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Flüchtig anwesend

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23.05.20 20:05
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Hundert neue Tote.

Gestern noch hatte er mit sich selbst ein Abkommen getroffen: Sollten in den nächsten Tagen neue Anschläge stattfinden, ließe er sein Land zurück. Die alten Toten waren kaum begraben, schon gab es hundert neue.

1-0-0. Eine Zahl, ein Binärcode, ein Haufen Fleisch und Knochen. Eine grausame Vorstellung. Und für ihn die Realität, die er nicht mehr haben wollte. Er wollte den Geruch des Todes nicht mehr riechen, er wollte die Schreie nicht mehr hören, die Panik der Sterbenden und das Lamento der Hinterbliebenen. Nicht mehr das Wackeln der Wände spüren, wenn ganz in der Nähe eine Ladung Sprengstoff ein neues Ziel traf. Von jungen Menschen erwartete man, dass sie glühende Anhänger der einen oder anderen Seite wurden, dass sie Partei ergriffen, leidenschaftlich, fanatisch und angstlos dem Tod entgegenschritten, Marionetten wurden und diffuse Pläne eines undurchsichtigen Regimes erfüllten. Er wollte sich nicht mit Konflikten befassen, die ihn nicht betrafen. All das ging ihn nichts an.  

Warum war er überhaupt hier und nicht woanders? Warum war er nicht in Italien geboren, oder in Frankreich, in New York City oder in Nairobi. Bildete er sich vielleicht nur ein, hier zu sein? Die Realität war real, sobald ein zweiter Mensch die Eindrücke des ersten Menschen bestätigte. Dies war der Beleg, die Quittung, die Empfangsbestätigung für die allgemeingültige Realität. Und wenn mehr als zwei Menschen das Gleiche sahen, spürten oder rochen, dann gab es keinen Zweifel mehr daran. Aber warum sollte er sich damit abfinden? Konnte er sich nicht dagegen wehren, indem er einfach packte und ging?

Er ging auf den Dachboden, der unversehrt geblieben war. Alle Leute rundum hatten weniger Glück gehabt. Sie lebten schon seit Wochen und Monaten in ihren Trümmern. Alle befanden sie sich in der heißen Zone, wo man Militante vermutete und ab und zu auch traf; entsprechend hoch fiel die Quote der zerstörten Häuser aus. Auf einer Luftaufnahme musste sein Hausdach wie eine rebellische Blume aus dem Trümmerfeld herausstechen. Auf dem Dachboden roch es nach Staub. Nach alten Büchern, nach Kleidern, die man ungewaschen in eine Tüte gesteckt hatte, weil gerade keine Zeit war für den Haushalt. Täglich schlugen Bomben ein, wer zerbrach sich da den Kopf über die schmutzige Wäsche? Seinen Koffer fand er genau dort, wo er vermutet hatte. Er blies den Staub und die Asche weg und öffnete ihn, um zu schauen, ob Gegenstände sich darin befanden, die nicht auf die Reise sollten. Er war leer. Genauso wie die leeren Worte, alles werde besser, alles werde gut.

Zurück in der Wohnung vergewisserte er sich, dass seine Mutter noch nicht eingetroffen war. Sie hatte etwas von Brot und Wasser besorgen gesagt und von Kerzen. Es gab wieder keinen Strom. Er hatte etwas Zeit, um ein paar Sachen einzupacken. Gegenstände, welche die verzweifelten Nachbarn nicht mehr besaßen oder nie aus dem Schrank holten, weil angesichts mangelnder Perspektive die Hoffnungslosigkeit leichtes Spiel hatte. Er legte den Koffer aufs Bett und wählte die besten Stücke aus seinem Kleiderschrank sorgfältig aus. Sie hatten eine besondere Bedeutung für ihn, auch wenn die Mutter nur den Kopf darüber schüttelte, dass er in Zeiten wie diesen Wert auf sein Äußeres legte. „Wofür?!“, fragte sie, „Wofür willst du schön sein? Wir können alle froh sein, wenn wir morgen noch am Leben sind!“ Er holte seine Zahnbürste und griff nach der letzten Tube Zahnpasta auf dem kleinen Gestell. Die Mutter würde es nicht bemerken. Sie hatte keine Zähne mehr.

Er klappte den Koffer zu, zog den Reißverschluss und beschloss in dieser Minute, ein Tourist zu sein. Kein Kriegsopfer, kein Flüchtling, kein armer Schlucker, sondern ein Tourist. Einfach so. Warum auch nicht? Er war jung, studierte an der Uni, hatte gerade ein paar Wochen frei. In jedem anderen Land nutzten Gleichaltrige die freie Zeit, um etwas von der Welt zu entdecken. Er war wie alle anderen. Mit den gleichen Bedürfnissen, mit den gleichen Träumen. Also auch ein junger Tourist, der sich in den Kopf gesetzt hatte, mit dem Interrailticket ganz Europa zu bereisen. Er besaß kein Interrailticket...

