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Wetten, dass der Herzschmerz dich besiegt?

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6.1.2019 20:41
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt
Prolog


31. März 2006
Freitagmittag in Halle (Saale), einen Tag vor der 162. Ausgabe „Wetten, dass…?“




Der Unterhaltungschef des ZDF´s Manfred Teubner ging in seinem Büro auf und ab. Wo blieb Thomas denn nur? Die Generalprobe mit den Wettkandidaten sollte doch um diese Zeit schon längst vorbei sein. Aber wie man es von Thomas kannte war er selten der Pünktlichste, eher war er dazu bekannt die Sendungen zu überziehen und das nicht zu knapp.
Genervt stießt der glatzköpfige großgewachsene Mann die angehaltene Luft aus. Es war ja nicht so, dass er nicht noch andere Termine hatte. Die Pressekonferenz für morgen musste noch vorbereitet werden. Deshalb musste Manfred sich noch mit den Journalisten treffen um diese kurz einzuweisen, damit morgen so schnell wie möglich alles über die Bühne ging.
Manfred rückte seinen schwarzen teuer aussehenden Schal zurecht. Das war nebens einer ebenfalls schwarzen Brille sein Markenzeichen. Ohne Brille fühlte er sich wie ein blinder Maulwurf mit Krückstock.
Manchmal war es ein nervenaufreibender Job, den er am Liebsten mit Karacho gegen die Wand fahren wollte. Aber das konnte er als Hauptverantwortlicher nicht tun. Denn über 300 Mitarbeiter waren an einer Folge „Wetten, dass?“ beteiligt und wenn einen Mist baut, sei es auch nur ein einziger wäre er dran, natürlich auch der Moderator. Aber im Hintergrund würde man zuerst ihn zur Rechenschaft ziehen. Das war die Seite der Medaille, die er hassen würde. Was er aber noch mehr hasste war die Tatsache, dass wenn es Stress gab, er um Rat gefragt wurde und das wegen jeden kleinen Furz. Natürlich hatte er ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter, aber nicht dafür wie man seine Fliege richtig band oder welches Wasser für die Sendung am Besten war. Konnten dies die Mitarbeiter nach über rund 25 Jahren, welche die Sendung schon über die Bildschirme flimmerte, nicht selber entscheiden? Auf der anderen Seite war er halt eben der Kopf des Ganzen, der sich im Hintergrund den Kopf zerbrach, wie man den Gewinner von DSDS schnell einen Auftritt verschafft, bevor er zwei Monate später wieder von der Bildfläche verschwand.
Manfred ließ sich schnaubend in seinem Chefsessel nieder. Ein rascher Blick auf seine Armbanduhr. Schon sechs Minuten über der verabredeten Zeit. Was trieb Thomas denn nur so lange?
Am Liebsten würde er sich auf die Suche nach dem Moderator machen, aber dann würde er ihn bestimmt noch verpassen. Oder etwa doch nicht?

Ein zaghaftes Klopfen riss Manfred aus seinen Gedanken. Wie ein kleines Kind, dass nicht erwarten kann, dass seine Eltern mit dem versprochenen Buch oder dem Spiel nach Hause kommen, starrt der Chef auf seine Bürotür. Diese schiebt sich langsam auf und ein verwuschelter blonder Lockenkopf blickt zaghaft in den Raum. „Manfred, entschuldige die Verspätung, aber wir mussten mit einem Kandidaten noch etwas länger proben und-“
Mit nach oben gehaltener Hand bringt der Chef seinen Moderator zum Schweigen. „Setz dich einfach“, war alles was er zu sagen hatte. Thomas trat nun ganz in das kleine Büro, schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf einen der beiden Stühle, die gegenüber von seinen Vorgesetzen standen.
„Sie wollten mich sprechen?“, formulierte Thomas es vorsichtig, da er ein Gespür dafür hatte wann Menschen gut drauf waren und wann eben nicht. Bei seinem Chef fiel es ihm überraschend leicht.
Thomas Gegenüber seufzte schwer. „Das ist richtig und lass mich bitte gleich zur Sache kommen:  Wie du sicher weißt waren die Einschaltquoten deiner Sendung „Gottschalk zieht ein“ vor zwei Jahren alles andere als gut. Ich möchte dem Format jedoch eine zweite Chance geben, die letzte wohlgemerkt.“
Abwartend blickte Manfred Thomas an, der verlegen auf den Boden blickte. „Sind Sie sich da auch wirklich ganz sicher?“ Der Angesprochene nickte.
„Das ist sicherlich kein Scherz?“, vergewisserte sich Thomas erneut, woraufhin Manfred nur mit den Augen rollte. „Der 1. April ist erst morgen Thomas. Eine Familie ist auch schon gefunden.“
Thomas hing wie gebannt an den Lippen seines Chefs. „Aha, das freut mich doch schon sehr und wie ist der Name?“
„Es handelt sich um die Familie Sommer aus Saarbrücken. Diese besteht aus Erik Sommer, Marion Sommer sowie den beiden Kindern Leon der sechs Jahre alt ist und der dreizehnjährigen Vivienne“,“, antwortete Manfred dem Blondgelockten.
Thomas klatschte freudig in die Hände. „Oh ja! Saarbrücken klingt doch toll, da war ich zuletzt vor 7 Jahren im Rahmen von „Wetten, dass…?“ und ich war dort gerne gewesen.“
Daraufhin nickte Manfred nur. „Wenn sonst weiter nichts wäre würde ich nun gerne der Familie Bescheid geben, dass du kommende Woche montags auf der Matte stehst.“
Thomas lächelte und stand langsam auf. „Machen Sie das, ach, da fällt mir ja noch ein: Für mein eigenes Schlafzimmer sowie mein eigenes Bad ist doch gesorgt, oder? Denn morgens, da sehe ich immer wie der japanische Botschafter aus, was ich wirklich niemanden zumuten möchte.“
Manfred verdrehte erneut genervt die Augen.  „Natürlich.“ Diese Eitelkeit…das war das Einzige was er an seinem besten Moderator im Stall nicht abkonnte.
Dieser strahlte und öffnete die Tür. „Dann bis morgen zur Sendung.“ Mit diesen Worten verließ er gutgelaunt das Büro.
Manfred sank tief in seinen Sessel zurück während er die Nummer der Familie wählte.

Thomas konnte ja noch nicht ahnen was da auf ihn zukommen würde..

