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Das Tagebuch des Hermann Friedrich

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10.2.2019 20:01
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt
19. Januar 1942:
Heute war ein schöner Tag. Ich habe viel Zeit mit Anna verbringen können. Direkt nach der Schule als Herr Schneider uns in die Freiheit entließ, waren wir Schlitten fahren. Anna war sehr beeindruckt, als ich ihr erzählte, dass ich den Schlitten selbst gebaut habe. Nunja, wenn ich ehrlich bin, ist das nicht ganz richtig. Eigentlich hat Vater mir die Arbeit abgenommen, da er meinte, ich sei noch zu jung, um es alleine zu machen. Vater und ich waren damals sehr oft zusammen Schlitten fahren. Wenn wir wieder nach Hause zurückkehrten, erwartete Mutter uns bereits mit einer Tasse heißer Schokolade. Das war eine sehr schöne Zeit, nach der ich mich manchmal noch zurücksehne. Ein  Tag, ich glaube es war ein Donnerstag, änderte jedoch alles. Vater bekam per Post irgendein Schreiben, von dem er mir lange Zeit nichts erzählen wollte. Seitdem hat er sich immer so merkwürdig Mutter und mir gegenüber verhalten. Eine Woche später verabschiedete Vater sich von mir. Was genau er vorhatte, wollte er mir nicht mitteilen. Mutter teilte mir irgendwann später mit, dass er seiner Verpflichtung dem Vaterland gegenüber nachgehen müsse. Ich habe das damals schon nicht verstanden. Ich dachte immer, Vater hätte nur uns, seiner Familie und natürlich sich selbst gegenüber eine Verpflichtung. Von diesem Vaterland war noch nie die Rede gewesen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich am Tag der Abreise in Tränen ausbrach und Vater nur unter der Bedingung gehen ließ, dass er so bald als möglich wiederkäme. Äußerst widerwillig ließ er sich darauf ein, doch wie ernst die ganze Sache wirklich war, realisierte ich erst, als er sich unter Tränen von Mutter verabschiedete. Das war das erste Mal, dass ich ihn habe weinen sehen. Mutter weinte oft. Wenn das Geld knapp war, wenn wir eine Zeit lang nichts zu essen hatten, etc., etc. In der Zeit kurz nach Vaters Abreise, weinte sie besonders oft. Ich nahm sie dann stets in den Arm und erklärte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Vater habe mir schließlich versprochen, er käme bald wieder und ein wahrer Mann würde sein Versprechen niemals brechen.
Mutter sagte damals zu mir: "Hermann, jetzt bist du der Mann im Haus". Ziemlich viel Verantwortung für einen damals siebenjährigen, der ich jedoch gerne nachkam. Das ist mittlerweile drei Jahre her. Vater ist immer noch nicht zurück. Gehört haben wir nie von ihm. Wer auch immer dieser Vaterland ist, ich mag ihn nicht, denn er hat mir meinen Vater weggenommen, denn dass dieser ernsthaft sein Versprechen brechen würde, habe ich nie auch nur in Erwägung gezogen.
Nunja, seitdem war ich jedenfalls der Mann im Haus. Und ein Mann muss in der Lage sein, einen Schlitten bauen zu können. Aus diesem Grund habe ich Anna auch gesagt, dass er mein Werk sei. Naja, zugegebenermaßen wollte ich gerne etwas angeben. Nicht, weil dies in meinem Charakter so angelegt ist, sondern vielmehr, weil ich Anna gerne beeindrucke. Ich glaube nämlich, dass ich ein bisschen verliebt in sie bin. Aber nur ein bisschen. Nicht so wie die Erwachsenen. Die sagen das ihrem Partner nämlich ständig. Immer heißt es "Ich liebe dich", "Du bist alles für mich", "Ohne dich kann ich nicht leben", etc.,etc.
Nein, Anna werde ich niemals sagen, dass ich ein bisschen, ein kleines bisschen in sie verliebt bin. Das ist peinlich! Und, naja, was ist, wenn sie sagt, dass sie mich nicht mag? Nein, dann schweige auch ich lieber.
Nachdem wir ausgiebig im Schnee gespielt hatten, begleitete ich Anna, wie es mir zur Gewohnheit geworden, nach Hause. Auf dem Weg dorthin begegnete uns ein Auto, eines dieser großen Transporter, die in letzter Zeit des Öfteren durch unser Dorf fuhren.
Der Fahrer, als er unserer ansichtig wurde, brachte das Fahrzeug zum Stehen, kurbelte das Fenster herunter und rief uns zu. Anna und ich, der den Schlitten zog, hielten inne und drehten uns nach dem Wagen um. Der Fahrer, ein blauäugiger, blonder Mann, ungefähr Mitte zwanzig, rief: "Und? Fährt er gut?"
Hierbei wies er mit der Hand auf den Schlitten.
"Natürlich tut er das. Er wurde ja auch von meinem Vater gebaut", rief ich zurück.
"Von deinem Vater?", fauchte Anna mir leise zu und mir wurde bewusst, dass ich mein Geheimnis wohl verraten habe.
"Nun...ja", stammelte ich und errötete heftig.
"Dein Vater,hmmm", meinte der Fahrer. "Wo ist er mein Junge?"
"Weiß nicht. Das Vaterland hat ihn für sich beansprucht", sagte ich mit kaum zu überhörender Wehmut in der Stimme.
"Dein Vater ist ein ehrenhafter Mann. Ganz im Gegensatz zu dem ganzen Gesindel, das auf unseren Straßen wandelt", rief der Fahrer.
"Wen meinen Sie? Ich finde die Leute in unserem Dorf sehr nett", meldete Anna sich plötzlich zu Wort.
