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Eine seltsame Nacht

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29.01.20 11:36
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

Eine seltsame Nacht

Es herrschte ein typischer Novembertag, kalt, nass, trüb, neblig. Schon seit über eine Woche hatte sich die Sonne nicht mehr blicken lassen, dafür regnete und nieselte es abwechselnd, ehe in der Nacht der Nebel aufzog.
Eigentlich das richtige Wetter, um sich mit einem Kaffee auf die Couch zu verkrümeln, um einen unterhaltsamen Film zu schauen oder ein gutes Buch zu lesen. Dieser Luxus war mir im Augenblick jedoch nicht vergönnt. Ich saß in meinem alten, klapprigen dreier Golf und gondelte durch unbekanntes Gebiet.
Eine Familienangelegenheit hatte mich heute Mittag hinausgetrieben und erwartete mich nun in Berlin, eine Stadt, der ich bisher noch keinen Besuch abstatten konnte. Es hatte sich bisher einfach nicht ergeben. Irgendwie lag Berlin ja auch nicht wirklich um die Ecke und schon gar nicht auf meinem Weg, wenn ich im Urlaub nach Italien fuhr. Heute jedoch musste ich dahin. Mein Bruder hing in seinem Hostel fest und ich musste, als guter, großer Bruder, ihn abholen. War halt doof, wenn der sechs Jahre jüngere Bruder, mit gerade mal achtzehn Jahren, zum ersten mal, ganz alleine Urlaub macht und zu blöd ist auf sein Zeug aufzupassen. Irgendjemand hatte ihm im Gewühl nicht nur sein Smartphone geklaut, sondern auch sein Portemonnaie mit dem Ausweis, der EC-Karte und dem Zugticket für die Heimfahrt. Zum Glück hatte er sein Bett im Hostel noch für zwei Nächte verlängern können und nun wartete er auf mich, damit ich ihn sozusagen auslösen konnte.
Zuerst musste ich jedoch erst mal nach Berlin kommen, was leichter gesagt, als getan war. Durch den Verkehrsfunk hatte ich vor einer Stunde erfahren, dass die Autobahn, die ich fahren wollte, nach einem schweren Unfall voll gesperrt worden war und so hatte ich die letzte mögliche Ausfahrt genommen, in der Annahme, dass eine Stadt wie Berlin überall ausgeschildert sein würde, aber weit gefehlt. Ich fuhr erst mal einfach immer Richtung Osten, soweit es mir möglich war. Nur ab und zu warf ich mal einen Blick aufs Handy, da sich der Akku langsam dem Ende entgegen neigte. Gerade mal noch zehn Prozent Akkuleistung zeigte mir mein Smartphone an.
Je später es wurde, um so nebliger zeigte sich der Abend. In der trüben, unterdessen stockfinsteren Nacht verfuhr ich mich tatsächlich irgendwann in einem der Wälder von Brandenburg und obwohl ich der asphaltierten Straße folgte, wurde ich das Gefühl nicht los ständig nur im Kreis zu fahren.
Leise knurrend hielt ich den Wagen an und stieg aus. Tief atmete ich durch, fuhr mir unwirsch durchs Haar und warf einen Blick auf meine Armbanduhr, die mir mitteilte, dass es kurz nach dreiundzwanzig Uhr war. Eigentlich hätte ich längst Berlin erreicht haben müssen, aber Pustekuchen. Es sah nicht danach aus, als würde die Millionenmetropole in den nächsten Minuten, wie aus dem Nichts, vor mir auftauchen. Eher das Gegenteil war der Fall, ich befand mich irgendwo im Nirgendwo. Felix, mein kleiner Bruder, wartete sicherlich schon auf mich und das versprochene Abendessen im nächsten bekannten Burgerladen. Anrufen, dass ich später kommen würde, konnte ich ja nicht. Tja, so was geschah halt, wenn man die zwei wichtigsten Dinge fürs Überleben in den Arschtaschen der Jeans trug. Hoffentlich war Felix dies eine Lehre. Dennoch holte ich mein Handy aus dem Auto, nur um festzustellen, dass ich hier, tief im, unterdessen fast kahlen Mischwald keinerlei Empfang hatte. Nur Notrufe, erklärte mir mein Telefon.
„Schöne Scheiße“, kommentierte ich und schaute mich suchend um.
Irgendwie musste ich aus diesem Wald raus und den nächsten Ort finden. Konnte doch gar nicht so schwer sein. Ich meine, ich befand mich doch mitten in Deutschland und nicht irgendwo in den USA, wo man tagelang durch Wälder irren konnte, ohne auf andere Menschen zu treffen.
Ich trank einen Schluck Wasser, ließ das Licht an meinem Golf an und suchte die nächste Buche auf, um mich zu erleichtern. Eigentlich mochte ich Wälder ja, aber im Dunkeln und in einem so dichten Nebel, dass man kaum die Hand vor Augen sah, wirkte die Umgebung einfach nur gespenstisch.
Schon komisch, was einem so durch den Kopf ging, wenn man nicht wusste, wo man sich befand. Fröstelnd zog ich die Schultern nach vorn und schüttelte mich leicht, als ich den Reißverschluss der Jenas nach oben zog.
Meine Entscheidung, dass Licht anzulassen, war gut gewesen. Vielleicht hätte ich sonst meinen Wagen nicht wiedergefunden und wäre nur einen Meter davon entfernt, an ihm vorbeigelaufen, ohne ihn zu sehen, um dann heillos verloren in diesem Wald herumzuirren.
Unterdessen fühlte sich mein Haar an, als hätte ich gerade noch unter der Dusche gestanden. Der feuchte Nebel hatte sich, wie ein feuchter Film, überall auf mir abgelegt und haftete auf meiner Haut, meinen Sachen und eben auf meinen dunkelblonden Haaren.
Da ich noch immer leicht fröstelte, drehte ich die Heizung voll auf. Wenn ich ein Stück fuhr, dann würde es im Innenraum meines Golfes mollig warm werden und ich wieder trocknen.
Langsam gab ich Gas und rollte im Schritttempo weiter durch die graue Nebelsuppe, immer die asphaltierte Straße entlang.
Im Nebel, der Finsternis und der Einsamkeit wirkte es, als würde ich mich nicht wirklich von der Stelle bewegen, alles sah irgendwie gleich aus, die Bäume und die Straßenmarkierungen. Es gab einfach keine Abwechslung und ich hätte Stein und Bein schwören können, dass ich diese uralte, riesige Eiche schon zum dritten mal erblickte und das, obwohl ich nicht ein einziges mal abgebogen war, wie auch, die Straße führte einfach nur gerade aus, ohne dass es eine Kreuzung gab.
Man, irgendwann musste dieser Wald doch einmal enden.
Ab und zu warf ich einen Blick auf mein Handy, nur um immer wieder erneut festzustellen, dass es noch immer nichts empfing. Selbst das Radio zickte rum und wechselte von der Musik des Radiosenders, den ich eingestellt hatte in ein Rauschen und wieder zurück.
„Das gibts doch gar nicht“, murmelte ich vor mich hin, als ich wieder die unglaublich dicke Eiche am Straßenrand entdeckte. Ich bremste. Führte diese dämliche Straße mich vielleicht doch im Kreis herum? Nein, dies war eigentlich nicht möglich, da ich doch die ganze Zeit über mein Lenkrad in der selben Stellung hielt und keinen Moment lang auch nur nach links oder rechts gelenkt hatte.
Okay, einmal ganz tief durchatmen. Da ich durch meinen Toilettengang vorhin dazugelernt hatte, zog ich nun die Kapuze meiner Softshelljacke auf und stieg aus. Erst mal eine rauchen und danach in Ruhe weiterfahren. Früher oder später musste ich ja die nächste Ortschaft erreichen.
Unheimlich wirkte das orangene, flackernde Licht der Feuerzeugflamme, als ich den Glimmstängel entzündetet. Dazu wirkten die Nebelschwaden wie Geister, deren fein stofflichen Seelen durch den Wald waberten.
Wieder zog ich fröstelnd die Schultern nach vorn und kämpfte gegen das Wirrwarr meiner konfusen Gedanken an, als ich plötzlich an all die diversen Horrorfilme denken musste, die ich als Jugendlicher sah. Lauerte eventuell Michael Myers aus 'Halloween' hinter dem nächsten Baum oder gar Jason Voorhees aus 'Freitag, der 13te'? Vielleicht befanden sich in dem Nebel aber auch die Seeleute aus 'The Fog'?
Mein Blick fraß sich durch die finstere Nacht und den Nebel und dann bemerkte ich den schmiedeeisernen Zaun, der den Wald von der Straße trennte. Verdammt, war der Zaun hoch, bestimmt an die drei Meter, an dessen oberen Ende ich spitze eiserne Pfähle ausmachte, die ein Überklettern verhindern sollten.
Der Zaun schien von einem Meister seines Faches gefertigt worden zu sein, denn überall verteilten sich Ranken mit Blättern, an denen sich wundervolle Rosenblüten befanden.
Wer bitte stellte denn so einen unglaublich schönen Zaun mitten in einem Wald auf? Normalerweise fand man in einem Wald eher Maschendrahtzäune oder Jägerzäune.
Neugierig geworden trat ich näher, schaltete die Taschenlampenfunktion des Handys ein und betrachtete die Rosenblüten. An den unzähligen Ranken konnte ich sogar vereinzelt kleine Dornen erkennen.
Schwarz lackiert stand der Zaun mitten in diesem Wald und sah so aus, als wäre er erst vor ein paar Tagen aufgestellt worden.
Bewundernd strich ich mit den Fingern über das Kunstwerk und verkniff mir den Fluch, der mir auf den Lippen lag, als ich mir den Daumen an einer der Dornen aufriss.
Die Daumenkuppe im Mund kehrte ich zu meinem alten Golf zurück. Eigentlich konnte ein so in Schuss gehaltener Zaun nur eins bedeuten, dass dahinter jemand wohnte. Ein letzter Blick entlang des Zaunes, dann trat ich die Kippe aus und lachte leise. Wer weiß, vielleicht traf ich ja auf Dornröschen und durfte sie wach küssen. Obwohl, in Wahrheit wäre mir ein Dornenprinz jedoch lieber.
Die nächste Zeit fuhr ich, soweit es die Straße zuließ, ganz nah am rechten Fahrbahnrand, damit ich den wundervollen Rosenzaun weiterhin erkennen konnte. Irgendwann musste der Zaun ja enden.
Ich fuhr vielleicht noch zehn Minuten im Schritttempo, als ich ein riesiges weit geöffnetes Tor entdeckte. Wie der Zaun aus Eisen geschmiedet und mit Dornenranken und Rosenblüten verziert.
Ich dachte nicht weiter darüber nach, als ich auf den breiten, ordentlich geharkten Kiesweg abbog. Dieser Weg würde mich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Haus leiten. Hoffentlich waren die Bewohner anwesend und konnten mir den Weg nach Berlin aufzeichnen und erklären.
Fuhr ich anfangs noch durch dichten Wald, lichtete dieser sich nun zunehmend und schuf somit Platz für eine sehr gepflegte Parkanlage. Ich erblickte ordentlich beschnittene Buchsbäume, mal in Kegelform gehalten, mal als Kugel zurechtgestutzt.
Komisch, ich erkannte jede Kleinigkeit und bemerkte nun, dass der Nebel nicht nur dünner geworden war, sondern sich vollständig verzogen hatte.
Der Rasen wirkte britisch, die Blumenbeete gepflegt und ich fragte mich, ob ich so einfach auf dieses große, private Grundstück hatte fahren dürfen.
Vor mir beschrieb der Weg eine Kurve und dann traute ich kaum meinen Augen. Direkt vor mir erhob sich ein wunderschönes, altes Herrenhaus, mit einem riesigen Brunnen davor, der jedoch, aufgrund der Jahreszeit, keine Wasserfontänen in den Himmel spie. In der Mitte des großen Wasserbeckens stand eine Art Turm, der über und über wieder mit steinernen Rosen verziert war.
„Also doch ein Dornröschen“, lachte ich leise, fuhr um den Brunnen herum und hielt vor der gigantischen Treppe, die hinauf zu dem Eingang führte.
Ich ließ das Bild erst einmal auf mich wirken, die Giebel, die kleinen Türmchen, die dunklen Fenster und den riesigen, metallenen, verglasten Wintergarten, der sich an den rechten Seitenflügel anschloss.
Es wirkte nicht so, als wäre jemand zuhause, aber dies konnte auch täuschen. Immerhin war es kurz nach Mitternacht.
Konnte ich die Bewohner tatsächlich wecken? Ich musste, wenn ich noch heute Nacht in Berlin ankommen wollte und mal ehrlich, wer solch ein gigantisches Anwesen bewohnte und bewirtschaftete, gehörte definitiv nicht zur Mittelschicht und besaß mit Sicherheit den einen oder anderen Angestellten, und wenn es nur ein Gärtner war. Und diese würden es sein, die ich weckte und nicht die hier ansässige Hautevolee.
Ich straffte mich und gerade, als ich meinen Wagen schlafen schicken wollte, verstummte das Radio, die Scheinwerfer erloschen und der Motor verklang. Na klasse, das hatte mir gerade noch gefehlt, dass mein alter Golf mich im Stich ließ.
Nun benötigte ich tatsächlich Hilfe. Es gab keine Ausrede mehr, um mich klammheimlich wieder vom Acker zu machen. Ich musste klingeln.
Ich stieg aus und wollte mit dem Handy die Treppen beleuchten, aber auch mein Telefon ließ mich undankbar im Stich. War halt auch nicht mehr der neuste Akku. Blieb nur mein altes Benzin-Sturmfeuerzeug, ein Erbstück meines Großvaters.
Mit der flackernden, kleinen Flamme machte ich mich auf den Weg und atmete tief durch, als ich vor der großen, zweiteiligen, rustikalen Eichentür stehen blieb. Wieder entdeckte ich das Motiv der Rosen, meisterlich geschnitzt, aber im Gegensatz zu dem Schwarz des Zaunes und dem düster wirkenden dunklen Grau des Brunnens, waren die Rosen hier in einem warmen Rotton gehalten.
Vergeblich suchte ich nach einer Klingel, alles, was ich entdeckte, waren die großen, eisernen Türklopfer, die die Form von Löwenköpfen besaßen. Was auch sonst?
Ob dieses Klopfen überhaupt jemand in dem riesigen Anwesen vernahm? Es kam auf den Versuch an. Ich packte den eiskalten Ring, der in dem Maul des rechten Löwen steckte und schlug das Metall gegen die Eisenplatte darunter.
Metallisch laut, aber auch irgendwie dumpf, vernahm ich das Klopfen und diesen widerhallenden Schlägen folgte mein Herz, welches hektisch und hart gegen meinen Brustkorb schlug.
Nun hieß es warten, ob mein Geheiß auf Einlass vernommen worden war. Natürlich tat sich nichts. Was hatte ich auch anderes erwartet? Niemand würde mir öffnen. Es gab auch keinerlei Anzeichen dafür, dass mein Klopfen überhaupt von jemand gehört worden war. Das Haus lag weiterhin im Dunkel.
Und nun? Nun war guter Rat teuer. Ich würde wohl in meinem Golf pennen und mich morgen früh zu Fuß auf den Weg ins nächste Dorf begeben müssen. So ein verdammter scheiß aber auch. Innerlich verfluchte ich die Dämlichkeit meine kleinen Bruders, denn nur wegen ihm steckte ich ja in dieser Situation fest.
