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Warcraft Stories: Origin Storys: Helden, Schurken und alles dazwischen

01.04.26 13:23
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

In einer Welt voller uralter Mächte, vergessener Legenden und drohender Schatten beginnt jede große Geschichte mit einem ersten Schritt. Dies ist keine Erzählung von Königen oder berühmten Helden – noch nicht. Es ist die Geschichte einer Gruppe junger Seelen, die ihren Platz in einer zerrissenen Welt suchen.

Jeder von ihnen trägt seine eigene Vergangenheit, seine eigenen Zweifel und Träume. Manche streben nach Ruhm, andere nach Zugehörigkeit, und wieder andere fliehen vor dem, was sie einst waren. Ihre Wege beginnen getrennt, geformt durch unterschiedliche Entscheidungen, Verluste und Begegnungen. Doch das Schicksal hat die seltsame Angewohnheit, selbst die unwahrscheinlichsten Pfade miteinander zu verweben.

Dieses Buch erzählt ihre Anfänge. Jede Geschichte ist ein Fragment, ein erster Funke dessen, was sie eines Tages werden könnten. Gemeinsam bilden sie das Fundament einer Freundschaft, die stärker sein muss als die Gefahren, die vor ihnen liegen.

Denn in einer Welt, die niemals stillsteht, wird aus jedem Anfang früher oder später ein Kampf. Und aus jedem Kampf entsteht eine Legende. Willkommen in der Welt von Warcraft.

Stell dir eine Welt vor, die voller Geheimnisse, uralter Magie und großer Gefahren steckt – eine Welt, die von mutigen Helden geprägt wird und deren Geschichten noch geschrieben werden. Diese Welt heißt Azeroth, der zentrale Schauplatz des epischen Abenteuers World of Warcraft. World of Warcraft ist mehr als nur ein Spiel – es ist ein lebendiges Universum, das Spieler auf der ganzen Welt seit seinen Anfängen im Jahr 2004 in seinen Bann zieht. Doch unsere Geschichte beginnt nicht in der Gegenwart, sondern in einer Zeit, als Azeroth noch jung war und viele Legenden ihren Anfang nahmen. 

Diese Erzählung ist Fan-Fiction. Wir halten uns eng an die Vorgaben des Spiels zum entsprechenden Zeitpunkt – Vanilla – und orientieren uns an der Lore, so gut sie verfügbar ist. Gleichzeitig nehmen wir uns erzählerische Freiheiten, insbesondere bei Klassenwahl und Charakterentwicklung, um die Geschichte lebendig und organisch zu gestalten. So ist es bei uns bereits zu Vanilla-Zeiten möglich, als Mensch Jäger zu werden, was zwar in der Lore nur in Ansätzen gestützt wird, aber logisch erscheint. Gnome können bei uns auch Priester sein, obwohl die offizielle Lore ihre Affinität zum Licht eher als gering beschreibt, da sie wissenschaftlich und rational geprägt sind. Doch der eigene Wille der Charaktere, ihre Entscheidungen und ihr Handeln stehen im Vordergrund, um ihre Persönlichkeiten authentisch zu entfalten. 

In diesen Tagen ist Azeroth ein Land voller Hoffnung und Herausforderungen, aber auch voller Unsicherheit. Die großen Reiche der Allianz, zu der Menschen, Zwerge, Nachtelfen und andere Völker gehören, kämpfen darum, ihre Heimat zu schützen und den Frieden zu bewahren. Gleichzeitig erstarkt die Horde, eine mächtige Allianz von Orcs, Trollen, Tauren und anderen stolzen Völkern, die ihre eigene Zukunft formen wollen. Die Spannungen zwischen diesen Fraktionen sind groß, doch niemand möchte nach den großen Verlusten des zweiten Kriegs einen Krieg forcieren – es ist eine Zeit des Aufbaus und der ersten großen Prüfungen. 

Die Landschaft Azeroths ist riesig und abwechslungsreich: weite Wälder, raue Berge, dunkle Sümpfe und geheimnisvolle Ruinen erzählen von einer Geschichte, die älter ist als jede bekannte Erinnerung. Magie pulsiert durch die Luft, uralte Drachen ruhen tief unter der Erde, und verborgene Gefahren lauern überall. Inmitten dieser großen Welt liegt das kleine Dorf Goldhain, ein friedlicher Ort am Rande der Menschen-Hauptstadt Sturmwind, dessen Bewohner ein einfaches Leben führen. Hier wachsen Kinder auf, die die großen Konflikte und Gefahren noch nicht kennen, deren Alltag von Spielen, Geschichten und der Erkundung der Natur geprägt ist. Doch wie so oft in Azeroth, ruft das Schicksal auch sie hinaus in die Welt – hinaus zu Abenteuern, die größer sind als alles, was sie sich je hätten vorstellen können. 

Diese Geschichten erzählen von genau diesen Kindern aus Goldhain – von ihren Träumen, ihren Prüfungen und ihrem Mut. Sie zeigt, wie selbst die Kleinsten in einer Welt voller Magie und Krieg zu Helden werden können. Tauche ein in eine Welt voller Wunder und Gefahren, in eine Zeit, in der alles begann. Willkommen in Azeroth, willkommen in der Welt von Warcraft. 

Die hier folgenden Origin Storys sind mehr oder weniger zusammenhangslose Kurzgeschichten über die relevanten Figuren unserer Geschichte. Sie geben jeder Figur einen inneren Kern: Herkunft, Prägungen, Ängste und Hoffnungen. Durch sie wird verständlich, warum jemand handelt wie er handelt. 

Entscheidungen im späteren Verlauf – Mut, Zögern, Loyalität oder Überheblichkeit – wirken dadurch nicht zufällig, sondern zwangsläufig. Die Origin Storys schaffen Nähe zu den Figuren, verankern ihre Motivation glaubwürdig in der Welt und machen Konflikte persönlicher. Ohne sie wären die Charaktere Rollen – mit ihnen werden sie Menschen. 

Wer den Raum für Spekulation und Interpretation bewusst kleiner halten möchte, ist eingeladen, die Origin Storys zu lesen. Sie sind jedoch kein Muss, um die eigentlichen Geschichten zu verstehen. Die Reihenfolge der Origin Storys ist dabei bewusst gewählt, da sie gegebenenfalls auf Ereignisse aus anderen Origin Storys Bezug nimmt. 

Aufstehen, trotz Zweifel 

Ein sanftes Klopfen an der Tür, kaum mehr als ein vorsichtiges Pochen. 

„Julyan?“, erklang die leise Stimme seiner Mutter. „Steh auf, mein Junge. Heute ist der Tag.“ 

Julyan verzog das Gesicht, zog die Decke höher und drehte sich demonstrativ zur Wand. Sein Herz schlug schneller, als es sollte – er wusste genau, welcher Tag heute war, und der Gedanke daran lag ihm schwer im Magen. Doch das ließ er sich nicht anmerken; Aufregung war etwas für Kinder, nicht für jemanden wie ihn. 

„Ich bin wach“, murmelte er, ohne die Augen zu öffnen. Ein Moment verging. Dann ein leiser Schritt, die Tür öffnete sich einen Spalt. Seine Mutter trat ein, setzte sich auf die Bettkante und strich ihm mit ruhiger Hand über das kurz geschorene Haar. „Heute ist ein wichtiger Tag“, sagte sie sanft. „Hast du gut geschlafen?“ 

Julyan schnaubte, setzte sich ruckartig auf und entzog sich der Berührung. Das zerzauste, dunkelblonde Haar fiel ihm wirr in die Stirn, und unter den noch schlaftrunkenen Augen lag bereits dieser wache, gespannte Blick, den er sonst nur zeigte, wenn ihm etwas wirklich wichtig war. Sein Körper wirkte noch jugendlich, die Schultern schmal, doch in seiner Haltung lag bereits etwas Unruhiges, Kraftvolles, das verriet, dass er nicht mehr lange der Junge bleiben würde, sondern der angehende Soldat, der er sein wollte. 
„Ich komm gleich runter“, sagte er schärfer als nötig.  

Seine Mutter lächelte schmal. „Gut. Wir warten unten auf dich.“ 

Als die Tür sich hinter ihr schloss, ließ Julyan die Schultern sinken und atmete tief durch. Einen Moment lang starrte er an die Decke, dann setzte er sich auf und ließ den Blick durch sein Zimmer wandern. 

Es war ein unordentliches Zimmer, voll gerumpelt mit allem, was Julyan liebte: Einzelne Soldatenfiguren standen schief auf einem Regal, daneben lagen ein paar Hölzer, ein Kuscheltier lag achtlos herum. An den Wänden hingen Zeichnungen berühmter Jäger der Allianz, ihre Namen wurden in Tavernen ehrfürchtig geflüstert. Kundschafter aus den Grenzlanden, Waldläufer aus dem Norden, ein elfischer Bogenschütze, dessen Blick ebenso kalt wie tödlich präzise war – alles durcheinander, wie Gedanken in Julyans Kopf. Trotzdem kannte er jede Geschichte, jede Schlacht, als wären sie Teil von ihm selbst. 

Sein Bogen lehnte griffbereit neben dem Bett, das Holz dunkel und glatt, die Sehne sorgfältig gepflegt.  

„Die Musterung.“, Flüsterte er leise und ein schmaler Zug legte sich um seinen Mund. Er würde dort stehen, vor Offizieren, vor Soldaten, und sie würden ihn mustern. Seine Haltung. Seine Hände. Seine Trefferquote. 

Julyan stand auf, streckte die Schultern und richtete sich bewusst auf. Sie würden sehen, was er konnte. Und wenn nicht – dann ist es ihr Fehler. 

Mit einem entschlossenen Ruck richtete er sich auf und zog sich an. Er griff seinen Bogen und verließ das Zimmer. 

Julyan ging die Stufen hinunter, eine Hand locker am Geländer, den Bogen lässig über der Schulter. Mit jedem Schritt wurde das Stimmengewirr lauter, wärmer. Der Geruch von frischem Brot und gebratenem Speck hing in der Luft. 

Als er den unteren Raum betrat, verstummten die Gespräche für einen kurzen Moment. 

„Da ist er ja!“ rief seine Mutter sofort und kam ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen. Ihre Stimme war hell, voller Stolz, wie immer ein wenig zu laut für den kleinen Raum. „Unser großer Jäger. Heute ist dein Tag, Julyan!“ 

Am Tisch saßen bereits sein Vater Uralwe, seine Tante – die gerade eine Tasse abstellte – sowie Tomen und Felice. Uralwe erhob sich nicht, sondern nickte nur langsam. Seine Haltung war aufrecht, beinahe unbeweglich, wie gemeißelt. Das Siegel der Paladine von Sturmwind zeichnete sich klar auf seiner schlichten, aber makellosen Kleidung ab. In seinen Augen lag Ruhe, Stolz – und ein stilles Vertrauen, das mehr sagte als jede Umarmung. 

„Die Musterung“, sagte er ruhig. „Du bist bereit.“ 

Julyan erwiderte den Blick, straffte unwillkürlich die Schultern. „Natürlich.“ 

Tomen sprang fast vom Stuhl auf. Für sein Alter war er ungewöhnlich groß und kräftig gebaut, die breiten Schultern ließen bereits erahnen, welchen Weg er einmal einschlagen würde. Sein blondes, zerzaustes Haar stand in alle Richtungen ab und verlieh ihm trotz seiner Statur etwas Unfertiges, beinahe Jungenhaftes. Seine Augen leuchteten. 

„Endlich!“, sagte er begeistert. „Ich hab’s dir doch gesagt, Julyan. In zwei Jahren bin ich auch da draußen. Dann hol ich dich ein.“ 

Julyan schnaubte leise, ein schmales Grinsen huschte über sein Gesicht. „Versuch es ruhig.“ 

Felice hingegen blieb sitzen, doch sein Blick verriet alles. Der Kleinste der Runde, schmächtig gebaut, mit viel zu großen Augen für sein Gesicht. Sie schimmerten warmbraun und funkelten vor Aufregung. Sein ständiges Lächeln legte die kleine Zahnlücke frei, die ihm ein beinahe tollpatschiges, kindliches Aussehen verlieh. Er sah Julyan an, als würde er einen Helden aus den Geschichten vor sich haben. 

„Du wirst bestimmt der Beste“, platzte es aus ihm heraus. „Also… ich mein… ganz bestimmt.“ 

Julyan hob eine Augenbraue. „Ist das so?“ 

Felice nickte heftig. „Ja! Also… bestimmt.“ Gelächter erfüllte den Raum. 

Seine Mutter legte Julyan die Hände auf die Schultern, drehte ihn ein Stück, als wolle sie ihn allen präsentieren. „Siehst du? Alle wissen es. Du wirst aufgenommen, da bin ich mir sicher. Und dann wirst du ganz schnell zu einem der wichtigsten Soldaten Sturmwinds werden.“ 

„Als hätten sie eine Wahl“, murmelte Julyan und entzog sich sanft ihrem Griff. Nach außen wirkte er gelassen, fast überheblich. Doch tief in ihm nagte etwas. Ein leiser Zweifel, den er sorgfältig unterdrückte. Er ließ sich nichts anmerken. 

„Natürlich schaffe ich das“, sagte er ruhig und griff nach seinem Bogen. „Ist ja erst die erste Prüfung.“ 

Tomen grinste breit. Felice strahlte. Seine Eltern sahen voller Stolz und voller Zuversicht an. 

Uralwe räusperte sich leise. „Du solltest dich beeilen, Julyan. Wenn ich mich nicht irre, wartet Karlos nicht gern. Und heute noch weniger.“ 

Julyan griff sich ein Brötchen vom Tisch, biss hinein und winkte ab, als hätte die Zeit persönlich ihm versprochen, kurz langsamer zu laufen. „Ich hol ihn ab“, sagte er mit vollem Mund. „Wir haben noch genug Zeit.“ 

Seine Mutter verschränkte die Arme, dieses vielsagende Lächeln schon im Gesicht. „Genug Zeit“, wiederholte sie und stellte zwei sorgfältig gepackte Stofftaschen auf den Tisch. „Dann nehmt ihr das hier wenigstens mit. Für dich und Karlos. Damit ihr unterwegs auch ordentlich esst.“ 

Julyan hielt mitten im Kauen inne. Sein Blick fiel auf die Lunchboxen, dann langsam wieder hoch zu ihr. „Mama“, sagte er gedehnt, „wir werden Soldaten. Keine Ausflügler. Wir brauchen keine Lunchboxen.“ 

„Du wirst gemustert“, entgegnete sie prompt. „Und gemusterte Jungen essen genauso wie vorher. Nur nervöser.“ 

Julyan verzog das Gesicht. „Das ist peinlich.“ 

„Das ist fürsorglich“, sagte sie und schob die Taschen demonstrativ näher an den Rand des Tisches. 

Bevor Julyan noch etwas erwidern konnte, war Felice schon aufgesprungen. Mit einem breiten Grinsen schnappte er sich beide Lunchboxen, als wären sie ein Schatz. „Kein Problem“, verkündete er stolz. „Ich pass drauf auf. Ich sorge dafür, dass sie auch wirklich gegessen werden.“ 

„Das war nicht—“, setzte Julyan an. 

„Schon erledigt“, fiel Felice ihm ins Wort und hing sich die Taschen über die Schulter. „Verlass dich auf mich.“ 

Tomen lachte leise, schob seinen Stuhl zurück und klopfte Julyan freundschaftlich gegen den Arm. „Siehst du? Versorgt wie ein richtiger Veteran. “ 

Julyan schnaubte und schüttelte den Kopf. „Ihr seid unmöglich.“ 

„Aber gut organisiert“, sagte Tomen und ging schon zur Tür. 

Gemeinsam verließen sie das Haus. 

Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss, und kaum hatten sie den schmalen Weg vom Haus verlassen, da zog Felice die beiden Lunchboxen bereits wieder hervor, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet. 

„Nur mal schauen“, sagte er unschuldig und öffnete die erste Tüte. 

„Finger weg“, meinte Julyan sofort, ohne stehen zu bleiben. 

Zu spät. 

Tomen hatte sich bereits ein Brötchen geschnappt. „Nur ein kleines“, sagte er kauend. „Auch ich brauche Energie!“ Er grinste breit. 

Felice nickte eifrig und stopfte sich ein Stück Käse in den Mund. „Außerdem“, fügte er hinzu, „ist es besser, wenn die Tüten leichter sind. Wegen… Beweglichkeit.“ 

Julyan warf ihnen einen schiefen Blick zu. „Ihr seid unmöglich.“ 

Doch er hielt sie nicht auf. Er war viel zu aufgeregt, um jetzt an Essen zu denken. 

Der Weg durch Goldhain war ruhig. Die Morgensonne lag warm auf den Dächern, irgendwo klirrte Geschirr, und aus der Ferne hörte man das dumpfe Läuten der Kirchenglocke von Sturmwind. Tomen erzählte, mit großen Gesten und leuchtenden Augen, von Geschichten, die er aufgeschnappt hatte – von Kriegern, die allein ganze Fronten gehalten hatten, von Helden, die mit zerbeulter Rüstung und blutigen Schwertern zurückgekehrt waren und trotzdem gelacht hatten. 

„Karlos wird bestimmt genau so“, sagte er überzeugt. „Und du auch. Ihr beide. Sturmwind wird noch über euch reden.“ 

Felice nickte so heftig, dass ihm fast ein Apfelstück aus der Hand fiel. „Ganz sicher. Zwei Helden auf einmal! Ich wär gern dabei… also… jetzt schon.“ 

„Wärst du auch“, meinte Julyan trocken. „Wenn sie kleine elf-jährige Kinder nehmen würden.“ 

Felice grinste. „Dann warte ich halt.“ 

Als sie um die letzte Ecke bogen, stand Karlos bereits vor dem Haus. 

„Da steht er“, sagte Tomen leise und deutete nach vorn. 

Karlos stand, die Arme leicht verschränkt, der Blick mürrisch und unbeweglich vor dem Haus. Sein breiter, muskulöser Oberkörper wirkte wie gemeißelt, die Schultern kantig, die Haltung militärisch korrekt, die kurzen, dunklen Haare ordentlich zurückgekämmt. Kein ungeduldiges Tippen mit dem Fuß, kein offensichtliches Zeichen von Hast – nur dieser Ausdruck, der deutlich machte, dass ihm etwas missfiel. Neben ihm, an die Hauswand gelehnt, stand kein großes Schild. 

Tomen und Felice beschleunigten sofort ihre Schritte, fast schon ein kleines Rennen, während Julyan sein Tempo nicht veränderte. Er ging weiter, ruhig, selbstsicher, als hätte er alle Zeit der Welt. 

Tomen blieb abrupt stehen. „Wow…“, entfuhr es ihm. „Was ist das für ein Schild?“ 

Karlos’ Mundwinkel zuckten kaum merklich. Er sagte nichts. 

„Das ist das Schild seines Vaters“, warf Julyan ruhig ein, noch bevor Karlos antworten konnte. „Lutzeros Dämmerflamme. Königswache von Lordaeron.“ 

Das Schild war alt, aber gut gepflegt. Die Oberfläche trug Spuren vergangener Kämpfe – Kerben, matte Stellen, abgeschliffenes Metall. Und doch war es unverkennbar: In der Mitte prangte das Siegel von Lordaeron, verblasst, aber stolz. 

Felices Augen wurden groß. „Echt?!“ 

Karlos atmete langsam durch die Nase aus und hob das Schild auf, mehr aus Pflicht als aus Stolz. 
„Er wollte, dass ich es trage“, sagte er schließlich. Seine Stimme war fest, aber darunter lag etwas Unausgesprochenes. „Schwert und Schild. Schutz. Verantwortung.“ 

Tomen verstand sofort. „Aber… du wolltest doch—“ 

„Ja“, unterbrach Karlos leise. “Eigentlich hatte ich meine Technik mit zwei Schwertern trainiert. Aber nachdem ich aufgestanden bin …“ 

Das Erbe aus kaltem Stahl 

Die Luft war erfüllt von Schreien, dem Klirren von Metall und dem Gestank von Rauch und Blut. Über Karlos spannte sich ein Himmel, der in bedrohlichem Rot glühte, als ob die Sonne selbst vor dem Chaos zurückwich. 

Sein Spiegelbild blitzte kurz im Stahl eines fremden Schildes auf: ein schlanker, aufrechtstehender Junge mit entschlossenem Blick, das dunkle Haar vom Schweiß an die Stirn geklebt, das Gesicht ernster, härter, als es seinem Alter entsprach. 

Er stand in einer gewaltigen Schlachtreihe, die sich scheinbar endlos in beide Richtungen erstreckte. Neben ihm ragte eine imposante Gestalt empor: König Varian Wrynn, der strahlende Anführer von Sturmwind, dessen Schwert im Licht der brennenden Welt glitzerte. Auf der anderen Seite stand der gedrungene, aber nicht minder beeindruckende Magni Bronzebart, der König der Zwerge, in einer prachtvollen Rüstung, die so aussah, als sei sie direkt aus dem Herzen eines Berges geschmiedet worden. Sein gewaltiger Kriegshammer lag sicher in seinen Händen. 

„Für die Allianz!“ rief König Wrynn, und seine Stimme hallte wie Donner über das Feld. Tausende von Soldaten stimmten in den Ruf ein, ihre Schwerter, Hämmer und Bögen in die Luft gereckt. Die Hordler auf der anderen Seite der Schlacht brüllten zur Antwort – eine Masse aus Grünhäuten, Trollen, Tauren und Untoten, die wie eine unaufhaltsame Flutwelle heranrollten. 

Karlos spürte, wie sein Herz vor Aufregung raste. Er sah an sich hinunter. Er trug eine prächtige Rüstung, die mit goldenen Verzierungen geschmückt war. In seinen Händen hielt er zwei mächtige Schwerter, die vor Energie pulsierend leuchteten. 

„Kämpfen wir, Junge“, brummte Magni Bronzebart neben ihm und schlug Karlos ermutigend auf die Schulter. „Zeig deinem Vater, was in dir steckt.“ 

Die Reihen der Allianz stürmten vor, und Karlos rannte mit. Seine Füße trugen ihn wie im Flug, während er die Schwerter schwang und in die Frontlinie der Horde krachte. Orks, Trolle und Untote kamen von allen Seiten, doch Karlos fühlte sich unaufhaltsam. Jeder Schlag, jeder Hieb war präzise und mächtig. Er wehrte einen Ork-Angriff ab, schickte einen Troll zu Boden und schnitt sich durch die Reihen der Feinde wie ein heißes Messer durch Butter. 

„Weiter so, Karlos!“ rief Varian Wrynn, der selbst wie ein wütender Sturm durch die Feinde fegte. „Heute schreibst du Geschichte und machst deinen Vater stolz! Ruhm und Ehre deiner Familie“ 

Plötzlich spürte Karlos eine Veränderung in der Luft. Eine überwältigende Präsenz ließ die Kämpfer innehalten. Die Hordler wichen zurück, bildeten einen Halbkreis, und aus ihrer Mitte trat eine gewaltige Gestalt hervor. Thrall, der legendäre Ork-Schamane und Anführer der Horde, näherte sich mit langsamen, bedächtigen Schritten. Seine Augen glühten wie smaragdgrüne Flammen, und die Luft um ihn herum knisterte vor Macht. In seiner Hand hielt er den legendären Kriegshammer Doomhammer. 

„Allianz... Ihr seid töricht, wenn ihr glaubt, dass ihr uns besiegen könnt“, dröhnte Thralls Stimme, tief und mächtig wie ein rollendes Gewitter. 

Varian und Magni stürzten vor, um sich Thrall entgegenzustellen, doch Karlos trat zwischen sie. „Dieser Kampf gehört mir!“ rief er und stellte sich dem Ork alleine. Karlos war von seiner Entschlossenheit erschrocken und fürchtete den beiden Anführer der Allianz verärgert zu haben. Wer war er schon? Ein kleiner Junge aus Goldhain. Doch diese nickten und verbeugten sich ehrfürchtig. 

Karlos‘ Herz schlug wie wild, doch er hielt die Schwerter fest in den Händen. Mit einem lauten Schrei stürmte er vor. Thrall schwang seinen Hammer, und die beiden Waffen prallten mit einem ohrenbetäubenden Knall aufeinander. Die Erde erbebte, und ein magischer Sturm tobte um die beiden Kämpfer. 

Der Kampf war gnadenlos. Thrall war stark, seine Schläge hatten die Kraft eines Erdbebens, doch Karlos war schnell und entschlossen. Er wich den mächtigen Hieben aus, parierte mit einem seiner Schwerter und griff mit dem anderen an. Schließlich fand er eine Öffnung: Thrall hob seinen Hammer für einen mächtigen Schlag, und Karlos nutzte den Moment, um sein Schwert direkt in die Brust des Schamanen zu rammen. 

Thralls Augen weiteten sich vor Überraschung, und er sank auf die Knie. „Du bist stärker, als ich dachte. Ich habe dich unterschätzt.“, murmelte er, bevor er zur Seite fiel. Die Hordler hielten inne, ihre Schreie verstummten, als ihr Anführer fiel. 

Karlos blickte auf das Schlachtfeld, das nun ihm zu Füßen lag. König Wrynn trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du hast uns heute den Sieg gebracht, Karlos. Du bist ein Held der Allianz. Dein Vater wird stolz auf dich sein.“ 

Doch bevor Karlos etwas sagen konnte, verschwamm das Schlachtfeld vor seinen Augen. Die Rufe und das Donnern verklangen, und er spürte, wie er aus dem Traum erwachte. 

Langsam öffnete Karlos die Augen. Sein Atem ging noch immer schnell, sein Herz pochte gegen seine Rippen, als ob es versuchte, sich aus seiner Brust zu befreien. Einen Moment lang fühlte sich alles so echt an – die Hitze der Schlacht, der metallische Geschmack von Anstrengung und Angst auf seiner Zunge, das Rufen der Krieger um ihn herum, der dumpfe Aufprall von Stahl auf Stahl. Er konnte noch immer das Gefühl der Schwerter in seinen Händen spüren, das Zittern in den Fingern, als er sie im Kampf geführt hatte. 

Dann drang ein leises, gleichmäßiges Geräusch an seine Ohren – ein Schnarchen, ruhig und unbeschwert. Es war ein vertrauter Klang, einer, den er in den letzten Jahren so oft gehört hatte. Er blinzelte gegen das sanfte Morgenlicht, das durch die kleinen, holzgerahmten Fenster seines Zimmers fiel, und seine Augen fanden die vertraute, chaotische Silhouette seines kleinen Bruders. 

Wolle lag auf der Seite, zusammengekauert unter einer Decke, die er halb von sich geworfen hatte. Sein dunkles Haar war zerzaust, und seine Lippen verzogen sich von einem schelmischen Lächeln zu einer panischen Grimasse, als ob er in seinen Träumen wieder irgendeinen Unfug trieb. Vielleicht träumte er davon, einen Beutel voller Goldmünzen aus der Tasche eines unachtsamen Händlers zu fischen. Oder davon, wie er sich mit einem Dolch in der Hand durch ein riesiges Piratenschiff schlich, die Taschen voller gestohlener Juwelen. 

Karlos schüttelte leicht den Kopf. Die Realität kehrte zurück, verdrängte die Schatten des Traums. Es war nur ein Traum gewesen. Ein besonders lebhafter, ja, aber nicht mehr als das. 

Er setzte sich langsam auf, fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages tasteten sich durch die Ritzen der Fensterläden, zeichneten goldene Muster auf die Holzdielen und tauchten den Raum in ein warmes, gedämpftes Licht. Staubpartikel schwebten darin, tanzten schwerelos in der stillen Morgenluft. 

Er nahm einen tiefen Atemzug. Der vertraute Duft von altem Holz, getrocknetem Heu und einem Hauch von Asche lag in der Luft – Überreste des kleinen Kaminfeuers, das in der Nacht ausgegangen war. Alles war ruhig, friedlich. Kein Schlachtenlärm, kein Kriegsgeschrei. Nur das sanfte Atmen seines Bruders, das gelegentliche Knarren der alten Holzbalken und das leise Zwitschern der Vögel vor dem Fenster. 

Karlos streckte sich, spürte die Muskeln in seinen Armen und Schultern ziehen. Die Anspannung des Traums war noch nicht ganz aus seinem Körper verschwunden. Mit einer langsamen Bewegung schwang er die Beine aus dem Bett und stellte die Füße auf den kühlen Holzboden. 

Sein Blick wanderte durch das Zimmer. Es war klein, aber gemütlich – zwei einfache Strohlager, eine schmale Truhe, in der sie ihre wenigen Habseligkeiten verstauten, und ein niedriger Tisch, auf dem ein paar Pergamente lagen. Wolles Handschrift war darauf zu erkennen – Kritzeleien, Skizzen von Dolchen, Karten von Orten, an denen er noch nie gewesen war, und kleine Geschichten über Räuber und Gauner. 

Ein lautes Krachen zerriss die Stille. 

Die Tür wurde so heftig aufgerissen, dass sie gegen die Wand schlug. Karlos fuhr zusammen, sein Herz machte einen Satz. Im selben Moment rutschte Wolle mit einem erschrockenen Laut aus seinem Strohlager und landete unsanft auf dem Boden. 

„Bei allen Lichtern, schlaft ihr noch?!“ Lutzeros’ Stimme war hart, scharf wie ein gezogener Stahl. 

Er stand im Türrahmen, groß und dunkel gegen das Licht des Flurs, der Umhang noch über die Schultern geworfen. Sein Blick blieb an Karlos hängen, streng, prüfend – und kalt. 

„Die Musterung ist heute“, knurrte er. „Du willst vor die Offiziere von Sturmwind treten und hast nicht einmal deine Schwerter geputzt?“ Er machte einen Schritt in den Raum. „Steh auf. Mach dich fertig. Und wenn ich Rost an den Klingen sehe, kannst du dir den Rest selbst ausmalen.“ 

Karlos schluckte, nickte hastig. „Ja, Vater.“ 

Lutzeros warf Wolle keinen weiteren Blick zu. Ohne ein Wort mehr drehte er sich um, trat hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Das Holz bebte noch einen Moment nach, dann war es wieder still. 

Wolle blieb einen Herzschlag lang reglos auf dem Boden sitzen. Dann sah er zu Karlos hoch, grinste schief und sagte: 

„Na siehst du. Nicht mein Problem. Ich bin noch zu jung für die große, glorreiche Musterung.“ 

Er zog sich wieder in sein Strohlager zurück, drehte Karlos demonstrativ den Rücken zu und zog die Decke über den Kopf. „Weck mich, wenn du ein Held bist.“ 

Karlos ließ den Blick einen Moment auf dem verformten Deckenhügel ruhen. Dann atmete er tief durch. 

„Es wird Zeit aufzustehen“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinem Bruder. 

Er stand auf, zog sich an, nahm seine Schwerter an sich – und verließ das Zimmer.  

Karlos ging langsam die Treppe hinunter. Jeder Schritt ließ das alte Holz leise knarren, als würde das Haus selbst seine Anwesenheit ankündigen wollen. Unten war es stiller, als es Karlos erwartet hatte. Kein Lachen, kein geschäftiges Klappern von Geschirr, kein Stimmengewirr. Nur das gedämpfte Knistern der Glut im Kamin und das leise Ticken einer Uhr an der Wand. 

Der untere Raum lag im Halbdunkel. Der Tisch war bereits ordentlich gedeckt. Karlos’ Vater saß aufrecht auf seinem Stuhl, den Rücken gerade, die Hände ruhig vor sich gefaltet. Sein Blick war auf ein Stück Leder gerichtet, das er mit kontrollierten, geübten Bewegungen polierte. Neben dem Tisch lehnte das große Schild – sauber, geschniegelt, bereit. 

Seine Mutter saß ihm gegenüber. Als sie Karlos bemerkte, hellte sich ihr Gesicht sofort auf. Sie sprang auf, der Stuhl rutschte mit einem leisen Kratzen zurück, und sie eilte auf ihn zu, während ihre lockigen Haare ungebändigt um ihr Gesicht tanzten. 

„Oh, mein Junge! Du bist ja schon wach“, sagte sie mit warmer Stimme und legte ihm beide Hände an die Wangen, musterte ihn voller Stolz. „Heute ist ein großer Tag. Wir wünschen dir ganz viel—“ 

„Du bist spät dran“, unterbrach Lutzeros ruhig, ohne aufzusehen. Seine Stimme war fest, nüchtern, wie ein Befehl, nicht wie eine Feststellung. Er legte das Tuch beiseite und sah Karlos nun direkt an. „Du kannst froh sein, dass ich das Schild schon geputzt habe.“ 

Karlos blieb mitten im Raum stehen. Verwirrung huschte über sein Gesicht, und sein Blick wanderte unwillkürlich zu dem Schild, das neben dem Tisch lehnte. 

„Welches Schild, Vater?“ fragte er irritiert. „Ich trage zwei Schwerter.“ Seine Stimme gewann an Festigkeit, je länger er sprach. „Ich habe die letzten Monate nichts anderes getan, als meine Technik zu verbessern. Ich bin gut geworden. Wirklich gut.“ 

Lutzeros schnaubte leise, ein kurzes, hartes Geräusch. Er erhob sich langsam von seinem Stuhl, groß und unbeweglich wie eine Statue. 
„Mein Sohn“, sagte er kühl, „wird nicht als gewöhnlicher Krieger zur Armee gehen. Nicht als einer von vielen, die blind nach vorn stürmen und hoffen, Ruhm zu finden.“ Sein Blick glitt hin zum Schild. „Du wirst mein Schild tragen. Du wirst stehen. Du wirst führen. Und du wirst der Familie Ehre bringen.“ 

Karlos’ Kiefer spannte sich an. Für einen Moment sagte er nichts. Dann suchte sein Blick den seiner Mutter. Sie sah ihn an, voller Mitgefühl, die Freude von eben gedämpft, fast schmerzhaft zurückgenommen. Einen Herzschlag lang schien sie etwas sagen zu wollen – doch sie tat es nicht. Stattdessen wandte sie sich ab und setzte sich ruhig wieder neben Lutzeros an den Tisch. 

