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Die Drohung

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27.4.2018 17:07
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Siegfried Hehn

Die Drohung

Kriminalgeschichte

 

Es war an einem Tag zu Beginn des Monats März. Tagelang hatten tiefhängende Wolken und Nebel, vermischt mit langanhaltendem Regen, sich wie ein dichter Schleier über Land und Häuser gebreitet. Doch an diesem Tag schien endlich wieder die Sonne, als Lars  Gramkow am Spätnachmittag mit seinem Wagen unterwegs war – er befand sich auf der Heimfahrt, als ihm unverhofft ein faszinierendes Schauspiel geboten wurde: Vor der malerischen Kulisse einer untergehenden Sonne sah er eine junge Reiterin in einem gestreckten Galopp über die Wiesen parallel zur Straße dahin jagen. Ihr zierlich wirkender Körper war weit über den Hals des Pferdes – einem herrlichen Rappen – gebeugt. Deutlich sah er ihr übermütiges Lachen, mit dem sie zu ihm herüberschaute. Es schien, als mache es Pferd und Reiterin Spaß, sich mühelos der Geschwindigkeit des Wagens anzupassen.

   Gramkow ging mit seiner Geschwindigkeit leicht herunter – nach circa 5oo Metern endeten die Wiesen vor einem Wohngrundstück; er wollte sich bis dahin den Anblick der Reiterin und ihren wilden Ritt an seiner Seite noch einen Moment erhalten. Doch da -! Sein Herz drohte zu stocken. „Oh mein Gott!“, rief er entsetzt, als sich in diesem Augenblick das Pferd im vollen Galopp überschlug – im hohen Bogen flog die Reiterin aus ihrem Sattel. Gramkow trat auf die Bremse – quietschend kam der Wagen zum Stehen. Er ließ ihn mitten auf der Straße stehen und rannte zu der Reiterin. Das Pferd versuchte aufzustehen, doch es brach immer wieder zusammen. Die junge Frau lag einige Meter entfernt…  sie rührte sich nicht. Gramkow beugte sich hinunter zu ihr – langsam öffnete sie ihre Augenlider. „Was ist passiert…?“, fragte sie – ihre Worte waren nur schwach zu verstehen. Gramkow kniete sich neben sie, ergriff ihre Hand. „Ihr Pferd ist gestürzt – können Sie aufstehen…, soll ich Ihnen helfen?“ „Ich kann…, ich glaube, ich kann nicht – ich kann mich nicht bewegen“, sagte sie schwach. „Was ist mit mir…?“, ein wenig Panik machte sich in ihren Worten bemerkbar. „Bleiben Sie ganz ruhig liegen“, sagte er und griff zu seinem Handy. „Ich werde den Notarzt verständigen.“ „Wie geht es Freya…, wo ist sie – ich kann sie nicht sehen?“ Ihre Stimme war fast nur noch ein Flüstern. „Bewegen Sie sich nicht – Ihr Pferd liegt hinter Ihnen, ich glaube, es ist verletzt.“ „Bitte rufen Sie den Tierarzt an“, bat sie ihn mühsam. „Er soll kommen… ich bin Sylvia Clarenz.“ Sie nannte ihm die Telefonnummer.

Schon wenige Minuten nach seinem Anruf landete der Rettungshubschrauber in der Nähe. Der Arzt trat auf ihn zu. „Haben Sie uns informiert?“

    Gramkow bejahte.

    „Haben Sie den Unfall beobachtet?“

    „Ja, es war grauenhaft.“

    „Schildern Sie, bitte“, forderte der Arzt ihn auf.

    Mit wenigen Worten beschrieb Gramkow, was geschehen war.

    Der Arzt nickte. „Warten Sie hier“, sagte er und begab sich zu der Verletzten, um die sich bereits zwei Assistenten bemühten. Kurz danach wurde sie auf einer Bahre vorsichtig in den Hubschrauber geschoben. Gramkow rannte hin. „Wo bringen Sie sie hin?“

    Sie nannten ihm das ‘Heilig Geist Hospital‘, dann schloss sich die Tür und der Hubschrauber entfernte sich.

Gramkow ging zu Freya, die nun allein zurückgeblieben war. Er beugte sich zu ihr hinab und klopfte ihren Hals… er spürte ihr Zittern.  „Ganz ruhig“, sagte er. „Gleich kommt der Arzt, er hilft dir.“ Er  hoffte, dass seine Worte beruhigend auf das Tier wirkten – er liebte Pferde.

    Er wartete, bis der Arzt gekommen war. Als dieser Freya erkannte, erkundigte er sich sofort nach Sylvia. „Wissen Sie, wie es ihr geht?“

    Gramkowe sagte, er wisse es nicht – sie sei mit dem Rettungshubschrauber abgeholt worden. Vorher hätte sie ihn noch gebeten, ihn – den Tierarzt – zu verständigen.

   „Wissen Sie, wie der Unfall passiert ist?“, fragte der Arzt, während er Freya untersuchte.

   Gramkow schilderte ihm das Geschehen. „Aber wie konnte dass passieren? Aus vollem Galopp hat sie sich plötzlich überschlagen… es war entsetzlich – ich werde den Anblick nie vergessen.“

    Der Arzt richtete sich wieder auf. „Ich kenne Freya schon seit Jahren als ein gesundes, kräftiges Pferd. Vielleicht war es eine tückische Kaninchenhöhle, in die sie mit einem Huf hineingeraten ist, vielleicht war es ein Hindernis, das sie nicht erkannt hat… ich weiß es nicht.“

    „Können Sie feststellen, was ihr fehlt? Sie hat einige Male vergeblich versucht, aufzustehen.“

    „Das linke Vorderbein ist eine Hand breit unter dem Kniegelenk gebrochen. Ich werde ihr eine Spritze gegen die Schmerzen verabreichen und die Tierklinik verständigen; sie werden sie abholen und sie versorgen“.

    „Besteht die Hoffnung auf Heilung, Herr Doktor?“

    „Es ist zum Glück ein einfacher Bruch,- die Chancen stehen günstig.“

    „Sie kennen Sylvia. Würden Sie sie bitte informieren; sie hat sich Sorgen um Freya gemacht. Sie ist in das ‘Heilig Geist Hospital‘ gebracht worden,- ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

    „Selbstverständlich, das mache ich gerne. Darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?“

    Nachdem Lars ihm seinen Namen genannt hatte, bedankte sich der Arzt für seine Hilfe und dass er sogleich den Notarzt und auch ihn verständigt hatte, so bestehe für Freya und hoffentlich auch für Sylvia eine berechtigte Hoffnung auf Heilung.

    Der Arzt hatte ihm versichert zu warten, bis Freya abgeholt würde, dann hatten sie sich verabschiedet, und Lars war nach Hause gefahren.

 

Hier sollten wir die Gelegenheit nutzen, uns kurz in das Leben Lars Gramkows einzublenden. Er ist Maler, und das aus Leidenschaft. Es hatte erbitterter Kämpfe mit seinen Eltern – vor allem mit seinem Vater – bedurft, sich gegen ihren Willen erfolgreich durchsetzen zu können.

    Der Gedanke, den ganzen Tag hinter einem Schreibtisch in der Anwaltskanzlei seines Vaters sitzen zu müssen – wie es dessen Wunsch war, war ihm unerträglich. Er glaubte an sich – eine seiner wesentlichen Charaktereigenschaften; er spürte, dass Malen seine Berufung war. Er ist 27 Jahre alt und das Schicksal bisher und der erfolgreiche Verkauf seiner Bilder gaben ihm recht. Er war in den Vernissagen, in denen er seine Werke ausgestellt hatte – sogar einmal in Paris und einmal in Mailand – bereits ein beachteter Künstler; auch seine Eltern – sogar sein Vater – hatten sich zu einer Anerkennung durchgerungen. Er malte überwiegend in Öl auf Leinwand.

    Er besaß mittlerweile eine eigene Wohnung in einem gepflegten Altbau mit großen, hellen Räumen

in einer angenehmen, ruhigen Wohngegend mit hohen, alten Bäumen und gepflegten Vorgärten.

 

Gleich, nachdem Lars zu Hause angekommen war, hatte er die Idee, das wunderbare Bild der Reiterin auf ihrem herrlichen Rappen in einem Aquarell festzuhalten,-  er würde sie im Krankenhaus besuchen und ihr das Bild schenken.

    Bereits am zweiten Tag war das Bild fertig. Kritisch ließ er noch einmal seine Blicke über sein Werk gleiten…  und er war zufrieden. Selten hatte er mit solcher Liebe und mit solchem Engagement an einem Bild gearbeitet. Es war ihm gelungen, das Leuchten in den Augen der jungen Frau, als sie während ihres wilden Ritts zu ihm herüberschaute, der gestreckte Leib des Pferdes in seiner kraftvollen Schönheit, wiederzugeben. Den Hintergrund mit seinen Sträuchern und Bäumen  hatte er bewusst verschwommen gemalt; es sollte die Aufmerksamkeit des Betrachters auf Pferd und Reiterin lenken.