Konnte ich es wagen ein weiteres mal zu klopfen? Klar, warum nicht, immerhin befand ich mich tatsächlich in einer Notsituation. Der Gedanke in meinem Auto pennen zu müssen, behagte mir gar nicht und so hallten die nächsten zwei Schläge durch die Stille der Nacht.
Lauschen, mit angehaltenem Atem, stand ich da und wartete. Kein Geräusch war zu vernehmen, kein Rascheln von Blättern, keine Vogellaute und auch sonst nichts, einfach nur perfekte Stille - seltsam und unheimlich.
Langsam kam mir dies alles suspekt vor und ich konnte nichts gegen die Gänsehaut tun, die mir über die Kopfhaut und den Nacken hinab zum Rücken wanderte. Irgendetwas stimmte hier rein gar nicht.
Abhauen, rief mein Kopf, nimm die Beine in die Hand, steig in deinen Wagen und fahr los! Und gerade, als ich meine Gedanken in die Tat umsetzen wollte, öffnete sich langsam der rechte Flügel der riesigen Eingangstür.

Erschrocken, da ich gar nicht mehr damit gerechnet hatte, prallte ich zurück und wich ein paar Schritte nach hinten aus, zum Glück nicht einen Schritt mehr, da ich ansonsten die Treppe rückwärts hinabgepurzelt wäre.
Flackerndes, gelborangenes Licht, welches von sechs Kerzen auf einem silbernen Kandelaber, herrührte, war das erste, was ich wahrnahm, danach die Hand, die den Kerzenständer hielt. Durch die im Wind zuckenden Flammen, konnte ich das Gesicht dahinter nur schemenhaft erkennen.
„Entschuldigen Sie die Störung“, sprach ich leise, der Situation angepasst und versuchte dabei das eigenartige Gefühl, welches sich meiner bemächtigte, als ich über die Kerzen nachdachte und ich mich fragte, wieso der Mann nicht einfach das Licht eingeschaltet hatte, zu ignorieren. So schnell der Gedanke zu den Kerzen und den Lampen aber auch aufblitzte, so schnell war er auch wieder verschwunden und so fuhr ich fort: „Mein Handyakku ist leer, dazu bin ich anscheinend irgendwo in diesem Wald falsch abgebogen.“
Ich schirmte meine Augen mit der Hand gegen das flackernde Licht ab. Vielleicht konnte ich ja so den Mann vor mir besser erkennen.
„Dazu kommt noch, dass mein Golf direkt auf ihrer Auffahrt seinen Geist aufgegeben hat.“ Ich sprach weiter, plapperte einfach drauflos, da mein Gegenüber noch immer eisern schwieg. „Ich hatte gehofft, dass Sie mir helfen könnten. Darf ich mal Ihr Telefon benutzen? Ich bräuchte dringend einen Abschleppdienst.“
„Kommt rein!“
Es fühlte sich wie beim Frisör an, wenn dieser handwarmes Wasser über meine Kopfhaut laufen ließ - Gänsehauteffekt mit Wohlfühlcharakter. Was für eine samtene, sanfte Stimme.
„Danke.Ich bin Fabian.“ In der Annahme, dass mein Retter nicht viel älter als ich sein konnte, nannte ich ihm nur meinen Vornamen.
„Angenehm: Carl Friedrich Wilhelm von Blankenburg.“ Er wechselte den Leuchter von der rechten Hand in die linke und verbeugte sich leicht, ehe er mir seine nun freie, rechte Hand zur Begrüßung entgegenhielt.
Lange Finger, nicht zu dünn und nicht zu dick, reckten sich mir entgegen und mit einem beruhigten Lächeln auf den Lippen schlug ich ein, ehe ich mich erkundigte: „Carl! Friedrich! Oder Wilhelm?“
„Carl Friedrich Wilhelm“, wiederholte er mit dieser samtenen Stimme und entzog mir seine Hand, die sich warm und kräftig angefühlt hatte, ehe er einen Schritt zur Seite trat, um mich einzulassen.
„Sind drei Vornamen nicht ein wenig zu lang und eigentlich zwei zu viel, Carl Friedrich Wilhelm?“ Irgendwie amüsierte mich das Ganze. Vor mir stand wohl ein echter adliger Sohn, stinkreich und ein klein wenig naiv, dazu anscheinend total weltfremd und ohne Wissen darüber, was tatsächlich im stinknormalen Leben, wie dem meinen, vor sich ging, welches geprägt von Rufnamen war. Zumindest machte Carl Friedrich Wilhelm diesen Eindruck auf mich. Es wirkte, als würde er nicht besonders viel aus diesem Anwesen herauskommen. Aber dies alles war nicht mein Problem, sondern seines. Alles, was mich interessierte, war ein funktionierendes Telefon, damit ich einen Abschleppdienst anrufen konnte, um so schnell wie möglich von hier nach Berlin zu kommen.
Auf dem Gitterrost, das sich über einer Vertiefung befand, strich ich Kies, Schmutz und Feuchtigkeit von den Schuhsohlen meiner quietschbunten Sneakers, ehe ich zögerlich eintrat. Wieso ich für einen Moment zögerte und auf dem Sprung abzuhauen stand, konnte ich nicht sagen.
Nachdem ich mir innerlich jedoch einen Ruck gegeben hatte, stand ich nun in einer riesigen Vorhalle und starrte fasziniert zu der Treppe, oder besser gesagt zu den beiden gewundenen Treppen, die hinauf zu einer Empore führten.
Der Boden zu meinen Füßen war weder gefliest, noch mit Teppich oder Laminat ausgelegt. Nein, zu meinen Füßen befand sich, auf Hochglanz poliertes, Parkett und wirkte dadurch wie frisch lackiert oder gerade erst neu verlegt.
Viel mehr war leider nicht zu erkennen, da die Lampen, an den riesigen Deckenleuchtern nicht eingeschaltet waren. Stromausfall, huschte es mir durch denn Kopf, da überall in der Empfangshalle verteilt, Kerzen standen, die ihr warmes, etwas unstetes Licht im Raum verteilten.
Wie sollte es auch anders sein? Irgendwas funktionierte doch nie bei mir. Murphys dämliches Gesetz schlug immer bei mir zu, aber dieses mal schien Murphy seine Krallen ja eher nach Felix ausgestreckt zu haben, obwohl, wenn ich mir die Situation betrachtete, in der mich befand, dann stand Murphy eher doch wieder auf meiner Seite. Es war so typisch, ich nahm mir etwas vor und alles endete in einer Katastrophe. Na gut, wenn es Kirschkuchen gab, dann war es nicht wirklich eine Katastrophe, wenn ich den einzigen Kirschkern erwischte.
Heute jedoch ging anscheinend schief, was nur schief gehen konnte und ein Telefon konnte ich knicken, denn mit der neumodischen Welt des digitalen Netzes, gab es keine analogen Schnurtelefone mehr und die neuen, die mit Voice over IP liefen, funktionierten nun ml nicht ohne Strom. Da war es vor ein paar Jahren noch einfacher gewesen, bei einem Stromausfall zu telefonieren, denn die alten analogen Kabeltelefone benötigten keinen externen Strom.
„Wahnsinn“, wisperte ich in die Stille und ließ das Bild erst mal auf mich wirken.
An den Wänden, die mit aufwendig verarbeiteten Tapeten tapeziert waren, standen altertümliche Sideboards, auf denen wiederum dicke weiße Stumpenkerzen, auf silbernen Schalen, verteilt waren. Was aber der absolute Clou war, waren die Spiegel die sich hinter den Kerzen befanden, und das licht streuend zurückwarfen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass ich mich mitten in einem Museum befand. Die von Blankenburgs hatten ihr altes Mobiliar entweder gut gepflegt oder aber, die Möbel entstanden einen modernen Linie, die nur auf alte getrimmt war. Auf mich wirkten die Intarsien der Sideboards allerdings total echt.
„Folgt mir!“
Ah ja, Carl Friedrich Wilhelm war ja auch noch da. Ihn hatte ich vor Faszination total vergessen.
Mit dem Leuchter in der Hand ging er an mir vorbei, wandte sich nach rechts und öffnete eine Schiebetür. Auch in dem Raum dahinter brannten Kerzen und in einem riesigen, offenem Kamin prasselte ein warmes Feuer.
Wie schon in der Empfangshalle war der Boden mit Parkett ausgelegt. An den Wänden hingen große Teppiche mit verschiedenen Motiven, wobei mir persönlich das Jagdmotiv am besten gefiel.
Doch ein Museum? Solch hochwertige Arbeiten hatte ich bisher nur in diversen Schlössern betrachten und bewundern dürfen. Und auch hier dominierte das Mobiliar aus der Biedermeier-Zeit. Ein Sekretär mit unzähligen Fächern zog meinen Blick wie magisch an. Ein Tintenfass stand auf der Tischplatte, daneben entdeckte ich eine echte Schreibfeder und Briefpapier. Wo zum Teufel befand ich mich nur?
„Nehmt doch Platz!“ Mit der freien Hand deutete mein 'Retter' auf einen sehr gemütlich aussehenden, alten, ledernen Sessel.
„Danke.“ Ehrfürchtig ließ ich mich darauf nieder, ruckelte mich ein wenig zurecht und kam endlich dazu Carl Friedrich Wilhelm eingehend zu mustern, nachdem dieser seinen Kandelaber auf dem Kaminsims abgestellt hatte.
Strohblondes Haar umrahmte ein noch kindlich wirkendes Gesicht, dass aber schon die ersten Züge eines bildhübschen Mannes aufwies. Leichte Bartschatten zeichneten sich auf der hellen Haut ab. Sanft geschwungene Lippen luden regelrecht zum Küssen ein, also, wenn man sich etwa besser kannte.
Mein Gegenüber trug nicht wie ich typisch blaue Jeans und ein Shirt, sondern einen altmodischen Anzug. Ob er auf einem Kostümfest gewesen ist? Sein weißes Hemd war eindeutig gestärkt, so wie es meine Urgroßmutter sicher noch mit Urgroßvaters Hemden getan hatte. Um den Hals trug er eine Schleife, die mich an Mutters Lieblingsserie 'Fackeln im Sturm' erinnerte, genauso wie die schwarz Weste, nur der Gehrock, den Carl Friedrich Wilhelm trug, ordnete ich einer anderen Epoche zu. Fehlte eigentlich nur noch ein Zylinder. Beinah hätte ich aufgelacht, aber ich verbiss es mir, da es mir unhöflich erschien und ich noch immer dringend Hilfe benötigte.
„Ist schon lange Stromausfall?“, erkundigte ich mich und schob die Hände Richtung Kamin, um meine Finger zu wärmen.
„Schon den ganzen Abend“, antwortete Carl Friedrich Wilhelm wieder mit dieser samtenen Stimme. „Ihr werdet wohl bis zum Morgen warten müssen.“
„Das geht nicht“, fuhr ich hoch.
„Euch wird nichts anderes übrig bleiben.“ Ein freundliches Lächeln erhellte seine Gesichtszüge.
Euch? Hatte er tatsächlich gerade euch gesagt? Aus welchem Jahrhundert entsprang nur diese gestelzte Art des Redens? Wieso sprach er so? Gehörte dies in manchen gehobenen Kreisen zum guten Ton? Da ich mich in diesen Kreisen nicht auskannte, bot ich ihm einfach mal das du an: „Ich bin Fabian. Sag ruhig du. So alt sind wir doch noch nicht.“ Ich schätzte ihn zwischen achtzehn und zwanzig Jahren ein.
„Gern.“ Noch immer stand er vor mir. „Mögt ihr... Verzeiht. Magst du etwas trinken? Im Keller lagern ein paar gute Fässer Wein.“
„Da sag ich nicht nein“, lächelte ich zurück. Etwas Alkohol würde die Situation vielleicht ein wenig entspannen.
„Bitte wartet einen Moment!“
Kopfschüttelnd blickte ich Mister Unbekannt nach, nachdem er den Kandelaber wieder an sich genommen hatte und das Kaminzimmer verließ.
Kaminzimmer, das perfekte Wort, um diesen Raum zu beschreiben. Vor mir, zwischen den beiden Sesseln, lagen eine Menge dicke Schaffelle.
Am Fenster, mit dicken, verzierten Übergardinen, die gerade zugezogen waren, entdeckte ich ein Spinnrad und daneben ein Holzschaukelpferd. Eine Ottomane rundete das Bild ab. Nicht weit entfernt von mir stand ein edler Spieltisch, mit noch edleren Stühlen davor. In die Tischplatte eingelassen befand sich ein Schachbrett. Die Spielfiguren glänzten und waren fertig für eine neue Partie aufgestellt. Zu doof, ich hatte nie gelernt, wie man Schach spielt.
Neugierig erhob ich mich. Wer weiß, was ich noch alles Schönes entdeckte. Langsam durchquerte ich den Raum und betrachtete all die Möbel, die riesigen Schränke mit den großen Schlössern und blieb vor dem unglaublich schönen Wandteppich stehen. Im flackernden Licht wirkte es, als wären die dargestellten Tiere lebendig. Immer noch war es einfach nur unglaublich, wo ich hier gelandet war. In meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es tatsächlich Menschen gab, die noch wie ihre Vorfahren lebten. Sicher, so manchem gefiel der alte Stil, aber diesen auch zu leben, war eine andere Sache. Dieses Zimmer übte ja auch auf mich einen gewissen Reiz aus. Ich konnte nicht mal erahnen, welche Werte sich hier in diesem Raum befanden. Wer weiß, vielleicht wollten Carl Friedrich Wilhelms Eltern nicht, dass ihr Erbe in einem Museum ausgestellt wurde. Außerdem kannte ich ja nur dieses Zimmer. Es war durchaus möglich, dass der Rest des Anwesens modern eingerichtet war und das Kaminzimmer nur der Repräsentation diente.
Ich betrachtete gerade ausgiebig den braunen Wachtelhund auf dem Wandteppich, als Carl Friedrich Wilhelm mit einem Korb, wie ihn Rotkäppchen im Märchen trug, zurückkehrte.
„Eine wundervolle Arbeit“, lobte ich den Teppich,
„Ein echter französischer Gobelin aus dem Jahre 1789.“ Er stellte den Korb vor dem Kamin ab und trat neben mich. Er hob den Kerzenständer ein Stück an und leuchtete somit auch den oberen Teil des Bildes aus. „Ich mochte schon immer den Hirsch.“
Ich folgte dem Lichtschein mit den Augen und entdeckte, in den Tiefen des Waldes, im Hintergrund einen Zwölf- oder Vierzehnender, so genau konnte ich die Geweihenden nicht zählen, der wirkte, als würde er sich über die gesamte Jagdgesellschaft lustig machen. Er war der ansonsten erfolgreichen Jagd entkommen.
„So alt“, entfleuchte es mir ehrfurchtsvoll, nachdem ich die Jahreszahl im Kopf aufgespalten und verstanden hatte. Vorsichtig strich ich mit den Fingern einmal über die Schnauze des Wachtelhundes, dann wand ich mich Carl Friedrich Wilhelm zu und blickte ihn an, dabei trafen sich unsere Blicke und ich sah in ein paar unglaublich dunkelblaue Augen, die sich auf einer Höhe mit meinen hellblauen befanden.
