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such small hands

192
4.4.2017 14:36
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

Autorennotiz

Achtung: Moderes AU & allseits verhasstes Pairing! Ich hab euch gewarnt. :> Songfic zu Such Small Hands von La Dispute. Die eingeschobenen Zitate sind dem entsprechenden Songtext entnommen. Für Liz.

Es ist einer der vielen grauen Tage in Sheffield, als Roose Bolton und seine Frau zum ersten Mal seit sehr langer Zeit mit den Starks bei Tisch sitzen. Abgesehen von dieser Tatsache ist es ein Tag, der allen anderen so sehr gleicht, dass man ihn glatt mit dem vorherigen oder dem darauffolgenden verwechseln könnte. Regen perlt von den Fensterscheiben, im altmodischen Kamin prasselt ein wärmendes Feuer und sein Blick erfasst jedes kleinste Detail. Wie immer. Arya Starks unruhiges Zappeln. Catelyn Starks konstant besorgte Miene, die immer dann noch ein wenig finsterer wird, wenn sie zu ihm hinübersieht. Die Fellläufer vorm Kamin. Die Haarspange in Sansa Starks roter Mähne; ein Erbstück, welches früher ihre Mutter zu solchen Anlässen getragen hat. Die kaum zu übersehende Anspannung, die Ned Stark an diesem Abend stets anzuhaften scheint.

Roose Bolton sieht auch Robb Starks große blaue Augen und die unverhohlene Neugier, die sich darin spiegelt.

Walda lobt das köstliche Essen, dankt zum tausendsten Mal für die Einladung. Catelyn setzt ein nettes Lächeln auf und lügt: „Nicht doch, die Freude ist ganz unsererseits.“ Ned streicht seiner Frau über die Schulter und es sieht unbeholfen, aber auch sehr sanft aus. Wolfspranken, denkt Roose.

Sein Mundwinkel zuckt, aber es reicht nicht für ein Lächeln.

Roose spürt genau, so genau, dass Robb ihn beobachtet, die ganze Zeit, über den Rand seines Tellers hinweg und unter den mahnenden Blicken seiner Mutter.

 

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I think I saw you in my sleep, darling
I think I saw you in my dreams


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Roose Bolton lächelt, als er aufwacht. Es ist selten, dass er überhaupt lächelt, und ein Bisschen wundert er sich selbst, als es ihm auffällt. Das Laken klebt feucht an seinem Rücken und er spürt Waldas warmen Körper neben sich, eng an seine Seite geschmiegt, das wirre Haar, das an seiner Schulter kitzelt, und ihren rhythmischen Atem, dem er für einen Moment lauscht. Nicht andächtig, nicht voller Zuneigung; er nimmt einfach nur wahr. Bevor ihm langsam, aber sicher bewusst wird, dass da ein weiteres Geräusch ist, ein weiterer Atemrhythmus, der da nicht sein sollte ...

„Geh zurück ins Bett“, raunt er in Richtung der Tür ohne zu Ramsay aufzusehen. Stattdessen sieht er auf den Wecker zu seiner Linken. „Du musst noch längst nicht auf sein. Was machst du hier, Junge?“ Er seufzt und beginnt sich die Schläfen zu massieren, als würden sie bereits schmerzen, weil er die Kopfschmerzen, die die anstehende Unterhaltung nach sich ziehen wird, schon erahnen kann.

„Du lächelst im Schlaf“, stellt der junge Mann, der da im Türrahmen lehnt, fest.

Roose setzt sich auf und lässt einen ersten Blick zu ihm schweifen. Da sind ein paar relativ frische, ein paar halb verheilte Schnitte auf seinem nackten Oberkörper; Male, die Ramsay nicht versteckt und Roose nicht hinterfragt, irgendwo zwischen alten Narben und bedrohlicher Anspannung, und da ist etwas seltsam vertrautes in seinen Augen, unverhohlene Neugier, Berechnung; die Mundwinkel zucken, deuten ein Grinsen an, doch nicht belustigt oder gar fröhlich, sondern lauernd. All das verbirgt er nicht, gibt sich kein Bisschen Mühe. (In solchen Momenten sieht Roose deutlicher denn je sich selbst, wenn er seinen Bastardsohn betrachtet, und er hasst es.)