   Ja, er war mit seiner Arbeit zufrieden. Am liebsten würde er es jetzt behalten, doch er hatte es für Sylvia bestimmt, und so sollte es bleiben,- morgen würde er zu ihr ins Krankenhaus fahren und ihr das Bild überreichen – hoffentlich gefiel es ihr.

 

Doch bevor er zu ihr ins Krankenhaus fahren konnte, wurde er mit einem Ereignis konfrontiert, das ihn zutiefst schockierte.

    Er wollte gerade seine Wohnung  im 1. Stock verlassen, als es an der Haustür schellte. ‘Verdammt, wer mag denn das jetzt sein?‘, fluchte er unwillig und trat ans Fenster um nachzuschauen. Zu viele Wohnungsüberfälle hatten sich in letzter Zeit in dieser Gegend ereignet, und er würde bestimmt nicht den Leichtsinn begehen, irgendwelche fremden Menschen einfach ins Haus zu lassen.

    Vorsichtig schob er die Gardine ein wenig zur Seite und schaute hinunter zur Straße. ‘Was soll denn das bedeuten‘, fragte er überrascht, als er unten zwei Polizeibeamte vor dem Gartentor stehen sah. Sie blickten hoch und schienen offensichtlich die Hausfront nach irgendetwas Auffälligem abzusuchen. Gerade wollte Lars sich wieder zurückziehen, da begegneten sich zufällig ihre Blicke und kurz danach schellte es zum zweiten Mal.

    Obwohl Lars wusste, wer dort war, fragte er trotzdem über die Sprechanlage:

    „Wer ist dort, bitte.“

    „Hier ist die Polizei, bitte öffnen Sie.“

    Lars drückte den Türöffner und trat vor seine Etagentür; er war gespannt, was die Polizei von ihm wollte.

    Herauf kamen die beiden Beamten. Oben fragten sie:

    „Sind Sie Lars Gramkow?“

    Lars nickte.

    „Mein Name ist Kleinschmitt, das ist mein Kollege von Lowitz“, stellte er vor. „Wir haben einige Fragen an Sie, dürfen wir hereinkommen?“

    „Darf ich vorher erfahren, um welche Fragen es sich handelt?“

    „Es geht um den… Unfall mit Sylvia Clarenz“, erklärte Kleinschmitt etwas unwillig.

    „Mit Sylvia?“, fragte er überrascht. „Ja, natürlich, kommen Sie herein.“

    Er führte die beiden Beamten in sein Wohnzimmer und bat sie, Platz zu nehmen.  

    „Sie fragen nach Sylvia? Was ist mit ihr?“, fragte er beunruhigt.

    „Sie nennen sie beim Vornamen. Kennen Sie sie näher?“

    „Nein.“  Er schilderte, wodurch er ihren Namen erfahren hatte. „Aber sagen Sie, warum interessiert sich die Polizei dafür?“

    „Wohnen Sie alleine?“, fragte Kleinschmitt, ohne auf seine Frage einzugehen.

    „N… ein“, erwiderte Lars mit leichtem Grinsen. „Wir leben in einer Männer-WG.“

    „Ach ja?“, meinte der Beamte etwas irritiert.

    „Ja, zusammen mit Corado“, spann Lars das Gespräch weiter fort.

    „Ein Italiener?“

    „Nein, eher ein Engländer,- warten Sie, ich werde ihn herein bitten.“ Er stand auf, öffnete eine Zimmertür und rief seinen Namen. Doch niemand erschien. „Sie müssen entschuldigen, manchmal hört er etwas schlecht.“, meinte Lars ernsthaft. Er rief noch einmal seinen Namen, und dann erschien…  sein Kater. „Das ist Corado“, erklärte Lars.

    „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“, fragte Kleinschmitt sichtbar ungehalten. „Wir sind nicht zum Scherzen hier.“

    „Du bist ja ein kleiner Puma“, sagte von Lowitz dagegen überrascht und hielt ihm seine Hand hin. Zögernd kam Corado näher und schnupperte vorsichtig an der Hand. „Offensichtlich riecht er unsere Katzen“,  meinte er lächelnd; sogleich war Lars dieser Beamte ihm sympathisch.

    „Ja, Sie haben recht“, sagte Lars. „Er ist mein kleiner Puma. Laut Stammbaum ist er ein Britisch Kurzhaar, seines Zeichens Golden Shadow. Ich denke, sein Körperbau und die Farbe seines Fells verleihen ihm diese frappierende Ähnlichkeit.  Aber jetzt möchte ich doch gerne wissen, weshalb Sie hier sind?“, wiederholte Lars seine Frage von vorhin, die noch immer unbeantwortet geblieben war.

    „Es war kein Unfall, den Sie beobachtet haben“, sagte von Lowitz, der jetzt das Sprechen übernommen hatte.  „Es war… ja, wir gehen davon aus, dass es ein Mordanschlag war.“

    „Nein - !, oh mein Gott“, rief Lars entsetzt. „Wieso glauben Sie, dass es ein Mordversuch war?“ Er konnte nicht glauben, was der Polizeibeamte da gesagt hatte.

    „Der Tierarzt hat einen  Stolperdraht entdeckt. Er war die Ursache für den Sturz des Pferdes.“

    „Aber davon hat er mir nichts gesagt. Er meinte doch, es könne vielleicht eine Kaninchenhöhle gewesen sein, in die Freya mit einem Vorderhuf hineingeraten sei.“

    „Nachdem Sie gegangen waren, und während er auf den Transporter der Tierklinik gewartet hatte“,  erklärte der Beamte weiter, „hat er noch einmal in der näheren Umgebung den Boden abgesucht. Es stimmt, was Sie sagten,- er war der Meinung, es wäre eine Kaninchenhöhle gewesen,

die den Sturz verursacht hätte, aber dann entdeckte er den heimtückischen Stolperdraht und hat sofort die Polizei informiert“

    „Und woher haben Sie meinen Namen?“

    „Sie haben ihn wohl dem Tierarzt genannt.“

   „Ah ja, das stimmt. Aber wieso habe ich den Draht nicht gesehen. Ich war doch bei Sylvia bis der Notarzt und anschließend der Tierarzt kam?“

    „Der Draht war durch das hohe Gras nicht zu sehen, zudem war es ein rostiger Draht. Ein blanker Draht wäre sicher zu erkennen gewesen. Ein Indiz also dafür, dass der Anschlag wohlüberlegt vorbereitet war. Hinzu kommt eine anonyme Botschaft an Sylvias Eltern, die sie gestern erhielten: ‘Das war die erste Warnung!‘ “

    „Aber wieso konnte man denn wissen, dass Sylvia ausgerechnet diese Strecke reiten würde,- das konnte doch auch reiner Zufall gewesen sein.“

    „Ich gehe davon aus, dass Sie das Clarenz – Gut kennen. Die Wiese gehört zum Gut und sowohl Sylvia als auch ihre Mutter reiten ziemlich regelmäßig diese Strecke ab; hier werden die Pferde des Gestüts für ihre Derbyrennen trainiert. Man konnte also mit Sicherheit davon ausgehen, dass eine der beiden Damen…“

    „Ja, das heißt aber doch“, unterbrach Lars den Beamten, „dass der Anschlag auch Sylvias Mutter gegolten haben könnte.“

    „Davon kann man ausgehen, ja.“ 

     Einen Moment schwiegen alle. Die Beamten wohl auch aus Rücksicht Lars gegenüber, weil sie spürten, wie sehr ihn diese Nachricht erschütterte, bis Lars fragte:

    „Weis man schon, worauf sich diese Drohung bezog und von wem sie stammt?“

    „Es gibt einen Verdacht in eine bestimmte Richtung. Clarenz hat ein Grundstück seines Guts zur Verfügung gestellt zum Bau einer Moschee. Sie können sich vorstellen, dass das gewissen Elementen nicht passt. Bisher hielten sich die Drohungen allerdings noch in Grenzen, doch jetzt scheint die Angelegenheit bedrohlichere Formen anzunehmen. Unsere Ermittlungen konzentrieren sich zunächst verständlicherweise in diese Richtung.

    Aber es gibt da noch einen zweiten Verdachtsmoment,- auch diese Möglichkeit muss in Betracht gezogen werden. Freya ist…  war in vier Wochen zu einem Derby eingetragen. Bei früheren Rennen hat sie bereits beachtliche Ergebnisse erzielt. Ihre Erfolgschance bei dem nächsten Rennen die Spitze zu erreichen, lägen nach Meinung von Wilhelm Clarenz – Sylvias Vater – bei schätzungsweise 8o – 90 %. Es liegt also durchaus im Bereich des Möglichen, dass der Anschlag auch aus den Reihen der Derbyteilnehmer verübt worden sein könnte, die um ihren Erfolg fürchteten,- es geht bei solchen Rennen nicht nur um Rivalität…  es geht ja auch um viel Geld.“

    „Es gab sogar mal einen Film,- ‘Rivalen der Rennbahn‘ “, flocht Lars ein.

