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Ein Fantastischer Adventkalender (2018)

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19.12.2018 17:38
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Die Holzhütte hoch im Norden war vom Schnee ganz eingedeckt. Weiß türmte er sich auf dem Dach; weiß verbarg er die Tür. An der Wand zählte der Adventskalender die Zeit, die einsamen Stunden, die der einzige Bewohner allein hier verbrachte. Denn bei diesem wilden Wetter kam niemand hinein oder heraus, außer… Tapp, Tapp. Die Fußabdrücke in der Schneedecke waren gigantisch. Flocken verfingen sich im weißen Fell der riesigen Gestalt. Mühelos öffnete der sagenumwobene Yeti die Tür, trat ein. Drinnen zitterte – niemand. Schnell ging der Yeti hinüber zur Wand, öffnete das Fenster des Adventskalenders. Wieder kein Besuch heute. Doch zumindest Schokolade!

„Gabis ist noch immer der Beste“, sagte der Mann, über die Tasse gebeugt, von der heißer Dampf aufstieg. Die festlich geschmückte Schenke war voll.

„Hast Recht, Marius“, pflichtete sein Geliebter ihm bei, „Einen besseren Würzglühwein findest du nirgends.“ Doch Marius hörte nicht mehr zu.

„Josef, beim Allmächt’gen!“ murmelte er. Josef folgte stirnrunzelnd seinem Blick und traute seinen Augen nicht. Da stand ein Pferd vor der Bar! Doch nein. Das war kein Pferd! Sein Oberkörper war menschlich und es winkte ihnen mit einer Tasse in der Hand zu.

„Ein frohes Fest“, wünschte der Zentaur ihnen und trank von seinem Glühwein, „Lecker!“

„Er ist wunderschön“, meinte der Küster und betrachtete ehrfurchtsvoll den menschengroßen Weihnachtsengel an der Krippe.

„Ja, die alten Holzfiguren besitzen ihren eigenen Charme als ob die Zeit ihnen nichts anhabe“, antwortete der Priester schwärmerisch.  

Für einen Augenblick verfielen beide in andächtiges Schweigen, während Myrrhe und Weihrauch sie umwehten. Dann bekreuzigten sie sich und schlichen davon. Sie sahen nicht, dass sich im Halbdunkel hinter ihnen etwas regte. Vier mächtige Pranken berührten den Boden der leeren Kirche. Vom gefiederten Kopf erschallte der Ruf eines Adlers. Doch vor der Statue senkte der Greif ergeben das Haupt.

„Da bist du ja!“, flüsterte der Weihnachtsengel.

Die goldenen Briefumschläge mit den Tannenbäumen und Glocken lagen unberührt auf dem Tisch neben dem Blumentopf. Kein menschliches Auge las sie. Renate, die alte Dame, die in dem Pflegeheimzimmer lebte, war noch nicht dazu gekommen. Onkel Heiner, Tante Helene, die Enkel Lisa und Kevin, all ihre festlichen Grüße blieben ihr noch verschlossen. Doch beugte sich ein Köpfchen über die Zeilen. Neugierig neigte der Weihnachtsstern die Blätter, ganz sacht nur, ganz zart. Was die Menschen einander wohl schrieben? Zeilen voll Liebe und Glück? Ach, wie neidete der Weihnachtsstern der alten Dame das Glück. Warum eigentlich bedachte niemand Blumenelfen mit frohem Segen?

Naomi riss das Fenster auf. Kühle Winterluft strömte ihr entgegen, erfrischte ihre Sinne. Einmal tief atmete sie durch, schenkte der Nachbarin ein Lächeln und machte sich wieder ans Werk. Schachteln, goldene und silberne Schleifen, Geschenkpapier mit Glocken, Sternen, Engeln und Tannenbäumen türmten sich auf dem Küchentisch. Routiniert nahm Naomi die Schere, schnitt Tesefilmstreifen ab und wollte das nächste Weihnachtsgeschenk verpacken. Doch kam sie nicht dazu. Auf einmal brauste es im Zimmer. Windböen zerfledderten das Papier, wirbelten die Bänder umher, hoben die Schleifen empor und ließen sie fallen. Ein leises Kichern, Kinderlachen gleich erfüllte die Luft. Auch die Sylphen liebten Weihnachtsgeschenke!

