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Magische Karten

84
10.9.2019 18:51
12 Ab 12 Jahren
Workaholic

Autorennotiz

Dies ist ein Projekt in dem ich mir vorgenommen habe alle zweiundfünfzig Karten zu verwenden. Zumindest nachdem dritten Kapitel. Ab da sind auch alle Karten zufällig gezogen.
Weitere Punkte die ich mir vorgenommen habe sind:
- Die Karten müssen in ihren Kapitel vorkommen
- Bestenfalls Kartentricks einbauen (die wahrscheinlich weder funktionieren noch für alle Kapitel aus reichen :) )
- Mir irgendwann eine Szenerie ausdenken in dem Jamiro, der Magier einem Blinden etwas vorzaubern soll

Charaktere

Jamiro Erkwin

ein gutherziger Chaot, der zu erst an Andere denkt und irgendwie immer da ist wo man ihn braucht. Selbstkenntnis mangelhaft und gern mal auch leichtsinnig zieht er mit seinem frechen Grinsen als Magier um. Manchmal zeigt sich sein Charakter widersprüchlich. So ist er ungeduldig und gelassen zu gleich.

Die Kneipe war noch verwüstet von letzter Nacht. Nur ein Mann lag noch sturzbetrunken unter einem Stuhl. Stöhnend griff er eine leere Bierflasche und trank daraus. In Anbetracht der Erfolglosigkeit warf er sie weg und befreite sich vom Stuhl. Nun auf den Beinen klammerte er sich an den noch einzig stehenden Tisch. Hatte er nicht nur ein Bier getrunken? Das Scherbenmeer um ihn herum beschrieb so gut sein Leben, das er lachen musste.

Ein Bier noch. Was solls, dachte er sich und warf schwanken einen Blick zur Theke. Saß da noch jemand? Wenn ja hatte diese Person weiße Kleidung an. Einen Schritt nach dem Anderen näherte er sich der Person, die ihm vor den Augen verschwamm. Es war ein Kind! Ein Kind in der Kneipe? Unsanft nahm er den Platz neben ihm ein. Der Junge legte vier Karten von einem Deck in seiner Hand auf den Tisch. Pik zwei, Herz zwei, Karo zwei, Kreuz zwei. Er lachte wieder. „Das war keine gute Wahl“, spottete er. Der Junge reagierte nicht auf seine Worte. Stattdessen drehte er die Karten um. „Wenn du alle vier Karten umdrehst und jeweils ein Ass erhältst, hörst du dann auf zu trinken?“ „Jungchen, du hast die Karten nur umgedreht. Nichts wird besser nur weil man es umdrehen kann.“ Er griff nach der ersten Karte. Dann wurden seine Augen groß. Es war ein Ass! Nach kurzem Zögern folgten die Karten zwei bis vier. Diese waren ebenfalls zu einem Ass geworden.

Halb auf der Theke liegend blickte er dem Jungen in die Augen. Was stimmte mit dem Jungen nicht? Seine Augen waren smaragdgrün. „Was bist du?“ Der Junge lächelte und drehte sich zu ihm. Auf seinem Pulli stand in Großbuchstaben ''K I N D''. Stand das tatsächlich dort? Seine Trunkenheit war wie verflogen. Er sah den Jungen gestochen scharf. Nur war er sich nicht sicher, ob seine Augen immer noch das Selbe intensive grün hatten. Der Junge wandte sich wieder der Theke zu und begann seine Karten ins Deck zurückzustecken. „Wie heißt du Junge?“ Er griff die letzte Karte auf dem Holz und strich mit ihr die Ablage entlang. ''Jamiro'' kam auf dem Tisch eingebrannt zum Vorschein. Er drehte die Karte wieder um. Darauf war ''Erkwin'' gekritzelt. Er legte es neben den Vornamen ab. „Du bist gut. Ein kleiner Zauberer, was?“

Nach einem kurzen näheren Blick auf die Schrift war der Junge plötzlich verschwunden. Das Kartendeck, dass er in der Hand gehalten hatte lag zerstreut am Boden. Beim Versuch sich danach zu bücken fiel der Mann vom Stuhl. Der Alkohol hatte ihm wohl den Verstand vernebelt. Ein Junge in der Kneipe? Karten die zu einem Ass werden? Dennoch fühlte er sich verleitet die Karten aufzuheben. Als er alle wieder in einem Deck hatte, starrte er auf die ''Erkwin'' Karte. Warum wusste er, dass der Junge sie nicht holen würde? Er nahm die obersten fünf Karten und spreizte sie zu einem Fächer. Seine Wahl fiel auf die dritte Karte seines Fächers. Herz Bube. Lachend legte er das Deck wieder ab. Herz Bube war eine gute Beschreibung für den Jungen. Wollte er doch einen fremden Mann vom Alkohol befreien.

Schließlich legte er auch diese Karte auf die Theke. Was war das schon wieder? Eine rote Flüssigkeit lief über seine Hand, in der er die Karte gehalten hatte. Hektisch überprüfte er die Karte. Zum Glück war sie unversehrt. Beim Blick zurück auf die Hand war auch da nichts mehr zu sehen.

Ohne das es ihm wirklich bewusst wurde, zog er sein Handy hervor und rief Krankenhäuser an. Nach erstmaligen Misserfolg fand er ein zwölfjähriges Kind mit dem Namen Jamiro Erkwin. Umgehend stürzte er aus der Kneipe. Vom Alkohol spürte er nichts mehr. Dennoch lies er das Auto stehen und eilte zu Fuß zum Krankenhaus. Vor dem Zimmer kauerte ein Mann. Ein Herz König war auf seiner Hose über dem Knie eingestickt. Keine Frage, das war sein Vater! „Herr Erkwin?“ Der Mann blickte auf. „Ich glaube, das gehört ihrem Sohn.“ Das ihm zugestreckte Kartendeck hellte sein Gesicht auf. Er griff nach den Karten und legte sie in zwei gleichgroße Stapel neben sich. Die unterste Karte im Deck zog er heraus und zeigte es ihm ohne es selbst zu sehen. „Ein Ass! Jamiros Lieblingstrick ist es Karten in Asse zu verwandeln.“ Die Karte wanderte ohne seinen Blick ins Deck zurück. Nur sein Gegenüber wusste, das es kein Ass gewesen war. „Danke. Jamiro ohne diese Karten ist kein glückliches Kind.“ Mit den Karten wieder in der Hand begab sich der Vater ins Zimmer.

Seine Aufgabe hier war wohl erledigt. Jamiro hatte seine Karten zurück und für ihn hieß das wohl seinen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Vorm Krankenhaus bleib er stehen. Hatte er gerade wirklich daran gedacht, sein Leben zu kehren und wieso musste er darüber lachen? Der verwirrte Blick einer Frau, die seinen Weg kreuzte lies ihn vollends ausbrechen.

Heute ist er seit zwanzig Jahren trocken und sitzt mit seinen drei Enkelkindern in der Show ihres Lieblingsmagiers Erkwin. Die Show wurde gerade beendet, als er noch einmal heraustrat. „Vor zwanzig Jahren gab es mal jemand, der mir meinen Glauben an die Magie zurückbrachte.“ Er zog etwas aus der Jackentasche. Es war das Kartendeck aus der Kneipe. „Mit diesem Trick möchte ich ihm Danke sagen.“ Er zog eine Karo sieben aus dem Deck. Diese legte er verdeckt auf den Tisch. Eine zweite Karte, die er zog und verdeckt ablegte war der Pik König. Die Karo sieben schob er darüber. Anschließend als er es hoch hob war es nur noch eine Karte und zwar die Karo König. Er lächelte frech, als er sie in seiner Hand zusammenknüllte. Die Faust wieder geöffnet war auch diese verschwunden. „Schau in deine Tasche!“ Die Enkelkinder, die die Geschichte von Erzählungen her kannten stießen ihn an. Kam es ihm nur so vor oder starrte er ihn wieder mit smaragdgrünen Augen an? Paralysiert griff er in seine Tasche. Tatsächlich es befand sich der Karo König in seiner Tasche. Erkwin kam zu ihm. „Woher wissen sie das ich damals …“ Seine Frage klang halb erstickt. Er lächelte wieder. „Magie“, antwortete er und drehte die Karte in seiner Hand um. ''Danke'' stand plötzlich dort, wo zuvor nichts gewesen war.

Er stützte sich auf die Ablage bei den Zapfhähnen. Schweißperlen zeigten seinen Stress. Wieso nur hatte er niemanden erzählt, das er trockener Alkoholiker war? Jetzt stand er da und vertrat seinen Sohn am Tresen. Einen von fünf Tagen hatte er durchgehalten. Der Zweite zog sich in die Länge.

Ein Bier noch, lallte ein Mann, der nicht einmal mehr den Kopf hoch bekam. Das Glas nahm er herunter in die Spüle aber das Nachfüllen verweigerte er. Nur noch ein paar Stunden aber das sagte er sich bereits seit einer Ewigkeit. Unbewusst fokussierte sein Blick die Zapfsäule. Vielleicht doch einen Schluck? Schnell wandte er sich ab. Seine Finger begannen nervös mit der Karo König in seiner Jackentasche zu spielen. „Hörst du dann auf zu trinken?“ hallte eine Kinderstimme in seinen Gedanken wieder. Er musste Lächeln. Dann verstummte es plötzlich. Statt einer Karte hatte er urplötzlich zwei in der Tasche. Beim herausnehmen bemerkte er schon, das die zusätzliche Karte beschädigt war. Behutsam strich er den Herz König auf der Theke glatt. Dabei verschwanden die beiden oberen Herzen auf der Karte.

„Diese verfluchten Karten“, schimpfte der betrunkene Mann schwer verständlich. Erst jetzt bemerkte er, das es Jamiros Vater war, der sturzbetrunken an seiner Theke saß. Als er nachfragen wollte kam der Sohn zur Tür herein. „Verdammt Papa. So bekommst du gar nichts in den Griff. Entschuldigung. Wie viel?“ Da er bereits bei den Scheinen wühlte schien er direkt von einer größeren Summe auszugehen. Er beschloss aber nichts zu verlangen. Jamiro schaute ihn an und lächelte. Sein Schmunzeln hatte immer noch etwas freches. „Du bist häufig in meiner Show. Ich überleg mir was okay.“ Seine Aufmerksamkeit wanderte auf den Vater, den er mit Mühe vom Tisch löste und auf die Beine zerrte. Dabei sah man das sein rechter Arm verbunden war. „Fahren sie nicht ausschließlich Motorrad? Ich kann ein Taxi rufen.“ Der Magier hustete und setze seinen Vater wieder ab. „Vermutlich besser.“ Etwas unverständliches ''wie nehm ich nicht'' wurde vom Vater erwidert. Keiner der anderen Beiden interessierte sich dafür. Stattdessen nahm nun auch sein Sohn platz und lies sich ein Wasserglas geben.

„Ich hab ihn umgebracht“, entwischte dem Vater eine weinerlicher Aussage. „Blödsinn, ich sitze hier!“ Er blickte die Beiden verwirrt an während er am Telefon hing. „Ich hab dir schon einmal gesagt, dass es ein bedauerlicher Unfall war. Das passiert und hat absolut nichts mit den Karten zu tun.“ Die kaputte Karte erweckte seine Aufmerksamkeit. Er nahm sie von der Theke und legte sie zwischen seine Hände. Als er sie wieder öffnete war die Karte wieder komplett und unversehrt. Mit dem Gesicht nach unten legte er sie zurück. Dann legte er seine Handfläche darüber. Während er die Karte zur Seite verschob blieb eine weitere liegen. Umgedreht hatte er nun eine Herz Dame und einen Herz König. Weiter kam er nicht, da er sich zum Husten wegdrehte.

„Wissen sie was? Ich fahr sie.“ Noch bevor der Magier etwas erwidern konnte stützte er bereits seinen Vater. Er lächelte als er merkte, das er es ernst meinte. Sogar die Straße gab er preis und überreichte ihm den Hausschlüssel. Am besagten Haus angekommen war er erst mal überrascht. Es lag ja nur acht Häuser von seiner Wohnung entfernt.

Er schloss die Tür auf. Der Eingangsbereich war leer. Es gab keine Möbel oder persönlichen Dinge. Alles was dort stand war ein Koffer. Als der Betrunkene es erblickte rief er einen Frauennamen. Eine Frau kam auch auf sie zu. Diese ignorierte sie aber. Zumindest so lange bis sie die Jacke abgelegt hatte. „Und um was spielen sie? Ein Shirt für fünf Euro?“ Sie war sehr sauer und genauso ging sie auch mit Jamiros Vater um. Sie riss ihn von ihm los. „Hier ist die Tür und kommen sie ja nicht wieder.“ Sie riss die Tür auf und half nach als er nicht selbst ging. Vor der Tür war der Streit klar und deutlich zuhören. Er war also ein Spieler. Die Möbel, private Gegenstände und den Ehering hatte er verspielt. Einfach alles was er in die Finger bekommen hatte. So auch ein Kartendeck, das dem Sohn wohl sehr wichtig war.

Er setzte sich etwas abseits, wo man das Gebrüll nicht mehr verstehen konnte und wartete. Er wollte helfen aber wusste nicht wie. Ein Husten riss ihn kurze Zeit später aus den Gedanken. „Sie hätten nicht warten müssen.“ Jamiro stand vor ihm und hängte seinen Helm über den Zaun. „Ich wollte den Schlüssel persönlich zurückgeben.“ Er zog den Schlüssel hervor und streckte es ihm zu. „Ihr Vater … Hat er es mal mit einer Therapie versucht?“ „Ich befürchte, das wird er nicht tun, solange er denkt, er hätte mich umgebracht.“ Er hob sich den verbundenen Arm vor den Mund und hustete. Als er ihn herunternahm war Blut daran zu sehen. „Vergessens sies, die Erkwins sind seltsame Typen.“ Er nahm ihm den Schlüssel ab und drückte ihm stattdessen Geld in die Hand. Anstatt es anzunehmen steckte er es in eine Verstrebung des bei ihm stehenden Tisches. Danach stand er schwerfällig auf. „Werden sie einfach wieder gesund, das ist Preis genug.“ Er ging um ihn herum zur Einfahrt hinaus. Ohne ihn anzuschauen sagte er: „Ich werde mir erlauben in den nächsten Tagen eine Liste mit Therapeuten in den Briefkasten zu werfen.“ Mit diesem Satz ging er.

Zwei Tage später wurde er von Frau Erkwin zu einer anderen Adresse eingeladen. Sie hatte deutlich netter geklungen, ihn aber dennoch charmant gezwungen zu kommen. Das Haus vor dem er stand war kleiner. Es gab keine Pflanzen und auch keine Rassenfläche. Markant stach nur Jamiros Motorrad hervor. Er drückte die Klingel und las den Namen Erkwin daneben. Ob es ihm bereits schon besser ging? Frau Erkwin öffnete die Tür. Sie begann so schnell zu reden, das er gar nichts verstand. Die Wangenküsse, die sie ihm gab kamen auch völlig überraschend. Sie lächelte. „Kommen sie.“ Sie führte ihn durch den Flur zu einem gedeckten Kaffeetisch. „Nehmen sie platz. Ich komme gleich zu ihnen“, sagte sie und zog ihm einen Stuhl zurück. Anschließend nahm sie sich einen Teller mit Torte und eine Tasse Kräutertee vom Tisch. Beides brachte sie in einen Raum aus dem später eine krächzende Stimme zu hören war. Es ging ihm also schlechter.

Er legte die kaputte Karte aus der Kneipe auf dem Tisch. Immer noch fragte er sich, wann er die guten Karten wieder umgetauscht hatte. Die Karten lagen noch auf der Theke als er abgeschlossen hatte. Er schmunzelte als er ihm zutraute durch geschlossene Türen zu gehen. Die Mutter kam wieder. „Ist das eine von seinen Karten?“ Sie schaute sie sich genauer an. Schlagartig war Enttäuschung in ihrem Gesicht zu sehen. „Trinken sie Kaffee?“ Ihre mit einem Lächeln aufgesetzte Frage war nicht mit einer Antwort bedacht. Der Kaffee lief bereits in die Tasse bevor er hätte ja sagen können. „Sehen die Karten besonders aus, die er vermisst?“, fragte er und legte seine Hand auf die Tasse damit er weder Zucker noch Milch bekam. „Eigentlich nicht. Die Geschichte dahinter macht sie so besonders.“ Tränen schimmerten in ihren Augen als sie ihm ein Stück Torte auf den Teller packte. „Jamiro hat die Torte Pik Ass genannt. Ich musste sie ihm jedes Jahr backen. Dabei kann ich überhaupt nicht backen.“ Sie nahm sich auch ein Stück und setzte sich. „Dafür schmeckt sie aber sehr gut.“ „Danke. Mein Mann mag sie bis heute nicht.“ Sie lächelte und füllte sich nun auch Kaffee ein.

„Übrigens danke für ihre Mühe mit der Liste.“ „Das war nun wirklich keine Anstrengung. Ich hoffe ihr Mann nutzt seine Chance.“ „Momentan scheint er eher mein Ex werden zu wollen.“ Die Wut war wieder da und zermalmte ihre Torte zu Brei. Sie schaute wieder auf und setzte ihr Lächeln in Szene. „Lassen sie uns über etwas anderes reden.“ Er nahm die letzte Gabel seiner Torte in den Mund und fragte anschließend: „Wieso nennt ihr Sohn diese Torte Pik Ass?“ „Er hat sie nach Pik Ass benannt. Also Pik Ass ist ein Mensch. Ein älterer Mann den Jamiro im Hospiz kennengelernt hat.“ „Im Hospiz?“, fragte er erschrocken nach. „Er war schwer krank als Kind. Eine unerforschte aber tödliche Krankheit. Immer wenn Pik Ass es konnte ermunterte er ihn zum Karten spielen. Er brachte ihn auch den Trick mit den Assen bei. Leider verstarb er als mein Kleiner auf wundersame Weise gesund entlassen werden konnte. Zum Abschied hatte er ihm das Kartendeck vermacht, wo mit sie immer gespielt hatten. Verstehen sie warum ich so sauer auf meinem Mann bin? Jamiro würde es niemals zu geben aber das Kartendeck bedeutet ihm sehr viel.“ „Könntest du bitte keine Märchen erzählen.“ Die Gesprächsperson stand in der Tür zu dem Raum, in dem sie das Essen gebracht hatte. „Weder bin ich Todkrank noch Tod. Ich bin lediglich erkältet.“ Nach einem Hustenanfall musste er sich setzen.