Carl Friedrich Wilhelm zuckte nur mit den Schultern und nickte Richtung Kamin. „Magst du Wildschweinbraten?“
Und wie. Ich liebte Wildgerichte und wenn es in einem Restaurant, in dem wir essen waren Hirsch, Kaninchen oder Wildschein gab, dann schlug ich zu.
„Sehr gern sogar.“ Jetzt erst bemerkte ich, dass Carl Friedrich Wilhelm seinen Gehrock, die große Schleife und die Weste abgelegt hatte. Die beiden oberen Knöpfe des weißen Hemdes trug er offen, die Ärmel aufgekrempelt und plötzlich wirkte er nicht mehr, wie aus einem anderen Jahrhundert.
„Fein. Ich habe uns in der Küche etwas zu Essen geholt: frisches Brot, einige Scheiben Wildschweinbraten und Preiselbeermarmelade.“
„Klingt lecker.“ Ich folgte meinem Gastgeber und half ihm dem Korb all seine kulinarischen Köstlichkeiten zu entlocken.
Auf einem großen, sehr dicken Holzbrett richtete Carl Friedrich Wilhelm alles an, bevor er einen bauchigen, tönernen Krug und zwei edle Weingläser aus dem Korb zauberte. Er goss ein und reichte mir ein Glas.
„Prost!“ Er nickte mir zu, dann hob er sein Glas kurz und sah mich über den Rand an, während er trank.
Dunkelrot schimmerte der Wein, der irgendwie dickflüssig wirkte.
„Prost“, antwortete ich und schwenkte kurz mein Glas. Nachdem ich den fruchtigen Duft wahrgenommen hatte, nahm ich einen kleinen Schluck. Nicht zu süß und nicht zu herb, entfaltete sich der volle Geschmack auf meiner Zunge: fruchtig, ein wenig blumig und dann schien der Sommers in meinem Mund zu explodieren. Dass war der beste Rotwein, den ich je in meinem Leben getrunken hatte: schwer und definitiv mit mehr als zehn Prozent Alkohol.
Zu schnell und zu viel sollte ich nicht davon trinken, denn nachdem ich einige Schluck getrunken hatte, verspürte ich schon das komische schwere Gefühl in meinen Knien, als würden sie plötzlich aus Blei bestehen.
Auf einem der super weichen, unglaublich dicken, blütenweißen Schaffellen machte ich es mir im Schneidersitz bequem. War das hier gemütlich und als Carl, ich erspar mir mal die beiden anderen Namen, noch ein paar Holzscheite im Kamin nachlegte, zog ich Jacke und Hoodie aus.
„Woher kommst du?“, wollte Carl wissen, nachdem er mir eine Gabel und ein unglaublich schweres Messer reichte. War das echtes Silber? Es fühlte sich zumindest so an. Sicherlich auch ein Erbstück und reichlich mit Ranken verziert und, wie sollte es anders sein, mit kleinen Röschen.
„Hannover“, antwortete ich und nahm mir einen Scheibe von dem noch immer duftenden Brot.
„Königreich Hannover - die Welfen“, war alles, was Carl darauf erwiderte.
Nickend, da ich gerade von dem Brot abgebissen hatte, nickte ich und stutzte einen Moment, da noch nie jemand vom Königreich Hannover gesprochen hatte, wenn ich erwähnte, das ich dort lebte. Ich dachte jedoch nicht weiter darüber nach. Es entsprach wohl einfach der ersten Intuition in Adelskreisen. Stattdessen konzentrierte ich mich aufs Essen. Ganz ehrlich, dass Wildschwein schmeckte hervorragend. Mit solch einem ausgefallenen Mitternachtssnack hatte ich nicht gerechnet, eher mit einem pappigen Burger. Was Felix wohl gerade tat? Ich hoffte, dass er schlief und nicht ungeduldig Kreise in den Boden lief, weil er auf mich wartete.
Ein klein wenig regte sich in mir das schlechte Gewissen, aber ich fühlte mich pudelwohl und genoss den Augenblick, das leckere Essen, den guten Rotwein, den hübschen Kerl, der vor mir saß und den offenen Kamin mit den Fellen davor. Mal ehrlich, was wollte man mehr?
Eigentlich wollte ich Carl eine ganze Menge private Dinge fragen, traute mich dann aber nicht so recht, auch, wenn ich vor Neugierde beinah platzte.
„Wie alt bist du?“, erkundigte ich mich dennoch, da ich wenigstens diese Frage beantwortet wissen wollte. Was mich dabei ein wenig verwirrte, war die Tatsache, dass mein Herz ganz aufgeregt klopfte.
„In ein paar Stunden werde ich neunzehn.“ Mit dem Daumen strich Carl sich über den Mundwinkel, um Reste von der roten Preiselbeermarmelade zu entfernen. Verdammt, war ihm eigentlich bewusst, wie heiß er dabei aussah?
„Und du?“
„Bin vierundzwanzig. Es dauert noch ein wenig, bis ich ein viertel Jahrhundert alt werde“, grinste ich. Mühsam schluckte ich und kämpfte gegen das plötzlich entstandene irre Kribbeln in meinem Unterleib an.
„Du hast also morgen Geburtstag?“, kam ich auf seine paar Stunden zurück, auch, um mich abzulenken, denn Carl erschien mir von Minute zu Minute aufregender und verführerischer.
„Nein, heute.
„Heute?“ Fragend zog ich die Augenbrauen nach oben.
„Ja, heute.“ Leise lachend biss Carl herzhaft von seiner Brotscheibe ab, die er vorher dick mit Butter beschmiert hatte.
„Heute, am 4. November?“, hakte ich nach.
Nickend erklärte Carl: „Ich wurde kurz nach Sonnenaufgang geboren, also in ein paar Stunden.“
Ach so meinte er das mit den paar Stunden. Dann gab es ja was zu feiern. Großzügig schenkte ich uns von dem Wein nach und hob mein Glas. „Na dann, alles Gute! Auf dich Carl.“
„Friedrich Wilhelm“, vervollständigte er lachend seinen Namen und dieses Lachen traf mich nicht nur tief in meinem Herzen, sondern auch weiter unten.
„Auf uns und unser Kennenlernen, Fabian.“
Was für ein Lächeln? Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Der Mann vor mir hatte mich mit seiner gestelzten und dennoch offenen Art innerhalb von Minuten erobert.
Mit einem leisen Pling stießen wir an, dann fixierten sich unsere Blicke, während wir tranken.
„Dann steigt bei dir heute Abend eine fette Mottoparty?“ Endlich hatte ich eine Erklärung für seinen Aufzug von vorhin gefunden.
Für einen Moment schaute Carl mich seltsam an. Er runzelte die Stirn und dann schien er den Inhalt meiner Frage verstanden zu haben, denn er fragte: „Magst du teilnehmen?“
Wie zum Teufel sollte ich denn diesem Hundeblick, den er nun auflegte, widerstehen? Es ging nicht, selbst, wenn ich wollte. „Ich würde gerne kommen, aber ich habe weder ein Geschenk für dich, noch die passenden Sachen. Außerdem wartet mein Bruder in Berlin auf mich.“
Womit ich wieder bei meinem eigentlichen Problem gelandet war. Wie lange dauerte das denn noch, bis der Strom endlich wiederkam? Was trieben die im E-Werk nur?
„Du wärst mir Geschenk genug“, wisperte Carl plötzlich.
Erschrocken hustete ich, da ich mich am Rotwein verschluckt hatte.
Und dann geschah es. Mit diesem einfach so dahingesagten Satz hatte Carl mich. Ich konnte gar nicht anders. Zwischen uns knisterte es gewaltig. Die Luft schien statisch aufgeladen zu sein. Vorsichtig stellte ich mein Weinglas ab, danach wand ich Carl seines aus den Fingern und stellte es neben meines.
Vorsichtig, um Carl nicht zu erschrecken, beugte ich mich vor, nachdem ich mich hingekniet hatte und wartete einen Moment ab, um zu sehen wie Carl reagierte und was er tun würde. Und da er sich nicht zurückzog, sondern mir entgegenkam, überwand ich die letzten Zentimeter.
Sanft senkte ich meine Lippen auf seine. Ein leises Keuchen entrang sich Carls Kehle, dann erwiderte er meinen Kuss, der nach Wein, Preiselbeeren und Wildschwein schmeckte. Seine Finger fanden den Weg zu meinem Nacken und meine Hände legten sich an seine Seiten. Ich konnte die Wärme seiner Haut durch den Stoff des weißen Hemdes hindurch fühlen und was ich spürte, fühlte sich gut an.
Vorsichtig zog ich Carl näher. Ich wollte ihn in meinen Armen wissen, seinen Körper an dem meinen und löste leise seufzend den Kuss.
Irgendwie fühlte es sich richtig an, was ich tat und das, obwohl ich Carl gerade mal seit einer dreiviertel Stunde kannte. Irgendetwas verband uns, auf einer Ebene, die nicht greifbar schien.
Mit klopfendem Herzen schaute ich meiner Eroberung in die blauen Augen. Ich erkannte die leicht geröteten Wangen meines Gegenüber und registrierte zufrieden, dass das Geburtstagskind sich nicht von mir entfernte, sondern sich vertrauensvoll in meine Arme schmiegte.
Es war Carl, der meine Lippen wieder vereinnahmte und verdammt nochmal, ich wollte es auch. Alles in mir schrie nach dem gutaussehenden Mann, der eben ungeduldig mit den Fingern einen Weg unter mein Shirt suchte. Kurz darauf glitten seine Fingernägel angenehm über meine Haut und wieder breitete sich eine angenehme Gänsehaut auf meinem Rücken und meinem Nacken aus. Es gab kein Zurück mehr. Ich wollte Carl: hier, jetzt, sofort und auf dieser Stelle.
Ich genoss Carls Berührungen, die weder zögerlich, ängstlich oder unsicher ausgeführt wurden. Carl wusste ganz genau, was er wollte und er schien zu wissen, was er tat. So ganz unerfahren war er nicht, denn eben zog er mir das Shirt über den Kopf und senkte die Lippen auf meine rechte Schulter.
Beinah ungezügelt fiel er über mich her und ich ergab mich nur zu gern den Fingern und dem Mund, der nun meinen Oberkörper eroberte.
Immer wieder stöhnte ich heiser auf und zuckte, als warme Finger zu meinem Bauchnabel glitten und tiefer hinab. Etwas ungeschickt nestelte Carl an meinem Gürtel und dem Reißverschluss der Jeans, aber dann hatte er meine Hose geöffnet und schob sofort eine Hand, unter meinen Slip, auf mein bestes Stück, welches sich ihm zuckend entgegenreckte.
„Carl“, keuchte ich, fing seine vorwitzige Hand ein und drückte ihn rücklings auf das Fell, als er mich tatsächlich freigab.
Sofort beugte ich mich über ihn, damit ich die weichen Lippen wieder erobern konnte, diesmal hungrig, ohne vornehme Zurückhaltung. Der Kuss schmeckte nach Carl, unglaublich süß, aber auch herb, nach dem Rotwein. Was mich total kirre machte, war die Tatsache, dass mein adliger Gastgeber hervorragend küsste.
Hart gruben sich Finger in meinen Po, was mich nur noch mehr auf Touren brachte. Verlangend bewegte ich mich gegen Carl, ließ ihn meine Härte spüren und erschauerte, als Carl meinen Schoss noch enger gegen sich presste.
Wir waren beide so was von geil aufeinander, dass ich auch die letzten kleinen Bedenken über Bord warf. Mit fliegenden Händen schälte ich Carl aus seinem Hemd und senkte die Lippen auf seine Brust. Lange hielt ich mich jedoch nicht dort auf, sondern küsste mich tiefer hinab, über die unglaublich weiche Haut seines Bauches. Mit der Zunge stupste ich frech in seinen Bauchnabel, was ihm anscheinend nicht wirklich gefiel.
„Nicht“, keuchte er und schob die Finger in mein Haar, damit er mich noch tiefer dirigieren konnte.
Ich gab seinem Wunsch nach. Nur kurz sah ich auf, erkannte, wie er den Kopf nach hinten legte und mit der freien Hand Halt im Schaffell suchte.
Lächelnd, da mir gefiel, was ich sah, öffnete ich die Knöpfe seiner schwarzen Stoffhose und schob sie ihm über die Hüfte. Schluckend und leise aufstöhnend blickte ich auf Carls Schritt, als mir bewusst wurde, dass er keine Unterwäsche trug. Was sich meinen Augen bot, war alle mal eine Sünde wert. Hart, groß und zuckend reckte sich mir sein Glied entgegen und forderte regelrecht dazu auf, dass ich die Finger darum schlang. Bevor ich mich jedoch diesem Genuss hingab, strampelte ich meine restliche Bekleidung von den Beinen. Ich wollte nackt sein, wenn ich Carl eroberte. Ich wollte seine Haut spüren, seine Hände und somit selbst in den Genuss unserer Nähe kommen. Nachdem meine Hose und mein Slip irgendwo auf dem Boden lagen, fiel ich regelrecht über Carl her.
Es waren keine Worte zwischen uns nötig. Wir wussten, was wir wollten. Irgendetwas schien uns zu diktieren, welche Berührungen gerade die richtigen waren und so wunderte ich mich nicht weiter, als wir nur Minuten später, um die Wette keuchten und stöhnten.
Unaufhaltsam strichen Carls Hände über meine Haut, landeten immer wieder zwischen meinen Beinen und eroberten mich auf angenehme Art und Weise. Carl überforderte mich nicht. Er schien genau zu wissen, wann er mir eine Pause gönnen musste. Er spielte auf mir, wie auf einem gut gestimmten Klavier. Der dämlichste Vergleich, den ich je hörte, aber er passte, wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
Irgendwann hielt ich es dennoch kaum noch aus. Ich wollte endlich wissen, wie meine Eroberung schmeckte. Neugierig schloss ich die Lippen um Carls Erektion.
Carls Hüften zuckten nach oben. Sicherheitshalber legte ich eine Hand um sein Glied und fixierte Carl somit. Und während ich die Zunge über Carls Eichel gleiten ließ, wanderten meine Finger tiefer zwischen seine Beine.
„Fabian!“
Zum ersten Mal entfleuchte Carl mein Name, was bei mir für angenehme Schauer sorgte. Es klang nicht komisch und es fühlte sich nicht seltsam an. Nein, es wirkte alles ganz natürlich, beinah so, als wäre es nie anders gewesen.
Fasziniert beobachtete ich, wie Carl die Beine anzog und bereitwillig spreizte. In seiner vollen Pracht lag er vor mir und ich genoss die Aussicht, die sich mir nun bot. Schatten und Licht wechselten sich auf Carls Haut ab. Das Feuer des Kamins zeichnete Bilder auf den wunderschönen Körper, der heute Nacht der meine sein würde und gerade dieses Wissen, sorgte dafür, dass die alles verzehrende Glut in mir nur noch mehr geschürt wurde.
Ich angelte nach meiner Jacke, zog sie näher und kramte mein Portemonnaie hervor. Irgendwo in der Brieftasche befanden sich noch zwei Kondome und zwei Probepackungen eines neuen Gleitgels mit Honiggeschmack, übrig von der letzten Werbeaktion in meinem Stammclub.
