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Vom Zwang der freiwilligen Selbstkontrolle

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06.08.19 08:12
Fertiggestellt

Normalerweise soll man seine Witze ja nicht erklären, aber was nutzen Witze, wenn niemand sie versteht? Dann muss man sie entweder in die Tonne treten oder erklären. Wenn man aber alles in die Tonne tritt, was nicht verstanden wird, werden wir hier nie ein Niveau erreichen, das irgendwie… interessant ist. (Und „interessant“ meint hier: „sachlich-divers“ und „sachlich“ im Gegensatz zu „persönlich“, also weniger nach innen als nach außen gekehrt, eine Beziehung und den Austausch suchend...)

In meinem letzten Gedicht (30 Jahre Deutschland) hab ich eine Zeile drin, die heraussticht, weil sie auf Englisch formuliert ist: „Replace disciplin with control“.

Dahinter steckt eine politische Theorie von Gilles Deleuze aus dessen Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“.

Er baut dabei auf Michel Foucaults Beschreibungen der von ihm so genannten „Disziplinargesellschaft“ des 18. und 19 Jahrhundert auf und weist auf eine Entwicklung hin zu einer „Kontrollgesellschaft“ im späten 20. Jahrhundert hin.

Was bedeuten diese beiden Begriffe? Es geht um Machtstrukturen und Hierarchien.

Die Disziplinargesellschaft ist gekennzeichnet durch starke Institutionen, die von oben und von außen Druck ausüben. Das können staatliche Institutionen sein, aber auch religiöse oder wirtschaftliche. Die Institutionen sind konkret zu benennen: Schule, Fabrik, Kirche, Nervenheilanstalt, Gefängnis… Das Individuum ist ihnen unterworfen, wird von ihnen „diszipliniert“.

Die Kontrollgesellschaft dagegen ist gekennzeichnet von aufgebrochenen Strukturen und „Werten“ an Stelle von Regeln. Die Institutionen verlieren an Macht, dem Individuum wird mehr Eigenverantwortung zugemutet. Aus der Fabrik sind Unternehmen geworden, mit denen man sich zu identifizieren hat (in die Arbeiterbewegung, in der sich Arbeiter verschiedener Fabriken solidarisiert hatten, ist das Konkurrenzdenken des Unternehmers eingezogen.) Jeder ist jetzt sein eigener, kleiner Entrepreneur und steht im Wettbewerb mit seinem Nachbarn, seinem Kollegen, seinen Mitschülern…

Nur scheinbar hat eine Individualisierung stattgefunden, denn an Stelle der Solidarität ist die gegenseitige Kontrolle, bzw. die Selbstkontrolle getreten.

„Werte“ sind an Emotionen geknüpft und haben den Ruf, sinnvoll und vernünftig zu sein, während „Regeln“ eher willkürlich erscheinen. Deshalb ist es sympathischer, sich Werten als Regeln zu unterwerfen. Sogar freiwillig, denn es winkt die Anerkenntnis der Gesellschaft als Lohn. Im Gegenzug droht Ausschluss, Anprangerung, Schelte und Missbilligung bei Missachtung.

Auf Werte hat sich die Gesellschaft geeinigt, Regeln wurden ihr hingegen aufgezwungen. Deshalb wirken sie demokratisch legitimiert und die Gesellschaft fühlt sich im Recht, den Abtrünnigen „asozial“ zu nennen.

Kontrolle wird nicht von oben oder von außen ausgeübt, sondern kommt aus der Gesellschaft selbst. Wir kontrollieren uns. Ich kontrolliere euch, ihr kontrolliert mich. Wir alle haben Angst davor, einander nicht zu gefallen, denn außer uns ist da nichts. Und wenn ich nicht mehr zu uns gehöre, wo gehöre ich dann hin?

Der Liberalismus, der in den letzten Jahrzehnten den Konservatismus abgelöst hat, bietet weniger Reibungspunkte, ist freundlicher, bietet mehr Freiheiten, Möglichkeiten, Chancen, ist jung und hip und progressiv – was natürlich nicht bedeutet, dass am Ende jeder etwas vom Kuchen abbekommt, aber wenn man eine Chance gehabt hat, darf man sich nicht mehr beschweren. Man ist selbst schuld. Man ist selbst verantwortlich.

