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Schatten der Vergangenheit

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3.12.2019 16:16
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Es war der späte Nachmittag des 31. 10. 1824 und James Ridwell und Reed Carrington saßen auf dem Gatter, das die Ländereien der Ridwells vom anliegenden Wald abgrenzte. James starrte mit einem nahezu verbissenen Blick in die Baumreihen, hinter denen langsam die Sonne versank, während Reed seine Augen besorgt auf die Taschenuhr richtete, die er aus seiner Weste gezogen hatte. „Meinst du nicht, wir sollten bald nach Hause gehen? Ich weiß, dass meine Eltern sich sorgen, wenn ich mich im Dunkeln in der Nähe des Waldes aufhalte, deine bestimmt auch.“, schlug er vor.
Zunächst sah es aus, als habe James seinen Freund nicht gehört, doch dann verdrehte er die Augen und meinte spöttisch: „Ich bin mir recht sicher, dass es meinen nicht einmal auffallen würde, wäre ich die ganze Nacht verschwunden. Und unsere Haushälterin schweigt bestimmt über mein Fortbleiben, ihr ist alles egal, so lange ich meinen Eltern nur verschweige, dass sie sich heimlich an unserem Weinkeller bedient... Nein, ich habe eine bessere Idee: Wir gehen in den Wald und machen uns auf die Suche nach dem Wesen, welches alle Menschen in der Gegend in Angst und Schrecken versetzt!“

Reed biss sich auf die Unterlippe und zögerte mit seiner Antwort. Dieser Plan behagte ihm so gar nicht. Zwar glaubte er nicht wirklich an ein Monster, dass dort angeblich umherstreifen sollte, aber sicher konnte man ja nie sein. Außerdem hatten seine Eltern sowieso schon einige Male ihr Missfallen gegenüber seiner Freundschaft mit James ausgedrückt, der ihn ja angeblich nur zu Unsinn verleiden würde. Nicht, dass er ihnen in der Hinsicht nicht uneingeschränkt zustimmen könnte, aber da James sonst eigentlich niemand hatte, nicht einmal familiären Rückhalt, ließ Reed sich letzten Endes doch immer dazu überreden, an dessen abenteuerlichen Aktionen Teil zu haben.

„Du fürchtest dich doch nicht etwa?“, spottete James schon auf Grund des langen Schweigens seines Freundes, doch der lenkte schnell ein.
„Ein wenig Furcht würde dir auch ab und an recht gut bekommen! Doch sei es drum, ich komme mit – ich gedenke jedoch nicht, die ganze Nacht fortzubleiben, falls dies dein Plan ist, werde ich dich früher oder später alleine lassen und zwar noch vor Mitternacht!“
Schwungvoll sprang James vom Zaun. „Sollten wir das Monster vorher bezwungen haben, wird das doch gar nicht nötig sein, und davon gehe ich aus!“ Er grinste Reed an und sie machten sich auf den Weg in den Wald.

Das 'Monster' von dem James so lässig sprach war seit ein paar Jahren eine rätselhafte Begleiterscheinung des Lebens in Kent. Der Wald, der große Teile der Landschaft bedeckte, war anscheinend Heimat etwas Überweltlichen, für das keiner eine Erklärung wusste, doch fast alle spürten, dass es da war. Der Schatten etwas Großen schien durch die Bäume zu ziehen, Geräusche, die nicht menschlich und nicht nach bekannten Tieren, aber ohne Frage lebendig klangen, konnte man vernehmen, wenn man sich auch nur in der Nähe des Waldes aufhielt.

Selbst James' Fröhlichkeit wirkte etwas gezwungen, als sie zwischen der Stämme der hohen Laubbäume traten, im gleichen Augenblick als die untergehende Sonne endgültig hinter dem Horizont nieder zu fallen schien. Nun war der Vollmond die einzige Lichtquelle – schon den ganzen Tag hatte er am Himmel gehangen, einem blassen, lauernden Ballon gleich, und jetzt war es sein kaltes Licht, das sämtliche Kanten scharf zeichnete und schmale Schatten auf dem Boden erscheinen ließ.