Bevor ich jedoch über Carl herfiel, kroch ich auf ihm höher, küsste ihn und fragt zwischen den kleinen Küsschen: „Was willst du lieber? Willst du mich in dir spüren oder willst du...“
„Dich in mir“, unterbrach er mich leise.
Innerlich jubelte ich, denn genau das war es, was ich mir wünschte.
Mit einem knisternden Ratschen riss ich die erste Probepackung auf. Danach richtete ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf Carl, während ich ihn sanft auf unsere Vereinigung vorbereitete.
Carl genoss meine Finger, die ihn zärtlich dehnten und verwöhnten. Die Augen geschlossen, begab er sich vertrauensvoll in meine Hände. Es war faszinierend, wie er leise immer wieder stöhnte, wie er unter mir zuckte und wie er sich immer näher an meine Hand schob. Er wollte mehr, viel mehr und dies würde er von mir bekommen.
Neugierig beobachtete er kurz darauf, wie ich mein bestes Stück mit einem Gummi sicher verpackte. Danach fixierte ich mein Glied und schob mich langsam in den glühenden Leib unter mir.
Carl stöhnte und verkrallte sich mit beiden Händen in dem Fell, auf dem wir es gerade miteinander trieben.
Ein Keuchen entrang sich meiner Kehle, als ich, nach einigen sanften Stößen, vollständig in ihn eingedrungen war.
Teufel noch mal, fühlte Carl sich geil an, so gut, wie kein anderer Mann vorher.
„Der Wahnsinn“, kommentierte ich leise, während ich mich wieder vollständig aus dem willigen Leib zurückzog, ehe ich einen, für uns beide angenehmen und sehr reizvollen, Rhythmus etablierte.
Schwitzend und stöhnend bewegten wir uns gemeinsam, trieben uns gegenseitig an und als ich bemerkte, dass ich nicht mehr lange durchhalten würde, schlang ich eine Hand um Carls zuckende Männlichkeit.
Ich wurde nicht schneller, nein, ich veränderte nur die Tiefe und die Härte meiner Stöße und schickte Carl somit auf die Zielgerade seines Höhepunktes.
Fest zogen sich seine Muskeln immer wieder zusammen und diese Art der Stimulation sorgte bei mir für den nötigen Reiz, den ich benötig, um ihm zu folgen.
Fix und fertig brach ich neben Carl zusammen, schaffte es gerade noch, das benutzte Kondom zu entfernen, ehe ich schwer atmend und hustend liegen blieb.
Ich blickte zu Carl, der sich auf die Seite rollte und mich mit glänzenden Augen betrachtete.
„Danke“, wisperte er in die zunehmende Dunkelheit, da das Feuer im Kamin beinah runtergebrannt war.
„Ich hab zu danken“, antwortete ich und wollte Carl in die Arme schließen, aber er entzog sich mir und erhob sich.
Wollte er gehen und mich einfach so hier liegen lassen? So gern ich normalerweise nach einem heißen Sexabenteuer flüchtete, so ungern wollte ich Carl ziehen lassen. Ich stützte mich auf und beobachtete, was er tat.
Erst legte Carl Holz nach, dann goss er uns noch einmal Rotwein ein und reichte mir mein Glas. Durstig trank ich und legte mich entspannt zurück, als Carl mit einer Decke, die auf der Ottomane gelegen hatte, zu mir zurückkam. Er breitete die wollene Decke über mir aus, ehe er an meine Seite kroch, den Kopf an meine Schulter bettete und dem rechten Arm auf meinen Bauch schob.
Ich spürte noch Carls weiche Lippen, die sich zärtlich an meinem Hals entlang küssten, dann war ich auch schon eingeschlafen.

Leise stöhnend wälzte ich mich auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit. Wieso zum Teufel tat mir alles weh? Die Hüfte, die Schultern, der Nacken, von meinem Rücken mal ganz zu schweigen? Tief durchatmend setzte ich mich auf, warf einen Blick auf meine Uhr und zuckte mit den Schultern. Noch nicht mal sechs Uhr. Kein Wunder, dass ich mich wie erschlagen fühlte. Um diese Uhrzeit schlief ich normalerweise noch tief und fest.
Mit den Fingern fuhr ich mir durchs Haar und so nach und nach lüftete ich der Schleier, der wie ein dichter Nebel durch meinen Kopf wallte. War wohl doch ein Glas Wein zu viel gewesen. Wein, apropos Wein, ich hatte heute Nacht tatsächlich Wein getrunken und das nicht alleine. Blieb nur die Frage, wo befand sich mein gutaussehender Gastgeber eigentlich? Neben mir auf den Fellen lag er jedenfalls nicht mehr.
Heiß und kalt lief es mir den Rücken hinab, als ich daran dachte, was wir noch vor ein paar Stunden hier vor dem Kamin getrieben hatten. Dies war sicher einer der Gründe, wieso mir alle Knochen wehtaten. Es lag ganz sicher nicht nur daran, dass ich die Nacht auf dem Boden liegend verbracht hatte und nicht in einem Bett. Grinsend erinnerte ich mich an Carls gekonnte Zunge, die mich nach und nach beinah in den Wahnsinn getrieben hätte.
„Carl?“, rief ich, da ich mir gerade wünschte, ich würde mich an ihn schmiegen können.
Nichts. Keine Antwort. Kein Laut, kein gar nichts. Es blieb still. Vielleicht befand er sich auf dem Klo. Zumindest ging ich fest davon aus.
Verdammt, war das hier kalt. Fröstelnd zog ich die Schultern nach vorn und die Wolldecke höher. Kein Wunder, dass ich fror, dass Feuer im Kamin war niedergebrannt.
Im Dunkeln tastete ich nach meinen Klamotten, bis ich den Jeansstoff unter den Fingern spürte. In den Hosentaschen suchte ich nach meinem Feuerzeug, klappte es auf und und drehte mit dem Daumen an dem kleinen Rädchen, damit sich das Feuerzeugbenzin entzünden konnte.
Neben dem Kamin lagerten, in einem gusseisernen Ständer, jede Menge Holzscheite und Anfeuerholz. Es dauerte etwas, aber nach einer Weile und mehreren Versuchen, prasselte wieder ein warmes Feuer und noch immer war nichts von Carl zu sehen oder zu hören. Wo steckte er nur?
Die Decke um die Schultern gezogen, blieb ich vor dem Kamin hocken und wartete. Ich rief mir die Nacht in Erinnerung und sah Carl vor mir, wie er sich stöhnend unter mir wand und unsere Vereinigung mit allen Sinnen genoss. Gegen das Kribbeln in meinem Unterleib tat ich nichts. Ich genoss es und hoffte auf eine baldige Rückkehr meines Gastgebers.
Irgendwie hatte sich unser Tête-à-Tête seltsam angefühlt, aber ganz sicher nicht übel. Ganz ehrlich, so guten und befriedigenden Sex durfte ich schon lange nicht mehr genießen.
Wo blieb der Kerl denn nur? Beinah zwanzig Minuten waren unterdessen vergangen und noch immer lag das Haus, bis auf das Prasseln des Feuers im Kamin, in absoluter Stille.
„Carl!“, rief ich noch einmal, da ich mir immer mehr wünschte, er wäre hier bei mir. Ich wollte seinen nackten Körper an dem meinen fühlen.
So ganz langsam griff die Müdigkeit nach mir und bevor mir die Augen im Sitzen zufallen konnten, machte ich es mir wieder auf den weichen, warmen Fellen gemütlich. Ich zog die Decke zurecht, schob eine Hand unter mein Kinn und ruckelte mich zurecht. Irgendetwas knisterte unter meinem Ohr. So klang Papier. Neugierig griff ich nach dem Blatt und schaute im flackernden Licht des Feuers darauf.
oncontextmenu="return false;" onmousedown="return false;" onmousemove="return false;" oncopy="return false;" unselectable="on">Fabian<, las ich meinen Namen, fein säuberlich in altdeutscher Schrift geschrieben. Ich musste mich schon ganz schön anstrengen, damit ich die wenigen Zeilen entziffern konnte.
oncontextmenu="return false;" onmousedown="return false;" onmousemove="return false;" oncopy="return false;" unselectable="on">Ich danke Dir für die wundervolle Nacht. Liebend gern wäre ich an der Seite erwacht. Es ist mir nicht möglich. Ich musste gehen. Vergiss mich nicht! Carl.<
Was sollte denn der Scheiß? War das echt alles? Ein Danke und noch nicht mal ein: Mach's gut?
Verflogen war meine Müdigkeit. Irgendwie kam ich mir plötzlich benutzt vor, wie ein neues Spielzeug, ausgepackt, bespielt und danach in die nächste Ecke verfrachtet.
Wütend knüllte ich das Briefpapier zusammen, dabei entdeckte ich zehn weitere Worte: oncontextmenu="return false;" onmousedown="return false;" onmousemove="return false;" oncopy="return false;" unselectable="on">Während ich auf Dich warte, werde ich an Dich denken.<
Mit einem Schlag war meine Wut verraucht. Mit den paar Worten hatte Carl mir zu verstehen gegeben, dass er mich wiedersehen wollte. Wollte ich das eigentlich auch? Kurz lauschte ich in mich und ja, ja, ich wollte Carl wiedersehen und nicht nur das. Ich würde auf meinem Rückweg noch einmal vorbeikommen und wer weiß, vielleicht blieb ich ja doch zu seiner Geburtstagsparty.
Tja, und da nun kein Carl mehr zu mir unter die Decke krabbeln würde, konnte ich mich auch auf den Weg nach Berlin machen. In etwa einer Stunden würde es hell werden und bis dahin würde ich die ruhigen Straßen genießen.
„Na dann!“ Müde und tief in mir schon ein wenig enttäuscht, zog ich mich an, ehe ich die Decke auf die Ottomane zurücklegte. Carls Brief steckte ich, nun ordentlich gefaltet, in die Innentasche meine Jacke. Auf dem Schreibtisch suchte ich vergeblich nach einem Kugelschreiber, alles, was ich auf der glänzenden Tischplatte vorfand, war eine echte Schreibfeder, von der ich heute Nacht noch annahm, dass sie eine Nachbildung war und ein Tintenfass. Ah ja, neben einem Salzstreuer, der kein Salzstreuer war, da er feinsten Sand enthielt. Wieder einmal schüttelte ich den Kopf, als mir das Wort Museum durch den Kopf geisterte.
„Im ernst?“, kommentierte ich die Situation, dachte dann aber nicht weiter darüber nach, sondern griff nach der Feder und öffnete das Tintenfass. Wäre doch gelacht, wenn ich damit nicht ein paar Worte schreiben könnte?
Ich hatte keine Ahnung, wie tief ich den angespitzten Federkiel in die Tinte eintauchen musste und versuchte es einfach mal, mit dem Ergebnis, dass ich erst mal einen großen Fleck auf das Papier setzte, aber dann konnte ich in Ruhe schreiben, wobei ich mich in meiner besten Handschrift versuchte.
oncontextmenu="return false;" onmousedown="return false;" onmousemove="return false;" oncopy="return false;" unselectable="on">Carl! Vielen Dank für Deine Gastfreundschaft und die tolle Nacht. Meld Dich doch mal! Fabian<
Ich schrieb ihm meine Handynummer auf, damit ich seinen Anruf, falls er sich denn bei mir meldete, nicht verpasste. Mit einem gläsernen Zylinder beschwerte ich mein Schreiben, damit es nicht von dem Sekretär geweht werden konnte.
Ich tastete meine Taschen ab, ob ich auch alles am Mann trug: Schlüssel, Handy, Feuerzeug, Zigaretten und Brieftasche, alles da.
Dann mal los. Mein Blick glitt noch einmal zum Kamin, vor dem ich das Funkenschutzgitter aufgestellt hatte. Der Korb mit all den Köstlichkeiten und dem Wein war verschwunden. Carl schien, während ich schlief, alles weggeräumt zu haben.
Gerade als ich die Tür aufzog, piepte meine Armbanduhr: sechs Uhr.
Im Halbdunkel tastete ich die Wände, innen und außen, neben der Tür ab und suchte nach einem Lichtschalter, in der Hoffnung, dass die Stadtwerke ihren Fehler behoben hatten, fand aber nichts. Wie und wo schalteten die von Blankenburgs nur ihr Licht ein und aus? Ehrlich, ich wurde nicht schlau aus den von Blankenburgs. Egal.
Ich zuckte mit den Schultern, dann trat ich in den dunklen Eingangsbereich. Ich würde auch so die Haustür finden, im flackernden Lichtschein meines Feuerzeugs. Ohne Probleme konnte ich den linken Flügel der großen Doppeltür öffnen.
Kälte schlug mir entgegen. Ich zog die Kapuze hoch, entzündete mir eine Zigarette und blickte noch einmal in die große Empfangshalle, ehe ich die Tür schloss und zu meinem Golf ging, der unberührt immer noch an der Stelle stand, an der heute Nacht der Motor verreckte.
„Verdammt!“, knurrte ich, als mir einfiel, wieso ich die Nacht hier verbrachte. Mein alter Golf hatte den Geist aufgegeben. Ich benötigte dringend einen Abschleppdienst. Nur deswegen hatte ich heute Nacht bei den von Blankenburgs angeklopft.
Meine Beine trugen mich zurück zu dem Herrenhaus. Ich griff nach der eiskalten, eisernen Türklinge, drückte diese hinab und zog an der Tür. Nichts geschah. Falscher Türflügel? Ich versuchte es an der linken Seite, mit dem gleichen Ergebnis. Die Tür schien ins Schloss gefallen und eingerastet zu sein.
„Scheiße“, fluchte ich. Was sollte ich denn nun tun? Zu Fuß das nächste Dorf suchen? Von dem ich aber so gar nicht wusste, wo es sich befand. Was blieb mir anderes übrig? Gut, ich könnte mich in meinen Wagen setzen und warten, bis jemand von den von Blankenburgs nach Hause kam oder wenigstens ein Angestellter. Ich war mir ziemlich sicher, dass die von Blankenburgs Angestellte besaßen. Irgendjemand musste sich ja um das Anwesen kümmern. Entweder das oder aber stundenlang durch den Wald irren. Ich entschied mich für das kleinere Übel.
Tief inhalierte ich den letzten Zug meiner Kippe, ehe ich diese auf den gekiesten Weg warf und mit dem rechten Schuh austrat.
Ich öffnete meinen Golf und stieg ein. In Gedanken versunken folgte ich der Routine, schob den Schlüssel in das Zündschloss und drehte ihn. Der Motor sprang an.
Verdutzt saß ich er mal nur da und lauschte dem stetigen Brummen. Sicherheitshalber gab ich Gas. War heute Nacht nur die Batterie runter gewesen und hatte sich nun wieder ein wenig aufgeladen? Es schien so, obwohl ich es mir nicht vorstellen konnte.
Aus Macht der Gewohnheit schaltete ich das Radio ein und tatsächlich erklang Musik, irgend ein neuer Song aus den Charts.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Berlin, ich komme. Noch einmal schaute ich die Fassade des Anwesens an. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Ich würde wiederkommen.
