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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 188 | |
| Wörter: | 4.332 | |
| Zeichen: | 26.816 |
Ihre kühlen Küsse umschmeichelten meinen geschundenen Geist, wenn sie sich hingebungsvoll gegen den glühenden Nacken warfen, als gäbe es für die unsichtbaren Wassergeister keine höhere Verzückung, als in der Umarmung meines dampfendes Körpers ihr bittersüßes Ende zu finden.
Ich reckte ihnen meinen Kopf entgegen und trottete dankbar durch den feinen Sprühregen, der das Grau in Grau der feuchtschmutzigen Stadt mit jedem Opfer seiner unscheinbaren Boten transzendierte – zum Hohn all jener, die glaubten, die mystische Kraft der Natur mit Beton versiegeln zu können.
Es war eine willkommene Wohltat, die mein geschundener Geist nach dem morgendlichen Training gut gebrauchen konnte. Weder hieß er die unheilige Zeit für solche Strapazen gut, noch verzieh meine Koffeinsucht den kalten Entzug. Aber die Beiden hatten sich meiner neuesten Herrin zu unterwerfen.
Ohne es zu realisieren, war ich in die Fänge der Fitnessindustrie geraten, war in der Illusion gefangen Sportler zu sein, während ich am besten Weg zum Body Building war. Als braver Sklave dieser Sekte war ich früh morgens in den Eysentempel gepilgert und hatte an meiner Absolution gearbeitet.
Der Gott des Körperkults – Adonis – schien mir dadurch hold zu sein, denn als ich mein Stammcafé um die Ecke erreichte, war die Schlange an der Theke überschaubar. Die Vorfreude auf mein baldiges Koffein-High gab den müden Beinen den nötigen Saft, um die Stufen ins Obergeschoss zu überwinden und die milchige Brühe würdevoll winselnd hinauf zu schleppen.
An regnerischen Tagen öffnete der Anblick der großflächigen Fenster einen Durchgang zu Orten aus meiner Vergangenheit, die von einer ähnlichen Energie erfüllt waren. Stumpfsinnig stand ich einige Zeit vor dem auserkorenen Tischlein, ehe ich mich losreißen konnte. Um mich beim Hinsetzen vom Schmerz in meinen Oberschenkeln abzulenken, scannte ich den Raum, ehe ich an meinem Cappuccino nippen und mich in die Lektüre meines neuesten Schatzes versenken würde.
Aber die Moiren verfolgten andere Pläne. Er hatte mich wieder gefunden. In seiner knackigen Herrlichkeit lachte er mich frech von der Mitte des Raumes an. Seine festen, kraftvollen Konturen zeichneten sich unverkennbar durch den rauen Jeansstoff ab.
Der vollkommene Männerpo. Ein makelloser Diamant.
Wie er sich so ungeniert auf dem Barhocker des hohen Tisches präsentierte, war es mir unmöglich das Gesicht seines Trägers zu verifizieren – aber ehrlich gesagt hätte ich mich daran ohnehin nur vage erinnert. Vor der Perfektion dieses Männerarsches verblasste die Erinnerung an solche Nebensächlichkeiten. Irritiert zwang ich mich von seinem erhebenden Anblick loszureißen, doch schon die unscheinbarste Bewegung fing mich erneut ein.
Schon einmal zuvor war ich diesem Wunderwerk begegnet, war seinem hypnotischen Bann erlegen. Seine Form hatte sich offensichtlich unvergesslich in mein Gehirn gebrannt und selbst heute – eine Dekade später – würd ich darauf schwören ihn auf Anhieb aus Dutzenden zu erkennen.
Ein Strom aus unseligen Gedanken blitzte vor meinem inneren Auge auf. Ich hatte eine Vorahnung des Gefühls, das meinen Arm durchlaufen würde, wenn ich dagegen klatschen würde. Fast meinte ich das selige Nachbeben in meiner Hand zu spüren, träumte davon meine Zähne verspielt in seinem knackigen Allerwertesten zu vergraben.
