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Abschied nehmen

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16.4.2018 13:26
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

Autorennotiz

Ab und zu wird in einem riesengroßen Comicuniversum auch mal jemand getötet, so auch bei DC... Ich war ziemlich schockiert, da ich mich nach über 30 Jahren Fandasein meinem Liebling beraubt sah und so schrieb ich etwas dazu...

Am liebsten würde ich diesen verdammt beschissenen Tag aus meinen Erinnerungen streichen...

Wie soll ich beginnen, wo anfangen, wo aufhören? Ich bin nicht mehr in der Lage auch nur noch einen klaren Gedanken zu fassen, seit ich vor etwa fünfzig Minuten die Sensationsübertragung im Fernsehen sah.
Nun hocke ich hier, auf der Kante des Sofas und starre auf den Bildschirm, der seit etwa fünfundvierzig Minuten ein Standbild präsentierte, da ich in einem Reflex auf die Pausentaste drückte. Wie lange funktionierte die Time-Shift-Funktion - sechzig Minuten?
Ich kann es immer noch nicht glauben, nicht fassen, einfach nicht begreifen. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand die Füße unter dem Körper weggezogen, als wäre ich mit dem Kopf dumpf aufgeschlagen.
Das alles konnte doch nicht wahr sein - niemals. Nein, ER ist nicht tot, hämmerte es in meinem Kopf, während ich auf die mir so wohlvertrauten blauen Augen schaute, die gequält, aber mit einer gewissen Kraft in die Kamera blickten.
ER war es gewesen, der mir immer wieder unterstützend unter die Arme gegriffen hatte, wie man so schön sagte. ER war es auch gewesen, der mir half mit meiner Vergangenheit abzuschließen und ER war es auch gewesen, der mir zeigte, dass nicht alle Menschen auf den Kleinen herumhacken und sich auf deren Kosten lustig machen. Und nun, nun sollte ER tot sein?
Erst bemerkte ich es gar nicht, aber so nach und nach breitete sich eine Eiseskälte, die mich am ganzen Leib zittern ließ, in mir aus. Ich fühlte mich seltsam, als würde ich neben mir stehen, als wäre dies nur ein Traum - ein Albtraum um genauer zu sein.
Mein Herz schlug doppelt so schnell, wie sonst, mein Atem ging schwer und langsam, da ich immer wieder die Luft anhielt. Mit zittrigen Fingern griff ich nach der anthrazitfarbenen Decke, die neben mir auf dem königsblauen Sofa lag, entfaltete den flauschigen Stoff und legte ihn mir um die Schultern. Zum Schutz? Oder gegen die Kälte, die mein Innerstes gefangen hielt?
War es wirklich passiert? Entsprach dies tatsächlich der Realität? Es musste geschehen sein, denn unterdessen waren die Nachrichten voll davon, selbst im Radio gab es kein anderes Gesprächsthema mehr. Vor mir, auf dem Couchtisch, lag mein Pad, und selbst dort sprangen mich die Schlagzeilen des Tages an und quälten mich, als ginge es darum mich fertig zu machen.
Noch immer am ganzen Körper zitternd lehnte ich mich zurück, nahm ein Couchkissen an mich und schloss es fest in die Arme, als könnte mir dieses mit Daunen gefüllte Stück Stoff Trost spenden. Dabei hatte der Tag doch so wundervoll begonnen, mit einem gemütlichen Frühstück im Bett, das mir mein zukünftiger Mann, nackt, in seiner vollen Pracht, servierte. Nicht mal mehr vier Monate und ich würde dieses Prachtexemplar meinen mir angetrauten Ehemann nennen dürfen.
Nach einer gemeinsamen Dusche und dem gegenseitigen Versprechen, den Abend zu zweit, ohne Störungen durch Freunde oder Familienangehörige, zu verbringen, war ich mit der U-Bahn zur Arbeit gefahren. Als IT-Spezialist arbeitete ich, trotz oder wegen meinem noch jungen Alters, als Abteilungsleiter, der IT-Abteilung bei Wayne Enterprises. Ein Job, der mir unglaublich viel Spaß bereitete und mich forderte, dazu kam, dass ich, während ich meiner Leidenschaft nachging, eine ordentliche Stange Geld verdiente. Mal ehrlich, ich bekam beinah das fünffache von dem was mein Verlobter Nuy mit nach Hause brachte. Nicht das Geld eine große Rolle spielen würde, aber es beruhigte, da ich somit auf eigenen Beinen stehen konnte, ohne meine Familie, die ein eigenes kleines Unternehmen besaß, um Unterstützung bitten zu müssen. Wir waren keine Milliardäre wie Bruce Wayne, aber zu der unteren Einkommensgruppe der Millionäre konnten wir uns schon zählen.