Langsam gab ich Gas und folgte dem Weg, den ich gekommen war, vorbei an den ordentlich geschnittenen Bäumchen. Noch immer stand das Tor offen. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich meiner, fast so, als wollte mir jemand mitteilen, dass etwas Unvorstellbares geschehen war. Ein Schauer erfasste mich, der mich innerlich Schreien ließ. Als ich jedoch den gekiesten Weg verließ und auf Asphalt fuhr, verzog ich das Kribbeln in mir und alles fühlte sich wieder ganz normal an, beinah so, als hätte es die vergangenen Nacht nie gegeben. Sie schien nur noch ein Echo in mir zu sein, wie ein Traum, den ich ich träumte und der nun verblasste.
Ich versuchte die Erinnerung an Carl festzuhalten. Je weiter ich mich allerdings von dem Anwesen der von Blankenburgs entfernte, um so unfassbarer wurde mein Sex mit ihm und dann, keine fünf Minuten später, lag der Wald hinter mir und links und rechts der Straße erstreckten sich kahle Felder. Irritiert sah ich von links nach rechts, wieder zurück und auf die Straße. Wieso war ich heute Nacht beinah eine Stunde fahrend durch den Wald geirrt? Wenn mein Smartphone wieder einen Piep von sich geben sollte, würde ich mal nachschauen, wie groß dieses Waldgebiet eigentlich war.
Still, dunkel und einsam lag die schmale Landstraße vor mir. Ein Ort schälte sich aus der Dämmerung und ein hell erleuchtetes Tankstellenschild. Die Zivilisation hatte mich wieder.
Ich bog ab, parkte auf dem kleinen Platz neben dem Tankstellenhäuschen und stieg aus. Erst mal aufs Klo, auch um die Zähne zu putzen und danach einen starken Kaffee. Ich glaube den hatte ich dringend nötig. Und während ich in meinem Rucksack nach der Waschtasche kramte, bemerkte ich, dass ich, seit ich gestern im Wald pinkeln war, nicht aufs Klo hatte gehen müssen. Komisch, dabei hatte ich doch drei oder vier Gläser Wein getrunken. Und wieso hatte ich vorhin nicht das Bad im Herrenhaus aufgesucht, um mich zu erfrischen? Ich wusste es nicht, konnte es mir auch nicht zusammenreimen. Die Schultern zuckend betrat ich die Tankstelle. Ich nickte der älteren Verkäuferin hinter der Theke zu, wünschte einen schönen guten Morgen und ließ mir den Schlüssel für das Klo geben, welches ich, ein paar Minuten später, erfrischt, erleichtert und nicht mehr ganz so müde, wieder verließ.
Bei der Tankstellenangestellten, die ich um die sechzig schätzte, bestellte ich einen Kaffee, den sie mir mit einem Lächeln reichte. Die Tasse in der Hand trat ich zu dem einzigen Bistrotisch in der Tankstelle. Unterdessen saß ein grauhaariger Herr dort, der mich neugierig musterte und nickte, als ich ihn fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfte.
„Lange Nacht?“, lachte der Mann und zwinkerte mir zu.
„Kann man so sagen“, lachte ich zurück und nippte vorsichtig an dem heißen Kaffee.
„Wie heißt die Dame?“ Nickend nahm der Grauhaarige, der Verkäuferin ein frisches Croissant ab. „Dank dir, Helga!“
„Keine Dame, ein edler junger Herr“, erklärte ich und bat Helga, mir doch auch ein Croissant zu bringen.
„Ach so.“ Ein ehrliches, freundliches Lächeln erhellte das Gesicht des Mannes, den ich um die achtzig Jahre schätzte. Unzählige Falten hatten sich im Laufe seines Lebens in sein gutmütiges Gesicht gegraben. „Es gibt tatsächlich noch edle Herren?“
„Hmm.“ Ich pustete in meine Tasse, da der Kaffee, für meinen Geschmack, immer noch ein wenig zu heiß war. Glückshormone wallten durch meinen Körper, sorgten für ein angenehmes Kribbeln und da ich beinah zu platzen schien, beschloss ich, mich dem Mann anzuvertrauen. Irgendjemanden musste ich von der seltsamen Nacht erzählen. Und mal ehrlich, mir war es egal, was der Mann dachte. Ich würde ihn nie wiedersehen.
Er war ein guter Zuhörer, unterbrach mich nicht, während ich redete. Ab und zu nickte er oder machte: „Hmm.“
„Carl Friedrich Wilhelm von Blankenburg, sagten sie?“, erkundigte er sich mit gekrauster Stirn, nachdem ich alles erzählt hatte.
Ich nickte und trank von meinem unterdessen erkalteten Kaffee.
„Ich glaube, da hat sie jemand auf den Arm genommen.“ Mein Gegenüber schüttelte den Kopf.
„Wieso?“ Und wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl.
„Der einzige Carl Friedrich Wilhelm von Blankenburg der hier lebte, ist seit zweihundert Jahren tot.“
„Was?“ Ich verschluckte mich an meinem letzten Schluck Kaffee und hustete.
„Die von Blankenburgs verließen vor zweihundert Jahren die Gegend.“
„Vielleicht war es ja ein Urururenkel“, versuchte ich mich selbst zu beruhigen.
„Das Geschlecht derer von Blankenburgs starb mit Carl Friedrich Wilhelms Tod aus.“ Nachdenklich strich der Mann sich durch sein graues, aber noch volles Haar. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie bei den Hellbergs gelandet sind. Sie besitzen ein altes Gehöft auf der anderen Seite des Waldes und ihr Sohn Daniel ist für diese Art von Scherzen bekannt.“
„Aber?“ Ich schluckte und fühlte mich plötzlich ganz eigenartig, ausgenutzt und missbraucht. In mir jagten sich die Gedanken und sorgten für ein totales Chaos.
Der Mann erhob sich und bezahlte bei Helga nicht nur sein Frühstück, sondern auch meines. „Falls sie etwas über die von Blankenburgs erfahren wollen, dann besuchen sie mal unser Heimatmuseum.“
Er reichte mir seine runzlige, aber warme Hand. „Da fällt mir ein, Carls Friedrich Wilhelms Todestag war heute, vor genau zweihundert Jahren.“ Er nickte mir noch einmal zu, dann verließ er die Tankstelle und ich saß total verwirrt am Bistrotisch.
„Das war Klaus Trommer, unser ehemaliger Bürgermeister“, erklärte mir Helga und reichte mir noch einen Kaffee, obwohl ich nicht darum gebeten hatte. „Seine Tochter leitet unser Heimatmuseum und wenn sich jemand mit der Geschichte von den Blankenburgs auskennt, dann er.“
„Kennen sie Daniel Hellberg?“, fragte ich Helga.
„Ja, ein Rüpel, wie er im Buche steht.“ Sie lachte. „Ich wusste allerdings nicht, dass er schwul ist. Wenn er hier mal tanken kommt, dann hat er meistens ein anderes Mädchen an seiner Seite.“
Sollte ich tatsächlich diesem Daniel auf den Leim gegangen sein? Ich würde es herausfinden. Ich musste es herausfinden. Ich würde jetzt Felix in Berlin holen, mit ihm noch mal zu dem Haus fahren und dann würde mir dieser Daniel Rede und Antwort stehen müssen.

Mittag lag hinter uns und somit die Wunschvöllerei meines Bruders, indem ich mit ihm in einem der berühmten Burgerläden einkehrte. Nun saß Felix neben mir auf dem Beifahrersitz und betrachtete mich nachdenklich.
„Da hat dich jemand so richtig geil verarscht“, lachte er leise und strich sich dabei mit den Fingern durch das halblange blonde Haar. Sein Gesicht wirkte immer ein wenig weich, vielleicht auch etwas feminin, was aber der Tatsache geschuldet war, dass er eher nach unserer Mutter kam und nicht wie ich, nach unserem Vater. Ich gehörte eindeutig der Linie der Jacobs an und Felix den Hellriegels.
Erst wollte ich zustimmend nickend, doch dann schüttelte ich den Kopf und stellte fest: „Mir kam es nicht so vor, als würde Carl, Daniel oder wer auch immer nur eine Rolle spielen.“
„Glaub es mir, Fabi, oder auch nicht, du wurdest nach Strich und Faden verarscht“, grinste mein Bruder und trieb mich damit beinah auf die Palme, denn wenn ich ehrlich mir gegenüber war, dann hatte ich auf ein wenig Mitleid gehofft und nicht mit Spot und Häme gerechnet.
„Mal im Ernst, ich habe immer damit gerechnet, dass mal jemand...“
„Halt die Klappe!“, knurrte ich, da ich ahnte, auf was Felix hinaus wollte. „Sonst gehst du zu Fuß nach Hause.“
Felix schluckte zwar, aber wie immer musste er das letzte Wort behalten. „Endlich mal ein One Night Stand, der es wie du macht: rein in die Kiste, raus aus der Kiste und auf Nimmerwiedersehen.“
„So schlimm bin ich doch gar nicht“, verteidigte ich mich.
„Wie vielen Männern hast du das Herz gebrochen, weil sie glaubten, dass aus eurem One Night Stand mehr werden könnte?“
Zu dumm, dass ich mich auf die Straße konzentrieren musste, am liebsten hätte ich mich nämlich in Felix Richtung gedreht und ihm ordentlich meine Meinung gegeigt, so sagte ich nur: „Mein Sexleben geht dich einen Scheißdreck an.“
„Wieso erzählst du mir dann immer davon?“, lachte Felix, der sich anscheinend köstlich amüsierte. „Halt doch einfach die Klappe und häng es mir gegenüber nicht immer an die große Glocke, wenn ein Kerl es dir mal so richtig besorgt hat.“
Meine Finger krallten sich um das Lenkrad. Ganz ruhig, rief ich mich zurecht.
„Ist doch wahr, seit du Toni mit einem anderen beim Ficken erwischt hast, poppst du alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.“
Wieso zum Teufel fing mein Bruder gerade jetzt mit meinem Ex an? Ich merkte, wie mich die aufwallenden Wut, den Fuß fester auf das Gaspedal treten ließ. Zum Glück bemerkte ich es und drosselte die Geschwindigkeit wieder etwas.
„Manchmal habe ich das Gefühl, du willst Toni nur beweisen, was für ein geiler Typ du bist und was er aufgegeben hat, aber glaub mir, wenn ich dir sage, dass es ihm scheißegal ist, mit wem du in die Kiste hüpfst.“
Fest biss ich mir auf die Unterlippe. Wieso tat es mir noch immer so weh, wenn ich an Toni dachte? Weil man sieben gemeinsame Jahre nicht einfach so vergessen konnte und es gerade mal ein halbes Jahr her war, dass ich Toni der Wohnung verwies.
„Vergiss den Trottel endlich. Er hat sowieso nicht zu dir gepasst...“
„Er war...“
„... deine erste große Liebe, ich weiß“, vollendete Felix meinen Zwischeneinwurf. „Und für mich war er immer wie ein zweiter großer Bruder. Ich habe Toni auch gern gehabt, aber, wer meinen Bruder monatelang hintergeht, ist meiner Gefühle nicht wert.“
„Können wir bitte das Thema wechseln“, bat ich leise. Wie waren wir denn von Carl zu Toni gekommen? Der eine hatte doch mit dem anderen nichts zu tun.
„Gern. Wie weit ist es denn noch?“ Damit war das leidige Thema Toni, seine Untreue und seine neue Liebe, ad acta gelegt. Felix kramte seine E-Zigarette hervor und dampfte, was das Zeug hielt.
Eigentlich hatte ich auch von Tabak vollständig auf Liquid umsteigen wollen, aber nach dem Toni mich betrog, forderten so manche Situationen den Griff zum herkömmlichen Glimmstängel.
„Nicht mehr weit“, murmelte ich und gab ein wenig Gas.
Keine zwanzig Minuten später, erreichten wir die Tankstelle.
„Ich muss tanken“, erklärte ich und bog nach rechts ab. Erst jetzt bemerkte ich den silberfarbenen BMW hinter uns. Wie ich, hielt der BMW an einer der Zapfsäulen.
Ein junger Mann stieg aus. Und wie es manchmal so ist, entscheiden die ersten Sekunden über Sympathie und Antipathie. Bei dem Typen überwiegte definitiv die Antipathie. Das dunkelblonde Haar, hatte er mit viel Gel zurück gekämmt, die grünen Augen standen eng zusammen und blitzten mich herausfordernd an. Ich ignorierte den Typen und tankte lieber in Ruhe, dennoch entging mir nicht, wie der Fremde die Nase rümpfte, als er einen Blick auf meinen alten, treuen VW warf.
Schnösel, schoss es mir durch den Kopf. Auf diese Art Mann stand ich so gar nicht, eingebildete Arschlöscher, die dachten, dass sie der Nabel der Welt sind, dabei war es meistens mehr Schein als Sein und der teure Wagen noch nicht mal abbezahlt und auf Kredit gekauft.
„Schicke Kiste“, lachte der Typ hämisch, als er an mir vorbei ging.
Ich kümmerte mich nicht darum. Ich würde den Kerl nie wieder sehen und die Meinung von anderen, die mir nichts bedeuteten, war mir schnurzegal.
Als ich kurz darauf den kleinen Laden betrat, lag noch immer dieses hochnäsige Grinsen auf seinem Gesicht. Er checkte mich von oben bis unten ab und schüttelte den Kopf. Klar, in Jeans und Funktionsjacke stank ich gegen seinen schicken Designeranzug ab.
Hinter der Kasse stand eine bildhübsche, junge Frau. Das rotblonde Haar fiel in weichen Wellen ihren Rücken hinab. Sie war dezent geschminkt und wirkte dadurch sehr natürlich. Von der netten Dame heute früh sah ich nichts. Ich zahlte per EC-Karte, wünschte einen schönen Tag und wollte gerade den Laden verlassen, als die Tankstellenangestellte sagte: „Was willst du, Daniel?“
„Dich“, lachte der Typ und trat um Tresen.
Kopfschüttelnd drehte ich mich noch einmal um. „Blödmann“, murmelte ich und verstand plötzlich. Dies musste Daniel Hellberg sein. Erleichtert atmete ich auf. Der Schnösel konnte mir echt gestohlen bleiben und zu meinem Glück, war er auch nicht der süße Typ von heute Nacht.
Ich machte das ich fortkam. Eilig stieg ich in meinen Wagen und gab Gas.
„Was los?“
„Ich will zu Carl“, strahlte ich.
„Carl oder Daniel?“
„Carl, denn der Typ aus dem BMW war wohl Daniel Hellberg und mit dem hab ich heute Nacht ganz bestimmt nicht geschlafen.“
Innerlich total aufgeregt verließ ich den kleinen Ort und fuhr direkt Richtung Wald, als hinter uns jemand Lichthupe gab.
Der Schnösel von der Tankstelle, wer sonst? Hupend raste er wie ein Blöder an uns vorbei und gab, nachdem er wieder auf die rechte Spur gezogen war, noch mehr Gas.
„Arschloch“, murmelte ich und fuhr langsamer, damit ich die Einfahrt zu dem Anwesen der von Blankenburgs nicht verpasste.
„Auf der linken Seite muss es eine gekieste Einfahrt geben, mit einem großen Tor davor“, erklärte ich Felix, der sich daraufhin ein wenig vorbeugte, damit er am mir vorbeischauen konnte.