Natürlich hielt ich mich nicht mit profanen Fragen auf, die meine heilige Verzückung gestört hätten – wie die Idee unmäßiger Behaarung oder Pickeln oder anderer sündiger Gedanken. Stattdessen badete meine Seele in der vergänglichen Freude unseres Zusammentreffens.
Nun will mich in meinen Ausführungen nicht auf diese eine Begebenheit, diesen Avatar formvollendeter Schönheit versteifen, sondern tiefer eintauchen in das Mysterium des perfekten Männerpos. Denn anders als bei den Frauen, wo die süßen Früchte ihrer Rundungen in ihrer Vielgestaltigkeit dem endlosen Meer gleicht, so verhält es sich beim Manne doch anders.
Zwar stimmt es, dass – wer in Liebe entflammt – blind ist für die Erscheinung des Objekts der Begierde; und so muss es ja auch sein, bedeutet es ja nichts anderes als sich dem Zauber der eigenen Fantasie zu ergeben. Davon abgesehen wird man doch zugestehen müssen, dass die verschiedenen Ärsche, die uns zum Mann einfallen, letztendlich nur Zugeständnisse an Alter oder Leibesfülle sind, hinter denen wir das himmlische Ebenbild in seiner Perfektion erahnen.
So mag bei manchem Jüngling mit rosigem Teint die weiche Kontur seiner Backen als Lieblichkeit durchgehen oder umgekehrt die schmale Falte – sie wissen schon, die zwischen Bein und Gesäß – eines Heroen, der seinen Zenit überschritten hat, doch nach wie vor in seiner Kraft steht – so einem würde man einen geilen Arsch zugestehen.
Aber nicht als eigene Kategorie, als Gleicher unter Gleichen, wie man bei der Frau nicht sagen könnte ob nun Herz, Birne, Pfirsich, Apfel, Träne oder Bubble Butt Bubble-bubble-bubble butt - Aphrodites Form vollendete.
Nein, ex lege libidinis divinae kennen wir beim Mann nur eine wahre Form: der ebenmäßige Rücken verläuft sanft, um sich plötzlich zu erheben wie die Sonne, wenn sie als goldene Scheibe morgens aus dem Meer tritt und uns mit ihrem Glanz den Atem verschlägt. Und wenn auch schon unzählige Male gesehen, verfallen wir hilflos ihrem majestätischen Spiel. Dann aber muss sich die Kontur des Gesäßes mühelos abzeichnen – nicht verzwickt, nicht überspannt, dennoch stramm, kräftig.
Als könnte er alles verbringen, als wäre ihm kein Ding unmöglich und doch würde es ihn keine Kraft kosten. Mühelos wäre er auf und davon, sogleich wieder in erhabener Ruhe, sich seiner köstlichen Stärke bewusst. Doch niemals roh oder brutal. Der Bogen an seiner delikaten Seite bildet die Kulisse für die Grübchen, die sich als Kennzeichen in die unzähmbaren Hüften schrieben. Würde man einen Tropfen Öl darauf vergießen, wüsste er nicht welchen Weg nehmen, da seine kernigen Backen gleichmäßig verlaufen. Straff gehen sie in die wohlgeformten Oberschenkel über, eingerahmt von weichen Schatten, die in seine Täler gekommen sind, um anzubeten – Dean, Pitt, Momoa, Chalamet, Kravitz, Evans.
Selbstverständlich durchschaut meine aufmerksame Leserschaft die Charade, rufen empört aus: „Das sind beileibe nicht dieselben Hintern!“ Touché, der Punkt geht an Sie. Dennoch hoffe ich, es wollen mir die geneigten Leser*innen so weit entgegenkommen, einzugestehen, dass der Unterschied lediglich im Ausmaß jener mystischen Kraft liegt, die sich darin manifestiert und doch die Urform gleichbleibt.
