Ace legte seine Hand schon auf ihre und führte seine Finger an ihren vorbei zum Griff des Messers. „Gibt es dafür nicht Sparschäler?“, fragte Reiju. Ace kam ihr jetzt immer näher und führte das Messer unter ihrer Hand zum Gemüse. „Das geht auch so“, sagte er. In der sommerheißen Küche spürte sie den zarten Schweißfilm seiner Handfläche auf ihrem Handrücken. Sein warmer Atem lag ihr auf der Wange. „Siehst du, ganz einfach“, sagte er und ließ seine Hand auch schon wieder sinken. Sein Atem versiegte.

„Jetzt schneide sie in dünne Scheiben.“ Reiju nickte nur und hörte, ohne hinzusehen, wie Seiya den Raum betrat. „Ihr seid ja schon ganz schön weit gekommen“, sagte er. Ihm war die kurze Spannung zwischen Ace und Reiju nicht entgangen, selbst im Flur hatte er sie spüren können und er hatte aufmerksam gewartet bis der Moment vorbei war, um ihn nicht zu stören.

Ren nickte bei seinen Worten. „Aber Reiju ist kurz davor uns alles zu versauen.“ Finster ließ sie das Messer sinken und wirkte als gebe sie einfach alles auf. Seiya musste lachen und klopfte ihr auf die Schulter. „Du machst das toll. Kann ich auch irgendwas tun?“

Ace führte sie alle in der Küche an. Das hier war sein Revier und jeder wusste, dass es nur das Beste war, wenn er das Sagen hatte.

„Habt ihr O-Bon früher auch immer so gefeiert?“, fragte Reiju nach einer Weile. „Ja, eigentlich ziemlich genau so wie heute“, sagte Ace stumm und war in sein Schneiden vertieft.

„Unser Vater hat immer groß gekocht und konnte Stunden damit verbringen die richtigen Lampions, Hanfzweige und Zutaten auszusuchen. Dabei waren sie am Ende doch sowieso alle gleich.“ Wild schüttelte Ren den Kopf. „Papa hatte einen extra Sinn dafür. Für uns, hat er immer gesagt, suchte er nur das Beste aus.“ Reiju lächelte. Beim Kochen zu helfen hatte sie schon längst wieder aufgegeben. Jetzt saß sie am Küchentisch und beobachtete die drei nur noch, wie wildes Treiben. Sie lehnte ihren Kopf in ihre Hand und nickte. „Ich bin auch für den sechsten Sinn“, überstimmte sie Ace.

„Am letzten Tag sind wir auch immer die vielen Lichter am Fluss gucken gegangen“, redete Ren weiter und ergänzte Ace Erzählen. „Er hat uns dann immer irgendwelche Geschichten erzählt.“ Seiya lachte auf. „Ich kann bis heute nicht sagen, was davon wahr war und was nicht. Er hat immer so getan als hätte er all das erlebt oder als wäre es einem Freund von ihm passiert.“ Ace und Ren stimmten tatsächlich in sein Lachen ein. Sie erinnerten sich an dunkle Nächte, einzig erleuchtet von dem glühenden Fluss vor ihnen. Wie in Flammen loderte er auf unter den sich seicht im Wasser wiegenden Lampions. Unter ihnen angenehm kühles Gras. In ihren Ohren die tiefe und so unendlich sanfte Stimme ihres Vaters, der sie zu Orten und in Situationen überführte, die sie sich mit ihren noch so jungen Jahren niemals hätten ausmalen können.

„Es wird immer sein Geheimnis bleiben“, sagte Ace dann und es wurde still. Eine schwere Stille stellte sich ein. Seine Worte wogen mächtig und drängten ihre Gemüter zu Boden. „Das wird es wohl“, hauchte Seiya wehmütig.

Eine Weile ließ Reiju sie mit ihren Gedanken allein, bis sie Rens Ausdruck sah. Gequält vom Schweigen wurde seine Hand um die Stäbchen immer langsamer. Sein Mund verkrampfte sich.

„Ace hat mir, als wir vor kurzem unterwegs waren, darüber erzählt, dass ihr immer viele Ausflüge gemacht habt mit eurem Vater. Wohin ging es denn sonst noch so?“, fragte sie. Ihre Augen waren aufgeweckt und voller Gier auf Geschichten der Vergangenheit.

Ace, Seiya und Ren sahen alle drei kurz zu ihr auf. Dann sahen sie alle zu Ace. „Wir waren hier eigentlich überall, was mit der Bahn erreichbar war“, sagte Seiya, nachdem sie alle noch einen Moment gebraucht hatten, um zu entscheiden, ob sie sich auf Reijus Worte einlassen würden.

Ace nickte nur langsam. „Er ist nie gern Auto gefahren“, sagte er. „Wieso nicht?“, fragte Reiju weiter. Ren zuckte mit den Schultern und schaltete den Herd ab. Er wusste was er tat. Sein Kochtalent hatte er von Ace übernommen. „'Wenn es schon eine Erfindung wie Bahnen gibt, wozu soll ich mich dann noch anstrengen und selbst hinter dem Steuer sitzen und damit auch noch die Luft verpesten.'“ Seiya musste lächeln, als sein kleiner Bruder die Worte ihres Vaters eins zu eins so wieder gab, wie er es immer gesagt hatte, bevor sie das Haus hatten verlassen wollen. Er hatte sie selbst schon vergessen, aber Ren hatte sie sich für immer eingeprägt. „Er gab für Dinge, die in seinen Augen schlecht oder nicht von Nöten waren immer nur ungern Geld aus.“ Reiju lachte auf. Ihr plötzlich so helles und schallendes Lachen erfüllte die Luft. Ace hatte sie nie so lachen hören. So beruhigt. „Mein Vater ist da ganz ähnlich. Er nimmt immer zu das Fahrrad auch für ewig lange Strecken.“ „Seine Ausdauer muss gut sein“, witzelte Seiya und lachte jetzt auch.

Unter all den Erzählungen verlief sich der Tag schnell in die Dämmerung hinein und ihnen blieb plötzlich nicht mehr viel Zeit. Sie hatten den gesamten Nachmittag kocht, dann den Tisch angerichtet und gegessen. Sie hatten sich lange unterhalten, hatten kurze Momente der Stille erlebt, aber allem voran hatten sie gemeinsam gelacht. Sie hatten das Haus mit ausgelassenem Gelächter gefüllt, voll Wehmut und Freude über alte Zeiten.

Jetzt aber beeilten sie sich mit dem Essen fertig zu werden. Sie leerten ihre Schüsseln und Tassen und Seiya erhob sich. Dann griff Reiju nach der nächsten Sache aus ihrer Tasche. Sie hatte Blumen besorgt und, wie in ihrer Familie Tradition, Süßigkeiten.

„Ich wusste nicht, was ihr in der Regel darlegt, also hab ich mich ein an das gehalten, was ich am besten kenne.“ Sie überreichte die zarten Azaleen Ace und die Pralinen Ren. Seiya nickte stumm. Sie alle wussten, was als nächstes auf der Liste stand.

Mit einem Mal wurde es ruhig zwischen allen von ihnen. Seiya nahm das Feuerzeug vom Tisch und sie traten an ihren Hausschrein heran. Voller Ehrfurcht schienen sie sich mit einem Mal nur noch halb so schnell zu bewegen wie zuvor. Reiju blieb am anderen Ende des Zimmers stehen und beobachtete still die Opfergabe. Das Foto hatte sie noch immer nicht betrachten können. Auch wusste sie nicht einmal den Namen des Mannes, der in Ace Leben so viel bewirkt hatte. Sie wusste nichts und doch hatte sie heute das Gefühl ihn irgendwie zu kennen. Die Geschichten der drei Brüder holten ihn für den heutigen Tag zurück ins Leben. Sie lehnte gegen das Sofa und blieb still. Nicht ein Geräusch wagte sie von sich zu geben.

Ace regte sich lange nicht. Ren erteilte ihm den Vorrang, doch er bewegte sich nicht. Seiya legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ren schniefte. Dann legte Ace den Bund pinker Blumen vor dem winzigen Schrein nieder. Seine Augen klebten an dem Foto seines Vaters. An dem breiten Lächeln und dem Haar, das leicht im Wind wehte. Dann ging er wieder einen Schritt zurück. Ren legte die Süßigkeiten, die er von Reiju bekommen hatte daneben. „Für dich, Papa“, sagte er leise und seine helle Stimme klang angeraut. Einen Moment blieb er noch stehen. Einen Moment in dem er dem Foto seines Vaters näher war als er es das gesamte letzte Jahr je gewesen war. Er erinnerte sich an die Wärme seines Ausdruckes, wenn er seine Lippen so weit zum Lachen weitete, dass seine strahlend weißen Zähne zum Vorschein traten. Er hatte immer so laut gelacht, dass man es im gesamten Haus hatte hören können. Ren war sich immer sicher gewesen, dass man es in der gesamten Nachbarschaft hatte hören müssen. Früher war es ihm immer irgendwie unangenehm gewesen. Jetzt war es das Einzige was er sich noch einmal zu hören wünschte.

Still nickte er. Erst als Seiya sich sicher war, dass jeder getan und gedacht hatte, was ihm auf der Seele brannte, holte er zwei neue Räucherstäbchen aus der kleinen Schublade unter dem Schrein hervor. Er entfernte die zwei seit Wochen abgebrannten, aschenden Stäbe und steckte die Neuen in ihre Halterungen. Dann entzündete er sie. Die Flamme zitterte, als Seiya dem Ende des grauen Stäbchens immer näher kam, als würde sie sich fürchten. Dann stieg sanfter Rauch empor.

Stumm legte er das Feuerzeug nieder und trat zurück zu Ace und Ren. Eingespielt falteten sie ihre Hände, verneigten sich und hielten einen für Seiya ewigen Moment Inne. Völlig still brannten die zwei Räucherstäbchen in dem Wohnzimmer herunter und umrahmten das glückselige Bild ihres Vaters. Dann sahen sie wieder auf.

„Lass uns raus gehen“, sagte Reiju seicht und lächelte. Ren spürte die starke Hand seines Bruders auf seiner Schulter. Seiya drückte ihn und nickte Reiju entgegen, doch niemandes Augen trafen ihre. Keine bis auf Ace.

Ace Gesicht war... sie konnte es nicht genau deuten, aber es wirkte... es wirkte beruhigt. Ausgeglichen. Im Einklang mit dem Moment.

Voller Erleichterung lächelte Reiju tief in sich hinein und griff nach der Tonschale und den Hanfzweigen. „Ja, wir sind schon spät dran“, sagte Seiya und öffnete die Gartentür.

 

Die Stille trug sich nach draußen. Wortlos hockten sie im Kreis um das kleine Feuer in der Tonschale herum und starrten in das flackernde rot und orange der Flammen. Sie hüllten ihre aller Gesichter in Wärme.

Gemeinsam saßen sie da und gemeinsam dachten sie nach. Gemeinsam und doch jeder völlig für sich allein. Niemand wusste die Gedanken des anderen zu erahnen, doch das war auch nicht wichtig.

Reiju schloss ihre Augen und ließ ihrem Kopf freien Lauf. Sie spürte die Wärme des Feuers und wusste, dass es völlig egal war wo genau sie sich gerade befand. Auch sie erreichte die weiche Traurigkeit des Feiertages als sie zu ehren ihrer Großmutter alte Erinnerungen wieder hervor holte und sie spürte, dass ihre Eltern und Kisumi genau in diesem Moment an das selbe dachten wie sie.

Sie alle hatten ihre eigenen Geschichten und Gedanken denen sie sehnsüchtig hinterher hingen, bis das Feuer langsam zu erstarben begann und es zwischen ihnen in der längst eingetretenen Dunkelheit düster wurde.

Seiya stand auf und schob das Schälchen bei Seite, dann schaltete er die Verandalampen an.

„Ich werde Tee holen“, sagte er, doch Ace stand schon hinter ihm und zog ihn zu sich. „Lass mich das machen", bat er und Seiya ließ ihn gehen. Ren folgte ihm wie ein Welpe seinem Herrchen.

Seiya ging sich mit den Fingern durch die Haare und dann unter die feuchten Wimpern. Dann drehte er sich wieder zu Reiju. Sie hatte sich erhoben, stand jetzt still in der Dunkelheit und sah sich um. Die Arme verschränkt wirkte sie in der leichten Ferne nur wie ein zierlich vager Schattenriss.

„Reiju“, sagte Seiya und sie sah zu ihm rüber. „Wieso tust du das alles für uns?“

Stumm wog sie sich auf ihrem Standbein hin und her. Mit dem anderen trat sie vorsichtig auf ihn zu. Sie blickte ihn an. „Ich... ich weiß nicht“, sagte sie schulterzuckend. „Es fühlt sich richtig an.“

Seiya nickte als würde er verstehen, doch eigentlich bekam er sie nie wirklich zu fassen.

"Solltest du nicht eigentlich bei deiner eigenen Familie sein?", fragte er. "Du hast eure Traditionen erwähnt, es muss euch wichtig sein. Du hast doch sicher auch deinen Teil zu betrauern."

Reiju blieb still. Sie ging weiter auf ihn zu und blickte zu ihm hoch. Mit ihren Socken stand sie noch immer im kühlen Gras. "Es ist ja nur der erste Tag. Das macht meiner Familie nichts aus." "Deine Eltern müssen sehr verständnisvoll sein", antwortete Seiya nur zögerlich, da er ihren Ausdruck noch immer nicht deuten konnte. "Ja, das können sie sein, manchmal." Sie lächelte ganz zart und sah dann wieder in die dunkle Ferne.

„Suru hat mir einmal erzählt", begann er plötzlich und wusste nicht ganz worauf er eigentlich hinaus wollte. "Dass du dich in der Regel nicht gern mit Menschen unterhältst, die du noch nicht lange kennst. Er hatte mich auf jeden von euch Dreien vor dem Roadtrip damals ein wenig vorbereitet. Dennoch scheinst du auf mich doch sehr gesprächig.“ Reiju sah nicht mehr zu ihm, doch aus irgendeinem Grund lächelte sie. „Ja. Normalerweise bin ich auch nicht so", sagte sie. "Aber ich handle nun mal immer nur nach Bauchgefühl." Jetzt lächelte auch Seiya. Vielleicht war das ihr einziges Geheimnis.

Ace und Ren kamen mit dem Tee und sie saßen bis in eine späte Stunde zusammen, aßen und unterhielten sich. Reiju hatte ihnen mit den Vorbereitungen geholfen. Hatte die Planung und den Einkauf übernommen. Sie hatte ihnen einen Ruck gegeben und sie zum zelebrieren gebracht. Sie hatte nicht zugelassen, dass jemand in Trauer versank, genau so aber auch nicht, dass über ihren Vater geschwiegen wurde. Sie hatte Fragen über ihre Kindheit oder ihre Familie gestellt und hatte sie unweigerlich dazu gezwungen, schöne Dinge über ihren Vater zu erzählen.

Heute am ersten Tag des O-Bon hatte Reiju sie begleitet und sie hoffte ihnen damit geholfen zu haben. Drei Tage später aber, am letzten Tag, ließ sie sie allein.

 

Eine Stufe nach der anderen legte Ace hinter sich. Die Sonne brannte in seinem schwarzen Haar und auf seiner hellen Haut. Seine Füße waren bleiern, schwer und mühsam stieg er die Treppe hinauf. Sein Ziel lag nicht mehr weit entfernt, er konnte das eiskalte Grau schon sehen. Als er mit aller Mühe endlich auf der weichen Erde ankam, sah er strahlend weiße Kamillen.

"Hallo, Papa."

Ace kniete sich neben den winzigen Grabstein und blickte auf die eingravierten Schriftzeichen, die seinen Familiennamen ergaben.

"Es... ist lange her, ich weiß", er schluckte und versuchte seine Worte so präzise wie nur möglich auszuwählen. "Es ist so viel passiert, aber das ist keine Entschuldigung, ich weiß das. Du würdest jetzt sicher mit deinen manchmal wirklich furchteinflößenden Augen auf mich nieder schauen und sagen, dass Familie immer vor geht. Genau das habe ich versucht zu befolgen, aber es ist einfach viel zu viel passiert seitdem du nicht mehr da bist. Alles ist irgendwie aus dem Ruder gelaufen... aber deswegen bin ich nicht hier. Ich vermisse dich. Ich vermisse dich wirklich sehr, Papa.

Manchmal ist es als seist du nie gegangen, als würdest du nach der Schule wie gewohnt auf mich warten, deine Zeitung lesen und mir vorwerfen ich hätte zu lange getrödelt. Es gibt Tage da erwarte ich dich noch immer auf deinem Platz in dem viel zu großen Sessel. Doch wenn ich dann nach Hause komme bist du nicht da und dein Platz ist jedes mal leer. Die Realität ist manchmal härter als jeder Schlag.

Aber weißt du... Izaya ist immer an meiner Seite. Wie du es schon in der Grundschule prophezeit hast, ist er wohl wirklich mein Freund fürs ganze Leben. Seine Familie hat sich um dein Grab gekümmert... aber das weißt du sicher. Und ich habe tatsächlich noch mehr Freunde dazu gewonnen. Keine Eintagsfreunde, wie du das Fußballteam immer genannt hast. Freunde die bleiben und allem voran... ich habe jemand ganz besonderen kennen gelernt. Sie ist der Grund, weshalb ich jetzt hier sitze. Sie ist der Grund weshalb ich hier sitzen und mit dir reden kann. Reiju. Ich würde sie dir so gern vorstellen. Ich bin mir sicher du würdest sie mögen. Sie hat die gleiche Wärme in ihrem Herzen wie du und ich bin mir sicher, dass du noch so viel besser als ich in der Lage wärst ihr ein Lachen zu entlocken. Das kann wirklich ganz schön schwierig sein, aber ihr Lachen ist das aller schönste und jede Mühe wert. Siehst du welch ein kitschiges Zeug sie mich zu sagen zwingt. Es ist seltsam, sie ist wirklich besonders. Es scheint mit ihr alles zu passen. Du hast immer gesagt, dass wir im Leben mindestens einer Person begegnen würden, die passt und auch wenn sie irgendwann aufhören sollte zu passen, in dem einen Moment damals hat sie einfach und vollkommen perfekt gepasst. Ich weiß nicht, Papa, aber ich denke wirklich sie könnte passen.

Es ist so seltsam nach so langer Zeit hier zu sein. Hier zu sitzen und mit dir zu sprechen und ohne Reiju hätte ich es nie gewagt.

Es tut mir wirklich leid, Papa. Alles tut mir so schrecklich leid. Seiya, Ren und ich wir haben ein blindes Leben geführt. Wir haben dich so krampfhaft bei uns haben wollen, dass wir dich ruhelos an diese Welt gebunden haben. Wir haben dir egoistisch deine Freiheit verwehrt und das tut mir schrecklich leid. Aber…" Er machte eine kurze Pause und legte seine Hand auf den grauen Stein. Er war von der Sonne ganz warm. "Du darfst endlich gehen, Vater. Nie werden wir aufhören an dich zu denken, nie wirst du von unserer Seite weichen, aber wir werden unser Leben endlich weiter leben. Du kannst gehen, ruhigen Gewissens kannst du endlich diese Erde verlassen. Bitte finde heute mit den hellen Lichtern deinen Weg in die ewige Ruhe."

Ace gähnte lang und ausgiebig. Er strich sich die vom Schlaf noch ganz wirren Haare aus den Augen und stieg die Treppe hinab. Es war noch ganz still im Haus. Ace war immer der Erste, der an Wochenenden aufwachte.

In weiten Pyjamahosen und dem alten Shirt irgendeiner Band, die heutzutage keiner mehr kannte, heulte der Holzboden leise unter jedem seiner Schritte. Als er die Haustür öffnete überwältigte ihn der frische Luftzug, welcher am Morgen um das Grundstück fegte. Die Blumen erzitterten und das Windspiel machte einen seichten Ton, dann wurde es wieder still. Ace liebte den Morgen für seine Friedlichkeit.

Er holte die Post aus dem Briefkasten und blieb noch für einen weiteren, kurzen Moment draußen auf dem alten Holz stehen und lauschte den längst erwachten Vögeln. Dann ging er zurück ins Haus.

Für gewöhnlich checkte er die Post nur gleichgültig, sortierte sie und legte sie Seiya auf dem Küchentisch zurecht. Doch heute blieb er an einem ganz bestimmten Brief hängen.

Der Briefumschlag war in einem zarten orange, auf der Vorderseite war mit Wachsmalstiften ein großes unbeholfenes Herz gemalt. Ace ahnte sofort von wem der Brief stammte. Er legte die restliche Post in die Küche und hielt den orangen Briefumschlag fest umklammert. Mit ihm in seinen Händen ging er ins Wohnzimmer und raus auf die Veranda. Irgendwie war ihm nicht danach, dass Seiya oder Ren ihn dabei erwischten diesen Brief zu lesen. Er schloss die Tür und setzte sich.

Als er den Brief endlich ganz vorsichtig öffnete verfiel er in ein tiefes, hypnotisches Lächeln. Er lächelte als er den Inhalt in der kühlen Morgensonne hervorholte und hörte auch nicht damit auf als die noch tief gelben Strahlen das Foto trafen, welches sich ihm zeigte.

In dem Briefumschlag war ein ganzer Stapel an Fotos und ganz unten lugte ein kleiner Zettel hervor. Ace erfasste beinahe eine Gänsehaut.

"Es sind nicht immer nur Rechnungen -Izaya"

Ace hätte weinen können. Er hätte Izaya erschlagen können. Immer wieder tat er diese Dinge für ihn, diese wundervollen kleinen Dinge.

Er legte den Zettel bei Seite und betrachtete das erste Foto auf dem Stapel. Die Oberfläche glänzte und zeigte ihm sich selbst neben einem lachenden Suru. Sie saßen in Keitas Wohnzimmer auf dem Boden und er hielt ein Stück Kuchen in seiner rechten Hand, die linke lag auf Surus Schulter. Ace war geblendet von dem Blitz in dem dunklen Raum, doch er sah sich lächeln. Auf der Rückseite hatte Izaya Datum und Ort notiert. Ace war gerührt. Viel zu gerührt von dieser Geste. Viel zu schwer fiel es ihm das nächste Bild zu betrachten. Die Freude in seiner Brust fühlte sich untragbar an. Das Glück, das er verspürte war schmerzlich aber wunderschön.

Sie alle sechs waren auf dem nächsten Foto zu sehen. Izaya machte mit seinen nur gerade zu lächerlich langen Armen ein Selfie und schaffte es sie alle problemlos auf das Foto zu bekommen. Er grinste so breit in die Kamera, dass seine Augen sich schlossen. Im Hintergrund saßen sie zu fünft um Keitas Wohnzimmertisch und lächelten ausgelassen, auch er selbst. Das Bild war vom selben Abend wie das erste und Ace erinnerte sich an jede Sekunde, jeden Moment. Von Reijus sanften Worten bis zu Izayas Armen um seinen Körper, er würde diesen Tag niemals vergessen können, schmerzlich aber auch erlösend lag er in seinen Gedanken. Es war damals sein aller erstes Lächeln gewesen.

Auf dem nächsten Foto waren er und Reiju von hinten zu sehen. Sie gingen nebeneinander her und er selbst hatte ihr den Kopf zugewandt. Vor ihnen lag ein dichter Wald. Das Foto musste von der Klassensprecherfahrt sein.

Dann wieder eins von ihnen allen sechs. Sie standen da, jeder in Yukatas, und lachten voller Freude in die Kamera. Im Hintergrund waren die Stände des Tanabata Festes zu sehen, um sie herum jede Menge Menschen, die aßen, lachten und sich mit ihren Klamotten perfekt in ihre einblendeten. Ace hielt Junkos gewonnenen Ballon in der Hand, Reijus Haarspange glänzte im Schein der Laternen, Izaya stand zwischen Keita und Suru und hatte die beiden eng an sich geschlungen. Völlig hilflos lachte Ace auf und konnte rein gar nichts dagegen tun. Gierig sah er sich das nächste Foto an. Es war ebenfalls vom Tanabata und zeigte Reiju, Keita und ihn, wie sie ihre Tanzakus an einem dürren Bambuszweig befestigten. Die Nächsten waren aus Keitas Garten, wie er und Reiju konzentriert versuchten einen Eimer mit Wasser zu füllen, wie er sein Essen servierte, wie Keita laut lachte, als Reiju ihre Wunderkerzen angsterfüllt zu Boden schmiss. Dann war da ein Foto von Reiju. Es war aus dem Kageyamas und Ace saß auf einem der Stühle. Er sah nicht hin, sie schlich sich nur von hinten an ihn heran und zog eine Grimasse. Er hatte nie bemerkt, dass dieses Foto entstanden war. Er lächelte über Reijus dummes Gesicht und sehnte sich zu diesem ruhigen Abend im Kageyamas zurück.

Es waren etliche Fotos aus dem Restaurant, aus Keitas Haus und von jedem anderen Abend, den sie in den letzten Wochen gemeinsam verbracht hatten. Ace ging den Stapel einmal durch, nur um ihn sich dann noch ein weiteres Mal anzusehen. Dann legte er ihn bei Seite und lachte ein wenig über sich selbst, darüber dass er den Tränen gerade so furchtbar nah war. Izaya musste extra Suru danach gefragt haben. Er machte die meisten ihrer Fotos mit seiner Kamera und liebte es jeden noch so winzigen Moment einzufangen. Und das Herz und die kleinen anderen, herzerweichenden Kritzeleien auf dem Umschlag mussten von Hattori sein. Dass sie schon so groß geworden war, dass sie ihm malte schien ihm unbegreiflich.

Ace lächelte und konnte nicht damit aufhören, doch er legte den Stapel bei Seite und sah auf. Die Sonne hatte am Himmel jetzt schon ein ganzes Stück zurück gelegt und stand schon viel höher als eben, es wurde immer wärmer.

Für einen kurzen Moment schloss Ace seine Augen

Reiju und Izaya waren gestern Abend von einem kurzen Trainingscamp wieder zurückgekehrt. Sie trainierten jetzt schon eine Weile auf Hochtouren für ihr großes Turnier am Wochenende. Ace wusste es bedeutete ihnen unglaublich viel. Vor allem Izaya ging nervös in diese Spiele, da er rein menschlich vielleicht am Meisten zu verlieren hatte.

Damit auch wirklich nichts schief gehen konnte wollten sie heute ein aller letztes Mal gemeinsam den Schrein besuchen. Ein letztes Treffen zu sechst, bevor die Schule sie alle wieder einholen würde. Nach den Qualifikationsspielen ging es sofort wieder los.

Mit einem siegreichen Team oder nicht, aber dafür mit ihnen sechs und einer Freundschaft, die schneller nicht enger hätte wachsen können. Nur zu gut, dass Suru auch heute wieder seine Kamera dabei haben würde.

 

~

Ace trat vom einen Bein aufs andere und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Es war wie an jedem der letzten Tage brühend heiß und er genoss den seichten Schatten unter dem breiten Torbogen am Eingang des Parks. Neben ihm stand Junko. Mit ihrem kurzem Wickelkleid in zartem rosa wirkte sie jung und niedlich. Es legte sich leicht um ihre Kurven. Sie war hübsch wie immer.

Sie wog sich seicht hin und her und sah in die Ferne. Irgendwie war es seltsam still zwischen ihnen. Ace konnte sich nicht daran erinnern, dass er bisher schon einmal allein mit ihr gewesen war. Völlig unnötig wurde er ein wenig nervös und machte die Situation nur noch angespannter. Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und sah dann wieder weg.

"Es trifft ihn nicht", sagte er aus heiterem Himmel in die schwere Stille hinein.

"Wie bitte?" Fragend blickte sie zu ihm rüber und sah ihm unschuldig in die Augen.

"Izaya. Er ist nicht verletzt. Du hast ihm nicht weh getan."

Jetzt schluckte sie, doch ihr Blick wich nicht. "Du weißt davon?"

"Ja, er hat es mir erzählt. Entschuldige, hätte er nicht?"

"Nein, alles gut."

Wieder wurde es still und Junko sah zurück gerade aus. Ihr Blick ging in die weite Ferne des Parks. Auch Ace hatte seinen Blick wieder von ihr gelöst und seine Hände jetzt aus seinen Hosentaschen locker neben seinen Körper fallen lassen. Sie standen erneut wortlos nebeneinander im Eingang des riesigen Parks und es war nicht mehr unangenehm.

"Danke, Ace."

~

Zu sechst schritten sie durch die Gegend. Im Umkreis des Parks waren bereits einige Stände aufgebaut. Am Abend stand erneut ein Fest an und diesmal war es das Letzte in diesem Sommer. Dann wären die Straßen wieder voller tummelnder Menschen, doch jetzt am Vormittag war es ruhig und leer. Nur wenige Stände hatten bereits geöffnet, doch ein ganz bestimmter hatte es und der ergriff jetzt Reijus volle Aufmerksamkeit.

„Ace“, sagte sie kühl. Sie hielt ihre Hände geheimniskrämerisch hinter ihrem Rücken.

„Reiju?“, fragte er zurück. Er war etwas misstrauisch. In ihren Augen lag Unfug.

Sie standen gemeinsam neben Suru und starrten sich jetzt wetteifernd entgegen.

„Ich habe etwas für uns“, sprach sie dann weiter, während Suru nur aufmerksam beobachtete was passierte. Reiju grinste und er wusste, dass dieser Blick nur Gutes bedeuten konnte.

„Und... was?“, fragte Ace dann und war sichtlich verwirrt, aber auch mitgerissen von der seltsamen Atmosphäre die gerade zwischen ihnen herrschte. Da enthüllte Reiju auch schon, was sie ihnen gekauft hatte.

Ace starrte auf zwei Haarreifen mit flauschigen, weißen Katzenohren.

Er betrachtete sie, dann Reiju. Sie sah bettelnd in sein Gesicht und Ace hatte sie noch nie so gut spielen sehen, dann fiel sein Blick wieder auf die Katzenohren in ihren Händen. Sein Kopf arbeitete für einen ewigen Moment, dann schlug er ihr mit dem Handrücken sanft auf den Kopf.

„Gib schon her“, sagte er geschlagen und sah gleichgültig auf sie herunter. Reiju aber fasste sich an die Stirn. Ihr Ausdruck war nicht der, den er erwartete hatte.

„Hast du gerade ernsthaft diesen Shoujo Schlag bei mir gemacht?“

Ace kühne Seite schwand. Verwundert sah er ihr ins Gesicht.

„Hast du jetzt plötzlich zu viel Selbstbewusstsein für sowas?“

„Was für ein Schlag?“

„Dieses Tätscheln. Das hauen mit dem Handrücken“, sie starrte ihn mit ernster Miene an.

„Wenn du mit Katzenohren ankommst, muss ich doch mit ähnlichen Waffen zurückschlagen.“ „Hmpf“, kam es von Reiju. „Aber das machen die Jungs immer bei ihren unterwürfigen Mädchen.“

Jetzt musste Ace schmunzeln. „Du bist nicht unterwürfig, ganz sicher nicht.“

Doch sofort bereute er den Satz, als er sah wie sich ihr starrer Blick in ein schelmisches Grinsen wandelte. „Da hast du recht, denn sonst würde ich dich nicht dazu zwingen können die hier aufzusetzen.“ Ohne eine weitere Ankündigung ging sie auf ihre Zehenspitzen und setzte Ace die weichen Ohren in sein Haar.

„Korrekt“, kam es eintönig von ihm, dann drehte er sich mit einem Mal um und ging zu den anderen drei herüber, die sich gerade etwas zu Essen holten. Reiju hörte Keita sofort auflachen.

Sie blickte Ace nach. Mit diesem tiefen, sanften Blick, das fiel Suru auf. Dann packte er sie an der Hand und schloss sich mit ihr gemeinsam ebenfalls wieder der Gruppe an.

~

Sechs fünf Yen Stücke landeten klirrend in der Holzkiste vor dem Schrein. Dann helles Glockenklingen. Einmal, zweimal. Unbeholfen asynchrones doppeltes Klatschen in die Hände. Stille. Zuletzt eine Verbeugung vor der Gottheit. Dann sah Reiju wieder auf.

"Jetzt ist der Sommer doch tatsächlich schon wieder vorbei", sagte Junko plötzlich und lehnte sich zurück auf die Treppenstufe hinter ihr. Sie saßen auf der alten Steintreppe vor dem Schrein und unterhielten sich. Ihr Kopf im Nacken liebte die grelle Sonne, die sie erreichte. "Viel zu schnell ging er vorbei. Es ist als hätten wir noch gar nichts erledigt!", rief Keita darauf zustimmend und schmollte vor sich hin. "Die Schule lässt auch wirklich nie lange auf sich warten."

"Leute, erst einmal steht doch aber unser großes Turnier an. Vergesst das nicht", warf Izaya ein und übergab das Wort an Ace, der hinzufügte "Und danach die Woche heißt es erst mal Festival statt Schule.“ Suru lachte. "Lasst uns den Sommer nicht verabschieden, bis er nicht auch wirklich geht!", verkündete er und sie stimmten ihm jeder zu. Auch wenn jeder von ihnen trotzdem noch tief im Hinterkopf spürte wie die Schule auf sie lauerte.

"Das Team wollte doch heute auch her kommen oder nicht?", fragte er dann. Izaya nickte. "Ja, die müssten eigentlich bald da sein."

~

"Chisa, benimm dich gefälligst!"

Wakabayashis laute Stimme erschallte am Schrein und ließ die kleine Gruppe sofort aufsehen. Chisa rannte mit seinen flinken Beinen voraus und war drauf und dran Izaya von hinten zu packen. Noch in der Bewegung stockte er bei den Worten seines Kapitäns.

Da griff Izaya jedoch selbst plötzlich nach Chisas dünnen Ärmchen und zog den kleinen Angreifer zu sich rüber. Er packte ihn am Oberkörper und hielt ihn für einen Moment im Schwitzkasten. Schockiert blieb Chisa für eine winzige Sekunde still, dann schallte sein helles Gelächter von allen Mauern wieder. Wakabayashi grinste und entgegnete Izayas erhobene Hand zum High Five. Reiju zog Chisa sein Shirt wieder herunter, welches durch seinen kleinen Sturz seinem halben Bauch die Freiheit geschenkt hatte, und kicherte leise. "Alles gut?", fragte sie den Erstklässler, doch dieser nickte nur wild. "Das bekommt Izaya schon noch wieder." In einem flüssigen Zug erhob er sich und sah zu seinen Stufenkameraden. Gonkuro hatte die Hände demonstrativ in seine Hosentaschen gesteckt und sah sich um, als hätte er die Szene überhaupt nicht mitbekommen. Kemudashi lachte laut. "Wart ihr schon beim Schrein?", fragte Wakabayashi. Er kannte die anderen vier nicht wirklich, bis auf Junko ein wenig, doch er lächelte jedem freundlich ins Gesicht und sah dann wieder zu Izaya. Damit war er selbstsicherer als sein Team. Die Erstklässler standen jetzt wieder eng zusammen und unterhielten sich leicht. Link winkte Reiju kurz zu, doch das war es auch. Soma kam gerade mit Masamune nach. Der Kopf des riesigen Blockers ragte über allem anderen hinaus und grinste ihnen schon vom weitem entgegen. Soma winkte weiträumig.

"Ja, gerade eben. Aber lass uns noch mal als Team gehen." Wakabayashi nickte und half Izaya auf die Beine. Dann reichte er auch Reiju die Hand. Sie blickte zu dem kleinen, braungebrannten Jungen hoch und nickte einstimmig; auch wenn ihre Bitte für das Volleyballteam heute schon gefallen war.

"Viel Spaß, Reiju", sagte Suru, als sie sich an Yashis starkem Arm hochzog und ihre Shorts richtete. "Wir sind gleich wieder da", sagte Izaya und ging schon mit seinem Kapitän voran. "Danke", erwiderte Reiju noch, als sie plötzlich von Chisa am Arm gegriffen wurde. Er zog sie freudig zu sich und winkte den verbliebenen zum Abschied. "Ihr bekommt sie gleich wieder!", rief er lachend und störte sich nicht daran, dass es Gonkuro so störte, wie laut er schrie.

~

ein tag, eine kamera, vier schnappschüsse

"Versprich mir, dass du Spaß haben wirst."

"Wie meinst du das?"

"Du... werde nicht zu nervös. Genieße es einfach und hab Spaß."

Sie nickte. "Ist gut."

"Du schaffst das. Ihr schaffst das alle."

Wieder nickte sie, obwohl er es nicht sehen konnte. "Danke, Suru."

Er lächelte am anderen Ende der Leitung und legte dann auf. Reiju würde ihren Job gut machen. Und sie mussten es auch.

Er war gerade allein auf dem Weg zu Ace nach Hause. Das aller erste mal, wie ihm auffiel.

Reiju an seiner Seite fehlte ihm, als er allein an der Kreuzung vorüber ging, doch sie war schon mit dem Team unterwegs.

Seiya war es diesmal, der sie alle chauffieren würde. Während Suru über den Bürgersteig striff freute er sich schon ihn einmal wieder zu sehen. Das letzte Mal, bei seinem Badmintonspiel, war lange her und hatte kein wirklich schönes Ende genommen. Yuka wohnte seit kurzem auch nicht mehr zu Hause mit ihm bei ihren Eltern, sondern in ihrer ersten eigenen Wohnung, und so hatte Suru keine wirkliche Gelegenheit mehr gehabt Seiya zu begegnen. Aber er mochte ihn. Er war immer gut zu seiner Schwester gewesen und hatte sich nie über sie beschwert, auch nicht über ihre endlichen kleinen Macken.

Suru legte nachdenklich den Kopf in den Nacken. Als er wieder aufsah, stand Junko neben Ace vor seinem Haus und unterhielt sich mit ihm. Seiya fuhr gerade den Wagen vor. Von Keita war noch keine Spur.

"Hey, Suru!", rief sie sofort, als sie ihn entdeckte und winkte. Ace winkte auch. Suru hob nur kurz die Hand und umarmte dann beide zur Begrüßung. Da stieg Seiya schon aus dem Auto und grinste breit. "Aufgeregt?", fragte er und legte Suru die Hand auf die Schulter. "Total", antwortete Junko sofort und zog die Augenbrauen zusammen. "Ich hab die ganze Nacht kein Auge zu gekriegt, dabei spiele ich heute nicht mal selbst." Seiya nickte. "Das Team packt das schon." Dann sah er runter zu Suru. "Lange nicht gesehen", raunte er. Er nickte. "Schön dich mal wieder anzutreffen. Du und Yuka, ihr zwei versteckt euch ja regelrecht." Seiya musste lachen. Er blickte in die Runde und nickte dann. "Ja, ihre neue Wohnung ist echt toll." Ace grinste beschämt bei Seiyas schelmischem Ausdruck und sah sich dann schnell um. Keita kam gerade noch rechtzeigt auf sie zu gerannt.

 

Reiju schloss ihre Tasche wieder und warf sie sich über die Schulter. Sie hatte alles dabei, das hoffte sie zumindest. Kältespray, Pflaster, Tape, Handtücher. Sie war die Liste etliche Male durchgegangen und hatte sie mit Toudou abgeglichen. Trotzdem hatte sie Angst etwas zu vergessen. Sie war nervös.

Untypisch für sie zog sich ihre ganze Brust in sich zusammen, ihr Atem wurde unangenehm und ihr war schlecht.

Der erste Tag dieser ersten Qualifikation im Sommer war angebrochen, heute wurde es richtig ernst. Nur wenn sie heute jedes Spiel gewannen, würden sie ihrem Traum des Nationalen Frühlingsturniers immer näher kommen können. Es war ein weiter Weg und würde es nach diesem Turnier auch noch immer sein.

Schwer spürte sie das Gewicht des heutigen Tages auf ihren Schultern, genau wie jeder andere. Jeder wusste, was passieren würde, wenn sie heute verloren und daran zu denken brach ihr unweigerlich das Herz. Eine Niederlage würde schmerzlich werden und dann reichten keine Vorbereitungen der Welt mehr. Die Wunden, die allem voran in Izaya und Yashi geschlagen werden würden, waren nicht mit Kühlspray und Pflastern zu behandeln. Reiju wusste nicht, ob sie dann noch helfen könnte. Sie wäre machtlos.

Eingeschüchtert senkte sie die Schultern und sah auf. Sie stand im Flur einer riesigen Halle vor einer gigantischen Fensterfront und seufzte. Sie war schrecklich nervös unter den einschüchternden hohen Decken und den mahnenden Geräuschen von Hallenschuhen auf dem Holzboden. Ein Spiel lief schon neben dem anderen, doch ihr erstes war erst in einer halben Stunde. Gleich würden sie aufs Feld dürfen und sich aufwärmen. Gleich würden sie endlich in die Halle dürfen und sehen, welche Masse an Menschen ununterbrochen und lautstark nach allen möglichen Teams rief. Gleich würden sie endlich das erste richtige Spiel spielen, unter ihren eigenen Fans, unter ihrem eigenen Plakat unter ihrem ganz eigenen Druck.

"Ich bin fertig, kommst du, Reiju?"

Kemudashi trat auf den Flur und sah sie an. Er war heute schon vier Mal auf der Toilette gewesen und wirkte ziemlich auf Zack. Er musste unendlich nervös sein.

Kemudashi war unter den gesamten Erstklässlern der Schule nicht wirklich auffällig, wenn man von seinem feuerroten Haar einmal absah. Er hatte seine Freunde, sein Hobby, durchschnittliche Noten. Er fiel nicht groß auf bei den Lehrern oder Schülern, wurde aber durchaus von allen gemocht. Er war vielleicht das was man ganz nach Normen gesprochen unter völlig normal verstehen würde. In ihm steckte jedoch sehr viel mehr als das und nur wenige schienen das wirklich zu blicken. Chisa tat es natürlich, Link und Gonkuro auch und Reiju war sich immer sicherer, dass sie es auch tat. Dadurch, dass Kemudashi von vielen als so austauschbar empfunden wurde, bedeutete ihm der Volleyball alles. Auf dem Feld war Austauschbarkeit dein Ticket für die Ersatzbank und das wusste er mit allen Mitteln abzulehnen, denn hier hatte er die Möglichkeit dazu. Er trainierte mit am härtesten und auch am emotionalsten, denn er wusste ganz genau, dass wenn er versagte er einfach nur genau so war, wie ihn alle zu sehen liebten.

Genau das machte ihm die heutigen Spiele noch mal so viel schwerer.

"Ja, lass uns gehen." Sie lächelte in zart gehobenen Mundwinkeln und legte Kemudashi im Gang die Hand auf den Rücken.

Er trug bereits das Trikot des Teams. Schwarz, weiß, cyan und golden kleidete es ihn wie in eine schimmernde Rüstung. Begleitet von dem Wolf auf der Brust sollte ihm doch eigentlich nichts zustoßen können.

Das Team machte sich schon bereit. Chisa und Link alberten herum und lenkten so ihre Aufmerksamkeit ein wenig in die Ferne. Gonkuro neben ihnen ließ sich mit keinen Mitteln anmerken, dass er nervös war und lachte dann und wann stumpf auf bei Chisas dummen Worten, doch jeder wusste, dass er verdammt nervös war. Masamune saß still da, hatte seine langen Beine gekreuzt und die Augen geschlossen. Er schien zu meditieren. Soma und Jumin unterhielten sich leise.

Und zu aller Letzt waren dort Izaya und Yashi. Sie saßen still nebeneinander auf dem Boden, die Beine angezogen, die Augen geschlossen. Ihre Oberarme streiften sich seicht. Sie waren sich der Anwesenheit des andere ganz klar Bewusst. Als Reiju und Kemudashi wieder zu ihnen stießen, öffneten beide ihre Augen. Sie waren alle bereit, hatten ihre Trikots an, die Schuhe gebunden, die Schoner zugezogen. Toudou würde jeden Moment kommen und sie zu ihrem Feld führen, es gab nichts mehr, was getan werden musste. Nichts, bis auf eine Sache. "Leute, setzt euch mal zu mir", sagte Wakabayashi und erhob seine Stimme. Jeder sah auf. Sofort fügend war das gesamte Team auf dem Boden um seinen Kapitän versammelt, auch Reiju. Gespannt sahen ihm alle ins Gesicht. Es war Ruhe, aber auch loderndes Feuer. Es war das Gesicht eines Anführers. Das Gesicht eines Kapitäns, der sein Team zum Sieg führen sollte.

"Heute ist der erste Tag… endlich der erste Tag der Entscheidung angebrochen. An diesem Wochenende entscheidet sich alles für diese Saison. Die besten Teams aus unserer Präfektur laufen durch diese Hallen, laufen genau hinter euch über die Volleyballfelder. Die stärksten, schlausten und schnellsten. Aber vergesst nicht, wir sind ein Teil davon. Wir gehören zu den besten …. Wir haben hart dafür gekämpft und leider beim ersten Mal versagt, aber heute sind wir anders. Wir haben noch einmal härter, intensiver und schweißtreibender trainiert als je zuvor. Wir haben uns Waffen angeeignet, von denen andere Teams nur träumen können. Wir sind gewachsen in unserem Scheitern. Haben eine wundervolle neue Managerin, welche uns neue Türen geöffnet hat. Jeder von uns hat seine Rolle und seine Aufgabe und ist in ihr aufgegangen. Also lasst uns geben, was wir haben. Vergessen wir jede Niederlage und greifen in jedem Spiel nach dem Sieg. Lasst uns da raus gehen und allen zeigen, was uns wirklich zu Wölfen macht."

"Ja, Kapitän!", fiel es durch die Reihen wie ein Chor. Die Anspannung war beinahe unerträglich, doch sie schien sie auch alle wie auf Wolken zu tragen.

Das Team machte Wakabayashi Platz, als er durch sie hindurch Richtung Hallentür vorschritt. Izaya knapp hinter ihm. Als Kapitän schob er die schweren Türen auf und eröffnete ihnen eine helle, laute Welt, die schon heute über alles entscheiden könnte.

Reiju folgte als aller Letzte ihrem Team. Yashis Worte waren stark gewesen und mehr als zuvorkommend in ihre Richtung. Sie hätte ihm am liebsten dafür gedankt, doch daran war jetzt nicht zu denken. Sie waren alle fokussiert und vorbereitet. Auch Chisa schien jetzt stumm über das Bevorstehende zu grübeln. Toudou kam ihnen schon entgegen und führte sie an Wakabayashis Seite zum letzten Feld in dieser Halle. Sofort begannen sie zielstrebig mit dem Aufwärmen, dehnten sich, schlugen ein paar Bälle und sagten sich untereinander bestärkende Worte. Yashis Rede hatte sie alle elektrisiert. Reiju aber war noch immer unruhig. Das war sie schon den ganzen Tag gewesen, doch jetzt gerade, je realer all das wurde und je näher der Minutenzeiger dem Anpfiff des Spiels kam, stieg ihr die Nervosität bis über den Scheitel.

Das Team machte sich noch immer warm. Zehn Minuten, Neun Minuten, Acht.

Reiju stand auf. Ohne einem ihrer Teammitglieder in das Gesicht zu sehen ging sie sturen Schrittes an den Feldern vorbei Richtung Tür. Vergaß was Suru ihr gesagt hatte und folgte ihrer Panik.

"Reiju?" Es war Izaya, der sie bemerkt hatte. Er sah ihr hinterher, doch auf seinen Nachruf reagierte sie nicht. Also legte er den Volleyball in seinen Händen nieder und wäre ihr so kurz vor dem Spiel noch gefolgt, wenn Wakabayashi ihn nicht beim Arm gepackt hätte.

"Wo willst du hin?", fragte er und sein Blick war ernst. "Hast du Reiju nicht bemerkt? Ich will nur kurz nach ihr sehen." "Hast du nicht bemerkt wie kurz wie vor unserem ersten Spiel stehen?" Er schlug Izaya mit beiden Handflächen auf die Wangen und starrte ihm in die Augen. "Reiju ist stark und würde niemals etwas tun, was unser Spiel gefährden würde, also handle du genau so. Konzentrier dich auf das Wesentliche. Wir müssen das hier heute gewinnen."

Wakabayashi klang stark und voller Tatendrang. Doch am Ende schwang selbst in seinem Ton ein wenig Befangenheit mit. Er hatte trotz seiner großen Worte Angst.

Izaya seufzte. Wakabayashi hatte recht, dennoch ließ er erst ab, als er sah, dass Ace auf der Zuschauertribüne nicht mehr zu entdecken war.

Jetzt legte auch er seine Hände auf Wakabayashis Gesicht und nickte hart.

"Du hast recht, Kapitän. Und wir werden es gewinnen."

 

Reiju lief beinahe gegen die geschlossene Hallentür, als sie sie mit unruhigen Händen nicht sofort aufbekam. Mit einem lauten Knall fiel sie hinter ihr wieder zu. Hier draußen war es ruhig und einsam, wie in einer anderen Welt. Schweren Atems ging Reiju ein Stück, doch drehte nach wenigen Schritten wieder um. Sie musste zurück. Kurz vor der Tür aber machte sie wieder kehrt und ging den Flur erneut ein Stück auf, als plötzlich Ace ihr den Weg versperrte.

"Was… was machst du hier? Das Spiel geht doch gleich los", sagte sie und versuchte ihre unruhigen Hände bei sich zu behalten.

"Was machst du hier?", stellte er nur zurück und sah sie ruhigen Blickes an, doch er lächelte nicht. "Ich… ich bin nur kurz raus, weil…" Sie hörte nicht mehr zu reden auf. Sie begann zu erzählen über die irrelevantesten Punkte des heutigen Tages, die Toilette, der Hallenboden, das Fanplakat. Wild fuchtelte sie mit den Händen umher. Ace hatte sie noch nie so viel reden hören.

Ein kurzer, ziehender Schmerz in ihren Händen unterbrach den Schwall der sonst unaufhaltsam gewesen wäre. Ace hatte ihre Hände seicht zwischen seinen zusammengeschlagen und verharrte für einen Moment. Seine Wärme auf ihren kalten Händen erschrak sie und weckte ihren Geist.

"Reiju, du schaffst das! Hör auf dir Sorgen darüber zu machen wie schlecht dein Team sein könnte, du musst stattdessen an sie glauben. Ihr habt hart trainiert, also hör auf zu zweifeln!"

"A…ce." Sie war es nicht gewohnt, dass er so direkt mit ihr sprach. Mit großen Augen sah sie zu ihm auf, als er sie einfach griff und jetzt für einen kurzen Moment umarmte.

Er war warm und roch nach frischem Ingwer.

Dann ließ er sie los. "Geh jetzt. Ihr schafft das!"

Reiju nickte ohne etwas zu erwidern. Dann drehte sie sich einfach um und verschwand hinter der großen Eisentür.

Ace stand noch einen kurzen Moment regungslos da, bevor sein Selbstvertrauen wieder in sich zusammensackte. Angestrengt atmete er aus. Er war Suru mit breiter Brust entgegen getreten und hatte gesagt, er würde es schon schaffen Reiju zurück aufs Feld zu bekommen, allerdings war er sich da nicht so sicher gewesen. Sein Mut war aufgesetzt und dennoch war Reiju seinen Worten gefolgt. Ihre Wärme auf seiner Brust hatte ihn vollkommen aus dem Konzept gerissen. Sein Atem zitterte, auch noch immer als er sich jetzt ebenfalls auf den Weg zurück machte und noch immer Reijus Körper an seinem zu spürten meinte.

 

"Reiju, wo warst du?", fragte Toudou, als sie zurück zu ihrem Team stieß. "Das Spiel beginnt in drei Minuten."

"Entschuldige", sagte sie und ihre Brust war hervorgestreckt. Ihr Kopf auf Kampf aus. "Entschuldigen sie. Es kommt nicht wieder vor."

Toudou nickte und betrachtete sie für einen kurzen Moment. "Ist alles gut?", fragte er dann, obwohl es eigentlich überflüssig schien. Sie wirkte plötzlich bereit, ganz anders als eben noch.

"Ja, danke Trainer."

Wortlos setzte sie sich wieder auf ihren Platz und krempelte ihre Ärmel hoch. Das Geräusch von Schuhen auf dem glatten Holz und Leder auf nackter Haut beruhigte sie wieder.

Wenn Ace es heute geschafft hatte so zielsicher zu wirken, dann würde sie ihm ganz einfach folgen.

Dann begann das erste Spiel auch schon und Reiju tat was ihre Aufgabe war. Sie gab Wasser aus in den Pausen, sah sich jeden Schritt ihrer Kameraden genau an und beobachtete das gegnerische Team. Doch diese erste Runde verlief schnell und ihre Taten waren nicht wirklich von Nöten. Nach zwei Runden hatte das Kinroko Volleyballteam sein erstes Spiel erfolgreich hinter sich gebracht.

Die Teams gaben sich unter dem Netz die Hand und zerstreuten sich wieder.

Reiju war ekstatisch. Das aufregende Gefühl eines gewonnenen Spiels lief ihr wie Gänsehaut über den gesamten Körper. Es war wie fremde Energie, gänzlich erwärmend. Freudig fiel sie Izaya um den Hals und er lachte lautstark. Sie hörte ihre Freunde Jubeln. Das Plakat über ihren Köpfen wehte aufgeregt unter den unruhigen Händen ihrer Fans. Das Wort Einheit stand edel da und besiegelte worauf sie bauten. Die großen goldenen Kanji mahnten sie sich daran zu halten. Die Bewegung zeigte ihnen Unterstützung.