Der Fahrer runzelte ungläubig die Stirn. "Wenn das so ist, habt ihr wohl noch nie einen Juden getroffen. Es wird dunkel. Geht lieber schnell nach Hause, Kinder. Des Nachts lauern sie überall. Seid wachsam!"
"Wo fahren Sie zu solch später Stunde noch hin?", fragte ich neugierig.
"Ich handle im Auftrag des Vaterlandes. Eine äußerst wichtige Verpflichtung. Es geht um den Fortbestand unserer Rasse. Kommt, steigt schnell ein. Ich fahre euch vorher noch nach Hause. Zwei kleine Kinder sollten um diese Uhrzeit nicht mehr alleine draußen sein."
Anna und ich stiegen ein. Glücklicherweise war der Wagen so breit, dass der Schlitten noch hineinpasste. Der nette Mann fuhr uns beide bis vor die Haustür. Ich bedankte mich recht artig und war vollkommen beeindruckt.
Anna meinte zu ihm, kurz bevor er davon fuhr: "Ich möchte gerne nochmal mit diesem Transporter fahren."
"Vielleicht ergibt sich ja nochmal die Möglichkeit. Und jetzt geh ins Haus. Deine Mutter sorgt sich sicherlich schon um dich", sagte der Fahrer zum Abschied.
Später im Bett fragte ich mich, ob der junge Mann auch eine Familie zuhause hat sitzen lassen müssen, weil er auch für dieses Vaterland arbeiten muss. Mit diesem Gedanken werde ich gleich wohl einschlafen.
2. Februar 1942:
Es verschwinden spurlos Leute. Als wir heute in die Schule kamen, wurden wir von einem neuen Lehrer empfangen, der sich uns als Herr Göthen vorstellte. Der Mann war mir direkt zuwider. Seine kleinen, böse funkelnden Augen verrieten mir alles, was ich über diesen Menschen wissen musste. Wir machten heimlich Witze über seine Glatze. Auf die Frage, wo denn der gute Herr Schneider wäre, meinte er nur: "Der darf nicht mehr unterrichten. Ich bin euer euer Lehrer und ihr habt mir zu gehorchen, damit das klar ist."
Weitere Nachfragen duldete das Scheusal nicht. Bereits am ersten Tag mit ihm offenbarten sich seine seltsamen Erziehungsmaßnahmen. Wer nicht zuhörte oder mit dem Banknachbarn sprach, bekam sofort einen heftigen Schlag mit dem Lineal. Auch mich erwischte es, als ich mich einmal zu Anna herüberbeugte, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern.
15. Februar 1942:
Ich vermisse Herr Schneider und frage mich, wo er sich wohl gegenwärtig aufhält. Ich hoffe, er ist wohlauf. Er war ein toller Lehrer, gutherzig, immer lieb zu uns Kindern. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er auch nur einmal einen von uns geschlagen hat. Zudem war der Unterricht bei ihm viel interessanter. Wir haben lesen und rechnen gelernt. Herr Göthen dagegen ist der Ansicht, dass wir dergleichen nicht benötigen. Er lehrt uns etwas von der Biologie, wie er selbst es nennt. Ich mag dieses Fach nicht. Es geht um Menschen und ihre Wertigkeit. Heute hat er uns eine Art Schaubild präsentiert, welches Menschen in verschiedene Klassen einteilt. Außerdem redet er immer sehr schlecht über Juden. Ich weiß immer noch nicht, wer oder was das sein soll, habe jedoch die Vermutung, dass es irgendwie mit diesem Vaterland in Verbindung steht, denn auch das findet im Unterricht stets Erwähnung.
16. Februar 1942:
Heute hat Herr Göthen in unserem Klassenraum ein Plakat aufgehangen. Es zeigte einen uniformierten, schwarzhaarigen Mann, der einen, zumindest meines Erachtens, viel zu kurz geratenen Schnurrbart trug (lange nicht so schön, wie der den Vater immer zu tragen pflegte). Der Mann erschien mir aufgrund seines ernsten Blickes nicht gerade vertrauenswürdig, geschweige denn sympathisch. Die Unterschrift des Plakats lautete: Ein Volk, ein Reich, ein Führer!
Bei Herr Schneider haben wir so etwas nie gemacht. Seit Neustem dürfen wir uns schon nicht mehr mit "Guten Morgen" begrüßen, wie es unter unserem alten Lehrer noch an der Tagesordnung stand. Es dauerte eine Weile bis ich die neue Begrüßung verstanden habe, doch jetzt mache ich nur noch von ihr Gebrauch. Zumindest in der Schule.
Als ich heute nach hause kam, begrüßte ich meine Mutter, ganz so, wie es mir beigebracht wurde, mit "Heil Hitler".
"Hermann", sagte sie plötzlich, sichtbar erschüttert. "Komm her".
Ich gehorchte und setzte mich neben meine Mutter, woraufhin diese ausholte und mir eine kräftige Ohrfeige verpasste. Die Tränen schossen mir aus den Augen, obwohl ich mich bemühte, sie zurückzuhalten. Eigentlich war es weniger der Schmerz, der mich zum Weinen brachte, als der Schock über diese vollkommen ungewohnte Reaktion der Mutter, die mich normalerweise nie schlägt.
"Das will ich nicht noch einmal aus deinem Mund hören, hast du verstanden!", schrie sie mich an. Nun ließ ich hemmungslos meinen Tränen freien Lauf.
"Aber das haben wir in der Schule so gelernt. Ich muss doch immer das tun, was der Lehrer sagt. Das hast du mir doch so erklärt."
Auch Mutter begann wieder zu weinen und nahm mich schließlich in den Arm.
"Es tut mir leid, mein Engel. Ich wollte dir nicht weh tun. Aber sag das bitte nie wieder. Auch nicht in der Schule. Ich verbiete es dir."
