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Des Mannes Natur oder Zusammenhalt unter Männern

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17.11.2019 20:59
18 Ab 18 Jahren
Fertiggestellt

"Was ist heute für ein Datum?", bellte der Oberstleutnant mich an. "Bei all dem Chaos hier verliert man komplett den Überblick."
"Der dritte September, Herr Oberstleutnant", antwortete ich und salutierte dabei.
In dem Punkt musste ich dem guten Mann zustimmen. Bei der Flut an Ereignissen konnte man wirklich schnell den Überblick verlieren.
Der dritte September war mein zweiter Einsatztag in Polen. Gestern hatte ich einen alten Mann aus seinem Geschäft vertrieben, ihn blutig geschlagen und seine Schaufenster eingetreten. Endlich hatte ich einmal die Möglichkeit, meiner kreativen Ader zu einem angemessenen Ausdruck zu verhelfen.
Nirgends war es so einfach, Erfolgserlebnisse zu erringen, wie im Krieg. Zuhause hatte ich nichts als mühsame Arbeit auf dem Felde. Ich war ein Nichts, niemand interessierte sich für mich. Im Krieg ist das anders. Man bekommt endlich Aufmerksamkeit für das, was man tut. Ich spürte die entsetzten Blicke von den alten Weibern, die verängstigt aus den Fenstern starrten und mich heimlich dabei beobachteten, wie ich dem Alten die Zähne ausschlug. Bei der Feldarbeit wird man gar nicht beachtet. Im Krieg ist das anders. Besser.
Ich habe wieder das Gefühl, jemand zu sein, einen Beitrag zu leisten. Auch wenn es in Zerstörung ausartet. Doch so gut ging es mir schon lange nicht mehr. Meine Schüsse zertrümmerten Scheiben und Glas. Unter meinen Tritten brachen Knochen. Meine Kollegen führten eine Gruppe von ungefähr zwanzig Einheimischen fort und ließen sie sich in einer Reihe aufstellen. Ich wohnte dem amüsiert bei.
"Mitkommen", befahl der Oberstleutnant. Er führte mich und zwei meiner Kollegen, ihre Namen hatte ich schon wieder vergessen, auf die andere Straßenseite.
"Nehmt alles mit, was irgendwie von Wert sein könnte!", forderte er und wies auf ein Geschäft.
Wir raubten es aus, räumten alles leer, erschossen den Besitzer. Ich liebte es wirklich. Hier herrschte Anarchie, das Recht des Stärkeren.
Ich hatte immer Angst davor, jung zu sterben. Im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte zu sterben, war mir stets ein unerträglicher Gedanke gewesen. Ich hatte aber auch Angst lange zu leben und somit am eigenen Leibe mitzuerleben, wie meine körperlichen und geistigen Kräfte immer weiter schwinden. Doch hier war das nicht so. Unsere Arbeit war für die Ewigkeit bestimmt und würde dementsprechend meinen eigenen Körper und Geist überdauern, dessen war ich gewiss. Nur der Krieg bot mir diese Möglichkeit. Rohe Gewalt, Hass und dergleichen. Es verlieh mir ungeheuerliche Stärke und ich liebte die damit einhergehende Macht. Die Macht der Überlegenheit. Eine reinste Demonstration der eigenen Stärke. Meinen Körper durchströmten Glücksgefühle, die mich euphorisierten. Nie zuvor hatte ich mich derart lebendig und bedeutend gefühlt.
Der Krieg lässt einen alles vergessen. Private Probleme interessieren hier nicht. Es ist egal, was meine Partnerin zuhause macht. Ich vergaß den letzten Streit mit ihr. Ich vergaß den Tod meines Vaters. Zuweilen vergaß ich selbst meine eigene Existenz. Ich wurde eins mit dem Augenblick, ging voll in meiner Tätigkeit auf, ohne jedwede Ablenkung. Keiner sieht diese Seiten des Krieges. Man hielt mit seinen Kollegen stärker zusammen als man jemals mit einem Menschen zusammengehalten hatte. Das berauschende Gefühl des Sieges war wie jene angenehme Trunkenheit, die sich nach einem gemäßigten Konsum eines guten Weines einstellt. Es gab nur noch ein Ziel. Die Vergeltung. Nichts anderes zählte. Und ich hatte endlich keine Angst mehr, denn hier war ich wer.
