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Verblendung und Holocaust

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20.11.22 22:42
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Ich habe lange überlegt, ob ich mit diesem biographischen Dokument an die Öffentlichkeit gehen soll, denn verrate darin ich viel über meine Gesinnung, diese Bedenken habe ich beiseite geschoben. Es gibt einen weiteren Grund, der mich zögern ließ - ich kann nicht beurteilen, wie anders Denkende darauf reagieren. Ich bitte alle, wenn meine Denke nicht der ihren entspricht, sachgerecht zu antworten und wenn ihnen das nicht möglich ist, einfach zu schweigen.

Gurs, eine eigenartige Silbe.
Wie ein Schluchzen, das die Kehle zurückhält
Louis Aragon, 1943

Das Original dieser Geschichte findet Ihr hier: erzaehlungen.moosecker-hassels.de/text/text_02_pdf.php?v=oeffentliche_adobe&d=verblendung_und_holocaust.pdf

Bilder zur Geschichte findet Ihr hier: album.moosecker-hassels.de/album_st.php?name=camp_de_gurs

Vieles im Leben ist mir unverständlich geblieben und ich werde es auch nie verstehen. Wie konnten sich meine Vorfahren nur dazu hinreißen lassen? Verblendet und folgsam folgten sie ihrem (Ver)Führer in einen verbrecherischen Krieg. Setzten ihr eigenes Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel, schweigend und wegguckend, vielleicht sich sogar am Eigentum der Opfer bereichernd, ermöglichten sie einen Völkermord. Der in Deutschland verwendete Begriff Holocaust trifft den Kern dieses Menschheitsverbrechens nicht ganz. Die hebräische Redewendung Shoah, trifft den Kern der Sache. Ha Shoah (השואה), die Katastrophe, beinhaltet alles, was nötig ist, das ganze Unheil zu beschreiben. Eine Katastrophe für die Betroffenen! Eine Katastrophe für ihre Nachfahren! Eine Katastrophe für alle nachgeborenen Generationen!

Die Shoah hat eine lange Vorgeschichte, diese nachzuerzählen ist müßig. Aber was, was verhinderte, dass dieses Verbrechen sich so in unser kollektives Gedächtnis einprägte, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit für immer geächtet sind? Wenn ich es nur begreifen könnte. In zwei Geschichten habe ich versucht Kriege für mich selbst so darzustellen, damit ich es verstehe, was in Menschen dazu bringt Kriege zu führen. Gelungen ist es mir nicht. Noch schwieriger ist es für mich, mir vorzustellen, was Menschen dazu bringt, unbeschreibliche Verbrechen zu begehen. Jetzt, nach einem langen Leben, stehe ich immer noch da, ohne irgendetwas erklären zu können.

Das Nachdenken über diesen Völkermord begann bei mir früh. Es begann lange bevor ich großjährig war. Wann das war? Genau kann es ich nicht sagen. Was diese frühen Gedanken auslöste, liegt im Dunkel, ich weiß es nicht. In der Familie war die Shoah kein oder kaum ein Thema. Aus dieser Richtung kann der Anstoß dazu nicht gekommen sein. Teile meiner Familie waren offen oder verdeckt rassistisch eingestellt – sie wussten genau, was der Jude treibt und sie kannten auch seine körperlichen Merkmale. Wie kommt jemand auf die Idee, dass Mitglieder einer Religionsgemeinschaft gemeinsame körperliche Merkmale haben? Die Zahlungen im Rahmen der Wiedergutmachung empfanden sie als überflüssig oder zumindest stark übertreiben. In diesem Zusammenhang kam das ebenfalls verfolgte Volk der Sinti und Roma noch schlechter weg, als die Juden. Zigeuner wurden diese Menschen damals genannt und die Propaganda der Nazis hatte gewirkt, sie wurden als asoziales Gesindel beschimpft und denen auch unser gutes Geld hinterherzuwerfen, wurde als ungerechtfertigt empfunden. Von meinem Aussehen her, passe ich besser in den Süden Frankreichs oder auf die iberische Halbinsel, als nach Deutschland, bin ich deshalb Franzose? Ich habe eine recht große Nase, bin ich deshalb Jude? Ich kann nur Fragen stellen, die auf ewig unbeantwortet bleiben werden. Wenn ich gerade Gelegenheit dazu hatte, habe ich Gedenkstätten besucht. Die Besuche haben mich noch tiefer verunsichert. Ich fand dort Antworten, aber noch mehr Fragen, lösten diese Besuche bei mir aus. Mehrmals war ich in Bergen-Belsen. Das ist schon länger her. Zum ersten Mal war ich wohl 1986 oder 1987 dort. Die große Gedenkwand mit ihren Inschriften in den Sprachen der Opfer der Mordfabriken beeindrucken wohl jeden, der guten Willens ist. Mir versetzte der offensichtlich später eingesetzte Stein, zum Gedenken an das Volk der Sinti und Roma, einen Stich ins Herz. Waren die Vorurteile gegen dieses Volk so groß, dass sie vom Gedenken ausgeschlossen wurden? Abstoßend fand ich als Begleitmusik den Kanonendonner vom nahen Truppenübungsplatz. Statt stillem Gedenken dröhnten einem die Ohren.