"Aber warum denn?", heulte ich.
"Wegen diesem Mann hast du keinen Vater und ich keinen Ehemann mehr."
Ich wurde hellhörig als ich das Wort "Vater" vernahm und hakte nach: "Wie meinst du das? Vater ist doch wegen des Vaterlandes weg."
Ich hörte auf zu weinen. Die Neugierde war stärker als die Trauer und so lauschte ich andächtig der Mutter Worte.
"Weißt du, Hermann, das ist nicht so einfach zu erklären. Dein Vater ist damals nicht freiwillig weggegangen. Und dass er bis heute noch nicht zurückgekehrt ist, liegt an dem Mann, dessen Gruß zu gebrauchen, ich dir verbiete. Wir wollen deinen Vater ehren, indem wir uns weiterhin mit `Guten Tag´ begrüßen. Einverstanden?"
Mein Kopf arbeitete auf Hochtouren. Ich fühlte mich beinahe wie dieser sehr intelligente Mensch, der nach Amerika gegangen ist, aus welchen Gründen auch immer. Schließlich führten meine Überlegungen zu einem Ergebnis.
"Also ist dieser Hitler das Vaterland? Und das Vaterland ist Schuld daran, dass Vater weg ist?"
"So in etwa", sagte Mutter.
"Dann hasse ich Hitler und das Vaterland!", schrie ich lauthals auf und rannte in mein Zimmer. Ich sprang auf mein Bett, zog mir die Decke über den Kopf und fing wieder an zu weinen. Zwar kam ich mir dabei vor wie ein kleines Kind und das wollte ich nicht mehr sein, aber ich konnte einfach nicht anders. Somit beschloss ich, nie wieder mit "Heil Hitler" zu grüßen.
17. Februar:
"Heil Hitler, Kinder", grüßte uns Herr Göthen am nächsten Tag. Alle erwiderten den Gruß. Alle, außer mir. Ich grüßte, wie ich es auch zuvor immer getan und wie Mutter es mich gelehrt hatte.
"Guten Morgen, Herr Göthen."
Der Lehrer warf mir einen bösen Blick zu und kam langsam auf mich zu.
"Warum grüßt du nicht so, wie es sich gehört?", fragte er mich.
Unerschrocken blickte ich ihm in die Augen. Im Klassenzimmer herrschte vollkommene Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Anna, die neben mir saß, starrte mich mit weit geöffneten Augen an und ich wusste, dass sie es nicht wagte, zu atmen.
Mit ruhiger Stimme entgegnete ich jedoch: "In meiner Sprache begrüßt man sich immer noch mit `Guten Morgen´. Wenn Sie ein Problem damit haben, dürfen Sie es gerne behalten. Es ist schließlich ihres und nicht meines."
Herr Göthen lief rosarot an vor Wut, riss sich jedoch zusammen. Stattdessen fragte er: "Wer hat dir das beigebracht, du dämlicher Bengel?"
"Der gesunde Menschenverstand", log ich. Eigentlich war es ja die Mutter, doch die wollte ich nicht verraten. Was genau dieser Menschenverstand überhaupt ist, weiß ich nicht. Ich habe nur mal nebenbei mitbekommen, dass es so etwas anscheinend gibt, also habe ich den Begriff einfach in meinen Wortschatz aufgenommen und für besondere Situationen aufgehoben, Situationen wie dieser.
Meine Mitschüler lachten alle gellend auf. Alle, bis auf Anna, die sich nun die Hand vor den Mund hielt und sichtlich schockiert über mein Verhalten dem Lehrer gegenüber war.
"Seid still", schrie Herr Göthen aus Leibeskräften. Absolute Stille. Dann wandte er sich wieder mir zu.
"Wie dem auch sei, Hermann. Vielleicht kannst du mir stattdessen eine Frage beantworten. Wer ist Schuld daran, dass wir den Krieg verloren haben?"
Ich überlegte, diesmal ernsthaft. Schließlich antwortete ich: "Unfähige Soldaten?"
Aus des Lehrers Reaktion schloss ich, dass meine Antwort wohl falsch war, denn er verpasste mir mit dem Lineal einen heftigen Schlag auf den Kopf. Auch wenn der Schmerz entsetzlich war, gelang es mir, die Tränen zurückzuhalten. Vor Anna wollte ich mir nicht diese Blöße geben. Ich dachte an meinen Vater und daran, wie stark er immer war. Ein Mann musste schließlich stark sein und durfte nicht weinen. Weinen, das durften Frauen und Mädchen. Ich aber nicht, denn ich war ja nun der Mann im Haus.
"Neue Chance", sagte Herr Göthen. "Kannst du mir sagen, wer den Kommunismus und den Kapitalismus begründet hat? Wer den ganzen Tag auf der faulen Haut liegt und uns Deutsche ausraubt und manipuliert? Wer heimtückisch schmarotzt, unsere Rasse auszurotten und die Weltherrschaft an sich reißen zu gedenkt und allgemein für alles Übel in der Welt verantwortlich ist? Kannst du mir das sagen, Hermann?"
"Sie etwa?", sagte ich vorsichtig und bereute meine vorlaute Antwort sofort, denn nun gab es für Herrn Göthen kein Halten mehr. Diesmal lachte von den anderen Kindern niemand. Der Lehrer schrie mich wütend an: "Du vorlauter Bengel. Es sind die Juden! Merk dir das! Die Juden, die Juden, die Juden! Merk dir das!"
Mit diesen Worten schleuderte er mich zu Boden und verpasste mir einen Schlag nach dem anderen, während er weiterhin einige unverständliche Worte schrie. Nun begann ich doch vor Schmerzen laut zu schreien und verzweifelt aufzuheulen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie auch Anna leise weinte. Waren daran auch diese Juden Schuld, wer auch immer das sein mochte? Wohl kaum! Jedenfalls glaubte ich es nicht.