Walda gibt ein erstes leises Murren von sich, dreht sich auf den Rücken und blinzelt verschlafen in den Raum, die Situation noch nicht ganz begreifend.

„Wovon träumst du, Vater?“

Da liegt kurz dieses angespannte Schweigen in der Luft. Ihre Blicke treffen sich und Roose mahnt bloß aus kalten graublauen Augen, während Ramsay mit all seiner Präsenz herausfordert.

„Raus“, befiehlt Roose, augenscheinlich ruhig und gefasst, doch sein Tonfall lässt bereits erahnen, dass die nächste Antwort eine ungehaltene wäre.

„Ich mache Frühstück.“ Waldas weiche Stimme durchbricht die erneut eintretende Stille, ehe einer der beiden Männer die Gelegenheit dazu ergreifen kann. Sie gähnt noch, rappelt sich aber schnell auf, und Roose weiß nicht, ob er sie mehr dumm oder mutig finden soll, als sie Ramsay im Vorbeigehen eine Hand auf die Schulter legt, ihn anlächelt und sagt: „Komm, wir essen etwas. Ich mache Frühstück. Möchtest du etwas bestimmtes?“ (Fast mit mütterlicher Fürsorge, als sei er ihr Kind, und nicht der ungewollte Bastard, den selbst sein leiblicher Vater in ihm sieht.) – Walda, unschuldige, naive Walda in ihrem cremefarbenen Nachthemd, das ihr bis zu den Knien reicht und um den Bauch herum immer ein wenig spannt, weil es nicht recht zu ihrer Körperform passen mag.

Das Glück ist mit ihr an diesem Morgen. Ramsay knurrt (kaum merklich, doch Roose kennt dieses Knurren zu gut, um es je zu überhören; es ist die Manifestation der unterschwelligen Gefahr, die stets von ihm ausgeht; eine primitive Drohung, die er, wie immer, nur belächelt) – er knurrt, aber er geht mit ihr in die Küche und sagt nichts weiter.

Roose Bolton steht auf, um die Schlafzimmertür hinter den beiden abzuschließen. Er sieht noch einmal kurz auf den Digitalwecker auf seinem Nachttisch, bevor er sich wieder ins Bett legt und die Augen schließt.

Es ist vier Uhr morgens.

(Roose Bolton möchte Robb Stark noch einmal im Traum begegnen, bevor er seinen Tag beginnt.)

 

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You were stitching up the seams
On every broken promise
That your body couldn't keep
I think I saw you in my sleep


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Eigentlich ist es kein Problem. Es ist ganz einfach; sie sehen sich selten, und wenn sie sich sehen, dann gibt es einen höflich-distanzierten Handschlag und Roose tut so als würde er Robb ignorieren, denn er ist nicht seinetwegen in Sheffield, sondern weil es Geschäftliches mit Ned Stark zu klären gibt, und er kann nun mal nichts daran ändern, dass Ned Stark einen Sohn hat, der ein winzig kleines Bisschen zu sehr Versuchung schreit, wenn er schüchtern lächelt, sich vor Aufregung verhaspelt, während er versucht gefasst und souverän zu wirken, oder Aber natürlich, Sir sagt und dabei unter dichten Wimpernkränzen, die verlegen auf und ab flattern, zu ihm aufsieht.

 

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Er sieht Robb Stark und all die aufgerissenen Nähte der Versprechen, die der Junge je gegeben hat. Versprechen wie: Ich werde ein guter Junge sein. Versprechen wie: Natürlich passe ich auf mich auf. Versprechen wie: Selbstverständlich, Mutter. Euer Vorzeigesohn wird ein Vorzeigesohn bleiben, komme was wolle. Versprechen, die er vielleicht als Kind ernst gemeint hat, irgendwann vor Jahren, als er es noch nicht besser wissen konnte, und die heute bloß noch leere Floskeln sind, weil er sie schon etliche Male gebrochen hat. Er bricht sie jedes Mal aufs Neue, in seinen Gedanken, wenn er Roose begegnet. Roose weiß das.