1. Kapitel


01.April 2006
Samstagabend im Hause Sommers



Eigentlich wäre es ein Grund zur Freude. Aber irgendwie konnte Erik Sommer nicht in die gleiche Euphorie wie seine drei weiteren Familienmitglieder kommen. Auch wenn es natürlich einen guten Grund zur Freude gab. Denn die vierköpfige Familie aus Saarbrücken wurde doch tatsächlich ausgewählt um bei der vor zwei Jahren eingestellten Sendung „Gottschalk zieht ein“ mitzuwirken.  Die Sendung würde wieder ins Programm aufgenommen werden.
Der eigentliche Herr im Haus, nämlich Erik sollte schon am kommenden Montag seine Taschen gepackt haben und für eine Woche den berühmten Moderator Platz machen. Erik würde in der Zeit einen guten Freund in Berlin besuchen.
Erik saß nachdenklich am olivengrünen Esstisch. Eine dunkelgrüne Kücheninsel trennt das sehr grün eingerichtete Esszimmer von der Küche. Das Wohnzimmer mit der dunkelorgangenen Couch war durch einen weißschimmernden Bogen, der an der Decke angebracht war verbunden. Dies diente sozusagen als Durchgang um die beiden Wohnbereiche zu verbinden.
Erik war ein groß gewachsener Mann, der mitten in seinen Vierzigern steckte.  Seine kurzen braunen Haare lagen eng an seinem Kopf an. Glatt gekämmt versteht er sich. Ohne Kamm ging er nie aus seinem Haus, aber auch Zuhause in den eigenen vier Wänden achtete er auf ordentliche Frisuren und ordentliche Kleidung, was man von seinen beiden Kindern nicht behaupten konnte. Der eine, Leon steckte gerade mal noch in den Kinderschuhen und die andere, Vivienne, hatte mit den alltäglichen Problemen eines Teenagers zu kämpfen.
Eriks haselnussbraune Augen trafen hellgrüne. Es waren Marions Augen. Die etwas kleinere Frau trug ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen und balancierte gerade in der einen Hand eine heiße Auflaufform und in der anderen Hand eine gläserne Schüssel, welche bis an den Rand mit grünem Salat gefüllt war, an den Tisch. Es gab Ratatouille, Eriks Lieblingsessen.
„Damit du uns nicht so sehr vermisst“, flötete Marion und stellte die dampfende Auflaufform sowie die Schüssel schwungvoll auf dem Tisch. „Hast du Leo und Vivienne schon gerufen?“, erkundigte sich die zweifache Mutter bei ihrem Mann.
Dieser schüttelte den Kopf. „Nein, warum sollte ich sie auch rufen?“, konterte Erik. „Ähm, das ist doch ganz einfach: Du solltest sie rufen, dass habe ich dir vor fünf Minuten schon gesagt, natürlich hätte ich sie auch selber rufen können, aber ich war noch am Telefon, Tante Marianne mal wieder und musste mich um das Essen kümmern, aber wo sind unsere Kinder? Es ist doch nichts passiert, oder?“
Marion ließ sich gegenüber von Erik nieder und begann sich etwas Gemüse auf den Teller zu legen, dabei nachdenklich die zwei weiteren gedeckten Plätze schauend, wo normalerweise ihre beiden Kinder sitzen sollten.
Erik konnte nur mit allergrößter Mühe einen Seufzer unterdrücken.  „Wenn du mir zugehört hättest, hättest du mitbekommen, dass Leo heute bei seinem besten Freund Felix schläft und Vivienne mit der Nachbarstochter unterwegs ist und das habe ich dir schon gestern gesagt.“
Marion ließ den Löffel in die Auflaufform zurücksinken. Erik angelte sich diesen und begann damit ebenfalls seinen Teller zu füllen. „Oh, das stimmt. Da habe ich gestern wohl nicht richtig zugehört. Das ist aber doch kein Wunder, oder? Den wir, ausgerechnet wir wurden vom ZDF ausgesucht in der wiederbelebten Sendung „Gottschalk zieht ein“ die erste Familie zu sein. Denn wie mir der Chef gestern mitgeteilt hat, wird schon fleißig nach weiteren Familien gesucht, denn die Verantwortlichen sind sehr überzeugt davon, dass es nicht nur bei der einen Folge bleiben wird. Das wäre doch langweilig.“ Sie schenkte ihren Mann ein aufmunterndes Lächeln. Dieser brachte ebenfalls ein Lächeln zustande und entnahm aus der Salatschüssel knackigen Salat. „Guten Appetit“, wünschten sich die beiden gleichzeitig.

„Du bist wohl richtig Feuer und Flamme, dass Gottschalk eine ganze Woche lang den Haushalt schmeißen muss, oder? Er muss alle Aufgaben übernehmen, die ich auch hier im Haus machen muss, außer die ehelichen versteht sich.“
Dies brachte Marion zum Schmunzeln. „Ich werde ihn schon in die Schranken weisen, sollte er es übertreiben, dafür habe ich ja wie du weißt ein Händchen dafür.“
Erik spießte ein Stück Tomate auf die Gabel und wedelte damit spielerlisch drohenden herum. „Aber ich bin ganz ehrlich, so richtig freuen tue ich mich nicht. Versteh mich nicht falsch. Ich finde Thomas großartig und er wird mich gut vertreten können, aber ich habe da so meine Zweifel, dass alles gut werden wird.“
Marion langte über den Tisch und nahm Eriks Hand in ihre. „Du siehst immer noch so alles schwarz, so wie früher. Aber sei dir versichert: Es wird nichts passieren, worüber du dir Sorgen machen musst. Du kommst wohlbehaltend aus Berlin zurück und dann können wir weiter machen wie bisher.“
Sachte streichelte sie seinen Handrücken und dies schien Erik tatsächlich zu beruhigen.
Was er an seiner Frau sehr schätzt war ihr überaus ansteckender Optimismus. Damit schaffte sie es immer wieder, hing der Haussegen auch noch so schief, gute Stimmung im Haus zu erzeugen.
„Ich hoffe so sehr, dass du recht hast“, meinte Erik nachdenklich.
Schweigend aßen die beiden eine Weile weiter. Dann fiel Erik noch etwas ein: „Du sag mal, du hast Leo doch hoffentlich gut eingetrichtert, dass er nichts über unseren Besuch erzählen soll? Denn wenn man davon Wind bekommt, bevor Thomas und sein Kamerateam nicht verschwunden sind hat der Moderator keine ruhige Minute mehr und das wollten wir ihm ja ersparen. Stell dir vor, er muss einkaufen gehen und wird alle zwei Minuten um ein Foto oder um ein Autogramm gebeten.“
Marion wurde weiß wie die Wand. „Wie denkst du denn von mir? Natürlich habe ich es ihm gesagt.“
Eriks Gesichtszüge entspannten sich. „Das beruhigt mich. Ich wollte nur sicher gehen. Sei mir nicht böse.“
Er nahm einen Schluck von seinem Wein. „Ich helfe dir noch schnell beim Aufräumen und dann könnten wir uns ja „Wetten, dass…?“, gönnen schlug Erik vor und schob seinen Teller zurück. Marion nickte und stand auf mit der leeren Schüssel in den Händen.
Erik brachte die Teller. Anschließend trug er noch die Auflaufform an die Spüle.
Dann ging er zum Fernseher und schaltete ihn ein. In gut zehn Minuten würde der sympathische Gottschalk über die Mattscheibe flimmern.
Marion spülte das Geschirr, welches sie spülen konnte. Der Rest wanderte in die Spülmaschine.
Als dies erledigt war und die Küche aufgeräumt gesellte sie sich zu ihrem Mann ins Wohnzimmer und legte sich zu ihm auf die Couch.
„Ich bin froh, dass ich dich habe“, murmelte Marion und richtete ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Fernseher. Die Euro Hymne ertönte, der Vorspann der Sendung und dann ging es auch schon los.