Scheinbare Freiheiten erweisen sich als Falle, das Individuum, das gerade noch seine Individualität feiern durfte, ist ganz schön auf sich allein gestellt, bei gleichzeitiger, permanenter Beobachtung und Bewertung.

Konkret wurde diese Vision spätestens mit der Umsetzung der Hartz-Reformen in Deutschland, früher schon mit Bill Clinton in den USA, New Labour in Groß-Britannien und aktuell mit Emmanuel Macron in Frankreich. Interessant ist, dass diese Entwicklung als Gegenbewegung zum muffigen Konservatismus von ehemals oder scheinbar linken Parteien vollzogen wurde. Sie begann in den 90ern und ist (glaube ich) an ihrem Ende angelangt, was man an der Wahl von Donald Trump und dem Ergebnis des Brexit-Referendums ablesen kann (alles eher Hilferufe als Überzeugungstaten).

Was bleibt, ist eine Mentalität und Menschen, die sich nicht mehr vorstellen können, nicht einander grundsätzlich feindlich oder wenigstens skeptisch gegenüber stehen zu müssen.

Ich gebe ein Beispiel aus der Popkultur, denn Pop ist politisch und Politik ist Pop (im Sinne von populär - "die Bevölkerung (populus) betreffend"). Als in der ersten Hälfte der 90er-Jahre Stimmen laut wurden (u.a. Heinz-Rudolf Kunze, The Scorpions), eine Radioquote für Musik aus Deutschland einzuführen und das mit einer jungen, intelligenten Musikszene (u.a. Blumfeld, die Sterne) begründet wurde – also ein Ruf, die Institutionen (Staat, Rundfunkanstalten) mögen Gesetze zu ihren Gunsten erlassen -, folgte die Retourkutsche auf dem Fuß. Man weigerte sich, sich vereinnahmen zu lassen und die Sterne veröffentlichten den Song „Scheiß auf deutsche Texte“. Die Radioquote kam nicht.

Nur wenige Jahre später wechselte die Regierung und Gerhard Schröder setzte einen Popbeauftragten (Sigmar Gabriel – ja wirklich, der!) ein, der die Popkultur aus Deutschland fördern und in Bahnen lenken sollte. Im gleichen Jahr (2003) wurde die Popakademie in Mannheim gegründet und verschiedene Bands mit Fördergeldern gesponsert (*hust* Wir sind Helden).

Das Ergebnis sind Gruppe wie die Sportfreunde Stille oder Mia., die kein distanziertes Verhältnis zu Deutschland mehr haben. Songs wie „Heimatlied“ (okay, das war schon im Jahr 2000) oder „Was es ist“ (2003), sollten ganz offen ein positives Deutschlandbild vermitteln, das jung, harmlos und hip sein sollte. Wieder kurze Zeit später, versank das Land im WM-Sommermärchen-Taumel aus Schwarz-rot-gold. Mit Grusel erinnert man sich an die Image-Kampagne „Du bist Deutschland“ und die erneute Diskussion um eine Radioquote – immerhin habe man jetzt ja eine national- und selbstbewusste Popszene in diesem Land.

Auch dagegen gab es Widerstand, aber die Gegenkampagne „I can’t relax in Deutschland“ zündete nur halb. „Und betreten neues, deutsches Land“ (Mia.) klang wohl irgendwie sympathischer als das verkrampfte „Aber hier leben, nein danke“ (Tocotronic).

Noch Ende der 80er hatte die Band „Kolossale Jugend“ ein T-Shirt mit der Aufschrift „Halt’s Maul, Deutschland“ (übrigens deshalb nicht „Deutschland, halt’s Maul“, weil man fürchtete, wenn jemand seine Jacke halb geschlossen hatte, könnte man nur „Deutschland“ lesen. Darüber hat man sich in der Prä-Twitter-Ära Gedanken gemacht.) produziert. Im Jahr 1996 wurde das Lied „Liebe wird oft überbewertet“ von den Lassie Singers vom Musiksender Viva abgelehnt, weil sie das Wort „überbewertet“ zu intellektuell fanden. Künstler und Institutionen misstrauten sich also gegenseitig.