„Na schön. Wie leicht zu sehen ist, gibt es hier nichts zu sehen!“, murmelte Reed trotzig und es war unschwer an seiner Stimme zu erkennen, dass er am liebsten sofort wieder umkehren würde.
„Unsinn!“ Obwohl nicht mehr ganz so ungezwungen, wollte James seinen Plan jetzt auch ausführen, wo sie schon einmal hierher gelaufen waren. „Wäre es nicht unglaublich, wenn es wir wären, die ein für alle Mal eine Erklärung für jenes Phänomen finden, das in den letzten Jahren alle Menschen aus den Wäldern ferngehalten hat.“
„Oder in jenen hat verschwinden lassen!“, ließ Reed nicht unerwähnt. „Doch sofern man nur im Wald in wirklich großer Gefahr ist, vermute ich, dass wir in relativer Sicherheit sind, wenn wir uns immer am Rand aufhalten, und bei Bedarf hinausrennen.“
James lächelte zufrieden. „Siehst du, deshalb wollte ich, dass du mitkommst – ich wäre vielleicht derjenige der das Untier in die Flucht zu schlagen wagt, doch du würdest dafür sorgen, dass wir nicht wie Idioten blindlings in es hineinlaufen.“

Wenig ermutigt zuckte Reed mit den Schultern. „Was auch immer. Eigentlich widerstrebt es mir sowieso zutiefst, an etwas Übernatürliches zu glauben – höchstwahrscheinlich ist es einfach der herbstliche Nebel, das Rascheln der fallenden Blätter, die die Menschen zu Sinnestäuschungen aller Arten hinreißen.“ Mit diesem Gedanken im Hinterkopf schlenderten sie zwischen den Bäumen durch und noch tat sich nichts Bemerkenswertes. Zwar zuckte Reed immer noch jedes Mal zusammen, wenn einer der beiden Jungen auf ein trockenes Blatt trat, doch James wurde wieder lässiger, je mehr Zeit verstrich. „Monster? Wir warten auf dich!“, rief er, nicht wirklich laut, doch so durchdringend, dass Reed ihn warnend in die Seite stieß.
„Hör auf damit! Was, wenn uns wirklich etwas hört?“

Doch nun waren sie es, die etwas hörten – der Klang kam von irgendwo hinter ihnen und es war ein Schnauben, und zwar das eines wahrscheinlich sehr großen Tieres. Schlagartig blieben die beiden stehen. „Was war das?“ James klang nun nicht mehr so großspurig und Reeds Stimme zitterte regelrecht.
„Woher soll ich das wissen, warum muss immer ich die Fragen beantworten? Es klang auf jeden Fall groß. Und nahe.“
Mit angehaltenem Atem pressten sie sich nun an einen Baumstamm, regungslos, wartend.
Das Geräusch blieb aus, nur das gewöhnliche Knacken und Knirschen eines nächtlichen Waldes war zu vernehmen. „Ist es weg?“, flüsterte James und Reed zuckte beinahe unmerklich die Schultern.
„Vielleicht sollten wir einfach ganz langsam aus dem Wald schleichen? Es trennen uns höchstens fünf bis zehn Meter vom freien Feld!“, schlug er genauso leise vor und sah das knappe Nicken seines Freundes.

Vorsichtig und auf Zehenspitzen bewegten sie sich auf den Waldrand zu, immer sorgsam auf eventuelle Geräusche achtend. Obwohl der Mond immer noch so hell schien, dass es nicht einmal zwischen den Bäumen wirklich dunkel war, konnten sie kein Tier erkennen, was groß genug gewesen sein könnte, dieses mächtige Schnauben verursacht zu haben.

Sie hatten es schon fast geschafft und die unbewaldete Wiese leuchtete im Mondschein fast surreal hell, doch plötzlich schob sich etwas zwischen die beiden Jungen und ihren Fluchtweg. Es war nicht fassbar, durchscheinend und hatte keine Form, oder vielleicht war die Form einfach zu groß, um sie mit einem Blick zu erfassen? Ein Schatten, ein unglaublich riesiger Schatten schob sich direkt an der Grenze zwischen Wald und Feld vorbei und tauchte das Sichtfeld der Jungen kurz in eine Art dunklen Nebel. Wieder erklang das schnaubende Geräusch, wie das Atmen eines riesigen Tieres, und dann war es auch schon wieder vorbei.