Ist man sich erst einmal bewusst, welche Einigkeit und Anerkennung selbst unter formal den Frauen zugetanen Männern über den perfekten Männerpo herrschen muss, dürfte es nicht weiter überraschen, in welche Schwärmerei ich beim Anblick des formgewordenen göttlichen Willens versank (- ein besonderer Arsch im ersten Kapitel). Aber meiner Erfahrung nach stößt die Bewunderung der Attraktivität anderer Männer gerade bei den Frauen auf großen Unmut. An dieser Stelle würde sich eine ausgiebige Recherche einschlägiger Literatur anbieten.
Sie irren allerdings, wenn Sie sich mich nun über einen Stapel Bücher gebeugt vorstellen – die kostbare verbleibende Zeit meines ohnehin angezählten Rückens verschwendend -, um die Geheimnisse weiblicher Homophobie vom Stegosaurus bis zum Terminator aus der fernen Zukunft im Jahr 2029 (!!) minutiös zu rekonstruieren. Aber Ihnen zuliebe wollen wir den Anschein fundierter Recherche erwecken.
Also ein Zitat aus dem 1923 erstmals erschienen, für seine Zeit wohl als progressiv zu verstehenden, Wie bist du, Weib? von Dr. Bauer, einem Wiener Gynäkologen:
„Das moderne Weib ist nicht schlechter geworden als es etwa früher war; wohl aber ist es etwas vernünftiger geworden! Insofern, als es heute wenigstens seine Prüderie und Scham soweit abgelegt hat (…)“.
Ursächlich dafür sei – wie überall sonst im Leben – das veränderte Milieu der Zeit. Man nehme diesen Ansatz, schmeiße ihn für Hundert Jahre in einen Kochtopf mit Wahlrecht, Pille, Aufklärung, LGBTQIA+*, MeToo und Gleichstellungsgesetzen und herauskommt das moderne Dream-Team schwuler Männer und lediger Frauen. Von wegen weiblicher Homophobie, höre ich Sie schon sagen. Der Gay Best Friend hat den Status eines popkulturellen Ideals. Beweisaufnahme beendet. Oder?
Einspruch, euer Ehren! „It is a capital mistake to theorize before one has data”, warnt der gute alte Sherlock aus dem Grab. Denn wir haben jenen Fall von Ablehnung gegenüber Anziehung zwischen Männern, auf den ich mich beziehe, noch gar nicht besprochen.
Sehen Sie, meine Frau ist eine ausgesprochen wohlbelesene Feministin, der jegliche Verurteilung von homosexuellen Partnerschaften – und aller anderen Spielformen – unter normalen Umständen sauer aufstoßen würde.
Eines Tages brausen wir mit unserem Auto durch eine finstere Landschaft. Ein Heer schwerer, vollgesoffener Regenwolken verdunkelt den Himmel. Ihre ausgesandten Streitkräfte trommeln ungestüm gegen die dünne Blechmembran, während wir eine Schneise durch ihre Reihen schlagen. Augenblicklich schließen sich ihre Linien hinter uns. Fast wirkt es, als ob wir das Land verlassen hätten, als säßen wir abgeschottet von der restlichen Welt in einem Uboot; als wären wir aus dem Lauf der Zeit in eine andere Dimension entrückt.
In dieser Parallelwelt blüht unser Gespräch auf, entfaltet sich angeregt, springt unerwartet von hier nach da – wie ein Liebesspiel der Gedanken. Ohne zu wissen, wie wir dort gelandet sind, erzähle ich von der Gepflogenheit, bei der sich Sportler gegenseitig auf den Po klatschen, um gegenseitige Anerkennung auszudrücken. Und was ist die urtümlichste Reaktion meiner Liebsten in diesem intimen Moment? Sie macht sich lustig. Spöttelt über diese komischen Verhaltensweisen, hat die Not, diese Vorstellung ins Lächerliche zu ziehen. (Was sie später mit eingezogenem Schwanz als kindischen Schnellschluss entschuldigen wird.)
Und diese Reaktion würde ich als exemplarisch einstufen für Zuneigung und Zärtlichkeit – Sind sie bereit? – zwischen heterosexuellen Männern. Sollen die Schwulen doch treiben, was sie wollen, das macht allenfalls etwas her für lustige Geschichten, solange die Kerle Kerle bleiben.
