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Seven

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7.1.2019 17:42
12 Ab 12 Jahren
Abgebrochen

Vorwort


Es ist grausam, Hoffnung zu wecken, wo keine angebracht ist, denn sie verwandelt sich am Ende bloß in Enttäuschung, Verbitterung, Wut; in all die Gefühle, die unser Leben noch schwieriger machen, als es ohnehin schon ist.
Angst wird mein ständiger Begleiter sein, die Einsamkeit mein bester Freund.
Deshalb erzähle ich es euch. Denn ich möchte euch etwas verständlich machen. Ich möchte, dass ihr versteht.
Der ein oder andere von euch wird es grausam finden. Einige übertrieben. Und andere werden einfach nur entsetzt sein.
Und ihr alle werdet euch dabei irren.

Lasst mich euch meine Geschichte erzählen, eine Geschichte über die sieben heiligen Schriften, die wichtigsten und bestgehütetsten Schriften meiner Zeit, welche ein Jüngling wie ich eigentlich niemals anfassen, geschweige denn auch nur einen Gedanken daran verschwenden darf, aber beginnen wir schön der Reihe nach ...


Aus den verfluchten Chroniken von Aphesa,
niedergeschrieben vom Chronisten Enard
im Jahr 007 der neuen Zeitrechnung




Prolog – Das verbotene Kind


Serra flüchtete an Marktständen vorbei, in eine schmale, verlassene Gasse. Die Elbin rang angestrengt nach Luft. Der sich ankündigende Lärm der Soldaten ebbte langsam ab.
In einer Welt, wo die Frau dem Mann, vor allem aber den königlichen Offizieren untergeordnet war, war es Personen wie ihr unter keinen Umständen erlaubt, das Innere der Hauptstadt Cetos auch nur in Augenschein zu nehmen.
Die junge Frau wollte ihrem Mann, Ferros, welcher dem König treu diente, von dem Schicksal berichten, welches sie unbeabsichtigt in die Welt gebracht hatte.
Es war nämlich strengstens verboten, auf natürliche Art und Weise ein Kind zu zeugen, jetzt nur noch über die Generatoren, von den kühnsten Erfindern, den Zwergen erdacht, möglich, welche Aussehen, Charakter und spätere Bestimmung festlegten, die als unveränderbar galten. Trotz allem war Serra das Glück des eigenen Kindes vergönnt.
Regelbrecher wurden mit dem Tode bestraft, also versuchte Serra alles, damit es auch ihr Geheimnis blieb. Als sie sich gewahr wurde, dass sie unmöglich zu Ferros gelangen konnte, überlegte sie sich schnell einen anderen - auch, wie sie zugeben musste - viel sicheren Plan, der einfach klappen musste.

Hoffentlich würde ihr Mann, mit dem sie ja gar nicht zusammen sein durfte, diesen schweren Schritt der gemeinsamen Erziehung mit ihr bestreiten und ihn verstehen.
Menschen durften nur mit ihresgleichen ein Kind, ausgespuckt vom dem Generator, empfangen. Serra kannte aber eine gute Freundin, eine Drachin, die mit einem Menschen schon seit vielen Jahren glücklich zusammen lebte und zu diesem ungewöhnlichen Paar war sie nun auch unterwegs.
Mit seiner dominanten, sowie recht elitären Art, würde es gewiss nicht leicht werden, ihren Liebsten zu überzeugen, doch die azurfarbene, geschmeidige, altertümlich mit weißer Schürze und braunen Lederstiefeln gekleidete Mutter war doch recht guter Dinge.
Zum einen würde ihr endlich ein Weg geebnet, der Zuversicht versprach, und zum anderen würde ihr Mann, wenn sie ihren Sohn zuerst in die Obhut ihrer Freundin brachte, viel umgänglicher sein, dessen war sich die junge Elbin sicher.
Ihre bronzefarbenen Haare, die ihr lockig über die Schultern fielen, umhüllten ihr wohlgeformtes Gesicht, das vom Schweiß der Anstrengung gezeichnet war.
Schnellen Schrittes und sehr flinkfüßig kam sie an einem Wald an. Zielstrebig steuerte sie auf dessen dunkelstes Inneres zu. Tief hängende Äste schlugen ihr peitschend und hart ins Gesicht, als sie sich tapfer weiter vorkämpfte.
Eisblaue Augen kannten nur ein einziges Ziel, die heilige Bibliothek, genannt Miraka und vor bösartigen Augen im Finsterwald geschützt.