Karlos schluckte. Sein Blick glitt noch einmal über das Schild, über die abgenutzten Kanten, die tiefen Kerben, die Geschichten trugen, die nicht seine waren. 
„Aber…“, begann er leise, dann räusperte er sich und hob den Kopf. „Ich kenne mich mit Schwert und Schild kaum aus. Ich habe immer mit zwei Klingen trainiert. Das ist meine Kampfart.“ 

Die Worte fühlten sich richtig an – und zugleich gefährlich. In seiner Brust zog sich etwas zusammen. Vor seinem inneren Auge sah er seinen Vater in all den Jahren, standhaft, unbeugsam, mit genau diesem Schild an der Seite. Ein Mann, der Linien gehalten hatte, während andere fielen. Wie sollte er je so sein? Wie sollte er jemals an diesen Maßstab heranreichen, wenn er gezwungen wurde, in Fußstapfen zu treten, die nicht die seinen waren? 
Er wollte kämpfen, schnell sein, frei. Er wollte seinen eigenen Weg gehen – und nicht ständig messen müssen, was ihm fehlte, um seinem Vater zu gleichen. 

Lutzeros’ Antwort kam ohne Zögern. „Dann wirst du es lernen.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel zu. „Niemand wird als Schutz geboren. Man wird es durch Disziplin. Durch Pflicht.“ Er setzte sich wieder hin. „Du bist mein ältester Sohn. Du wirst es lernen müssen.“ 

Karlos’ Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust. Die Fingernägel bohrten sich in seine Handfläche, ein stummer Versuch, die aufsteigende Wut und die Enttäuschung zu bändigen. Er hätte so viel sagen können. Doch er tat es nicht. Langsam ließ er die Faust sinken, atmete tief ein – und nickte. 

„Ja, Vater.“ 

Lutzeros reagierte nicht weiter. Er nickte nur knapp, als wäre die Sache damit erledigt, und griff wieder nach dem Leder, um es mit derselben ruhigen Gründlichkeit über das Metall zu führen. Für ihn war die Entscheidung gefallen – und damit auch das Gespräch. 

Karlos’ Mutter hingegen sah ihn lange an. In ihrem Blick lag Stolz, leise und warm, aber auch etwas Wehmütiges, als wüsste sie genau, welchen Preis dieses „Ja, Vater“ gekostet hatte. Ohne ein Wort stand sie auf, nahm einen Teller und häufte ihn großzügig mit Brot, Fleisch und warmem Brei. Dann stellte sie ihn behutsam vor Karlos ab. 

„Setz dich“, sagte sie sanft. „Du brauchst Kraft.“ 

Karlos nickte nur. Er zog den Stuhl zurück und setzte sich an den Tisch, die Schultern leicht angespannt. Das Klirren von Besteck auf Keramik klang lauter, als es sollte. Er begann zu essen, Bissen für Bissen, während seine Gedanken woanders waren. 

Die drei Prüfungen - Julyan und Karlos 

Karlos ließ den Blick noch einen Moment auf dem Schild ruhen, dann zuckte er mit den Schultern, als wolle er etwas abschütteln, das schwerer wog, als er zugeben wollte. 
„Naja“, sagte er schließlich und versuchte, seine Stimme leichter klingen zu lassen, als sie sich anfühlte. „Dann halte ich wohl die erste Linie.“ Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Schutzkrieger. Schild hoch, stehen bleiben, nicht fallen. Ich versuch’s eben so.“ 

Julyan musterte ihn einen Augenblick lang. Sein Blick glitt vom Schild zu Karlos’ Gesicht, dann wieder zurück. 
„Natürlich du“, schnaubte er leise in sich hinein. „Wie immer ganz vorne und ich dahinter.“ 
Niemand hörte es von den Anderen, doch Julyan konnte seinen Ärger nur schwer verbergen. Ein kaum greifbarer Stich. Julyan wusste genau, wie es war: Wer vorne stand, führte. Wer den ersten Schritt machte, bestimmte das Tempo. Und das war ein Platz, den er selbst nur zu gern eingenommen hätte. 

Karlos wandte den Kopf und blickte zur Uhr am Gasthaus hinüber. Seine Stirn legte sich in Falten. 
„Wir müssen los“, sagte er knapp. 

Tomen folgte seinem Blick sofort. „Oh… verdammt.“ Er fuhr sich durch die blonden Haare. „Ich muss auch zurück. Im Holzfällerlager kommt heute ein Händler vorbei. Wenn wir den verpassen, hat meine Mutter keinen Stoff für die Halstücher.“ 
Er trat bereits einen Schritt zurück, drehte sich halb um. „Ich muss Schnell. Meine Mutter ist zu schwach um selbst vor die Tür zu gehen.“ 

Felice sah ebenfalls zur Uhr – und dann schuldbewusst zu Julyan und Karlos. 
„Ich auch“, sagte er hastig. „Mein Vater ist bestimmt schon auf dem Feld, und wenn ich nicht wenigstens schaue, wie weit er ist…“ Er verzog das Gesicht. „Dann gibt’s Ärger.“ 

Karlos nickte verständnisvoll. „Schon gut. Wir sehen uns morgen. Dann können wir erzählen wie es war.“ 

Tomen grinste noch einmal breit. „Viel Glück euch beiden. Ihr schafft das.“ Dann drehte er sich um und verschwand beinahe im Laufschritt die Straße hinunter. 

Felice winkte eifrig. „Und… äh… ja wir sprechen morgen!“ Dann rannte auch er los, die Lunchboxen fest an sich gedrückt. 

Julyan und Karlos sahen sich einen Moment lang an. In ihren Blicken spiegelte sich Vorfreude auf das, was vor ihnen lag – das Abenteuer, die Herausforderung, das Unbekannte. Doch darunter lag auch eine leise Nervosität, jeder auf seine Weise. Ein stilles Einvernehmen verband sie in diesem Augenblick, während die Straße vor ihnen sich in goldenem Morgenlicht ausbreitete. 

Julyan und Karlos erreichten die Tore von Sturmwind. Schon von weitem konnte man das geschäftige Treiben hören: Rufe von Aufsehern, das Klappern von Rüstungen, das leise Gemurmel der Wartenden. Vor den Toren hatten die Offiziere ein provisorisches Lager aus Zelten errichtet, in dem junge Rekruten, Mädchen wie Jungen, auf ihre Musterung warteten. 

Die Luft war erfüllt von Aufregung, gemischt mit der Schwere der Erwartung. Manche Kinder standen steif wie Wachsfiguren, die Hände verschränkt, die Augen weit aufgerissen vor Furcht. Andere tuschelten nervös miteinander oder richteten ständig die Kleidung, um einen ordentlichen Eindruck zu machen. 

Julyan spürte, wie sein Herz schneller schlug, als er sich neben Karlos in die Reihe einreihte. Die Reihen der Wartenden wirkten endlos, und jeder Schritt brachte ihn näher an den Moment, in dem sie geprüft werden würden. 

Karlos war erstaunlich ruhig. Sein Blick wanderte über die Menge, über die aufgestellten Zelte und die Offiziere, die ihre Listen überprüften. Er stellte sich selbst ein Bild zusammen: wer stark wirkte, wer nervös war, wer bereits Erfahrung zu haben schien. 

Nach einer Weile traten sie vor einen Soldaten, der sie von oben bis unten musterte. Er hatte die Arme verschränkt, die Stirn in Falten gelegt und sprach mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. 

„Name?“, fragte er schroff. „Geburtsort? Klasse? Geführte Waffe?“ 

Julyan antwortete ruhig, soweit es ihm möglich war, Karlos hingegen spürte, wie sich die Muskeln in seinem Nacken anspannten. Doch er blieb gefasst, nannte jeden Punkt mit klarer Stimme. 

Der Soldat nickte nur knapp, blätterte in einem Ledermäppchen und ließ den Blick kurz über das Schild neben Karlos gleiten. „Ah… Oh... Das Siegel von Lordearon. Du bist der Sohn von Lord Dämmerflamme, ja?“ Karlos nickte zögernd. Der Soldat zog ein blaues Tuch hervor und hielt es ihm hin. „Zuerst der Gesundheitscheck. Dann der Tauglichkeitscheck – da prüfen die Klassenlehrer eure Fertigkeiten. Danach folgt der Belastbarkeitscheck. Für den teile ich euch in Gruppen ein.” 

Julyan erhielt ein gelbes Tuch. Er blickte zu Karlos und verzog das Gesicht. „Gelb? Mir steht gelb nicht.“ 
„Du glaubst nicht wie egal mir das ist“, erwiderte der Soldat trocken. 

Julyan verzog das Gesicht noch mehr, schob das Tuch demonstrativ zur Seite. „Aber ich will auch ins blaue Team!“ 

Der Soldat reagierte nicht, doch als er kurz zu den Hauptmännern sah, ließ er ein verschmitztes Lächeln aufblitzte. „Hm…“, murmelte er. „Wenn die kleinen Jungs nicht alleine spielen wollen, bekommen sie eben die gleiche Farbe.“ 

Er zog zwei grüne Tücher hervor und hielt sie den beiden hin. Die Jungs, noch nicht ahnend, was das bedeuten würde, nahmen sie dankbar an. „Perfekt, hauptsache zusammen“, sagte Karlos, und Julyan nickte, noch ein wenig skeptisch, aber froh, dass sie nun gemeinsam weiter gehen würden. 

Nachdem die ersten beiden Prüfungen abgeschlossen waren, sammelten sich alle verbliebenen Rekruten vor einer großen, hölzernen Bühne, die in der Mitte des Übungsplatzes aufragte. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf den Metallrüstungen, und die Geräusche von klirrendem Stahl, Schritte auf Kies und gedämpftem Murmeln erfüllten die Luft. 

Karlos und Julyan standen nebeneinander und betrachteten die anderen Jungen und Mädchen. Viele wirkten angespannt, einige murmelten noch nervös vor sich hin, andere rieben sich die Arme, als wollten sie die Kälte vertreiben, obwohl die Sonne bereits Wärme versprach. 

„Na ja, die Gesundheitsprüfung lief ja ganz gut“, sagte Julyan und ließ seinen Blick prüfend über Karlos wandern. „Also, außer vielleicht beim Balancieren, aber das ist nichts, was man nicht noch hinbekommt.“ 

Karlos nickte. „Ja… alles okay. Ich bin froh, dass das vorbei ist.“ 

Julyan grinste breit und schlug ihm leicht auf die Schulter. „Und wie lief es bei dir mit den Fertigkeiten? Ich glaube, der Ausbilder war echt beeindruckt. Ganz ehrlich, er könnte von mir lernen, nicht ich von ihm.“ 

Karlos verzog leicht das Gesicht, ein wenig belustigt, ein wenig genervt. „Du übertreibst schon wieder…“ 

Im Stillen dachte er jedoch an den Fertigkeitentest zurück. Das Training mit zwei Schwertern hatte ihm geholfen, agil zu bleiben, doch mit Schild und Schwert hatte er sich merklich schwergetan. Jeder Block, jeder Schritt fühlte sich ein wenig fremd an, ungewohnt. Trotzdem war er stolz, dass er nicht gefallen war und die Bewegungen sauber ausgeführt hatte. „Ich glaube, ich habe eine gute Figur gemacht“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu Julyan. 

Julyan lachte leise. „Ach komm, sei ehrlich. Du bist bestimmt auch nicht der Schlechteste gewesen. Aber ich? Ich war definitiv der Beste. Wirklich.“ Er schob seine Brust ein kleines Stück nach vorne, als wollte er das noch einmal unterstreichen. „Der Ausbilder hätte ruhig auf mich hören sollen. Ich habe ihm gezeigt, wo es lang geht.“ 

Karlos schüttelte leicht den Kopf, ein halbes Lächeln auf den Lippen. „Wenn du meinst…“ 

Plötzlich verstummten die Gespräche und das Murmeln auf dem Übungsplatz. Ein kühler Wind wehte über das Gelände, als der alte Lord Schattenbruch zusammen mit Bolvar Fordragon und General Marcus Jonathan die hölzerne Bühne betrat. Die Reihen der Rekruten richteten sich automatisch auf, die Körper angespannt, die Augen starr auf die drei Männer gerichtet. 

Jeder Schritt der hohen Offiziere hallte auf dem massiven Holz wider. Die Präsenz von Schattenbruch, Bolvar und Jonathan ließ die sonst lebhafte Unruhe der jungen Rekruten verstummen. Für einen Augenblick schien die Sonne hinter einer Wolke zu verschwinden, so konzentriert lag der Blick aller auf der Bühne. 

General Marcus Jonathan trat nach vorn, die Haltung streng und würdevoll, die Schultern gerade, den Blick fest auf die Rekruten gerichtet. Seine Stimme durchbrach schließlich die gespannte Stille, ruhig, aber klar, jede Silbe von Bedeutung: 

„Willkommen, neue Rekruten! Heute beginnt für euch ein Weg, der Mut, Disziplin und Ehre verlangt. Zumindest für einige von euch. Ihr tretet in die Fußstapfen jener, die diese Stadt, diese Burg aber auch unsere Heimat und die Gemeinschaft unserer Allianz verteidigt haben. Ihr werdet lernen, zu stehen, zu gehorchen und euren Platz in der Allianz zu finden.“ 

Er machte eine kurze Pause, ließ den Blick über die versammelten Gesichter gleiten, wie um jeden einzelnen abzuprüfen, bevor er weitersprach. 

„Sturmwind steht nicht nur als Hauptstadt unseres Volkes, sondern als Herzstück der Allianz. Jede Tat, jeder Schritt, jede Entscheidung hier wird geprüft werden – nicht nur von euren Ausbildern, sondern von allen, die ihr Schicksal mit euch teilen werden. Ehre, Mut und Loyalität sind nicht nur Worte. Sie sind das Fundament, auf dem wir stehen.“ 

Karlos und Julyan spürten das Gewicht der Ansprache. Karlos ballte unbewusst die Hände, fühlte die Verantwortung, die sein Schild symbolisierte, während Julyan eine Mischung aus Ehrfurcht und ehrgeizigem Feuer in sich spürte. 

General Jonathan schloss seine Ansprache mit einem ernsten Nicken und ließ die Worte in der Stille hängen: „Zeigt, dass ihr würdig seid, diese Stadt und die Allianz zu verteidigen.“ 

Ein leises, respektvolles Raunen ging durch die Reihen, doch niemand wagte, die Haltung zu lockern. 

Doch die starre Haltung der Rekruten begann zu bröckeln. Geflüster, Kichern und vorsichtige Scherze machten die Runde, als Lord Schattenbruch das Wort ergriff. Mit kräftiger Stimme durchbrach er das Murmeln: 

„Rekruten“, sagte er, und sofort senkte sich eine ehrfürchtige Stille über die Menge. „Hört genau zu! Eure nächste Aufgabe wird zeigen, wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich in den Dienst der Gruppe und somit der Allianz zu stellen. Vier Hauptmänner werden jeweils fünf Rekruten anführen und eine Aufgabe erhalten. Jeder Schritt wird geprüft, jede Entscheidung beobachtet.“ 

Mit einem knappen Handzeichen traten drei Hauptmänner vor die Bühne. Jeder hielt ein Banner: Gelb, Blau und Lila. Die Farben wehten im Wind, klar und deutlich, während die Rekruten ihre Plätze fixierten. 

Karlos’ Blick wanderte suchend umher. „Wo ist der grüne Hauptmann?“, murmelte er leise zu Julyan. 

Im selben Moment erklang ein lautes Poltern von der Straße her. Ein Mann tauchte auf, das grüne Banner über der Schulter, vollgepackt mit allerlei Ausrüstung. Schwer atmend und leicht stolpernd bahnte er sich den Weg zur Bühne. 

Die Rekruten mit gelben, blauen und lilafarbenen Tüchern konnten sich ein Kichern kaum verkneifen. Ein paar stießen ein leises Lachen aus. Doch Karlos und Julyan hielten sich zurück, bemüht, ernst zu bleiben und ihre Enttäuschung zu verbergen. 

Lord Schattenbruch hob die Hand, und die Lautstärke erstarb augenblicklich. Die Rekruten erstarrten, als seine Stimme, kräftig und durchdringend, über den Platz hallte: 

„Genug der Unruhe! Rekruten!“, rief er. „Findet euch bei euren Hauptmännern ein. Dann beginnt eure erste echte Prüfung.“ 

Langsam löste sich die Masse und die Rekruten bewegten sich zu ihren jeweiligen Hauptmännern. 

Julyan und Karlos bahnten sich ihren Weg durch die sich bewegende Rekruten und erreichten schließlich die Gruppe, die sich um den grünen Hauptmann versammelt hatte. Dort standen bereits drei weitere Rekruten, jeder von ihnen ein deutliches Individuum inmitten der uniformen Menge. 

Am Rand der Gruppe stand ein stilles, zurückhaltendes kleines Mädchen im Priestergewand. Ihr langes, helles Gewand war makellos, die strohgelben Haare fielen glatt und sanft über ihre Schultern. Sie beobachtete die Umgebung nur mit zurückhaltendem Blick, sprach kaum, doch ihr wachsames Auge schien jedes Detail wahrzunehmen. 

Daneben wirbelte ein überdrehter Junge herum, das feuerrote Haar sträubte sich in alle Richtungen, und sein bräunliches Gewand war übersät mit Dreckflecken, die sich kaum einer Herkunft zuordnen ließen. 

Am anderen Ende der Gruppe stand ein dicklicher Junge in einer viel zu engen Rüstung. Der Junge trug ein Paladin Siegel und hatte sichtlich mit dem Gewicht seines großen Schwertes auf dem Rücken zu kämpfen. Das Schwert schien so schwer, dass er ständig wankte, versuchte, sich auszubalancieren, und dabei immer wieder drohte, nach vorne zu kippen. 

Der grüne Hauptmann sah die neuen Rekruten kurz an, nickte dann knapp und deutete auf die freien Plätze in der Reihe. Karlos und Julyan schoben sich vorsichtig dazwischen, prüften flüchtig die anderen Mitglieder ihrer Gruppe, spürten die Mischung aus Nervosität, Ungeduld und ungestümer Energie, die von ihnen ausging. 

Julyan war Karlos einen kurzen Blick zu. „Na, das ist ja ein… bunt zusammengewürfelter Haufen“, murmelte er leise. 

Karlos grinste schief. „Ach komm, das wird schon. Dann musst du wohl voll abliefern.“ 

Doch die skurrilste Figur der Gruppe war eindeutig der Hauptmann selbst. Kaum hatte er die Rekruten im Blick, wirkte er wie ein Feuerwerk aus Übermotivation und Verwirrung zugleich. Sein Helm saß schief, die Riemen waren vertauscht, und jedes Mal, wenn er versuchte, stramm zu stehen, schien die Rüstung ein Eigenleben zu entwickeln – knirschend, quietschend, wankend. 

„Rekruten!“, rief er mit kräftiger Stimme, die sofort ins Stocken geriet, als er versuchte, die Worte zu betonen, „Ich – äh – ihr müsst – nein, also zuerst – ihr wisst schon… Ich bin Hauptmann - äh - Greyson!“ Seine Hände fuchtelten wild in der Luft, während er gleichzeitig versuchte, ein strenges Gesicht zu wahren. 

Er schaute die Gruppe an und nickte enthusiastisch. „Gut! Gut! Ihr seid… ihr seid alle… also ja, seid ihr, oder?“ Er stockte, kratzte sich am Hinterkopf und blickte hilfesuchend in die Runde. „Ach, wie hieß noch gleich…?“ 

Die Rekruten schauten sich gegenseitig an, einige unterdrückten ein Kichern. Karlos und Julyan mussten beide die Stirn runzeln und konnten ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken. Plötzlich wurde ihnen klar, warum der Soldat, der sie zuvor zugewiesen hatte, mit einem breiten Grinsen an ihnen vorbeigelaufen war. 

„Ich bin Karlos, scheinbar der Tank der Gruppe, das hier ist Julyan, Jäger“, sagte Karlos und blickte in die Runde. 

„Ich… ähm… ich bin Aveline. Heilige Priesterin“, flüsterte das junge Mädchen und schenkte Karlos ein schüchternes Lächeln. 

„HAHA! Ich bin Zarvix. Hexenmeister!“, rief der rothaarige Junge und sprang von einem Bein aufs andere, die Arme wild gestikulierend. 

„Öhm… Bennard… mein Name. Ich bin… oooh…“, stieß der dickliche Junge hervor, als er fast nach hinten kippte, das große Schwert auf dem Rücken ruckartig zur Seite bewegend. 

„Lass gut sein“, unterbrach ihn Julyan lachend. „Du bist Paladin ohne Schild. Das sagt schon alles.“ 

„Ah, ja, genau!“, rief Greyson plötzlich und sprang einen Schritt nach vorne, als habe er eine wichtige Erkenntnis gewonnen. „Wir werden die Übung starten! Jeder folgt meinen Anweisungen, genau wie vorgesehen! Und vergesst nicht: Disziplin! Genauigkeit! – Und, äh, Vorsicht!“ 

Sein Versuch, energisch und autoritär zu wirken, scheiterte an der stockeligen Bewegung, dem schiefen Helm und der offensichtlichen Unsicherheit, die jeden seiner Schritte begleitete. Es war fast unmöglich, ihn ernst zu nehmen, und dennoch lag etwas Verbindliches in seinem Tonfall, etwas, das die Rekruten unbewusst dazu brachte, ihm wenigstens ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. 

General Marcus Jonathan trat noch einmal vor und hob die Hand.  

„Rekruten“, sagte er mit fester Stimme. „Die Prüfungen beginnen jetzt. Von diesem Moment an wird jede Handlung, jede Entscheidung und jedes Wort gewertet. Arbeitet zusammen. Hört auf eure Hauptmänner.“ 

Mit einem knappen Nicken trat er zurück. 

Hauptmann Greyson räusperte sich laut, trat einen Schritt vor seine Gruppe und hielt das grüne Banner etwas zu steif, als hätte er Angst, es fallen zu lassen. Er warf einen hastigen Blick auf seine Rekruten, dann auf ein zusammengefaltetes Pergament in seiner Hand. 

„A-also“, begann er und räusperte sich erneut. „Eure Aufgabe ist von hoher Bedeutung.“ Er machte eine kurze Pause, als erwarte er Applaus, dann las er weiter. „Ihr begebt euch gemeinsam zur Westbrook-Garnison im Westen des Elwynnwaldes. Dort überbringt ihr diese Nachricht persönlich an Deputy Rainer.“ 

Julyan blinzelte. „Das war’s?“ fragte er überheblich und verschränkte die Arme. 

Greyson stutzte, sichtbar irritiert. „W-wie bitte?“ 

„Na ja“, sagte Julyan und zuckte mit den Schultern. „Ein bisschen laufen, ein Zettel abgeben. Klingt eher nach Botendienst als nach Prüfung.“ 

Greyson richtete sich empört auf. „Ihr solltet froh sein!“ platzte es aus ihm heraus. „Andere Gruppen haben es deutlich… äh… gefährlicher getroffen.“ Er zählte hastig an den Fingern ab. „Eine Gruppe jagt einen entflohenen Defias-Banditen. Eine andere muss sich mit randalierenden Murlocs herumschlagen. Und die dritte… äh… eine Mine voller Kobolde.“ 

Er hob mahnend den Zeigefinger. „Ihr hingegen reist auf der Straße. Ohne Gefahr. Ohne Komplikationen. Das Überbringen von Nachrichten ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der Armee und der Stadtwache. Nicht jede Aufgabe besteht aus Kämpfen.“ 

Karlos sah zu Julyan. Julyan sah zu Karlos. Beide verzogen gleichzeitig das Gesicht. 

„Großartig“, murmelte Julyan. Karlos seufzte leise. „Und wie genau sollen wir uns dabei beweisen?“ 

Julyan schnaubte, noch während sie sich in Bewegung setzten. 
„Das ist doch Aufgabe der Stadtwache“, sagte er und trat gegen einen Kieselstein, der über den Weg sprang. „Stadtwache. Das kann doch nicht unser Ziel sein. Wir wollen raus in die Welt, für die Allianz kämpfen – nicht Patrouille laufen und Nachrichten überbringen.“ 

Karlos nickte ihm kurz zu. Er verstand den Ärger nur zu gut. Doch er sagte nichts. Stattdessen ging er weiter, das Schild fest im Griff, den Blick nach vorn gerichtet. Pflicht war Pflicht – selbst dann, wenn sie sich klein anfühlte. 

Die Gruppe hatte kaum das Lager hinter sich gelassen, als Bennard immer näher an sie heran trat. Er keuchte ein wenig vom Gehen, mehr wegen des Schwertes als wegen der Strecke. 
„Also… so langweilig ist die Stadtwache gar nicht“, begann er vorsichtig, als hätte er Angst, ausgelacht zu werden. 

Julyan warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Ach ja? Und was soll daran spannend sein? Tore bewachen und Betrunkene nach Hause bringen?“ 

Bennard schüttelte den Kopf. „Mein Vater war viele Jahre bei der Wache in Sturmwind. Er hat mir mal etwas erzählt.“ 
Er senkte die Stimme, fast automatisch. „Über die Tunnel unter der Stadt.“ 

Karlos sah zu ihm hinüber. „Die Abwasserkanäle?“ 

„Genau die“, sagte Bennard. „Aber sie sind nicht nur das. Nicht einfach alte Kanäle oder vergessene Gänge. Jeder, der länger als ein paar Wochen Dienst getan hat, weiß, dass da unten Dinge lauern, über die man nicht gern spricht.“ 
Er schluckte. „Schatten. Geräusche. Bewegungen, selbst wenn keine Fackel brennt.“ 

Julyan runzelte die Stirn. „Du willst uns jetzt nicht mit Schauergeschichten kommen, oder?“ 

„Hör einfach zu“, entgegnete Bennard leise. 

„Normalerweise“, fuhr er fort, „geht da keiner freiwillig rein. Aber in jener Nacht hatten die Wachen keine Wahl.“ 
Er hob eine Hand, als würde er zählen. „Fünf Mann. Nur fünf. Fackeln in der Hand, das Licht flackerte an den nassen Wänden, alles moosig, kalt.“ 

Karlos verzog amüsiert das Gesicht. „Klingt gruselig.“ 

Bennard nickte. „Fand der Hauptmann nicht. Der soll einen von ihnen ziemlich schroff angefahren haben: 
‚Wir dürfen nicht hinterfragen, was der König befiehlt. Hogger ist ein Tier, und Tiere jagt man.‘“ 

Julyans Schritte wurden langsamer. „Hogger? Der Hogger?“ 

„Ja“, sagte Bennard. „Der Anführer der Gnolle. Der, der als Einziger aus dem Verlies entkommen war. Späher hatten seine Spur in die Tunnel verfolgt. Also gingen die Wachen hinterher. Immer tiefer.“ 

Er atmete tief durch. „Man erzählt, die Luft sei dort unten immer schwerer geworden. Feucht. Dick. Sie hätten Geräusche gehört – Kratzen, Grollen, Dinge, die nicht von Menschen stammen. Der Hauptmann befahl ihnen, wachsam zu bleiben.“ 

Bennard machte eine kurze Pause. 
„Und dann… brach der Boden unter einer Wache, Kellan hieß er, weg.“ 

Karlos blieb kurz stehen. „Er ist gestürzt?“ 

„Ja“, sagte Bennard. „Schreiend. Seine Fackel ging aus.“ 
Seine Stimme wurde noch leiser. „Und der Hauptmann? Der hielt die anderen zurück. 
‚Wir gehen weiter. Wenn wir Hogger finden, finden wir ihn.‘“ 

Julyan fluchte leise. „Er hat ihn zurückgelassen?“ 

„Allein“, bestätigte Bennard. „Verletzt. In völliger Dunkelheit.“ 

Sie gingen weiter, der Waldweg lag ruhig vor ihnen, doch Bennards Worte legten sich schwer darüber. 
„Wie Kellan sich wieder auf die Beine kämpfte, sein Schwert griff und versuchte, nicht in Panik zu verfallen – das weiß man nur aus den Spuren, die man später fand“, fuhr er fort. „Aber eines ist sicher: Er hörte etwas.“ 

Bennard zog die Schultern hoch. 
„Ein metallisches Schleifen. 
‚Schschhhk… schschhhk…‘“ 

Julyan verzog das Gesicht. „Hör auf. Woher soll man wissen, was er gehört hat? Das ist doch jetzt Quatsch.“ 

Karlos schubste Julyan. „Lass ihn weiter erzählen. Es ist eine Geschichte! Lies zwischen den Zeilen du Ochse.“ 

„Dann“, sagte Bennard unbeirrt, als wäre er nicht unterbrochen worden, „trat aus dem Schatten eine Gestalt. Groß. Breit. Mit einer verrosteten, viel zu großen Axt. Im schwachen Licht eines Schachts konnte Kellan wohl seine Augen sehen. Glühend. Und dieses Grinsen… ein Maul voller gelber, zerbrochener Zähne. Äh, erzählt man sich.“ 

Karlos wusste, was jetzt kam. Und trotzdem fragte er: „Hogger?“ 

Bennard nickte. „Hogger höchst selbst.“ 

Er schluckte. „Man sagt, Kellan habe noch versucht zu kämpfen, sein Schwert gezogen. Aber ohne Chance. Hogger soll gelacht haben. Laut gelacht. 
‚Menschen immer fragen warum… rauben, hauen, töten. Das tun Gnolle!‘“ 

Ein paar Schritte lang sagte niemand etwas. 

„Dann…“, Bennards Stimme zitterte dramtisch, „übliches Ende. Die Axt. Ein Brüllen. Stille. Tod.“ 

Julyan atmete hörbar aus. „Und die anderen?“ 

„Fanden ihn später“, antwortete Bennard. „In einer Kammer. Reglos. Entstellt. Das Schwert zerbrochen neben ihm. Seine Uniform voller Blut. Und sein Gesicht…“ 
Er schüttelte den Kopf. „Sie erzählen, es sei ein Anblick gewesen, den man niemandem wünsche.“ 

Er fuhr fort: „An den Wänden Krallensymbole. Tiefe Spuren einer Axt im Boden, die weiterführten – bis zu einer versteckten Höhle am Rand des Elwynnwaldes. Genau dort fanden sie den Ausgang.“ 

Karlos runzelte die Stirn. „Und danach?“ 

„Magier“, sagte Bennard. „Tage später. Von der Akademie. Sie versiegelten alles. Runen. Barrieren. Kein Wort darüber, was sie gesehen haben.“ 

Julyan schwieg ungewöhnlich lange. 

„Kellan?“, murmelte Karlos schließlich. 

„Sag den Namen lieber nicht zu laut. Über den spricht heute kaum noch jemand“, sagte Bennard leise. „Die Wachen schweigen. Nicht aus Respekt. Aus Angst.“ 

Keiner antwortete sofort. Für ein paar Schritte hörte man nur das Knirschen von Kies unter Stiefeln und das leise Scheppern von Bennards Rüstung. Julyan wollte etwas sagen, ließ es dann aber bleiben. Selbst ihm war der Spott vergangen. Karlos’ Blick blieb nach vorne gerichtet, doch Bennards Worte arbeiteten in ihm weiter, wie ein unangenehmer Nachhall. 

Der Weg führte sie tiefer in den westlichen Teil des Elwynnwaldes. Die breiten, gepflegten Pfade nahe Sturmwind lagen längst hinter ihnen, und mit jedem Schritt wurde der Wald stiller, dichter, ursprünglicher. Hohe Eichen spannten ihre Kronen wie ein grünes Gewölbe über den Weg, Sonnenlicht fiel nur noch in schmalen Streifen durch das Blätterdach und zeichnete flackernde Muster auf den Boden. 

Der Geruch von feuchter Erde und Moos lag in der Luft. Irgendwo klopfte ein Specht, weiter entfernt raschelte es im Unterholz. Der Weg neigte sich langsam nach Westen, fort von Sturmwind, hin zur Grenze nach Westfall und zur Westbrook-Garnison. 

Greyson ging an der Spitze der Gruppe, bemüht aufrecht, das grüne Banner fest umklammert, als könne es ihm Halt geben. Die Rekruten folgten ihm in lockerem Abstand. Bennard keuchte leise bei jedem Schritt, während Zarvix hinter ihm etwas Unverständliches murmelte. Karlos hielt den Weg im Blick, wachsam und ruhig. Julyan hingegen ließ den Blick immer wieder durch das Unterholz gleiten, mehr aus Neugier als aus Vorsicht. 

Aveline ging ein Stück abseits des Pfades, dort, wo der Wald dichter wurde. Sie hielt Abstand zur Gruppe, ihre Schritte leise, ihr Blick ständig in Bewegung. Zwischen Farnen und Baumstämmen suchte sie nach kleinen Bewegungen, nach Schatten, die nicht ganz stillstanden. Sie sagte nichts, doch ihr Tempo verlangsamte sich. 

Dann knackte es leise im Unterholz. 

Aveline blieb stehen. 

Zwischen zwei Bäumen, weiter vorne, dort wo der Pfad sich leicht senkte und in Richtung der Grenze zu Westfall führte, bewegten sich Schatten. Mehrere. Unregelmäßig. Nicht das hastige Huschen von Wild, nicht das gleichmäßige Schreiten von Menschen. 

Sie kniff die Augen zusammen. 

Grobschlächtige Silhouetten lösten sich kurz aus dem Grün – gebückte Gestalten, mit langen Armen, breiten Schultern. Etwas blitzte im Licht auf. Metall. Waffen. 

„Ähm Hauptmann…“, sagte Aveline leise, kaum mehr als ein Hauch, doch ihre Stimme schnitt klar durch das Rascheln der Blätter. 

Greyson blieb abrupt stehen. So abrupt, dass Zarvix beinahe in ihn hineinstolperte. 

„Was— was ist los?“ fragte er, schon halb empört, halb nervös. 

Aveline hob langsam die Hand und deutete nach vorn, ohne den Blick von den Schatten zu nehmen. 
„Dort bewegt sich etwas“, sagte sie ruhig. „Mehrere Gestalten. Sie kommen aus dem Westen… und gehen nach Norden.“ 

“Defias Banausen vielleicht?”, sagte Julyan mit leichter Hoffnung in der Stimme. 

Karlos trat neben Aveline, folgte ihrem Blick. Sein Magen zog sich zusammen. 
„Das sind keine Menschen“, murmelte er. 