Ich trau mich wetten (was also nichts anderes heißt, als dass ich außer meiner Intuition keine belastbaren Daten darüber besitze), dass viele Frauen bei den Geschichten aus Queer as Folk genauso lachen können wie bei den zotigen Anekdoten aus Sex and the City. Ein Beispiel der ersten Staffel Queer as Folk, dass die vermeintliche Verbrüderschwesterung einfängt.
Business Executive: „But what about the model? Are you sure he isn’t too…?”
Brian: “Gay? Ladies?”
1st Woman: “I wouldn’t care if he was. I would go to bed with him anyway.”
2nd Woman: *Laughter*
Gelächter, Gelächter – wie gesagt: Schwul und Ladies geht ja angeblich super zusammen. Aber haben Sie schon mal gesehen, wie viele Frauen auf äußere Kennzeichen (Marker) reagieren, die Gender-Stereotypen widersprechen – angefangen im Kindergarten bis hinauf ins hohe Alter? Ganz zu schweigen von Liebkosungen oder Freundschaftsbezeugungen, die nicht in Stacheldraht gewickelt sind.
Derogative Bezeichnungen unter Freunden wie „Schlampal“ (Koseform von Schlampe) würden 10mal eher durchgehen als „Süßer“. Jede Wette! Das ist plötzlich nicht mehr das gute Schwul der richtig Schwulen. Das ist heteroschwul und da gibt es eine Grenze, bei dem – wie Dr. Bauer sagen würde – “(…) normalen Weib, das Weib des Alltagslebens, das ‚Kulturweib‘, das mit und um uns lebt.“
Nehmen wir mal an, mein Bauchgefühl stimmt. Woher mag diese Doppelmoral dann kommen? Was spricht für schwule Freunde, aber gegen Partner, die mit anderen Männern liebevoll sind? Liegt es an Jahrtausenden der Erniedrigung und Missachtung von Frauen, die sie hypersensibel sein lässt auf jedwede Bünde unter Männern?
Immerhin mussten sie die Degradierung zu Zeugungsmaschinen ja schon bei den antiken Griechen hinnehmen, die so wenig auf sie hielten, dass sie die einzig wahre Beziehung eher mit pubertierenden Knaben suchten als mit einer Frau. (Ein Punkt, auf den wir noch zu reden kommen werden. Darauf können Sie vom Schierlingsbecher trinken.)
Oder entspringt diese reflexhafte Abneigung doch der kulturchristlichen Sexualethik, die selbst von den Nazi-Ideologen heuchlerisch aufgegriffen und gerade im Blick auf
Homosexualität noch verschärft wurde? In diesem Sinne würde ich Carola Reinsberg verstehen, die in ihrem spannenden Buch über Sexualität im antiken Griechenland schreibt:
„Die Wahl der einen oder anderen Liebe war keine Frage einer individuellen Konditioniertheit, sondern einer gesellschaftlichen Konvention, abhängig von Alter und Sozialstatus.“
Gut und schön, werden Sie nun vielleicht sagen, selbst wenn es einer der beiden Punkte wäre, ist’s doch bei den Männern nicht anders. Dabei ist der springende Punkt doch: Die Damenwelt sollte angeblich verbündet sein mit der Homowelt, statt sich darüber lustig zu machen oder eine harte Grenze bei den Heteromännern zu ziehen – wenn man den Filmen glauben darf.
Davon abgesehen, will ich ein verrücktes Gedankenexperiment wagen: Was, wenn die Meinung der modernen Frau, anders als in der Antike, heute von Bedeutung wäre? Rein hypothetisch versteht sich! Um das zu klären, sollten wir uns mit C₁₉H₂₈O₂ vertraut machen. CC12CCC3C(C1CCC2O)CCC4=CC(=O)CCC34 ist natürlich ein Begriff für Sie, oder?
Sonst lassen Sie mich Ihnen auf die Sprünge helfen.