Wie jeden normalen Arbeitstag verbrachte ich die Dienststunden in meinem Büro, in der fünfunddreißigsten Etage des Wayne Towers und genoss dabei die faszinierende Aussicht auf den Moloch Gotham. Eine Stadt die mich anzog aber auch von sich fortstieß. Bei Tag wirkt sie so klar, so lebendig, so fortschrittlich, aber bei Nacht zeigte sie ihr wahres Gesicht. Obwohl, in den letzten Jahren schien es sicherer geworden zu sein.
Zum Mittag traf ich mich mit Nuy im Grand Park. Gemütlich lagen wir auf einer Decke in der Sonne und verspeisten das Sushi, welches er mitgebracht hatte. Danach verrann die Zeit wie im Flug, der Feierabend rückte näher. Gegen 15:00 schloss ich alle Programme auf meinem PC und kramte mein Smartphone aus dem Rucksack, um meine Lieblingsplaylist aufzurufen, damit ich die Umwelt auf dem Nachhauseweg aussperren konnte. Lächelnd nahm ich eine Nachricht von Nuy zur Kenntnis, der sich auf den gemütlichen Abend freute. Mit einer Armada an Emoticons antwortete ich ihm, danach setzte ich mir die Kopfhörer auf. Ich wollte das Geschnatter der fremden Menschen, die überall auf dem Weg zur U-Bahn-Station um mich herumflatterten, nicht vernehmen. Ich wollte ein wenig vor mich hinträumen, von der perfekten Hochzeit, den Flitterwochen und der Zeit danach.
Zu Hause angekommen, schaltete ich als erstes den Kaffee-Vollautomat ein und wählte das Programm für Cappuccino aus. Ich befüllt die Waschmaschine und startete das Kurzprogramm. Auf unserer kleinen Terrasse würden die Sachen schnell trocknen. Was war ich froh darüber, eine der großen Firmenwohnungen von Wayne Enterprises bekommen zu haben. Jeglicher Komfort, den man sich wünschen konnte, wurde einem hier erfüllt. Ich musste nicht wie Nuy, in den Keller des Hauses, um dort eine der Waschmaschinen des Vermieters zu nutzen. Obwohl, wann hatte Nuy überhaupt das letzte Mal Wäsche gewaschen? Dieser Part war vollständig an mich gefallen, als er vor zwei Jahren mit Sack und Pack bei mir einzog. Wieso er die winzige Bude noch immer unterhielt war mir ein Rätsel, aber ich ließ ihm seine letzte Bastion der Unabhängigkeit. Immerhin hatte er so einen Rückzugsort, falls er tatsächlich mal ganz alleine sein wollte, um in Ruhe zu arbeiten. Ach ja, eh ich es vergesse, Nuy ist freier Journalist und Autor. Im Augenblick wohl mehr Autor, als Kolumnist. Seine Kolumne zu allem was vier oder zwei Räder besaß, erschien nur alle zwei Tage. Mein Verlobter war ein absoluter Auto-und Motorradnarr. Er war verrückt nach viel PS und sein größter Traum war es wohl, einmal eine Kolumne über das Batmobil bringen zu können. Blieb nur die Frage, wie kam man an den Dunklen Ritter heran? Für mich erschloss sich die Welt der Autos und Motorräder nicht. Ich kam hervorragend mit der U-Bahn oder dem Zug klar, die standen wenigstens nie im Stau.
Mit dem Cappuccino und ein paar Keksen verzog ich mich auf die gemütliche, riesige Couch, lümmelte mich in die Ecke, schaltete den Fernseher ein und griff nach einem Stapel Papier, den Nuy mir auf den Couchtisch gelegt hatte, damit ich an dem zweiten Teil seines neuen Romans weiterlesen konnte. Ich war sein Vorableser, sein Kritiker, eben der Mensch, der ihm sofort mitteilte, wenn ihm etwas nicht gefiel. Ich bewaffnete mich mit einem leuchtgelben Textmarker und einem roten Stift und las da weiter, wo ich gestern aufgehört hatte.