Julyan beugte sich vor, spannte instinktiv die Finger. 
„Stimmt. Zu groß. Zu krumm.“ 

Greyson schluckte hörbar. Er richtete sich auf, versuchte, Haltung anzunehmen. 
„Ruhig bleiben“, sagte er etwas zu schnell. „Wir… wir beobachten erst.“ 

Die Gestalten bewegten sich weiter zwischen den Stämmen, kaum sichtbar. Zwei vorne, einer etwas versetzt dahinter, der letzte schien den Rücken zu sichern. Sie hielten Abstand zueinander, blieben stehen, warteten, setzten sich wieder in Bewegung. 

Julyan runzelte die Stirn. 
„Hab ich noch nie gesehen“, murmelte er. „Wild läuft nicht so. Und Räuber… die wären nicht so groß.“ 

Karlos nickte langsam. 
„Zu diszipliniert für Defias Banditen oder andere Verbrecher.“ 

Greyson trat einen Schritt nach vorn, dann blieb er stehen, als hätte ihn jemand am Kragen gepackt. Er kniff die Augen zusammen und starrte in das grüne Halbdunkel. 
„Vielleicht ja doch… Späher? Defias?“ fragte er, mehr sich selbst als die anderen. 

Ein kurzes, kehliges Lauten drang aus dem Wald. Kein Ruf, eher ein Zeichen. Die Gestalten hielten an. 

Avelines Finger krampften sich um den Saum ihres Gewandes. 
„Das… das sind doch...“, sagte sie leise. „Also so kommunizieren doch...“ 

„Gnolle“, beendete Karlos ihren Satz. 
Er hatte sie oft genug aus der Ferne gesehen. Dreckig. Brüllend. Chaotisch. 

Julyan verzog den Mund. 
„Gnolle, die sich organisiert bewegen.“ 

Greyson schluckte. 
„Gnolle…?“ Er richtete sich hastig auf. „Dann erst recht nicht eingreifen. Unser Auftrag ist klar. Westbrook-Garnison. Nachricht überbringen. Kein Abweichen.“ 

„Die gehen nach Norden“, warf Julyan ein. „Nicht nach Westfall. Richtung Sturmwind.“ 

Greyson öffnete den Mund, schloss ihn wieder. 
„Das… kann auch Zufall sein“, sagte er hastig. „Gnolle ziehen umher. Immer schon.“ 

Karlos trat einen halben Schritt näher an ihn heran, senkte die Stimme. 
„Aber nicht in Richtung der Zivilisation. Vor allem nicht so bedacht und strukturiert. Sie halten Abstand. Sie sichern sich gegenseitig.“ 
Er deutete kaum merklich nach vorn. 
„Das ist kein Beutezug.“ 

Greyson rieb sich nervös über das Kinn. Sein Blick wanderte zwischen den Rekruten, dem Banner in seiner Hand und dem schmalen Pfad, der weiter nach Westen führte. 
„Wir sind auf einer Mission“, sagte er schließlich, fast flehend. „Kein Einsatzbefehl. Kein Kampfauftrag. Wenn wir vom Weg abweichen und—“ 

„—und wenn wir nichts tun und die marschieren weiter?“, fiel Julyan ihm ins Wort. 
„Was dann, Hauptmann? Was wenn sie Sturmwind angreifen und wir hätten sie aufhalten können?“ 

Greyson schaute in die Runde. 

Julyan hob die Hände, ein schiefes Grinsen im Gesicht, doch seine Augen blieben ernst. 
„Für die Allianz, oder? Für Sturmwind!” 

Stille. 

Selbst der Wald schien den Atem anzuhalten. Greysons Finger krallten sich fester um das Banner. 
„Wir…“, begann er – und brach ab. 

Er atmete tief durch. 

„Wir verlieren sie gleich aus den Augen“, sagte Karlos ruhig. 

Greyson schloss für einen Moment die Augen. 

„Verdammt…“, murmelte er. 
„Wir… wir folgen ihnen.“ 

Ein leises Nicken ging durch die Gruppe, dann lösten sie sich vom Pfad und tauchten zwischen die Bäume. 

„Julyan ausschwärmen“, flüsterte Greyson und blickte zu Julyan. „Aber keine Konfrontation. Wir beobachten nur. Aber wenn, machen wir es richtig.“ 

Julyan zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Stattdessen ließ er sich ein paar Schritte zurückfallen, verschwand halb im Farn, den Bogen locker in der Hand. Sein Blick wanderte wachsam zwischen den Baumstämmen hin und her. 

Karlos ging etwas versetzt hinter Greyson, die Augen auf den Boden gerichtet. Abgebrochene Zweige. Niedergedrücktes Gras. Schlamm, der noch feucht war. 

„Vier“, murmelte er leise. „Alle schwer. Und sie achten darauf, wo sie hintreten.“ 

„Gnolle achten auf gar nichts“, flüsterte Julyan von der Seite. „Normalerweise.“ 

Aveline hielt sich dicht hinter Karlos. Ihr Atem ging ruhig, fast zu ruhig, doch ihre Hände waren ineinander verkrampft. Bennard kämpfte sichtlich damit, seine Rüstung nicht bei jedem Schritt klirren zu lassen, während Zarvix mit einem schiefen Grinsen hinter ihm herschlich. 

Vor ihnen bewegten sich die Gestalten weiter durch den Wald. 

Nicht hastig. Nicht planlos. 

Der Wald wurde dichter, der Pfad schmaler. Farne reichten ihnen inzwischen bis an die Knie, und das Licht wurde fahler, grüner. Der Geruch von Wasser lag plötzlich in der Luft. 

Karlos hob warnend zwei Finger. 
„Der Kristall See ist nicht mehr weit.“ 

Plötzlich knackte ein Ast unter Julyans Füßen. Die Gnolle verlangsamten ihr Tempo. Einer drehte den Kopf, musterte den Wald hinter sich. Julyan presste sich tiefer an einen Baumstamm, hielt den Atem an. 

Der Gnoll schnupperte. Dann drehte er sich um und folgte den anderen. 

Greyson wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. 
„Vorsichtig weiter“, flüsterte er. „Aber vorsichtig. Wenn das hier—“ 

Er brach ab, als vor ihnen das Unterholz dünner wurde. 

Der Wald lichtete sich allmählich, und der Boden senkte sich zu einem stillen See. Nebelschwaden glitten über die Wasseroberfläche, und selbst der Wind schien hier innezuhalten. 

Die vier Gnolle bildeten einen losen Halbkreis am Ufer, reglos, die Köpfe leicht geneigt, als warteten sie auf etwas. Keine hastige Bewegung, kein Zeichen von Panik. 

Inmitten des Halbkreises stand eine Gestalt. Vermummt, still, doch an der Statur und den tiefschwarzen Haaren konnte man erahnen, dass es eine Frau war. In den Haaren lag ein seltsam schimmernder, violetter Schein. 

Greyson stockte, die Augen auf die Gestalt gerichtet. „Eine Frau… umringt von Gnollen“, murmelte er. 

Sein Herz raste. Regeln, Pflichterfüllung, der Auftrag – all das hemmte ihn. Aber das Bild, diese Frau inmitten der Kreaturen, löste etwas in ihm aus: das Bedürfnis zu handeln, zu retten. 

„Wir… wir greifen an!“, sagte er schließlich, die Stimme unsicher, doch mit Nachdruck. „Deckt sie… wir müssen sie beschützen!“ 

Die Gruppe erstarrte, spürten die Mischung aus Angst, Erstaunen und Entschlossenheit in seinen Worten. Doch sie folgten Greyson in den Kampf. 

Nur Aveline verharrte einige Schritte abseits, die Augen zusammengekniffen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, eine seltsame Unruhe legte sich auf ihre Schultern. Nicht laut, nicht sichtbar – aber sie spürte: Hier stimmt etwas nicht. 

Greyson preschte vor, das Banner in ungestümer Haltung, die Stimme zitternd, als er die Rekruten anfeuerte: „Los! Rekruten… äh… wie ihr es gelernt habt!“ 

Die Gnolle drehten sich um und stürmten auf sie zu, grob, knurrend, ihr bösartiges Lachen hallte zwischen den Bäumen wider. Greyson hob das Banner, schlug aus der Hüfte, doch sein Schlag verfehlte den Gnoll knapp. Er stolperte, wankte, das Banner drohte aus der Hand zu gleiten. 

Karlos stellte sich in die Bresche, Schild und Schwert bereit. Er traf präzise, blockte jeden Angriff, drängte die Gnolle zurück – sein Schild knallte gegen Knochen, die Klinge setzte nach. 

Julyan wich geschickt zur Seite, Pfeile flogen in schnellen Bögen, zischten durch die Luft, jeder Treffer saß. Zwei Gnolle taumelten, wankten, doch die anderen bewegten sich immer noch bedrohlich auf sie zu. 

Zarvix schleuderte Feuerblitze, Flüche hallten durch den Wald. Die Magie verfehlte oft ihr Ziel, traf Äste, wirbelte Funken auf, das Laub knisterte. Einige Blitze brachten die Gnolle kurz aus dem Tritt, andere verpufften wirkungslos – chaotisch, unberechenbar. 

Bennard schwang das Zweihandschwert, aber seine Hiebe waren ungestüm, planlos. Er murmelte Gebete, taumelte, kämpfte fast mehr gegen seine eigene Kontrolllisigkeit als gegen die Gnolle. 

Plötzlich sprang ein Gnoll über Karlos hinweg auf Greyson zu. Der Hauptmann stolperte, das Banner fiel zu Boden, der Gnoll hob die Keule zum Schlag. 

Ein kurzer Lichtschein erhellte die Szene: Karlos war zur Stelle, rammte sein Schild gegen den Angreifer, stieß ihn weg und packte Greyson, der noch halb im Fallen war. „Hinter mich!“ rief Karlos, während er ihn in Sicherheit zog. 

Aveline trat vor, ihre Hände leuchteten warm, ein sanftes Schild aus heilender Energie strahlte auf Karlos’ Schild, als er einen weiteren Schlag abfing. „Danke…“ keuchte er, und stürzte sich sofort wieder in den Kampf. 

Die Luft knisterte vor Spannung. Karlos holte tief Luft und blickte sich um. Funken sprühten erneut aus Zarvix’ Zauberstab, als ein unkontrollierter Feuerblitz seinen eigenen Umhang traf. Der Hexenmeister drehte sich hastig um, versuchte, den brennenden Umhang zu löschen, doch stolperte fast über seine eigenen Füße. 

Bennard lag auf dem Rücken, das große Zweihandschwert schwer in den Händen, wie eine Schildkröte auf dem Panzer. Jeder Versuch, aufzustehen, schien ihn nur noch unbeholfener wirken zu lassen. 

Greyson keuchte, das Banner in den Händen, die Stirn feucht vor Schweiß. Er kniete auf dem Boden. Aveline kniete neben ihm, die Hände über seine Rüstung gelegt, konzentrierte sich darauf, eine schützende Energie zu weben. Ein flackerndes Leuchten umhüllte das Metall, stabilisierte es, während Greyson keuchend versuchte, sich wieder aufzurichten. 

Inmitten des Chaos hallte das laute Lachen der Gnolle über das Schlachtfeld. 

Karlos’ Blick traf Julyan, der gerade noch einen Pfeil abgeschossen hatte. „Jetzt, Karlos! Was sind schon Gnolle?“, rief der Jäger ihm zu. Entschlossen richtete Karlos den Schild, die Augen auf die Angreifer fixiert. 

Zwei Gnolle stürmten gleichzeitig auf ihn zu, die Keulen erhoben, die Muskeln angespannt. Mit einem schnellen Hieb drückte er den ersten zurück, ließ ihn taumeln, wankend auf den Beinen. Gerade als der Gnoll erneut ausholen wollte, sauste Julyans Pfeil durch die Luft und traf den Angreifer mitten im Rücken. Der Gnoll keuchte, fiel auf die Knie und schlug wuchtig mit dem Kopf auf den Boden, kampfunfähig. 

Der zweite Gnoll wich kurz zurück, doch die Bewegung brachte ihn nicht weit. Karlos rannte vor, traf den Angreifer mit dem Schild, prallte gegen seine Brust, drückte ihn zu Boden. Der Gnoll stöhnte, taumelte, während Julyan erneut Pfeile abfeuerte, die den Gnoll endgültig außer Gefecht setzten. 

Die übrigen Gnolle erkannten die Niederlage und witterten die Flucht. Sie stoben auseinander, den Wald suchend, doch Karlos ließ einen von ihnen nicht entkommen: Mit einem kräftigen Schlag seines Schildes stieß er ihn ins Unterholz, das Schild traf hart gegen den Rücken des Gnolls, und dieser taumelte, bevor er schließlich den Rückzug antrat. 

Greyson stemmte sich schwer atmend auf, das Banner zitterte leicht in seiner Hand. Schweiß rann ihm über das gerötete Gesicht, doch in seinen Augen lag etwas anderes als Erschöpfung – ehrliche Begeisterung. 

„Bei… beim Licht“, brachte er hervor. „Karlos… du hast uns gerettet. Ohne dich hätten wir verloren.“ 

Karlos schnaubte verlegen und wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. „Allein war ich das nicht“, sagte er und warf einen kurzen Blick zu Julyan. „Mein Schild hält nur so lange, wie mir jemand den Rücken freihält.“ 

Ein beinahe verehrendes Grinsen huschte über Greysons Gesicht. „Das war großartig.“ Er richtete sich ein wenig auf, als hätte er plötzlich wieder Halt gefunden. „Das werde ich melden. Dem Oberst persönlich. So etwas… bleibt nicht ohne Folgen.“ 

Die Gruppe stand keuchend und erschöpft im Halbkreis. Karlos stützte sich auf sein Schild, Greyson auf den Banner, Aveline atmete ruhig durch und wirkte einen Heilzauber auf Karlos, während Julyan die Augen auf die Frau richtete. 

Sie hatte keinen Schritt gemacht. Kein Zucken, kein Schrei. Sie beobachtete die Szene, still, als hätte sie jede Bewegung vorhergesehen. Der violette Schein ihrer Haare flackerte im Nebel, die Haare fielen ihr schwer über die Schultern, und ein kaltes Lächeln spielte auf ihren Lippen. 

Plötzlich wandte sie sich von Ihnen ab. Sie ging einfach los, in Richtung des Nebels zwischen den Bäumen, als hätte der Kampf nie stattgefunden. 

Julyan tauschte einen Blick mit Karlos. 

„Ich folge ihr“, murmelte Julyan und setzte sich in Bewegung. 

Karlos folgte ihm ohne ein Wort. 

Sie holten die Frau nach wenigen Schritten ein. Der Nebel war dicht, und doch war siegut zu sehen, immer genau so weit voraus, dass man sie nicht aus den Augen verlor. 

„Ihr seid jetzt in Sicherheit, wieso geht ihr von uns fort? Wir können euch nach Sturmwind geleiten“, rief Julyan ihr hinterher. 

Die Frau blieb stehen. Dann lachte sie. 

Leise zuerst. Ein trockenes, kehliges Lachen, frei von Erleichterung oder Dank. Es klang… amüsiert. 

Sie drehte sich langsam zu ihnen um. Unter der Kapuze lag ihr Gesicht im Halbschatten, doch ihre Augen waren klar und wachsam. Berechnend. 

„Sicherheit?“ wiederholte sie ruhig. 

Ihr Blick glitt zurück zum See, dorthin, wo die reglosen Körper der Gnolle lagen. 

„Die da waren keine Gefahr für mich.“ 
Ein kurzes Schulterzucken. 
„Sie waren mein Werkzeug.“ 

Karlos spannte sich unwillkürlich an. „Wie können wir das verstehen?“ 

„Sie waren entbehrlich.“ 
Das Wort fiel beiläufig, fast gleichgültig. 

Julyan runzelte die Stirn. „Und die anderen?“ 

Ein schmales Lächeln zog über ihre Lippen. 
„Die werden berichten.“ 

Sie trat einen Schritt näher. Nicht bedrohlich – eher neugierig. Prüfend. 

„Ihr habt uns gestört“, sagte sie. 
Eine kurze Pause. 
„doch ihr werdet es nicht aufhalten.“ 

Ihr Blick ruhte einen Moment auf jedem von ihnen. 

Julyans Hand glitt langsam zum Bogen, mehr aus Trotz als aus echter Drohung. 
„Wer zum Teufel seid ihr?“ 

Ein schmales Lächeln huschte über ihr Gesicht. 

„Die bessere Frage ist“, sagte sie ruhig, fast milde, 
„wer ihr seid, dass ihr glaubt, die Pläne der Schattenherrin vereiteln zu können.“ 

Dann wandte sie sich ab. 

Der Nebel schloss sich um sie, lautlos, widerstandslos. Kein Aufleuchten, kein Zauber, kein Zeichen von Flucht – sie war einfach fort. 

Zurück blieb nur Stille. 
Und das sichere Gefühl, dass sie niemals in Gefahr gewesen war. Sondern sie die Gefahr ist.

Ein Ferkel, ein Gnoll und ein Schaf 

Die Felder des Elwynnwaldes schimmerten im warmen Licht der untergehenden Sonne, und eine sanfte Brise wehte über die saftig grünen Wiesen. Für die Bewohner des Waldes war es ein gewöhnlicher Tag – doch auf den benachbarten Höfen der Maclures und der Steinfelds brodelte es. Die Fehde zwischen den beiden Familien war älter, als Felice sich erinnern konnte, und als siebenjähriger Junge verstand er nicht viel von Grenzen und Besitzstreitigkeiten. Er wusste nur, dass die Erwachsenen immer laut wurden, wenn Kühe oder Obstbäume ins Gespräch kamen. 

Felice lebte mit seiner Familie als Arbeiter auf dem Steinfeld-Hof. Der kleine, schmächtige Junge mit den großen, neugierigen braunen Augen und dem stets lächelnden Gesicht, in dem eine auffällige Zahnlücke funkelte, bewegte sich flink über die Felder. Seine schlichte Leinenkleidung verriet seine Herkunft, und sein einfacher Bogen, vom Vater aus lokalem Holz geschnitzt, hing stets griffbereit am Rücken. Seine Tage bestanden aus harter Arbeit – Wasserholen, Unkrautjäten, Kühe füttern. Doch wenn er konnte, stahl er sich in die Wälder, um mit seinem Bogen auf Ziele zu schießen, die er sich aus Zweigen und Blättern bastelte. Das war seine Leidenschaft: der Wald und die Tiere. Während die anderen Jungen davon träumten, Krieger oder Wachen zu werden, träumte Felice davon, eines Tages ein Jäger zu sein – nicht, um zu kämpfen, sondern um die Geheimnisse der Natur zu verstehen. 

Eines Nachmittags, während Felice die Kühe zurück in den Stall trieb, hörte er laute Stimmen von der anderen Seite des Hügels. Neugierig, aber auch ein wenig ängstlich, schlich er sich näher und spähte durch das hohe Gras. Am Rand des Maclure-Hofs standen Ma Steinfeld und Tommy Joe Steinfeld, während Maybell Maclure und ihr Vater William Maclure ihnen wütend entgegenschrieen. 

„Eure Kühe haben unseren Obstgarten zerstört!“ rief William und deutete auf die zertrampelten Apfelbäume. Einige Äpfel lagen zermatscht am Boden, und die Spuren großer Hufe waren überall zu sehen. 

„Das ist nicht unser Problem,“ erwiderte Ma Steinfeld mit verschränkten Armen. „Ihr habt eure Grenze nie richtig abgesteckt. Vielleicht solltet ihr besser auf euer Land achten.“ 

„Eure Kühe haben unser Land betreten!“ Maybells Stimme bebte vor Wut, doch Tommy Joe schien sie kaum wahrzunehmen. Stattdessen blickte er sie mit einer Mischung aus Reue und Zuneigung an. „Maybell, ich… ich wusste nicht, dass sie…“ 

„Sei still, Tommy!“ unterbrach Ma Steinfeld scharf. „Du hast hier nichts zu sagen.“ 

Felice drückte sich tiefer ins Gras, während die Stimmen lauter wurden. Es schien, als stünde ein handfester Streit kurz bevor. Doch in diesem Moment spürte er ein leichtes Zupfen an seiner Hose. Als er den Kopf drehte, sah er ein kleines, rosafarbenes Ferkel, das neugierig an seinem Bein schnupperte. 

Das Ferkel sah mager aus, sein Fell war schmutzig, und ein Ohr hing leicht herunter, als wäre es mal verletzt worden. Es machte ein leises Grunzen und schien keine Angst vor Felice zu haben. Vorsichtig streckte er die Hand aus, und das Ferkel schnupperte daran, bevor es erneut ein freundliches Grunzen von sich gab. 

„Hey, wo kommst du denn her?“ flüsterte Felice. Er sah sich um, doch weit und breit war niemand zu sehen, der nach einem Ferkel suchte. „Du bist ganz allein, was?“ 

Das Ferkel drückte seine Schnauze gegen Felices Hand, und in diesem Moment wusste der Junge, dass er es nicht einfach hierlassen konnte. Er erinnerte sich an Geschichten von Jägern, die mit Geduld und Ruhe Tiere gezähmt hatten. Vielleicht war das seine Chance, einen Begleiter zu finden. 

Felice holte ein Stück Brot aus seiner Tasche und brach vorsichtig ein paar Krümel ab. „Na los, das ist für dich,“ sagte er leise, während er das Brot hinlegte. Das Ferkel zögerte, schnupperte daran und begann dann vorsichtig zu fressen. 

Felice setzte sich ins Gras und beobachtete das Tier. Er wusste, dass er geduldig sein musste. „Ich werde dir keinen Namen geben, bis du dich entschieden hast, ob du bei mir bleiben willst,“ murmelte er. Es war eine Regel, die er aus Geschichten über Jäger kannte: Ein Begleiter musste aus freien Stücken bleiben, nicht aus Zwang. 

Das Ferkel schien Vertrauen zu gewinnen und kam näher. Felice streichelte vorsichtig über den kleinen Kopf und lächelte. „Vielleicht nenne ich dich Borsti,“ sagte er schließlich. Das Ferkel grunzte zustimmend, als ob es den Namen akzeptierte. 

Die lauten Stimmen vom Hof zogen Felices Aufmerksamkeit wieder auf sich. Der Streit zwischen den Maclures und den Steinfelds war mittlerweile so laut, dass selbst die Kühe unruhig wurden. Felice konnte sehen, wie William Maclure auf die zertrampelten Büsche zeigte, während Ma Steinfeld etwas über „unfaire Anschuldigungen“ schrie. 

„Wir könnten das friedlich klären,“ sagte Tommy Joe leise, doch seine Mutter funkelte ihn an. „Halt den Mund, Tommy! Wir verhandeln nicht mit ihnen!“ 

Maybell Maclure sah Tommy Joe an, ihre Wut wich einem traurigen Ausdruck. Sie wandte sich ab und verschränkte die Arme, um ihre Tränen zu verbergen. 

Felice wusste, dass er etwas tun musste. Mit Borsti an seiner Seite schlich er sich zurück zu den Feldern und überlegte fieberhaft, wie er die Situation entschärfen konnte. 

Felice stand zwischen den unruhigen Kühen und sah, wie die Erwachsenen sich immer noch lautstark stritten. Irgendetwas störte ihn an der ganzen Situation. „Es kann doch nicht einfach so passiert sein…“ murmelte er, während er Borsti sanft am Rücken kraulte. Das kleine Ferkel grunzte zustimmend und stupste ihn mit der Schnauze an, als wolle es sagen: Wir finden schon heraus, was los ist. 

Felice betrachtete die zertrampelten Felder noch einmal genauer. Die Spuren der Kühe führten eindeutig von ihrem Hof rüber zum Maclure-Grundstück, aber da waren noch andere Zeichen – tiefe Kratzspuren, größere Fußabdrücke, die nicht von Kühen stammten. Und überall verstreute Blätter und aufgewühlte Erde, die den Eindruck von hastigem Durchlaufen erweckten. 

„Vielleicht hat jemand… oder etwas… die Kühe aufgeschreckt,“ überlegte Felice leise. „Etwas, das größer ist als wir.“ Borsti wackelte neugierig mit den Ohren, als könnte er Felices Gedanken verstehen. Der Junge nickte entschlossen. „Wir müssen nachsehen. Wenn wir herausfinden, wer oder was das war, können wir vielleicht verhindern, dass es wieder passiert.“ 

Er schlich vorsichtig hinter Borsti her, die Spuren verfolgend, die in den Wald führten. Felice trat über entwurzelte Äste und glitt durch Büsche, immer die Spuren im Auge behaltend. Borsti schnüffelte eifrig voraus und führte ihn sicher entlang der verworrenen Pfade. 

Schließlich erreichten sie einen kleinen Fluss, dessen Wasser sanft über glatte Steine plätscherte. Dort, am Ufer, bemerkte Felice eine große, zottelige Gestalt, die sich hastig zwischen den Bäumen bewegte. Das Fell des Gnolls war braun und zerzaust, und seine langen Ohren zuckten bei jedem Geräusch. 

Er beugte sich über eine abgenutzte Tasche, griff hinein und zog hastig etwas hervor – einen zerknitterten Zettel. Für einen Moment blitzte das Papier in der letzten Abendsonne auf. Felice erkannte ein paar hastige Kritzeleien darauf, bevor der Gnoll es wieder hastig zurück in die Tasche steckte und sich nervös umsah. 

Felice hielt den Atem an. Das kleine Herz in seiner Brust klopfte schneller. Hier war der Schuldige, der wahrscheinlich das Chaos auf den Feldern verursacht hatte. 

Borsti drückte sich dicht an seine Beine, bereit, seinem Freund zu folgen. Felice flüsterte: „Ganz ruhig, Borsti… wir dürfen ihn nicht auf uns aufmerksam machen.“ 

Doch kaum hatte Felice ausgesprochen, scharrte Borsti leise mit den Hufen. Ein trockenes Blatt knackte unter ihm. 
Der Kopf des Gnolls zuckte herum. 

Felice erstarrte. Die gelben Augen des Wesens suchten zwischen den Büschen – und blieben an der Stelle hängen, wo Felice und Borsti kauerten. 

Ein tiefes, heiseres Knurren vibrierte über das Wasser, gefolgt von einem kehligen Lachen, das kalt über Felices Rücken kroch. 
Hyyk-hyyk-hyaaah… 

Der Gnoll richtete sich zu voller Größe auf. Seine Brust hob und senkte sich schwer, und er sog die Luft ein, als wolle er ihren Geruch aufnehmen. 

Felices Herz schlug so wild, dass es fast schmerzte. 

„Oh nein… Borsti, lauf!“ hauchte er. 

Ohne weiter nachzudenken, sprang Felice auf und rannte los – weg vom Fluss, weg vom Gnoll, tiefer in den Wald und dann wieder in Richtung Felder. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, Wurzeln zogen an seinen Füßen, doch er stolperte weiter, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen. Borsti quiekte und galoppierte dicht hinter ihm her, mal gegen seine Wade stoßend, mal kurz aus dem Gleichgewicht geraten, aber stets an seiner Seite. 

Hinter ihnen ertönte der heisere Ruf des Gnolls. 
Hyyk-hyaaah! HYAAAH! 

Es klang näher, dann wieder weiter weg, als wüsste das Wesen nicht genau, wohin die beiden verschwunden waren – doch das machte es nicht weniger beängstigend. 

Felice wagte nicht, sich umzudrehen. Alles, was er wahrnahm, war das Rascheln der Büsche, sein eigener hektischer Atem und Borstis panisches Trappeln. 

Er erst, als der Wald lichter wurde und die vertrauten Felder von Steinfeld hinter den Bäumen auftauchten, verlangsamte Felice seinen Lauf. Seine Knie zitterten, und Schweiß brannte in seinen Augen. Borsti drückte sich schutzsuchend an sein Bein und schnaufte laut. 

Felice wollte gerade erleichtert aufatmen, als hinter ihm das Unterholz explodierte. 

Mit einem wütenden HYYK-RAAAAGH! sprang der Gnoll aus den Büschen, riss Zweige mit sich und landete nur wenige Schritte hinter dem Jungen. Sein zotteliges Fell klebte von Schweiß, und seine gelben Augen funkelten vor Zorn. 

„Menschenkind!“ keifte er, Speichel tropfte zwischen seinen Reißzähnen hervor. „Beobachten du NICHT sollst! Frech du bist! Jetzt du… TOT!“ 

Felice wich taumelnd zurück, stolperte beinahe, ehe er instinktiv den Bogen von seinem Rücken riss. Seine Hände zitterten, doch er spannte die Sehne – wie unzählige Male im Wald geübt. 

„Borsti… hilf mir,“ rief er. 

Das kleine Ferkel blieb nicht einen Herzschlag zögernd stehen. Mit einem schrillen Quieken stürmte Borsti nach vorn und rammte sich gegen das Schienbein des Gnolls. 

Der Gnoll heulte auf, wankte, und in diesem Moment schoss Felice. 

Ein Pfeil zischte durch die Luft und traf den Gnoll am Oberarm. Nicht tief, aber genug, um ihn erneut zurücktaumeln zu lassen. 

„AARGH! Freches Schwein! Frecher Mensch! Ich knacken eure Knochen!“ fauchte der Gnoll und holte mit seiner hölzernen Keule aus. 

Felice sah den Hieb kommen – und griff in den weichen Boden, riss eine kleine Menge trockener Erde auf und schleuderte sie dem Gnoll ins Gesicht. 

Der Gnoll brüllte, fuchtelte verwirrt und blinzelte gegen die Staubwolke an. 

„Lauf, Borsti!“ 

Beide rasten los – durch niedrige Sträucher, über Wurzeln, so schnell, wie es ihre Beine erlaubten. Das Feld lag nur wenige Schritte entfernt. Hinter ihnen tobte der Gnoll, wischte die Erde aus seinem Gesicht und setzte nach. 

Mit einem letzten Sprung warf Felice sich über den niedrigen Holzlattenzaun des Steinfeld-Feldes. Borsti plumpste hinterher in einem Stohhaufen, überschlug sich einmal und rappelte sich piepsend wieder auf. 

„HILFE!“ schrie Felice mit heiseren Atemzügen, während er weiterlief. „EIN GNOLL! EIN GNOLL IM WALD!“ 

Hinter dem Zaun krachte der Gnoll gegen die Holzlatten. Das morsche Holz ächzte – und brach. 

Der Gnoll stürmte durch die Trümmer, als wären sie nur trockenes Reisig. 

Felice stolperte rückwärts. Sein kleiner Bogen zitterte in seinen Händen. 

Borsti quiekte schrill und drückte sich panisch hinter Felice Beine, so dicht, dass er fast über ihn fiel. 

Der Gnoll holte mit seiner Keule aus. 

Doch bevor der Schlag niedergehen konnte— 

ZISCH! 

Ein pfeifender, hellblauer Blitz schoss knapp an Felices Ohr vorbei. Der Luftzug war so kalt, dass er seine Wange frösteln ließ. Der Strahl traf den Gnoll mitten an der Brust. 

Ein dumpfer, verformter Laut stieß aus dem Maul der Bestie. 

Kälte breitete sich von der Einschlagstelle aus — feine, glasige Risse, wie Frost auf Fensterglas. Das Fell des Gnolls wurde stumpf, seine Bewegungen schleppten sich nur noch wie durch zähen Schlamm. 

„W–was…?“ Felice rang nach Atem und drehte sich um. 

Aus Richtung des Hofes kamen die Erwachsenen angerannt, alle mit weit aufgerissenen Augen. Angeführt von einem junger Mann mit dunkelblauer Robe, deren silberne Stickereien im letzten Sonnenlicht glitzerten. 

Blondes Haar wehte  über die Schultern. 

Ein Ebenholzstab mit grün schimmerndem Kristall in der Hand. 

Augen so hellblau, dass sie kurz wirkten, als hätten sie selbst geleuchtet. 

Felice erkannte ihn sofort. Es war Fredestär. 

Er sah kaum älter aus als damals, vielleicht ein bisschen eindrucksvoller, vielleicht ein bisschen zu lässig für die dramatische Situation. Das Wappen Sturmwinds prangte auf seinem Umhang. Er grinste Felice zu, als sei das hier nur eine besonders peinliche Szene beim Dorffest. 

„Na Felice,“ rief er, während er sich vor ihn stellte, „immer noch mitten im Schlamassel, hm?“ Der Gnoll versuchte, einen Schritt auf ihn zu zu machen, doch seine Beine bewegten sich nicht. 

Fredestär ließ seinen Stab sinken und hob stattdessen beide Hände. Die Luft vibrierte leicht — ein Summen, das Felice unter der Haut kribbeln ließ. Zwischen Freds Handflächen sammelte sich Licht, ganz fein, ganz konzentriert, als würde jemand den Mondschein selbst kneten. 

Eine kleine, helle Kugel entstand. 

Sie wuchs und pulsierte. 

Ein zarter Schein tanzte über seine Finger — nicht grell, sondern elegant, wie eine schillernde Seifenblase, die aber eindeutig vorhatte, Großes zu vollbringen. 

Fredestär zog eine Augenbraue hoch und musterte den bewegungsunfähigen Gnoll mit übertriebenem Ekel. 

„Also wirklich…“ 

Er schnalzte mit der Zunge. 

„Gnolle. Jedes Mal derselbe Gestank.„ 

Er drehte sich zu Felice um — nur kurz — und flüsterte verschwörerisch: 

„Weißt du, was ich lieber rieche? Schafe. Schafe riechen wenigstens nach… nun ja… Schaf.“ 

Dann drehte er seine Hände leicht — die Lichtkugel tänzelte in seinen Fingern. 

„Na gut, großer Freund… ich mach dich mal gesellschaftstauglich.“ 

Fredestär schnippte mit den Fingern. 

Die Kugel löste sich in einem gleißenden Stoß aus seidig hellem Licht. 

Sie traf den Gnoll. 

Ein plopp, ein kurzer Windhauch — und ein kleines, weißes Schaf stand plötzlich dort, wo eben noch der tobende Monsterhund gestanden hatte. Es blökte verwirrt, schüttelte sich und sah umher, als wüsste es nicht, warum es existierte. 

Fredestär strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, atmete tief durch und drehte sich zu den anderen um. Sein Ton wechselte in diesem Augenblick von „lässiger Magier aus dem Dorf“ zu „offizieller Ermittler der Krone“ – ein Wechsel, den er selbstverständlich meisterte, als würde er ihn jeden Tag üben. 

