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Früher, wann war das?

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03.02.26 16:03
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Beim Aufräumen bemerken sie, dass jemand Dinge ihren abgestammten Plätzen entzogen und sie degradierend deponiert hat. Ingrid und Wieland gehen die Gästeliste durch. Sie kommen auf keinen, dem sie die Gemeinheit zutrauen.

Ist es überhaupt eine Gemeinheit, Dinge zu verlegen? Man nimmt ein Buch aus dem Regal und legt es unter einen Sessel. Ingrid findet zu der Formulierung heimleuchtender Schabernack. Formulierungen helfen ihr. Sie schöpft ihr Haar in einem Anflug der Verzweiflung. Etwas hat sich verändert. Ihr Leben läuft nicht mehr rund. Es stottert seit Monaten.

Ingrid riecht an ihren Achseln. Sie versichert sich im Selbstgenuss. Wieland brummt auf der Terrasse vor sich hin. Er fühlt sich verkatert, obwohl er kaum getrunken hat. Er leidet körperlich unter der Erinnerung an eine schwache Parade gestern Abend, als ihm Christine blöd kam. Er hatte nur gesagt, dass die neue Radikalität in der Redaktion genauso opportunistisch sei wie der Konservatismus früherer Jahre. Christine behauptete, sie habe Wieland schon lange im Verdacht, ein verkappter Reaktionär zu sein. Sie hat bei ihm auch schon Schizophrenie festgestellt. Früher war Christine freundlicher.

Früher, wann war das?

Wieland schiebt Erinnerungen zur Seite wie eine Ziehharmonikatür. Jetzt nicht.

Wieland wähnt sich seit Jahren in einem Shitstorm. Er wird mit unhaltbaren, aber trotzdem anhaftenden Vorwürfen überzogen und immer wieder überraschend hart angegangen. Zuerst lachte er die Vorwürfe weg, noch mit dem alten Selbstbewusstsein. Inzwischen agiert er als Schatten seiner selbst wesentlich geschickter. Er hat die Grenze entdeckt, die niemand überschreiten wird, solange er die richtigen Abstände einhält.

Er weiß, dass Fredo ihn in eine Falle locken und ihn als übergriffigen alten Sack hinrichten lassen will. Stichwort Richtig richten. All die jungen Frauen, die plötzlich da mitschreiben, wo Wieland lange der einzige Berichterstatter war, mit ihrem wie vom Himmel gefallenen Interesse. Oft sitzen Fredos Agentinnen in den langweiligsten Veranstaltungen zu zweit und zu dritt, so dass es Zeuginnen für falsche Beschuldigungen gäbe. Manche spiegeln verätzend Wielands ramponiertes Bewegungsbild.

Wieland ist zu Fredos Agentinnen besonders höflich. Er wahrt den Abstand sorgfältig.

Dem Weltgeschehen den Rücken kehren

Einerseits die Agentinnen, andererseits Fredos Gassenhauer mit ihren Unterweltvisagen. Ein Querschnitt der Bevölkerung verfolgt Wieland mit Spott, Häme und bedrohlichem Gebaren. Selten unterbricht ein Verachtungszeichen die Monotonie. Man kann als Vollstrecker eines fremden Willens nicht einfach verachten. Jede Nachahmung von Verachtung ist lächerlich.

Wieland betrachtet seine Frau und erkennt im Spiegel der Liebe blitzartig, dass er dem Bild schon ähnlich geworden ist, dass sich andere von ihm machen.

Wieland stört den Fortgang, gehört er doch zum Nachgang. War er nicht selbst an Verdrängungen massiv beteiligt?

Ingrid streift ihn. Das heikler werdende Außen belebt die eheliche Liebe. Der konnte schon lange kein Flirt mehr gefährlich werden. Ingrid kommt aus Amorbach im Odenwald. Adorno kannte eine Sehnsucht nach Amorbach. Für Ingrid war der Odenwald die Kindheitshölle. Bis weit hinter Hanau hat sie an jeder Bushaltestelle Aufstandszeichen im Jugendstil hinterlassen. Das waren Reaktionen auf den überirdisch selbstsicheren Feind, der sich als Vater & Mutter ausgab. Ingrid nahm Zuflucht zu preußischen Offizierstugenden in Punk.

