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Vor dem Sturm

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30.9.2018 17:43
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Baronin Patte schaute auf die plätschernden Wasserfontänen des runden Springbrunnens. Aus Wasser machte sie sich ja eigentlich wenig - aber bald würde sie viel davon sehen, also war es gut, sich an den Anblick zu gewöhnen. Denn sie würde nicht mehr lange hier sein. Für heute Nacht hatte sie den Aufbruch geplant. Dies war ihr Abschiedsrundgang. Ein letztes Mal durch den großen Park streifen, der das Schloss umgab, ein letztes Mal sich auf der breiten Terrasse die Sonne auf den Rücken scheinen lassen, ein letztes Mal an den hochen Hecken den verschiedenen Gerüchen nachspüren - und dann nichts wie weg hier!

Sie spürte schon lange, dass etwas in der Luft lag. Das Leben hier würde bald nicht mehr so beschaulich sein wie bisher - und Baronin Patte hasste nichts so sehr wie Ungemütlichkeit. In den letzten Wochen hatte sich das große Schloss merklich geleert, viele waren abgereist. Das dickliche Grafenpaar, bei denen sie immer eine kleine Köstlichkeit hatte bekommen können, der alte Abbé, der sie wie kein anderer hinter dem rechten Ohr kraulen konnte, der kantige Marquis mit der weichsten Matratze im ganzen Schloss - auch wenn er es nicht gern gesehen hatte, wenn sie über Nacht geblieben war. Alle fort - wie Ratten von sinkenden Schiff, dachte Baronin Patte amüsiert. Und da alle diese Annehmlichkeiten nun nicht mehr da waren, gab es auch für sie keinen Grund mehr zu bleiben.

Durchreisende hatten ihr berichtet, dass überall im Land diese seltsame Stimmung zu spüren war. Also hatte sie sich entschlossen, ein Schiff nach Amerika zu besteigen. Amerika hörte sich gut an. Angeblich war man dort frei, konnte zwischen dem Leben in einer großen Stadt, wo man Bedarf für ihre Fähigkeiten hatte und dem selbstbestimmten Leben auf dem Land, umgeben von fruchtbarer Botanik udn wimmelnder Tierwelt wählen.

Aber ein wenig würde ihr ihre privelegierte Stellung, die sie hier im Schloss genoss, doch fehlen. Und alles nur, weil diese beiden Madämchen, die dort auf der Band im letzten Licht des Nachmittags saßen, die Zeichen der Zeit nicht erkannt und gehandelt hatten! Vom Ludwig erwartete sie nicht viel, aber diese beiden da - die Österreicherin und die Duchesse, hätten noch etwas reisen können, da war sich Baronin Patte sicher. Sie hatten doch alles, was es benötigte, um die Massen zu gewinnen. Strahlendes Äußeres, Jugend, einen Lebensstil, um den man sie beneidete, niedliche Kinder ... da hätte man doch was draus machen können! Sich ein wenig volksnah geben und dabei doch so viel Distanz wahren, dass die Plebs danach lechzen würden, mehr Einblick in ihr Leben zu bekommen; sich als erste Mutter der Nation darstellen und so eine große Gruppe auf ihre Seite ziehen; eine wohltemperierte Inside-the-palace-Reportage in den Zeitungen hier, ein paar selbstverfasste Zeilen über die Erziehung der Kinder dort - mit der richtigen Strategie hätte das Volk ihnen aus den Händen gefressen!

Aber Baronin Patte frage ja keiner - sie war hier ja nur die Katze. Also denn, dachte sie und warf einen letzten Blick auf das tragische Paar - leb wohl meine Königin!

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