„Nun“, begann er mit einem charmanten Lächeln, „da haben wir den Übeltäter wohl.“ 

Er deutete mit einer eleganten Handbewegung auf das Schaf. 

„Dieser Gnoll hat vermutlich Ihre Kühe aufgeschreckt. Die Tiere sind dann in Panik über Ihr Feld, William, und haben dadurch die Obstbäume beschädigt. Gut, dass jemand nach der Stadtwache gerufen hat und noch besser, dass ich sowie so gerade in der Gegend war.“ 

Ma Steinfeld und William Maclure blickten sich an – diesmal nicht voller Wut, sondern eher mit dem Ausdruck: Oh… das ergibt tatsächlich Sinn. 

Fredestär fuhr fort, die Hände locker ineinandergeschoben: 

„Nach meinem Wissensstand gilt so etwas als höhere Gewalt. Ein Angriff durch eine Kreatur aus dem Wald entzieht sich jeder normalen Hofhaftung. Ich bitte Sie also, einen kurzen Bericht über den Schaden anzufertigen.“ 

„Ich werde prüfen, ob die Krone einen Teil der Reparaturkosten übernimmt. Es wäre nicht das erste Mal.“ 

Dann wandte er sich leicht zur Seite und zwinkerte Felice zu – kurz, aber warm, wie jemand, der sagen wollte: Gut gemacht, Kleiner. 

Die Spannung unter den Erwachsenen löste sich hörbar. 

William Maclure atmete schwer aus. 

Ma Steinfeld schnaubte noch einmal kurz – aus Prinzip – nickte dann jedoch. 

„In Ordnung“, murmelte sie. 

„Klingt… vernünftig.“ 

Sie drehten sich schließlich um und gingen in entgegengesetzte Richtungen, jeder in Gedanken schon bei Formularen und dem Wissen nur knapp ohne Blutvergießen auseinander gegangen zu sein. 

Fredestär richtete seinen Blick auf den Gnoll im Schafspelz. Borsti knurrte tief, stellte die Ohren auf und rückte schützend näher an Felice heran. 

Fredestär strich sich erneut eine seiner viel zu perfekt sitzenden Haarsträhnen hinters Ohr und trat näher an das verwandelte Tier heran. 

„So,“ begann er, die Arme vor der Brust verschränkt, „du weißt schon, dass du noch sprechen kannst, oder? Du bist nur äußerlich in einem Schaf gefangen.“ 

Das Schaf blinzelte – einmal, zweimal – dann öffnete es vorsichtig den Mund. 

„Ääh… hngh?“ 

„Genau. Sehr gut.“ Fredestär nickte, als hätte er gerade eine besonders anspruchsvolle Prüfung abgenommen. „Und jetzt reden. Wieso bist du hier? Sonst schicke ich dich als Schaf nach Westfall. Auf eine nette kleine Farm. Dort wirst du für immer friedlich grasen.“ 

Er hob warnend den Finger, während das Gnollschaf ihn mit offenem Maul anstarrte. 

Dann – ganz plötzlich – hellte sich das Gesicht des Schafes auf. Seine Augen glänzten. 

„F-farm?“ quietschte es mit einer kratzigen, leicht gequetschten Gnollstimme. „Ein… Farm? Kein Prügeln? Kein Jagen? Nur Gras…  Ruhe? Das… das klingen wuuunderschööön! Könnt… könnt ihr  tun?“ 

Fredestär blinzelte. Sein Gesicht wechselte in weniger als einer Sekunde von „ich bin der coolste Magier des ganzen Waldes“ zu „ich habe die Realität offenbar falsch eingeschätzt“. 

„Was? Nein. Also… ja, ich kann das tun. Aber… das sollte eigentlich eine Drohung sein.“ 

Das Gnollschaf schnaubte begeistert und nickte eifrig. Seine kleine Wolle wabbelte bei jeder Bewegung. 

„Gar nicht drohig! Ganz toll! Will ich! Bitte! Mach!“ 

Fredestär schloss die Augen und atmete hörbar durch die Nase aus. Felice sah, wie sich seine Nasenflügel leicht hoben.  

„Gut,“ sagte er schließlich, nun doch etwas genervt. „Dann gibt es Bedingungen.“ 

Das Schaf wurde schlagartig still. 

„Du erzählst uns, was du hier zu suchen hast.“ 

Das Gnollschaf schaute zwischen Fredestär, Felice und dem knurrenden Borsti hin und her. Dann senkte es den Kopf und sprach stockend, seine Stimme ein tiefes, kehliges „Gnarrrh“. 

„I-ich… Zettel bringen. Für Hogger. Zettel von… Schattenherrin.“ 

Fredestär runzelte die Stirn. „Wer ist die Schattenherrin?“ 

Das Schaf schüttelte sofort den Kopf, seine Ohren schlackerten dabei komisch. 

„Weiß nicht! Weiß nicht! Hab Auftrag von… vermummte Frau. Rote Kapuze. Nähe… Rotkamm… Rottal… Rot-irgendwas!“ Es dachte nach, die Zunge hing dabei seitlich aus dem Maul. „Rotkammgebirge! Da, ja.“ 

Fred schob einen Schritt nach vorn. „Und wo ist dieser Zettel?“ 

Das Schaf blinzelte wieder überfordert. 

„Am… am Fluss. In Rucksack. Ich fallen lassen, als Menschenkind lief. Ich zeigen! Ich führen euch! Gnarf!“ 

Es hüpfte aufgeregt auf der Stelle, so weit ein wolliges, unkoordiniertes Schaf eben hüpfen konnte. 

Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen machten sich Felice, Fred, Borsti und das Gnollschaf auf den Weg zurück zum Fluss.  Er führte sie durch kniehohes Gras, das unter ihren Schritten raschelte. Fredestär lief vorneweg, den Stab locker geschultert, als wäre dies ein gewöhnlicher Spaziergang und keine improvisierte Ermittlungsarbeit mit einem sprechenden Schaf. 

Felice hielt etwas Abstand zu dem Gnollschaf – nicht aus Angst, sondern weil Borsti bei jedem Schritt schützend zwischen ihnen blieb, wachsam, die feuchte Nase am Boden. 

„Hier… hier irgendwo…“ murmelte das Gnollschaf und schnupperte hektisch, während es wackelig über den Boden tapste. „Rucksack… großer Rucksack… wo lag…“ 

Als sie die kleine Senke am Fluss erreichten, zeigten die Spuren deutlich, dass hier etwas gelegen haben musste: umgeknicktes Gras, leichte Schleifmarken, ein paar aufgewühlte Erdflecken.. 

Doch der Rucksack selbst… war weg. 

„Weg.“ Felice kniete sich hin und hob einen zerrissenen Stofffetzen hoch, der im Gebüsch hing. Mehr war nicht übrig. 

Fredestär rieb sich das Gesicht. „Natürlich. Natürlich ist er weg. Es wäre ja auch zu einfach gewesen, wenn der Beweis einfach brav auf uns gewartet hätte.“ 

Borsti stellte plötzlich die Ohren auf, sein Fell sträubte sich. Ein tiefes, vibrierendes Knurren rollte aus seiner Brust. 

Felice spürte es im Magen, als der Wald still wurde. 

Dann, ein Bellen. Kein normales Bellen. Kein Hund. Kein Wolf. 

Es war tief, laut und schallte über das Wasser wie der Brüller eines Biests, das nicht nur tierisch, sondern… fast schon menschlich wütend klang. 

Das Gnollschaf erstarrte komplett, alle vier Beine steif wie Stöcke. 

Seine Pupillen wurden winzig. 

„Ooh nein…“ wisperte es. 

Ein Zittern lief durch seine Wolle. 

„H-Hogger.“ 

Borsti knurrte noch immer, der Blick fest auf die Richtung gerichtet, aus der das unheilvolle Bellen gekommen war. Felice spürte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken hinablief. Fredestär hingegen blieb – zumindest äußerlich – bemerkenswert ruhig. Er musterte den Wald, dann Felice, dann das zitternde Gnollschaf. 

„Gut“ murmelte er und klatschte die Hände einmal aneinander, „das ist der Moment, an dem vernünftige Menschen umdrehen.“ 

Er sah Felice direkt an. „Du gehst jetzt nach Hause.“ 

Felice riss die Augen auf. „Was? Aber—“ 

„Keine Diskussion.“ Fredestär hob den Zeigefinger. 

Felice schluckte. „Und was machst du?“ 

Fredestär deutete mit einem eleganten Bogen seiner Hand auf das Gnollschaf, das immer noch wie ein Wollball voller Panik darstand. 

„Ich halte mein Versprechen. Ich bringe das Gnoll—“ 

„Blöcki!“ quietschte das Schaf empört, als hätte es den schlimmsten Affront seines Lebens erlebt. „Nicht Gnollschaf! Blöcki!“ 

Fredestär blinzelte zweimal. „Äh. Natürlich, Blöcki. Ich bringe Blöcki nach Westfall. Auf eine sehr friedliche, sehr hübsche Farm.“ 

Blöcki wackelte zustimmend mit dem ganzen Körper. 

Dann strich Fredestär sich die Haare zurück, wurde wieder ernst und sagte: 

„Und danach werde ich im Magier Turm die Archive durchforsten. Der Name Schattenherrin… den habe ich noch nie gelesen. Und wenn etwas neu ist… ist es selten gut.“ 

Er sah nach Osten in Richtung Rotkammgebirge. 

„Ich ahne, wohin mich das führt. Und mir gefällt diese Ahnung überhaupt nicht.“ 

Ein Magier in der Wache 

Die Bibliothek des Magier Turms von Sturmwind war erfüllt von einer fast andächtigen Stille. Das sanfte Licht schwebender, magischer Kugeln tauchte die hohen Regale voller Folianten in ein warmes, goldenes Schimmern. Fredestär saß an einem der massiven Holztische und blätterte in einem Buch über arkane Energien. Die Runen tanzten förmlich vor seinen Augen, doch seine Gedanken waren woanders. 

Immer wieder schweifte sein Blick zu einem der hohen Fenster, hinter dem die geschäftigen Straßen von Sturmwind lagen. In der Ferne konnte er die Wachen sehen, wie sie durch die Gassen patrouillierten. Ihre Bewegungen wirkten entschlossen, kraftvoll – aber, wie Fredestär es sich oft dachte, auch ein wenig... plump. 

„Fredestär!“ 

Die Stimme von Jennea Kanat, seiner Mentorin und Lehrerin, ließ ihn zusammenzucken. Hastig klappte er das Buch zu und drehte sich um. Die silberhaarige Magierin stand in der Tür, ihre violette Robe warf im Licht der schwebenden Kugeln feine Schatten. 

„Ihr habt Euch schon wieder ablenken lassen, nicht wahr?“ fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue. 

Fred grinste schief. „Ich würde es nicht Ablenkung nennen. Ich denke über praktische Anwendungen nach.“ 

Jennea verschränkte die Arme. „Praktische Anwendungen? In einem Buch über die Theorie arkaner Resonanz?“ 

Er zuckte mit den Schultern. „Manchmal braucht man Praxis, um Theorie zu verstehen. Und ehrlich gesagt, habe ich das Gefühl, dass wir hier oben... nun ja, ein wenig zu sehr in unseren Türmen festsitzen.“ 

„Zu sehr in unseren Türmen?“ Jennea schritt langsam auf ihn zu. „Was meint Ihr damit, Fredestär?“ 

Er lehnte sich zurück und breitete die Arme aus. „Ich meine, wir sind Magier. Die besten Köpfe, die Sturmwind zu bieten hat. Doch während wir hier über Theorien debattieren, kämpfen die Wachen draußen gegen Banditen, Bestien und wer weiß was noch alles. Und was tun wir? Wir werfen ihnen hin und wieder einen Intelligenzbuff zu und sagen ihnen, was sie falsch gemacht haben.“ 

Ein amüsiertes Lächeln huschte über Jenneas Lippen. „Ein Intelligenzbuff, sagt Ihr? Glaubt Ihr, das würde genügen?“ 

„Naja, zumindest können sie dadurch ganze Sätze formulieren,“ konterte Fred mit einem frechen Grinsen. 

Jennea schüttelte den Kopf, doch sie lachte leise. „Ihr seid eine Herausforderung, Fredestär. Aber vielleicht... genau die Herausforderung, die wir brauchen.“ 

„Was meint Ihr?“ 

Sie setzte sich ihm gegenüber und fixierte ihn mit ihrem durchdringenden Blick. „Die Spannungen zwischen der Magierakademie und der Wache sind nicht zu übersehen. Die Soldaten sehen uns als arrogante Bücherwürmer, und ich fürchte, einige von uns geben ihnen allen Grund dazu. Doch das Problem ist, dass wir uns gegenseitig brauchen – mehr, als wir zugeben wollen.“ 

„Das überrascht mich nicht,“ sagte Fred. „Ohne uns wären sie aufgeschmissen.“ 

„Fredestär,“ unterbrach sie ihn streng, „das ist genau die Einstellung, die die Kluft zwischen uns vergrößert. Wir brauchen jemanden, der diese Brücke schlägt. Jemanden, der die Wache versteht, aber auch die Magie repräsentiert. Und ich glaube, Ihr seid dieser Jemand.“ 

Fred starrte sie an. „Ihr wollt, dass ich... bei der Wache arbeite?“ 

„Nicht als einfacher Soldat,“ erklärte sie. „Ihr bleibt Magier der Akademie, aber Ihr werdet als arkaner Ermittler der Wache von Sturmwind zugeteilt. Es ist eine Gelegenheit, die Zusammenarbeit zu stärken – und uns selbst im besten Licht zu zeigen.“ 

Fred überlegte. Die Vorstellung, sich den Wachen anzuschließen, war ungewöhnlich, aber nicht unattraktiv. Es bedeutete, aus den Hallen des Turms herauszukommen und tatsächlich etwas zu bewirken. 

Ein Auftrag für den Arkanen Ermittler 

Die Kaserne der Stadtwache von Sturmwind wirkte zu dieser Stunde ungewöhnlich still. Draußen hallten noch vereinzelte Stiefelschritte durch die steinernen Gänge, doch hier, tief im Ermittlungsraum des Ostflügels, flackerte nur eine einzelne Laterne und warf zitternde Schatten über die Wände. 

Ein massiver Stapel Bücher türmte sich vor ihm auf, schwer wie die Fragen, die ihn seit Tagen beschäftigten. Doch für Fredestär war es genau das richtige Gewicht, um sich daran festzuhalten. Fredestär hatte die Ärmel seiner Robe hochgeschoben, zwei Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht, und unter den Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Der Geruch von kaltem Kaffee lag in der Luft. 

Vor ihm lagen aufgeschlagen: Katalog arkaner Kreaturen des östlichen Königreichs, Feldnotizen über Rotkamm-Stämme, Bericht zur Struktur gnollischer Rudelverbände. Und mittendrin, auf einem losen Blatt Papier, stand ein einzelnes Wort, von seiner eigenen Hand geschrieben: 

Schattenherrin. 

Fredestär starrte es an, als könnte allein der Blick das Geheimnis lösen. Dann hob er gedankenverloren eine Hand, murmelte eine kurze arkane Formel, und ein sanftes blaues Leuchten legte sich wie ein Schleier klarer Gedanken über seinen Geist. 

Seit jenem Zwischenfall im Elwynnwald – seit dem Gnoll, seit dem Brief, den er nie zu fassen bekam – hatte ihn dieser Name nicht mehr losgelassen. Es war wie ein leises Pochen in seinem Hinterkopf. Kein realer Schmerz. Eher … ein Echo. Eine Spur in seinem Verstand, die nicht verschwinden wollte. 

Er rieb sich mit zwei Fingern die Schläfe, blätterte eine Seite um, dann zurück, dann wieder vor. Der Raum atmete Staub und altes Pergament. Auf dem Hof draußen rief ein Ausbilder Befehle, doch die Worte kamen gedämpft herein wie Stimmen hinter einem Schleier. 

„Schattenherrin…“ murmelte Fredestär vor sich hin, als würde die Wiederholung etwas bewegen. „Warum finde ich dich nicht?“ 

Er lehnte sich zurück, die Robe raschelte. Die hölzerne Stuhllehne knarrte unter seinem Gewicht. 

In seinem Kopf tauchten wieder Bilder auf – Er hörte wieder die Worte des Gnollschafs. „Schattenherrin… vermummte Frau… Rotkammgebirge…“ 

Fred zog das lose Blatt näher zu sich. Der Name wirkte so fehl am Platz, so fremd, dass es ihm fast kalt den Rücken hinablief. Als hätte jemand einen neuen Begriff in eine uralte Sprache geschmuggelt. 

Er griff nach einem dünnen Folianten – einem der ältesten, die er aus dem Magier Turm hatte ausleihen dürfen. Die Seiten waren brüchig, das Ledercover weich wie Stoff. Es roch nach Kerzenwachs und verlorenen Jahrhunderten. 

Er blätterte langsam durch. 

Gnolle. 

Rudelstrukturen. 

Sippenführer. 

Schamaninnen. 

Aber nichts … nichts über eine Schattenherrin. 

Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab. 

Wenn etwas in keinem Buch steht, dachte Fred, dann ist es entweder neu … oder gefährlich genug, dass niemand darüber schreiben konnte. 

Er beugte sich wieder vor, stützte das Kinn in die Handfläche und begann erneut zu lesen — diesmal konzentrierter, mit diesem Funken Ehrgeiz in den Augen, der nur dann aufblitzte, wenn er wirklich gefesselt war. 

Die Stille im Ermittlungsraum wurde plötzlich von schweren Stiefeltritten unterbrochen. Drei Wachen – groß und breit – traten ein. Ihre Rüstungen klirrten, als hätten sie extra geprobt, um maximal einschüchternd zu wirken. Fredestär blickte kurz auf, ohne aufzustehen, und musterte die Männer mit diesem halben Lächeln, das er immer dann zeigte, wenn er wusste, dass Intelligenz das bessere Schwert war. 

„Na, na, na…“, brummte der größte von ihnen, ein breitschultriger Krieger namens Thoren. „Was macht der kleine Magier hier allein? Lesen, lesen, lesen…? Schon wieder Formeln auswendig lernen?“ 

Fred ließ einen Finger zwischen den Seiten seines Folianten gleiten, als wäre die Bemerkung nur ein kleiner Windhauch. „Ach, ich übe nur meine Handschrift, Thoren. Man muss schließlich alles sauber dokumentieren, nicht wahr?“ Sein Tonfall war leicht spöttisch, ohne wirklich zu verletzen. 

„Dokumentieren, ja?“ Der zweite, ein junger Wächter namens Garrik, trat vor und beugte sich bedrohlich über den Tisch. „Vielleicht dokumentierst du ja gleich, wie wir dich aus dem Zimmer werfen.“ 

Fred seufzte leise, ließ das Buch zur Seite gleiten und streckte die Hände halb beschwörend aus. Die Luft vor ihm begann zu vibrieren, winzige Kristalle aus frostigem Licht glitzerten wie eingefrorene Funken. Ein dünner, schimmernder Schleier legte sich über den Boden zwischen ihm und den Wachen – nicht gefährlich, nur eine elegante Schranke aus Eis. 

„Seht es als Einladung zum Abstandhalten“, sagte er ruhig. „Ich möchte wirklich keinen Zwischenfall provozieren.“ 

Thoren lachte, doch seine Augen verengten sich, als er einen Schritt nach vorn machte. Das Eis schmolz unter seinem Gewicht, knackte, aber hielt stand. „Magie oder nicht – du bist nicht stärker als wir drei zusammen!“ 

Fred neigte den Kopf, die Augen blitzten verschmitzt. „Vielleicht nicht stärker, aber dreimal so schlau.“ 

Mit einem kaum hörbaren Murmeln ließ er die frostige Barriere augenblicklich in funkelnde Splitter zerfallen, und ein kleiner Stoß aus purer arkaner Energie rollte wie eine Welle über den Boden. Garrik stolperte zurück, überrascht, doch es war kein schmerzhafter Angriff – nur genug, um die Körper in einem eleganten Abstand zu halten, während Fred sich zurücklehnte, die Finger wie Dirigenten eines unsichtbaren Orchesters bewegend. 

„Hört zu“, begann er, seine Stimme sanft, aber bestimmt, „wir stehen alle auf derselben Seite. Ich bin hier, um Informationen zu sammeln, zu beraten – nicht, um euch zu beweisen, dass Bücher stärker sind als Muskeln. Glaubt mir, Muskelkraft allein wird nicht jeden Konflikt lösen.“ 

Die Wachen zögerten. Thoren funkelte ihn an, Garrik ballte die Fäuste. Doch Freds Worte, gepaart mit der kontrollierten Macht, die noch immer in der Luft vibrierte, hatten Wirkung. 

„Also gut…“ murmelte Thoren schließlich und machte einen Schritt zurück. „Aber wehe, du landest in unseren Patrouillengebieten.“ 

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Jennea Kanat trat ein. Hinter ihr folgte der Hauptmann der Stadtwache selbst, dessen Präsenz selbst die hitzigsten Gemüter beruhigte. 

„Ah, Fredestär, ich hoffe, ich störe nicht beim… Experimentieren?“ Ihre Stimme war scharf, aber ein Hauch Humor schwang mit. 

„Überhaupt nicht“, sagte Fred ruhig, und die Arkanenergie um ihn flackerte kurz wie ein abschließender Gruß. 

Thoren und die anderen Wachen nickten nur widerwillig, ihre Muskeln noch angespannt, aber die Spannung im Raum begann sich aufzulösen. Der Hauptmann stellte einen Fuß auf den Türschwelle und warf einen prüfenden Blick über die Szene. „Genug für heute. Jeder hat seine Aufgaben. Fred, du bist hier um Brücken zu bauen, nicht magische Mauern.“ 

Fred nickte, die Schultern entspannt. „Wenn der Fluss nicht so stürmisch wäre, mein Hauptmann.“ 

Die Wachen zogen sich hastig zurück, als der Hauptmann ihnen einen einzigen, scharfkantigen Blick zuwarf. Thoren murmelte noch etwas Unverständliches, dann klirrte die Tür hinter ihnen. Die Stille kehrte zurück, nur das leise Rascheln von Pergament und der entfernte Ruf einer Patrouille durchbrachen sie. 

„Fredestär“, begann Jennea, während sie sich neben den Tisch setzte, „wie weit bist du mit deinen Nachforschungen gekommen?“ 

Fred legte den Finger auf das lose Blatt mit dem Namen, die Stirn leicht gerunzelt. „Ich … dachte, ihr hättet das Thema als Quatsch abgetan? Warum plötzlich so viel Interesse?“ Ein halb spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Habt ihr im Rat etwa beschlossen, dass ich Recht hatte, ohne mir vorher Bescheid zu geben?“ 

Jennea schmunzelte. „Nicht ganz. Ich habe den Bericht weitergeleitet. Lady Prestor war erst skeptisch, aber General Clay und Oberkommandant Jonathan hielten es für sinnvoll, dem nachzugehen.“ 

Fred ließ das Buch ein wenig zur Seite gleiten, die Augen funkelten zwischen Überraschung und Belustigung. „Na toll. Und ich dachte, meine Briefe hätten in der Ablage der Ungelesenen ihr endgültiges Zuhause gefunden.“ 

„Wir möchten, dass du deine Bemühungen intensivierst“, sagte der Hauptmann, die Arme verschränkt. „Du wirst vorerst von den regulären Pflichten der Stadtwache abgezogen. Erforsche die Spur. Ob sie nun vielversprechend ist oder nicht.“ 

Fred lehnte sich zurück, ein schwacher, nachdenklicher Zug auf seinen Lippen. „Also offiziell: Brückenbauer in die Tiefen des Rotkammgebirges. Wer hätte gedacht, dass mein ruhiges Forschen eines Tages eine offizielle Mission wird?“ 

Jennea nickte, die Augen aber ernst. „Die Spur könnte wichtig sein. Und wir verlassen uns auf dein Urteilsvermögen, Fredestär.“ 

Als die beiden die Kaserne verlassen hatten, blieb Fred allein im schwach beleuchteten Raum zurück. Er stützte das Kinn in die Handfläche, die Finger spielten gedankenverloren mit den brüchigen Seiten des Folianten. 

„Es hilft wohl nichts“, murmelte er schließlich zu sich selbst, ein leichtes Lächeln trotz der Ernsthaftigkeit seiner Aufgabe. „Ich werde im Rotkammgebirge nachsehen müssen, ob ich mehr erfahre.“ 

Er war ein Held, weißt du 

„Er war ein Held, weißt du?“ sagte Ravens Mutter leise, während sie eine kleine Kiste mit den wenigen Habseligkeiten ihres Mannes packte. Ihr Blick war auf einen alten, abgenutzten Helm gerichtet, dessen Oberfläche von zahllosen Kratzern durchzogen war. „Dein Vater… er wollte immer nur Gutes tun. Er hat bis zum Ende für die Allianz gekämpft.“  

Raven saß still auf einem Hocker in der Ecke des kleinen Zimmers und hielt seinen Stab fest umklammert. „Aber wo ist er jetzt?“ murmelte er schließlich, die Worte schwer auf seinen Lippen. „Wieso ist er in den Krieg gezogen und nicht bei uns geblieben.“ Seine Mutter sah auf, die Trauer in ihren Augen war wie ein Spiegel seiner eigenen Gefühle. „Manchmal wählt man nicht den Krieg, Raven. Man wählt, wofür man steht. Und dein Vater… er hat für uns gestanden. Für mich. Für dich.“ Sie legte eine Hand auf die Kiste und schloss die Augen. „Er wäre so stolz auf dich gewesen.“ Raven biss sich auf die Lippe, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Ich bin kein Held, Mama. Ich sitze nur hier und… lese Bücher.“ Seine Stimme brach leicht, und er wandte den Blick ab. Seine Mutter kniete sich hin und nahm seine Hände in ihre.  

„Du hast mehr in dir, als du glaubst, mein Junge. Dein Vater... er… hat dir etwas mitgegeben. Etwas Besonderes.“ Sie hielt inne, bevor sie mit einem sanften Lächeln hinzufügte: „Vielleicht verstehst du es jetzt noch nicht. Aber die Zeit wird kommen.“ Raven nickte schwach, die Worte seiner Mutter brannten sich in sein Herz. Sein Blick wanderte zu einem kleinen Lehrbuch, das auf der Kiste neben ihm lag. Der Einband war abgenutzt, und die Seiten waren von zahllosen Lesestunden zerfleddert. Es war das Buch, das ihm von seinem Vater vor dessen letzter Abreise gegeben wurde. „Für den Fall, dass du eines Tages lernen willst, die Welt zu verstehen,“ hatte er gesagt. Damals hatte Raven die Bedeutung der Worte nicht verstanden. Doch jetzt fühlte sich das Buch wie eine Verbindung zu ihm an – etwas, das ihm helfen könnte, seinen Platz in der Welt zu finden.

Der, der versucht zu verstehen 

Goldhain schlief noch, als Raven den Wald betrat. 
Der Morgen hing feucht zwischen den Bäumen, ein dünner Schleier aus Nebel, der sich nur widerwillig von der Erde löste. Tau sammelte sich auf Farnen und Moos, und irgendwo klopfte ein Specht in gemessenem Rhythmus gegen die Rinde eines alten Baumes. 

Raven schloss die Augen und atmete tief ein. Langsam nahm er den Duft des Waldes in sich auf – feuchte Erde, Harz, Gräser, das leise Leben zwischen Wurzeln und Rinde. Er kannte jeden dieser Gerüche. So oft war er hier gewesen, seit er und seine Mutter die Garnison von Theramore verlassen hatten, um in Goldhain ein ruhigeres Leben zu beginnen. 

Raven war groß für sein Alter, breit gebaut, doch seine Schultern hingen leicht herab. Nicht aus Müdigkeit oder Schmerz, sondern aus Gewohnheit. Er ging vorsichtig, nicht schleichend, eher respektvoll – als bitte er den Wald um Erlaubnis, ihn betreten zu dürfen. Jeder Schritt war bedacht, jeder Zweig, den er beiseiteschob, wurde sanft zurückgelegt, als müsse er sich dafür entschuldigen, ihn gestört zu haben. 

Der knorrige Stab in seiner Hand wirkte nicht wie totes Holz. Er fühlte sich warm an, lebendig, als atme er im gleichen Rhythmus wie Raven selbst. Kleine Blätter sprossen aus feinen Rissen in der Rinde, zart und grün, als hätte der Ast beschlossen, weiterzuwachsen, obwohl man ihn einst von seinem Baum getrennt hatte. Raven hatte nie versucht zu erklären, warum das so war. Er wusste nur, dass es richtig war. 

Er blieb stehen und lauschte. Das leise Rascheln eines Tieres im Unterholz, das ferne Rufen eines Vogels, das Knacken eines Astes im Wind – all das war für ihn kein Lärm, sondern Sprache. Der Wald sprach nicht mit Worten, doch Raven verstand ihn trotzdem. Oder zumindest glaubte er das. Manchmal war er sich nicht sicher, ob er wirklich verstand oder ob er nur hoffte, es zu tun. 

Er setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und lehnte den Stab neben sich. Für einen Moment legte er die Hand auf den Boden, spürte die kühle Feuchtigkeit, das geduldige, ruhige Dasein der Erde unter seinen Fingern. Hier, fern von Stimmen, Blicken und dem Lärm der Stadt, fühlte er sich weniger schwer. Weniger fehl am Platz. 

„Nur kurz“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. „Nur hören.“ 

Er zog ein Buch aus seiner Tasche. Der Einband war abgenutzt, die Seiten mehrfach geflickt, manche Ecken mit getrockneten Pflanzen markiert. 

Raven schlug eine Seite auf, überflog die Zeilen und nickte langsam. 

Das Gleichgewicht ist kein Ziel, las er, sondern ein Zustand. Wer es erzwingen will, zerstört es. Wer ihm zuhört, wird Teil davon. 

„Ja. Das… ergibt Sinn.“, sagte er, doch in seiner Stimme lag Ratlosigkeit. 

Ein Knacken ließ ihn aufblicken. Nicht nah. Aber auch nicht weit. 

Raven spannte sich unwillkürlich an, die Finger fester um den Stab gelegt. Sein Herz schlug schneller, nicht aus Angst, sondern aus Erwartung. 

Ein Schatten löste sich zwischen den Bäumen. Dann noch einer. 

Ein Wildschwein trat auf die Lichtung, groß, mit vernarbtem Fell und gesenktem Kopf. Die Hauer waren abgenutzt, aber scharf genug, um Schaden zu verursachen. Es schnaubte, stampfte, und hinter ihm bewegte sich ein zweites Wildschwein aus dem Dickicht hervor. 

Raven schluckte. 

„Oh“, sagte er. „Euch habe ich hier nicht erwartet.“ 

Raven stand langsam auf und hob beide Hände ein wenig, die offene Handfläche seiner linken Hand in Richtung der Tiere, den Stab locker in der Rechten, als wolle er zeigen, dass von ihm keine Gefahr ausging. Er zwang sich, ruhig zu atmen, auch wenn sein Herz bereits schneller schlug. Wildschweine waren keine bösen Tiere, das wusste er. Territorial, ja. Reizbar, oft. Aber nicht grundlos aggressiv. Zumindest stand das so ähnlich in einem der Bücher. Oder… er glaubte, dass es dort gestanden hatte. 

Wildschweine reagieren auf Ruhe, dachte er angestrengt. Auf Haltung. Auf das, was man ausstrahlt. 

Oder waren das Hirsche gewesen? Oder Wölfe? 

Er räusperte sich leise und machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn. 

„Schon gut“, sagte er ruhig, fast beschwichtigend, die Stimme sanft, wie er sie auch zu scheuen Pferden benutzt hatte. „Ich bin gleich wieder weg. Ihr gehört hierher. Ich störe nicht.“ 

Das größere der beiden Wildschweine schnaubte laut, der Atem dampfte aus den Nüstern. Es senkte den Kopf noch weiter, die Hauer blitzten kurz im diffusen Morgenlicht. Das zweite trat einen Schritt zur Seite, scharrte mit dem Huf und ließ ein tiefes, vibrierendes Grunzen hören. 

Raven schluckte. 

Vielleicht Blickkontakt vermeiden, ging es ihm durch den Kopf. Oder gerade halten? 

Er senkte den Blick ein wenig, blieb stehen, zwang sich, nicht zurückzuweichen. In einem anderen Buch – oder vielleicht war es nur eine Randnotiz gewesen – hatte gestanden, dass Tiere Unsicherheit rochen wie Blut. 

„Ganz ruhig“, murmelte er, mehr zu sich selbst. „Ich bin groß. Also… größer als ich aussehe. Innerlich.“ 

Das Wildschwein antwortete mit einem kurzen, aggressiven Quieken. 

„Das war jetzt vermutlich nicht richtig“, stellte Raven fest. 

Er hob den Stab leicht an, nicht drohend, eher wie einen Halt, und machte einen Schritt zurück. In genau diesem Moment stieß das Tier vor. Nicht zögerlich, nicht prüfend – sondern entschieden. Ein harter Schlag traf Raven gegen die Hüfte, riss ihm den Boden unter den Füßen weg, und Raven landete unsanft auf dem Rücken. Die Luft wich ihm mit einem gepressten Laut aus der Lunge, Moos und feuchte Erde klebten an seinem Rücken, während über ihm das schwere Schnauben des Tieres dröhnte. 

Raven lag einen Herzschlag lang reglos da, blinzelte gegen den grauen Himmel, das Herz hämmernd, der Verstand fieberhaft bemüht, nicht in Panik zu geraten. 

„Gut“ brachte er keuchend hervor. „Dann… vielleicht doch nicht friedlich.“ 

Seine Finger beugten sich leicht nach innen, nicht aus Schmerz, sondern als Antwort auf die Kraft, die er heraufbeschwor. Ein tiefes Grollen vibrierte in seiner Brust, dort, wo eben noch sein Atem gerungen hatte, und breitete sich aus wie eine Welle, die durch ihn hindurchrollte. Die Luft um ihn herum verdichtete sich, wurde schwerer, erfüllt von dem Geruch nach Erde, Moos und nassem Fell. 