Die Einheit eines Rudels an Wölfen. Die Einheit welche sie durch den gesamten Tag brachte. Die Einheit, die ihnen den Einzug in das Halbfinale vergönnte.

Diese ersten Spiele hatten sie alle siegreich hinter sich gebracht und hatten somit zeigen können, dass ihr Team endlich wieder in guter Form war. Sie hatten sich nun eine gefährliche Streak aufgebaut, die es zu halten gab, welche jedoch genau so schnell gebrochen wie auch fortgeführt werden konnte.

"Reiju! Ich freue mich so für euch!", rief Suru aufgeregt und schlang seine Arme um ihren Körper. "Ihr habt es so weit geschafft! Bis ins Halbfinale. Ich bin so stolz." Sie lächelte bescheiden und klopfte ihm auf den Rücken. "Danke", raunte sie und blickte ihren Freunden in die Gesichter. Ace grinste stolz. "Das machst du gut", sagte er erheitert.

Sie musste an ihr Zusammentreffen zuvor denken und lachte. Nun schämte sie sich irgendwie. Schnell sah sie wieder fort. Zu Junko und Keita und… auch zu Hanami.

"Was machst du denn hier?", fragte Reiju und bemühte sich es freundlich klingen zu lassen. Hanami horchte auf. "Oh, ich schau mir nur auch eure Spiele an. Ihr seid echt gut. Weiter so!", sagte sie, doch wirkte trotzdem ein wenig verloren. Ihr Blick glitt den Flur runter.

"Wo sind denn die anderen aus dem Team?", fragte Junko daraufhin und musste kichern. Hanami warf ihr einen kurzen Blick zu. Verwirrt sah Reiju zwischen beiden hin und her. "Es ist zwar gerade Pause, aber sie ruhen sich in der Umkleide aus und haben noch eine Teambesprechung. Sie werden nicht rauskommen." Letzteres betonte sie skeptisch. Hanami horchte auf und ließ sofort wieder ihre Schultern sinken. Keita grinste Reiju entgegen. "Ich müsste dann eigentlich auch wieder los", sagte Reiju also, die noch immer verwirrt von der Stimmung dieser Begegnung dem ganzen gern schnell wieder entkommen würde. "Entschuldige", sagte Keita dann plötzlich. "Hanami steht auf Soma, sie hatte gehofft ihn zu sehen, aber wir werden dich nicht weiter stören."

"Das… ist nicht wahr", protestierte sie plötzlich und die Strähne um ihren Finger zog sich straff. "Keita du bist unmöglich", raunte Suru.

"Sorry, Reiju. Wir sind nur gekommen, um euch viel Glück zu wünschen. Wir wollen dich nicht aufhalten." "Alles Gut", sagte sie und ihr Blick hing noch kurz an Hanamis beschämten Ausdruck. Sie hatte sich noch nie für Volleyball interessiert, zumindest nicht, dass Reiju wüsste. An Keitas Worten musste also etwas dran sein.

"Ich geh dann wieder. Danke noch mal."

Ein Chor aus Glücksrufen verfolgte sie noch kurz den Flur hinunter, dann war es wieder gänzlich still um sie. Das Team war hochkonzentriert als sie die Umkleide betrat. Stumm saßen sie da, tranken, aßen oder hatten die Augen geschlossen. Toudou hing über seinem Tablet.

Am nächsten Spiel hing so unfassbar viel, das konnte sie allein schon an der Anspannung spüren, die den gesamten Raum erfüllte.

Sie setzte sich neben Izaya auf die Bank und schloss sich ihrer konzentrierten Stille an. Nicht mehr lange und es würde ernst werden. Die ruhige Stille vor dem Sturm war beinahe schon angsteinflößend, doch Reiju glaubte an sie. Sie glaubte, dass sie alle gemeinsam eine Chance hatten.

 

Als sie wieder auf das Spielfeld hinaustraten kam es ihnen noch einmal lauter, heller und noch mal so viel angespannter vor. Das gegnerische Team machte sich bereits warm. Sie kannten es nicht. Auf kein Team, welches sie diesen Sommer kennengelernt hatten waren sie in diesem Turnier gestoßen und sie wussten nicht ob sie sich darüber freuten oder nicht. Sie hatten gesehen wie die Iwatobi am Morgen angereist war. Hatten die Spieler erkannt und sie gegrüßt, kurz mit ihnen gesprochen und Toudou seinen Moment mit ihrem Trainer gelassen. Dann waren sie alle wieder ihrer Wege gegangen und man sah sich nur noch auf der Spieletafel des Turniers. Sie waren jetzt genau so weit wie sie selbst auch. Sie spielten im anderen Halbfinale gegen eine für sie fremde Schule und vielleicht war es besser so gewesen. Im Endeffekt aber machte es ja doch keinen Unterschied. Egal wer vor ihnen stehen sollte, sie würden immer gewinnen wollen und das mit vollem Einsatz. Sie wollten nichts bereuen müssen und sich später nicht fragen, was gewesen wäre wenn.

Das war auch der Grund dafür, weshalb Link so sehr darauf aus war seinen neu erlernten Angriff mit Izaya immer wieder auszuführen wenn es nötig wurde. Er wusste, damit konnte er dem Team einen Vorteil verschaffen und deswegen bereitet er sich mental immer wieder darauf vor. Am Ende sollte er keine seiner Entscheidungen bereuen müssen, das war das was für ihn zählte, was für sie alle zählte. Wenn sie den neuen Synchronangriff vollführten oder sie Chisa mit seinem Schnellangriff aus dem Hinterhalt angreifen ließen, wussten sie, dass sie alles gaben. Sie alle nutzten ihre Waffen und diese hatten sie nun immer wieder zum Sieg geführt. Sie hatten sie bis ins Halbfinale getragen. Und nun hieß es ein weiteres und hoffentlich nicht letztes Mal konzentrieren und Waffen Zücken. Nicht mehr lange und das Spiel würde losgehen.

Suru, Junko, Keita und Ace saßen noch immer unter den Zuschauern auf der Tribüne. Inzwischen waren auch Kisumi und Ren dazu gestoßen, welche Seiya nach ihrem eigenen Training abgeholt und her eskortiert hatte. Auch Hattori saß jetzt dort. Ihre kleinen Hände fest in Seiyas Shirt gekrallt starrte sie auf das Spielfeld und schien aufgeregt Izayas Handlungen zu folgen. Seiya wog sie seicht und hielt sie fest auf seinem Schoß. Dass Izayas Mutter ihm dieses kleine zarte Wesen immer wieder so vertrauenswürdig überließ, überraschte ihn jedes Mal aufs Neue.

Damit hatte Kinroko einen ganzen Block gefüllt mit Schülern, Lehrern und Familien. Sie alle waren hier um ihr Team zu unterstützen. Sie alle wollten es siegen sehen. Das cyanfarbene Plakat der Kinroko Schule fiel jetzt wieder ruhig und seicht um das Geländer. Die Hände der Fans auf dem weichen Stoff aber zeigten, dass es jeden Moment wieder beben würde. Über ihren Köpfen würde das Wort "Einheit" erneut wie lodernde Flammen zucken, denn genau das war wofür Kinroko stand. Sie waren ein Team, ein Rudel junger Wölfe, noch voller Feuer und Tatendrang. Voller Ehrgeiz und Initiative. Sie mochten alle das ein oder andere Mal unbeholfen wirken. Sie mochten manchmal wie Jungtiere auf wackligen Beinen stolpern. Doch zusammen waren sie eine Einheit und gar nicht mal so leicht zu Boden zu drängen. Sie trugen ihre Köpfe hoch und ihre Schultern breit. Sie trugen Selbstbewusstsein in ihren Herzen und den Glauben daran, dass sie zusammen am aller stärksten waren. Zusammen hielten sie sich oben. Zusammen würden sie fallen. Das war über das gesamte Spiel in ihren Köpfen und es ließ sie bis an ihre Grenzen kämpfen. Ließ sie weiteratmen, wenn sie einen Punkt verloren und ließ sie noch höher auf allen Wolken schweben wenn sie einen gewannen. Eins allerdings konnte Teamwork nicht verhindern. Selbst totale Achtsamkeit, selbst die größte Vorsicht war kein helfendes Mittel und das spürte Gonkuro jetzt an seinem eigenen Leibe.

Für einen kurzen Moment hörte er gar nichts. Ein stilles Rauschen lag in seinen Ohren, während er schwankend einige Schritte zurück wankte. Er spürte Hände an seinen Armen. Sanft hielten sie ihn, als seine Beine nachgaben und er zu Boden sank. Von wem sie stammten erkannte er nicht. Gonkuro erkannte gar nichts. Die schrille Pfeife des Schiedsrichters ertönte. Laute Stimmen gelangten an sein Ohr.

"Ist alles okay bei dir?", fragte Wakabayashi aufgeregt und kniete neben seinem Blocker nieder. Gonkuros Augen waren leer, wirkten als wäre er nicht ganz da. "Hey, komm zu dir!"

Gonkuros Kopf wankte, sein Körper erzitterte, dann schlug die gesamte Wucht der Realität wieder auf ihn ein.

"Was?", fragte er verwirrt. Wakabayashis Kopf war ganz nah, eine fremde Hand lag auf seiner Schulter, jemand strich ihm durch sein Haar. Letzteres konnte nur Reiju sein.

"Weißt du wo du bist?", fragte Toudo, als er die dünne Stimme seines Spielers hörte. Er stieß die besorgt stierende Traube, die sich um seinen jungen Spieler gebildet hatte unachtsam bei Seite und kniete zu ihm nieder. Nur Wakabayashi ließ er dort wo er war. Stumm hielt sein Kapitän Gonkuros Hand.

"Im… Halbfinale?", antwortete Gonkuro zögerlich, doch er schien seiner Antwort sicher zu sein. "Und weißt du welcher Tag heute ist?"

"Samstag." Als umgebe ihn eine bleiernde Schwere, hob Gonkuro nur ganz langsam seinen Arm und hielt sich den Kopf. Er pochte und schmerzte. Dann sah er wieder zu seinem Trainer. "Ich hab den Ball also ziemlich abbekommen, ja?", fragte er und sein Blick glühte gleich wieder auf. Er war wütend.

Erleichtert entwich dem gesamten Team ein Seufzen und Wakabayashi lächelte jetzt. Er tätschelte ihm das Bein und nickte. "Ja, es sah ziemlich heftig aus." "So fühlt es sich auch an", schnaubte er abfällig und rieb sich weiter durch die zerzausten Haare. Zornig biss er die Zähne zusammen und verzog seine Mundwinkel. "Komm, wir helfen dir erst mal auf die Bank." Yashi und Chisa hielten ihm je eine Hand hin und zogen ihn auf die Beine, doch Gonkuro bewegte sich kein Stück weiter. Er wollte das Feld nicht verlassen.

"Was heißt hier Bank?", fragte er ohne vom hellen Holzboden aufzusehen. Sein stacheliges Haar lag verschwitzt auf seiner Stirn. "Stell dich nicht so an", meldete sich Toudou sofort zu Wort und griff seinem blonden Blocker unter den Arm. "Du kommst erst mal zur Krankenschwester", sagte er und schob ihn Richtung Aus.

"Nein, ich… werde spielen."

Es war still in der Halle. Das andere Spiel war bereits vorbei und jetzt waren alle Augen auf sie gerichtet. Gonkuros Reaktion war von ihnen allen erwartet worden.

"Du kannst nicht spielen", sagte Wakabayashi. Er drehte sich wieder zu dem Jungen und ließ sich von Chisa den Vortritt gewähren. "Ich weiß du denkst eine Verletzung ist weniger schlimm, als es wäre wenn wir verlieren, aber du bist wichtiger." Gonkuro hörte seine Worte nicht wirklich. Das einzige was er verstand war, dass er nicht spielen durfte. "Wir stehen so kurz vor dem Ende. Der nächste Ball schon könnte das gesamte Spiel entscheiden. Ihr braucht mich für den Sieg", sagte er und noch riss er sich zusammen. Noch wollte er die Wut, die in ihm aufstieg nicht herauslassen, nicht unter den Augen der gesamten Schule.

"Ja, das mag vielleicht richtig sein, aber viel mehr brauchen wir dich gesund, also geh mit Reiju zur Krankenstation." Er biss die Zähne zusammen, ballte die Hände zu Fäusten. Sein Schädel pochte ohne Gnade, doch nichts hätte ihn jetzt aufgehalten weiter zu machen. Nichts. Dennoch, die Worte seines Kapitäns und Senpais wogen für ihn schwer wie Tonnen. Er hätte es niemals wagen können ihn zu enttäuschen, selbst wenn er es gewollt hätte. Also ließ er Reiju nach seiner Hand greifen und sich von ihr vom Feld führen. Nicht aber ohne einen letzten Blick an seinen Trainer, den er niemals hätte deuten können. Wut, Hass, Enttäuschung und Trauer, alles lag in ihm. Doch nur die Wut ließ er nun heraus. Stumm ging Reiju an Gonkuros Seite vom Feld, während er Toudos Stuhl am Feldrand einen Tritt verpasste.

Als sie dann durch die stillen Flure schritten hörten sie wie nach einem kurzen Wortwechsel, das Spiel sofort wieder angepfiffen wurde.

Gonkuro stapfte mit schweren Schritten neben seiner Managerin her. Für ihn war alles düster. Wenn er gleich nicht wieder spielen durfte, war es seine eigene Schuld. Wie blöde war er auf den Angriff zugestürmt und hatte doch nichts bewirken können, den Punkt hatten sie dennoch verloren. Er hatte sich nicht konzentriert, nicht richtig gehandelt, nicht sein Bestes gegeben. Hatte nicht gezeigt was er bei Wakabayashi gelernt hatte, die Analyse, den Weitblick. Er war seiner Rage verfallen, hatte nicht klar nachgedacht. Hatte nicht an die Worte seines Senpais gedacht. Er musste so enttäuscht von ihm sein, musste sich fragen was wieder in ihn geraten war, musste die Stunden mit ihm hinterfragen.

Wenn sie alle dieses Spiel heute verloren… wäre es seine eigene Schuld.

Schwer hörte Reiju Gonkuros Atem. Ein und wieder aus, angestrengt und bedacht. Schwer wogen seine Schuldgefühle auf ihm selbst.

Sie wagte es nicht auch nur ein Wort zu sagen. Schwieg als sie das Krankenzimmer betraten. Schwieg noch immer als die Krankenschwester Gonkuro ein Spielverbot für die nächsten drei Tage aussprach. Sie hätte nichts sagen können, nichts in ihm bewirken können, was das wieder gut machte. Sie hätte sein schweres Gemüt nicht erheben können.

Machtlos nahm sie als letzten rettenden Halm seine Hand und führte ihn zurück. Gonkuro wollte unbedingt zurück zum Spiel und mit eigenen Augen mitansehen was er angerichtet hatte, das waren seine eigenen Worte gewesen, als die Krankenschwester sie wieder verabschiedete und Reiju schwieg noch immer. Keines ihrer Worte würde durch seinen Wall an Wut und Ärgernis dringen und als sie hörte wie es immer stiller wurde je näher sie der Halle kamen wusste sie, dass von nun an gar nichts mehr helfen würde.

Gänzliche Stille umgab sie, als sie gerade in die Hallentür traten. Die Stille legte sich um jeden Anwesenden, war erdrückend und schwer. Dann das Geräusch des Balles wie er sanft zu Boden kam. Einmal, zweimal, dreimal. Dann war es wieder still.

Reijus Blick wanderte noch in der Sekunde zum Spielstand, als der Ball den Boden nicht einmal berührt hatte. Das Spiel war aus, die Stille plötzlich gebrochen. Jubeln auf einer Seite der Zuschauer. Gonkuro stand nicht mehr an ihrer Seite, er war fort.

31 zu 33 unterlag das Kinroko Volleyballteam heute im dritten Satz im Halbfinale der ersten Qualifikation zur Frühlingsmeisterschaft. Damit waren sie ausgeschieden und das Greifen nach Oben verwehrt. Es gab also zwei Dinge. Zwei schreckliche Dinge, die Teamwork nicht verhindern konnte.

Reiju sah auf und sah ihr Team am Boden.

Chisa, Kemudashi und Link zwängten sich an ihr vorbei raus aus der Halle. Sie selbst kam wieder zu sich. Ein Moment des Schocks, doch sie war nicht diejenige, die gerade alles verloren hatte. Izaya kniete und sah nieder. Toudo strich Wakabayashi über die Schulter. Soma sah schockiert zum Spielstand.

Stumm ging Reiju zu Izaya rüber und sah ihn an. Sie strich ihm durchs Haar und er sah zu ihr hoch. Sein Blick war traurig. Er war schlicht und einfach traurig. Mehr spürte er nicht. Keine Wut, keine Reue. Er hatte alles gegeben und doch hatte es nicht gereicht. Es hatte vor allem für Wakabayashi nicht gereicht. Was Izaya dieses Spiel so schrecklich wichtig gemacht hatte war er. Wakabayashi war Drittklässler und würde das Team bei einer Niederlage verlassen. Dann gab es für ihn keine Entschuldigung mehr zu bleiben und er musste gehen. Wakabayashi würde das Team verlassen und Izaya würde nie wieder mit ihm spielen dürfen. Das war was ihn am aller traurigsten stimmte. Er war sein Kapitän. Er hatte ihn geleitet und ihm alles gelehrt. Seit der Mittelschule war er immer besser gewesen als er, hatte die Dinge immer schneller und früher gelernt. Er hatte immer alles gewusst und alles gekonnt und Izaya mit Freuden weitergegeben. Er war nicht nur sein Teamkapitän, er war sein bester Freund, sein Lehrer und seine Versicherung, dass alles gut werden würde. Jetzt aber würde für Izaya erst einmal gar nichts mehr gut werden. Stumm sah er wieder zu Boden und hätte am liebsten geweint, doch da pfiff ihr Schiedsrichter wieder und sie hatten sich aufzustellen. Stumm reihten sie sich auf und gaben den Siegern die Hand. Dann durften sie endlich gehen und sich beschämt den für sie so stierenden Augen der Schule entziehen.

 

Reiju wartete lange auf das Team. Sie hatte sich umgezogen und ihre Haare gekämmt, ihre Tasche gepackt und sich vergewissert, dass Gonkuro in guten Händen war. Jetzt saß sie am Eingang der Umkleiden und wartete. Still und einsam spürte sie die Stimmung ihres Teams, selbst durch den langen Flur hinauf. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf an die Wand und schloss die Augen. Toudou, sie und das Team würden gleich noch gemeinsam in der Schulhalle essen. Dann wäre die Saison für sie vorbei, die Drittklässler fort und die Niederlage ein für alle mal besiegelt.

Schwer seufzte sie, als sich Junko plötzlich neben sie setzte. Sie öffnete die Augen und spürte ihre Hand auf ihrer eigenen. Suru und Keita lächelten Reiju schwach entgegen. Ace stand hinter ihnen.

"Es tut uns echt leid, Reiju", sagte Suru seicht. "Es muss schwer sein." Reiju zuckte mit den Schultern. "Gib schon zu, dass du auch traurig bist", sagte Keita und legte den Kopf schräg. "Es ist dein Team. Es ist okay."

"Natürlich", sagte Reiju nur und nickte. Sie umfasste Junkos Hand. "Izaya geht es nicht besonders. Gonkuro auch nicht." "Gib ihnen Zeit, irgendwann wird es sicher nicht mehr so weh tun", sagte Junko leise. Wieder nickte Reiju. Ihr Blick fiel auf Ace. Er sah sie zwischen Surus und Keitas Köpfen an und sein Blick quoll über an Mitgefühl. Sie lächelte dankend und wollte mit einem Mal nichts anderes mehr als zu weinen.

 

In der Halle war es still. Still und dennoch hörte Reiju so viele Geräusche auf sie einprasseln. Sie hörte schniefen, zitterndes Klappern von Stäbchen und wütendes Schnauben.

Sie selbst aß ihr Curry so leise es nur ging. Toudou saß an ihrer Seite. Izaya ihr genau gegenüber. Sie alle hockten mehr oder weniger in einem Kreis zusammen und schoben sich eine Ladung Curry nach der anderen zwischen die Lippen. Gonkuro war umgeben von seinen Freunden. Die Gruppe an Erstklässler saß dicht beieinander, saß dicht an Gonkuros Seite. Von ihnen war er der Einzige der leise und möglichst unbemerkt vor sich hin schniefte und unwohl seine Tränen verwischte. Er mied jeden Augenkontakt, doch vorsichtige Blicke an seinen Kapitän und Mentor konnte er sich nicht verkneifen. Die anderen drei saßen lautlos da, selbst Chisa. Er gab das aller erste mal keinen einzigen Ton von sich, atmete stattdessen nur schwer vor sich hin. Das wütende Schnauben im Raum kam von Masamune, der sich als Kopf der Verteidigung für vieles die Schuld gab. War es die Niederlage oder Gonkuros Verletzung, alles lief für ihn auf seine Kappe. Izaya gab sich ebenfalls wenig Mühe seine Stimmung zu verbergen. Niedergeschlagen schaufelte er nur ganz langsam den Reis auf seinem Teller beisammen. Geweint hatte er bisher nicht, auch wenn er es am liebsten getan hätte. Akribisch lag Reijus Blick auf ihm seit sie hier angekommen waren. Reden aber hatte er nicht gewollt.

Da durchbrach Wakabayashi wieder die Stille. Ähnlich seiner Rede am heutigen Morgen bäumte er sich mächtig auf und wuchs mit einem Mal mit seiner Haltung empor. Das war die Macht eines Kapitäns, dachte sich Reiju und legte ehrfürchtig ihre Stäbchen nieder. Sie wollte ganz genau zuhören können.

"Wir… haben verloren", sagte Wakabayashi und er klang ganz ruhig. Seine Stimme war besänftigend, sie legte den Sturm in ihnen.

"Wir haben heute verloren, aber… das ist nicht das Ende." Weit vorausschauend Blickte er in die Ferne. "Das Ende ist noch lange nicht in Sicht. Das Kinroko Volleyballteam wird wieder eine Chance haben. Das nächste Match wird kommen und ich… ich glaube an euch. An jeden einzelnen von euch. Ich glaube daran, dass wir alle an dem heutigen Tage wachsen werden. Wir lernen und wir ziehen unsere Schlüsse. Wir werden reifer und klüger. Wir wissen nun ein Stück mehr was es heißt hart zu kämpfen, auch wenn wir am Ende doch ziemlich aufs Gesicht gefallen sind." Wakabayashi seufzte und ließ seinen Blick jetzt über jeden von ihnen wandern. Er lächelte. "Aber Schluss mit den großen Worten. Schluss mit dem Getue, dass ich euer Kapitän bin. Das bin ich nicht mehr. Ab heute bin ich nicht mehr euer Kapitän." Er hielt kurz Inne. Sein Blick sank zu Boden, doch nur für einen kurzen Moment. "Danke, für die schöne Zeit. Danke an euch, die neu dazu stießen und danke an meine Freunde, die nun mit mir gemeinsam gehen werden. Danke für die letzten wundervollen drei Jahre in meinem Leben. Ich werde euch niemals vergessen."

In stiller Einvernehmlichkeit fingen die Drittklässler zu weinen an. Jeder für sich und doch gemeinsam. Es zog wieder Stille ein, nur das tiefe Schluchzen der Spieler erfüllte die Luft. Toudou hielt sich gänzlich zurück an diesem Abend. Er überließ seine Spieler sich untereinander. Er wusste, das hier war noch nicht der Peak. Erst wenn sie alle nach Hause gehen, allein in ihren Betten liegen und in die düstere, geräuschlose Kulisse hinein denken würden, dann würde es auf sie alle hereinbrechen. Was es bei jedem speziell auch war, irgendein Schmerz würde sie alle einholen und das war unabdingbar.

"Wir danken dir, Wakabayashi", begann plötzlich Izaya zu sprechen. "Wir danken euch allen für alles. Ihr wart unglaublich gute Senpais und habt uns unfassbar viel gelehrt. Euer gehen wird uns alle treffen, doch wir werden den Namen des Teams in aller Ehre weiter tragen." Er sprach zu allen, doch ansehen tat er nur Yashi. Dieser lächelte jetzt wieder. Er schniefte, seufzte und sah Izaya dann genau in die Augen. Lächelnd und strahlend. "Genau deswegen, Izaya, bist du der neue Kapitän des Teams."

Bestürzt starrte der blonde Spieler ihn an. Er zog sich in sich hinein und wirkte plötzlich wie ein kleiner Junge. "Was meinst du damit?", fragte Izaya und ließ seinen Blick jetzt wieder sinken, als könne er Wakabayashis leuchtendes Antlitz nicht mehr ertragen. Dieser stand jetzt auf. Er ging zu Izaya rüber und half ihm auf die Beine. Von Gesicht zu Gesicht sprach er jetzt zu ihm. Seine Hand legte er auf Izayas Schulter. Es war eine Geste des Übertretens.

"Das war's. Du wusstest dieser Moment würde irgendwann kommen. Für mich und die anderen Drittklässler heißt es jetzt einen guten Abschluss kriegen. Ich ziehe mich zurück. Das Team ist dein."

Izaya weigerte sich weiter die Worte seine Kapitäns anzunehmen… seines alten Kapitäns.

"Aber... Wakabayashi", brachte er nur hinaus und starrte ihm weiter kaltblütig entgegen. In Izayas Blick lag so viel Verlorenheit. Er wirkte so klein und hilflos. Wakabayashi begann wieder zu weinen

"Du warst mir hier mein bester Freund. Egal wohin uns unsere Wege führen, ich hab es immer am liebsten gesehen wie du meine Bälle geschlagen hast. Du hast unfassbar viel Talent, lass es nicht unachtsam verstreichen. Ich übergebe dir die Stelle des Kapitän voller Stolz." Er nahm ihn fest in seine Arme und drückte ihn. Als Reiju sah wie Izaya endlich die Tränen die Wangen herunterrannten weinte auch sie. Das ganze Team weinte. Sie alle weinten und spürten wie der Druck von ihnen abfiel. Die Anspannung und die Angst zu verlieren war fort. Es lag nur noch die Zukunft vor ihnen. Eine neue und ungewisse und dennoch mit Izaya als Kapitän sicher weiterhin glorreiche Zukunft. Sie alle weinten um den Verlust der Drittklässler, den Verlust des Sieges und um ihre Schuldgefühle wegzuspülen. Sie alle weinten und spürten am Ende endlich wieder ein klein wenig Frieden.

Der erste Schultag nach den Sommerferien brach an und damit die Woche des Sommerfestes. Essensstände, Lotterien, Maid Cafés und jede Menge andere individuelle Ideen aller Klassen, Kurse oder Sportteams fanden in dieser einen Woche statt und eröffneten das zweite und für Drittklässler stressigste Halbjahr der Schüler.

Suru und Reiju waren gerade auf dem Weg und konnten das Schultor schon sehen. Ein großes Plakat war ausgehängt und kündigte farbenfroh die großen Festlichkeiten an, die ab Donnerstag beginnen sollten. Bis dahin hatten sie noch ganze drei Tage Zeit für ihre Vorbereitungen. Ganze drei fürchterlich kurze Tage. Reiju wusste sie hatte viel zu tun. Sie war in ihrer Klasse nicht in das Komitee eingetreten und dennoch musste jeder mithelfen. Sie hingen Plakate auf, vergaben Flyer und sammelten Spenden. Dazu würde sie als Klassensprecher für jede noch so kleine Aufgabe auserkoren werden und das Volleyballteam wartete auch noch auf sie. Dieser letzte Gedanke versetzte Reiju seit dem Wochenende aber einen Stich ins Herz. Sie hoffte, dass diese Aktivität das Team wenigstens noch einmal zusammen führte und sie alle gemeinsam von der Tatsache der Niederlage und des Abschieds ablenken würde.

„Wie geht es dir, Reiju?“, hatte Suru gefragt, nachdem sie aufeinander getroffen waren und sie hatte nur genickt. Es ging ihr gut, aber sie wusste, dass sich jetzt einiges bei Kinroko verändern würde.

„Diese Frage solltest du besser dem Team stellen“, war ihre Antwort darauf gewesen.

„Wenn du heute Hilfe brauchst wenn du mit dem Team unterwegs bist, dann sag es ja?“

Sie schritten gerade durch das Schultor. Der Hof war schon menschenleer. Sie waren spät dran. Reiju nickte zaghaft.

„Was hat eure Klasse eigentlich geplant?“, fragte sie dann und wechselte geschickt das Thema. „Wir eröffnen ein Café in unserem Klassenzimmer“, antwortete Suru und sah sie plötzlich schmunzeln. „Ja, schon wieder ein Maid- und Buttlercafé“, antwortete er seufzend und wurde für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich etwas rot. „Ein Mädchen aus meiner Klasse hatte den Vorschlag gemacht, da es letztes Jahr so gut lief und eine Menge Geld eingebracht hat.“ „Woran das wohl lag“, antwortete Reiju und dachte daran, wie sehr Suru letztes Schuljahr angehimmelt wurde, als man ihn in ein Buttlerkostüm gesteckt hatte. Sie musste grinsen. Niemand war so beliebt gewesen wie er, was, wenn man einmal ganz ehrlich war, bei seinem geleckten Aussehen auch kein Wunder gewesen sein konnte. Was man Suru allerdings niemals zusprechen würde, wenn man ihn sah war, dass er wirklich schlecht darin war das zarte Liebesgeständnis eines mutigen Mitmenschen zurückzuweisen. Er hatte letzten Sommer viele Herzen gebrochen und das nagte an ihm.

„Du solltest dich mit deinem Kostüm aber vielleicht doch ein wenig zurückhalten. Vielleicht solltest du am Besten einfach ganz in der Küche verschwinden, wenn du nicht willst, dass dir jeder sofort wieder verfällt.“

Gequält stöhnte Suru auf und sah zu Reiju rüber. "Erinner mich bloß nicht an das letzte Mal. Manche meiden mich noch immer deswegen." Reiju musste kichern und klopfte Suru auf den Rücken. "Das überstehst du schon", sagte sie lachend und tätschelte ihn aufmunternd. "Auf dir liegt nun mal der Fluch des guten Aussehens." "Ach hör schon auf", entgegnete er sofort und verzog seine Lippen zu einem zarten Schmollen. Zusammen betraten sie das Schulgebäude. Suru stritt es immer wieder ab, dass er gut aussah, aber Reiju liebte es ihm damit die Röte in sein Gesicht zu zwingen.

Ganz langsam wurde es jetzt immer lauter um die zwei und Suru war ein wenig froh darüber, dass sie das Gespräch dadurch nicht fortführten. Die Sporthalle war schon gut gefüllt und die Schüler schon in ihre Klassen eingeteilt. Widerwillig trennten auch sie sich jetzt und Reiju machte sich auf die Suche nach Keita und Ace. Mit Letzterem würde sie gleich die Reihen ihrer Klassenkameraden anführen und diese Tatsache fühlte sich in Mitten dieser Schulversammlung schon jetzt erschaudernd an.

 

"So das wären alle Informationen für die kommende Woche. Danach geht es normal mit dem Unterrichtsverlauf weiter.

Als aller letzten Punkt würde ich aber noch die Teamkapitäne unserer Sportvereine auf die Bühne bitten. Wie jedes Jahr sind nicht nur die Klassen dazu verpflichtet einen Stand oder Klassenraum vorzubereiten, sondern auch die Vereine, um effektiv Geld für den Sportbetrieb an unserer Schule zu sammeln. Kommt also bitte auf die Bühne und stellt eure Stände in wenigen Worten vor." Die Schuldirektorin übergab das Mikrophon an den Ersten, der die Bühne betrat und verließ sie dann. Eine lange Reihe an Schülern baute sich auf und der Erste begann zu sprechen.

Reiju beobachtete wie Wakabayashi die Stufen hinaufstieg und sich neben den anderen einreihte. Er übernahm diese Aufgabe und nicht Izaya. Er würde selbst auf dem Fest noch als Kapitän auftreten, nicht aber Izaya. Der neue Kapitän des Kinroko Volleyballteams scheute sich. Er konnte noch nicht akzeptieren, dass Wakabayashi das Team verlassen musste und schob es so weit wie möglich hinaus, auch wenn er nicht mehr zum Training kommen würde. Izaya würde auf jede Kapitänsaktivität verzichten bis Wakabayashi keine Zeit mehr dazu hatte, diesen Respekt musste er ihm erweisen. Daran glaube er zumindest.

Eine helle, seichte Stimme riss Reiju aus ihren trüben Gedanken.

"Hallo, ich bin Kotoko aus der 2-2 und Kapitänin des Mädchen Tennisvereins der Schule. Bevor ich euch unseren Stand zum diesjährigen Fest vorstelle, würde ich gerne noch ein paar Worte sagen."

Genervtes Murmeln ging durch die Schüler, die nur zu gern endlich ihre Arbeit beginnen würden. Sie hatten ohnehin viel zu wenig Zeit für alles. Keita kratzte sich desinteressiert am Hinterkopf. Suru horchte auf. "Was hat sie vor?", fragte Junko leise und ahnte böses, genau wie Izaya, der stumm die Schultern hob.

"Ich würde gerne jedem unserer Teams, die durch den Sommer ein paar ihrer Turniere hatten, applaudieren. Wir als Tennisverein haben den Pokal nach Hause geholt, genau wie viele andere hier auf der Bühne auch." Sie lächelte und machte eine kurze Pause. Ihr Blick lag unruhig suchend auf den Massen der Schüler und Lehrer. "Gratulation an jeden, der siegreich war und ein Kopf hoch an alle Niederlagen." Da blieben ihre Augen beinahe schon unbemerkt an Reiju hängen. "Nicht jedes Team kann immer siegen und mit optimalen Bedingungen in die Saison starten und nicht jedes neue Teammitglied fügt sich gut in die neuen Aufgaben ein und kann das Team unterstützen wie es jeder erwarten würde, nicht wahr." Ihr Gesicht strahlte über beide Ohren, doch ihre Worte waren düster. "Dann also zu unserem Stand. Wir..."

Reiju hatte ihrem Blick standgehalten und ihr unberührt in die Augen gestarrt. Kotoko ging zu weit mit ihren Spielchen. Sie konnte über sie sagen was sie wollte, doch das Team hätte sie nicht mit hineinziehen dürfen.

Da spürte sie plötzlich Ace Hand auf ihrer Haut. Nur ganz zaghaft führte er seine zu ihrer und öffnete ihre angespannte Faust. Dann legte er seine Hand in ihre. Während auf der Bühne jetzt weiter ein Kapitän nach dem anderen sprach, brach Ace die Formation in der sie standen auf und trat einen Schritt auf Reiju zu. "Alles gut?", raunte er leise. Sie hatte seine Hand angenommen und hielt sie schwach. Sie nickte. "Ja, keine Sorge."

Er sah zu ihr herunter und sie sah jetzt auf zu ihm. Dann blickte er wieder zur Bühne.

"Es tut mir leid", raunte er dann weiter. Er sah sie nicht mehr an, doch sie hing noch an seinen Augen. "Was denn?"

"Die Sache mit Kotoko ist meine Schuld. Sie tut das wegen mir. Entschuldige."

Jetzt endlich festigte Reiju ihren Griff um Ace Hand und drückte sie. Dann sah auch sie wieder nach vorn. Sie sah Kotoko auf der Bühne lachen, unschuldig und engelsgleich. Sie war wunderschön, niedlich und wirkte völlig pur. Wie sehr ihr Erscheinen nur täuschen konnte. "Es ist nicht deine Schuld, Ace. Vergiss diesen Gedanken. Kotoko kann tun was sie will, es interessiert mich nicht."

Er schluckte und erwiderte eine Weile nichts mehr. Als er gerade noch etwas sagen wollte, gehörten Reijus Ohren plötzlich nicht mehr ihm. Wakabayashi hatte das Mikrofon entgegengenommen. Seicht räusperte er sich, dann blickte er in die Zuschauerschaft.

"Hallo, ich bin Wakabayashi aus der 3-3 und der Kapitän des Volleyballclubs. Auch ich möchte kurz noch ein paar Worte sagen, bevor es weiter geht."

Alle sechs horchten sofort auf. Ace vergaß was er hatte sagen wollen.

"Ich möchte Kotoko kurz danken für die netten Worte." Er lächelte ihr entgegen, doch seine Augen zeugten von weiter Distanz. "Und ich möchte euch allen für euren unfassbaren Support beim Turnier danken. Es stimmt, dass wir zu den erfolglosen Teams diesen Jahres gehören, aber wir sind unfassbar weit gekommen und darauf können wir stolz sein. Noch stolzer aber können wir auf unseren Neuzugang sein, ohne den wir niemals auch nur ein Spiel geschafft hätten. Reiju, danke, dass du dich unserem chaotischen Haufen als Managerin angenommen hast. Wir könnten uns keine bessere vorstellen als dich." In der Menge suchte er nach ihr. Er lächelte zart und schien Kotoko völlig zu überwiegen. Er strahlte weitaus heller als sie. Als er Reiju in der Menge fand blickte er einen für sie ewigen Moment in ihr Gesicht bevor er weiter sprach und mit wenigen Worten ihren Stand vorstellte.

Als Wakabayashi das Mikrofon weiter reichte blickte sie sofort zu Boden. Sie spürte Ace Hand in ihrer und Yashis Augen auf ihrem Scheitel. Sie spürte Wärme und sie spürte Geborgenheit. Sie konnte es einfach nicht besser beschreiben. Die ganze Versammlung lang löste sich ihr Blick nicht mehr vom hellen Holzboden der Sporthalle, ihre Hand jedoch auch nicht von Ace geborgener Wärme.

Izaya dagegen versetzten Wakabayashis Worte einen Stich. Er wusste es war eine gute Idee gewesen ihn, statt ihm selbst, auf die Bühne gehen zu lassen. Er selbst hätte Kotoko niemals so zurückschlagen können, wie er es getan hatte. Er hätte diese Situation niemals so gut händeln können wie er. Wakabayashis Abwesenheit würde ein weiter Rückschlag für sie alle werden, ohne dass er das Loch je auszufüllen vermochte.

 

Als die Versammlung vorbei war hatte Reiju noch immer kein einziges Wort mehr von sich gegeben. Doch sowie sie aus der Halle traten zog sie an Ace Shirt. "Hilf mir Yashi zu finden."

Ace sah sie kurz an und nickte dann. Sie würde sich bei ihm bedanken wollen. Wakabayashi hatte sie verteidigt und das vor der gesamten Schule, das hatte bisher niemand von ihnen leisten können. Am liebsten hätte auch er selbst ihm für seine Worte gedankt. Sie waren ihm so natürlich von den Lippen gekommen, als hätte er genau das von Anfang an geplant gehabt zu sagen, und Kotoko hatte es völlig aus der Bahn geworfen.

In der großen Menge an Schülern dauerte es eine Weile bis sie Yashi ausfindig machten, doch als Reiju ihn endlich fand schien er am Eingang auf sie gewartet zu haben.

Da ließ Reiju Ace Shirt mit einem Mal los und kämpfte sich zu ihm rüber. "Yashi", rief sie und winkte. Er stand neben den Stufen vor der Sporthalle und grinste breit. Er war allein, trug seine Uniform wie immer nur halbherzig und sein braunes Haar fiel ihm über die Augen.

"Yashi, vielen Dank!", sagte Reiju und schenkte ihm eine kurze Verbeugung. Er aber lachte laut. "Ich hab nur die Wahrheit gesagt." Reiju schluckte. "Du hast mich vor ihr verteidigt." Nickend grinste Yashi weiter vor sich hin. "Niemand spricht schlecht über das Team. Das wird derjenige jedes Mal bereuen." Jetzt lächelte sie. "Ihr verwirrter Blick war wirklich unbezahlbar. Wirklich, Yashi, danke."

Er lachte und stieß ihr sanft mit der Hand gegen den Kopf. "Jetzt mach dir bloß keine Gedanken. Geh lieber zurück zu Ace, er wartet geduldig auf dich. Wir sehen uns gleich." Überrascht drehte sie sich um und sah Ace einige Meter entfernt in der Masse stehen. Ziellos sah er umher. Dann wandte sie sich wieder zu Yashi. "Alles klar, bis gleich. Und danke noch mal!" Sie ging und er winkte ihr noch einen Moment hinterher.

 

Nach der Versammlung war es endlich so weit, dass die Vorbereitungen für das Fest los gehen konnten. Reiju fand es im ersten Moment ein wenig seltsam sich nicht zusammen mit Ace und Keita in ihrem Klassenraum zu versammeln. Stattdessen traf sie sich mit ihrem Team an dem Ort, an dem ihr Stand am ende stehen sollte. Doch mit Izaya an ihrer Seite, mit dem sie sich jetzt auf den Weg gemacht hatte, machte es ihr sehr viel weniger aus. Allerdings dauerte es nur wenige Sekunden bis er Kotoko ansprach.

"Ich hoffe du machst dir nichts aus ihren Worten", sagte er vorsichtig. "Wakabayashi hat eigentlich schon alles gesagt aber ich würde es gern wiederholen. Ohne dich wären wir niemals so weit gekommen."

"Es ist alles gut", antwortete sie schnell. Das war es wirklich. Reiju machte sich wirklich nichts aus ihren Worten und nahm es sich nicht zu Herzen. Viel mehr störte sie es, dass Kotokos Aktionen die Menschen um sie herum dazu brachten sich um sie zu sorgen und das ohne dass es nötig war.

"Ich will lieber dass du aufhörst zu denken, dass du das niemals so hinbekommen hättest wie Yashi." Ertappt sah Izaya Reiju nicht mehr ins Gesicht. "Hör auf meinen Kopf zu lesen", raunte er leise. "Das muss ich nicht, die Sache steht dir über das gesamte Gesicht geschrieben." Er seufzte und gab nach. "Aber es stimmt. Seinen Platz einzunehmen fühlt sich an wie ihn betrügerisch zu stürzen."

"Aber das tust du nicht. Yashi hat dir den Posten in Ehren übergeben. Im Glauben daran, dass du ihn als Kapitän sogar noch mal übertrumpfen wirst. Du hast ihn nicht gestürzt, sieh es mehr als dein Erbe, wenn wir schon bei der Thron Metapher sind."

"Ab Montag habe ich dann sowieso keine andere Wahl mehr oder", sagte er kleinlaut. "Ich kann den Gedanken an ein Kinroko ohne Wakabayashi einfach nur nicht leiden. Wir spielen seit der Mittelschule in einem Team und jetzt soll das einfach vorbei sein."

Reiju legte ihm sanft eine Hand auf den Rücken und nickte verständnisvoll. "Ich weiß ihr hängt unfassbar aneinander. Eure Harmonie auf dem Feld ist einzigartig. Aber dass er jetzt seinen Abschluss macht, heißt nicht dass du ihn verlierst." Er nickte stumm.

"Lass uns diese Woche, in der er noch immer unser Kapitän ist, einfach genießen, okay?", fragte sie und endlich huschte ein Lächeln über seine Lippen. "Toudou wird mich am Montag so zusammenstauchen, dass ich sowieso an nichts anderes mehr denken kann, als Kapitän zu sein."

Reiju zog zaghaft ihren Arm zurück und sah in der Ferne schon die ersten aus ihrem Team am Treffpunkt stehen. Sie stieß ihren Kopf gegen Izayas Arm und nickte. "Ich behalte meine Augen auf dir, hörst du." Jetzt lachte er und drückte sie kurz gegen sich. Da rief Chisa auch schon wie wild ihre Namen.

Jeder aus dem Team wusste bereits, dass sie für die Vorbereitungen an keinem der Tage vollständig sein würden. Jeder hatte an mindestens einem der Tage noch klasseninterne Verpflichtungen zu erfüllen, aus denen Reiju selbst sich nur hatte herausreden können, weil Ace und Keita sie deckten. Auch für heute würden gleich die ersten schon wieder gehen müssen.

"Und was ist mit dem Dienstag? Morgen sind ja so gut wie alle von euch nicht da", stellte Reiju fest. Sie hatte sich mit viel Freude an Organisation und Planung gemacht, doch das kam erst jetzt auf.

"Es tut uns so leid!", rief Chisa. "Unser Lehrer ist ein Sklaventreiber", warf Gonkuro stumpf ein. "Schon gut, Leute. Dann müssen wir heute eben ein bisschen mehr schaffen. Mit den Kostümen und Plakaten können wir gleich schon mal beginnen." Jeder nickte. "Dann bin ich morgen allein mit Izaya, Soma und Inuya. Das Glück ist eben nicht auf unserer Seite."

"Wir kommen so oft rüber wie möglich, Reiju", waren jetzt Links Worte. "Und ein paar Kostüme kann ich auch mit nach Hause nehmen. Meine Mutter ist sehr gut im Nähen."

Sie nickte. "Vielen Dank. Wir werden das alles schon schaffen! Lasst uns mit der Arbeit beginnen."

Motiviert starteten sie. Sie druckten Plakate, die Gonkuro designt hatte, malten Schilder und entwarfen und besorgten die ersten Kostüme. Der ganze Stand in diesem Jahr sollte ein Fotostudio werden in dem die Besucher Fotos mit verschiedenen Figuren machen konnten. Anfangs hatten sich einige über die Idee zu cosplayen gesträubt, aber die Mehrheit hatte für diesen Vorschlag von Reiju gestimmt. Mit dem Verkauf von diesen Polaroidfotos wollten sie das Geld machen und sie alle waren sich sicher, dass es super funktionieren würde.

 

Am nächsten Morgen trennten sich Surus und Reijus Wege auf dem Schulhof. Sie wirkte müde und hatte den ganzen Weg nichts gesagt. Bei ihrer weiterhin stillen Verabschiedung war es Suru genug.

"Okay, was ist los?", fragte er und hielt sie am Rucksack zurück.

"Was meinst du?" Sie zog sich die Träger wieder über die Schultern und drehte sich zurück zu ihm. "Ist es wegen gestern? Was Kotoko gesagt hat?", fragte er und lag damit vielleicht das aller erste mal in ihrer Freundschaft daneben. "Ich hab gestern nichts gesagt, aber wenn…" "Nein, Kotoko ist mir egal." Reiju fühlte sich, als hätte sie das seit gestern schon etliche male gesagt. "Ich bin nur müde."

"Wieso?" Sie atmete schwer ein und überlegte, ob sie Suru überhaupt die Wahrheit sagen wollte. Er machte sich nur Sorgen um sie. "Ich habe die ganze Nacht an etwas für den Volleyballstand gearbeitet. Wir sind heute nur zu viert und wenn ich die Arbeit nicht mit nach Hause nehme werden wir nie fertig." Suru hob eine Augenbraue. "Ich bin mir sicher, dass war nicht die Idee des ganzen Teams dich die Nacht durchmachen zu lassen." "Natürlich nicht, aber wie gesagt. Sie sind alle beschäftigt also mach ich es eben." "Willst du mich wirklich dazu bringen mich bei Izaya zu beschweren? Er ist doch der neue Kapitän oder?" Reiju seufzte. Sie lächelte zwar aber ihr Blick unterband Surus Worte. "Es ist alles gut. Wir schaffen das schon." Ein langer Moment verging, in dem sie sich beinahe schon damit bekämpften wer dem anderen intensiver in die Augen blicken konnte. Dann sah Reiju weg. "Lass mich das machen. Ich mache das gern und ich will, dass unser Stand funktioniert."

Erwartungsvoll starrte Suru einfach weiter. "Wenn du Hilfe brauchst, dann sag Bescheid. Ich tue den ganzen Tag ohnehin nichts anderes als gezwungen zu werden mein Buttlerkostüm zu tragen." Bei dem erneuten Gedanken an Suru in einem edlen Frack und weißen Handschuhen musste Reiju jetzt wieder kichern. "Ist gut, aber jetzt geh und schlüpfe in dein Outfit." Er seufzte theatralisch und nickte dann. "Wir sehen uns." "Ja, wir sehen uns."

Als Reiju an ihrem Stand auf dem Schulhof ankam waren wie zu erwarten nur Izaya, Inuya und Soma da. Sie wusste sofort, dass es ein langer Tag werden würde, doch noch war sie hohen Mutes. Sie begrüßten sich und machten sich ohne viel weiteres Gerede an die Arbeit.

Doch es dauerte nur knapp eine Stunde bis das erste Problem auftauchte und Reijus gute Aussichten dämpfte. Sie hatten weder genügend Dekoration, noch passten die gestern bereits umgenähten Kostüme einem der Anwesenden. Reiju befürchtete sofort, dass damit wohl alle gestern genommen Maße fehlerhaft waren. Mühsam seufzte sie. Es kostete sie unnötig Zeit.

"Was machen wir jetzt? Morgen allein schaffen wir es niemals alle Kostüme anzupassen", sagte Soma entmutigt. "Außerdem fehlen noch die, die Links Mutter umgenäht hat." "Wenigstens hat sie die Maße selbst genommen. Die werden dann also stimmen", warf Izaya beruhigend ein und sah rüber zu Reiju, doch es funktionierte nur mäßig. Sie dachte nach.

"Okay. Ich gehe und drucke die Plakate die uns noch fehlen. Auf dem Weg suche ich alles an Deko zusammen was ich finden kann. Die Kostüme müssen wir wohl morgen angehen, also macht ihr hier einfach weiter."

Sie wirkte so ruhig und präzise in ihren Worten, doch ihr Inneres stürmte. Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass dieser Stand gut wurde, das hatte sie sich fest in den Kopf gesetzt, denn das wäre das aller Letzte, was dieses Team gemeinsam tun würde.

Sie stand auf und schnappte sich ihren Rucksack. "Wir schaffen das schon, also fangt an den Stand fertig zu machen."

Mit den Worten ging sie.

Sie verschwand im Schulgebäude, wartete eine gefühlte Ewigkeit auf die fertigen Drucke und fragte bei jedem Lehrer nach übriger Deko, den sie finden konnte. Sie war jetzt sicher über eine Stunde weg gewesen, als sie sich auf den Weg zurück machte. Ihre Errungenschaften sicher verstaut in ihrer Tasche machte sie sich schnellen Schrittes auf den Weg aus dem Schulgebäude heraus auf den Schulhof und hoffte, dass bloß nur nicht noch mehr Probleme aufgetaucht waren.

Sie war in Gedanken daran versunken, als jemand ihren Namen rief. Reiju erkannte die Stimme sofort. Sie blieb stehen und wusste selbst nicht ganz wieso eigentlich.

"Was willst du?", fragte sie forsch und sah zu Kotoko herüber.

Kotoko stand mit zwei anderen Mädchen an der Seite des Schuleingangs und füllte Eimer mit Wasser aus dem Wasserspender.

"Was machst du hier so allein?", fragte sie und ihre Miene war widerlich süffisant. Ihre Stimme dagegen klang freundlich. Reiju antwortete nicht. Sie starrte sie nur stumm an. "Wakabayashis Worte heute Morgen waren wirklich rührend oder?", sprach sie weiter. "Nur zu blöd, dass ihm keiner zugehört hat." Eine von den zwei Mädchen kicherte. Die andere blieb still. Genau wie Reiju. Dann setzte sie wieder an und wollte gehen, doch Kotoko ließ sie nicht. Mit einem beinahe schon viel zu unauffälligen Tritt gegen den gerade voll gewordenen Eimer zu ihren Füßen stieß sie ihn mit einem heftigen Schwung um. Mengen an eiskaltem Wasser ergossen sich in einem Schwall über Reijus Füße. Kotoko lachte und das eine Mädchen neben ihr auch. Die Dritte aber nicht. "Wir haben 10 Minuten gewartet, um alle Eimer zu befüllen. Der Rest wartet schon auf uns und du stößt ihn für sowas einfach um?", wisperte sie aufgebracht und stellte den umgeworfenen Eimer wieder unter den laufenden Wasserhahn. Kotoko aber rührten ihre Worte nicht. Sie hörte nicht zu kichern auf. Dieses widerlich helle und niedliche Kichern, mit welchem sie sich sonst jedem Menschen hervorragend unterwarf.

Völlig gleichgültig schlüpfte Reiju aus ihren Schuhen und streifte sich mit den Zehen die Socken ab. Dann hockte sie sich nieder, hob alles auf und sah Kotoko noch ein letztes Mal in das erfreute Gesicht. Dann drehte sie sich um und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Die Sonne schien heute nicht und der Boden war eiskalt. Ihre nassen Füße froren auf dem Stein, dennoch machte sie sich einfach weiter auf den Weg zurück zu ihrem Team. Sie hatte wichtigere Dinge zu erledigen, als sich mit Menschen wie Kotoko herumzuschlagen.

Als sie jedoch bei dem Spendenstand für das Volleyballteam ankam sah sie ganz verdutzt auf das was sie erwartete. Sie fand nicht vor, was sie zurückgelassen hatte.