(Das bedeutet: Roose sieht hinter die Fassade und er weiß nicht, ob er den Jungen verachten oder bewundern soll. So naiv, so jung, so unsicher. So zerrissen. Irgendwo zwischen viel zu hohen Erwartungen und einer ruhelosen Seele, die all diese Versprechen nicht halten konnte, schimmert ein Funken Wahrheit in diesen wässrigen Augen, und Roose kann es nicht ignorieren.)

 

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Eigentlich ist es doch ein Problem. Es ist nämlich so: Er sieht Robb Stark, wenn er die Augen schließt. Seit ihrer ersten Begegnung schon.

(Das bedeutet: Noch nicht einmal im Schlaf hat er seine Ruhe vor ihm. Vor durchdringendem Blau, verschneiten Pfotenspuren auf dem Grund, Kronen auf dunklem Haar und trocknendem Blut in Wolfsfell; vor all den Dingen, denen der Junge nicht gewachsen ist, gar nicht gewachsen sein kann, auf keinen Fall.)

 

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Er sieht Robb Stark. Er sieht vielleicht ein Bisschen mehr als nur den unversehrten Körper eines unbescholtenen Jungen, der gerade zum Mann wird.

(Das bedeutet: Er sieht das Chaos in seinem Kopf, von Anfang an. Und er kann es seitdem nicht mehr vergessen.)

 

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I thought I heard the door open, oh no
I thought I heart the door open
But I only heard it close


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Robb Stark lehnt an der Theke in der Küche und sieht etwas verloren aus. Das ist der Moment, in dem es fast passiert; er ist weit weg von zuhause, erledigt zum ersten Mal seine eigenen Geschäftsangelegenheiten, nicht nur die seines Vaters, und vielleicht hätte er nicht herkommen sollen, auch wenn es nur ein Höflichkeitsbesuch ist, ein kurzes Hallo und Ich soll beste Grüße von meinen Eltern bestellen, wenn ich schon mal hier bin.
Roose stellt sein leeres Glas in die Spüle, geht dabei etwas zu dicht an ihm vorbei, so dicht, dass seine Schulter ihn kurz streift und aus seinen wirren Gedanken reißt, und auf dem Rückweg bleibt er ganz unvermittelt direkt vor ihm stehen. Robbs Lippen öffnen sich leicht und sein Blick wirkt verlegen, als er zu dem Älteren aufsieht. Roose hört die Worte schon, die dem jungen Wolf jetzt gerade durch den Kopf gehen, Sir, ist alles … also … Ist irgendetwas?, und er schmunzelt unwillkürlich darüber.

Es ist so: Roose sieht Robb dabei zu, wie er all die Scherben wieder aufsammelt, die er nach jedem Scheitern hinterlässt. Er beobachtet wie der Junge all die Versprechen wieder zusammennäht, oder es zumindest versucht, Fetzen von Vergangenheit und Nostalgie und Erinnerungen an ein anderes, besseres Ich. Robb tut das immer. Die ganze Zeit über versucht er alles zu reparieren ohne dass er sich dessen bewusst ist, selbst das, woran er keinerlei Schuld trägt, und weder sein Körper noch sein Geist können mithalten, wenn er sich in etwas verrennt. Also sucht er Wege all das zu kompensieren, was ihn von innen heraus auffrisst. Mit anderen Worten: Wege sich selbst zu zerstören.

(Roose sagt nichts dazu. Es geht ihn nichts an auf welche Art der Junge sein Leben ruiniert. Solange diese Pläne ihn beinhalten und seine eigenen nicht durchkreuzen, ist es ihm egal.)

Deshalb gibt es diesen Moment. Deshalb muss es so kommen …

Aber der Moment endet abrupt, als Roose das Quietschen eines Türscharniers vernimmt und prompt von seinem Gast abrückt, eine angemessene Distanz sucht und von da an wieder hält. Es ist nicht Ramsay, auch nicht Walda, sondern nichts weiter als einer von Ramsays verdammten Hunden, der eigentlich gar nicht durch die Küche spazieren, sondern im Zwinger sitzen sollte, doch das spielt keine Rolle. Der Moment ist vorbei und so schnell kommt er nicht wieder.