Ein dumpfes, uraltes Gewicht legte sich über seine Glieder, als hätte die Natur selbst beschlossen, ihm Form zu geben. Um Ravens Körper flackerte ein schattenhaftes Bild auf, unscharf, kaum greifbar, wie eine Gestalt aus Rauch und Licht zugleich. Linien zeichneten sich ab, breiter, massiger, von einer Kraft erfüllt, die nicht aus Muskeln, sondern aus Wille bestand. 

Dunkles Fell schimmerte kurz im Morgenlicht, nicht wachsend, sondern erscheinend, als sei es schon immer da gewesen und nun nur sichtbar geworden. Die menschliche Gestalt trat zurück, wurde nicht zerstört, sondern überlagert, getragen von der Präsenz des Tieres. 

Mit einem tiefen, grollenden Laut richtete sich plötzlich ein Bär auf, schwer und kraftvoll, die Tatzen fest im Boden verankert. Die Augen blickten wachsam auf die beiden Wildschweine. Sie wirkten vertraut, ruhig, und doch von einer Wildheit erfüllt, die keinen Zweifel ließ. 

Einen Moment lang herrschte Spannung. 

Dann plötzlich wich das größere der beiden Wildschweine zurück, ein scharfes Quieken entfuhr ihm. Es drehte sich abrupt um und brach durch das Unterholz, Äste knackten, Blätter fielen. Das zweite zögerte einen Moment länger, schnaubte noch einmal trotzig, doch auch in seinen Augen war die Erkenntnis angekommen. Mit einem hastigen Satz rannte es davon, trat dabei mitten durch eine schlammige Pfütze, sodass Wasser und Dreck in einem hohen Bogen aufspritzen, bevor es zwischen den Büschen verschwand. 

Stille kehrte zurück. 

Der Bär blieb stehen, die Muskeln noch gespannt, die Brust hebend und senkend vor Anspannung. Erst langsam ließ sie nach. 

Gut, dachte Raven. Kein Kampf. Kein Schmerz. Kein unnötiges Blutvergießen. 

Mit schweren Schritten stapfte er zur Pfütze, in der sich das Wasser noch immer kräuselnd bewegte. Er beugte den Kopf und blickte in die spiegelnde Oberfläche. 

Ein Bär sah ihm entgegen. Groß. Dunkel. Die Konturen klar, doch die Augen wach. 

Und irgendwo dahinter war er selbst. 

Raven blickte zufrieden in sein bärisches Ebenbild. Ein Anflug von Stolz legte sich in seine Gedanken. Er hatte all das geschafft, obwohl so viele gesagt hatten, dass er es nie schaffen wird. 

Die einzige Hilfe, die er hatte, war seine Mutter, die ihm aus der Bibliothek von Sturmwind Bücher und Schriftrollen mitbrachte, die wenigen, die aus dem Elfischen in die Menschensprache übersetzt wurden. 

Er hatte es geschafft und die Fähigkeiten eines Druiden erlernt. Zwar vorerst nur die Bärengestalt, doch der Rest würde sicher irgendwann folgen. 

Mit prüfendem Blick schaute er zurück zu dem Baumstamm, auf dem sein Rucksack und sein Buch lagen. Hatte mein Vater beabsichtigt, dass ich Druide werde? Er wandte den Blick ab und sah gedankenverloren in die Pfütze vor sich. Warum sonst hätte er mir dieses Buch geben sollen? Doch woher hatte er es? Und warum hat er es mir ausgerechnet vor seiner letzten Abreise gegeben? War das alles Zufall? 

Ein seltsames, schräges Knurren durchbrach die Stille und riss Raven aus seinen Gedanken. 

Schwerfällig drehte er sich um und stand plötzlich zwei Wölfen gegenüber, die Zähnen fletschend aus den Büschen am anderen Ende der Lichtung traten. 

Sie sahen anders aus als die Wölfe, die Raven kannte. Zerzaust, als hätten sie sich lange nicht geputzt, der eine Wolf blutete am rechten Hinterlauf, doch er lahmte nicht – fast, als würde die blutige Wunde ihm nichts ausmachen. Was jedoch wirklich erschreckend war, waren die Augen der Wölfe: dunkler als gewöhnlich, mit einem leichten lilafarbenen Schimmer. 

Ob ich die beiden so leicht verscheuchen kann wie die Wildschweine eben? dachte Raven. Doch in diesem Moment sprang einer der Wölfe nach vorne, direkt auf ihn zu. 

Von Spinnensinnen 

Südstrand lag still an diesem Morgen. Das Meer war grau und unbewegt, Möwen zogen ihre Kreise über den Dächern, und jenseits der letzten Häuser verlor sich der Pfad im Geröll der Hügel. Dort, wo der Boden härter wurde und das Gras dünner, öffnete sich zwischen Felsen ein schmaler, dunkler Spalt im Gestein – kaum mehr als ein Schatten, den man leicht hätte übersehen können. Die Höhle war verdeckt von Dornengestrüpp und alten Netzen, die der Wind vom Meer heraufgetragen hatte. Wer nicht wusste, wonach er suchte, ging achtlos daran vorbei. 

Innen war es unangenehm kühl. Die Wände waren roh, stellenweise mit Kerzenruß geschwärzt. Ein schlichter Steinaltar stand im Zentrum, darüber ein schwach leuchtender Fokusstein, der ein fahles Licht warf und lange Schatten zog. 

Vor ihm stand ein Junge, ungewöhnlich groß für sein Alter und so schmal, dass es wirkte, als hätte man ihn zu hastig in die Höhe gezogen. Seine Glieder waren lang, die Schultern schmal, der Körper noch nicht entschlossen, ob er wachsen oder zerbrechen wollte. Dunkles Haar fiel ihm ungeordnet in die Stirn und wollte dort einfach nicht bleiben, egal wie oft er es zurückstrich. 

Sein Gesicht war scharf geschnitten, mit einer Nase, die einen Moment zu groß wirkte, um ganz dazuzugehören, und Augen, die zu viel beobachteten und zu wenig verrieten. 

Seine Kleidung stand dazu in einem seltsamen Gegensatz. Alles an ihm war penibel geordnet, als hätte er gelernt, dass Unordnung nur Angriffsfläche bot. Unter der schweren Robe zeichnete sich eine sauber gefaltete Dreiviertelhose ab, der Stoff an den Säumen sorgfältig umgeschlagen, kein Faden lose, kein Fleck geduldet. Die Robe selbst war dick und steif, aus einem dunklen Material gefertigt, das auf den ersten Blick an gegerbte Walhaut erinnerte – glatt, widerständig, wasserabweisend, als sei es dafür gemacht, Wind und Regen gleichermaßen abzuweisen. Sie hing schwer an ihm, fast zu schwer für seinen schmalen Körper, doch er trug sie mit einer fast trotzigen Sorgfalt, als wäre sie weniger Kleidung als Schutzschicht. 

Neben ihm blätterte ein kleines Mädchen ruhig in einem Buch. 

Sie schien einige Jahre jünger zu sein, trotzdem wirkten ihre Bewegungen sicherer, selbstverständlicher. Sie hatte denselben dunklen Haarschopf wie der Junge, doch trug ihn ordentlich zurückgebunden. Wenn sie las, bewegten sich ihre Lippen kaum merklich mit, als würde sie den Worten lauschen, statt sie zu erzwingen. 

Eine ältere Frau stand etwas abseits, die Arme verschränkt. Sie sagte nichts. Das tat sie selten, solange alles nach Plan verlief. 

Der Junge begann zu sprechen. Die Worte kamen ihm bekannt vor. Er hatte sie dutzendfach gesprochen, leise, laut, flüsternd, nachts im Bett, tagsüber im Kopf. Trotzdem fühlten sie sich jedes Mal fremd an, als gehörten sie jemand anderem. 

Die Luft vor dem Altar spannte sich leicht. Nicht sichtbar – aber spürbar. Wie kurz vor einem Gewitter. 

Der Junge hielt kurz inne. 

„Weiter Den“, sagte die Frau. Ihre Stimme war ruhig, doch autoritär. 

Er zwang sich, fortzufahren. Die Silben verließen seinen Mund, sauber ausgesprochen, korrekt gesetzt. Er tat alles richtig. Das wusste er. Und doch— 

Das Leuchten flackerte. Ein Riss formte sich, kaum mehr als ein Zittern im Raum. Dann brach es ab. Lautlos. Rückstandslos. Stille. 

Die Frau seufzte leise. Kein Vorwurf. Kein Zorn. Nur Ermüdung. 
„Du denkst zu viel.“ 

Den sagte nichts. Seine Finger hatten sich um den Rand des Altars gekrallt. 

„Dayla“, sagte die Frau. „Meine Tochter, zeig es deinem Bruder.“ 

Seine Schwester trat vor, legte das Buch beiseite. Sie schloss kurz die Augen – nicht aus Unsicherheit, sondern wie jemand, der sich erinnert. 

Dann sprach sie. 

Die Luft reagierte sofort. 

Der Fokusstein über dem Altar glühte gleichmäßig auf. Der Raum schien sich zu ordnen, als hätte jemand unsichtbare Fäden glattgezogen. Ein sauberes, stabiles Portal öffnete sich, ruhig, kontrolliert. 

Etwas Kleines kroch hindurch. Geduckt. Gehorsam. Ein niedriger Wichtel, unscheinbar, aber vollständig. 

Dayla lächelte nicht. Sie beobachtete nur, konzentriert, aufmerksam. 

„Gut“, sagte die Mutter. Diesmal lag Zufriedenheit in ihrer Stimme. 

Den spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Kein Neid. Kein Hass. 
Nur dieses drückende, stille Gefühl, als würde er ständig einen Schritt hinterherlaufen – egal, wie sehr er sich bemühte. 

Er sah zu seiner Schwester. 
Bei ihr sah es so leicht aus. 

Und genau das machte es schwerer zu ertragen als jedes harte Wort. 

Die Mutter trat einen Schritt näher an den Altar. 

„Noch einmal“, sagte sie, mit fordernder Stimme. 

Den hob den Blick nicht sofort. Er nickte langsam, als koste ihn diese kleine Bewegung bereits Kraft. Seine Finger zitterten, als er seine Arme neben den Körper zwang. Er machte sich bereit, exakt so, wie sie es ihm dutzende Male gezeigt hatte. 

Die Worte kamen leise und vorsichtig. 

Er tastete sich durch die Formel, als würde er über dünnes Eis gehen. 

Die Luft vor dem Altar reagierte. 

Ein kaum sichtbares Ziehen, ein Druck, der nicht ganz Form annahm. Der Fokusstein flackerte unregelmäßig, sein Licht verlor für einen Augenblick an Klarheit. Dann riss der Raum auf – nicht sauber, nicht stabil. 

Ein kleines Portal entstand und etwas fiel heraus. 

Es platschte auf den Steinboden, formte für einen Herzschlag lang eine undefinierbare Masse aus Schatten, Schleim und falschen Konturen, bevor es in sich zusammenfiel. Zurück blieb nur ein feuchtes Irgendwas und der beißende Geruch fehlgeschlagener Magie. 

Den starrte auf den Boden. Sein Herz schlug schnell. 

Er hatte es gespürt. Für einen Moment. Es war fast da gewesen. 

Die Mutter atmete langsam aus. 

„Unsauber“ sagte sie „Und unkontrolliert.“ 

Dayla sagte nichts. Sie stand etwas abseits, die Hände vor dem Körper gefaltet, der Blick zwischen Den und dem Altar hin- und hergehend.  

In Den zog sich etwas zusammen. Er ärgerte sich über sich selbst und über seine Fähigkeiten. Auf diese Worte, die ihm nie gehorchten. Und darunter etwas anderes, Schwereres: das Gefühl, ständig gegen etwas Unsichtbares anzukämpfen. 

Er sagte nichts und senkte den Kopf. 

Die Mutter musterte ihn einen Moment, Dann wandte sie sich ab. 

„Das reicht für heute.“ 

Sie griff nach Daylas Buch, legte der Tochter kurz die Hand auf die Schulter und führte sie Richtung Ausgang. Den griff sich sein Buch und wollte gerade folgen, doch kurz vor dem Höhleneingang blieb seine Mutter stehen, ohne sich umzudrehen. 

„Du glaubst nicht ernsthaft, dass du auch gehen darfst“, sagte sie ruhig, beinahe beiläufig, „bevor du die einfachsten Grundlagen beherrschst.“ 

Ein letzter Blick über die Schulter, kühl und eindeutig. Dann verließ sie mit Dens Schwester die Höhle. 

Die Schritte verklangen.  

Den blieb noch einen Moment reglos stehen, während die Stille der Höhle sich um ihn legte wie ein zu eng gewordenes Kleid. Der Fokusstein glomm gleichmäßig weiter, gleichgültig gegenüber seinem Versagen, und irgendwo in der Dunkelheit tropfte Wasser von Stein zu Stein, als hätte die Welt beschlossen, einfach weiterzumachen. Dann kam die Wut. Nicht explosionsartig, sondern unterschwellig, wie etwas, das zu lange eingeschlossen gewesen war. Er ballte die Hände, trat gegen den Altar und spürte den dumpfen Schmerz im Fuß, während er leise, zischend fluchte – über seine Mutter, über ihre Blicke, über diese eisige Kälte, die nur dann schmolz, wenn Dayla etwas richtig machte. Sie stärkte ihr den Rücken, hielt ihr die Welt offen, während er lernen sollte, mit gesenktem Kopf geradeaus zu gehen, als wäre das genug. 

„Du glaubst einfach nicht an mich“, murmelte er, ohne zu wissen, ob er es über seine Mutter sagte oder zu sich selbst, und wischte sich hastig über die Augen, weil er die Feuchtigkeit dort nicht ertragen konnte. Er war kein schlechterer Hexenmeister als seine Schwester, ganz im Gegenteil, und irgendwann würde er es beweisen, selbst wenn niemand außer diesen kalten Steinen Zeuge davon wurde. Mit hastiger Bewegung zog er sein Zauberbuch hervor, blätterte darin umher und sah die sauber geordneten Formeln mit den Randnotizen seiner Mutter, den kleinen Korrekturen, bis seine Finger an einer der letzten Seiten innehielten, dort, wo der Einband schon abgegriffen war und die Schrift schmaler, gedrängter wirkte, als hätte jemand sie nur widerwillig niedergeschrieben. 

Neben den Zeilen war eine Zeichnung eingeritzt, grob, aber eindeutig: eine Krone, scharf gezackt, fremdartig, und darunter ein knapper Vermerk, der ihn frösteln ließ – starke Gegner. Die Schrift war nicht die seiner Mutter, das erkannte er sofort. Sein Atem ging schneller, als er las, was dort stand, und Tränen traten ihm in die Augen, nicht nur aus Angst, sondern aus dieser verzweifelten Mischung aus Trotz und Hoffnung, die ihn schon so lange begleitete. Wenn sie ihm nichts zutrauten, dann würde er es eben selbst tun. Er konnte die Schrift nicht lesen, war sich aber sicher, dass es ein mächtiger Fluch ist. 

Unter dem Altar bewegte sich etwas. Zwei Spinnen krochen aus dem Schatten, schwarz und unscheinbar, ihre Beine kratzten leise über den Stein, während sie sich an der Kante entlangschoben, dorthin, wo noch immer die feuchte, schimmernde Masse seines misslungenen Portals lag. Den schluckte, hob das Buch und richtete seinen Blick auf sie, zwang seine Stimme ruhig zu bleiben, obwohl sie innerlich bebte und las den Fluch. 

„Anu’thalas na’brethil, 
shala dor’ana ru. 
Dor’ana umbrae, shan’dor’ana umbrae. 
Anu belore. 
Anu mor’ethil. 
Thalas’aran. 
Alah’mel daro’belore, 
shala na’thas Kaldorei.“ 

Beim ersten Mal geschah nichts, außer dass die Luft schwerer wurde, als hätte jemand einen Schleier darüber gelegt. Die Spinnen krochen unbeirrt weiter. Sie waren keine starke Gegner, dachte sich Den. Doch für den ersten Versuch genau das richtige. Er wiederholte die Worte, fester nun, mit gepresstem Atem, doch der Fluch glitt an ihnen vorbei. Erst beim dritten Versuch, als seine Stimme brach und sich mit einem leisen Schluchzen mischte, veränderte sich etwas. Dieses Mal spannte sich etwas Unsichtbares um sie, und die Spinnen gerieten ins Stocken, ihre Beine verfingen sich in der schmierigen Masse auf dem Boden, die plötzlich zu leben schien, sich um sie schloss, an ihren Leibern hochzog und Schatten zog, wo eben noch nur feuchter Stein gewesen war. 

Den wich einen Schritt zurück, als die Körper der Tiere sich verzerrten, größer wurden, zu etwas Unnatürlichem anwuchsen, halb Spinne, halb Schatten und einem leisen, fremden Rascheln, das ihm die Kehle zuschnürte. Panik packte ihn, roh und unvermittelt, und er fuhr herum, um zum Ausgang der Höhle zu stürzen, doch die beiden Wesen bewegten sich schneller, schnitten ihm den Weg ab, erhoben sich vor ihm wie lebendige Mauern aus Chitin und Dunkelheit. Sein Herz hämmerte, Schweiß lief ihm den Rücken hinab, während er sich zwang stehenzubleiben, den Blick nicht abzuwenden, sich innerlich auf einen Kampf vorzubereiten, den er vermutlich nicht gewinnen konnte. 

Die Spinnen hielten plötzlich inne, ihre Gestalten begannen zu fließen, als verlören sie ihre feste Form, das Chitin schmolz ineinander, Schatten zogen sich zusammen, bis nur noch eine seltsam schimmernde Masse übrig blieb, die sich langsam erhob und verdichtete. Vor seinen Augen formte sie sich neu, zog Kanten, Spitzen, Rundungen, bis sie schließlich als Krone vor ihm schwebte, dunkel, fremd und doch seltsam vertraut. 

Den stand da wie erstarrt, wagte kaum zu atmen, während etwas in ihm wusste, dass dies kein Zufall war. Zögernd hob er die Hände und setzte sich die Krone auf den Kopf, und für einen flüchtigen Moment fühlte sie sich richtig an, warm, beinahe tröstlich, als hätte sie nur auf ihn gewartet. 

Den rieb sich die Augen, sein Herz hämmerte. Was war gerade geschehen? Die Spinnen, das Portal, die seltsame Masse… Sein Atem ging schnell, und ein unangenehmes Ziehen in der Brust machte sich bemerkbar. Panik stieg auf, und ohne weiter nachzudenken, rannte er aus der Höhle, den Berg hinunter in Richtung der dunklen Straßen von Südstrand, vorbei an den leeren Gassen, die noch vom frühen Morgennebel gefüllt waren, bis er keuchend vor der Tür seines Hauses zum Stehen kam. Hastig trat er ein. 

Drinnen saß die Familie am Essenstisch. Sein Vater war hochgewachsen, die langen dunklen Haare fielen ihm über die Ohren und das halbe Gesicht, sein Blick ruhig und gelassen, im Gegensatz zu der Mutter, die energisch auf den Tisch schlug, als Den eintrat. 

„Na, hast du aufgegeben?“ spottete sie, die Stimme scharf wie eine Klinge. 

Dayla ruckte den Kopf hoch und stutzte. „Den… was soll die Krone?“ 

Den hielt inne, als das Gewicht auf seinem Kopf wieder ins Bewusstsein drang. Hastig griff er an die Krone, zog und zerrte – doch sie ließ sich nicht lösen. Panik krallte sich in seine Brust, sein Atem wurde schneller. 
„Die… die Krone… achso die hier? Ich… also… sie geht nicht ab… ich… ich kriege sie nicht weg,“ stotterte er, die Worte stolperten über seine Zunge, während er verzweifelt versuchte, die Krone von seinem Kopf zu entfernen. 

„Du machst dich lächerlich!“ Die Mutter trat einen Schritt vor, die Arme wie zum Schlag ausgestreckt. Mit einem energischen Griff versuchte sie, die Krone von Dens Kopf zu reißen, doch etwas in der Krone hielt fest. 

Im selben Moment stolperte Den zurück, vom Griff seiner Mutter fast zu Boden gedrängt. Sein Herz hämmerte, die Hände griffen ins Leere, sein Atem stockte – und ohne dass er es wirklich steuern konnte, entfuhr ihm ein leises, zischendes Murmeln: „Alah’thas, daro’melorei.“ 

Ein kalter Schatten kroch über den Boden. Aus einer Ecke des Hauses schossen zwei riesige, schwarze Spinnen. Hartes Chitin, glänzend wie dunkles Glas, bewegten sie sich wie lebendige Schatten. Mit einem Schlag rissen sie die Mutter zu Boden und richteten sich auf, starrten die Familie an. 

Den rappelte sich auf und taumelte vor, spürte das Chaos, die Angst, die Kälte in seiner Brust. Instinktiv streckte er die Hände aus und rief: „Nein!“ 

Die Kreaturen hielten inne. Ihre Glieder zitterten, das schwarze Chitin schimmerte kurz auf, dann senkten sie die Köpfe und krabbelten langsam zu ihm, stellten sich vor ihn, als warteten sie auf seinen Befehl. 

Zögernd, das Herz noch immer wild klopfend, legte Den die Hände auf sie. Ein leises Knistern, wie das Zerfallen von Rauch, durchlief die Spinnen. Ihre Körper begannen sich zu verformen, die Schatten schmolzen zusammen, bis sie vollständig materialisiert waren – große, schwarze Spinnen, bedrohlich und doch vollkommen gehorsam. 

Den ließ die Hände sinken. Ein schweres, drängendes Gefühl von Macht lag in ihm, unberechenbar und überwältigend. Stolz mischte sich mit Ehrfurcht – und einer leisen, nagenden Angst, dass er noch nicht wusste, was er entfesselt hatte. 

Den sah seinem Vater in die Augen. Ruhig stand er da, die Stirn leicht gerunzelt, doch in den Augen lag ein Moment der Überraschung, ein kurzes Aufblitzen von etwas, das wie das erste echte Sehen seines Sohnes wirkte. Dayla hingegen starrte ihn an, verwirrt, doch eine seltsame Bewunderung blitzte kurz in ihren Augen auf – ein flüchtiger Ausdruck, den Den nicht verstand und zugleich nicht missverstand. 

Seine Mutter kauerte auf dem Boden, der Schock noch in jeder Linie ihres Körpers. Sie hob den Kopf und fixierte ihn, ihr Blick scharf und verachtend, als könnte er allein durch sein Dasein ihre Welt stören. Langsam rappelte sie sich auf, die Arme ausgestreckt, als würde sie sich gegen etwas Unsichtbares schützen, und ihre Stimme schnitt durch die Stille wie ein Messer: 
„Verschwinde. Du wirst nie ein wahrer Hexenmeister, Den. Du bist eine Schande für diese Familie.“ 

Ein schmerzhaftes Ziehen durchfuhr Den. Stolz und Verletztheit rangen in ihm gegeneinander. Alles, was er gerade erschaffen, entfesselt und gebändigt hatte – seine Spinnen, die Macht, die er zum ersten Mal kontrolliert hatte – bedeutete für sie nichts. Nichts. Die Wut, die sich bisher wie ein leises, kochendes Feuer in ihm gehalten hatte, entglitt ihm. Er trat einen Schritt vor, die Stimme hart und brennend: 
„Ihr versteht es nicht! Ihr seht nicht, was ich erschaffen habe, was ich kann! Ich will gar nicht hier bleiben, hier wo niemand an mich glaubt und mich versteht.“ 

Er wirbelte herum, stürmte die Treppe hinauf zu seinem Zimmer, die Schritte hallten dumpf durch die Flure. Mit zitternden Händen packte er sein Weniges zusammen – ein paar Kleidungsstücke, sein Zauberbuch, die Utensilien, die er für seine Übungen benötigte. Das Herz hämmerte, die Angst mischte sich mit einem seltsamen Gefühl von Freiheit. 

Plötzlich stand sein Vater in der Tür. Groß, ruhig, mit dem Blick eines Mannes, der seine eigenen Gedanken gut verborgen hielt. Er trat einen Schritt auf Den zu, die Hände locker an den Seiten, und ein kaum sichtbares Lächeln zog über seine Lippen. 
„Alah’thas, daro’melorei“, sagte er leise. „Ich habe noch nie einen Menschen diese Worte so sagen hören.“ 

Den erstarrte, die Augen groß vor Staunen. „Du… du hast sie ddoch genauso gesprochen…“, brachte er heraus. 

Sein Vater nickte, ruhig, ohne Hast. „Ja, Den. Genau so. Es gibt Dinge, die du noch nicht verstehst. Aber ich wusste, dass du etwas Besonderes bist.“ 

Den schluckte, die Fragen drängten sich in ihm auf. „Und warum… warum sieht das niemand sonst so? Warum kann Mutter das nicht sehen?“ 

Sein Vater seufzte leise, die Augen weich. „Sie liebt dich, Den. Aber das, was an dir besonders ist, was dich anders macht, kann sie nicht vollständig akzeptieren. Es ist ihr zu fremd. Sie sieht nur das, was sie versteht.“ 

Den zögerte, die Gedanken wirbelten wie Wellen im Sturm. „Und… was soll ich jetzt tun? Ich weiß doch nicht, wohin ich gehen soll.“ 

Sein Vater trat näher, legte eine schwere, warme Hand auf Dens Schulter und reichte ihm eine kleine Ledertasche sowie eine zusammengefaltete Schriftrolle. „Es ist Schicksal und ich habe eine Aufgabe, mit der ich dich betrauen möchte. Dies sind alle Informationen, die ich über eine große Bedrohung gesammelt habe. Geh nach Goldhain, in der Nähe von Sturmwind. Dort wirst du Antworten finden – Antworten auf Fragen, die du selbst noch nicht kennst.“ 

Den runzelte die Stirn, die Stimme fast ungläubig. „Antworten über…was… oder wen?“ 

Sein Vater lächelte, die Augen funkelten wie Licht. „Du wirst Antworten finden, die die Welt vor der Schattenherrin und ihrer Gebieterin schützen werden.“ 

Den hielt die Tasche fest, das Herz hämmerte in seiner Brust.  

„Nun geh“, sagte sein Vater „mein Sohn - der König der Spinnen.“

Bären, Spinnen und ein Schattensiegel 

Kaum hatte sich die Tür hinter Karlos geschlossen, wirbelte Wolle in seinem Bett herum, hellwach, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet. Mit einem Griff zog er seine zwei Dolche aus der Lade neben dem Bett, das Lederharnisch folgte in einem routinierten Handgriff. Innerhalb von Sekunden hatte er sich angezogen: dunkle Stoffhosen, leicht gepolstertes Wams, die Schuhe fest geschnürt. Sein braunes, leicht gewelltes Haar fiel ihm lässig in die Stirn, während seine hellbraunen Augen vor Aufregung und Neugier funkelten. Die schlanke, fast schon athletische Figur des Jungen schien in Bewegung noch leichter und geschmeidiger, als es ohnehin schon der Fall war – wie ein Schatten, der sich durch den Raum schlich. 

Wolle hielt inne, lauschte kurz auf die Geräusche aus dem Flur, und ein verschmitztes Grinsen spielte um seine Lippen, als er seinen Vater hörte, wie dieser seinen Bruder Karlos anpolterte. Der Morgen war noch jung, doch für ihn gab es keinen Grund weiter zu schlafen. Abenteuer warteten auf die, die wach genug waren, sie zu sehen.  

Er zog die Kapuze seines Wams über den Kopf, die Dolche eng am Gürtel gesichert, und spürte, wie das vertraute Knistern von Abenteuerlust in seinen Fingerspitzen aufloderte. 

Wolle machte sein Bett ordentlich, glättete die Decke und warf einen letzten Blick auf die Tür. Dann trat er ans Fenster und ließ die frische Morgenluft hereinströmen. Ein Griff ans dünne Seil hinter dem Vorhang, und es rollte sich hinunter in den Hof. Sein Herz schlug schneller – so begann jedes seiner kleinen Abenteuer. 

Mit einem leichten Schwung stellte er einen Fuß auf die Fensterbank, dann den anderen, und ließ sich hinab. Das Seil glitt geschmeidig durch seine Hände, bis seine Füße den weichen Boden berührten. Ein kräftiger Ruck, und das Seil schnurrte nach oben, während kleine, sorgfältig geknotete Fäden das Fenster fast lautlos schlossen. 

Wolle atmete tief durch und ließ seinen Blick über den noch schlafenden Dorfplatz schweifen. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Dächer von Goldhain, während sein Kopf die Karte des Waldes abspulte: der Kammspitzen-Turm im Osten, verschlungene Pfade zwischen den Bäumen, und dazwischen die Spuren der mysteriösen Spinnen, von denen der Händler gestern gesprochen hatte. Die Schweine der Brackbrunns sollen sie angegriffen haben, und irgendwo im Turm soll ein Geheimgang existieren, der ihn mit dem Wirtshaus beim Holzfällerlager verband. Nur er würde ihn finden. Nur er würde wissen, was dort lauerte. 

Ein leichtes Grinsen spielte um seine Lippen, als er die Dolche am Gürtel nachjustierte. Heute würde Wolle zeigen, dass er ein Abenteurer war, der selbst die dunkelsten Winkel des Elwynnwaldes zu durchschauen wusste. Dann ging er los. 

Er bewegte sich lautlos über den östlichen Pfad, der ihn in Richtung Holzfällerlagers führte. Die Sonne hatte den Wald noch kaum erwärmt, und der Boden war von der Morgensonne nur sanft beleuchtet. Jeder Schritt war bedacht, jeder Ast, der unter seinen Füßen knackte, wurde sorgsam abgefedert. 

Plötzlich tauchte eine Gruppe Wachen auf dem Weg auf, schwerfällig in ihren Stiefeln, Helme glänzten im Licht. Wolle stoppte, duckte sich hinter einen Baum und beobachtete sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. Er hätte locker weitergehen können – die Wachen schienen ihn nicht einmal wahrzunehmen. Aber für ihn war das ein Spiel. Ein Versteckspiel, bei dem er selbst die Regeln machte. 

Mit einem leisen Kichern schlich er tiefer in den Wald, Richtung Süden, zwischen den Bäumen hindurch. Die Stämme rückten enger zusammen, das Licht wurde gedämpfter, gefiltert durch ein Dach aus Blättern. Der Duft von feuchter Erde und Harz lag in der Luft. Wolle bewegte sich instinktiv, setzte die Füße dort auf, wo der Boden nachgab, wo Zweige nicht knackten. Der Elwynnwald war kein fremder Ort für ihn – er war ein Spielfeld. 

Dann hielt er inne. 

Zuerst war es nur ein Laut. Tief. Rau. Ein Brüllen, das durch den Wald rollte und die Vögel aus den Kronen scheuchte. Kein Warnruf, kein Drohen – eher Schmerz, vermischt mit Wut. Wolle spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. 

Ein Jaulen folgte. Kurz. Schrill. Dann ein zweites, näher, aggressiver. Ein drittes setzte ein, weiter links, antwortend. 

Wolle senkte sich automatisch ein Stück tiefer, presste sich an den Stamm einer Buche und lauschte. Sein Herzschlag verlangsamte sich, nicht aus Angst, sondern aus Konzentration. Das war kein gewöhnlicher Lärm. Keine Jagd, wie sie im Wald vorkam. Kein Zufall. 

Wieder das Brüllen. 

Diesmal hörte er genauer hin – auf den Rhythmus, auf die Länge des Lauts, auf das tiefe Grollen darin. Etwas daran ließ ihn die Stirn runzeln. Es klang… kontrolliert. Fast zielgerichtet. Kein Tier, das blind um sich schlug. 

Wolle blinzelte, ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht und verschwand ebenso schnell wieder. 

„Das…“, murmelte er kaum hörbar, „…ist kein normaler Bär.“ 

Er löste sich vom Stamm, lautlos wie ein Schatten, und änderte die Richtung. Nicht direkt auf die Geräusche zu, sondern leicht versetzt.  

Durch das dichte Blattwerk vor ihm öffnete sich ein schmaler Blick auf eine kleine Lichtung. Wolle verharrte, senkte instinktiv den Kopf und schob einen Zweig mit zwei Fingern zur Seite. 

Dort stand er. 

Ein massiger, brauner Bär, das Fell struppig, die Schultern breit wie ein Amboss. Er brüllte, tief und kehlig, ein Laut, der den Boden unter Wolles Füßen erzittern ließ. Drei Wölfe umkreisten ihn, die Rücken gesträubt, die Lefzen zurückgezogen. Einer sprang vor, wurde von einer Pranke abgefangen und taumelte jaulend zurück. Ein zweiter versuchte sein Glück von der Seite, nur um von einem erneuten Brüllen auf Abstand gehalten zu werden. 

Wolle spürte, wie sich ein Grinsen auf sein Gesicht schlich. Natürlich, dachte er. Das Brüllen – jetzt wusste er, warum es ihm so vertraut vorgekommen war. 

Der Bär hielt stand, trat vor und zurück, zwang die Wölfe Abstand zu halten. Jeder Angriff wurde beantwortet, jede Annäherung mit Gewalt zurückgewiesen. Doch Wolle sah auch die andere Seite des Kampfes: das schwerere Atmen, die Spur von Blut im Fell an der Flanke, die kleinen Pausen zwischen den Bewegungen. Der Bär war stark – doch lange würde er es nicht gehen drei Gegner aushalten. Nicht allein. 

Einer der Wölfe heulte kurz auf, ein schrilles, forderndes Lautzeichen. Die beiden anderen reagierten sofort. Sie teilten sich, zwangen den Bären, sich zu drehen, seine Aufmerksamkeit zu zerreißen. Eine Pranke fuhr ins Leere, der Boden wurde aufgewühlt, und für einen Augenblick geriet der Rhythmus ins Stocken. 

Der Moment reichte. 

Der Bär brüllte erneut, trat einen Schritt vor und schleuderte einen der Wölfe mit roher Gewalt über seine Schulter. Der Körper schlug hart auf, blieb reglos liegen. Noch ehe der Staub sich senken konnte, folgte der nächste Hieb – eine breite Pranke, die die beiden verbliebenen Wölfe zugleich traf. Knochen knackten dumpf, Fell und Erde wirbelten durcheinander, dann lagen auch sie still. 

Für einen Herzschlag lang schien es, als hätte der Bär gesiegt. 

