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Jonas` Ende der Welt

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28.06.20 16:11
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

14.11.2021

Das Ende der Welt ist näher, als wir denken. Eigentlich ist es nicht einmal nur Nahe. Es ist da, greifbar, direkt vor unseren Augen. Es ist in der Vergangenheit. Die Erde ist Vergangenheit, sie ist weg, die Welt hat ihr Ende erfahren.

Alles, jede Minute und Sekunde, jede Stunde und jedes Jahr ist nur ein Traum. Ein großer und doch unbedeutsamer Traum, wenn man die Wahrheit kennt. Wir leben eine Illusion, eine Scheinrealität, versuchen krampfhaft sie aufrecht zu erhalten, nie aufzuwachen. Aber es ist zu spät, ich bin wach. Und ich werde die Erkenntnis teilen, auch andere aus ihrem Traum reißen, zurück in die Realität. Und vielleicht kann ich dafür sorgen, dass es endlich endet. Die Erde ist vernichtet, die Welt untergegangen. Nur wir Menschen wollen das nicht akzeptieren. Lieber leben wir eine Illusion, als die Wahrheit zu erkennen.

01.12.2021

Jonas. Jonas. J. o. n. a. s. S. a. n. o. j. Sanoj. Sanoj. Bald würde er zu ihnen ziehen. Der Cousin, den sie nicht kannte. Den seine Mutter nicht mehr haben wollte. Ihre Tante. Wie konnte man so grausam sein, sein eigenes Kind wegzugeben, fragte sich Helen. Sollte es nicht einen Reflex geben, irgendetwas Angeborenes, um das zu verhindern? Jonas. Wie er wohl so war?

Die Finger, die ihren Stift hielten, flogen nur so über das Blatt,  ließen schon ihre vierte Vorstellung von ihrem Cousin für alle sichtbar auf ihrem Blatt erscheinen. Glatte und verstrubelte, lockige und überhaupt keine Haare zierten seinen Kopf, mal feinere und mal gröbere Gesichtszüge. Jonas. Ein Ungewollter, Ungeliebter. Oder? Konnte man ein Kind lieben, wenn man es nicht mehr wollte? Wie war das möglich? Während Helens Hände durch ihre braunen Haare fuhren, der Stift lag quer über dem Blatt, fragte sie sich wieder und immer noch, wer Jonas war. Heute Nachmittag würden sie ihn abholen fahren, bis dahin musste Helen in ihrem Zimmer bleiben und auf ihn warten, den Unbekannten. Eine neue Konstante in alten Gleichungen.

Langsam drehte sie sich mit ihrem Schreibtischstuhl um, ignorierte das bedrohliche Knarren und setzte damit ihr volles Vertrauen in die restliche Stabilität des Stuhles. Irgendwann würde er unter ihr zusammenbrechen, da war sich Helen sicher. Aber heute war es noch nicht so weit.

Die Buchstaben an der Wand, gegenüber des Schreibtisches, waren schwungvoll gezeichnete Linien, wirkten rissiger als sie waren und leuchteten jedem in einem tiefen schwarz entgegen. Jeder einzelne Strich, jedes bisschen sorgsam an die Wand gebrachte Farbe symbolisierte die eine, Helen schon seit Tagen quälende, Frage. Und obwohl sie schon lange keine Frage  mehr an die Wand geschrieben hatte, hatten ihre Eltern Helen diese eine Frage nicht beantworten können. Oder vielmehr wollen. Jonas?, stand da in großen Druckbuchstaben an der Wand.

Vorsichtig stand Helen auf, lief bedacht auf die Wand zu. Es war seltsam, wie sehr sie von der Visualisierung dieser Frage angezogen wurde. Sanft strichen ihre Finger über die Linien, spürten die Fasern der Tapete. Würde sie ihn mögen? Konnte das sein? Warum hatte sie noch nicht eher von ihm gehört, wenn er doch ihr Cousin war? Die Welt drehte sich wieder einmal in die falsche Richtung. Aber war sie überhaupt jemals richtig gelaufen? Die Kreise waren verdreht, die Muster zerstört. Nur Helen war noch übrig, könnte sie wieder in die richtigen Bahnen lenken. Wenn sie nur wüsste, wie das geht.