„Es sind einfach nur Karten und Tricks. Sie bestimmen nicht durch weg sein, das ich sterbe. Hört auf euch damit verrückt zu machen.“ Er kam an den Tisch heran und zog ein Kartendeck hervor, das noch verschweißt war. Er öffnete es und warf die Karten auf den Tisch. „Nimm fünf Karten deiner Wahl aber so das nur du sie siehst.“ Seine Mutter zögerte aber entschied sich dann doch mitzumachen. „Jetzt ziehen sie fünf Karten ohne das es einer von uns beiden sieht.“ Er hatte sich schnell entschieden. „Kennen sie sich mit Karten aus?“ „Ich weiß, das es einen Karo König gibt.“ Sein kurzes Lachen brachte ihn zum Husten. „Gibt es ihn doppelt?“, fragte er vom Husten angeschlagen. „Soweit ich weiß nicht.“ „Damit liegen sie richtig.“ Jamiro deckte den Großteil der Karten auf. „Ich behaupte trotzdem, das sie das selbe Deck wie meine Mutter haben.“ Beide niedergelegten Decks gaben ihm recht. Mit etwas Zwang lies er seine Mutter die noch verdeckten Karten drehen. „Ich schenke ihnen die Karten. Ich möchte einen Trick von ihnen sehen.“ „Von mir? Ich fürchte das ist Verschwendung.“ „Das sehen wir dann wenn es soweit ist. Ich muss zurück ins Bett. Gesund werden.“ Er verschwand wieder in seinem Zimmer.

„Trotzdem. Es ist doch seltsam. Nachdem er das Hospiz verlassen hatte war er nie wieder krank. Dann gingen die Karten verloren und die Krankheit brach erneut aus. Kaum waren sie da und brachten die Karten zurück ging es ihm wieder Stück für Stück besser. Kaum verspielt mein Mann die Karten passiert ein Ungeschick bei einem neuen Trick und er erkältet sich. Ich fürchte wir haben einfach nur Angst, das wir wieder so machtlos sind.“ „Ich finde ihr Sohn macht seinem Namen alle Ehre.“ „Wie meinen sie das?“ „Der Wundervolle. Sein Vorname bedeutet Wunder.“ Sie lachte.

Als er das Haus verließ, fragte er sich warum er die Karten angenommen hatte. Im selben Moment wie er sie in den Briefkasten werfen wollte kam ihm eine bessere Idee. Er fuhr zur anderen Adresse der Erkwins und knöpfte sich den Vater vor. Dieser hatte sich gerade mitten in einem Spiel befunden und war zunächst wenig begeistert. Doch er bekam aus ihm heraus, das sein jetziger Gegner, der Gewinner des Eheringes und des Kartendeckes war.

„Wir spielen!“, sagte er voller Zuversicht. Dabei hatte er noch nie Glücksspiel versucht. „Was setzt du? Denk nicht zu klein. Er ist schon ne Mitleidsnummer.“ „Meine Wohnung.“ Kurz kam er ins stocken. Denn das war wohl alles andere als gut durchdacht. „Und was willst du?“ „Die Karten, die er gesetzt hatte.“ Er lachte schrill, nur um das Wort ''Idiot'' noch dummer klingen zu lassen. „Okay Anfänger, das Risiko gehe ich ein.“ Um überhaupt spielen zu können lies er sich von Herr Erkwin die Regeln erklären. Dann setzte er sich zu ihm und legte das geschenkte Kartendeck hin. „Wir spielen hiermit.“ Der Gegner schaute sich die Karten durch und stimmte dann Schulterzuckend zu. Das Glück war auf seiner Seite. Er gewann und bekam die Karten zugeschmissen.

„Revanche“, brüllte er und legte die alten Karten hin. „Diese Karten, Wohnung gegen Ehering. Schlag ein oder bist du feige?“ „Lass uns eine Wette machen. Wohnung gegen Ehering.“ „Pferderennen?“ „Nein. Ich wette du spielst heute noch einmal“ „Was? Das ist ja easy. Geht klar.“ Mit dem Handschlag besiegelte er seine eigene Dummheit. Denn die Wette war ja ein erneutes Spiel. Als er erneut beginnen wollte sagte er: „Hören sie auf so lange sie noch können. Sonst sieht ihre Wohnung bald auch so aus.“ Er stand auf und begab sich zu Erkwin.

„Sie wollen ihrer Familie zurück oder?“ Er nickte „Die Karten gebe ich ihrem Sohn zurück. Mit dem Ring machen wir beide ein letztes Spiel. Ich schweige über ihren heutigen Einsatz und sie lassen sich therapieren. Entlässt sie ihr Therapeut als gesund wird ihre Frau nie etwas hier von erfahren und der Ring gehört wieder ihnen. Brechen sie die Therapie jedoch ab wird ihre Frau davon erfahren, sich scheiden lassen und sie werden obdachlos sein.“ Als Handschlag diente die Liste und sein Handy.

Seine Füße schlurften über den mattgrauen Boden. Er hatte es eilig, kam aber nicht besonders gut voran. Dies war wohl auch der Grund warum die Krankenschwester zur Unterstützung kam. „Heute wieder ein guter Tag, Herr Kartenmeister?“ fragte sie. Er blieb stehen und schaute sie an. „Ich glaube gnädige Frau, die Karten meistern mich. Sie sind schon wieder verschwunden.“ „Sie haben auch ein sehr großes Loch in ihrer Tasche. Sehen sie? Meine ganze Hand passt da durch.“ „Na so was. Ich sollte meine Karten wohl besser füttern.“ Die Frau lachte und half dem Mann bei seiner Suche.

„Na sehen sie, da sind sie doch.“ Der Mann bückte sich mühsam nach ihnen. „Na kommt her ihr kleinen Ausreißer.“ Als er sich wieder aufgerichtet hatte verharrte sein Blick am Fenster zu einem Raum. „Unser Neuzugang.“ „Wie kann denn ein so kleines Kind schon im Hospiz landen? Er sieht ja furchtbar aus. Darf ich zu ihm?“ „Aber nur kurz. Er ist sehr schwach.“ „Ich munter ihn nur etwas auf, versprochen.“

Der Mann begab sich in den Raum. Schon während er sich dem kleinen Jungen näherte bemerkte er sein Interesse an den Karten. „Kennst du so was?“ Sein erster Versuch zu antworten war komplett tonlos. Nach einer kurzen Pause war immerhin ganz leise ''Papa'' zu verstehen. „Dein Papa also.“ Er zog die Bettdecke über seine Schultern. Anschließend gab er ihm Zeit ihn zu begutachten. Zum Schluss seiner Musterung streckte sich die dürre zitternde Hand des Jungens zu den Karten aus. Er legte sie ihm ohne zu zögern in die Hand. Allerdings war er so schwach, das er ihm beim Heben helfen musste. Vorsichtig führte er seine Hand zum Bett zurück. Dabei hatte er furchtbar Angst ihm den Arm zu brechen. Das Wort, das er hauchte lies ein Danke erahnen. „Es ist alles neu für dich, stimms? Es macht dir Angst so alleine hier ohne etwas Vertrautem.“ Er nickte. „Weißt du, ich lass dir die Karten hier aber du musst gut auf sie aufpassen. Es sind magische Karten. Sie verschwinden manchmal.“ Eine Antwort kam nicht, da der kleine Junge einschlief. Der fremde Mann gab sich alle Mühe das Zimmer leise zu verlassen. Die Schwester, die außen gewartet hatte brachte ihn dann in sein Zimmer zurück.

„Sie waren Erzieher“, wettete sie während sie seine Jacke aufhängte. „Leider falsch. Auch das war ich nicht, gnädige Frau. Wäre ich denn ein Guter gewesen?“ „So wie sie mit Jamiro umgegangen sind? Aufjedenfall!“ „Schade dann habe ich mein Talent wohl verschwendet.“ Er legte sich in seinem Bett zurück. Bevor sie ihn alleine ließ gab sie ihm noch seine Medikamente.

Am nächsten Tag quälte er sich mühsamer als das Letzte mal zum Zimmer des Jungens. Er hatte erfahren, das der Kleine Blut gehustet hatte und wollte ihm beistehen. „Hallo Jamiro. Ich bins der Kartenonkel.“ Er strich ihm über den knochigen Arm um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Magisch.“ begann er einen Satz der verstummte. Dabei schob er ihm die Karten zu. Der Mann setzte sich und öffnete die Verpackung. Er wählte fünf Karten aus und steckte den Überrest in seine Jackentasche. „Na bleibt ihr hier.“ Er tat so als müsste er die Karten am Boden wieder einfangen. Als er sie hatte legte er sie dem Jungen wieder in die Hand. „Halte sie gut fest.“ Die fünf Karten, die er herausgenommen hatte spreizte er zu einem Fächer. Welche Karten er gezogen hatte zeigte er ihm. Kreuz drei, Pik sechs, Kreuz Bube, Herz Bube und Kreuz acht. Er schob den Fächer mit dem Gesicht zum Kind wieder zusammen. Kurz wartete er. Anschließend bildete er einen neuen Fächer aber diesmal nur mit vier Karten. „Ups. Da ist sie weg.“ Es sah so aus als würde der kleine Junge ein klein wenig lächeln. Er steckte die Karten in die Verpackung und richtete sich auf. „Dann wollen wir sie mal suchen.“ Sein Weg führte ums Fußende herum zum Kopfteil des Bettes. Dabei bemerkte er eine Frau, die in der Tür lehnte. Sie war blass und wirkte wie jemand, der es auch nicht mehr lange hatte. Nur war sie keine der Bewohner, das hätte er gewusst.

„Deine Mama?“, fragte er und deutete zur Tür. Die Frau kam wortlos heran und strich ganz behutsam über den dünnen Arm. Als sich sein Kopf zu ihr drehte lächelte sie verkrampft und strich ihm über die Wange. Sie nahm platz und lies die müden Augen nicht von ihm. „Ich komm später nochmal“, sagte er und quälte sich zur Tür. Eine Schwester sah es und kam ihm zur Hilfe. „Überanstrengen sie sich nicht.“ „Ach gute Frau, wenn mich die Hölle haben will dann soll sie mich holen. Es liegt ohne hin nicht in unserer Hand, wann jemand geht und vor allem wer und wie.“ „Aber Herr …“ Er lachte. „Rufen sie der Guten ein Taxi. Bestehen sie darauf. Nicht das sich der Sensenmann an der Tür irrt.“

In den nächsten acht Tagen gelang es dem Mann nicht Jamiro zu besuchen. Sein eigener Zustand lies es nicht zu. Am achten Tag kümmerte sich die Schwester um ihn, die immer noch versuchte seinen Beruf herauszufinden. „Ich glaube sie flunkern mich an, Herr Kartenmeister. Sie müssen ein Magier sein. Der kleine Jamiro war begeistert von ihrem Trick.“ „Das freut mich. Wie geht’s ihm denn?“ „Ich seh gleich nach ihm aber es geht ihm deutlich besser im Vergleich zu seinem ersten Tag.“ „Schön.“ „Wünschen sie noch was, Herr Kartenmeister?“ „Wunschlos glücklich.“

Die Schwester verließ kaum den Raum als der kleine Junge in den Raum getaumelt kam. „Hallo Kartenonkel. Ich bins der Jamiro“, keuchte er immer noch recht leise. „Hey. Dir geht’s ja prächtig, Kleiner. Er richtete sich auf und reichte ihm die Hand damit er seitlich ans Bett kam. Er brauchte einen Moment saß dann aber auch schon an seiner Bettkante. „Ich hab die Karte gefunden“, erzählte er beim zweiten Anlauf. „Was? Wo war sie denn?“ „Unterm Bett. Sie war zu müde.“ Er grinste als habe er etwas ausgeheckt. Dann knurrte sein Magen. „Na da brüllt aber der Bär.“ Wie gerufen kam die Krankenschwester mit zwei Tellern herein. „Lasst es euch schmecken und du kleiner Kartenaufpasser machst bitte langsam. Es ist nicht schlimm wenn du etwas zurückgeben musst.“ Er nickte und schlang schon den ersten Löffel herunter. „Langsam. Das gute Essen soll doch drin bleiben“, beruhigte ihn der Mann lachend. Als der Bauch gefüllt war schlief Jamiro an der Bettkante ein. Man hörte wie sein Magen schaffte und auch das es ihn anstrengte. Dennoch wirkte er nach mehren Stunden Schlaf wieder munter.

„Und hat es dir geschmeckt?“ Der Mann schien selbst erst aufgewacht zu sein, da er so verschlafen klang. „Hm. Ich hatte noch nie so was. Ich konnte es nie essen, ohne das es mir dann schlecht ging. Hast du ein Lieblingsessen, Kartenonkel?“ „Ein Lieblingsessen? Da muss ich überlegen. Ich habe schon ewig keine Torte mehr gegessen.“ „Was ist eine Torte?“ „Kennst du Kuchen?“ Er schüttelte den Kopf. „Süßigkeiten? Gummibären? Schokolade?“ Immer wieder schüttelte er den Kopf. Die Schwester stand lächelnd in der Tür. „Das ist alles sehr ungesund Herr Kartenmeister. Obst, Gemüse. So was brauchst du Kleiner. Ein Apfel zum Beispiel.“ „Es gibt Torten mit Äpfel.“ „So dann sind sie also Konditor.“ „Nein“, lachte er „Genauso wenig wie Bäcker.“ „Meine Mama ist Lehrerin und mein Papa Steuerberater.“ Er grinste und nahm der Schwester einen Plastikbecher ab. Der Blick der Schwester gab die zwei Berufe als Frage weiter aber auch die verneinte er.

„Ich würde ihm gerne zeigen was eine Torte ist. Können sie uns eine bringen.“ „Na na. Heute gabs genug zum Essen. Außerdem bleibt unser Aufpasser erst mal auf Schonkost.“ Kaum nachdem der kleine Junge den Inhalt des Bechers getrunken hatte schien er Bauchkrämpfe zu bekommen. „Mir wird schlecht“, sagte er aber die Schwester hatte bereits schon reagiert. „Wieder gut?“ Sie strich ihm über dem Arm während sie auf einen möglichen Nachschlag wartete. „Du hast das ganz toll heute gemacht Jamiro aber wir sollten es nicht überreizen.“ „Bitte keine Angst um mich haben“, weinte er. Sie tröstete ihn und brachte ihn schließlich in sein Zimmer zurück. Etwas später kam sie zurück um auch dem Kartenmeister seine Medikamente zu geben. „Er hat seine Mama zusammenbrechen sehen oder?“ „Das weiß ich nicht aber darüber sollten sie sich auch keine Gedanken machen. Ich hab eine ihrer Karten auf dem Parkplatz gefunden. Keine Ahnung wie sie das immer machen aber sie ist zum Glück unversehrt. Die Schwester zeigte ihm die Kreuz sieben und steckte sie in die Verpackung.

„Seien sie so lieb und bringen sie ihm die Karten?“ „Das machen sie morgen. Vielleicht ist dann auch wieder ein Zaubertrick für den Kleinen drin.“ Am folgenden Tag ging es dem Mann tatsächlich gut genug. Bevor er das Zimmer erreichte übergab ihm die Schwester mit einem Lächeln ein paar Bilder. Er lächelte zurück und lies sich den Rest des Weges helfen. Jamiro wirkte fast so schwach wie am ersten Tag. „Schau mal wen ich dir hier bringe.“ „Kartenonkel“, hauchte er erfreut und versuchte sich aufzurichten. „Bleib ruhig liegen. Der alte Mann muss sich erst einmal setzen. Gut geschlafen?“ Ein Nicken folgte. „Schön. Ich nämlich auch. Obwohl ich mich frage, ob nicht schon wieder eine der Karten verschwunden ist. Willst du mal schauen?“ Die Frage hätte er gar nicht stellen müssen. Jamiro war sofort dabei die Karten zu durchsuchen.

„Die Pik fünf fehlt.“ „Na so was. Glaubst du sie ist wieder Autos angucken gegangen?“ „Die kann doch gar nicht sehen.“ „Etwa genauso wenig wie sie verschwinden kann?“ Jamiro lachte. „Weißt du …“ Er beugte sich zu ihm herunter als wolle er ihm ein Geheimnis verraten. „Sie kann wirklich nicht sehen aber psst, wenn sie das weiß verliert sie ihre Magie. Da ist sie ja.“ Er nahm eine Karte vom Nachttisch und reichte sie ihm. Jamiro fügte sie ins Kartendeck ein.

Dann unterbrach sie ein leises Magenknurren. „Verzeihung, ich musste gerade an Torten denken.“ Beide lachten. Der Kartenmeister nahm wieder platz und zeigte ihm die Fotos, die ihm die Schwester gegeben hatte. „Das hier sind Torten. Sahne, Schoko, Bananen, Marzipan. Oh die ist klasse. Die hab ich mal gegessen, da war ich so groß wie du.“ „Wie geht das?“ „Oh wie das geht weiß ich nicht. Sie bestand aus Schokobiskuit, dünn geschnittenen Apfelscheiben, einer Walnusscreme, heller Biskuit, Bananen, Sahne und nochmal Schokobiskuit. Das Weiße außen rum ist auch Sahne. Kennst du irgendwas davon?“ „Die Äpfel und Bananen.“ Seiner Antwort ging ein Gähnen voraus. „Entschuldigung, Kartenonkel.“ „Mach dir kein Kopf. Ich lass dich schlafen und komm ein anderes Mal wieder.“

Das andere Mal war leider nicht der nächste Tag. Am Abend jedoch lies sich anderer Besuch bei dem Mann blicken. Wortlos stellte Jamiros Mutter die Torte auf seinen Nachttisch, von der er geschwärmt hatte. Ein Mann, der genauso verlebt wirkte wie sie betrat nach ihr den Raum. „Wir wollten uns bedanken. Unser Sohn … er war noch nie so glücklich.“ Mühsam richtete sich der Mann auf. Mit dem gebrachten Messer von der Schwester teilte er die Torte in Drei. Dann packte er die Stücke auf drei Teller. Einen für die Mutter, einen für den Vater und einen für sich. „Sie haben einen ganz wunderbaren Sohn.“ Die Frau setzte sich schluchzend. „Ich weiß, dass es wahrscheinlich kein Trost für sie ist aber mit einem Lächeln zu gehen ist doch immer noch besser als die Welt weinend zu verlassen. Sie haben alles getan was sie konnten.“ „Es fühlt sich nicht so an. Ihn da liegen zu sehen. Die Schmerzen und wir können einfach nichts tun.“ „Spielen sie mit ihm Karten, reden sie mit ihm. Als was ablenkt mindert Schmerz.“

Er hatte etwas in seiner Hosentasche bemerkt und zog es heraus. Es war die Pik Ass Karte. „Wer sind sie eigentlich?“, fragte der Vater beim Versuch seine Frau wieder zu beruhigen. Er wandte ihnen die Karte zu und antwortete. „Pik Ass.“ Ein Schmunzeln zog sich im Gesicht des Vaters. „Wir sind Herz Dame und Herz König.“ Er deutete auf das eingestickte Motiv oberhalb seines Knies. Nun schmunzelte auch die Mutter. „Haben sie schon sein freches Lachen gesehen. Wenn er könnte würde er uns die Bude auseinandernehmen. Er ist so ein Energiebündel.“ Sie stand auf. „Danke.“ Sie stellte seinen Teller auf den Nachttisch und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Sie sind ein Ass, ein Engel, die beste Karte im Deck.“ „Schatz, das ist das Ass.“ „Klappe, du spielst jetzt mit Jamiro Karten! Ich hol uns einen Kaffee.“ Und schon war sie weg. „Von mir auch Danke. Sie sind gerade offiziell Teil der Erkwin Familie geworden.“ Er lachte mit einem fast ähnlich frechen Grinsen wie sein Sohn. Beim Gehen übergab er die Teller einer Schwester und verschwand dann aus dem Sichtfeld.