20. Februar 1942:
An jenem Tag kam ich von Wunden nur so übersäht nach der Schule nach Hause. Mein rechtes Auge war blau, das Gesicht verklebt mit vertrocknetem Blut. Zudem humpelte ich leicht.
Meiner besorgten Mutter berichtete ich alles, was sich zugetragen und auch die Gründe für mein Verhalten. Die Mutter, stolz wie Oskar teilte mir ihre grenzenlose Liebe zu mir mit und versprach mir, dass sie dafür Sorge tragen werde, dass Herr Göthen mich nie wieder derart zurichten würde. Mit der Erklärung, sie habe diesbezüglich noch etwas zu erledigen, verließ sie das Haus und kehre erst gegen Abend wieder.
Was auch immer Mutter getan hatte, es zeigte Wirkung. Herr Göthen ließ in den Folgetagen von mir ab. Nie wieder rührte er mich auch nur an. Er hatte sich auf andere Opfer konzentriert. Was habe ich nur für eine tolle Mutter!
23. Februar 1942:
Herr Göthen hat uns heute in der Schule ein Bild von einem Juden gezeigt. Abgebildet war ein kleiner, dicker Mann mit einer krummen Nase und einem hinterlistigen Gesichtsausdruck. Er war fein gekleidet, hielt in der einen Hand einen Aktenkoffer und in der anderen einige Bündel mit Geldscheinen.
Ich war froh, nun endlich ein Bild von den Juden vor Augen zu haben. Endlich wusste ich, was ein Jude überhaupt war. Herr Göthen erklärte uns, dass man es einem Menschen ansehen würde, wenn er jüdischer Abstammung wäre und man dann nicht zögern dürfe. Was genau er damit meinte, erklärte er zwar nicht, betonte jedoch wie böse Juden seien und dass sie unsere Rasse bedrohen würden. Was das nun wieder zu bedeuten hatte, erschloss sich mir nicht. Um ehrlich zu sein, passte ich im Unterricht auch nicht mehr wirklich auf. Es machte mir einfach keinen Spaß mehr. Viel lieber würde ich rechnen und lesen, so wie es noch früher mit Herr Schneider war. Was der gute Mann wohl gerade macht? Ich hoffe nach wie vor, er ist wohlauf. Fragen über Fragen. Was heutzutage von einem Zehnjährigen alles verlangt wird.
Der dicke Fritz, der in der letzten Reihe saß, fragte den Lehrer, ob es sich bei dem Mann auf dem Plakat, das seit Herr Göthens Amtsantritt nun schon in unserem Klassenzimmer hing, ebenfalls um einen Juden handelte. Just in diesem Augenblick fiel auch mir die große Ähnlichkeit auf, die der Mann mit dem viel zu kurzen Schnurrbart mit dem abgebildeten Juden in unserem Schulbuch, aufwies, weshalb ich die Frage für durchaus berechtigt hielt. Herr Göthen hat das wohl anders gesehen. Er war alles andere als zufrieden mit dieser Frage und verprügelte den armen Jungen vor der ganzen Klasse wie er kürzlich auch mich misshandelte.
26. Februar 1942:
Den Nachmittag verbrachte ich wieder mit Anna. Draußen hatte es sehr zu unserer Freude wieder geschneit. Der Schnee tauchte das ganze Land in ein herrlich beruhigendes Weiß. Alles war so friedlich, alles war so schön. Ich wünschte mir, der Tag mit Anna wäre niemals zuende gegangen.
Wir bauten einen Schneemann. Wir gaben uns derart viel Mühe, dass er uns an Größe bald schon überrage. Unser Werk war fast vollendet, es fehlte nur noch die Nase. Ich suchte den Boden ab, was aufgrund des hohen Schnees kein leichtes Unterfangen darstellte bis ich schließlich fündig wurde. Ich hatte einen kleinen Zweig gefunden, der allerdings ein wenig gebogen war. Feierlich komplettierte ich unser Werk und befestigte den Zweig als Nase in unseres Schneemanns Gesicht.
Anna jubelte und ich stand stolz, mit verschränkten Armen da und bewunderte unsere Arbeit.
"Sieh dir mal die Nase an", sagte ich schließlich. "Sie ist so krumm und gebogen. Unser Schneemann ist wohl ein Jude."
Sofort bemerkte ich, dass ich wohl etwas Falsches gesagt haben musste, denn Anna lief rot an und sah beschämt zu Boden, ungefähr so wie ich, als sie bemerkt hatte, dass mein Vater den Schlitten gebaut hatte und nicht ich.
"Ist was?", erkundigte ich mich und legte vorsichtig einen Arm um Annas Schultern. Dabei lief wiederum ich rot an. Ich spürte, wie mein Herz höher schlug und ich leicht zu schwitzen begann. Nichtsdestotrotz genoss ich die Berührung und diese Nähe zu Anna.
"Hermann, ich muss dir etwas sagen", meinte sie endlich und blickte mich nun an. "Etwas, das aber unbedingt unser Geheimnis bleiben muss. Es darf niemand wissen."
"Ich verspreche, niemandem etwas davon zu sagen. Darauf kannst du Gift nehmen, Anna. Worum geht es?"
Anna war sichtlich betroffen. Sie sah abwechselnd erst den Schneemann, dann den Boden und schließlich mich an.
"Ich bin Jüdin", sagte sie, nachdem sie endlich den Mut gefasst hatte, mir ihr Geheimnis zu verraten.
"Ehrlich?", fragte ich erstaunt.
"Naja, also meine Eltern sind Juden. Ich gehe mal davon aus, dass es mich dann wohl auch erwischt hat."
