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Das Monster

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14.5.2019 11:22
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Ich möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken.
Das Originalbild der abgebildeten Couch ist vom
Rechteinhaber als gemeinfrei bei Wikipedia
veröffentlicht worden und es ist ein historisches
Möbelstück. Es ist Loriots grünes Sofa.

Vor vielen Jahren betreuten wir eine alte Tante. Sie war gehbehindert, aber sonst noch ganz gut beieinander. So brauchte sie ab und zu etwas Unterstützung beim Einkauf oder auf sonstigen Wegen. Obwohl geistig in guter Verfassung hatte sie einen Tick (wer hat den nicht?). Sie misstraute den Banken, was nach den Ereignissen der letzten Jahre sicherlich verständlich ist, nur diese Zeit hat die Tante nicht mehr erlebt. Es war eine echte Marotte von ihr. Da half auch kein gutes Zureden. Den Vorschlag Schmuck und Gold in einen Safe bei der Stadtsparkasse zu deponieren, konterte sie damit, dass Banken häufig überfallen würden. Ein echtes Totschlagargument, da nicht zu widerlegen, wenn Banküberfälle auch eher den Geldbeständen dieser Institute gelten. Immerhin war sie weise genug, größere Geldbeträge auf verschiedenen Sparbüchern zu deponieren. Die Sparbücher, obwohl alle über ein Kennwort gesichert, wurden, wie auch Schmuck und Gold, sorgfältig im Haus versteckt.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit hielt sie uns auf dem Laufenden darüber, welche Verstecke für Geld und Wertgegenständen gerade aktuell waren. Von Zeit zu Zeit wechselte sie ihre Vorlieben. Infrage kamen der frühere Hühnerstall, ein stillgelegter Kamin, eine nicht einsehbare Ecke unter der Kellertreppe oder eine verborgene Vertiefung oberhalb einer Gardinenstange. Es gab bestimmt noch weitere todsichere Orte im Haus, aber wie gesagt, das Ganze ist sehr viele Jahre her und ich kann mich wohl nicht mehr alle geheimen Orte erinnern. Ein Versteck fällt mir dann doch noch ein, an einer Stelle des Wohnzimmers war der Teppichboden nicht richtig verklebt. Ein dünnes Bündel Geldscheine konnte dort leicht untergebracht werden. Als die Tante weitere Schwierigkeiten mit dem Gehen bekam, wurde ihr das wohl alles zu mühsam und sie erkor eine alte Couch in der Mansarde ihres Hauses zum Versteck.

Diese Couch war ein Monster von einer Couch, mit einem Stoff bespannt, dessen Farbe irgendwo zwischen Grau, Blau und Anthrazit schwankte. Trotz dieses Farbgemenges, machte die Couch einen absolut traurigen farblosen Eindruck. Beeindruckend waren neben der mächtigen Rückenlehne, die beiden weit ausladenden Armlehnen. Sie erweckten den Eindruck, als wären sie ursprünglich als Rückenlehne für eine kleinere Couch gedacht gewesen. Weit ausladend und auf halber Länge praktisch zusammengefaltet, waren sie das i-Tüpfelchen, das die Couch zum Monster machte. Für uns sah es immer so aus, als sei das Haus um die Couch herum bebaut worden, denn über die engen gewundenen Treppen des Hauses konnte sie auf gar keinen Fall in das Dachgeschoss verbracht worden sein. Aber egal, wie die Couch dorthin kam, in den Ritzen zwischen der Sitzfläche und den Lehnen war reichlich Platz für die Wertsachen der Tante.

Eines Tages dann hob die Tante ihr Erspartes von einem Bankkonto ab, wohl um das Geld in Sicherheit zu bringen. Es waren einige Hundert Mark, immerhin Grund genug, das Geld zu Hause zu deponieren bevor die Bank in Konkurs ging oder gar ausgeraubt wurde. Vielleicht sollte es auch nur das Wirtschaftsgeld für die nächsten Wochen sein, ich weiß es wirklich nicht. Sie verpackte die Scheine sorgfältig in ein durchsichtiges Plastikmäppchen, umwickelte das Mäppchen mit einem Einweckgummi, schob dieses wie gewohnt zwischen Sitzfläche und Armlehne der Monstercouch und vergaß es vorerst. Nach einiger Zeit wollte sie wohl ihre versteckten Werte kontrollieren, aber nach Sichtung aller Mappen und Umschläge fehlte das Mäppchen mit dem Geld. Da alle anderen Werte zum Vorschein gekommen waren, schloss sie einen Diebstahl aus. Sie erzählte uns vom verschwunden Geld, lehnte jedoch die angebotene Hilfe zur Wiederbeschaffung kategorisch ab. Sie hatte wohl den nicht unbegründeten Verdacht, ich könnte die Couch bei der Suche beschädigen. Die Tante hielt ihre, in die Jahre gekommenen Möbel für Wertgegenstände. Für unsere Begriffe war das alles eher Sperrmüll und der geheime Inhalt der Couch überstieg den materiellen Wert des Möbels um ein Vielfaches.