2. Kapitel


03.April 2006
Montagmorgen im Hause Sommers



Heute, der 3. April hatte Erik feierlich im Kalender rot angestrichen mit dem Vermerk „Gottschalk zieht ein“. Er war froh, dass sein Freund in Berlin so kurzfristig noch Zeit hatte ihn bei sich daheim einzuquartieren. Voller Vorfreude war er was diesen besonderen Tag betraf. Gestern Abend wurden Marion und er nochmal von Manfred Teubner angerufen mit der Ankündigung, dass Thomas mit einem sechzehnköpfigen TV-Team am Montagmorgen umso etwa zehn Uhr rum klingeln würde.
Dann sollte Erik Thomas das Haus zeigen, alles abgesprochen und wohl einstudiert und der Gottschalk war ja wohl nicht umsonst ein Improvisationskünstler.
Gähnend warf er einen Blick auf die Uhr über der Kücheninsel. Marion war die Kinder in die Schule fahren. Anschließend noch etwas einkaufen, da sie ja nicht wusste was Thomas so aß. Erik konnte es immer noch nicht glauben, dass bald Thomas im Gästezimmer nächtigen würde. Aber er hatte ja auch genügend Pflichten zu erledigen.
Es klingelte. Das müsste der versprochene Besuch sein. Eriks Herz schlug schon etwas schneller. So langsam wie es ihm eben möglich war steuerte er auf die weiße Tür zu, die in der Mitte von Glas umgeben war. Die blonden Locken waren durch das Glas nur schemenhaft zu erkennen.
Erik zog die Tür auf und blickte sich hektisch nach Kameras um. Aber da war ja gar nichts.
Etwas verdattert blickte er in das ehrlich gemeinte lächelnde Gesicht des „neuen“ Vaters.
Perplex blickte der eigentliche Vater den Lockenkopf an. „Ähm, wo sind denn die ganzen anderen Leute? Kameratypen und so?“
Thomas legte Erik fast schon brüderlich eine Hand auf die Schulter. „Wir wollten erstmal mit Ihnen den Ablauf klären. Sie einfach so kalt erwischen, das widerstrebt mir zutiefst und hätte dann zwar einen überraschenden Effekt gehabt, aber auch einen sehr chaotischen Eindruck hinterlassen. Ich bedarf wohl keiner Vorstellung.“ Thomas streckte Erik zur Begrüßung  die Hand hin, welche dieser breit lächelnd annahm.
Erik lächelte leicht. „Ach so! Ich verstehe, alles klar, kein Problem. Dann äh kommen Sie rein und dann können wir ja besprechen?“
Thomas schwenkte seine beiden braunen Ledertaschen, die Erik jetzt erst bemerkte, welche der Moderator in den Händen trug, leicht nach vorne und nach hinten.
Erik trat zur Seite, damit der Mann eintreten konnte. „Nett“, entfuhr es ihm.  Aber hätte das nicht jeder gesagt? Nein, bei dem Moderator klang es ernst gemeint, ohne um irgendwie Eindruck zu schinden oder so oder um geheucheltes Interesse vorzuspielen. Weit gefehlt!
„Nein, ich finde s hier wirklich schön“, bekräftigte der Entertainer seine zuvor gemachte Aussage. Dann wand er sich an Erik: „Wo kann ich die Taschen abstellen, damit Sie mir das Haus zeigen können? Einen kleinen Rundgang wäre ich nicht abgeneigt, bevor wir die Kamera dazu holen.“
Erik deutete in das Wohnzimmer und ging den Flur entlang. „Einfach hier abstellen.“
Der Moderator folgte Erik ins Wohnzimmer, vorbei an der Küche. Staunend bewunderte er die Kücheninsel. „So etwas gibt es bei mir nicht Zuhause“, merkte er an und stellte seine beiden Taschen ab.
Erik zog verwundert eine Augenbraue hoch. „Tatsächlich? Dachte, dass Sie in einer eher prunkvollen Gegend wohnen. Möchten Sie etwas trinken?“
Thomas lächelte leicht. „Das stimmt schon, aber dieses Gegend kommt ja nicht von ungefähr. Ich habe mir den Weg hart erarbeiten müssen. In den Schoss gefallen ist mir also nichts. Das Leben ist nicht immer so schön wie es den Anschein hat. Auch in meinem Leben gibt es die Schattenseiten des Lebens, der wohl vermute ich jeder hat und nein danke, ich möchte nichts trinken.“
Erik nickte verstehend. „Ich verstehe, aber, wie ist es denn so als Berühmtheit?“ Thomas blickte den anderen Mann lange an. „Scheiße.“
„Entschuldigen Sie, aber darf ich daraus schließen, dass Sie Ihr Leben nicht wertschätzen? Sie haben viel erreicht in Ihrem Leben.“
Thomas hob abwertend die Hand. „Ich habe viel erreicht, dass stimmt. Aber immer nur nett und freundlich tun, auch wenn es mir mal, auch wenn das sehr selten passiert richtig dreckig geht, kann auf Dauer sehr ermüdend sein. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.“
Erik schien zu begreifen. „Aber lassen Sie uns nicht hier rumstehen. Sie wollen ja die vier Wände näher kennenlernen, die für die nächste Woche Ihr Zuhause sein werden.“
Mit diesen Worten steuerte er die Terassentür an die sich im Wohnzimmer befand. „Gern. Aber eine Sache noch: Siezen Sie mich bitte nicht. Da komm ich mir so alt vor. Aber ich darf zu Ihnen doch auch Du sagen?“, vergewisserte sich der Moderator der Erik gefolgt war.
Dieser war recht froh, dass Thomas ihm das Du anbot, da kam man sich doch direkt vor wie zwei alte Schulfreunde, die sich schon ewig kannten.
„Also, dass ist unser Garten. Du bist wahrscheinlich größeres gewohnt, habe ich da Recht?“
Thomas nickte zustimmend. „Da hast du Recht.“ Er deutete auf die gemütlich aussehende Hollywoodschaukel. Sogar einen kleinen Spielplatz mit einer Wippe und einer Schaukel konnte er ausmachen.
Erik zeigte Thomas noch das Wohnzimmer, die Küche sowie das Esszimmer.  „Deine Kinder sind in der Schule nehme ich an und deine Frau?“, erkundigte sich der Showmaster, ehe er Erik eine geschwungene Holztreppe aus braunen Holz hochstieg und in einen Flur gelangte von denen auf jeder Seite jeweils drei Türen abgingen.
„Richtig. Die anderen drei Bewohner des Hauses sind nicht da. Du musst mit mir vorliebnehmen. Sie werden kommen, wenn ich wohl auf dem Weg nach Berlin bin“, meinte Erik.
„Ich freue mich schon darauf den Rest deiner Familie kennenzulernen.“, lächelte Thomas.
„Hinter dieser Tür verbirgt sich das Schlafzimmer von Marion und mir. Da darfst du nur rein, wenn Marion dich ausdrücklich dazu auffordert. Sollte ich erfahren, dass du ohne ausdrückliche Aufforderung das Zimmer betreten hast oder dich an meine Frau rangemacht hast, dann setzt es was“, mahnte Erik.
Thomas schluckte hörbar.  „Wo denkst du hin? Ich bin seit vielen Jahren glücklich mit meiner Frau Thea verheiratete und sie hatte schon viel öfter Angst, dass ich ihr wohlmöglich noch fremdgehe, bei dem, was bei mir schon auf dem Sofa saß. Insofern kannst du beruhigt sein.“
Der braunhaarige deutete auf die Tür in der Mitte der linken Seite. „Neben dem Schlafzimmer befindet sich unser Bad. Noch eins weiter daneben ist das Zimmer von Leo.“
An der Tür von dessen Zimmer prangten kindliche Sticker von Iron Man, Spiderman und Capitan America. In der Mitte prangt ein kunstvoll angefertigtes Namensschild. „Wer hat das gemacht?“, erkundigte sich Thomas ehrlich interessiert.
„Das war ich. Ich arbeite als Autor und tobe mich manchmal kreativ aus“, antwortete Erik und deutete auf das Zimmer auf der rechten Seite, welches gegenüber von Leos Zimmer lag. „Das Zimmer von Vivienne.“
Dieses sah, wenn man von der Tür ausging schon deutlich erwachsener aus. An der Tür prangten Poster von Robbie Williams und von 50 Cent.  „50 Cent war auch schon mal bei mir. Robbie Williams übrigens auch“, steuerte Thomas bei und deutete auf die mittlere Tür.
„Das ist das Gästebad, daneben liegt das Gästezimmer“, erklärte Erik. „Also mein Reich für die nächste Woche“, schlussfolgerte Thomas. „Den Rest wird dir meine Frau zeigen. Wann kommt dein restliches Team? Dann machen wir nochmal den Rundgang und ich hoffe sehr, dass du interessierst und überrascht tun kannst.“
Thomas klopfte sich auf die Brust. „Natürlich kann ich das.“ Er warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr. Sie hatten fast eine halbe Stunde gebraucht. Die beiden stiegen die Treppe wieder nach unten.
Thomas ging zurück ins Wohnzimmer um seine beiden Taschen für den Dreh zu holen. „Wir machen alles genauso wie zuvor, nur dann mit dem Unterschied, dass die Kamera läuft“, informierte Thomas und Erik öffnete die Haustür. Begrüßt wurde er da auch schon von dem versprochenen sechzehnköpfigen Team. Ein Mann, wahrscheinlich der Tontechniker kam auf Erik zu und gab ihm die Hand. „Guten Morgen, wir haben Sie schon erwartet.“ Der Man legte Erik ein kleines Mikrofon an.
„Sind Sie bereit? Die Kamera wird nun die Begrüßung von Thomas filmen, Thomas? Du kommst von da vorne und beigst dann hier ein und-“, verteilte nun der Regisseur erste Anweisungen.
Der Dreh begann und kam ohne große Schwierigkeiten über die Bühne
Um 11:34 Uhr hatte Erik seine Taschen fix und fertig vor seinem Auto stehen und lud diese mit Thomas ein. „Es war nett deine Bekanntschaft zu machen, genieß Berlin und grüß deinen Freund von mir“, bat Thomas.
„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite. Ich hoffe, dass ich das Haus sowie meine Familie in einem guten Zustand wiedersehe, wenn ich zurückkomme“, zwinkere Erik.
„Worauf du dich verlassen kannst“, sagte Thomas und Erik stieg in sein Auto, schaltete es an und fuhr langsam die Straße entlang, hupte noch einmal zum Abschied.
Thomas blickte dem Auto noch eine Weile lang nach. „Ein netter Mann. Ich hoffe, dass ich ihn als Vater gut vertreten kann“, murmelte Thomas von sich selbst, ehe sich ein Auto der Einfahrt näherte. Dieses blieb vor der Garage zum Stehen und eine hochgewachsene blonde Frau hüpfte quasi aus dem Auto und umarmte Thomas prompt. „Herr Gottschalk! Wie schön Sie zu sehen!“
„Ich freue mich auch“, meinte dieser. „Ich bin gespannt was auf mich zukommen wird.“
„Da wird es schon eine Menge zu tun geben. Bald muss ich meine Kinder abholen und dann wird sich richtig kennengelernt“. Ach, ich bin übrigens Marion.“
„Das weiß ich bereits von meinem Chef. Ich denke, dass wir zu viert eine schöne Zeit haben werden“, prophezeite Thomas wie ein Orakel.