(Er dachte, das hier wäre ein Anfang, als er Robbs Anruf entgegennahm und einem kurzfristigen Besuch zustimmte. Er dachte, das hier wäre eine Tür, die sich öffnet, eine Gelegenheit, gerade eben, in der Küche. Aber am Ende war es nichts weiter als die Vernunft, die eine Tür geschlossen hat, fürs Erste. Er hat dem leisen Einrasten im Schloss zugehört, irgendwo inmitten dieses Wirrwars in seinem Kopf, und es mit einem Vielleicht ist es besser so abgetan –)

„Du solltest nicht herkommen“, sagt Roose Bolton mit fester Stimme, während er sich ein neues Glas holt, den Raum verlässt und sich im Wohnzimmer einen teuren Whisky einschenkt.

 

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I thought I heard a plane crashing
But now I think it was your passion snapping


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Da ist ein Knall, so laut wie ein Flugzeugabsturz, tief in seinen Gedanken, als er Robb Stark zum ersten Mal küsst, irgendwann später.

Alles in ihm lodert in einer grellen Explosion und Gott, diese weichen Lippen sind so unerwartet stürmisch, so verlangend, dass es ihm für einen Moment sowohl Atem als auch Sprache verschlägt. Ihm bleibt nichts übrig als zu verharren und überwältigt zu sein; ungewöhnlich für ihn, wirklich ungewöhnlich, aber genau das tut er. Er lässt einen kurzen Moment der Schwäche zu (wenngleich nur er selbst weiß, dass das Schwäche ist, nicht etwa Hingabe), ehe es ihm wieder gelingt sich zu fangen. Er beißt in Robbs Unterlippe, nicht fest, aber gerade fest genug, um es als Warnung durchgehen zu lassen, und geht dann wieder auf Distanz.

Mit augenscheinlich stoischer Ruhe blickt seinem Gegenüber in die erwartungsvollen Augen, die Lippen kaum ein paar Millimeter von seinen entfernt, noch leicht geöffnet. Das genügt. Für heute. Er sagt es nicht, aber seine Mimik ist eindeutig, glasklar, so unmissverständlich wie er kann, während hinter der eisernen Miene etwas bröckelt, von dem er stets dachte es sei in Stein gemeißelt.

Als er sich abwendet, liegt ein Schmunzeln auf seinen Zügen, halb triumphierend, halb befriedigt (und dazwischen ein wenig verwirrt, auch wenn er sich das nie eingestehen würde). Hinter seinen Lidern tanzen noch immer Funken und wirre Bruchteile, als er die Augen kurz schließt und den Moment der Überlegenheit auskostet. Sein Inneres ist ein Chaos, aber er wahrt die Fassade. Und die Beherrschung. Immerhin das.

(Er realisiert erst viel später, dass das kein Moment der Überlegenheit gewesen ist, sondern der, in dem die Leidenschaft, welche in Robbs jungem Herzen brennt, zugeschnappt und ihn gänzlich in Beschlag genommen hat; als hätte sie nur auf ihn gewartet.)

 

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I think you saw me confronting my fear
It went up with the bottle
And went down with the beer


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Manchmal glaubt er, dass Robb es sieht.

Gott bewahre, Roose ist kein schlechter Schauspieler; aber der Junge ist klug und aufmerksam und in Momenten wie diesem, in denen die Spannung fast greifbar im Raum liegt, scheint es so offensichtlich, dass er sich regelrecht ertappt fühlt, wenn er es selbst zwischen all den unausgesprochenen Gedanken und den geheimen Bedürfnissen, die in ihm aufkommen, bemerkt.

Die Angst steigt, während Roose das Glas an seine Lippen führt, und sinkt wieder, während der Alkohol seine Kehle hinabrinnt, ein beruhigendes Brennen hinterlassend. Es ist die Angst davor die Leidenschaft noch einmal zuschnappen zu lassen, die Angst vor Unüberlegtheit, vor einem taktisch unklugen Zug; die ureigene Angst, die jemandem wie ihm innewohnen muss, weil sie so unabänderlich zum Wesen eines Monsters gehört wie die Grausamkeit oder die Dominanz.

