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Der Ritter

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4.2.2019 20:06
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Sie folgte den Blutstropfen am Steinboden. Sie waren kaum zu sehen, aber trotzdem eindeutig da. Eine Eisentüre versperrte ihr den Weg. Constanze zog daran, aber sie ließ sich nicht öffnen. Was lag dahinter verborgen? Eine Kellertreppe, oder Stiegen, die in ein anderes Stockwerk führten?

Leise wieherte das Pferd, das Constanze vor dem Tor der Burgruine an einen Pflock gebunden hatte. War jemand draußen? Constanze lauschte angestrengt. Aber außer Vogelgezwitscher war nichts mehr zu hören. 

 

Die Burgruine lag abseits der kleinen Stadt, in der Constanze mit ihren Eltern und Geschwistern wohnte. Sie waren wohlhabend. Constanzes Vater war ein angesehener Kaufmann und leider viel unterwegs. Manchmal durfte sich das Mädchen ein Pferd ausborgen und ausreiten. 

Constanze liebte es durch Wälder, über Felder, an Höfen vorüber zu reiten. Oder zu dieser Burgruine. Sie zog das Mädchen magisch an. Constanze wusste nicht wieso. 

Heute war sie zum ersten Mal von ihrem Pferd abgestiegen und hatte sie sich genauer angesehen. Bei einer Runde um die Ruine waren ihr die Blutspritzer aufgefallen. Neugierig folgte sie ihnen bis in den kleinen Saal vor die eiserne Türe.

 

Schlagartig wurde es in der Ruine finster, obwohl es mitten am Tag war. Constanze sah sich panisch um. Kein Lichtstrahl, nichts woran sie sich orientieren konnte. Sie war alleine in einem geschlossenen Raum in absoluter Dunkelheit. Wo waren die Fenster? Wer hatte sie verschlossen? Das Mädchen tastete sich furchtsam vorwärts, stolperte durch die Dunkelheit. „Hallo?“

Ein Röcheln knapp hinter Constanze ließ das Blut in ihren Adern gefrieren. 

„Wer ist da?“, stammelte sie mit heisere Stimme. 

Abermals hörte sie das Atmen, aber diesmal vor sich. 

Ein phosphoreszierender Schein breitete sich vor Constanze über dem Boden aus. Eine Gestalt wuchs daraus hervor. 

„Mutter?“, fragte Constanze verwirrt, als sie dem Abbild einer Frau gegenüber stand. Doch die Konturen verschwanden wieder, diesmal erschien ein Wolf aus dem Lichtschein. 

Constanze traute ihren Augen nicht. Der Wolf fletschte die Zähne, dann warf er den Kopf in den Nacken und heulte schaurig. Andere Wölfe krochen aus dem Licht hervor, schlichen auf Constanze zu, die inmitten des Lichtscheins bewegungslos stand und den Atem anhielt. Ein Wolf machte sich sprungbereit. Jeden Augenblick würden seine spitzen Zähne ihr Fleisch durchtrennen.

Doch die Wölfe zerflossen, verschwanden, wurden zu züngelnden Schlangen. Constanze wich zurück, stieß an einen Stuhl, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Abermals veränderte sich alles. Eine Gestalt auf einem Pferd baute sich aus dem Lichtschein vor Constanze auf. Ein Ritter. 

„Wieso bist du hier?“, fragte er.

„Ich bin einer Blutspur gefolgt“, stammelte das Mädchen zittrig.

Vor Constanzes Augen stieg der Ritter vom Pferd. Eine zweite Gestalt erschien. Sie war zart, hatte langes wehendes Haar. Aber was trug sie in ihrer rechten Hand? Einen Dolch! Sie kam näher zum Rittersmann und – Constanze versuchte wegzuschauen, aber konnte nicht. Die Frau rammte soeben dem Ritter, der plötzlich keine Rüstung mehr trug, den glitzernden Dolch zwischen die Rippen. Die männliche Gestalt brach augenblicklich zusammen. Die Weibliche hingegen kehrte dem Sterbenden den Rücken zu und löste sich allmählich in Dunst auf, genauso wie der Ritter.

Constanze starrte erschüttert an die Stelle, wo sich das Verbrechen ereignet hatte, aber alles, was sie sehen konnte, war pechschwarze Dunkelheit. Sekunden später erstrahlte der Raum im Tageslicht, durch die gedrungenen Fenster erklang Vogelgezwitscher, munter und fröhlich. 

Constanze rieb sich die Augen. Was war das soeben geschehen? Sie atmete durch, sah sich im Raum um. Ja, die Türe. Das Mädchen ließ ihren Blick über den Boden gleiten. Wo waren die kleinen Blutspritzer? Weg? Constanze kniete sich am Steinboden nieder. Da war nichts. Nur grauer Schiefer. Sie richtete sich auf und erstarrte. Über der Türe hing ein Gemälde. Ein Ritter auf einem mächtigen Streitross. Das Gesicht des Mannes kam ihr bekannt vor. Oh nein, er war das Opfer gewesen, des heimtückischen Mordes, dessen Zeuge sie soeben geworden war. 

Constanze löste ihren Blick von dem Gemälde, hetzte wie von Geistern gejagt aus dem Saal zum Burgtor und stolperte die Stufen hinunter. Ihr Pferd begrüßte sie mit einem leisen Wiehern. Constanze stürmte zu dem Tier, stieg auf und galoppierte davon. 

Stets, wenn Constanze ausritt und in der Nähe der Burgruine war, überkam sie ein eiskalter Schauder. Doch sie schwor sich, niemals auch nur ein Sterbenswörtchen über ihre gruselige Begegnung mit dem letzten Ritter zu verlieren. 

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Eine Geschichte vor unserer Zeit