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Der Tag des Kranichs

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13.2.2017 16:26
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Der Krieg war seit achtundvierzig Jahren vorüber. Für die meisten spielte es überhaupt keine Rolle, dass die Gegenseite gewonnen hatte, für manche hatte es auch noch nie eine Rolle gespielt. Auch Günther beteuerte immer wieder, dass es für ihn keine Rolle spielte, wer damals gewonnen hatte.

Er saß auf einer abgelegenen Bank im Park, nur ein paar Straßen entfernt von dem Altersheim, welches er sein zu Hause nannte. Der Himmel war bewölkt und es würde wohl demnächst zu regnen beginnen, aber Günther wollte noch nicht wieder zurück. Er war es sowieso von früher gewohnt im Regen draußen zu sein.

Der Rentner griff neben sich und zog eine Scheibe Brot aus einer kleinen Tüte. Er zerkrümelte sie in seiner Hand und warf die kleinen Stückchen vor sich auf den Boden. Sofort kamen einige Enten aus dem naheliegenden Teich angewatschelt. Gierig, als hätten sie seit Tagen nichts zu essen bekommen, machten sie sich über die Krümel her.

Er saß gerne hier und fütterte die Enten. Hier konnte er alleine sein. Hier waren keine nervigen Pfleger, die ihn ständig daran erinnerte, dass er noch Tabletten nehmen musste. Günther wollte keine Tabletten nehmen. Ohne sie war sein Leben besser. Sie benebelten nur seine Sinne, machten ihn schläfrig. Und genau das wollte er nicht.

Er wollte kein Leben in einem Heim verbringen, wo er tag täglich nur im Bett lag und nichts tat. Er wollte nicht so vor sich hin vegetieren. Er wollte etwas von dem Leben zurück, welches er früher geführt hatte.

Günther schüttelte den Kopf. Es hatte sich so viel verändert. Einige Veränderungen waren gut gewesen, andere, in seinen Augen, nicht. Er atmete langsam aus, als der erste Regentropfen auf seiner Hose landete. Stur blieb er sitzen. Es war ihm reichlich egal, was die Pfleger sagen würden, wenn er später wieder zurück gehen würde. Sie würden ihn tadeln, dass er im Regen draußen war, dass er sich hätte unterkühlen können.

Fakt war jedoch, dass er den Regen mochte. Nur wenn es regnete dachte er nicht an damals zurück. Er brauchte den Regen.

Er wandte seinen Blick gen Himmel. Und seufzte.Über ihm zog eine Gruppe Kraniche hinweg. Vermutlich waren sie auf dem Weg nach Süden, auch wenn der Herbst noch nicht alt war. Die Blätter an den Bäumen waren noch nicht einmal bunt geworden. Womöglich wussten die Vögel aber etwas, was die Menschen nicht wussten.

Günther griff wieder in seine Tüte und holte eine weitere Scheibe Brot daraus hervor. Mittlerweile hatte sich auch eine Entenfamilie zu ihm gesellt. Er lehnte sich mit kleinen Brotkrümeln vor und hielt seine Hand den kleinen Küken hin. Ängstlich wichen sie zuerst zurück. Erst als ein Enterich vortapste und probeweise ein Stück von seiner Hand nahm, kamen auch die kleinen Entchen wieder hinter ihrer Mutter vor und wagten sich nun auch in die Nähe seiner Hand.

Erst als ein Schatten auf die kleinen Küken fiel, blickte er wieder vom Boden auf. Er wollte seinen Augen nicht trauen. Vor ihm stand, majestätisch aufragend, ein Kranich. Sofort zogen Günther die roten Augen in ihren Bann. Zögerlich streckte er dem Kranich seine Hand hin, in welcher noch einige Brotkrumen lagen.

Der Kranich beugte sich mit seinem langen Hals vor und pikste in die alte Hand. Dann nahm der Vogel vorsichtig eine Krume mit seinem langen Schnabel auf und schluckte sie hinunter.

Günther wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Einerseits war dieser Vogel wunderschön und in vielen Kulturen galt er als Vogel des Glücks, des langen Lebens. Aber er hatte es anders erlebt. Jedes Mal. Der Tag des Kranichs.

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Der Krieg war seit einer Woche vorüber. Sein Magen knurrte unaufhaltsam und seine Füße taten ihm so weh, dass er Angst davor hatte seine Schuhe auszuziehen. Aber er würde bald wieder zu Hause sein. Der Gedanke daran gab ihm Kraft.