Diese Misstrauen schimmert auch durch die Bandnamen, Songtexte und Titel der Popkünstler der frühen 90er: "Reformhölle" (Cpt. Kirk &), "Sie wollen uns erzählen" (Tocotronic), "Und jetzt auch noch dieser Deutschland-Quatsch" (Huah!), "L'Etat et moi" "Ich hab Angst vor Europa, den USA und der Nato" (Blumfeld), Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs (nach einer Bildschlagzeile), "Alle Feind" (Kolossale Jugend). Die popkulturelle Reaktion auf die neoliberalen Grausamkeiten der Thatcher-Regierung in Groß-Britannien nannte sich Punk, die spätere Anbiederung an staatliche Institutionen "Cool Britannia" oder Britpop. (Unvergessen das Händeschütteln von Noel Gallagher mit Tony Blair.) In den USA war Grunge und die RiotGrrrl-Bewegung eine Gegenbewegung zum Konservatismus von George Bush sen. Bill Clinton dagegen zeigte sich gerne selber Saxophon-spielend.

Anfang der 00er setzte die Vereinnahmung der Popkultur durch staatliche Institutionen auch in Deutschland ein. Es wurde daraufhin aber nicht weniger, sondern mehr Popmusik (mit deutschen Texten) produziert. Statt einer festen, greifbaren Quote, gegen die man protestieren konnte, gibt es nun freiwillige Selbstverpflichtungen und eine Umdeutung eindeutig schlagerhafter, einlullender, wenig kontroverser Musik zu Pop ("die neuen, deutschen Poppoeten"). - Und natürlich steckt auch dahinter Kalkül.

Statt Zensur gibt es Nudging, statt Strafe für Fehlverhalten Belohnung für Anpassung. Der ehemalige Gegner, generiert sich nun als Verbündeter. Die Skepsis gegenüber Institutionen ist einer Zusammenarbeit mit eben diesen gewichen. Künstler lassen sich einspannen und profitieren genauso wie die Institution, für die sie werben. Allerdings gibt es halt Werte, an die man sich zu halten hat, wenn man gefördert werden will - wenn es schon keine Regeln mehr gibt, die man brechen könnte, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Im Jahr 2011 war Kristof Schreuf (Ex-Kolossale Jugend) mit seinem Solo-Album für den Kritikerpreis beim Echo nominiert. Andere nominierte Künstler (in den anderen Kategorien) waren u.a. Unheilig, Frei.Wild, Ich+Ich, Silbermond, Revolverheld, Lena… Weil Schreuf inzwischen so unbekannt war (bis 2010 hatte er nicht mal eine Wikipedia-Seite - und wäre damit vermutlich der perfekte Schutzheilige aller deutscher Fantasy-Autorinnen), fühlten sich daraufhin Zeitungen genötigt, mal zu recherchieren, wer dieser komische Typ überhaupt ist, der da im Pop-Zirkus des neuen, selbstbewussten Deutschlands, anscheinend überhaupt keine Rolle spielt und trotzdem gute Musik zu machen scheint… Wie kommt das nur? Bezeichnend. Der Mann, der innovativen, intelligenten Pop mit deutschsprachigen Texten (mehr oder weniger - zusammen mit den Fehlfarben und Ton Steine Scherben) erfunden hat, läuft unter dem Radar, während geförderte, gecastete und offen patriotische Künstler sich selbst kritiklos (denn der Echo war ein Verkaufszahlen-Preis, vom Kritikerpreis abgesehen) feiern und feiern lassen. Schreuf, der sich immer gegen Vereinnahmung gewehrt hat, hat dennoch etwas losgetreten, das dazu führte, dass andere sich gerne vereinnahmen lassen.

Zwei Jahre später starteten Mia. und Kraftklub u.a. einen Boykottaufruf gegen den Echo, weil Frei.Wild eingeladen waren und vermutlich auch gewonnen hätten. Auch diese Aktion fand ich nicht so klug. Wenn der Echo als Veranstaltung, Preis und Institution es zulässt, dass eine Formation wie Frei.Wild in ihr und nach ihren Regeln geehrt wird, dann stimmt etwas nicht mit ihr. Frei.Wild einmalig auszuschließen (in allen folgenden Jahren waren sie wieder nominiert und im Jahr 2016 gewannen sie sogar einen Preis), ändert nichts an der grundsätzlich beschissenen Situation, dass in diesem Land patriotische Bands haufenweise Platten verkaufen, ohne dass das von der Industrie als Problem empfunden wird.