Nuy liebte Fantasy. Er hatte sich sein eigenes kleines Universum geschaffen und ich bewunderte ihn dafür, wie er Lebewesen erfand, deren Beziehungen sofort erkannte, wie er Städte und Dörfer schuf, Wälder und Seen, mal so ganz nebenbei eine Weltkarte entwarf und dazu eigene Zeitlinien schrieb, damit er nie die Übersicht verlor. Eigentlich war es schon ein wenig beängstigend, was für eine rege Fantasie in seinem hübschen Kopf herrschte. Mit Band eins seiner Fantasysaga, hatte er einen beachtlichen Erfolg erzielt. Was mit Sicherheit daran lag, das er seine eigene epische Welt einfach mal nach Südostasien, in die Heimat seiner Eltern, verlegte und mit den dort entstandenen Mythologie arbeitete. Und wenn man zwischen den Zeilen las, konnte man die kleinen Anspielungen erkennen, die darauf hindeutete, das sein Protagonist Gefühle für seinen Begleiter und Kampfgefährten hegte. Da es aber auch noch eine Gefährtin gab, die die beiden begleitete, konnten diejenigen, die lieber die Frau an der Seite des Helden sehen wollten, die Anspielungen geflissentlich überlesen.
Ich war wirklich gespannt ob die drei so unterschiedlichen Helden einen Weg aus dem Höhlenlabyrinth fanden, in dem sie sich verirrt hatten. Ich vertiefte mich so sehr, dass mein Cappuccino kalt wurde und die Kekse unberührt blieben. Ein ganzes Kapitel las ich, markierte hier und dort Satzbausteine, die er sehr gern verwendetet, damit er andere Formulierungen dafür finden konnte. Es war beinah 16:00 Uhr, als ich von dem kalten Kaffee trank, dabei einen Blick auf den Bildschirm warf, auf dem eben die Wiederholung einer alten Sitcom lief. Müde folgte ich den abgekauten alten Szenen, die damals in den 90ern sicher total witzig waren, aber heute nur ein müdes Lächeln auf mein Gesicht zauberten und so las ich weiter, bis der Ton sich änderte. Ich vernahm nicht mehr die typische Geräuschkulisse einer Sitcom und schaute auf. Was war das? Irgendjemand hatte die Sitcom unterbrochen. Ich kniff die Augen zusammen. In Großaufnahme erschien das Gesicht eines Superhelden. Was sollte das? War das ein Scherz? Ich erkannte die Maske, das Kostüm, zumindest den winzigen Teil, den man davon sah. Alles wirkte düster, beunruhigend. Wieso um alles in der Welt war Nightwing auf meinem Fernseher zu sehen? Eine Hand näherte sich Nightwings Gesicht. Was geschah hier? Die Finger, die in dunklen Handschuhen steckten, griffen nach der Maske, dem einzigen Schutz, der dafür sorgte, das sein wahres Ich geheim blieb. Und während der Fremde Nightwing die Maske abnahm, vernahm ich die Stimme, die erklärte: „Sein richtiger Name ist Richard Grayson...“
Meine Finger tasteten nach der Fernbedienung. Blind betätigte ich die Pausentaste und starrte auf das mir so bekannte und vertraute Gesicht. Nein, niemals, ER, aber wieso? Zuerst überschlugen sich in mir die Gedanken, dann schien mein Kopf mit Watte gefüllt zu sein. Dumpf hämmerte das Blut in meinem Schädel und nur noch träge folgte ich den wirren Überlegungen.
Der einzige wahre Freund, den ich in der Primary School, der Junior und Senior Highschool besaß, sollte tatsächlich Nightwing sein? Wann und wie und warum? Mit zitternden Knien erhob ich mich, trat näher an den riesigen Flachbildschirm, der an der Wand befestigt hing und starrte in die zu Schlitzen verengten blauen Augen, die mich beinah täglich während der Schulzeit angelacht hatten. Noch immer hielt ich die Fernbedienung in der Hand, schaffte es aber nicht die Playtaste zu betätigen. Ich traute mich nicht. Ich wollte nicht wissen, wie es weiterging und trotzdem siegte die Neugierde. Auch auf dem Pad konnte man Nachrichten verfolgen. Hätte ich das doofe Teil doch niemals angeschaltet, denn die nun folgende Mitteilung, warf mich vollständig aus der Bahn. Nightwing, alias Richard Grayson ist tot...