Roose Bolton ist ein guter Stratege, eigentlich, aber er bewegt sich ein Bisschen zu hektisch, als er das Glas wieder abstellt und seinen Hemdkragen zurechtrückt, und in diesem Augenblick weiß er, dass Robb es weiß.

Robb sagt nichts. Da ist bloß dieser unglaublich sanfte Ausdruck auf seinem viel zu schönen Gesicht und sein Handrücken streift Roose' Hemdärmel, als er beiläufig nach seinem eigenen Getränk greift.

Sie sitzen an der Bar einer Hotellobby und schweigen, so als wäre nichts.
(So als wäre nichts. Das können sie wirklich gut.)

 

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And I think you ought to stay away from here
There are ghosts in the walls
And they crawl in your head
Through your ear


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In den Wänden lauern Geister, überall in diesem Haus. Nicht im wörtlichen Sinne; vielmehr Erinnerungen, die den Wänden und der Einrichtung und all den anderen Dingen in Roose' Nähe anhaften und sie nie wieder loslassen werden. Erinnerungen an frühere Zeiten, die wie Nebelschwaden aufsteigen, wenn man die zugehörigen Objekte nur lange genug anstarrt, und durch Ohren und Nase und Mund und offene Herzen in Kopf und Verstand kriechen, wenn man nicht aufpasst.

(Es sind Erinnerungen an frühere Feinde, an gehäutete Männer, Verrat und die gedämpften Schreie heller Frauenstimmen. Erinnerungen, die nur Menschen wie er kennen und verstehen können.)

Aber Robb weiß das nicht. Robb weiß nichts von den Geistern und versteht nichts von den eigentlichen Gründen, aus denen er sich von Roose Bolton fernhalten sollte. Robb weiß nur: Es gibt Dinge, die ihn faszinieren. Es sind ganz verschiedene Dinge – kalte Augen, frisch gebügelte Hemden, Gedanken an Blut, frische Spuren im Schnee in dunklen Wäldern, geflüsterte Geständnisse; aber sie führen alle zu Roose Bolton zurück.

 

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„Ich denke wirklich du solltest nicht herkommen.“ Er sagt es zum zweiten Mal und er sagt es unerbittlich und mit fester Stimme und ein Roose Bolton lässt nie einen Zweifel daran, dass er das Gesagte meint, niemals. (Selbst dann, wenn er es überhaupt nicht meint.) „Du solltest dich von diesem Ort fernhalten.“ Es klingt stumm mit: Von mir fernhalten.

(Aber eigentlich will er den Jungen nicht wegschicken, sondern ihn an seinem ordentlich zurechtgerückten Kragen packen, um ihn zu sich heranzuziehen oder gegen eine Wand zu pressen, vielleicht beides, ihm ins Ohr zu knurren und ihm in den Nacken zu beißen, fest und unnachgiebig, bis dort ein tiefer Bissabdruck wie ein Mal des Besitzanspruches prangt.)

„Und ich denke auch, dass du jetzt besser den Mund halten solltest … bevor du etwas Unüberlegtes sagst, Junge.“ Er hat genau gesehen, dass Robb etwas sagen wollte und er unterbindet es, wie ein vernünftiger erwachsener Mann das tun sollte. Vielleicht, weil er nicht wissen will, was der Jüngere zu sagen hat. Vielleicht aber auch, weil er es nicht nur ahnt, sondern ein Bisschen zu genau weiß und sich irrationalerweise davor fürchtet es tatsächlich zu hören. Weil er sich selbst nicht vertraut und das so vieles lostreten könnte, so viel unüberlegtes, so viel untaktisches, auch von seiner Seite her –

(Eigentlich will er nämlich, dass Robb um all das bittet was ihm längst im Kopf herumspukt. Er will ein Wort des Widerstands, er will das Es ist mir egal, dass Sie gefährlich sind, das er längst an der Mimik seines Gegenübers ablesen kann, wann immer sie sich begegnen. Er will die passenden Worte zu den sehnsüchtigen Blicken. Das Bitte, das über diese schönen, schönen Lippen kommt, das Oh fuck, das Ja, Sir. Er will so vieles von ihm hören, dass ihm manchmal schwindelig wird, wenn all diese viel zu reizvollen Worte und gemurmelten Obszönitäten durch seinen Kopf schwirren, während er verzweifelt versucht den Gedanken daran nicht erregend zu finden.)