Als Pik Ass am nächsten Morgen nach Jamiro sehen wollte lagen seine Eltern eingeschlafen am Bett. Vater und Sohn hatten noch das Deck in der Hand, das Jamiro als Gewinner kennzeichnete. Er lächelte und ging ins Zimmer zurück.

Beim Aufwachen am nächsten Morgen blickte er in Jamiros erfreutes Gesicht. „Hallo Pik Ass. Ich bins der Jamiro.“ Er grinste frech und legte das Kartendeck auf ihn ab. „Na hattest du Spaß mit deinen Eltern?“ „Ich hab Papa viermal besiegt.“ „Von vier Runden?“ „Fünf. Ich will dir was zeigen Kartenonkel. Darf ich?“ „Natürlich aber Moment noch. Ich hab noch einen Ausreißer bei mir.“ Er steckte das Pik Ass zwischen die anderen Karten. „Du bist doch ein Ass. Ein Ass muss natürlich auch ein Ass ziehen können. Schau mal kein Ass dabei oder?“ Jamiro fielen die vier ausgewählten Karten aus den Händen. Er nahm sie wieder auf. „Entschuldigung.“ Er zeigte sie ihm erneut in einem Fächer hatte aber Mühe sie so zuhalten. „Es ist kein Ass dabei oder?“ „Nein ist es nicht.“ Nach der erfreuenden Antwort schob er die Karten zusammen und verlor sie wieder. Seine Mimik verriet, das es nicht gewollt war.

Zitternd machte er einen neuen Fächer mit den vier Karten. „Du musst ziehen.“ Mit der Auswahl beeilte er sich, damit Jamiro sich nicht länger anstrengen musste. Die Karten fielen wieder und zeigten, das es drei Asse waren. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Ihm war klar, das Pik Ass kein Ass gezogen hatte. „Das war doch gar nicht schlecht. Pik Ass hat es geschafft von drei Assen das Herz zwei zu ziehen. Weißt du was das aussagt? Ich bin ein ziemlicher Pechvogel.“ Er lachte und legte den Arm um ihn. „Kopf hoch. Mit etwas Übung zieht auch ein Pechvogel wie ich ein Ass.“ Er wurde zu müde um richtig enttäuscht zu sein. Weshalb er auch schon nach kurzer Zeit in seinem Arm einschlief.

Die Geräusche, die sein Magen verursachten lies darauf schließen, das er wieder etwas gegessen hatte. Ob es diesmal drin blieb? Der Mann versuchte wach zubleiben bis der Kleine wieder aufwachte. Allerdings schlief er ein kurz bevor das der Fall war. Jamiro nahm sich die Karten und versuchte seinen Trick noch einmal. Weitere zehnmal übte er bis der Kartenonkel wieder aufwachte. Er grinste wieder frech und hielt ihm die vier Karten einzeln hin, die er dann nachdem zeigen verdeckt ablegte. „Kein Ass dabei?“ „Nein.“ „Zieh eine Karte.“ Diesmal zog Pik Ass die gleichnamige Karte. „Zieh noch eine.“ Alle vier entpuppten sich als Ass. „Klasse. Du könntest zur Optik am Anfang vielleicht immer nur ein Symbol verwenden. Herz, Kreuz, Pik und Karo verstehst du?“ Die Freude war dem kleinen Jungen anzusehen als er ihm ein zweites Mal um den Trick bat. Von diesem Tag an führte Jamiro ihm den Trick täglich zweimal vor.

Bis zu dem Tag wo er, seinem Freund erklären wollte, das er wieder nach Hause konnte. Pik Ass wusste es schon längst und lächelte dem traurigen Jungen aufmunternd zu. „Hier.“ krächzte er schwach und drückte dem Jungen sein Kartendeck in die Hand. „Aber es sind deine.“ „Sie gehören in die Hände eines Magiers und der bist du kleiner Mann.“ Er strich ihm über den Kopf und blickte zu den wartenden Eltern. „Geh nur. Sie warten auf dich.“ Er stieß ihn sanft in Richtung der Tür. Ein zweiter sanfter Stoß setzte ihn schließlich in Gang. Als er zur Tür herausgetreten war, waren die Augen des Mannes geschlossen und seine Arme hingen schlapp zum Bett herunter.

Jamiro stieß ein Seufzen aus. Warum war er auf die Idee gekommen mit seinen Eltern Möbel einkaufen zu gehen? In allem konnten sich seine Eltern nach zwei drei Sätzen einigen aber bei Möbeln trennten sie Welten.

Er setzte sich an einen ausgestellten Esstisch und zog seine Karten hervor. Die vorderste Karte zeigte eine Kreuz drei. Auch diese hatte er als Kind einer Person gewidmet aber er hatte über die Jahre hinweg vergessen wer es war. Alles woran er sich noch erinnern konnte war, das diese Person nur einen kurzen Teil in seinem Leben einnahm.

„Blumen! Herr Gott wie oft noch? Das sind Blumen!“, brüllte eine Frau direkt hinter ihm ein Kind an. Damit fand sich seine Erinnerung wieder. Es fand im Garten vor dem Elternhaus statt. Er war gerade erst zehn geworden. Sein erstes Jahr in Freiheit. So hatte er es bezeichnet. Die Ungeduld, die er beim Warten auf seinen Vater verspürt hatte fühlte er wieder. Unbedingt wollte er ihm seinen neusten Trick zeigen aber er kam und kam nicht. Stattdessen rannte ein etwa gleichaltriges Mädchen wie von der Tarantel gestochen auf den Zaun zu. Sie sprang drüber, stieg auf den Tisch, überquerte ihn und landete im Rosenbusch. Noch ehe er zum Hinterfragen kam tauchte ein aggressiv schimpfender Mann auf. So schnell konnte er gar nicht reagieren wie er ihn mit „Hey du Scheißkerl“ am Hals packte. „Wo ist das Mädchen?“ Ohne groß nachzudenken deutete er die Straße weiter. Er lies umgehend von ihm ab und folgte seiner Beschreibung.

Erst als er aus dem Sichtfeld war, fing er sich und reichte dem Mädchen im Rosenbusch seine Hand. Diese zögerte ängstlich. „Ich hab ein Baumhaus worin du dich verstecken kannst“, sagte er mit seinem altbekannten frechen Grinsen. Sie nahm seine Hilfe an und lies sich ins Versteck bringen. Er schleppte Decken, Kissen und etwas zum Verarzten ins Versteck. „Hast du es bequem so?“ Sie antwortete nicht, da sie noch unter Schock stand. Unbekümmert davon begann er die Dornen zu entfernen. Nachdem er die Wunden versorgt hatte kletterte er wieder herunter um ihr Essen und Trinken zu besorgen. Allerdings war sein Vater schon da, der sich über seine große Ausbeute natürlich wunderte. „Ich hab jemand gefunden, der meine Zaubertricks sehen will“, log er ohne die Miene zu verziehen. „Wie wäre es wenn du erst fragst bevor du das alles nimmst?“ „Darf ich?“ Noch kam keine Erlaubnis. „Darf ich bitte das Essen nehmen?“ „Okay aber du isst nur so viel wie du kannst und den Rest bringst du wieder mit. Außer dem hier.“ Sein Vater nahm drei Dinge herunter. „So viel zu strenger Vater.“ Seine Mutter trat zur Eingangstür herein nachdem Jamiro hinaus geeilt war. „Nach seiner langen Krankheit hat er es schwer genug Freunde in der Schule zu finden. Ich zwing ihn später zum lernen.“

Wieder im Baumhaus angelangt breitete er seine Ausbeute aus. „Nimm was dir schmeckt. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Jamiro Erkwin.“ Sie blickte ihn schweigend an. Offenbar hatte sie nicht vor zu antworten. Lediglich ihr Blick erklärte ihn für verrückt. „Ich bin Magier. Willst du was sehen?“ Da sie vermutlich eh nicht antworten würde zog er bereits seine Karten. Er hielt die Kreuz drei hoch. „Diese Karte … “ begann er und knüllte sie in seiner Hand zusammen. „Mache ich zu …“ Er öffnete seine Faust und hatte dreimal das Kreuzsymbol in der Hand. „Blumen!“ unterbrach sie überrascht und nahm die Papierstücke, die nicht größer waren als das Kartensymbol selbst „Kreuze“, verbesserte er sie unnötigerweise, da sie ihm eh nicht zuhörte.

Eine begeistere Jungenstimme riss ihn aus den Gedanken. „Nochmal“, forderte ein Junge, der vermutlich erst zehn war. Erst jetzt begriff er, dass er gedankenverloren den Trick von damals gemacht hatte. Allerdings waren die Kreuze dieses mal kleine Schlüssel.

„Nicht jetzt! Mama hats eilig.“ Die Frau im Anzug, die ihr Kind zuvor schon angeschrien hatte schob ihn weiter. „Du hast es immer eilig!“ „Ja irgendwo her muss das Geld ja kommen oder meinst du, die Dinge die du ständig kaputt machst reparieren sich von alleine.“ Das Gespräch ging am Handy weiter. „Endlich. Es war 16:30 Uhr ausgemacht. Sie haben fünf Minuten.“ Sie legte sauer auf und in genau diesem Moment rannte der Kleine davon. Direkt in eine Frau, die Gläser transportiert hatte. „Na toll. Wie viel?“ Sie ging hin und zog ihren Sohn auf die Beine.

Jamiro mischte sich ein, in dem er der Frau mit den Gläsern deutete, das er zahlte. Zunächst aber sorgte er sich um den kleinen Jungen. „So, ist doch nichts Großes passiert.“ „Nichts Großes?! Ich weiß langsam nicht mehr wie ich seine Schandtaten finanzieren soll. Ja natürlich sagen alle mal wieder Rabenmutter. Wie geht die mit ihrem Kind um. Sie können ja alles besser! Haben sie einen Vollzeitjob, ein hyperaktives Kind, ein Kindermädchen, das kommt wie es gerade Lust hat? Hör auf zu flennen und komm jetzt!“ „Hören sie, ich wollte ihnen keinen Vorwurf machen. Ich wollte ihnen meine Hilfe anbieten. Kann ich ihnen zum Beispiel die Tüten abnehmen? Dann können sie sich erst einmal ganz in Ruhe um ihren Sohn kümmern.“ Er nahm der verblüfften Frau die Tüten ab. Anschließend fragte er die Angestellte nach ein paar Pflastern. Diese wurden zu erst ihm angeboten aber er schob das Angebot an die Mutter weiter. Sie nahm es und kümmerte sich um ihren Sohn. „Entschuldige“, brach sie in Tränen aus. „Die Mama wollte nicht so gemein sein.“ „Versprich deiner Mama mal, das du ab jetzt vorsichtiger bist, ja?“ Der Kleine nickte ihm eifrig zu und versprach es seiner Mutter. Diese lächelte sogar. „Du kannst deine Mama auch entlasten wenn du möchtest. Du kannst diese Tüte hier nehmen.“ Jamiro gab ihm die Kleinste der drei Tüten, aus dem ein Stofftierlöwe schaute. „Ich nehme ihnen die anderen Tüten, wenns recht ist?“ „Danke.“ Sie nahm ihren Sohn an die Hand. „Ich muss nur noch an die Kasse.“

An der Kasse musste Jamiro erneut verhindern, das dem Jungen zu langweilig wurde. Während des Wartens zauberte er ihm einen Stressball herbei und brachte ihn mit einem Witz zum lachen. Dann waren sie auch schon durch. „Sind sie Vater, Herr Erkwin? Sie sind sicher ein toller Daddy.“ „Danke für das Lob aber ich glaube ich würde meine Kinder zu sehr verwöhnen, wenn ich denn welche hätte. Er knickte die Kreuz drei Karte in seiner Hand und deckte sie mit dieser zu. Beim Öffnen lagen statt der Spielkarte zwei Eintrittskarten zu seiner Show darin. „Wenn sie etwas entspannen wollen“, sagte er und legte sie in den Kofferraum. Dann entfernte er sich. „Ich finde es sieht eher nach einer Blume aus.“ Er schmunzelte und dachte an den Tag nachdem er Kreuz drei kennengelernt hatte. Sie war einfach verschwunden ohne ein Wort. Überhaupt war ''Blume'' alles was sie jemals in seiner Gegenwart gesagt hatte.

Der Flutregen hatte erst aufgehört. Dennoch war der Himmel noch immer mit dunklen Wolken bedeckt. Es sah so aus als würde es jeden Moment wieder von Neuem beginnen. Trotzdem musste Selina Herz die Trockenphase nutzen, wenn ihr Hund nicht in die Wohnung machen sollte. Sie streifte sich ihre Sachen über und leinte ihren Rüden an. Es brauchte Überzeugungsarbeit ihn hinauszubringen. Nachdem ihr das gelungen war stürmte er jedoch munter voraus.

Nach einigen Metern fand sie eine Pik sechs an der Straßenkante. Zwei Schritte nach der durchgeweichten Karte lag im gleichen Zustand die Pik neun und die Karo zehn da. Immer mehr Karten lagen durchgeweicht am Boden. Den Weg der Karten gefolgt stand sie mitten in einem Acker vor einem beschädigten Motorrad. Sie schaute sich um aber kein Fahrer oder eine Fahrerin war zu sehen. Überhaupt war gar niemand zu sehen.

Ihr Hund beschnüffelte eifrig die noch warme Maschine. Wäre der Krankenwagen oder die Polizei hier vorbeigekommen hätte sie das Zuhause gehört. Sie suchte den Umkreis davon ab. Hoffentlich blutete er oder sie nicht. Sie konnte nämlich kein Blut sehen. Etwas rotes im hohen Gras erschrak sie aber es war zum Glück kein Blut. Es war nur das Symbol des Karo Bubens. Er oder sie waren also diesen Weg entlang gegangen. Zu blöd das dieser Weg zu einem großen Wald führte. Wenn sein Vorsprung zu groß war würde es Tage dauern ihn darin zu finden. Tage, die er möglicherweise schwer verletzt nicht hatte. Während der Rüde mit Kraft den Weg verfolgte versuchte sie den Notruf abzusetzen.

„Ich hab ihn“, verkündete sie nachdem sie eine taumelte schwarze Person in der Ferne erkannte. „Direkt am Waldrand.“ Sie wurde nun auch schneller, da sie die Person stürzen sah. „Stehen … liegen bleiben, meine ich“, rief sie als die Person mit Helm wieder aufstehen wollte. Die Entfernung reichte schon um zu erkennen, das zumindest sein eines Bein in Mitleidenschaft gezogen wurde. „Bein … Fuß … Sitz.“ Die Frau war völlig durcheinander. Sie legte die Leine über ihren Hund, für den das Kommando gedacht war. Dann eilte sie zu dem Mann.

„Alles gut, stotterte sie und griff die Schultern des Mannes. „Reden sie mit mir. Bleiben sie ruhig liegen. Hilfe ist sofort da.“ Er antwortete aber nur in sinnlose Silben. „Kriegen sie Blu … Luft?“ Während der Frage öffnete sie den Helm. „Wo … Wo bin ich?“ fragte er. „Blutend bleiben. Liegen! Liegen natürlich. Nicht weiter bluten. Reis dich zusammen! Reis dich zusammen! Im Wald, am Wald, in Trommdach. Trommdacher Wald.“ „Aha“, erwiderte er gefasst und blieb nun ruhig im Matsch liegen. „Sind sie noch wach?“ „Nee Tod.“ „Was? … Idiot!“ „Ich spür mein Bein nicht.“ „Dafür konnten sie aber noch ziemlich gut laufen.“ „Nein im ernst. Ich spür mein rechtes Bein nicht.“ „Ihr linkes ist aber verletzt.“ „Das schmerzt auch verdammt aber mein rechtes geht nicht. Ich kanns nicht anheben.“ „Jetzt werden sie hysterisch.“ Sie drehte sich zu den Beinen. „Blut!“ „Hey! Nicht ohnmächtig werden.“ Er stieß gegen ihr Knie, was ihm offenbar selbst schmerzte.

Seine Hände gingen zum Helm hoch, den er sich dann abnahm. Diese Bewegung bereitete ihm auch Schmerzen. „Ah! Verdammt. Was ist denn passiert?“ „Das wissen sie nicht?“ „Nein. Nein, das weiß ich nicht.“ Nach kurzem überlegen fragte er unsicher „Sollte ich sie kennen?“ „Woher denn? Nein wir kennen uns nicht. Sie sind definitiv kein Trommdacher.“ Er schwieg, als hätte ihm etwas die Stimmung verdorben. „Haben sie noch etwas vergessen?“ „Ich weiß nicht wer ich bin“, antwortete er kleinlaut. Sie schwieg besorgt. Dann verzog sich ihre Mine ins ungläubige aber ehe sie in dieser Art etwas formulierte sagte sie: „Kopf still halten, gar nichts mehr bewegen.“

Wieder verstrich Zeit des Schweigens „Was mach ich eigentlich, wenn sie hier verbluten?“ Er hob wieder etwas den Kopf. „So stark ist es nicht.“ Sie drückte ihn wieder runter. „Spielen sie Karten?“ Verwirrt blickte sie auf die Karte in ihrer Hand. Wann hatte sie denn die Herz acht aufgehoben? Es war wohl auch die einzige Karte, die nicht beschädigt war. „Ich fürchte der Rest davon ist hinüber.“ Sie blickte wieder zu ihm auf. „Hören sie? Da kommt schon der Krankenwagen.“ Er antwortete nicht. „Hallo. Jetzt machen sie aber mal nicht schlapp auf den letzten Metern.“ „Ich bin doch da.“ „Sah aber gerade anders aus.“ So lang er untersucht wurde ging Selina so weit weg wie sie bis zum Verladen kam. Trotzdem bekam sie beim Einschieben in den Krankenwagen wieder das Blut zu sehen und fiel doch noch in Ohnmacht.