"Das verstehe ich nicht", sagte ich. "Du bist doch ein Mädchen."
"Ja, ja. Aber ein jüdisches Mädchen."
"Für mich sind alle Mädchen gleich."
"Ich weiß nicht."
Es entstand ein peinliches Schweigen. Wir sahen uns gegenseitig an und wussten nicht, wie wir zu reagieren hatten. Ich war vollkommen verwirrt, verstand die Welt nicht mehr.
"Aber, du siehst doch gar nicht so aus wie der Jude auf dem Bild."
Anna zuckte die Achseln.
Ich fuhr fort: "Herr Göthen hat doch gemeint, man erkennt einen Juden sofort, wenn man ihn sieht."
Anna zuckte die Achseln.
Erst jetzt realisierte ich, wie enttäuscht ich in Wahrheit über Annas mir anvertrautes Geheimnis war. Nicht, dass ich enttäuscht darüber wäre, dass sie jüdisch sei. Nein, das war mir einerlei. Ich war enttäuscht darüber, dass sie mir nicht gesagt hatte, dass sie mich sehr mag. Das wäre ein viel schöneres Geheimnis gewesen und tief in meinem Innern, wünsche ich mir nichts sehnlicher. Mal abgesehen davon, meinen Vater wiederzusehen. Doch dabei wollte ich es nicht belassen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte: "Ich muss dir auch etwas sagen."
Anna sah mich erwartungsvoll an. Ich dachte angestrengt nach, was man mir vermutlich auch ansah. Die Worte waren, da sie derart bedeutungsvoll waren, mit Bedacht zu wählen.
"Ich...ich wollte dir nur sagen...ähm...also...", stammelte ich.
Ohne Vorankündigung nahm Anna auf einmal meine Hand. Beschämt blickte ich zu Boden.
"Ich wollte dir nur sagen, dass du schöner aussiehst, als der Jude auf dem Bild."
Vorsichtig sah ich wieder auf, um Annas Reaktion mitzubekommen. Sie setzte ein wunderschönes Lächeln auf, dessen Anblick mein Innerstes mit Wärme erfüllte.
"Lieb von dir", sagte sie mit ihrer lieblichen Stimme und umarmte mich ganz fest. Ich erwiderte die Umarmung und hätte fast begonnen zu weinen, so überwältigt war ich plötzlich von meinen Gefühlen, die ich in einer derartigen Intensität nie zuvor gespürt hatte. Doch mir gelang es, die Tränen zurückzuhalten. Ein Mann darf schließlich nicht weinen. Das dürfen die Mädchen und Frauen aber ich nicht. Ich bin ja der Mann im Haus. Jedenfalls hatte ich nun endgültige Gewissheit. Ich war in Anna verliebt. Und das mehr als nur ein bisschen.
2. März 1942:
Seit dem 26. Februar war Anna auf einmal spurlos verschwunden. Sie kam nicht mehr in die Schule. Nachmittags suchte ich das Haus auf, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, doch niemand war zuhause. Die ganze Situation ängstigte mich zutiefst und ich verspürte schier unerträgliche Schmerzen in meinem Herzen. Was, wenn ihr etwas zugestoßen war? Was sollte ich nur machen? Glücklicherweise tauchte sie am heutigen Tag wieder auf, sie ging ganz normal weiterhin zur Schule. Obwohl sie es laut eigener Aussage zutiefst rührend fand, dass ich derart um sie besorgt war, wollte sie mir nicht erzählen, wo sie war. Zu meinem Leidwesen musste ich feststellen, dass sie fortan in der Klasse gehänselt und beleidigt wurde. Natürlich versuchte ich sie so gut wie möglich zu verteidigen, doch vermochte ich nicht viel gegen die zahlreichen Übergriffe auszurichten. Zuvor war Anna in der Klasse recht beliebt, was mich nur noch mehr verwirrte. Ich vermutete jedoch, dass es irgendetwas mit dem seltsamen Zeichen zu tun hatte, das Anna auf einmal an ihrer Jacke trug. Es war eine Art Stern, ein Zeichen, das ich zuvor noch nie gesehen hatte und welches sich zuvor auch nicht auf ihrer Jacke befunden hatte.
Im Unterricht zeichnete Herr Göthen dieses Zeichen sogar an die Tafel und schrieb direkt daneben: Wer dieses Zeichen trägt ist ein Feind unseres Volkes!
Anschließend wandte er sich an Anna.
"Nun Sarah, möchtest du dich vielleicht dazu äußern?"
Verwirrt sah ich abwechselnd den Lehrer und dann Anna an. Ich musste mich wohl verhört haben. In unserer Klasse gab es keine Sarah.
Anna erwiderte nichts, sondern stand wortlos auf und verließ schnellen Schrittes das Klassenzimmer. Ich eilte ihr, ohne nachzudenken hinterher. Herr Göthen ließ mich gewähren, brach jedoch wie all meine Mitschüler in boshaftes Gelächter aus, das mir die Tränen in die Augen trieb.
Auf dem Flur rief ich Anna hinterher: "Anna! Anna, so warte doch. Wo willst du denn hin?"
"Ich darf nicht mehr auf diesen Namen hören", schluchzte das arme Mädchen. "Nun, dann...Sarah?"
Jetzt blieb Anna stehen und ich holte sie schließlich ein. Wir standen uns nun gegenüber.
"Ich heiße ab sofort Sarah", erklärte mir Anna unter Tränen.
"Also das ist...sehr verwirrend", sagte ich. "Warum denn das?"
"Das weißt du doch ganz genau", erwiderte Anna in vorwurfsvollem Ton und ich konnte tatsächlich einen Zusammenhang herstellen. Auf einmal war es, als ginge mir ein Licht auf, das die trüben Nebelschwaden durchdrang.