Die dicht an dicht dösenden Farnblätter werden unsanft geweckt, als sich ein graubraunes Fell nonchalant vorbeischiebt. Die Kreatur hat die Statur eines großen Terriers oder einer schlanken Bulldogge, aber ihr schaukelnder Gang passt – nebst anderem – so gar nicht zu einem Hundsvieh. Dementsprechend wenig dürfte es überraschen, dass sie keiner Fährte folgt, sondern gemütlich auf eine der unzähligen Schattenpflanzen zuhält, die ihre Pracht völlig schamlos der weiten Welt offenbart. Doch dieser zauberhafte Anblick geht an dem Tier verloren, dem die Fülle und der Reichtum des immerfeuchten Waldes längst zur Gewohnheit geworden ist.
Lustlos kaut es in der allgegenwärtigen Schwüle auf einer der orangefarbenen Blüten herum. Vermutlich ist es auf Nahrungssuche – was soll es auch sonst tun inmitten dieser tristen Üppigkeit. Selbst die eigene Farbenpracht ödet es an. Schimmernde Blautöne, durchzogen von kräftigen roten Pinselstrichen verzieren das Gesicht und in ähnlicher Weise das fulminante Gesäß. (Sie sehen schon, wir bleiben dem Thema treu.)
Dabei ist es nicht allein. Eine ganze Horde der Affen flaniert entlang der grünleuchtenden Promenade unter den hohen Wollbäumen. Aus den Augenwinkeln registriert der – legen wir die Karten auf den Tisch – Mandrill eine Bewegung im Nachbarbusch, kaum der Mühe wert den Kopf zu heben. Da flackert etwas in den trüben Augen auf. Die rosaroten Nüstern blähen sich ordentlich, die gelbe Mähne wendet sich im selben Moment hinüber – Leben erwacht im trägen Körper, als ein brünstiges Weibchen auftaucht.
Es dauert nicht lange, bis die gegenseitige Beschnupperung abgeschlossen ist und die Sachlage klar: Es ist Paarungszeit! Und schon geht’s zur Sache, dass die vorhin noch ungenierten Blumen erröten, die Vögel aus den wackelnden Urwaldriesen flüchten und das Mandrillmännchen alle Welt an seiner Freude teilhaben lässt, indem es ein beherztes Yippikajay durch den Urwald jodelt.
Nur um schnurstracks wieder in Lethargie zu verfallen und sich trottend vom Acker zu machen. Aber seien Sie nicht besorgt, das umso stärkender leuchtende Hinterteil bezeugt was für ein Hengst dieser Oberaffe ist. Und wer macht’s möglich? Genau C₁₉H₂₈O₂ – gemeinhin als Testosteron bekannt.
Das Zeug, in das ein junger Gallier namens Obelix als Kind gefallen ist. Das Drachenblut, indem Siegfried badete. Der göttliche Fluss, in den Thetis den Achilles tauchte. Der Stoff, aus dem Männer wie Giacomo Casanova oder Indiana Jones gemacht sein müssen. Kämpfer, Verführer, Abenteurer. Kurz: echte Kerle. Nur leider fürchte ich, da liegt ein Missverständnis vor.
Da gibt es eine krasse Parallel zur Legende, dass ein Matrose sterbe, wenn man ein Streichholz teilt. Die Idee wurde von den Seefahrern in ihrer abergläubischen Manier aufgenommen – warum weiß der Klabautermann – und so verteilt in aller Welt. Ursprünglich gab es wohl einen militärischen Zusammenhang. (Das lange Teilen eines Zündholzes gab lauernden Feinden Zeit in der Dunkelheit Maß zu nehmen.) Was nun das Testosteron betrifft, sind viele felsenfest überzeugt, es mache aggressiv und gampig (notgeil) – gleich aber wie bei den Seefahrern, ist das ein verdrehter Mythos.