    „Ja, Sie haben recht,- und es war sogar ein guter Film“, erinnerte sich der Beamte.

    „Das Pferd damals hieß übrigens Samurai.“

    „Stimmt, ja,- ein herrliches Pferd.“

    „Eine kleine Episode am Rande: Einer der Hauptdarsteller – leider weiß ich seinen Namen nicht mehr – wollte sich von der Gage einen Sportwagen kaufen. Er hatte sich aber so sehr in Samurai verliebt, dass er statt des Sportwagens das Pferd  gekauft hat,- dass hatte mir damals sehr imponiert.“

    „Allerdings,- ein sehr lobenswerter Entschluss. Aber zurück zu unserem Fall: Jedenfalls konzentrieren sich unsere Ermittlungen in diese beiden Richtungen: Moschee und Rivalen der Rennbahn“, erklärte er mit einem Lächeln. „Es wurde bereits eine Sonderkommission einberufen, die sich ausschließlich mit diesem Fall befasst,- wir hoffen auf einen raschen Erfolg.“

     „Als Sie vorhin schellten, war ich gerade im Begriff, die Wohnung zu verlassen,- ich wollte Sylvia im Krankenhaus besuchen. Weiß sie von dem…  von dem Anschlag auf sie?“

    „Auf Wunsch ihrer Eltern soll sie nichts davon erfahren,- wenigstens vorläufig nicht. Bitte erwähnen Sie ihr gegenüber auch nichts. Sagen Sie am besten auch nichts von unserem Besuch“, meinte er lächelnd, „es könnte sie vielleicht misstrauisch machen.“

    „Einverstanden“. Plötzlich kam ihm eine Idee, er sagte: „Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen, was für Sylvia bestimmt ist“, und bat die beiden Beamten nebenan in sein Atelierzimmer. Er nahm die Mappe, die er bereits neben der Etagentür abgestellt hatte,-  er schlug sie auf und stellte das Bild auf die Staffelei. 

    „Das war der Moment, während ich Sylvia von meinem fahrenden Wagen aus beobachtete, als sie in ihrem wilden Ritt neben mir her galoppierte“, erklärte Lars. „Ein faszinierender Anblick. Noch immer sehe ich ihr übermütiges Lachen, als sie zu mir herüberschaute. Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Kurz danach geschah das Unfassbare.“

    Die Beamten traten näher. „Das haben Sie gemalt?“, fragte von Lowitz sichtlich beeindruckt. „Mein Gott, das ist ja fantastisch,-  man hat das Gefühl, das Bild lebt. Wunderbar allein das Leuchten in den Augen der Reiterin,- was mag sie in diesem Augenblick gedacht haben?-  Die Anschmiegsamkeit ihrer Gestalt, weit über den Hals des Pferdes gebeugt. Auch das Pferd… herrlich! Man hat unweigerlich das Gefühl, Pferd und Reiterin sind zu einer Einheit verschmolzen. Man sieht Pferd und Reiterin förmlich dahin jagen,- ich bin beeindruckt.“

    „Das ist auch der Grund, weshalb ich den Hintergrund nur verschwommen angedeutet habe“, erklärte Lars. „Es sollte genau diesen Eindruck erwecken. Aber es freut mich, dass Sie es so sehen,- dann habe ich mein Ziel erreicht. Hoffentlich gefällt es auch Sylvia.“

    „Daran besteht kein Zweifel“, versicherte der Beamte. Er drehte sich herum und blickte auf einige der Bilder, die seitlich an der Wand aufgestellt waren. Er trat näher. „Haben Sie die alle gemalt?“, fragte er erstaunt.

    Lars nickte.

    „Darf ich mir die mal anschauen…? Ich glaube, Sie haben hier eine regelrechte Fundgrube versteckt“, meinte er, nachdem er einige der Bilder hervorgeholt hatte. Es waren stimmungsvolle Landschaftsbilder in Öl, einige verschwiegene Gassen zwischen alten Fachwerkhäusern mit ihren typischen kleinen Fenstern hinter Kästen blühender Geranien darunter. Aber dann entdeckt er ein Gemälde, das ihn faszinierte. Er zog es hervor, und stellt es mit auf die Staffelei. Stumm stand er davor. Es war das Porträt eines alten Mannes. Tiefe Furchen durchzogen sein sympathisches Gesicht. Es waren Furchen, die das Leben tief in dieses Gesicht eingegraben hatte, aus denen immer noch zwei lebhafte Augen, so als wollten sie dem Alter und dem Schicksal trotzen, hervorblickten. Eine ungewöhnliche Kraft ging von diesem Bild auf den Betrachter über, der man sich nicht entziehen konnte.

    Sichtlich beeindruckt wandte sich von Lowitz Lars zu. „Wie haben Sie dass nur fertiggebracht, dieses Gesicht, diese zerfurchte Landschaft in dieser Einmaligkeit zu malen?“

    „Oh, da muss ich ein Geheimnis verraten“, lächelte Lars. „Ich habe in diesem Fall die Technik zur Hilfe genommen,- nämlich einen Fotoapparat. Ohne dass der alte Mann es bemerkt hat, habe ich ihn mit einem Teleobjektiv fotografiert. Ich habe also dieses Foto gewissermaßen als Vorlage benutzt. Anders hätte ich das Gesicht nicht so wirklichkeitsnah malen können, aber gerade darauf kam es mir in diesem Fall besonders an. Ich würde gerne mehr solcher Porträts malen, aber es gibt nur wenige wirklich interessante Gesichter, die sich für diesen Zweck eignen würden. Unsere Alten sehen einfach zu gut aus“, lachte er.    

    „Ich habe jetzt noch eine Frage an Sie“, sagte der Beamte. „Meine Frau – das heißt wir suchen ein passendes Bild für unser Wohnzimmer. Ich glaube, ich habe eins gesehen, das in Frage kommen könnte,- würden Sie uns eins verkaufen?“

    „Ja, gern. Kommen Sie am besten beide vorbei.“

    „Ich werde Sie vorher anrufen. Geben Sie mir Ihre Telefonnummer?“

    Lars reichte ihm ein Kärtchen.

    Damit verabschiedeten sich die beiden Beamten. Lars sah auf seine Uhr: Es war etwas spät geworden. Er würde morgen zu Sylvia fahren.

 

Am nächsten Tag im Krankenhaus angekommen, fragte er an der Anmeldung nach Sylvia Clarenz‘s Zimmernummer,- man nannte ihm die Nummer 412.

    Mit dem Lift fuhr er nach oben und mit etwas Herzklopfen klopfte er an die Tür, dann trat er ein. Es war ein helles, freundliches Zwei-Bett-Zimmer und er erblickte Sylvia sofort in ihrem Bett in Fensternähe. Die zweite Patientin - eine ältere Frau - schlief.

    Fragend richtete Sylvia ihren Blick auf ihn, als er sich langsam ihrem Bett näherte. Doch dann: „Sind Sie nicht…, Sie sind doch mein…  mein Lebensretter!“, rief sie,- ihre Augen… diese Augen blickten ihm in freudigem Erkennen entgegen und streckte ihm ihre Hand entgegen.

    Er ergriff ihre Hand und hielt sie einen Moment fest.  „Ja, ich habe Ihren Unfall beobachtet und habe den Notarzt und auf Ihre Bitte hin auch den Tierarzt informiert,- Sie hatten beide Glück, dass es nicht noch schlimmer ausgegangen ist,- aber wie geht es Ihnen?“

    „Wegen meines Bandscheibenvorfalls, den ich mir beim Sturz zugezogen hatte, habe ich  bereits eine Wärme- und Elektrotherapie hinter mir, jetzt folgen noch ein oder zwei Tage einige Bewegungstherapien, die sind wichtig, dann kann ich schon wieder nach Hause; die Prellungen müssen von selbst heilen.“

    „Hat der Tierarzt Sie eigentlich angerufen, wie es Freya geht?“

    „Ja, Dr. Schubert hat mich am selben Tag noch angerufen. Freyas linkes Bein ist gebrochen und sie befindet sich jetzt in der Tierklinik. Es besteht aber Hoffnung, dass sie alles gut übersteht.“    

    Man spürte die Wärme in seinen Worten, als er leise sagte: „Ich werde den Anblick, als Sie neben mir her ritten, nie vergessen,- es war ein Bild so voller Kraft und Leben - ja Lebensfreude…  ich habe versucht, diesen Moment festzuhalten, dass er nie in der Erinnerung verloren geht.

    Damit griff er nach der Mappe, die er neben dem Tischchen an der Seite ihres Bettes abgestellt hatte. Er entnahm ihr das Bild und hielt es hoch, dass Sylvia es betrachten konnte.

    Fasziniert starrte sie auf das Bild. „Das ist ja Freya…  das bin ja ich!“, rief sie. „Wo haben Sie denn das entdeckt, Herr… ?“

    „Lars Gramkow,- nennen Sie mich Lars.“

    „Und ich bin Sylvia, ja?“

    Statt zu antworten, zeigte er auf die Signatur in der rechten, unteren Ecke des Bildes.