3. Kapitel


10.April 2006
Montagmorgen im Hause Sommers



Dass eine Woche so schnell verging, hätte Leo niemals gedacht. Er hatte sich mittlerweile sehr an ihren kurzzeitigen Gast gewöhnt und es fiel ihm sehr schwer diesen bald, in wenigen Stunden wieder gehen zu lassen. Der sechsjährige mit den grünen Augen und den braunen Locken trug heute feierlich ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck „Wetten, dass…?“, damit er und die beiden Frauen im Haus den Moderator gebührend verabschieden konnten.
Sie hatten viel mit dem Entertainer unternommen wie beispielsweise eine Fahrradtour an die Saar, waren einkaufen gewesen, wobei sich dort der prominente Gast nicht gerade als Hilfe erwiesen hatte, da er ständig von neugierigen Einkäufern nach Fotos oder Autogrammen gefragt wurde. Musste das den Star nicht nerven? Thomas hatte Vivienne und Leo sogar zu einem Fußballspiel mitgenommen und mit ihrer Mutter war er in einem berühmten Musical. Die Familie hatte viele schöne Erlebnisse zusammen erlebt, die ohne den Moderator nicht möglich gewesen wären und dafür dankte Leo den großen Blonden ganz viel.
Natürlich durfte Thomas nicht nur auf der faulen Haut liegen, sondern musste im Haushalt auch ganz schön mitanpacken. Thomas hat ihn immer in die Schule gefahren und Vivienne auch. Diese hatte der Lockenkopf auch zu ihren Proben im Theaterverein gefahren und Leo selber auch zum Fußball. Er liebte Fußball über alles und könnte sich nichts anderes vorstellen. Sein Vater hatte ihn versprochen, dass, wenn er wieder im Haus herrschen würde, sie dann alle Verwandten zu Leo´s wichtigen Fußballturnier kommen würden. Auf die Unterstützung seines Vaters freute er sich schon sehr. Auch Vivienne fieberte der Rückkehr ihres Vaters fieberhaft entgegen, da dieser dann zu ihrem Theaterstück kommt. Der Theaterverein in Illingen spielte nämlich dann „Eine Weihnachtsgeschichte“, zwar erst im Dezember, aber ihr Vater hatte sein Kommen angekündigt.
Der „neue“ Vater wollte im Dezember dann auch vorbeischauen, wenn es sich terminlich einrichten ließe und Vivienne  war, als sie das gehört hatte, vor Freude fast an die Decke gegangen, jedoch nur beinahe.
Auch sie trug heute ein weißes T-Shirt, welches ebenfalls mit dem Aufdruck „Wetten, dass..?“ versehen war. Ihre blauen Augen strahlten bei dem Gedanken, wenn sie daran dachte, dass Thomas bald ihren Vater vom Flughafen abholen würde. Ihn dann endlich wieder in die Arme schließen zu können ließ sie fast wahnsinnig werden. Ihre hellbraunen Haare trug sie heute zu einem Dutt zusammen.
Schließlich stand der Moderator gepackt mit seinen zwei braunen Tragetaschen aus Leder vor der dreiköpfigen Familie. Eine Kamera war auf ihn gerichtet um die rührende Verabschiedung festzuhalten, welche jetzt wohl ganz rührend und theatralisch ausfallen musste, um Eindruck zu schinden für das Fernsehen. Was tat man nicht alles für die Einschaltquoten.
„Es hat mir wirklich sehr bei euch gefallen“, begann Thomas. Ob er die Worte einstudiert hatte? Vermutlich nicht, denn seine Sendungen lebten von seiner Spontanität sowie auch von seiner Improvisation.
„Und das meine ich ehrlich, ohne um zu Übertreibungen zu neigen. Es war wirklich Glück, dass ich zu euch gelangt bin und nicht zu einer andren Familie, obwohl es mir bei allen Familien gut gefallen hat, bei denen ich in der letzten Staffel war“, redetet Thomas weiter.

„Du bist uns auch sehr gut zur Hand gegangen. Ich hatte nie den Eindruck, dass du dich nur faul irgendwo hingesetzt hast und brav auf Anweisungen gewartet hast. Nein, denn selbst ist der Mann Dafür muss ich dich wirklich loben“, war nun das Wort an Mutter Marion. „Du hast Erik wirklich in Würde vertreten. Aber wird Zeit, dass er wiederkommt.“
Vivienne war nun an der Reihe und setzt ihr berühmt berüchtigtes   verschmitztes Grinsen auf: „Du wirst mir fehlen, denn hättest du mich nicht immer zu meinen Proben gefahren, was ja normalerweise der Job von meinem Vater war, säßen meine Mitspieler planlos da, weil ich nicht da war.“
Leo bekam gar keinen richtigen Satz raus, sondern er umarmte den Moderator einfach nur und schluchzte. Das war echt und das wusste auch Thomas.
„Na na na“, klopfte er den kleinen Jungen sachte auf den Rücken. „Ich bin ja nicht aus der Welt, aber es muss auch ohne mich gehen.“
Leo ließ Thomas langsam los und nickte ihn stumm mit verheulten Gesicht zu.  Thomas wuschelte Leo noch einmal durch die Locken und wurde dann auch schon von Vivienne umarmt. „Mach es gut“, murmelte sie mit tränenbeschwerter Stimme. „Wir sehen uns ja zu deiner Theateraufführung“, versuchte er sie aufzuheitern.
Als diese Umarmung auch abgeschlossen war schloss ihn noch die Mutter des Hauses beherzt in die Arme. „Was hätte ich nur ohne dich getan? Denn Haushalt und gleichzeitig Kinder ist schwierig. Ohne eine helfende Hand, nämlich deiner, hätte ich bestimmt das Handtuch geworfen“, flüsterte Marion leise.
„Das habe ich doch gerne gemacht“, meinte Thomas ehrlich und Leo trat vor. „Das ist für dich“, flötete der Kleine, der den Blonden ein T-Shirt hinhielt mit einem Foto der Familie – Erik war übrigens auch darauf- . Der Moderator konnte es kaum fassen. „Vielen lieben Dank!“, bedankte er sich und alle vier umarmten sich noch ein letztes Mal, ehe Thomas das T-Shirt einfach darüber zog und seine Taschen vom Boden aufnahm. „Es war sehr nett mit euch!“, verabschiedetet sich Thomas, bevor Vivienne ihm die Haustür öffnete.
Durch diese trat der Moderator und hob noch einmal die Hand zum Abschied, nachdem er die Taschen beim Auto abgestellt hatte und er dann auch in das Auto einstieg.
Die Kamera wurde ausgeschaltet. „Es ist im Kasten!“, freute sich Dirk, der Regisseur und das sechzehnköpfige Team fiel sich überglücklich in die Arme
Thomas stieg wieder aus dem Auto und umarmte die Familie ein letztes Mal. „Ihr könnt froh sein, dass ihr so einen tollen Vater und natürlich auch Ehemann habt. Er ist glücklich mit euch.“ Denn dies hatte Thomas ganz klar aus den Worten von Erik herausgehört, als er ihn am ersten Drehtag getroffen hatte.
„Wir sind auch glücklich mit ihm“, flüsterte Marion mit schwerer Stimme. Der Abschied fiel ihr sehr schwer. „Danke für alles, Thomas.“ Dieser verstaute im Auto gerade sein Gepäck. Sein Team tat es ihm gleich mit ihrer Ausrüstung. Jedoch würde das Team in einem kleinen Bus zum Flughafen fahren und nur Thomas und der Regisseur mit dem Auto, da nicht genug Platz für alle vorhanden war.
„Gerne. Wie machen wir das am Besten jetzt? Das Kamerateam und ich fahren jetzt zum Flughafen, empfangen Erik dort. Ich wechsele ein paar Worte mit ihm und Manuel, einer der Kameramänner wird mit Erik zurückfahren, da er ja mit seinem eigenen Auto vor gut einer Woche losgefahren ist.  Manuel muss mit um die Ankunft von Erik zu filmen. Wie kommt Manuel dann wieder zu uns? Wir werden nämlich dann so lange in der Nähe des Flughafens auf Manuel warten um mit ihm dann gemeinsam zurückzufahren“, erklärte Thomas.
Aus der Küche dröhnte laut Leo´s Lieblingslied, denn Marion ließ immer das Radio in der Küche laufen.  „Haha! Geh nur“, zwinkerte Thomas und Leo flitzte wie von der Tarantel gestochen los in die Küche, dicht gefolgt von Vivienne.
Marion schürzte die Lippen. „Erik könnte Manuel dann wieder zum Flughafen fahren, wäre das eine Option?“ Manuel nickte. „Das wäre wirklich sehr nett von ihnen.“
„Dann passt auf euch auf. Ich wünsche euch alles Gute!“, mit diesen Worten stieg Thomas auf dem Beifahrersitz und Dirk, der Regisseur setzte sich hinter das Steuer. Der Rest des Teams stieg in einen kleinen Bus und beide Fahrzeuge setzten sich in Bewegung.
Marion winkte dem Auto sowie dem Bus lange nach.