Er stapfte durch den Schnee. Der Sack auf seinem Rücken wog schwer. In der Dunkelheit schimmerte das goldene Buch. Von Haus zu Haus ging er, pochte an jede Tür. Wohnte ein Kind unter dem Dach, trat er in die Stube, schlug das Buch auf und fragte: „Warst du auch schön brav gewesen?“. Und war es brav, öffnete der Nikolaus den Sack. Eine Fee flog empor und erfüllte dem Kind drei Wünsche. Doch wehe, das Kind war nicht artig, dann verhexte es die Fee und sieben Tage lang war ihm Pech beschieden. So war es wirklich gewesen. Und Ruten sind Flunkermärchen.

Vorsichtig legten die Finger eine Nuss in die Mulde. Beherzt griff die Hand den Hebel. Der Mann in der schnieken Uniform bewegte wie auf Befehl den Mund. Holz knackte, Schalen splitterten und eine braune Nuss purzelte hervor. Günther genoss die kleine Köstlichkeit. Vom Geld vom Amt blieb ihm nicht viel, um ein den Nikolaustag zu feiern. Doch Nüsse waren ein Muss. Ein Glück, dass er sich nicht umdrehte, sonst wäre er zur Salzsäule erstarrt. Denn noch ein Leckermaul leckte sich die Lippen. Und in ihrer Frisur zischelte es hungrig. Die Schlangen gierte es nach Nüssen. Medusa sah zum Fenster herein.

Sie trafen sich zufällig inmitten der Nacht, zwischen den Räumen, zwischen zwei Träumen aus Schrecken und Spuk. Auf leisen Sohlen schlichen beide dahin, auf schwarzen Flügeln schwebten sie herbei, um die Menschen in ihren Betten zu qäulen, ihnen dunkle Mären zu erzählen und in ihrem Spiel sich an ihnen zu weiden. Sie kam vom Mann. Er wollte zur Frau. Doch die Schwelle, auf der sie sich trafen, bannte beide. Ein Mistelzweig hing herab, ein wirksamer Zauber. Sie konnten keinen Schritt gehen, vollführten sie nicht das Ritual. So lagen Incubus und Succubus sich in den Armen, küssten einander unter dem Mistelzweig.

Ihre Augen glänzten träumerisch. Ein warmer Schein spiegelte sich darin, ein flackernder Schimmer. Sie wartete still, in Andacht versunken. Zwei Lichter brannten schon, zwei blieben noch dunkel. Äpfel und goldene Kugeln zierten den Kranz, der noch immer nach Waldluft roch. Aus Tannenästen und Fichtenzweigen war er gewunden und maß einen Meter. Die Beine des Tischs, auf dem er lag, waren gefällte Baumstämme, die Platte ein einziges Parkett. Liebevoll streichelten die Hände, groß wie Bettkissen, die winzigen Früchte im Nadelgrün. Ein Lächeln erschien auf Lippen, rot und schlauchbootgroß. Die Riesin feierte. Feierte den zweiten Advent, wartete still auf die Heilige Nacht.

Daniel schob seinen Rollstuhl ganz nahe ans Fenster. Die bunten Spiegelungen verwandelten die Scheibe in ein Farbenmeer. Gelb, Grün, Blau, Pink. Er lächelte. Wie schön die Birnchen der Lichterkette bei Nacht doch leuchteten. So fröhlich wie ein… wie ein Regenbogen. Daniel hielt den Atem an. Dort im Garten, zwischen den schneebedeckten Bäumen, hatte sich etwas bewegt. Regenbogenschimmern in einer weißen Mähne.  Das Fell, der Schweif war aus glitzerndem Silber. Ein Einhorn! Ein Einhorn stand mitten im Garten und bewunderte die Lichterkette wie er. Kurz schnaubte es, dann trabte es davon. Daniel rieb sich die Augen. Das würde ihm niemand glauben!

„Alle Jahre wieder Schneeflöckchen Weißröckchen, oh Tannenbaum!“

Fröhlich singend zog Lucia durch die Straßen. Ihr Geldbeutel leer, das Fahrrad bei der Kneipe, der Weg durch Gässchen und über Fleeten alles andere als sicher. Doch das störte Lucia nicht, solange es Weihnachtslieder gab. Schwankend setzte sie sich auf eine Bank bei den Landungsstegen, trällerte im Schneeregen der Elbe etwas vor. Da plötzlich – Regungen im Wasser. Lucia traute ihren Augen nicht. War sie besoffen? Ein Fischschwanz, menschengroß, schnellte empor und der Oberkörper einer Frau. Augenblicklich verstummte Lucia. Doch die Nixe verzog das Gesicht.