Am nächsten Tag schaute sie bei ihm im Krankenzimmer vorbei. Er war gerade dabei seine Schuhe anzuziehen. „Sicher, dass sie gehen wollen?“, fragte sie und half ihm schließlich beim Binden der Schuhe. „Sie sind doch noch nicht fit.“ „Ich muss zur Unfallstelle.“ „Und was wollen sie da?“ „Mich erinnern natürlich.“ Mit Hilfe zweier Krücken stellte er sich auf. Sie verkniff sich ein Lachen. „Verzeihung. Mein Bruder würde ihrer Haltung eine Eins mit Genickbruch geben.“ „Komischer Kauz ihr Bruder.“ „Das sind sie alle, glauben sie mir.“ Sie griff den Türknauf, damit er nach den mühsamen Schritten nicht hinaus konnte. Wiedereinmal herrschte Schweigen zwischen ihnen. „Ich fahr sie. Man kann sie wohl eh nicht aufhalten“, seufzte sie. „Richtig.“ Nachdem sie die Tür aufgezogen hatte ging er voran und sie ihm nach.

„Sie haben also Geschwister?“ „Sieben Brüder um genau zu sein. Alle älter. Einer davon repariert gerade ihr Motorrad. Ich konnte ihn nicht davon abhalten. Er ist halt ein Motorrad-Fan durch und durch.“ „Ich hoffe er hat Ahnung, nicht das ich meinem Unfall einen unbegabten Mechaniker zu verdanken habe.“ „Wohl eher dem Regen. Wie kommt man bei solch einem Regen überhaupt auf so eine dumme Idee?“ „Ich erinnere mich weder an den Regen noch das ich gefahren bin. Diese Frage müssen wir dann wohl verschieben.“ „Sie nehmen das alles auch noch mit Humor.“ „Wäre es ihnen lieber ich würde wegen meiner Maschine heulen von der ich nicht mal etwas weiß.“ „Das wäre ziemlich dreist und irgendwie komisch und absolut mein Bruder.“ Er lachte über ihre Überlegung. „Der Mechaniker nehm ich an?“, fragte er und quälte sich in ihr Auto. Sie übernahm seine Krücken, die sie in den Kofferraum warf. Danach setzte sie sich ans Steuer.

„Sie wollen also zur Wiese? Dann mal los.“ Während der Fahrt bemerkte er, das sie zum rasen neigte. An der Höhe angekommen, wo sie das Motorrad gefunden hatte half sie ihm aus dem Auto heraus. Er stand einige Minuten da ohne sich zu regen oder zu sprechen. „Es kommt nichts oder?“, fragte sie vorsichtig und ging auf ihn zu. Sein Gesicht wirkte verkrampft und verzweifelt. „Das wird schon. Ganz sicher. Ich hab hier ganz in der Nähe eine leerstehende Wohnung. Die kann ich ihnen geben. Kommen sie. Was nicht will wird schon kommen oder so.“ „Ich kann sie aber nicht bezahlen.“ „Das klären wir, wenn ihr Kopf wieder mitmacht. Steigen sie ein. Es ist nicht weit.“ Die Fahrt kam ihm wirklich so vor, als habe sie nur zwei Sekunden auf dem Gaspedal gestanden.

Im Hof vor dem Haus stand seine Maschine in Einzelteilen verlegt. Eigentlich nicht mehr wiederzuerkennen. „Wohnt noch jemand hier?“, fragte er Schmerz gekrümmt während er sich aus dem Auto herausziehen lassen musste. „Nein. Ich weiß auch nichts davon, das mein Bruder ihre Maschine hier zusammen bauen wollte.“ „Meine Maschine? So sah sie doch hoffentlich nicht beim Unfall aus?“ „Mein Bruder hat die Reparatur wohl etwas zu genau genommen aber keine Sorge. Ich werd dafür sorgen, dass er nur das in Rechnung stellt, was auch wirklich kaputt war. Die Tür ist ja offen!“ Sie lies ihn so schnell los das er ins Auto zurückfiel. „Nächstes mal mit Vorwarnung bitte“, stöhnte er schmerzlich und versuchte sich erneut aus dem Auto zu stemmen. Die Frau währenddessen nahm sich einen Stein am Eingang. „Sie sollten etwas nehmen, wovon sie nicht ihn Ohnmacht fallen“, rief er ihr zu und gab seinen kläglichen Versuch auf. Jedoch war sie schon so auf ihre Verteidigung eingestellt, dass sie es gar nicht mit bekam.

Im Inneren sah sie Niemand. Das aber jemand hineingegangen war sah sie am frischen Dreck. Sie ging weiter hinein. Der Stein zum Angriff bereit. „Suchst du was?“ Hektisch drehte sie sich um und lies den Stein fallen. „Gregor!“ Ein unterdrückter Schmerzensschrei hinderte den Mann daran sofort zu antworten. „Wieso wirfst du mit Steinen um dich? Hast du eine Ahnung wie das weh tut?“ „Ich dachte du wärst ein Einbrecher! Idiot, wie kommst du überhaupt rein?“ „Mit dem Schüssel natürlich. Ich dachte ich zieh ein paar Tage hier ein.“ „Und da hast du nicht die Idee zu fragen? Das ist meine Wohnung!“ „Sie ist leer, seit Jahren. Du wirst doch wohl nicht deinen Bruder vor die Tür setzen, nicht nachdem du mir den Stein auf den Fuß geworfen hast.“ „Erstens selber Schuld. Zweitens woher hast du den Schlüssel und drittens, nein du kannst hier nicht wohnen trotz Stein.“ Diesem Gregor schien die aufgebrachte Schwester völlig kalt zu lassen.

Er wandte sich ab und äffte ihr nach: „Erstens brauche ich etwas zum verarzten, zweitens habe ich seit Ewigkeiten den Zweitschlüssel und drittens wüsste ich nicht was dagegen sprechen würde, das du deinem armen Bruder mal eben unter die Arme greifst.“ „Deine dämliche Ignoranz. Verarzte deinen Fuß und verschwinde. Das Haus ist vermiedet.“ „An wenn? Er muss wohl unsichtbar sein.“ „Nein, das bin ich nicht.“ Auf seine Krücken gestützt hatte er es ins Haus geschafft. „Wenn meine Maschine bis morgen nicht wieder am Stück ist zeige ich sie wegen Diebstahl und Sachbeschädigung an.“ „Hey ganz ruhig okay. Ihr Maschinchen wird besser aussehen als jemals zu vor.“ „Ich hab weder eine Reparatur noch ein Tuning bestellt. Geben sie ihr den Schlüssel bevor ich mir ihre Frist überdenke.“ Knirschend drückte er seiner verwirrten Schwester den Schlüssel in die Hand und drängte sich mit Gewalt an ihm vorbei.

„Danke“, stotterte sie, als er die Tür hinter ihm geschlossen hatte. „Sind alle ihre Brüder so?“ „Idioten sind sie alle aber er ist seit dem Flop mit seiner Werkstatt die Gehässigkeit in Person. Ich schulde ihnen was.“ Er lachte. „Nachdem sie mir die Wohnung schon bereitstellen? Lassen sie's gut sein.“ „Ich … Wie? … Verzeihung.“ „Was sind sie denn so durcheinander? Blute ich irgendwo.“ Die Absuche ergab nichts. „Verzeihung, Verzeihung … ich … ich bin einfach ein sehr verwirrter Mensch. Es ist irgendwie komisch … komisch sie ohne Namen anzusprechen.“ „So? Dann geben sie mir doch einfach einen.“ „Wie? Ich soll ihnen einen Namen geben? Ich … ähm.“ Er zog einen Stuhl vom Esstisch zurück. „Setzen sie sich bevor sie mir noch umkippen.“ „Und sie?“ „Ich bleib lieber stehen bevor ich wieder ein halbes Jahrhundert brauche um aufzustehen.“ „Ach so.“ Sie zögerte. Schließlich setzte sie sich dann doch auf den Stuhl.

„Zuerst sollten wir vielleicht klären, ob wir uns duzen oder siezen.“ „Duzen? Um Himmels willen, sie machen mich fertig. Ich kann ihnen doch nicht einfach einen Namen geben.“ „Es dient ja nur zur Kommunikation. Also du ist für mich okay. Sie sind?“ „Selina, Selina Herz.“ „Schöner Name und passt zu ihrer Karte.“ Woher kam diese Herz acht schon wieder? Sie erinnerte sich nicht daran, es genommen zu haben. Das machte sie wahnsinnig. „Wenn ihnen nichts einfällt auch okay. Ich lass mich überraschen. Wo ist denn das Bad?“

Am nächsten Tag brachte ihm Selina augenscheinlich beruhigt, das Frühstück vorbei. „Ich … Ich hab Frühstück mitgebracht. Entschuldigen sie, ich bin einfach reingekommen.“ „Bleiben sie ruhig. Ich bin sofort da.“ „Brauchen sie Hilfe?“ Sie legte die Bäckertüte auf den Tisch. „Nein alles in Ordnung.“ Er kam durch die Tür. „Sie haben aber mit einem großen Hunger gerechnet“, stellte er nach einem Blick auf die Tüte fest. „Ich wusste nicht was sie mögen und dann dachte ich mir, wir könnten vielleicht zusammen essen.“ „Gute Idee. Setzen sie sich.“ Wie ein Hund auf Kommando setzte sie sich an den Tisch. Er lachte wieder. Er selbst konnte sich nicht so leicht setzen. „Jamiro“, sagte sie plötzlich und schwieg. Es wirkte, als überdenke sie das ganze nochmal. „Jamiro wäre doch ein schöner Name“, wiederholte sie mit einem aufgesetztem Lächeln. Seine Mimik blieb unbekümmert. Statt etwas sofort zu erwidern griff er in die Tüte. „Stopp! Was ist wenn sie eine Glutenunverträglichkeit haben.“ „Das wird sich zeigen“, sagte er und biss einfach ab. „Ich bin überrascht wie kreativ sie sind. Gut dann bin ich also der Jamiro.“ „Ich notiere mir, das sie lebensmüde oder dumm sind“, nuschelte sie in sich hinein.

„Bevor ich's vergesse“, sagte er und schob einen hunderter Schein über den Tisch. „Betrachten sie's als Vorauszahlung.“ „Wie … Ich … Ich dachte, sie könnten nicht zahlen.“ „Kann ich auch nicht. Das war alles was ich bei mir hatte zusammen mit dieser verbeulten Plastikschachtel.“ Er deutet auf eine durchsichtige Kartenschachtel die im Deckel einen Knick mit winzigem Loch hatte. „Daher also all die Karten.“ Abgelenkt holte sie die letzte noch darin liegende Karte heraus. Es war die Kreuz sieben. „Jetzt haben sie immerhin noch zwei heile Karten.“ Sie legte die Herz acht und die Kreuz sieben auf den Tisch. Beides schob sie ihm zu. „Schön aber ich hab keine Ahnung was ich damit soll. Spielen geht damit wohl kaum noch.“ „Ein Zaubertrick vielleicht?“ „Sie denken ich bin ein Zauberer?“ Mühsam stand er auf. „Ich glaube ihnen geht die Fantasie durch“, sagte er so kühl wie eh und je nachdem er an sich hinunter geschaut hatte. Sie fluchte und sprang so schnell auf, das der Stuhl kippte. „Sie sind Magier! Verdammt ich kenn sie. Sie sind Jamiro Erkwin.“ „Sie kennen mich aber?“ „Ich hatte gehofft, ich könnte irgendwie Geld mit ihnen machen. Ich hab Schulden, hohe Schulden.“ „Sie wollten mich entführen?“ „Nein! Keine Ahnung. Ich hatte keinen Plan. Als sie das Krankenhaus unbedingt verlassen wollten, dachte ich, das ist meine Chance.“ Jamiro steckte sich die Karten in die Tasche und nahm dem Helm vom Tisch. Eine Polizeisirene war in der Stille zu hören. „Sie haben … ?“ „Ihr Bruder hat meine Maschine gestohlen“, unterbrach er kühn und ging nach draußen. Als sie ihn mit einem Polizisten reden hörte, bekannte sie sich ihrer Schuld und ging ebenfalls hinaus. Schweigend wartete sie dort auf ihr Urteil.

Die Krücken lehnten außerhalb seines Sichtfelds. So war es ihm leichter gefallen sie über die Show hinweg zu ignorieren. Allerdings ließen nun auch die Schmerzmedikamente nach. Weshalb er allmählich begriff, gut war das Ganze nicht. Zudem musste er sich aus seinem Schuh herausschneiden lassen, da sein schlimmeres Bein geschwollen war und er von alleine nicht mehr heraus kam.

„Wie kannst du nur so unvernünftig sein?“, kreischte seine Mutter, die bislang eigentlich nur etwas vom Diebstahl seines Motorrads wusste. „Halb so schlimm.“ Ihr Blick zeigte deutlich, das sie hierfür eine Ohrfeige parat hatte. „Hattest du eine Op im Urlaub?“, fragte sein Vater gelassen als er die Narbe am Schienbein entdeckte. Jamiro nahm sein Bein herunter. „Nichts ernstes.“ Unbedacht widerlegte er seine Aussage in dem er die vierte Schmerztablette zu sich nahm. Seine Mutter riss ihm die Schachtel aus der Hand. „Für nichts sind die aber ganz schön stark, mein Lieber. Was ist wirklich passiert als du weg warst?“ Sie versuchte ruhig zu bleiben. Anstatt zu antworten zog es Jamiro jedoch vor, die Karte in seiner Hand schnell zu drehen. „Schatz“, sagte er und warf ihr einen Autoschlüssel zu. Im gleichen Moment griff er Jamiros Herz Buben Karte. Sie ging und sein Vater blieb mit erwartungsvollem Blick zurück.

„Wer ist Herz acht?“, fragte er nachdem er diese in seiner Hand gesehen hatte. „Ich mach das nicht mehr“, erwiderte er und trank etwas. „Eine Frau also. Hübsch? Ich hoffe nicht so anstrengend wie deine Mutter.“ „Für das, dass sie so anstrengend sein soll hängst du ganz schön an ihr.“ „Na sie hat ihre positiven Seiten.“ Tatsächlich rang er sich durch, seinem Vater zu erzählen was passiert war. Nur was den Unfall im Genaueren betraf konnte er ihm nach wie vor nicht erklären. „Und jetzt weißt du nicht, ob es richtig war?“ Jamiro schüttelte den Kopf und zog eine Karte vom Deck. Diese lies er aber verdeckt vor sich liegen. „Ja das weiß ich tatsächlich auch nicht aber Reue ist bekanntlich der Weg zur Besserung. Ich schau mal, ob ich etwas auftreiben kann.“ „Meine Krücken reichen. Gib sie mir nur.“ „Mit den Beinen läufst du mir nirgends mehr hin. Wenn der hier mal nicht gebrochen ist.“ „Du willst dir bloß nicht den Kopf abreisen lassen. Okay aber dann beeil dich. Die Ungeduld hab ich definitiv von Mama.“

Sein Vater klopfte ihm auf die Schulter und behauptete die gezogene Karte sei eine Kreuz sieben. Die Nachkontrolle gab ihm recht. War er nun der Magier? Schmunzelnd schob er sie ins Deck zurück. Dann tauchte plötzlich eine im Mantel gehüllte Person hinter ihm auf. „Jamiro Erkwin?“ Die Stimme war etwas kratzig aber definitiv weiblich. Ihr Gesicht konnte er in ihrer gebückten Haltung wegen der Kapuze nicht erkennen. Dennoch hatte sie etwas vertrautes. Ihr Arm streckte sich zu ihm. „Sie haben etwas verloren, schätze ich.“ Der Ärmel rutschte zurück. Eine zierliche zerkratzte Hand hielt ihm eine Spielkarte entgegen. „Sie müssen zu mir kommen. Ich kann nicht aufstehen.“ Ihr Kopf bewegte sich. Anscheinend überprüfte sie, ob er log. Danach kam sie langsam näher. Der Abstand war noch zu groß um unter die Kapuze zu sehen oder sie ihr herunterzunehmen. Sie streckte ihm die Karte erneut zu. Ein hinterhältiges Grinsen folgte und er umgriff mit beiden Händen ihre. „Nein, die hab ich dir geschenkt, Selina.“ Er lies ihre Hand wieder los. Ihre Herz acht Karte war nun mit Jamiro unterschrieben. „Das …“, kam sie ins stottern wurde aber von der aufgehenden Tür unterbrochen.

