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Die Flötistin

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25.05.20 19:53
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Wie beschreibt man einen Menschen, den man nur gehört, aber nie gesehen hat? Anhand seiner Geräusche und seiner allfällig hörbaren Bewegungen? Anhand seiner Taten oder aber nur anhand seines Spiels? Flöte spielt sie wie eine Weltmeisterin, darüber sind sich die Menschen im ganzen Tal einig. Schon seit Monaten umhüllt Musik die Umgebung, wie ein in der Landschaft vergessenes Transistorradio. Ob werktags oder am Wochenende. Am besten ist der Klang zu vernehmen, wenn der Wind weht und man genau dem Grundstück der Flötistin gegenübersteht, auf der anderen Seite des Flusses. Direkter Sichtkontakt ist kaum möglich; höchstens im Winter wieder. Wenn Büsche und Bäume pausieren, sieht man die abblätternde Fassade und das Scheunentor des alten Bauernhofs. Verweilt man an dieser Stelle, hört man die Flötistin, wie sie ihr Repertoire studiert, sich dem Kern einer jeden Passage nähert, und hört, wie sie unermüdlich übt.

In Gedanken versunkene Passanten, die zufällig mit dem Hund vorbeiflanieren, horchen erstaunt auf und lauschen interessiert. Leute aus der Gegend wissen Bescheid und gehen weiter.

Wie die Frau aussieht, weiß keiner. Möchte man’s herausfinden, müsste man den ganzen Weg dem Fluss entlang zur nächsten Brücke fahren, den kleinen Steg überqueren und auf der anderen Seite die gleiche Strecke zurückfahren. Womöglich nur, um beim Grundstück der Flötistin eine Verbotstafel vorzufinden oder eine Warnung vor dem bissigen Hund. So wichtig ist den meisten Menschen das Mysterium dann doch wieder nicht. Und doch: wer mag sie sein?

Die Nachbarschaft ist sich uneinig. Manche sprechen von einer Caroline mit lockigem Haar, die auch mal auf dieser Seite des Flusses gelebt haben soll und das Konservatorium besuchte, mit Schwerpunkt Flöte. Wer sollte es denn sonst sein? Liegt es nicht auf der Hand? Kugelrund soll sie geworden sein, einen Bauer geheiratet haben, der sie den ganzen Tag in Ruhe Flöte spielen lässt. Eine Erklärung, die vielmehr nach einem fantasielosen Gerücht als nach Wahrheit klingt. Die Anderen, jene, welche Caroline „verwerfen“, vermuten dass es nicht eine einzelne Person sein kann, die fortwährend spielt, sondern eine Gruppe von Schülern. Man beachte, dass der Klang nicht immer identisch tönt. Dagegen halten die Caroline-Befürworter, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit sei, bei dem Wind, der hier immer geht.

Aber wer wäre dann diese Gruppe? In der Nähe gibt es ein Heim für geistig Behinderte. Die drückten sich oft am besten über ein Instrument aus, unterstreicht eine Nachbarin, überzeugt davon, das Rätsel gelüftet zu haben. Aber warum hört man nur Flöten und nie eine Trommel oder eine Gitarre? Warum nie Geschrei, warum nie Gelächter?

Man ist versucht, ganz auf fremde Mutmaßungen zu verzichten und sich selbst auf den Weg zu machen. Ein Zögern bleibt. Was, wenn das Flötenspiel dann für immer verklingt? Was, wenn dieser Mensch erfährt, dass die Leute seine Töne bis in ihre Häuser hören können und das öffentliche Studium abbricht? Nicht jeder ist darauf erpicht, eine Berühmtheit zu werden. Ginge man logisch vor und würde man diesem Klang einen Menschen dahinter stellen, was könnte er dann sein, oder sie (die meisten gehen davon aus, dass es sich um eine Frau handelt)?

Sie müsste eine gewisse Reife erlangt haben, denn Klänge wie diese, die entfernt an die Melancholie osteuropäischer Musiker erinnern, ein Hauch bulgarischer Folklore schwebt mit, vernimmt man selten von Jugendlichen. Dafür muss man schon einige verbrauchte Jahre hinter sich haben.

Warum aber spielt sie draußen? Warum nicht in der stillen Kammer? Will sie gehört werden? Will sie einen anlocken?

Vielleicht könnte man sich auf dem Wasserweg nähern. Auf den nächsten Sommer warten, um sich seiner Kleider zu entledigen und nur mit Badehose und Schnorchel ins Wasser zu steigen, um auf der anderen Flussseite wieder aufzutauchen. Ganz still und vorsichtig arbeitet man sich den Damm hinauf, nicht ganz bis zu ihrem Haus, nur in die Nähe. Was für eine Vorstellung. Geduckt würde man ihrem neuerlichen Spiel lauschen, diesmal in Originallautstärke und nicht vom Wind verzerrt. Würde feststellen, dass es sich weder um ein Heim noch um besagte Caroline handelt, sondern um eine exzentrische Künstlerin in voller Montur, mit surrealem Abendkleid und Schmuck um den Hals.

Und jetzt, da das Geheimnis gelüftet wäre, ließe sich so einfach eine Lebensgeschichte zusammenspinnen. Endlich hätte man die Gelegenheit, sich ein vollständiges Bild von der Person zu machen. Man könnte im Dorf rapportieren, den Gerüchten ein Ende setzen und endlich zum Alltag zurückkehren. Aber der Sommer ist vorbei; der Wasserweg ausgeschlossen, der Landweg voller Hindernisse. Was bliebe noch? Die Luft? Braucht es eine Drohne, die aus angemessener Höhe Bilder von der Frau schießt, vom Grundstück; aus dem Hubschrauber, wie eines dieser Verfolgungsvideos aus den Vororten von Los Angeles? Oder nimmt man einem Kind den Spielzeughelikopter weg, montiert eine Videokamera drauf und überfliegt das Gebiet?

Die Flöte spielt nicht mehr. Tage sind vergangen, seit nichts mehr zu vernehmen ist. Vielleicht hat sie von uns allen Wind bekommen und gibt nun keine Gratiskonzerte mehr. Oder die Konzertreihe stand an, und nach der Generalprobe ist sie abgereist und durchquert nun aller Herren Länder und beglückt ein zahlendes Publikum.

Alles bloße Vermutungen, das Mysterium löst sich nicht auf. Und so bleibt dies ein Porträt über einen Klang, der alles von sich preisgegeben hat, ohne den Künstler zu verraten.

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Sillys Profilbild
Silly Am 28.05.2020 um 21:57 Uhr
Sehr schön beschrieben. Ich hatte alles direkt vor Augen. Und irgendwie denke ich, dass die Musik facettenreich war, denn jedes Musikstück ergab vielleicht ein anderes Bild von ihr, dass den Leuten vorschwebte - sie aber niemals betrachten konnten. ;-)

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