Fragen Sie nicht mich, halten Sie sich an den wundervollen Dr. Robert Sapolsky, der in seinem fulminanten Behave (Deutsche Ausgabe: Gewalt und Mitgefühl) die neurobiologischen Grundlagen darlegt und komplexe Verhaltensweisen glasklar aufschlüsselt. (Was für ein Fest dieses Buch war.) In seiner vollbärtigen, lockigen Herrlichkeit beschreibt Sapolsky die Wirkung von Testosteron als Verstärker für angelerntes Verhalten. Es hilft die notwendige Schwelle zu überschreiten oder sie zu senken, um nicht in Inaktivität gefangen zu bleiben. Wenn also die Mandrilldame ihre Pheromone verstreut, hilft Testo indem es den Körper aktiviert und im Hirn die Botschaft durchbringt:„Los Poppen, Go! Go! Go!“
Aber ohne diesen Reiz wäre unser Alpha-Mandrill nicht in die Gänge gekommen, hätte nicht von sich aus drei andere Weibchen beschlafen und danach auch nicht Streit mit den Männchen gesucht. Sein Verhalten hinge stark davon ab, was es seit seiner Jugend als gewinnbringendes Verhalten erlernt hätte.
Ein anderer Verhaltensbiologe, Dr. John Wingfield, hat dafür ein eingängiges Beispiel geprägt, dessen Sapolsky sich bedient – und nun ganz schamlos ich. Es geht um die Challenge Hypothesis, also die Frage nach dem Einfluss von Testosteron auf unser Verhalten, wenn wir in unserem sozialen Status herausgefordert werden.
Die gängige Vorstellung wäre für unseren Mandrill, nachdem sich sein Testosteron-Wert nach erfolgreicher Paarung gehoben hat, dass er auf eine Herausforderung mit brutaler Härte reagiert und seinen Widersacher in Grund und Boden prügelt. Wieso auch nicht? DAS KANN ICH IHNEN SAGEN! ;-)
Ähem, naja, weil das eine unangebrachte Eskalation wäre – exzessive Gewalt. Die Gruppe würde ihn isolieren, die Weibchen stille Koalitionen gegen ihn formen usw. Er hält sich stattdessen an die erlernten Normen.
Erst Drohen, Starren, Brüllen, Schlagen, Beißen, Rückzug erlauben. „This is the way.“
Wingfield soll diesen Umstand – dass Testosteron erlerntes Sozialverhalten verstärkt, aber nicht begründet – mit buddhistischen Mönchen illustriert haben. Ungefähr so: Stellen Sie sich eine Mönchsgang vor, wie diese glatzköpfige Bande durchs Land zieht und in den Konsumtempeln Angst und Schrecken verbreitet, indem sie die Nichtigkeit des Seins durch selbstlose Handlungen und innerer Zufriedenheit aufzeigt. Was ist das erlernte Verhalten, um innerhalb dieses gemeingefährlichen Syndikats den Status zu behalten? Richtig, selbstlos und demütig für andere da zu sein.
Mehr Testosteron lässt sie nicht zu Shaolinmönchen mutieren oder zu Samurai werden, nein, es verstärkt die bereits erworbenen Handlungsmuster. Ob es nun um Herausforderungen oder den Sexualtrieb geht, Testosteron moduliert nur das abgespeicherte Verhalten.
„Klopf, Klopf.“
„Wer ist da?“
„Das geschichtliche Milieu.“
In unserer westlichen Gesellschaft, in der Frauen ihre Ansprüche, Vorlieben und Erwartungen an die Männerschaft formulieren und dabei wohlwollenden Sexismus und Dominanzverhalten begrüßen, aber homoerotische Gesten oder selbst farbenfrohe Kleidung als tuntig und unmännlich verstehen, bewirkt Testosteron eine Verstärkung solcher Tendenzen. Denn Männer lernen unattraktiv für Frauen zu sein, wenn sie sich so geben – also meiden sie es. *** Wir alle bleiben Kinder unserer Zeit.