Verwundert betrachtete sie vom Weiten wie Suru die Wände mit Postern zu klebte, Keita ein riesiges Plakat mit dem Spruch des Teams kalligrafierte und Junko bei einem Kostüm etwas umnähte. Ace entdeckte sie gerade, als er dabei war riesige Stücke an Pappe von A nach B zu bewegen.

"Hey Reiju!", rief er und winkte ihr freudig entgegen, dann deutete er auf Suru. Als Reiju jetzt näher kam sprach er ganz aufgeregt weiter. "Wir sind alle da, um euch zu helfen! Suru sagt er bringt am Donnerstag seine Polaroidkamera mit und ich hab mit Kageyama-Sensei geklärt, dass ich Snacks vorbereiten kann. Das Team hat uns alle Materialien gegeben. Inuya und Soma haben sich auf den Weg gemacht, um von jedem die neuen Maße zu nehmen und schicken sie sofort rüber zu Junko, damit sie sie gleich wieder umnähen kann. Link, Chisa, Kemudashi und Gonkuro waren bis eben noch kurz da und haben uns die übrigen Kostüme vorbei gebracht. Ich soll dir noch mal sagen, dass es ihnen unfassbar Leid tut."

Reiju verstand nicht. Sie sah was passierte aber sie verstand die vielen Worte nicht, die wie ein Wasserfall aus Ace Mund strömten. Sie war verwirrt. Sie bekam nicht zu fassen, was Ace damit sagen wollte.

"Aber... müsst ihr nicht in euren eigenen Klassen sein? Ihr könnt doch nicht den ganzen Tag hier aushelfen und du Ace... unsere Klasse hat dann doch gar keinen Klassensprecher mehr." Ace Funkeln in den Augen versiegte nicht, doch seine Stimme wurde ruhiger. "Izaya hat mir erzählt wie es mit eurem Team aussieht. Dass heute so gut wie keiner helfen kann und du dich deswegen so schrecklich stressen musst." Ace sah ihr ins Gesicht als er sprach und blickte nicht fort. Er stellte sich ihrem Ausdruck ohne zu kneifen. Nur seine Hand, die etwas beschämt in seinem Nacken lag verriet ihn. "Und das mit unserer Klasse hab ich geklärt, das übernimmt jemand anderes."

Suru nickte. "Ace hat uns alle zusammen getrommelt. In unseren Klassenzimmern können auch genug andere mithelfen." "Denk niemals du seist auf dich allein gestellt, Reiju!", rief jetzt Junko und stand auf. Sie hatte Nadel und Faden bei Seite gelegt und hielt eine grüne Zipfelmütze in die Höhe. "Sieh doch. So gut hättest du die nicht umnähen können, also sei froh, dass du uns hast." Sie zwinkerte Reiju zu und lachte. "Also hör auf dort herum zu stehen und hilf uns."

Reiju betrachtete jeden. Jedes Gesicht.

Sie war unfassbar dankbar, so gerührt von dem Zusammenhalt und der Rückendeckung, die sie spürte. Wenn sie am Morgen noch zweifelnd vor dieser Aufgabe gestanden hatte, war sie jetzt in wohligen Aussichten. Ihr war klar gewesen, dass sie allein die Aufgabe nur schwer hätte meistern können, doch sie hatten ja keine andere Wahl gehabt. Gemeinsam aber würden sie diesen Stand in den schönsten der gesamten Schule verwandeln, da war sie sich sicher. Ihr Gesicht verzog sich voller Dankbarkeit für diese fünf Menschen.

Sie lächelte und vergaß leichtmütig was eben geschehen war. Sie schätze gerade viel zu sehr was ihr gegeben wurde.

"Danke, Leute. Wirklich. Und..." Sie sah wieder rüber zu Ace und lächelte ihm ins Gesicht. Ihre Augen schlossen und ihr Mund weitete sich zu einem großen Lachen. "Vielen dank!"

Zufrieden nickte Ace und winkte ab. "Du brauchst mir nicht zu danken. Komm, lass uns die Hintergründe für die Shootings malen." Er hielt ihr die Hand hin und lächelte. Erst jetzt bemerkte er, dass sie keine Schuhe trug. Ihre nackten Zehen bewegten sich auf dem Asphalt. Als sie seine Hand entgegennahm, ging er nicht los. Er starrte zu Boden.

"Was ist mit deinen Schuhen?", fragte er verwirrt. Reiju hatte längst vergessen, dass sie barfuß umher lief und folgte seinem irritieren Blick. Sie hielt noch immer ihre triefenden Schuhe in der Hand. Ihre Socken tropften unermüdlich.

"Oh, richtig", sagte sie nur und sah nicht auf. "Meine Schuhe sind... nass geworden."

"Nass?", fragte Ace weiter. "Ja, nass."

Reiju wollte nicht weiter reden. Sie wollte ihm nicht sagen was passiert war, doch Surus Blick wich auf die Beiden, als sie unnatürlich lang in ihrer Position verharrten.

"Hey, alles gut?", fragte er. "Wieso bist du denn barfuß?" Er hatte nur nach den Zweien sehen wollen, doch jetzt sah er Reijus schwarze Sneaker in ihrer Hand. Ein Tropfen nach dem anderen löste sich aus dem dunklen Stoff und landete zu Boden.

"Meine Schuhe sind nass geworden", wiederholte sie. Reiju wurde immer kleinlauter. Ihr Gesicht zeigte nicht mehr furchtlos in Ace Richtung, sondern sah weg. Sie wollte es ihm nicht sagen müssen.

"Du solltest nicht ohne Schuhe rumlaufen. Was wenn du in Glas trittst? Außerdem ist es heute gar nicht warm genug dafür." Reiju seufzte. "Suru, ich weiß. Ich wollte mir auch eigentlich meine Sportschuhe aus meinem Fach holen gehen." Sie löste ihre Hand aus Ace' und blickte die beiden Jungs an. "Darf ich also gehen oder wollt ihr mich noch weiter anstarren?"

Beide betrachteten sie noch für einen kurzen Moment. Sie sprach lakonisch wie immer. Ihre Stimme war gewohnt monoton. Ihr Blick war voll mit Aufbruchsstimmung. Nichts negatives war zu entdecken.

"Dann lass mich sie dir holen", sagte Ace plötzlich, als Reiju sich gerade aus ihrer Gefangenschaft lösen wollte. Sie stockte in ihrem Schritt und ließ ihr Gleichgewicht wieder zurückfallen.

"Na gut. Danke", sagte sie nur und Ace machte sich sofort auf den Weg. Erleichtert atmete sie aus, als er aus ihrer Sichtweite verschwand. Sie wusste Suru würde nicht davon ablassen, also war sie heilfroh Ace erst mal aus Hörweite zu haben.

"Was ist passiert, Reiju?" Er wusste, dass was passiert war.

"Ko...Kotoko", kam es ihr nur schwer über die Lippen. Sie hatte es eigentlich satt sich über sie zu beschweren. "Was hat sie getan?" Surus Stimme war ruhig, doch er kam Reiju jetzt einen Schritt näher. Er nahm ihr die Schuhe und die Socken ab und legte sie zu Junko unter die Bank. Dann setzten sie sich zu ihr. Sofort legte Junko Nadel und Faden bei Seite, als sie Kotokos Namen heraushörte. Auch Keita und Izaya horchten auf. Doch Reiju seufzte nur.

"Sie denkt sie könnte sich alles gefallen lassen. Das denkt sie schon ihr ganzes Leben!", rief Junko also, die nicht bereit war ihre Gedanken für sich zu behalten.

"Sie hat nichts weiter getan. Sie hat nur einen Eimer Wasser umgestoßen."

"Und das genau neben dir?", fragte Keita spöttisch. "Das glaubst du doch etwa nicht?" "Ich weiß nicht was ich glaube. Ich weiß nur, dass ich keine Lust habe darüber nachzudenken." Reiju sah Surus warme Hand auf ihrem Arm, doch das einzige was sie spürte war Wut. Nicht weil Kotoko sie als Ziel gewählt hatte, sondern weil sie es wegen Ace tat.

"Kotoko ist in den letztem Tagen definitiv zu weit gegangen." Es waren jetzt Surus leise Worte. Wieder seufzte Reiju. "Sagt es nicht Ace, okay? Er macht sich genug Sorgen wegen der Sache." Es stellte sich eine kurze Stille ein. Suru wusste was Reiju meinte. Ace machte sich seit dem Vorfall am Vortag Sorgen um sie. Er schien die Schuld für Kotokos Taten auf seine Schultern zu lasten, doch es vor ihm zu verheimlichen konnte auch keine Lösung sein. Jeder von ihnen hatte Kotokos nächste Handlung schon erwartet und Reijus kurze Unsicherheit hatte sie vor ihm verraten.

"Aber du kannst es auch nicht vor ihm geheim halten." Über Junkos Schoß lag noch ein riesiges Kostüm aus weißem weichem Fell, doch sie legte es jetzt bei Seite und blickte Reiju in die Augen.

"Ich bin mir sicher Ace weiß es schon, doch er sagt nichts, weil er weiß, dass du nicht willst, dass er es weiß. Mach die Sache nicht komplizierter als sie so schon ist und sag es ihm. Dann könnt ihr darüber sprechen statt euch euren Teil nur zu denken. Kotoko allein ist Problem genug." Jetzt schluckte Reiju. Wo hatte Junko immer wieder so plötzlich ihre Reife her. Aber sie hatte Recht.

"Kotoko ist eine Bitch."

Schockiert sah jeder auf. Eigentlich hätte Reiju erwartet, dass diese Worte von Keita oder Junko gekommen wären, doch das waren sie nicht. Es war keine ihrer Stimmen gewesen. Es war die von Ace.

"Schaut mich nicht so an. Habt ihr mich noch nie fluchen hören?" Ein gemeinschaftliches Kopfschütteln machte die Runde. "Ich hab schon gehört was ihr als letztes gesagt habt, ihr braucht also nicht so plötzlich zu Schweigen. Ehrlich gesagt habe ich es erwartet, als ich gegangen bin. Reiju hat mich viel zu leicht gehen lassen."

"Ace, ich..." Er unterbrach sie und sprach einfach weiter. "Ich wollte es einmal loswerden, denn es stimmt. Kotoko sollte wegen sowas aber nicht zwischen uns gelangen. Auch wenn ich mir unfassbare Schuldgefühle mache, ich versuche es nicht zu tun, okay?"

Ace stand vor Reiju und hielt ihr jetzt ihre Sportschuhe und ein paar frische Socken hin. Sein Gesicht war rot angelaufen doch sein Blick ging genau in ihre Augen.

"Es tut mir leid, dass du wegen mir keine Ruhe vor ihr hast, aber bitte Reiju, verheimliche mir nicht deine Sorgen. Das würde mir nur noch mehr leid tun."

"Es... entschuldige, Ace." Ein wenig überfordert griff sie nach den Schuhen. Er sprach so offen mit ihr, sie konnte nicht deuten was es in ihr auslöste doch es fühlte sich warm an. Etwas in ihrem Herzen schien immer weiter zu blühen.

Ace wie er vor ihr stand war noch immer holprig, unsicher und unbeholfen. Er musste seinen gesamten Mut zusammennehmen und dafür kämpfen, dass diese Worte seine Lippen verlassen konnten und dennoch... er war trotz allem lange nicht mehr der Ace den Reiju vor fünf Monaten noch kennen gelernt hatte.

Wild schüttelte er den Kopf. "Nimm noch die Socken, die hab ich aus Izayas Fach. Er hat immer etliche frische Paare in der Schule, weil er denkt, dass seine Füße übermäßig schwitzen."

Reiju sah in Ace ernstes Gesicht und musste mit einem mal kichern. Izaya beschwerte sich leise neben Junko, doch Reiju lachte nur erneut. "Danke, Ace." So wie er da stand, ganz beschämt und doch irgendwie selbstsicher. Genau so erwärmte er ihr Herz am aller meisten.

Sie entfaltete die Socken und wunderte sich sofort warum sie überhaupt überrascht war, als sie sah wie groß sie waren. Sie beugte sich etwas vor und sah zu Izaya rüber. "Hast du zufällig Schuhgröße 50?", fragte sie matt und Junko musste lachen. "Was erwartest du, er ist 1,85 groß!" Sie tätschelte tröstend seinen Oberschenkel, als er schmollend "45" antwortete. Doch Reiju lachen zu hören erleichterte ihn. "Super, nur acht Größen zu groß." Sie schmunzelte noch immer als sie sich die weißen Socken über die Füße zog und die Ferse weit über ihrer eigentlichen landete. Dann schlüpfte sie in ihre Schuhe und stand auf. Sie stand jetzt wieder genau vor Ace und sah ihm ins Gesicht. Seine Wangen waren noch immer in einem zarten rot gefärbt. Er lächelte zufrieden.

"Danke noch mal." Sie trat auf ihn zu und umarmte ihn. Ohne Vorwarnung schlang sie ihre Arme um seinen Körper und drückte ihn fest an sich. "Danke für deine Ehrlichkeit", wisperte sie. "Und danke, dass du für mich da bist." Nur langsam gab sie ihn wieder frei und ließ ihn mit seiner Reaktion auf ihre Worte allein. Sie blickte ihren Freunden noch einmal einer nach dem anderen in ihre Gesichter und atmete tief ein und wieder aus.

"Also... lasst uns einen Feststand bauen!", sagte sie jetzt voller Elan und jeder nickte einstimmig.

Sie malten, nähten und hämmerten den gesamten Tag lang. Inuya und Soma stießen bald darauf auch wieder zu ihnen. Sie halfen beim Tragen, beim notieren und probierten ihre Kostüme an. Standen Modell und ließen es über sich ergehen, dass Junko sie das ein oder andere Mal mit der Nadel erwischte.

Das Treiben um den Stand wurde zu keiner Sekunde erschöpft und war dank Reijus Freunden erfüllt von freudiger Energie. Sie vollendeten die ersten Kostüme, die Plakate und die Preisübersicht, stellten alles auf seinen Platz, malten die letzten Details auf die Hintergründe und wurden mit vereinten Kräften perfekt kurz vor Schließung der Schule endlich für heute fertig.

Ausgelaugt huschten sie schnell an dem genervten Lehrer vorbei durchs Tor, der heute noch die letzte Aufsicht geführt hatte, und verabschiedeten sich. Morgen würden die Letzten Dinge erledigt und dann ging es endlich los.

Doch als sie sich alle vor dem Schultor verabschiedeten tauchte Wakabayashi plötzlich vor ihnen auf.

„Yashi, was tust du denn noch hier?“, fragte Reiju überrascht, als sie ihn auf sie zuschlendern sah.

„Hey Reiju“, er lächelte zart. „Tut mir leid, dass ich euch heute nicht mit den Vorbereitungen helfen konnte.“ Schnell schüttelte sie den Kopf. „Das ist kein Problem, wirklich nicht.“ Er lachte. „Ich weiß, dass das nicht stimmt, aber danke dir.“

„Was willst du hier Wakabayashi?“, fragte plötzlich Soma, der einfach nicht hatte gehen können, als er seinen Kapitän hinter Reiju entdeckt hatte.

„Ah, das bist du ja Soma.“ Fragend blickte er Wakabayashi ins Gesicht.

„Ich wollte mir dir reden.“ „Ach so?“, machte Reiju und nickte dann. „Dann werde ich gehen. Wir sehen uns morgen Soma!“, sagte sie und lächelte, dann ließ sie sie sofort allein.

„Was ist los?“ Soma wurde plötzlich nervös. Würde er ein letztes Mal von seinem Kapitän eine Standpauke bekommen? Sie hatten auf dem Feld immer konkurriert, würde es sich jetzt auszahlen?

„Starr mich nicht so verklemmt an“, lachte Yashi plötzlich auf. „Komm wir gehen ein Stück.“

Soma nickte und folgte ihm.

„Montag ist euer erstes Training oder?“, fragte Wakabayashi und starrte in die rote Sonne, die vor ihnen gerade unterzugehen begann.

„Ja, dann treffen wir uns das erste Mal wieder.“

„Weißt du auch was das bedeutet?“, fragte er weiter und blickte Soma plötzlich wieder an. Er lachte. „Ja“, antwortete er ernst. „Ich werde Setter sein. Der einzige im Team.“ „Richtig.“

„Was mir nicht viel bringt, wenn wir nicht spielen können.“

Wakabayashis Lachen versiegte für einen Moment. „Es bringt dir Übung und Geduld. Du hast so lange auf diesen Moment gewartet. Ich bin auch tatsächlich einfach nur hier, um dir zu gratulieren. Du hast mich immer angetrieben besser zu werden. Du warst der beste Rivale, den ich mir hätte ausmalen können, denn ich wusste zu jeder Sekunde, dass wen ich nachlasse, jemand da ist, der genau so gut ist wie ich selbst, um mich zu ersetzen.“

„Der Letzte Teil stimmt nicht so ganz“, sagte Soma ruhig. Wakabayashi horchte stumm.

„Ich bin nicht so gut wie du, ich war immer einen Schritt hinter dir. Aber jetzt, während du deine Klausuren schreibst und dich um deine Zukunft kümmerst, werde ich einfach weiter trainieren und ich werde mich umso mehr anstrengen dem Ersten Platz gerecht zu werden. Ich kann es nämlich nicht zulassen, dass er mir wieder genommen wird. Also nein, noch bin ich nicht besser als du.“ Er machte eine kurze Pause und sah seinen ehemaligen Kapitän plötzlich mit funkelnden Augen an. Sie glühten vor Ehrgeiz.

„Aber ich werde es noch sein. Das kannst du mir glauben.“

 

Als das Schulfest begann, verging die Zeit beinahe schon doppelt so schnell wie die, der Vorbereitungen und es schien als wäre es mit einem Mal verflogen.

Reiju genoss ihre Zeit mit dem Team und nutze jede Chance Izaya zu zeigen, dass Wakabayashis Abgang nicht ihren Untergang bedeutete und Yashi begünstigte es.

Bei jedem Foto und bei jeder Anfrage schob er Izaya voraus. Jedes Mal wenn jemand ein Foto mit dem Fußballer Wakabayashi machen wollte, schlug er lieber Izaya vor, der in seinem Anzug und dem Fedora doch viel besser aussah als er. Sie verkauften Mengen an Fotos und vor allem welche mit Link. Er hatte das aufwendigste Kostüm von allen, denn er hatte sich für den Charakter Link entschieden, wenn auch nicht ganz freiwillig. Mit Hyliaschild und Masterschwert zog er die Kunden nur so an. Sein etwas längeres blondes Haar hatte Reiju zu einem Seitenscheitel gelegt und hinten trug er einen winzigen Zopf. Sie war so stolz auf ihr eigenes Werk und Link gab sich unter ihrer Freude geschlagen. An zweiter Stelle was die Beliebtheit anging stand dann aber Soma. Sein Kostüm eines Kochs war nicht wirklich aufregend, doch er schien durch sein gutes Aussehen ziemlich viele Kunden anzulocken. Vor allem aber Hanami, die den ganzen Tag damit verbrachte übermäßig unauffällig an ihrem Stand herumzulungern.

Und dann war da noch Jumin. Er steckte in einem felligen, weichen Katzenkostüm. Für ihn hatte es nichts anderes sein können als ein Kostüm seiner eigenen Katze und so unbeliebt war er damit auch nicht.

Reiju hatte großen Spaß daran die ganzen drei Tage mit Wakabayashi an ihrer Seite Fotos zu schießen. Er stand immer nur neben ihr, leitete die Kunden an Izaya weiter und beobachtete alles ganz still, als würde ein alter Mann auf sein Lebenswerk zurückschauen. Er schien ein wenig melancholisch. Reiju selber würde ihn auch unfassbar vermissen. Genau wie Masamune und Jumin auch.

In der Zwischenzeit wurde Suru von Schülern, die ein Foto mit ihm wollten, durch das ganze Klassenzimmer gejagt, Junko hatte Spaß in ihrem nachgeahmten Casino und Keita hatte sich heimlich von seinen Pflichten entfernt und in Surus Klassenzimmer seinen eigenen riesigen Spaß damit zu beobachten wie sehr er sich abmühte. Ab und zu schoss er auch mal ein Foto davon, wenn eines der Schüler es wagte Suru am Arm zu halten. Höflich bat er sie jedes mal es zu unterlassen, doch seine Worte gingen unter. Suru plagte wohl wirklich einfach der Fluch des guten Aussehens, genau wie Reiju es gesagt hatte. Damit sorgte er jedoch auch für einen regen Besuch ihres Cafés und das freute wenigstens seine Klassenkameraden. Nicht einmal seine Klassensprecherpartnerin griff ein, um ihm zu helfen und so saß Keita lange Zeit nur da und wartete gespannt darauf, was als nächstes passieren würde, während seine Freunde kamen und gingen.

Und Ace, er war zwar anwesend in seinem eigenen Klassenzimmer, doch denken tat er nicht daran. Er dachte an etwas sehr anderes, an jemanden sehr anderes. Der Gedanke war schon gesät gewesen noch vor den Sommerferien, seit dem gedieh er wohlig vor sich hin. In den letzten Wochen hatte er sich immer weiter entwickelt und jetzt schien er plötzlich in allen erdenklichen Farben zu erblühen. Er wusste nicht genau wieso und weshalb. Warum er gerade jetzt so voller Energie und Leben war, doch der Gedanke wuchs und wuchs und füllte seinen Kopf aus, genau wie auch sein Herz.

Ihm war bewusst, dass es nichts neues war, dass es wahrscheinlich jeder von ihnen schon längst wusste. Aber als er Reiju gestern so vor ihm hatte sitzen sehen. Erst ganz eingeschüchtert und dann leise vor sich hin kichernd. Als er ihre dankenden Arme um sich gespürt hatte. Der Gedanke wucherte in seinem Körper und schien nicht mehr eingehen zu wollen.

Daran dachte Ace und das das gesamte Fest lang.

Und dann als der letzte Tag so langsam sein Ende fand, die Besucher schon längst das Weite gesucht hatten und die Schüler angefangen hatten aufzuräumen, dachte Ace noch einen einzigen Gedanken weiter und spürte plötzlich, dass es für ihn kein zurück mehr gab.

 

"Izaya, können wir kurz reden?"

Ace hatte sich aus seinem Klassenzimmer entfernt, als die Aufräumarbeiten vorbei waren, und fand seinen besten Freund weit entfernt von seinem Stand bei den Mülltonnen. Er durchbrach sein Vorhaben und starrte ihm bittend entgehen. Izaya warf die letzten vollen Tüten weg und sah zu ihm auf. Er sah aus als hätte er einen Geist gesehen. Dann nickte er stumm und schloss die Mülltonnen wieder ab.

"Lass uns dort drüben auf eine Bank", sagte er und lächelte jetzt. Es war sicher Jahre her, dass Ace sich ihm ganz von allein anvertraut hatte. Dass er in eigenem Mut auf ihn zukam erleichterte ihn. Ace wuchs und das jeden Tag.

Sie gingen ein paar Schritte und setzten sich auf eine Bank neben dem Schulgebäude. Er schien ein wenig nervös. "Also, was ist los?", fragte Izaya und blickte ihm aufmunternd entgegen.

"Ich", begann Ace und stützte seine Hände zwischen seinen Beinen auf die Bank. Er warf frustriert den Kopf in Nacken und vermied es Izaya anzusehen. "Ich weiß es ist bestimmt ein bisschen offensichtlich, aber ich muss es einmal aussprechen." Er sah hoch in den Himmel, sah klares Blau und weiße Wolken.

"Ich habe mich völlig in Reiju verknallt. Ich bin ihr wirklich komplett verfallen."

Izaya lächelte. "Ein bisschen offensichtlich?", wiederholte er und lachte. Er drückte Ace seine Schulter und ließ seine Hand dort ruhen. Als er jetzt begann weiter zu sprechen, sah Ace ihm aus seinem Augenwinkel entgegen.

"Ich glaube selbst Reiju selber weiß, dass du auf sie stehst. Und eigentlich ist es auch eine klare Sache, dass das auf Gegenseitigkeit beruht."

"Und... was soll ich jetzt tun?"

"Was willst du tun?" Ace seufzte und schüttelte heftig seinen Kopf. "Ich weiß nicht. Auf keinen Fall möchte ich es ewig bei mir behalten, aber... es ihr zu beichten ist viel zu..." Ace entließ einen weichen hadernden Laut. "Mit ihr zu reden ist vielleicht ein guter Anfang", antwortete Izaya seicht.

Ace ließ seinen Kopf wieder sinken und sah zu Boden. "Ja, das ist wohl meine einzige Möglichkeit", raunte er. Kurz hielt er inne. "Weißt du... es ist nur, dass... Reiju war immer da. Als ich am meisten jemanden gebraucht habe war sie da und das ohne, dass ich sie gebeten hatte, ganz im Gegenteil. Sie war da, als ich völlig neben mir stand, als ich mich verloren hatte. Sie war da, als ich sie mehr als alles andere gebraucht habe und jetzt wo ich endlich spüre, dass ich mich wiederbekomme, wo ich spüre, dass jeden Tag ein wenig mehr von mir selbst wieder zum Vorschein treten kann, ist sie immer noch da. Sie weicht weiter nicht von meiner Seite und hört einfach nicht auf mir zu helfen. Es ist, dass ich mich fühle wie ich selbst wenn ich bei ihr bin, dass ich spüre, dass jeder Tag leichter wird. Ich empfinde Freude bei ihr, wenn ich sie nach Stunden einmal zum lachen bringe, empfinde ich Stolz. Ich fühle mich geborgen in ihrer Nähe."

"Ich glaube ich bin nicht derjenige, dem du das sagen solltest." Izayas Stimme war leise, aber getränkt in seichter Freude. "Aber was wenn ich damit alles ruiniere? Du sagst sie steht auf mich, aber was wenn nicht? Was wenn sie sich in den falschen Ace verliebt hat oder was wenn sie überhaupt nicht auf mich steht, sondern all das nur eben ihr Charakter war? Ich will meine Freundschaft zu ihr einfach nicht gefährden."

"Und das wirst du nicht." Izaya festigte seinen Griff auf seiner Schulter und sah ihn von der Seite genau an. "Reiju wird egal wie sie empfindet nicht forsch zu dir sein. Du bedeutest ihr viel, das steht außer Frage. Wenn ihr offen sprecht was kann schon passieren? Im schlimmsten Fall bleibt es wie es war, sowas wird eure Freundschaft aber nicht kaputt machen." Ace dachte an ihn und Junko. Dachte daran wie reif und verständnisvoll sie beide füreinander gewesen waren. Dachte daran wie gut sie damit umgingen, auch wenn es sicher nicht leicht für sie beide gewesen war. Ace ließ von diesem Thema ab.

"Und was wenn meine Gefühle für sie nur darauf aufbauen, dass sie in schweren Momenten für mich da war? Was wenn das noch nicht ich bin, der aus mir spricht."

"Auch das solltest du ihr dann sagen. Sprich mit ihr, sag ihr was du empfindest, erzähl ihr von deinen Ängsten und dann redet darüber."

"Meinst du wirklich?" Izaya nickte entschlossen. "Es ist nicht leicht, das weiß ich, aber um deiner und um ihrer Willen, wenn du dir ganz sicher bist, dass du etwas für sie empfindest, dann solltest du es ihr sagen. Ich bin sicher sie wird dir mit Sänfte gegenüber stehen."

Ace seufzte. Lang und schwer kam es aus seiner Kehle, dann erst sah er endlich auf. Er blickte Izaya in die dunkelgrünen Augen.

"Ich bin mir sicher. Ich bin mir sicher ich empfinde was für sie, daran besteht kein Zweifel. Aus welchem Grund auch immer; ich kann die Worte nicht länger bei mir behalten." Izaya erwiderte seinen Blick und lächelte. "Dann solltest du mit ihr sprechen. Und vergiss nicht, dass ich immer für dich da bin, Ace." Jetzt nickte er und es war wieder unbekümmert wie das eines kleinen Kindes. Dann stand er auf. "Ich muss es ihr unbedingt sagen. Noch heute!"

 

Entschlossen stapfte er über den Schulhof und begann damit Reiju aufzusuchen. Es dauerte eine Weile, doch am Ende fand er sie dort, wo bis vorhin noch der Stand des Volleyballteams gestanden hatte. Sie stapelte einige aufgerollte Plakate auf dem Boden und schien noch immer aufzuräumen. Beinahe alle anderen Schüler waren schon fertig und bereits gegangen, auch das Team, aber sie hatte sich bereiterklärt die letzten Reste zu übernehmen und die anderen schon ziehen lassen.

"Hey, Reiju", sagte er und stolperte sofort darüber, dass seine Stimme alles andere als Selbstbewusst klang. Er war nervös.

"Ah, Ace. Du bist noch hier?", fragte sie ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Sie sammelte hier und da noch etwas Müll auf und schloss ihre Kasse ab.

"Ja, das bin ich", antwortet Ace nur. "Und du bist immer noch am aufräumen?" Sie nickte. Sie hatte ihn bisher nur einen einzigen kurzen Moment angesehen. Zu seinem Glück dachte er, denn dann sah sie nicht wie rot er sein musste. "Ich bin gleich fertig. Willst du irgendwas?", fragte sie jetzt. "Nein, nein. Nur...", er kratzte sich am Hinterkopf und als er aufsah, blickte sie ihn endlich richtig an. Ihr Blick traf genau auf seinen und er konnte ihre dunklen Augen sehen. Er schluckte.

"Hast du Lust heute gemeinsam nach Hause zu gehen?"

Sie hob die Plakate vom Boden auf und hob die Kasse unter ihren Arm. "Sicher. Was ist mit Suru?" Ace stand nur da und beobachtete sie. Bei Surus Namen brach ihm der Schweiß aus. "Oh der, Suru hatte mich gebeten dir auszurichten, dass er früher los muss."

In Wahrheit hatte Ace ihn gebeten ihn und Reiju heute allein zu lassen und Suru hatte sofort eingewilligt. Er hatte sich jetzt schon vor einer Weile mit anderen Freunden auf den Weg gemacht.

"Oh. Ach so." Mehr Reaktion zeigte sie nicht. "Soll ich dir helfen?", fragte Ace dann endlich, doch sie schüttelte den Kopf. "Nein, bin jetzt gleich sowieso fertig. Setz dich doch kurz, ich bring das nur noch weg." Er nickte und gehorchte ihr. Nervös wippte er mit dem Fuß. Er starrte in die Gegend. "Ist alles okay?", fragte Reiju noch bevor sie sich endgültig auf den Weg ins Schulgebäude machte. "Ja, ja sicher." Skeptisch betrachtete sie ihn, ging dann aber und war nach einer kurzen Weile auch endlich bereit nach Hause zu gehen.

Stumm verließen sie das Schulgelände und gingen die Straße herunter. Ace sagte kein Wort, den ganzen Weg nicht. Es war untypisch für ihn so zu schweigen, aber Reiju fragte nicht nach. Irgendetwas in ihr schien ihr zu verraten was er vorhatte.

Still gingen sie weiter nebeneinander her, bis Ace plötzlich stehen blieb. Verwundert hielt Reiju erst einige Schritte später an und drehte sich zu ihm. "Was ist los, wieso hältst du an? Dein Haus ist doch gleich da vorn", sagte sie unschuldig und betrachtete ihn.

Ace war so nervös. Er war schrecklich aufgeregt und sein Herz pochte heftig in seiner Brust, doch jetzt war der perfekte Augenblick. Keine Menschenseele war zu entdecken. Sie waren allein, sie stand vor ihm, blickte ihn an. Fragend, doch jetzt plötzlich war sie sich ganz sicher, dass sie tatsächlich verstand. Stumm wartete sie darauf, dass er etwas sagte, denn es dauerte eine Weile, die auch ihr Herz zum rasen brachte.

"Reiju", sagte er dann endlich. "Ich muss dir etwas sagen."

"Okay", sagte Reiju vorsichtig und trat wieder einen Schritt auf Ace zu. Zwischen ihnen lag nun noch immer ein weiter Meter, doch sie fürchtete die Spannung unerträglich, wenn sie näher heranträte. "Was ist los?"

Ace schluckte. Sein Hals fühlte sich plötzlich ganz trocken an, sein Kopf wie leer gefegt. Was hatte er ihr noch mal sagen wollen? Aufgebracht schloss er die Augen und öffnete sie wieder. Er musste wieder zu sich kommen.

"Du kannst mir alles sagen", beteuerte sie vorsichtig und ihre Stimme war ruhig. Ace nickte. "Ich weiß", begann er dann endlich. Er atmete tief ein und wieder aus. Dann richtete er seinen Oberkörper auf, ballte seine Hände zu Fäusten und kniff angestrengt seine Augen zusammen. "Reiju, ich empfinde was für dich!", rief er dann und sah ihr nur ganz zaghaft wieder in das Gesicht. Sein Herzschlag beruhigte sich nicht doch er sprach jetzt leiser. "Und damit meine ich nicht, dass ich dich mag weil wir gut befreundet sind. Ich empfinde etwas sehr viel stärkeres für dich. Etwas warmes und auch schmerzhaftes. Ich möchte es nicht beim Namen nennen, aber es ist da." Er hatte es ausgesprochen. Endlich, doch das war noch nicht alles, was ihm auf dem Herzen brannte.

"Ace...", raunte sie ganz zart und ihr Gesicht war für ihn gerade ein völliges Rätsel. Er wusste nicht was es ihm sagen sollte, doch er musste jetzt einfach weiter das aussprechen, was er ihr unbedingt mitteilen wollte.

"Egal was du jetzt sagen willst, ich werde es nicht bereuen. Ich fühle mich so sehr zu dir hingezogen, aber bin auch so verunsichert, weil wir uns noch gar nicht wirklich kennen. Du hast mir damals aus heiterem Himmel beigestanden, als ich am meisten jemanden gebraucht habe und tust es noch immer." Er beobachtete weiter ihren Blick, doch er schien unlesbar. Langsam ließ er seine Gedanken zum Ende kommen. "Ich kann noch nicht ganz definieren was ich genau für dich empfinde, aber es ist da und es ist stark."

Still beobachtete er sie. Reijus Gedanken überschlugen sich, dennoch wusste sie gerade ganz genau, was sie darauf erwidern wollte. Sie war diese Gedanken schon unzählige Male durchgegangen. Hatte gerade nicht zum ersten mal daran gedacht. Ihr Gesicht verzog sich in Zurückhaltung, als sie in ihm die Aufgewecktheit sah. "Ace ich... ich empfinde auch etwas für dich. Die Sehnsucht und die Wärme. Ich... bin nur genau so verunsichert wie du", begann sie vorsichtig und zwang sich dazu seinen Blick unbedingt zu halten. "Wir haben vieles durchlebt ohne uns überhaupt richtig kennen zu lernen und doch fühlt es sich so an als würde ich dich gänzlich kennen. Was ist aber, wenn das hier nur die Nachwirkungen von all dem sind, was passiert ist. Was wenn es dir besser geht und du erkennst, dass ich nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Versteh mich nicht falsch. Ich würde das hier gerade am liebsten nicht sagen, doch ich muss. Ich will dich nicht in etwas hineinziehen, wenn du nicht 100% du selbst sein kannst. Das ist für uns beide nicht fair... oder?"

Ace schluckte. Sein Herzschlag wurde nicht ruhiger, doch er nickte. Seicht ließ er seinen Blick zu Boden sinken.

"Das ist es nicht und ich verstehe wirklich gut was du meinst. Genau davor habe ich auch Angst. Ich habe Angst, dass ich beeinflusst bin von Gedanken, die ich nicht kontrollieren kann. Ich will dir nicht wehtun, deswegen werde ich warten und dann werde ich dir irgendwann hoffentlich das Gleiche noch einmal sagen können."

Er starrte zu Boden. Kein einziger Gedanke regte sich mehr in seinem Kopf. Er wusste nicht was er von diesem Geständnis erwartet hatte, er hatte genau genommen überhaupt nicht daran gedacht wie es danach weiter gehen würde, deswegen durfte er davon eigentlich nicht verletzt sein. Dennoch war er es. Er wusste es war eine reife und vernünftige Entscheidung. Er wusste es war das einzig richtige. Er wusste er hatte noch viel zu sehr Angst davor sie durch unkontrollierte Reaktionen zu verletzen und das war ein eindeutiges Indiz, dass ihre Entscheidung gerade gänzlich richtig war. Dennoch hätte er jetzt am liebsten einfach angefangen zu weinen. Trotzdem sah er auf. Wie musste sie sich fühlen. Er hatte vorher wenigstens gewusst, was geschehen würde.

Reiju atmete auf und ließ ihren Blick nicht von ihm. Dann trat sie auf ihn zu. Sie legte ihre Hand auf seine blasse Wange und hob sein Kinn etwas. Seine tiefschwarzen Augen funkelten. Sie lächelte ihm entgegen.

"Ace, ich... ich werde warten."

Er nickte stumm und lächelte jetzt ebenfalls.

"Soll ich dich noch nach Hause bringen?", fragte er dann und sie ließ ihre Hand sinken. Wieder nahm sie ihren sicheren Meter an Abstand ein. "Nein, das schaff ich schon allein", sagte sie freundlich. "Sicher?"

Ace Stimme war zu seiner eigenen Überraschung wieder weniger wacklig als zuvor. "Ja, ganz sicher. Danke." Sie lächelten sich beide noch ein letztes Mal entgegen, dann ging Ace und sie sah ihm zu, bis er in seiner Haustür verschwand. Allerdings erkannte sie das nur noch vage.

Reiju weinte und ihre Sicht schwamm unter den Tränen. Sie stand noch da, überrascht über sich selbst, dass sie das gerade hatte sagen können und war völlig irritiert. Ace liebte sie, das hatte er gesagt. Aber auch, dass er sich nicht sicher war. Sie bewunderte seine Ehrlichkeit und dennoch tat es weh. Ihre Worte waren die richtigen gewesen und trotzdem wünschte sie sich, sie hätte andere ausgesprochen.

Sie schluchzte, dann machte sie sich auf den Weg.

 

Reiju hatte längst wieder mit dem Weinen aufgehört, doch als sie jetzt vor Surus Haustür stand und klingelte, fing sie plötzlich wieder damit an. Und jede Sekunde mehr, die er brauchte, um die Tür zu öffnen wurden auch die Tränen mehr und mehr.

Als er endlich vor ihr stand weinte sie noch bitterlicher als zuvor. Er stand da in Jogginghose und Sweatshirt und starrte auf sie herunter. Er brauchte einen Moment, um zu reagieren. Noch nie war sie einfach bei ihm aufgetaucht, es war ja auch noch nie nötig gewesen, doch jetzt stand sie da und weinte schwer.

Da nahm er sie endlich in den Arm. Er strich ihr sanft über den Rücken und ließ sie ihre Stirn in seine Brust graben.

"Reiju was ist los? Was ist passiert?", fragte er und vielleicht klang er etwas zu panisch. Es war einfach zu lange her, dass er sie so hatte weinen sehen. Es jagte ihm eine Heidenangst ein.

Vorsichtig löste sie sich aus seiner Berührung und schluchzte laut auf. Er fasste sie am Handgelenk und setzte sie auf der Veranda nieder. Sie hörte nicht auf zu weinen. Ihre Tränen vergingen nicht.

"Ich...", brachte sie heraus, doch ihre Stimme zitterte. Der Anblick war nicht auszuhalten. Suru packte ihre Hand und wartete geduldig bis sie ihre Worte gefunden hatte.

"Ich liebe Ace, Suru." Sie sagte es so sehr unter Tränen, man hatte es beinahe nicht verstehen können. Suru aber verstand jedes Wort klar und deutlich. Matt lächelte er über ihre Tränen hinweg. "Wieso aber weinst du?", fragte er. "Ich weiß nicht ob er mich je wirklich lieben wird."

Dass Reiju um jemanden den sie liebte einmal so sehr weinen würde, hätte Suru sich niemals ausmalen können. Doch es war klar gewesen, dass sie, wenn sie ihren Menschen einmal gefunden hatte, ihn mit allem lieben würde was sie hatte. Sie war ihm ergeben und ihr Körper sehnte sich nach ihm, genau wie ihre Seele. Sie war ein so leidenschaftlicher Mensch und es verzehrte sie, doch diese Eigenschaft würde er ihr niemals nehmen wollen.

"Ich-", begann sie wieder, doch ihre Tränen waren noch viel zu unkontrollierbar. Zitternd atmete sie ein und wieder aus.

"Ich habe Angst, dass es ihn und mich, dass es uns verändern wird."

Suru blickte sie an und sah seine beste Freundin, seinen liebsten Menschen, seine Schwester und seine Partnerin für alles. Reiju war so vieles für ihn und es wurde an der Zeit, dass sie sich zugab, dass sie drei nicht die einzigen waren, denen sie etwas bedeutete. Sie war so gut, tief im Herzen war sie der beste Mensch den er kannte. Sie verdiente die Liebe und sie sollte sich deswegen keine Sorgen machen müssen. Wieder lehnte er sich vor und umarmte sie. Drückte sie fest an seinen Körper und ließ sie nicht los. Er konnte ihren schweren Atem spüren, unter seinen Armen zitterte sie seicht.

"Wenn es das nicht täte wäre es keine Liebe."

 

Ace lag müde in seinem Bett. Die Dunkelheit war längst hereingebrochen und er versuchte zu schlafen, doch es ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

Reiju ging ihm nicht aus dem Kopf.

Hatte er ihr weh getan? Hatte er alles zerstört? Hatte er alles schlimmer gemacht?

Bis jetzt war er sich noch immer nicht sicher, was ihr Blick ihm hatte sagen wollen. Sie wirkte völlig im Reinen und okay damit und doch hatten ihre Lippen bei jedem Wort gebebt. Ihr Gesicht schien ruhig und doch war es verletzt.

Wegen ihm? Oder wegen der gesamten Situation.

"Ahh."

Er schlug seine Hände gegen seine Stirn und atmete schwer ein und wieder aus. Was hatte er nur getan und wie kam er hier wieder raus. Das Gefühl nicht zu wissen wie Reiju am Montag auf ihn reagieren würde fraß ihn auf. Am liebsten hätte er ihr jetzt sofort einen ellenlangen Text geschrieben, nachgefragt und sich entschuldigt, aber das durfte er nicht tun. Sich zu entschuldigen war nicht die Wahrheit, denn er hatte jedes Wort genau so gemeint wie er es gesagt hatte. Und sie nach Details zu fragen wäre viel zu dreist.

Wieder entwich ihm ein schmerzliches Stöhnen. Montag sollte schnell kommen, damit er den ersten unangenehmen und unvorhersehbaren Blick hinter sich bringen konnte. Danach würde er dann wenigstens wissen woran er war.

 

Als die Schulglocke ertönte saß Ace gerade mal seit wenigen Sekunden auf seinem Platz. Er war am ersten Tag beinahe zu spät gekommen und hatte so die erste Konfrontation mit Reiju vermieden, auch wenn es ungewollt gewesen war. Dazu wurde die Sitzordnung von ihrem Lehrer über die Ferien überraschend geändert und so saßen sie nicht einmal mehr nebeneinander. Er konnte ihr zielsicher auf den Hinterkopf starren, während Keita neben ihm grinste. Genau so verlief die erste Unterrichtsstunde.

Als es wieder klingelte packte Reiju beinahe schon im Rekordtempo ihre Sachen zusammen und stand auf. Oder kam es Ace nur so vor, weil er sich gerade zu in Zeitlupe bewegte? Aufgeschreckt schmiss er seinen Kram in die Tasche und hechtete Reiju und Keita hinterher. Er durfte diese erste Begegnung nicht versauen, dachte er sich immer wieder und fasste beiden auf die Schultern. "Hey, wieso beeilt ihr euch denn so?", fragte er und versuche völlig normal zu lächeln, als sie sich zu ihm umdrehten. "Tun wir nicht, aber du schienst in Gedanken versunken, also wollten wir draußen warten", sagte Keita gelassen und sah Ace verwundert an. Überrascht erwiderte Ace den Blick, fing sich aber schnell wieder und lachte auf. "Oh, entschuldigt." Reiju stand still vor ihm. Ace wäre bei ihrem Anblick am liebsten sofort im Boden versunken. Es machte ihn unfassbar nervös, dass sie nichts sagte. Doch dann fiel ihm ein, dass sie wahrscheinlich auch sonst nichts erwidert hätte und ließ erschöpft die Schultern sinken. Nicht zu wissen was sie dachte machte ihn wahnsinnig.

"Du warst heute morgen fast zu spät. Ist alles in Ordnung?"

Ace sah sofort wieder zu den beiden hoch. Reiju hatte die Frage gestellt und blickte ihm aufmerksam an. Ace atmete auf.

"Ja, ich habe nur verschlafen."

Jetzt zu sagen, dass er nicht hatte schlafen können wäre zu offensichtlich gewesen. Sie sollte sich nicht fragen müssen, ob es wohl wegen gestern gewesen war. Er hoffte sowieso schon, sie machte sich keine Schuldgefühle wegen irgendwas. Wenn das jemand tun sollte, dann ja wohl er selbst. "Dann ist ja gut", sagte sie und lächelte zart. Sie war nicht sie selbst, aber sie versuchte es und dafür war er ihr unendlich dankbar.

Zusammen gingen raus auf den Schulhof und trafen sich mit den anderen. In der Gruppe, so hoffte Ace zumindest, wäre es weniger auffällig wie seltsam es zwischen ihnen gerade war.

"Hm... die Schule also", begann Keita als sie es sich in der Pause auf der Wiese gemütlich gemacht hatten. Er ließ sich, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, in das warme Gras fallen und schloss die Augen.

"Jap", antworte Junko.

"Schulanfang, Sportfest, Neujahr. Darauf ziele ich erst Mal", entgegnete Keita wieder. Jeder nickte, doch Junko tat es nicht.

"Vergiss deinen Klavierwettbewerb nicht", sagte sie und ließ es zwischen ihnen einfach im Raum stehen als wäre es gar nichts. Keita öffnete schockiert ein Auge unter der grellen Sonne und starrte sie an. Die anderen aber starrten auf ihn.

"Du hast dich also doch angemeldet?", fragte Suru und sah wieder von ihm fort. Auf ihm lagen gerade genug Augenpaare. Keita nickte zögerlich. "Ja", sagte er nur und schloss sein Auge wieder. "Ich werde in einer Woche bei diesem Wettbewerb spielen."

Ace sah Keita an, blickte dann aber einmal durch die Runde. Reiju beobachtete wie sich Keita langsam wieder aufrichtete, dann wanderte auch ihr Blick. Als sich ihre beider Augen trafen, wirkte sie einen Moment aufgeschreckt, dann wanderten ihre weiter. So lief es jetzt wohl erst mal zwischen ihnen. Von der Art wie sie mit ihm sprach hatte er nicht das Gefühl, dass etwas zwischen ihnen stand, doch ihre Blicke verrieten sie. Wahrscheinlich musste er ihnen jetzt nur etwas Zeit geben. Er wusste, dass das was er getan hatte nichts Kleines gewesen war. Er bereute es nicht und dennoch spürte er, dass er jetzt nichts anderes tun konnte als die Konsequenzen auszubaden. Von Reiju wagte er es nicht etwas zu verlangen. Sie würde von ihm jede Zeit bekommen, die sie brauchte, um zur Normalität zurück kehren zu können, das war er ihnen allen schuldig.

Etwas erfreut war er deswegen, dass sich ihre Gespräche jetzt nicht um sie drehten. Keita und der Klavierwettbewerb blieb in ihrer aller Munde und auch Gedanken. Auch wenn er sich schrecklich deshalb fühlte ein wenig Erleichterung zu spüren eine Ablenkung für ihn und Reiju gefunden zu haben, war er dennoch froh die gesamte nächste Woche nicht mehr über Unannehmlichkeiten mit ihr nachdenken zu müssen und sich um Keita kümmern zu können.

Das hatte er zumindest gehofft. Junko sprach zwar die vollen fünf Tage über nichts anderes als Keitas Wettbewerb, Keita selbst aber hatte nur wenig dazu zu sagen. Er wollte die ganze Woche lang nicht darüber reden und treffen wollte er sich ebenfalls nicht. Er hatte sich fest in den Kopf gesetzt die letzten verbliebenen Tage weiterhin allein in seinem Haus für den Wettbewerb zu üben. Ihnen allen waren die Hände gebunden, was Keita anging. Er wollte nicht sprechen, also ließen sie ihn Stunde um Stunde allein in seinem Haus, in dem kleinen Zimmer am Flügel sitzen und Klavier spielen. Tag ein, Tag aus, bis es endlich so weit war.

 

Am Vorabend zum großen Tag machte sich Junko noch einmal auf Keita zu besuchen.

Sie alle hatten es die Woche versucht, hatten versucht ihn nach der Schule zu erwischen, doch er war immer sofort weg und machte zu Hause niemandem die Türe auf.

Besorgt stellte sie einen Fuß vor den anderen und war fest entschlossen ihn heute dazu zu bringen endlich diese verdammte Haustür zu öffnen.

Als sie um die Ecke bog und sein Haus nur noch wenige Schritte entfernt war hörte sie plötzliches seichtes Klavierspielen.

Ein Ton nach dem anderen entsandte das Klavier und gelangte sanft an ihr Ohr.

Es war unverkennbar Keitas Art zu spielen. Es war "Rêverie" von Debussy. Sie kannte es da es ebenfalls auf der Liste für den Wettbewerb stand. Keita übte.

Je näher sie dem Haus kam, desto lauter und intensiver wurde das Spielen. Es erfüllte die ganze Nachbarschaft. Durch das papierne Shojin vor dem Fenster konnte sie seinen schatten sehen. Sie sah den schwarzen Umriss des riesigen Klaviers, sah Keitas Silhouette auf dem keinen Schemel, seine Finger auf den Tasten. Das leichte Wogen seines Körpers. Sie wollte plötzlich nicht mehr bei ihm klingeln, wollte das Spielen nicht unterbrechen. Ihn so zu sehen war jedes mal unfassbar.

Junko wartete einen Moment bis Keitas Stück langsam ausdünnte und wieder leiser wurde. Erst dann drückte sie auf die Klingel.

Es dauerte eine Weile. Sie klingelte schon ein zweites Mal, doch da ging die Tür auf.

"Junko." Er schien überrascht. Er wirkte fit, nicht müde und gut ernährt. Sie sah ihn doch jeden Tag in der Schule, was also hatte sie anderes erwartet? Das ganze Setting aber gab ihr ein mulmiges Gefühl.

"Hallo, Keita." Sie lächelte. "Darf ich rein kommen?"

"Sicher." Er war etwas irritiert. Keita hatte sie hier nicht erwartet, auch wenn er sie schon noch am meisten erwartete hatte von den fünf.

"Ist irgendwas passiert?", fragte er. Er wirkte... normal, wie immer. Als ginge es ihm gut.

Junko wusste nicht wieso es sie so wunderte. Sie hatte Keita irgendwie am Ende erwartet.

"Nein, nein. Ich wollte nur nach dir sehen. Ich hab Snacks mitgebracht." Sie hielt eine kleine Papiertüte in die Höhe. "Hast du kurz Zeit?"

Er nickte und führte sie in das Wohnzimmer.

"Ich hab dich spielen gehört. Du probst also?", fragte sie, als sie sich auf dem Sofa niederließ und die Senbei aus der Tüte hervorholte. Keita brachte Teller und etwas zu trinken, dann setzte auch er sich.

"Natürlich, ich werde Morgen ja auch spielen. Das hatte ich doch gesagt."

"Ich weiß, ich weiß", sagte sie und beachtete das Essen kein bisschen mehr. Keita dagegen griff zu. "Die sind echt gut", sagte er mit vollem Mund und lächelte.

"Ich dachte nur, vielleicht ist dir nicht nach Proben zu Mute."

"Wieso nicht?" Er setzte das Senbei auf seinem Teller ab und wischte sich die Krümel aus den Mundwinkeln. Er blickte sie an. Sie wirkte besorgt.

"Fällt es dir wirklich so leicht am Wochenende spielen zu wollen?"

Keita seufzte. Er hatte gehofft kein ernstes Gespräch mit ihr führen zu müssen, aber vielleicht war er ein wenig zu selbstbezogen gewesen. Sie machte sich Sorgen.

"Es geht mir gut", sagte er und stellte seinen Teller nieder auf den Couchtisch. Junko rieb ihre Hände aneinander.

"Du verschanzt dich jetzt schon die ganze Woche allein in diesem Haus-"

"Junko", er räusperte sich und sah sie an. Sie erwiderte seinen Blick. "Es tut mir leid, aber ich probe, mehr nicht. Ich brauchte einfach nur Zeit für mich selbst. Zeit, um mich darauf zu konzentrieren. Ich will es richtig machen, wenn ich schon antrete. Auch wenn ich niemals gut genug würde, will ich es wenigstens probiert haben."

"Okay." Erleichtert nickte sie. Mehr hatte Junko nicht gebraucht. Sie hatte nur gewollt, dass er endlich etwas sagte und das was er sagte verstand sie sehr gut.

"Okay?", fragte er perplex zurück.

"Okay. Nimm dir die Zeit für dich die du brauchst."

Er lächelte.

"Danke."

Dann nahm er seinen Teller wieder an sich und biss in den fluffigen Teig hinein.