"Weil du jüdisch bist", stellte ich resigniert fest. Sie nickte nur stumm. Jetzt war es an mir, sie in den Arm zu nehmen, was ich auch tat.
"Dann heißt du eben Sarah. Das ist auch ein schöner Name. Sei nicht traurig. Mir ist es ohnehin einerlei, wie du heißt. Ich mag dich so oder so."
"Danke, Hermann", schluchzte Anna und drückte mich so fest an sich, dass ich glaubte, sie würde mich zerdrücken.
"Wir werden immer Freunde bleiben", versprach sie mir unter Tränen.
"Ja...Freunde...", antwortete ich zugegebenermaßen etwas enttäuscht. An diesem Tag kehrte keiner von uns in den Unterricht zurück.
3. März 1942:
"Darf ich dich etwas fragen, Mutter?"
Mutter und ich saßen zusammen am Küchentisch. Ein weiterer furchtbarer Tag war vergangen. Ein Tag, an dem Anna in der Schule gehänselt wurde und Herr Göthen dieses Verhalten auch noch billigte. Annas Tränen zerrissen mir wahrlich das Herz.
"Jederzeit, mein Sohn."
"Sind Juden schlechtere Menschen?", stellte ich die Frage, die mich nun schon seit längerer Zeit quälte und die meinen Schlaf trübte.
Mutter lächelte sanft. "Nein, das sind sie nicht. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden. Mensch ist Mensch!"
"Das habe ich mir schon gedacht", meinte ich, sehr erleichtert über diese Auskunft, die mein Gewissen reinigte und meine unruhige Seele beruhigte.
"Warum fragst du?", hakte meine Mutter nach.
"Angenommen du wärst ein Mann. Wie würdest du einem Mädchen deine Liebe gestehen", stellte ich eine Gegenfrage um etwas vom Thema abzulenken und um die andere Sache loszuwerden, die mir keine Ruhe mehr ließ.
"Bist du etwa verliebt?", wollte die Mutter wissen.
Energisch sagte ich: "Nein, natürlich nicht! Es ist eine rein theoretische Frage."
Nun, Mutter ist alles andere als dumm. Gernerell scheint es allen Müttern zu eigen zu sein, die Sorgen und Nöte ihrer Kinder sofort zu erkennen, selbst wenn diese, wie in meinem Falle, lügen. Dementsprechend schlussfolgerte Mutter mit ihrem messerscharfen Verstand: "Du bist in ein jüdisches Mädchen verliebt, hab ich Recht?"
Ich sah nun keinen Grund mehr, mein Geheimnis für mich zu behalten und nickte, wobei ich beschämt den Blick senken ließ.
Mutter lächelte schwach und legte ihre warme, tröstende Hand auf meine Schulter.
"Hermann, das ist wunderbar. Doch so leid es mir tut. Das Mädchen und du, ihr könnt niemals ein Paar sein."
Ich nickte erneut und spürte, wie sich in meinem Hals ein Kloß bildete.
"Wie heißt sie denn?"
"Sarah."
"Nein, nein. Ich meine ihren richtigen Namen."
"Anna", murmelte ich kaum merklich, mich sehr bemühend, die Tränen zurückzuhalten.
"Ein schöner Name", stellte Mutter anerkennend fest.
"Warum machen die das?", wollte ich wissen. In meinen Augen glänzten bereits die Tränen, meine Stimme war schwach.
Mutter, die intelligente Frau wusste natürlich genau, was ich meinte.
"Ich begreife es auch nicht. Es erstaunt mich immer wieder wie kreativ Menschen auf einmal sind, wenn es darum geht, ihren Mitmenschen Leid zuzufügen. Der Mensch scheint aus den Fehlern der Vergangenheit nicht zu lernen."
"Mutter, was soll ich tun?"
"Gestehe ihr einfach deine Liebe. Sag ihr, wie viel sie dir bedeutet. Denk nicht zu viel darüber nach. Auch wenn ihr keine Zukunft haben werdet, so ist es doch wichtig, dass sie es weiß. Dein Herz und deine Seele wird erst Frieden finden, wenn du ihr es sagst."
Mutter nahm mich tröstend in ihren Arm und ich wollte nun nicht länger stark sein und begann hemmungslos zu weinen. Auch der stärkste Mann wird zuweilen von seinen Gefühlen übermannt. Das habe ich von Vater gelernt. In meinen Gedanken kamen wieder die Bilder auf als er sich damals unter Tränen von seiner Familie verabschiedete. Der Gedanke daran, machte mich nur noch trauriger.
"Ich wünschte, Vater wäre noch hier", schluchzte ich. "Er wusste immer, was zu tun war."
"Ich vermisse ihn auch, Hermann. Aber vergiss niemals, dass du in der Welt das wichtigste für mich bist. Ich liebe dich über alles!"
"Ich liebe dich auch Mutter! Und gleich morgen werde ich Anna sagen, dass ich auch sie liebe!"
Dann brachte Mutter mich zu Bett, doch schlafen konnte ich mitnichten...
4. März 1942:
Ich hatte es mir fest vorgenommen. An diesem Tag würde ich Anna endlich mitteilen, wie viel sie mir bedeutet. Ich würde stark sein, stark wie ein Mann, stark wie mein Vater es war. Direkt nach der Schule, wenn ich sie, wie jeden Tag, nach Hause begleite, würde ich es sagen. Direkt, unmissverständlich und der sich daraus ergebenden Konsequenzen bewusst.