Es ist also keinesfalls so, dass die Institutionen in der Kontrollgesellschaft abgeschafft sind, sie generieren sich nur als Teil von uns, als durch uns geprägt und von uns belebt. Wir üben die Herrschaft über uns nun selbst aus. So wird es schwerer, Herrschaft als solche zu hinterfragen, denn wir müssten uns ja gegen uns selbst verschwören (vgl. das entsprechende Lied von Tocotronic).

Man hört allenthalben, dass in diesem Land keine Zensur stattfindet, weil es keine entsprechende Institution (mehr) gibt, weshalb die Forderung nach (freiwilligen) Kontroll- und Sicherheitsmechanismen in der Kunst (namentlich: der Parental Adversory–Aufkleber oder die Forderung nach Triggerwarnungen auf Büchern), nicht als Zensur, sondern als Ausdruck der Freiheit, nicht belästigt zu werden, (um-)gedeutet wird.

Das ist ein Beispiel, wie Selbstkontrolle zum Herrschaftsinstrument wird, das wir sogar begrüßen. Law and Order hat ausgedient, ist unsexy, ein bisschen zu rechts, zu brutal, aber sicher wären wir doch gerne überall und zu jeder Zeit. Deshalb lieber Überwachungskameras und Fitness-Tracker. Wir wollen die Kontrolle, weil wir uns sicher fühlen, wenn wir kontrolliert werden. Vielleicht misstrauen wir uns sogar selbst und richten unser Leben deshalb nach Trends und dem aus, was andere für gut befunden haben – zum Beispiel durch Produktbewertungen, die uns wiederum suggerieren, der Verbraucher hätte Macht und Einfluss und die Unternehmen würden ja nur unsere Interessen befriedigen.

Eine Disziplinargesellschaft hatte zumindest die Möglichkeit, gegen die Institutionen aufzubegehren, ohne dafür von der Gesellschaft zwingend Unmoral vorgeworfen zu bekommen. Disziplinlose Menschen konnten zu Stars oder Helden werden, konnten von unten kritisieren oder sich lustig machen. Über nicht wenige von ihnen sind Filme gedreht worden, um uns heute ein wohliges Gefühl davon zu vermitteln, dass einzelne ja so viel bewegen können. Dass diese Menschen (und ihre Mitstreiter) harte Kämpfe gegen die Institutionen führten, die sie heute feiern, wird zum Plotdevice degradiert.

In der Kontrollgesellschaft ist jedes Aufbegehren ein Aufbegehren gegen die eigenen Leute und sich selbst. Wer sich nicht kontrollieren lässt, ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Es herrscht ein Klima der Angst vor nicht kontrollierbaren Elementen.

Und wir können derartiges tagtäglich beobachten: Es sind ganz banale, keine Dinge, die uns gar nicht irritieren, auf die wir aber achten sollten. Nicht nur die fortwährende Panikmache und Empörung in den sozialen Medien, die bestimmt nur teilweise ein gruppendynamischer Prozess sind und die uns wachhalten und ablenken sollen, sind Teil einer Strategie, um unsere Angst und unser Misstrauen voreinander aufrechtzuhalten.

Menschen, die auf Twitter Crowdfunding-Kampagnen starten, um sich ihr Hobby finanzieren zu können. Man kämpft nur noch für sich allein, die eigene, persönliche Situation, nicht generell für bessere Arbeitsbedingungen für alle, bessere Bezahlung, mehr Freizeit. Statt bessere Vorsorge und Präventivmaßnahmen zu fordern, kaufen wir uns ohne zu Murren Faszienrollen, wenn es schon zu spät ist. In den USA sind Spendensammel-Aktionen für schwer kranke Menschen längst alltäglich - so abartig schlecht ist deren Gesundheitssystem.

In Verlagsverträgen in den USA gibt es inzwischen Moral-Klauseln, die es den Verlagen ermöglichen, den Autor sofort zu droppen, wenn es zu einem Shitstorm kommen sollte. So ist der Verlag/die Institution vor Image-Schäden geschützt, der Name des Autors darf jedoch schutzlos verbrennen. So stelle ich mir keine vertrauensvolle und kreative Zusammenarbeit vor.