Mit letzter Kraft, geraubt durch die nervenaufreibende Hetzerei, klopfte sie an das hölzerne, mit prunkvollen Verzierungen geschmückte Eingangstor, welches auch sogleich geöffnet wurde. Eine Drachin, welche es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, alle Schriften von Miraka mit ihren Leben zu beschützen, öffnete nicht sehr überrascht die Tür.
„Ich habe deine Ankunft schon erwartet. Die Sterne sagen deinem Jungen eine große Aufgabe voraus. Gerold, mein Mann, ebenfalls ein Mensch, wird deinen Jungen eine gute Ausbildung zum Leser, dessen Stellung nur besonderen Bewohner unseres Planeten Terras vorgesehen ist, zu teil werden lassen!“
Serra nickte und überreichte ihrer Freundin ihren Sohn.
„Passe gut auf ihn auf und lass den zurzeit herrschenden König niemals erfahren, dass ich einen Menschen gebar, ihn natürlich gezeugt habe und nicht, wie es inzwischen Brauch ist, mit unsinnigen Generatoren.“
Die Ziehmutter war sich dieser Tatsache genauso wie Gerold, ihr Ehemann, der neben seiner treuen Frau stand, mehr als nur bewusst. Serra lächelte, streichelte ihr Baby ein letztes Mal, ehe sie sich auf den beschwerlichen Weg zurückbegab, um ihren Mann die natürliche, wirkliche Geburt ihres Sohnes zu beichten.

Auf dem Weg zurück übermannte sie plötzlich eine tiefe, schwer auf ihren Schultern lastende Müdigkeit. Die junge Mutter spürte, dass es bald mit ihr vorbei sein würde, was sie verzweifeln ließ, wollte sie in ihrem Leben doch noch so viel erreichen.
Glücklich, nach der wahrscheinlich hitzigen Diskussion mit ihrem Mann, wollte sie noch einmal von vorne beginnen, mit einem Anfang, dessen Ende ungewiss war.
Diesmal mit einem ehrlichen Kind. Gerold würde ihren Jungen gewiss gut ausbilden, dies wusste sie. Eine einzelne Träne rollte ihre Wange hinab und suchte sich den Weg auf den Boden, ausgelöst durch die Trauer und den Kummer.
Auch der Umstand, dass sie etwas Wichtiges vergessen hatte, ließ der Träne freien, unbändigen Lauf: nämlich eine Erinnerungsseite anzufertigen. Dieses Schriftstück beherbergte - gut für den Zurückgelassenen sichtbar - alle wichtigen sowie erwähnenswerten Erinnerungen.
Normalerweise bekam man diese zwei Tage nach dem Erreichen seines vorbestimmten Schicksals per Traumbotschaft, die benötigte Zeitspanne, jene Seite ins Leben zu rufen. Diese verharrte dann in der Traumwelt, so lange, bis der Träumende und gleichzeitig auch Erhalter jener Botschaft bereit war für den Empfang jener Seite.
Das Schriftstück materialisierte sich erst, wenn der Auserwählte sich seinem vorbestimmten Schicksal als würdig erwiesen hatte und somit in seinen Besitz überging.
Ein letzter Blick zur geschlossenen Tür und Serra fiel auf die Knie, hielt sich schmerzend den Kopf, sah ihr Leben noch einmal im Schnelldurchlauf an sich vorbeiziehen, beendet mit dem strahlenden Gesicht ihres Sohnes, ehe ihr Körper bewegungslos, auf den mit Blättern übersäten Waldboden fiel.