Doch aus den Augenwinkeln erkannte Wolle, dass der dritte Wolf sich regte. Er lag seitlich im Gras, es schien als sei er reglos. Plötzlich als der Bär sich siegessicher wähnte, hob der Wolf langsam den Kopf. Gelbe Augen öffneten sich, kalt und wachsam. 

Mit einem gedämpften Knurren stemmte er sich hoch. 

Er setzte an, tief geduckt, die Bewegung flach und zielgerichtet. Wie ein grauer Schatten löste er sich aus dem Unterholz und schoss vor – direkt auf den ungeschützten Rücken des Bären zu. Reißzähne blitzten, der Sprung war präzise, doch Wolle war bereits in Bewegung. 

Kein Gedanke, kein Abwägen. Nur ein Zug im Bauch, der ihn vorwärtsriss. Seine Füße berührten kaum den Boden, als er aus dem Gebüsch glitt, hinter dem Wolf auftauchte, genau im toten Winkel. Die Welt schien für einen Atemzug langsamer zu werden. 

Dann zuckte Stahl. 

Seine Dolche fanden Fleisch, tief und präzise, dort, wo Rippen auseinanderwichen. Der Wolf jaulte auf, ein kurzer, erstickter Laut, der im selben Augenblick verendete. Der Körper sackte zusammen, rutschte aus Wolles Griff und blieb reglos im Gras liegen. 

Nur das schwere Atmen des Bären füllte die Lichtung. 

Wolle richtete sich auf, wischte eine Klinge an seinem Ärmel sauber und blickte zu dem massigen Tier hinüber. Ein breites, zufriedenes Grinsen legte sich auf sein Gesicht, während er den Kopf leicht schieflegte. 

„Na“, murmelte er leise, fast amüsiert. „Ein bisschen zu viel aufgehalst?“ 

Der Bär wandte sich ihm zu. 

Langsam. Bedrohlich. Ein tiefes Schnauben entwich seiner Schnauze, während er einen Schritt näherkam. Die Muskeln unter dem Fell spannten sich, die Augen ruhten schwer auf Wolle. 

Doch Wolle wich nicht zurück. 

Der Bär blieb stehen, kaum drei Schritt von Wolle entfernt. Sein Atem ging stoßweise, dampfte in der kühlen Waldluft. Dann stellte er sich auf. 

Das Fell begann zu verblassen, als würde es von den sanften Sonnenstrahlen aufgelöst werden. Die wuchtige Masse des Bären verlor an Schwere, zog sich zurück, nicht abrupt, sondern fließend – als folge sie einer unsichtbaren Strömung. Die breiten Schultern sanken ein, Pranken wurden schmaler, formten sich zu Händen, während die Gestalt in sich zusammenfiel und neu entstand. 

Ein leises Glimmen lag in der Luft, ein Hauch von Naturmagie, der nach feuchter Erde und Blättern roch. 

Wo eben noch ein Bär gestanden hatte, richtete sich nun ein Junge auf. 

Raven stand vor ihm. 

Er war größer als Wolle, aber nicht so schlank – seine Körperhaltung wirkte weich, doch kräftig auf eine ruhige, unaufgeregte Weise. Sein rundes Gesicht war schweißnass, die Wangen gerötet vom Kampf, und hinter der dicken Brille blickten braune Augen wach und deutlich verärgert. Dunkelbraunes Haar klebte ihm zerzaust am Nacken, einzelne Strähnen fielen ihm in die Stirn. Seine einfache Kleidung aus Leinen und Leder hing schief an ihm, als hätte sie die Verwandlung nur knapp mitgemacht, und sein knorriger Stab lag ein Stück hinter ihm im Gras. 

Er atmete schwer, richtete sich auf – und funkelte Wolle an. Er sah auf die reglosen Wölfe, dann wieder auf Wolle. 

„Den hätte ich auch noch geschafft“, sagte er trocken. 

Wolle hob nur eine Braue, das Grinsen noch immer nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen. „Sah eher so aus, als hätte er dich fast in Einzelteile zerlegt.“ 

Raven schnaubte leise, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich hatte sie unter Kontrolle, sie wären geflüchtet, aber…“ 

„Natürlich“, erwiderte Wolle und ließ den Blick über die Lichtung schweifen. „Die sehen gerade noch so aus als hätten sie flüchten können.“ 

Für einen Moment sagte Raven nichts. Dann seufzte er und ließ die Schultern sinken. „Ich war Kräuter sammeln“, begann er schließlich. „Hier draußen. Die Wurzeln wachsen hier besser, als direkt bei Goldhain. Die drei haben mich plötzlich angegangen. Ich hab versucht, sie zu vertreiben.“ Er verzog das Gesicht. „Sie wollten nicht. Sie waren wie besessen. Ungewöhnlich aggressiv.“ 

Wolle trat näher, hockte sich neben einen der Wölfe und musterte das Fell, die Zähne, die immernoch gespannte Muskulatur. „Ungewöhnlich sagst du?“, sagte er beiläufig. „Im Wald scheint etwas nicht zu stimmen. Alle Tiere sind nervös. Aggressiv.“ Er zog ein Messer hervor, sauber, geübt, und begann, Fell abzutrennen. „Gestern bei den Wachen haben sie von Spinnen gesprochen. Große. Seltsame. Nicht wie sonst. Gerade zu ungewöhnlich.“ 

Raven beobachtete ihn dabei mit wachsender Missbilligung. „Musst du sie häuten?“ 

„Natürlich.“ Wolle arbeitete ruhig weiter, schnitt sorgfältig, löste Fleischstücke ab und wickelte sie in Lederlappen. „Meine Rüstung flickt sich nicht von allein. Und meine Mutter macht den besten Wolfseintopf in ganz Goldhain.“ Er sah kurz auf. „Wär doch schade drum.“ 

Raven verzog den Mund. „Der Eintopf ist gut.“ 

„Zurück zu den Spinnen“, erwiderte Wolle und steckte das Bündel weg. 

Raven nickte langsam, dann sagte er: „Von den Spinnen… ja. Davon habe ich auch gehört.“ Ein Hauch zu schnell, ein wenig zu glatt. 

Wolle musterte ihn einen Herzschlag lang, sagte aber nichts. 

Stattdessen richtete er sich auf, klopfte sich Erde von den Knien und sah in Richtung des Waldes, dorthin, wo der Kammspitzen-Turm zwischen den Bäumen lag. „Ich bin auf dem Weg zum alten Turm“, meinte er. „Es scheint als wäre er der Ursprung.“ 

Raven folgte seinem Blick. Zögerte. Man sah ihm an, dass ihm der Gedanke missfiel. Gewalt war ihm nie lieb gewesen, und Abenteuer schon gar nicht. Doch dann dachte er an die Wölfe. An ihre Augen. An die Art, wie sie angegriffen hatten. 

„Ich komme mit“, sagte er schließlich. „Aber wir versuchen zuerst zu verstehen, was hier vorgeht, bevor wir wahllos meucheln.“ 

Wolle grinste schief. „Verstehen ist gut“, sagte er und setzte sich in Bewegung. „Aber meucheln klingt auch nicht schlecht.“ 

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, tiefer hinein in den Elwynnwald, dem Turm entgegen, der zwischen den Bäumen wartete wie ein stummer Zeuge. 

Sie gingen an Feldern vorbei, auf denen das Morgenlicht noch taufrisch auf den Pflanzen lag. Raven ließ den Blick kurz über den anliegenden Hof der Brackbrunns schweifen. „Meine Mutter kauft dort keine Kürbisse mehr“, murmelte er. „Die Brackbrunns… nun ja. Nicht gerade vertrauenswürdig. Es kursieren Gerüchte, dass sie sich mit den Defias einlassen.“ 

Wolle blieb stehen, die Augen auf den Hof gerichtet. In seinem Kopf formte sich ein Gedanke nach dem anderen: Es machte durchaus Sinn. Die Defias sollen den Geheimgang im Turm genutzt haben, um ungesehen in das Holzfällerlager zu gelangen. Und der Turm, der Kammspitzen-Turm, lag nicht weit. Wenn es dort einen Geheimgang gab, der direkt in das Lager führte… dann war das hier vielleicht genau der Punkt auf dieser Seite der großen Straße, wo sie sich verstecken konnten. Die Brackbrunns und die Defias – ein Stück Wahrheit, das sich hinter Gerüchten verbarg. 

„Wolle hast du mir zugehört?“, fragte Raven. Doch Wolle sagte kein Wort. Raven schüttelte leicht den Kopf, blickte zu ihm, doch Wolle blieb weiter reglos stehen, gefangen in seinen Gedanken zwischen Turm, Geheimgang und den möglichen Machenschaften der Defias. Schweigend setzten die beiden sich wieder in Bewegung. 

Kurz vor dem Turm hielten sie inne. Die Bäume wurden dichter, das Licht gedämpfter, und ein kalter Hauch lag über dem Boden. Zwischen den moosbewachsenen Steinen und den Ranken entdeckten sie eine Gestalt, die sich in eine Höhle am Rande des Turms zurückzog. 

Plötzlich machte sich Unbehagen bei ihnen breit. Ein leises Knurren kam aus den Gebüschen, gefolgt von einem Fauchen. Wolle zog instinktiv seine Dolche, sie fühlten sich schwer in seinen Händen an. Raven trat einen Schritt vor, die Stirn in Sorgenfalten gelegt, und lauschte aufmerksam. 

Die Luft war angespannt, jeder Schatten schien sich zu bewegen, jedes Rascheln ein mögliches Zeichen von Gefahr. Ein beklemmendes Gefühl kroch die Wirbelsäule hoch, als hätten die Bäume selbst den Atem angehalten. 

Ein weiteres Rascheln im Unterholz, ein Knacken von Ästen. Näher als zuvor – und plötzlich sprang eine riesige Spinne aus dem Schatten der Büsche vor ihnen auf die Lichtung. Ihr Chitin glänzte matt im Morgenlicht, die Beine schlugen mit einem unheimlichen Rhythmus. Keine zwei Herzschläge später folgte eine zweite, genauso furchteinflößend. Sie standen zwischen Raven, Wolle und dem Turm, doch sie griffen nicht an, es wirkte, als guckten sie durch die beiden hindurch.  

Ein seltsames Gefühl überkam Wolle und er wirbelte herum, die Dolche griffbereit. Hinter ihnen stand ein Wolf, größer als jeder, den er je gesehen hatte, die Augen leuchteten lila im Halbdunkel des Waldes. Sein Blick war scharf, hungrig. 

Die Spinnen bewegten sich zischend auf Wolle zu, ihre langen Beine hoben sich rhythmisch vom Boden, der Boden unter ihnen erzitterte kaum merklich. Instinktiv wich Wolle vor und hielt sie in Schach, spürte die Hemmung in ihren Angriffen – sie wirkten nicht vollständig entschlossen, als würden sie auf etwas warten. 

Ravens Stimme riss ihn aus den Gedanken. Es klang mehr wie ein Knurren, dann eine Explosion aus Naturmagie: der gewaltige Bär schoss auf den Wolf und die Spinnen zu. Raven versuchte, die Aufmerksamkeit der Kreaturen auf sich zu ziehen, brüllte, schlug mit den Pranken, doch die Spinnen übersprangen ihn geschickt und stürzten sich stattdessen auf den Wolf. 

Wolle bemerkte sofort die Wendigkeit des Wolfes. Er wich den Angriffen der Spinnen aus, rollte zur Seite, sprang über die Beine der Spinnen hinweg und schlug mit seinen Klauen auf Raven ein. Der Angriff war präzise, doch Raven schaffte es gerade so auszuweichen. 

Während Wolle das Kampfgeschehen beobachtete, fiel sein Blick auf etwas im Hintergrund. Zwischen den Bäumen vor dem Turm, kaum zu erkennen, stand eine Gestalt: sie schien menschlich zu sein und trug eine seltsame Krone. In den Händen hielt die Gestalt ein kleines Buch, die Lippen bewegten sich, als murmle sie Worte. Eine seltsame Aura umgab sie, kalt und fremdartig. Wolle spürte ein leises Ziehen in seiner Brust, ein Instinkt, der ihn zugleich vorsichtig aber auch reaktionsschneller machte. 

Die Spinnen näherten sich unaufhaltsam, und Wolle stemmte die Dolche vor, bereit zuzustoßen. Doch plötzlich schoss ihm ein Schauer durch den Körper, eisig und lähmend. Ein kaltes, fremdes Gefühl griff nach seinen Gliedern, seine Beine gehorchten nicht mehr seinem Willen. 

„Nein…!“ wollte er schreien, doch kein Laut kam über seine Lippen. Stolpernd bewegten sich seine Füße vorwärts, weg von den Spinnen. Jeder Schritt fühlte sich an wie gegen Strömung. Das Herz hämmerte, der Atem kam stoßweise. Alles um ihn herum verschwamm, der Wald, die Kämpfe, Raven – nur das Ziehen der Angst war klar und bestimmt. 

Hinter ihm ertönte das markerschütternde Heulen des Wolfes, der den Angriffen der Spinnen erneut auswich. Er attackierte Raven brutal, schneller und stärker als alles, was Wolle je gesehen hatte. Mit einem mächtigen Ruck riss er den Bären zu Boden, rollte über ihn hinweg. Raven knurrte, versuchte sich zu drehen, doch der Wolf setzte erneut zum Biss an. 

Im letzten Moment sprangen die Spinnen ein. Sie stießen gegen den Wolf, der aufstöhnte und einen Schritt zurückwich. 

Ein flüchtiger Schatten bewegte sich zwischen den Bäumen, die Silhouette klarer als zuvor. Die Gestalt trat aus dem Unterholz, auf dem Kopf eine Krone, aus feinen, spinnennetzartigen Spitzen geformt. Ein dunkel schimmernder Umhang umhüllte die schmale Gestalt, kleine Symbole einer fremden Sprache funkelten auf der Oberfläche, als hätten sie einen eigenen, lebendigen Rhythmus. 

Ohne ein Wort zu verlieren, trat sie neben Raven. Die Hände berührten den Boden kurz, dann sanft Ravens Schulter. Ein kleiner, schimmernder Gesundheitsstein glitt in Ravens Handfläche, warm und schwer. 

„Zerbrich ihn, wenn du ihn brauchst“, murmelte die Gestalt. Die Stimme war klar, kühl und doch beruhigend, als würde sie die Luft selbst stabilisieren. 

Raven zögerte, doch dann drückte er den Stein zwischen seinen Händen zusammen. Eine Welle von Wärme durchströmte ihn, Kraft pulsierte durch seine Muskeln, Blut und Energie schienen sich neu zu ordnen. Der Nachhall blieb, ein leises Summen in seinen Gliedern, wie ein Mahnmal der neu gewonnenen Stärke. 

Wolle, noch immer viele Schritte entfernt, beobachtete die Szene aus verängstigter und fasziniert gespannter Distanz. Die Bewegung der Furcht, die ihn zuvor ergriffen hatte, legte sich langsam, als hätte jemand anderes die Kontrolle abgegeben.  

Die beiden Spinnen bewegten sich währenddessen um den Wolf herum, setzten immer wieder an, ohne sich festzubeißen. Sie zwangen ihn, sich zu drehen, hielten ihn von Raven fern. Doch der Wolf war stärker, wendiger. Mit harten Schlägen seiner Pranken schleuderte er eine gegen einen Baumstamm, die andere wurde zurückgetrieben. Immer wieder erhoben sie sich, nahmen erneut Position ein – doch der Wolf gewann langsam die Oberhand.  

„Sie werden nicht lange durchhalten“, sagte die Gestalt mit ruhiger Stimme. „Aber zusammen können wir den Wolf bezwingen. Nutze deine neue Energie, bevor… naja bevor sie verfliegt.“ 

Raven antwortete nicht. Er brüllte. Die Macht des Gesundheitssteins brannte noch in seinen Gliedern, trieb ihn vorwärts. Seine Pranken krachten gegen den Wolf, zwangen ihn zurück, während die Spinnen von den Seiten her erneut angriffen. 

Schatten flackerten auf. Die Gestalt murmelte Worte, die sich falsch anfühlten, und dunkle Funken schlugen in das Fell des Wolfs. Er jaulte, stolperte einen Schritt – und genau in diesem Moment öffnete sich eine Lücke. 

Wolle spürte, wie die Starre von ihm abfiel. Als hätte jemand ein Band zerschnitten. Er riss den Kopf hoch, erkannte die Gelegenheit und handelte, bevor der Gedanke vollständig da war. 

Er sprintete los, sprang über Ravens Rücken und rammte beide Dolche tief in den Schädel des Wolfs. 

Der Wolf sackte zusammen, reglos. Die Spinnen blieben abrupt stehen. Ein flimmernder Schimmer legte sich über ihre Körper, wie Rauch aus purer Dunkelheit, der langsam zerfiel. Ihre Konturen verzerrten sich, wurden durchsichtig, als löse sich jede Faser aus der Realität. Für einen kurzen Moment sah Wolle noch die funkelnden Augen – dann glitten sie auseinander, zischten wie glühende Asche und verschwanden in winzigen, wirbelnden Partikeln, die in der Luft schwebten und langsam vergingen. Ein leises Knistern begleitete das Entmaterialisieren, wie entfernte Schatten, die sich in Luft auflösten. 

Raven kniete im feuchten Laub, die Hände abgestützt, umgeben von einem schwachen Glimmen, das langsam aus der Luft wich. Sein Atem ging schwer, jeder Zug brannte in der Brust. Die Nachwirkung der fremden Kraft pochte noch in ihm, wie ein Echo, das nicht wusste, wohin es gehörte. 

Wolle war sofort bei ihm, eine Hand an Ravens Schulter, prüfend, fast grob. „Alles dran?“, fragte er knapp. Sein Blick wanderte über Ravens Rücken, die Arme, das Gesicht. Die Kratzer und Wunden, die er als Bär eingesteckt hatte, zeichneten nun auch seinen so schwach wirkenden Menschenkörper. Erst als Raven schwach nickte, ließ Wolle locker. 

Die Gestalt kam näher, langsam, ohne Hast. Dort, wo sie ging, schien das Licht ein wenig matter zu werden, als würde es zögern, ihr zu folgen. 

„Es ist der Stein“, sagte sie ruhig. „Er gibt vorübergehend Kraft - doch für welchen Preis. Wir hatten keine andere Wahl. Ich hoffe ihr verzeiht mir.“ 

Wolle richtete sich auf und stellte sich zwischen Raven und den Fremden. Seine Hand ruhte locker an den Dolchen, nicht gezogen, aber bereit. „Dann erklärst du uns jetzt besser, wer du bist“, sagte er. „Und warum hier plötzlich Schattenkrabbelzeug aus dem Nichts auftaucht.“ 

Die Gestalt blieb stehen. Aus der Nähe wirkte sie weniger wie ein Teil des Waldes – und mehr wie etwas, das nicht ganz hierhergehörte. Ein schmächtiger, hochgewachsener Junge, zu dünn für sein Alter, die Schultern leicht nach vorn gezogen, als laste etwas Unsichtbares auf ihm. Seine Haut war auffallend blass, beinahe aschfarben, und hob sich unnatürlich von den dunklen Stoffen seiner Kleidung ab. 

Die Robe, die er trug, war schwarz und abgetragen, an vielen Stellen geflickt, durchzogen von feinen Netzen, Knochenperlen und kleinen Amuletten. Überall wiederholte sich dasselbe Motiv – eingeritzt in Schnallen, genäht in Säume, grob in Metall geritzt: Spinnen. Nicht dekorativ. Zweckmäßig. Fast ehrfürchtig. 

Sein Gesicht lag halb im Schatten, doch was Wolle erkennen konnte, wirkte seltsam scharf gezeichnet: hohe Wangenknochen, eine lange Nase, Züge, die älter wirkten als der Rest von ihm. Dunkles, ungepflegtes Haar fiel ihm ins Gesicht, durchzogen von Staub und feinen Fäden, die im Licht kurz aufblitzten. Auf seinem Kopf saß eine Krone aus Chitin – scheinbar zusammengesetzt aus den Überresten großer Spinnen, schief, unpassend und doch so selbstverständlich, als gehöre sie dort hin. 

An seinem Handgelenk hing, mit einer rostigen Kette befestigt, ein kleines Buch. Alt, abgegriffen, der Einband voller Kerben und Notizen. Er hielt es fest, beinahe krampfhaft, als wäre es weniger ein Gegenstand als ein Anker. 

Als er den Kopf leicht hob, trafen graue Augen mit einem silbrigen Schimmer auf Wolle. Kein Zorn darin. Keine Hast. Nur ein kühles, prüfendes Bewusstsein – und etwas Fremdes, das sich nicht sofort greifen ließ. „Mein Name ist Den“, sagte er schließlich. „der König der Spinnen.“ 

Wolle zog eine Braue hoch. „Spinnen also.“ 

„Sie haben mich gewählt. Ich kann sie beschwören, wie andere Hexenmeister Dämonen.“ 

Raven hob den Kopf. Seine Stimme war noch rau. „Aber wieso?“ 

Den sah ihn an. Einen Moment länger, als nötig gewesen wäre. „Eine gute Frage. Doch die Antwort ist zu komplex um sie hier und jetzt zu besprechen.“ 

„Und was verschlägt dich mit deinen gruseligen Haustieren nach Elwynn? Habt ihr etwas mit damit zu tun, dass die Tiere im Wald verrückt spielen?“, fragte Wolle, noch immer mit den Händen an den Dolchen. 

„Natürlich nicht. Aber ich untersuche diese Anomalie“, sagte er dann. „Sie scheut der Auslöser zu sein. Die Tiere reagieren auf etwas. Oder auf jemanden.“ 

Wolle verzog den Mund. „Raus mit der Sprache, was weißt du.“ 

„Noch nicht viel“, entgegnete Den. 

Raven drückte sich langsam hoch, blieb aber leicht nach vorn gebeugt. „Nochmal zurück zu den Spinnen?“, fragte er. „Das ist… ungewöhnlich.“ 

Ein Hauch von etwas wie Belustigung huschte über Dens Züge. „Ungewöhnlich“, wiederholte er. „Ja. Aber nicht unmöglich.“ 

Sein Blick glitt über Raven, blieb an ihm hängen. Prüfend. Tastend, nicht körperlich, sondern… anders. 

„Und dennoch“, fuhr Den fort, leiser nun, „nicht weniger ungewöhnlich als ein Mensch, der von der Natur akzeptiert wird wie du, Druide.“ 

Raven erstarrte. 

„Raven ist schon immer Druide“, sagte Wolle langsam. „Er hat halt dieses Buch.“ 

„Faszinierend“, antwortete Den. „Dieses Buch würde ich nur zu gerne in Augenschein nehmen. Und dennoch spüre ich noch etwas, was tiefer sitzt als bloßes Wissen aus einem Buch.“ 

Für einen Augenblick schien er etwas sagen zu wollen. Seine Finger zogen sich leicht um den Einband des kleinen Buches zusammen, das er bei sich trug. Dann schüttelte er kaum merklich den Kopf. 

„Diese Anomalie, die ich Untersuche.“, sagte er stattdessen. „Mein Vater schickt mich sie zu untersuchen. Doch bisher fand ich lediglich Überreste. Ich spüre dunkle Magie, doch es ist kein Fel.“ 

Ein Schweigen senkte sich über die Lichtung. Nur der Wald schien vorsichtig wieder anzufangen zu atmen, vorsichtig, als taste er sich zurück in einen Zustand, den er für normal hielt. 

Wolle brach es schließlich. „Dann sind wir uns einig, dass hier was Größeres im Spiel ist.“ 

Den nickte. „Ja.“ 

Raven sah zwischen den beiden hin und her. „Und was jetzt?“ 

„Jetzt solltest du dich erstmal einen Moment ausruhen. Sammle Kraft aus dem Lebenden.“, sagte Den mit einem Lächeln im Gesicht und reichte Raven einen Apfel. 

Raven nahm ihn zögernd, wog ihn kurz in der Hand, als müsse er sich vergewissern, dass er real war. Dann biss er hinein. Der saure Saft lief ihm über die Zunge, kühl und lebendig. 

„Sobald du wieder auf den Beinen bist“, sagte Den schließlich, ruhig wie zuvor, „muss ich zurück nach Hause.“ 

Er zögerte kurz. „Ich habe etwas gefunden, das ich meinem Vater zeigen muss. Etwas, das ich nicht verstehe.“ 

Er löste vorsichtig die Kette an seinem Handgelenk, öffnete das kleine Buch jedoch nicht. Stattdessen griff er in eine Tasche seiner Robe und zog einen seltsamen Splitter hervor. Er war milchig-grünlich, durchzogen von dunklen Schlieren, die sich langsam bewegten, als wäre darin noch etwas lebendig. Das Ding strahlte eine dumpfe Kälte aus, die selbst im milden Waldlicht fehl am Platz wirkte. 

„Ein Seelensplitter“, sagte Den leise.  

Wolle verzog das Gesicht. „Sieht ungesund aus.“ 

„Essen würde ich den auch nicht.“, erwiderte Den mit ernstem Blick. 

Er hob den Splitter ein wenig an. „Er stammt von einem Bären. Groß. Alt. Und… besessen. Genau wie der Wolf. Die gleichen violetten Augen. Der gleiche Dampf. Aber das hier—“ Seine Finger spannten sich leicht um das Fragment. „—ist nicht Fel. Und es ist auch keine gewöhnliche Verderbnis.“ 

Raven schob die Hände in das Laub und stemmte sich hoch. Noch wacklig, aber stehend. „Wenn du nach Hause musst. Begleite uns bis Goldhain. Von dort kommst du leicht nach Sturmwind. Und von da weiter, wohin du musst.“ 

Den überlegte nicht lange. „Einverstanden.“ 

Wolle grinste sofort schief. „Na wunderbar“, sagte er und klopfte sich den Schmutz von der Hose. „Wir haben aber noch ein bisschen Zeit, bis unser Druide hier wieder geschniegelt marschieren kann, oder?“ Sein Blick glitt bereits zu dem alten Turm, der zwischen den Bäumen aufragte. „Ich schau mich solange mal um. Man weiß ja nie, was man so findet.“ 

Raven wollte etwas sagen, doch Den war schneller. „Ich kann dich begleiten“, bot er an. „Zwei Augenpaare sind besser als eines.“ 

Wolle winkte sofort ab. „Ach was. Bleib du mal hier.“ Er deutete mit dem Kinn auf Raven. „Pass auf, dass er nicht wieder umfällt. Ich bin gleich zurück.“ 

Er drehte sich schon halb um, dieses unauffällige, zu lässige Desinteresse, das Raven gut genug kannte, um zu wissen, dass es gespielt war. 

Den sah ihm nach. Einen Herzschlag lang. Dann wandte er sich wieder Raven zu. „Er ist… neugierig“, stellte er fest. 

Raven schnaubte leise. „Das kann man wohl sagen.“ 

Ein schwaches Lächeln huschte über Dens Gesicht, kaum mehr als ein Zucken. Er setzte sich schließlich auf einen umgestürzten Stamm, den Seelensplitter wieder sicher verstaut, und warf einen Blick in den Wald, während Raven sich neben ihn sank und die Augen schloss. 

Der Turm ragte hoch und bedrohlich aus grauem Stein und von Moos und Rissen durchzogen aus dem Boden. Efeu kroch an den Mauern entlang, hatte sich in die Fugen gefressen, als wolle er den Bau langsam einnehmen. Ein Teil des oberen Mauerwerks war eingestürzt, Steine lagen verstreut im Gras, überwachsen von Unkraut. Das Tor hing schief in den Angeln, halb offen, als hätte es längst aufgehört, etwas schließen zu wollen. 

Ein mulmiges Gefühl überkam Wolle, als er sich hinein schob. 

Drinnen roch es nach kaltem Stein, Moder und alter Feuchtigkeit. Jeder Schritt hallte dumpf wider. Staub hing in der Luft, tanzte träge im schräg einfallenden Licht. Eine Wendeltreppe führte nach oben, ihre Stufen ungleichmäßig, einige angebrochen, andere glattgetreten von Füßen, die schon lange nicht mehr hier waren. 

Wolle ging langsam, ließ die Finger über die Wand gleiten, spürte Kanten, Risse, Übergänge. Sein Blick suchte nicht nach dem Offensichtlichen, sondern nach dem, was nicht passen wollte. Der Geheimgang musste hier sein, es kann nicht nur eine Legende sein. 

Wenn ich sie wäre, dachte er, würde ich es dort verstecken, wo jeder glaubt, es gäbe nichts zu sehen. 

Unterhalb der Treppe blieb er stehen. 

Zwei Wände trafen hier aufeinander – eigentlich. Doch je länger er hinsah, desto mehr störte ihn etwas. Die eine Wand verlief minimal versetzt zur anderen. Kein Spalt, den man sofort sah. Kein Riss. Nur… eine Überlagerung. Als hätte jemand eine zweite Schicht Stein davor gesetzt und gehofft, niemand würde genau hinsehen. 

Wolles Herzschlag beschleunigte sich. 

„Ha“, murmelte er leise. 

Er drückte sich seitlich an den Stein, atmete aus und zwängte sich zwischen den Wänden hindurch. Der Raum dahinter war schmal, kaum mehr als ein Hohlraum – und endete abrupt an einer alten, massiven und mit Eisen beschlagenen Tür mit einem großen Schloss. Das Metall war rostig, aber schien nicht gänzlich unbenutzt zu sein. Auch der Staub unter der Tür war zur Seite verschoben, als ob erst vor kurzem jemand die Tür verwendet hatte. 

Wolle grübelte für einen kurzen Moment. Wer sollte diesen Geheimgang verwenden? Die Defias wurden nach Westfall vertrieben. 

Ohne weiteres Zögern kniete er sich hin und zog sein Werkzeug hervor. Die Finger arbeiteten ruhig, fast liebevoll. Lauschen. Fühlen. Ein Widerstand, dann ein zweiter. Ein leises Klicken, kaum hörbar, aber für ihn lauter als jedes Wort. 

Das Schloss gab nach. 

Wolle hielt einen Moment inne, die Hand noch am Riegel. Ein Kribbeln lief ihm den Rücken hinunter – nicht aus Angst, sondern aus Erwartung. 

Ich habe ihn gefunden, dachte er und stieß die Tür auf. Hinter der Tür verschluckte ihn die Dunkelheit. 

Der Gang war schmal und niedrig, roh aus dem Fels gehauen und stellenweise notdürftig mit Steinen ausgekleidet. Unkraut hatte sich durch feuchte Ritzen gedrängt, blasse Wurzeln hingen wie verdorrte Finger von der Decke. Spinnweben spannten sich quer über den Weg, dick und staubig. Es roch modrig, nach altem Wasser und nach etwas Metallischem, das Wolle nicht sofort zuordnen konnte. Seine Schritte waren gedämpft, als würde der Boden den Klang schlucken wollen. 

Seitlich öffneten sich immer wieder kleine Kammern – kaum mehr als Nischen. Leer. Zerfallene Kisten. Ein umgestürzter Hocker. In einer lag noch der rostige Rest einer Fackelhalterung. Alles wirkte verlassen. 

Dann sah er ein Leuchten. 

Zuerst nur ein schwacher Schimmer, fern, pulsierend wie ein langsamer Atem. Je näher er kam, desto klarer wurde es: aus einer der Kammern drang ein fahles, unwirkliches Licht, das sich nicht an die Formen der Wände hielt. Es kroch darüber hinweg, verzerrte Schatten, ließ den Stein weich wirken, fast flüssig. Wolle blieb stehen, lauschte. Nichts. Kein Geräusch. Nicht einmal sein eigener Atem schien hier richtig zu existieren. Das dürfte nicht hier sein. Was ist es? Ein unkontrollierbarer Drang zwang Wolle zum Weitergehen. 

In der Kammer selbst spannte sich etwas Rundes, Schwebendes in der Luft. Kein Tor aus Stein oder Holz – eher ein Riss, gehalten von flackernden Linien aus Licht und Dunkel. Dahinter: nichts, was er erkennen konnte. Keine Tiefe. Kein Raum. Nur Bewegung. 

Wolle schluckte. Ein Teil von ihm wollte weg rennen. Der andere war längst näher getreten. 

„Ein Portal“, murmelte er. „Doch wohin führt es? Und wer nutzt es?“ 

Er streckte vorsichtig die Hand aus. 

In dem Moment, in dem seine Finger das Leuchten berührten, zog es ihn fort – ohne Widerstand, ohne Zeit für einen Gedanken. Der Gang, der Turm, der Wald verschwanden, als hätte jemand die Welt zusammengefaltet. 

 

Der Aufprall kam nicht mit Schmerz, sondern mit Nässe. 

Wolle lag im Moos, das unter seinem Gewicht nachgab und kaltes Wasser freisetzte. Der Boden war weich, schwammig, durchzogen von fauligem Geruch und der Süße verrottender Pflanzen. Nebel hing tief zwischen knorrigen Bäumen, die eher wie ertrunkene Skelette wirkten als wie lebendes Holz. Ihr Laub war spärlich, grau-grün, und hing schlaff herab. Irgendwo blubberte es leise, als würde der Boden selbst atmen. Sein Kopf dröhnte.  

Er stemmte sich mit und Ellbogen ab und blinzelte. Die Luft war schwer, warm und feucht, schmeckte nach Schlamm und altem Rauch. Dann kam das Gefühl. 

Nicht ein Geräusch zuerst – sondern ein Schatten. 

Etwas Riesiges glitt über ihn hinweg. Die Welt verdunkelte sich für einen Herzschlag, und im selben Moment peitschte ein gewaltiger Luftstoß über ihn. Wolle wurde zurück in den Boden gedrückt, das Moos spritzte, Wasser lief ihm ins Gesicht. War es ein Flügelschlag? Die Luft vibrierte, als würde der Himmel selbst erzittern. Ein zweiter Luftstoß folgte, noch näher, noch mächtiger. Bäume bogen sich, Nebel wurde auseinandergerissen, und der Druck war so stark, dass Wolle instinktiv die Augen schloss und den Blick in den Schlamm presste. 

Er wagte nicht zu atmen, bis das Dröhnen langsam verklang, sich entfernte, höher zog – und schließlich nur noch ein fernes Grollen blieb, irgendwo über den Wolken. 

Erst dann hob er den Kopf ein wenig. Der Nebel senkte sich wieder, als wäre nichts geschehen. Doch sein Herz raste. 