Aber...
Tief atmete ich ein, setzte mich wieder auf das Sofa und wartete ab. Vielleicht war dies alles ja nur ein böser Scherz. Das dem nicht so war, begriff ich erst Minuten später. Noch immer sah ich auf das Standbild, starrte Dick an, erkannte die blauen Flecken auf seinem Gesicht und konnte es nicht glauben.
Irgendwann erwachte ich aus meiner Lethargie, zog die Decke enger um mich und begab mich in mein Arbeitszimmer. Dort angekommen öffnete ich das unterste Fach im Schrank und wühlte darin herum. Ganz unten fand ich endlich, was ich suchte - einen Karton, den ich seit Jahren nicht mehr geöffnet hatte. Dieser einfache Schuhkarton enthielt Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend. Wie einen Schatz so vorsichtig, trug ich die Kiste ins Wohnzimmer und ließ mich dort vor dem Fernseher auf dem Boden nieder.
Noch immer zitterten meine Finger, als ich den Deckel abnahm. Als erstes fiel mir ein Basecap, mit dem Schriftzug unserer Schule, in die Finger. Lächelnd legte ich das Cap zur Seite und griff nach dem Jahrbuch, aus dem Abschlussjahr auf der Senior-High. Bilder von Dick würde ich daran nicht finden, da ich im Laufe der Schulzeit zwei Klassenstufen übersprang, aber er war einer der wenigen gewesen, die etwas in mein Buch geschrieben hatten. Ganz vorn, direkt auf dem Deckblatt, entdeckte ich seine Handschrift: 'Lieber Matty! Lass Dir niemals und von niemandem einreden, dass Du ein Niemand bist, denn das bist Du nicht. Ich bin mir sicher, aus Dir wird einmal ein ganz, ganz Großer werden. Dick.'
Mit dem Daumen fuhr ich über den Schriftzug. Na ja, so groß war ich dann doch nicht geworden. „Aber die 1,72 m hab ich dann doch noch geschafft“, lachte ich trocken. Ein schiefes Grinsen stahl sich auf mein Gesicht, denn mit Groß hatte Dick damals nicht auf meine Körpergröße angespielt, sondern darauf, was einmal aus mir werden würde. Und nun, nun sollte der Junge, der sich immer schützend vor mich stellte, tatsächlich gestorben sein?
Tief durchatmend klappte ich das Buch zu und zog einen dicken Umschlag hervor. Photos, teilweise an den Rändern vergilbt, an manchen Stellen leicht eingerissen oder einfach nur abgegriffen, fielen mir in den Schoß. Ich angelte das erst beste heraus. Da waren wir und lachten in die Kamera. Zwei Außenseiter, ich zumindest blieb immer einer, klein, dürr, mit überdurchschnittlicher Intelligenz und mit wirren blonden, lockigen Haaren. Dick dagegen gehörte irgendwann zu den Beliebtesten in der Schule, was zum Glück aber nie dazu führte, dass er sich von mit abwandte. Ich konnte auf ihn zählen, was immer auch geschah.
Schon seltsam, selbst damals hatte er sich immer beschützend vor die Hilflosen gestellt, vor allen Dingen vor mich. Anfangs vertraute ich ihm nicht, blieb immer skeptisch. Viellicht war er ja nur so nett zu mir, weil er von mir die Hausaufgaben haben wollte? Aber dem schien nicht so. Er verlangte nie irgendeine Art von Gegenleistung und nachdem er zum wiederholten Male eingegriffen hatte, als die Jungs aus meiner Klasse mich piesackten, fing ich an, mich in seiner Nähe aufzuhalten. Befand er sich in unmittelbarer Sichtweite, hatte ich Ruhe.
Obwohl er es zu Beginn, als er auf meine Schule, in meine Klasse kam, auch nicht leicht hatte. Ein Zirkuskind, dazu noch Vollwaise und dann suchte er sich ausgerechnet den freien Platz, als hätte es es nicht noch mehr freie Stühle gegeben, neben dem Streber der Klasse aus. Ganz ehrlich, ich war kein Streber. Ich tat nicht viel, mir fiel es alles einfach in den Schoß. Ich langweilte mich teilweise und kritzelte während dem Unterricht kleine Comics.