„Hat uns Serra denn wirklich gerade ihren Säugling vermacht? “, brummte die tiefe Stimme des Mannes hinter Esna, der Drachin, fragend.
„Ja, sie hat uns ihren Sohn vermacht, du hast gut aufgepasst. Du weißt nur zu gut, welches Schicksal ihm bevorsteht, als Mensch, aber was auch uns bevorsteht, wenn man herausfindet, dass wir ihn großziehen. Wenn dieses Kind da überlebt, wird er früher oder später als Diener des Königs enden oder noch schlimmer, als Bauer seine Familie ernähren müssen.“
Unterbrochen durch klägliches Schreien des Säuglings, bereitete Esna Milch zu.
„Das Schicksal bliebe ihm erspart, wenn du ihn zum Leser ausbilden würdest. Ich weiß, dass du deinen letzten Leser unter schrecklichen Umständen verloren hast, aber er braucht diese Ausbildung mehr denn je, denn erstens würden ihm die Soldaten der Schwarzroten Armee, die dem König mehr als nur treu dienen, ansonsten qualvoll töten und außerdem habe ich in den Sternen eine Weissagung gesehen, die nur auf Serras Jungen zutreffen kann.“
„Was steht denn diesmal in deinen ach so tollen Sternen geschrieben?“, erkundigte sich Gerold belustigt, während er dem Menschenbaby, welches lachend gluckste, Nahrung verabreichte.
Ehe Esna antworten konnte, wurde die Tür donnernd aufgeschlagen und eine weiße Schnalle schloss sich um ihren schuppigen Hals. Jeweils eine Fessel wurde auch an ihren vier Fußgelenken platziert. Die Drachin schrie erzürnt auf und versuchte in das weitläufige Dach hochzufliegen, doch die Ketten waren einfach zu stark, somit verweilte sie grollend am Boden.

Durch das laute Schreien des Jungen waren die Soldaten auf eben diesen aufmerksam geworden.
„Esna Rakon, Sie sind festgenommen wegen Beihilfe zum Verstecken eines Menschenjungen!“, bellte ein Soldat in rot-schwarzer Rüstung, unfehlbar einer, der im Auftrag der Schwarzroten Armee handelte.
„Der Junge ist tot … Warum sonst schreit er nicht mehr? Ich habe ihn getötet, also könnt ihr mir ruhig eine Strafe geben, zum Beispiel die Gräber der verachtenden Trolle säubern, aber lasst mich hier in Frieden trotzdem meiner wichtigen Arbeit nachgehen!“, versuchte die hilflose Gefangene zu argumentieren, doch vergebens.
Schreiend und feuerspuckend wurde die hellblaue Drachin mit den wie helle Sterne gelbglänzenden, schlitzförmigen Augen weggeführt. Nur Esna fiel der Mitnahme zum Opfer, weil ihre Liebe und Beziehung zu Gerold noch nicht allgemein offenbart worden war.
Als die Soldaten abgezogen waren, kam Gerold mit dem Baby, welches dank der Milchflasche ruhig gestellt war, aus dem Schrank. Er hatte das Drama mit angehört und musste sich von jetzt an ganz alleine um den noch namenlosen Säugling kümmern.
„Jetzt muss ich die ganze Erziehung alleine meistern. Hier in dieser von Krieg zerrütteten Welt findet eh niemand seinen Frieden.“
Seitdem die Schwarzrote Armee gegen die Grünen Rächer Krieg führte, welcher schon seit vielen Jahren andauerte, ohne ein bald mögliches, friedliches Ende in Sicht, war die Welt nicht mehr das, was sie in ihrer Blütezeit gewesen war.
„Esna, dieser Junge hier in meinen Armen wird deiner Aussage nach etwas Großes vollbringen. Was dies ist, konntest du mir leider nicht mehr mitteilen, doch wir werden es gemeinsam herausfinden!“

Es war schon recht spät und der alte Mann baute aus einigen Büchern ein Bett. Schlafgelegenheiten wurden heutzutage aus kostbaren Büchern gebaut, weil sie zu heiligen Objekten dieser Welt zählten. Dies war aber nicht immer so gewesen, erst nachdem ein Vorfahre Gerolds diesen Umstand änderte, war es jedem Bewohner möglich gewesen, Anspruch auf seinen Schlafplatz zu stellen.
Erwachsene übernachteten in einem großen Bücherregal, aufzufinden in allen erdenklichen Wohnstätten.
„Ich werde dich Chercheur nennen, das bedeutet Finder und ist vom Illuanischen abgeleitet“, taufte der Bibliothekar seinen Ziehsohn, ehe er ihn mit einer Buchseite zudeckte.

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Kurzbeschreibung

Es ist grausam, Hoffnung zu wecken, wo keine angebracht ist, denn sie verwandelt sich am Ende bloß in Enttäuschung, Verbitterung, Wut; in all die Gefühle, die unser Leben noch schwieriger machen, als es ohnehin schon ist. Angst wird mein ständiger Begleiter sein, die Einsamkeit mein bester Freund. Deshalb erzähle ich es euch. Denn ich möchte euch etwas verständlich machen. Ich möchte, dass ihr versteht. Der ein oder andere von euch wird es grausam finden. Einige übertrieben. Und andere werden einfach nur entsetzt sein. Und ihr alle werdet euch dabei irren.