Aber wenn sich die Katze hier in den Schwanz beißt, wie kam es dann im Laufe der Geschichte doch zu Veränderung? Und wie war das bei antiken Griechen, die soviel auf Wettkampf und krasse Männlichkeit hielten und doch für die Knabenliebe bekannt wurden?
*** Weder dieser Text noch einer der anderen will Frauen für homophobe Männer verantwortlich machen. Davon abgesehen, dass wir mit den Gedanken spielen (schon vergessen?), gibt es genug Gründe, wieso Männer Angst vor dem Thema haben, die alle mit ihnen selbst zu tun haben. Folgen Sie der Blog-Reihe und Sie werden schon sehen, wie die Kerle ihr Fett abkriegen – versprochen ;-) ***
Ich habe vor Kurzem mit Brazilian Jiu-Jitsu angefangen. So sehr sich meine Frau auch wünschen würde, es ginge dabei um einen lateinamerikanischen Tanz, ist es doch eine Kampfsportart. Bodenkampf mit Würgen, Hebeln usw. Wie man sich vorstellen kann, ist es unvermeidlich dem Gegner dabei sehr nahe zu kommen, aber ehrlich gesagt war ich trotzdem überrascht wie nahe.
Als Standardtechnik, um meinen am Rücken liegenden Gegner zu besteigen (im Englischen tatsächlich: to mount), setze ich mich auf eines seiner angewinkelten Schienbeine und presse sie möglichst nahe an seinen Körper – mit meinem Becken. Das ist faktisch unmöglich, ohne die Hoden am Gegner zu reiben. Dann wird gewechselt. Nun ist der Partner dran mit Eierschaukeln. Lektion 1: feste Shorts anziehen, nichts Dünnes.
Die alten Griechen hatten eine einfache Lösung für die Hosenfrage beim Ringen: keine Hosen, dafür gegenseitig mit Olivenöl einreiben. Da bröckelt bei Magic Mike (alias Channing Tatum) der Selbstbräuner vor Neid ab. Wenn sich die vorwiegend adlige oder reiche Jugend in der Palästra – eine Sportstätte an der frischen Luft umringt von Säulengängen – zum Training traf, warteten ihre Cheerleader teils in Scharen mit Geschenken auf die vortrefflichsten Jünglinge. Vollbärtige, ausgewachsene Männer, oft genug verheiratete Väter, Staatsmänner, Krieger, Philosophen, Dramatiker – sie alle schmachteten bei einem wohlwollenden Blick ihres Lieblings dahin. (Die zartesten Knaben mit vielleicht 12 oder 13 Jahren trainierten separat, um sie vor der *ähem* Aufregung zu schützen.)
Nun denken Sie bloß nicht, es wäre diesen antiken Helden, diesen Vätern der westlich-europäischen Kultur und des Denkens nicht um die höchsten und edelsten Ziele gegangen, bei der sogenannten Päderastie – der Knabenliebe. Von der Kalokagathia, das Schöne und Gute, der vollkommenen Harmonie von Geist und Körper, ist die Rede. Was bei den kriegerischen Raufbolden vom Mittelmeer neben Tüchtigkeit, Kampffähigkeit und Intellekt (Letzterer erst stärker gegen das Ende des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeit betont) selbstverständlich sittsames Verhalten bedeutete.
Wenn ein anständiger Grieche mit vielleicht dreißig Lenzen seine wildesten Jahre hinter sich gelassen hatte, aber sich nicht durch sein heroisches Ableben einen lokalen Kult sichern konnte, war es durchaus angebracht sich eine Braut zu nehmen. Ich rede natürlich von den adligen und reichen Bürgern, die wohl in der Regel die Träume einer Kultur ausleben dürfen, ohne auf das Elysium warten zu müssen.