Die Gefangenschaft bei den Russen hatte ihm einiges abverlangt. Er hatte nur wenig Essen bekommen, Schlaf war teilweise nahezu unmöglich gewesen. Eingepfercht mit anderen Gefangenen. Einige hatte er gekannt, weil sie ebenfalls in seiner Einheit gedient hatten, andere lernte er neu kennen.

Aber jetzt hatte all das ein Ende. Es flogen keine Bomben mehr über den Himmel und rissen Schneisen der Verwüstung und des Todes in die Städte.Günther würde am liebsten vor Freude weinen, jedoch wollte er sich das für seine Frau aufheben. Für Hannelore, seine Hanni.

Er blickte in den wolkenverhangenen Himmel. Jeden Moment würde es wohl anfangen zu regnen, aber das war reine Nebensache. Er konnte nach Hause. Ein Kreischen riss ihn aus seinen Gedanken. Über ihm zogen Kraniche hinweg. Unwillkürlich musste Günther lächeln. Seit Ewigkeiten hatte er diese Vögel nicht mehr gesehen. Der Krieg hatte seine gesamte Aufmerksamkeit gefordert, damit er sein Versprechen gegenüber Hanni halten konnte.

Günther blickte wieder zu der Straße vor sich. Da vorne begann die Stadt. Vor dem Ortschild blieb er kurz stehen. Ramin. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er musste doch Träumen!

Als er dann das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße betrat, kam es ihm immer noch wie ein Traum vor. So lange war er nicht mehr hier gewesen. Alles in allem sah es hier auch noch sehr gut aus. Einige der Felder wiesen Reifenspuren auf, aber die Häuser standen größtenteils alle noch.

Doch es waren keine Menschen auf der Straße. Vermutlich waren sie fortgegangen, oder halfen anderenorts – oder vielleicht aßen sie auch einfach nur zu Mittag.

Günther musste nur noch um die Ecke biegen, dann war er zu Hause. Sehnsuchtsvoll erhöhte er sein Schritttempo. Er wollte sie nur noch in seine Arme schließen, ihr sagen, dass sie keine Angst mehr zu haben brauchte.

Das Kopfsteinpflaster ging über in einen Schotterweg.

Er blieb stehen. Seine Augen wurden groß. Er brauchte einige Minuten, um sich aus seiner Starre zu lösen. Die eine Hälfte seines Hauses, seines Heims, war vollkommen zerstört und gab den Blick frei auf einen kleinen Teil der Wohnzimmerwand.

Günther stolperte vorwärts. Das durfte doch nicht sein! Wieso? Alle Nachbarhäuser waren nur minimal beschädigt. Warum also ausgerechnet seins? Er erreichte den Vorgarten und blickte direkt in das Chaos.

Doch etwas zog seine Aufmerksamkeit auf sich. In den Trümmern bewegte sich etwas. Wie von einer Tarantel gestochen kraxelte er zu der Stelle hin und wäre beinahe rückwärts den Schuttberg wieder hinunter gestürzt.

Rote Augen. Graue Federn. Nie würde er diesen Anblick vergessen. Die surreale Szenerie brannte sich in sein Gedächtnis ein. Auf seinen langen, dürren Beinen stand der Kranich da, den Schnabel in etwas vergraben. Er brauchte nicht näher hinzusehen. Er wusste, was der Kranich da am Fressen war.

Nach einiger Zeit hob der Vogel den Kopf. Sofort drehte sich Günther um und spie alles aus. Es musste ein Traum sein, ein böser Traum. Kraniche galten doch als Glücksbringer, als Symbol für langes Leben – und nicht für Tod und Zerstörung.

Dieses Bild würde er nie vergessen. Das Auge im Schnabel des Kranichs.Diesen Tag würde er nie vergessen. Den Tag des Kranichs.

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Der Krieg war seit beinahe einem halben Jahrhundert vorbei. Der Schnee rieselte unaufhörlich auf den gefrorenen Boden.

Dein Atem bildete kleine Wölkchen in der eisigen Luft. Deine Hände riebst du aneinander, in der Hoffnung sie würden dann wieder warm werden. Deine Haare waren unter einer dicken Wollmütze versteckt, die deine Frau für dich gestrickt hatte. Sie stand etwas hinter dir.

Langsam gingst du in die Knie und wischtest den frischen Schnee von dem Grabstein.

Günther Herrman.

Der Name deines Vaters war dort eingraviert. Du vermisstest ihn schon jetzt schmerzlichst. Er war immer für dich da gewesen, hatte für dich gesorgt in der schwierigen Zeit nach dem Krieg. Er war deine Vertrauensperson gewesen. Und jetzt war er fort.