Nachdem wir das Geschäft geplündert hatten, bemerkte einer meiner Mitstreiter einen gut versteckten Kellergang. Wir traten die Tür ein und fanden im Innern der Kammer ein winselndes Mädchen, wohl ungefähr in meinem Alter vor. Einen Augenblick, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte, starrten wir sie mit gierigen Blicken an. Sie trug einfache Kleidung, wie sie unter Bauern üblich war. Sie hatte leidenschaftliche braune Augen und schwarzes glattes Haar.
Sie sprach etwas auf Polnisch, was wir natürlich nicht verstanden, doch dem Ton ihrer Stimme war zu entnehmen, dass sie wohl um Gnade flehte.
Das beste am Krieg war die Anonymität! Man musste sich keine Gedanken, um sein Ansehen und seinen Ruf machen. In einer Welt ohne Regeln, existierte so etwas nicht. Man musste keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Man konnte tun, was man wollte, schließlich gab es keine Konsequenzen. Keine Verantwortung, keine Prozesse und Gerichte gegen einen, keine Strafen, keine Reue. Alle sind sie nur seelenlose Objekte ohne Namen, die man nicht kennt und nie wieder sehen wird und die unserer Willkür ausgesetzt sind. Keine Ordnung versperrte uns den Weg. Das Leben war die reinste Wildnis.
Daher zögerten wir nicht, dem hübschen Weibe die Lumpen vom wohlgeformten Körper zu entreißen und uns sinnlich unserer Lust hinzugeben. Lange war es her, dass meine Lust angemessen befriedigt wurde, da mein Weib zuhause dessen nicht vermochte. Ich spürte Druck, den unwiderstehlichen Drang, wie ihn ein Hungernder beim Anblick eines deftigen Bratens empfindet. Mein Durst war unerträglich, gleich einem, der ohne Wasser die Wüste durchquert. Abwechselnd drangen wir nacheinander in sie ein, während die anderen sie krampfhaft festhielten. Ihr Geschrei stachelte mich nur noch weiter an. Auch meine Kollegen ergötzten sich an ihrem Leiden.
Als wir fertig waren, entschieden wir, das Mädchen zurückzulassen. Sie war ohnmächtig geworden, nur das Beben ihres unbekleideten Körpers versicherte uns ihre Lebendigkeit. Wir fühlten uns großartig und unheimlich mächtig. Gegenseitg klopften wir uns auf die Schulter, lachten gemeinsam und erfreuten uns der Leichtigkeit des Lebens, als wir den Keller und das Gebäude wieder verließen. Eine solch innige Verbundenheit zu anderen Männern, hatte ich nie zuvor empfunden. Diese zwei mir unbekannten Kollegen, die mir gerade zu der Schändung eines Mädchens verholfen hatten, waren zu diesem Zeitpunkt die besten Menschen der Welt für mich. Zuhause hatte ich mir immer solche Freunde gewünscht, doch sie nie gefunden. Wir lernten uns durch den Krieg kennen und durch ihn wuchsen wir unzertrennlich zusammen. Es leben meine Kameraden!
Auf der Straße erschossen wir wahrlos Menschen, steckten Häuser in Flammen und schlugen nach allem, was sich bewegte. Wir huldigtem dem, der uns dies ermöglicht hatte. Nie zuvor hatte ich mich derart frei in meinem Handeln gefühlt. Das war nur hier möglich, in einer Welt ohne Regeln.
Der Krieg hatte mich aus dem Elend meines Daseins befreit. Ich konnte mein Leben wieder genießen. Meinen Kameraden erging es wohl genauso.
Schade nur, dass die richtige Arbeit noch vor uns lag. Das Dorf war am Ende des Tages, unmittelbar nach Einbruch der Nacht vollkommen zerstört. Ein letztes Mal konnten wir alle zusammen von der Einheit feiern, das Vaterland preisen, Stärke demonstrieren. Es gab nichts weiter mehr zu machen. Und der richtige Krieg stand noch bevor. Die Gesetzeslosigkeit, die uns noch vom Vorteil war, konnte sich, so meine Befürchtung, bald zu unseren Ungunsten herausstellen, nämlich später an der Front. Doch daran wollte ich jetzt noch nicht denken. Zu schön war einfach der soeben errungene Sieg. Die Pflicht konnte noch etwas auf sich warten lassen. Und wie schön war es, nicht verantwortlich zu sein. Wie schön menschlich.

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