Thomas hatte inzwischen sein T-Shirt, welches er von der Familie geschenkt bekommen und über seinen dünnen Pullover gezogen hatte,  wieder ausgezogen und es hinten auf die Rückbank gelegt.
„Die Sommers werden mir sehr fehlen“, meinte Thomas ehrlich betrübt. Dirk konzentrierte sich auf den Verkehr vor ihnen und nickte daraufhin nur. „Würde dich das Radio stören oder darf ich?“, fragte Thomas nach einer Weile des Schweigens. Sie hatten noch einen langen Weg vor sich und da würde ihnen etwas Unterhaltung guttun, denn Thomas selber war mal früher beim Radio. „Gerne“, erlaubte Dirk Thomas das Anmachen des Radios, was dieser auch prompt in die Tat umsetzte.
Es lief gerade ein etwas rockiger Titel. „Gleich die 11 Uhr Nachrichten“, ertönte eine sympathisch wirkende weibliche Stimme.  „Oh. Schon so spät? Wann landet Erik denn?“, fragte Thomas.
Auf Dirks Stirn bildete sich eine tiefe Falte. Er schien streng nachzudenken. „Er ist erst vor gut fünfzehn Minuten, schätze ich, gestartet. Da können wir es langsam angehen lassen“, meinte Dirk.
„Das stimmt, da haben wir noch etwas Zeit“, bestätigte Thomas und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Jetzt die 11 Uhr Nachrichten. Vor wenigen Augenblicken erreichte uns die Meldung, dass die Maschine von Berlin nach Saarbrücken abgestürzt ist.  Das Flugzeug hat nach Informationen zufolge Feuer gefangen, als es in einen Wald gestürzt ist. Alle der 300 sich am Bord befundenen Passagiere sind tot. Die genaue Ursache, wie es zu dem Unglück kam ist noch unklar. Wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden. Was für eine Tragödie!“
Die weiteren Nachrichten blendete Thomas aus. Geschockt saß er auf dem Beifahrersitz und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Nein! Das darf nicht wahr sein! NEIN!“
„Erik Sommer war in dieser Maschine“, flüsterte Dirk, als wäre dies Thomas nicht schon klar geworden.
„Denkst du, dass ist mir nicht klar? Ich muss zurück. Zu den Sommers! Ich muss ihnen jetzt beistehen. Sie brauchen jetzt eine Stütze in ihrem Leben“, brachte der bleiche Gottschalk hervor. Er zitterte.
„Thomas, bei aller Liebe, aber das wirft den ganzen Zeitplan durcheinander und-“, versuchte Dirk dagegenzuhalten, wurde jedoch von einem erbosten Thomas unterbrochen: „Unser Zeitplan ist mir jetzt sowas von egal! Ich habe selber Familie und meine Gastfamilie steht nun vor dem Nichts! Fahrt ihr vor. Ich möchte bitte aussteigen. Ich nehme den Bus. Informier die anderen. Ich..ich muss das jetzt machen.“
Dirk blickte Thomas lange schweigend von der Seite aus an, schließlich nickte er. „Wenn du das unbedingt willst.“ Er parkte an einer Haltestelle und Thomas stieg aus. Er nahm seine beiden Taschen aus dem Auto. „Passt auf euch auf“, murmelte Thomas. Das konnte und durfte nicht wahr sein! Erik Sommer war tot!
„Bau keinen Mist“, meinte Dirk nur und wählte gerade die Nummer von Manuel, der im Bus als Beifahrer fungierte.
Thomas ging zur Haltestelle um sich den Fahrplan der Busse anzusehen. Er musste zum Glück nicht lange auf einen Bus warten, der ihn in die Nähe zum Wohnort der Sommers fuhr.

Der Moderator atmete tief durch, als er schließlich vor dem Haus stand. Erneut. Wieder und das nicht mal seit einer halben Stunde. Erneut atmete der erfahrene Showhase tief durch. Da half jetzt auch keine Erfahrung im Bereich des Entertainments mehr. Das hier war das wahre Leben. Die harte bittere Realität.
Ob Marion es schon wusste?
Bevor Thomas klingen konnte wurde die Tür aufgerissen und eine zitternde, bleiche Marion blickte ihm entgegen. Also wusste sie wohl schon Bescheid.
Aber was sagte er jetzt wohl bloß am besten? Nun musste er als Mensch mit dieser Situation zurechtkommen.  Showlaufen gehörte jetzt wohl sicher nicht dazu.
Die ersten Worte waren nun die allerwichtigsten!
Marion ging die drei kleinen Stufen von der Tür hinab, bis sie dicht vor Thomas stand. Ihr Blick war unverwandt ernst, was Thomas so ungewohnt vorkam.
„Ich gebe Ihnen zwei Minuten, nicht mehr und auch nicht weniger. Nein wissen Sie was?, Verschwinden Sie! Es ist Ihre Schuld! Sie sind Schuld!“
Marion hob die Hand und hinterließ einen roten Abdruck auf Thomas rechter Wange. Der Moderator hielt sich die schmerzende Stelle.
„Sie wissen ganz genau, dass Sie außer mir niemanden mehr haben, der Ihnen hilft!“, knurrte Thomas wütend. Die Ohrfeige hätte nicht sein müssen.
Marion zitterte. „Gehen Sie!“, brüllte sie.
Thomas schüttelte den Kopf. „Oh nein, meine Liebe! Wir zwei werden uns jetzt ganz in Ruhe unterhalten!“