"Hast du Angst?", fragte sie in den Raum hinein. Er dachte nicht nach, er musste nicken.

"Ja, aber nicht vor dem Spielen. Ich habe irgendwie Angst davor was ich auf der Bühne fühlen könnte."

"Was könntest du denn fühlen?"

Wieder stellte er den Teller weg und starrte jetzt nieder auf seine leeren Hände.

"Dass ich es nicht liebe. Ich habe Angst zu verstehen, dass es mir keinen Spaß macht. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie sowas ist es."

"Du hast Angst davor wie deine Zukunft aussehen könnte?"

"Das auch, aber vor allem davor zu erfahren wer ich eigentlich bin. Was ich kann oder mag. Was von mir kommt und was nur von meinen Eltern."

"Wenn du morgen spielst und du erfährst all das, dann kennst du wenigstens sie Wahrheit. Wäre das nicht besser als ewige Unwissenheit und Sorge?"

"Ja, wahrscheinlich."

"Du schafft das Keita und ich bin mir sogar sicher, dass du auch richtig gut sein wirst."

Jetzt lächelte sie und er tat es auch. Endlich griff auch sie nach ihrem Gebäck und ließ es sich schmecken, ohne aber ihren Blick von ihm zu lösen.

"Junko?"

"Hm?" Ihr Mund war gefüllt von süßem Teig.

"Willst du Rêverie einmal richtig hören?", fragte er und beobachtete wie sie schluckte. Dann nickte sie wild. "Nichts lieber als das."

Sein Kopf war leer, dachte nicht nach, dachte nicht an das was seine Hände gerade taten und es zeigte sich in seiner Art zu spielen. Er war aus dem Takt, spielte unsauber. Die Töne kamen erzwungen aus dem Korpus des großen, dunklen Konzertflügels. Doch es war ihm egal. Er spielte kopflos unter den heißen Scheinwerfern dieser riesigen Bühne und es interessierte ihn absolut nicht wie die Jury ihn bewerten würde.

Als der Flügel dann endlich verstummte, seine Hände sich nicht mehr bewegten, die Tasten still standen, wartete er noch einen kurzen Moment, bis der Applaus begann. Er hörte seine Freunde rufen. Erst dann stand er auf und entfernte sich zwei Schritte von dem Instrument.

Keita blickte in das weite Dunkel der Zuschauerschaft, richtete sein Jackett und verbeugte sich. Dann ging er.

Noch hinter dem Vorhang hörte er leise das heuchlerische Applaudieren derer, die sich freuten, dass die Kandidaten dieses Wettbewerbs nun einen Rivalen weniger hatten. Doch selbst das war Keita egal. Er drehte sich nicht noch einmal um. Er nickte dankend einem seiner Mitstreitern entgegen, als ihm jemand zum Auftritt gratulierte, doch stehen blieb er dabei nicht. Seine Beine waren flink und suchten ihren eigenen Weg. Keita verließ den Bühnenbereich, schritt den Flur entlang und stieg zwei Etagen die Treppen hinab. Dort fand er eine Toilette und betrat sie.

Es war so angenehm still hier unten. Weder lautes Gerede noch auch nur ein quälender Ton eines Klaviers. Ruhe.

Langsam ging er einige Schritte. Schaute kurz in den Spiegel und betrat endlich die aller letzte Kabine im Raum. Dort setzte er sich auf den Toilettendeckel und fing zu weinen an.

Sein Haar fiel ihm über das Gesicht während die Tränen unkontrollierbar seine Wangen runterrannen. Er ließ es geschehen und bewegte sich nicht weiter. Sein Körper folgte nur ungehindert den Bewegungen des Klagens.

 

Die schwere Tür entglitt seiner Hand als er das Bad betrat und fiel mit einem wuchtigen Schlag zurück in ihr Schloss. Er erschrak und sprang einen Satz bei Seite. Als er jetzt genau in den Spiegel sehen konnte, musste er über seinen eigenen Gesichtsausdruck lachen. Leise kicherte er, während er an das Waschbecken trat und begann sich die Hände zu waschen.

Da vernahm er ein leises Schluchzen. Verwundert stellte er das Wasser wieder ab und trocknete sich die Hände gleichgültig an seiner Anzughose. Still strich er sich sein Haar hinters Ohr und horchte. Schnell konnte er die letzte Kabine als Quelle für das Wimmern ausmachen und trat vorsichtig an die Tür heran. Er sah den Schatten einer Person unter ihr herausschauen. Zaghaft klopfte er.

"Ist alles okay da drin?" Es kam keine Reaktion. Nur ein diesmal angestrengt zurückgehaltenes Schluchzen entkam dem Menschen hinter der dünnen Kabinentür.

"Wenn du reden möchtest, kannst du gern heraus kommen", sprach er weiter. Immer noch Stille. "Hm", machte er angestrengt und zuckte dann mit den Schultern. Es war unnütz, da es die Person hinter der Tür nicht sehen konnte, aber er unterstrich damit seine nächste Aussage. "Okay, war ohnehin nur ein Scherz."

Keita wusste nicht wieso, doch bei den Worten stand er plötzlich auf und entriegelte die Tür.

Verwundert trat die Person davor bei Seite und betrachtete wie ein für ihn fremder Mensch heraustrat. Seicht lachte Keita auf, dann wischte er sich mit beiden Händen über das Gesicht. Der Junge vor ihm starrte ihn an, doch lachte, als er es tat.

"Ist alles gut bei dir?", fragte er dann erneut.

Keita nickte nur.

"Klar, so sieht du ja auch aus." Der Junge lachte herzhaft und beobachtete wie Keitas Blick erst düster doch dann irgendwie befreit wirkte.

"Ich kenne dich doch", sagte er dann. "Du bist Teilnehmer an dem Wettbewerb oder?"

Der Junge nickte. "Ich bin Kai. Mikase Kai."

"Was machst du dann hier unten?", fragte Keita weiter.

"Also eigentlich ist eher die Frage was du hier unten tust, denn das ist meine Toilette, weißt du. Ich nehme an diesen Wettbewerben teil seit ich sieben bin, mehr oder minder erfolgreich. Dafür hab ich über die Jahre aber diesen Ort für mich entdeckt. Ich war hier seit zehn Jahren immer allein. Bis du kamst." Etwas beschämt ließ Keita es zu, dass sich sein Pony wieder auf seinen Augen nieder legte. "Ich schätze du kannst dir denken, wieso ich erst zwei Etagen hinabgestiegen bin, um auf Toilette zu gehen." Zwischen seinen Haaren sah er Kai dennoch an. Er lachte. "Gut, das stimmt. Ausnahmsweise erlaube ich dir den Aufenthalt hier. Außerdem… ich hab dich doch erst vorhin spielen gehört, oder? Es war echt gut."

"Lüge", antwortete Keita nur und strich sich jetzt die Haare beiseite. "Dein Spielen, das war echt gut. Es war fantastisch."

Plötzlich beäugte Kai ihn skeptisch. Musterte ihn, scannte jeden Millimeter seines Körpers und seiner Mimik. "Ich glaube du bist kein Mensch, der sich wegen einer angeblich schlechten Performance in einer Klokabine einsperrt." Verwundert legte Keita den Kopf schräg. "Meine Performance heute ist mir ziemlich egal." Kai nickte. "Dachte ich mir. Obwohl sie dennoch ziemlich gut war." Keita blieb stumm. Er hatte ihm nicht viel zu erwidern. "Ich kann schon verstehen, wieso du hier gelandet bist. Es ist ruhig hier." Kai drehte sich zum Waschbecken und fuhr endlich damit fort, seine Hände zu waschen. "Man hört nichts. Hat endlich eine Pause von dem andauernden Geklimper dort oben. Du kannst mir glauben, du bist nicht der Erste, der in einer dieser Kabinen allein sein wollte. Du brauchst dich für gar nichts zu schämen." Durch den Spiegel sah Kai ihn an. Er lächelte und seine Reflexion erreichte Keita. Er erwiderte es. "Danke", raunte er. "Für was denn?" Sie lächelten sich noch einmal entgegen, dann sprach Kai weiter. "Ich werde dann mal wieder nach oben gehen. Die Konkurrenz auschecken oder sowas in der Art." Kai trocknete sich erneut die Hände an der Hose und drehte sich noch einmal zu Keita. Er nickte verabschiedend und störte sich nicht daran, dass sein Gegenüber keinerlei Reaktion zeigte. Dann wandte er sich zur Tür und schob sie auf, als Keita plötzlich seinen Namen rief.

 

Zusammen holten sie sich etwas zu Essen und setzten sich im Foyer auf die Stufen. Hier oben hörten sie wieder das Klavierspiel der Teilnehmer. Immer und immer wieder erfüllte das gleiche Stück ihr Trommelfell, doch sie hatten sich auch nicht weiter nach unten setzten wollen, da dort im Flur kein Licht brannte, also nahmen sie es in Kauf.

Still kaute Keita auf dem Chip herum, den er sich in den Mund geschoben hatte. Die Chipstüte knisterte laut, als Kai hineingriff.

"Magst du grünen Tee? Ich hab mir diesen Saft geholt, aber irgendwie schmeckt er schrecklich", fragte Kai und schob Keita die kleine grüne Flasche entgegen, doch er reagierte nicht. Er hatte die Beine angezogen und sah ins Leere. Kai nahm es hin, ließ die Flasche stehen wo sie war und griff einfach nur erneut in die Tüte. Sie knisterte vor sich hin und verstummte wieder.

"Sag mal", begann Keita plötzlich und ignorierte Kais Frage von vorhin. "Du hast eben im Bad gesagt, du würdest an diesen Wettbewerben teilnehmen seit du sieben bist." Kai nickte und wischte sich ein paar Krümel aus den Mundwinkeln. "Ja, was ist damit?"

"Kann es sein, dass du bei dem Wettbewerb vor ziemlich genau zehn Jahren schon hier gespielt hast?" Kai legte den Kopf in den Nacken und überlegte. "Hm", machte er. Keita schluckte. "Und der, bei dem ein Junge niemals aufgetaucht war und disqualifiziert wurde?"

Da machte es Klick in Kais Hirn. "Ja richtig! Der Wunderjunge, welcher Clair de Lune spielen wollte. Ich erinnere mich. Hab' mich immer gefragt, weshalb er nicht gekommen ist." "Wunderjunge?", fragte Keita ungläubig. Kai musste lachen und nahm sich seine Flasche wieder. Er nickte, nahm einen Schluck, verzog vor Ekel das Gesicht und stellte sie wieder zurück vor Keitas Füße. "Zumindest habe ich ihn damals so genannt. Ich war so schrecklich eingeschüchtert davon gewesen, dass jemand dieses Stück gegen mich spielen wollte. Gegen mich, der gerade mal Little Brown Jug spielen konnte. Er war der Grund, weshalb ich damals das aller erste mal auf dem Klo unten geweint habe." Er lachte laut und schüttelte den Kopf. "Ich wollte ewig nicht rauskommen, mein Vater musste immer weiter auf mich einreden, damit ich den Mut fand dennoch aufzutreten. Und dann ist dieser Junge nicht einmal aufgetaucht."

Keita senkte seinen Kopf wieder und legte ihn auf seine Knie. "Entschuldige", murmelte er.

"Was? Was ist denn plötzlich wieder los mit dir?", fragte er und sah auf Keita herunter. Er kauerte sich zusammen und sah nicht auf. "Ich war der Junge", sagte er ruhig. "Es tut mir leid, dass du wegen mir geweint hast."

"Du warst der Wunderjunge?" Kais Stimme erhob sich. Er klang verwundert, doch er grinste. "Du warst der Wunderjunge", wiederholte er leise. Dann legte er Keita den Arm um die Schultern. "Wieso versteckst du dich denn jetzt so vor mir? Entschuldige dich nicht, komm schon." Kai lachte und rüttelte an Keita. So lange, bis er sich endlich wieder aufrecht hinsetzte und zu ihm rüber sah.

"Du hättest dieses Stück damals wirklich spielen können?", fragte er mit glänzenden Augen. Keita nickte. "Es ist bis heute das einzige, das ich wirklich spielen kann. Ich bin heute nur hier, weil es das Pflichtstück ist, um den Auftritt von damals nachzuholen." "Wow. Da schnellt mein Puls ganz schön in die Höhe muss ich sagen. Dass ich noch mal gegen den Wunderjungen spielen würde... ich hatte immer darauf gehofft irgendwie." "Was meinst du?" "Damals als ich auf die Bühne getreten war und mit zitternden Händen eine absolut miserable Show hingelegt hatte, hatte ich noch auf der Bühne den Wunsch an das Universum geäußert, dass ich irgendwann mal gegen den Wunderjungen spielen und gewinnen wollte. Ich war mir ganz sicher gewesen, dass du den ersten Platz holen würdest, was natürlich irgendwie absurd war, ich hatte dich ja nie spielen gehört, aber irgendwie hatte ich dich als jemand ganz besonderen in meinem Kopf platziert. Als ich dann erfahren habe, dass du nicht aufgetaucht bist, war meine Motivation dich zu übertreffen nur noch größer. Zu trainieren und dann vielleicht nächstes oder übernächstes Mal ebenbürtig gegen dich antreten zu können." Kai ließ nostalgisch seinen Blick über die Stufen wandern. Still horchte Keita nur seinen Worten. "Ich habe immer hart trainiert und konnte damit jeden Wettbewerb an dem ich teilgenommen hatte gewinnen bis ich dreizehn war." "Was ist danach passiert?", fragte Keita. Kai sah zu ihm und freute sich zu sehen, dass er interessiert zu zuhören schien. Doch dann zuckte er mit den Schultern.

"Das worauf ich gewartet hatte war nie eingetreten. Dann bin ich dreizehn geworden, kam in die Pubertät und hatte einfach keine Lust mehr. Ich habe immer weiter gespielt, weil ich nie aufgehört habe es zu lieben, aber Wettbewerbe waren wohl nichts mehr für mich. Heute bin ich eigentlich nur hier, weil Clair de Lune das Pflichtstück ist. Also aus dem selben Grund wie du." Er grinste und strahlte Keita entgegen. Doch dieser sah ihn nur an. Irgendwie traurig und verlassen. "Aber du liebst es doch noch oder?", fragte er zaghaft. "Zu spielen?" Kai lachte und nickte wild. "Sicher, auch Wettbewerbe liebe ich noch immer. Liebst du es denn?" Keita schüttelte den Kopf. "Eigentlich nicht. Es macht Spaß zu spielen, das war's dann aber auch." "Dann solltest du hiermit wohl aufhören, wenn das hier vorbei ist." Keita hielt einen Moment inne. Kai hatte recht.

"Ja, das werde ich. Aber du solltest weiter machen." "Weiter machen?" "Du wirst das hier heute gewinnen, das ist dir doch klar oder?" Endlich lächelte Keita wieder. "Wenn du hiernach, nachdem du endlich den Wunderjungen besiegt hast, nicht weiter machst, dann belügst du dich doch selbst."

"Ganz schön große Worte für jemanden, der den Titel Wunderjungen anscheinend gar nicht verdient hat." Keita lachte jetzt auf. Es war aufrichtig. "Ich meine es ernst. Wenn ich damals der Grund dafür war, dass du mit dem spielen aufgehört hast, dann lass mich auch einer der Gründe sein, weshalb du wieder anfängst. Geh raus aus dieser öden Kleinstadt, in der immer wieder nur die selben acht durchschnittlichen Kinder an den Wettbewerben teilnehmen. Finde deinen Ruhm in den großen Städten dieser Welt." "Wirklich große Worte. Äußerst große Worte… ich weiß aber nicht ob ich auf dich hören sollte." Enttäuscht sah Keita ihm ins Gesicht. Kai unterdrückte ein Lachen. "Auf jemanden zu hören, der auf einem Klo alleine weint… ich weiß ja nicht." Jetzt lachte er und Keita tat es auch. "Hör auf damit." Er stieß ihm mit der Faust gegen den Oberarm und seufzte.

"Danke", sagte Kai doch. "Es war immer mein Traum gewesen, aber ich weiß auch nicht. Wenn man nur einmal aufhört darüber nachzudenken vergehen etliche Jahre und plötzlich ist deine Zeit schon fast wieder um."

"Du bist siebzehn!", rief Keita lachend. "Red nicht als wärst du sechzig. Außerdem hast du gesagt, du hast nie aufgehört zu spielen. Du hast also keine Zeit verloren."

"Vielleicht hast du recht. Vielleicht aber auch nicht. Wir werden sehen." Er lachte. "Und was ist es bei dir? Wenn es nicht das Klavierspielen ist, was hat stattdessen dein Herz erobert?"

Keita sah ihn kurz an, er musste keine Sekunde überlegen. "Ich zeichne", sagte er.

"Wirklich? Wie cool!" Er griff in seinen Rucksack und holte einen Kugelschreiber und Post Its hervor. "Zeichne uns beide. Wir zwei in genau diesem Moment. Komm schon, na los."

Zögerlich griff Keita nach den Utensilien. "Du weißt schon, dass du mit dieser Aktion jedes Klischee von Menschen erfüllst, welches Künstler hassen." Lachend zuckte er mit den Schultern. "Mir egal, na los. Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zu deinem Auftritt." Er grinste breit während Keita lachend damit begann sie beide abzubilden.

 

Als er nur wenig später auf die Bühne trat spürte er, dass es nun endlich zu Ende ging. Dieser Abschnitt seines Lebens würde endgültig vorüber gehen.

Kai hatte recht gehabt. Wenn das ständige Üben, das Auftreten, der Druck, wenn ihn all das nicht erfüllte sollte er ganz einfach aufhören. Er hatte immer gedacht, dass er das Klavier spielen doch so sehr liebte, es aber nicht tat, weil seine Mutter es ihm zerstört hatte. Doch wenn er einmal ganz nüchtern darüber nachdachte, hatten seine Eltern eigentlich überhaupt nichts damit zu tun gehabt. Er spürte schlichtweg nicht die Leidenschaft dafür, das war alles. Er hatte Angst davor gehabt, was er auf der Bühne spüren würde, doch eigentlich hatte er nur Angst davor gehabt endlich zu kapieren, dass das Klavierspielen nie ihm selbst gegolten hatte, sondern immer nur seinen Eltern. All die Jahre hatte er es sich so kompliziert gemacht, daran festgehalten, die Schuld abgewiesen und einen klaren Gedanken darüber gemieden. Dabei war es doch eigentlich so einfach. Er musste einfach nur loslassen. Kai hatte recht. Er sollte nach all dem hier einfach aufhören.

Keita blickte nicht in die Zuschauerschaft als er den Flügel vor ihm ansteuerte. Der schwarz glänzende Steinway schien ihn warm willkommen zu heißen, als er sich auf den Schemel setzte und seine Finger auf die ersten Tasten legte.

Es wurde ganz ruhig. Jetzt wartete jeder nur noch auf ihn.

Als er zu spielen begann wurde ihm immer mehr und mehr bewusst, dass er es nicht liebte. Seine Mutter hatte ihm nichts genommen, sie hatte ihn höchstens in etwas hinein gedrängt was er nicht tun und auch nicht sein wollte. Er hatte sich mit dem Klavierspielen immer nur ihre Gunst erspielen wollen, doch das war nicht mehr wichtig. Wenn dieses Stück vorbei ging war es damit endgültig vorbei.

Keita spielte und dachte nach, doch dieses Mal beeinflusste es das Stück nicht. Er spielte im Takt, mit Gefühl und Persönlichkeit. Er spielte perfekt, das wusste er. Doch auch das war ihm jetzt egal.

Wenn ihn nach heute einmal jemand fragen sollte, ob er nicht etwas spielen wollte, würde er spielen. Er würde mit Freuden Clair de Lune spielen, denn dieses Stück beherrschte er blind und darauf war er stolz, es steckten Unmengen an Arbeit darin. Doch mit Freuden würde er auch wieder aufhören und es für Jahre bei Seite stellen, ohne es zu vermissen. Ja, er akzeptierte es als Teil von ihm, doch endlich, und das war das Wichtigste, konnte er sich ganz einfach und ohne Probleme davon lösen.

Er dachte an Kai und dass er ihm dankte. Er dachte daran wie sehr er sich für ihn wünschte, dass er Pianst werden konnte.

Kai dagegen dachte an Keita. Er saß unter den Zuschauern und lauschte ehrfurchtsvoll Keitas Tastenspiel. Er hatte ihn nicht gefragt gehabt, weshalb er damals nicht aufgetaucht war und tat es auch nie. Er hatte irgendwie das Gefühl gehabt es schon längst gewusst zu haben und aller spätestens als er Keitas Auftritt von Clair den Lune hörte, war er sich sicher. Er musste es nicht mit Worten hören. Diese Art zu spielen, das wusste er, kam von tiefen Gefühlen, mit denen nur Keita selbst Umgang zu haben brauchte und die nach diesem Auftritt, das hoffte Kai wirklich sehr, für immer der Vergangenheit angehören würden. Keitas Version von Clair de Lune war mitreißend und beendete für ihn sein Leben als Pianist.

Das Schlimmste an der vergangenen Woche, nein, an der gesamten immer noch andauernden Situation war, dass Reiju und Ace sich genau vor seinem Geständnis so nah gewesen waren wie noch nie. Sie waren so eng miteinander geworden, hatten über alles sprechen können, waren immer mehr zusammen gewachsen. Sie hatten sich eine Beziehung aufgebaut, die ihn dazu gedrängt hatte die Wahrheit zu sagen. Und jetzt… sollte zwischen ihnen einfach gar nichts mehr sein? Sie sahen sich, sprachen, lachten und dennoch lebten sie nicht beieinander. Sie lebten in anderen Welten, lebten aneinander vorbei. Nahmen sich gegenseitig gar nicht wahr. Es gab Momente in denen Ace es beinahe bereute so ehrlich gewesen zu sein oder es zumindest bereute so früh die Wahrheit gesagt zu haben. Er war sich nicht mehr sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen war mit so vagen Worten zu Reiju zu sprechen, ihr etwas zu gestehen, was nicht in trockenen Tüchern lag. Doch eine Sache erinnerte ihn immer wieder daran, dass es für ihn einfach keine andere Lösung gegeben hatte. Für ihn war dies der einzige Weg gewesen, denn seine Gefühle für sie waren nicht verschwunden. Sie blühten und wucherten wild und kräftig, genau wie Löwenzahn auf schwerem Boden.

 

Nachdem sie den gesamten Tag umgeben von Flügeln und Pianisten verbracht hatten, nachdem sie Stunden nichts anderes gehört hatten als die sanften Töne des Steinway und nachdem sie Keita auch nicht nur ein einziges Mal gesehen hatten, den ganzen Tag über nicht, kamen sie nun endlich wieder beisammen. Und trotz der gefühlt ewigen Trennung und dem währenden Schweigen unter den Noten des Flügels war es still zwischen ihnen allen Sechs.

So fuhren sie zurück in ihren Ort und auch so betraten sie Keitas Haus, vollgepackt mit Rucksäcken und Taschen, und tauschten nur seichte Blicke miteinander.

"Und Keita… du willst wirklich nicht darüber sprechen?", fragte Junko endlich. Sie alle waren nun im Wohnzimmer versammelt und saßen, noch immer stillschweigend, auf dem Sofa. Der Tisch in ihrer Mitte war reich gefüllt mit Curry von Izayas Mutter, Süßigkeiten und Softdrinks. Sie alle waren ausgestattet mit Kissen und Decken und der Fernseher zeigte ein altes Drama aus den 80ern. Es war das perfekte Setting für einen ruhigen gemeinsamem Abend. Dennoch schien niemand wirklich etwas zu sagen zu haben.

Doch anstatt sich jetzt wie all die Wochen zuvor wieder weg zu drehen und Junkos Fragen einfach ins Nichts verlaufen zu lassen, sah Keita ihr in das flehende Gesicht.

"Nein, das will ich wirklich nicht und diesmal nicht, weil es mir einfach zu mühselig und schwer fällt. Diesmal nur, weil es mir wirklich gut geht. Das verspreche ich euch."

Junko zog die Augenbrauen zusammen, doch es klang seltsam aufrichtig. Erleichtert hörte sie ihn weiter sprechen.

"Ich habe mich zwischen meinen Auftritten mit einem anderen Teilnehmer unterhalten", begann er dennoch zu erzählen. Ace stellte die Lautstärke des Fernsehers leiser.

"Wir… hatten ein seltsam langes und ehrliches Gespräch über Wettbewerbe und das Klavierspielen an sich. Er war so voller Liebe für das Ganze. Da ist mir einfach klar geworden, dass ich es nicht bin. Ich will kein Pianist sein, wollte ich nie. Das Spielen hat mir nie all zu viel Spaß gemacht. Mir ist heute erneut durch jemand fremdes Leidenschaft klar geworden, dass ich immer einfach nur zeichnen wollte und das wird mir auf ewig genügen. Das weiß ich jetzt."

Suru nickte und legte ihm seine Hand auf den Oberschenkel. "Wieso hast du dann immer so sehr daran gehangen? Nur wegen deiner Mutter?"

Keita seufzte, doch es war nur ganz zart und kaum hörbar. Er zuckte mit den Schultern und nickte dann. "Ich habe immer versucht ihr näher zu kommen, sie stolz und… glücklich zu machen. Dabei habe ich vergessen, dass sie es vielleicht gar nicht wert sein könnte. Ich habe vergessen daran zu denken, was mich stolz macht… und glücklich und das ist nicht das Pianist sein."

"Das klingt sehr vernünftig. Du hast wirklich Recht, Keita", raunte Suru und lächelte. Sein bester Freund wirkte ein klein wenig mehr im Reinen mit sich selbst.

"Heißt das, dass ich dich zu etwas gedrängt habe, was du niemals sein wolltest?", fragte Junko plötzlich und ihre Stimme klang klein. Sie blickte Keita entgegen und wirkte mit einem Mal so unterwürfig.

"Nein. Ich bin froh, dass ich heute gespielt habe, denn mir ist dadurch einiges klar geworden. Das wäre es nicht, wenn du all das nicht arrangiert hättest."

"Dennoch war ich irgendwie wie deine Mutter und habe dich gedrängt, ohne dich ganz anzuhören. Es hätte genau so gut schief gehen können… entschuldige." Sie hielt seinen Blick nicht mehr. Unsicher zog sie die Beine an und starrte auf ihre Knie. "Es tut mir leid , Keita."

"Junko hör auf", sagte er nur. "Du warst nicht wie meine Mutter. Hättest du mich nicht gedrängt, wär mir so einiges nie klar geworden. Der große Unterschied zwischen dir und ihr ist, dass du mich kennst, dich um mich bemühst und vor allen Dingen, dass du mich liebst. Alles Dinge, die meine Mutter nie gewagt hat." "Ich liebe dich wirklich", raunte sie, während Reiju ihr den Arm um die Schultern legte. Keita lächelte.

"Das tun wir doch alle", sagte Reiju und piekte Junko in die pralle Wange hinein. "Komm schon, sieh doch wie Keita lacht."

Er schmunzelte tatsächlich und das über Junkos viel zu trauriges Gesicht. "Mir. Geht. Es. Gut.", sprach er so deutlich wie möglich und lachte jetzt richtig. Junko nickte stumm.

"Dann bleibt jetzt nur noch eine Frage zu klären", sagte Suru dann und jeder sah ihm erwartungsvoll entgegen. "Welcher von den Teilnehmern war es mit dem du gesprochen hast? War es der mit dem kurzen Topfschnitt?", fragte er plötzlich.

"Er? Niemals. Der hatte nicht ein Stück Gefühl in seiner Art zu spielen", spottete Izaya ihm entgegen und Keita lachte laut auf.

"Ach und du hast ja auch so viel Ahnung von dem Thema", stichelte jetzt Junko, die sich nie eine Gelegenheit entgehen ließ mit ihm oder Keita einen Kampf zu entfachen, selbst nicht dann wenn sie gerade noch betrübten Gedanken nachgeeifert war. Lachend bewarf sie ihn quer über den Couchtisch mit ihren Kissen. Izaya fing es noch gerade so auf und blickte ihr eisern in die Augen. "Ich sage es war der Junge mit den langen blonden Haaren. Der, der so wild wirkte." Keita entkam ein Kichern. Gespannt starrte ihn jeder an.

"Ich schließe mich Izaya an", raunte Reiju und zuckte mit den Schultern als Junko sie mit entsetzten Blicken strafte. Ace sah rüber zu ihr. Sie saß zwischen Junko und Suru und teilte sich eine Decke mit den beiden. Den ganzen Tag über hatte er nicht ein Wort zu ihr gesagt, es war niederschmetternd.

"Ich bin auf der Seite von den beiden", entkam es ihm und er deutete schnell zu Izaya und Reiju, um seine Position klar darzustellen.

"Ihr drei habt Recht. Eine extra Portion Curry für euch", verkündete Keita und lachte. Dann musste er wieder an ihn denken. An ihn und seine Worte.

"Er wirkte wirklich wild. Wild und so unbefangen in seiner Art. Ich beneide ihn irgendwie", grübelte er und war nicht allein damit. "Ich auch."

Es war Reiju, die sprach.

"Er wirkte, als könne ihn keine Verbindlichkeit der Erde zu Boden richten. Als sei er frei und okay mit allem was kommen mag. So etwas allein durch spielen gewählter Tasten ausdrücken zu können ist unglaublich."

"Und genau das ist wonach ich auch verlange, nur… eben nicht durchs Klavierspielen. Ich möchte zeichnen und nichts anderes. Versteht ihr also endlich, dass es mir wirklich gut geht?", fragte er und seine Stimme war geladen mit Nachdruck. Alle nickten und eine stille Einvernehmlichkeit trat ein, denn sie alle glaubten Keita. Jetzt taten sie es wirklich.

"Also ich nehme mir dann jetzt meine gewonnene extra Portion." Izaya stand noch im Satz auf und schaufelte sich seine Schale voll mit Reis und dampfenden Curry. Ace machte den Fernseher wieder lauter und sie begannen wieder zu sprechen.

So verging der Abend ruhig, mit Freude und Gelächter über die alten Serien, und leichten Gedanken in ihrer aller Köpfen.

 

Als es dann schon eine Weile nach Mitternacht war, waren sie sich einig, dass es Zeit war zu Bett zu gehen. Sie alle schliefen heute bei Keita und so drängten sich Junko und Izaya zusammen vor das Waschbecken im Badezimmer und machten sich bettfertig. Keita kramte die Bettwäsche hervor und Suru half ihm beim beziehen.

"Leute", rief Keita nach einer Weile und sie alle horchten auf. Izaya und Junko stellten sich mit Zahnbürsten in ihren Mündern in den Türrahmen. "Wir sollten kurz aufteilen wie wir schlafen wollen. Zwei können auf das Sofa, zwei in unser Gästezimmer und einer passt noch zu mir ins Bett." Sie alle sahen sich für einen Moment an. Junko hob die Hand und zeigte abwechselnd auf sich und dann auf Izaya. Dann deutete sie auf das obere Stockwerk, in dem das Gästezimmer lag. "Okay, ihr zwei nehmt dann das freie Zimmer oben", wiederholte Keita die Aussage ihrer Gesten. Surus Blick fiel auf Reiju. Ihr Gesicht zeigte keine Reaktion. Es machte keine Anstalten etwas zu sagen.

"Suru?", begann dann Keita wieder und er erwachte aus seinen Gedanken. "Ja?"

"Ich hab noch deine Bettwäsche oben, von letzter Woche. Dann kannst du direkt wieder bei mir schlafen." Zögerlich blickte er Reiju noch eine Weile ins Gesicht. Sie zeigte einfach keine Regung. Dann nickte er. "Ist gut."

Keita und Junko wussten nichts von dem, was vorgefallen war. Nur er selbst und Izaya waren eingeweiht. Darin eingeweiht, dass Ace und Reiju sich gegen eine Beziehung entschieden hatten und das vor noch gar nicht mal so langer Zeit.

Ace schluckte, als ihm jetzt ganz schlagartig klar wurde, dass er neben Reiju in einem Bett schlafen sollte. Sie hatte ihm im Verlauf der letzten Woche gesagt, er solle sich keine Sorgen um sie machen. Sie hatte gesagt, es sei okay und es würde sich alles wieder finden. Reiju benahm sich nach außen hin die meiste Zeit wieder normal und er ging davon aus, dass er es auch tat. Dennoch schienen sie sich seit dem letzten Wochenende an dem es geschehen war immer noch zu meiden. Vielleicht nicht gewollt, doch es geschah ganz von allein. Dass er jetzt neben ihr schlafen sollte schien ihm nicht richtig, nicht fair. Es schien ihm völlig überstürzt, nachdem sie sich bisher so aus dem Weg gegangen waren.

Er beobachtete wie Reiju stumm nickte und sich dann sofort zielstrebig auf den Weg machte sich zu dem Haufen an Taschen niederzuknien, um ihre eigene herauszusuchen. Sie kramte ihren Schlafanzug hervor, als Suru sich zu ihr setzte. Sie begannen zu sprechen.

"Ist das wirklich okay für dich?", fragte Suru leise und beschäftigte seine Hände beiläufig damit jetzt auch seine Tasche hervorzuholen. Reiju nickte. "Klar, wieso sollte es nicht?" "Reiju…"

Sie stand auf und klemmte sich ihren Pyjama und den Kulturbeutel unter den Arm, dann blickte sie sich kurz um. Keita war im Nebenzimmer und sprach mit Junko.

"Ich weiß Keita hat gesagt ihm geht es gut, aber er braucht dich dennoch, da bin ich mir sicher. Sprich heute noch mal mit ihm. Er hat nicht umsonst darauf bestanden, dass du bei ihm schläfst." Sie wusste selbst wie absurd und falsch ihre Worte gerade waren, doch sie kamen einfach aus ihr heraus, ohne dass sie es hätte stoppen können. Ohne sich etwas anmerken zu lassen starrte sie Suru jetzt ins Gesicht. Er sollte ihr ihre Worte abkaufen. Suru hielt ihrem Blick stand, auch als er sich jetzt ebenfalls erhob, doch diesmal gewann sie den stummen Wettbewerb. Er seufzte. "Und du bist dir ganz sicher?"

"Ja, das bin ich."

Damit verschwand sie schnell im Badezimmer und hoffte, dass Suru nicht dahinter kommen würde, dass sie gerade ohne zu wissen wieso mit Vorsatz dafür gesorgt hatte, dass sie und Ace auch wirklich in einem Bett landen würden.

"Hey, Ace. Kann ich dich kurz sprechen?", fragte Izaya und stellte sich in sein Blickfeld. Er hatte genau gesehen, dass er die beiden beobachtet hatte.

"Ist alles okay?", fragte er weiter ohne eine Antwort abzuwarten.

"Sicher, wieso?"

"Wenn du willst tauschen wir die Betten sodass wir in einem schlafen."

"Wieso das?" Ace sah ihm unschuldig entgegen, doch Izaya seufzte nur.

"Macht es dir nichts aus neben Reiju die Nacht zu verbringen?"

Ace legte den Kopf schräg, als wüsste er nicht was er meinte.

"Hör mal", sagte er dann und fasste Izaya auf die Schulter. "Junko macht sich doch sicher immer noch große Sorgen um Keita. Sie hat sich ja den ganzen Tag schon immer wieder Vorwürfe gemacht. Rede gleich noch mal mit ihr." Mit den Worten wandte er sich ab und begann das Sofa aufzuklappen. Ihm war beim besten Willen nicht bewusst, wieso er die Chance nicht einfach genutzt hatte. Seine Worte waren zwar ehrlich gewesen, aber Reiju hätte Junko wahrscheinlich besser beruhigen können als Izaya. Seine Sorgen brachten ihn eben noch um und jetzt sorgte er selbst dafür, dass es dabei blieb wie es war.

Er wollte es nicht und doch wollte er es... mehr als alles andere.

Wortlos bezog er das Sofa und suchte aus dem Stapel, den Keita zurechtgelegt hatte, Kissen und Decken heraus. Izaya beobachtete ihn noch einen kurzen Moment. Sein Blick war besorgt, aber das ignorierte Ace. Dieser bezog einfach nur weiter das Bett, zog sich stumm um und legte sich auf einer Seite des Sofas nieder.

Izaya seufzte ein letztes Mal und ging dann endlich hoch. Kurz darauf folgten ihm auch Keita, Suru und Junko.

Es dauerte nicht lange bis Reiju aus dem Bad kam womit sie nun allein miteinander waren.

"Kann ich das Licht schon ausschalten?", fragte sie, als sie den Raum betrat. Ace nickte, aber stand noch mal auf. Er musste wenigstens einen Versuch anstellen, seine Rücksichtslosigkeit wieder auszubaden. Nervös biss er sich auf die Unterlippe, Reiju aber schien es gar nicht zu bemerken, vielleicht ignorierte sie es aber auch.

"Reiju, sicher, dass das okay ist?", traute er sich endlich zu fragen und da sah sie nun doch auf. "Ich kann mich auch auf den Boden legen." Sie schüttelte stumpf den Kopf. "Nein, das musst du nicht." Dann legte sie sich hin und starrte auf Ace Seite des Bettes, damit er sich zu ihr legte. Als er endlich gehorchte lockerte sie die Decke auf und warf sie sich über den Körper, die nackten Beine und die Schultern.

"Gute Nacht", raunte sie.

"Gute Nacht", kam es von ihm zurück. Dann drehten sich beide mit dem Rücken zum anderen.

Völlig geräuschlos lag sie nun da und starrte in die Dunkelheit des Zimmers hinein. Es war inzwischen gänzlich ruhig im Haus, nur eines konnte sie noch hören. Ace Atem ging neben ihr ruhig und gleichmäßig ein und aus, dennoch war sie sich sicher, dass er noch nicht schlief. Sie wusste genau er war wach.

Es war jetzt schon einige Tage her, doch das machte keinen Unterschied. Es änderte gar nichts. Sie hielt es trotz dieser Tage nicht aus. Wieso hatte sie gesagt sie würde es. Was tat sie hier. Wieso lag sie nun neben ihm in einem Bett.

"Ich liebe dich, Ace. Ich liebe dich doch", flüsterte sie so leise, nur sie konnte es hören. Die Worte waren nur ein Hauchen, beinahe nicht existent in dieser Realität.

"Hm?", machte er dennoch. Ihr Innerstes bebte.

"Nichts", raunte sie schnell und zog ihre Decke höher bis zur Nasenspitze. Sie hatte ihm nahe sein wollen und dabei völlig ignoriert wie sehr es noch schmerzte. Sie hatte ignoriert was geschehen war. Sie war so dumm.

Lange blieb es so furchtbar still um Ace, denn als jetzt jeder wirklich schlief war er noch immer wach und sie war es auch. Verwirrt hatte er nach einer Weile wahrgenommen wie sie zu weinen begannen hatte. Stumm schniefte sie mit zitterndem Atem und er hatte sofort gezuckt. Er hatte sie sofort packen, sie umarmen wollen, ihr sagen wollen, dass alles gut werden würde, doch dann hatte er es begriffen. Er begriff, dass sie nur wegen ihm weinte.

Als Reiju am nächsten Morgen aufwachte, lag Ace nicht neben ihr. Verwundert setzte sie sich auf und entdeckte ihn ein paar Meter weiter mit seiner Bettwäsche am Boden liegen. Er hatte diese Nacht nicht mit ihr zusammen in einem Bett geschlafen.

 

Am Montag in der Schule, war Ace endlich bewusst, was für ihn das einzig richtige zu erledigen war. Reiju mied ihn, mehr als vorher. Dennoch hielt er sie am Arm zurück, als sie vor ihm aus dem Klassenzimmer zu fliehen versuchte. Selbst Keita hatte sie in ihrem übereifrigen Vorhaben zurückgelassen.

"Reiju, können wir reden?", fragte er und hoffte nun einfach nur, dass sie mitspielen würde.

Zu seinem Überraschen nickte sie sofort und folgte ihm gefügig hinaus auf den Hof.

"Ich muss mich bei dir entschuldigen", begann er sofort und spannte sie gar nicht lang auf die Folter. "Ich hätte nicht zulassen sollen, dass wir zusammen in einem Bett landen. Ich habe dir Zeit versprochen und das war das genaue Gegenteil davon."

Sie sah ihn nicht an, malte stattdessen kleine Kreise mit ihren Schuhen in den Schotter.

"Izaya hatte mir sogar angeboten zu tauschen, aber ich habe abgelehnt", sprach er weiter und war einfach nur froh, dass er hierzu im Stande war. "Ich kann dir nicht erklären wieso. Es war wohl einfach Wunschdenken."

"Hör auf", sagte sie nach einer kurzen Pause. "Suru hat mir genau so angeboten zu tauschen und ich habe es verhindert. Ich trage die gleiche Schuld wie du. Immerhin bin ich auch diejenige, die damals nein zu dir gesagt hat."

Noch immer sah sie nicht auf.

"Du warst nur ehrlich."

"Genau so wie du."

Ace starrte stumm auf sie herunter und wünschte sich, sie würde wenigstens für einen Moment zu ihm aufsehen. Er würde so gern in ihre Augen sehen, wenn sie das besprachen.

"Was tun wir eigentlich?", fragte sie plötzlich. Ihr Fuß hörte zu zeichnen auf. "Wir haben doch gemeinsam diese Entscheidung getroffen, oder nicht? Wieso können wir uns dann nicht daran halten? Und wieso fühlt es sich zwischen uns dann so schrecklich seltsam an?" Jetzt sah sie auf.

"Ich… ich weiß nicht", stotterte er überrumpelt. "Wir sollten uns einfach mehr Zeit nehmen, denke ich. Ich bin mir trotz allem sicher, es war die richtige Entscheidung, oder nicht?"

Sie schluckte. Beschämt sah sie wieder zu Boden. Wenn es richtig war, wieso tat es dann so weh, immer wieder hatte sie sich das gefragt. Sie wollte Nähe zu Ace, doch diese schmerzte nun, da es plötzlich klar war, dass sie beide zu nichts mehr in der Lage waren als das. Freunde. Es musste ihr genügen.

"Ja, du hast recht. Wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Wir sind Freunde und das sollten wir auch bleiben", sie zwang sich zu einem Lächeln und blickte wieder auf, dann sah sie beiläufig auf ihr Handy. Das Training begann bald und würde sie für den Moment erlösen. Ace allerdings machte es nervös.

"Wir sollten etwas mehr Abstand nehmen, glaube ich. Sonst würde nur wieder das gleiche passieren, wir würden es nicht schaffen nur Freunde zu sein", sprach er endlich aus worauf er hinaus wollte, doch nun klang er nicht mehr so zuversichtlich wie zu Anfang.

Reiju lauschte seinen Worten und wusste, dass sie richtig waren. Dennoch spürte sie nur Schmerz. Es schmerzte.

"Klar, sicher", sagte sie und deutete dann Richtung Sporthalle. "Ich muss jetzt zum Training. Ist es okay, wenn ich gehe?"

Unsicher nickte Ace. Konnten sie es so einfach hinnehmen? Sie sollten es, aber funktionierte es auch? Reiju wirkte unruhig. Er wusste er hatte ihr wieder weh getan, das nun schon dritte mal in Folge, und er hasste sich dafür.

"Klar. Wenn du nichts weiter hinzuzufügen hast."

Sie schüttelte den Kopf und lächelte dieses undeutbare, seltsame Lächeln von ihr. Dann ging sie und ließ Ace allein.

Einen Moment lang blieb er noch stehen. Lang genug, sodass ihn Suru beim Vorbeigehen entdecken konnte.

"Ist alles in Ordnung?", fragte er, als er bei ihm halt machte und ihm in die Augen sah. Sein Blick war entfernt, doch er kam zu sich.

"Suru? Was machst du denn hier?"

"Ich hab dich nur hier stehen sehen. Ist alles gut?"

"Oh. Ja, ich denke schon. Es ist nur..." Er brach ab und musterte Suru für einen Moment.

"Schon gut, du kannst mit mir reden."

Ace seufzte. "Vielleicht bist du ja sogar der perfekte Ansprechpartner dafür. Es geht um Reiju." Suru nickte und deutete ihm weiter zu sprechen. "Sie... wir...", er wusste nicht was er sagen wollte. Was von all dem in seinem Kopf als Erstes hinaus sollte. "Sie spricht nicht mit mir, sagt mir nicht was sie schmerzt, sagt mir nicht was ich tun kann, um es besser zu machen."

"Kannst du denn etwas tun?"

"Ich weiß es nicht, sie spricht ja kein einziges ehrliches Wort mehr zu mir. Ich habe es gerade erst versucht. Ich wollte noch mal mit ihr sprechen, aber ich glaube ich habe es nur noch schlimmer gemacht. Sie hat nichts von sich preisgegeben. Ich habe es versaut." Ace wusste nicht mehr weiter, er hatte ihr immer wieder weh getan und nun waren ihm die Hände gebunden. "Wie schaffst du es bloß immer so gut mit ihr?"

Suru senkte einen Moment seinen Blick und hielt kurz Inne. Er seufzte.

"Ja es stimmt schon, ich kann sie wirklich gut lesen. Ich weiß was in ihrem Kopf vorgeht auch wenn sie kein einziges Wort sagt. Sie braucht nicht zu sprechen, wenn sie bei mir ist, aber das könnte das Problem sein.“ „Was meinst du?“ Ace Inneres kam zum Pausieren.

„Ich meine nicht jeder kann sie lesen und das ist auch richtig so. Reiju ist kein offenes Buch, ganz im Gegenteil. Es ist okay und sogar gut, dass du sie nicht aus dem Stillen heraus deuten kannst, dass du sie nicht sofort verstehst oder zu ihr durchdringst. Ich habe sie entwöhnt davon ihre Gedanken in Worte zu fassen. Erst bei dir ist sie wieder gezwungen dazu und es... erleichtert mich. Sie sollte in der Lage sein ihre eigenen Worte zu sprechen, das habe ich ihr verwehrt. Also gib nicht auf, Ace. Du hast in ihr so viele Veränderungen bewirkt. Sie wird immer offener und das ist dein verdienst. Ich weiß es ist gerade nicht leicht zwischen euch, aber gib euch etwas Zeit und... gib sie bitte noch nicht auf." Suru sprach sich aus. Vielleicht das erste mal jemals und vielleicht nachdem er es schon lange mit sich herumgetragen hatte und bettelte schlussendlich schon beinahe darum, ihn seine Fehler nicht büßen zu lassen.

Ace sah ihn an, sah die Schuldgefühle und spürte, dass er nun für Suru da sein sollte. Dann nickte er überzeugt.

"Das werde ich nicht, versprochen."

 

An allen folgenden Abenden, auch noch viele Wochen danach, als er zu Hause auf dem Sofa saß und lustlos YouTube schaute, mit Izaya unterwegs war oder im Kageyamas arbeitete, ließ ihn das Thema noch immer nicht los. Er war wie so oft schon viel zu ungeduldig für das Leben und hätte am liebsten sofort das Ergebnis von "einer Weile" Abstand zu ihr.

Jetzt war er zu Hause und es lief wieder ein Video nach dem anderen am Fernseher vorüber, während er grübelnd davor saß und es einfach ignorierte.

Die erste Woche war noch einfacher gewesen. Es war noch ganz frisch und es war irgendwie selbstverständlich, dass es seltsam lief. Doch je länger es jetzt her und noch immer seltsam war, desto mehr machte er sich sorgen, dass es nie wieder werden würde wie zuvor.

Sie sprachen nur mäßig, sahen sich nie nach der Schule und ignorierten sich wann immer es möglich war. Die Treffen der Klassensprecher waren still und die Gruppenarbeiten holten nur das Nötigste aus ihnen hervor.

Er hatte Suru versprochen sie nicht aufzugeben und das hatte er auch nicht vor, doch es war leichter gesagt als getan.

Ein tiefes Seufzen entkam seiner Kehle und damit schaltete er endlich den Fernseher aus.

Doch statt Stille erfüllte jetzt etwas anderes sein Trommelfell.

"Ich hab die ganzen letzten Tage dein stummes Seufzen ertragen Ace, aber ich bin an einen Punkt, an dem ich es nicht mehr aushalten kann."

Geräuschvoll ließ Seiya seinen Stift auf den Holztisch sinken. Er stand auf und setzte sich zu seinem kleinen Bruder. Er lächelte sanft als ihre Blicke sich trafen. "Bitte, sag endlich was los ist."

Ace war beschämt darüber wie sehr er sein Grübeln anscheinend nach außen getragen hatte. Er wich Seiyas Blick aus.

"Man sieht es dir nun mal an, wenn etwas nicht stimmt. Du benimmst dich anders. Also sag schon."

Wieder seufzte er, doch bereute es sofort. Sein Blick wanderte vorsichtig zurück zu seinem Bruder. "Ich habe Reiju meine Gefühle zu ihr gestanden." Er machte eine Pause und wartete Seiyas Reaktion ab, doch dieser nickte nur und sah ihn an, empfänglich für alles was er zu sagen hatte. "Aber wir haben uns dazu entschieden, dass... es zur Zeit keine gute Idee ist. Dass es zu schnell geht und ich erst mal auf mein eigenes Leben klar kommen muss, bevor ich es mit ihr teilen kann."

"Ace, das ist unfassbar stark von euch beiden."

"Stark, aber schmerzhaft", unterbrach Ace seinen Bruder und lachte qualvoll auf. Unbehaglich fasste er sich ins Haar und strich es sich von der Stirn. Dann tat er es erneut.

"Wir sehen uns kaum mehr und sprechen tun wir erst recht nicht. Das Schlimmste daran ist nicht, dass wir zwei als Paar nicht funktionieren, das Schlimmste ist, dass wir es nun auch nicht mehr als Freunde tun. Sie zu verlieren war das Letzte was ich wollte."

Seiya rückte etwas näher an seinen Bruder heran und fasste ihm an die Schulter. Er zwang ihn ihm weiter in die Augen zu sehen. "Du verlierst sie nicht. Gib euch nur noch etwas Zeit, damit eure Freundschaft das verarbeiten kann."

"Ich gebe uns ja Zeit nur... ich weiß nicht ob sie mir je verzeihen wird."

"Das wird sie, denn es gibt nichts zu verzeihen. Ihr habt beide unfassbar reif gehandelt. Es war so stark von euch beiden diese schwere Entscheidung zu treffen und es war gut. Wenn du dich selbst zur Zeit nicht tragen kannst und dir nicht sicher sein kannst was du wirklich brauchst, dann ist eine Beziehung das Letzte wofür du dich entscheiden solltest."

"Die Entscheidung danach war vielleicht stark, aber wie stark war es von mir dann die ganze Sache überhaupt auszusprechen."

"Ace." Seiyas Blick wurde ernster und die Sänfte wich für einen Moment. Er festigte seinen Griff um seine Schulter.

"Es gibt Dinge, die nicht ungesagt bleiben sollten. Wenn deine Worte ehrlich waren ist nichts verwerfliches daran. Wenn du das Gefühl hattest sie rauslassen zu müssen, dann musstet du das auch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Reiju ebenfalls erleichtert war, dass dieses Thema einmal zu Wort kam. Jetzt wisst ihr wo ihr steht und könnt an dem Punkt weiter machen."

"Wir stehen davor uns zu verlieren", raunte Ace ihm nur zurück und wollte nun gar nicht mehr aufsehen. Still zog Seiya ihn jetzt an sich und drückte ihn.

"Ihr werdet das schaffen, denn das Wichtigste habt ihr getan. Ihr habt miteinander gesprochen. Nun zählt nur noch die Zeit."

 

Ace ziemlich ähnlich verbrachte auch Reiju ihre Abende damit zu Grübeln und zu Seufzen und auch ihrer Familie blieb die Situation nicht verborgen.

"Reiju. Stimmt etwas nicht?", fragte ihre Mutter, als sie zum Abendessen alle gemeinsam am Küchentisch saßen. Ihr Vater horchte auf bei den Worten seiner Frau.

"Nein, alles gut. Das Essen ist wirklich lecker."

"Das Essen meine ich nicht, obwohl du das wohl kaum wissen kannst, so wenig wie du es angerührt hast."

"Entschuldige, es ist aber wirklich lecker."

"Ach jetzt hör doch schon auf über das Essen zu reden." Reijus Mutter wurde ernst, als sie bemerkte wie ihre Tochter sich unwissend stellte. "Mit dir ist doch irgendwas."

Endlich sah Reiju auf. Sie wurde von drei Augenpaaren beäugt und keines davon machte auch nur Anstalten daran wieder wegzusehen. Dafür tat das jetzt aber Reiju wieder und ihr Blick sank erneut auf das Essen vor ihrer Nase. Ihr Stochern setzte sich fort und das dumpfe Geräusch auf dem Porzellan erfüllte den stillen Raum.

Sie hörte nur noch wie ihre Mutter seufzte und sah den besorgten Blick ihres Vaters nicht.

"Reiju hat Probleme mit einem Jungen", sagte Kisumi plötzlich und seine Schwester sah sofort wieder auf. "Woher weißt du das denn?", fragte sie und ignorierte ihre Eltern am Tisch.

"Ace hat es Ren erzählt und der hat es mir anvertraut. Entschuldige, aber dein Seufzen ertrag ich wirklich nicht mehr."

Reiju schloss ihren schockierten Mund und setzte sich schnell wieder aufrecht hin. Sie fühlte sich ertappt.