Anfangs versuchten die 'Bösen Jungs' auch ihn zu ärgern, einzuschüchtern, aber Dick ließ dies nicht zu. Er hatte immer einen passenden Spruch auf Lager. Er war nicht auf den Mund gefallen, schlagfertig, redegewandt und dazu agil und wendig. Wenn sie ihn zu fassen bekommen wollten, schauten die Kings, wie sie sich selbst nannten, dumm aus der Wäsche. Ich, das vollkommen Gegenteil, wusste nie, wie ich reagieren sollte. Schlagfertig antworten, keine Chance, mit fiel der passenden Spruch meistens erst ein paar Tage später ein und obwohl ich abends lange wachlag und darüber grübelte, wie ich mich verteidigen konnte, ja in Gedanken war diese immer ganz leicht, rutschte mir regelmäßig das Herz in die Hose, wenn ich Stephen und seine Gang nur von weiten sah.
Wer weiß, wie oft ich in meinem Spind eingeschlossen worden wäre oder meinen Rucksack mal wieder hätte suchen müssen, nachdem sie ihn mir von der Schulter rissen, wenn Dick nicht gewesen wäre. Zu meinem Glück aber war er da und es schien ihm nie etwas auszumachen. Er stellte sich den Unruhestiftern in den Weg.
Er war der Retter meiner Schulzeit gewesen. Ohne ihn wäre ich sicherlich sang- und klanglos untergegangen. Er war der große Bruder, den ich mir immer gewünscht, aber nie bekommen hatte. Dick war es dann auch, der mich unter seine Fittiche nahm, mich mit zu diversen sportlichen Schulangeboten begleitete und es tatsächlich schaffte, dass ich etwas fand, das mir unglaublichen Spaß bereitete. Ich fand gefallen an Squash und Badminton. Was ich an Körpergröße unterlag, machte ich schon bald durch Schnelligkeit und Wendigkeit wett und irgendwann wandten die Unruhestifter ihre Aufmerksamkeit von mir ab. Außerdem gab es da einen Schatten, der mir auf Schritt und Tritt folgte. Er wachte über mich und selbst als ich die siebente Klassenstufe übersprang und wir nicht mehr in der Klasse nebeneinander sitzen konnten, blieb ich unbehelligt. Und so langsam dämmerte es mir, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben einen wirklichen Freund gefunden hatte. Dick hielt immer zu mir, selbst als ich später begriff, dass ich mit Mädchen nicht viel anfangen konnte. Dadurch, dass ich mich sehr oft in seinem Dunstkreis aufhielt, bekam ich regelmäßigen Kontakt zu den hübschesten Mädchen der Schule. Dick wurde umschwärmt und so manche Klassenkameradin suchte bei mir Rat. Mich wunderte dies nicht weiter. Wer konnte ihm schon widerstehen? Die unglaublich blauen Augen, der athletische Körper, die breiten Schultern, die schmale Taille, dazu sein Sinn für Humor und seine offene Art, sorgten regelmäßig für Herzklopfen bei den anwesenden Girls und nicht nur bei ihnen.
Überwältigt von der Trauer, schaute ich mir wieder und wieder die Bilder an. Erst jetzt, nach so vielen Jahren und mit Abstand betrachtet, bemerkte ich, wie aus dem Jungen neben mir ein unglaublich attraktiver Mann wurde. Ich dagegen blieb immer klein und unscheinbar. Erst sehr spät platzte bei mir der Knoten. Mit achtzehn Jahren setzte bei mir ein letzter Wachstumsschub ein und ich ähnelte endlich meinem Vater, der mit seinen damals vierzig Jahren ein überaus stattlicher, gutaussehender Mann war.
Der regelmäßige Sport tat dann sein übriges und mit den langen, blonden, leicht gewellten Haaren und der gebräunten Haut im Sommer, konnte ich locker als angesagter Surfer-Boy durchgehen. Wer mich heute kennenlernt, wird es kaum glauben können, dass ich einmal der Streber und der Nerd der Schule war und wer weiß, ohne Dick wäre ich dies vielleicht mein gesamtes Leben lang geblieben.
Das letzte gemeinsame Photo, entstanden auf der unglaublichen Party zu meinem neunzehnten Geburtstag. Ich sah den blonden, glücklichen jungen Mann, der mich ein wenig an Marty Deeks aus 'NCIS: Los Angeles' erinnerte. Das war ich nach meinem letzten Wachstumsschub und nach einem Jahr mit regelmäßigen Besuchen im Fitnesscenter. Neben mir stand der beste Freund, den ich damals besaß, noch immer etwas größer als ich, aber der Unterschied wirkte bei weitem nicht mehr so extrem, wie auf den Bildern, als wir zehn waren.