Die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen besuchte ich auf der Rückreise von einem Ferienaufenthalt. Auch dort war ich zutiefst erschüttert. Ein Lager, in dem unbeschreibliche Verbrechen geschahen – so nah bei der Innenstadt von Oranienburg und niemand hat etwas gewusst? Wie so vieles, auch das bleibt unbegreiflich und unbeantwortet. Ein Besuch in jüngster Zeit im Lager Gurs ist noch so frisch in meiner Erinnerung, dass er alles, was ich bisher sah und erlebte überlagert. Das Camp de Gurs, liegt am Rand der kleinen Gemeinde Gurs im Département Pyrénées-Atlantiques und ist somit im französischen Baskenland gelegen. Die Geschichte des Lagers, löst Grauen in mir aus, wenn ich nur daran denke.

Errichtet wurde das Lager im April 1939 von der französischen Regierung als Internierungslager für die provisorische Aufnahme unerwünschter Immigranten. Tausende haben diese Lager durchlaufen. Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs, die Reste der internationalen Brigaden, deren Kämpfer nach der Niederlage, über die Grenze flohen, illegale eingereiste Ausländer auf der Flucht vor den Nazis. Das war aber nur das Vorspiel. Die Deportation von Juden aus dem deutschen Südwesten, nach der Niederlage Frankreichs, war der Höhepunkt der grausamen Geschichte.

Die Deportation der Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs startete am 22. und 23. Oktober 1940. An diesen Tagen wurden insgesamt 6538 Menschen in Richtung Gurs verschleppt. Die Verschleppung ist als Wagner-Brückel-Aktion in die Geschichte eingegangen. Wagner und Brückel waren die Gauleiter von Baden und der Saarpfalz (Saarland). Umstritten ist, ob die beiden Gauleiter eigenständig oder auf Befehl aus Berlin handelten. Die Behörden des französischen Vichy-Regimes traf die Ankunft der Deportierten völlig unvorbereitet. So wurde beschlossen, die Menschen im damals teilweise leerstehenden Camp de Gurs unterzubringen. Die Eisenbahnfahrt der Deportierten endete in Oloron-Sainte-Marie. Der Weitertransport in das rund 15 Kilometer entfernte Lager erfolgte auf Lastwagen.

Die Häftlinge des Lagers waren in aus Brettern gezimmerten und mit Dachpappe verkleideten Baracken untergebracht, die keinen Schutz vor Nässe und Kälte boten. Es gab keinerlei Möbel in diesen Behausungen, geschlafen wurde auf dem blanken Boden, in einer späteren Phase auf ausgelegten Strohsäcken. Die hygienischen Zustände waren unbeschreiblich. Die Essensrationen mit 800 kcal pro Person und Tag völlig unzureichend. So breiteten sich im Lager Krankheiten aus, die vielen der Insassen das Leben kosteten.

Die überlebenden jüdischen Häftlinge des Lagers wurden im Rahmen der auf der Wannseekonferenz beschlossenen „Endlösung der Judenfrage“ ab März 1942 mit Zustimmung der Vichy-Regierung in die Vernichtungslager im Osten, vor allem nach Auschwitz, verschleppt.