"Mit einem Jungen?", fragte ihre Mutter. "Sicher dieser Ace oder?", hakte ihr Vater weiter nach.

"Können wir bitte nicht darüber reden?", fragte Reiju nur, das ganze war ihr wirklich unangenehm. Es war für sie schwer genug sich in der Schule damit herumschlagen zu müssen. Ace zu sehen, aber nicht mit ihm sprechen zu können. Ihm gegenüber zu stehen, aber nicht mehr das warme Gefühl der Nähe zu spüren, welches sie hatte bevor all das geschehen war.

Sie hatte sich oft gefragt, ob sie ihm böse dafür sein sollte ehrlich mit ihr gewesen zu sein. Sie wünschte sich manchmal wirklich, dass er einfach still geblieben wäre. Aber dann kam sie wieder zu sich und sie wusste, dass Ace nur ausgesprochen hatte was sie beide schon eine Weile gespürt haben mussten. Sie konnte nicht so naiv sein und glauben, dass es vermeidbar gewesen wäre. Wenn Ace es ihr nicht schon gestanden hätte, dann hätte sie sich früher oder später ihm geöffnet, da war sie sich sicher. Sie durfte nicht böse sein, nur weil er ehrlich gewesen war. Wahrscheinlich war es das beste gewesen, was sie hätten tun können. Sie selbst hatte ja gesagt, dass Kommunikation ihre einzige Waffe ist. Wieso sollte es für Ace und sie also anders sein.

Ihre Freundschaft musste jetzt einfach nur stark bleiben und über das ganze stehen, doch das fiel ihr noch unfassbar schwer. Der Schmerz den sie spürte verwehrte es ihr und so war abwarten und hoffen gerade das Einzige was ihnen blieb.

"Egal was es ist Schatz, ich bin mir sicher es lässt sich klären. Zeit und Kommunikation sind wahre Wundermittel. Außerdem, ich weiß natürlich nicht was mit wem vorgefallen ist, aber Ace ist ein guter Junge. Ihr schafft das schon."

Erstaunt sah sie wieder auf. Darüber, dass ihr Vater sich so sicher war, dass es um Ace gehen musste, genau so wie auch darüber dass er so genau wusste, dass er ein guter Mensch war. Am aller meisten staunte sie aber über die ehrlichen Worte ihres Vater und dass er wohl wirklich einfach nur helfen wollte. Er hatte ihr ihre eigenen Gedanken bestärkt. Sie blickte ihn an und nickte zaghaft.

"Danke", sagte sie leise und begann damit ihr Essen zu verspeisen.

"Gonkuro. Was ist passiert?"

Wakabayashi trat in das leere Klassenzimmer im untersten Stock. Es war zwei Jahre her, dass er das Letzte mal hier unten einen Raum betreten hatte. Mehr als zwei war es her, dass er in einem so verlassenen gestanden hatte.

Die Stühle und Tische standen allein an ihren Plätzen, die Tafel war von dem Aufräumdienst bereits gewischt worden, der Boden war schon längst gefegt.

Einzig und allein Gonkuro stand gegen den Lehrerpult gelehnt mitten im Raum und hatte die Arme verschränkt. Beim Geräusch der Schiebetür sah er sofort auf.

"Wakabayashi."

Er stellte sich aufrecht hin und sah ihm ins Gesicht. Er wirkte so förmlich, als stünde er vor einem Lehrer. Unbehaglich schloss Wakabayashi die Tür wieder und stellte sich seinem alten Teamkameraden entgegen.

"Danke, dass du gekommen bist."

"Wieso so höflich, das macht mir ja fast schon Angst." Er trat an ihn heran und fuhr ihm durchs Haar. Der struppige Junge war genau so groß wie er, doch er hatte seinen Kopf nun tief gesenkt und starrte zu Boden.

"Entschuldige." "Immer noch zu höflich", antwortete Wakabayashi und lachte seicht auf. Dann setzte er sich auf einen der Stühle. Der Tisch vor ihm war bekritzelt mit etlichen kleinen Herzen.

"Wieso also hast du mich hergeholt?", fragte er dann und sah wieder auf. Gonkuro hatte sich nicht geregt.

"Ich wollte dich sprechen, weil… ich musste es einfach wissen. Ich muss wissen was du denkst."

"Worüber?"

"Über mich!"

Fragend blickte Wakabayashi dem Jungen entgegen.

"Bei dem Spiel. Im Halbfinale, als ich… als ich verletzt wurde und wir verloren haben. Es war meine Schuld."

"Was war deine Schuld?"

"Einfach alles. Ich habe mich verletzt, weil ich viel zu kopflos war. Du hast mir eingetrichtert, immer wieder, dass Ruhe der Schlüssel ist. Dass ich nachdenken soll, bevor ich handle und was tue ich? Ich spucke auf alles was du sagst und presche vor."

Schockiert stand Wakabayashi jetzt ganz langsam wieder auf. Er rückte den Stuhl zu recht und packte Gonkuro plötzlich an beiden Armen.

"Was redest du denn da?", fragte er und wurde unerwartet laut. Lauter als er es je im Training gewesen war. Gonkuro wurde wütend und entriss sich seinen Händen. Rot lief er an als weiter sprach. "Du warst doch derjenige, der sich mir annehmen wollte!" Jetzt schrie auch er. "Es ist deine Schuld, weil du nicht aufhören konntest an mich zu glauben! Du hast immer wieder genervt mit deinen Sprüchen und Belehrungen, hast versucht mich zu verbessern und ich…"

Er stockte. Voller Wut sah er Wakabayashi in sein gebräuntes Gesicht und schämte sich in Grund und Boden. Es war unerträglich. Er drehte sich weg. Weg von ihm und der Schmach, die er sich angetan hatte.

"Ich habe alles weggeworfen, viel zu übereifrig hab ich nur den Ball und die drohende Niederlage gesehen und damit alles versaut."

Da weinte er plötzlich. Gonkuro weinte tatsächlich. Leise und beinahe unmerklich, doch er tat es.

"Du hast in dem Moment richtig gehandelt."

Die Stimme seines alten Kapitäns ließ ihn zucken.

"Du hast eine harte, aber richtige Entscheidung getroffen. Wir standen am Ende, an der Grenze zwischen Sieg und Niederlage und du hast schnell genug geschaltet, um etwas unternehmen zu wollen. Dass es gescheitert ist, ist nicht deine Schuld, das passiert."

"Nein, ich habe nicht nachgedacht. Habe die Situation nicht im ganzen gesehen, da war nur mein Drang zum Handeln. Ich… hab dich enttäuscht."

"Gonkuro!" Wieder erhob er seine Stimme. Jetzt endlich trat er an den Jungen heran und schob mit der Hand in seinen Haaren seinen Kopf wieder nach oben.

"Was ich dir damals im Training beibringen wollte war nicht deinen Instinkt zu ignorieren. Ich wollte nicht, dass du deine scharfen Sinne und deine Energie verlierst. Was ich wollte war, dass du nicht mehr nur auf deine Wut baust. Du bist mehr als das, Gonkuro. Du solltest lernen diese Energie endlich sinnvoll für den Sport zu nutzen und das hast du getan. Wenn du mich mit einer Sache enttäuschst, dann nur mit der, dass du ernsthaft glaubst ich könnte überhaupt enttäuscht von dir sein. Mein Gott du warst vielleicht sogar der beste Spieler an diesem Tag. Du sprühst über an Ideen und wertvollem Leichtsinn. Du tust die Dinge, die sich sonst keiner traut. Verliere das bloß niemals, wehe du legst diese Fähigkeit ab!"

Wakabayashi atmete jetzt schwer von seiner wutentbrannten Rede. Dann wurde er auf einen Schlag still und drückte Gonkuro fest an sich. Mit aller Kraft hielt er den Jungen in seinen Armen, während er leise Schluchzte.

"Also gib dir nicht die Schuld", flüsterte er nun und gewährte seinem alten Kohai noch einmal für eine Weile sein Kohai zu sein.

 

Reiju war gerade dabei die großen Wägen mit den Bällen aus dem Lager zu schieben, als Gonkuro mit lauten aggressiven Schritten an ihr vorbei ging. Er schaute düster drein und stapfte wortlos ins Lager, um Matten und anderen Kram hervorzuholen.

Heute stand kein Training an. Die Sportteams sollten helfen den Tag des Sports am Wochenende vorzubereiten, weshalb sie jetzt seit circa einer halben Stunde schon alle möglichen Sportgeräte und Bälle hin und her trugen. Und Gonkuro, der schien schon den ganzen Tag unfassbar schlecht gelaunt, noch schlechter als er es sonst wirkte und Reiju konnte es sich nicht erklären. Wahrscheinlich lag es daran, dass ein Training ausfiel, dachte sie sich, aber irgendwie wirkte es damit nicht geklärt.

Das Team war heute vollständig und jeder packte fleißig mit an. Natürlich abgesehen von den Drittklässlern. Sie waren beim aller ersten Training nach der Niederlage noch einmal vorbei gekommen. Sie hatten sich ein letztes Mal verabschiedet und Wakabayashi hatte noch eine Weile dabei zugesehen, wie sich Izaya als neuer Kapitän so schlug. Doch wie er auch bereits geglaubt hatte, erfüllte dieser seinen Job einwandfrei. Izaya selbst mochte es nicht merken, aber er war gut in seiner neuen Aufgabe. Strenge und Empathie vereinte er in einer guten Wage und vermochte so das Team in einem angenehmen Klima zu leiten. Er zeigte keine Unsicherheit oder Ablehnung mehr. Es war jetzt nun mal seine Pflicht und seine Pflichten wusste er zu erfüllen. Was er zeigte war jetzt nur noch Bedauern. Im Moment des Geschehens dachte er nicht viel nach und tat, was er tun musste, aber danach überfiel ihn noch immer eine kleine Welle der Traurigkeit. Wakabayashis Abwesenheit und auch die der anderen zwei Drittklässler zeigte sich deutlich. Sie waren nun ein kleineres Team und das bis zum Frühling.

Verwundert fragte sie Izaya, ob er mehr über Gonkuro wusste.

"Nicht wirklich", sagte er. "Aber Wakabayashi hat neulich angedeutet, dass die zwei sich vor kurzem unterhalten haben. Vielleicht ist da was vorgefallen." Reiju nickte. Auch wenn Gonkuro es nach dem letzten Spiel nicht noch einmal ausgesprochen hatte, jeder wusste er nahm die Schuld für das Geschehene noch immer auf sich. Heute aber wirkte er weniger lethargisch, heute wirkte er endlich wieder energiegeladen. Energie, welche sich jedoch in Wut äußerte. Vielleicht war das aber auch nur ein gutes Zeichen. Immerhin entsprach das trotz allem mehr seinem gewöhnlichen Verhalten, als initiativlose Stille.

Yashi würde schon gute Arbeit geleistet haben.

"Du machst dir Sorgen?", fragte Izaya, als sie eine Weile in ihren Gedanken versank. Doch sie schüttelte den Kopf. "Nein, eigentlich nicht." Dann lächelte sie und fuhr mit ihrer Arbeit fort.

Sie packte sich ein paar Bälle und trat aus der Halle raus in die frische Sonne. Es war warm doch es wehte ein frischer Wind, der ihre nackten Beine umspielte. Er kühlte sie.

Einen Moment blieb sie im Schein der Strahlen stehen und ließ das Geschehene aus dem Team auf sie wirken. Es würde ihnen allen schon gut gehen, da war sie sich sicher.

Als sie ihre Augen wieder öffnete sah sie Hanami an der Ecke des Gebäudes stehen.

Neugierig machte sie einen Schritt nach vorn und beobachtete sie, als plötzlich Soma hinter ihr auftauchte und ihr die Hand auf die Hüfte legte. Sie beide lächelten und Hanami ließ ihren Kopf auf Somas Brust zur Ruhe kommen.

Es ging ihnen allen anscheinend sogar noch besser, als sie gedacht hatte, ging Reiju durch den Kopf und sie kicherte leise, dann machte sie sich schnell auf den Weg zum Sportplatz.

Dass Hanami es geschafft hatte ihrer Zuneigung Ausdruck zu verleihen machte Reiju beinahe schon Stolz, wenn sie an ihr schüchternes Gesicht beim Wettbewerb dachte. Es machte Reiju aber auch ein wenig eifersüchtig. Sie seufzte darüber wie weit sie ihre Gedanken hatte schweifen lassen und stoppte sofort mit dem Gewirr. Es war weder ihr noch Ace gegenüber fair. Außerdem hatte sie seit Wochen nicht darüber nachgedacht und sie konnte nicht deuten aus welchem Winkel ihres Kopfes das plötzlich hervor gesprungen war.

Dennoch konnte sie nicht bestreiten, dass es stimmte.

 

"Wir haben echt Glück, dass es heute wenigstens nicht so heiß ist", raunte Keita und starrte in den Himmel hoch. Die Sonne war bedeckt von vielen Wolken und allgemein wirkte es dort oben heute nicht allzu strahlend. Nach Regen sah es jedoch auch nicht aus. Reiju nickte stumm.

"Obwohl das vielleicht auch als schlechtes Omen gedeutet werden könnte." Nachdenklich legte er deinen Kopf schräg. Ace auf seiner anderen Seite regte sich.

"Aber das glaube ich nicht. Sportfeste waren doch immer eigentlich eine ganz witzige Veranstaltung." Stille.

"Auch wenn ich Sport hasse."

Keita gab sich alle Mühe, um ihre Situation nicht ausartend unangenehm zu machen, aber wahrscheinlich verschlimmerte er es nur.

Sie saßen unter freiem Himmel auf dem Boden des Sportplatzes, den sie seit Tagen hergerichtet hatten. Wimpel, Flaggen, Girlanden, alles was das Herz begehrte schmückte diesen Ascheplatz und machte ihn diesen einen Tag im Jahr ganz festlich. Um sie sie herum saß der Rest ihrer Klasse. Sie waren heute gemeinsam mit den Klassen der anderen Stufen, welche die gleiche Nummer trugen wie ihre, das rote Team. Gerade hielt ihr Direktor eine Rede, nicht die letzte des heutigen Tages.

Keita entschied sich dazu wieder stumm zu werden und ausnahmsweise mal der Rede zuzuhören, was jedoch nicht lange anhielt.

Ace neben ihm ließ seinen Kopf auf seine Knie sinken und schloss die Augen.

"Hey, ist alles gut?", fragte Keita ihn und stupste ihn ans Bein. Verwirrt sah Ace auf.

"Ja. Wieso?", fragte er. Sie blickten sich einen Moment in die Augen, dann zuckte Keita mit den Schultern. "Nur so." Ace nickte unsicher und legte sein Kinn wieder nieder.

Irgendwie war er heute anders als sonst. Ace wirkte abwesend, nicht ganz da mit den Gedanken. Schon als ihnen im Klassenraum die Stirnbänder ausgegeben und ihnen ihr Platz auf dem Feld zugewiesen wurde, hatte er nur aus dem Fenster gestarrt und kein Wort mitbekommen.

Am liebsten hätte er Reiju um Rat gefragt, denn sie wusste immer am besten was bei Ace los war. Sie war immer diejenige gewesen, die sich um ihn gekümmert und die richtigen Worte gefunden hatte. Ohne sie fühlte Keita sich aufgeschmissen, denn viel mehr als festzustellen, dass Ace sich komisch benahm konnte er nicht tun. Er wusste nicht was.

Doch jetzt tat und sagte Reiju gar nichts, was Ace anging und genau so tat und sagte auch Ace nichts was sie anging. Es war als wären sie in zwei unterschiedlichen Blasen gefangen, völlig getrennt voneinander. Abgeschnitten von den Gefühlen, die sie mal füreinander gehabt hatten. Meilenweit entfernt davon zu wissen, dass sie doch eigentlich Freunde waren. Sie schienen vergessen zu haben, was sie mal aneinander hatten und sahen nur noch die verschmähte Liebe zueinander.

Suru hatte es ihm erzählt, auf Reijus Wunsch. Ihm und Junko. Als er gehört hatte was passiert war, war er unfassbar stolz auf sie beide gewesen.

Doch jetzt war er enttäuscht. Enttäuscht davon wie einfach sie ihre Freundschaft wegzuschmeißen schienen. Sie alle hatten ihnen Zeit gegeben, aber jetzt nach über einem Monat war es, als hätten sie sich kopflos an das einfache Leben ohne einander gewöhnt. Es wirkte als wollten sie gar nicht mehr raus aus ihren Blasen. Sie hatten den einfachen Weg gewählt und fühlten sich fast schon wohl auf ihm und das machte Keita unfassbar wütend. Sie alle waren doch Freunde und auch wenn sie etwas schweres durchgemacht hatten oder auch immer noch taten, das hieß doch nicht, dass man sich einfach abschreiben konnte. Er konnte es einfach nicht mehr so stehen lassen.

Als endlich die japanische Flagge gehisst und das erste Spiel angekündigt wurde standen sie alle auf. Keita, Ace und Reiju hatten noch keine Aufstellung, also holten sie sich nur stumm etwas zu trinken. Diese Pausen am Anfang hatten sie eigentlich immer für eine ganz bestimmte Sache genutzt.

"Hier, Keita, mein Stirnband."

Reiju hielt ihm das breite Rote Band hin und starrte auf es nieder. Leicht lag es in ihrer Hand und sollte ihm heute gute Ergebnisse bringen. Sie lächelte zart. Sie tauschten vor den Sportfesten immer ihre Stirnbänder um einander Glück zu verschaffen.

Da kramte er auch seines hervor.

Ace stand noch am Getränkeautomaten und suchte sich etwas aus. Er war wählerisch heute oder auch nur unkonzentriert.

Dann griff Keita zu Reijus überraschen nicht nach ihrem Stirnband, sondern band sich einfach sein eigenes um. Perplex starrte sie zu ihm hoch und sah zu, wie das leuchtende rot von der Pracht seiner Haare beinahe verschlungen wurde.

"Aber", begann sie, doch dann folgte sie seinem Blick.

"Tausch doch diesmal mit Ace. Er wirkt heute so abwesend, vielleicht heitert es ihn ein wenig auf."

Mit einem Mal schloss sich Reijus Faust um das Rot und sie sah zu Boden.

"Keita", sagte sie, doch dieser lächelte nur und sah sie auffordernd an.

"Ich glaube wirklich irgendwas setzt ihm zu. Bitte, tu es für ihn."

Reiju ließ ihre Hand wieder sinken und sah rüber zu Ace. Er stand noch immer vor dem Automaten, aber schien gar nicht mehr daran zu denken sich etwas zu kaufen. Sein Blick wanderte.

"Du denkst wirklich ihn bedrückt was?", fragte sie.

Keita nickte. "Und du denkst das auch."

Reiju blieb stumm und wagte es nicht sich zu regen. Ja, sie dachte es auch, aber machte das jetzt noch einen Unterschied?

"Hör auf dich so sehr vor ihm zu verschließen", sagte Keita plötzlich und Reiju zuckte zusammen. Sie sah zu ihm auf.

"Weißt du eigentlich wie gern er einmal wieder mit dir reden würde? Weißt du wie sehr du ihn alleine lässt mit deiner Ignoranz? Nein, natürlich nicht, denn du redest nicht mit uns, redest mit niemandem. Und Ace, er passt sich einfach an dich an, verschwindet selbst in seiner Stille, genau wie du es tust. Und das alles war eine ganze Weile okay. Es ist vielleicht sogar gut so gewesen, aber Reiju irgendwann wird es Zeit, dass du darüber nachdenken musst was du eigentlich willst. Das bist du Ace und dir selbst schuldig."

Reijus Kopf erlitt einen stillstand. Ohne ihn weiter anzuhören setzte sie sich in Bewegung und drehte Keita den Rücken zu.

Sie ging zu Ace rüber und tippte ihm auf die Schulter. Aufgeschreckt reagierte er.

"Ace", sagte sie und es fühlte sich seltsam an ihm nach so langer Zeit wieder wirklich in die Augen zu sehen. "Ist alles gut?"

Sie wusste er würde nicht antworten.

"Ja. Keita hat mich das heute auch schon gefragt. Wirkte ich so verstimmt?"

Sie zuckte mit den Schultern. Er sprach so normal mit ihr.

"Hör mal. Was… hältst du davon, wenn wir unsere Stirnbänder tauschen? Du läufst heute bei der Staffel und… vielleicht bringt es uns ja Glück?" Beim letzten Wort erst sah sie auf. Ihre Ansprache war holprig gewesen, doch als sie ihm jetzt wieder in die Augen sah, konnte sie ein seichtes Leuchten in der Kümmernis erkennen. Sie wusste plötzlich, dass sie das Richtige tat. Irgendwas ging in ihm vor sich, was er nicht nach außen tragen wollte, dennoch zeigte es sich.

"Gern", sagte er und nahm das Band aus ihrer Hand entgegen. Dann gab er ihr seines.

"Soll… soll ich es dir zubinden?", fragte er und sie nickte. Sie legte es sich wie ein Haarband um den Kopf und hielt dann ihre kurzen Haare hoch. Vorsichtig griff er nach den Enden des Bandes und knotete sie ineinander. Jede seiner Bewegungen war langsam und behutsam. Es dauerte eine unangenehme Ewigkeit für Reiju. Dann war er fertig.

"Gefällt mir wie du es trägst", sagte er, als sie sich wieder zu ihm wandte. Sie nickte. "Ja, sonst sieht es blöd aus wegen dem Pony." Er nickte auch. Stille.

"Soll ich dir deines vielleicht auch…?", fragte sie dann, doch schnell verneinte Ace. "Danke, aber brauchst du nicht." Er lächelte unbeholfen und band es sich um.

An dem Punkt wurde die Situation beinahe schon unerträglich zwanghaft, sodass Reiju mit einem Mal einfach die Flucht ergriff und ging. Am enttäuschten Keita vorbei und zurück auf den Sportplatz. Ihr Herz verkrampfte sich. Sollte es so nun zwischen ihnen beiden sein, sollten sie sich so verhalten?

Als sie ankam war alles ein großes Wirr an Menschen. Das erste Spiel hatte bereits begonnen und die anderen Schüler jubelten und feuerten die Kontrahenten lauthals an. Suru war bei dem Spiel dabei. Er war im gelben Team und stellte gerade die Spitze einer Pyramide dar. Er lachte ausgelassen und wirkte so fröhlich.

Reiju musste lächeln.

"Da bist du ja, Schatz!", hörte sie plötzlich und ihr Kopf erwachte wieder. Ihre Mutter kam auf sie zu und lächelte.

"Du hast noch kein Spiel?", fragte sie gut gelaunt. Reiju schüttelte den Kopf. "Erst gleich." Ihre Mutter nickte und fasste in ihre Handtasche. "Gut, gut", sagte sie. "Hast du denn auch alles, was du brauchst? Noch genug Trinken? Pflaster?" Reiju nickte. "Ja, danke Mama." Erleichtert hörte sie zu kramen auf.

"Gut, denn ich glaube ich hätte gar keine Pflaster mehr gehabt." Sie lachte auf und deutete dann auf den Bereich in dem die Eltern alle einen schattigen Platz auf einem Stuhl gefunden hatten. "Du weißt ja wo du mich findest, wenn du mich brauchst." "Ja, danke."

"Ich habe übrigens auch Junkos und Surus Eltern getroffen und Keitas Opa. Wir haben alle eine Menge Spaß", sie lachte laut auf. "Ich soll dir von jedem viel Glück wünschen." Jetzt lächelte Reiju und sah ihrer freudigen Mutter in das Gesicht. "Das freut mich, Mama. Danke."

"Aber sag mal." Ihre Stimme wurde ruhiger. "Ich bin auch auf die Mutter und die kleine Schwester von diesem Izaya getroffen, von dem du immer so viel erzählst. Aber von Ace Verwandten ist keine Spur." Reiju schluckte.

Ja, richtig.

"Mama… du weißt doch, sein Vater ist…", schnell wurde sie unterbrochen. Ihre Mutter sprach weiter und ihre Stimme wurde traurig.

"Ich weiß, Schatz. Aber nicht einmal irgendein Verwandter kann dabei sein?"

"Sie haben keine Verwandtschaft in der Nähe und Seiya ist bei Ren in der Schule, mit Papa und Kisumi."

Ihre Mutter machte ein Gesicht, als würde sie nun genau verstehen. "Das hab ich ganz vergessen", sagte sie dann. Sie bereute das alles gesagt zu haben als sie Reijus verlorenen Blick erkannte. "Aber ihr seid für ihn da nicht wahr?", sagte sie also. "Er ist nicht allein, wir alle jubeln für ihn." Reiju hatte ihre Mutter selten so motiviert erlebt, doch dass sie das jetzt sagte wärmte ihr Herz. "Ja, das tun wir."

Sie unterhielten sich noch kurz, bis Reijus Mutter zurück zu den anderen Eltern ging und sie alleine ließ. Sie würde gleich schon beim nächsten Spiel gebraucht werden und musste langsam wieder zurück. Nur langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen.

Sie hatte all die Zeit nicht auch mehr einen Gedanken an Ace verloren und wenn, dann nur an das was geschehen war. Deswegen war ihr gar nicht aufgefallen, dass es verständlich schien, wenn heute nicht einer von Ace liebsten Tagen war. Sein Vater fehlte einfach in Momenten umringt von Familien mit am meisten. Reiju seufzte und rieb ihren Daumen auf ihre Handfläche. Sie würde doch für ihn jubeln oder.

Es schien so absurd, dass zwischen Liebe und totaler Ignoranz nur ein Moment stehen konnte. Nur ein paar wenige Minuten und sie hatten alles verloren was sie hatten.

Reiju war aufgefallen, dass es Keita störte. Es störte ihn, dass sie sie augenscheinlich aufgegeben hatte, aber… sie sah gerade einfach keinen anderen Weg. Wenn sie wollte, dass es aufhörte zu schmerzen, dann musste sie diesen Weg gehen und er doch scheinbar auch.

Aber Ace wirkte plötzlich so einsam. Was war es Wert ihm zu helfen? Waren es die Schmerzen wert? Er war doch eigentlich ihr Freund. Hatte sie sich nicht vorgenommen einfach alles für ihn zu tun?

Überrumpelt schüttelte sie den Kopf, als sie Ace allein in ihrem Bereich fand.

Sie schluckte schwer, als sie sich zu ihm stellte. "Wo ist Keita?", fragte sie lakonisch.

"Bei seinem Opa", antwortete er nur und blickte sie nicht an. Nicht ungewöhnlich für die letzten Wochen. "Und wo warst du?", fragte er dann aber weiter. "Bei meiner Mutter." Er nickte. Wieder diese unerträgliche Stille. Sie waren nicht mehr in der Lage dazu miteinander zu sprechen.

"Sag mal Ace", begann sie dann plötzlich und war selbst überrascht darüber. Verwundert blickte er endlich zu ihr herunter.

"Was ist eigentlich mit deinen Großeltern?" Sie hielt seinen Blick nicht und sah fort. "Oh", machte er überrascht. Damit hätte er niemals gerechnet. Er überlegte kurz.

"Naja, mütterlicherseits hab ich nie welche kennengelernt und… väterlicher wohnt mein Opa in den USA." Reiju atmete auf. Dass er Verwandtschaft im Ausland hatte war ihr neu.

"Ach so", machte sie und er nickte.

Stumm beobachteten sie wie Junko und Izaya sich beim Tauziehen abmühten. Nur ein Moment später lagen sie lachend am Boden. Sie hatten verloren.

Dann räumten sie und die letzten Schüler der ersten Spiele das Feld. Die Musik wurde für einen Moment ausgestellt und die nächsten Schüler wurden aufgerufen. Keita wartete schon auf dem Platz auf sie.

 

Der Tag verging in angenehmen Temperaturen beinahe wie im Flug. In der Pause machten sie es sich zu sechst gemeinsam gemütlich, bis sie dann wieder zu Gegnern wurden. Alle hatten unheimlich viel Spaß.

Reiju und Ace aber wechselten für den nun restlichen Tag kein Wort mehr miteinander.

Als das letzte spiel anstand versammelten sie sich wieder.

Es war der Staffellauf und das große Finale und Ace durfte für ihr Team mitlaufen. Einige Tage zuvor war er von ihrem Sportlehrer ausgewählt worden und es wäre eine Lüge gewesen zu sagen, dass er nicht ein wenig geschmeichelt gewesen war. Ace war vielleicht nicht der sportlichste, doch beim Laufen hatte er immer eine ordentliche Geschwindigkeit drauf gehabt. Als dank dafür lief er jährlich beim Staffellauf mit.

Damit war er der einzige aus ihrer Gruppe.

Zu fünft schlugen sie sich zu den besten Zuschauerplätzen vor und beobachteten wie Ace sich warm machte. Er war der dritte Läufer des roten Teams.

"Los, Ace!", rief Junko ihm schon lange vor dem Anpfiff lauthals entgegen und sie konnten ihn lachen sehen. Triumphierend nickte sie. Reiju stand stumm daneben. Sie hatte seit dem ersten Spiel ihres Teams nicht nur zu Ace kein Wort mehr gesagt, sie hatte allgemein nicht mehr oft zum Wort gegriffen. Jetzt stieß ihr Keita jedoch in die Seite.

"Du wirst doch jubeln oder?", fragte er. Sie zuckte mit den Schultern. "Du weißt, dass das ne große Sache für Ace ist und er hat sonst niemanden, der für ihn laut ist. Also wirst du gefälligst jubeln, hörst du."

Sie biss die Zähne zusammen. Ein leises "Keita", entkam ihren Lippen.

"Es mag dir vielleicht empathielos oder hart vorkommen, aber ich werde nicht mehr dulden, dass ihr euch so ignoriert."

Suru horchte auf, genau wie die anderen. Ace machte sich noch immer warm und bemerkte nicht, wie plötzlich alle Augen auf Reiju lagen.

"Ich weiß es ist hart, aber ich lasse nicht zu, dass ihr vergesst, dass ihr Freunde seit."

Reiju starrte zu Boden und versuchte sich nicht zu sehr von seinen Worten einnehmen zu lassen. Vielleicht hätte sie sonst geweint.

"Reiju… du magst ihn doch noch oder?", fragte Suru dann. Er hätte es wahrscheinlich nie so gesagt, aber er war auf Keitas Seite. Reiju verschloss sich vor dem was sie fühlte, statt zu tun was sie glücklich machen würde. Da war er sich so sicher. Kaum war Ace aus ihrem Leben verschwunden, schon redete sie seit Wochen kaum ein Wort mehr. Sie sagte, dass es sie schmerzte, aber war es irgendwann nicht an der Zeit einzusehen, dass Ace trotz allem noch immer bei ihr war. Als Geliebter oder als Freund, sie hatten sich doch nicht verloren, sie beide waren noch da.

"Natürlich", antwortete sie zögerlich und verschränkte die Arme.

"Wieso lässt du es dann nicht zu?"

Ihr Gespräch wurde von dem schrillen Geräusch des Anpfiffs unterbrochen. Sofort waren alle Augen wieder bei Ace. Alle bis auf Reijus.

Wieso war der heutige Tag so sehr darauf aus sie umzustimmen. Wieso wollten plötzlich alle so sehr, dass sie kämpfte. Es war Keita, der es ausgesprochen hatte, aber es hatte sicher schon lange in ihnen allen gelauert.

Sie musste jubeln, sie würde es müssen.

Der zweite Läufer war gerade angelaufen. Sie hatte nicht mehr viel Zeit.

Ace und sie, sie hatten sich dafür entschieden einander nicht zu nahe zu kommen. Nein, eigentlich hatten sie nur entschieden kein Paar zu werden. Nähe aber konnten sie nicht beeinflussen. Sie waren sich doch so nah gewesen. Es fehlte ihr. Es fehlte ihr so sehr mit ihm zu lachen. Es fehlte ihr so mit ihm zu weinen. Dabei konnte sie es doch tun, wenn sie wollte. Ace war da, er war nicht fort und wenn sie es zuließ sprach er mit ihr. Hatte sie all das hier verursacht, war er nur ihren Wünschen gefolgt. Ace war noch da und sie hatte die Möglichkeit bei ihm zu sein, ganz egal was geschehen war. Sie wollte an Ace Seite sein.

Als er gerade den Staffelstab übergeben bekam löste sich etwas in ihr und sie stellte ihre Hände zum Rufen an ihre Lippen. Aus vollstem Herzen begann sie zu schreien.

"Los, Ace! Du schaffst das!"

Nachdem Ace Team letztes Wochenende den Staffellauf gewonnen hatte, hatte sich so einiges wieder eingependelt. Es war ein wundervoller Moment gewesen in dem Ace völlig ausgelassen einen kleinen Freudenruf in die Welt hinaus geschickt hatte, als ihr Fünfter und letzter Läufer als aller Erster durchs Ziel gerannt kam. Verschwitzt hatte er sich über die Stirn gewischt, in die Zuschauermenge geschaut und dieses Jahr endlich wieder jemanden gehabt, den er betrachten konnte. Freudige Gesichter, die nur ihn ansahen und mit ihm seinen Sieg feierten. Und inmitten von diesen Menschen war auch Reiju gewesen. Sie hatte gelacht. Wie lange hatte er sie schon nicht mehr lachen gesehen, doch jetzt lachte sie aus vollstem Herzen und applaudierte nur ihm.

Seit diesem Moment schien alles wieder normal. Es war alles wieder im Lot.

Anfangs war es noch immer still und unbequem gewesen, doch im Gegensatz zu zuvor war jetzt eine andere Stimmung zwischen ihnen. Es war ein Wille da, der an ihnen arbeiten wollte. Ein Wille, der die andere Person nicht verlieren wollte.

So hatten sie zuerst angefangen wieder ein wenig mehr miteinander zu sprechen, hatten sich dann wieder mehr in die Augen gesehen. Zur Mitte der Woche saßen sie in den Pausen schon wieder nebeneinander und am Ende dieser fünf Tage hatten sie es sogar gut überstanden in den Klassensprechertreffen nur zu zweit zu sein.

"Hey", wisperte Ace, als ihr Lehrer Kokon-Sensei an der Tafel gerade ein Fazit zum Sportfest letzter Woche niederschrieb. Reiju sah auf. "Hey?", machte sie zurück und lächelte unsicher.

"Stimmt es, dass du nächste Woche Geburtstag hast?" Ihr Gesicht bis eben noch gut gestimmt, verwandelte sich in Düsternis. "Woher weißt du das?", fragte sie.

Ace grinste. "Junko hat es mir erzählt."

"Ich wusste es…" Genervt sah Reiju wieder nach vorn zur Tafel. Kokon-Sensei hatte inzwischen mit der Auswertung begonnen. Er sprach mit ihnen, als wären sie als Klassensprecher für alles verantwortlich. Gut oder schlecht, es war ihr verdienst. Absurd, wenn man bedachte, dass sie vor allem beim Sportfest überhaupt nichts zu sagen hatten.

"Wirst du deinen Geburtstag denn feiern?", fragte Ace einfach weiter und ignorierte, dass es Reiju gegen den Strich ging darüber zu sprechen.

"Ich weiß nicht, werde ich?", fragte sie und zog provokant die Augenbrauen hoch. Irgendjemand hatte sicher schon längst etwas für sie geplant gehabt. Ace konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. "Suru hätte da sicher was zu sagen." Sie nickte und stöhnte leise. "Was hast du gegen deinen Geburtstag?", fragte er also und ging endlich darauf ein.

"Ich habe nichts gegen meinen Geburtstag", sagte sie seufzend und blickte ihn an. "Ich finde es nur unnötig was für ein Drama darum gemacht wird." "Liebst du nicht die 24 Stunden Aufmerksamkeit?", fragte Ace lachend und nickte dann. "Aber wir wollen kein Drama. Nur feiern, dass du existiert."

"Ist mir schon Drama genug um ehrlich zu sein."

Jetzt zog Ace seine motivierten Schultern nur noch höher. "Wir können doch auch einfach nur feiern, dass wir theoretisch einen Grund zum feiern hätten." Erwartend blickte er sie an und ließ nicht locker, bis sie leise lachte. "Ist ja gut. Jetzt pass aber lieber auf, bevor Kokon-Sensei uns noch vor die Tür schickt."

Es ging bergauf zwischen ihnen, langsam doch es ging.

 

In der nächsten Woche dann hatte Reiju also Geburtstag. Der Freitag sollte ihr ganz allein vorbehalten sein und das bekam sie auch zu spüren. Nachdem die Gratulationen abgeklungen waren saß sie mit ihren Freunden auf dem Schulhof. Noch war es ihr einigermaßen gut gelungen einfach zu ignorieren, dass sie Geburtstag hatte. Ihr war der große Trubel um den Tag einfach nichts Wert. Deswegen war ihr auch von vornherein wirklich nicht danach gewesen ihn zu feiern, die anderen aber bestanden darauf etwas zu unternehmen. Ganz wie Ace es vorhergesagt hatte.

"Das Kageyamas macht heute einen Musikabend. Das heißt ich muss arbeiten."

Ace sprach vorsichtig und langsam. Er hatte einen Plan, den Reiju alles andere als gutheißen würde.

"Das ist perfekt!", sagte Keita sofort ganz aufgeregt. "Wir feiern Reijus Geburtstag im Kageyamas am Musikabend. Dann musst du auch nicht fehlen, Ace."

"Genau das hatte ich auch gedacht", sagte er und erwiderte Keitas Grinsen. Er war froh darüber nicht der Einzige mit der Idee zu sein. Es sprach für den Plan.

Stumm tauschte er einen Blick mit Reiju. Sie schien nicht viel davon zu halten, aber er ignorierte es. Sie war seit ihrem Gespräch über den heutigen Tag so griesgrämig gewesen, dass er sich sicher war sie würde von gar nichts etwas halten, egal was die Idee auch beinhalten würde.

"Wenn ihr alle dafür seid können wir das gerne machen. Mit Kageyama-Sensei hab ich gestern schon darüber gesprochen", fügte Ace noch hinzu und lächelte zufrieden. Er wollte unbedingt bei ihrem Geburtstag dabei sein. Wäre er es nicht, würde er alles verlieren, was sie sich die letzten Tage wieder erarbeitet hatten. So fühlte er zumindest.

Alle anderen stimmten in sein Lächeln mit ein und nickten. "Lass uns im Kageyamas feiern", sagte Suru seicht und Reiju gab sich geschlagen.

"Meinetwegen könnt ihr planen was ihr wollt", sagte sie monoton und erhob sich. "Ich muss jetzt aber zum Training. Ich bin schon spät dran." Sie zog ihren halben Pferdeschwanz enger und blickte noch einmal in die Runde.

"Wo ist Izaya eigentlich?", sagte Suru noch, bevor sie gehen konnte. "Er hat mir geschrieben er geht früher zum Training, wieso weiß ich nicht." Suru nickte. "Dann grüß ihn von uns und viel Spaß." "Ja! Sag ein Hi an Izaya von uns", fügte Keita grinsend hinzu und Reiju nickte. "Mach ich. Danke."

"Oh und Reiju!", machte Junko, sodass sich ihre Freundin noch einmal abrupt umdrehen musste. "Ja?" "Alles Gute zum Geburtstag!" Junko grinste breit über beide Ohren hinweg, während Reiju einfach wieder kehrt machte und diesmal ganz verschwand.

Auf dem Weg zur Sporthalle kam ihr irgendetwas eigenartig vor. Sie war allein auf dem Schulhof und auch vor der Halle sah sie niemanden. Normalerweise traf und vor allem hörte sie um diese Uhrzeit ihre Teamkameraden gerade zum Training eintrudeln. Vor allem weil Chisa und die ganze Truppe immer zu spät kamen.

Dennoch dachte sie sich nichts weiter und zog die schwere Eisentür zur Halle auf.

"Happy Birthday, Reiju!"

Ein lauter Chor aus bekannten Stimmen kam ihr entgegen und überraschte sie.

"Oh nein", raunte sie sofort, doch nur ganz leise. So leise, dass nur sie es hören konnte. Den Anstand bewahrte sie sich.

Izaya lachte laut los als sie ihren Gesichtsausdruck sah, den sie weniger unter Kontrolle hatte als die Lautstärke ihrer Stimme.

"Danke… Leute", sagte sie ganz zart und trat näher an das Team heran.

Alle strahlten, sie alle grinsten und sahen ihr fröhlich entgegen.

Da gingen auch ihre Mundwinkel mit einmal Mal in die Höhe und sie kicherte.

"Ihr seid verrückt", sagte sie.

"Wir haben sogar was für dich!", rief Chisa plötzlich. "Ja!", betonte Kemudashi. Gonkuro nickte und Soma lachte aufgeregt.

Reiju hatte nicht bemerkt, dass Izayas Hände hinter seinem Rücken verschränkt gewesen waren. Sie hatten tatsächlich was für sie.

Er holte seine Hände jetzt nach vorn und damit einen Volleyball. Ein gelb blauer Volleyball voll beschrieben mit einem schwarzen Edding.

Izaya überreichte ihn ihr.

"Izaya hat erzählt, dass du selbst auch gern spielst", erzählte Link ganz stolz.

"Wahrscheinlich solltest du aber nicht mit ihm spielen, wenn du willst, dass unsere Worte erhalten bleiben", sagte Izaya lachend. Gonkuro schnaubte. "Ein Ball als Deko. Ich hab gesagt wir hätten ihr einfach eine Pflanze kaufen sollen."

Reiju musste wieder kichern. "Über eine Pflanze hätte ich mich tatsächlich auch sehr gefreut." "Seht ihr…" "Aber der Ball ist eine wirklich süße Idee. Vielen Dank."

Trotz der Umstände ihres Geburtstages, ganz gerührt über die Geste betrachtete sie den Ball einmal genauer. Sanft wog sie ihn in den Händen hin und her, um auch jeden Winkel entdecken zu können. Wirklich jeder aus dem Team, und sogar Toudou, hatte unterschrieben. Auch kleine Nachrichten hatten sie hinterlassen. Eine süßer als die andere.

Als sie Kemudashis Nachricht aber sah, musste sie lachen. Er hatte einen winzigen Regenschirm gemalt. Sofort blickte sie auf und grinste dem rothaarigen Spieler zu. Er lachte ihr entgegen.

Zufrieden beobachtete das Team, wie Reiju weiter jede einzige Nachricht auf dem Leder begutachtete und scheinbar glücklich vor sich hin lächelte.

"Vielen Dank." Reiju sah nach einer Weile erneut auf und betrachtete jeden der Jungs vor ihr. "Wirklich, das bedeutet mir sehr viel."

"Klar!", rief Chisa.

Sie machte eine kurze Pause und klemmte sich den Ball unter den Arm. Sie lächelte noch einmal und atmete dann tief ein und wieder aus. Sie liebe diese Jungs so sehr.

"Jetzt wird es aber Zeit. Zieht euch um und los geht es mit dem Training!" Sie lächelte während ihr Team gehorchte und sich um Izaya versammelt aus der Halle bewegte.

Reiju dagegen blieb stehen und spürte das warme Gummi an ihrem Unterarm. Sie spürte die Zuneigung, die es versprühte und wurde erneut daran erinnert, dass es eine der besten Entscheidungen ihres Lebens gewesen war die Managerin des Volleyballteams zu werden.

 

Am Abend machte sie sich gemächlich und ausgiebig fertig. Sie duschte lange, steckte sich ihre Haare zu zwei Dutts hoch, klemmte sich ein silbern schimmerndes Herzklämmerchen in jeden Dutt und klebte sich winzige Sterne unter die Augen.

Dann zog sie sich nur noch um, bevor auch schon Suru an ihrer Haustür klingelte und sie abholen kam. Er kam um sich zu vergewissern, dass sie auch wirklich auftauchen würde, das wusste sie.

Als sie die Tür öffnete trat sie sofort hinaus und begrüßte Suru hastig bevor sie die Stufen herunter sprang.

"Was ist denn mit dir los?", fragte er und schloss ihre Haustür. Sie lächelte zu ihm hoch und winkte ihn zu sich. "Komm schon, komm schon", sagte sie. "Wir müssen weg sein bevor meine Mutter sehen kann, dass ich mit nackter Taille das Haus verlassen habe."

Suru grinste und gehorchte ihr. Sie machten sich auf den Weg.

"Sie wollte mich nicht rauslassen ehe ich nicht etwas anziehe was 'bei der Kälte meinen ganzen Rücken' bedeckt." Sie sprach ihre Mutter in hohem Ton nach und seufzte dann. "Dabei wird es im Kageyamas heute sicherlich wieder richtig warm."

Suru lachte bei ihren Worten und zuckte mit den Schultern. "Deine Mutter hat schon irgendwie recht", sagte er. "Aber dafür siehst du umso besser aus."

Reiju lächelte und haute ihn sanft auf die Brust. "Hör auf", sagte sie spaßhaft.

"Du läufst zwar Gefahr dir irgendwas an den Nieren zu holen, aber dafür sitzt das silberne Oberteil perfekt."

"Jetzt hör wirklich auf", sagte sie empört. Beide lachten. "Du siehst heute übrigens auch gut aus", sagte sie dann und Suru lächelte nickend. "Danke."

Er starrte sie an. "So reagiert man nämlich auf Komplimente. Man bedankt sich und gibt sich zufrieden."

Kritisch warf sie sein Starren zurück.

"Wieso hast du es heute so auf mich abgesehen?" Er musste lachen. "Entschuldige."

"Jaja", machte sie, aber sie griff nach seiner Hand.

"Weißt du, ich bin heute nur froh den Tag mit euch verbringen zu können. Alles andere ist mir egal."

Er nickte und drückte ihre Hand in seiner.

"Ich weiß, ich hoffe trotzdem, dass heute besonders wird für dich."

"Ganz bestimmt."

Nach einer Weile konnte sie schon vom Weiten erkennen, dass das Kageyamas nicht aussah wie sonst auch.

An der Tür hing ein Plakat zum Musikabend und am Türrahmen hing Deko. Vor dem Eingang aber standen ihre Freunde und warteten auf sie. Izaya hielt einen kleinen Kuchen und Keitas Lachen schallte schon jetzt in ihren Ohren wieder.

Dann kam Ace raus und zündete die Kerze auf dem Kuchen an bevor er sich neben Junko gesellte.

Reiju war hin und her gerissen. Sie war so gerührt, aber auch so peinlich berührt.

Als sie der kleinen Gruppe aus ihren Freuden immer näher kamen begannen sie alle zu singen. Wäre es nicht um ihren Geburtstag gegangen hätte sie sich so sehr daran erfreut, doch so lächelte sie nur stumm und blies die Kerze aus.

"Danke", raunte sie und ließ sich von allen Seiten umarmen. Das genoss sie nun schon sehr viel mehr, als den großen Aufstand nur um sie. Sie war einfach nicht dafür gemacht.

Die Geburtstagsglückwünsche rieselten durch ihr Bewusstsein. Sie drückte jeden und bedankte sich, blickte den winzigen Kuchen an und war doch ganz glücklich das gerade erlebt zu haben. Dann gingen sie alle hinein.

Das Kageyamas war schon gut gefüllt und die erste Person machte sich auf der Bühne am Mikrofon zu schaffen.

Ein Tisch, genau in der Mitte des kleinen Raumes, war geschmückt mit Luftschlangen und Konfetti. Der Kuchen bekam seinen Ehrenplatz genau in der Mitte der Tischplatte und Reiju wurde an ein Kopfende gesetzt, damit sie sie alle betrachten konnten.

"Da ist ja das Geburtstagskind!", rief Kageyama plötzlich durch den ganzen Laden. Ace kicherte leise. Sein Sensei kam hinter der Theke hervor und lachte der Gruppe mit weit aufgerissenem Mund entgegen. "Alles Gute, Reiju!", reif er weiter. Reiju, die sich gerade eben erst hingesetzt hatte, erhob sich jetzt wieder und gab Ace Lehrer die Hand. "Vielen Dank", sagte sie und gab sich alle Mühe motiviert zu klingen, um nicht unhöflich zu sein. Dennoch fiel es ihm wohl auf, dass Geburtstage nicht ihre liebsten Feiertage waren.

"Na wer ist denn hier so schlecht gelaunt? Ace, du musst dich besser um diesen Gast kümmern, hörst du!" Er wandte sich zu seinem Schüler und Ace nickte eifrig. "Natürlich."

"Ach und ich habe noch was für dich, Reiju!"

Er fasste in die Tasche seiner Schürze und holte einen Partyhut hervor. Mit einem flüssigen Zug zog er ihn ihr über und lachte herzlich. "Schon viel besser. Viel Spaß euch dann noch. Ace nimmt gleich eure Bestellungen auf." Jeder bedankte sich und nickte. Dann ließen sie sich nieder.

Ace tat wie ihm befohlen und nahm die Bestellungen auf. Er aß noch mit ihnen, doch als der erste Song des Abends anlief, begann er wieder zu arbeiten.

Auf der Bühne stand jetzt ein schlanker Mittzwanziger und sang einen alten japanischen Hit.

"Das Essen ist gut wie immer", sagte Suru und legte als letzter seine Stäbchen bei Seite. Junko nickte. Dann sah sie auf die Bühne.

"Die singen aber schon noch Karaoke oder?", fragte sie. Keita nickte. "Ja, auf dem Laptop da vorn kriegen sie die Texte." "Es wirkt trotzdem irgendwie so... gut. Anders als bei normalem Karaoke." Sie ließ sich von der Performance mitreißen noch während sie sprach. Es war vielleicht keine Meisterleistung, aber allein der Fakt, dass dieser Mensch gerade dort oben stand, sang und tanzte, begeisterte sie schon. Es war Mut den sie ihm zusprach.

"Gefällt es dir so gut?", fragte Izaya nach einer Weile grinsend. "Dir nicht?", fragte sie zurück. "Doch, natürlich." "Allein dort rauf zu gehen verbraucht schon genug Energie! Dann noch aufzutreten…" "Du wirkst so, als wolltest du auch."

"Ja, Junko du sagst doch immer, du würdest gern singen", warf jetzt Reiju ein. Seit sie sie kannte hatte sie es immer mal wieder betont. "Aber singen gehört hat dich hier noch keiner", fügte sie hinzu. Junko verzog sofort das Gesicht. "Nein, nein. Ich will gar nicht da rauf!"

Lüge und das wusste sie.

"Ich respektiere nur den Mut anderer."

Weil sie sich selbst viel zu sehr schämte.

"Und was ist mit deinem Mut?", fragte Suru und nahm einen großen Schluck Wasser. Es war warm hier drin wie immer.

"Den brauche ich nicht, wenn ich nicht da hoch will." Wieder Lüge. Sie wurde ganz kleinlaut. Suru beließ es dabei. Reiju auch.

Nach dem zweiten und dritten Sänger an diesem Abend löste sich die Stimmung ein wenig. Die Menschen wurden besser und besser gelaunt und die ersten begannen aufzustehen und mit Kageyamas Erlaubnis tatsächlich inmitten des Raumes zu tanzen.

Und Junko, sie musste sich bei jedem neuen Kandidaten auf der Bühne eingestehen, dass ihr selbst viel zu sehr das Selbstvertrauen fehlte. Ihre Finger brannten, doch sie blieb sitzen. Jedes mal aufs neue blieb sie sitzen, als nach dem Nächsten gefragt wurde, welcher singen wollte.

Da aber packte Reiju sie an der Schulter.

"Komm wir tanzen", sagte sie gleichgültig und zog ihre Freundin auf die viel zu winzige Tanzfläche, die in gerader Linie zwischen Küche und Bühne verlief. Die Menschen standen einfach da und bewegten sich zur Musik, ganz gleich ob überhaupt genügend Platz da war.

"Du mit deiner 80er Musik!", rief Junko, als sie sich von Reiju durch den Raum zerren ließ, doch Reiju entgegnete nichts. Sie blieb ein Stück von ihrem Tisch entfernt stehen, ein ganzes Stück, welches sie näher zur Küche, näher zu Ace gebracht hatte, und begann zu tanzen. Sie grinste, als Junko reglos neben ihr stehen blieb.

"Komm schon!", rief sie. Wie wild fuchtelte sie mit Armen und Beinen umher. Junko war sich nicht einmal sicher, ob man das tanzen nennen konnte. Sie musste lachen. Ganz langsam schloss sie sich ihren Bewegungen an und gab sich dem Rhythmus hin, welcher den Raum erfüllte. Junkos Bewegungen, ganz im Gegensatz zu Reijus, waren geübt und flüssig. Sie schwang ihre Hüften, ihre Arme, ihr Haar und wusste genau was sie tat.

Reiju ließ sich nicht beirren und folgte weiter ihrer planlosen Tanzart. Sie wandte und drehte sich, sprang und ging in die Knie.

Wenn sie es wollte spürte sie die Musik in ihrem gesamten Körper. Sie liebte es sich einmal gedankenverloren einem fremden Takt hinzugeben.

Als sie Ace auf der anderen Seite der Theke entdeckte lachte sie auf. Er sah nicht zu ihr, doch ihr Lachen hörte er heraus.

Es klang so nah, dass er verwundert aufsah.