Der hektische Mann verrammelte sofort die Tür und richtete geschützt von seiner Maske eine Pistole auf die Beiden. „Ach was für ein hübsches Zusammentreffen. Dann kann ich euch gleich beide kalt machen.“ Er riss sich die Maske vom Kopf und wechselte sein Ziel zwischen ihnen hin und her. „Nur mit wem fang ich an?“ Selina hatte sich zum bewaffneten Bruder gewandt, stand aber immer noch vorm Magier. Hatte sie vor sein lebendiges Schutzschild zu sein oder war sie im Anbetracht der Schusswaffe in Schockstarre gefallen? „Du kleine Schlange.“ Die Waffe verharrte auf ihr. Er setzte den Schalldämpfer auf und zielte erneut auf sie. Seine Mimik zeigte alle Gehässigkeit, die er hatte. „Nach allem was ihre Schwester für sie getan hat?“ Der Lauf zielte wieder auf ihn. „Haben sie sich nie gefragt, weshalb ihre ersten Kunden sauer waren aber dennoch alles gezahlt haben? Warum haben ihre ersten Kunden Dinge gezahlt, die sie nicht haben wollten?“ Er begann zu überlegen. „Ich hab die Reste gezahlt“, gestand sie und nahm eine selbstbewusste Haltung ein. „Ich wollte, das dein Traum sich erfüllt aber du wolltest ja nie aufhören zu viel zu tun. Egal was ich auch sagte und irgendwann war mein Geld weg. Ich konnte dir nicht mehr helfen.“ Sie nahm die Kapuze herunter und schaute ihn bedauernd an. „Du lügst.“ Die Waffe schwenkte sich wieder auf sie „Du sagtest ich und meine scheiß Firma sollten doch im Dreck versinken.“ „Ich war sauer! Mein ganzes Geld steckte da drin. Ich hab mir Drohung angehört weil ich deine Kunden beruhigen wollte. Ich hab so viel getan. Du hättest einfach nur weniger tun müssen.“

„Was war ihr Traum?“ Jamiro legte seine Hand auf ihre Schulter und richtete sich schwerfällig auf. „Tierärztin wollte sie werden“, spottete er herablassend und zielte wieder auf die andere Person. „Dabei kann sie kein Blut sehen. Angefleht hat sie mich, ich sollte ihr helfen. Keiner war so dumm und hat sich extra geschnitten nur damit sie ihre Angst verliert.“ Seine Hände begann zu zittern. „Was hat es gebracht? Nichts!“ Seine Waffe wechselte wieder das Ziel. „Es war nur ein Tropfen aber du bis sofort in Ohnmacht gefallen. Wie hätte das jemals funktionieren sollen?“ „Gar nicht. Ihre Schwester hat ihren Traum aufgegeben und sie unterstützt.“ „Woher wissen sie das alles?“ „Ich bin Magier.“ Als Beweis zauberte er grinsend eine Kreuz sieben in seine leere Hand und lies sie wieder verschwinden.

Der Bruder senkte seine Waffe. „Ihr seit zu zehnt, Mensch. Macht was draus anstatt euch umzubringen. Übrigens habt ihr nicht mehr viel Zeit um zu verschwinden.“ „Wie?“ Seine Waffe zielte wieder auf ihn. „Es kommt gleich jemand wegen meiner Verletzung. Ich gebe ihnen Zeit zu verschwinden.“ „Ich bleibe!“ „Bist du blöd! Sie buchten dich ein.“ Er steckte seine Waffe weg und riss seine Schwester am Arm zu sich. „Keine Ahnung was sie für ein schräger Vogel sind aber meine Schwester geht nicht in den Knast weil sie so dumm war hier herzukommen.“ Jamiro ging unbekümmert vom Fenster weg und deutete, das er gehen sollte. Zuerst schob er seine Schwester hinaus, die gar nicht so recht wollte. Dann stieg auch er hinaus ohne unvorsichtig zu werden.

„Jamiro?“ Sein Vater klopfte an die Tür. „Moment, meine Krücke verkeilt die Tür.“ Er kam nicht einmal zum ersten Schritt als sein Vater die Tür aufstieß. „Himmel! Jetzt dachte ich schon hier wäre jemand.“ „Außer mir meinst du? Ich glaube, das solltest du in deinem Alter nicht mehr tun.“ „Werd nicht frech, du Chaot! Ich finde immer noch, das du mehr für deine Sicherheit tun solltest.“ „Ach so bekannt bin ich nicht.“ Jamiro setzte sich in eine Art Rollstuhl und lies sich von seinem Vater hinausschieben.

Als Kind war er bei so vielen Ärzten gewesen, das er sie irgendwann nicht mehr zählen konnte. Mit sechs Jahren begannen seine schon immer dagewesenen Bauchkrämpfe stärker und häufiger zu werden. Immer häufiger fehlte er in der Schule. Ein Jahr darauf war sein Zustand bereits so ernst, dass sein Leben nur noch zwischen Bett und Toilette statt fand. Stets wurde er von Papa oder Mama zwischen diesen beiden Orten hin und hergetragen. Alles hatten sie versucht um ihm am Leben zu halten aber er hatte nur eine Sorge. „Ich will spielen. Bitte lass mich spielen.“ Diese Worte mussten seinen Eltern so unwahrscheinlich weh getan haben. Sie wollten ihm ja ein normales Leben bieten. Ihm fehlte jedoch das Verständnis dafür.

Einmal gab es in dieser Zeit einen Tag der beschwerdefrei war. Zumindest so weit, dass er sich zu anderen spielenden Kindern schleichen können. Die verschwommene Erinnerung zeigte noch, das er es geschafft hatte sie anzubetteln. Der nächste Fetzen legte ihm jedoch das ausgelaugte Gesicht seiner Mutter nahe, die ihn vom Boden aufhob. Sein kleiner Ausflug hatte einen sehr langen Krankenhausaufenthalt mit sich gezogen. Warum auch immer war das die Zeit, wo er verstand. Plötzlich hatte er Angst vor seinem Zustand. Gefühlt weinte er aus Verzweiflung mehr als jemals zuvor wegen des Spielens. Seine Eltern meisterten aber auch diese Phase. Sie waren mit solch einer Ruhe an seiner Seite, dass ihn das selbst heute noch überraschte.

Als er Gehen konnte war er im ersten Moment ziemlich munter. Er war sogar auf seine Mutter zu gestolpert, als diese ins Zimmer hereinkam. Sie lachte zum aller ersten Mal völlig unbeschwert und nahm ihn in die Arme. Dieser Moment hatte ihn damals zuerst ziemlich verwirrt aber dann furchtbar glücklich gemacht. Er wollte es wieder sehen, also nahm er sich felsenfest vor nie mehr wegen Spielen zu quengeln. Na ja es hielt für wenige Sekunden. Sein Vater hatte ein viel benutztes Kartendeck bei seinem letzten Besuch verloren. Er war neugierig und fragte was das sei. Allein das Wort ''Spiel'' in ''Spielkarten'' lies seinen Schwur brechen. Zum Glück verhinderte das kleine Missgeschick nicht, das sie erneut lachte. „Wenn du Papa ganz lieb fragst“, war ihre Antwort, die besser hätte nicht klingen können. Völlig aufgeregt wartete er auf seinen Vater. Leider aber entschied sich sein Zustand für Schlaf kurz bevor er kam. Als er aufwachte waren die Karten weg.

Es frustrierte ihn so sehr, das er beschloss alles und jeden zu ignorieren. Allerdings scheiterte dieses Vorhaben daran, das sein Vater rein kam und ihm das Spielen mit den Karten selbst anbot. Glücklicher hätte man den kleinen Jungen damals nun wirklich nicht mehr machen können.

Nach dieser wunderschönen kurzen Phase ging es wieder sehr schnell Berg ab. So schlimm, das er die Anwesenheit seiner Eltern nur noch gedämmt wahrnehmen konnte. Das war auch ein Grund warum er die Reise zu diesem ausländischen Arzt gar nicht erst mitbekam. Nur ein paar wenige Fetzen vor Ort waren übrig geblieben. Zu einem die merkwürdige Sprache, die sein Vater erwidern konnte und dann noch die Gesichter nach der Untersuchung. Der Arzt wirkte, als würde er jemanden über eine Dummheit belehren. Während sein übermüdeter Vater überaus besorgt drein schaute. Nur um dann später völlig schockiert aufzuspringen und nein zu brüllen. Ja, sein Vater hatte erfahren, das es keine Hilfe mehr für ihn gab.

Das Leben nach dieser Diagnose war wie ein Scherbenhaufen. Er schlief viel und lag nur noch im Bett. Seine Eltern stritten sich, das hatte er dennoch mitbekommen. Warum das so war hatte er sich aus Wortfetzen zusammen gereimt. Seine Mutter wollte mit zu dieser Untersuchung. Sie hatte sich aber erholen sollen, wozu sie sein Vater gezwungen hatte. Das Ergebnis von ihm zu hören reichte ihr nicht. Das warf sie ihm vor. Sein Vater beharrte darauf, dass sie das nötig hatte, er es nur gut meinte und es eh nichts geändert hätte. Letztendlich schien er ihr bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Er kam nicht mehr ins Zimmer herein, wo seine Mutter über ihn wachte wie ein Hund. Auch wenn er alles nur noch so halb mitbekam, der Hass in ihr war echt.

Irgendwann gab es dann aber einen Abend oder eine Nacht wo sein Vater herein geschlichen kam. Er hatte etwas für seine Frau gekocht und stellte es auf den Nachttisch. Sie schlief noch mit der Papierkrone auf den Kopf. „Deine Mutter Königin?“ Obwohl sie schlief kam ein protestierendes Räuspern. „Selbst wenn sie schläft, hat sie was zu meckern.“ Obwohl das ziemlich beleidigt klang zeigte sein Grinsen Freude. Selbstverständlich korrigierte er seine Frage und nahm am Bett platz.

„Die Karten“, stammelte er und griff unter der Bettdecke hervor. Grinsend packte er die Karten aus und legte den Stapel unter die dürre Hand. Sofort schob er die mit dem Rücken nach oben liegenden Karten Stück für Stück herunter. Dann tippte er auf eine, die sein Vater ziehen sollte. „Mama“, sagte er und versuchte zu lächeln. Sein Vater hatte die Herz Dame gezogen, ohne das er es sehen konnte. Wie erhofft, machte es ihn glücklich. „Und was ist der Papa?“ Sofort machte er sich daran ihn den Herz König ziehen zu lassen. Das klappte auch. Nur als er den Herz Buben wollte lag er daneben. Wie er später herausfand, hatte sein Vater nämlich eigentlich den Pik Buben gezogen und nur so getan als wäre er richtig gelegen. Nach dieser Aktion war er eingeschlafen, das wusste er noch. Nur ob sein furchtbarstes Erlebnis ein oder zwei Tage später folgte entging seinem Erinnerungsvermögen.

Seine Mutter hatte mit ihm noch einmal einen Arzt aufgesucht. Die Tabletten bekam er nun mal nicht ohne eine Verschreibung. Er döste auf dem Rücken seiner Mutter. Wachte aber urplötzlich auf als er gegen die Wand schlug. Seine Mutter lag am Boden und regte sich nicht mehr. „Mama“, rief er verzweifelt und versuchte sie zu wecken. Es brachte nichts. Schließlich kam er auf die Idee das Festnetztelefon zu benutzen, das allerdings außerhalb seiner Reichweite lag. Er nahm die verpackten Spielkarten seines Vater und warf sie so fest er nur konnte. Es klappte. Es fiel herunter und brachte gleich die Visitenkarte von der Arbeit seines Vaters mit. „Bitte ganz schnell meinen Papa schicken. Mama wacht nicht auf“, weinte er ins Telefon hinein als jemand geantwortet hatte. Blöderweise legte er sofort auf, weil er das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte. Sein Vater war völlig überfordert mit der Situation. Sein kranker Sohn, nun auch noch seine Frau und irgendwie musste er auch noch Geld verdienen. So kam es, das Jamiro eines Tages anfing ihn darum zu bitten in ein Hospiz gehen zu dürfen. „Ich muss doch eh sterben, Papa. Mama braucht dich jetzt.“ Das aus dem Mund eines neunjährigen Kindes. Vermutlich hatte er noch nie Angst vorm Tod gehabt. Warum auch, wenn er so gesehen schon sein ganzes Leben lang sein Mitbewohner war?

Er dachte an die Herz acht und ihre sieben Brüder. Wie es ihr wohl ging? Gedankenverloren machte er einen Spaziergang in einem Park. Eigentlich sollte er seine Beine noch schonen aber ihm fiel die Decke auf den Kopf. Aus heiterem Himmel rannte ihn ein Junge um. „Entschuldigung“, stotterte er hektisch. Na den Wildfang kannte er doch schon. „Du solltest mal anfangen auf den Weg zu schauen Kleiner.“ Mühsam stand er auf. „Wo ist denn Blume … ich meine deine Mutter?“ „Hier“, keuchte sie schwer außer Atem hinter ihm. „Alles okay? Haben sie sich verletzt?“ „Nicht mehr also ohne hin schon kaputt war.“ „Entschuldigen sie vielmals. Sie wissen ja bereits, er ist etwas wild.“ Sie stieß ein Lachen aus, das noch mehr verdeutlichte wie sehr sie aus der Puste war. „Wurden sie wieder vom Kindermädchen versetzt?“ „Nein. Das unfähige Ding hab ich gekündigt. Ich war mit ihm joggen oder besser gesagt rennen.“ Inbegriffen dieses Satzes fiel ihm auf das Blume drei sehr sportlich wirkte. Sie war eine sehr attraktive junge Frau geworden.

„Suchen sie zufälligerweise einen Job?“ „Ich hab zwei Danke.“ „Schade. Mein Kleiner hat morgen Geburtstag und sich einen Kartenmagier gewünscht.“ „Einen Kartenmagier?“ Wie gerufen schmiss er mit einer Bewegung versehentlich seine Karten aus der Tasche. „Ja. Seit er diesen Trick von ihnen gesehen hat versucht er ihn nachzumachen.“ Der Junge hob die Karten auf und überreichte sie ihm mit einem Funkeln in den Augen. „Gut. Dann sagen sie mir wann und wo.“ Er bedankte sich bei ihm und steckte sich die Karten wieder ein. „Sie machens? Danke.“ Dafür bekam er einen Kuss auf die Wange und im Anschluss die Daten.

Die Geburtstagsfeier fand in einem kleinen Haus mit Garten statt. Sechs Kinder und Blume drei schauten seinen Zaubertricks gebannt zu. Zum Schluss durfte das Geburtstagskind eine Karte ziehen. Es war die Karo drei. In seiner Bewegung verwandelte sich die Karte blitzschnell in einen Minibasketball auf seiner Handfläche. Erfreut wurde ihm das Geschenk abgenommen. Die Bewegung Rückwärts lies die Karo zwei in seiner Hand erscheinen. Der Kleine verstand sofort, das noch zwei weitere Geschenke erscheinen sollten. Zwei Eintrittskarten in einen Freizeitpark und seine Lieblingssüßigkeit. Alles kam verdammt gut bei dem Kleinen an und wurde umgehend ausgetestet.

Jamiro setzte sich zu der Mutter an den Tisch, die völlig entspannt die wilde Meute im Auge behielt. „Sie haben recht. Hätten sie Kinder wären diese völlig verwöhnt.“ „Dabei sagt man ein Lächeln sei unbezahlbar.“ Er schnipste eine Cent Münze in die Luft und fing ein Euro Stück wieder auf. „Das war aber kein Kartentrick“, sagte sie fast wie ein Vorwurf. Er grinste und warf das Eurostück hoch um eine Kreuz Ass wieder aufzufangen.

„Sind sie ganz allein mit ihm?“ „Er hat noch seine Großeltern.“ Mit einer erstaunlich gute Reaktion fing sie den Ball ab, der genau auf Jamiro zugeflogen kam. „Schuldige“, wurde ihm noch zugerufen ehe das Spiel weiter ging. Wie immer schien es Jamiro nicht zu kümmern. Stattdessen zog er die Kreuz drei aus seinem Deck und legte sie mit seinem Stapel auf den Tisch. Das Gesicht der Karte zeigte nach oben. Dann nahm er ihre Hand und legte sie darauf. Als sie es herunternahm hielt sie eine blaue Skabiosen Blüte in der Hand. „Meine Lieblingsblume, erstaunlich das weiß keiner.“ Lächelnd lehnte er sich zurück und schaute den Kindern beim Spielen zu.

Ungeduldig trippelten Jamiros Finger auf der Lehne eines Stuhls herum. Er befand sich in einem kleinen dunklen Büroraum, das vor allem unaufgeräumt und dreckig war. Nach gefühlten Stunden kam endlich ein ölverschmierter Mann herein. „Lässt du deine Kundschaft immer so lang warten?“ Seine Frage stellte er ohne ihn anzuschauen. „Ungeduldig wie eh und je. Du änderst dich nie Jam oder?“ „Du musst es ja wissen nachdem wir uns wie lange nicht mehr gesehen haben?“ „Fünf Jahre, Freundchen. Du bist echt keine Bereicherung für mein Geschäft. Wieso kommst du überhaupt mit solch einer Lappalie zu mir in die Werkstatt?“ „Seh ich so aus, als könnte ich mich um meine Maschine kümmern? Ist sie in Ordnung?“ „Nichtmal ein Staubkörnchen. Ich weiß nicht, was du erwartet hast. Das musst du mir echt mal erklären.“ „Die Kurzform? Sie wurde mir gestohlen und wieder zurückgebracht. Dann kann ich sie also wieder mitnehmen?“ Er zog ein Grinsen.

„So etwas bescheuertes kann auch wieder nur dir passieren aber ein Geldpaket hat der nette Dieb nicht auch noch dazugestellt?“ „Wie kommst du darauf, das der Dieb sie mir zurückgebracht hat?“ „Ich kenn dich. Wenn du jemand anzeigst, dann nur weil er jemand anderes Schaden zufügt. Ehrlich man könnte eine geladene Waffe auf dich richten und es juckt dich einfach nicht.“ „Muss ich mir Sorgen über deine Gedankengänge machen?“ „Siehst du, das meine ich. Es lässt dich absolut kalt. Du hast sie echt nicht mehr alle. Wo ist denn nur …“ Er durchwühlte das ganze Papier. „Du suchst nicht meinen Schlüssel, hab ich recht?“ Jamiro blickte auf den einzigen geordneten Platz im ganzen Büro, dem Schlüsselbrett. „Denkst du ich lass dich mit dem fetten Bein fahren.“ Er schaute an sich herunter. Sein Bein schmerzte aber man sah keine Schwellung.

„Mein Vater war hier?“ „Hör mal du kannst deine Maschine hier stehen lassen bis du wieder fit bist. Hier ist sie sicher. Oh nein nicht jetzt schon.“ Seine Aufmerksamkeit entzog sich während des Gesprächs nervös. Wenige Sekunden später wurde die Tür aufgerissen. „Ich glaube mich tritt ein Pferd. Haben sie noch alle Latten am Zaun?!“ Sein Freund hatte Erklärungsnot der wütenden Frau gegenüber. „Sie sollten meine Maschine reparieren und nicht zertrümmern sie …“ Mindestens drei Beleidigungen haften diesem Satz an. „Entschuldigen sie.“ Ihr Blick fuhr ihn wütend an. Uncharmant verbat sie ihm zu reden und verdeutlichte, das sie auch zu Handgreiflichkeiten bereit war. „Er bringt ihre Maschine sofort in Ordnung.“ Er winkte ihn nach draußen und hielt die Frau am Handgelenk fest. „Was fällt ihnen ein?!“ „Ein Pik! Hat das eine Bedeutung?“ Das Symbol befand sich als kleines Tattoo an ihrem Handgelenk, das er hielt. „Ich wüsste nicht was sie das angeht!“ Sie riss sich los und verpasste ihm eine Ohrfeige. „Fassen sie mich noch einmal an und sie liegen im Krankenhaus!“ „Meine Güte sie haben aber einen Schlag.“ „Ja und den spüren sie gleich wieder, wenn sie das noch einmal tun.“

Sie nahm einen größeren Abstand ein. Jetzt sah er auch ihr eigentliches Problem. In ihrem Gesicht war eine großflächige Brandnarbe, die sie versuchte zu verdecken. Inbegriffen dessen zog er seine Jacke aus und schob seine Ärmel hoch. Eine fünfzehn Zentimeter lange Narbe zog sich über seinen rechten Unterarm. „Geschnitten?“ „So in etwa. Verbrand?“ Sie setzte sich zu ihm. „Sie haben was verloren.“ Sie beugte sich zu Boden und legte seine Karten vor ihm auf den Tisch.