    „Das sind Sie…  bist du?- Du hast das gemalt?“, fragte sie ungläubig.

    Lars nickte

    „Oh mein Gott, ist das wunderschön,- ich kann es nicht fassen. Das kann doch nur ein begnadeter Maler geschaffen haben,- bist du… ?“

    „Begnadet?,–  weiß ich nicht, Maler ja“, erwiderte er lächelnd.

    „Das war der Moment, als ich neben dir her geritten bin, nicht wahr?“

    „Ja, ich werde diesen Anblick nie vergessen.“ Dass er auch den furchtbaren Sturz nicht vergessen würde, das erwähnte er nicht.

    Einen Moment betrachtete sie noch das Bild, dann sagte sie: „Freya ist für den 4. April – also in vier Wochen – für das Derby in Hamburg-Horn angemeldet,- da wird sie nun leider nicht teilnehmen können. Das ist schade, denn wir hatten große Hoffnung in sie gesetzt -  sie hatte alle Chancen, dieses Mal den Spitzenplatz zu erreichen.“

    „Gibt es denn kein zweites Pferd, das ihren Platz einnehmen könnte?“

    „Ich denke Sunrise,- sie hätte sicher die Chance, sich zumindest im vorderen Feld zu platzieren, doch das soll mein Vater entscheiden. Aber sag mal - hast du eine besondere Beziehung zu Pferden, dass du Freya so lebensnah malen konntest?“

    „Besondere Beziehung – nein, aber ich liebe Pferde, sie sind wunderbare Geschöpfe.“

    „Ja, das hast du schön gesagt“, erwiderte sie etwas sinnierend und betrachtete weiter stumm das Bild. „Ich werde es einrahmen lassen und in meinem Zimmer aufhängen“, sagte sie nach einer kleinen Weile, und dann: „Reitest du?“

    „Nein, leider nicht.“

    „Und warum nicht,- hast du Angst?“, fragte sie scherzend.

    „Nein“, lachte er, „ich habe noch nicht darüber nachgedacht – vielleicht aus Mangel an Gelegenheit.“

    „Die Gelegenheit könnte ich dir bieten, wenn du willst. Wir geben auch Reitunterricht,- für dich natürlich kostenlos“, fügte  sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

    „Das klingt verlockend,- ich werde darüber nachdenken. Aber zum Rahmen: Ich kenne eine Werkstatt, speziell für Einrahmungen, mit der ich zusammenarbeite. Wenn es dir recht ist, bringe ich das Bild dort hin und lasse es mit einem passenden Rahmen versehen.“ Er schaute auf seine Uhr. „Es ist noch früh,- ich denke, das schaffe ich noch heute, und wenn nicht…  wirst du morgen noch bis Mittag hier sein?“

    „Ich denke – ja.“

    „Gut, entweder heute noch oder sonst morgen früh bringe ich dir das fertige Bild zurück,- einverstanden?“

    „Ja, gern…  aber die Einrahmung nur gegen einen kostenlosen Reitunterricht“, scherzte sie.

    „Es könnte sein, dass ich darauf zurückkomme“, versprach er.

    Die beiden unterhielten sich noch eine Weile, bis die Schwerster ihn höflich aber bestimmt auf das Ende der Besuchszeit hinwies. 

 

Am nächsten Morgen brachte Lars Sylvia das sorgfältig eingepackte Bild.

 

 

Wir wollen hier einige Wochen überspringen bis zu jener Nacht, als Sylvia plötzlich durch wildes Schreien aus ihrem Schlaf gerissen wurde – da sah sie das Feuer! Entsetzt sprang sie hoch und stürzte ans Fenster. Unten trieben bereits ihr Vater und der Stalljunge die in Panik geratenen Pferde aus dem brennenden Stall auf die benachbarte Koppel – und da kam auch ihre Mutter. Hastig schlüpfte Sylvia in ihre Jeans und den erstbesten Pulli und rannte die Treppe hinunter, um bei der Rettung der letzten noch im Stall befindlichen Pferde zu helfen,- kurz darauf erschien die Feuerwehr und übernahm die Löscharbeiten.

   

Am nächsten Tag – Lars hatte in der Zwischenzeit tatsächlich seine ersten Reitstunden absolviert, natürlich unter Sylvias fürsorglicher Anleitung – las er in der Zeitung mit Entsetzen den Bericht über den verheerenden Brand im Clarenz-Gut. Die Feuerwehr hatte ein Überspringen auf das Wohngebäude und die benachbarte Scheune verhindern können. In der völlig abgebrannten Stallung fand man nach Beendigung der Löscharbeiten eine halbverkohlte, männliche Leiche mit einer schweren Kopfverletzung; seine Identität konnte noch nicht ermittelt werden, es sei aber zu vermuten, dass es sich dabei um den Brandstifter handeln könne. Alle Pferde seien rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden.  

    Lars stürzte zu seinem Wagen und raste zum Gut – er musste wissen, wie es Sylvia geht; vielleicht konnte er helfen.

    Auf dem Gut hatten bereits die Aufräumarbeiten begonnen. Verkohlte Balken, Brandreste wurden weggeräumt und wurden abtransportiert. Die Stallung sollte zügig wieder aufgebaut werden; die Pferde mussten rasch wieder untergebracht werden.

    Lars traf Sylvias Vater - den er bereits kennengelernt hatte – unter den Arbeitern. Er sagte, Sylvia sei auf ihrem Zimmer, er könne ruhig zu ihr hinaufgehen.

    „Lars, wie schön, dass du gekommen bist“, sagte sie, als sie ihm die Tür öffnete und ihn herein bat.

    „Wie geht es dir?“, war seine besorgte Frage. „Ich habe vorhin den Bericht in der Zeitung gelesen,- das ist ja furchtbar…  wie konnte das passieren – weißt du schon die Ursache, davon wurde in der Zeitung nichts erwähnt“, sprudelte es aus ihm hervor.

    Sylvia schwieg - sie schaute wie geistesabwesend an ihm vorbei ins Leere. Lars betrachtete   forschend ihr Gesicht,- Sylvia gefiel ihm nicht. Sie schien völlig verändert, irgendetwas muss sich ereignet haben, dass diese Veränderung verursacht hat…  vorsichtig fragte er:

     „Sylvia, du wirkst so verändert – ich habe das Gefühl, irgendetwas bedrückt dich,- es ist nicht nur der Brand, nicht wahr?“

    „Nein, es ist nichts – es ist nur eine Unpässlichkeit, sonst nichts.“ Offensichtlich wich sie seiner Frage aus.

    „Ich glaube dir nicht - es ist nicht nur eine Unpässlichkeit…  es sitzt tiefer, das spüre ich. Willst du nicht darüber sprechen? Manchmal hilft ein Gespräch, sich von einem quälenden Druck zu befreien.

Bei mir ist jedes Geheimnis sicher aufbewahrt“, meinte er lächelnd.

    Eine plötzliche tiefe  Verzweiflung lag in ihrem Blick, mit dem sie auf Lars schaute – er schien ihm  wie ein stummer Schrei nach Hilfe, der ihn zutiefst berührter.

    „Mein Vater hat…  er ist…  oh mein Gott, Lars, hilf mir…  was soll ich machen?“ Ein heftiges Schluchzen brach plötzlich aus ihrer gequälten Seele hervor, erschütterte unkontrolliert ihre zarte Gestalt.

    Lars war überwältigt von der Gewalt ihres Gefühlsausbruchs; er wollte ihr helfen…  aber wie? Langsam schritt er auf sie zu, sanft zog er sie zu sich heran – zog ihren Kopf an seine Schulter – er ließ sie weinen. Nach und nach schien sie sich etwas zu beruhigen. Lars führte sie zum Sofa und ließ sie sich setzen. Er nahm neben ihr Platz und legte seinen Arm wie zur Beruhigung um ihre Schulter,- er wartete, bis sie bereit war zu sprechen.

    Und dann, nach einer Weile…  endlich sagte sie; aber ihre Stimme hatte ihren für Lars so vertrauten lebhaften Klang verloren:

    „Ich muss dir etwas sagen, aber vorher musst du mir versprechen, zu niemandem ein Wort darüber zu sagen,- versprich mir das.“

    „Ja, ich verspreche es dir – mein Ehrenwort!“ Er war seltsam berührt von der Ernsthaftigkeit und der Eindringlichkeit ihrer Worte.  