Sie stand nur wenige Schritte entfernt von der Küche und blickte ihm jetzt in die Augen, während sie ihren Körper nicht zur Ruhe brachte. Sie tanzte weiter, zeigte mit zwei Fingern auf ihn und zog eine verschmitzte Miene. Sie drehte sich und klebte sofort wieder mit ihren Augen an ihm. Als er lächelte, lachte sie wieder. Dann drehte sie sich zurück zu Junko und griff nach ihren Händen. Zusammen bewegten sie sich weiter zum Beat der 80er und grinsten sich breit entgegen.

"Du stehst doch auf sie", raunte Kageyama ihm plötzlich entgegen. Ace erwachte aus seiner Trance. "Wie bitte?", fragte er und tat so als hätte er die Worte seines Chefs nicht verstanden. Dieser grinste nur und stellte sich jetzt zu ihm. Er folgte seinem Blick auf die tanzende Reiju. Sie war so ausgelassen, so zwanglos.

"Du hast schon verstanden, was ich gesagt habe", antwortete er lachend und stieß seinen Schüler bei Seite. "Geh schon zu ihr. Dein Geschenk wartet doch noch."

Ace kämpfte mit seinem Gleichgewicht. Holprig blieb er stehen.

"Aber ich koche gerade."

"Weißt du", begann Kageyama und sah ihn gar nicht weiter an. Er fasste an den Griff der Pfanne und schwenkte den Inhalt mehrmals umher. "Kochen kann ich auch, mein Junge, und du läufst gerade Gefahr das ganze hier in Brand zu setzen. Geh schon."

"Ja, entschuldige Sensei…" Ace kratze sich nervös am Hinterkopf, doch Kageyama ließ es sich nicht gefallen, dass er weiter planlos da stand. "Geh schon!" Er lachte lauthals und Ace wusste, dass er nichts mehr entgegnen konnte. Also verließ er die kleine, offene Küche und griff auf dem Weg nach der kleinen Tüte, die schon den ganzen Tag lang am Eingang gewartete und unter Kageyamas Aufsicht gestanden hatte. Das kleine 'Reiju' auf dem Papieranhänger, welchen Ace als Deko an die braune Tüte geklebt hatte, war seinem Sensei den ganzen Tag schon ins Auge gefallen und nun hatte er es nicht mehr ausgehalten die liebevolle Geste unbeachtet dort stehen zu sehen.

Zufrieden sah er Ace auf Reiju zugehen. Es war der perfekte Moment. Die Musik hatte gerade wieder ausgesetzt, Junko war etwas trinken gegangen und sie selbst machte eine Pause, sie atmete schwer aber glücklich ein und aus.

Ace atmete tief ein und wieder aus. Er versuchte nicht nachzudenken, sondern einfach nur dem zu folgen, was sein Sensei von ihm erwarten würde. Er würde erwarten, dass Ace ohne Scheu mit ihr sprach.

"Kommst du kurz mit mir vor die Tür?", fragte er ohne weitere Erklärung, als er vor ihr zum stehen kam. Sanft fasste er an ihre weiche Hand.

"Sicher", sie lächelte und ließ zu, dass er sie nach draußen führte.

Es war schon kühl, aber noch immer angenehm warm für Oktober. Sie stellten sich einen Schritt neben die Tür und sahen sich an. Dann ließ Ace endlich ihr Handgelenk los. Sie fand es ein wenig amüsant, wie er sich daran geklammert hatte. Ace war nervös. Tief atmete er durch.

"Also, was gibts?", fragte sie und starrte ihn erwartungsvoll an.

"Wie ist dein Geburtstag bisher?", fragte er.

"Gut", sagte sie und lächelte.

"Hast du Spaß, Reiju?"

Sie lachte über seine ernste Miene und nickte. "Klar, mit euch habe ich immer Spaß. Wieso fragst du das?"

Endlich lachte auch er. "Das freut mich."

Dann zögerte er kurz. Er wusste nicht wie okay es war ihr tatsächlich was zu schenken. Diese Pause zwischen ihnen existierte noch immer und er wollte keine Grenzen überschreiten. Dennoch hatte er ihr dieses Geschenk jetzt nun einmal besorgt.

"Ich hab was für dich", sagte er endlich, doch sie zog die Augenbrauen zusammen. "Ich hab doch gesagt ihr sollt mir nichts kaufen."

"Naja, genau genommen ist es nicht gekauft."

Er zuckte mit den Schultern und lächelte zögerlich. Er hielt die braune Tüte in die Höhe und überreichte sie ihr.

"Damit machst du mich nur neugierig", sagte sie und öffnete vorsichtig den Klebestreifen an der Öffnung der Tüte. Dann blickte sie hinein.

"Ace, was…"

Sie griff vorsichtig nach dem Inhalt und zog ihn heraus. Mit großen Augen bewunderte sie es.

"Es ist ein Kokedama. Ich hab ihn… tatsächlich selbst gemacht." Beschämt beobachtete er wie sie die kleine bemooste Kugel aus Erde aus allen Winkeln betrachtete.

Aus dem hellen, weichen Grün ragte ein kräftiger Stamm mit winzigen unzähligen Nadeln. Er wuchs wild, aber mächtig in alle Richtungen und weitete seine Äste weit hinaus.

"Ich weiß. Ich… wollte schon immer mal einen haben."

"Er steht für Natur selbst in einem grauen Städtchen wie diesem. Damit du dich Stück für Stück wohler fühlen kannst."

Jetzt sah Reiju wieder zu ihm auf. Gerührt pressten sich ihre Lippen zusammen. Ihr Blick lag auf Ace rotem Gesicht. Er starrte auf das Kokedama.

Er hatte sich an ihre Worte von damals erinnert. An ihre Gedanken aus dem alten Wald. An den einen Tag im heißen Sommer.

Es schien jetzt wie ein völlig anderes Jahrzehnt. Ewigkeiten her von ihnen jetzt.

"Ich weiß nicht was ich sagen soll." Raunte sie und ließ ihren Blick nicht von ihm.

"Ich bin nur froh, dass es dir gefällt."

Jetzt sah er vorsichtig zu ihr. Ihr Herz füllte sich so mit Wärme, als sich ihre Blicke trafen. Sie lachte seicht. "Danke." "Gern."

"Danke, wirklich. Zu Hause hänge ich ihn sofort auf." Ace lächelte beschämt. "Keine Eile", sagte er und winkte ab, doch sie packte ihr Geschenk nur stumm und ganz vorsichtig wieder in die schmale Papiertüte und stellte sie zu Boden. Dann machte sie einen Schritt nach vorn.

Sie wollte ihn umarmen, seine Wärme in ihre übergehen spüren, doch stattdessen bewegten sich ihre Arme nicht wie sie sollten.

Reiju trat auf ihn zu, lächelte und tätschelte ihm lediglich den Arm. Was auch immer das sollte, sie versank vor seinen Augen im Boden vor Scham.

Die Berührung zu ihm war noch zu seltsam, noch viel zu unbeholfen.

Dann trennten sie sich wieder und es trat bekannte, unbändige Stille ein.

"Sollen wir dann wieder rein? Es wird ein wenig kühl", sagte sie und nahm ihr Geschenk wieder an sich. "Klar, sicher."

Er hielt ihr die Tür auf und sofort brach die Wärme des Kageyamas wieder auf sie ein.

Ace suchte sofort Augenkontakt mit Kageyama, doch dieser ignorierte ihn gekonnt. Er wollte nicht, dass er noch weiter arbeitete. Seine Schicht war vorüber, doch daran dachte Ace nicht. Als er gerade zurück an seinen Posten gehen wollte, ertönte eine altbekannte Stimme im Raum. Reiju fasst ihm an sein Shirt. "Sieh nur!", sagte sie aufgeregt und drehte sich zu ihr.

Auf der Bühne stand jetzt Junko.

Sie lächelte unsicher, doch sie wirkte nicht so. Sie wirkte selbstsicher, von sich selbst überzeugt. Sie wirkte als wüsste sie einfach nur was sie gut konnte.

Sie war so wunderschön. Wie sie da stand, voller Energie und Selbstbewusstsein.

Der enge Faltenrock legte sich seicht um ihre femininen Hüften und der kurze Cardigan mit seiner luftigen Schnürung vor der Brust legte ihren Bauch frei. Sie war anziehend. Sie hatte vor allem vor sich selbst und ihrem Körper den größten Respekt und sah mit funkelnden Augen dem entgegen was gleich geschehen würde.

Christina Aguilera ft. Demi Lovato – Fall In Line

Als sie anfing zu singen sprühte sie über.

"Ich… wusste gar nicht, dass Junko singen kann", sagte Ace doch es war ganz leise. Er wollte nicht stören bei jedem ihrer Töne.

"Das wusste keiner von uns so genau. Noch keiner hat sie je singen hören", sagte Reiju. Sie packte Ace an der Hand und suchte nach den anderen. Dann deutete sie ihm ihr zu folgen und führte ihn zu Suru, Izaya und Keita.

"Wie?", fragte Reiju sofort, doch erwartete noch keine Antwort. Viel lieber lauschte sie ihrer besten Freundin bei ihrem Auftritt.

Ihre Stimme war so gut. Viel zu gut dafür, dass sie nie zuvor wirklich gesungen hatte. Zumindest nicht, dass einer von ihnen wüsste.

Reiju fühlte sich von ihrem Auftritt so bestärkt in ihrem Bewusstsein, in dem was sie fühlte. Sie hielt noch immer Ace Hand und wollte es auch so. Ihr Inneres wollte es wirklich. Jeglicher Schmerz war über die letzten Wochen verflogen und jetzt wollte sie einfach nur seine Hand halten. Ace Hand an ihrer spüren und Junko lauschen wie sie sang und tanzte und ihr Leben so sehr zu genießen schien. Ihr langes blondes und heute extrem gelocktes Haar schwang durch die Luft und verteilte einen frischen Duft auf der Bühne. Es legte sich keine Sekunde auf ihrem schweißgebadeten Rücken nieder, Junkos Bewegungen waren zu mächtig.

"Junko!", schrie Reiju beinahe schon, als sie wieder von der Bühne kam. Sie hatte ihren Auftritt mit einem kurzem Danke schnell beendet und war von der Bühne gegangen. Ihr Gesicht war ganz rot, doch es lag keine Scham in ihm. Es war Aufregung und Hitze.

Reiju schmiss sich ihr um den Hals, drückte sie und gab ihr einen langen Kuss auf die Wange. "Du warst unglaublich!"

Ace betrachtete einen Moment die Szene in der Reiju so laut und stürmisch war, wie er sie noch nie gesehen hatte. Immer wieder lachte sie laut auf wenn sie Junko in die hellen Augen sah, während sie von Izaya, Keita und Suru erdrückt wurde. Laut lachte auch Junko jetzt. Der erste Schock war überstanden.

Ace lächelte seicht. Erst dann trat er ebenfalls zu ihr und umarmte sie das erste mal überhaupt. Junko drückte ihn fest an sich.

"Danke", wisperte sie.

"Wie kam es, dass du plötzlich… singst?!", fragte Keita aufgeregt. "Ja, du hast angeblich in der Grundschule viel gesungen, aber das durfte ja nie jemand von uns hören!"

Junko lachte etwas beklemmt auf. "Entschuldigt", sagte sie ruhig. "Es war spontan. 'Jetzt oder nie' hatte ich mir im Kopf ausgemalt. Und jetzt ist… immer besser als nie, oder?" Unsicher blickte sie jetzt in die Runde bis Keita anfing zu lachen. "Das stimmt", sagte er und stützte sich an Suru ab.

"Du warst unglaublich, Junko. Lass uns das jetzt bitte öfter hören, okay?"

Izaya trat einen Schritt zu ihr vor und grinste. Junko war in ihrem Erscheinungsbild so sehr im Zwiespalt zwischen selbstbewusst und eingeschüchtert. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte. Es hatte trotz der Spontanität ganz gut geklappt und Spaß gemacht hatte es sowieso. War es also wirklich gut gewesen?

Hatte sie das "Jetzt", ihren freien Willen, ihre Entscheidungskraft wirklich nutzen können?

"Vielleicht irgendwann", sagte sie und lächelte jetzt. Sie hatte es nur dann wirklich nutzen können, wenn sie dazu stand, wenn sie es liebte. Und das tat sie. Junko bereute nichts und fühlte sich gut damit nicht den Schwanz eingezogen zu haben. Ihr "Jetzt" war nicht verschwendet.

"Beim nächsten Musikabend im Kageyamas", korrigierte sie und grinste jetzt.

"Das macht diesen Tag wirklich besonders. Nicht mein Geburtstag", raunte Reiju in ihre Schulter hinein und Junko lachte.

"Davon gefeiert zu werden kommst du dennoch nicht los. Sieh den Auftritt als mein Geschenk an dich."

Jetzt musste sie lächeln. "Gut, das kann ich akzeptieren, wenn es nur bedeutet, dass du singen wirst."

"Das werde ich."

Der harte Boden unter seinen Füßen und das grelle Licht über seinem Scheitel. Die Hohen Decken und die Weite der Spielfelder. Der Geruch von Gummi und das Geräusch des Balles am Schläger. Die Bewegungen, der Ablauf, die Vorahnung, das Schwitzen.

All das umgab ihn, wohnte in ihm und machte ihn aus. Es war Gewöhnung und dennoch war es jedes einzelne Mal neu und besonders.

Kein einziger Schlag war gleich, keine Bewegung glich der anderen vollkommen. Es war jedes Mal ein eigenes Abenteuer, eine neue Herausforderung, etwas worauf er sich immer wieder neu einstellen und konzentrieren musste und er liebte es. Gott er liebte es so sehr. Wohin kam der nächste Schlag, wohin musste er treten, wohin am besten angreifen, um einen Punkt zu erlangen? Es war Nervenkitzel, es war Adrenalin in seinen Adern, es war ein Kick, jedes Mal aufs Neue.

Und er liebte es gut darin zu sein, hart zu arbeiten, um dann noch härter zurückzuschlagen. Es könnte niemals für ihn enden, es könnte ewig so weiter gehen für Seiya. Er würde niemals etwas anderes wollen in seinem Leben als das.

Doch das Leben zog manchmal seine eigenen Grenzen.

"Tobio!"

Seiyas Freund und Teamkollege war gerade, kurz nach ihm selbst, mit dem Training fertig geworden. Er schlenderte zur Bank und trank einen Schluck, dann sah er auf. Seiya saß auf der Bank vor ihm.

"Danke noch mal, dass du letztens zum Essen gekommen bist." Er wischte sich großzügig den Schweiß von der Stirn und blinzelte, als ihm ein Tropfen auf die Wimpern fiel.

"Das war kein Gefallen, ich hoffe das weißt du."

Tobio lachte und klopfte ihm mit der verschwitzten Hand auf seine nasse Schulter.

"Es war schön euch alle mal wieder zu sehen, also auch Ace und Ren. Außerdem hatte ich es Ace versprochen und er mir." Er grinste. "Ich hatte hinter deinem Rücken vielleicht ein kleines Abkommen mit ihm."

Seiya schüttelte den Kopf, aber lächelte.

"Es hat den beiden viel bedeutet. Hat ein wenig Routine von damals wieder rein gebracht."

Er griff jetzt ebenfalls nach seiner Flasche und leerte sie großzügig. Das Training war anstrengend gewesen, doch es nährte ihn.

In diesen Hallen fühlte er sich immer am aller wohlsten. Kein anderer Ort konnte ihm solch eine Energie schenken wie dieser. Nicht nur Energie für Badminton und das Training, nein, auch die Kraft dazu all die Dinge in seinem Leben zu bewältigen. Wenn er hier war wusste er wofür er sich anstrengte, er wusste weshalb er alles in Kauf nahm. Er wusste er wollte in seinem Leben niemals etwas anderes tun als zu spielen.

"Sollen wir dann duschen gehen?", fragte Tobio nach einem kurzen Moment in dem Seiya in Gedanken vertieft an dem Verschluss seiner Flasche herumgespielt hatte.

Er horchte auf. "Ja, lass uns gehen."

Er sammelte seine Sachen zusammen und erhob sich.

Eine schnelle Bewegung, ein verlagertes Gewicht auf dem falschen Schwerpunkt und Seiya spürte etwas, dass ihn nun schon eine Weile verfolgte. Etwas Altes, sehr gut Bekanntes. Er spürte sein Knie und das auf eine Weise, auf welche man sein Knie nicht spüren wollte. Niemals.

Er musste durch den kurzen plötzlichen Schmerz in seinem Bein etwas zu auffällig über den ersten Schritt gehumpelt sein, denn als er nun einfach weiter gehen wollte, sah Tobio ihn fragend an.

"Ist alles gut?" Er war bereits kurz davor gewesen ihm unter die Arme zu greifen, er hatte fast schon Angst gehabt er hätte stürzen können, als er sich erhoben hatte.

Seiya aber ließ sich nichts weiter anmerken und nickte. "Ja, es ist alles gut."

Doch als sie fortschritten und er nicht zu humpeln aufhörte fragte Tobio erneut bei ihm nach.

"So sieht etwas nicht aus, wenn alles gut ist", sagte er und zog seine Augenbrauen hoch. Ganz automatisch griff er ihm unter die Schulter und wollte ihn halten, doch Seiya winkte ab. "Es geht schon. Ich habe es im Training nur etwas übertrieben und jetzt sind meine Beine ganz müde."

Er lächelte seinem Freund zu und Tobio wagte es plötzlich nicht weiter etwas zu sagen.

Seiya hasste es zu lügen, allem voran wenn es darum ging Tobio eine aufzubinden, doch er konnte einfach nicht die Wahrheit sagen.

Stumm gingen sie in die Umkleiden und betraten die Duschen.

"Du hast heute beim Training wirklich alles gegeben", sagte er als sie jetzt zusammen die Sporthalle ihrer Uni verließen. "Sogar noch mehr als sonst, du wolltest gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Gibt es einen bestimmten Grund dafür?"

Seiya zuckte mit den Schultern. "Nein, muss es einen geben?"

Kopfschüttelnd gab sich Tobio zufrieden. Doch einige Schritte weiter begann er wieder zu sprechen.

"Weißt du eigentlich, dass einer meiner besten Freunde Sportmediziner ist? Sie ist ein paar Jahre älter und arbeitet hier im Krankenhaus. Sie ist wirklich gut."

Seiya wusste ganz genau, dass Tobio damit etwas anspielen wollte, doch er ignoriert es.

"Nein, das wusste ich nicht. Woher kennt ihr euch denn?"

"Wir haben uns in meinem ersten Jahr an der Uni kennengelernt. War ein riesiger Zufall, aber wir haben uns sofort gut verstanden."

Tobio ignorierte, dass er es ignorierte und sprach einfach normal weiter. "Sie ist wirklich, wirklich gut in ihrem Job", betonte er plötzlich. Seiya nickte nur. "Das freut mich für sie."

Frustriert seufzte Tobio laut auf. Den Rest ihres Weges schwiegen sie.

Seiya wusste, dass Tobio schon seit längerem etwas ahnte. Sie waren ja auch täglich mehrere Stunden zusammen und hockten andauernd aufeinander. Ab einen gewissen Punkt hatte er einfach etwas merken müssen.

Immer wieder hatte er diesen plötzlichen Schmerz in seinem Knie. Als er es das erste Mal gespürt hatte, war ihm sofort klar gewesen woran es liegen musste. Er kannte diesen Schmerz all zu gut aus alten Tagen. Doch das machte ihm am aller meisten Angst daran. Er war wieder gekehrt, obwohl sie alle so gehofft hatten er würde es nicht.

 

Seiya betrat Yukas neue eigene Wohnung inzwischen schon vollkommen selbstverständlich. Mit seinem eigenen Schlüssel öffnete er die Tür. Jedes Mal war sie schon zu Hause, wenn er vom Training kam. Er liebte es in dieses vertraute Heim zu treten, Yukas Geruch in seiner Nase wahrzunehmen und sie arbeitend an ihrem Laptop zu entdecken. Jedes mal beobachtete er sie ein oder zwei Sekunden, bevor sie ihn bemerkte. Ihr Blick war ihm nie überdrüssig, sie strahlte immer wieder, wenn er endlich ankam.

Beide lächelten als er sich ihr näherte und sich zu ihr hinunter beugte, um sie zu küssen. Ein immer wieder intensiver Willkommenskuss, der alle Stunden wett machte, die sie am Tag nicht beisammen waren. Diesmal aber war etwas anders. Sie küsste ihn nur halbherzig. Besorgt starrte sie zu ihm auf, als er sein Gesicht von ihrem wieder entfernte.

"Du humpelst", stellte sie fest.

"Nur ein klein wenig. Das Training war anstrengend."

Zweifelnd zog sie die Brauen hoch.

"Lüg mich nicht an, Seiya."

Er stellte sich wieder auf und zog seine Jacke von seinen Schultern, dann seufzte er.

"Ich habe nicht mit Miyamoto sprechen können. Ich habe es einfach nicht tun können."

Er sah nicht zu ihr als er sprach.

Yuka klappte jetzt ihren Laptop zu und zog sich die Brille von der Nase. Dann stand sie auf. Seiya war in die Küche geflüchtet, doch so einfach würde er ihr nicht entkommen.

"Du musst mit ihm reden. Früher oder später wirst du es müssen. Er wird dir sicher helfen können."

Seiya sah nicht zu ihr als sie den kleinen Raum betrat. Er öffnete den Kühlschrank und schloss ihn wieder. Eigentlich war ihm gar nicht nach essen zu mute. Also holte er sich ein Glas aus dem Küchenschrank und schüttete sich Wasser ein.

"Willst du auch?", fragte er doch sie schüttelte den Kopf. Seine Bewegungen schienen fast schon manisch. Er dachte nicht nach.

"Seiya. Er wird dir helfen wollen", grub sie weiter.

"Helfen, ja?", reagierte er endlich darauf und seine Stimme war ruhig. Ruhig aber auch genau so kalt. Er klang irgendwie verbittert. "Mit einem spezialisierten Arzt? Dem Besten aus der Branche? Dem Besten aus ganz Japan?", fragte er und es klang wie ein Vorwurf. Nicht gegen sie, vielleicht gegen sich selbst.

"Mal ganz abgesehen davon, dass ich den Besten niemals bezahlen könnte, kann ich mir schon ziemlich gut vorstellen was er mir sagen würde."

Er sprach jetzt so fest und mit einem solchen Nachdruck, dass es Yuka beinahe schmerzte. Dann stellte er sein Glas wieder ganz ruhig in die Spüle und humpelte an ihr vorbei zurück in das Wohnzimmer, um erneut vor ihr zu fliehen.

Einen Moment blieb sie noch stehen. Sie wollte sich nicht regen, nicht weiter das Thema in ihrem Kopfe mit sich tragen.

Leise tropfte der Wasserhahn.

Stumm ging sie zum Waschbecken und zog ihn mit einem kräftigen Handgriff zu.

Sie wollte nicht, es war zu schmerzhaft. Doch Seiya war der Mensch, welcher jetzt gerade litt, nicht sie. Er wollte all das hier am aller wenigstens, nur war es ihm nicht möglich davon zu rennen.

Als sie den kleinen, vom dunklen Licht ganz trüben Raum betrat, saß er auf dem Sofa. Endlich saß er mal.

Er war dabei seine Sporthose hoch zu krempeln und verzog bei jeder Bewegung das Gesicht. Tiefrot und geschwollen kam sein rechtes Knie unter dem schwarzen Stoff zum Vorschein und unterstrich jedes seiner Worte. Zog eine dicke Linie unter seine Gedanken.

"Du bist einfach unglaublich", raunte sie. Stumm begann sie vor ihm auf und ab zu laufen. Sie wusste er würde nicht reden, doch es machte sie fassungslos. Seiya so zu sehen schmerzte sie immer wieder, noch viel mehr als sie je erwartet hatte. Es war nicht nur der Fakt, dass er unter diesen Schmerzen litt. Viel mehr war es, dass ihm entgleiten könnte was er liebte. Sie wusste er wollte nicht reden, weil er genau vor Augen hatte was geschehen würde. Er würde verlieren wofür er sein ganzes Leben lang geschuftet, wofür er immer alles gegeben, wofür er überhaupt gelebt hatte. Er wusste es und deswegen wollte er nicht reden.

"Tut es sehr weh?", fragte sie nachdem sie eine Weile stumm den Raum abgelaufen hatte. Er nickte wortlos.

"Du hast es heute wirklich übertrieben."

Sie drehte ihm den Rücken zu und betrat wieder die stickige Küche. Dieses düstere Licht überall machte sie heute zum aller ersten mal total wahnsinnig. Leise seufzte Seiya hinter ihr schwer auf.

Als sie ein Kühlpack aus dem Gefrierfach holte, musste sie daran denken wie viele sie sich inzwischen davon zugelegt hatte. Täglich legte sie eines ganz frisch in das Fach hinein, einfach nur für den Fall der Fälle, denn dieser Fall wurde immer häufiger.

"Es macht keinen Unterschied mehr", wisperte er, als sie wieder zu ihm trat.

Sie kniete sich neben das Sofa und platzierte endlich das rettende Kühl auf seinem Knie. "Leg das Bein ruhig hoch", raunte sie und ignorierte seine Worte, doch er schüttelte den Kopf. "Gebeugt tut es weniger weh." Sie nickte und spürte wie das Kondenswasser ihre Finger runterrann. Kleine Rinnsale des Schmerzes überzogen sie. Sie erschauderte.

"Die Ärzte hatten mir damals vor drei Jahren schon gesagt, dass ich darüber nachdenken sollte aufzuhören so intensiv zu spielen, aber ich hab mich geweigert. Und jetzt wo der Schmerz wiederkehrt weiß ich einfach, dass es das Ende sein wird." Er beobachtete wie Yuka ganz sanft das Kühlpack an seine Haut hielt. Er spürte das Ziehen der Kälte, aber noch viel mehr spürte er wie sein Knie gänzlich am Ende war.

"Ich hab es dir doch erzählt gehabt, mein Meniskus ist bereits einmal gerissen. Es war kein komplizierter oder gravierender Riss, aber als Profisportler ist alles was dir körperlich passiert ein nahendes Ende von allem. Ich hab das schon einmal durchgemacht und ich weiß, dass mein Körper kein weiteres Mal mitmachen wird. Ich brauche keinen weiteren Arzt, keine Hilfe von Miyamoto. Ich muss aufhören. Ich muss weil ich sonst vielleicht nicht mehr richtig…"

Er brach ab. Yukas Finger um das blaue Päckchen verkrampften sich. Fest kniff sie ihre Augen zusammen. Sie wollte am liebsten nicht mehr hier sein, nichts mehr darüber hören, wollte sein Leid nicht mehr sehen. Wollte nicht mehr, dass es auf sie überging, als sie plötzlich bemerkte wie er anfing zu weinen. Endlich weinte er und sie wollte es auch. Ihr war so sehr zum weinen zu mute.

"Seiya…", flüsterte sie und zog ihre Hände wieder zu sich. Dann stand sie auf und legte sanft ihre Arme um ihn. Umfasste seinen Kopf, vergrub ihre Hände in seinen Haaren und presste ihn fest gegen ihre Brust. Endlich gab sie ihm den Zuspruch den er brauchte, zu dem sie bisher jedoch viel zu schwach gewesen war. Wieso nur schmerzte sie es auch so sehr. Sie wollte die Starke für ihn sein, die die einen kühlen Kopf behielt. Sie wollte diejenige sein, die die wichtigen Entscheidungen traf. Während er neben ihr weinte wollte sie sein Fels in der Brandung sein, doch das konnte sie nicht. Sie war zu schwach.

Mit einem tiefen und schmerzlichen Schluchzen fing auch sie jetzt zu weinen an.

Mit kräftigen Armen umschloss sie seinen Oberkörper und weinte in seine Schulter, während er es in ihre tat.

"Hör doch zu weinen auf", raunte er nach einer Weile und sein Atem zitterte heftig.

"Hör du doch auf", entgegnete sie schluchzend. Er lächelte.

"Es tut mir leid, Yuka."

Sie drückte ihn noch einmal fest an sich und löste sich dann von ihm. Sie blickte in sein von Tränen getränktes Gesicht. Es war nass und seine Augen ganz rot. Er sah fürchterlich aus. Es brach ihr erneut das Herz.

"Was denn bitte?", fragte sie und sah ihn auffordernd an. "Was soll dir leid tun?"

Er erwiderte ihren Blick nur ganz vorsichtig.

"Ich werde alles aufgeben müssen. Ich werde mir einen neuen Studiengang suchen müssen. Ich werde wieder bei eins anfangen müssen und nichts werde ich auf die Reihe kriegen. Ich weiß ja nicht mal was ich jetzt noch studieren sollte. Vielleicht breche ich auch ganz ab. Vielleicht werde ich einfach Kellner oder werde zu einem verbitterten Trainer, der all seine agilen Schüler hasst? Und dann passe ich sicher nicht mehr an deine Seite. Diesen Weg wirst du nicht sehen wollen."

Yuka starrte ihn an. Wut stieg in ihr auf.

"Was soll das bitte heißen? Dass ich dich einfach ziehen lassen soll?"

"Nein, ich… Yuka wir."

"Nein!" Sie stand auf und wandte sich von ihm ab. Sie kochte, sie weinte. Sie spürte alles auf einmal. Doch einer Sache war sie sich sicher. Sie mochte vielleicht nicht sein Fels in der Brandung sein, doch wenigstens würde sie jetzt nicht fliehen. Sie würde nicht davon gehen.

Mit zitternden Schultern stand sie da und drehte sich jetzt wieder zu Seiya zurück.

"Selbst wenn du unter der Brücke landen solltest", begann sie plötzlich und ihre Stimme war furchtbar laut. Heiße Tränen liefen ihr die Wangen runter. Sie schniefte. "Selbst dann wirst du mich gefälligst nicht dazu bringen dich zu verlassen. Egal was passiert, Seiya, hörst du, egal was passiert, ich werde an deiner Seite sein."

Sie ließ jede Träne einfach ihren Weg finden und ihren Hals runter fließen. Seiya seufzte.

"Komm wieder her", sagte er und starrte sie an.

"Jetzt komm schon wieder her." Er lachte. Er lachte, weil er sonst nicht mehr wusste was er anderes tun sollte.

Stumm setzte sie sich wieder zu ihm und er legte ihr seine Arme um den Körper. Sie erwiderte es sofort.

"Ich liebe dich", raunte er.

"Ich liebe dich", raunte sie zurück.

Es verging eine Ewigkeit. Für Yuka waren es ewige Minuten, vielleicht Stunden, in denen sie still beieinander saßen und weinten.

Es war bereits sieben Uhr, als Seiya wieder etwa sagte.

"Ich muss nach Hause." Das waren seine Worte, aber bewegen tat er sich nicht.

Yuka sah zu ihm auf.

"Sicher, dass du gehen willst?", fragte sie.

"Ich muss."

Er regte sich unter dem Gewicht ihrer Körpers und deutete ihr aufzustehen. Still hob er das inzwischen schon wieder warme Kühlpack von seinem Knie und zog vorsichtig das Hosenbein herunter. Dann stützte er sich am Couchtisch ab und zog sich auf die Beine.

Sein Blick suchte den Raum ab und machte seine Jacke ausfindig. Wortlos ging er hin. Sein Humpeln war jetzt weniger auffällig, doch es war noch da.

"Willst du heute nicht lieber hier bleiben? Dein Knie es… sieht noch immer schlimm aus."

Seiya griff nach seiner Jacke und zog sie sich über. Er blickte sie an.

"Yuka, du weißt ich muss gehen."

Sie nickte und sah zu Boden. "Ja... das weiß ich.“

Sie winkte ab und lächelte zaghaft, als sie wieder aufsah. Er machte sich gerade wieder auf den Weg zu ihr. Er humpelte unermüdlich.

"Es tut mir so leid, Yuka." Er seufzte und setzte sich wieder zu ihr. Vorsichtig griff er ihr mit beiden Händen an ihre Wangen. Sie sollte ihn ganz genau ansehen müssen.

"Ich weiß du hast dir das immer anders vorgestellt. Du hast dir alles was in den letzten anderthalb Jahren passiert ist ganz anders gewünscht. Es ist nicht so, dass ich es nicht auch will. Ich will, ich würde so gern mit dir zusammen ziehen, würde so gern an deiner Seite an meiner Karriere arbeiten, aber es geht nicht. Es geht nun so vieles nicht mehr."

Sie schluckte und befreite sich aus seinem Griff. Sie küsste ihn zart und nickte verständnisvoll. Ihre Stirn lehnte gegen seine. "Ich weiß. Ich liebe dich, Seiya."

Er küsste sie erneut und erhob sich dann.

"Ich muss jetzt wirklich gehen."

"Gut, dann lass mich dich wenigstens fahren."

 

Tobio stieß gerade die schwere Tür zum Wohnheim auf, als er Seiya entdeckte.

Laut fiel sie hinter ihm wieder ins Schloss.

"Was ist los?", fragte er, als er ihn dort sitzen sah. Er begrüßte ihn nicht einmal. Auch Seiya sah von dieser Förmlichkeit ab. Er hockte auf den Steinen im Eingangsbereich und hatte die Ellenbogen auf seine Knie gestützt.

"Die Freundin von dir. Die Ärztin." Sein Blick war tief. Es war bedeutsam. Tobio nickte.

"Ich weiß, dass sie mir nicht geben kann, was ich will." Tobio öffnete seinen Mund, doch er kam nicht dazu ihm zu widersprechen. Er schaffte es nicht. Seiyas Blick war zu intensiv.

"Aber dennoch… ich brauche Hilfe."

Seiyas Gegenüber horchte still seinen zitternden Worten, dann nickte er. Endlich sprach Seiya seine Bitte aus.

"Würde sie sich mein Knie ansehen?"

Als er aufwachte kratzte sein Hals. Sein Bauch schmerzte höllisch. An nichts von den letzten Stunden konnte er sich erinnern. Er wusste noch wie er zu Hause gewesen war, dann im Krankenhaus. Irgendwann war er in diesem Bett schon einmal aufgewacht, doch er konnte nicht einschätzen wie lang das her war. Es war dunkel, wahrscheinlich mitten in der Nacht.

Als er langsam den Kopf zu Seite wandte saß dort Seiya neben seinem Bett. Er schlief und sah dennoch unendlich fertig aus. Die tiefe Sorgenfalte zwischen seinen Augenbrauen ließ ihn grimmig wirken.

Ach, richtig. Da fiel ihm wieder ein weshalb er hier war. Er hatte ja eine Blinddarm OP hinter sich.

Das Wort lag nur vage und bleiern in seinem Kopf und er konnte es nicht richtig greifen, doch es erklärte seine Schmerzen.

Langsam wandte er seinen Kopf wieder zurück. Seine Gedanken wogen schwer in seinem Körper. Alles war irgendwie langsamer und dennoch viel mühsamer zu fassen.

Schwer atmete er aus als Seiya ein leises Stöhnen von sich gab. Seiya.

Vorsichtig griff er nach dem kleinen Beistelltisch neben seinem Bett und erfühlte zu seinem Erleichtern sein Handy auf der glatten Oberfläche. Er zog es zu sich und bezahlte dafür mit einem stechenden Schmerz in seinem Bauch. Behutsam atmete er auf und ließ ihn ziehen. Dann war wieder nur noch der allgemeine dumpfe Schmerz da. Er schaute auf sein Handy. Der Akku war beinahe leer, doch er würde noch reichen. Auf die Uhrzeit blickte er nicht. Dann wählte er ihre Nummer.

 

Reiju schlief schon längst als ihr Handy mitten in der Nacht anfing heftig zu vibrieren. Unruhig wurde sie wach und blickte verschlafen auf das Display. Es war drei Uhr morgens und der Anrufer war Ace.

Verwundert nahm sie ab und legte sich etwas ungelenk das Handy an ihr Ohr. Sie hatte eigentlich nicht damit gerechnet so schnell von ihm zu hören. Ren hatte Kisumi und damit auch sie und die ganze Gruppe damit auf dem laufenden gehalten, was geschehen war.

Nachdem Ace schon einen Tag lang unter Bauchschmerzen gelitten hatte und von Kageyama von der Arbeit nach Hause geschickt worden war, wurde er gestern in der früh operiert. Ren hatte gesagt er hätte danach den ganzen Tag geschlafen. Anscheinend bis jetzt.

"Hallo", sagte sie vorsichtig. Sie hörte nur Ace lauten Atem am anderen Ende der Leitung.

"Reiju", sagte er dann. Seine Stimme klang kratzig und heiser. Er klang müde, vielleicht ein wenig schwach.

"Wie geht es dir Ace?", fragte sie, als er nicht weiter sprach. Er ließ sich eine Weile Zeit.

"Mir geht es gut", sagte er. Sie nickte ungläubig.

"Aber Seiya. Ihm geht es nicht gut."

Er hatte sich von seinem Bruder an seiner Seite weggedreht und sprach in die dunkle Stille hinein. Verwirrt zog Reiju die Augenbrauen zusammen. Sprach er wirres Zeug?

"Was meinst du?"

"Er wird… nie wieder Badminton spielen."

Das flüsterte er nur noch. Sie konnte nicht sagen, ob es daran lag, dass er nicht wollte, dass es jemand hörte, oder aber daran, dass ihn lautes sprechen zu sehr schmerzte.

"Ace, was redest du?"

"Sein Knie, Reiju."

Verwirrt horchte sie seinem Atem. Sie wollte nicht erneut danach fragen was er meinte, auch wenn sie es wirklich nicht wusste. Sprach er die Wahrheit oder war es die vorbeigezogene Narkose, die noch an Überhand gewann?

Plötzlich gähnte er. Es war lang und ausgiebig und wurde hart von einem kleinen Geräusch des Schmerzes aus seiner Kehle unterbrochen.

Sie sagten beide nichts mehr. Es war still.

Dennoch blieb Reiju dran und hörte wie sein angestrengter Atem nach einer Weile wieder ruhig und gleichmäßig wurde und er wohl eingeschlafen war. Erst dann legte sie auf.

Ohne zu wissen was sie denken sollte, legte sie ihr Handy wieder bei Seite. Wenigstens schlief er jetzt wieder. Dennoch würde sie seine Worte nicht aus dem Kopf bekommen. Sie konnte einfach nicht einschätzen, wie ernst es ihm damit gewesen war. Was sollte das bedeuten, Seiyas Knie und, dass er nie wieder spielen wird. Sie wollte es sich nicht vorstellen. Es war doch seine Karriere, sein Leben. Plötzlich fühlte sie sich hellwach und spann ihre Gedanken immer weiter. Bis in die dunkelsten Ecken ihres Kopfes hinein. Bis sie dann irgendwann doch noch ihren Schlaf fand.

 

Der Anruf war drei Tage her, als Reiju und die anderen Ace im Krankenhaus besuchen kamen. Es war ihm nach der OP nicht sonderlich gut gegangenen, weshalb er es ein wenig aufgeschoben hatte und sie alle waren froh, dass er ehrlich zu ihnen gewesen war. Umso mehr freuten sie sich nun darauf ihn endlich wieder zu sehen.

Dennoch, Reiju fühlte sich irgendwie unbehaglich in dem Krankenzimmer. Es lag nicht an Ace. Nein, viel mehr lag es daran, dass Seiya auf dem Stuhl in der Ecke des Zimmers saß und seinen Bruder nicht aus den Augen ließ.

Sie musste immer wieder an Ace Worte denken. Waren sie wahr gewesen?

Seiya saß so seelenruhig da und beobachtete die sechs in stiller Harmonie. Doch ob in ihm selbst ein Sturm wütete konnte sie nicht sagen und Ace wollte sie auch nicht fragen. Er sah fertig aus, fahl und müde, aber gerade wirkte er auch so verdammt glücklich. Er freute sich so sehr, dass sie alle da waren. Sie wollte es ihm nicht nehmen. Erinnerte er sich überhaupt an den Anruf?

"Du fehlst echt in der Schule", sagte Keita und seufzte tief. "Neben einem leeren Stuhl zu sitzen ist frustrierend."

Ace musste lächeln. "Nicht mehr lang, dann kann ich endlich wieder kommen."

"Wie geht es dir heute denn?", fragte dann Suru. Er saß auf der Bettkante und spürte Junkos Hand auf seiner Schulter. Er blickte Ace an. Er war ein wenig blass.

"Es geht mir gut", antwortete er ohne zu zögern. "Ach ja?", machte Junko nur und er musste lachen. Ein schmerzendes Ziehen in seinem Bauch war die Rückzahlung. Er zuckte zusammen und kniff die Augen zu. Als er wieder zu Junko aufsah grinste er geschlagen.

"Den Umständen entsprechend gut, versteht sich." Sie grinste. "Das freut mich."

"Wir haben dir sogar was mitgebracht", sagte Izaya dann und griff in die große Sporttasche, die über seiner Schulter hing.

"Stimmt!", kommentierte Keita weiter. "Du darfst ja noch nicht alles essen, also sind es leider keine Süßigkeiten."

Ace lächelte und beobachtete Izayas Bewegungen. "Egal was es ist, ich werde es lieben."

Im nächsten Moment hatte Ace ein kleines Kissen auf dem Schoß. Eines in der Form einer lodernden Flamme. Verwundert sah er auf.

"Ich hab es gesehen und musste sofort an dich denken", sagte Keita. "Die anderen hatte ich dann schnell überzeugt."

"Eine Flamme?"

"Du weißt schon, weil du Koch bist und so." Keita zuckte mit den Schultern und Junko musste lachen. "Natürlich", sagte sie sarkastisch und starrte dem rotorangen Kissen entgegen. Ace lachte, stockte in seinem Schmerz und lachte wieder.

"Außerdem sind Kissen immer praktisch, wenn man so bettlägerig sein muss wie du", warf Suru schnell ein und zog das Geschenk schnell zurück auf ein nützliches Level.

"Danke, Leute", sagte Ace also. "Ich wünschte ich könnte euch alle drücken, aber das Lachen allein überfordert mich schon." Er lächelte. "Aber danke, wirklich."

Suru klopfte ihm sanft auf das Bein. Es war eingepackt in der Krankenhausdecke, dumpf kam die Berührung bei ihm an. Keita beugte sich vor und fasste ihm ganz vorsichtig an die Schultern. "Da hast du deine Umarmung." Grinsend betrachtete er Ace fröhliches Nicken.

Da erhob sich Seiya plötzlich.

"Entschuldigt, ich will euch nicht stören", sagte er und trat an das Bett heran. Er blickte in Ace dunkle Augen. Jeder sah ihn an.

"Alles gut, was ist los?", fragte Ace.

"Ich muss jetzt los. Ich bin schon etwas spät dran." Er fasste an Ace Arm und drückte ihn. "Kann ich dich für eine Stunde allein lassen?"

Ace nickte. "Klar." Er wusste wo Seiya hin musste. Er musste auf jeden Fall gehen.

"Mach dir keine Sorgen um mich, ich hab ja Gesellschaft."

"Genau. Geh ruhig und ruhe dich etwas aus, Seiya. Wir kümmern uns um Ace!", sagte Keita hoch motiviert und grinste breit. Seiya lachte holprig. "Danke", sagte er und etwas nicht ganz deutbares lag in seinem Blick.

"Wir lassen Ace keine Sekunde aus den Augen", fügte Suru nach einem kurzen Blick auf ihn hinzu. Seiya nickte, dann sah er rüber zu Reiju. Sie hielt seinen Augenkontakt nicht, doch sie nickte.

"Dann lass ich euch jetzt mal allein. Bis später, Ace." Er lächelte allen entgegen und ging dann.

 

Reijus Blick hatte ihn für eine Sekunde verunsichert. Sie hatte ihm nicht in die Augen sehen können, als wollte sie ihm etwas verschweigen, als wollte sie verheimlichen was ihre Augen unumgänglich ausgesagt hätten. Ace musste es ihr erzählt haben.

Er seufzte als er den Flur entlang zum Aufzug ging. Sein Bestimmungsort lag im gleichen Gebäude, in genau diesem Krankenhaus. Nur einige Stationen weiter.

Er betätigte den Knopf und wartete.

Je länger er brauchte desto schneller schlug sein Herz. Ganz plötzlich war er endlos nervös.

Er wusste, was der Termin heute bedeuten würde, doch was genau herauskommen würde wusste er nicht.

Der Aufzug öffnete sich und er stieg ein.

Nur ganz langsam schlossen sich die Türen wieder und er machte sich allein auf den Weg in die oberen Stockwerke.

Als er wieder ausstieg sah er den Flur herab. Dieses Gebäude war so unendlich groß und wirkte für ihn immer irgendwie bedrohlich. Es war kalt, steril und ungemütlich. Er hatte zu wenige gute Erinnerungen an diesen Ort.

Tief atmete er ein und machte sich auf den Weg. Kagura würde sicher schon auf ihn warten.

Mit schlagendem Puls in seiner Kehle fand er den richtigen Flur doch er fand noch sehr viel mehr.

"Tobio! Du bist… gekommen."

Sein Freund lehnte an der Wand neben der Tür, die wahrscheinlich Seiyas Endstation bedeuten würde und starrte zu ihm rüber. Er lächelte, als er ihn entdeckte.

"Na sicher!", rief er. Er drückte Seiya fest an sich, als er an ihn heran trat. "Wie geht es dir?"

Seiya zuckte mit den Schultern. "Ich bin nervös." Tobio nickte. "Ich auch", sagte er. "Aber das wird, da bin ich mir sicher. Sollen wir rein gehen."

Seiya atmete tief ein und wieder aus. Für einen Moment schloss er die Augen. Jetzt würde es also ernst werden. Wenn er durch diese Tür trat, würde es Realität, es würde besiedelt.

"Ich bin so froh, dass du da bist", sagte er und öffnete nur ganz langsam wieder seine Augen. Tobio lächelte sanft. "Natürlich bin ich das."

"Also, lass uns gehen."

Tobio öffnete die Glastür und Sie traten ein.

Eine schwarzhaarige Frau, nur wenige Jahre älter als sie, saß hinter einem schweren Holztisch und sah sich Akten an. Seine Akten. Seiya hatte diese Frau in der letzten Zeit viel zu gut kennen gelernt.

Als sie die Tür hörte sah sie auf. Sie hatte ein breites und freundliches Lächeln.

Tobio erstrahlte für einen Moment.

"Guten Tag. Da bist du ja endlich", sie grinste neckisch. "Und du auch! Lange nicht gesehen, Tobio. Freut mich, mal wieder dein blasses Gesicht zu sehen." Er lachte. "Kann ich nur zurück geben." Sie stand auf und umarmte ihn. Dann gab sie Ace höflich die Hand.

"Wünschte nur es wäre unter besseren Umständen passiert", ergänze er noch.

Sie deutete auf die drei Sessel vor ihrem Tisch und setzte sich auf einen von ihnen. "Ich habe gesagt, komm mich besuchen", sagte sie und zuckte mit den Schultern. Dann griff sie wieder nach den Akten. Sie grinste noch, doch jetzt tat sie es nicht mehr.

"Also, Seiya?" Seiya nickte bei seinem Namen und blickte sie an. Sie trug ihre Haare offen auf ihren Schultern, unter ihrem weißen Kittel zeigte sich eine strenge, blaue Bluse. Sie war hübsch. "Wie geht es dir heute?"

Er überlegte eine Sekunde. Am liebsten hätte er nur mit den Schultern gezuckt. "Es geht. Gut denke ich. Seit ich nicht mehr spiele hat es nicht mehr so schlimm weh getan." Er sah sie an, doch sein Blick lag fern. Kagura ignorierte es. "Das hört sich doch gut an", sagte sie. "Also, ich habe alle-"

"Seiya!"

Eine helle Frauenstimme unterbrach die Worte der Ärztin. Yuka kam hineingestürmt und atmete schwer. Ihr lag eine Schweißperle auf der Stirn, ihre Jacke war ihr von einer Schulter gerutscht.

"Yuka?", fragte Seiya verwundert, als er sie schnaufend im Türrahmen stehen sah. Sie räusperte sich, erhob ihre Haltung, zog ihre Jacke wieder auf ihre Schulter und richtete ihr Haar. Dann trat sich einige Schritte vor und schloss die Tür.

"Da bist du ja, Yuka", sagte Kagura und lächelte sanft. Keiner störte sich an ihrem Auftritt, keiner außer Seiya. "Was machst du hier? Du musst doch arbeiten."

Noch immer atmete sie schwer, doch sie beruhigte sich.

"Ich habe mir frei genommen. Ich konnte unmöglich fehlen."

Kagura nickte. Yukas Blick ging rüber zu Tobio.

"Schön, dass du auch da bist", sagte sie und stellte sich zu ihnen. Sanft legte sie ihre Hände auf Seiyas Schultern und strich ihm über den Rücken. "Ich hoffe ich bin nicht zu spät." Sie ignorierte seinen Blick auf ihr, der sagte, dass sie nicht hätte kommen brauchen, doch das stimmte nicht. Sie hatte kommen müssen, egal was war.

"Willst du dich setzten?", fragte er dann, als er bemerkte wie sie ihn ignorierte. "Du bleibst gefälligst sitzen!", sagte sie nur und lehnte auch Tobios Angebot ab. Sie wollte ganz nah an Seiyas Seite sein können.

"Na gut", begann Kagura dann wieder.

"Wir haben uns ja nun schon ein paar Mal gesehen. Es ist eine Weile vergangen, seit wir die ersten Untersuchungen gemacht haben und…"

Tobio nickte, Yuka hörte angespannt zu, nur Seiya blickte zu Boden.

"Seiya es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht viel für dich tun, denke ich."

Er krampfte seine Hände ineinander, doch er sah jetzt auf. Er hatte vollsten Respekt vor Kagura und den wollte er ihr nicht nehmen.

"Wir müssen dich operieren. Danach wirst du, sehr wahrscheinlich, ein langes schmerzfreies Leben führen, aber den Badminton musst du aufgeben."

Sie erkannte ein Zucken in seinem Gesicht. Seine Hände entwirrten sich nicht. Dann nickte er.

"Das habe ich mir schon gedacht. Ich wusste es schon im Vorhinein."

"Es tut mir wirklich leid." Er nickte wieder.

Seiya spürte Yukas Hand auf seinem Rücken, wie sie unermüdlich auf und ab ging, als wolle sie die gehörte Nachricht sofort wieder verschwinden lassen. Ihre andere Hand auf seiner Schulter wurde kräftiger in ihrem Griff.

Tobio seufzte. "Wirklich gänzlich?", fragte er.

"Ich fürchte schon." Kaguras Stimme war sanft und ruhig, aber auch bestimmt. Sie wusste ihre Meinung durchzusetzen.

"Aber nach der OP müsste doch alles wieder gut sein. Wieso kann er dann nicht wieder anfangen?"

"Tobio." Seiya unterbrach ihn. "Es ist okay. Bitte hör auf."

Mit großen Augen sah Tobio ihn an. "Aber-"

"Das Risiko ist zu groß. Sein Meniskus ist bereits vorgeschädigt. Der menschliche Körper ist nicht unendlich regenerierbar, ganz im Gegenteil."

Tobio schnaufte und ließ seinen Blick wieder von Seiya ab. Er konnte es nicht glauben.

"Ich gebe dir einen Termin im Januar, früher geht es leider nicht." Sie machte eine Notiz in ihrem Tablet. "Das ist mehr als ich erwarten könnte. Danke", antwortete Seiya höflich.

"Und ich verschreibe dir Schmerzmittel." Sie machte ein kurze Pause. "Ich bin sicher, dass du sie brauchen wirst." Er nickte.

"Am wichtigsten aber ist es, dass du auf mich hörst. Du musst mir zuhören, wenn ich sage, dass du keinen Badminton mehr spielen darfst. Kein Sport allgemein für die nächsten Monate. Du schonst dich ab sofort gänzlich, hörst du?"

Lange lag ihr Blick in seinem. Ein stiller und ewiger Austausch, den Seiya nur verlieren konnte. Dann nickte er geschlagen und sah wieder runter auf seine Hände.

"Ich werde auf ihn achten", sagte Yuka schnell. "Wenn etwas sein sollte, kommt wieder", beendete Kagura damit ihre Rede und druckte das kleine Rezept aus. Sie stand auf, holte es aus dem Drucker und unterschrieb es. Dann hielt sie es Seiya hin. Yuka nahm es entgegen.

"Danke, Kagura. Für alles." Seiya erhob sich und hielt ihr die Hand hin. "Ich weiß du hast dein bestes gegeben. Mehr darf ich nicht erwarten." Jetzt plötzlich zeigte sich Traurigkeit in ihrem Blick. Endlich ließ sie es hinaus. Sie hatten viele Tage zusammen verbracht, hatten geredet und Witze gemacht, hatten ignoriert worum es hier gerade ging. Sie kannte Tobio jetzt schon ein paar Jahre und hatte ihre Freundin die auf der selben Uni wie sie beide auch Badminton spielte. Sie kannte die Welt des Sports von beiden Seiten, medizinisch als auch menschlich. Sie kannte den Schmerz und den Abschied, sie kannte die Nachwirkungen. Sie hoffte so, dass es Seiya gut gehen würde.

Sie trat einen Schritt vor und umarmte ihn.

"Ich wünsche dir nur das Beste. Bitte erhole dich." Er nickte stumm und trat zur Tür. Yuka und Tobio verabschiedeten sich ebenfalls und folgten ihm dann.