Du schütteltest den Kopf. Glauben wolltest du es immer noch nicht. Noch genau erinnertest du dich daran, wie er dich an diesem einen Tag angerufen hatte. Du hattest nichts ahnend abgehoben, dich gefreut, dass er anrief. Und dann der erste Satz deines Vaters. Ich werde sterben, hatte er gesagt.

Geschockt hattest du erst kein Wort heraus gebracht. Du wusstest, dass dein Vater nicht mehr gut zu Fuß war. Seine Augen waren auch nicht mehr die besten, von seinem Gehör ganz zu schweigen, aber du hattest nie erwartet, dass es ihm so schlecht gehen würde.

Natürlich fragtest du, wieso. Er erzählte dir dann die Geschichte mit dem Kranich. Er hatte einen gesehen, an dem Tag, als er aus der Gefangenschaft zurück kam. Du warst damals gerade ein Jahr alt gewesen und erinnertest dich natürlich nicht daran. Deine Mutter war damals ums Leben gekommen. Auch im Krieg, so erzählte er dir, hatte es eine Situation gegeben, in der er einen Kranich erblickt hatte. Einen Tag später starb ein guter Freund von ihm durch eine Granate.

Jahre später dann hatte er wieder einen Kranich gesehen. An einem Tag, wo du mit deinem Motorrad zum Markt in die nächstgrößere Stadt fahren wolltest. Dein Vater hatte noch versucht dich aufzuhalten.  Er flehte dich sogar an, nicht zu fahren. Aber du hörtest nicht auf ihn.

An diesem Tag hattest du deinen ersten Unfall. Auf dem nassen Laub, welches auf der Straße gelegen hatte, verlorst du die Kontrolle über dein Fahrzeug. Du hattest Glück, dass du überlebtest, wenn auch verletzt. Der Kranich am Straßenrand hatte dieses Glück nicht gehabt.

All diese Ereignisse hatten deinen Vater geprägt. Sobald er Kraniche ziehen sah, befürchtete er das schlimmste. Aber es geschah immer nur dann etwas, wenn er einen einzelnen Kranich erblickte.

Du hattest ihn zuerst für verrückt erklärt, konntest dir nicht vorstellen, dass ein Vogel, welcher über all als Symbol für langes Leben und Glück galt, solch ein Unglück bringen konnte. Erst als dein Vater nur wenige Tage nach dem Anruf starb, fingst du an, darüber nachzudenken, ob nicht doch etwas Wahres an der Geschichte sein könnte.

Mit einer Hand wischtest du dir über die Augenwinkel und legtest einen kleinen Strauß Rosen auf den grauen Stein. Dann fuhrst du mit den Fingern die Umrisse des eingravierten Kranichs entlang. Du erinnertest dich noch gut, an die letzten Worte deines Vaters in eurem Telefonat.

Im Herbst ziehen Kraniche in Richtung Süden, im Frühjahr in Richtung Norden. All unsere Wege haben ein Ende. Auch der ihre.

Du hattest dich dafür entschieden einen Teil davon ebenfalls auf den Stein gravieren zu lassen. Doch fügtest du selbst noch eine Zeile hinzu. Bis wir uns wiedersehen.

Langsam standest du auf und atmetest tief durch. Du drehtest dich zu deiner Frau und deinem Sohn um. Schweigend nahmst du sie in den Arm. Ihr verharrtet eine Zeit lang so.

„Lasst uns nach Hause gehen. Vater hätte bestimmt nicht gewollt, dass wir hier die ganze Zeit in der Kälte stehen.“ Deine Frau nickte und nahm deine Hand.

Nach einigen Schritten bliebst du noch einmal kurz stehen und blicktest nach hinten. Du wolltest deinen Augen nicht glauben, als du den Vogel am Grab deines Vaters sahst. Du musstest träumen. Der Kranich rührte sich nicht, starrte dich an, ehe er den Kopf senkte und mit seinem langen Schnabel die Rosen auf dem Grab hin und herschob.

Schließlich riss dich deine Frau aus den Gedanken und zog dich vorwärts. Etwas widerwillig folgtest du ihr.Doch du würdest diesen Tag nie vergessen.Der Tag, an dem du den Kranich sahst.

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Kurzbeschreibung

Kraniche. Vögel des Glücks, der Liebe und des langes Lebens. So heißt es in allerhand Mythen und Erzählungen. Doch oft entsprechen sie nicht der Wahrheit.