4. Kapitel


10.April 2006
Montagmittag im Hause Sommers



Thomas hatte Marion eine geraume Zeit schweigend angesehen, bis diese schließlich den Rückweg ins Haus, wenn auch dies nicht ganz freiwillig, angetreten hatte. Leo und Vivienne waren nachdem Thomas mit seinem Team auf den Weg zum Flughafen war, zu den Nachbarn gegangen, damit Marion in Ruhe Eriks kleine Willkommensparty vorbereiten konnte, welche sich nun leider erledigt hatte.
Thomas erspähte eine kunstvoll angefertigte Girlande mit den Worten „Willkommen zurück Papa!“.  Dieser Anblick zerriss ihm das Herz. Noch mehr störte ihn Marions Blick. Im ersten Moment war sie fuchsteufelswild und im nächsten traurig wie ein Trauerkloß.  Wütend riss die Frau die Girlande herunter und zerknüllte sie auf den Boden.
„Er wird kommen! Er wird zurückkommen! Sein Flug hatte nur Verspätung! Das kommt vor in einer so großen Stadt wie Berlin eine ist. Er kommt wieder! Dann kommt er, begleitet von Manuel durch diese Tür, umarmt seine Kinder und wir feiern und dann erzählen wir ihm, was wir mit Ihnen erlebt haben, Thomas und dann besucht er mit Leo das Fußballspiel und wohnt Viviennes Theaterauftritt bei und wir beide werden segeln! Unser großer Traum und dann werden wir zusammen alt! Bald wird er durch diese Tür kommen.  Er MUSS kommen!“, jaulte Marion nun verzweifelt.
Thomas hatte inzwischen die Tür geschlossen und schweigend Marions Träumen gelauscht. Es gab keine Hoffnung mehr! Ein Wunder, dass er zu dieser Ansicht gelangt ist.
Marion drehte sich zu Thomas um, welcher automatisch einen Schritt zurückwich. Denn er wollte sich nur ungern eine weitere Schelte einfangen. Zu seiner eigenen Verwunderung hämmerte Marion quasi mit ihren Fäusten auf ihn ein. Thomas schloss die Augen und ließ die Frau an seinem Körper hinunter hinabgleiten, bis sie sich mit dem Rücken an der zitronengelben Wand anlehnen konnte.
Heftige Schluchzer zerrissen die Stille, die sich für Thomas so furchtbar anhörte. Denn wenn er etwas gar nicht leiden konnte, dann war es dieses Gefühl der Stille. Selbst das bloße Hören der Stille widerte ihn ab, behagte ihn gar nicht.  Das machte ihn Angst.
Vorsichtig kniete er sich neben Marion und setzte sich neben sie, wandte seinen Körper ihr zu und schlang langsam die Arme um ihren bebenden Rücken. Die Tränen rannten unaufhörlich weiter. Thomas drückte die verzweifelte Frau an sich.
Marions Tränen benetzten sein Hemd.  Mit langsamen auf und ab Bewegungen strich er ihren Rücken hinauf sowie auch hinab. Schauekelte sie wie ein kleines Kind. „Ich lasse euch niemals alleine. Das ist ein Versprechen“, versprach der Moderator leise.
„Er wird zurückkommen“, wisperte Marion in die Stille hinein. Diese kam Thomas so furchtbar vor. Er liebte es Leute zu unterhalten und diese zum Lachen bringen. Sein Vater war früh verstorben. Er konnte sich vorstellen, wie es nun für Marions Kinder sein musste, sollten sie es schon erfahren haben.
Thomas drückte die Frau fester an sich. Dass was sie nun dringend brauchte war Hilfe und zwar professionelle. Er selber konnte und würde sie zwar nach Kräften unterstützen, allerdings war er kein Fachmann. Aber das würde er ihr erst sagen, wenn die Zeit reif dafür war.  Jetzt musste die Familie erstmal mit sich selber ins Reine kommen.  Unterstützung von seiner Seite gäbe es da natürlich!
Der Moderator schluckte schwer. So viel Trauer um ihn herum würde ihn selber schwach machen. Aber da musste er nun durch. Er wollte ja unbedingt zurück, zurück zu dieser Familie, die nun mehr brauchte als jemand, der nur witzige Sprüche klopfen konnte. Oh nein, Thomas konnte auch anders, viel anders. Er wollte ja gar nicht wissen wann Manfred von dieser Sache Wind bekommen würde. Ob Dirk ihn schon alles bis ins kleinste Detail berichtet hatte? Möglich wäre dies schon.
Marions Körper bebte immer noch.  „Thomas?“, vernahm er da die leise fragende Stimme der Mutter.
Thomas Blick lag voller Traurigkeit und auch voller Anteilnahme.  Er zeigte Verständnis für diese arme Frau, die auf einen Schlag alles verloren hatte und nicht nur sie, auch ihre beiden Kinder mussten nun lernen ohne Vater aufzuwachsen.
„Ja Marion?“, stellte der Gefragte die Gegenfrage um es ihr wenigstens ein bisschen leichter zu machen. Aber er wusste schon ganz genau was sie fragen wollte. Sie würde ihn nämlich fragen wann Erik wiederkommen würde. Dann würde er ihr antworten müssen, dass er nie mehr zurückkäme, jedoch fest in ihren Erinnerungen und dem Ort, der am wichtigsten war, nämlich dem Herzen einen Platz haben würde.
„Ich hasse dich!“, brüllte Marion wütend. Damit hatte Thomas jetzt überhaupt nicht gerechnet.
Machte sie ihm jetzt verantwortlich für den Tod ihres Mannes? Es schien wohl so. Er musste nun Ruhe bewahren. Nun war es an ihm Verantwortung zu übernehmen für etwas, was er nicht persönlich verschuldet hat.
Marion befand sich nur in ihrer Trauerphase, so empfand es zumindest der Entertainer.
„Marion, ich verstehe deine Trauer und deine Wut, aber leider wird er nicht zurückkommen.“
Er löste sich von der blassen Frau. Er selber sah wahrscheinlich auch nicht besser aus.
„Er ist aber weiterhin in deinen Herzen. Ich werde dich und deine Kinder unterstützen so gut es eben geht. Mein Interesse an euch wird nicht erlahmen. Ich werde mit meinem Chef reden. Er wird euch auch helfen, da bin ich mir sicher.“ Thomas Blick war aufmunternd. Er wollte Marion Hoffnung schenken, auch wenn es schwer würden würde.
„Es war deine Schuld! Wegen dir ist er nicht mehr am Leben! Er wird nie mehr zurückkommen! Warum habe ich mich überhaupt bei dieser Sendung beworben?  Damit mein ein und alles stirbt? Wärst du doch nur einen Tag früher oder später abgereist, dann wäre er wahrscheinlich noch am Leben! Verschwinde!“, schrie Marion und verpasste Thomas erneut eine Backpfeife, nur diesmal war es die linke Wange.
Mit wütenden Blick taxierte er die Mutter während er sich Wange hielt. Diese tat ja noch mehr als beim letzten Mal.
„Du wirst Unterstützung brauchen und zwar professionelle. Ich habe gesehen wie du im Alltag zu kämpfen hast. Ohne mich wärst du verloren gewesen“, murrte der Entertainer. Seine Laune war am Tiefpunkt. Aber er musste sich so schnell wie möglich wieder einkriegen oder die ganze Sache war gelaufen.
Entschlossen erhob er sich und schnappte sich seine Taschen. „Es tut mir leid. Ich bin nicht der Richtige für diesen Job.“ Thomas Stimme zitterte.  Er blieb stehen. Nein, er musste sich jetzt zur Ordnung rufen. Mit einem lauten Plumpsen ließ er die Taschen auf den Boden zurückfallen. „Letzte Chance Marion. Ich wiederhole mich gerne noch mal: Du wirst Hilfe brauchen, die ich dir nicht geben kann. Aber ich kann dir helfen diese zu besorgen.“
Handelte er da gerade wirklich richtig? Er hoffte es so sehr.
Marion schwieg. Lange. Unendlich lange, nämlich so lange, dass Thomas sich inzwischen umdrehte und nach der Frau, die da unten immer noch am Boden kniete, schaute. Nicht, dass sie heimlich verschwunden war. Menschen konnten entsetzliche Dinge tun in ihrer Trauer. Hoffentlich würde Marion keine Selbstmordgedanken hegen oder beginnen Drogen zu konsumieren.
Der Entertainer kratzte sich am Kopf und kniete sich seufzend vor Marion, welche eisern weiter schwieg.
„Schweigen ist doch nun wirklich keine Lösung!“, beschwerte sich der Gelockte und schlug die Hände auf seine Schenkel. „Ich biete euch nochmal meine Hilfe an, indem ich euch professionelle Hilfe benötige und helfe dir sogar die Beerdigung zu organisieren. Falls das erwünscht ist.“
Marion schlang ihre Arme um Thomas Rücken und weinte weiter. Ihr Weinen wurde langsam zum Brüllen. Doch Thomas hielt dem stand „Es tut mir leid, so leid“, schluchzte sie. „Ich wollte nicht.. die Wangen..“
Thomas schüttelte den Kopf. „Es ist in Ordnung. Ich weiß, dass du das nicht absichtlich getan hast.“
„Danke, dass du da bist“, murmelte Marion und hauchte Thomas einen Kuss auf die Wange. Dieser drückte die Frau von sich. Er hatte auch Familie, um die er sich kümmern musste. „Ich werde noch zwei Tage bleiben. Doch dann muss ich zurück. Meine Familie braucht mich ja auch und meine Sendung läuft auch nicht ohne mich“, erklärte Thomas, obwohl das ja eigentlich klar sein sollte.
Marion schien nun wie ausgewechselt und umarmte den Moderator erneut. „Ich habe dich immer so bewundert, für deine Sendung, dein Glück in der Ehe. Ach, danke, dass du doch noch geblieben bist.“
Thomas erwiderte die Umarmung, löste sich dann jedoch von ihr. „Wann kommen deine Kinder wieder? Wir müssen es ihnen so schnell wie möglich sagen.“
Marion blickte auf die Uhr. „Sie müssten bald wieder zurück sein. Ich kann sie auch holen gehen?“
Thomas nickte. „Mach das, ich komme dann auch gleich. Aber zuvor muss ich noch zwei wichtige Telefonate führen. Darf ich das Telefon im Gästezimmer benutzen?“
Erneut erntete der Moderator ein kräftiges Nicken.  Nun war es an ihm zu nicken und er stand gemeinsam mit Marion auf und ging die Treppe nach oben in Richtung Gästezimmer.