„Ach, sing doch weiter, Menschenfrau, es war so schön!“

„Sieht süß aus!“, bemerkte Hevin und zwinkerte ihrer Mitbewohnerin zu.

„Scherzkeks“, gab Elvira zurück und leckte sich die Finger ab.

Das Werk war fertig. Schneebedeckte Ziegeln aus Printen und Zuckerguss, der Kamin aus Dominiosteinen, Weingummischindeln. Etwas fehl am Platze wirkte das Lebenkuchenhäuschen in der Gothicwohnung schon, zwischen all den finsteren Wasserspeiern. Doch Elvira war zufrieden. Hätte sie es bloß geahnt! Mitternacht. Keine Menschenseele wachte. Doch etwas regte sich im Regal. Der Gargoyle, er erwachte zum Leben und roch verführerisch den Zucker. Knusper Knusper Knäuschen, zu köstlich war das Häuschen. Hevin schrie im Morgenlicht. Das Leckermaul aber war wieder grauer Stein.

„Wenn die Kirchenglocken zur Christmette läuten, darfst du dir etwas wünschen“, so hatte der Großvater immer erzählt. Das Kind saß am Fenster, lauschte in die Nacht. Die Augen waren müde, doch wollten die Lider nicht zufallen. War es noch lang bis Mitternacht? Auf einmal hörte das Kind etwas. Feierlich ertönte der Glockenklang. Ein festliches Konzert überall. Das Kind bückte sich, holte die Lampe hervor. Eifrig rieb es daran. Da geschah es: Weiß und neblig erschien ihm der alte, legendäre Flaschengeist.

„Ich bin der Weihnachtsdschinn“, erklärte er, „Du darfst dir etwas wünschen.“

Das Kind lächelte. „Ich wünsch mir hundert freie Wünsche!“

Hastig schüttelten die Hände die Kugel. Schnee wirbelte auf. Schnee aus Glitzerpapier und Folie. Leise rieselte er auf den Wolf aus Gummi nieder, der zwischen den Tannen umherzuschleichen schien. Seine Gestalt war fein gearbeitet, wirkte nahezu lebendig. Menschliche Augen bestaunten ihn. Welch ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk, welch ein seltsames zugleich. Im Fenster hinter dem Weihnachtsbaum ging der Vollmond auf. Plötzlich ein Schrei. Die Schneekugel fiel aufs Sofa zum weihnachtlichen Geschenkpapier. Die Beschenkte krümmte sich, Fell spross aus ihren Poren, ihre Hände wurden zu Pfoten, ihr Gesicht zur Schnauze. Der Wolf in der Schneekugel aber blickte auf, etwas Menschliches in seinen Zügen.

Die Welt war ein Wintermärchen. Fasziniert betrachtete Bekir die Eisblumen: filigrane Blätterornamente auf seiner Windschutzscheibe. Dann stieg er ein, ließ den Motor an. Nichts geschah. „Verflucht!“, schimpfte Bekir. Wie sollte er jetzt zur Weihnachtsfeier in die Firma kommen? Ratlos blickte Bekir durch die Scheiben und musste blinzeln. Spielten seine Augen verrückt?! Durch die Blütenkristalle hindurch erkannte er ein Pferd. Einen Rappe mit Flügeln. Dieser nickte ihm zu als wolle er geritten werden. Eine Sekunde starrte Bekir den Pegasus an. Dann zuckte er mit den Schultern. Wenn nicht fahren, dann halt fliegen. Er stieg aus, saß auf und rief laut: „Hüa!“

Die Menschen ahnten es nicht. Sie ahnten nicht, welchen Gast sie sich ins Haus geholte hatten.

„Was meinst, du, Josi, noch mehr Kugeln?“

Marias Ehefrau, mit der Lichterkette zugange, schüttelte den Kopf. „Höchstens noch Strohsterne“ . Kurz danach betrachteten die beiden Frauen andächtig den geschmückten Baum.

„Wunderschön!“, bemerkte Josephine. Sie bestaunte die Krone und das volle Astwerk der Tanne. Auch Marias Blick war glasig. Der Waldgeist aber, von ihnen unbemerkt, blickte sich unsicher um in der Stube. Wo war die raue Erde, die kalte Schneeluft? Wo war Seinesgleichen? Die Freude der Menschen aber stimmte ihn milde. Ja, er war wunderschön!