Sie hatte zwar nicht bemerkt, wie sie ihre Augen geschlossen hatte, doch jetzt öffnete sie diese wieder und starrte auf die Buchstaben an der Wand. Jonas. Ob er die Kreise spüren konnte? Wusste er, was sie wusste? Konnte es vielleicht noch einen zweiten Menschen auf dieser Welt geben, der war wie sie? Entschlossen schüttelte sie den Kopf. Nein, bestimmt nicht. Vermutlich würde Jonas einfach langweilig sein, ein langweiliger Teenager, den seine Mutter aus unerfindlichen Gründen nicht mehr haben wollte.

„Helen, komm mal bitte runter!“, hörte sie ihre Mutter rufen. Sollte sie? Helen drehte sich einmal im Kreis, lies die Augen durch ihr Zimmer schweifen. Das Bett war ordentlich gemacht, das Laken festgezogen. Den Stift, welcher immer noch über ihrem Blatt auf dem Schreibtisch lag, steckte Helen zurück, zu den anderen von seiner Art, während das Papier im Aktenvernichter landete. Sie würde keine selbst gemalten Bilder ihrer Vorstellung von Jonas mehr brauchen, bald würde sie ihn sehen. In echt. Live und in Farbe. In Rot und Blau und Gelb. In sämtlichen Nuancen dazwischen.

„Helen!“, rief ihre Mutter erneut. Helens Augen bohrten sich in den Schriftzug an ihrer Wand. Schwarz auf Weiß, geschwungene Linien. Gleich würde ihre Mutter hochkommen. Sie sollte gehen. Konnte ihre hellgrünen Augen nicht von dem Schriftzug lösen. Ihre Gedanken, nackt an der Wand. Sie sollte gehen. Helens Füße rührten sich nicht. Sie konnte nicht. Etwas fehlte, störte sie. Die Kreise waren falsch.

Es war nur ein Stich, den sie kaum spürte. Ein Stich in ihren Zeigefinger, mit einer Nadel aus ihrer Hosentasche. Fasziniert sah Helen zu, wie eine neue Linie an der Wand entstand, rot auf weiß. Später würde es braun werden. Aber noch war es glänzend rot. Ein einfacher Kreis, der den Namen an der Wand umschloss. Ohne ihren Blick von dem Schriftzug zu lösen, steckte sie sich den linken Zeigefinger in den Mund, auf dem sich ein Lächeln bildete. Jetzt stimmte es. Jonas, in einem Kreis.

Fast lautlos öffnete sich die Zimmertür und Helens Mutter betrat das Zimmer. Seufzend betrachtete diese ihre Tochter. Sanft nahm Marie Helen bei der Hand und zog sie langsam mit sich.

Helen spürte wie ihre Mutter sich ihre Hand geschnappt hatte und registrierte, dass sich ihre Füße wieder bewegen konnten, etwas, das ihre Augen noch nicht geschafft hatten. Die blieben solange auf den Schriftzug gerichtet, bis er hinter der sich schließenden Tür verschwand. Sanft buchsierte Helens Mutter Marie sie in den Hausflur, wo sie sie vor einer Bank abstellte um sich anzuziehen. Auch Helen schaffte es jetzt, sich in Bewegung zu setzen. Äußerst vorsichtig ließ sie sich auf der Bank nieder und begann sich einzukleiden. Gleich würde sie Jonas sehen. Dann stand sie auf und lief hinaus durch die Haustür.

Kälte schlug ihr entgegen, ihre dünnen Stoffschuhe wurden fast sofort vom Schnee durchnässt. Doch Helen störte das nicht. Bevor sie jedoch das kurze Stück zum Auto laufen konnte, legte ihre Mutter ihr eine Jacke über die Schultern. „Hier Schatz, die hast du vergessen.“ Also steckte sie noch ihre Arme durch die Ärmel der Jacke, sich des Lächelns ihrer Mutter gewiss.

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Autor

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Statistik

Kapitel:2
Sätze:112
Wörter:1.120
Zeichen:6.510

Kurzbeschreibung

Die Welt ist bereits untergegangen, davon ist Jonas überzeugt. Das einzige was Helen weiß, ist, dass die Kreise sich verbogen haben, verheddert, die Ewigkeit nicht mehr stimmt. Während sie versucht den Schaden zu richten, beschließt Jonas die Welt von ihrer Nicht-Existenz zu überzeugen. Denn wenn die Welt eine Illusion ist, ist alles möglich, egal wie unwahrscheinlich

Kategorisierung

Diese Story wird neben Science Fiction auch im Genre Katastrophe gelistet.