Oh ja, er war ein Bild von einem Mann, schon damals. Die schwarzen Haare, die ihm frech ins Gesicht fielen, darunter die blauen Augen, die mit der Sonne um die Wette zu strahlen schienen und das offene Lächeln, das sicher auch das Herz so mancher anwesenden älteren Dame zum Schmelzen brachte.
Je einen Arm auf die Schulter den anderen gelegt, blickten wir in die Kamera meines Vaters. Freunde fürs Leben und dann ging er fort, an die Hudson University. Trotz der räumlichen Trennung blieben wir immer in Kontakt.
Tief in meine Erinnerungen versunken bekam ich nicht mit, dass sich die Wohnungstür öffnete. Erst als Nuy sich neben mir auf dem Boden niederließ und mir sanft das Photo aus den Fingern wand, registrierte ich ihn und schaute auf.
Neugierig betrachtete mein Verlobter das Bild, ehe er mir fest in die Augen schaute und mit Sorge in der Stimme fragte: „Was ist geschehen?“ Warme Hände legten sich seitlich an meinen Hals, dann strichen seine Daumen über meine Wangen, entfernten die salzigen Spuren auf meiner Haut.
Diese liebevolle Berührung ließ alle Dämme in mir brechen. „Er... ich... Dick, er...“, stotterte ich und nickte Richtung Fernseher.
Unterdessen schien eine Sondersendung zu laufen und ich verfluchte die Sensationsreporter, die anscheinend tief in den Archiven gewühlt hatten, denn eben flimmerten alte Aufnahmen aus 'Haly's Circus' über den Bildschirm. Da war er, der Star der Manege, der einzige Junge auf der Welt, der den vierfachen Salto beherrschte. Tief schnitt es mir ins Herz. Ihn lebend zu sehen, sein Lachen, seine Freude und den Stolz, waren zu viel für mich und als die Moderatoren nun auch noch Mutmaßungen trafen, ob der tragische Tod seiner Eltern, eventuell schon die Weichen, zu seinem künftigen Superheldendasein, gestellt hatten, schaltete ich ab. Ich musste mir nicht mit ansehen, wie ein neunjähriger Junge fassungslos den Tod seiner Eltern miterlebte.
„Matty?“ noch einmal hakte Nuy nach, der anscheinend noch immer keine Verbindung zwischen dem im Fernsehen ausgestrahlten Bildern und den beiden Jungs auf dem Photo herstellen konnte.
„Nightwing, er ist tot“, murmelte ich.
„Habe ich mitbekommen. Die Nachrichten kennen kein anderes Thema mehr. Aber, was hat das mit dir zu tun? Du magst doch Superhelden nicht mal wirklich.“ Sanft schlossen seine Finger die meinen ein.
„Richard Grayson war Nightwing. Richard Grayson ist Dick, war Dick...“, verbesserte ich mich. „Mein Dick... Er ist tot...“ Tot, tot, tot und immer wieder tot, hallte es in mir.
„Dein Dick?“ Die Stirn gerunzelt und neugierig geworden, schaute Nuy ganz in Ruhe all die Photos durch, die um mich herum verstreut lagen.
„Wieso hast du nie gesagt...?“ Er schluckte. „Aber jetzt wird mir klar, wieso du immer den Raum verlassen hast, wenn er anrief. Du wusstest das er Nightwing ist.“ Heiser lachte Nuy auf. „Verdammt, Matty, das heißt ja, ich war damals auf Nightwing eifersüchtig.“
„Nein, warst du nicht“, widersprach ich leise und flüchtete mich in die sichere Umarmung meines Verlobten. „Ich hatte keine Ahnung. Bis heute wusste ich es genau sowenig wie du, aber es erklärt, wieso er selten Zeit fand, wieso er ausgemachte Treffen kurzfristig absagte oder auch mal während einem Telefonat kurz angebunden blieb.“
„Du hast mir gegenüber nie seinen vollen Namen erwähnt. Er war immer nur Dick für dich. Du hast so irre viel von ihm erzählt. Als wir uns kennenlernten gab es für dich kaum ein anderes Thema: Dick hier, Dick dort, Dick da...“