„Bin echt auf deinen Carl gespannt.“
„Nicht nur du.“ War das tatsächlich ein aufgeregtes Kribbeln in meinem Magen? Woher kamen denn plötzlich all die vielen Schmetterlinge? Verdammt, ich war doch tatsächlich aufgeregt und die Unruhe in mir, nahm nur noch mehr zu, da ich die verdammte Einfahrt nicht entdeckte. Irgendwo hier musste sich doch das gusseiserne Tor befinden. Nichts, rein gar nichts. Ich entdeckte nur einen Forstweg, mit dem Hinweis darauf, dass dieser für den öffentlichen Verkehr gesperrt war. Eigentlich war der Hinweis gar nicht nötig, da eine Schranke die Einfahrt versperrte. Und plötzlich lag der Wald hinter uns.
„Das gibt es doch gar nicht.“ Hart trat ich auf die Bremse und parkte am rechten Straßenrand, genau an der Stelle, an der die Straße sich gabelte.
„Was los?“, fragte Felix und lehnte sich wieder zurück.
„Hast du ein Tor gesehen?“
„Nö“, antwortete mein Bruder.
„Aber...“ Ich verstummte. Innerlich schüttelte ich den Kopf, da ich mir zu einhundert Prozent sicher war, dass ich mich im richtigen Wald befand und eigentlich auch auf der richtigen Straße.
„Fahr zurück“, lachte Felix, der sich offensichtlich köstlich über mich amüsierte.
„Okay.“ Ich wendete und fühlte mich plötzlich wieder wie gestern Abend, nur das ich da, den Weg aus dem Wald gesucht hatte und nicht den Weg hinein.
Beide hielten wir die Augen offen, als ich die Straße entlang schlich, aber ich entdeckte weder den wundervollen gusseisernen Zaun, noch das Tor.
„Vielleicht gibt es noch eine Straße“, versuchte Felix mich aufzumuntern. „Als wir umgedreht haben, teilte sich die Straße doch und die andere schien am Waldrand entlangzuführen.“
„Einen Versuch ist es wert.“ Und wieder wendete ich, ganz in der Hoffnung, doch noch bei Carl zu landen.
Am Waldrand angekommen folgte ich nicht der Straße die geradeaus führte, sondern bog links ab. Eine Weile fuhren wir, links von uns der Wald und rechts ein abgeerntetes Feld. In der Ferne, hinter dem Feld entdeckten wir einen ausgebauten Drei-Seiten-Hof, dessen großes Tor sperrangelweit offen stand.
„Ist es das?“
„Nein“, seufzte ich. „Auf dem Hof steht der BMW.“
„Vom Arschloch“, feixte Felix. „Die Straße scheint an dem Hof zu enden.“
„Und es gab keine Straße, die in den Wald führte.“ So langsam zweifelte ich an meiner Wahrnehmung. Tief atmete ich durch, um mich zu beruhigen. Es funktionierte nicht. Ich schlug dennoch mit den flachen Händen auf das Lenkrad. „Weißt du was, ich fahr jetzt mal zu dem Heimatkundemuseum und erkundige mich dort.“
„Wenn du denkst.“ Beinah schon mitleidig betrachtete Felix mich. „Dich muss es es ja echt erwischt haben, bei dem Theater, das du um Carl machst.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich will mich nur bei ihm bedanken“, versuchte ich mich herauszureden.
„Ja, ja, wer es glaubt?“
Ich warf Felix einen bösen, genervten Blick zu, dann wendete ich schon wieder und fuhr zurück durch den Wald, nur um festzustellen, dass von dem Tor tatsächlich nichts zu entdecken war.
Das Museum dagegen hatte ich schnell gefunden, da es sich direkt in einem der Häuser an dem kleinen Marktplatz befand. Es gab sogar zwei Parkplätze davor. Ich stieg aus, ließ den Blick über den Platz schweifen und lächelte, da ich eine alte, riesige Trauerweide entdeckte, in deren Schatten gemütliche Bänke zum Verweilen einluden.
„Was denkst du hier herausfinden zu können?“ Felix schlug die Beifahrertür zu und trat zu mir.
„Weiß nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich lass mich mal überraschen, was ich hier über Carls Familie in Erfahrung bringen kann.“
„Na dann, auf geht's.“ Felix ging vor und zog die Eingangstür auf.
Eine junge Frau strahlte uns an. Sicherlich war sie froh darüber, dass Besucher kamen, denn sie saß hinter der kleinen Theke und erhob sich, nachdem sie ihr Buch, in dem sie offensichtlich gelesen hatte, um sich die Zeit zu vertreiben.
Ich zahlte die drei Euro Eintritt für uns beide und schüttelte den Kopf, als die Frau sich erkundigte, ob wir eines der Faltblätter mit den entsprechenden Erklärungen zu den Ausstellungsstücken mitnehmen wollten.
Aufgeregt schlug mir das Herz bis zum Hals, als ich den ersten Raum betrat, der sich mit der Entstehungsgeschichte des Ortes befasste. Das alles interessierte mich jedoch nicht, genauso wenig, wie die Schaubilder über die Landwirtschaft und die Geschichte über die hier ansässige Stofffabrik.
Eilig lief ich weiter und dann blieb ich, wie vor eine Wand gelaufen, stehen. Der große Raum, der vor mir lag, widmete sich den von Blankenburgs. Mühsam schluckte ich, als mein Blick auf die Ottomane fiel und die Sessel die daneben standen - perfekte Nachbildungen. Ich entdeckte sogar den kleinen Spieltisch, allerdings ohne die zierlich geschnitzten Schachfiguren.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus, dazu rann mir eine Gänsehaut über den Rücken. Waren dies tatsächlich nur Nachbildungen? Die Möbel sahen schließlich alt und benutzt aus. Wie magisch angezogen, wandte ich den Kopf und schluckte mühsam. Rechts von mir an der Wand hing der wunderschöne Wandteppich mit der Jagdszene. Was zum Teufel war hier los?
„Felix“, wisperte ich, als eine eiskalte Hand mein Herz zu umklammern schien. „Irgendwas stimmt hier nicht.“
„Was...?“
Felix Frage drang nicht mehr bis in meinen Kopf vor, da ich genau in diesem Moment meinem Carl ins Gesicht schaute. Neben mir an der Wand hing ein Gemälde von ihm. Das war er, eindeutig, das blonde, wellige, etwas wirre Haar, die blauen Augen, das noch leicht kindliche Aussehen und der melancholische Blick.
„Das ist er.“ Ich konnte kaum noch an mich halten. Ich stolperte, als ich mich dem Bild nähern wollte und schlug nur nicht der Länge nach hin, weil Felix geistesgegenwärtig nach meinem Oberarm griff und mich somit abfing.
„Carl Friedrich Wilhelm von Blankenburg“, las Felix die angebrachte Erläuterung. „Geboren am 04. November 1798, gestorben am 04. November 1817.“
„Das ist Carl“, keuchte ich und spürte, wie mir schlecht wurde. Bewusst atmete ich ein und aus. Das war doch Carl, da stimmte jedes noch so kleine Detail in dem vertrauten Gesicht.
„Also, Geburtstag hat er wirklich heute“, kicherte Felix und schlug mir auf die Schulter.
„Das ist nicht lustig“, knurrte ich scharf und verwirrter, denn je zuvor. Ich verstand die Welt nicht mehr. Das konnte doch alles gar nicht wahr sein.
„Du hast die Nacht sicherlich mit seinem Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel verbracht.“ Den Kopf leicht schief gelegt betrachtete Felix das Gemälde. „Sieht gar nicht so übel aus, also soweit ich das beurteilen kann.“
„Ich versteh das nicht.“ Ich wirbelte herum und deutete auf den Wandteppich. „Der hing heute Nacht in dem Zimmer und die Möbel standen auch dort. Auf einem der Sessel hab ich gesessen.“ Mit den Fingern raufte ich mir die Haare. „Was soll der Scheiß?“
Ich traute meinen eigenen Erinnerungen nicht mehr, versuchte eine Erklärung zu finden und schloss die Augen, damit ich die Nacht noch einmal in aller Ruhe Revue passieren lassen konnte.
„Sind bestimmt nur Nachbildungen, die hier stehen“, vernahm ich Felix Stimme, der sich offensichtlich durch den Raum bewegte.
Verdammt noch mal, ich hatte doch heute Nacht Sex mit einem total süßen Typen oder nicht? War ich vielleicht nur in meinem Wagen eingepennt und hatte das alles nur geträumt? Wieso aber sah der Typ auf dem Gemälde dann so aus, wie der sympathische Mann aus meinem Traum?
„Fabi!“
Felix Aufschrei riss mich aus meiner Grübelei.
„Komm her!“
Mit schnellen Schritten eilte ich zu meinem Bruder, war gespannt darauf, was er entdeckt hatte.
„Sieh dir das an!“ Wild gestikulierend deutete er auf ein Bild.
Neben Felix blieb ich stehen und schaute nach vorn. Hing hier ein Spiegel an der Wand? Das Gesicht, auf das ich schaute, war das meine.

 Eindeutig, dies war ein Porträt von mir - ich, detailgetreu in Öl. Da muss ein Meister seines Faches den Pinsel geschwungen haben.
 „Anton Jacob.“
 Vertieft in den Anblick meines Konterfeis, nahm ich nur am Rande wahr, dass Felix einen Namen murmelte.
 „Da steht Anton Jacob.“ Etwas unsanft stieß mein Bruder mir seinen Ellenbogen in die Seite. „Hast du gehört, Fabi? Dein Zwilling hört auf den Namen Anton Jacob.“
 „Hmm.“ Es fühlte sich so an. Als wäre ich unsanft aus einem Traum gerissen worden. Mehrmals blinzelte ich, dann erst schaute ich Felix an.
 „Da steht Anton Jacob“, wiederholte er, woraufhin ich knurrte: „Ich habe es verstanden.“
 Mit zitternden Knien wankte ich zu einem der Sessel und setzte mich. Unstet irrte mein Blick zwischen den beiden Gemälden, zwischen Carl und Anton, hin und her. Zu viel, viel zu viel stürzte auf mich ein. Wirrwarr, totales Chaos in meinem Kopf und da ich meiner Sinne anscheinend nicht mehr Herr war, kicherteich erst nur leise, dann brach ich in schallendes Gelächter aus. Dies alles konnte doch nur eine Erklärung haben, irgendwo gab es eine versteckte Kamera.
 „Okay, Freunde“, sprach ich in den Raum. „Ihr habt euch genug auf meine Kosten amüsiert. Ihr könnt raus kommen!“
 Nichts geschah. Es begrüßte mich kein Moderator und hieß mich in seiner Show willkommen. Für einen Moment hatte ich tatsächlich gedacht, dass das Gemälde von mir in Wirklichkeit ein Bildschirm war und irgendjemand ein Foto von mir mit einem Bildbearbeitungsprogramm soweit bearbeitet hatte, dass es wie ein Gemälde aus lang vergangener Zeit wirkte.
 „Wer soll raus kommen?“ Irgendwie wirkte mein Bruder verloren, wie er da noch immer vor dem Bild stand.
 „Die Typen von der versteckten Kamera“, knurrte ich. „Der Spaß ist langsam nicht mehr lustig.“
 „Ich glaube nicht, dass hier ein Kamerateam anwesend ist.“ Neugierig betrachtete Felix die anderen Gemälde, die in diesem Raum an den Wänden hingen.
 „Das verstehe, wer will. Ich tu es nicht.“ Irritiert lehnte ich mich zurück und schloss die Augen, da ich hoffte, wenn ich die Augen wieder öffnete, dass das Gemälde von mir verschwunden und ein anderer Mann darauf abgebildet sein würde.
 „Du hast vorhin von einem Klaus Trommer gesprochen“, erinnerte Felix mich. „Vielleicht kann er dir ein paar Antworten geben.“
 „Denkst du?“ Mit den flachen Händen strich ich mir übers Gesicht.
 „Was hast du schon zu verlieren?“ Felix streckte mir seine Hand entgegen. „Gib mir mal dein Handy! Vielleicht finde ich ja was heraus.“
 Bevor ich der Bitte meines Bruders jedoch Folge leisten konnte, erschien die Museumsangestellte. Anscheinend wollte sie mal nach dem Rechten sehen.
 „Das ist kein Platz zum Ausruhen“, schimpfte sie. „Haben sie eine Ahnung, wie alt die Sessel sind? Wenn sich da jeder drauf setzen würde...“
 „Tut mir leid“, unterbrach ich sie und stand auf. Lief ich gerade tatsächlich gerade rot an oder wallte in mir nur Hitze auf?
 „Kennen sie sich mit den von Blankenburgs aus?“, übernahm mein Bruder das Ruder.
 „Ein wenig“, antwortete sie und nickte zufrieden in meine Richtung.
 „Wer ist Anton Jacob?“ Mit dem Daumen deutete Felix auf das entsprechende Gemälde.
 Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, betrachtete die Frau das Bild nachdenklich, ehe sie antwortete: „Er war der Kammerdiener von dem jungen Blankenburg.“
 Plötzlich entgleisten ihr regelrecht die Gesichtszüge. Ihr Blick fiel auf mich, dann wieder auf das Gemälde. Hin und her schaute sie, ehe sie heiser feststellte: „Sie sehen ja aus wie er.“
 „Und sie haben den selben Nachnamen.“
 Zum Glück behielt Felix weiterhin das Zepter in der Hand, wofür ich ihm dankbar war.
 „Sie sind Nachfahren von Anton Jacob?“ Plötzlich kam Leben in sie. „Das muss Herr Trommer erfahren. Ich rufe ihn sofort an.“
 Mit diesen Worten rauschte sie aus dem Raum und ich ließ mich wieder auf den Sessel fallen.
 „Ist es möglich“, wollte ich von Felix wissen. „Ist Anton unser Ururur..., ach was weiß ich, Urgroßvater?“
 Alles was Felix tat, war mit den Schultern zu zucken und sich auf den anderen Sessel setzen. Wir schwiegen, aber dann murmelte er: „Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Die Möglichkeit ist durchaus gegeben.“
 Still starrte ich auf den Boden, bis die Angestellte wieder auftauchte. „Kann ich ihnen einen Kaffee anbieten?“
 Sie verwies uns nicht der Sessel. Anscheinend fühlte sie sich ähnlich durch den Wind, wie wir.
 „Herr Trommer hat sich direkt auf den Weg gemacht und bittet sie zu warten.“
 Während ich, noch immer total verwirrt, den Kopf schüttelte, nickte Felix zustimmend. Dann warteten wir gemeinsam auf den ehemaligen Bürgermeister, der keine zehn Minuten später, leicht außer Atem, das Museum betrat. Als er mich erkannte, stutzte er, ehe seine gutmütigen Augen mich anstrahlten.
 „Na, das nenne ich eine Überraschung.“ Er reichte mir seine Hand und stellte sich vor: „Klaus Trommer.“
 „Fabian Jacob“, antwortete ich und nickte zu meinem Bruder. „Felix Jacob, mein Bruder.“
 „Jetzt weiß ich endlich, wieso ich heute morgen das Gefühl hatte, sie irgendwoher zu kennen. Kein Wunder, die Ähnlichkeit ist frappierend.“ Und nun war es sein Blick, der zwischen Gemälde und mir hin und her huschte. „Darf ich fragen, woher sie kommen?“
 „Hannover“, antwortete ich.
 „Danke, damit haben sie das letzte Rätsel gelöst.“ Ein zufriedener Ausdruck machte sich auf Klaus Trommers Gesicht breit.