„Spieler?“ „Magier!“ Sie lehnte sich zurück. „Wie langweilig. Können sie auch was oder haben sie nur eine große Klappe?“ Jamiro zog grinsend sechs Karten, deren Gesicht er nicht sehen konnte. „Denken sie an eine Zahl zwischen zwei und zehn.“ Er grinste und hob ihr den Fächer verdeckt hin. „Bei zwölf müssten sie zwei Karten ziehen.“ „Was?“ Ihr entsetztes Gesicht gab ihm recht, dass sie an eine zu hohe Zahl gedacht hatte. „Okay und jetzt?“ „Ziehen sie die Pik zehn.“ „Was zum …“ Sie zog eine der Karten und starrte sie wortlos an. Er umgriff ihre Karte und drehte sie in ihrer Hand um. ''Greta Zehntel'' stand nun auf der Rückseite. „Mein Name. Ich … Sie sind so kurz davor wieder eine zu fangen.“ Sie schmiss die Karte auf den Tisch. Jamiro warf die restlich Karten dazu und schwieg. „Echt jetzt. Wie geht dieser Scheiß.“ Hektisch schob sie die Karten zusammen und mischte sie. „Können sie immer noch die Karten ziehen an die ich denke?“ „Nein.“ „Wusste ich doch. Sie können nichts.“ „Die Pik Ass ist nicht auf ihrer Hand.“ „Zum Teufel.“ Sie warf die Karten auf den Tisch und es stimmte. Pik Ass war nicht dabei. Jamiro nahm die sechs Karten wieder auf und hielt sie ihr wieder verdeckt hin. „Aber sie können sie ziehen.“ Ihr gehässiger Lacher verkündete ihre Freude an seinem Versagen. Doch der verstummte als sie tatsächlich das Pik Ass in den Händen hielt. „Das ist doch Mist.“ Sie warf die Karte wieder vor und wandte sich von ihm ab.

„So Frau Zehntel alles behoben. Überzeugen sie sich selbst.“ „Wurde auch Zeit! Mein Schlüssel!“ Sie riss ihm den Schlüssel aus der Hand und eilte mit großen Schritten hinaus. Kaum durch die Tür war auch schon das Davonfahren eines Motorrads zuhören. „Himmel, sag bloß du hast versucht mit der Schlange Kartentricks zu machen. Der Letzte der dieses Symbol auf dem Motorrad hatte musste ins Krankenhaus.“ Sein Freund tippte auf das Symbol der Pik zehn Karte. „Auch Giftschlangen haben ihre Feinde.“ „Oh man. Wer dich gemacht hat, hat Vernunft und Selbstwert vergessen. Komm ich fahr dich nach Hause. Das war die Letzte für heute.“

„Ist das eine Suppe“, bemerkte Jamiro als er schwerfällig im Haus seiner Eltern das Fenster erreicht hatte. Durch den Nebel konnte man kaum einen Meter weit sehen. „Ist es so schwer sitzen zu bleiben?“ Ein Fluchen kam hinterher, da sein ungeschickter Vater mit dem Schraubendreher abrutschte und sich zum fünften Mal verletzte. Kurz darauf war auch ein Rumpeln aus einem anderen Zimmer zuhören. Es folgte ein weiterer Knall und das Fluchen seiner Mutter. Sein handwerkliches Können stammt definitiv nicht von den Beiden. Sie hatten in diesen Punkt zwei linke Hände.

„Lass mich mal. Sonst dauert das noch Jahre mit euch.“ „Von wegen!“ Sein Vater stand auf und drängte ihn zum Sofa. Dort nahm er ihm die Krücken ab und legte sein wieder geschwollenes Bein hoch. „Wolltest du eigentlich etwas bestimmtes?“ „Ich wollte mich nur beschweren. Ich bin erwachsen. Ihr müsst nicht mehr auf mich aufpassen.“ Lediglich die Augenbrauen zog er hoch während er sich das Pflaster anklebte.

„Schatz. Wir brauchen keinen Kleiderschrank. Wir machens wie bisher. Ging ja auch.“ „Ich hab die leichte Befürchtung, das du den Schrank gerade halbiert hast.“ Im Hintergrund fiel das Regal auseinander, an dem sein Vater gebastelt hatte. „Das liegt an der Beschreibung“, knurrte er und versuchte seine erzürnte Mimik zu vertuschen. „An der Beschreibung also“, spottete Jamiro und unterdrückte wenig erfolgreich sein Lachen. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater verhinderten seinen Versuch vom Aufstehen. „Mach lieber ein paar Tricks.“ Sein Vater warf ihm ein Kartendeck auf den Schoss und stand selbst auf. „Wie? Und keiner schaut zu?“ „Deine Mutter hat Zeit.“ Das Desinteresse lag nicht an ihm. Viel mehr an dem Schrank, der nicht so wollte wie er sollte. „Also gut. Was mach ich mit dir?“ Er mischte die Karten und behielt seine Mutter im Auge. Obwohl seine Eltern viele der Kartentricks schon unzählige male gesehen hatten empfanden sie immer noch Begeisterung dafür.

Er zog zwei Karten wovon er nur die Pik sieben sah. Beide Karten legte er Rücken an Rücken zusammen. Danach legte er sie flach in seiner Hand ab. Sein altbekanntes freches Grinsen verriet ihn mal wieder. Er packte die Pik sieben und faltete sie so zur Seite als wollte er ein Heft öffnen. Zwischen den beiden Karten entfaltete sich der Bauplan des Regals. „Schatz. Das ist das Regalbrett“, rief sie ihm zu, als er gerade den Boden mit einem vermeintlichen Seitenteil zusammenbauen wollte. „Ach dieses verdammte Ding will mich doch verschauckeln. Wo ist denn jetzt die Schraube hin.“ Jamiro lachte und legte die Karten wieder zusammen. Dabei sah er erst, das seine andere Karte die Kreuz zwei war.

Erschrocken schaute er zum Fenster auf. „Was hast du?“ fragte seine Mutter, nachdem sie seinem Blick gefolgt war aber nichts außergewöhnliches entdeckte. „Ich dachte … Egal.“ Von der merkwürdigen Situation angelockt setzte sich sein Vater wieder zu ihnen. „Nimmst du das Zeug noch?“ „Ich hab es schon vor einer Weile abgesetzt. Alles in Ordnung.“ „Das waren ganz schöne Hemmer.“ „Beruhigt euch. Mir geht’s gut. Ich dachte nur ich hätte wieder dieses Kind gesehen, das mir seit Tagen hinterher schleicht.“ „Ein Kind?“, fragten beide entsetzt nach. Jamiro lachte. „Ja. Ist wohl schüchtern, der Kleine.“ Als hätte diese Aussage nach Gefahr geklungen eilte sein Vater nach daraus. Man konnte ihn sogar am Fenster vorbei huschen sehen.

„Ihr seit doch verrückt! Es ist ein Kind. Was wird es schon von einem Magier wollen? Sicher bloß einen Trick. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe frag ich ihn einfach.“ Er wollte sein Bein herunternehmen was seine Mutter aber zu verhindern wusste. „Dein Bein ist ja wieder furchtbar.“ „Es dauert halt.“ „Ja weil du dich nicht schonst, du Esel. Gehst du wenigstens zur Nachuntersuchung?“ „Mam!“ „Also nein. Manchmal könnte ich euch den Kopf abreisen.“ „Hey ich bin zweiunddreißig okay.“ „Was nichts daran ändert, das du absolut nicht auf deine Gesundheit achtest. Muss ich dich daran erinnern, wie schwer krank du einmal nein sogar zweimal warst?“ „Mam! Ich bin nicht krank. Das war ein Bruch und ich hab mir einen Nerv geklemmt.“ „Und dein Rücken? Ist der wenigstens wieder in Ordnung?“ „Schon lange. Das Bein will halt nicht.“ „Du bleibst heute Nacht hier und wenn ich dich fesseln muss.“ „Ich wollte eh fragen, ob ich eine Nacht bleiben kann. Meine Nachbar haben mich vor einer lauten Party gewarnt.“ „Um so besser!“

Der Vater kam wieder rein. „Niemand“, sagte er und entledigte sich seiner Schuhe und Jacke. „Ehrlich, es ist etwas übertrieben, das ihr mich vor einem vermutlich sechsjährigen beschützen wollt.“ „Wie hat er denn ausgesehen?“ „Ernsthaft? Oh man ihr habt sie nicht mehr alle.“ Jamiro legte sich nieder in der Hoffnung damit in Ruhe gelassen zu werden. Das jedoch dauerte noch etwas länger. In der Nacht nutzte Jamiro die schlaflose Zeit um das Regal aufzubauen. Als er damit fertig war schaffte er es kaum auf die Beine. Von wegen, der Rücken war wieder in Ordnung.

Nachdenklich stellte er sich ans Fenster. Der Nebel war noch viel dichter geworden. Ob der Junge sich immer noch hier aufhielt oder war das tatsächlich nur ein Hirngespinst? Irgendwie hatte er ihn auch bislang nur in der Verbindung zu seiner Karo zwei Karte gesehen. Er nahm sein Deck hervor und durchsuchte es nach dieser. Doch er fand sie nicht. Als er wieder aufschaute fiel er vor Schreck um. Der blonde Lockenkopf stand direkt am Fenster und starrte ihn mit seinen blauen Augen an.

„Jamiro“, folgte die entsetzte Stimme seines Vaters. Er half ihm wieder auf die Beine. Ziemlich verwirrt stammelte er eine Frage nach seinen Karten. Sein Vater hob den Stapel auf. Ganz obenauf lag die Kreuz zwei. „Ist gut Junge. Du legst dich jetzt hin und versuchst zu schlafen ja.“ Die Sorge war ihm anzusehen als er ihn zum Sofa brachte. Er blieb die ganze Nacht bei ihm sitzen. Auch informierte er sich über die Tabletten, die sie bei ihm gesehen hatten. Halluzinationen waren eine der zahlreichen Nebenwirkung. Plus, dass sie sehr stark abhängig machen sollten. Als der Magier am nächsten Morgen aus dem Haus taumelte wusste er nicht, das seine Eltern seine Sachen nach diesem Medikament durchsucht hatten. Immerhin hatte er die Teufelstabletten nicht mehr bei sich. Das war wenigstens eine Sache, die nicht gelogen war.

Zuhause angekommen setzte er sich auf sein Sofa. „So Kreuz zwei. Wenn ich mich dich nur einbilde, dann tauch jetzt am Tisch auf.“ Es passierte nichts als er die Kreuz zwei hervorholte. Er schmunzelte schließlich darüber, dass er langsam glaubte zu spinnen. Da es eine Einbildung gewesen sein musste und das nun auch geklärt war kümmerte er sich seelenruhig um den liegengelassenen Abwasch. Später kam er jedoch wieder ins grübeln. War vielleicht die Karte der Schlüssel? Er erinnerte sich aber nicht daran, sie an jemanden vergeben zu haben. Vielleicht war es aber auch so wie bei Blume drei. Er hatte ja auch ihre Begegnung vergessen. Obwohl er sich hierbei aber ganz genau erinnern konnte, die Karte vergeben zu haben.

„Finjas! Finjas wach auf!“ Jamiro schüttelte den Kopf. Das war die panische Stimme von seiner Mutter, die da in seinem Kopf dröhnte. Wer aber war Finjas? Er kannte niemand mit diesen Namen. Er grübelte über den Namen so lange bis ihm der Kopf höllisch schmerzte. Schemenhaft erkannte er den Jungen auf der Küchenablage wieder. „Du schon wieder! Wie kommst du hier rein und wie heißt du?“ Der Junge tat nichts weiter als ihn anzustarren. „Mit wem redest du?“ Seine Mutter strich über seinen Arm und erhielt seine Aufmerksamkeit. Sah sie das Kind nicht? Jamiro blickte zurück und er war wieder verschwunden.

Er stieß ein Fluchen aus, das seinen Kopf noch mehr zu setzte. Fluchtartig drängte er sich an seiner Mutter vorbei und setzte sich auf Sofa. „Ich weiß du bist erwachsen Jamiro aber du kannst mit uns reden. Nimmst du das Zeug wirklich nicht mehr? Jetzt las dir doch helfen, du sturer Bock.“ „Ich bin okay!“ Auf Ex trank er sein Wasser aus, das noch auf dem Tisch stand und richtete sich wieder auf. Zumindest wollte er das aber es ging nicht. Sein gesundes Bein lies sich nicht mehr bewegen und sein verletztes schmerzte zu stark. „Lass das. Ich hab nichts.“ Er konnte es nicht verhindern, das seine Mutter den Krankenwagen rief. Auch weglaufen konnte er so nicht, so gern er es auch in diesem Moment getan hätte.

Einige Stunden später setzten sich seine Eltern an sein Krankenbett. Er war wieder entspannt. „Okay ich hab die Tabletten noch genommen. Also zumindest bis ich zum ersten Mal Kreuz zwei oder Finjas gesehen habe.“ „Finjas?“ Die Stimme seiner Mutter zitterte und irgendwie regierte auch sein Vater seltsam. „Genau deshalb wollte ich euch nicht sagen. Ich hasse es, wenn ihr euch Sorgen macht. Außerdem hasse ich Ärzte und Krankenhäuser. Davon hab ich wirklich schon genug gesehen.“ „Ich glaub wir sollten dir was erklären. Finjas ist dein kleiner Bruder. Er ist gestorben, da warst du noch sehr klein. Wir hatten dir da gerade das laufen beigebracht.“ Plötzlich hatte er ein Bild zu der besorgten Aussage. Er klammerte sich ziemlich wacklig auf den Bein an der Hose seines Vaters fest. Richtig laufen schien er noch nicht zu können. Jedenfalls war das Hosenbein auch alles was er zu den verzweifelten Schreien sehen konnte.

„Moment. Das Kind, dass ich gesehen habe war mindestens sechs. Das kann nicht ganz zutreffen.“ „Es war deine Interpretation. Deine Mutter und Finjas waren erst aus dem Krankenhaus gekommen. Als wir dich zu ihm bringen wollten war er Tod. Du hast vermutlich nicht viel von ihm gesehen.“ Jamiro schaute weg als er seine nächste Frage sich kaum zustellen traute. „Hatte er auch …“ „Nein. Plötzlicher Kindstod. Da war nichts mehr zu machen.“ „Hier.“ Zitternd überreichte seine Mutter ein Babybild. Es war ein blondes recht blasses Kind mit Locken. Er hatte auf dem Bild nur ein Auge geöffnet. So das man immerhin trotzdem das braun erkannte. „Er passt ja sogar nicht zu euch. Ich meine du bist Brünett Mama und Papa schwarzhaarig, wenn inzwischen auch schon etwas grau. Und er ist auch viel blasser als wir und eure blauen Augen hat er auch nicht.“ „Er hatte ein blaues und ein braunes Auge und außerdem sind fast alle in der Linie deiner Mutter blond. Von der Seite hast du auch deine Augenfarbe.“ Er schmunzelte. „Heißt das Mama hat sich mal wieder durchgesetzt.“ „Na ja der klügerer gibt halt nach.“ „So kann mans auch nennen.“ Sie stand auf. „Wir holen dich, wenn du entlassen werden kannst. Und wehe du schonst dich jetzt nicht.“ „Ja Mama. Ich hab sicherlich keine Lust auf deinen Zorn.“ Er lachte und legte sich die Arme hinter den Kopf. Sein Vater legte vor dem Gehen sein Kartendeck auf den Tisch. Vermutlich als ''Beschäftigung''.

Liegen, liegen und nochmal liegen. Wie viel Zeit war vergangen? Noch nicht mal eine Minute. Also gut dann noch einmal die Karten zählen. Ja sie waren vollständig und was jetzt? Damit ging der Tag auch nicht vorbei. Die Werte zusammengezählt und mit der Menge an Karten dupliziert. Was auch immer das bringen sollte? Gegen die Langeweile half es kein Stück. Vor allem machte es ihn noch unruhiger. Vielleicht schaute er mal welche Karten noch niemanden zu gewiesen waren. Das klang wenigstens halbwegs sinnvoll. Natürlich Pik Ass und seine Eltern. Was war mit der Karo neun? Nein die gehörte zu niemand. Also auf den anderen Stapel damit. Als er den Herz Buben in der Hand hielt stoppte er die Aktion. Was war eigentlich mit ihr? War er das? In Anbetracht der Karten seiner Eltern wäre das durchaus denkbar. Wieso jedoch sollte er diese Ehre haben? Nein, diese Karte war besitzlos. Genervt legte er sie ab und schob seine Karten zusammen. Musste er es aussprechen um glaubhaft zu verkünden, das ihm die Decke auf den Kopf fiel und er wirklich kurz davor war einen Nervenzusammenbruch zu bekommen.

Die Tür ging auf und eine Schwester kam herein. „Ich will gehen, sofort!“ Dieser Satz kam wie ferngesteuert und überraschte ihn selbst. Er saß auch schon an der Bettkante. „Das wäre aber unverantwortlich so kurz nach der Op.“ „Quatschen sie nicht! Holen sie den Arzt!“ Das geschah, auch wenn etwas zu langsam für seinen Geschmack. Er unterschrieb, obwohl er eigentlich nicht wollte. Dann hatte er aber auch schon das Krankenhaus verlassen.

Seinem steuernden Ich schien das noch lange nicht zureichen. Purer Zorn führte ihn einfach ziellos weg. Solang bis er wegen den Schmerzen Halt suchen musste. „Was tust du, verdammt nochmal? So schwer kann das doch nicht sein“, schimpfte er mit sich selbst. Mit der vor Anstrengung zitternden Hand griff er in seine Tasche. Er hatte die Schachtel vergessen aber die Karten waren natürlich wie immer da. Er zog eine, in der Hoffnung sich wieder zu fangen. Der Karo König.