Die Mutter seufzte schwer. „Bald werden wir bei dir sein Erik…“

5. Kapitel


10.April 2006
Montagmittag im Hause Sommers, Thomas Gästezimmer



Der Moderator saß auf der Bettkante und stierte das Telefon in seiner Hand an. Hin- und hergerissen war er, was den Anrufer anbelangte. Wen sollte er zuerst anrufen? Seine Frau Thea oder seinen Chef Manfred? Er wusste es nicht, hatte immer noch keine Entscheidung getroffen.
Die Familie tat ihm so furchtbar leid, dass er seine Trauer nur schwer in Worte fassen konnte. Er hatte sich innerlich geschworen, dass er nichts unversucht lassen würde um der Familie, die noch übriggeblieben war, zu helfen. Er wollte den drei sehr gerne beistehen, auch wenn ihm das vor eine schwierige Herausforderung stellen sollte.
Er seufzte schwer und wählte schließlich die Nummer, die er in- und auswendig kannte, wäre ja ein Wunder, wenn er diese Nummer nicht ganz sicher in seinem Gedächtnis abgespeichert hatte.
Es klingelte am Ende der Leitung. Im Stillen überlegte Thomas, ob er nicht doch lieber auflegen sollte, entschied sich jedoch im letzten Moment dagegen, da dies ja ganz schön feige wäre und genau das konnte und durfte er nun auch nicht sein! Das wäre nämlich der größte Fehler, den er begehen könnte.
„Ja, Thea Gottschalk?“, meldete sich die zarte Stimme zurück, dessen Klang Thomas sehr vermisst hatte.
Schweigen. Thomas konnte einfach noch nicht reden, denn zu tief saß das bisher Erlebte noch. Hoffentlich würde seine Frau nicht gleich auflegen. Also räusperte er sich kurz um Thea an der Stange zu halten.
„Wer ist denn da?“, wiederholte seine Frau nun etwas genervter und Thomas konnte bildhaft sehen wie sie die Augen verdrehte. Das tat sie nämlich immer, wenn sie solche komischen Anrufe bekam.
„Thea, ich bin es, Thomas“, gab sich der Moderator schließlich einen Ruck und hoffte sehr, dass seine Frau Verständnis für seine momentane Situation aufbringen würde.
„Thomas!  Ich dachte du wärst auf den Weg nach Berlin um für diese Sendung zu drehen, die du noch außer „Wetten, dass…?“ hast. Aber mir ist der Name entfallen.“
In Berlin würde die nächste Familie warten, auch wenn Thomas sehr unentschlossen war, ob er tatsächlich aufkreuzen würde, nach all dem was passiert ist. Sein Chef hatte ihn am Samstag nämlich mitgeteilt, dass er schon eine weitere Familie für das Format gefunden habe und zwar in Berlin.
„Du meinst „Gottschalk zieht ein“, aber ich werde wohl nicht hinfahren“, antwortete Thomas um Fassung bemüht.
„Aber Thomas! Manfred wird darüber nicht gerade begeistert sein. Die Sendung ist noch nicht mal ausgestrahlt, du kannst also doch noch gar nicht wissen, wie die Quoten sein werden“, versuchte Thea ihren Mann umzustimmen, ehe sie jedoch bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte und dies auch gleich fragte: „Was ist passiert?“
Thomas rang sichtlich mit der Fassung, um die richtigen Worte. Dies war ihm noch nie so schwergefallen. „Es ist ein Unfall passiert“, begann er zögernd. „Das Flugzeug in welchem der Ehemann meiner Gastfamilie saß ist abgestürzt. Die genaue Ursache ist noch nicht geklärt, also laut meinem letzten Stand und ich bin gerade bei besagter Familie um ihnen beizustehen.“
Thea begann am anderen Ende der Leitung erschrocken aufzujapsen. „Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch, leider lüge ich in der Hinsicht nicht, auch wenn ich mir mehr als alles andere wünschen würde, ich täte es“, legte Thomas ehrlich dar. „Deshalb werde ich noch zwei weitere Tage bleiben.“
Thea stieß kurz die angehaltene Luft aus: „Das kannst du doch nicht machen? Dein Chef wird toben vor Wut.“
Thomas seufzte. „Ich weiß, aber ich glaube, dass ich ihn besänftigen kann. Aber Thea, du musst das verstehen.  Marion..sie wird das nicht alleine schaffen!“
Thea schwieg eine Weile lang bitter. „Dann hoffe ich, dass du es schaffen wirst. Denn ich habe das dir schon genug gesagt und werde nun auch nicht müde, es dir erneut deutlich zu machen, dass ich dir bei den Entscheidungen, die deinen Beruf betreffen nicht wirklich helfen kann. Da bin ich dir keine große Hilfe. Das musst du selber entscheiden.“
„Das weiß ich. Danke Thea, danke!“, bedankte Thomas sich. „Ich denke an dich, pass auf dich auf und Thomas?“, sagte Thea.
Thomas Gesichtsausdruck wurde fragend. „Ja?“, fragte er. „Ich liebe dich.“ Diese Worte ließen Thomas neuen Mut fassen. Die Situation war äußerst schwierig, das musste sogar er zugeben, aber sie war nicht unlösbar, sondern durchaus schaffbar.
„Ich dich auch. Ich dich doch auch. Ich muss nun auflegen. Mein Chef müsste jetzt aus seiner Mittagspause zurück sein“, meinte Thomas mit einem abschätzigen Blick auf die Uhr, welche an der Wand hing.

Mit diesen Worten legte  der Entertainer auf und wählte die zweite noch verbleibende Nummer.  Auch diese kannte er auswendig.
Innerlich wappnete er sich schon mal auf die miesepeterige Laune seines Chefs. Das konnte ja was werden! Es klingelte am anderen Ende, nur einmal und dann hob sein Chef auch schon ab.
„Unterhaltungschef Manfred Teubner vom ZDF am Apparat“, meldete sich die müde Stimme seines Chefs. Ob er schon die leiseste Ahnung hatte, was vorgefallen war? Thomas wusste es nicht, konnte es einfach nicht sagen.
„Hallo Manfred, ich bin es, Thomas und komme mit schlechten Neuigkeiten: Das Flugzeug in dem Marions Ehemann Erik Sommer drin war ist abgestürzt. Genauere Informationen wie es zu dieser schrecklichen Tragödie kommen konnte, weiß ich nicht.  Aber die Meldung lief bestimmt schon in den Nachrichten rauf und runter“, begann Thomas. Den seine Frau lebte mit ihm zusammen in Malibu. Deshalb hatte sie die Nachricht wohl noch nicht gehört. Obwohl bei ihnen Zuhause durchaus deutsches Fernsehen lief.
„Auf jeden Fall wollte ich Bescheid geben, dass ich noch zwei Tage länger in Saarbrücken bleiben werde und die Familie so gut es geht unterstützen werde. Könntest du meinem Team rund um Dirk Bescheid geben, dass ich mich selber um einen Weg nach Berlin kümmern werde? Sie müssen also nicht auf mich warten.  Aber ich weiß nicht, ob ich es durchziehen kann. Diese Tragödie hat mich schwer getroffen und ich weiß nicht, ob ich bei der nächsten Familie nun ja natürlich bleiben kann ohne um mich zu verstellen“, endetet Thomas schließlich.
Manfred hatte am anderen Ende still gelauscht und das sortiert was Thomas ihm mitgeteilt hatte. „Es tut mir sehr leid, was passiert ist. Ich werde es Dirk weitergeben und es tut mir sehr leid, dass du das hast erleben müssen. Niemand konnte ahnen, dass es so enden würde. Richte der Familie meine tiefste Anteilnahme aus. Meine Gedanken werden bei ihr sein. Ich werde mir etwas überlegen wie auch ich sie unterstützen kann und ich werde der Familie in Berlin absagen. Sie werden Verständnis dafür haben, da bin ich mir sehr sicher. Natürlich werden wir diese Aufnahmen der letzten Woche nicht ausstrahlen, denn ich denke, das wäre das Beste für alle“, meinte Manfred.
Thomas seufzte schwer. Seine Stimme war schwer. Er war so entsetzlich müde. So fertig, einfach geschafft, erledigt.  „Danke Manfred. Wie kann ich dir je dafür danken?“
„Da gibt es nichts zu danken“, winkte der Chef ab. „Das nennt man aufrichtiges Mitgefühl und Anteilnahme. Danke Thomas. Danke dafür, dass du deine Zeit opferst um der Familie zu helfen. Ich könnte das nicht“, meinte Manfred ehrlich.
„Danke Manfred. Das bedeutet mir sehr viel“, sagte Thomas und sah aus dem Fenster. Der Wind wehte einige Blätter davon.  „Ich werde dann mal nach der Familie schauen. Ich melde mich, wenn ich etwas Neues weiß.“
„Bis bald“, verabschiedetet sich Manfred und die beiden legten zeitgleich auf. Thomas schätzte seinen Chef sehr. Auch wenn ihn dieser wegen seiner Unpünktlichkeit und seiner wirklichen Kunst des Überziehens der Sendung  desöfteren rügte konnten sich beide nicht über den jeweils anderen beklagen und wussten, was sie aneinander hatten.
Thomas stand auf und stellte das Telefon in die Ladestation zurück, verließ das Gästezimmer und schloss die Tür. Müssten Leo und Vivienne nicht schon längst mit ihrer Mutter zurück sein?  Doch im Haus war alles still, kein Mucks war zu hören.
Thomas sprintete quasi die Stufen der braunen Holztreppe nach unten. Seine beiden Taschen, welche er im Flur stehen gelassen hatte standen noch unversehrt an Ort und Stelle. Vermutlich hatte Thomas die Tür einfach überhört, während er telefoniert hatte. Vielleicht waren die drei noch beim Nachbar und benötigten Zeit um zu trauern? Fragen über Fragen, auf die Thomas keine Antwort wusste.
Ratlos fuhr er sich durch die Locken.  Was war nur geschehen? Denn es war im ganzen Haus ungewohnt still, so erschreckend leise. Kein Laut konnte der Moderator vernehmen.
Er schluckte schwer und begab sich in die Küche. Das was er dort vorfand erschreckte ihn zutiefst!
Zitternd ließ er sich auf die Knie sinken und weinte hemmungslos. „Nein! Nicht! NEIN! Wäre ich doch nur schneller gewesen!“ Wütend schlug er mit den Fäusten auf den Boden. „NEEEEEEEEEIIIN!“