Ich bemühte mich, den Fokus zunächst noch auf den Unterricht zu legen, was mir jedoch nicht gelang. Heute ging es um Krieg und Gewalt, ein Thema, das mir ohnehin schwer missfiel, gegen das sich mein Innerstes unwillkürlich sträubte. Nichtsdestotrotz versuchte ich, möglichst glücklich und gelassen zu wirken, scherzte gelegentlich mit Anna, doch sie ging nicht darauf ein. Ich fragte sie daraufhin, ob alles in Ordnung sei, doch sie gab keine Antwort. Sie wirkte wie in eine vollkommene Lethargie und Apathie versetzt, sprach kaum ein Wort, zitterte am ganzen Leib und vermied Blickkontakt. Die zahlreichen abscheulichen Worte, die man ihr an den Kopf wurf, wie "Judensau" oder "Volksfeind", trugen ihren Teil dazu bei. Ich war zutiefst traurig über meine eigene Machtlosigkeit und fragte mich doch zugleich fieberhaft, was nur mit Anna los sei. Sie war doch sonst immer so stark, so tapfer. Was konnte ihr nur widerfahren sein? Es war als hätte sie eine sehr düstere Vorahnung, die wie eine schwarze Gewitterwolke schwer über sie herabhing und sie jedwedem Optimismus und Lebensfreude beraubte.
Dann, urplötzlich und ohne Vorankündigung, geschah es: Jemand klopfte an der Tür und kurz darauf betrat mitten in der dritten Stunde ein großgewachsener, uniformierter Mann mit blauen Augen und blondem Haar das Klassenzimmer. Augenblicklich erkannte ich in ihm den Fahrer, der Anna und mich vor einigen Wochen Abends vom Schlittenfahren nach Hause gefahren hatte.
"Heil Hitler, Herr Göthen. Heil Hitler, Kinder", grüßte er und ließ die obligatorische Armbewegung folgen.
"Heil Hitler", skandierten meine Mitschüler, nur ich blieb bei meinem "Guten Morgen". Anna sagte nichts.
"Heil Hitler, Oberstleutnant Hofreiter! Treten Sie doch bitte ein", empfing ihn der widerwärtige Herr Göthen und schüttelte dem Mann die Hand.
"Sparen Sie sich die Floskeln. Sie wissen, weshalb ich hier bin", brummte der Uniformierte, der sich als Herr Hofreiter herausstellte. Ich bemerkte, dass er am Arm seiner Uniform ebenfalls ein Zeichen trug. Sofort musste ich an das Zeichen auf Annas Jacke denken, stellte jedoch schnell fest, dass es ganz anders aussah, wenngleich es einem Stern doch nicht gänzlich unähnlich war.
"Natürlich, mein Herr. Sie sitzt dort vorne, in der zweiten Reihe", sagte Herr Göthen und mir rutschte das Herz in die Hose, als der Lehrer seinen Arm hob und auf Anna zeigte.
"Die habe ich schon von weitem erkannt. Juden kann ich förmlich riechen", prahlte Hofreiter und setzte ein breites Grinsen auf, das seine strahlend weißen Zähne entblößte.
Er kam auf uns zu. Seine schwarzen Stiefel ließen den Holzboden unter ihm erzittern.
"Ich möchte dich bitten, mitzukommen, Sarah", säuselte der Oberstleutnant und blieb direkt vor uns stehen. Da stand er nun, bäumte sich auf, warf einen dunklen Schatten auf Sarah und mich und bot ein angsteinflößendes Bild des Schreckens. Im Klassenraum war absolute Stille vorherrschend. Keiner wagte es laut zu atmen oder gar dem Sitznachbarn einen verstohlenen Blick zuzuwerfen.
Unwillkürlich fragte ich mich, woher der Mann wusste, dass wir Anna seit kurzem nur noch Sarah nannten. Schnell verwarf ich diese Frage, da sie mir unberechtigt erschien.
Ich sah entsetzt wie Anna, wie Espenlaub zitternd, sich langsam von ihrem Stuhl erhob und auf den Mann zukam.
"Nein", schrie ich reflexartig auf, war blitzschnell auf den Beinen und sprang mit einem Satz zwischen Sarah und Hofreiter.
"Wenn Sie sie haben wollen, müssen Sie zunächst an mir vorbei", sagte ich mit fester Stimme und absoluter Entschlossenheit. Derart entschlossen war ich nie zuvor in meinem Leben gewesen. Von hinten spürte ich, wie Anna sich an mich schmiegte.
"Soll das ein Witz sein", bellte der Oberstleutnant. "Du verteidigst einen Volksfeind? Was bist du für ein Deutscher?"
"Wenn das zum Deutschsein dazugehört", so entgegnete ich. "Dann will ich kein Deutscher mehr sein!"
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie die Mundwinkel aller der im Raum anwesenden schlagartig herunterklappten und sich die Augen weiteten, ganz besonders die von Herrn Göthen, der augenscheinlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
Der vor Wut rot angelaufene Hofreiter bellte nur: "Wie kannst du es wagen, dein Vaterland zu verraten!"
"Mein Vaterland? Ich habe einen Vater aber kein Vaterland. Euer sogenanntes Vaterland hat mich meines Vaters beraubt!"
Ich selbst war erstaunt über den Mut, den ich in dieser Situation aufgebracht hatte. Dennoch kann ich nicht behaupten, dass es mir schwerfiel. Das Gegenteil war der Fall. Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus, ohne dass ich darüber nachdenken musste. Es fühlte sich einfach richtig an. Intuitiv.
Der Oberstleutnant war vollkommen perplex und blieb zunächst wie angewurzelt stehen. Ich nutzte diese Gelegenheit, drehte mich zu Anna um und sagte dem verängstigten, jedoch offensichtlich zutiefst beeindruckten und stolzen Mädchen direkt ins Gesicht: "Anna, hiermit möchte ich dir mitteilen, dass ich dich über alles liebe! Du bist das Mädchen meiner Träume und du bedeutest mir alles!"