Jemand setzte sich neben ihn. „Sie sehen aus als hätten sie eine Magierkrise.“ „Wohl eher eine Lebenskrise.“ Er blickte zu dem alten Mann auf, den er kannte. „Ruf ich sie eigentlich irgendwie?“ „Wenn sie das Wetter und die Schule meiner Enkelkinder beeinflussen können.“ Er lachte. „Ich gehe immer mit meinen Enkeln hier her wenn die Zeit und das Wetter passt.“ Ein kleines Mädchen kam auf ihn zugesprungen. „Vorsicht Mia, der Mann ist verletzt.“ Sein Nebenmann zog das Mädchen zu sich und nahm es auf den Schoss. „Kannst du das nicht weg zaubern? Ist doch öde mit den Dingern rumzulaufen.“ Er wusste nicht wie er reagieren sollte also schmunzelte er. Es war ja auch nicht so als hätte das Kind eine Antwort erwartet. Sie stellte bereits die nächsten Fragen. Schließlich gab sie sich mit den Antworten dazu zufrieden und rannte wieder zu den anderen Kindern.

„Dann war das also, was ich gelesen habe echt. Ganz schön heftig aber gut das ihnen nicht mehr passiert ist.“ „Was haben sie denn gelesen?“ „Das sie einen Unfall hatten mit ihrem Motorrad. Den kompletten Artikel weiß ich nicht mehr aber wenn sie wirklich mit einem LKW kollidiert sind bin ich froh sie überhaupt noch antreffen zu können.“ „Von einem LKW wurde mir aber nichts gesagt.“ Der Mann lehnte sich zurück. „Ihre Lebenskrise … hängt die mit dem Unfall zusammen?“ Jamiro blickte auf sein verletztes Bein. „Irgendwie schon oder auch. Eigentlich steh ich mir momentan nur selbst im Weg. Schon gut. Irgendwie werde ich das schon hinbekommen.“ Jamiro stellte sich mühsam auf.

„Sie schätzen ihre Eltern sehr. Das ist schön aber auch ein Fluch, nicht?“ „Ich versteh nicht ganz.“ „Bei meinen Kindern fühle ich mich wie der Opa bei dem man so eben die Kinder abschieben kann. Ich mach das gern keine Frage aber ich würde auch mal gern gefragt werden. Manchmal wäre es nur ein Satz.“ Er setzte sich wieder zu ihm. „Ehrlich gesagt machen sie eher den Eindruck als hätten sie zu wenig Kontakt. Lassen sie mich raten. Die Kinder werden bei ihnen abgestellt wie Pakete.“ Er lachte. „Ihre Menschenkenntnis ist wirklich grandios.“ „Um so schlechter ist die Selbstkenntnis.“ Er lehnte sich zurück und starrte schweigend in den wolkenfreien Himmel. „Sie wissen nicht zufälligerweise, wie man seine eigene Sturheit bekämpft.“ „Freunde“, antwortete er knapp. Er drehte den Kopf zu dem Mann. „Das wird schwierig, glaube ich.“ „Sie haben keine?“ „Ich hab mich nicht wirklich darum gekümmert. Den, den ich Freund nenne, habe ich erst kürzlich wieder besucht. Ironie, selbst der kennt mich besser.“ Eine Weile herrschte Schweigen. Dann rief er die Kinder zu sich. „Ich weiß was ihnen helfen könnte. Kommen sie.“

Ohne sein Wissen brachen sie zu seiner Wohnung auf. Diese erreicht rannten die Kinder zu einem Zimmer durch. Jamiro schaffte kaum das verletzten Bein über die Türschwelle zu heben. „Sie sind mein Gast bis ihr Bein wieder vernünftig geheilt ist.“ „Und sie glauben mir hilft ein Tapetenwechsel?“ „Ich habe eine Menge Zeit. Außerdem wirft mir mein Sohn heute noch vor, das ich viel zu streng war.“ „Wie viele Kinder haben sie eigentlich?“ Mit dieser Frage lies er sich auf das Sofa fallen, das zum Glück nicht mehr weit war. „Zwei. Eine Tochter und ein Sohn.“ „Haben sie von beiden die Kindern da?“ „Nein. Nur von meinem Sohn und seiner Frau.“ Es klingelte an der Tür. Eine finnisch sprechende Frau trat ein. Ihr wurde etwas gleichsprachig erwidert. Daraufhin verschwand der ältere Mann im Zimmer der Kinder. „Eure Mutter ist da.“ Die Frau wandte sich währenddessen zu Jamiro und grüßte in ihrer Sprache. Er grüßte mit einer Geste zurück, da er kein finnisch konnte. Sie nahm die zu ihr rennenden Kinder in Empfang und warf noch irgendetwas in den Raum, das vielleicht ein Tschüss oder so sein sollte. Danach ging sie.

„Sie können also finnisch?“ „Es reicht für ein Hallo, Tschüss und Warte. Mehr kann ich mit dieser Frau nicht sprechen.“ „Oh. Sie sind wohl nicht begeistert von ihr.“ „Was soll ich auch schon von ihr halten, wenn ich sie nicht verstehe. Solange mein Sohn sein Glück in ihr gefunden hat.“ Er nahm bei ihm Platz. „Machens sie sich ruhig bequem. Ich hab nichts dagegen wenn sie den Tisch benutzen um ihr Bein hoch zu legen.“ Er legte selbst seine Beine hoch. „Und sie sollen streng sein? Ihr Sohn wäre wohl am liebsten gar nicht erzogen worden.“ Er streifte sich seine Schuhe ab und legte das verletzte Bein hoch.

„Früher mussten die Kinder ihre Schuhe an der Tür lassen und Hausschuhe anziehen. Keine Füße auf den Tisch. Der Tisch wurde zusammen gedeckt und es wurde auch nur dort gegessen. Süßkram war verboten und jeden Abend wurde etwas gelesen. Es gab einige Regeln und auch Strafen, wenn sie gebrochen wurden.“ Jamiro zog ein Schmunzeln, wirkte dabei aber eher niedergeschlagen. „Bei ihnen war wohl auch nicht alles so einfach.“ „Na ja, die Krankheit eben. Sie stand irgendwie immer im Weg. Bei allem, selbst heute noch.“ „Sind sie denn immer noch Krank?“ „Nein. Das hätte ich nicht überlebt. Es ist nur so, das ich meinen Eltern keine Sicherheit geben kann. Wie sie bereits wissen, ist sie schon einmal zurückgekehrt. Sie kann es jederzeit wieder tun. Es ist nicht leicht für sie das auszublenden, verstehen sie?“ „Für sie doch auch nicht.“ „Ich hab kein Problem damit. Ich lebe und wenn ich Tod bin, bin ich Tod. Ich hab keine Angst vorm Tod, anscheinend vor gar nicht. Das wird mir zumindest immer vorgeworfen.“ Jamiro legte sein zweites Bein auf den Tisch. Dann lachte er auf einmal. „Wissen sie was? Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, das ich mich nicht selbst kenne. Ich bin gern so wie ich bin und wenn das eben ein Teil von mir ist, ist das so.“

Er zog seine Karten aus der Tasche und mischte sie. „Welche Karte würden sie mir geben?“ Während seiner Frage zog er für sie Beide sichtbar die Kreuz fünf. „Weil sie ein Mensch sind der ein Herz für Andere hat muss es eine Herz Karte sein.“ „Okay.“ Er lies die Karte durch seine Finger wandern. Auf einmal war es die Herz zwei. Er griff die Karte um und bildete einen Fächer von Herz zwei bis Herz Ass. Eine schnelle Bewegung führte den Fächer wieder zusammen zu einer einzelnen Karte. Hiervon sahen beide nur den Rücken. Ohne zu fragen blickte er mit frechen Grinsen zu ihm herüber. „Der Herz Bube natürlich. Ich bin enttäuscht, wenn sie das nicht schon längst erraten haben.“ Wie zu erwarten ergab die gedrehte Karte den Herz Buben.

Er blieb zu Gast, bis er es tatsächlich geschafft hatte sein Bein heilen zu lassen. Als er gehen wollte traf er am Eingang den Sohn, der gerade geklingelt hatte und bereits am gehen war. „Wer sind sie denn?“ fragte er überrascht und stoppte gerade noch so seinen Treppensturz. „Man Papa das ist Erkwin, der Magier. Ein Freund von Opa.“ „Erwin?“ Er blickte auf seine Armbanduhr und kam die Treppen wieder hoch geeilt. „Was auch immer sie von meinem Opa … Vater wollen, lassen sie sich hier nicht mehr blicken. Verstanden? Haben sie was gestohlen?“ Jamiro schmunzelte zog es aber vor nicht zu antworten. Nur mit einer Geste erlaubte er ihm das Absuchen. Er kam noch weiter hoch. Schließlich war auch der ältere Mann an der Tür. „Was ist denn hier los?“ „Kennst du den Vogel? Wie war der Name nochmal? Ergier?“ Sein Vater verfiel in lautes Gelächter. „Erkwin, Jamiro Erkwin. Er war mein Gast.“ „Ein bisschen jung findest du nicht?“ Wieder blickte er gestresst auf seine Armbanduhr. „Ich hab deutlich jüngere Gäste. Geht schon mal rein, Kinder.“ Er drängte die Drei ins Innere. „Das sind auch deine Enkel. Ist dir was gestohlen worden? Guck halt nach!“ „Mach dich nicht lächerlich. Ich hab dir doch mal von einem Magier erzählt.“ „Ja und?“ „Ja das ist er. Er war mich besuchen.“ „Der hieß doch irgendwas mit Erd.“ Nun lachte der Magier selbst. „Ihr Namensgedächtnis ist wohl nicht so. Erkwin. Wie Erwin nur mit K dazwischen.“ Jamiro klopfte ihm auf die Schulter und ging an ihm vorbei. „Ihr Vater hat viel zu erzählen und sie sicherlich auch.“ Jamiro verließ die Wohnung.

„Erwin mit K? Wie auch immer. Es war diese komische Story hab ich recht? Erzähl's mir einfach heute Abend. Ich muss los. Ich hol sie später wieder ab. Danke das du auf sie aufpasst.“ Und schon war er unten. „Heute Abend ja.“, rief er noch einmal hoch und riss die Tür auf. „Wird spät glaub ich“, war seine letzte Bemerkung bevor er hinaus verschwand.

Ganz traute er der Sache wohl nicht, da er Jamiro heimlich nach schlich. Er war nur nicht gut darin. Man hatte ihn schon längst bemerkt. Der Verfolgte hatte aber wie immer die Ruhe weg. Nach einer Weile war auf der anderen Straßenseite eine Person zusehen. Der Weg führte dort hinüber. Wie erhofft, sprach ihn diese Person direkt auf seine Magiershow an. Womit sich der Verfolger endlich zufrieden gab.

Endlich wieder konnte er auf seiner Maschine sitzen und dann war auch noch das Wetter ideal. „Siehst du alles tip top Jam. Am liebsten würde ich mitfahren aber ich hab ja keins mehr.“ „Das ließe sich ändern. Organisier dir ein Helm. Ich übernehme das Motorrad.“ „Aber …“ Das war zwecklos bei dem Lärm der Maschine. Außerdem fuhr er auch schon direkt los.

Als er mit Helm und Montur wieder im Hof stand fuhr Jamiro und eine weitere Person vor. Die Unbekannte hielt und stieg zuerst ab. Nachdem auch der Magier stand sagte sie: „Wenn meine Maschine einen Krätzer hat, dann Gnade ihnen Gott.“ Pik zehn nahm den Helm ab. „I … Ihr Motorrad. Jam also … Nein. Das kann ich nicht annehmen.“ „Anscheinend haben sie Ahnung.“ Er nahm den Helm herunter und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Sie ist eine ganze Woche weg. Wir setzen sie am Flughafen ab. Dann fahren wir wohin auch immer.“ „S … sie fährt auch noch mit?“ „Bei mir natürlich. Sie schaut auch nicht nach hinten, hat sie versprochen.“ Pik zehn zog sich schmunzelnd den Helm wieder auf und scheuchte Jamiro wieder auf sein Motorrad. Da seine Maschine schon wieder lief half kein Einwand mehr. Also stieg er auf und fuhr ihnen hinterher.

„Also erholen sie sich gut, Frau Zehntel“, sagte er als sie den Eingang erreicht hatten. „Und du passt mir auf dich und meine Maschine auf. Ein Krätzer und auch du bist fällig. Verstanden?“ „Ehrenwort.“ Sie tastete seinen linken Oberarm ab. „Du hast gut zugelegt.“ Er schmunzelte und stütze sich auf ihre Augenhöhe herunter. „Es steht ihnen beides. Das schwarze und die blonde Zarte. Nur eins stört mich. Sie haben ihre Fröhlichkeit verloren.“ „Die Zeit heilt nun mal nicht alle Wunden.“ „Wenns die Zeit nicht tut …“ Jamiro legte ein leeres Stück Papier auf ihre Handfläche und drückte seine Hand darüber. „Dann eben die Magie.“ Das dünne Papier war verschwunden aber eine Pik zehn lag nun auf ihrer Hand. Sie lächelte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann verabschiedete sie sich und eilte davon. „Ola. Sag bloß bei euch hats gefunkt.“ Jamiro lächelte „Und wenn? Bist du dann neidisch?“ „Der Magier steht also auf bissige Frauen. Irgendwie wundert mich das auch nicht. Du und ein zartes schüchternes Ding. Obwohl …“ „Fahren wir weiter?“ Er zog sich den Helm auf und startete wieder seine Maschine.

Viele Kilometer legten sie zurück. Bis sie schließlich einen Platz zur Rast gefunden hatten. Am höchsten Punkt eines Berges ließen sie den Wald im Rücken und setzten sich in eine saftig grüne Wiese. Die Sonne verteilte nur noch halb so stark ihre Wärme, dennoch war es herrlich.

„Sag mal, ich hatte irgendwie den Eindruck, dass du den Trick mit der Zehntel abgebrochen hast.“ „Ich hatte mir kurz überlegt etwas größeres draus zu machen.“ „Ich versteh dich irgendwie nicht. Sie ist so biestig. Ja okay du hast nicht gesehen wie diese Frau zu schlagen kann.“ „Ich kanns mir vorstellen.“ In Erinnerung an seine Ohrfeige rieb er sich die Wange. „Hey. Wieso zeigst du mir nicht wie es weiterging?“ „Dir?“ „Ja warum nicht?“ Sein woanders hinfallender Blick verriet ihn, auch ohne dass er die andere Person sah. „Okay aber etwas anders. Moment.“ Er ging zu seinem Motorrad und kam mit einem Papier wieder.

„Ein ganz normales Papier.“ Jamiro drückte es ihm in die Hand. „Jupp. Ganz normales Papier“, bestätigte er auffallend laut. Trotzdem reagierte die Person in der Ferne nicht. „Das wird so was von nicht funktionieren“, lachte er bewusst darüber, das sein Freund eh abgelenkt war. Also änderte er seine Position so, dass die Angebetete es sehen würde. Jedenfalls wenn sie sich denn umdrehte. Dafür gab es auch einen kleinen etwas gemeineren Trick, der auch tatsächlich klappte. Als sie her schaute packte seine freie Hand das untere Ende des Blattes. Es ging in Flammen auf und verschwand in der Sekunde wo ein Origami Vogel erschien. Er lies den kleinen Papiervogel über seiner Hand schweben und setzte ihn schließlich im Gras ab. So lange hatte die Frau zugesehen aber sie kam nicht her. Stattdessen ging sie in eine andere Richtung fort.

„War das Absicht?“ Sein Freund schlug rüber da keine Antwort kam. „Hey! Du hast Miss Bissig, okay?“ „Hast du das nicht gesehen?“ „Was denn? Etwa das deine Tricks mal nicht funktioniert haben?“ „Ich sollte mich entschuldigen.“ Jamiro stand schon. „Moment was?“ „Mein Trick hat sie verletzt. Hast du das echt nicht gesehen? Egal. Ich muss sie noch erwischen.“ Er hatte sie schnell eingeholt. Sie versuchte ihm allerdings auszuweichen. „Entschuldigen sie vielmals. Es war nicht meine Absicht sie damit zu verletzen.“ Auf der Suche nach Augenkontakt blieb er erfolglos. „Sagen sie, wie ich es wieder gut machen kann.“ Ihre Antwort war eine abwehrende Geste und deutlichere Tränen. Sie setzte sich hinters Steuer eines kleinen Autos und verharrte. Hartnäckig blieb aber auch er an Ort und Stelle.

''Verschwinden sie'', stand auf einem Zettel, den sie nach einer Weile an die Scheibe hielt. „Ich verletze niemanden ohne es wieder gut zu machen.“ Um ein mögliches Davonfahren zu verhindern setzte er sich auf die kalte Motorhaube. „Wünschen sie sich etwas.“ Die Frau blickte ihn wütend an. Noch immer schimmerten die Tränen in ihren Augen. Trotzdem blieb er altbekannt ruhig. Es dauerte wieder etwas länger bis sie einen Zettel zeigte. ''Gehen sie BITTE'', stand dort mit einem großgeschriebenen Bitte. Schließlich nahm er sich auch einen Zettel zur Hilfe. Er schrieb seine Nachricht drauf und warf sie durch den Schlitz des Seitenfensters. Dann ging er wieder zu seinem Freund.

„Das war aber eine lange Entschuldigung. Hat sie dir wenigstens verziehen?“ Er klang beleidigt und gestikulierte auch so. „Nö.“ Als wäre nichts gewesen nahm er wieder Platz. „Aber kann ja noch werden.“ Über die Mimik seines Freundes musste er lachen. „Was machst du dir Sorgen? Ich hab doch Miss Bissig.“ „Als wäre das etwas ernstes“, knurrte er und bestrafte ihn mit Missachtung. Etwa drei Minuten später ertönte ein Handy. Jamiro griff in seine Tasche und starrte auf den Display. Danach tippte er etwas ein.

„Deine Chance. Sie steht unten am Berg und hat eine Panne.“ „Wie?“ „Na wozu bist du Mechaniker?“ „Mechatroniker bitte ja.“ So vorwurfsvoll es auch sein sollte, es erstickte zum Teil an seiner Eile. Um ihn den Vorteil zu lassen fuhr er selbst gar nicht erst los. Er blieb bis die Nachricht ''Danke'' auf dem Display erschien. Erst dann fuhr er ihm nach.