    „Lars, was ich dir jetzt sagen werde, ist so unwirklich, so ungeheuerlich, dass ich es selbst nicht glauben kann…  nicht glauben will, weil sich alles in mir gegen diese Erkenntnis sträubt - aber es ist Wirklichkeit. Lars, mein Vater…  mein eigener Vater…  er hat den Brand legen lassen – ich weiß es.“

    „Mein Gott, Sylvia, weißt du, was du da sagst? Bist du dir wirklich sicher?“

    „Ja, es ist die grauenhafte Wahrheit.“

    „Aber wieso bist du dir so sicher – was ist geschehen?“

    Und Sylvia erzählte:

    „Vorgestern kam ich spät von meinem Gymnastikabend nach Hause  – wir hatten anschließend noch eine kleine Geburtstagsfeier…  nicht meine“, fügte sie hinzu. „Als ich an der Tür von Vaters Arbeitszimmer vorbeikam, bemerkte ich noch Licht unter dem Türspalt  hindurch scheinen und hörte die gedämpfte Stimme meines Vaters. Überrascht und auch neugierig, was mein Vater zu so später Stunde noch zu besprechen hat, blieb ich stehen und lauschte. Ich hört, wie er sagte: ‘… hieb und stichfeste Resultate, dafür bezahle ich Sie ja. Also morgen Nacht – um 2 Uhr… und vermasseln Sie dieses Mal nichts.‘ Und heute Nacht, Lars, brannte die Stallung ab. Es gibt für mich keinen Zweifel: Mein Vater hat diesen Brand in Auftrag gegeben. Und noch was, Lars: Es wurde eine halbverkohlte männliche Leiche gefunden mit einer schweren Kopfverletzung…  es war Fritz Laschke, einer unserer Gelegenheitsarbeiter. Ich habe ein ungutes Gefühl – nachdem, was ich jetzt über meinen Vater weiß, ich glaube… “  Sie sprach nicht weiter, doch Lars ahnte, was sie befürchtete und nicht auszusprechen wagte: Sie fürchtete, ihr Vater könne ihn als Mitwisser beseitigt haben wohl in der Annahme, die Leiche würde bis zur Unkenntlichkeit verbrennen.

    „Heute früh“, schilderte sie dann, „waren bereits zwei Beamte der Kriminalpolizei hier,- wir wurden über zwei Stunden lang befragt. Mein Vater, meine Mutter, der Stalljunge und ich wurden einzeln in Vaters Arbeitszimmer gerufen. Ich musste schildern, wann und von wo ich den Brand wahrgenommen hatte. Sie schienen sich besonders dafür zu interessieren, zu welchem Zeitpunkt ich das Feuer bemerkt hatte,- wie weit der Brand schon fortgeschritten war. Ich konnte nur angeben, dass ich von meinem Fenster aus bereits meinen Vater und den Stalljungen bei der Rettung der Pferde beobachtet hatte, was die Beamten besonders zu interessieren schien. Außerdem wollten sie wissen, ob ich eine Vermutung hätte, wer der Tote sein könnte. Aber da habe ich nur gesagt, dass es niemand sei, den ich kenne…  ich konnte ihnen doch nichts von meinem Verdacht sagen, Lars!“, rief sie…  es klang verzweifelt.

    Einen Moment schwiegen beide, unfähig ein Wort zu sagen – zu unfassbar war die Erkenntnis, dass Sylvias Vater ein… Mörder sein könnte?-  Doch alle logischen Schlussfolgerungen führten zu diesem Ergebnis. Wie konnte Sylvia mit diesem Wissen umgehen, welch furchtbare seelische Qual musste auf ihr lasten, dieses Wissen verheimlichen zu müssen.

    In die Stille hinein fragte Sylvia: „Was soll ich machen, Lars? Ich kann doch nicht meinen Vater…  ich kann doch nicht gegen meinen eigenen Vater aussagen. Selbst wenn es meine moralische Pflicht ist…  ich kann es nicht! Aber dieses Wissen, Lars, dieses entsetzliche Schuldgefühl erdrückt mich…  bringt mich um – was soll ich nur machen?“

    „Kein Mensch, Sylvia, kein deutsches Gericht wird von dir erwarten oder verlangen, dass du gegen deinen Vater aussagst. Das ist eine Entscheidung, die allein du selbst mit deinem Gewissen ausmachen musst und dir die Frage beantworten, wie nah du trotz allem in deinem Herzen zu deinem Vater stehst,- das sind Bindungen, die oft stärker sind als alle Macht auf Erden. Aber hast du eine Vorstellung, was dein Vater zu dieser Tat veranlasst haben könnte,- es gibt für alles einen Grund. Vielleicht war es eine Verzweiflungstat – könnte es so etwas gewesen sein?“

    Lars hatte recht,- es musste einen Grund gegeben haben. Sylvia überlegte, aber sie fand keine wirkliche Erklärung für diese entsetzliche Anweisung ihres Vaters. Doch plötzlich überrieselte sie ein Gedanke… die Vorstellung, dass es eigentlich nur einen Anlas gegeben haben könnte,- Sie sagte: „Wir haben Schulden, Lars, ziemlich hohe Schulden.“

    „Vielleicht könnte die Versicherung eine Rolle gespielt haben,- könnte das ein Grund gewesen sein?“

    „Ich weiß es nicht, Lars“, sagte sie gequält, „Ich bin mir nicht sicher. Aber selbst wenn, das ist doch kein Grund, das Gestüt aufs Spiel zu setzen,- das Leben unserer Pferde zu gefährden und vielleicht sogar…   einen Mord zu begehen?“, fügte sie leise hinzu.  „Es ist alles so unglaublich,- so unwirklich…  es ist ein einziger Albtraum. Wenn ich wenigstens dass entsetzliche Schuldgefühl los wäre.“

    „Es gibt nur eine Möglichkeit, dich von dieser Last zu befreien… “

    Fragend sah sie in an.

    „ …  indem die Polizei möglichst rasch den Tathergang aufklärt.“

    „Ja, aber dann sähe ich meinen Vater für viele Jahre nicht mehr wieder.“

    Lars spürte, dass sie dieser Gedanke trotz der hohen Schuld ihres Vaters schmerzte. Wie lange würde sie mit diesem quälenden Zwiespalt im Herzen leben müssen? Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke: Was hatte Sylvias Vater am Telefon gesagt? … vermasseln Sie dieses Mal nichts. Hieß das…  konnte es sein, dass er auch für den Anschlag auf Sylvia verantwortlich war,- dass er das Leben seiner Tochter und auch ihrer Mutter dabei aufs Spiel gesetzt…  vielleicht sogar ihren Tod billigend in Kauf genommen hatte?- Der Gedanke allein schon war unvorstellbar, doch würde man ihm das je nachweisen können? –

 

Zwei Tage später las Lars in einem erneuten Bericht im Zusammenhang mit dem Brand im Clrenz-Gut in der Zeitung, dass man die Identität des Toten ermitteln konnte,- es handele sich um Fritz Laschke, einem Gelegenheitsarbeiter des Guts und einem bekannten Kleinkriminalist, der wiederholt durch Diebstahl und Drogendeal aufgefallen war. Die schwere Kopfverletzung sei ihm offensichtlich mit großer Gewalt zugeführt worden,- es handele sich hier eindeutig um Mord. Weitere Angaben der Polizei über bisherige Ergebnisse der Untersuchungen wurden aus ermittlungstaktischen Gründen keine gemacht. Man ließ nur so viel verlauten, dass man einer bestimmten Spur nachgehe,- man habe die Hoffnung, dass sie zur baldigen Klärung der Brandursache und zur Überführung des Mörders an Fritz Laschke führen könnte.

    Natürlich war Lars brennend interessiert, welche Spur die Polizei nach ihren Angaben verfolgt haben könnte,- ob man bereits Sylvias Vater… ? Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte…  mein Gott, wie würde Sylvia diesen Schock verkraften?- Dann würde das eintreten, vor dem sie solche Angst gehabt hatte…  sie würde ihren Vater viele Jahre nicht sehen.-

    Doch dann erklärte sie ihm – er war natürlich aus Sorge sofort zu ihr gefahren – dass die Polizei Florian, den Stalljungen, in Verdacht habe. Bei ihren Ermittlungen habe sie erfahren, dass er sich Freunden gegenüber sehr abfällig über ihren Vater  geäußert habe. Er habe sich mehrmals über seine schlechte Behandlung und über die schlechte Bezahlung beklagt.

    „Ich verstehe das nicht, Lars, ich hatte nie den Eindruck, dass Flori unzufrieden ist, und ich habe auch nie erlebt, dass er sich beklagt hätte. Er war – zumindest mir gegenüber – immer nett und zuvorkommend und vor allem: er wäre nie in der Lage, einen Menschen zu töten. Ich kenne ihn – er ist eigentlich ein zarter, lieber Junge, der es nie fertigbrächte, ein Leben zu vernichten. Ich habe mal erlebt, dass er eine Spinne in einer Box aufgehoben und in Sicherheit gebracht hat, dass sie nicht von den Hufen zerdrückt wird - und er soll einen Menschen heimtückisch, und den schweren Kopfverletzung nach zu urteilen, mit brutaler Gewalt getötet haben… ?, niemals! Und er hat auch niemals den Brand gelegt, dafür liebt er seine Pferde, wie er sie immer nennt, viel zu sehr. Der arme Kerl tut mir leid,- er leidet sehr unter dem Verdacht… und es läge jetzt an mir, Lars, den Verdacht auszuräumen,- aber ich kann nicht…  ich kann nicht!“, rief sie verzweifelt und laut schluchzend stürzte sie in seine Arme, als suche sie in ihrer Verzweiflung dort Schutz und Hilfe.