James keuchte. „Verdammt. Das war gar nicht gut. Wir müssen hier raus!“ Er stürmte davon und Reed musste sich bemühen, mit ihm Schritt zu halten, doch weit kamen sie sowieso nicht. Der Schatten war schon wieder, doch diesmal huschte er nicht an ihnen vorbei sondern schien wie eisiger dunkler Neben durch sie hindurchzufließen, ohne feste Gestalt, aber dennoch mit einem Schwung, der sie zu Boden fallen ließ. Und war da nicht das Geräusch dröhnender Schritte, irgendwo, von hinten, von vorne, von der Seite?

Alle Logik in ihren Gedanken war nun von der puren Panik hinweggefegt worden, und so rannten sie, allerdings nicht aus dem Wald, sondern tiefer in diesen hinein. Vielleicht war das einer dieser Urinstinkte des Menschen, wie Reed unwillkürlich überlegte, der diese dazu brachte, bei akuter Gefahr eher nach einem raschen Versteck als einem Fluchtweg zu suchen.

Sie rannten – oder eher stolperten – bis sie außer Atem waren und blieben dann in diesem Labyrinth aus Baumstämmen stehen, um Luft ringend und die Arme in die Seite gestützt. „Lange kann ich so nicht weiter rennen, glaubst du, es verfolgt uns?“, stieß James, von Atempausen unterbrochen, hervor.
Reed lauschte. „Es scheint still zu sein, aber vorhin ist es ja auch unvermutet aufgetaucht. Die Frage ist nur was um alles in der Welt war das? Es ist durch uns hindurch gegangen, hast du das gespürt? Es war kalt und gruselig und-“ Ihm fielen keine Worte mehr ein.
„War doch eine ziemlich unkluge Idee, in den Wald zu gehen...“, gab James zu und Reed nickte. Daran aber konnten sie jetzt auch nichts mehr ändern. Sie standen irgendwo mitten im Wald und obwohl gerade keine beunruhigenden Geräusche ertönten, war ihnen beiden auf eine komische Weise bewusst, dass das, was auch immer sie gesehen hatten, bestimmt nicht verschwunden war.

„Wo sind wir eigentlich?“ James drehte sich ein mal im Kreis. „Ich glaube, hier war ich noch nie...warte mal, was ist das da vorne?“ Im hellen Mondlicht konnten sie erkennen, dass sich eine Art Schlucht auftat. Kreidefelsen ragten in den Himmel hinauf. „Ich glaube kaum, dass es dort aus dem Wald heraus geht, also sollten wir vielleicht nicht...oder eben doch.“ Reed seufzte resigniert und folgte seinem Freund, der den neu entdeckten Ort natürlich sofort von Nahem betrachten musste.

Als sie in der Schlucht angekommen waren, erkannten sie, dass es wohl eher ein Steinbruch war, künstlich angelegt. An den Seiten stapelten sich Felsbrocken, die ganze Gegen wirkte irgendwie geplündert, so, als sei da vorher etwas gewesen, was dann genommen worden war. Da das Licht auf den bleichen Sandstein traf, war es hier fast taghell, doch das unheimliche Gefühl verschwand für keine Sekunde. Eher spürte es sich so an, als seien sie mitten ins Zentrum der unheimlichen Aktivitäten gelangt.