 

In einer Stunde wollte seine Freundin vorbeikommen. Sie hatte betont, dass es etwas Wichtiges zu besprechen gab, also musste er dafür sorgen, endlich von hier zu verschwinden. Seine Freundin konnte unmöglich mit. Tourist zu sein war in diesen Tagen keine ungefährliche Sache. Und reisende Studenten hatten ohnehin nie ihre Freundin dabei. Die reisten höchstens mit anderen Kumpels durch die Welt, aber meistens eben alleine. Alleine lernt man die Welt besser kennen. Ist ein Freund dabei, ist auch die Heimat dabei. Und die wollte er hinter sich lassen. Für wie lange wusste er nicht. Welcher Tourist weiß das schon. Vielleicht einer, der ein Wochenende in London gebucht hat; aber keiner, der als Rucksacktourist loszieht. War er ein Rucksacktourist? Er schaute seinen Koffer an. Konnte man auch mit einem Koffer ein Rucksacktourist sein? Mit einem weißen Hemd? Frisch gewaschen, frisch gebügelt? Es klebte an seinem Körper, die Hitze ließ nicht nach; das Thermometer zeigte 39 Grad, um 16.30 Uhr. Er schrieb die Zeit und die Temperatur in seine Agenda. Er würde seine Agenda als Reisetagebuch verwenden, nahm er sich vor. Das tat doch jeder, der reiste, oder etwa nicht? Dann fielen ihm Bilder von anderen Touristen ein, und eigentlich hatte er noch keinen gesehen, der angestrengt Tagestemperaturen in eine Agenda kritzelte. Natürlich würde er keine Agenda mitnehmen und auch nicht Tagebuch führen. So etwas taten kleine Mädchen, die von einem Jungen schwärmten und Liebesbriefe schrieben, um sie selbstredend in die Schublade zu stecken, die schon voll war mit Variationen des immer gleichen Liebesschwurs. Seine jüngere Schwester hatte auch damit begonnen, verliebte Zeilen zu verfassen – bevor sie einem Anschlag zum Opfer fiel. Anderswo hätte man einen Film daraus gemacht, hier sprach man drei Minuten darüber, widmete sich ein paar Augenblicke dem armen Kind, bevor die nächsten hundert Toten kamen... Also... keine Agenda und kein Tagebuch. Solche Dinge verrieten ohnehin zu viel über den Besitzer. Und das wollte er auf keinen Fall. Er wollte ein anonymer, namenloser Tourist sein. Einfach bloß kein Flüchtling. Diese Bezeichnung sagte zu viel Politisches aus. Und er hielt nichts von Politik. Er hatte nie an Debatten teilgenommen, an keiner Versammlung, an keiner Verschwörung, die noch mehr Köpfe zum Rollen brachte. Er wollte keine Grenzen, keine abgesteckten Felder, eigentlich mochte er nicht einmal die verschiedenen Sprachen, obwohl einige von ihnen diesen schönen Klang in seine Ohren zauberten. Oft suchte er auf seinem Kurzwellenradio nach neuen Sprachen, die er nicht verstand, aber manchmal zu wissen glaubte, was die Intonation bedeutete: Nachrichten, Werbung, Hörspiele, Erzählungen... auf Russisch, Deutsch oder Dänisch, in polnischer Sprache oder in einem Singsang, der etwas Asiatisches vermuten ließ. Sie klangen alle spannend, aber sie machten die Welt kaputt. Er hätte sie gerne abgeschafft, weil mit den Sprachen die Grenzen kamen und diese aus einem Gebiet zwei Völker machten; und diese Völker kannten verschiedene Dialekte, also noch mehr Unterteilungen. Und in jedem Gebiet gab es auch den einen oder anderen, den man aus irgendeinem Grund von der Sippe trennen konnte. Vielleicht lispelte er, oder sprach mit vollem Mund oder seine Mutter war eine Hure und er dadurch ein Hurensohn. Ausgrenzen konnte man jeden. Sprachen und Grenzen waren Waffen, mindestens so mörderisch wie die rohe Gewalt selbst. Er hätte sich gewünscht, die Leute würden sich mit Gesten verständigen, und wie die Tiere ein paar verschiedene Laute grummeln, damit die wichtigsten Punkte geklärt werden konnten.