"Danke für alles", sagte Yuka noch, dann gingen sie.

 

Als Ace nur wenige Tage später entlassen wurde erwartete ihn nicht nur Seiya im Türrahmen seines Krankenzimmers.

"Na, Ace. Bereit nach Hause zu kommen?", fragte Tobio und trug ein breites Grinsen im Gesicht.

"Was machst du denn hier?", fragte er perplex. Seiya strich ihm sanft durchs Haar und griff nach seiner Tasche. Es war schon alles erledigt und gepackt. Sie mussten dieses Gebäude nur noch verlassen.

"Der hängt schon seit Tagen bei uns zu Hause rum und will nicht mehr gehen!", rief Ren. Lachend stützte Tobio seine Hand auf den Kopf des Jungen und wuschelte durch sein Haar. "Bisher hast du dich aber nicht beschwert, wenn ich den Abwasch gemacht habe." Er zwinkerte Ren entgegen und dieser grinste jetzt. "Ja, zugegeben, du bist ganz nützlich."

Sie lachten und Ace tat es auch, auch wenn es ihn noch immer schmerzte.

"Alles gut?", fragte Seiya, während Ren und Tobio im Hintergrund weiter herumalberten.

Er nickte. "Es geht schon."

Seiya reichte seinem Bruder die Jacke und half ihm hinein, dann übergab er ihm seine Schuhe.

"Tobio ist viel bei uns zu Hause?", fragte Ace und quälte sich ein wenig ab, doch es funktionierte. Seiya nickte. "Ja, er ist ständig da, vor allem wenn ich es nicht bin. Er hat auf Ren aufgepasst als ich hier war oder auf der Arbeit." Ace nickte. "Einen anderen Grund hat es nicht? Er war vorher schon häufig bei uns."

Ace Bruder lächelte geschlagen. "Er achtet auf mich. Geht sicher, dass ich nicht mehr spiele. Passt auf, dass ich mein Knie nicht überlaste."

"Ich bin froh", sagte Ace dann und stand auf. Seine Schuhe waren noch offen, aber er hatte es hineingeschafft. "Worüber denn?"

Seiya kniete sich hin und schnürte ihm wortlos die Sportschuhe zu. "Dass du Hilfe hast. Ich bin froh, dass du nicht alleine bist."

Verwundert sah er jetzt hoch zu ihm, dann stand er auf. Er drückte Ace einen Moment und nickte dann Richtung Tür. Er legte ihm stützend den Arm um die Schultern und sie begannen zu gehen.

"Ich bin es auch. Vor allem aber bin ich froh euch zu haben."

Bei den Worten musste Ace lachen und bereute es erneut, doch dann lachte er wieder.

"Was ist so lustig daran?", fragte Seiya und lächelte über seinen strahlenden Gesichtsausdruck. Ace aber schüttelte nur den Kopf.

Zusammen fuhren sie zu ihnen nach Hause und Ace war einfach nur froh endlich wieder hier zu sein. In die Schule gehen konnte er noch nicht, doch wenigstens war er in seinem eigenen Zimmer, in seinem eigenen Bett und konnte Besuch empfangen wann immer er es wollte. Alleine aber war er sowieso nie. Tobio wollte tatsächlich nicht mehr gehen. Er war schon vorher ganz plötzlich öfters bei ihnen gewesen, doch jetzt kam er früh und ging spät. Vor allem, wenn Seiya bei der Arbeit war oder beim Arzt. Ganz wie seine Brüder es erzählt hatten. Nicht mal Yuka hatte Ace so oft in ihrem Haus gesehen wie ihn. Er kümmerte sich um alles und es war Ace schon beinahe unangenehm ihn den Haushalt schmeißen zu lassen. Ren half ihm, aber Ace war noch eine Weile nicht wirklich sehr hilfreich. Jede einzelne Bewegung seines Körper schmerzte ihn noch und er kam nie voll zu Kräften, da er noch nicht viel zu sich nehmen durfte. Erst mit der Zeit ging es ihm Stück für Stück besser und sie schienen mit Tobio richtig zusammen zu wachsen.

Es war beinahe wie früher, als er und Seiya noch auf der Highschool waren und sie jeden Tag zusammen verbrachten.

Irgendwann als es Ace wieder gut ging und Seiya seine Schmerzen und sein Begehren nach dem Sport so langsam in den Griff bekam wurden seine Besuche seltener, doch er kam immer wieder. Sie wussten, es dauerte nie lange und er würde wieder vor der Tür stehen, Essen von einem Restaurant dabei haben und den Brüdern breit entgegen grinsen.

Die unerwartet heftigen Sonnenstrahlen, die aus der dichten, winterlichen Wolkendecke hervorbrachen, ließen Reiju aus ihrem Schlaf erwachen. Noch etwas verwirrt blinzelte sie dem Licht entgegen, doch lächelte. So viel Sonne hatte sie eine Weile nicht gesehen.

Verschlafen streckte sie sich weit und ausgiebig und öffnete das Fenster über ihrem Bett. Die frische, kühle Luft ließ sie sofort wach werden. Es war endlich wirklich Winter.

Sie stand auf, machte ihr Bett und zog sich an. Dann ging sie ins Bad. Als sie darauf die Stufen runter gehen wollte, um zu frühstücken klingelte ihr Handy. Sie wusste schon bevor sie es ansah, dass es Ace sein musste. Jemand anderes hatte sie nie angerufen.

"Morgen", sagte sie und klang freudig.

"Guten Morgen. Du klingt so gut gelaunt."

Sie lachte leise auf. "Das Wetter ist nur so schön. Also was gibt es?"

Ace wartete einen Moment. Das Wetter war wirklich schön geworden. Es ermunterte ihn.

"Es ist Momijigari, weißt du, und ich kenne einen perfekten Ort um es zu genießen."

Reiju hielt einen Moment inne.

"Es ist schon ende November, Ace. Den Herbst haben wir dieses Jahr schon verpasst."

Er lachte und schüttelte heftig den Kopf.

"Na und", sagte er motiviert. "Dann beobachten wir eben die winterliche Landschaft, komm schon. Ich habe den perfekten Ort im Kopf!"

"Hm", machte sie. Das Wetter war heute wenigstens super für einen Spaziergang, aber sie war skeptisch.

"Darfst du überhaupt schon spazieren gehen?", fragte sie dann. "Du wurdest doch erst vor kurzem operiert."

"Das ist jetzt einen Monat her. Wir machen ja keine Wanderung, wir gehen nur kurz etwas spazieren."

"Bist du dir auch ganz sicher?"

"Wir machen auch ganz viele Pausen, wenn du das möchtest."

"Aceee", sagte sie und zog es in die Länge, doch sie lächelte.

"Komm schon Reiju, lass uns gehen."

"Gut. Dann lass uns gehen."

 

Sie fuhren nur eine Station weit und stiegen aus. Es war immer noch eine Gegend die Reiju kannte, sie waren nicht weit genug gefahren.

Umso gespannter war sie darauf, was er sich ausgedacht hatte.

"Ahnst du schon was?", fragte er als sie sich nachdenklich umgesehen hatte. Sie betraten gerade einen grauen Schotterweg. Die Bäume am Wegesrand waren alle beinahe kahl. Nur wenige Blätter erkämpften sich ihren Halt.

"Nein", sagte sie und musste grinsen. Ace war so aufgeregt. "Aber ich freue mich schon."

Der Wind war kalt, obwohl die Sonne so schön schien war er das erste mal wieder wirklich kalt. Sie knöpfte ihren Mantel zu.

"Warte", sagte sie plötzlich. "An den See?", fragte sie als sie endlich verstand, dass dieser Weg zu keinem anderen Ort führen konnte. Ace nickte nur.

"Das ist dein besonderer Ort im Herbst?" Sie lächelte fragend. Sie war schon etliche male hier gewesen.

"Du wolltest doch, dass ich mich nicht überanstrenge." Er lachte und deutete nach vorn. "Der See ist kein versteckter alter Wald, aber warst du schon mal an der genauen Schwelle zwischen Herbst und Winter hier? Wenn die Bäume kein Blatt mehr tragen, sie am Boden aber noch bunt leuchten?"

Reiju schüttelte den Kopf.

"Na dann beschwere dich nicht und sieh es dir einfach an!"

Er lachte und setzte mit ihr den letzten Schritt vors Ufer. Dann drehte er sie vorsichtig zum Wasser hin.

Reiju gehorchte und stockte sofort, als die den Anblick entdeckte.

"Wow", entkam es ihr ganz leise.

"Ich komme jedes Jahr her. Eigentlich immer was früher, aber es ist dennoch nicht zu spät für den Herbst, es ist der perfekte Zeitpunkt. Ich wäre auch ohne dich heute hergekommen, aber ich wollte es dir unbedingt zeigen."

Wortlos griff sie nach seiner Hand. Kalt lag sie in ihrer. Sie dachte nicht nach, nicht daran wie lange sie sie schon nicht mehr gehalten hatte und genoss es einfach nur ihn an seiner Seite zu haben.

Vor ihr lag der See. Das Wasser schimmerte silbern im Sonnenschein, doch viel mehr noch erstrahlte es golden. Über und über war das Silbern bedeckt mit den tiefroten, gelben und orangenen Blättern der Laubbäume, welche das Gewässer umrahmten. Ein Blatt neben dem anderen schwamm seelenruhig auf der glitzernden Oberfläche vor sich hin und folgte mutig jedem Windzug, wohin auch immer er es zu tragen vermochte. Vor allem das blutrot des japanischen Ahorns stach hervor aus dem herbstlichen Farbenmeer.

"Es ist wunderschön", sagte Reiju leise.

Sie starrte stumm dem Ausblick entgegen und Ace genoss ihn ebenfalls.

Doch da begann sie zu lachen. Sie lachte laut und lebhaft, lachte aus vollstem Herzen, während sie ihren Blick nicht von dem See zu trennen wagte. Ace war erst etwas verwirrt, doch dann lächelte auch er zufrieden und nickte. Sie so lachen zu hören war zu selten, um es nicht zu achten. Es war zu warm um es nicht zu lieben.

"Komm, wir setzen uns auf die Bank dort."

Er, seine Hand noch immer fest in ihrer, führte sie zu der alten, knarzenden Holzbank am Ufer und setzte sich. Ihr Blick klebte noch immer am Ausblick.

"Ich sagte doch es ist besonders."

Reiju nickte nur. "Das ist es wirklich. Danke, Ace." "Gern." Zufrieden lehnte er sich zurück und genoss den Anblick mitsamt einer staunenden Reiju in seinem Blickfeld.

Da drehte sie sich zu ihm. Ihr Gesicht wirkte ausgelassen.

"Wie geht es dir inzwischen eigentlich?", fragte sie.

Er war erst seit dieser Woche wieder in der Schule und sie machte sich jedes Mal Sorgen, wenn sie ihn sich krümmen sah.

"Das Lachen tut noch ein wenig weh, aber es geht schon." "Tut die Narbe noch weh?"

Er schüttelte den Kopf und lächelte. "Nein, überhaupt nicht. Hör auf dir Sorgen zu machen."

"Und das viele Gehen heute ist in Ordnung?"

"In der Schule muss ich noch viel mehr gehen als das." Sie lächelte und nickte, dann sah sie wieder nach vorn. "Ich mache mir Sorgen, aber die Fragen lass ich jetzt sein." Es war nur noch ganz leise. Sie hatte sich wieder verloren.

"Seiya wird im Januar operiert."

Reiju kam zu sich. Der Satz kam ohne Vorwarnung, aus dem Nichts. Vorsichtig drehte sie sich wieder zu ihm. Er sah sie an.

Der Anruf nach seiner OP. Der nächtliche Hilferuf. Er hatte die Wahrheit gesprochen?

"Ace", begann sie und wusste noch nicht auf was sie nun hinaus wollte. Sie machte eine Pause. War es jetzt also doch wirklich wahr. Und sie hatte es einfach ignoriert. Aber wie hätte sie das Thema denn bitte ansprechen sollen. Ihr Magen zog sich zusammen.

"Was?", fragte sie. Sie wusste nicht was sie sagen sollte.

"Er wird operiert. Anfang nächsten Jahres."

Reiju nickte seicht und hielt ihren Blick auf ihm. Sie schluckte.

"Du hast mich in der Nacht nach deiner OP angerufen… weißt du noch davon?", fragte sie und fühlte sich so schuldig. Sie hatte einfach gehofft, dass es nicht wahr gewesen war.

"Ja, ich weiß es noch." Er sah sie nicht mehr an. Blickte stattdessen wieder auf das Wasser.

"Entschuldige, dass ich nicht nachgefragt habe." Sein Gesicht stand warm da im Sonnenlicht. Es strahlte und selbst sein bekümmerter Blick konnte es nicht mindern.

Er nickte seicht. "Schon gut. Ich war während des Anrufs noch sehr benebelt. Ich hätte dich sonst niemals mitten in der Nacht einfach angerufen."

"Ich war froh, dass du es getan hast!", sagte sie schnell. "Ich war mir nur nicht sicher über deine Worte."

"Was meinst du?"

"Ob sie… wahr sind. Sind sie wahr, Ace? Wird Seiya nie wieder spielen können?"

Jetzt hatte sie Angst Ace anzusehen. Sie hatte Angst, dass es die Wahrheit war, obwohl sie sich eigentlich schon sicher sein konnte.

"Sie sind es… sie sind wahr. Sein Knie macht nicht mehr mit."

"Es tut mir so leid." Schwer wog ihre Kehle, als sie zu Schlucken versuchte. Ihre Augenbrauen zuckten. Zart legte sie ihre Hand wieder auf seine und drückte sie. Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Wenn sie an Seiya dachte verband sie ihn unabänderlich mit Badminton. So hatte sie ihn kennengelernt, auf dem Feld und mit einem Schläger in der Hand. Er war doch so voller Ehrgeiz, wohin würde seine Motivation nun flüchten?

"Ist es wirklich so schlimm, dass er nie wieder spielen darf?" Sie klang vorsichtig. Ihre Fragen waren so dumm, sie bereute es, doch etwas anderes fand sie nicht in ihrem Kopf. Er war voll mit Schuldgefühlen und Verwirrung.

"Es ist seine Fähigkeit zu Gehen oder der Badminton. Wenn er jetzt nicht aufhört weiß keiner mehr wie sein Knie reagieren könnte."

Reijus Hand um seine verkrampfte sich. Sie wollte es sich nicht vorstellen müssen. Seiya verlor was er sich als Plan gesetzt hatte. Er verlor das, was sein Leben hätte füllen sollen, womit er sein Geld verdienen wollte, was er liebte und worin er unfassbar gut war. Er verlor den Traum seiner perfekten Zukunft.

"Es tut mir so leid", wiederholte sie stumpf. Sie kam sich so dumm vor.

"Ja, mir auch."

Ace überlegte, dann sah er sie wieder an.

"Ich hab es dir jetzt erzählt, weil ich mich erklären wollte, aber irgendwie fühlt es sich hier doch fehl am Platz und seltsam an. Entschuldige, ich wollte unser Treffen nicht kaputt machen."

Schlagartig schüttelte sie heftig ihren Kopf. "Nein!", sagte sie heftig. Dann fuhr sie etwas ruhiger fort. "Nein, ich war wirklich froh über den Anruf. Und ich bin froh, dass du es mir jetzt sagst. Wenn du mit jemandem reden willst bin ich da, egal weshalb, egal wann. Das hab ich dir immer gesagt und es gilt weiterhin."

Ace musste lächeln.

"Ich hab dir nie gesagt, dass es auch anders herum gilt, aber das tut es." Sie nickte und lächelte jetzt zurück. "Das weiß ich doch."

Dann blickte sie wieder zum Wasser. Ihre Hand hielt noch immer seine.

"Hast du Lust eine Runde um den See zu gehen?", fragte er dann.

"Geht es denn?" Er seufzte, doch es war freudig. "Mir geht es gut. Komm."

Sie gingen die gesamte Strecke um den See und beobachteten das stille Gewässer. Im Winter war es ganz ruhig und an keiner Stelle zuckten Insekten an der Wasseroberfläche, allein der Wind wagte es ihn zu bewegen.

"Was hat Seiya jetzt vor?", fragte sie nach einer Weile. Ace aber zuckte nur mit den Schultern.

"Ich weiß nicht. Ich denke er weiß es selbst noch nicht. An erster Stelle steht jetzt die Operation und dass er wieder normal Laufen kann." Sie nickte. "Ist es eine komplizierte OP?", fragte sie dann weiter. "Schon, aber er hat eine gute Ärztin."

"Er wird das schaffen. Er wird wieder normal Laufen können und dann wird er sich einen neuen Traum finden." Ace lachte auf, dann hob er die Augenbrauen.

"Wird er das?", fragte er, doch beantwortete sich die Frage schnell selbst. "Ja, ich denke mal das wird er." Reiju nickte heftig. "Das wird er auf jeden Fall!" Sie schlug die Hände zusammen und blickte zu ihm hoch.

Ace musste lächeln und spürte seicht wie ihre Hand an seiner vorbeizog.

"Vor all dem kommt aber noch das Austreten aus dem Team, denn er hat es seinem Trainer noch nicht gesagt. Es bereitet ihm am meisten Sorge."

Reiju schluckte. "Danach wird es wahrscheinlich erst richtig real für ihn."

Er nickte und seufzte. "Es ist so ein Mist. Seiya hat besseres verdient."

Aufgewühlt trat er nach einem kleinen Stein, der auf den See zu rollte und im tiefen Wasser versank. Da griff Reiju wieder nach seiner Hand und drückte sie. Sie fühlte sich machtlos nicht mehr tun zu können. Sie konnte ihm nur ihre Nähe zeigen.

"Seiya wird seinen Weg machen, da bin ich mir ganz sicher."

 

"Ich bin so froh, mal wieder zu dir nach Hause zu kommen", sagte Izaya und gähnte ausgiebig. Das Training heute war hart gewesen, aber es tat auch jedes mal so gut sich nach der Schule auszupowern.

"Ja, Seiya und Ren freuen sich auch schon auf dich." Ace grinste und zog seinen Schal zurecht. Es war windig heute und kalt war es auch.

"Ich hab das Gefühl, ich hab die beiden seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen."

"Na, das hast du auch." Ace versuchte zu lachen, doch ihm kam etwas in den Sinn. Es war vielleicht schon zu spät es jetzt anzusprechen, sein Haus war schon in Sichtweite, doch er fühlte sich gerade danach. Er hatte Izaya noch nichts von Seiya erzählt und er wusste es würden sonst Fragen aufkommen.

"Izaya", sagte er und sein Haus kam immer näher. Sie gingen den Vorgarten entlang und stiegen auf die Veranda.

"Seiya hat schwere Knieprobleme, er humpelt zur Zeit. Wunder dich nicht darüber."

Schockiert blickte Izaya zu seinem besten Freund herüber. Doch bevor er etwas fragen konnte, machte Seiya ihnen auch schon die Tür auf.

"Izaya! Lange nicht gesehen!", rief er erfreut und trat einen Schritt vor. Er drückte den Jungen und betrachtete ihn.

Izaya erwiderte seine Umarmung überrumpelt und versuchte sich zu fangen.

"Was ist denn mit dir los? Du siehst so geschockt aus." Seiya lachte und ließ sie eintreten. Ace strich er durch sein Haar.

"Oh, nein alles gut. Danke für die Einladung", erwiderte Izaya schnell und zog seine Schuhe aus.

"Danke fürs Kommen!"

Seiya war so furchtbar gut gelaunt. Es beruhigte Izaya nach Ace Worten, auch wenn er noch eine Menge Fragen hatte.

Als sie sich auf den Weg zur Küche machten, sah Izaya auch sofort was Ace gemeint hatte. Es war nicht heftig doch ein seichtes Humpeln war da. Er humpelte und war scheinbar nicht in der Lage normal zu gehen.

Fragend warf er Ace einen Blick zu.

Es tat ihm leid, dass er seinen Freund so im Dunkeln ließ, doch Details mussten warten. "Später", raunte er ihm entgegen und Izaya gab sich geschlagen.

Auf dem Herd standen schon dampfende Töpfe und Pfannen. Es roch im ganzen Raum nach Essen.

"Das riecht wirklich unglaublich gut", entkam es Izaya schwärmerisch. "Da musst du dich an Ren wenden. Er hat gekocht."

"Wo ist er denn eigentlich?", fragte jetzt Ace.

"Er ist kurz oben, aber müsste gleich kommen."

Und Ren kam, sodass sie alle vier vollständig und gemeinsam essen konnten.

"Das ist wirklich schon eine Ewigkeit her oder?", raunte Izaya genüsslich und schob sich eine weitere Ladung in den Mund. Er war jetzt schon bei seiner zweiten Portion und konnte sich einfach nicht satt essen von Rens köstlicher Kreation.

"Ja, das stimmt. Lass uns das gern öfters wiederholen!", sagte Ren schnell und grinste. Sie waren alle schon fertig mit dem Essen, nur Izaya war noch dabei. Geehrt beobachtete Ren seinen zufriedenen Gesichtsausdruck. Dass sie sein Essen liebten war jedes Mal aufs Neue ein wärmendes Gefühl, vor allem wenn man Ace als großen Bruder hatte.

"Sehr gern!", bestätigte Izaya nickend und legte satt seine Stäbchen bei Seite.

"Jetzt bin ich aber wirklich voll. Vielen Dank, Ren. Und an euch, Seiya und Ace, auch."

"Ich hab dich immer gern im Haus", beteuerte Seiya fröhlich und stand auf. Er begann abzuräumen. "Soll ich helfen?", fragte Izaya sofort doch Seiya schüttelte den Kopf. "Ren hilft mir schon, danke."

"Ach tu ich das?", fragte er frech doch er erhob sich, als sein großer Bruder ihn eindringlich musterte. "Klar tu ich das."

Ace stand jetzt ebenfalls auf. "Danke", sagte er zu Seiya gerichtet und legte Izaya eine Hand auf die Schulter. "Lass uns hoch gehen."

 

Als Izaya sich also auf Ace Bett niederließ starrte er seinen Freund sofort an. Er beobachtete genau wie Ace die Tür schloss, ihre Gläser auf den kleinen Tisch vor ihm stellte und sich nur langsam neben ihn setzte.

"Jetzt erzähl schon was los ist. Was hat Seiya?"

Sein Blick war besorgt, beinahe schon voller Angst. Er hatte Seiya lachen und scherzen gesehen, aber er humpelte. Er war doch Sportler genau wie er selbst auch. Es durfte einfach nichts böses bedeuten. Das durfte es nicht.

Ace seufzte und setzte an. Er erzählte die Story vom Anfang bis zum Ende. Bis zu dem Ende in dem Seiya nie wieder spielen werden dürfte und Izaya erschauderte.

"Das darf nicht wahr sein", sagte er leise.

Er konnte und wollte sich auch gar nicht vorstellen wie es sich anfühlen musste. Sein Knie… seine Karriere… sein Traum.

Izaya selbst wollte in den Profisport einsteigen. Er träumte davon damit seinen Unterhalt zu verdienen. Jeden Tag nichts anderes tun zu müssen außer zu spielen und unter jubelnden Massen zu kämpfen. Es jagte ihm eine solche Angst ein, daran zu denken, dass dieser Traum für immer verpuffen könnte. "Und was… was hat er jetzt vor?"

"Ich weiß es nicht. Er hat es nicht mal Miyamoto erzählt, die OP steht noch an und sonst weiß es auch noch beinahe keiner. Er steckt noch mitten drin. Es ist noch nicht vorüber."

"Ich kann es nicht fassen. Vorbei, einfach so. Lebenslange harte Arbeit versiegt."

"Ja." Ace wusste nicht mehr was er sagen sollte. Er hatte auch bei Reiju nicht wirklich Worte finden können. Diese Geschichte immer und immer wieder zu erzählen war anstrengend. Immer wieder zuzugeben, dass er nichts tun konnte tat weh. Er wollte nicht mehr darüber reden.

"Lass uns das Thema wechseln okay?"

Izaya nickte schwer, doch er verblieb grübelnd.

"Was gibt es denn sonst Neues?", fragte er und kam sich etwas blöd damit vor. Ace aber zuckte mit den Schultern und antwortete gelassen. "Nicht viel. Ich war das Wochenende das erste mal wieder allein mit Reiju unterwegs."

"Und das nennst du nicht viel?", empört sah Izaya ihn an. "Wo wart ihr? Was habt ihr gemacht?"

Ace musste leise lachen über Izayas Aufgeregtheit. "Wir waren an einem See spazieren und haben uns einfach ein wenig unterhalten."

"Und wie war es? War es wie vorher?"

Ace nickte. "Es war als wäre nichts passiert. Es hat sich nichts geändert."

"Das ist doch gut!"

"Ja."

"Aber?", fragte Izaya, der sofort merkte, dass Ace noch mehr zu sagen hatte.

"Ja, es ist gut. Wir sind Freunde und wir verhalten uns auch wie welche." Er machte eine kurze Pause. Er hatte dieses Thema eigentlich nicht ansprechen wollen. Es erschien ihm so lächerlich, so verwöhnt sich Sorgen zu machen, wenn doch eigentlich alles gut lief.

"Es beruhigt mich schon, aber es tut auch irgendwie weh. Heißt das, dass es am Ende für uns beide vielleicht doch besser ist, wenn alles bleibt wie es war? Wenn wir einfach Freunde sind?"

Izaya gab ein nachdenkliches Geräusch von sich. Er entließ seinen Blick für einen Moment von Ace Gesicht und ließ sich seine Worte kurz durch den Kopf gehen.

"Ich denke, dass es darüber gar nichts aussagt", antwortete er dann auf Ace Fragen. "Es sagt nur aus, dass ihr euch eben gut versteht und auch sehr gut zusammen funktioniert. Ob ihr es noch einmal mit einer Beziehung probieren wollt sollte nur daran entschieden werden, ob ihr es wollt oder nicht."

Ace entgegnete Izayas sanften Blick lange, dann nickte er.

"Aber ist es fair sie warten zu lassen, bis ich es wollen kann? Die große Frage ist, wie lange ich noch brauchen werde. Ich fühle mich unfair, wenn sie es ausbaden muss."

"Ace, du siehst das alles nur schwarz weiß, aber ich bin mir sicher Reiju tut das nicht. Sie hatte gute Gründe damals genau das zu sagen, was sie gesagt hat, aber sie hat auch gesagt, dass sie warten wird. Es gibt nicht nur du willst und ihre Wartezeit endet. Eure Beziehung dazwischen zählt genau so."

"Hm", machte Ace nur. "Sie tut dir gut und laut Suru tust du ihr genau so gut. Also lass dir selbst Zeit und denk nicht zu viel darüber nach. Es wird sich zeigen wie all das kommen soll."

Jetzt lachte Ace plötzlich auf. "Es ist so blöd oder? Erst beschwere ich mich, dass es zwischen Reiju und mir nicht gut läuft und jetzt läuft es gut und ich beschwere mich wieder."

"Es ist nicht blöd. Sie ist dir wichtig, da macht man sich eben Gedanken."

Ja, Reiju war Ace wichtig und das wirklich sehr. Egal was passiert war, das war etwas was er nie hatte bestreiten können. Es war wie in Stein gemeißelt.

Ace hatte für eine gewisse Zeit schon wieder aufgehört gehabt darüber nachzudenken, über eine Beziehung mit Reiju. Doch jetzt, wo alles wieder lief wie es gewesen war und er wieder spürte was sie ihm bedeutete und was sie bewirkte, blühte die Knospe im winterlichen Schlaf plötzlich wieder prächtig empor und brachte den Sommer in seinem Herzen zurück.

"Ist Ren eigentlich sein richtiger Name?", fragte Reiju. Ihre Beine baumelten über Kisumis Bettkante. Nachdenklich legte sie den Kopf schräg. "Oder ist das nur eine Abkürzung?"

"Er heißt eigentlich Rentaro."

Sie nickte verstehend. Ihr Bruder sprach nur beiläufig und war wie immer tief über seinen Schreibtisch gebeugt.

"Du bist immer so viel am lernen, sogar am Wochenende! Willst du nicht mal irgendwas unternehmen?" Kisumi regte sich nicht. Seine Hand glitt über das Papier vor ihm, seine Augen waren gefesselt.

"Müsstest du nicht auch lernen? Oder wenigstens mal Hausaufgaben machen?", murmelte er zurück. Reiju schüttelte den Kopf, auch wenn er es nicht sah. Unschuldig antwortete sie. "Nein, dafür bleibe ich unter der Woche länger auf, schlaf weniger und mache dann meinen Schulkram."

"So schaffst du das also." Sie grinste.

"Wenn ich es mir richtig überlege... denk jetzt nicht daran es mir nach zu machen!"

Sie hörte ihren Bruder kichern und gab sich zufrieden.

Es wurde still im Zimmer bis Kisumi seinen Stift bei Seite legte. Er schien fertig zu sein mit der Aufgabe und schlug eine neue Seite in seinem Buch auf. Doch statt weiter zu machen drehte er sich plötzlich zu ihr. Sein Blick war besorgt.

"Weißt du eigentlich wie es Seiya inzwischen geht?" Perplex sah sie ihn an, doch schüttelte betrübt den Kopf.

"Nein, weißt du was? Hat Ren dir nichts erzählt?" Auch er schüttelte den Kopf. Sie nickte.

"Wie geht es Ren denn damit?", fragte sie nach einer kurzen Pause. Kisumi antwortete ohne Überlegung.

"Er hat Angst." Er sah an Reiju herunter und hielt ihren Blick nicht. "Und wie geht es Ace?"

"Er hat genau so Angst."

Kisumi seufzte und drehte sich zurück an seinen Tisch. "Verständlich", sagte er leise und blickte ins Buch. Doch nach einer kurzen Weile sagte er erneut was. Dafür aber drehte er sich nicht zu ihr.

"Und wie geht es dir und Ace gemeinsam?"

Reiju stockte einen Moment.

"Wie viel weißt du eigentlich?", fragte sie, als ihr auffiel, dass sie selbst ihm nie etwas erzählt hatte.

"Alles denk ich. Ihr habt euch vertragen?"

"Du und Ren, ihr seid richtige Lästermäuler." Raunte sie und wusste nicht ganz was sie antworten sollte. Ja, sie hatten sich vertragen, aber wie ging es ihnen? Und wie viel von der Wahrheit darüber konnte sie ihrem kleinen Bruder sagen?

"Ich frage dich wirklich wie es euch geht", wiederholte er und wagte einen kurzen Blick über seine Schulter. Reiju saß nervös da.

Sie überlegte lange, bevor sie antwortete.

"Gut, denk ich. Ace und ich das... muss nur noch etwas warten." Sie sah wie er nickte und sich scheinbar damit zufrieden gab.

"Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit her, dass du mich nach Ace gefragt hast", sagte sie noch und er ließ das Thema zum Abschluss kommen. "Jetzt frag ich dich nach Seiya."

Er seufzte und sah wieder zu ihr.

"Worauf wartest du eigentlich?"

"Ich warte darauf, dass Suru mir schreibt. Sein Vater hat uns ein Taxi besorgt, dass uns zum Restaurant fährt."

"So wie du aussiehst muss das ein wirklich schickes Essen sein."

"War das etwa ein Kompliment?"

"Sicher. Du siehst gut aus."

"Danke. Und ja, es ist sehr schick, es ist sogar französisch. Es dreht sich ja auch um Surus Vater, den großen CEO einer riesigen Firma."

"Haben die Jungs dann auch alle Anzüge an?"

"Sicher."

"Du musst mir später auf jeden Fall ein Bild schicken. Muss ein seltener Anblick sein."

Er lachte und sie tat es auch.

"Es ist selten genug, dass ich in so einem Kleid stecke."

"Sag ich ja."

"Aber irgendwie gefällt es mir."

"Du kannst dich auch nicht entscheiden. Entweder sportlich, komplett in schwarz oder super herausgeputzt."

"Mein Geschmack ist eben doch sehr variabel, okay", erwiderte sie schmollend. Die Antwort ihres Bruder darauf hatte sie aber nicht erwartet.

"Klar, das ist das Gute an dir."

Sie grinste geschmeichelt. "Das Gute an dir ist deine Ehrlichkeit." Sie lachte, als auch schon ihr Handy klingelte.

"Wir sehen uns später. Hänge nicht zu lang an den Hausaufgaben und mach was Lustiges, okay?" Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und er nickte. "Jaja. Und dir viel Spaß."

 

Als sie in das Taxi stieg, saßen alle anderen schon drin. Alle bis auf Suru, welcher mit seiner Familie fahren würde. Es fühlte sich verdammt seltsam an, dass sein Vater ihnen ein Taxi bezahlte, welches sie genau vor das Restaurant eskortieren sollte, dennoch konnte das nicht gegen den Prunk ankommen welcher sie beim Restaurant noch erwarten würde.

Es passte einfach perfekt zu dem Bild welches Reiju schon immer von Surus Familie gehabt hatte.

Sie waren reich, mehr als das sogar und sein Vater war der bekannte CEO seiner ganz eigenen Firma. Deswegen hatte sie ihn bisher nur selten gesehen. Surus Mutter dagegen kannte Reiju gut. Sie war eine hübsche Frau, gut in Form und stets höflich. Von ihr hatten Suru und Yuka ihr Lächeln und ihre Ausstrahlung, das sah man sofort. Während Surus Vater zwar freundlich, aber auch immer ein wenig grimmig wirkte, war seine Mutter der Sonnenschein in Person. Sie stand immer stillschweigend da, posierte und lächelte am Arm ihres Mannes und ließ ab und an einen schlagfertigen Kommentar ab. Sie war hübsch und klug und passte perfekt in diese Welt des Glamourösen.

Als die fünf jetzt den üppigen Saal mit klischeehaften Kronleuchtern und jeder Menge Stuck betraten überkam sie sofort eine Welle der Überforderung. Suru war nicht an ihrem geplanten Treffpunkt, weshalb sie nichts anderes tun konnten als verloren in der Menge zu stehen und sich umzusehen.

Sie waren umgeben von Unmengen von Menschen in schicken und vor allem teuren Klamotten, die sich ruhig unterhielten und aus teuren Kristallgläsern tranken.

Suru konnten sie unter all den schwarzen Anzügen nicht ausmachen, denn er stand noch neben seinem Vater. Auf sie gerichtet waren die Augenpaare von jeder Menge Menschen, die alle eine Frage zu haben schienen. Surus Vater, ehrbar und mächtig wie er nun mal war, stand mit breiten Schultern und konzentriertem Blick da. Ab und an lachte er und witzelte. Suru aber war stumm. Sein Vater hatte ihn wie aus dem Nichts zu sich vor die Presse geholt und nun wusste er nicht ganz was er tun oder sagen sollte. Mit einem Mal fühlte Suru sich unwohl, er fühlte sich unter Druck. Sein Vater hatte ihn mit keinem Wort darauf vorbereitet, dass er heute ebenfalls im Rampenlicht stehen sollte, doch ganz anscheinend schien er von ihm zu erwarten, dass er es dennoch war.

Er blieb weiter still.

Er hatte sich so auf heute gefreut. Die Veranstaltungen seines Vaters versprachen immer eine angenehme Atmosphäre und jede Menge gutes Essen. Deswegen hatte er sich so darauf gefreut heute auch seine Freunde einladen zu dürfen und ihnen ein wundervolles Buffet zu liefern.

Jetzt aber fühlte er sich weiter entfernt von seinen Freunden als je zuvor. Hier auf diesen Stufen, die er mit seinem Vater besetzte fühlte er sich seltsam mächtig und das Gefühl gefiel ihm ganz und gar nicht. Den Wirbel der Presse um seiner selbst fand er auf einem einfachen Geschäftsessen, welches eigentlich seinem Vater und seinen internationalen Kunden gelten sollte, ein wenig übertrieben und die Fragen viel zu geschäftlich als dass er etwas dazu hätte beitragen könnte. Yuka an seiner Stelle hätte sicher geglänzt, doch davon hatte sein Vater wie immer nichts wissen wollen.

Mit einem Mal wurde ihm seltsam mulmig.

Er hatte sich immer gut mit seinem Vater verstanden, doch seit einigen Wochen benahm er sich seltsam aufdringlich was die Nachfolgerschaft seiner Firma betraf und schien es ihm regelrecht aufzuzwingen. Bisher hatte Suru es nicht ganz ernst genommen doch nun fühlte er sich plötzlich wie die Trophäe seines eigenen Vaters, welche er stolz der Öffentlichkeit präsentierte.

„Vater, wie lange brauchst du mich noch?“, wisperte er ihm nach einer Weile entgegen, in der er nichts zu dem lauten Gespräch beigetragen hatte. Sein Vater jedoch drückte nur fest Surus Arm, um ihm klar zu machen, dass er still sein sollte. Suru gab nach und schweifte mit den Gedanken umher. Im Tumult der Menge fand er plötzlich endlich seine Freunde. Ein Lächeln zog ihm über die Lippen und er stieg seicht auf die Zehenspitzen, um sie unter all den Menschen nicht aus den Augen zu verlieren, während er beschäftigt war. Doch als er sah, wie seine Mutter auf die fünf und vor allem auf Junko, zuging konnte er sich nicht mehr an die Bitte seines Vaters halten.

"Vater, entschuldige, aber ich glaube Mutter braucht mich", log er und wandte sich erst an seinen Vater, dann zur Presse. "Wenn sie mich entschuldigen würden."

Schnell schlüpfte er durch die Masse an Menschen hindurch und steuerte auf seine Mutter zu. Er war froh der Aktion mit seinem Vater entkommen zu sein, doch seine Mutter konnte das alles noch einmal übertrumpfen.

"Mama!", rief er und gesellte sich erst höflich an ihre Seite. "Was hast du vor?", fragte er beiläufig. Seine Mutter blieb einen Moment stehen und betrachtete ihn. Sie richtete seine Fliege und legte eine Strähne seines zurückgelegten Haars glatt. Dann ging sie weiter.

"Ich will deinen Freunden hallo sagen."

"Und sicher nur das?", fragte er.

"Natürlich." Sie lächelte zart, doch Suru wusste genau woran sie dachte. Seit er Junko kennen gelernt hatte, bezeichnete sie sie als die perfekte Frau. Junko war nach ihrer Aussage bildhübsch, klug und gut erzogen. Drei Aspekte, die sie in ihrer zukünftigen Schwiegertochter ganz anscheinend zu suchen schien.

"Du wirst Junko in Ruhe lassen", raunte er hilflos, als sie sie schon entdeckt hatten.

"Kinder, wie schön euch zu sehen!"

Jeder von Surus Freunden mochte seine Mutter. Die anmutige Kayoko, die bei jedem Elternabend und jeder Schulveranstaltung gerne etwas zu sagen hatte und sich für die Schüler, aber vor allem natürlich für ihren eigenen Sohn einsetzte.

"Kayoko", sagte Junko sofort, als sie sie entdeckte. Sie alle hatten sie von Anfang an beim Vornamen nennen sollen. Angeblich, weil sie den Nachnamen ihres Mannes und somit auch ihren eigenen nicht gerne mochte. Doch wenn man sie darauf ansprach, leugnete sie es vehement.

Junko verbeugte sich höflich vor Kayoko und die anderen taten es ihr gleich. "Ihr müsst Ace und Izaya sein", sagte sie dann als sie vor dem großen struppigen und dem blassen langhaarigen Jungs stehen blieb. Beide nickten. "Es ist uns eine Freude sie kennenzulernen", sagte Izaya und Junko musste beinahe lachen. Aus Izayas Mund klangen diese so überaus höflichen Worte viel zu überzogen. Kayoko lächelte. "Die Freude ist ganz meinerseits."

Dann wandte sie sich wieder zu Junko.

"Ein sehr hübsches Kleid, welches du da trägst. Bordeaux steht dir." "Vielen Dank!"

Bei den Worten beließ es Kayoko, da Suru sie schon böse aus dem Augenwinkel beäugte.

"Ich hoffe ihr habt heute noch viel Spaß", sagte sie dann und verabschiedete sich.

"Vielen Dank für die Einladung! Werden wir ganz sicher." Keita lächelte noch einmal höflich und damit war Kayoko auch schon wieder fort.

"Ich glaube das war das erste Mal, dass sie mich nicht nach meinem Beziehungsstatus gefragt hat", sagte Junko verblüfft und lachte.

Suru aber seufzte tief.

"Entschuldigt, dass ich erst jetzt gekommen bin. Ich weiß nicht was in letzter Zeit in meinen Vater geraten ist, aber er wollte mich einfach nicht gehen lassen."

"Alles gut", sagte Reiju sanft.

"Danke, dass ihr gekommen seid.“ „Vielen dank, dass du uns eingeladen hast!“, sagte Izaya sofort und lächelte.

„Was ist bisher alles geplant für heute?“, fragte Ace. „Wann gibt es Essen?“, fragte er weiter und in seinen Augen zeigte sich ein gieriges Leuchten. Er wollte unbedingt probieren, was die Küche hier erschaffen konnte. Suru musste lachen. „Also...“

Reiju schweifte ab. Sie hörte ihrem Gespräch nur noch mit einem Ohr zu. Viel mehr nahm sie wahr wie ihr Kleid am Rücken zwickte und ihre Füße schon jetzt zu schmerzen begannen. Alles was sie heute trug war nicht ihres, sondern kam aus Junkos Kleiderschrank und auch wenn sie ihr sehr dankbar dafür war sie immer zu versorgen, hätte sie viel lieber ein weniger aufwändiges Kleid angezogen. Nach Ablenkung suchend ging ihr Blick durch den Saal.

"Wo ist eigentlich Yuka? Ich habe sie noch gar nicht gesehen“, fragte sie nach einer Weile.

Suru horchte bei ihrer Stimme auf und nickte etwas verloren.

"Sie ist hier, aber ich weiß nicht wo. Wahrscheinlich versteckt sie sich in einem Seitenzimmer."

"Dass sie deinen Eltern entkommen ist", lachte Keita.

"Ja, Yuka entkommt meinen Eltern leicht."

Mit den Worten wandte sich Suru wieder von seinen Freunden ab und blickte durch die Menge. Sein Vater hatte die Leute von der Presse inzwischen verabschiedet und näherte sich dem Tisch. Die Leute wurden unruhig und wuselten durch den Raum.

"Ich glaube wir sollten uns langsam setzen. Das Essen wird gleich serviert."

Sie alle nickten erst unsicher, dann bestimmter und folgten ihm, bis sich plötzlich sein Vater an seine Seite gesellte.

„Ich möchte, dass du heute neben mir sitzt“, sagte er bestimmt und sah seinem Sohn nur für einen kurzen Moment in die Augen.

„Was? Aber ich habe meine Freunde da. Darf ich nicht neben ihnen sitzen?“

„Ich weiß Suru, aber entschuldige. Es ist wichtig, dass du dich meinen Kunden heute gut präsentierst und das sollte an meiner Seite geschehen.“

„Aber-“ „Kein aber, Suru. Du musst wissen, dass es sehr wichtig ist. Also reiße dich bitte zusammen.“ Das waren seine letzten Worte. Er wurde Suru von einem seiner Kunden entzogen, der ihn auf deutsch angesprochen hatte. Sein Vater entgegnete etwas in fließenden Worten und war fort. Suru verstand bruchstückhaft was sie sagten, doch wirklich interessieren tat es ihn nicht.

„Was war los?“, fragte Reiju, als Surus Vater gegangen war. Doch er führte sie nur stumm zu ihren Sitzen und seufzte seicht. "Los, setzt euch"

Sie gehorchten und setzten sich alle nebeneinander an den Tisch. Auf der weißen Tischdecke standen Lumiere mit brennenden Kerzen und weiße Lilien erstreckten sich über die Köpfe aller Gäste.

"Es musste wirklich unbedingt ein französisches Restaurant sein, oder?", fragte Junko grinsend als sie sich auf den schweren Stuhl setzte und die zarten weißen Stoffservietten betrachtete.

"Es ist nun mal das teuerste Restaurant hier in der Gegend und mein Vater hat seine wichtigsten Kunden hier. Auch einige seiner Auslandskunden. Er will sie eben beeindrucken."

Junko nickte. "Ich vergesse immer wieder wie viel Einfluss dein Vater eigentlich hat."

"Ja und genau aus dem Grund muss ich mich jetzt auch zu ihm setzen."

"Du isst nicht mit uns?", fragte Reiju sofort. Surus Blick war ein wenig gequält. "Nein. Mein Vater will mich an seiner Seite haben." „Oh“, machte sie wieder. „Na gut, sehen wir uns dann wieder nach dem Essen?“, fragte sie und er nickte. „Sicher.“

Surus Vater, riesig, mächtig und reich, lächelte zufrieden, als alle saßen und ließ das Essen servieren. Erst als er selbst begann es zu genießen folgten ihm die Gäste.

Suru saß still da, genau wie auch Yuka. Sie jedoch saß im Gegensatz zu ihrem jüngeren Bruder nicht direkt neben ihrem Vater. Zwischen ihr und ihm kam noch ihre erhabene Mutter.

'Akio-Sama. Sie haben ein wirklich hübsche Tochter.'

'Ihre Tochter wird wunderbare Enkel zur Welt bringen, wenn sie einmal den Richtigen gefunden hat.'

'Yuka ist wunderschön. Die Männer müssen sie lieben.'

Das und mehr nicht war die öffentliche Meinung über sie. Hübsch, gehorsam, Ansprüche erfüllend und ihr Vater erwiderte nichts außer einem zustimmenden nicken.

'Nicht wahr? Sie ist ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.'

Mehr hatte er nicht geantwortet. Keine Erwähnung über ihr Können, keine über ihre Persönlichkeit. Keine darüber, dass sie studierte was einst ihr Vater studiert hatte und nichts als Einsen schrieb und auch keine darüber, dass sie seit Jahren bei ihrem Vater aushalf und inzwischen die Hälfte seiner Arbeit für ihn erledigte.

Yuka war Dekoration auf dieser Party und sah an ihrer Mutter das Schicksal, welches sie ebenfalls ereilen sollte.

Verzweifelt konnte sie sich ein Seufzen nicht verkneifen, als sie ihren Vater bei Tisch erneut über Suru sprechen hörte. In den Augen ihres Bruders lag Aufmüpfigkeit und Rebellion, auch wenn ihr Vater und vielleicht sogar Suru selbst es noch nicht sehen konnten. Suru würde die Nachfolgerschaft ihres Vaters niemals antreten wollen, doch das schien egal zu sein. Während ihr Vater darüber sprach was für ein guter CEO Suru werden würde, während er nur Augen für seinen Sohn hatte, dachte Yuka verzweifelt daran wie gerne sie in ihres Vaters Fußstapfen treten würde, für ihn dafür jedoch im falschen Geschlecht geboren wurde.

Appetitlos legte sie die Stäbchen bei Seite und blickte durch die Runde. Zu ihrer Rechten saß ein älterer Herr. Ein jahrelanger Kunde ihres Vaters, den Yuka gut kannte. Als sich ihre Blicke trafen lächelte er.

"Hast du denn gar keinen Hunger?", fragte er und betrachtete ihren vollen Teller.

"Doch, doch. Es muss nur noch etwas abkühlen", erwiderte sie höflich. Der alte Mann lachte.

"Yuka, richtig?" Sie nickte.

"Ich glaube ich habe dich noch nie ein Wort sagen hören, seit ich Kunde bei deinem Vater bin."

"Ich habe auch nicht viel Wichtiges zu sagen", antwortete sie mit den Gedanken bei ihrem Vater und schluckte sofort. Es war angsteinflößend zu was sie sich herunter sprach, wenn sie ihrem Vater folgen wollte.

Der Mann sah ihr skeptisch entgegen. "Na hör mal. Ich hoffe das hat dir nicht dein alter Herr eingeflößt." Sie lächelte nur und schüttelte den Kopf. "Dann sprich nicht so von dir selbst, hörst du." Sie nickte perplex und der ältere Mann wandte sich wieder ab. Yuka tat es ihm gleich.

"Suru, erzähl du doch was für die Zukunft unseres Unternehmens geplant ist."

Die Worte ihres Vaters hallten in ihr wieder.

Während Suru Worte voller Gewicht in den Mund gezwungen bekam, wurde Yuka stumm geschaltet und das für den Rest ihres Lebens.

 

Ace spürte wie sein Handy in seiner Hosentasche zu vibrieren begann. Unauffällig zog er es hinaus und blickte auf das Display.

Ren rief ihn an. Er ignorierte es und steckte sein Handy zurück an seinen Platz. Allerdings fing es nach wenigen Minuten erneut an leise zu vibrieren.

"Was ist denn los? Kannst du es nicht stumm schalten?", fragte Reiju leise neben ihm. Ace nickte. "Entschuldigt. Ren ruft mich die ganze Zeit an."

"Willst du ran gehen?", fragte sie. Ace zögerte, als sein Handy erneut anfing zu vibrieren.

"Ich glaube ich sollte. Entschuldigt bitte."

Vorsichtig stand er auf und versuchte so leise wie nur möglich den Saal zu verlassen.

Ren war noch immer dran, als er in die Stille des Foyers trat und endlich abhob.

"Hey, Ace?"

"Ren, was ist los? Das ist dein dritter Anruf innerhalb weniger Minuten."

"Ich… ich weiß und ich weiß auch, dass du gerade unterwegs bist und Suru begleitest und so weiter und ich… es tut mir auch wirklich leid dich zu stören." Sein Bruder klang gequält. Er wirkte nervös.

"Sag schon, Ren. Du störst nicht."

"Ich würde dich eigentlich wirklich nicht so oft anrufen, aber… Seiya ist gerade aus der Uni nach Hause gekommen und er wirkte niedergeschlagen. Seit einer Ewigkeit hockt er jetzt in seinem Zimmer und kommt nicht raus. Ich glaube er weint. Ich weiß nicht was passiert ist, Tobio kennt auch keine Infos, und ich weiß wirklich nicht was ich tun soll."

"Ich komme Ren. Keine Sorge, ich mache mich sofort auf den Weg. Ruf mich an wenn etwas sein sollte."

"Danke Ace."

"Ich liebe dich, Ren. Mach dir keine Sorgen. Das wird wieder."

Er legte auf und ging schnellen Schrittes zurück zu Reiju. Sie saß still da, Keita neben ihr lachte gerade mit Izaya über irgendetwas.

Als sie aufblickte und ihn aufgeregt auf sie zukommen sah, blickte sie ihm verwirrt entgegen.

"Was ist los?", fragte sie. Sein Gesicht war ernst, also war es ihres auch.

"Ich muss gehen, Reiju. Ren macht sich Sorgen um Seiya und ich sollte ihn nicht damit allein lassen."

Er griff nach seiner Jacke und zog sie über.

"Seiya? Was ist mit ihm? Ist was passiert?"

"Ihm geht es gut, aber irgendwas scheint beim Training vorgefallen zu sein. Es wird nicht schlimmes sein, aber ich sollte besser gehen."

Reiju nickte und legte sanft ihre Hand auf seine, dann ließ sie sie wieder sinken.

"Willst du, dass ich mitkomme?", fragte sie und erfasste seine Hand.

Er wollte es so sehr.

"Nein, das musst du nicht. Es wird wirklich nichts schlimmes sein, ich klär das schon."

"Ich werde trotzdem mitkommen."

Bitte. Er wollte sie an seiner Seite haben.

"Reiju, bitte bleib hier. Richte Suru aus, dass es mir leid tut und sag ihm und seinem Vater noch mal Danke von mir. Es war ein wirklich schöner Abend."

Er entriss sich ihrer Hand. Er wollte zwar, dass sie mitkam aber am Ende würde sie nichts tun können und der kleine Kreis aus ihm und Ren wäre das Beste für seinen Bruder.

"Okay, wenn du dir sicher bist." Er nickte und ging dann. Er verschwand in der Weite des Raumes und war fort.

 

Als er aus dem Gebäude trat stockte er einen Moment. Er wusste gar nicht wie er nach Hause kommen wollte. Sie waren mit einem Taxi hergebracht worden, welches Surus Vater finanziert hatte. Er würde sich die Rückfahrt niemals selbst leisten können. Hadernd fiel er einige Schritte zurück. Was verdammt sollte er tun. Das waren die Worte in seinem Kopf, als plötzlich jemand hinter ihm aus dem Gebäude stürmte. Laut hörte er Absätze auf dem glatten Stein. "Ace!", rief die Person und griff ihn am Kragen seines Sakkos. Es war Yukas überraschend kräftige Hand, die ihn jetzt hinter sich her zog.

"Yuka", raunte er. Ja richtig, wieso hatte er nicht gleich an sie gedacht. Wieso hatte er ihr nicht Bescheid gegeben.

"Yuka, was tust du? Erwartet dein Vater dich nicht an seiner Seite?"

Mit heftigem Schwung öffnete Yuka die Beifahrertür eines schwarzen leeren Autos und gab Ace einen Schubser. Holprig setzte er sich in den fremden Wagen.

"Mein Vater kann mich kreuzweise", sagte sie aufgebracht, als sie sich ans Steuer setzte. Sie startete den Motor und parkte mit dem Fuß auf dem Gaspedal aus.