Eines stand fest: Thomas bisheriges Leben war auf einen Schlag vorbei!

Epilog


10.April 2010
Montagmittag Friedhof in Saarbrücken


Es schien so als würden die Blätter die trübe Stimmung einfangen. Es schien immer noch so nah, obwohl es doch schon so fern in der Vergangenheit zurücklag. Denn heute ausgerechnet vor vier Jahren starb die gesamte Familie Sommer aus Saarbrücken. Der Mann Erik durch einen Flugzeugabsturz, welcher willkürlich vom Piloten herbeigeführt wurde, wie Thomas später erfahren hatte. Die Mutter sowie auch gleichzeitig Eriks Ehefrau Marion konnte den Tod ihres Mannes wohl einfach nicht verkraften. Sie starb nur wenige Stunden später durch eine Plastiktüte über den Kopf. Ihre beiden Kinder Leo und Vivienne starben auf dieselbe Weise. Wie schrecklich!  Der Moderator machte sich immer noch schreckliche Vorwürfe, da er die Familie nicht retten konnte!
Thomas hatte nachdem er die drei leblos auf den Boden vorfand sofort die Polizei gerufen um den Unfall zu melden.  Anschließend kümmerte er sich um die Beerdigung. Ebenfalls verständigte er das örtliche Leichenhaus, damit man die drei Leichen entsorgen konnte. Thomas konnte dies nicht mitansehen und war nach draußen gegangen. Die Sendung "Gottschalk zieht ein" wurde nicht mehr weitergeführt. Auf eine Ausstrahlung wurde verzichtet.  Das sechzehnköpfige Team zeigte sich wie Thomas schwer getroffen von dem Verlust.

Nun vier Jahre später legte Thomas jeweils eine Blume auf eines der vier Gräber. Er war immer noch traurig. Jedes Jahr, wenn sich der Todestag ereignete reiste er nach Saarbrücken, wo die Familie beerdigt lag. Er war immer noch so unendlich traurig. Wäre er doch nur schneller von seinen Telefonaten nach unten gegangen. Er hätte es verhindern können! Er war ja über eine Stunde oben gewesen, da es so lange gedauert hatte, bis er sich durchgerungen hatte um endlich die Nummer seiner Frau zu wählen.
Was würde er nur ohne seine Frau tun? Das wüsste der Entertainer nicht.  Diese ist nämlich mit ihm direkt in einen Kurs gegangen, damit es ihm leichter fiel mit seiner Trauer umzugehen.  Nur sehr langsam fand er wieder zu seiner alten Form zurück.  Dass er es schließlich doch geschafft hatte bezeichnete der Moderator als ein Wunder Gottes.
Mit seiner Unterhaltungssendung „Wetten, dass…?“ lief es weiterhin gut. Alles blieb diesbezüglich beim Alten außer der blonden neuen Co- Moderatorin an seiner Seite. Denn seit Oktober 2009 stand ihm Michelle Hunziker hilfreich zur Seite. Sie kannte im Vorfeld schon die Wetten. Nicht so wie früher. Denn damals wusste Thomas schon ganz genau was der Kandidat machen musste und war dementsprechend auch bei den Proben dabei. So entstand sehr schnell ein Band der Brüderlichkeit, was in der Sendung natürlich wenig nutzte, da er in der Live-Sendung dann immer überrascht tun musste. Dies war zum Glück nun vorbei. Dank Michelle.
Auch jetzt war er nicht alleine. Langsam ging er zwei Schritte von den Gräbern zurück. „Ruht in Frieden. Gott soll euch beschützen, was ich nicht geschafft habe.“
Der Moderator vernahm Schritte hinter sich.  Bestimmt war dies nur ein Passant, der ebenfalls Angehörige besuchen wollte. „Thomas?“, hörte er fragend eine altbekannte Stimme.
Langsam drehte er sich um und sah nur noch wie eine blonde Haarpracht auf ihn zulief. Es war Michelle.
Beherzt schloss sie Thomas in ihre Arme. „Wie geht es dir?“, brachte die Schweizerin mühsam hervor. Sie mochte es nicht, wenn ihr Kollege traurig war.
„Ich habe gar nicht mit dir hier gerechnet“, versuchte Thomas um seine momentane Gefühlslage herumzureden. Doch Michelles Blick lag voller Sorge sowie auch Skepsis. Sie sorgte sich sehr um ihn.  Konnte man es ihr verübeln? Nein, sicherlich nicht.
Thomas würde sich wohl nie mehr von diesem Erlebnis ganz erholen. Dafür waren die Wunden zu tief.
Er seufzte. „Mir geht es den Umständen entsprechend“, antwortete er nun ehrlich.  Langsam lösten sich die beiden voneinander.
„Als du mir das mit der Familie damals erzählt hattest wusste ich ja, dass es schlimm war, aber dass es so schlimm war, hätte ich nicht gedacht“, meinte Michelle.  Denn sie sah Thomas immer noch den Schock an, auch nach vier Jahren.
„Es tut mir gut, dass du da bist“, flüsterte Thomas leise.
„Das ist doch selbstverständlich. Ehrensache“, versuchte sich die Blondine an einem Lächeln. Auch Thomas versuchte ein Lächeln zu Stande zu bringen, was nicht so recht funktionieren wollte.
„Wollen wir dann weiter?“, erkundigte sich Michelle vorsichtig. Sie wollte Thomas alle Zeit der Welt lassen, welche er benötigte.
Der Angesprochene nickte und wandte sich langsam zum Gehen. Doch kurz bevor er den Friedhof verließ blickte er zurück auf das Grab.
„Ich werde euch niemals vergessen. Die Sommers bleiben unvergessen!“
 

Ende?

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Kapitel:7
Sätze:739
Wörter:9.637
Zeichen:56.022

Kurzbeschreibung

Eigentlich hat Thomas Gottschalk, Moderator der bekanntesten Unterhaltungssendung Deutschlands „Wetten, dass…?“ nichts zu befürchten. Es läuft alles rund in seinem so außergewöhnlichen Leben, auch dann noch als sein Sender eine Wiederbelebung der Sendung „Gottschalk zieht ein“ fordert. Also muss Thomas wieder als Vater in einer Familie einspringen, während der eigentliche Herr im Haus sich abseits entspannen tut. Doch als ein Unfall geschieht steht nicht nur Thomas Leben auf den Kopf… (Wetten, dass…? Thomas Gottschalk)

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre) und Familie getaggt.