    Lars legte seinen Arm um ihre Schulter… sanft zog er sie zu sich heran. Er wartete einen Augenblick, führte sie zum Sofa und ließ sie sich setzen – er nahm neben ihr Platz. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Sylvia, du darfst dich nicht so quälen. Ich glaube nicht, dass die Polizei den Verdacht aufrecht erhalten wird. Wir wissen, dass er es nicht gewesen ist, und so wird die Polizei auch keine Beweise  gegen ihn finden können. Das einzige, was du…  du persönlich machen kannst, Flori das Gefühl zu geben, dass du nicht an seine Schuld glaubst,-  dass du ihm das Gefühl des Vertrauens vermittelst; hoffentlich denkt dein Vater auch so. Wir wollen nur hoffen, dass die Polizei…  entschuldige, Sylvia“, sagte er leise…  fast wie um Verzeihung zu bittend, „dass die Polizei den wahren Tathergang bald aufklärt. Es wird dir dein Schuldgefühl nehmen…  und dir einen neuen Schmerz zufügen, aber er wird trotz allem leichter zu ertragen sein als der jetzige Zustand…  glaube mir.“   

    „Ich weiß - Lars, ich weiß, dass es schlimm sein wird für mich, aber alles ist besser, als dieses entsetzliche Schuldgefühl - damit würde ich nicht leben können…  und wollen.“

    Sylvia wandte sich ein wenig zur Seite – Lars zu. Sie blickte ihn an,- ein seltsamer Glanz lag in ihren Augen, als sie leise sagte: „Bleib die Nacht bei mir – lass mich nicht allein…  ja?“

 

Und in dieser Nacht erfüllte sich, was die Sterne bereits in der ersten Stunde seines Krankenhausbesuchs ihnen prophezeiten…

 

 

Am nächsten Morgen gab es eine böse Überraschung:

    Sylvia hatte ihren Eltern – die Lars bereits beide kennengelernt hatte – erklärt, dass Lars im Gästezimmer übernachten würde und sie hatten dann auch in weiser Voraussicht gemeinsam dort geschlafen,  um am nächsten Morgen das Bett benutzt wirken zu lassen.

    Sylvias Mutter erweckte bei Lars vom ersten Moment an einen äußerst sympathischen Eindruck,- sie war eine elegante, kultivierte Erscheinung, das sich auch in ihrer Wesensart wiederspiegelte, im Gegensatz zu Sylvias Vater: Er wirkte neben seiner Frau fast etwas derb, ja grobschlächtig und so gebärdete er sich auch manchmal – und nicht nur seiner Familie gegenüber; es überraschte Lars nicht, dass Florian ihn nicht mochte.

    Während des Frühstücks, zu der Sylvias Mutter ihn eingeladen hatte, fuhr plötzlich ein Wagen der Polizei im Hof vor. Zwei Beamte stiegen aus und schellten. Sylvias Vater begab sich zur Tür und öffnete. Am Tisch hörten sie einen der Beamten nach Florian Liebholt fragen. Darauf Sylvias Vater: ‘Was wollen Sie von ihm?‘  ‘Holen Sie ihn herbei, wir werden es ihm sagen.‘

    Der Ton des Beamten verhieß nichts Gutes…

    Als Sylvias Vater nach wenigen Minuten mit Florian zurückkam, hörten sie den Beamten sagen: ‘Florian Liebholt, Sie sind hiermit verhaftet wegen des dringenden Verdachts schwerer Brandstiftung und des vorsätzlichen Mordes an Fritz Laschke – drehen Sie sich um.‘

    Scheinbar legten man ihm die Handschellen an und dann sahen sie, wie die Beamten Flori in den Wagen schoben und davonfuhren.

    Als Sylvia das sah, war sie aufgesprungen – hielt die Hand vor den Mund, um den Schrei zu ersticken.

    „Warum hast du das zugelassen, Vater?“, schrie sie, als er zurück an den Tisch kam, als würde ihn das alles nicht berühren. „Du weißt, dass Flori das nicht getan hat. Er ist unschuldig, Vater… “, schrie sie erneut. „Oh mein Gott!“

    „Beruhige dich, Kind“, sagte er, wenig beeindruckt von ihrem Ausbruch. „Die Polizei wird schon wissen, was sie macht – und außerdem: ich konnte ihn ja nicht gut zurückhalten.“  Dabei setzte er sich und widmete sich weiter seinem Frühstück.

      

Für Sylvia folgten einige Wochen quälender Ungewissheit, zu welchem Urteilsspruch das Gericht kommen würde. Sie hatte Flori einige Male in der U-Haft besucht und versucht, ihm Mut zuzusprechen, doch der arme Kerl war zu verzweifelt, weil außer seinem Verteidiger – und Sylvia natürlich – ihm niemand glaubte.  Warum half ihm Herr Clarenz nicht?-  Er hatte sich kein einziges Mal bei den Prozessen blicken lassen. Er fühlte sich furchtbar verlassen.   

 

 

L e t z t e r  P r o z e s s t a g

 

Nach den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigung ordnete der Vorsitzende Richter  eine Pause bis zur Urteilsverkündung um 14 Uhr an.

 

Von Seiten der Staatsanwaltschaft wurde noch einmal auf die polizeilichen Ermittlungsergebnisse hingewiesen, wonach Fritz Laschke wiederholt Aushilfsarbeiten auf dem Gut durchgeführt habe und bei dieser Gelegenheit eines Tages nach Florian Liebholts eigenen Angaben an ihn herangetreten sei und ihm Marihuana angeboten habe. Zuerst habe er abgelehnt, doch dann habe er sich überreden lassen – aber nur ein einziges Mal, obwohl Laschke ihn immer wieder bedrängt und später sogar versucht habe, ihn zu erpressen, in dem er ihm angedroht habe, ihn wegen seines Kaufs von Marihuana bei Clarenz zu verraten, aber er hätte nicht nachgegeben, allein schon aus dem Grund, weil er ganz einfach nicht das Geld dazu gehabt hätte. Hier sehe die Staatsanwaltschaft ein eindeutiges Motiv für den Angeklagten, Laschke zu beseitigen, weil er nicht riskieren konnte, nicht nur seine jetzige Stelle zu verlieren, sondern auch die ihm in Aussicht gestellte Übernahme der Stelle des Stallmeisters nach dessen Ausscheiden Ende des Jahres, was für den Angeklagten eine spürbare finanzielle Verbesserung bedeutete. Für die Staatsanwaltschaft steht fest, dass es für den Angeklagten nur einen Weg gab, eine eventuelle Kündigung zu verhindern: er musste Laschke beseitigen, und das so rasch wie möglich. Er täuschte bei Laschke Kaufinteresse vor und bestellt ihn für die fragliche Nacht in die Stallung. Dort erschlug er ihn mit einem Hammer und legte daraufhin das Feuer, um sicher zu gehen, dass alle Spuren beseitigt wurden. Das erkläre auch, dass er als erster den Brand bemerkt hat und die Pferde frühzeitig heraus treiben konnte; kurz darauf erschien dann auch Herr Clarenz, der durch das Feuer und das panische Wiehern der Pferde geweckt worden war.  

    Die Verteidigung dagegen erklärte, dass die von der Staatsanwaltschaft vorgebrachten Schuldzuweisungen  gegen seinen Mandanten auf reinen Vermutungen basierten und hob noch einmal ausdrücklich hervor, dass es keinerlei nachweisbare Hinweise zu den vorgebrachten Anschuldigungen gäbe, es gelte daher ‘in dubio pro reo‘ – im Zweifel für den Angeklagten. Außerdem benutze sein Mandant den Hammer häufig für Reparaturarbeiten und dergleichen, was von Herrn Clarenz bestätigt worden sei – das erkläre auch das Vorhandensein der Fingerabdrücke. Er plädiere daher auf Freispruch seines Mandanten.

   

Und dann war es so weit. Als das Gericht erschien, erhoben sich alle von ihren Plätzen. Als die Zuschauer wieder Platz genommen hatten, wurde der Angeklagte von zwei Beamten hereingeführt. Bevor er sich setzte, wurden ihm die Handschellen abgenommen.

    Dann sprach der Vorsitzende Richter: „Angeklagter erheben Sie sich.“ Als Flori sich erhoben hatte, sagte der Vorsitzende mit lauter Stimme: „Florian Liebholt, Sie sind wegen schwerer Brandstiftung und vorsätzlichen, heimtückischen Mordes zu lebenslanger Haftstrafe… „

    „Nei… n! Nein - er ist unschuldig!“, schrie es aus einer Zuschauerreihe…  es war Sylvia. „Vater“,  rief sie, „sag ihnen, wie es war!“, dann brach sie zusammen.

    Ein heftiger Tumult brach aus,- alle starrten wie gebannt in Richtung der Ruferin, um die sich auf Anweisung des Vorsitzenden bereits ein eilig herbeigerufener Sanitäter kümmerte.