„Ich weiß und es tut mir leid. Dick hatte Gotham damals gerade erst verlassen, als ich beim Thai um die Ecke in dich hineinlief. Plötzlich war ich alleine und einsam. Er fehlte mir so sehr. Ich vermisste meinen besten Freund und den Menschen, der einen siebten Sinn besaß, wenn es um mich ging. Er spürte immer, wenn mit mir etwas nicht stimmte, wenn mich etwas bedrückte und er fand immer die richtigen Worte, um mich wieder aufzumuntern.“
Vorsichtig, als wären die Photos ein uralter, wertvoller Schatz, legte er die Bilder zurück in den Karton, bis auf eines, das letzte das je von uns gemacht worden war. „Irgendwann hast du aufgehört von ihm zu erzählen...“
„Als ich mich in dich verliebte...“
Fest zog der Mann, thailändischer Abstammung, mich an sich und küsste mich mit so einer Inbrunst, als gäbe es kein Morgen mehr, ehe er lächelnd erklärte: „Zumindest kannst du mit Fug und Recht behaupten, einen echten Superhelden zum Freund gehabt zu haben.“
Und da fiel es mir wieder ein. „Ich glaube, er hat es mir einmal mitgeteilt, aber ich habe es nicht verstanden. Ich erinnere mich nicht mehr, wann es war. Aber mir ging es nicht so besonders. Er war nicht da, Familienfeier oder ähnliches. Zumindest hatte Stephen mich an dem Tag auf den Kicker.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich ging ihm so weit es möglich war aus dem Weg. Am nächsten Tag sagte ich zu Dick, dass ich mir manchmal wünschte ein Superheld zu sein, dann würde niemand mehr auf mir herumhacken. Weiß du was er antwortete?“
Nuy schüttelte den Kopf.
„Man muss kein buntes Kostüm tragen, um ein Superheld zu sein. Es genügt Gutes zu tun: Ärmere zu unterstützen, Hilflosen zu helfen oder einfach nur für jemanden da zu sein den man mag, wenn dieser nicht mehr weiter weiß. Danach grinste er mich an und erklärte: Ich war und werde immer dein Superheld sein.“
„Weiß du was, Matty, wir stoßen jetzt auf deinen Dick an.“ Nuy löste sich von mir, durchquerte den Wohnraum und trat vor den kleinen Schrank, der neben der Tür stand, entnahm diesem zwei Whiskygläser, füllte diese, kam zurück zu mir und prostete mir zu: „Auf Dick, den Superhelden deiner Kindheit und auf Nightwing...“
Nachdenklich trank ich, fühlte dem sanften Brennen nach, schmeckte den Rauch und das leicht torfige Aroma des schottischen Single-Malt.
„Ich war echt gespannt darauf, endlich deinen besten Freund kennenzulernen.“
Traurig schloss ich die Augen. „Und ich freute mich darauf, ihn nach all den Jahren wiederzusehen.“
„Dein Jubelschrei war nicht zu überhören nach dem Telefonat und seiner Zusage, zu unserer Hochzeit zu kommen.“ Nachdenklich griff Nuy wieder nach dem Photo. „Ich werde einen Rahmen für das Bild kaufen und dann bekommt es einen Ehrenplatz in unserer Wohnung.“
Dankbar nickte ich, nahm die Momentaufnahme an mich und blickte auf die beiden jungen Männer, die anscheinend mit der Sonne um die Wette strahlen wollten. Plötzlich schlug mein Herz schneller, mir wurde heiß und kalt zu gleich und wie damals, stob eine Schar aufgeregt flatternder Schmetterlinge davon.
„Eine Frage hätte ich da noch, mein Schatz.“
„Welche denn?“
„Du hast ihn geliebt, habe ich recht?“

ENDE
© by Tam Sang
Mai 2016

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Autor

TamSangs Profilbild TamSang

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Sätze:246
Wörter:4.283
Zeichen:25.023

Kurzbeschreibung

Auch Superhelden besaßen während ihrer Schulzeit Freunde. Matty ist so ein Freund und erinnert sich zurück, an eine Schulzeit, die für ihn zu einem Spießrutenlaufen verkommen wäre, gäbe es da nicht einen neuen Schüler, der ihm immer wieder den Rücken stärkt. Was Matty nicht weiß, ist die Tatsache, dass dieser neue Freund einmal ein Superheld sein wird. (bezieht sich auf die Forever-Evil-Storyline)

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Traurigkeit und OneShot getaggt.

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