Die Jahre gingen ins Land. Die Tante benutzte weiterhin die Couch als Tresor. Das verschwundene Geld wähnte sie sicher in den Tiefen der Couch geborgen und vergaß es endgültig. Immerhin suchte und fand sie für Bargeld ein neues Versteck in Form eines alten Journalbuches und bewahrte nur noch ihre Wertgegenstände in der Couch auf. Irgendwann aber war der Tag gekommen an dem die Tante keiner weltlichen Güter mehr bedurfte und so standen wir vor einem Haus mit etlichen Räumen, gefüllt mit den Hinterlassenschaften eines langen Lebens. Wir machten uns an die traurige Aufgabe der Wohnungsauflösung, kamen aber nur langsam voran, da wir beruflich stark gefordert waren. So blieben uns für die Arbeiten nur die Abende und die Wochenenden. Es war einfach kein Ende abzusehen. Nach einiger Zeit sahen wir ein, wir brauchten tatkräftige Unterstützung. Da der Haushalt nur wenige verwertbare Dinge hergab und die verborgenen Werte des Couchmonsters schon zur Finanzierung der Trauerfeier verkauft worden waren, war guter Rat teuer.

Nach einigem Nachdenken kam uns aber das Geld, das die Couch verschluckt hatte, wieder in den Sinn. Es schlummerte gewiss schon über zehn Jahre in seinem Versteck und hatte auch keine Zinsen erwirtschaftet, aber jetzt konnte es sich nützlich machen. Wir sprachen also drei Jugendliche an, die uns gewissermaßen zu Dank verpflichtet waren und versprachen ihnen etwas Taschengeld für ihre Hilfe. Ansonsten hielten wir uns bedeckt. Immer samstags trotteten unsere drei Gehilfen an, halfen fleißig beim Entrümpeln und bekamen das Taschengeld, wie versprochen. Langsam, ganz langsam arbeiteten wir uns vom Keller aufwärts durch die Etagen. Ein Großteil der schweren Möbel war bereits zerlegt, wartete auf den Abtransport oder war bereits dem Sperrmüll anvertraut, als die Arbeitsfreude unserer Hilfswilligen merklich nachließ. Da zogen wir den Joker!

Wir führten die Gehilfen in die Mansarde, zeigten ihnen die Monstercouch und bedeuteten ihnen, diese Couch wird als letztes Teil zerlegt. Aber sie birgt bares Geld in ihrem Innern und wenn ihr durchhaltet, werden wir dieses Geld brüderlich mit euch teilen. Unsere Rechnung ging auf; die Jungs waren neu motiviert und so kam es, dass wir schon bald mit dem Räumen der Mansarde beginnen konnten.

Für den nächsten Arbeitseinsatz wurden Brecheisen und Mundschutz besorgt. Da die Sonne auf das Dach brannte und in der Mansarde für tropische Temperaturen sorgte, stellten wir ausreichend Getränke bereit. Die Jungs kamen hoch motiviert und setzten die Brecheisen an. Die Couch wehrte sich heftig und spuckte den Staub von mindestens einem halben Jahrhundert in Form einer dichten Wolke aus. Nach kurzer Zeit war alles, was sich in der Mansarde befand, mit einer dicken Staubschicht überzogen. Unseren Hilfswilligen rannen dicke Schweißtropfen vermengt mit dem Staub über die Gesichter. Ihre Haare sahen aus, als wären sie frühzeitig ergraut. Jedes größere Teil, das von der Couch abbrach, wurde sorgfältig darauf hin untersucht, ob Geld oder andere Wertsachen enthalten waren. Aber erst einmal fand sich nichts und langsam kamen Zweifel auf, ob sich überhaupt Geld in der Couch befände. Die Arbeitsfreude der Jungs ließ schon merklich nach und die Couch widersetzte sich immer noch. Eigentlich bestand sie nur noch aus der Sitzfläche und einer Armlehne. Diese Armlehne aber klammerte sich förmlich an die Sitzfläche. Fest verbunden mit dem Unterbau des Monsters, rührte sie sich nicht von der Stelle. Wir schickten die Jungs zum Luftholen nach draußen, reichten ihnen zur Stärkung belegte Brötchen und sahen darüber hinweg, dass sie rauchten.

Frisch gestärkt schritten sie nach der Erholungspause wieder zur Tat. Zwei der Jungs knieten auf der Sitzfläche und setzten die Brecheisen als Hebel an, während der kräftigste von den Dreien an der Lehne zog. Ganz plötzlich krachte es und die Lehne löste sich mit solchem Schwung aus ihrer Verankerung, dass der ziehende Hiwi auf dem Rücken landete und die Lehne ihn unter sich begrub. Die Couch stieß einem verendendem Drachen gleich, eine letzte Wolke aus. Als die Staubwolke sich gelichtet hatte, da sahen wir es, unter der dicken Staubschicht im inneren Teil der Lehne glitzerte etwas in den Sonnenstrahlen, die durch das staubige Fenster in den Raum drangen. Bei näherem Betrachten erkannten wir ein durchsichtiges Couvert aus Plastik und trotz der Staubschicht war schon nach leichtem Wischen unschwer zu erkennen, im Couvert befand sich das Geld, das dieses Monster von Couch vor Jahren geschluckt hatte.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Wir zählten das Geld – es waren siebenhundert Mark in druckfrischen fünfzig DM-Noten. Die Hilfswilligen bekamen den versprochenen Anteil inklusive der Mahnung das Geld weder für Zigaretten, noch für Alkohol aus zugeben. Wir fuhren nach Hause, richteten uns gesellschaftsfähig her und gingen gepflegt beim nahe gelegenen Italiener essen. Die Couch ging schon in eine Woche später den Weg alles Irdischen; der Sperrmüllwagen kam und entsorgte die traurigen Reste aus Holz, Stofffetzen und quellendem Polstermaterial.

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Autor

BerndMooseckers Profilbild BerndMoosecker

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Kurzbeschreibung

Das Innenleben einer alten Couch kann sich beim Entrümpeln als durch aus wertvoll erweisen und einigen Menschen zu einem schönen Abend verhelfen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Humor auch im Genre Familie gelistet.

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