    „Sanitäter, wie geht es der jungen Frau?“, fragte der Vorsitzende fürsorglich, nachdem sich auf sein Gebot hin der Saal wieder beruhigt hatte, doch bevor dieser antworten konnte, sagte Sylvia – es klang noch etwa schwach: „Danke, Herr Vorsitzender,- es geht wieder“, und mit Hilfe des Sanitäters konnte sie wieder auf ihrer Bank Platz nehmen.

     Der Vorsitzende wartete noch einen Moment, dann fragte er:

    „Wie ist Ihr Name, bitte?“

    „Sylvia Clarenz.“

    „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die Tochter des Gutes sind?“

    „Ja, Herr Vorsitzender.“

    „Sie haben da etwas in den Saal gerufen – wollen Sie sich dazu näher äußern?“  Der Vorsitzende Richter hatte seine Forderung mit Rücksicht auf Sylvia zu einer höflichen Frage formuliert.

    Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie leise, aber bestimmt:

    „Ja.“

    „Wollen Sie dazu hier vorne Platz nehmen?“, dabei deutete er auf den leeren Zeugenplatz.

    Langsam, noch etwas unsicher, tastete sie sich durch die Zuschauerreihe und kam nach vorne – sie blieb vor dem Zeugentisch stehen.

    „Sie können sich ruhig setzen…  wir wollen nicht, dass Sie noch einmal umkippen“, meinte der Vorsitzende lächelnd und ließ für sie ein Glas Wasser kommen. Als dass Glas vor ihr stand und sie einige  Schlucke getrunken hatte, fragte er:

    „Sind Sie zu einer Aussage bereit?“

    „Ja, Herr Vorsitzender.“  Doch plötzlich erfasste sie eine unendliche Traurigkeit,- sie meinte, ihr Herz müsse zerspringen. Was tat sie hier… ?  War sie dabei, ihren Vater zu verraten? Würde sie schuldig sein, ihn für viele Jahre…  vielleicht lebenslänglich hinter Gitter zu schicken?  Oh mein Gott – warum verlangst du diese Prüfung von mir? Sie griff an ihren Hals – sie glaubte, ersticken zu müssen, da fragte der Vorsitzende, der sie beobachtete:

    „Ich darf Sie Fräulein Clarenz nennen - ?“

    Sylvia nickte.

    „Ist Ihnen nicht gut,- sollen wir eine kleine Pause einlegen?“, er schien ernstlich besorgt.

    „Nein, vielen Dank, Herr Vorsitzender. Es ist nur…  es ist nicht leicht, an…  an dieser Stelle zu sagen, was gesagt werden muss.“  In diesem Moment war sie dankbar, dass ihr Vater, der sich in der ersten Zuschauerreihe befand, hinter ihr saß, dass sie ihm nicht in die Augen sehen musste. Sie nahm noch einmal einige Schlucke Wasser und dann…  es war die Festigkeit ihrer Stimme in die Worte zurückgekehrt, als sie sagte:

    „Florian Liebholt ist unschuldig, Herr Vorsitzender - ich weiß es.“

    Ein lautes Murmeln ging durch den Saal, bis der Vorsitzende erneut Ruhe gebot.  Er wartete, bis sich alle  beruhig hatten, dann fragte er:

    „Und woher nehmen Sie die angebliche Gewissheit, dass er unschuldig sein soll?“

    Jetzt war der schicksalhafte Moment gekommen, vor dem sie so furchtbare Angst gehabt hatte – sie musste gegen ihren Vater aussagen – es gab für sie kein Zurück mehr. Sie konnte Flori nicht für etwas verurteilen lassen, was er nicht getan hatte – und in diesem Augenblick empfand Sylvia nur tiefe Verachtung für ihren Vater…

 

Und dann erzählte Sylvia:  Sie berichtete von ihrem späten Nachhause kommen, von dem Lichtschein unter der Tür ihres Vaters Arbeitszimmer und ihrer Überraschung, seine gedämpfte Stimme zu hören. Interessiert und auch neugierig, was er zu so später Stunde noch zu besprechen hatte, habe sie gelauscht und hörte seine Worte: ‘… hieb- und stichfeste Resultate, dafür bezahle ich Sie ja. Also morgen Nacht – um 2 Uhr… und vermasseln Sie dieses Mal nichts.‘ Plötzlich schien ihre Stimme zu versagen – ihre letzten Worte waren kaum zu verstehen, als sie leise sagte: „Und in dieser Nacht brannte die Stallung.“

    Sie hatte die letzten Worte noch nicht fertig ausgesprochen, sprang ihr Vater auf.

    „Was redest du da, Kind – ich habe nie nachts telefoniert“, schrie er – sein Gesicht war wutverzerrt. „Wie kommst du dazu, sowas zu behaupten…  hast du vielleicht ein Verhältnis mit diesem Stallburschen, dass… ?“

    „Herr Clarenz“, rief der Vorsitzende, „mäßigen Sie sich - Sie sind hier nicht in einer Bierkneipe oder wo immer Sie glauben, sich so aufführen zu können. Wenn Sie was zu sagen haben, dann treten Sie vor und sagen Sie es in einem zivilisierten Ton“, forderte er ihn auf, dann wandte er sich  Sylvia zu, die ebenfalls aufgesprungen war – kreidebleich starrte sie hinüber zu ihrem Vater. In einem sanften, einfühlsamen Ton sagte er:

    „Fräulein Clarenz, wollen Sie auf Ihren Platz zurückkehren, oder möchten Sie die Sitzung lieber verlassen?“

    „Nein, ich werde bleiben, ich will hören, was mein Vater zu sagen hat“, –  man spürte die deutliche Verachtung in ihren Worten.

    Doch bevor ihr Vater zu Wort kam, meldete sich eine Stimme aus dem Zuschauerraum:

    „Hohes Gericht, ich möchte eine Aussage machen, die relevant sein könnte im Zusammenhang mit dem hier verhandelten Fall und zur Klärung beitragen könnte.“

    „Wie ist Ihr Name, bitte?“, fragte der Vorsitzende.

    „Polizeihauptkommissar Manfred Lowitz vom vierten Revier.“-  Meine Leser erinnern sich an den Namen?-

    „Vom Elbstrand-Revier?“, fragte der Vorsitzende interessiert.

    „Ja“, bestätigte von Lowitz lächelnd.

    Das Revier war in der Tat unter dem Namen Elbstrand-Revier allgemein bekannter als unter viertem Revier.

    „Bitte kommen Sie nach vorne und nehmen Sie hier Platz“, dabei deutete der Vorsitzende auf den nun leeren Zeugenplatz.

    Und dann berichtete von Lowitz:

    „Es begann eigentlich damit, dass unser Revier Anfang März dieses Jahres – es war genau am 3. März, von dem Tierarzt Doktor Schubert über einen Anschlag informiert wurden, der auf eine Reiterin mit ihrem Pferd verübt worden sei.  Um es kurz zu machen: das Pferd stammte vom Clarenz-Gut und die Reiterin war…  Sylvia Clarenz.“

    Ein lautes Raunen ging durch den Saal…  alle sahen hinüber zu Sylvia, die wie erstarrt auf den Kommissar blickte; war ihr in diesem Moment bewusst, dass ihr Vater auch für diesen Anschlag verantwortlich sein könnte? – Gebannt folgte sie den weiteren Schilderungen des Kommissars.

    „Als wir vor Ort ankamen, war Fräulein Clarenz bereits mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden. Auch das Pferd  wurde in die Tierklinik transportiert,- es hatte sich ein Bein gebrochen. Der Sturz des Pferdes wurde von einem zufällig vorbeifahrenden Autofahrer beobachtet, der umgehend den Notarzt und den Tierarzt informierte,- ihm ist die rasche Hilfe zu verdanken.

    Da wir aufgrund unserer Ermittlungen erfahren hatten, dass Herr Clarenz ein Grundstück seines Gutes zum Kauf angeboten hatte zum Bau einer Moschee, richtete sich unser Verdacht zunächst verständlicherweise in Richtung der rechten Szene – das schien uns am nächstliegenden. Aber dann war die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass der Anschlag auch aus den Reihen der Derbyteilnehmer verübt worden sein konnte: Freya – so der Name des Pferdes, war für das Derby Anfang April in Hamburg – Hof angemeldet. Nach Aussage von Herrn Clarenz hatte sie alle Chancen den Spitzenplatz zu belegen,- wollte man das aus Konkurrenzneid verhindern? 