Wo ist ihr Mumm geblieben? Nun verunsichern Ingrid absichtlich falsch abgelegte Dinge. Warum tut jemand so was? Ist das ein neues Spiel? Die Nerven behalten. Kein Theater machen. Von mir aus auch untergehen. Aber schweigend. Das denkt Wieland in seinem Garten. Er grüßt einen Nachbarn, der gleich zutraulich ankommt. Der alte Gerd. Macht jetzt das Catering in dem Club, den er vor zwanzig Jahren eröffnet hat, als einer von drei Cäsaren der Nacht. Die beiden anderen sind tot. Gerd wurde ausgebootet und als Verpflegungskasper neu installiert. Jetzt erzählt er von den Offiziersquartieren in dem Wiesbadener Vorort seiner Kindheit.

Die alte Bundesrepublik in der Trockenschleuder der Erinnerung. Das Leben amerikanischer Vorgesetzter, abgesetzt von ihren Mannschaften. Wieland lebte drei Jahre im Delta zwischen Rhein und Main, die längste Zeit auf diskret erschlossenen Taunusgraten. Dann kam gleich Berlin, abgesehen von London, Sevilla und Porto. Damals konnte man noch …

Ingrid gesellt sich zu den schwatzenden Senioren. Sie dringt darauf, niemanden mehr einzuladen und keine Einladung mehr annehmen. Ihre Urgroßmutter hat die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens im Bett verbracht. Im Vergleich mit der Siechenexistenz ihrer Urgroßmutter geht es Ingrid Gold.

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Noah12354s Profilbild
Noah12354 Am 14.02.2026 um 0:00 Uhr
Hallo, Gute Geschichte, ich mag besonders den Schreibstil. Falls das dick gedruckte in der Mitte ein neues Kapitel ist, kannst du dies über die Website so Kennzeichen, falls zu möchtest. Würde mich freuen, wenn du an meiner Geschichte (in Arbeit) einmal vorbeischauen wûrdes, da ich noch neu bin und Feedback brauche.
Noah12354s Profilbild
Noah12354 Am 17.02.2026 um 16:25 Uhr
@Teichmann Okay, Danke für das Feedback.
Teichmanns Profilbild
Teichmann (Autor)Am 14.02.2026 um 17:04 Uhr
@Noah12354 Ich weiß nicht, warum du dich von abstrakten Überlegungen unter Druck setzen lässt. Solange der Schreibflow anhält, ist doch alles gut. Von mir aus kann ein Roman komplett aus seiner Einleitung bestehen. Das ist doch nur eine formale Frage und du hast alle Freiheit. Ja, ich setze gern kursiv geschriebene Absätze ein, um auf introspektive Einlassungen hinzuweisen. Das würde ich an deiner Stelle auf jeden Fall machen. Das erweitert das Spektrum.
Noah12354s Profilbild
Noah12354 Am 14.02.2026 um 16:45 Uhr
@Teichmann Danke für die schnelle Antwort. Ich weiß, dass man sich mehr in Figuren hineinversetzen kann, wenn ich sie genauer beschreibe, aber ich habe jetz schon in Word 36 DIN A5 Seiten (mit Rändern) die den Plot erst einleiten und dachte, das wäre schon zu viel. Wie viele Seiten Aufbau meist du darf ich für ein Buch dieser Art machen? Und sollte ich auch Kursiv geschriebene Gedanken für z.b. Freunde des Hauptakteurs machen?
Teichmanns Profilbild
Teichmann (Autor)Am 14.02.2026 um 6:58 Uhr
Hallo, vielen Dank für Deine freundliche Rückmeldung. Ich äußere mich ungefragt nicht kritisch, aber da du gefragt hast, sage ich: es sind zu viele Akteure in dem kleinen Textraum. Gib jeder Figur mehr Entwicklung. Geh es langsamer an. Den narrativen Ansatz finde ich interessant. Ich lese gern die Überarbeitung und/oder Fortsetzung.

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Sätze: 62
Wörter: 723
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