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| Wörter: | 446 | |
| Zeichen: | 3.018 |
Wir verkörperten eine Highend-Version des modernen Paars auf transkontinentaler Wanderschaft. Digital Nomads im globalisierten Homeoffice-Modus, stilvoll kuratiert zwischen Gletschern, Wüsten und Coworking-Spots. Wir hatten den Bogen raus. Wir verdienten unterwegs Geld und sammelten Statuspunkte. Wir loggten uns in Lodges, Airbnbs und Cafés in Zoom-Calls ein, pitchten Projekte und optimierten Abläufe stets im Diskurszenit. Ich glänzte bei Ranger-Touren mit präzisen Kenntnissen über Landrechte, glaziale Erosion, koloniale Kartographie und indigene Topographie. Du warst charmant, geistreich, zuvorkommend - ein Meister der zweiten Ebene. Jede Nationalpark-Rangerin verliebte sich in dich und ließ dich leicht bekümmert ziehen.
Was sie sahen, war das Paar auf der Ideallinie. Eine performative Synthese aus Bildung, Freiheit, Stil.
Wir nahmen Abschied vom Grand Canyon, überwältigt von den vorzeitlichen Emanationen tektonischer Spannungen, kosmischer Verwerfungen und (wie unter Glassturz gebannter) Kollisionen titanischer Kräfte als Kolossalverweise auf ein planetares Gedächtnis.
„Die Falte der Welt“, nanntest du die Superschlucht.
Wir entschieden uns für eine magische Abkürzung. Unser erstes Ziel war Estes Park, das Tor zum Rocky Mountain National Park. So steht es geschrieben in jedem Reiseführer. Schon im 19. Jahrhundert war dieser Ort ein Refugium für europäische Intellektuelle und Künstler gewesen. John Muir prägte das Wort von einer „Kathedrale der Erde“.
Geologisch waren der Grand Canyon und die Rocky Mountains Aspekte desselben tektonischen Dramas - Formationen, aufgeworfen, gefaltet, geformt von Eruption und Erosion. Beide Regionen lieferten Verehrungskulten Schauplätze. Atmosphärisch bot uns der Wechsel von der glutheißen Schlucht in die Höhenluft der Rockies eine fast alchemische Transmutation: Feuer zu Luft, Sandstein zu Granit.
Estes Park war ein rustikal-idyllisches Kleinod. Auf 2.300 Metern Höhe, befriedet von wuchtigen Gebirgsausläufern, wirkte das Städtchen wie eine Handvoll Licht in einer Steinschale. Ursprünglich war es die Sommerfrische der Ute - ein heiliger Ort, an den sich die First Nations zurückzogen, wenn der Schnee aus den hohen Lagen wich. Hier sammelten sie Heilkräuter, jagten, lagerten in Zelten und überlieferten Wissen, das nicht gegoogelt werden kann.
Ständig stolperten wir durch heilige Räume. Sie trugen Geschichten in sich, die älter als jedes Narrativ der Moderne waren. Ich hatte begriffen, dass unsere Abstraktions- und Repräsentationskategorien, die alles in Symbole und Zeichen übersetzten, archaische Kulturen verfehlten. Es ging nicht um Symbole, sondern um Überlebenssubstanz. Die steinzeitliche Komplexität der Kosmologien autochthoner Völker faszinierte mich inzwischen stärker als alle pixelgenauen Weltdeutungsmodelle. Du warst mein Seelenführer und Schamane. Ich war Wachs in deinen Händen. Inbrünstig war mein Bestreben, dich glücklich zu machen. Nie gabst du mir einen Grund, an dir zu zweifeln. Ich existierte in der Gravitation deiner Liebe.
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