„Ich glaube, wir sollten von hier verschwinden.“ Nun war es James, der zuerst wieder weg wollte. „Ich meine, im Wald war es ja schon beängstigend genug, aber ich habe das Gefühl, als seien wir hier in viel größerer Gefahr!“
Doch Reed reagierte nicht, sondern sah sich mit merklicher Faszination um. Im Augenblick der Erkenntnis hob er den rechten Zeigefinger. „Ich weiß, was das hier ist!“
Jetzt schaffte James es sogar wieder, zu lächeln, sein Weltbild war wieder hergestellt. „Dann sag mal! Und stell dir vor, ich würde mich noch mehr freuen, wenn du auch noch wüsstest, wie wir ungefährdet wieder nach Hause gelangen.“
„Das kann ich dir leider nicht sagen.“ Reed verzog das Gesicht. „Aber dennoch glaube ich zu wissen, mit was wir es zu tun haben!“ Er kniete sich hin und betrachtete den Boden, in dem eindeutig von Menschen gegraben und gescharrt worden war. „Erinnerst du dich an diesen Gideon Mantell? Diesen Arzt aus der Gegend, der die ganzen Fossilien gefunden hat, Knochen, Zähne und so, keiner wusste, von was für einem Tier. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier der Steinbruch war, in dem er die meisten Entdeckungen machte...“
„Aha... Und hat man je herausgefunden, um was für ein Tier es sich denn handelte?“
„Bis jetzt noch nicht – er selbst vermutet, dass er die Zähne einer riesigen fleischfressenden Echse gefunden hat, doch viele nehmen diesen Gedanken nicht ernst. Einer von diesen Sauriern, die man jetzt überall in England zu finden glaubt. Klingt ja ziemlich absurd, wenn du mich fragst...“
„Ja, absurd. Aber eine Frage: Wie groß genau sollen diese Fleischfresser sein?“ Er blickte langsam nach oben, als würde sich direkt vor ihm eine dieser monströsen Gestalten auftun und Reed verstand sofort:
„Du meinst, der riesige Schatten, das tierische Geräusch... Oh, verflucht.“ Sein Atem wurde wieder hektischer und sein Blick huschte panisch nach allen Seiten. „Aber es würde verdammt gut passen! Die Gerüchte über das Ungeheuer im Wald fingen doch vor ungefähr vier Jahren an, oder?“
„Was weiß denn ich, Mann, da waren wir dreizehn! Kann aber sein.“
„Genau. Und das war auch die Zeit, in der Mantell mit den Ausgrabungen begann...“

Von irgendwo ertönte ein dumpfes Grollen, es schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. James zuckte zusammen. „Na, das sind ja schöne Neuigkeiten! Und warum wurde dieser Mantell dann nicht gefressen oder so, wenn er sie doch ausgebuddelt hat?“ Er bemühte sich hörbar, lässig zu klingen, doch seine Stimme war so gebrochen, dass es den Versuch eigentlich nicht wert war. Nicht, dass Reed das aufgefallen wäre, der war nämlich zu sehr damit beschäftigt, nicht ohnmächtig zu werden.
„Ich hab keine Ahnung, James.“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und klaubte einen faustgroßen Sandsteinbrocken vom Boden auf, wie um ihn gegen die riesenhafte, schwarze Gestalt zu werfen, die nun am Eingang der Schlucht auftauchte.

Wie ein aufrechter Schatten von der Größe eines Hauses ragte das Wesen vor ihnen auf und diesmal konnten sie einen so guten Blick darauf werfen – ob sie das wollten, ist eine andere Frage – dass sogar mehr oder weniger Konturen in dem schwarznebligen Etwas zu erkennen waren. Weit über ihren Köpfen reckten sich Phantomklauen in ihre Richtung und dort, wo bei einem lebendigen Wesen Augen gewesen wären, glomm etwas Weißes auf.

James Beine zitterten und mit dem Rücken an der Felswand rutschte er langsam nach unten. „Tja, ich schätze, wir schaffen es zum Abendessen sicherlich nicht mehr nach Hause. Tut mir leid.“, murmelte er, dann schloss er die Augen und versank in einer Art Umarmung mit sich selbst. Auch Reed war zu Boden gegangen und kauerte neben ihm. „Verdammte Dinosaurier!“, fluchte er, „Verdammte Dinosaurier.“

 

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Sätze:145
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Kurzbeschreibung

Kent, England, im Jahre 1824. Zwei Freunde beschließen, im Wald nach dem mysteriösen Monster zu suchen, das seit Jahren die Umgebung in Atem hält.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Mystery auch im Genre Historik gelistet.