 „Welches Rätsel?“, hakte ich nach.
 „Wohin es Anton Jacob verschlagen hat, nachdem Carl Friedrich Wilhelm zu Tode stürzte.“
 „Zu Tode stürzte?“, echote ich.
 Sicher war es auch Klaus Trommer nicht erlaubt, sich auf die Ottomane zu setzen, aber darauf nahm er keine Rücksicht.
 Danach lauschte ich seiner Erzählung.
 Die von Blankenburgs ließen sich hier einen Landsitz erbauen, in den sie aber einzogen, nachdem ihr einziger Sohn Carl Friedrich Wilhelm geboren wurde. Zu Carl Friedrich Wilhelms zehnten Geburtstag stellten die von Blankenburgs den damals fünfzehnjährigen Anton Jacob, als dessen Kammerdiener ein. Die beiden Jungs freundeten sich an und schon bald sollte Anton zu Carl Friedrich Wilhelms Muse avancieren. Die Leidenschaft des jungen Herrn galt der Malerei und so entstanden nicht nur wundervolle Stillleben, sondern auch unzählige Gemälde von Anton Jacob.
 Viel mehr war nicht bekannt, außer, dass am 4. November 1817 Carl Friedrich Wilhelm von Blankenburg zu Tode stürzte. Kurz darauf verschwand Anton Jacob. Gerüchte machten die Runde. Zu einem sagte man dem Sohn des Hauses und seinem Kammerdiener eine Affäre nach. Zum anderen sollte Anton an dem Tod des neunzehnjährigen Carl Friedrich Wilhelm Schuld sein. Die Eltern Elisabeth und Friedrich Wilhelm zogen sich zurück. Erst auf dem Sterbebett gestand Friedrich Wilhelm von Blankenburg, dass er den Tod seines einzigen Sohnes zu verantworten hatte. In einem handgreiflichen Streit, den Friedrich Wilhelm provozierte, verlor sein Sohn das Gleichgewicht und stürzte über die Brüstung in die Empfangshalle. Carl Friedrich Wilhelm war auf der Stelle Tod. Er hatte sich das Genick gebrochen. Anlass für die Auseinandersetzung war wohl die Tatsache, dass der Vater seinen Sohn mit dem Kammerdiener in flagranti erwischte.
 Schweigend hatte ich Herrn Trommers Schilderungen zugehört. Was für eine Familientragödie.
 „Und, wo warst du nun heute Nacht?“, wollte Felix endlich wissen.
 Verdammt noch mal, ich wusste es doch nicht, daher zuckte ich mit den Schultern und wand mich an Herrn Trommer: „Gibt es Bilder von dem Herrenhaus?“
 „Ja, natürlich.“ Der ehemalige Bürgermeister nickte mir zu. „Die Geschichte des Hauses wird im nächsten Raum behandelt.“
 Unisono erhoben wir uns und strebten dem nächsten Zimmer entgegen, welches von einem riesigen Gemälde dominiert wurde.
 „Das ist es“, keuchte ich, als ich vor dem wunderschönen Ölgemälde verharrte. Ganz unten in der rechten Ecke, direkt neben dem Wintergarten, entdeckte ich die Initialen CFWvB. Carl, huschte es durch meinen Kopf und parallel stob eine Schar Schmetterlinge durch meinen Bauch.
 „Was geschah nach dem Tod der von Blankenburgs mit dem Haus?“ Und wieder schien Felix zu bemerken, dass ich gerade nicht rational denken konnte.
 „Nach unseren Recherchen blieben einige Bedienstete des Hauspersonals in dem Herrenhaus. Einige ihrer Nachfahren wohnten bis zum zweiten Weltkrieg dort, bis sie vertrieben wurden. Zu DDR-Zeiten befand sich erst ein Sanatorium für Kriegsgeschädigte darin, danach ein Pflegeheim für geistig behinderte Kinder, ehe ein Kinderheim darin untergebracht wurde. Seit der Wende steht das Anwesen leer, da keine Nachkommen derer von Blankenburgs ausfindig gemacht werden konnten. Vor zehn Jahren entschied die Gemeinde das Anwesen zu verkaufen, nachdem das Dach saniert und die Fenster ausgetauscht wurden.“
 „Kann ich es besichtigen?“ Ich musste eine Erklärung für die vergangene Nacht finden, da sich unweigerlich ein ungutes Gefühl in mir einnistete. Dazu kam auch noch meine extreme Neugierde.
 „Sicher, ich muss nur die Schlüssel holen“, bejahte Herr Trommer meine Frage. „Das kann allerdings ein wenig dauern. Gehen sie ruhig noch einen Raum weiter, dort befindet sich eine kleine Gemäldegalerie mit Bildern von Carl Friedrich Wilhelm.“
 Es war Felix der den Kopf schüttelte. Kein Wunder ihn konnte man nicht mit alten Gemälden hinter dem Ofen hervorlocken und auch ich besaß gerade nicht die Muse alte Schinken zu betrachten. Mein Körper schrie eher nach einer Beruhigungskippe.
 „Sie sollten sich die Bilder anschauen“, lachte Herr Trommer leise. „Da hängt das eine oder andere Gemälde ihres Ebenbildes. Als wir vor vielen Jahren das Anwesen notdürftig instand setzen, entdeckten wir eine geheime Kammer. Carl Friedrich Wilhelm versteckte dort einst die Bilder seines Liebhabers.“
 Mit einem gewissen Schalk in den Augen sprach der ehemalige Bürgermeister weiter: „Wenden sie sich an Frau Gentsch! Sie zeigt ihnen bestimmt gern die eingelagerten Gemälde. Für damalige Verhältnisse unglaublich gewagt.“
 „Wie meinen sie das?“ Ich ahnte, auf was Herr Trommer mit seinem gewagt hinaus wollte.
 „Schauen sie sich die Bilder an!“ Mir noch einmal zuzwinkernd, verließ er uns.
 An den aufgehängten Schautafeln informierte ich mich über die Geschichte des Herrenhauses, ehe ich die von Carl Friedrich Wilhelm geschaffenen Gemälde bestaunte. Der viel zu jung gestorbene Mann schien nicht nur ein gutes Auge besessen zu haben, sondern auch ein unglaublich gutes Gespür für gute Kompositionen, denn seine Bilder wirkten unglaublich plastisch und lebendig.
 „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ja behaupten, dass du für ihn Modell gestanden hast“, kicherte Felix, während ich immer bleicher wurde.
 „Ich weiß nicht, was ich denken soll, geschweige denn fühlen“, wisperte ich, wobei ich ein Bild von Anton Jacob betrachtete - mein Ebenbild, hoch zu Ross. Noch immer fühlte ich mich, als würde ich im falschen Film sitzen. Dies alles wirkte so surreal, wie in einem Traum, der einfach kein Ende fand.
 „Jetzt bin ich total auf die eingelagerten Bilder gespannt.“ Warm und sicher legte sich Felix Hand auf meine Schulter. Sacht schob er mich vor sich her, nach vorne zu der Kasse, an der uns Frau Gentsch offensichtlich schon erwartete, da sie einen Schlüssel in der Hand hielt.
 „Folgen sie mir einfach“, sagte sie nur und geleitete uns zu einer stählernen Tür.
 „Konstante zwanzig Grad Celsius“, erklärte sie, bevor sie die Tür aufzog und während Felix sich zu den Bildern von Carl Friedrich Wilhelm führen ließ, blieb ich unschlüssig stehen, nachdem ich die Tür hinter mir zugezogen hatte.
 „Fabian!“, drängelte mein Bruder und so gab ich  mir einen Ruck und dankte Frau Gentsch, als sie mir weiße Stoffhandschuhe reichte.
 „Sieh dir das an“, sprach Felix weiter. „Dein Carl hat nicht nur Portraits gemalt.“
 Wissend lachend zog mein Bruder ein großes, schon gerahmtes Gemälde aus dem Magazinregal. Ich, nein Anton Jacob, war darauf zu erkennen, nackt, vor dem Kamin, dabei räkelte er sich ziemlich verführerisch auf den Fellen.
 „Die ältesten Akte, die ich je zu Gesicht bekam...“ Frau Gentschs Wangen erstrahlten in einem tiefen Rot, wie die Wangen unserer Sekretärin auf Arbeit, wenn sie einen Schluck Sekt getrunken hatte. Bei Frau Gentsch lag es aber sicherlich nicht an Sekt, sondern eher an dem phantastischen Akt. „Es wirkt beinah wie ein Foto, so detailgetreu...“, flüsterte sie weiter, ehe sie sich räusperte und: „Entschuldigung“, sagte.
 So ganz unrecht hatte sie mit ihrer Feststellung nicht. Und wieder einmal kam es mir so vor, als würde ich in einen Spiegel blicken.
 „Das bin ich.“ Verstört lehnte ich mich gegen die Wand, atmete tief ein und aus und schloss die Augen. Mich in voller Pracht zu betrachten, war dann doch zu viel. Unglaublich, wie ähnlich Anton Jacob mir sah. Bis ins kleinste Detail schien alles übereinzustimmen. Sogar unsere besten Stücke glichen sich wie ein Ei dem anderen.
 Meine Stimme klang total kratzig, als ich zu einer Frage ansetzen wollte, daher räusperte ich mich mehrmals, bevor ich mich erkundigte: „Und die Bilder sind definitiv über zweihundert Jahre alt?“
 „Ich gehe davon aus.“
 Mir entging nicht, dass Frau Gentsch es nicht mehr schaffte mir in die Augen zu blicken, anscheinend war das Wissen, dass ich im wahren Leben tatsächlich so aussah, wie Anton Jacob auf diesem Bild, zu viel für sie oder einfach nur peinlich. Mir war es aber auch unangenehm und das Felix das Bild nicht wieder einsortierte, machte aus auch nicht besser.
 „Fabi, irgendwie gehe ich nicht mehr davon aus, dass dich hier jemand verarschen möchte, außer jemand hat unglaublich viel Aufwand betrieben und irre viel Zeit in seinen miserablen Scherz investiert.“
 „Kannst du das Bild bitte endlich wegstellen!“, bat ich innerlich total zerrissen und nun auch noch von Angst erfüllt.
 „Wieso? Ist doch ein schönes Gemälde von dir?“, lachte mein Bruder, den die Situation nicht so mitnahm, wie mich. Für diesen Wesenszug bewunderte ich ihn schon lange. Er behielt seinen Humor und einen kühlen Kopf, egal, was geschah.
 „Das. Bin. Nicht. Ich!“, presste ich wütend hervor, denn die Sache schien mir gerade über den Kopf zu wachsen.
 „Bist du dir da ganz sicher?“ Sein Lachen hallte durch das Magazin.
 „Sie sind doch ganz gut gebaut und...“ Mühsam schluckte Frau Gentsch und blinzelte mich verschüchtert an, ehe sie mit nun hochroten Kopf fortfuhr: „... und gut bestückt.“
 Das wars. Das war zu viel für mich. Auf der Stelle wirbelte ich herum, riss die Handschuhe von meinen Händen, warf sie auf den Boden und eilte mit riesigen Schritten los, dabei vernahm ich noch Frau Gentsch letzte Worte, die sie an meinen Bruder richtete: „Dabei hat er die anderen Aktbilder noch nicht mal gesehen.“
 Die konnten mich doch alle mal. Ich benötigte dringend frische Luft. Vielleicht half die Kälte ja, meinen Kopf wieder klar zu bekommen.
 Vor dem Museum angekommen, knurrte ich laut: „Scheiße.“
 Mit zitternden Fingern entzündete ich mir eine Kippe und sog gierig den Rauch in meine Lungen.
 „Fabian!“ Natürlich war Felix mir gefolgt.
 Neben mir blieb er stehen und bat: „Gibst du mir auch eine!“
 Und da standen wir nun schweigend beieinander und rauchten.
 „Irgendwie warte ich noch immer auf die versteckte Kamera und das Lachen eines Moderators.“ Unruhig wippte ich hin und her, rollte immer wieder von den Zehenspitzen auf die Fersen und zurück und verfolgte dabei meine Gedanken, die sich immer mehr um genau solch ein bitterböses Showformat drehten und dann packte mich plötzlich die Wut. Ich warf die Kippe auf den Boden, trat sie aus und funkelte Felix an: „Hast du mich zu irgendeiner bescheuerten Show angemeldet? Macht es dir Spaß, mich so vorzuführen? Soll mir das etwa zeigen, wie bekloppt ich mich benehme seit Toni Schluss gemacht hat?“
 Ich redete mich regelrecht in Rage und wer weiß, welche Worte ich meinem Bruder noch so um die Ohren gehauen hätte, hätte er mich nicht gepackt und die Hände an meine Wangen gelegt. Fest sah er mir in die Augen.
 „Glaubst du wirklich, dass ich dich so fertig machen würde?“ Traurigkeit und Enttäuschung schwangen in seinen Worten mit.
 „Ich liebe dich, Fabian. Du bist mein Bruder. Wenn ich jemand so eine reinwürgen wollte, dann Toni und nicht dir. Ich habe mit dem ganzen Scheiß nichts zu tun.“
 Und genau in diesem Moment brachen bei mir die Dämme. Ich fühlte mich fertig und so rollte eine Träne über meine Wange, die sofort von Felix Daumen entfernt wurde.
 „Was auch immer noch geschieht, ich bin bei dir.“ Und dann tat Felix etwas, was er noch nie getan hatte. Er drückte mir einen Kuss auf die Stirn und zog mich in seine Arme. „Das alles wird sich aufklären.“
 Lachend schniefte ich und zog die Nase hoch. „Du hast gut reden, von dir gibt es keine Aktzeichnungen in Öl.“
 „Daran kannst du nichts ändern. Außerdem, wie sagtest du vorhin? Das bin nicht ich. Du bist es nicht, der Mann auf dem Gemälde ist schon mindesten einhundertfünfzig Jahre tot. Ihn wird es nicht mehr stören und außer uns, weiß doch niemand, dass es Aktbilder von einem Typen gibt, der so aussieht wie du.“
 Nickend und durch Felix Nähe ruhiger löste ich mich aus der Umarmung. Gerade rechtzeitig, denn gerade eben kehrte Herr Trommer zurück.
 „Ich nehme an sie haben die Gemälde im Magazin gesehen“, kam er direkt wieder zur Sache.
 „War ein ganz schöner Schock für mich“, bestätigte ich.
 „Kann ich mir vorstellen.“ Herr Trommer klimperte mit einem Schlüsselbund.
 „Sind sie bereit?“
 „Bin ich, irgendwie.“

 Ich drückte Felix den Wagenschlüssel in die Hand. „Du fährst!“, erklärte ich knapp und sein ungläubiger Blick fand den meinen.
 „Im ernst?“ Als Felix die Tragweite meiner Worte bewusst wurden, grinste er frech. „Okay, auf deine Verantwortung.“
 Ich wusste, dass ich ihm die Macht über neunzig PS übertrug, aber mir blieb gerade nichts anderes übrig. Ich fühlte mich derartig durch den Wind, dass ich mir sicher war, dass meine Hände wie Espenlaub zittern würden, dazu kam, dass ich in Gedanken soweit weg sein würde, dass ich mich nicht auf den Verkehr konzentrieren könnte und eventuell meinen Golf in den nächsten Graben oder an den nächsten Baum fahren würde.