    Doch all unsere Nachforschungen verliefen im Sande. Aber etwas Interessantes wurde im Verlaufe unserer Ermittlungen festgestellt, was unseren Verdacht in eine völlig neue Richtung lenkte: Die Feststellung, dass das Clarenz-Gut mit 76o.ooo Euro verschuldet ist. Wir haben damals noch keine Verbindung hergestellt zwischen dem Anschlag auf Fräulein Clarenz und dem Brand auf dem Gut. Stutzig wurden wir durch einen puren Zufall, als wir erfuhren, dass bei dem Derby in Hamburg – Hof völlig überraschend eine Stute mit dem Namen Sunrise den dritten Platz belegt hatte – und diese Stute gehörte zum Clarenz-Gut. Unsere jetzt intensiv eingeleiteten Ermittlungen ergaben, dass Sunrise an der für nach dem Rennen angeordneten Dopingkontrolle nicht teilgenommen hatte, das wurde anhand der Dopingkontrollliste festgestellt…  ihre Eintragung fehlte. Eine Befragung des Jockeys ergab, dass er von Herrn Clarenz in einem ziemlich barschen Ton aufgefordert worden sei, Sunrise nach dem Rennen sofort zu verladen. Eine amtstierärztliche Kontrolle einige Tage später auf dem Gut ergaben noch eindeutige Spuren eines Dopingmittels – der Name ist mir im Moment nicht geläufig, liegt aber dem Revier vor, ebenfalls die eidesstattliche Erklärung von Jörg Bertrams, dem Jockey.

    Hohes Gericht, es war mein persönliches Interesse an der Urteilsverkündung heute teilzunehmen, weil  ich einen Zusammenhang – ja, ahnte, zwischen dem geschilderten Anschlag und dem Brand auf dem Gut. Erneut stutzig wurden wir durch die Dopingaffäre mit Sunrise und wir daraufhin eine Verbindung herstellten zu der hohen Verschuldung des Guts – da kam uns der Verdacht eines möglichen Versicherungsbetrugs. Nach der für mich glaubhaften Ausführung von Fräulein Clarenz sehe ich meinen Verdacht bestätigt – auch der Mord dürfte somit in einem anderen Licht erscheinen…  aber das möge das Gericht bewerten.“

    Während der ganzen Dauer seines Vortrags hatte im Saal atemlose Stille geherrscht, auch jetzt, als der Vorsitzende sagte:

    „Das Gericht dankt Ihnen für Ihre ausführlichen Schilderungen, Herr Kommissar –,  sie wurden zu Protokoll genommen. Aber ich habe da doch noch eine Frage: Wodurch kamen Sie zu der Erkenntnis, dass es ein Anschlag auf Fräulein Clarenz war, und kein Unfall?“

    „Ah ja – pardon, das habe ich vergessen zu erwähnen. Während der Zeit, als Doktor Schubert – der Tierarzt, auf den Transporter der Tierklinik wartete, hat er den Boden abgesucht, da er annahm, das Pferd sei mit einem Vorderbein eventuell in eine Kaninchenhöhle geraten, dabei entdeckte er den gespannten Stolperdraht. Durch das hohe Gras und da es ein rostiger Draht war, war er nicht zu erkennen gewesen – ein blanker Draht wäre mit Sicherheit bemerkt worden…  ein Indiz meiner Ansicht nach dafür, dass der Anschlag wohl überlegt geplant worden war.“

    „Aber da stellt sich mir doch noch eine Frage“, so der Vorsitzende. „Wieso konnte man davon ausgehen, dass Fräulein Clarenz ausgerechnet diese Strecke geritten ist,- es konnte doch auch purer Zufall gewesen sein.“

    „Es war kein Zufall, Herr Vorsitzender. Sowohl Fräulein Clarenz als auch ihre Mutter reiten ziemlich regelmäßig diese Strecke ab – sie gehört übrigens zum Gut…  sie trainieren dort ihre Pferde.“

    „Heißt das“, fragte der Vorsitzende fassungslos, als ihm die furchtbare Bedeutung der Worte des Kommissars bewusst wurden, „dass man das Leben einer der beiden Damen bewusst…  aufs Spiel gesetzt hat?“

    „Davon kann man ausgehen,- ja, Herr Vorsitzender.“

    „Vater – nein….!“,schrie Sylvia. Sie war aufgesprungen, voll Entsetzen starrte sie hinüber zu ihrem Vater. „Oh mein Gott – sag‘ dass das nicht wahr ist…  Vater - warum hast du das getan?“ Sie brach in hemmungsloses Schluchzen aus.

    Doch ihr Vater reagierte nicht auf die Schreie seiner Tochter – zusammengesunken saß er auf seinem Platz.

    Es dauerte einen Moment, bis sich der Tumult im Saal nach mehrmaliger Aufforderung des Vorsitzenden um Ruhe wieder gelegt hatte, dann fragte er – man spürte die Erschütterung auch in seinen Worten:

    „Herr Clarenz, möchten Sie sich zu den Darlegungen des Kommissars äußern?“

    Clarenz hob nur leicht den Kopf. Mit leerem Blick schaute er hinüber auf den Vorsitzenden – er gab keine Antwort. Für alle bot er in diesem Augenblick das Bild eines gebrochenen Mannes.-

    „Herr Clarenz“, sagte der Vorsitzende, jetzt mit fester Stimme: „Wenn Sie zu keiner Erklärung bereit sind, sieht sich das Gericht gezwungen, Sie aufgrund der gegen Sie vorgebrachten Anschuldigungen vorläufig in Untersuchungshaft zu nehmen, ist Ihnen dass bewusst?“

    Statt einer Antwort sah er hinüber zu seiner Tochter, er sagte:

    „Ich wollte nicht, dass dir oder deiner Mutter etwas passieret. Ich hatte gehofft, Freya würde sich verletzen, dass sie…  dass sie eingeschläfert werden müsste. Mit der Versicherung hätten wir einen Teil unserer Schulden abtragen können,- ich wollte doch nur… „

    „Das ist doch der Gipfel des Zynismus“, viel ihm der Vorsitzende sichtlich aufgebracht ins Wort. „Sie wollten, dass sich das Pferd so schwer verletzen würde, dass es getötet werden musste, um die Versicherungssumme zu kassieren. Ihrer Tochter oder Ihrer Frau aber sollte dabei nichts passieren? Ich möchte mich hierzu meiner persönlichen Meinung enthalten, aber für mich ist außer Zweifel, das Sie durchaus den Tod einer der beiden Damen billigend in Kauf genommen haben. Ich verfüge hiermit eine sofortige, vorläufige Untersuchungshaft zur weiteren Klärung der gegen Sie erhobenen Vorwürfe.“ Er gab ein Zeichen, kurz darauf erschienen zwei Beamte und führten Clarenz ab.  Er sah noch einmal hinüber zu seiner Tochter, doch er begegnete nur einem Blick tiefer Verachtung.

 

Nachdem Clarenz abgeführt worden war, wandte sich der Vorsitzende dem Angeklagten zu:

    „Herr Liebholt“ – nicht mehr Angeklagter - , „nach den neuesten Erkenntnissen, die sich für das Gericht heute ergeben haben, gibt es keine Veranlassung mehr, das gegen Sie erhobene Urteil aufrechtzuerhalten - Sie sind frei!  Ich… „

    Lauter Applaus der Zuhörer unterbrach den Vorsitzenden. Alle freuten sich über den Freispruch, denn insgeheim hatte niemand den zarten, sympathischen Jungen eines so brutalen Verbrechens für fähig gehalten. Als wieder Ruhe eingekehrt war, ergänzte der Vorsitzende seinen  begonnen Satz:

    „… ich möchte Sie bitten, sich in den nächsten Tagen bei unserer Verwaltung zu melden zur Erledigung einiger Formalitäten, die leider nicht zu umgehen sind…  ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft“. Und an alle:

                                                                    „Die Sitzung ist beendet.“    

                                                                                                                                      

P.S./ Als Postskriptum sei noch kurz erwähnt, dass Wilhelm Clarenz bereits am 4. Verhandlungstag nach seinem umfassenden Geständnis wegen schwerer Brandstiftung, wegen Mordes im Falle Fritz Laschke und Versicherungsbetruges zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt wurde. Der Anschlag auf Sylvia wurde nicht bewertet, da nicht zweifelsfrei bewiesen werden konnte, dass er ihren Tod beabsichtigt hatte.

Ebenfalls sei kurz erwähnt, dass Sylvia und Lars beabsichtigen, in Bälde zu heiraten und sich auf eine Familie zu dritt…  oder viert freuen.

Autorennotiz

Ich musste erst 82 Jahre alt werden, bis ich auf die Idee kam, die Erinnerungen meines Lebens einmal niederzuschreiben. Sie waren ursprünglich nur für mich persönlich gedacht, vor allem aber auch deshalb, um meine Zeit einigermaßen sinnvoll zu gestalten, da ich seit einigen Jahren alleine lebte und infolge meiner Gehbehinderung überwiegend an meine Wohnung gebunden bin. Doch statt nur meiner Erinnerungen entstand daraus der recht spannende Tatsachenroman TRILOGIE, der auch bereits veröffentlicht wurde. Mittlerweile habe ich Spaß am Schreiben gefunden, und so konnte ich innerhalb kurzer Zeit die beiden Krimi-Kurzgeschichten Die Drohung und Der letzte Zeuge ins Internet stellen.

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Im Dunkel der Nacht. - Ein Schrei !- Stille..., das Blut! Und sie lieben... den Mörder? - Panik bricht aus! Ein falscher Verdacht... ?

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