Was auch immer das gewesen war, dachte er, so ein Tier hatte er noch nie gesehen. 

Erst dann hob er den Kopf ein wenig. Der Nebel senkte sich wieder, als wäre nichts geschehen. Doch sein Herz raste. 

Was auch immer das gewesen war, dachte er, so ein Tier hatte er noch nie gesehen. 

Plötzlich stand etwas vor ihm. Eine Frau, wo eben noch nichts gewesen war. Vermummt, in dunkle Stoffe gehüllt, die das Licht schluckten, statt es zu reflektieren. Ihr Gesicht lag vollständig im Schatten der Kapuze, doch Wolle spürte ihren Blick, schwer und prüfend, als würde er unter die Haut greifen. 

Bevor er aufspringen konnte trat sie lautlos näher und kniete sich vor ihn, als wäre er ein Kind. Eine schmale Hand löste sich aus dem Stoff. Ihre Finger waren kühl, fast schmerzhaft kalt, als sie ihm die Hand an die Schläfe legte. 

In dem Moment veränderte sich die Welt um ihn herum. 

Der Sumpfboden, der Nebel, die Bäume – alles wurde fern, unwichtig, als würde es hinter Glas zurückbleiben. Ein Druck legte sich auf seinen Kopf, nicht schmerzhaft, aber unerbittlich, und etwas Fremdes glitt in seine Gedanken. 

Er fand sich in einem dunklen, feuchten Gang wieder. Wasser tropfte von den Wänden, langsam, regelmäßig. Irgendwo raschelten Ratten, ihr Kratzen hallte zwischen den Steinmauern wider. 

Wolle bewegte sich vorwärts. Fast wie von selbst. Er spürte seine Beine nicht, doch trotzdem setzen sie ein Fuß vor den anderen. 

Vor ihm schlich eine Gestalt durch das flackernde Licht der Fackeln. Ihr Umriss wirkte scharf, fast ausgeschnitten aus dem Dunkel. Dann erkannte Wolle ihn. Edwin van Cleef. Der Anführer der Defias bewegte sich mit unheimlicher Raffinesse, jede Bewegung fließend und lautlos, als wäre er selbst Teil des Schattens. 

Wolle spürte andere hinter sich. Präsenz. Atem. Schritte. Doch genau so wenig wie seine Beine gehorchte ihm der Rest des Körpers – er konnte den Kopf nicht drehen, nicht zurückblicken. 

„Heute ist der Tag, Junge“, flüsterte van Cleef, ohne langsamer zu werden. Seine Stimme schnitt durch die Stille. 

„Heute zeigst du, dass du einer von uns bist. Heute zeigst du ihnen, wer du bist.“ 

Wolle nickte stumm. 

In seinen Händen hielt er seine Dolche. Er fühlte sie vibrieren, kaum merklich, als hätten sie ein eigenes Leben. Das Licht der Fackeln spiegelte sich auf den Klingen, doch manchmal schien es mehr als nur Licht zu sein – ein kaltes, blaues Flackern, das ihn an die Augen des besessenen Wolfes erinnerte. 

Dann kam das Flüstern. Nicht von außen, sondern aus seinem Kopf. 

„So… so… das ist also was du begehrst. Rebellion. Doch gegen wen? Und warum?“ 

Wolle konnte nicht reagieren, seine Füße folgten van Cleef weiter wie ferngesteuert durch den Tunnel. Sie blieben vor einer massiven Tür stehen. Das goldene Wappen Sturmwinds prangte darauf, matt und schwer im schwachen Licht. Van Cleef kniete sich hin, aus seiner Tasche holte er etwas heraus und machte sich lautlos an dem Schloss zu schaffen. 

„Bist du bereit, Geschichte zu schreiben?“ fragte er und sah kurz zu Wolle auf. 

Für einen Augenblick leuchteten seine Augen in einem kalten Blau. Wolle spürte, wie sich eine Gänsehaut über seinen Rücken zog. 

„Ja“, sagte er. 

Doch es fühlte sich nicht an, als käme das Wort von ihm. 

Ein leises Klicken. 

Die Tür öffnete sich. 

Gold. Edelsteine. Artefakte. Reichtümer, aufgetürmt in Haufen, als hätte jemand die Gier selbst materialisiert. Doch all das trat zurück, denn in der Mitte des Raumes stand eine einzelne Gestalt. 

König Varian Wrynn. 

Sein Umhang bewegte sich leicht, obwohl kein Wind ging. Seine Klinge glühte in einem silbrig-blauen Licht, das die Schatten zurückdrängte. 

„Ihr wagt es, meine Schatzkammer zu schänden?“ donnerte der König. 

Dann änderte sich sein Blick. 

Er richtete sich direkt auf Wolle. 

„Was machst du hier, Wolle?“ 

Die Stimme klang nach Zorn – und nach Enttäuschung. Sie klang wie die Stimme seines Vaters. 

„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst verschwinden? Du treibst nur Unfug.“ 

Van Cleef lachte leise. 

„Euer Reich ist ein Schatten seiner selbst, Wrynn. Es wird Zeit, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“ 

Die Türen der Schatzkammer flogen auf, königliche Wachen drängten herein. Die Defias-Krieger hinter Wolle stürmten vor, Waffen erhoben. Stahl traf auf Stahl. Schreie hallten wider. 

Wolle bewegte sich zwischen den Angreifern hindurch. 

Das Flüstern in seinem Kopf wurde lauter und drängender. 

„Ich erkenne deine Wünsche. Du suchst Anerkennung. Wertschätzung. Nicht auf die übliche Art. Zumindest nicht die Art, die man dir aufzwingen will. Doch auch Freiheit, das zu tun was du willst.“ 

Er glitt durch den Kampf wie ein Schatten. Seine Dolche blitzten auf, präzise, tödlich. Jedes Mal, wenn sein Dolch Fleisch traf, flammte das blaue Leuchten kurz auf – als saugten die Klingen das Leben aus ihren Opfern. 

„Weiter!“ rief van Cleef, während er einer Wache auswich und sie mit einem gezielten Hieb niederstreckte. Für einen Moment wirkte er unmenschlich. 

Die Wachen fielen. 

Schließlich stand nur noch Varian Wrynn zwischen ihnen und den Schätzen. 

Der König kämpfte wie ein Löwe. Jeder Schlag strotzte vor Kraft, Technik und Wille zugleich. Wolle wich knapp aus, während das Flüstern ihn vorwärts trieb. 

„Konventionen. Erwartungen. Du kämpfst gegen etwas, das du selbst nie erfüllen wolltest.“ 

Van Cleef griff an. Varian parierte. 

Wolle sah die Lücke und nutzte sie. 

Seine Dolche durchbrachen die Verteidigung des Königs, schnitten durch Rüstung und Fleisch. Varian keuchte, sank zu Boden. Das Schwert glitt klirrend aus seiner Hand. 

Der König lag wehrlos vor ihnen. 

„Jetzt, Junge“, sagte van Cleef leise. 

„Befreie dich. Töte ihn.“ 

Wolle hob die Dolche. 

Das Flüstern war nun ein Dröhnen. „Bist du bereit für deine Wünsche, bis zum Äußersten zu gehen?“ 

Da begann van Cleefs Gestalt zu flimmern. 

Seine Konturen lösten sich auf, zerfielen zu Rauch. An seiner Stelle stand die vermummte Frau. Ihr Gesicht blieb verborgen, doch ihre Präsenz war erdrückend. 

„Du bist für meine Pläne nicht unnütz, kleiner Schurke“, sagte sie ruhig. 

Wolles Hände sanken. Der Drang, zuzustoßen, löste sich – nicht in Erleichterung, sondern in Leere. 

„Du zweifelst“, flüsterte sie. 

„Doch ich werde dir diese Zweifel nehmen.“ 

Feuchtigkeit kroch durch seine Kleidung. Moos. Kälte. Ein fernes, klagendes Schreien eines Tieres. 

Die Welt splitterte wie Glas - und Wolle schreckte hoch. 

Kaum war seine Sicht wieder klar, riss Wolle sich herum. Der Sumpf, der Nebel, die Bäume – alles war zurück. Und sie war noch da. 

Er stolperte ein paar Schritte rückwärts, weg von der Gestalt und zog reflexartig die Dolche. Seine Finger zitterten vor Adrenalin. Die vermummte Person stand reglos, als hätte sie seine Reaktion erwartet. Dann hob sie langsam die Hände. 

Die Luft um sie herum begann sich zu verändern. Nicht sichtbar auf den ersten Blick, eher spürbar – als würde der Raum dichter, schwerer. Schatten sammelten sich zwischen ihren Fingern, zogen Fäden, die es zuvor nicht gegeben hatte. Kein Feuer, kein Licht. Etwas Kaltes, Geordnetes. 

„Ich habe gesehen, was in dir steckt“, sagte sie ruhig. Ihre Stimme trug keinen Spott, keine Hast. Nur Gewissheit. 

„Geh nach Sturmwind. Zu Lord Tony Romano.“ 

Der Name schnitt klar durch Wolles Gedanken. 

„Zeige ihm das Siegel und sag ihm, dass die Schattenherrin dich schickt“, fuhr sie fort. „Er wird dich Dinge lehren, die dein Verständnis von deinen Fähigkeiten überschreiten.“ 

Wolle öffnete den Mund. Welches Siegel? Die Frage lag ihm bereits auf der Zunge. 

Doch sie ließ ihm keine Zeit. 

Mit einer knappen, fast beiläufigen Bewegung riss sie die Hände auseinander. Der Raum vor Wolle brach auf wie gespannter Stoff. Ein Portal entstand – roh, unstet, von wirbelnder Dunkelheit umrandet. Ein Sog erfasste ihn, riss ihm den Boden unter den Füßen weg. 

Die Welt kippte erneut. 

Stein, Himmel, Luft – alles überschlug sich. Wolle wurde durch das Portal geschleudert und kam mit einem dumpfen Krachen wieder heraus, direkt durch das offene Tor des Turms. Er schlug hart auf, rutschte über den Boden, überschlug sich einmal und kam schließlich keuchend im Gras zum Liegen. Sterne tanzten vor seinen Augen, als er sie mühsam öffnete. 

Über ihm standen zwei bekannte Gesichter. 

Den, blass wie immer, aber mit geweiteten Augen. 

Raven, bereits mit ausgestreckter Hand. 

„Wolle?“ sagte Raven mit besorgter Stimme. „Was ist passiert?“ 

Wolle zog scharf die Luft ein, drehte den Kopf zum Turm. Keine Spur von Nebel. Keine vermummte Gestalt. War das alles wirklich passiert? Oder hatte er sich beim betreten des Turms den Kopf gestoßen und all das war ein sich sehr real anfühlender Traum? Von was für einem Siegel sprach die Gestalt? Und wer ist die Schattenherrin? 

Wolle richtete sich langsam auf. Sein Körper schmerzte. Hastig tastete er seinen Körper ab. Seine Dolche waren noch da. Auch sein Rucksack schien noch prall gefüllt mit allerlei Lederfetzen und Fleischstücken.   

Doch als er in seine Westentasche griff stießen seine Finger auf etwas Kaltes. 

Er zog es ein Stück hervor, gerade genug, um es zu erkennen – dann ließ er es sofort wieder verschwinden. 

Ein kleines Metallsiegel, schwerer als es sein sollte. Die Oberfläche wirkte glatt und zugleich unruhig, als läge darunter Bewegung. In das Material war ein Symbol geprägt: ein stilisierter, geschwungener Schatten, der sich um einen schmalen Drachenkopf wand, dessen Augen mit einem schwachen, violetten Schimmer gefüllt waren. 

Wolle schluckte doch sagte nichts. Es war kein Traum. Keine Einbildung. 

„Wir sollten zurück nach Goldhain“, meinte er stattdessen, etwas zu hastig. „Hier ist… nichts mehr für uns zu finden.“ 

Raven runzelte die Stirn. „Alles okay? Du klingst, als—“ 

„Kennt ihr die Schattenherrin?“, warf Wolle dazwischen. „Schon mal davon gehört?“ 

Raven blinzelte. „Die was?“ 

Den antwortete nicht sofort. Sein Blick lag ruhig auf Wolle, prüfend, aufmerksam. 

„Der Name ist… ungewöhnlich. Wo hast du von ihr gehört?“, sagte er schließlich. 

Wolle winkte ab. „Hab davon gelesen. Alte Geschichten.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich nichts spannendes. Ich weiß gar nicht wieso es mir jetzt plötzlich wieder einfällt. Vergesst es.“ 

Den sagte nichts mehr. Doch sein Blick wich nicht von Wolle. 

„Okay, lasst uns aufbrechen“, sagte Raven schließlich und half Wolle hoch. 

Ohne weitere Worte sammelten sie ihre Sachen ein. Keiner von ihnen verspürte den Drang, noch länger zu bleiben – oder auch nur ein weiteres Mal zum Turm hinüberzusehen. 

„Wir gehen den sicheren Weg zurück“, sagte Wolle schließlich und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Seine Stimme klang gefasst, aber nicht ganz so locker wie sonst. „Keine Lust auf noch mehr unerwartete Begegnungen.“ 

Niemand widersprach. Der Wald öffnete sich bald, die Bäume traten zurück, und der schmale Pfad mündete auf die feste Straße zwischen Goldhain und dem Holzfällerlager. Ausgetretene Spuren im Staub, vereinzelte Wagenrillen, das beruhigende Gefühl von Ordnung nach all dem Chaos. 

Sie hatten kaum die Hälfte des Weges hinter sich, als sie eine kleine Karre sahen, die schief am Straßenrand stand. Eines der Räder war gebrochen und die Achse hing tief im Dreck. Säcke und Kisten lagen halb entladen daneben. Der Mann, ein breitschultriger Händler mit wettergegerbtem Gesicht, wischte sich gerade den Schweiß von der Stirn, als er die drei bemerkte. 

„He! Ihr da!“ rief er ihnen entgegen. „Könnt ihr mir helfen? Das Rad ist mir auf dem letzten Stück geborsten. Ich komm hier nicht weiter.“ 

Wolle warf nur einen kurzen Blick auf den Karren. Dann schüttelte er den Kopf. 

„Tut mir leid“, sagte er knapp und ging weiter, ohne stehenzubleiben. „Wir müssen nach Goldhain.“ 

Raven blieb stehen und sah ihm nach. „Wolle…?“ 

Doch Wolle reagierte nicht. 

Den trat dicht an Raven heran. Seine Worte waren kaum mehr als ein Hauch, verloren für jeden außer ihn. 

„Ist dir aufgefallen, dass er sich seltsam verhält?“ 

Raven runzelte die Stirn. „Er hatte einen harten Kampf. Und der Sturz aus dem Turm, vielleicht…“ 

„Nein“, unterbrach Den ruhig. „Das hier ist mehr als Erschöpfung.“ 

Er zögerte einen Moment, dann fügte er hinzu: „Die Person, die er genannt hat… die Schattenherrin. Das ist kein gutes Omen.“ 

Raven sah ihn überrascht an. „Du kennst sie?“ 

„Nicht hier“, sagte Den. Sein Blick folgte Wolle, der bereits ein gutes Stück voraus war. „Und nicht jetzt. Ich erzähle es dir, wenn wir in Goldhain sind.“ 

Eine kurze Pause. 

„Bis dahin werde ich ihn im Auge behalten.“ 

Der Händler räusperte sich unsicher. „Also… helft ihr mir nun oder nicht?“ 

Raven atmete aus, dann nickte er. „Doch. Ich helfe euch.“ 

Er wandte sich noch einmal um. Wolle blieb nicht stehen. Den hingegen drehte sich kurz um, sah Raven an und nickte knapp – ein stummes Versprechen. 

Dann folgte er Wolle die Straße entlang nach Goldhain. 

Raven blieb zurück. 

In seiner schweren Bärengestalt legte er sich gegen die Achse des Karrens, stemmte und zog. Dennoch wanderte sein Blick immer wieder die Straße hinunter, dorthin, wo Wolle und Den sich entfernten. 

Ein leiser Druck breitete sich in seiner Brust aus, als sie außer Sicht gerieten. 

Das Erbe der Glimmerfunkens 

In den tiefen Hallen von Eisenschmiede, wo das Hämmern der Schmiede in den Wänden widerhallte und der Duft von geschmolzenem Metall die Luft erfüllte, gab es einen Ort, der so gar nicht nach Zwergenwerk roch. Der Turm der Glimmerfunken-Familie. Ein imposantes Bauwerk aus poliertem Granit, mit blinkenden Kristallen und dampfenden Kupferrohren, die aus den Wänden ragten. Über der schweren Eingangstür prangte das Familienwappen: ein arkaner Funken, umrahmt von magischen Runen. 

Hier lebte Maris Glimmerfunken – oder besser gesagt, er war hier aufgewachsen, denn heute war der Tag, an dem er diesen Ort endgültig verlassen wollte. 

„Herr Maris, seid Ihr sicher, dass dies... klug ist?“ fragte eine nervöse Stimme hinter ihm. 

Godrick, sein treuer Diener, ein ebenso kleiner Gnom mit akkurat gestutztem Schnurrbart und viel zu steifem Gehrock, stand neben einem dampfenden, gnomischen Reisewagen. Das Gefährt war überladen mit Gepäckstücken, Bücherkisten, einem Teeservice, und mindestens drei unterschiedlich großen Hüten, die Maris vielleicht unterwegs benötigen könnte. 

Maris seufzte theatralisch und ließ den Blick über die Tür des Turms schweifen. Der Turm, der nie wie ein Zuhause gewirkt hatte. „Ja, Godrick. Heute breche ich auf, um... um... mein eigenes Vermächtnis zu erschaffen! Ich bin ein Entdecker, ein Abenteurer! Ein... äh... Held der Gerechtigkeit!“ 

„Ein Priester,“ murmelte Godrick leise, aber Maris ignorierte den Kommentar. 

Die Hallen hinter ihm waren noch still. Zu still. Das war kein Zufall. Erzmagier Tinkerion Glimmerfunken, das Oberhaupt der Familie, hatte ihm klargemacht, dass sein „Spleen“ nicht weiter diskutiert werden musste. 

Er erinnerte sich lebhaft an das Gespräch, das ihn zu diesem Entschluss geführt hatte. 

Vor drei Tagen, in der großen Bibliothek des Glimmerfunken-Turms, hatte Maris an einem Tisch gesessen, umgeben von gestapelten Folianten, Runenfragmenten und einer Tasse dampfenden Lavendeltees, den er liebevoll mit einem Miniatur-Flammenschlag erhitzt hatte. 

„Maris!“ 

Die tiefe, vibrierende Stimme seines Urgroßvaters hallte durch den Saal. Tinkerion trat aus dem Schatten, in seiner vollen, runenverzierten Robe, den langen Stab mit der glühenden Arkankugel an der Spitze in der Hand. 

Maris, der sich gerade über eine Abhandlung zu Heiligem Licht und Energiebündelung gebeugt hatte, zuckte zusammen und ließ den halbvollen Teebecher umkippen. Die Flüssigkeit zischte, als sie mit der magischen Tinte auf seinem Pergament reagierte und Funken sprühten. 

„Du hast dich also... entschlossen, diesen Unsinn fortzusetzen?“ Tinkerions silberne Augenbrauen zogen sich so zusammen, dass sie fast eine ununterbrochene Linie bildeten. 

„Großvater, es ist kein Unsinn! Ich habe die Fähigkeit, Heilmagie zu wirken! Stell dir vor – ein gnomischer Priester! Niemand vor mir hat je...“ 

„Weil es nicht sein sollte!“ polterte der Erzmagier und stützte sich auf seinen Stab. „Die Glimmerfunken sind eine Familie großer Magier. Du bist mein Nachfahre, Ururenkel des Gründers dieser Gilde! Unsere Linie ist die Säule arkanen Wissens in Eisenschmiede! Magie ist unser Erbe! Nicht... nicht... Glaubenszauberei!“ 

Maris verschränkte die Arme trotzig. „Magie ist nicht alles, Großvater. Das Licht... Es ist eine andere Form der Macht. Etwas, das heilt, statt zu zerstören. Etwas, das... Hoffnung bringt!“ 

Tinkerions Augen funkelten, während er sich nach vorne beugte. „Hoffnung? Maris... Hoffnung ist kein Konzept, das die Gesetze der Arkanen Strömungen verändert! Wir erforschen. Wir manipulieren. Wir kontrollieren. Dieses... Priestertum... ist Schwäche.“ 

„Schwäche?!“ Maris sprang auf und zeigte auf den Stapel Bücher. „Schwäche ist, Menschen im Stich zu lassen, weil man glaubt, Macht ist wichtiger als Mitgefühl! Ich will helfen! Und wenn du mich nicht unterstützt, dann... dann... gehe ich eben fort!“ 

Nun stand Maris also vor der Tür des Turms, bereit, sein Wort wahrzumachen. 

„Mein Herr?“ fragte Godrick erneut, während er versuchte, einen dampfenden Kessel im Inneren des Wagens zu beruhigen, der bedrohlich pfiff. 

„Ich muss es tun, Godrick. Ich werde nicht zulassen, dass mich die Glimmerfunken, meine Familie einschränken. Ich bin mehr als nur ein... ein... Buchleser!“ 

In diesem Moment öffnete sich die große Tür hinter ihm, und eine weitere Gnomengestalt trat heraus: Fizzy Glimmerfunken, seine ältere Cousine und Spezialistin für feuerbasierte Explosionen. Ihr Haar war zu einem wilden Zopf gebunden, und ihre Robe roch eindeutig nach verbranntem Schwefel. 

„Maris, bist du... bist du sicher?“ fragte sie, während sie mit einem feuerverzierten Zauberstab herumspielte, der bedenklich rot glühte. 

„Ja, Fizzy. Ich werde Abenteuer erleben. Das Licht spüren. Und... vielleicht sogar... die Welt retten!“ 

Fizzy blinzelte. „Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt, oder?“ 

„Überhaupt nicht.“ Maris grinste. 

„Komm zurück, bevor du dich selbst in die Luft jagst.“ 

„Ich bin Heilpriester, nicht Magier. Ich kann mich nicht in die Luft jagen.“ 

Ein lautes POFF! ertönte aus dem Wagen, gefolgt von einer kleinen Rauchwolke. 

Godrick hustete. „Der... äh... Brennstoffbehälter ist... bereit, Herr Maris.“ 

Maris schüttelte den Kopf und kletterte auf den Beifahrersitz des dampfenden, quietschenden Wagens. Er hob die Arme dramatisch. 

„Vorwärts, Godrick! Auf zu großen Heldentaten, magischen Entdeckungen und... ähm... bedeutungsvollen Selbsterkenntnissen!“ 

Godrick ließ sich mit einem Seufzer auf den Fahrersitz des Karrens fallen, die Hände faltend. „Mein Herr…“ begann er vorsichtig, während er das dampfende Gefährt mit einem prüfenden Blick musterte, „wo genau soll uns diese... äh... heldenhafte Expedition führen?“ 

Maris legte den Finger an die Stirn, die Augen leicht geschlossen, und ein leises Murmeln entkam seinen Lippen. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Hm… das ist… nun ja… es hängt ein wenig von einer… Erinnerung ab.“ 

Sofort befand er sich zurückversetzt in den Hallen des Glimmerfunken-Turms, doch nicht in der Bibliothek, sondern im Atrium des Glimmerfunken-Turms. Eine kleine Maus huschte über das Kopfsteinpflaster, gejagt von einer wilden, gestreiften Katze. „Struppi, wir verletzten keine Tiere!“ rief Maris und sprintete hinterher. Die Maus sprang in einen schmalen, dunklen Kanal, die Katze hinterher. Maris duckte sich, kletterte in den Kanal und kroch kriechend durch das enge Rohr. Am Ende stieg er durch ein kleines Lüftungsgitter wieder ins Freie, nur um festzustellen, dass er sich auf einem Podest im Atrium befand. Struppi stand direkt vor ihm, die Maus war nicht mehr zusehen. 

Sein Blick wanderte über das Atrium – und dann sah er seinen Urgroßvater, der mit prüfendem Blick die Halle durchschritt, an seiner Seite eine Frau, die Maris zuvor nie gesehen hatte. Elegant gekleidet, strahlte sie Autorität und geheimnisvolle Präsenz aus. Ihren Namen kannte er nicht, doch ihre Stimme blieb ihm im Gedächtnis. 

„Tinkerion, ihr müsst verstehen,“ sagte die Frau mit kühler, klarer Stimme, „eine dunkle Bedrohung greift in Sturmwind um sich. Man nennt sie… die Schattenherrin. Ich habe gehört, dass die Menschen nach und nach korrumpiert werden. Sie sind nicht mehr vollständig vertrauenswürdig.“ 

Tinkerion runzelte die Stirn, die Hand auf den Stab gestützt. „Lady äh… wie soll ich das einschätzen? Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um die Balance zu wahren.“ 

„Vertraut nicht blind auf alte Bündnisse,“ erwiderte sie mit Nachdruck. „Es genügt nicht, nur die Macht zu kennen. Ihr müsst wachsam.“ 

Maris blinzelte, und die Erinnerung verblasste langsam, wie Nebel im Morgengrauen. Er saß wieder auf dem Kutschensitz, Godrick neben ihm, der ungeduldig mit den Fingern trommelte. 

„Nun…“ sagte Maris und richtete sich auf, ein schelmisches Funkeln in den Augen, „jetzt habe ich eine vage Ahnung, in welche wundervolle Stadt es uns verschlagen wird.“ 

Godrick hob eine Augenbraue. „Und das wäre…?“ 

Maris lächelte geheimnisvoll. „Sturmwind, mein lieber Godrick. Dort wartet unser erstes großes Abenteuer.“ 

Godrick seufzte nur und betätigte einen Hebel. 

Der Wagen setzte sich ruckartig in Bewegung, dampfend und pfeifend. Maris winkte fröhlich in die Ferne – ohne zu merken, dass er dabei fast aus dem Gefährt fiel. 

„Ich bin sicher, dass wird überhaupt nicht chaotisch!“ murmelte Fizzy leise und verdrehte die Augen, während sie dem davonfahrenden Wagen nachsah. 

Ein neuer seltsamer Freund 

Die letzten Strahlen der Sonne tauchten den Elwynnwald in ein warmes, goldenes Licht, während Raven die massive Achse des Wagens stützte. Seine Pranken, nun in der Gestalt eines gewaltigen Bären, hielten das Gewicht des beschädigten Karrens mühelos, während der Händler das Rad wieder befestigte. Der Schweiß glänzte auf seiner Stirn, und er warf Raven einen dankbaren Blick zu. 

„Ihr habt mir wirklich das Leben gerettet,“ keuchte der Mann, zog die letzte Mutter fest und klopfte auf das neue Rad, welches er von dem Gemischtwaren-Händler des Holzfällerlagers erworben hatte. „Danke, Junge… oder besser gesagt, großer Pelziger. Ich hoffe, ihr kommt gut zurück nach Goldhain.“ 

Raven brummte zustimmend und ließ die Achse vorsichtig los. Er verwandelte sich zurück in seine menschliche Gestalt. Der leicht mollige Junge mit einem sanften, runden Gesicht, schob sich die dicke Brille zurecht, während seine braunen Augen neugierig und warm funkelten. Das dunkelbraune, leicht zerzauste Haar stand ihm wie gewohnt in alle Richtungen ab, und die schlicht naturinspirierten Stoffe seiner Kleidung erinnerten noch daran, dass er ein Druide war. Der Händler nickte beeindruckt, bevor er auf seinen Karren kletterte.  

„Passt auf euch auf,“ sagte der Händler, hob die Hand zum Gruß und lenkte sein Gefährt in Richtung des Gasthauses. Die Räder des Karrens knirschten leise über den Pfad. 

Raven wischte sich die Hände ab und atmete tief die frische Luft ein. Gemächlich setzte er seinen Weg fort, den schmalen Pfad entlang, der zurück nach Goldhain führte. Die warmen Sonnenstrahlen spielten durch die Baumwipfel, und das leise Rascheln der Blätter begleitete jeden seiner Schritte. Er ließ seinen Blick über das moosbedeckte Unterholz gleiten und lächelte sanft über die kleinen Zeichen des Waldes – einen vorbeihuschenden Igel, das Zwitschern von Vögeln und das Schimmern von Tautropfen auf Farnen. Raven genoss diese Momente der Ruhe, die Verbindung zur Natur, die ihm so viel bedeutete, und fühlte sich geerdet und zufrieden. Schritt für Schritt würde ihn der Pfad näher an Goldhain heranbringen, sein Herz ruhig, sein Geist wachsam, bereit für alles, was ihn erwartete. 

Kaum hatte Raven die ersten Schritte getan, wurde er von einem Summen und Rattern unterbrochen. Er blieb stehen, das Geräusch kam näher – ein eigenartiges, mechanisches Knirschen und das rhythmische Klackern von Zahnrädern, das er noch nie zuvor gehört hatte. 

Als er sich umdrehte, sah er eine Kutsche auf sich zurasen. Doch dies war keine gewöhnliche Kutsche. Sie schien ein chaotisches Kunstwerk aus glänzendem Metall, funkelnden Lichtern und sich drehenden Zahnrädern zu sein. Ein kleiner Schornstein stieß regelmäßige Rauchwolken in die Abendluft, und die Räder ratterten so schnell, dass sie beinahe verschwommen wirkten. 

Mit einem abrupten Ruck hielt die Kutsche direkt vor Raven. Er wich einen Schritt zurück, während der Staub sich um ihn legte. 

Die Tür des Gefährts schwang mit einem eleganten Schwung auf, und ein roter Teppich entrollte sich von selbst mit einem dumpfen Plopp. Kurz darauf sprang ein kleiner Gnom mit akkurat gestutztem Schnurrbart vom Fahrersitz, gekleidet in eine makellose, tiefblaue Weste und ein sorgfältig gefaltetes, schneeweißes Halstuch. Seine Bewegungen waren tadellos präzise, als er sich zur Seite stellte und sich mit einer steifen Verbeugung an den Türrahmen lehnte. 

Raven runzelte die Stirn. Noch bevor er etwas sagen konnte, erklang eine energische Stimme aus der Kutsche: „Ah, welch glückliche Fügung des Lichts! Ein Sterblicher von wahrlich bemerkenswerter Statur!“ 

Die nächste Gestalt, die aus der Kutsche trat, war ein junger Gnom mit leuchtend silberweißem Haar, das wild in alle Richtungen abstand. Er trug eine prachtvolle Robe, die offensichtlich für einen älteren Zauberer geschneidert worden war – viel zu groß und prunkvoll für ihn. Die Ärmel hingen ihm bis zu den Knien herab, und er musste sie mit einer fahrigen Bewegung zur Seite schieben, als er heraustrat. Seine großen, blauen Augen blitzten voller Neugier und einer Spur von Nervosität, während er sich mit ausladender Geste an Raven wandte. 

„Seid gegrüßt!“ rief der Gnom. „Ich bin Maris Glimmerfunken, Priester des Lichts, Retter der Armen, Hüter des Göttlichen… und, äh… erfahrener Reisender!“ Er stolperte prompt über den Teppich und fiel nach vorne, ein überrascht piepsender Laut entkam ihm. 

Raven blinzelte verwirrt, bevor er vortrat, um ihm zu helfen. „Alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig. 

Maris richtete sich eilig auf, klopfte den Staub von seiner viel zu großen Robe und nickte energisch. „Natürlich! Ein Diener des Lichts wie ich lässt sich von solch banalen Hindernissen nicht aus der Fassung bringen.“ Seine Worte klangen selbstbewusst, doch sein nervöses Blinzeln verriet etwas anderes. „Das war eine… äh… geplante Überprüfung der Stabilität meines Gleichgewichts. Und ich habe sie bestanden!“ 

Raven konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Aha.“ 

„Nun, guter Freund,“ fuhr Maris fort, seine Stimme wieder überschäumend vor Enthusiasmus, „das Licht hat mich zu euch geführt! Ich spüre in euch eine Aura des Abenteuers – der Gerechtigkeit! Wir werden Großes vollbringen!“ 

„Ich wollte eigentlich nur nach Goldhain zurück,“ murmelte Raven, doch Maris reagierte mit einem leuchtenden Lächeln. 

„Perfekt! Goldhain, das wundervolle Dörfchen vor den Toren von Sturmwind. Genau dorthin führt mein Weg auch!“ rief er triumphierend. „Was für ein glücklicher Zufall. Wir sind dazu bestimmt, Gefährten zu werden!“ Er wandte sich zu dem Diener in der tiefblauen Weste, der schweigend abwartete. „Godrick, bereitet alles vor. Mein neuer Freund hier wird mit uns reisen.“ 

Godrick neigte knapp den Kopf und hielt mit perfekter Haltung die Tür der Kutsche auf. „Wie Sie wünschen, Meister Glimmerfunken.“ 

Raven zögerte. Die exzentrische Art des Gnoms und das überladene Fahrzeug ließen ihn zweifeln, doch die Aussicht, schneller nach Goldhain zu gelangen, war verlockend. Schließlich seufzte er und stieg ein. 

Das Innere der Kutsche war genauso übertrieben wie ihr Äußeres: Überladene Polster, goldene Griffe und seltsame kleine Knöpfe und Hebel, die überall verteilt waren. An der Decke schwebten winzige Lichter, die wie Glühwürmchen flackerten. Es roch nach einer seltsamen Mischung aus Lavendel und Metall. 

Maris ließ sich mit übertriebener Eleganz in einen der Sitze fallen und klatschte begeistert in die Hände. „Seht ihr? Dies ist die unvergleichliche Kunst gnomischer Ingenieurskunst. Ich habe es selbst entworfen… zumindest den Plan des Plans!“ 

Das Gefährt setzte sich in Bewegung. Die Fahrt war holprig. Die Kutsche zischte und ruckelte, und Raven musste sich mehrmals an den Griffen festhalten, um nicht aus seinem Sitz zu rutschen. Maris plapperte währenddessen ununterbrochen, sprach über das Licht, seine Familie in Eisenschmiede und ein besonders erfolgreiches Experiment mit selbstleuchtendem Porridge, während Raven nur gelegentlich nickte. 