Roose seufzt leise auf und starrt dem Jungen lange hinterher, als dieser ohne ein weiteres Wort geht.

(Er will so viel. Er tut so wenig.)

 

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„Ich habe dir gesagt, dass du nicht herkommen sollst“, murmelt Roose viel später, an einem ganz anderen Ort, nicht an seiner Türschwelle, sondern auf einem Hotelzimmer; es ist ein letzter schwacher Protest gegen den Funken, der dabei ist auf ihn überzugehen und sein Innerstes erneut in Brand zu stecken, wie damals, bei diesem einen ersten Kuss. (Wie in jeder Nacht und an jedem Tag seither, wann immer er die Augen schließt und in einen Blick in sein eigenes obsessives Innenleben wagt.)

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, erwidert Robb schulterzuckend, blickt sich demonstrativ um, als wollte er sagen: Wir sind an einem anderen Ort. Das zählt nicht.

„Hierher. Zu mir“, knurrt Roose. Es ist das erste und einzige Mal, dass er seine Warnung so direkt ausspricht.

Robb antwortet zunächst nicht mit Worten, sondern mit einem Kuss. Es ist ihr erster Kuss, den nicht Roose initiiert, aber er lässt ihn ohne Gegenwehr zu und er lässt ihn so lange dauern wie Robb es möchte, ausnahmsweise. Vielleicht ist das ein kleines Geschenk; eine Belohnung dafür, dass er all die Warnungen ignoriert hat, wie ein braver Junge das sollte.

 

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„Es ist …“, murmelt er viel später an Roose' Halsbeuge, zwischen einem unterdrückten Stöhnen und einem hastigen Atemzug. „Es ist mir egal, was ich sollte … wenn es um Sie geht.“

Roose schmunzelt. „Ach ja?“

Er hält kurz in der Bewegung inne, entfernt sich ein Stück weit, um seinem Gegenüber ins Gesicht sehen zu können, und er genießt es, dass sich sogleich eine gewisse Ungeduld in Robbs Mimik und Gestik spiegelt. Ein regelrecht flehentlicher Ausdruck. Die Fingernägel fest in die eigenen Handflächen gepresst. Sich bereitwillig entgegenreckend …

„Ja“, bestätigt der Junge, etwas außer Atem, und für einen Moment, nur ganz kurz, zeigt auch er ein leichtes Lächeln.

(Roose beobachtet. Roose genießt. Sekunden verstreichen, vielleicht auch Minuten, und er regt sich kein Stück weit.)

„Können Sie …“ – Verschämter Blick zur Seite. Es amüsiert Roose beinahe ein wenig.

„Kann ich was?“ Das herablassende Schmunzeln ist wie festgefroren. Würde er jetzt eine Regung zeigen, auch nur die kleinste …

„Können Sie bitte … fortfahren?“

„Natürlich.“ Roose beugt sich vor, hebt Robbs Kinn leicht an und sieht ihm tief in sie Augen. „Wenn du noch einmal bitte sagst.“

Er sieht genau, dass Robb sich von innen auf die Wange beißt. Seinen Stolz zu verdrängen ist nicht gerade seine Stärke und allein diese kleine Unterhaltung an sich muss schon einiges an Überwindung gekostet haben … Aber das spielt hier keine Rolle. Roose wartet seelenruhig ab, bis die Worte schließlich ertönen.

„Bitte, Sir.“

Dann erst denkt er darüber nach vielleicht wirklich fortzufahren, beide Hände an Robbs Hals und der Blick stets von oben herab, wie es sich gehört.

 

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So kleine Hände, denkt Roose, wenn er sich dessen bewusst wird, dass diese Hände den Weg zu seinen gefunden, die schlanken Finger sich mit seinen verschränkt haben … und er es zugelassen hat. Unbewusst, immer gänzlich unbewusst, meist im Schlaf, denn im Wachzustand würde keiner von beiden diese Annäherung je wagen.