So sehr Platon sich und seinen Homies die Enthaltsamkeit und Mäßigung auf die Fahnen geschrieben hatte, so wenig hielt sich die Oberschicht daran. Liebschaften, Affären und Untreue wurden zwar, sofern sie den sozialen Frieden bedrohten, als problematisch angesehen, aber es war trotzdem der akzeptierte Lauf der Dinge. Wenigstens konnte unser archetypischer Held sich auf Kriegsfahrt bedenkenlos austoben und bei den Symposien die böotische Wildsau rauslassen, solange er sich in seinen vier Wänden halbwegs im Zaum hielt:
Also packte er seine Geschenke, vielleicht Hasen oder Hähne als Symbole der Jagd und des Kampfes, und nutzte die morgendlichen Kühle, um eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die erfolgreiche Werbung um einen heranwachsenden Knaben würde seine sittsame und moralische Qualität bezeugen. Die Kraft ihrer Verbindung würde ihn anspornen gerecht zu leben, sein Vorbild und seine Weisheit den Jüngling zum guten Bürger heranziehen – dem höchsten und wichtigsten Gut. Und als Gegenleistung durfte er seinem Schützling wie ein wildgewordener Pudel an den Schenkel gehen, um die nötige Klarheit für den Staatsdienst zu haben.
Und nein, das ist keineswegs sinnbildlich gemeint, sondern vollumfänglich wortwörtlich. Ganz im Sinne von Verrückt nach Mary:
„You choke the chicken before any big date, don’t you? (…) The most honest moment in a man’s life are the few minutes after he’s blown his load.”
“This is the way!”, applaudiert Mando, der Sci-Fi Spartaner aus Star Wars. (Letzteres ist gelogen. Die Spartaner goutierten Knabenliebe und Prostitution nicht, die hatten mehr so ein Faible für Blutreinheit *ähem*.)
Aber zurück zur Sache. Wie viel hat unser überspitzter Ausflug in die Antike mit der historischen Realität zu tun? Ihr Verdacht ist richtig, die antiken Obermacker trieben es noch bunter. Es geschieht selten, dass ich mich unwohl fühle irritierende Literatur in der Öffentlichkeit zu lesen, aber bei den Darstellungen in Ehe, Hetärentum und Knabenliebe von Dr. Carola Reinsberg hab ich mich durchaus umgeschaut, ob eh niemand reinsieht. Holla, die Waldfee!
Wenn man bedenkt, dass es nur akzeptierte und verträgliche Darstellungen in der Regel auf die Vasen geschafft haben, bekommt man eine Idee, was hinter den Kulissen ablief. Bitte lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf! Problematisch war dabei aus Sicht der griechischen Patriarchen nicht die Art des Geschlechtsverkehrs an sich, sondern die Frage der Penetration. Ein kleiner Crashkurs:
Der springende Punkt ist nämlich: Unter keinen Umständen darf ein Mann seine Männlichkeit kastrieren, indem er Dinge tut, die weibisch sind oder nicht dem Manne dienen. Gegen eine Orgie mit Hetären (Sexarbeiterin irgendwo zwischen Dirne und Geisha) und Lustknaben im vollbesoffenen Delirium war nichts einzuwenden; sich erniedrigen durch Cunnilingus bei der Frau? Keinesfalls. In derselben Logik durfte man den Oberschenkel eines Jünglings für den Weltfrieden rammeln, denn es handelt sich technisch gesehen noch um keinen Mann. Darum mussten es Knaben sein. Geht Ihnen schon ein Licht auf?
Vielleicht fragen Sie sich: Wieso dann nicht einfach bei Frauen oder Mädchen bleiben? Immerhin wurde mit 14 Jahren verheiratet, falls die Jugendlichkeit der springende Punkt wäre – Pfui, da wäre Aristoteles sehr enttäuscht von Ihnen! Wie soll man denn mit so einem minderbemittelten Ding wie einer Frau eine ernsthafte tiefgreifende Beziehung eingehen? Die Homoerotik der Griechen war wohl – ich gebe zu, mich hierbei auf heißumkämpftes Terrain zu begeben – wenn auch ein Spezialfall der Homosexualität, primär doch ein ganz gewöhnlicher Fall von Frauenhass.
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| Kapitel: | 4 | |
| Sätze: | 188 | |
| Wörter: | 4.332 | |
| Zeichen: | 26.816 |
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