"Dem hab ich heute genug vorgespielt", ergänzte sie und fuhr mit bleiernem Fuß auf die Straße hinaus. "Sicher, dass du in deinem Zustand fahren solltest?", fragte Ace plötzlich und klammerte sich an das Armaturenbrett. Sie gab unfassbar viel Gas und raste über die dunklen Straßen hinweg.

"Sag du mir nichts von Zustand, mir geht es gut. Sag mir lieber, wieso du mir nicht von Seiya erzählt hast? Wie hattest du überhaupt vor hier weg zu kommen?"

Da wurde Ace erst klar, dass er ihr es ja tatsächlich noch gar nicht erzählt hatte. Woher wusste sie es dann.

Noch bevor Ace fragen konnte, starrte sie eine Sekunde in sein fragendes Gesicht. Sie schien sich langsam zu beruhigen. Ihr Atem ging langsamer. "Reiju hat es mir erzählt. Zu deinem Glück, wenn wir beide ehrlich sind. Du wärst heute Abend sonst niemals dort angekommen." "Danke", antwortete Ace nur. Sie hatte recht. "Entschuldige, dass ich es dir nicht gesagt habe. Du kümmerst dich seit der ganzen Geschichte so gut um ihn, ich wüsste nicht wie es ihm heute gehen würde ohne dich. Entschuldige, bitte."

Er sprach kleinlaut und lehnte sich zurück in seinen Sitz. Yuka raste nicht mehr ganz so schlimm wie zu Anfang.

Sie seufzte. "Schon gut, Ace. Ich wäre wahrscheinlich auch einfach losgestürmt."

"Weißt du denn vielleicht was vorgefallen sein könnte?", fragte Ace jetzt und hoffte sehr, dass er ihr etwas gesagt hatte. Doch sie schüttelte den Kopf.

"Nein. Ich weiß, dass er nächste Woche mit Miyamoto sprechen wollte. Vielleicht hat er es vorgezogen, ich weiß auch nicht."

Ace nickte und schloss für eine Sekunde die Augen.

Der Abend war schön gewesen.

Auch wenn sie nur wenig von Suru gehabt hatten, waren sie für ihn da gewesen so gut es ging. Sie hatten miteinander gelacht und gutes Essen genossen. Er hatte nur gute Erinnerungen an diese Veranstaltung.

Seiyas Abend dagegen musste weniger gut verlaufen sein. Was war geschehen, dass Ren ihn sogar hatte angerufen müssen. Was konnte Seiya jetzt noch einmal so sehr erschüttern.

Miyamotos. Sein Name geisterte ihm unaufhörlich durch den Kopf.

"Miyamoto?"

Sein Trainer saß an dem hölzernen, schweren Tisch und schrieb. Als er Seiyas Stimme hörte sah er auf. Das alte Gesicht seines Trainers war freundlich und die Haut um seine Augen kräuselte sich als er lächelte.

"Seiya! Was gibt es? Wie geht es dem Knie?"

Er schluckte. Schwer zog sich seine Kehle zusammen. Er röchelte, bis er seine Fassung wieder fand.

"Wir haben dich vermisst im Training." Miyamoto sprach weiter, als Seiya keinen Anstand dazu machte und sah ihm besorgt entgegen. Er spürte, dass etwas nicht stimmte. Er spürte es allein schon daran, dass sein Spieler ihm nicht ins Gesicht sah. Er durchsuchte hilflos den Raum, nur um ihn nicht ansehen zu müssen.

"Gibt es etwas Neues?" Er sprach einfach immer weiter, während er nun aufstand. Irgendjemand musste Seiya aus seiner Trance befreien. Er stellte sich ihm gegenüber und legte ihm seine Hand auf die Schulter.

"Trainer", brachte er plötzlich hervor. Seine Stimme zitterte.

"Ich habe sie angelogen."

Skeptisch zog Miyamoto seine Brauen zusammen. Er ahnte etwas, er ahnte Schreckliches.

"Was meinst du, mein Junge?"

"Es tut mir so leid. Ich muss ihnen endlich die Wahrheit sagen." Nur langsam wandte er sein Gesicht seinem Trainer zu. Es war als bündelte er dafür jegliche Kraft. Seine Augen lagen feucht in dem traurigen Gesicht.

"Es ist nicht nur eine gewöhnliche Zerrung, nicht wahr?"

Seiya nickte. Seine Unterlippe begann zu zittern.

"Es ist mein Meniskus. Erneut. Ich muss aufhören zu spielen."

Miyamoto blieb einen Moment lang still. Er beobachtete Seiya wie er elendig vor ihm stand. Die erste Träne hatte schon längst ihren Weg gefunden, weitere folgten ihr gehorsam. Seine Lippen bebten und seine Worte kamen nur unklar hinaus.

"Ich will es nicht. Ich muss aufhören, aber Trainer sagen sie mir, wie könnte ich je? Wie könnte ich jemals alles schmeißen?"

Schwerfällig nickte Seiyas alter Trainer.

"Nun, ich hab deine Krankenakte nicht gesehen, aber da du es mir so lange verschwiegen hast, gehe ich davon aus, dass du schon bei einem sehr guten Arzt gewesen bist." Er legte eine Hand an sein Kinn und versuchte verzweifelt das Bild von Seiyas immer wiederkehrenden Tränen nur noch für einige Sekunden auszublenden.

"Ich vertraue dir und deiner bisherigen Krankheitsgeschichte nach, die ich sehr gut kenne, ist es nichts was bisher unwahrscheinlich war."

Seiya stand nur noch schluchzend vor ihm. Er hielt sich wacker, stand gerade und aufrecht da. Doch er weinte unaufhörlich.

Dann sah Miyamoto ihm wieder genau in die Augen.

"Seiya, mein guter Junge. Ich will es nicht so klingen lassen, als würde ich dich jetzt und hiermit aus dem Club werfen, aber um es vielleicht etwas leichter zu machen sage ich dir jetzt, du darfst nicht mehr unter meinem Namen spielen."

Er klang ganz ruhig. Hatte sich noch unter Kontrolle, er war genau so wie Seiya ihn aus dem Training kannte. Freundlich, aber kalt. Er verlor nie die Fassung, wirkte selbst wenn er schrie sachlich und besonnen.

"Ich erteile dir Spielverbot. Du musst aufhören. Es ist grausam und schrecklich hart, aber hör auf." Er pausierte. Kam Seiya noch einen Schritt näher und sah ihn genau an.

"So wie du mich jetzt anblickst, so wie ich es in meinem schlimmsten Albträumen gesehen habe, muss die Beschädigung gravierend sein und das jagt mir eine Heidenangst ein. Ich habe Angst um dich, Seiya. Um dich und um deine Lebensqualität. Du musst doch laufen können, du musst aufhören!"

Seiyas Trainer brach ab. Er weinte. All die Jahre in denen der alte Mann so hart erschien gingen dahin mit den unzähligen Tränen. Er schluchzte.

"Erzähle das bloß nicht den Jungs hörst du!"

Er wischte sich die Tränen hilflos von den Wangen und sah Seiya wieder in die Augen. Er sah die Augen eines jungen Mannes, der immer alles gegeben hatte. Der geliebt hatte was er tat und es wahrscheinlich ewig lieben würde. Er sah einen gebrochenen Mann.

Seiya erwiderte den Blick seines Trainers und lachte plötzlich verzweifelt auf. Er atmete tief ein und wieder aus und versuchte mit klarer Stimme etwas zu sagen.

"Also heißt es jetzt wohl Abschied nehmen." Er sprach ruhig. Er verbot sich weitere Tränen. Er sollte vorbereiteter sein, das hatte er zumindest gedacht. Trotzdem hätte er am liebsten einfach nur weiter geweint und nie wieder aufhört. Sein Traum verebbte. Olympia rann dahin. Er stand in der Steppe vor einer weiten leeren Fläche und nichts erwartete ihn mehr. Dort war nur noch leeres, totes Gras.

Die Tränen seines Trainers verschwanden nicht. Auch wenn Seiya langsam zu weinen aufhörte, sein Ausdruck tat es nickt. Der Blick in seinen Augen schrie.

Er umarmte ihn.

"Bitte", sagte er und seine Stimme zitterte. "Werde glücklich. Finde etwas, das du lieben kannst. Etwas, das dich den Verlust vergessen lässt. Es ist wichtig, dass du das tust hörst du."

Seiya nickte. Unmerklich fing er wieder zu weinen an. Er weinte leise in die Schulter seines Trainers und sah, wie die Welt des Badmintons von nun an für immer hinter ihm liegen würde.

"Wir sind gleich da", sagte Yuka sanft und rüttelte an Ace Bein.

Verwirrt öffnete er wieder die Augen. Er war eingenickt. Als er in die Dunkelheit hinein blinzelte erkannte er schon seine Straße. Wie lange hatte er vor sich hin gedöst?

"Tut mir leid", sagte er holprig und setzte sich schnell aufrecht hin.

"Was denn?", fragte sie ganz ruhig.

"Jetzt warst du die ganze Fahrt allein."

"Ich konnte gut nachdenken in der Zeit." Sie lächelte weder noch grinste sie. Es war ihr Ernst gewesen. Seiya ging ihr nicht aus dem Kopf. Er ging auf und ab und drehte sich im Kreis.

Als sie ausstiegen fasste sie Ace am Arm, doch diesmal war es sanft. Sie hielt ihn.

Ace schloss mit Yukas warmer Hand im Rücken die Tür auf.

Als sie eintraten erwarteten sie alles, sie waren gerüstet für das Schlimmste, doch was sie sahen war nicht in ihrem Köpfen gewesen. Seiya verließ gerade auf seinem Weg in das Wohnzimmer die Küche. In seinen Händen eine Schüssel Chips. Sein Knie war eingewickelt in Kühlpacks.

Überrascht blieb er vor ihnen stehen.

"Was macht ihr denn hier?", fragte er. Ren kam sofort dazu gesprintet. "Ace! Und Yuka auch!", rief er und klang ein wenig zu erleichtert.

Verwundert blickte Seiya jetzt auch ihn an.

"Hast du sie etwa angerufen?"

Seiya wirkte ausgelassen, ruhig. Er wirkte wie immer.

Ace und Yuka zogen ihre Schuhe aus und betraten das Haus. Er beäugte Ren, wie er nervös zu Boden starrte.

"Yuka hat uns früher nach Hause gefahren", sagte Ace. "Sie hatte keine Lust mehr und wollte her kommen, also hat sie mich direkt mitgenommen."

Ren sah auf, verwundert über Ace Lüge, aber auch ein wenig Dankbar.

"Oh, das tut mir leid, Yuka. War es so schlimm?", fragte Seiya sofort und trat auf sie zu. "Ich bin froh, dass du gekommen bist."

"Naja", machte sie nur und gab ihm einen Kuss auf die Lippen. Es war so schlimm gewesen, sogar noch schlimmer, aber deswegen war sie nicht hier.

"Es war anstrengend, ich hatte einfach keine Lust mehr." Seiya nickte und nahm sie bei der Hand.

"Dann könnt ihr euch aber glücklich schätzen, denn ihr seid gerade recht gekommen. Ren und ich haben unseren Film noch nicht angefangen!" Er lächelte breit und führte alle in das Wohnzimmer. Der Streamingdienst war offen und ein Film schon ausgewählt.

"Also lasst uns ihn doch gemeinsam ansehen."

Er blickte zu Yuka. "Nur wenn du Lust hast, natürlich." Sie nickte und versuchte so gut es ging ihre Irritation zu verbergen. Ace nickte seinem Bruder entgegen. "Gern. Ich geh mich nur kurz umziehen."

Als er den Raum verließ zog er Ren mit sich.

Gemeinsam betraten sie Ace Zimmer und schlossen die Türe hinter sich.

"Was ist passiert?", fragte Ace.

Ren zog nervös die Augenbrauen zusammen. Er blickte Ace nicht an.

"Ich weiß es nicht." Er spürte den Blick seines Bruders standhaft auf ihm. "Es tut mir leid, dass ich euch unnötig hergeholt habe."

Ace seufzte und setzte sich jetzt neben seinen Bruder auf sein Bett. Er blickte ihn weiter an, doch jetzt löste er seine Gesichtszüge etwas. Er war nicht sauer, er war nur verwirrt und wollte verstehen was los war.

"Alles gut, Ren. Mach dir keine Sorgen darum."

Ren nickte leicht, sein Blick ging noch immer zu Boden.

"Aber was war denn los, als du angerufen hast?", sprach Ace dann weiter.

"Seiya ist nach Hause gekommen und als er durch die Tür kam hat er mich nicht gegrüßt. Verwundert bin ich zu ihm raus auf den Flur getreten, um ihm Hallo zu sagen. Seiya wirkte abwesend und hat sich vor meiner Stimme erschreckt. Dann hat er mich nur kurz gegrüßt und ist in seinem Zimmer verschwunden. Er hat dort geweint. Ich weiß das, weil es im gesamten Haus zu hören war und er hatte einfach nicht aufhören wollen. Er hat so laut geweint, Ace." Ren schluckte und machte eine Pause. Die weiche Stimme seines Bruder dumpf aber schmerzlich in seinen Ohren zu tragen, war schrecklich gewesen. Vor allem aber deswegen, weil er nicht wusste was er hätte tun können.

"Deswegen habe ich dich angerufen. Aber zehn Minuten nachdem wir aufgelegt hatten kam er plötzlich wieder die Stufen herunter. Seine Augen waren rot angelaufen, aber er hat gelächelt und mich kurz in den Arm genommen. Dann kam ihm die Idee einen Filmabend zu machen. Seit dem sitzen wir im Wohnzimmer, haben Popcorn und andere Snacks gemacht und gucken irgendwas im Internet."

"Ich versteh das nicht", sagte Ace.

"Ich auch nicht."

"Aber es war gut, dass du angerufen hast. Ich lass dich nicht allein." Ace legte seine Arme sanft um Rens kleinen Körper und drückte ihn. "Sag, dass du weißt, dass ich dich nicht alleine lasse."

Ren stöhnte auf, als Ace ihn immer fester und fester an sich drückte. Sein Bruder lachte auf.

"Sag schon."

"Natürlich weiß ich das", sagte er also und wurde freigelassen. Er schloss sich Ace Kichern an und stand auf.

"Was hast du jetzt vor?", fragte er.

"Ich werde ihn einfach fragen, denke ich.“

Als sie die Stufen wieder hinabgestiegen hörten sie Seiyas seichtes Lachen. Yuka stimmte mit ein.

Sie beide sahen auf, als sie das Wohnzimmer wieder betraten.

„Da seid ihr ja wieder. Wir haben uns schon gewundert, wohin Ren ebenfalls verschwunden ist.“ Yuka lächelte und ihr Blick hatte jede Irritation verloren. Auch die Wut, die vorhin noch in ihr gebrodelt hatte war fort. Hier fühlte sie sich sicher.

„Ich habe Ren nur eben was zeigen müssen“, sagte Ace und spürte wie erleichtert er war, dass Yuka mitgekommen war. Sie würde sicher wissen, was zu tun war.

„Also wollen wir dann den Film schauen? Oder wollen wir darüber sprechen, weshalb Ace und ich wirklich hergekommen sind?“ Yuka sprach es einfach an ohne zu zögern.

Seiya schluckte, obwohl er sich darüber schon im Klaren gewesen war.

„Lass uns darüber sprechen, dann habe ich es endlich hinter mir. Dann hab ich all das endlich hinter mir und kann abschließen.“

„Was meinst du mit all das?“, fragte Ace.

„Du warst bei Miyamoto hab ich recht?“, sagte Yuka und sah ihm in das nervöse Gesicht.

„Ich war bei Miyamoto, richtig. Ich hab endlich mit ihm gesprochen und ihm die Wahrheit gesagt und es hat fürchterlich weh getan, aber es war befreiender als gedacht.“

„Was hat er gesagt?“ Yuka legte ihm sanft die Hand auf den Oberschenkel. Ihren Blick ließ sie nicht schweifen.

„Er war schockiert aber auch nicht wirklich überrascht. Er hat ja recht, es war absehbar gewesen.“

„Aber du hast gekämpft so lange es ging, das bereust du doch nicht oder?“, fragte Ren darauf ganz aufgebracht. Davon musste Seiya lächeln. „Nein, natürlich nicht. Miyamoto hat mir aber ebenfalls ein endgültiges Spielverbot ausgesprochen und mir gleichzeitig gut zugesprochen. Es ist so paradox.“

„Du hast geweint Seiya, weil es jetzt offiziell vorbei ist oder?“ Seiya nickte seinem kleinsten Bruder zu.

„Ja. Und wenn diese OP hinter mir liegt, dann kann ich endlich wirklich damit abschließen.“

Alle nickten einvernehmlich, niemand hatte mehr etwas zu sagen. Yuka schmiegte sich an Seiyas Brust und ließ den Film wortlos laufen. Ace und Ren setzten sich dazu und gemeinsam sprachen sie kein einziges Wort mehr zueinander.

Als Reiju an diesem Abend aus dem Fenster schaute sah sie es. Sie sah was sie den ganzen Tag lang schon geahnt hatte. Sie hatte es riechen können, ganz eindeutig. Niemand hatte ihr geglaubt, doch das nun war der Beweis.

Es schneite.

Dicke weiße Flocken, wie weiche Wattebäusche wogen an ihrem Fenster vorüber und bedeckten die Erde. Begannen alles einzufärben. Alles in Ruhe zu hüllen.

Das seichte Gefühl, dass endlich alles einmal zum stehen kommt, dass endlich alles einmal still ist. Die Welt versinkt in Wortlosigkeit. Da ist nur noch die Ruhe. Das war Schnee für Reiju. Kaum konnte sie ihre Augen trennen von dem Schauspiel, dem Tanz der Schneekristalle vor ihrem Fenster. Wie sie fielen, wie sie an ihr vorbeizogen, wie sie einander berührten oder einsam den Weg zu Boden suchten. Sie sanken behutsam und landeten weich in Decken aus Schnee. Der Boden war längst nicht mehr zu erkennen, alles war zu einer weiten weißen Landschaft verschmolzen. Ganz unberührt und rein.

Sie musste dort hinaus. Sie wollte den Schnee auf ihrer eigenen Haut spüren, auf ihrem Gesicht, ihrer Nase. Sie wollte die Ruhe spüren, wenigstens das eine Mal.

"Ich will raus kommst du mit?"

"Was jetzt?"

Ace raue Stimme kam überrascht an ihr Ohr. Dieses Mal hatte sie ihn angerufen und nicht er sie.

"Ja, wieso nicht?"

"Aber es schneit. Es ist verdammt kalt."

"Ja und? Zieh dich an, dann frierst du auch nicht."

"Aber..."

"Ich geh allein, wenn du nicht willst."

Er zögerte. Er zögerte eine ganze Weile. Es war schon neun Uhr am Abend. Doch genau deshalb sagte er zu. Um diese Uhrzeit könnte er sie niemals allein raus lassen und er wusste, sie würde gehen. Mit oder ohne ihn.

"Gib mir 10 Minuten."

 

Als Ace an ihrem Haus ankam stand Reiju schon auf der Straße. Warm eingepackt in dickem Mantel, Schal und Mütze starrte sie in den Himmel. Ihr Gesicht war zart erleuchtet unter der Straßenlaterne. Die Schneeflocken landeten behutsam auf ihrem Körper, sie umgaben sie, während sie sich keinen Zentimeter regte. Ihre Augen geschlossen ließ sie sich umgeben. Erst als Ace ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter legte öffnete sie sie wieder. Sie lächelte als sie in sein Gesicht sah. Man konnte nur seine Augen sehen, der Rest war tief vermummt in seinem riesigen, karierten Schal und seine Haare steckten gänzlich unter der schwarzen Mütze. Doch sie sah genau, dass er ebenfalls lächelte. "Hi", sagte er und gelang dumpf durch all die Schichten Stoff an ihr Trommelfell. "Hi", antwortete sie ruhig. "Sollen wir?"

Er nickte und folgte ihr. "Was hast du jetzt vor?", fragte er. Sie zuckte mit den Schultern.

Es war ganz still auf den Straßen. Kein Auto fuhr und keine Menschenseele war zu entdecken. Sie waren mit den Schneeflocken allein im Schein der Straßenlaternen.

Zweisamkeit überkam ihn. In diesem Land aus Schnee wirkte es, als seien sie die letzten Menschen auf Erden. Es wirkte als gäbe es nur noch sie beide und als hätte es auch immer nur sie beide gegeben.

"Es ist still. Im Schnee wird alles immer sofort so… ruhig." Sie raunte es, doch er verstand ganz klar. Sie hatte recht.

Vorsichtig trat er ein wenig näher an sie heran. Ihre Hände steckten in gestrickten Fäustlingen, seine in schwarzen Lederhandschuhen. Dennoch konnte er ihre Hand ganz genau wahrnehmen als er sie ergriff. Er spürte jede Regung, spürte, dass sie zu Anfang zögerte, es dann aber umso fester erwiderte. Er spürte, dass sie nicht reden wollte, aber auch, dass sie nicht allein sein wollte. Sie schätzte seine Anwesenheit und gab sich ihr hin. Ihr und der zarten Berührung des Schnees.

Wie die Flocken, eine nach der anderen, in ihrem kurzen schwarzen Haar landeten und dort verweilten. Wie sie dort ruhten und nach einer Weile zu schmelzen begannen. Ace betrachtete es immer wieder. Sie war geschmückt von Schnee und leuchtete auf in dem warmen, dumpfen Licht der Laternen.

"Der Park?", fragte er als er plötzlich wieder zu sich kam. Er war gelaufen wie ein Blinder, von ihrer Hand geführt. Doch jetzt zu sehen was vor ihm lag warf ihn um. Weiß, über und über alles bedeckt mit weißem Schnee. Es war wunderschön.

Sie nickte. Stumm, als wollte sie der weißen Landschaft nicht in die Quere kommen der Welt die Töne zu rauben.

Sie gingen noch ein Stück, gingen immer tiefer in den Park hinein.

"Was fühlst du, Reiju?", fragte er, als sie schon eine ganze Weile gegangen waren.

"Ruhe. Endlich einmal wieder gänzliche Ruhe."

Ace drückte ihre Hand und blickte wieder zu ihr. Wie der dunkle Stoff ihrer Mütze gesprenkelt war von weißem Schnee.

"Und du?"

"Ja, endlich einmal wieder. Als ersticke der Schnee alles im Kern."

Ihre beider Stimmen waren langsam, leise. Sie wollten die Natur nicht stören, nicht kaputt machen, was der Schneefall bewirkte.

"Wie geht es Seiya? Ich meine nach seinem endgültigen Austreten", fragte sie.

"Nicht besonders", sagte er, mehr bekam er nicht raus. Ace war nicht überrascht von der Frage, nur vom Thema erschöpft.

"Er wird es schaffen", raunte sie und er konnte nichts anderes tun als zu nicken.

Da blieb sie stehen. Sie stagnierte eine Sekunde, dann drehte sie sich zu ihm und umarmte ihn. Ihr war aufgefallen, dass sie es seit dem Sommerfest nicht auch nur einmal so richtig getan hatte, dabei würde sie es in Ace Position dringend benötigen. Sie drückte ihn, strich über seinen Rücken und hielt ihn für eine Weile und er erwiderte es, ganz ohne Scham. Das erste Mal seit Monaten umarmten sie sich und das erste mal spürte er sie wieder so nah an sich. Er hatte ihren Geruch nicht vergessen. Hier im Schnee schien alles negative zu verstummen. Er nahm was sie ihm gab und es fühlte sich an als hätte er seit Ewigkeiten danach gedürstet.

"Danke", wisperte er bevor er sich von ihr löste. Sie hätte diese Umarmung ewig gehalten, aber das sollte sie nicht müssen.

"Gehen wir noch eine Weile mehr spazieren?", fragte sie darauf und er nickte einstimmig.

 

"Okay aber, Reiju, reicht es dir dann?"

"Was?", fragte sie und blickte zu ihm rüber. Seine Unterlippe zitterte.

"Wir spazieren seit über einer Stunden umher und langsam ist mir echt kalt!" Er betonte es nur langsam und lachte. Reiju nickte seicht.

"Okay, das genügt." Es wurde still. "Aber ich will noch nicht nach Hause."

"Komm zu mir." Ohne nachzudenken kamen die Worte über seine Lippen. Er ließ seinen Blick nicht mehr von ihr ab.

"Was?", fragte sie verwundert.

"Ich habe dich noch nie zu mir nach Hause eingeladen, auch wenn du schon ein paar mal da warst bist du immer nur von selbst gekommen.“

"Oh, das stimmt wohl.“

„Also komm, ich lade dich ein.“

„Jetzt? Es ist schon elf Uhr. Was ist mit deinen Brüdern?“

„Ren schläft in den Ferien sowieso nie und Seiya schläft wie ein Stein.“

Sie grübelte. Konnte sie das wirklich tun, zu Ace in dieser späten Stunde während ihre Eltern dachte sie wäre bei Junko... diese Lüge schien ihr immer lächerlicher. Wieso hatte sie sie überhaupt angelogen, ihre Eltern mochten Ace. Aber jetzt war es Nacht, sie waren allein auf den eisigen Straßen und sie genossen die weiche Ruhe, die Reiju so liebte, gemeinsam. Hand in Hand.

Er riss sie aus ihren Gedanken. „Du hast gesagt der Abend soll noch nicht enden, aber draußen ist es viel zu kalt auf Dauer. Also komm schon. Ich zeig dir auch mein Zimmer.“

Er grinste breit und hielt ihr jetzt die Hand hin, als wolle er sie in eine andere Welt entführen. Er lächelte so aufgeregt.

„Gut, dann lass uns gehen.“

Sie ergriff erneut seine Hand und spürte wie sie ihre ganz langsam fester umschloss.

„Gut.“

 

Als sie das stille Haus betraten schlug Reijus Herz schneller als gewohnt. Alles war in Dunkelheit gehüllt und sehen konnte sie nur wenig. Beinahe stolperte sie über die Stufe am Eingang und musste sich das laute Lachen verkneifen, als Ace sie am Oberarm ergriff und vor einem Sturz bewahrte.

„Psch“, machte er, doch auch er lachte leise vor sich hin. Er half ihr auf die Beine und stellte seine Schuhe auf Seite, bevor sie auch noch über diese stolpern würde.

„Entschuldige“, wisperte sie und schlüpfte ebenfalls aus ihren Stiefeln. Sie waren nass und trieften vor Schnee, doch Ace hatte gesagt sie sollte sie einfach dort abstellen.

Aus welchem Grund auch immer hatten sie vom Park bis hierher eine ganze halbe Stunde gebraucht. Sie mussten unfassbar getrödelt haben, das fiel Reiju erst jetzt auf.

Ace nahm ihr die Jacke, die Mütze und den Schal ab und hing sie neben seinen Sachen zum trocknen auf.

Aus Rens Zimmer schien noch Licht unter der Tür hinaus. Er grüßte ihn und wartete dann auf der ersten Treppenstufe, dass Reiju aus dem Bad zurück kam. Lange brauchte sie nicht, aber länger als sonst. Als sie vor dem Spiegel stand beobachtete sie sich eine kurze Weile. Ihre dunklen Augen. Das schwarze, kurze Haar, welches an den Spitzen noch nass war vom Schneefall. Sie sah fahl und etwas müde aus, dabei fühlte sie sich gar nicht so. Sie war gut drauf. Es schneite und... sie war bei Ace. Seltsamer Weise gab ihr beides in der Gemeinsamkeit ein unendliches Gefühl der Ruhe.

Dann verließ sie das Zimmer endlich und suchte sich ihren Weg zu Ace. Ihre Augen waren noch immer nicht an die Dunkelheit gewohnt, weshalb sie sich an der Wand entlang hangelte und beinahe erneut stolperte. Beim festhalten gelang sie an Rens Tür. Sie musste lauter gewesen sein als sie dachte, denn als sie gerade daran vorbei ziehen wollte, öffnete sie sich und ein heller Lichtkegel erfüllte den nächtlichen Flur. Reiju fühlte sich wie von Polizeilicht ertappt.

„Reiju?!“, fragte er. „Ich dachte schon Ace hätte wieder geklopft, aber dich habe ich nicht erwartet. Er hat mir nicht gesagt, dass du da bist.“ „Hi“, sagte sie und schützte ihre Augen vor der Helligkeit. „Hi“, sagte er zurück und lachte plötzlich. „Bist du schon lange hier?“

Sie schüttelte den Kopf. „Wir sind gerade erst gekommen.“ Er nickte. „Entschuldige, ich wollte dich nicht stören. Ich hab im Dunkeln nur nichts gesehen.“ „Schon gut“, sagte er und deutete hinter sie. „Ace, sie kennt sich hier weniger aus als du vielleicht denkst. Pass auf, dass sie nicht fällt, wenn du sie durch die Dunkelheit spazieren lässt.“ Ace zog die Augenbrauen hoch. Gedankenlos legte er seine Hand auf Reijus Hüfte und schob sie sanft Richtung Treppe. „Sei lieber nicht so laut. Du weckst noch Seiya.“

Zweifelnd blickte Ren seinem Bruder nach und grinste breit bis sie aus seinem Blickfeld verschwanden.

„Entschuldige, ich hätte dir das Licht auch ruhig anschalten können“, sagte Ace doch er lachte auch seicht. „Nein, schon gut.“

Seine Hand noch immer auf ihrer Hüfte ließ sie sich zu seinem Zimmer geleiten. Oberhalb der Treppenstufen war sie noch nie gewesen.

Sein Zimmer lag direkt neben den Stufen, die Tür war zu. Zielstrebig öffnete er sie und schaltete das Licht ein, dann ließ er sie ohne seine Führung eintreten und schloss die Tür wieder.

Das Zimmer war groß und hell erleuchtet. Das Bett war riesig und stand mitten im Raum. Ein Regal mit Büchern und anderen Kram stand zu ihrer linken. An der rechten Wand hingen Fotos von ihnen und von seinen Brüdern.

Das Kissen, welches sie ihm im Krankenhaus geschenkt hatten lag neben seinem Kopfkissen.

„Es ist schön“, sagte sie und lächelte ihm entgegen.

„Danke.“ Er erwiderte ihr Lächeln und deutete auf das Bett. „Setz dich ruhig.“

Sie grinste und schüttelte den Kopf, dann setzte sie sich zu Boden. Der Teppich war genau so weich wie er von oben und durch ihre dicken Socken gewirkt hatte. Er lachte, doch setzte sich nicht zu ihr.

„Ich werde uns Tee holen gehen. Warte hier.“ Sie nickte und blieb einfach auf dem weichen Teppich sitzen und gähnte, während er sich wieder auf den Weg hinunter machte. Am liebsten würde sie ewig hier sitzen bleiben. Sie wurde müde.

Nach einer Weile aber fiel ihr etwas ins Auge. Das Regal vor ihr war reich gefüllt. Sie machte Spielehüllen und viele Kochbücher aus, doch es waren auch Mangas und Romane darunter. Aus einem Buch aber lugte ein Zettel hinaus.

Vorsichtig kroch sie auf allen Vieren zum Regal. Das Buch stand ganz unten auf einem der Bretter. Sie betrachtete es.

Es war ein Gedichtband in englischer Sprache.

Reiju musste lächeln. Irgendwie hatte sie nie darüber nachgedacht, dass Ace ein Mensch sein könnte, der viel las, vor allem nicht Gedichte auf englisch.

Ganz vorsichtig zog sie es jetzt hinaus. Es war alt und der Einband war aus ausgeblichenem Stoff. Sie lächelte noch immer. Sie nahm das Buch an sich und setzte sich zurück auf die Stelle, an der sie eben noch gesessen hatte. In dem weichen Teppich versank sie. Dafür, dass Ace nur Tee machen wollte war er jetzt schon eine ganz schöne Weile fort, doch das störte sie gar nicht.

Gebannt betrachtete sie den grauen Einband, strich über die silbern gestanzten Buchstaben, die edel den Titel formten. Nur ganz vorsichtig schlug sie es auf. Die Seiten waren leicht vergilbt, die Buchstaben noch immer tiefschwarz. Es fühlte sich so zerbrechlich in ihren Händen an, Reiju wagte es nicht sich schnell zu bewegen.

Laut gähnte sie auf. Sie pausierte ihre Bewegungen, dann blätterte sie zu den Seiten, die den kleinen Zettel hielten, der sie angelockt hatte. Sie wollte unbedingt wissen welche Stelle er sich damit markiert hatte.

Neugierig blickte sie auf die Zeilen, als ihr stattdessen jedoch der vermeintliche Zettel ins Auge fiel.

Es war ein Foto.

Ein Mann mit kurzem schwarzem Haar und Sommersprossen stand vor einer Unmenge von Bäumen und hielt einen kleinen Jungen auf seinem Arm. Seine Augen waren dunkel und sein Lächeln breiter als jedes, welches Reiju je gesehen hatte. Der kleine Junge in seinen Armen lächelte ebenfalls. Sie sahen sich beide an, keiner schaute in die Kamera. Es war ein winziger Moment zwischen zwei Menschen, dreist von Fremden beobachtet.

Das war also Ace Vater. Das aller erste mal seit über einem halben Jahr bekam sie ihn zu Gesicht. Konnte sie sehen wie er ausgesehen hatte. Ace sah genau so aus wie er, es war überragend. Das Haar, die Sommersprossen, die Augen, der Mund. Er war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, eine exakte Kopie.

Reiju konnte ihre Augen nicht mehr von dem Bild lassen. Es versetzte sie in tiefe Kontemplation. Es war so schön. Dieses Foto beschrieb alles was sie von Ace Vater schon wusste und noch so viel mehr. Es war so tiefe Liebe und es war Geborgenheit. Es war Schutz und Zuneigung. Nähe und Sicherheit.

Es war das genaue Gegenteil von dem, was in den letzten Monaten passiert war.

Reiju schluckte.

Schnell hechtete Ace die Stufen hoch und balancierte die zwei Teetassen auf dem Tablett in seinen Händen vorsichtig aus. Der Tee war schon fast wieder kalt, so lange hatte er gebraucht. Es tat ihm unfassbar leid, Reiju so lange warten zu lassen. Seiya war tatsächlich noch aufgewacht und hatte sich fragend bei ihm gewundert, wieso er drei Tassen Tee machte, anstatt nur zwei. Ace hatte ihm die Wahrheit gesagt und sich gleich anhören müssen, dass er so spät nicht noch einfach so jemanden einladen konnte. Seiya würde nicht verantworten können dass er oder sie am Ende noch allein durch die Nacht liefen, wenn sie nach Hause musste. Ace hatte sich entschuldigt und ein okay für eine Übernachtung bekommen. Aber übernachten? Konnte er das wirklich verantworten? Genau genommen hatte er es schon, als er sie um elf Uhr Abends zu sich nach Hause gebracht hatte. Er hatte den Fehler schon begannen.

Nervös trat er zur Tür und öffnete sie.

Als er Reiju am Boden entdeckte schlief sie. Als er sie genauer betrachtete schlief sie mit einem Buch auf dem Schoß und einem Foto in ihrer Hand.

Nervös stellte er das Tablett auf den Tisch neben ihr und kniete sich nieder. Wie hatte sie aus all den Dingen in seinem Regal gerade dieses Buch herausgefischt. Er spürte wie seine Hand seicht zu zittern begann, als er sie nach dem Foto aussendete. Reiju schlief friedlich mit dem Kopf auf die Bettkante gelehnt und atmete leise vor sich hin. Ihr Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Das Foto lag nur noch lose in ihrer Hand. Er nahm es an sich.

Es war so lange her, dass er das Buch hervorgeholt hatte. Es war auch schon lange vor dem Tod seines Vater unangerührt gewesen. Deswegen hatte er auch schon wieder vergessen, dass dieses Foto darin gelegen hatte.

Er war vier Jahre alt auf dem Bild. Sein Vater wirkte noch so schrecklich jung. Er war irgendwie ganz schön gealtert. Ace musste lächeln. Das erste graue Haar seines Vaters war ein Drama gewesen, Seiya und er hatten sich tagelang ihr Lachen verkneifen müssen. Ren war noch zu jung gewesen, um ganz zu verstehen wieso sie sich dauernd die Hand vor den Mund hielten, doch er tat es ihnen jedes mal gleich.

Dann griff Ace auch nach dem Buch und steckte das Foto zwischen die geöffneten Seiten. Er legte es auf den Tisch und nahm sich seine Tasse Tee.

Was sollte er jetzt tun?

Abgelenkt von dem Foto kam er jetzt wieder zu dem Gedanken, dass er unverantwortlich gehandelt hatte, sie zu drängen her zu kommen. Grübelnd nahm er einen Schluck heißen, frischen Ingwertee.

Es war inzwischen beinahe eins. Er musste sie nach Hause bringen, doch sie schlief so friedlich. Und nachdem Ace seine Tasse geleert und sie wieder zurück gestellt hatte überkam auch ihn die Müdigkeit. Er lehnte sich auf die niedrige Tischplatte, sein Knie berührte ihres, ihr ruhiger Atem besänftigte seinen. Dann schloss er die Augen.

So lange bis Reijus Handy plötzlich klingelte. Lautstark gab es irgendeinen Soundtrack von sich und riss sie beide aus dem Land der Träume.

Aufgeschreckt hob Reiju ab.

"Reiju!" Die laute, klare Stimme schmerzte in ihrem Hirn. Sie war noch diesig.

"Wo bist du!? Ich wache auf und muss sehen, dass du nicht in deinem Bett liegst. Wie kannst du mir das antun?"

Stumm horchte sie der wutentbrannten Rede ihrer Mutter. Dann sprach sie leise.

"Es tut mir leid", sagte sie. "Ich muss wohl eingeschlafen sein. Es tut mir wirklich leid."

"Wo bist du denn? Bist du noch bei Junko?"

"Ja, ich bin noch bei ihr."

"Dann Schlaf dort auch weiter, du kommst mir jetzt nicht um drei Ihr Morgens nach Hause hörst du!"

"Ist gut." Reiju sagte es mit einem unguten Gefühl. Sie würde hier schlafen müssen. Bei Ace.

"Wir sehen uns morgen. Wehe dir passiert das noch einmal."

"Ja, es tut mir leid Mama. Bis morgen."

Sie legte auf.

"Ace." Sie traute sich nicht aufzusehen. Sie schämte sich.

"Es tut mir so, so leid. Ich wollte nicht… einfach einzuschlafen war unverantwortlich. Und jetzt muss ich mich dir auch noch aufdrängen. Entschuldige."

Ace aber schüttelte den Kopf. Er hatte sich aufgesetzt und still dem Gespräch gelauscht. Es war seine Schuld, dass sie jetzt hier war.

"Nein, das ist schon okay. Es tut mir leid. Ich hätte dich von Anfang an nach Hause bringen sollen. Du hast wegen mir sogar deine Mutter angelogen."

"Du hast es raus gehört?" Jetzt sah sie auf. Sie schämte sich nur noch mehr, doch sie wollte seine Kopfbewegung sehen können. Er nickte stumm.

"Damit hat es nichts zu tun. Meine Mutter stellt nur gerne viele Fragen, wenn es um…" Sie brach ab. Wenn es um Menschen ging, bei denen sie eine Beziehung für möglich hielt. Ganz besonders wenn es um Ace ging.

"Um was?", fragte Ace weiter nach, ganz bewusst darüber, dass er etwas unangenehmes aus ihr herauszukitzeln versuchte. Er blickte sie an und beobachtete ihre ziellosen Augen.

"Wenn es um Jungs geht", sagte Reiju also vereinfacht und beließ es dabei. Ace antwortete nichts mehr darauf.

Reiju stand auf und griff nach ihrem kalten Tee. Durstig kippte sie ihn runter. "Wenn du noch mehr trinken willst, hol ich dir Wasser. Ich mach jetzt auch mal das Bett für dich, dann können wir richtig schlafen gehen."

Als Reiju die Tasse wieder abstellte, entdeckte sie das Buch. Wie ein Schlag traf es sie, dass Ace gesehen habe musste, wie sie es gelesen und das Foto betrachtet hatte.

"Es.. es tut mir leid Ace."

Sie ignorierte seine Worte. Verwundert sah er zu ihr auf.

"Hm?", machte er nur.

"Das Buch, das Foto. Ich hätte es mir nicht einfach ohne Erlaubnis ansehen dürfen."

"Ach ja", sagte er und sah es an. Der graue Einband ruhte auf dem Holz.

"Schon in Ordnung. Ich habe selbst nicht mehr gewusst, dass es existiert."

Reiju nickte.

"Dann lass uns das Bett machen." Ace stand auf. "Oh, und es tut mir leid dir noch mehr Umstände zu machen, aber könnte ich mir bequemere Klamotten von dir leihen?"

Ace fiel es erst jetzt auf. Reiju trug noch immer ihre enge Jeans mit Gürtel und ein Karohemd. Darin konnte sie nicht schlafen.

"Sicher." Nickend ging er rüber zum Kleiderschrank. Reiju erhaschte einen kurzen Blick hinein und sah wie ordentlich er war. Sie lächelte. Dann warf Ace ihr eine Jogginghose und ein Shirt hin.

"Ich gehe Wasser und noch eine Decke holen. Du kannst dich so lange umziehen." Ohne sie noch einmal anzusehen verließ er das Zimmer und ließ sie erneut allein.

Seufzend ließ sie sich auf der Bettkante nieder. Was zu Hölle passierte hier. Ihr Herz schlug ganz schnell. Die Wärme des Zimmers umschloss sie. Ace Geruch nahm ihre Sinne ein. Sie schloss die Augen für einen Moment und spürte die Weiche seiner Jogginghose.

Erst dann zog sie sich um.

Nervös schritt Ace die Treppen hinab. Nervös stieg er sich auch wieder hinauf. Er hatte sich extra lange Zeit gelassen, damit Reiju sich in Ruhe umziehen konnte.

Wenn er daran dachte, dass sie sich in seinem Zimmer ausgezogen hatte erhöhte sich sein Herzschlag. Er errötete.

Mit einer Wasserflasche und einer Decke aus dem Wohnzimmer unter dem Arm öffnete er seine Zimmertür, doch sofort schloss er sie wieder, bis auf einen Spalt.

Er spürte wie er gänzlich rot wurde. Sein Herz pochte nur noch schneller.

"Es… es tut mir so leid!", raunte er durch den Spalt hindurch. "Wirklich, es tut mir so leid."

In seiner Hose doch obenrum nur in Unterwäsche hatte sie da gestanden. Der Blick zum Fenster. Ihr nackter Rücken in seine Richtung. Sie hatte das Hemd gerade erst aufgeknöpft, geräuschlos fiel es zu Boden als er in das Zimmer blickte und die Tür sofort wieder zuzog.

Eine Sekunde verging. "Alles gut, es macht mir nichts aus", sagte Reiju gleichgültig und öffnete jetzt die Tür. Ace weißes Shirt lag übergroß auf ihren Schultern. Seine Jogginghose musste sie so fest zugezogen haben wie es nur ging, damit sie ihr nicht runter rutschte. Er schluckte.

"Ich hätte klopfen sollen, entschuldige."

Reiju lachte plötzlich auf, als sie sein rotes Gesicht sah. "Es ist doch nichts dabei."

Sie nahm ihm die zwei Sachen aus den Händen und schloss die Tür hinter ihm. "Okay", sagte er nur. Dann begann er schnell das Bett zu machen. Sie half ihm stumm dabei die Kissen auf Seite zu legen und die Tagesdecke zu falten. Dann konnte er ihr endlich wieder in das Gesicht schauen.

"Das Bad ist die letzte Tür links. Geh ruhig und mach dich fertig. Unter dem Waschbecken in der linken Schublade findest du eine saubere Zahnbürste, die du gern benutzen kannst. Ich mach unsere Betten fertig"

"Ich helfe gern", antwortete sie. Ihr schlechtes Gewissen quälte sie, doch er schüttelte den Kopf. "Geh ruhig."

Also gehorchte sie. Sie bedankte sich für die Zahnbürste und verschwand im Bad.

Ace für seinen Teil zog sich zu aller erst selbst um, um einen weiteren Vorfall zu verhindern. Dann warf er sich Decke und Kissen auf sein kleines Sofa und legte Reiju ihre Bettwäsche auf seinem Bett zurecht.

Als er ihr Wasser einschenken wollte fiel ihm erneut das Buch ins Auge.

Frustriert nahm er es in die Hände. Er wusste nicht was er damit anstellen wollte. Der alte, empfindliche Einband, die verfärbten Seiten. Das Buch war auf Englisch, denn es hatte erst seinem Opa, dann seinem Vater und dann erst ihm gehört. Als kleiner Junge hatte er es entdeckt und nicht mehr hergeben wollen, obwohl er englisch noch nicht einmal verstanden hatte. Sein Vater hatte es ihm unzählige Male vorlesen müssen und er hatte den Klang seiner Stimme in dieser fremden Sprache so geliebt. So froh war er dann gewesen, als sie englisch in der Schule lernten und er die Gedichte nun auch selbst lesen konnte, die vorher nur wie Bilder für ihn gewesen waren.

Schwer lag es jetzt in seinen Händen, also legte er es einfach wieder hin und setzte sich wartend auf das Sofa bis Reiju zurück war.

"Du schläfst dort?", fragte sie während sie das Zimmer betrachtete und sich gleichzeitig einen Zopf Band. Ihr Pony war an den Haarenden ganz nass. Ace nickte. "Ja, du kannst ruhig das Bett haben."

"Du kannst aber auch gern mit mir zusammen in deinem Bett schlafen. Dein Sofa ist ja viel zu winzig."

Er betrachtete sie. Sah ihr intensiv in das Gesicht. Es fühlte sich an wie ein Déjà-vu.

"Nein, ist schon in Ordnung. Das Bett ist nur für dich."

"Aber ich bekomme dann ein schlechtes Gewissen. Ich hab schon viel zu viel von dir verlangt." Ihr Blickaustausch ging weiter. "Dann lass mich wenigstens auf dem Sofa schlafen."

Sofort schüttelte er den Kopf. "Niemals."

Sie seufzte. "Dann leg dich zu mir."

"Es geht schon", sagte er und schluckte.

"Wieso beharrst du so sehr darauf? Wir haben doch schon mal in einem Bett geschlafen."

"Ja, aber das letzte Mal hast du..." Er beendete den Satz nicht. Sie wusste nicht, dass er sie hatte weinen hören, da war er sich sicher.

"Oh", machte sie. Kurz blieb sie still, dann ging sie zu ihm rüber. Er saß noch immer auf dem Sofa. Sie blieb vor ihm stehen und blickte zu ihm herunter.

"Das ist eine gefühlte Ewigkeit her, es ist okay. Diesmal wirklich. Leg dich zu mir wenn du möchtest. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass du auf diesem winzigen Sofa schlafen musst." Ihre Stimme war ganz sanft und so klar. Ace wollte, das stand fest, doch sollte er auch? Sie fasste ihm kurz ins Haar und ging zurück zum Bett. Sie schob ihr Kissen auf eine Seite und setzte sich hin. "Es ist echt okay", wiederholte sie, dann legte sie sich hin. Kurz darauf landete ein Kissen neben ihrem, dann auch die Decke.

Ace verschwand im Bad und als er wieder kam schaltete er das Licht aus und legte sich neben sie.

"Danke, dass ich hier schlafen darf."

"Danke, dass du damit okay bist hier zu bleiben."

Ihre beider Augen gewöhnten sich nur langsam an die Nacht, doch Reijus Lächeln konnte Ace bereits ganz klar erkennen.

Dann wurde es still.

"Ace?"

"Ja?"

"Darf ich dich was fragen?"

"Alles."

"Wie hieß dein Vater mit Vornamen?"

Ace machte eine Pause.

"Yoh. Mein Vater hieß Kojin Yoh."

"Das ist ein schöner Name."

"Finde ich auch."

"Er sah genau so aus wie du."

Leises Atmen erfüllte den Raum. Ace regte sich nicht. Sie beide lagen still da.

"Ja, das hab ich schon öfter gehört."

Sie musste lächeln. "Sag mal", begann sie dann wieder und diesmal drehte sie sich zu ihm. "Hat das Buch etwas mit deinem Vater zu tun? Mit Yoh."

"Es gehörte ihm."

Sie nickte.

"Wieso ist es auf englisch?"

Seicht bewegt sich jetzt auch Ace. Er schlug die Decke auf und drehte sich ebenfalls zu ihr.

"Mein Vater ist in den USA geboren worden", sagte er. "Mein Großvater heißt Garp mit Nachnamen, er ist Amerikaner."

Fragend blickte sie ihn an. "Willst du noch mehr hören?" Er wusste, dass er mit jedem Wort weiteren Wort, das er sagte nur noch immer mehr und mehr Fragen in ihr aufwerfen würde.

"Ja, bitte."

"Mein Vater kam nach Japan nachdem er Achtzehn geworden war. Er nahm den Namen meiner japanischen Mutter an und begann mit dem Studium an einer Kunsthochschule."

"Deswegen hast du keine weitere Familie hier in Japan."

Er nickte, dann drehte er sich zurück auf den Rücken. Ihren Blick beim Erzählen zu halten kostete ihn viel zu viel Kraft.

"Bitte, erzähl mir noch mehr."

Ace sprach weiter ohne groß darüber nachzudenken. Er gab einfach nur wieder was ihm erzählt wurde und hatte sich selbst nie groß damit beschäftigt. Sich nie gefragt was das für ihn eigentlich bedeutete.

"Mein Großvater hat immer gehasst, dass mein Vater nach Japan gekommen war und oben drauf noch Kunst studierte. Er wollte immer, dass er etwas, mit seinen Worten formuliert, Sinnvolles tat."

"Siehst du ihn oft?"

"Nein." Er atmete tief ein und starre an die Decke. "Er war nicht einmal bei der Beerdigung. Das letzte Mal habe ich ihn gesehen da war ich zwölf."

"Was hat dein Vater aus dem Studium gemacht?"

"Er hatte seine eigene Galerie in der Stadt. Selbst gemalt hat er nie wirklich, aber er verstand etwas davon und nutzte es kleinen Künstlern zu helfen. Ich glaube, dass sein eigener Vater nie an ihn geglaubt hat, war seine größte Motivation anderen den Glauben an sich selbst zu geben."

Vorsichtig sah er wieder zu ihr. Er schämte sich dafür so ehrlich gewesen zu sein, ausgesprochen zu haben was er dachte. Doch als er ihr Gesicht sah lächelte sie zufrieden.

"Wieso lächelst du so breit?", fragte er und sah wieder weg. Beschämt lief ihm die Röte in die Wangen.

"Ich bin nur froh, dass du mir so viel erzählst", sagte sie ganz ruhig. Dann lachte sie.

"Eine eigene Galerie klingt schön. Wart ihr oft dort als Kinder?"

Ace nickte, doch er sah sie nicht wieder an. "Ja, das waren wir." "Was ist heute aus ihr geworden?"

"Sie... wurde aufgekauft. Wir konnten uns die Miete nicht mehr leisten, also mussten wir sie verkaufen. Ich glaube sie steht zur Zeit noch leer."

Reiju nickte. Da war er wieder. Der Schmerz in seiner Stimme. Er hatte ihn vorher gut verborgen oder vielleicht sogar nicht einmal gespürt. Vielleicht war er nur froh gewesen einmal darüber sprechen zu können oder aber es war nur so automatisiert aus ihm herausgekommen, dass es ihn schon gar nicht mehr schmerzte. Vielleicht war es auch alles davon, Reiju konnte es nicht sagen. Sie konnte nur sehen wie er nun wieder zum Vorschein kam.

Still schaute sie nach einer langen Pause ihrer Gespräche auf ihr Handy.

"Halb fünf schon!", wisperte sie schockiert, als sie die hellen Zahlen auf ihrem Display entdeckte.

"Wir sollten wirklich schlafen, wenn Morgen aus Weihnachten noch etwas werden soll", raunte er zurück. "Da hast du Recht. Obwohl es ohnehin nicht wird wie geplant."

"Keita kommt nicht, richtig?", fragte Ace jetzt.

"Ja, er besucht lieber seinen Großvater."

"Das ist schön. Er sollte das tun."

Sie nickte. "Und Izaya kommt auch nicht?"

"Richtig", antwortete er. "Er verbringt immer einen der zwei Feiertage mit seiner Familie zu Hause." "Hattori wird sich freuen den Tag mit ihm zu haben." Ace musste lächeln. "Ja, das wird sie."

"Also schlafen wir jetzt?", fragte sie nach einem kurzen Moment der Stille.

"Okay", antwortete er.

Doch im nächsten Moment drehten sie sich zeitgleich zueinander und mussten plötzlich lachen. Noch eine ganze Weile erfüllten ihre Stimmen die Dunkelheit.

 

Als sie aufwachten war es zwölf Uhr. Reijus Sperrbildschirm war voll mit Nachrichten und sogar auch erneut verpassten Anrufen ihrer Mutter. Reiju begriff so langsam, dass sie wirklich das aller erste Mal so richtig Mist gebaut hatte.

Verschlafen setzte sie sich nur ganz vorsichtig auf. Ob Ace noch schlief wusste sie nicht und sie wollte ihn nicht wecken, aber sie musste ihre Mutter a