Menschen, die zu Boykotten von Zeitschriften aufrufen (oder noch schlimmer: fordern, einzelne Autoren zu feuern, weil sie es verlernt haben, sich mit kritikwürdigen Institutionen auseinanderzusetzen, weswegen sie diese rein zu halten versuchen), weil ihnen ein Artikel nicht passt. Statt das Gespräch zu suchen, „interessante“ Auseinandersetzungen zu führen, wird ein Pranger aufgebaut und gehofft, dass andere dem Aufruf nach Verdammnis folgen. Gesetze sind nicht mehr so wichtig, maßgeblich ist der moralische Kompass der Masse. Wenn sie etwas nicht billigt, kann das Grundgesetz noch so deutlich von Kunst- und Meinungsfreiheit reden, es muss verschwinden.

Die allgegenwärtigen Aufrufe, doch bitte persönlich etwas gegen den Klimawandel zu tun – durch bewussten Konsum und Eigeninitiative – auch kleine Beiträge helfen! Nun… Nein. Den Fokus auf kleine Beiträge, das individuelle gute Gewissen und die öffentliche Selbstdarstellung (als letztes Symbol der Individualität) zu legen, sorgt dafür, dass die großen Schweinereien unseres Wirtschaftssystem weiter unter dem Radar laufen und durchgewunken werden. Wenn behauptet wird, der Verbraucher habe die Macht, etwas zu verändern, klingt das vielleicht empowernd, bedeutet aber nur, dass ehemalige Institutionen – heute: Unternehmen – sich aus der Verantwortung stehlen. Sie haben ihre Macht nur scheinbar aufgegeben und freuen sich jetzt darüber, dass in der liberalen Gesellschaft Eigentum immer weniger verpflichtet. Der Kunde ist König und wir tun nur, was er will. Sorry, können wir nichts machen.

Das individuelle Engagement kann niemals das bewirken, was Gesetze, Regeln und Verbote bewirken. Gleichzeitig ist es leichter, sich gegen unsinnige Gesetze und Verbote zu wehren als gegen ein gerade gehyptes Engagement (das sowieso immer kurzfristigen Moden unterworfen ist und damit sowieso keinen sicheren, verlässlichen Beitrag zum Klimaschutz oder zum Kampf um soziale Gerechtigkeit leisten kann).

Wer ein persönliches Engagement aber kritisiert, ist ein Miesmacher, ein Spielverderber, asozial, potenziell gefährlich, dabei vergessen wir, dass auch solche Menschen, Menschen mit anderen Ansichten, falschen Vorstellungen, dummen Meinungen, anderen Schwerpunkten, zu unserer Gesellschaft gehören.

Sie auszuschließen, bedeutet, dass sich Parallelgesellschaften (im Unterschied zu Subkulturen, die immer im Kontakt und im kritischen Austausch mit dem Mainstream stehen) entwickeln – darunter gefährliche Bewegungen im rechtsextremen Spektrum. Es bringt nichts, die Augen vor dem zu verschließen, was man nicht sehen will: Da sind Nazis und Verschwörungstheoretiker in diesem Land und die sind ziemlich gut organisiert. Und die gehören zu diesem Land und zu unserer Gesellschaft. Die ist nämlich nicht uneingeschränkt gut und hat automatisch immer Recht, wenn sich eine Mehrheit findet – oder zumindest eine laute Gruppe.

Wir sind darauf konditioniert, statt Strukturen Details wahrzunehmen, statt Hintergründen und Zusammenhängen nur vordergründige Handlung und Einzelaussagen. Wir denken an unseren Vorteil, aber nicht daran, wie es kommt, dass wir den überhaupt brauchen. Das alltägliche Leben ist unübersichtlich, schnell und anstrengend geworden. Wir knüpfen zwar Netzwerke, aber nur, um persönlich davon zu profitieren, Einfluss zu nehmen, gehört und gesehen zu werden. Alles ist ein Geschäft, Nutzloses wird skeptisch beäugt. Wir zählen unsere Schritte, lassen unseren Schlaf aufzeichnen, gehen zum Yoga, um sicherzustellen, dass wir frisch, gesund und optimiert sind, um weiter nützlich sein zu können. Es ist uns unangenehm, wenn wir dabei erwischt werden, wie wir faul sind. Wir müssen uns Vorwürfe anhören, stehen ständig unter dem Druck einerseits zu gefallen, andererseits die Konkurrenz auszustechen.