Robb Stark ist gerade 18, noch fast ein Junge. Ein Junge mit kleinen, filigranen Händen und einem schönen Lächeln (überhaupt nicht wölfisch, sondern ganz weich und herzlich, auch wenn er das in der Öffentlichkeit gut zu verstecken weiß) und einem viel zu großen Herzen, in dem kein Platz für einen Mann wie Roose Bolton sein sollte.

Roose spürt den warmen, gleichmäßigen Atem an seinem Schlüsselbein, so viel vertrauter als Waldas verschlafenes Schnauben am Morgen es je gewesen ist, und wenn er seinen Nacken küsst oder das Gesicht zwischen seinen Schulterblättern vergräbt, während Robb in seinem Arm liegt, – heimlich, versteht sich, immer nur dann, wenn er es nicht bemerken kann –, nimmt er seinen Geruch wahr, ganz subtil, aber doch merklich, und lächelt unwillkürlich.

(Oder Stunden später noch, an seinem Jackett, wenn er längst wieder allein ist und sich insgeheim fragt, wie der Junge es schafft immer wieder kleine Spuren zu hinterlassen, die ihm tagelang anhaften wie die verblassende Erinnerung an ein Hotelzimmer, zwei kaum angerührte Gläser Gin Tonic und ein unterdrücktes Stöhnen, Robbs Zähne in seiner eigenen Unterlippe, um jedes Geräusch zurückzuhalten, so fest, dass manchmal ein metallischer Geschmack zurückbleibt, den Roose ihm dann in einem ungehaltenen Augenblick von den Lippen küssen kann.)

Es sind seltsam intime Momente, über die er nie ein einziges Wort verlieren würde; aber er lässt sie zu. Immerhin ist er der einzige, der davon weiß.

Robb wird in ein paar Stunden alleine aufwachen, sein Gesicht in Catelyns selbstgestricktem Schal vergraben, wenn er das Hotelzimmer verlässt. Er wird überstürzt und aufgewühlt durch die Hintertür verschwinden und sich selbst die Knochen im Leib verfluchen, wie jedes Mal.

(Weil er noch tagelang das fremde Aftershave an sich und seinen Kleider riecht, auch wenn es längst nicht mehr da sein kann, und sich tausendmal insgeheim fragen wird, warum er nie etwas von sich hinterlässt, während Roose all diese kleinen Zeichen an ihm verteilt, jedes Mal, wenn sie sich sehen – den vertrauten Geruch, einen schwindenden Bluterguss hier, einen akkuraten Zahnabdruck da, viel zu viele sich überschlagende Gedanken, die sich nicht abstreifen lassen –, während er selbst spurlos wieder verschwindet, nur die Hotelrechnung Roose noch an ihn und ihr Treffen erinnert. Reviermarkierung, wird es ihm durch den Kopf schießen und er wird verärgert mit den Zähnen knirschen, obwohl sich bei dem Gedanken ein seltsam warmes Gefühl in seiner Magengrube ausbreitet.)

Robb wird jedes Mal alleine aufwachen, gehen, fluchen und darüber nachdenken wie furchtbar einseitig ihr Verhältnis ist, sich jedes Mal wieder schwören, dass es aus genau diesem Grund das letzte Mal war.

Er wird nicht ahnen können, dass Roose seinen Handrücken gestreichelt und seine Stirn geküsst hat, kurz bevor er ging; dass er das jedes Mal tut, als sei es ein wichtiges Ritual, welches nur er allein kennen darf.

 

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„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du nicht herkommen solltest, bis du es mir glaubst?“ Mittlerweile versucht Roose nicht mehr wirklich den Jungen davon abzuhalten. Wenn er ehrlich ist, hat er das nie ernsthaft versucht. Es ist eine rein rhetorische Frage, gestellt mit einer gewissen Selbstironie. Sie wissen beide, dass Robb immer wieder dorthin kommen wird, wo Roose ihn haben will, pünktlich zur genannten Uhrzeit am genannten Tag, die SMS auf dem Weg dorthin immer wieder lesend, als könnte sich doch noch ein Fehler eingeschlichen haben, seitdem er den Termin gleich nach dem ersten Lesen bestätigt und unter einem falschen Namen in seinen Kalender eingetragen hat.