 

Er war ein Philosophiestudent... gewesen... etwas wehmütig dachte er an das abgeschlossene Kapitel, er hörte fast den Deckel, den er innerlich zuklappte, und damit genau in dieser Minute Geschichte schrieb. Seine Geschichte. Zwanzig Jahre schloss er ab. Andere feierten ein zwanzigjähriges Jubiläum. Es gab ein Bankett, Gäste, Essen und Trinken, kleine Geschenke und Schulterklopfen. Zwanzig Jahre! Gut gemacht, mein Lieber. Zwanzig Jahre im selben Job, zwanzig Jahre mit der gleichen Frau verheiratet, zwanzig Jahre im Briefmarkenverein. Gut gemacht, Kleiner! Zwanzig Jahre überlebt, in einem Gebiet, welches in kleineren und größeren Zeitabständen schoss und beschossen wurde. Er sah nochmals seinen Ausweis an. Würde er ein Interrailticket bekommen, ohne Ausweis? Er warf ihn zurück in die offene Schublade, die in Schieflage geraten war. Er erwartete in jeder Minute ihr Hinabstürzen, aber sie hielt durch. Sie hielten immer alle durch. Sogar die Schubladen. Aber jetzt nicht mehr. Er wollte einfach leichtfüßig und ohne Trauer aus diesem Haus schreiten und die Ruinen hinter sich lassen. Irgendwo würde er eine Hauptstraße finden, die eine funktionierende Busverbindung zur Grenze sicherstellte. Gab es wirklich noch einen solchen Bus? Es gab höchstens Grenzposten und Drahtzäune, hinter denen Kamerateams aus aller Welt herumlungerten und welchen man sein Elend und seine letzten Habseligkeiten vorführen konnte. Sie fingen diese Bilder ein und präsentierten sie im passenden Sendegefäß allen hilflosen und mehr oder weniger betroffenen Fernsehzuschauern. Richtig zugeschnitten. Kein Bericht länger als 30 Sekunden.

Vielleicht würde er auch gar nicht den Bus nehmen, sondern die Bahn. Er wollte jetzt dieses sagenumwobene Ticket erstehen. Vielleicht konnte man es auch direkt an Bord lösen. Er hatte schon davon gehört, dass man mit irgendeiner Fahrkarte einsteigen und dem Schaffner erklären konnte, dass man jetzt gerne den Klassenwechsel hätte. Er würde seine Ledertasche öffnen, das passende Ticket ausstellen und einen Betrag nennen, über den der namenlose Tourist nicht verfügte, aber man würde sich arrangieren. Es gab immer eine Lösung. Beim Grenzposten würden die Soldaten mit schweren Stiefeln und großen Schritten durch die Wagen laufen und seinem Abteil keine Beachtung schenken. Sie hatten anderes zu tun, als einen jungen Mann im blütenweißen Hemd bei der Lektüre der New York Times zu stören. Die Soldaten gingen davon aus, dass er ein Student war, oder ein Geschäftsmann. Er wirkte zwar etwas jung, um als Stellvertreter eines internationalen Konzerns zu fungieren, aber gewisse Klugscheißer machten eben Blitzkarrieren, dachte sich einer der Soldaten, bevor er dem jungen Mann ein unverbindliches „Gute Reise“ zurief, und seines Weges ging. Mit eiligen schweren Schritten musste er seinem Kollegen zu Hilfe kommen, der gerade ein Drogennest im Nebenabteil auffliegen ließ.

 