Im Klassenraum getraute sich nach wie vor niemand, das Wort zu erheben, geschweige denn zu lachen. Alle kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Anna lief nicht rot an, ich ebenfalls nicht. Stattdessen sahen wir beide uns so tief wie nie zuvor in die Augen, so tief, dass ich vermeinte in ihre Seele blicken zu können. Ihre reine, gütige, einmalige Seele.
Anna setzte ein bezauberndes Lächeln auf, aufrichtig und ernst. Dann küsste sie mich. Sie küsste mich wie die Erwachsenen es zu tun pflegen. In diesem Moment dachte ich an Vater und darauf wie stolz er wohl wäre, dass sein Sohn jetzt ein Mann war. Ich schlang meine Arme um das zierliche Mädchen und genoss den Kuss so sehr wie ich noch nie zuvor etwas im Leben genossen hatte. Der schönste Moment meines Lebens würde jäh durch zwei grobe Hände unterbunden, die mich von hinten an der Schulter packten und brutal zu Boden schleuderten. Es war Hofreiter, der nun auch Anna unsanft am Handgelenk packte und sie von mir wegzog.
Anna jedoch beachtete ihn gar nicht und mich verträumt an. Nur mich und sonst niemanden.
"Ich liebe dich auch, Hermann", wisperte sie und ließ mich mit diesen Worten erstrahlen und mein Herz endlich Frieden finden.
Der Oberstleutnant wandte sich an Herrn Göthen, der teilnahmslos dem ganzen Geschehen beigewohnt hatte.
"Ich befürchte, wir müssen dem Führer Bericht von Ihren anscheinend fragwürdigen Erziehungsmaßnahmen erstatten. Offensichtlich ist es Ihnen nicht gelungen, diesen Bengel von der Wichtigkeit unserer Pflicht ausreichend in Kenntnis zu setzen."
Wie er diese Worte vernahm, erbleichte Herr Göthen und sackte auf seinem Stuhl zusammen, ohne dem etwas zu entgegnen. Er wusste offenbar nur zu gut, was das für ihn bedeutete.
Ich dagegenn richtete mich langsam wieder auf und sah Anna in die Augen.
"Versprich mir, dass du wiederkommst", flehte ich, mit Tränen in den Augen.
Anna, die ebenfalls leise weinte, sagte: "Ich verspreche es. Pass gut auf dich auf, Hermann. Sei immer wachsam und komme nicht vom rechten Weg ab!"
Der Oberstleutnant, nach wie vor verwirrt und mit der Situation etwas überfordert musterte mich nun genauer und an dem plötzlichen Glänzen in seinen Augen, merkte ich, dass er mich nun erkannt hatte. Er grinste hämisch.
"Deine Freundin darf jetzt nochmal mit dem Transporter fahren."
Mit diesen Worten wollte er sich zum Gehen wenden, doch Anna entriss sich seines Griffes, fiel mir um den Hals und küsste mich ein letztes Mal.
Hofreiter wirbelte herum und packte sie erneut, diesmal so grob, dass sie laut aufschrie und entfernte sich mit ihr.
"Ich liebe dich", rief ich ein letztes, verzweifeltes Mal den beiden hinterher, doch Anna hatte es vermutlich nicht mehr gehört. Mit einem Mal sprangen alle Kinder auf, rannten zum Fenster und beobachten, wie Anna in dem gleichen Transporter untergebracht wurde, in dem wir beide schonmal nach Hause gefahren wurden. Viele meiner Mitschüler begannen zu weinen, so auch ich. Herr Göthen dagegen rührte sich nicht von der Stelle und war so bleich wie die Kreide mit der er zuvor noch Wörter wie "Volksfeind" an die Tafel geschrieben hatte.
30. August 1950:
Die Hoffnung, Anna vielleicht doch noch irgendwann wiederzusehen, die mich durch die Jahre getragen hat, musste ich mittlerweile verwerfen. Genauso wie auch den innigen Wunsch meinen Vater wiederzusehen. Nur Mutter war mir noch geblieben. Sie liebte ich mit einer unbeschreiblichen Hingabe, wie es kein Liebhaber besser könnte.
Der Krieg und alle mit ihm verbundenen Schrecken sind nun vorbei. Ein neues Zeitalter bricht an. Mir bleibt nichts anderes übrig als das Leben so zu akzeptieren, wie es eben ist und versuchen aus allem, das Beste zu machen. Es muss bergauf gehen!
Anna werde ich für immer im Herzen tragen. Unsere Liebe hat auch noch im Tod Bestand und wird niemals erlischen. Heute ehre ich alle Opfer des Krieges, allen voran Anna, das einzige Mädchen, das ich jemals geliebt habe und meinen Vater, der mir immer ein Vorbild von wahrer Stärke war und der mir gezeigt hat, was es heißt, ein Mann zu sein.
Ich werde meinen Teil dazu beitragen, zusammen mit den zukünftigen Generationen zu gewährleisten, dass so etwas nie wieder geschieht. Das bin ich ihr und ihm schuldig. Schuld trage ich nicht, die Verantwortung liegt jedoch bei uns allen, auch bei mir. Und so verbleibe ich, zwar mit einem gebrochenen Herzen, jedoch mit innerem Frieden, da ich stets so gehandelt, wie ich es für richtig gehalten! Nun ist es Zeit für eine moralische Revolution, für Anna und Vater und all die anderen Menschen, die sinnlos ihr Leben lassen mussten und die für mich wohl auf Ewig gesichtslos bleiben werden.
Liebe hat uns zusammengehalten, auch in den dunkelsten Stunden und auf diese Art haben wir ein Zeichen gesetzt in einer düsteren, herzlosen Welt und dem Hass getrotzt! Und ich bereue nichts!
Hermann Friedrich

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