Sicher ist auch die Disziplinargesellschaft kein Paradies, aber sie bietet doch mehr Freiräume und mehr Sicherheit durch weniger Angst. Vielleicht liegt es an den klareren Feindbildern und Abgrenzungen zwischen den Hierarchiestufen, daran, dass man hier weniger eitel sein muss, um wertgeschätzt zu werden.

Die Angst ist – glaube ich – der Kitt der aktuell noch unsere Netzwerke und Beziehungen zusammenhält. Angst getarnt als Freundlichkeit, Angst getarnt als Wut oder als Besserwisserei. Angst davor, unterzugehen, ausgeschlossen zu werden, übersehen und zurückgelassen zu werden, angeprangert, fertiggemacht, überführt zu werden.

Gleichzeitig sind wir uns permanent unsicher, ob wir das richtige getan oder gesagt haben. Wir fürchten uns vor nicht kalkulierbaren Konsequenzen, für die wir zur Rechenschaft gezogen werden und für die man uns fallen lässt, wenn der Wind sich gegen uns wendet. Also sagen wir lieber nichts oder plappern irgendwas nach, das schon von vielen anderen gesagt wurde - weil: dann muss es ja stimmen. Durch Wiederholung hoffen wir, Wahrheit schaffen zu können. Wir sehnen uns nach Überzeugung – oder zumindest danach, dass niemand uns unseren Glauben durch Gegenrede in Frage stellt.

Wir sind gegen das „Interessante“ (das Anziehende, das Einen-ins-Außen-ziehende) und für das „Eigene“ (das Zurückgezogene, das Auf-sich-bezogene).

Jetzt können wir uns also ergeben und mitspielen, Teil der Gesellschaft sein und versuchen, aus ihr heraus sie zu verbessern, indem wir mit ihren Mitteln und mit ihrem Wohlwollen agieren, oder wir schaffen uns Freiräume, in denen auf Augenhöhe gestritten werden kann.

Bitte verwechselt an dieser Stelle nicht „Freiraum = Alles darf gesagt werden“ mit „Freiraum = alles darf kritisiert werden“.

Wenn alles gesagt werden darf (ohne, dass man es angreifen darf, weil das ja Tugendterror wäre), endet man beim Modell AfD, das sich immer weiter radikalisiert, weil moderate Kräfte sich irgendwann aus dem Diskursprozess zurückziehen.

Stattdessen möchte ich eine Kultur etablieren, in der alles (sachlich) kritisiert werden darf, ohne dass man sich persönlich beleidigt und empört zurückzieht. Dabei muss klar sein, dass, wer mit Emotionen und Moral argumentiert, keine Basis für ein gleichberechtigtes, auf gegenseitigem Interesse beruhendes und lösungsorientiertes Gespräch schafft. Emotionen sind Totschlagargumente, mit denen man vorzeitig und für alle unbefriedigend Diskussionen beendet.

Ein Freiraum muss auch Platz schaffen für Unschönes, für Dinge, an denen man seine eigene Toleranz testen kann. Kritik darf nicht mit Verbot enden, sondern sollte nach Möglichkeit überzeugen oder zumindest eine Gegenposition formulieren.

Kreativität lebt davon, dass Fehler gemacht und verbessert werden dürfen. Aus Fehlern entsteht Neues, gegen Unschönes kann man Schönes produzieren. Es ist ein kommunikativer Prozess, ein Sich-mit-dem-Außen-beschäftigen, statt immer nur Nabelschau zu betreiben.

Ein solcher Freiraum können zum Beispiel Plattformen wie StoryHub sein, wenn sie sich nicht mit gutgemeinten Richtlinien überfrachten.

Kürzlich las ich, dass das Wort „Mädchen“ für „junge Frau“ einen Aufreger wert ist. Ich habe dazu eine lange Tweetkette geschrieben, die ich hier nicht wiederholen möchte. Quintessenz ist jedoch, dass solche pauschalen Handlungs- und Bezeichnungsanweisungen nicht nur die Kreativität, sondern ganz generell den Handlungs- und Entfaltungsspielraum einschränken. Wer kein Mädchen sein darf und Frau sein muss, der muss auch erwachsen sein, Verantwortung tragen, rational handeln, bedächtig und seriös sein. Wild, verrückt, kreativ, experimentierfreudig und laut gehören nicht mehr zu den Erwartungen, die man an „Frauen“ richtet, Eigenschaften, die man „Mädchen“ aber vielleicht hätte durchgehen lassen. Auch hier findet Selbstkontrolle durch eine Erwartungshaltung der Gesellschaft an das Individuum statt. Seriosität wird als etwas Erstrebenswertes verkauft, als etwas, wofür man Frauen endlich ernst nimmt. Dass darin ein Spaßverbot enthalten ist, merkt man fast gar nicht und ganz nebenbei hat man die ganzen verrückten Mädchen gebändigt, ihnen ein Rolemodel an die Hand gegeben und ihnen eingeredet, dass sie sich doch endlich mal anständig verhalten sollen.