Die Nacht war tief. Kalt blitzten die Sterne am Samthimmel. In der Ferne kräuselte sich Rauch von den Schornsteinen empor. Lautlos fielen Schneeflocken, bedeckten wie Flaum die schwarzen Baumgerippe auf dem Waldfriedhof. Selbst die Glocke der kleinen Kapelle läutete. Graf Fuhrbart streckte sich auf seinem Grabstein, sah hinab zum Dorf. Ihn gierte es nicht nach Vanillekipferl oder Glühwein. Seine scharfen Zähne wollten sich in Hälse bohren, Blut saugen. Und doch war er für einen Vampir in einer seltsam andächtigen Stimmung. Der Winterwald, das Sternenmeer, sie erinnerten ihn an etwas aus langvergessener Menschenzeit. Es war Mitternacht und es war Heilig Abend.

„Mir ist kalt“, klagte Riccardo und rieb sich die Jackenärmel.

„Wir könnten zu meiner Oma“, schlug Jamel vor und sah Jens an, „Sie wohnt unten im Dorf. Bestimmt hat sie auch Plätzchen“.

Der Abhang war lang, doch die Jungen sausten los, lachten auf ihren rasenden Schlitten. Plötzlich war Riccardo nicht mehr kalt. Er schwitzte sogar. Warmer Wind blies ihm in den Nacken wie Atem. Er hielt an, drehte sich und erstarrte.

„Was ist das?“, rief Jens angstbleich. Über ihnen schwebte eine riesige Kreatur, der Bauch grüngeschuppt, gewaltige Pranken. Riccardo wusste die Antwort. Es war ein Drache und er spie Feuer.

Kardamon, Anis, Zimt und Nelken. Die Luft staubte von all den Gewürzen. Elisabeth gab das Orangeat in den Teig, holte die Ausstecher. Sie war froh, all die Lebkuchen, Butterplätzchen und Makronen allein zuzubereiten. Menschenmassen verschaffen ihr Herzrasen, Schweißausbrüche. Die Backstube aber war ihr Reich. Doch… was war das?! Elisabeth rieb sich die Augen. Vielleicht war es der Staub, vielleicht war sie übermüdet. Für eine Sekunde glaubte sie, ein Wesen in der Ecke zu sehen. Löwenkopf, in der Mitte eine Ziege und der Schwanz einer Schlange. Doch als sie blinzelte, war die Chimäre verschwunden. Wie eine Fata Morgana im würzigen Staub…

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magicblue Am 02.12.2018 um 14:54 Uhr Mit 2. Kapitel verknüpft
Hihihi, sehr gutes Drabble. Dieses implizierte "Ist was?" von dem Zentaur, ich meine Zentauren sind doch auch einfach nur ganz normale Leute, die in eine Bar gehen :D
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Einself (Autor)Am 02.12.2018 um 17:23 Uhr
Natürlich! Also als Zentaur würde ich mich auch wundern, warum die mich so anglotzen. Ist doch ganz normal, in der Weihnachtszeit nen Glühwein zu trinken. Freut mich, dass dir Türchen 2 gefällt :)
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magicblues Profilbild
magicblue Am 02.12.2018 um 13:45 Uhr
Awwww, der arme Yeti, muss da ganz alleine in den Bergen leben ohne eine Menschenseele zu treffen und wenn er eine sieht, zückt sie bestimmt nur den Fotoapparat oder läuft schreiend davon.
Schönes Drabble:)
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Einself (Autor)Am 02.12.2018 um 14:52 Uhr
Ja, nicht? Ich glaube, wir sollten ihn besuchen. Was meinst du? :) Schön, dass dir das erste Türchen gefallen hat

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Statistik

Kapitel:19
Sätze:227
Wörter:2.060
Zeichen:12.456

Kurzbeschreibung

In literarischen Adventskalendern gibt es jeden Tag eine weihnachtliche Kurzgeschichte. So ist es auch in diesem. Und doch ist dieser ein bisschen anders. Denn hier heißt das Motto: Christmas meets Fantasy. Hinter den Türchen wimmelt es von allerlei Gestalten aus Märchen, Sagen und Mythologie. Und das mitten in der schönsten Weihnachtsstimmung! 24 Türchen - 24 weihnachtlich-fantastische Drabbles.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch im Genre Festliches gelistet.