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De Patria

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29.12.2018 22:18
Fertiggestellt

Wenn man länger nicht geschrieben hat, dann kribbelt es richtig in den Fingern. Erst ist es nur ein leichtes Gefühl der Taubheit, dann wird es stärker, bahnt sich seinen Weg von Fingerkuppe zu Fingerkuppe, gemeinsam dann den ganzen Arm hoch.

Als Nächstes schnappt es sich die Schultern. Es ist, als ob sie einen eigenen Willen bekommen würden – als ob sie einen dazu zwingen würden, sie zu bewegen. Natürlich kämpft man dagegen an, aber wer hat denn gesagt, dass dieses Gefühl an den Schultern Halt machen würde?

Nein, die Reise ist noch lange nicht vorbei – selbst, wenn man es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkt hat, nun war es sowieso zu spät, noch etwas daran zu ändern.

Schließlich erreicht es den eigenen Kopf. Oh, und wie es den eigenen Kopf erreicht.

Langsam bewegen sich die Finger. Vielleicht landet einer auf dem H, ein anderer vielleicht auf dem O. Keiner kann das so genau wissen. Vielleicht spürt man auch plötzlich einen wohlgeformten Füller in der Hand. Oder auch nur einen Bleistift.

Im Einklang bewegen sich Finger, Hände und Arme. Das Blatt Papier, welches zuvor noch einen unbesiegbaren Gegner dargestellt hatte, ist nun nichts weiter als ein Werkzeug auf dem persönlichen Weg zur persönlichen Kunst. Und der Stift, der weise Wegführer, markiert die wichtigsten Stellen auf diesem Weg.

Nach einiger Zeit lässt auch das komische Gefühl der Taubheit nach. Es weicht einem viel wärmeren, wohl bekannten und doch immer wieder überraschendem Gefühl.

Dem Gefühl der Heimat.

Und so wird Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, Zeile für Zeile und schließlich Seite für Seite aufs Papier gebracht. Vielleicht mit sorgfältiger Planung, vielleicht werden die Wörter aber auch nur mit bestmöglicher Intention auf das reine Weiß gekleckst. Wer weiß das schon.

Denn wenn es nicht die Heimat ist, die unsere innersten Gefühle aus uns herausholen kann, wer kann es dann schon?

Ich bezeichne das Schreiben gerne als meine Heimat – natürlich begegnet einem in der eigenen Heimat nicht immer nur Gutes.

Und das ist auch gut so.

In einer Welt, in der sich alles immer schneller bewegen muss, in der es immer weniger Zeit gibt, sich selbst mal Zeit für sich selbst zu nehmen und auf sich selbst zu hören, ist es wichtig, auch mal in die eigene Heimat zurückzukehren.

Schließlich soll meine Heimat auch ein Ort der Wiederkehr sein. Gerne würde ich auch andere Leute in meine Heimat einladen, sie ein wenig hier herumführen. Ein schöner Gedanke.

Immerhin ist es das einzige, was ich für die Menschen tun kann, die mich in ihre Heimat eingeladen haben. An den Ort, an dem sie am freisten sind, weil sich nicht an Richtlinien halten müssen. Und aufgrund dieser Freiheit dort auch am verwundbarsten sind.

Doch irgendwann wird es auch Zeit, mit dem Leben fortzuführen. Der eigenen Heimat nicht ‚Lebewohl‘ zu sagen, sondern ihr ein zärtliches ‚Bis bald‘ zuzuflüstern.

Und all das sollte man mit einem Lächeln auf den Lippen tun. Lächeln, weil man in dem Wissen geht, dass man jederzeit wieder dorthin zurückkehren kann, wo man sich selbst akzeptiert als der, der man selbst auch ist.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich einen Computer besitze, mit dem es mir so federleicht fällt, zufällige Wörter auf ein virtuelles Blatt Papier zu klecksen. Und wenn ich dann aus meiner Heimat auskehre, kann ich beim nächsten Mal Besucher mitnehmen.

Auch darüber bin ich sehr glücklich – dass ich meine Heimat mit Menschen teilen kann.

Noch glücklicher bin ich nur darüber, dass andere Menschen mich auch mit in ihre Heimat nehmen. Es ist ein schönes Gefühl, um einen herum Menschen zu haben, bei denen man jederzeit willkommen ist.

Selbst, wenn ihre Heimat sich noch unerfahren liest, sich noch ein wenig schief anhört oder sie einfach noch nicht ihre richtige Farbe gefunden hat.

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