Die Hilflosigkeit, die in der Reaktion (Heidi Klum sagt „Mädchen“, also ist das Wort für immer verbrannt!) steckt, ist ein Indiz für einen inneren Konservatismus (das „Reaktionäre“), der vielleicht eine Folge der Verunsicherung im Liberalismus ist. Statt Ideen zu entwickeln, das Wort „Mädchen“ wieder emanzipatorisch zu besetzen, schreibt man das Wort einfach ab. Wenn wir das mit jedem Wort tun, das irgendwer mal sagt, den wir nicht mögen, haben wir am Ende keine Stimme und keine Sprache mehr. Verweigerung ist nicht mit Boykott zu verwechseln. Haltung nicht mit beleidigtem Rückzug, sobald etwas passiert, das man nicht mittragen will.

Ein Freiraum gibt nicht vor, was erstrebenswert ist, sondern wartet ab, was geboten wird, um sich dann zu entscheiden, ob man mitgehen oder kritisieren möchte. Vorauseilender Gehorsam ist Gift für jede Kultur.

Wir müssen uns entscheiden. (Und auch hier muss unterschieden werden zwischen einer Wahl, zwischen zwei vorgegebenen Möglichkeiten, und einer Entscheidung, die eigene Lösungswege zulässt.) Wie wollen wir umgehen mit Situationen, in die wir unweigerlich geraten? Wie wollen wir umgehen mit Institutionen, die uns umschmeicheln, weil sie etwas von uns wollen? Wie wollen wir umgehen mit Unangenehmem? - Zum Beispiel mit Xavier Naidoo. Dem wurde von der Popakademie Mannheim die Zusammenarbeit gekündigt, nachdem sich herausstellte, was für krude Ansichten er vertritt. Aber bedeutet "Weg vom Fenster" wirklich "Weg aus den Köpfen"? Xavier Naidoo mag zu kritisieren sein, aber nur weil die Popakademie oder wer auch immer beim NDR auf die seltsame Idee gekommen ist, ihn für Deutschland zum ESC schicken zu wollen (was dann ja auch nicht passiert ist), sich von ihm reinwaschen wollen, heißt das ja nicht, dass Popakademie oder ESC in irgendeiner Form relevant sind oder sein sollten. Lange genug haben die mit dubiosen Menschen zusammengearbeitet, sodass man durchaus argwöhnen kann: Die Distanzierung passierte nur aus Imagegründen und wegen des "gesellschaftlichen Drucks". Naidoo wurde fallen gelassen. Ein Bauernopfer ohne weitere, tiefergreifende Konsequenzen. "Schau wie du klarkommst, mit dem, was du dir eingebrockt hast!" Ich persönlich hätte es gut gefunden, Xavier Naidoo weiter zu hofieren. Es hätte die Absurdität von Institutionen wie der Popakademie und dem ESC überdeutlich ausgedrückt.

Trotzdem fürchte ich, dass es kein Patentrezept für den Umgang mit Unangenehmem gibt, sondern er von akuter Situation zu akuter Situation von jedem Einzelnen immer wieder neu erarbeitet werden muss.

Auch Standpunkte sind nicht statisch, können sich verändern mit oder gegen den Zeitgeist und wir müssen akzeptieren, dass es diesen Wandel gibt, dadurch Altes aber nicht falsch, schlecht oder ungültig wird, sondern lediglich unmodern oder unzeitgemäß. Schließlich kann man auch durch Umdeutung die Fakten der Vergangenheit nicht verändern, höchstens interpretieren und aufzeigen, in welchem Kontext sie einmal gestanden haben.

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Ein Text über Disziplinar- und Kontrollgeselschaft, scheinbare Individualität, Machtstrukturen, Freiheit und Liberalismus.