Die Reise führte quer durch ein anderes verwüstetes Gebiet. Auch jenseits der Grenze sah es ähnlich aus wie in seiner ehemaligen Heimat. Er verlor aber die Hoffnung nicht, anderswo könnte es friedlicher zugehen als in diesen Breitenraden. Er wusste nicht, in welcher Großstadt er sich gerade befand, als er nach vielen Stunden aufwachte. Es war spät geworden. Fast schon Nacht. Er entdeckte einen Lunapark, ganz in der Nähe des Bahnhofs. Spontan schnappte er sich seine Jacke und seinen Koffer und sprang im letzten Moment aus dem wiederanfahrenden Zug. Die Leute kommunizierten energiegeladen, kraftvoll; ließen charmante Zischlaute züngeln. Einer wirkte wie ein Matador in stolzer Pose vor der königlichen Tribüne, obwohl er nur eine abgegriffene Hose trug. Temperamentvoll aßen sie ihre Fritten mit Ketchup, als ginge es darum, den anderen dabei auszustechen. Der namenlose Tourist setzte sich gähnend auf die unterste Stufe einer Treppe. Sie führte zu einem riesigen Brunnen, der zufrieden plätscherte. Die Leute nahmen Notiz von ihm, was er nicht im Geringsten erwartet hätte. Ein junges Mädchen mit langen Haaren kam auf ihn zu und sprach ihn an. Er kannte die Sprache, sie klang wie eine aus dem Kurzwellenradio, aber die Bedeutung ihrer Worte konnte er nur erraten. Was sollte er antworten? Er sah seine Kleider an, sein Hemd war schmutzig von der Reise. Er bezweifelte, dass man ihn noch für einen Touristen hielt. Er befürchtete, man könnte ihn als Illegalen erkennen, ihn womöglich beim nächsten Polizeiposten verpfeifen, aber das Mädchen lächelte und er versuchte wieder an seinen ursprünglichen Plan zu denken. Er wollte ein Tourist sein, also musste er sich entsprechend verhalten. Er lächelte zurück, änderte wieder seine innere Haltung, fühlte sich nicht heimatlos, nicht mittellos, nicht chancenlos. Er ließ geschehen, was geschehen sollte: Wenig später reichte man ihm eine Portion frittierten Fisch mit Mayonnaise und alle wollten jetzt wissen, woher er kam – vermutete er zumindest. „Uni!“ sagte er aufs Geratewohl. Einer lachte. Uni? War doch kein Land. Dann zeigte der leicht Angetrunkene der Reihe nach auf alle seine Kumpels: „Uni, Uni, Uni“. Klar doch, ene mene mu... alle gingen zur Uni oder flogen wieder raus.

 

Dann ließ man wieder von ihm ab und jeder fand den Weg zurück zu seinem ursprünglichen Gespräch. Er war gerettet. Er war dabei. Er stand jetzt einfach inmitten von ihnen und lächelte Fisch essend die junge Frau an, die ihn geholt hatte. Sie führte bestimmt kein Tagebuch mehr... er vermutete eher, dass sie leicht zur Sache ging. Bestimmt würde sie nach dem Studium in leitender Position tätig sein, eine Praxis haben, wichtig sein. Sie hatte das Gesicht dafür. Nach einer Stunde stiegen sie alle in zwei klapprige Autos und fuhren irgendwo aufs Land, wo man schlafen konnte. Es gab diesen Code, der keine Sprache kannte und keine Grenze. Das gefiel ihm.

Am nächsten Morgen wollte er weiter. Alle lagen noch verkatert herum; drehten sich in ihren Schlafsäcken; ein Mädchen wusch sich mit Mineralwasser und nahm keine Notiz von ihm. Der namenlose Tourist fand zurück auf die Hauptstraße und erreichte nach einiger Zeit die Stadt und den Bahnhof. Er stieg wieder in einen Zug und fuhr weiter. Er durchwühlte seinen Koffer nach brauchbaren Dingen, holte frische Kleider heraus, zog sich im Abteil um, als gerade keiner zu sehen war. Er steckte die wichtigsten Besitztümer in seine Hose und warf schließlich seinen Koffer aus dem fahrenden Zug. Er brauchte ihn nicht mehr. Er wollte seine letzten Spuren auslöschen. Er fühlte sich immer freier. Er hatte nichts mehr. Keine Heimat, keine Familie, keine Frau, kein Geld, keine Zukunft. Nur noch sich selbst. Vielleicht würde er heute verhungern, erfrieren oder in den Knast kommen. Er besaß die vage Vorstellung, was einem mittellosen Mann blühen konnte, aber nichts war furchteinflößender als Granatsplitter. Vielleicht würde er den Hungertod mit Hilfe ein paar gestohlener Früchte auf einen späteren Termin verschieben können. Und kalt war ihm ja auch nicht. Es war Sommer. Er konnte sich im Wald verkriechen und ein Eremit werden. Die lebten ziemlich günstig. Oder er richtete sich in der Nähe eines Bauernhofes ein und stahl das Nötigste, um zu überleben. Oder er reiste einfach weiter und genoss seine Ferien, wie die Leute von gestern Nacht.

 

Er war flüchtig anwesend, aber waren das nicht alle? Wenn er in Gedanken über seinen starken Glauben an die Grenzenlosigkeit sinnierte, kam er immer wieder zum gleichen Schluss, dass er überall zu Hause sein durfte, oder nirgendwo, wenn er dies bevorzugte. Vielleicht würde er einfach immer weiterreisen, sich nirgendwo niederlassen und ein flüchtig Anwesender auf Lebenszeit bleiben. Genau wie all die anderen, die es nur nicht merkten. Die ihren kleinen Platz auf dieser Welt gefunden zu haben glaubten und für immer dort blieben. Und niemals daran dachten, dass sie irgendwann auch diesen Ort verlassen mussten. Nicht, weil eine Bombe ihren Schädel zertrümmert hatte, aber weil ihre Zeit abgelaufen war.

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