„Ich glaube es Ihnen bereits“, erwidert Robb, den Blick weit in die Ferne gerichtet, als ginge ihn das alles gar nichts an.

Roose muss nicht nach dem Wieso fragen.

Über ihnen ist der Himmel wolkenklar und voller Sterne und es tut ihm fast ein Bisschen leid um den schönen Anblick, den Robb doch so gebannt betrachtet hat, als er das Fenster schließt und die Vorhänge zuzieht, um seinem Gast endlich zu geben, wofür er gekommen ist.

 

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I think I saw you in my sleep

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„Ich glaube du bist mir begegnet“, sagt Roose Bolton leise. Seine Augen sind so kalt und ruhig und lauernd wie immer, doch um seine Lippen tanzt ein kleines, seltsam aufrichtiges Lächeln, welches Robb unwillkürlich sofort erwidert. „Im Schlaf.“ Er lässt es beiläufig klingen. So als sei das gar nicht das erste Geständnis dieser Art, das erste Mal, dass er einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt gewährt, und das sogar von sich aus.

Es ist lange, lange später, lange nach all den Du sollst nichts und Es ist mir egals. Das Morgenlicht, das durch die halb zugezogenen Vorhänge fällt, scheint ungewohnt sanft, wie es ein paar erste Schatten auf Robbs Rücken wirft.

„Wirklich?“ Die Stimme des Jungen ist genauso zittrig wie seine Hände es sind, jetzt gerade, in diesem Moment, während die Lust von vor ein paar Minuten noch nicht ganz verglüht ist. Roose kennt das Zittern mittlerweile gut; er weiß, wann es da ist, ganz ohne hinzusehen, ganz ohne es zu spüren. Seine Finger wandern zur Bettkante, an Robbs Wirbelsäule entlang, während er sich aufsetzt, ohne den Jungen direkt anzusehen. Stattdessen ruht sein Blick zwischen den Schulterblättern, genau dort, wo auch seine Hand für eine Weile verharrt.

„Ja“, bestätigt er schließlich mit einem knappen Nicken. Mehr als das mitzuteilen wollte er eigentlich gar nicht. Er strafft seine Haltung und steht von der Bettkante auf, wendet den Blick von Robbs nackten Schultern ab. Er will sich gerade sein Hemd überstreifen, besieht sich die regnerische Welt draußen durch die Schlitze der Jalousien hindurch, als er hinter sich ein Geräusch vernimmt, das Rascheln der Bettwäsche, ein leises Gähnen.

„Erzählen Sie mir davon“, flüstert Robb in die hellblaue Stille hinein. „Bitte.“

Roose schweigt, einen Hemdärmel in der Hand, und ist froh, dass der Junge sein Gesicht gerade nicht sehen kann. Fassungslosigkeit ist eine dieser Regungen, die ein Bolton nur sehr ungern empfindet und erst recht nicht gern zeigt. Es ist das erste Mal, dass jemand um einen Einblick in sein Innenleben bittet, und er hört dieses Wort so, so gerne aus Robbs Mund. Auch beim hundertsten Mal noch. Bitte.

Er schüttelt leicht den Kopf und er lächelt, vollständig und aufrichtig, doch das Lächeln ist längst wieder verschwunden, als er zu Robb ins Bett zurückkehrt und letztlich erwidert: „In Ordnung. Wenn du schon darum bittest … Aber das könnte eine Weile dauern.“

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Sätze:202
Wörter:4.659
Zeichen:26.841

Kurzbeschreibung

Robb x Roose | Modern AU | Songfic zu "Such Small Hands" von La Dispute | Robb versteht nichts von den eigentlichen Gründen, aus denen er sich von Roose fernhalten sollte. Robb weiß nur: Es gibt Dinge, die ihn faszinieren. Es sind ganz verschiedene Dinge – kalte Augen, frisch gebügelte Hemden, Gedanken an Blut, frische Spuren im Schnee in dunklen Wäldern, geflüsterte Geständnisse; aber sie führen alle zu Roose Bolton zurück.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Alternativuniversum, Fanon, Crackship und Modernes AU getaggt.

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