Als sie Goldhain erreichten. Glitzerte die untergehende Sonne bereits auf den Ziegeldächern des kleinen Dorfes, und der Duft eines frisch angestochenen Bierfasses wehte über die kleine Straße vor dem Gasthaus. Godrick sprang mit der gewohnten Präzision vom Wagen und verschwand hinter einer Ecke des Gasthauses, seine Schritte so flink, dass man sie kaum wahrnahm. Kurz darauf tauchte er wieder auf, die Stirn leicht gerunzelt, und verkündete: Nun, es ist nur noch ein einziges Zimmer frei – wir könnten unsere Reise auch nach Sturmwind fortsetzen, dort findet man bestimmt angenehmere Behausungen als hier.“ 

„Keine Sorge!“ sagte Maris strahlend. „Godrick, das Zimmer gehört dir. Ich werde selbstverständlich bei meinem neuen besten Freund nächtigen!“ Er wandte sich an Raven und klopfte ihm enthusiastisch auf die Schulter. „Keine Angst, ich schnarche nur äußerst selten. Und wenn, dann melodisch!“ 

“Nun gut,” sagte Raven zögernd und blickte sich um. “Morgen früh aber muss ich nach meinen Freunden suchen.” 

“Auch dabei werde ich dich unterstützen, lieber Freund.”, antwortete Maris euphorisch. “Godrick, deine Dienste werden für heute nicht mehr gebraucht. Lass dir von Raven zeigen, wo du die Kutsche parken kannst.” 

Raven blickte Godrick an und deutete auf eine Fläche neben dem Haus seiner Mutter. Während Godrick die Kutsche parkte, gingen Raven und Maris in Ravens Wohnhaus und dort empfing sie dessen Mutter mit einem warmen Lächeln. Sie war eine freundliche, rundliche Frau mit schulterlangem, graumeliertem Haar, das sie zu einem lockeren Zopf gebunden hatte. In der Hand hielt sie ein Küchentuch, das sie rasch zur Seite legte, um Raven und Maris zu begrüßen. 

„Raven!“ rief sie erfreut aus und schloss ihren Sohn in eine kurze Umarmung. „Und wer ist dein Freund?“ 

„Das ist Maris,“ stellte Raven widerwillig vor. „Er ist… ein Priester.“ 

„Ein Priester!“ rief sie aus, die Hände vor Freude zusammenschlagend. „Das ist ja eine Ehre! Wir haben selten Gäste hier, und noch seltener Priester. Kommt rein, setzt euch. Möchtet ihr etwas zu essen? Ich habe noch Brot und Käse.“ 

„Liebste Dame, eure Großzügigkeit ehrt mich!“ sagte Maris mit einem höflichen Kopfnicken. „Doch ich möchte euch nicht übermäßig belasten. Ein bescheidenes Bett für die Nacht reicht mir, denn der Priester des Lichts braucht nur wenig – abgesehen von, sagen wir, einer bequemen Matratze und vielleicht einer warmen Decke und… sind das dort Fruchtpasteten?“ 

Raven verdrehte die Augen. „Danke, Mutter. Aber es ist spät. Wir gehen gleich hoch.“ 

„Natürlich, natürlich,“ erwiderte sie mit einem warmen Lächeln. „Aber du weißt, ich freue mich immer, wenn du Freunde mitbringst.“ Sie klopfte ihm sanft auf die Schulter, bevor sie sich zurückzog. 

Oben in Ravens kleinem, bescheidenem Zimmer ließ Maris sich sofort auf das Bett fallen, während Raven die Tür hinter sich schloss. Der Priester zupfte an der Decke und ließ seine Finger über die raue Oberfläche gleiten. 

„Ah… wie soll ich sagen?“ begann Maris, der Blick kritisch, aber nicht unfreundlich. „Es ist… schlicht. Rustikal, ja! Doch durchaus mit Potenzial. Ein echtes Abenteuerbett, nicht wahr?“ 

Raven grunzte missmutig und breitete eine Decke auf dem Boden aus. „Es ist mein Bett.“ 

„Und jetzt ist es das Bett eines Priesters,“ erklärte Maris mit einem selbstzufriedenen Lächeln, das in seinem jungenhaften Gesicht fast charmant wirkte. „Keine Sorge, mein Freund. Ich werde deinen Besitz mit Respekt behandeln!“ 

Raven legte sich auf den Boden, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Toll. Wirklich toll.“ 

Er ließ den Blick an der Decke hängen und sprach zu Maris. „Sag mal… was suchst du überhaupt in Goldhain?“ 

Maris klopfte das Kissen noch einmal sanft, als wollte er die Spannung selbst herauskitzeln. „Natürlich suche ich ein Abenteuer. Und ich glaube fest, dass ich eins gefunden habe – eines, das seinen Ursprung in Sturmwind hat.“ 

Raven zog die Stirn kraus. „Sturmwind… und du glaubst, ich soll das einfach glauben?“ 

Maris neigte sich ein wenig vor, ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen. „Sag mal… hast du schon mal von der Schattenherrin gehört?“ 

Ravens Augen weiteten sich, sein Herz schlug schneller, und er sprang wie von der Tarantel gestochen auf die Beine. 

Die Schatten im Wald 

Der Regen war verklungen. Ein feiner Nebel schwebte über dem Steinhügelsee, der sich still und geheimnisvoll in den Wäldern von Elwynn ausbreitete. Lediglich das sanfte Plätschern des Wassers und der ferne Gesang der Vögel durchdrangen die feierliche Stille. Heute war ein Tag des Gedenkens. Heute sollte das Monument der Erinnerung enthüllt werden. 

Am Ufer hatten sich die Bürger von Sturmwind versammelt, Adlige, Krieger und Priester. König Llane Wrynn selbst war anwesend, begleitet von seinem treuen Freund Anduin Lothar. Sie standen auf einer erhöhten Plattform, während sich der Nebel langsam lichtete und die Insel in der Mitte des Sees sichtbar wurde. Dort, auf der kleinen Insel Heldenwache, thronte der Stein der Erinnerung – ein massiver, glatt polierter Obelisk, dessen Oberfläche von uralten Symbolen bedeckt war. 

„Dieses Monument“, begann König Llane mit fester Stimme, „ist all jenen gewidmet, die im ersten Krieg gegen die Horden der Orcs gefallen sind. Möge es ihre Tapferkeit ehren, ihre Namen bewahren und zukünftige Generationen daran erinnern, was es heißt, für Frieden und Freiheit zu kämpfen.“ 

Die Menge verharrte schweigend. Selbst der Wind schien innezuhalten. Doch nicht alle Gäste waren klar zu erkennen. Zwei vermummte Gestalten hielten sich abseits, nahe der Baumgrenze, ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Niemand schenkte ihnen Beachtung, während König und Paladine den Obelisken segneten. Flammen loderten an den vier Ecken der Insel auf, ein uraltes Ritual des Lichts, um die Seelen der Gefallenen zu ehren. 

Als die Zeremonie ihrem feierlichen Ende entgegenging, wandten sich die beiden Fremden leise ab und schlugen einen Pfad in den Wald ein. Erst als sie den Lärm der Menge hinter sich gelassen hatten, blieben sie stehen. Der eine war groß, kräftig gebaut, seine Stärke war selbst unter dem Mantel zu erahnen. Der andere bewegte sich geschmeidig, jeder Schritt verriet die Geschärftheit eines erfahrenen Kriegers. 

Langsam zog der Größere die Kapuze zurück. Ein grünlich getönter Kopf mit Narben trat zum Vorschein, die Augen leuchteten in tiefem Bernstein. Es war Durotan, Häuptling des Frostwolfklans. Auch der andere lüftete die Kapuze und gab sein Gesicht preis – Vol’jin, der junge Schattenjäger der Dunkelspeere, dessen Stoßzähne hervorlugten und dessen blaue Trollmuster wie Kriegsbemalung wirkten. 

Vol’jin blickte zurück zur Insel. „Ein seltsames Schauspiel, dies. Ein Monument der Allianz, das die Toten ehren soll, die gegen uns fielen. Und doch … spüre ich mehr in diesem Stein.“ 

Durotan nickte langsam, sein Blick ernst. „Die Menschen glauben, es ist nur zu Ehren ihrer Gefallenen errichtet worden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.“ Er trat an einen Baum, in dessen Rinde rätselhafte Zeichen geritzt waren – kaum zu erkennen für ein ungeübtes Auge. „Bei der Errichtung waren nicht nur Priester der Allianz anwesend. Auch Schamanen aus dem alten Orden der Erdenrufer waren hier. Ich erkenne ihre Handschrift. Diese Symbole ... sie sind mehr als bloße Verzierungen.“ 

Vol’jin kniete nieder, strich mit der Hand über den weichen Waldboden und murmelte einige trollische Worte. In der Ferne begann der Obelisk schwach grün zu schimmern. „Ah, ich sehe es nun. Die Linien der Macht verlaufen tief. Dieser Stein ist nicht nur ein Denkmal. Er ist ein Anker. Ein Bindeglied zwischen den Geistern der Gefallenen – aller Gefallenen.“ 

Durotan ballte die Fäuste. „Die Menschen glauben, dies sei ein Monument ihrer Stärke, doch in Wahrheit haben die Erdenrufer etwas Tieferes geschaffen. Es ehrt auch unsere Toten. Orgrim, Grommash, all jene, die in diesem sinnlosen Blutvergießen starben – auch sie finden hier Frieden. Die Runen im Stein sprechen vom Gleichgewicht. Der Geist der Elemente ist hier eingewoben.“ 

Vol’jin richtete sich auf. „Warum, meinst du, ließen sie es zu? Warum sollte die Allianz dies tun?“ 

Durotan schwieg einen Moment, dann sprach er mit schwerer Stimme: „Vielleicht … vielleicht fürchten sie, dass wir die Wahrheit erkennen. Dass inmitten des Leids eine Verbindung liegt, die den Krieg übersteigt. Dieser Stein ist nicht nur ein Mahnmal des Sieges, sondern eine stille Mahnung, dass selbst unsere Feinde Ehre besitzen.“ 

„Oder“, warf Vol’jin ein, „er soll verhindern, dass der Hass weiter wächst. Ein Ritual, um den Kreislauf des Blutes zu durchbrechen. Doch ob dies reicht?“ Er schüttelte den Kopf. „Die Narben dieses Krieges sind tief.“ 

Durotan blickte erneut zur Insel. Der Nebel hatte sich fast vollständig verzogen, und die Flammen um den Obelisken flackerten sanft im Wind. „Die Zeit wird es zeigen. Doch ich spüre, dass wir eines Tages, vielleicht in fernen Zeiten, an diesem Ort nicht länger als Feinde stehen werden.“ 

Ein leises Grollen zog über den Himmel, als sich die Wolken erneut verdichteten. Die Zeremonie auf der Insel war vorbei. Die Bewohner Sturmwinds traten den Rückweg in die Stadt an, während der Stein der Erinnerung einsam und doch mächtig im Nebel zurückblieb. 

Durotan zog die Kapuze wieder tief ins Gesicht. „Wir sollten gehen. Niemand darf wissen, dass wir hier waren.“ 

Vol’jin nickte, doch bevor sie sich auf den Rückweg machten, sprach der Troll ein leises Gebet auf Zandali: „Möge der Geist der Gefallenen, gleich welcher Farbe ihr Blut war, in Frieden ruhen.“ 

Der Ruf des Sees 

Tomen drückte die knarrende Tür seines Elternhauses auf. In den letzten Monaten hatte er mehr Zeit im Holzfällerlager verbracht als unter diesem Dach – nicht nur, weil die Arbeiter ihm das Kämpfen beibrachten oder er beim Schleppen und Spalten half, sondern weil er die Stille zu Hause kaum ertrug. Das Husten seiner Mutter, ihr erschöpftes Lächeln, ihr langsam gewordener Schritt – all das drückte wie eine Last auf ihn. Im Lager hingegen gaben ihm die Männer das Gefühl, gebraucht zu werden. 

Erst heute, als er beim Spielen und Umherstreifen tiefer in den Wald geraten war als sonst, hatte er einen Streitkolben entdeckt: halb ins Moos eingesunken, neben den verwitterten Knochen eines großen Fremden. Fast schien es, als habe eine vertraute Stimme ihn dorthin gelockt – oder als hätte die Waffe selbst auf ihn gewartet. Die verblassten Bemalungen auf dem Schädel des Toten und die zerfaserten Stoffreste sagten ihm nichts, doch in dem Moment, als seine Finger den Griff berührten, hielt er instinktiv den Atem an. Ein schwaches Vibrieren durchzog die Waffe, ein kühler Schauder strich ihm über den Rücken, und für einen Herzschlag schien der ganze Wald stillzustehen. Seitdem fühlte er sich von dem Streitkolben begleitet – und auf eigentümliche Weise beobachtet. Zugleich erfüllte ihn ein unerklärliches Gefühl von Geborgenheit, als wolle die Waffe ihn drängen, so rasch wie möglich nach Hause zurückzukehren. 

Der Junge trat ein. Für sein Alter war Tomen ungewöhnlich groß und kräftig, was ihn älter wirken ließ, als er war. Seine breiten Schultern und die muskulöse Statur zeugten von der Zeit im Lager. Das blonde, zerzauste Haar hing ihm wirr ins Gesicht und verlieh ihm ein unbeschwertes, leicht unbeholfenes Aussehen. 

Der vertraute Geruch nach altem Holz und Asche lag in der Luft, doch irgendetwas war anders. Die Stille wirkte unheimlich, das Licht, das durch die Fenster fiel, schien kälter als sonst. Noch am Vortag war alles anders gewesen. Er hatte mit seiner Mutter gesprochen, sie hatte schwach, aber dennoch zuversichtlich gewirkt. 

„Mutter?“, rief er in den Raum. Keine Antwort. 

Ein Schauder lief ihm über den Rücken, während er die leeren Räume durchsuchte. Das kleine Schlafzimmer – unberührt. Die Decke ordentlich gefaltet, das Bett leer. Im Küchenbereich war die alte Feuerstelle kalt, der Wassereimer stand unberührt in der Ecke. 

Zurück in der Küche fiel sein Blick auf den Tisch. Dort lag ein sauber gefalteter Brief. Daneben das lila Tuch seiner Mutter, das sie am Vortag noch im Bett getragen hatte. 

Mit klopfendem Herzen griff Tomen nach dem Brief. Die Handschrift seiner Schwester Sinara war ihm vertraut. Seine Hände zitterten, als er das Pergament entfaltete. 

Liebe Mama, 

ich hoffe, dieser Brief erreicht dich in guten Tagen. Nikens und ich sind gut in Westfall angekommen. Der Bauer, bei dem wir arbeiten, ist freundlich, und Nikens hat sogar ein paar Freunde auf den Feldern gefunden, mit denen er spielt. 

Ich mache mir große Sorgen um dich, Mama. Du warst so schwach, als wir gegangen sind. Ich wünschte, du wärst mit uns gekommen, aber ich verstehe, dass die Reise zu beschwerlich gewesen wäre. Trotzdem war es schwer, dich und Tomen zurückzulassen. 

Tomen ... ich verstehe nicht, warum er sich geweigert hat mitzukommen. Ich weiß, dass er sich stark und verantwortlich fühlt, aber manchmal vergisst er, dass es auch okay ist, Hilfe anzunehmen. Es tut mir weh zu wissen, dass ihr dort allein seid. 

Bitte, Mama, pass gut auf dich auf. Und auf Tomen. Ihr seid alles, was wir haben. 

Deine Sinara 

Tomen ließ den Brief langsam sinken, die Worte brannten in seinem Kopf. Sein Blick fiel auf das lilafarbene Tuch, das ihm plötzlich wie ein Zeichen erschien. Seine Mutter hatte es immer getragen, und jetzt, wo sie verschwunden war, schien es ihm den Weg weisen zu wollen. 

Vielleicht ist sie am Steinhügelsee, dachte er. Der Gedanke war nicht abwegig – sie hatte diesen Ort immer geliebt. 

Ohne zu zögern schnallte Tomen den Streitkolben fester an seinen Rücken und stürmte aus dem Haus, den Weg nach Norden einschlagend. 

Der Steinhügelsee lag vor ihm, eingebettet in den dichten Wald von Elwynn, ein verborgener Schatz, den nur wenige zu Gesicht bekamen. Nebel lag schwer auf der Wasseroberfläche, ein unsichtbarer Schleier, der den Ort vor neugierigen Blicken schützte. In der Ferne hörte Tomen das Rufen von Murlocs, die offenbar einen Bären angriffen. Geduckt näherte er sich dem See. Die alten steinernen Monumente auf der Insel in der Mitte ragten wie stumme Wächter aus dem Nebel, majestätisch und unheimlich. Tomen blieb am Ufer stehen, eine seltsame Kälte umfing ihn, obwohl die Luft mild war. 

Der Anblick des Sees weckte Erinnerungen. Wie oft war er hier gewesen, als er jünger war? Mit seiner Mutter, die still auf die Wellen blickte, oder mit seinem Vater, der ihm die Geschichten der Elemente erzählte. Geschichten, die damals so verheißungsvoll klangen und ihn heute nur noch wütend machten. Was nützen all diese Geschichten? Sie haben uns nicht geholfen. Nichts hat geholfen. 

Tomen ballte die Fäuste. Die Worte des Briefes hallten in seinem Kopf wider. „Bitte Mama, achte gut auf dich.“ Er hatte doch alles getan, was er konnte, oder? Aber warum fühlte er sich, als hätte er versagt? Warum war sie hierher gekommen, obwohl sie so schwach war? 

Sein Blick schweifte über den See. Das Wasser war still, beinahe zu still. Es spiegelte den Himmel, der sich nun in ein tiefes Blau gefärbt hatte, und schien ihn herauszufordern. „Mutter?“, rief er, seine Stimme zerriss die Stille, verhallte jedoch ungehört. 

Dann entdeckte er es. Ein kleines Stück lila Stoff tanzte auf den sanften Wellen, als würde es ihn rufen. Es war das Tuch seiner Mutter. Doch wie gelangte es hierher? Hatte er es nicht eben noch im Haus gesehen? 

Ein kalter Schauder durchlief ihn. Sein Herz setzte kurz aus, während seine Augen an dem Stück Stoff hingen blieben. Es schien näher, als es tatsächlich war, doch seine Beine wollten sich kaum bewegen. 

„Warum ...?“, murmelte er, trat langsam an die Wasserlinie. Warum bist du hier? Was machst du? Die Gedanken rasten, immer schwerer werdend. Vielleicht war seine Mutter noch hier, irgendwo in der Nähe. Vielleicht war sie ins Wasser gefallen. Vielleicht ... 

Er biss die Zähne zusammen, schüttelte den Kopf. Nein. Ich werde nicht einfach untätig stehen bleiben. 

Er watete ins Wasser, das kühle Nass umschloss seine Beine und zog wie ein bleierner Mantel an ihm. Das Tuch, das so nah gewirkt hatte, entfernte sich weiter, getrieben von einer unsichtbaren Kraft. Der Nebel wurde dichter, und die Welt um ihn herum schien sich zu verschieben. 

Die Stille war überwältigend. In ihr vernahm Tomen die vertrauten Stimmen seines Geistes – Vorwürfe, Zorn. Warum habe ich Mutter allein gelassen? Warum bin ich hier allein? Warum bin ich nicht mit Sinara und Nikens gegangen? 

Er streckte die Hand aus, doch das Tuch blieb außer Reichweite. Sein Atem wurde schwerer, nicht nur von der Anstrengung, sondern auch von der Last auf seinen Schultern. 

„Mutter …“, flüsterte er, watete tiefer. Das Wasser reichte ihm bis zur Hüfte. Das Tuch schien nun greifbar nah. 

Plötzlich spürte er, wie ihn eine unsichtbare Macht packte. Eiskalte, klamme Hände schienen seine Beine zu umklammern und zogen ihn mit unbändiger Kraft nach unten. Das Wasser explodierte um ihn herum in einem Strudel aus Blasen und dunklen Schlieren, und ehe er reagieren konnte, verlor er den Halt. 

„Was …?!“, rief er, aber das Wort wurde von den eisigen Fluten erstickt. Sein Kopf tauchte unter, kaltes Wasser drang in Nase und Mund. Er strampelte verzweifelt, ruderte mit den Armen, doch es war, als verschluckte das Wasser jede Bewegung. 

Die Welt wurde dunkel. Das Licht, das vom Himmel ins Wasser sickerte, verblasste zu einem fernen Schimmer, während er immer tiefer gezogen wurde. Das Gewicht auf seiner Brust wurde unerträglich, sein Brustkorb brannte, als er nach Luft rang. 

Und dann … 

Tomen stand wieder am Ufer des Steinhügelsees, doch alles fühlte sich anders an – schärfer, lebendiger. Die Farben waren intensiver, das Grün der Bäume leuchtete, das Wasser glitzerte wie geschmolzenes Silber. Die Luft war warm, trug den Duft von nassem Moos und frischem Holz. 

Er erkannte den Ort sofort, doch es war nicht der See, wie er ihn jetzt kannte. Es war der Steinhügelsee seiner Kindheit. 

Neben ihm stand er selbst, jünger, mit zerzaustem Haar und unschuldiger Neugier in den Augen. Der jüngere Tomen trat vorsichtig ins Wasser, das kühle Nass umspielte seine kleinen Füße, während er staunend auf die See-Mitte blickte. 

Dort stand sein Vater, Tomaras: die Hosen bis zu den Knien hochgekrempelt, das Holzfällerhemd offen, die große Axt auf dem Rücken. Die kräftigen Arme ausgestreckt, als wolle er das Wasser lenken. Sein Gesicht war ernst, doch ein warmes, beinahe stolzes Lächeln lag auf seinen Lippen. 

„Hör zu, Tomen“, sagte Tomaras ruhig und durchdringend. „Die Elemente sind überall. Sie umgeben uns, tragen uns, schützen uns – wenn wir sie ehren.“ 

Der kleine Tomen blickte ihn fragend an. „Wie ... hören wir sie?“ 

Tomaras trat näher ans Ufer, das Wasser kräuselte sich um seine Beine, als ob es ihn erkannte. Er kniete sich hin, tauchte die Hände in die Oberfläche und schloss die Augen. 

„Du musst still sein. Lauschen. Nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herzen. Fühle den Wind, höre die Stimmen der Wellen. Spür, wie die Erde unter deinen Füßen vibriert.“ 

Der Junge tat, wie ihm geheißen. Er schloss die Augen, hob das Gesicht in den Wind, ließ die Sonne auf seiner Haut tanzen. Doch er hörte nichts als das sanfte Plätschern des Wassers und das Rascheln der Blätter. 

„Ich ... ich höre nichts, Papa“, sagte er enttäuscht. 

Tomaras lächelte sanft. „Du wirst es hören, eines Tages. Wenn du lernst, Wut und Angst, alles, was dich ablenkt, loszulassen. Die Elemente sprechen nicht zu einem unruhigen Geist, Tomen.“ 

Er hob eine Hand aus dem Wasser, sofort bildeten sich feine Wellen, die sich wie von selbst um seine Finger schmiegten, obwohl der See ansonsten ruhig blieb. Es wirkte, als reagiere das Wasser auf seine bloße Anwesenheit. 

„Siehst du?“, sagte Tomaras. „Sie hören zu. Und wenn du lernst, ihnen zuzuhören, werden sie dir antworten.“ 

Der kleine Tomen starrte ihn an. „Kann ich das auch?“ 

Tomaras nickte. „Vielleicht. Aber nur, wenn du ihnen vertraust. Die Elemente schenken ihre Gunst nicht jedem. Du musst sie dir verdienen.“ 

Der Junge lächelte zögernd, doch der ältere, unsichtbar danebenstehende Tomen fühlte nur Bitterkeit. 

Warum hast du mir das gesagt? Warum hast du mir all das gezeigt, nur um uns später allein zu lassen? 

Die Szene begann zu flackern, als würde die Wirklichkeit zerfallen. Tomaras wandte sich dem See zu, tauchte die Hände tiefer ein, die Wellen kräuselten sich stärker. „Sieh genau hin, Tomen“, sagte er leise. „Das ist das Erbe, das ich dir hinterlasse ... Du musst kein Krieger werden. In unserem Blut liegt etwas anderes – etwas Altes. Wenn du bereit bist, es anzunehmen, wird dich dieser Ort zurückrufen.“ 

Doch bevor der Junge antworten konnte, zerbrach die Vision wie ein Spiegel. Die Farben verblassten, das Wasser wurde kalt, die Wärme wich, als die Vision ihn erneut in die Tiefe riss. 

Plötzlich fand sich Tomen in seinem Elternhaus wieder. Der Geruch von Holzrauch hing in der Luft, doch alles wirkte anders. Die Wände drängten ihn, der Raum war dunkler. Das Licht des Kamins flackerte nur schwach, als wüssten selbst die Flammen nicht, ob sie brennen sollten. 

Er sah sich um und entdeckte seine Mutter. Sie saß am alten Holztisch, den Kopf gesenkt. Ihre Hände zitterten, während sie sich an einer Tasse Tee festhielt. Ihr Haar war stumpf und strähnig, das Gesicht blass, von dunklen Schatten umgeben. Tomen spürte einen Kloß im Hals, die schmerzhafte Erinnerung daran, wie sie Tag für Tag schwächer wurde. 

„Mutter ...?“, flüsterte er, doch sie reagierte nicht. 

Plötzlich öffnete sich die Tür mit leisem Knarren, kalte Nachtluft strömte herein. 

Tomaras trat ein, den Mantel um die Schultern, die Axt auf dem Rücken. Sein Körper wirkte imposant, doch das Gesicht war gezeichnet von Anspannung. Es war nicht der Vater vom See – es war ein anderer. Härter, distanzierter. 

„Du bist zurück“, sagte seine Mutter leise und brüchig. 

„Carmara, bitte versteh. Ich bleibe nicht lange“, antwortete Tomaras kalt, ohne sie anzusehen. 

Tomen sah, wie seine Mutter erschrocken aufsah, die Tasse in ihren Händen zitterte. „Was ... was meinst du?“ 

Tomaras trat näher, seine Bewegungen schwer, verschränkte die Arme. 

„Ich muss gehen“, sagte er tonlos. 

„Gehen? Wohin?“ Ihre Stimme zitterte, Panik schwang mit. 

„Weg von hier. Es gibt nichts, was ich hier noch tun kann.“ 

„Nichts, was du tun kannst?!“ Sie schlug die Hände auf den Tisch, für einen Moment war ihre Schwäche vergessen. „Ich bin krank, Tomaras! Schwach, und unsere Kinder ... sie brauchen dich!“ 

Tomen sah die Tränen in den Augen seiner Mutter, spürte die Verzweiflung in jedem Wort. Doch sein Vater blieb reglos wie Stein. 

„Sie werden es schaffen“, sagte er schließlich, als wäre es selbstverständlich. 

„Und ich?“, flüsterte Carmara. „Was ist mit mir?“ 

Tomaras schwieg, schüttelte dann den Kopf. „Ich kann dir nicht helfen, Carmara. Nicht so, nicht hier.“ 

Tomen wollte schreien, doch er konnte sich nicht bewegen. Die Szene zog ihn weiter, zwang ihn, jeden Moment mitzuerleben. 

Carmara brach in Tränen aus, klammerte sich an die Tischkante. „Du ... du kannst uns nicht einfach im Stich lassen! Du bist unser Fels, Tomaras. Ohne dich ...“ 

„Wenn ich gefunden habe, wonach ich suche, komme ich zurück“, unterbrach er sie kalt. 

„Das glaubst du doch selbst nicht!“, schrie sie, vor Zorn und Verzweiflung bebend. 

Tomaras drehte sich um, seine Schritte hallten auf dem Holzboden. 

In diesem Moment betrat der junge Tomen den Raum, die Augen weit vor Angst und Wut. „Papa?“, rief er, doch sein Vater sah ihn nicht an. 

„Du bist stark, Tomen“, sagte Tomaras, ohne sich umzudrehen. „Du wirst es eines Tages verstehen.“ 

„Bleib hier!“, schrie Tomen, Tränen liefen über sein Gesicht. „Wir brauchen dich! Mama braucht dich!“ 

Doch Tomaras griff nur nach seinem Mantel, warf ihn über die Schultern und öffnete die Tür. 

„Ich komme zurück“, sagte er noch, doch seine Stimme klang hohl, wie ein Echo. „Ich werde eine Heilung finden, Carmara.“ 

Dann war er verschwunden. 

Tomen spürte, wie Wut in ihm aufstieg, heiß und unaufhaltsam. Der Kloß im Hals brannte nun, während er in die Dunkelheit starrte, in die sein Vater verschwunden war. 

Er hatte sie verlassen. Alle. 

Die Vision begann zu zerbrechen, das Bild wurde blass, verschwamm wie Tinte im Wasser. Doch die Wut blieb. Sie nagte an seinem Herzen, als er weiter in die Tiefe gezogen wurde. 

Plötzlich wurde Tomen aus der Dunkelheit gerissen. 

Ein gleißendes Licht durchbrach das Wasser, und mit einem gewaltigen Schub wurde er aus den Tiefen geschleudert. Er flog förmlich aus dem See, das Wasser tropfte von seinem Körper, als er mit dumpfem Aufprall auf der Insel der Heldenwache landete. 

Keuchend lag er da, sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, während er Wasser aus den Lungen hustete. Der Streitkolben vibrierte an seiner Seite, als würde er auf die Energie der steinernen Monumente reagieren. 

Die uralten Runen auf den Steinen begannen zu leuchten, ein schwaches, pulsierendes Licht, das an den Schlag eines Herzens erinnerte. 

Tomen richtete sich auf, das Blick fest auf die Monumente gerichtet. Er konnte die Runen lesen. Sie ergaben plötzlich Sinn – Worte, die von der Macht der Elemente erzählten, vom Gleichgewicht, das erreicht werden konnte, wenn man die Verbindung zu ihnen verstand. 

Er griff nach dem Streitkolben, die Wut in seiner Brust loderte wie ein Sturm. 

„Warum hast du uns verlassen?!“, schrie er in die Dunkelheit, Blitze zuckten aus der Waffe, die Luft um ihn herum vibrierte vor Energie. 

Der Boden begann zu beben, der Himmel über der Insel wurde von schwarzen Wolken verhüllt. Die Blitze um ihn herum wurden stärker, tanzten wild um die Monumente und den Streitkolben. 

Tomen spürte die Macht in sich aufsteigen – eine uralte, rohe Kraft, die ihn durchströmte. Die Elemente antworteten ihm. 

„Ich brauche dich nicht!“, schrie er erneut. „Ich werde stärker sein, als du es je warst! Für Mutter. Für Sinara. Für Niken.“ 

Die Blitze entluden sich mit ohrenbetäubendem Knall, ließen die Insel erzittern. 

Dann wurde alles still. 

Tomen lag reglos am Boden, die Luft um ihn flimmerte noch immer von den Entladungen, die seinen Körper durchzuckt hatten. Der Streitkolben lag neben ihm, leise nachglühend, wie ein schwacher Puls. Die Monumente ragten über ihm empor, stumme Zeugen des Chaos. 

Sein Körper fühlte sich schwer an, jeder Atemzug war ein Kampf. Die Wut war verglommen, zurück blieb nur eine tiefe Erschöpfung. Seine Lider wurden schwer, die Grenze zwischen Bewusstsein und Ohnmacht verschwamm. 

In diesem Moment sah er sie. 

Eine Gestalt näherte sich, von einem warmen Schimmer umgeben. Ihr Haar wurde von einer unsichtbaren Brise bewegt, lang und fließend. Ihr Gesicht war verschwommen, doch ihre Präsenz war vertraut – ein Gefühl, das er einst gekannt hatte, nun aber nicht mehr greifen konnte. 

Tomen wollte sprechen, wollte fragen, wer sie war, doch seine Lippen bewegten sich nicht. Alles, was er tun konnte, war, sie anzusehen, während sie sich über ihn beugte. 

„Ach, mein Junge …“ Die Stimme war sanft, voller Wärme, und doch lag darin unendliche Traurigkeit. „Ich werde auf dich und deine Geschwister warten. Doch es wird noch lange dauern, bis wir uns wiedersehen.“ 

Tomen spürte eine kühle, sanfte Hand auf seiner Stirn. Die Berührung drang tief in ihn, nahm ihm einen Teil seiner Last, vertrieb für einen Moment die Dunkelheit. 

Die Gestalt beugte sich weiter zu ihm herab. Ihre Lippen berührten seine Stirn, und der Kuss hinterließ ein Gefühl von Licht, als hätte die Sonne selbst ihn gestreift. 

„Ich höre die Stimme deines Vaters in der Ferne“, flüsterte sie. Ihre Worte klangen wie ein Hauch Wind, der zwischen den Monumenten wehte. „Ihr seid euch so ähnlich. Früher oder später wirst du es verstehen. Du wirst ihn verstehen.“ 

Ihre Stimme wurde leiser, doch die Worte hallten in seinem Geist. 

„Bis dahin ... lerne, wachse und werde eins mit den Elementen“, flüsterte sie. „Mein kleiner Schamane. Bald wartet eine Aufgabe auf dich, die all deine Kraft fordert. Eine dunkle Präsenz regt sich, und nur du kannst die Schattenherrin aufhalten, bevor ihr Schatten Sturmwind verschlingt.“ 

Die Gestalt begann zu verblassen, ihre Umrisse wurden schwächer, bis sie ganz in der Dunkelheit verschwand. Doch die Wärme des Kusses blieb, ein leuchtender Funke in seinem Inneren. 

Tomen versuchte, die Augen offen zu halten, doch die Erschöpfung war zu groß. Sein letzter Gedanke, ehe er das Bewusstsein verlor, war nicht Zorn, sondern eine leise, bittersüße Sehnsucht – nach etwas, das er nicht ganz begreifen konnte. 

Dann schloss er die Augen. Die Stille der Insel umfing ihn, während der Streitkolben leise weiter pulsierte, als würde er über den bewusstlosen Tomen wachen. 

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Kapitel: 10
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Wörter: 38.025
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Kurzbeschreibung

In einer von Gefahren und Magie geprägten Welt suchen junge Helden ihren Platz im Leben. Jeder von ihnen geht seinen eigenen Weg, geprägt von Herkunft, Entscheidungen und Schicksal. Dieses Buch erzählt ihre Anfänge – einzelne Geschichten, die sich nach und nach zu einem gemeinsamen Abenteuer verweben.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Mystery und Freundschaft gelistet.