 „Zeig mal, dass du deine Fleppen mit Recht vor einem Monat bekommen hast.“ Komisch, ich musste mich in keinster Weise dazu überwinden meinen Bruder fahren zu lassen. Bisher war es eher ein Unding, Felix meinen Golf anzuvertrauen. Zu Beginn habe ich ihm Fahrunterricht gegeben, auf dem riesigen Parkplatz eines ehemaligen Fabrikgeländes. Nachdem er allerdings meinen Golf ordentlich über einen Bordstein bretterte, hab ich Felix nie wieder hinter das Steuer meines Wagens gelassen. Die Übungsstunden fielen ab diesem Augenblick in den Aufgabenbereich unserer Mutter. Ganz ehrlich, die Reparatur des rechten Stoßdämpfers war teuer genug gewesen.
 Nachdem Felix sich hinters Lenkrad geklemmt hatte, ließ ich Herrn Trommer auf dem Beifahrersitz Platz nehmen und stieg selbst hinten ein.
 „Wohin?“ Noch immer kerbte ein zufriedenes Grinsen das Gesicht meines jüngeren Bruders.
 Ich wollte ihm schon antworten, dass er gefälligst zurück in den Wald fahren sollte, hielt aber lieber die Klappe, da Herr Trommer schon seine Anweisungen gab, außerdem hätten meine Worte nur genervt geklungen.
 Unruhig ruckelte ich mich zurecht, lehnte mich zurück und schaute aus dem Fenster. Irgendwie fühlte ich mich gerade wie auf Einhundertachtzig. Am liebsten hätte ich irgendwo mit aller Kraft dagegen getreten. Frust, Angst, Panik und Unsicherheit, dies alles kämpfte in mir um die Vorherrschaft. Mir war danach jemandem die Schuld zugeben und diese Person so richtig schön rund zu machen. Da es aber anscheinend keinen Schuldigen gab, zumindest nicht in meiner näheren Umgebung, blieb mir nur eins - abwarten.
 Tatsächlich fuhren wir die selbe Straße wie vorhin, vorbei an der Tankstelle, die Allee entlang, vorbei an den leeren Feldern, hin zu eben jenem Waldstück. Angespannt, wie ein Flitzebogen und aufgeregt, wie vor einem ersten Date, blickte ich angestrengt hinaus.
 „Fahren sie auf den Feldweg mit dem Schlagbaum“, erklärte Herr Trommer und deutete nach links. „Vielleicht noch ein Kilometer, dann sehen sie den Weg schon.“
 Hä? Doch der Forstweg? Aber den hatte ich doch heute Nacht gar nicht genommen oder etwa doch? War die Schranke eventuell geöffnet gewesen? Nein, das wäre mir doch aufgefallen. Trotz dem Nebel?, lachte meine innere Stimme.
 „Da vorn ist es!“
 Tatsächlich, vor uns lag der Waldweg, eben jener Weg mit dem Verbotsschild für PKW und Motorräder, an dem wir vorhin schon zweimal vorbeifuhren.
 Vor dem Schlagbaum bremste Felix und Herr Trommer stieg aus, um die Schranke zu öffnen.
 „Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Nachdem der ehemalige Bürgermeister wieder eingestiegen war, drehte er sich zu mir um und erklärte: „Dies war einmal die offizielle Zufahrt zu dem Anwesen.“
 Mit einem Nicken deutete ich an, dass ich verstanden hatte, obwohl ich eigentlich gar nichts begriff.
 Rechts und links, des ausgefahrenen Waldweges, erhoben sich die winterkahlen Bäume. Ab und zu kämpfte sich die Novembersonne hinter den Wolken hervor und schickte ihr Strahlen hinab, die sich in dem Wald brachen und ein wundervolles Schattenspiel zauberten.
 Und hier sollte ich heute Nacht entlanggefahren sein? Niemals. Ich entdeckte keinen gusseisernen Zaun, keinen Kies und erst recht keine ordentlich beschnittene Bäume. Hier befand sich nichts als stinknormaler Mischwald. Der Forstweg war übersät von Laub, teilweise noch leuchtend bunt in den schönsten Herbstfarben, aber die meisten Blätter lagen einfach nur matschig braun auf dem Weg.
 Wieder rollte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Unheimlich, düster und grau präsentierte sich der Wald, da sich die Sonne nun wieder hinter den dichten, dunklen Regenwolken verschanzte.
 Der unebene, ausgefahrene Weg beschrieb eine Kurve und dann stockte mir der Atem. Vor uns erhob sich das Herrenhaus, düster, grau, alt, leicht verfallen und von einem Bauzaun umgeben.
 Heftig atmete ich, dann konnte ich mir ein Keuchen nicht mehr verkneifen. Das war das Gebäude, in dem ich die Nacht verbrachte - eindeutig, aber es sah so anders aus, so fremd, so kalt, so unheimlich und unpersönlich.
 Wo befanden sich die gepflegten Rabatten? Wo war der freie Platz mit dem Springbrunnen?
 Der Wald hatte sich beinah bis zu dem Haus ausgebreitet. Viel fehlte nicht mehr und die Natur würde das gesamte Areal zurückerobert haben.
 Direkt vor dem Bauzaun hielt mein Bruder an.
 Perplex blieb ich erst mal sitzen und starrte nach Draußen auf das Gemäuer. Dies konnte doch nur ein böser Scherz sein.
 „Und hier warst du?“ Kurz blickte Felix mich an, ehe er ausstieg.
 Ich konnte mal wieder nur mit den Schultern zucken.
 „Kommen sie!“ Auffordernd winkte Herr Trommer mir.
 Schwer fühlten sich meine Knie an, beinah so, als hätte sie jemand mit ganz viel Blei gefüllt. Eigentlich wollte ich gar nicht aussteigen, mich einfach nicht der Realität stellen.
 „Feigling“, lachte Felix, nachdem er meine Tür aufgezogen hatte.
 Nervös beobachtete ich, wie Herr Trommer das Vorhängeschloss aufschloss und einen Teil des Bauzaunes in seine Richtung zog, damit ein Spalt entstand.
 Worte waren zu viel. Ich würde nur schon wieder ein: ich begreife das nicht, hervorbringen und so biss ich mir einmal kurz, aber heftig, auf die Lippe. Der Schmerz der daraufhin folgte, zeugte davon, dass ich nicht träumte. Ich gab mir einen Ruck, stieg aus und warf die Tür nicht gerade sanft zurück ins Schloss.
 „Das Anwesen der von Blankenburgs!“ Herr Trommer überließ mir den Vortritt.
 Am ganzen Körper zitternd zwängte ich mich durch den Spalt im Zaun und blieb kurz danach stehen. Mein Blick glitt über die Fassade. Vergeblich suchte ich nach dem Wintergarten. Es gab ihn nicht mehr und von dem Rapunzelbrunnen zeugten auch nur noch ein paar steinerne Überreste, die darauf hindeuteten, dass sich an dieser Stelle einmal das Wasserbecken befand.
 Die große, freie Treppe, die zu der zweiflügligen Tür hinaufführte, zerbröckelte. Kein einzige Stufe schien mehr ganz zu sein.
 Direkt hinter mir war Felix stehen geblieben. Sein warmer Atem streifte mein Ohr, als er flüsterte: „Und du bist dir sicher, dass du die letzte Nacht hier verbracht hast?“
 „Ich weiß es doch nicht“, schrie ich regelrecht, da mich seine Frage gerade tierisch nervte. Verdammt noch mal, hatte ich eventuell irgendwelche bewusstseinsverändernde Mittel zu mir genommen ohne es zu wissen? War ich vielleicht doch nur in meinem Golf eingepennt und hatte geträumt? Zugeben, dann wäre es ein sehr intensiver und sehr heißer Traum gewesen.
 Plötzlich hatte ich es eilig und rannte los. Ich stolperte regelrecht die Stufen hinauf und schaute auf die Tür, die weder aus rotem Holz bestand, noch die Rosen aufwies. Von den eisernen Türklopfern sah ich auch nichts. Diese Tür war neu. Sie bestand aus Stahl oder ähnlichem Metall, war grau gelackt und definitiv einbruchssicher. Und wie jede moderne Haustür enthielt sie einen Türknauf und ein modernes Schloss.
 „Wo sind die Löwen?“, fragte ich mich leise.
 „Welche Löwen?“ Sicherlich um mich zu beruhigen legte Felix eine Hand auf meine Schulter. Unwirsch schüttelte ich seine Finger ab, da sie bei mir genau zu einem gegenteiligen Gefühl beitrugen.
 „Die Türklopfer“, knurrte ich. „Was sonst?“
 „Woher wissen sie....“ Herr Trommer wollte anscheinend noch viel mehr sagen, schüttelte dann aber den Kopf und und ließ es bleiben. Er schob sich an mir vorbei und schloss auf.
 Heftig schlug mein Herz, schon wieder. Was würde mich hinter der Tür erwarten? Und was erwartete ich eigentlich?
 Vor Aufregung rasselte mein Atem, als Herr Trommer die Tür nach innen aufdrückte.
 Wieso ich die Augen schloss, konnte ich nicht sagen. Ich tat es einfach und trat blind über die Schwelle.
 „Nicht gerade sehr gemütlich.“ Felix Feststellung riss mich zurück in das Hier und Jetzt, denn irgendwie hatte ich erwartet, dass ich, wenn ich die Augen wieder öffnete, ich mich in dem Haus von heute Nacht wiederfand, aber alles, was ich sah, war eine leere Halle, graue, dreckige Wände und von der ehemaligen wunderschönen Holztreppe existierte nur noch eine Hälfte.
 Der Boden bestand aus dunklen, ehemals anscheinend weißen Fliesen, wie man sie in der Achtzigern überall in der DDR vorfand, in Schulen, in Krankenhäusern und sicher auch beim Fleischer. Einige der Fliesen fehlten, andere waren gesprungen und teilweise fehlte die Fugenmasse. Irgendwann war das wunderschöne, glänzende Parkett rausgerissen worden.
 Plötzlich flammten ein paar Glühbirnen auf, die nackt von der Decke baumelten und ihr kaltes Licht im Raum verteilten.
 Die Tapete hing in Streifen von den Wänden und hie rund dort erkannte ich Stockflecken.
 Fröstelnd zog ich die Schultern nach vorn. Nichts erinnerte mehr an die wunderschöne Empfangshalle, durch die ich heute Nacht lief.
 Ehrgeiz packte mich. Ich bemerkte die Fußspuren nicht, die sich deutlich in dem Staub und Dreck abzeichneten und denen ich nun folgte.
 Kaminzimmer hämmerte es in meinem Kopf. Eigentlich wollte ich die Schiebetür aufschieben, aber dies ging nicht, da auch hier eine moderne Tür eingebaut worden war. Mit einem Ruck riss ich diese auf. Es interessierte mich nicht, dass das Holz gegen die Wand knallte, da nichts den Schwung stoppte.
 Auch dieser Raum bot einen traurigen Anblick. Kahler Boden, Estrich, nackte Wände und trübe Fenster. Dreck wohin das Auge reichte. Selbst der Kamin war nur noch ein trauriges Etwas. Eins jedoch war eindeutig. Dies war das Haus und der Raum, indem ich die vergangene Nacht verbrachte.
 „Ich versteh das nicht“, murmelte ich zum wiederholten male, ehe ich mit gesenktem Blick und hängenden Schultern vor dem Kamin stehen blieb. „Bin ich verrückt geworden? Ich bild mir das doch nicht ein.“
 Mit den Füßen scharrte ich in dem Dreck. „Hier, genau hier hab ich mit Carl...“ Mühsam schluckte ich und blickte zu dem großen Fenster. „Dort hat ein Sekretär gestanden.“ Ich deutete durch den Raum. „Dort die Ottomane und hier zwei Sessel.“
 „Fabi!“ Felix Arme schlangen sich um mich.
 Ich kämpfte mit den Tränen. Frust, Entsetzen und Panik kämpften in mir um die Vorherrschaft und der Gedanke, dass mit mir irgendwas nicht stimmte.
 „Ich glaube dir.“
 Nur drei Worte von Felix, aber diese sorgten dafür, dass in mir ein Damm brach. „Ich bin nicht verrückt“, murmelte ich heiser.
 „Nein, bist du nicht. Ich glaube dir und wenn du sagst, dass du die letzte Nacht hier mit Carl verbracht hast, dann war dies so. Irgendwer spielt mit dir.“ Felix gab mich wieder frei.
 „Schau!“ Er nickte Richtung Fußboden. „Überall sind frische Fußspuren und im Kamin befindet sich frische Asche.“
 Mit den Augen folgte ich Felix Fingerzeig.
 Herr Trommer hielt sich zurück. Die Stirn gerunzelt beobachtete er uns. Was dachte der Mann gerade über mich?
 Ich konnte nicht weiter darüber grübeln, was dem ehemaligen Bürgermeister wohl durch den Kopf ging, da Felix feststellte: „Da liegt ein Zettel?“
 Er ging die zwei Schritte, bückte sich und hob das Papier mit spitzen Fingern an.
 „Da steht sogar etwas drauf.“ Er pustete den Staub weg. „Carl“, las er, dann verstummte er. Sein Blick traf den meinen. „Scheiße, Fabi, dass ist deine Schrift und deine Telefonnummer.“
 Mit einem Ruck riss ich meinem Bruder den Brief aus den Fingern und starrte darauf. Ja, das war mein kleiner Abschiedsgruß, den ich heute früh für Carl auf den Sekretär gelegt hatte.
 „Unheimlich“, kommentierte Felix und sah sich weiter um, sicher in der Hoffnung noch etwas zu entdecken.
 Ich zerknüllte das Schreiben und warf es auf den Boden. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich wieder meiner selbst. Eine Ahnung keimte in mir auf und dann erinnerte ich mich an Carls kleine Botschaft.
 Mit eiskalten Fingern zog ich das Schreiben aus der Innentasche meiner Jacke, erstaunt, dass es tatsächlich noch vorhanden war. Aber wie sah das Papier aus? Vergilbt mit Flecken und als ich es vorsichtig auseinander faltete, zerbröselte es beinah zwischen meinen Fingern.
 Ein eiskalter Hauch strich über meinen Körper, während ich die die wenigen Worte las, die Carl mir hinterließ. Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen. Plötzlich schien ich mich ganz alleine in dem Anwesen zu befinden. Nur schemenhaft nahm ich Felix neben mir wahr. Viel stärker war dagegen das Gefühl, dass sich noch jemand bei mir befand. Mir war, als würden sich Arme von hinten um mich schlingen. Warme Hände legten sich auf meinen Bauch und ein Körper schmiegte sich der Länge nach an an meinen Rücken. Lippen strichen über meinen Nacken, hin zu meinem Ohrläppchen, ehe ich Carls samtene Stimme vernahm, die mir ins Ohr wisperte: „Vergiss mich nie!“

Ende
© by Tam Sang
Februar / 2018

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Kapitel:6
Sätze:384
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Kurzbeschreibung

Eine neblige, kalte, trübe Novembernacht... Fabian würde mit Sicherheit lieber in seinem warmen Bett liegen, aber er hat nicht mit dem dichten Nebel gerechnet und nicht mit einem fremden Wald, in dem er sich nicht nur hilflos verfährt, sondern auch jemanden kennenlernt...