Wieder bleiben bei mir nur Fragen. Warum tun Menschen sich das alles an? Wir sind alle Kinder der einzigartigen Schöpfung und von daher mit den gleichen Rechten versehen und von gleicher Würde. Wie ist es möglich, dass es keinen Widerspruch gibt, wenn die Nachbarn vor aller Augen zusammengetrieben und abtransportiert werden? Nein, ich bin nicht besser als die Menschen vorhergehender Generationen und die Bemerkung von der Gnade der späten Geburt (Helmut Kohl) finde ich weder hilfreich noch dem Verbrechen angemessen. Wehret den Anfängen, nur wo ist der Anfang? Ist der Anfang dort, wo bewusst weggesehen wird oder schon da, wo abfällig über Minderheiten gesprochen wird?

Ich werde das alles nicht mehr beantworten können. Die viele Jahrzehnte meines Lebens haben nicht ausgereicht, Antworten zu finden. Jetzt schließt sich unwiderruflich mein Lebenskreis. Wieviel Zeit mir noch bleibt, weiß ich nicht. Zwei Jahrzehnte, ein Jahrzehnt? Ein Jahr, ein Tag oder weniger? Es ist gleichgültig, ich werde die Antwort nicht finden – ich kann nur mahnen. Mahnen davor, Gruppen von Menschen bestimmte Eigenschaften zuzuordnen. Ich lasse es nicht außer Acht, dass auch ich geneigt bin meinen eigenen Vorurteilen zu erliegen und ich erliege ihnen ab und zu. Vielleicht liegt da einer der Schlüssel verborgen. Das Überwinden von Vorurteilen ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein genauso wichtiger Schritt ist es, die Menschen nicht in Kategorien einzuteilen. Den Deutschen gibt es nicht! Den Franzosen gibt es nicht! Den Europäer gibt es nicht! Den Afrikaner, den Amerikaner, den Asiaten, den Katholiken, den Hindu, den Muslim, den Protestanten, den Juden, gibt es dann folglich auch nicht. Alle diese Menschen in Schubladen zu stecken, ist barer Unsinn. Jeder dieser Menschen ist ein Individuum mit all seinen liebenswerten und vielleicht auch weniger liebenswerten Seiten. Alle anderen Zuordnungen von Menschen führen in die Verblendung. Sich seinen Mitmenschen zuzuneigen, bringt Erlösung. Was nun Erlösung bedeutet, müssen meine Leser mit sich selbst abmachen – entsprechend ihrer Religiosität oder auch ihrer Nichtreligiosität. Für mich würde die Überwindung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit reichen, Erlösung zu finden. Werde ich Erlösung finden? Da bin ich mehr als pessimistisch.

 

Quellen und weiterführende Informationen zum Camp de Gurs:

Wikipedia

Gedenkstätten in Baden-Württemberg

Deportiertenfriedhof des Internierungslagers Gurs

Erinnern für die Zukunft - Trägerverein des Hauses der Wannsee-Konferenz e.V.

Israelische Religionsgemeinschaft Baden

Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes

Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945

Website des Freundeskreises (Französisch)

Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

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Miras Profilbild
Mira Am 23.11.2022 um 14:53 Uhr
Hallo Bernd,
Das alles sind berechtigte Fragen, die ich mir auch des öfteren stelle. Wieso bringen Mensche andere um? Und oft frage ich mich auch, wenn Menschen ihre Vergangenheit nicht wiederholen wollen, wieso werden dann neue Kriege und Verbrechen angefangen? Und jedes Mal kann ich keine Antwort darauf finden. Ich weiß nur: Der Mensch ist wahrhaftig die einzige Spezies, die versucht, ihres gleichen zu bekämpfen...
Viele Grüße
Mira
BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker (Autor)Am 23.11.2022 um 15:04 Uhr
Hallo Mira,
Dein Kommentar tut gut. Oft denke ich, mit meinem lange zurückreichenden Denken bin ich ein Fossil und schreibe nur noch über Sachen, die niemand aus den nachfolgenden Generationen mehr interessieren.
Ich weiß, es ist nicht so, aber eine tiefe Unsicherheit begreift Besitz von mir, wenn ich Texte dieser Art veröffentliche.
Liebe Grüße
Bernd

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Kurzbeschreibung

Nach einem Leben von mehr als acht Jahrzehnten bleiben Fragen. Fragen zum Geschehen zu Zeiten meiner Geburt. Mein langes Leben hat nicht gereicht, diese Fragen zu beantworten. Sie werden unbeantwortet bleiben - trotzdem stelle ich sie immer wieder.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Krieg auch im Genre Nachdenkliches gelistet.