„Und?“ Sein Freund sah nicht nach jemand mit Erfolg aus. „Das hast du doch bestimmt auch schon wieder gewusst.“ „Was denn?“ „Tu nicht so als wüsstest du das nicht schon längst. Sie ist vergeben.“ „Tut mir Leid aber woher soll ich das wissen, wenn sie keinen Ring trägt.“ „Natürlich hatte sie einen! Den Klunker hat sie mir doch sofort unter die Nase gehalten, als ich ankam und dann schweigt sie die ganze Zeit wie ein Grab. Hätte ja wenigstens Danke für die kostenlose Reparatur sagen können.“ Jamiro blickte grinsend zu Boden. „Was lachst du so blöd?“ „Sie ist nicht vergeben. Sie wollte nur nicht angeflirtet werden.“ „Ach und das weißt du wieder?! Keine Ahnung was du machst aber ich fahr jetzt nach Hause.“ „Kopf hoch, die Nächste kann besser sein.“ „Ist das eine Drohung?“ Er zog sich den Helm wieder auf. „Wieso solltest du mir eigentlich einen Rat geben können. Ich hatte wenigstens schon eine Beziehung.“ „Für knapp einen Monat.“ Auch Jamiro setzte sich den Helm wieder auf. „Besser als deine Bilanz.“

Am frühen Morgen klingelte wieder sein Handy. Er lag noch im Bett war aber schon seit einer guten Stunde wach. ''Der Magier Jamiro Erkwin?'' Die Nachricht stammt von der Frau. ''Ja'' schrieb er zurück. ''Ich hab sie mal gesehen, da haben sie noch Kartentricks gemacht'' Er schmunzelte. ''Hats ihnen gefallen?'' Darauf kam keine Antwort. Er schaute immer wieder auf sein Handy wenn er konnte aber bis zum nächsten Morgen kam nichts. Es war etwa zwei Stunden später als beim vorherigen Verlauf. ''Sorry, das ich sie so früh belästigt habe.'' ''Ich freue mich über ihre Nachrichten.'' Wieder kam für Stunden nichts mehr. Erst bei hereinbrechender Dunkelheit folgte eine neue Nachricht. ''Könnten sie ihrem Freund ein Danke ausrichten. Ich wollte nicht unhöflich sein aber für einen netten Flirt bin ich die Falsche.'' ''Richte ich ihm aus. Er hat ihnen gern geholfen.'' ''Das denk ich mir.'' Wieder verstummte der Chat.

Nach zwei Tagen ging er in der Nacht wieder weiter. ''Verraten sie mir etwas über sich?'' ''Sie haben mich doch gesehen.'' ''Ihren Namen vielleicht? Nur damit ich nicht weiter an Unbekannt schreibe.'' Eine kurze Zeitlang passierte nichts. Er wollte sogar schon etwas neues schreiben um den Kontakt nicht wieder zu verlieren. Es veränderte sich dann aber der Profilname. Statt ''Unbekannt'' stand dort nun ''Rapunzel'' mit einem Lach-Smiley dahinter. Er wunderte sich über ihr Pseudonym. Sie hatte nämlich kurze rotgefärbte Haare. Von der Länge vielleicht gerade Mal fünf Zentimeter lang. ''Ist Rapunzel ihr Lieblingsmärchen?'' ''Gute Nacht.'' Seine Rückwünsche wurden nicht mehr gelesen.

Trotz der Abfuhr versuchte er es in der nächsten Nacht wieder. Geantwortet wurde wieder in den Morgenstunden. ''Ich hatte nichts anderes von ihnen erwartet. Lach-Smiley'' Er hatte noch geschlafen als die Nachricht kam weshalb er die Zweite auch gleich lesen konnte. ''Vielleicht verrate ich ihnen das noch'' Am Abend durchsuchte er das Internet nach einem Geistesblitz und hatte Erfolg. Stella Wilkens, zu echt Nelli Wang, vierunddreißig Jahre alt. Eine Magierin, die vor kurzem bei einem Unfall ihre Stimme verloren hatte. Obwohl der Unfall mit einem Fragezeichen versehen war. Der Schreibers des Berichtes vermutete, dass die kürzliche Trennung von ihrer Assistentin und Lebenspartnerin dahinter steckte. Auch ihr Pseudonym erklärte sich nach einigen Bilden. Sie hatte einen Trick, bei dem sie ihre Haare absurd lang werden lies. Obwohl er nun einiges über sie wusste tat er im Chat weiterhin so als habe er keinen blassen Schimmer.

Eines Tages stand plötzlich ihr richtiger Name im Profil. Das hatte ihn schon überrascht. Völlig sprachlos war er dann als er ihre Frage für ein Treffen las. Sie wollte ein Zaubertrick sehen. Vermutlich war dass das erste Mal, das er nervös wurde. Er hatte sich noch nie gefragt, ob er wirklich gut war. Er hatte sich auch nie Gedanken darüber gemacht, ob seine Tricks Gefallen finden konnten. Vor allem hatte er sich nie gefragt, wie ein anderer Magier das sehen könnte. Jetzt tat er das alles und blockierte seine Gedanken. Wie sollte er so nur einen Trick für sie finden? Er hatte keinen einzigen im Kopf und wenn dann waren sie für Stella Wilkens nicht gut genug.

Nach mehren Stunden Verzweiflung schrieb er ihr eine Absage. Während des Sendens fiel sein Blick auf seine Karten. Wieso machte er sich so verrückt? Stella Wilkens war doch nur Nelli Wang. Eine Frau, die das Zaubern genauso gerne mochte wie er. Eine einzelne Person. Er hatte schon weit aus mehr Menschen mit seinen Tricks begeistert. Zu blöd nur das er bereits abgesagt hatte. Er blickte wieder auf den Display. Moment, wieso hatte sie ihm ein Datum, eine Uhrzeit und einen Ort geschickt? Er hatte zugesagt? Wie? Na das war dann wohl Magie. Er zog ein Grinsen über den Gedanken und steckte sich seine Karten ein.

Augenscheinlich war er tiefen entspannt als er wie vereinbart zum Treffen kam. Dafür wirkte sie ziemlich nervös. ''Ich hoffe sie haben kein Problem damit zu lesen. Ich bin stumm.'', stand auf dem Zettel, der ihm zittern hin gehoben wurde. Er umgriff ihre Hand. „Nein. Das ist vollkommen in Ordnung.“ Ihr nervöser Puls wurde allmählich ruhiger. Schließlich löste sie sich von ihm und nickte ihm zu. Er begann damit ihr zu zeigen das seine Hände leer waren. Dann schloss er eine zur Faust. Die Karo neun kam zum Vorschein. Sie sollte nun die Karte nehmen und schütteln. In dieser Bewegung wurde es zu einem weißen Tuch. Jamiro zeigte erneut das seine Hände leer waren und lies sich das Tuch zwischen die Hände stecken. Er grinste frech. Ein weißer Taubenkopf lugte zwischen seinen Händen hervor. Sie flog raus und eine Zweite folgte. Beide Tauben setzten sich auf ihren Arm. Sie lächelte überglücklich. Dem zufolge schien der Bericht über ihre Vogelliebe zustimmen. Sie vergaß so gar, dass sie nicht reden konnte.

Er nahm ihr die beiden Vögel ab damit sie tippen konnte. Währenddessen nahmen beide Platz. In ihren Augen schimmerten wieder Tränen aber diesmal waren es Freudentränen. ''Sie haben meine Vorstellungen weit übertroffen'', erschien im Chat. Sie schaute kurz auf und wischte sich die Tränen ab. Dann lachte sie und schrieb erneut etwas. ''Sie wissen wer ich bin.'' „Stella Wilkens. Ja. Es freut mich, dass es ihnen gefallen hat.“ ''Waren sie nervös?'' „Zu Anfangs.“ ''Man hat ihnen nichts mehr angemerkt.'' Sie wischte sich erneut die Tränen weg und lachte. ''Sie haben ein ganz besonderes Talent.'' „Danke.“ Sie legte das Handy nieder und schaute ihn nur an. Daraufhin gab er ihr die Vögel wieder.

Es wurde allmählich spät. „Ich kann ihnen leider nicht die Vögel schenken aber etwas dass bestimmt genauso gut ist.“ Auf die gleiche Weise wie zuvor lies er die Karo neun erscheinen. Die legte er mit dem Gesicht nach oben auf den Boden. Anschließend nahm er sich eine Taube und setzte sie auf das oberste Stück. Er legte ein weißes Tuch über sie und die Karte. Fast zeitgleich lief eine dritte Taube hinter ihm hervor. Er zog das Tuch wieder herunter und die Taube war verschwunden. Lediglich ein schwarzer Vogelfußabdruck war auf der Karte zu sehen. Die Zweite flatterte herunter und zog mit dem Schnabel am frischen Abdruck eine weitere Zehe. Dann flog sie auf Jamiros Schulter zurück. Lachend schob er ihr die Karte zu. „Eine Autogrammkarte von Jerry und Tarik.“ Wieder vergaß sie, dass sie nicht sprechen konnte. Sie konnte es selbst nicht fassen und verbarg lachend ihr Gesicht. Der Kontakt zu ihr hielt an. Auch wenn es nur genauso sporadisch verlief wie mit seinem Freund.

Jamiro saß irgendwo mitten in einer Stadt. Er grinste vor sich hin und schien in Gedanken versunken zu sein. Die letzten Tage zuvor hatte er an Blume drei gedacht. Heute war wohl Finjas dran. Sein komischer kleiner Bruder, bei dem man einen Geburtennachweis bräuchte um das zu glauben.

Wie würde er wohl als Erwachsener aussehen? Er stellte sich den blonden Lockenkopf etwas kleiner als sich selbst vor. Warum auch sollte er größer sein? Anschließend korrigierte er seine Augenfarbe. Das brachte ihn erneut zum Lachen. Der Charterzug Unentschlossen würde doch ganz gut passen.

Ein amerikanisches ''Sorry'' drang an sein Ohr. Irgendjemand hatte sich unsanft neben ihn gesetzt und war sofort wieder aufgestanden. Er glaubte seinen Augen kaum, als er einen Mann wie ein Spiegelbild vor sich stehen hatte. Diese Ähnlichkeit war verblüffend aber auf dem zweiten Blick dann doch wieder aufgehoben.

Seine Augenbrauen waren dicker, seine Nase vermutlich mal gebrochen und ein Eckzahn fehlte. Zudem wirkte er neben ihm etwas dicker. Er reichte ihm die Hand mit einem Grinsen. Auch das war komplett anders. „Sie sind Erkwin? Aiden Brown. Jetzt weiß ich, warum ich dauernd so angesprochen werde.“ Er hatte kurz versucht auf Deutsch zusprechen war aber dann ins Amerikanisch zurückgefallen. Noch etwas verwundert nahm er seine Hand an und antwortet auf englisch: „Man verwechselt uns?“ Aidens Händedruck war schmerzlich fest. Deshalb sah Jamiro zu sie wieder schnell zurückzubekommen. „Ja. Im Flugzeug nannte man mich dauernd Erkwin. Wenn ich gesagt habe, sie verwechseln mich, ich heiße Brown, dachten sie, ich scherze. Sie könnten mein Bruder sein.“ Bitte nicht, zeigte sein Grinsen darauf. Keine Ahnung wieso aber dieser Mann war ihm unsympathisch.

Aus heiterem Himmel knallte dem Fremden eine Handtasche ins Gesichts. „Hab ich sie sie …“ Eine unschöne Diebesbezeichnung wurde dem angehängt. Beim Zurücktaumeln fiel ihm ein Portmonee aus der Tasche. Als er begriff, das er als Taschendieb aufgeflogen war rannte er erstaunlich sportlich davon. Ohne zu denken hetzte Jamiro hinterher. Nur eines war ihm in dieser Sekunde klar geworden, er hatte die Frau bestohlen.

Die Verfolgungsjagd ging ewig durch Winkel und Gassen. So lange bis dem Magier die Kondition verließ. Keuchend blickte er den Weg weiter worin er ihn aus den Augen verloren hatten. Jamiro, du bist echt keine Sportskanone, erkannte er selbst.

„Hände hoch“, rief eine Polizistin. Meinte sie ihn? Außer ihm und den beiden Polizisten im Rücken befand sich niemand auf der Gasse. Also wen sonst? Sie wiederholte sich in einem Tonfall, als würde sie jeden Moment schießen. „Schon gut. Sie haben den Falschen.“ Jamiro nahm sich die Hände an den Hinterkopf und drehte sich zu ihnen um.

„Haben sie Waffen bei sich?“ „Nein. Wie gesagt, ich bins nicht.“ Der zweite Polizist tastete ihn ab. „Was ist das in ihrer Tasche?“ „Karten.“ Die Wiederholung klang als wollte er ihn deshalb für verrückt erklären. Er zog ihm die Karten aus der Tasche und gab sie seine näher getretenen Kollegin weiter. Bei der Übergabe lies er die Karten fallen, bevor sie sie gegriffen hatte. „Könnten sie bitte vorsichtiger sein. Das ist ein Erbstück.“ Die kaltschnäuzig Art musste er in Anbetracht seiner Lage wohl erst einmal ertragen.

Im Revier ging es kaum besser für ihn weiter. Diese Ähnlichkeit machte ihm starke Probleme. Er hatte zwar weder Beute noch Motiv aber das zählte alles nichts. Eine Zeugenbeschreibung passte zu gut auf ihn. Vor allem konnte er sich nicht selbst ausweisen. Sein Portmonee war ebenfalls in den Händen des Diebes. Für die Kommissarin klang das allerdings wie eine Ausrede. Auch die Tatsache wie sie ihn aufgefunden hatten wurde gegen ihn ausgelegt.

Er war immer noch völlig fertig. Ihm fehlte die Kraft und die Geduld um sich gegen die Argumente zu wehren. „Ist ihnen nicht gut?“, diese Frage klang zur Abwechslung völlig normal. Die Luft war zum erwidern jedoch zu knapp. Ehe er sich versah riss ihn etwas zu Boden. Ihm wurde schwarz vor Augen aber Stimmen schallten weiter gegen seinen Kopf.

Als seine Sinne sich wieder geordnet hatte blickte er auf weiß. Nicht schon wieder, meldete sein Kopf nach kurzer Starre. Neben ihm piepste eine Maschine. Raus ihr, forderte der zweite Gedanke, der ihm so halb bei sich in den Kopf schoss. Seine Muskel reagierten verzögert auf seinen Befehl. Doch als er kaum einen Millimeter hochgekommen war donnerte ihm etwas auf die Brust. Eine Frau im viel zu langen Mantel. Wer hätte gedacht, das er Herz acht noch einmal sehen würde.

„Sie kennen keine Grenzen aber das macht sie nicht unverwundbar.“ Sie zog die Kapuze ab, schaute aber an ihn herab. Schließlich legte sie seine beschlagnahmten Karten in die Hand. „Diesmal sind alle heil geblieben.“ Sie strich über die Verpackung als sei ihr das selbst wichtig gewesen. „Ich entschuldige mich für meine verkorkste Familie aber dieses mal ist es gesühnt egal was sie tun.“ Er drehte den Kopf so, das er die oberste Karte in der Schachtel sehen konnte. Die Herz fünf lag oben auf.

„Welcher war ihr Bruder? Der Dieb oder dieser ungeschickte Polizist.“ Ihr Blick fiel auf sein Gesicht. Beide, sagte er ohne das sie Worte benutzte. „Geldsorgen ist wohl eine Familienkrankheit bei ihnen.“ Entspannt legte er sich die Arme hinter den Kopf. „Ein Hurrikan hat Aidens Farm in der USA zerstört. Er hatte gehofft uns um Hilfe bitten zu können aber er fand uns nicht. Um wenigstens zurückfliegen zu können dachte er, er könne die Leute bestehlen. Steven dachte er könne ihn beschützen, wenn er eure Ähnlichkeit verschweigt. Es tut mir wirklich sehr leid.“ „Vergessens sies. Keiner hat von mir verlangt, dass ich ihrem Bruder hinterher renne. Ich bin so. Ich bringe mich selbst immer in verrückte Situationen.“

„Da hast du recht.“ Was? Auf einmal war es die Stimme seiner Mutter und irgendjemand übte auch noch Kraft auf ihn aus. Moment die Mantelgestalt war gar nicht Selina. Das war seine Mutter und sie trug auch keinen Mantel. Nur ein Oberteil in der selben Farbe. Allmählich schärfte sich seine Sicht. „Könntest du bitte …“, knurrte er weil sie ihn sich nicht aufrichten lies. „Nein kann ich nicht. Hörmal wird das jetzt zur Gewohnheit oder was?“ Auch wenn ihre Stimme sehr wütend war ihre Augen verrieten ihre Besorgnis. „Das war nicht geplant.“ Er gabs auf sich zu wehren, auch wenn er durchaus gegen seine Mutter angekommen wäre. „Bei dir ist nie etwas geplant!“ „Schatz, jetzt lass ihn bitte erst einmal wach werden.“ Sein Vater war also auch da. Er sah ihn nur nicht.

„Seit ihr schon lang hier?“ Die Frage brachte seine Mutter wieder auf die Palme aber sein Vater drängte sich ins Bild. „Erst seit ein paar Sekunden. Falls du jemand anders wahrgenommen hast, war das wohl diese Frau, die uns entgegen gekommen ist.“ „Frau?“ „Sie war ziemlich vermummt vielleicht wars auch ein Mann.“ Sein Vater war sich sicher, dass es eine Frau war und er schien auch etwas mehr zwischen ihnen zu vermuten. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Jamiro blickte zu seiner Hand runter. Die Verpackung lag exakt so darin, wie sie ihm gegeben wurde. Ihr war es wichtig gewesen, kam ihm in den Sinn und verwirrte ihn wieder. „Ihr ward schon da?“ Sein Vater runzelte die Stirn. „Ruh dich aus“, sagte er und verließ wieder sein Sichtfeld. Seine Mutter blieb wie ein Leibwächter an seiner Seite stehen. Diesmal würden sie ihn wohl kaum aus dem Krankenhaus fliehen lassen aber zum Glück wurde er immerhin noch am selben Tag entlassen.

Jamiro stand am Fenster seines Hauses. Blume drei war vorbei gejoggt und hatte ihn irgendwie dort festgenagelt. Abwesend hatte er begonnen sein Kartendeck zu mischen. Das ging schon gut drei Minuten so. Sie sah gar nicht aus wie eine Mutter. Andererseits wie hatte eine Mutter schon auszusehen? Was sprach denn dagegen? Sein Handyklingelton erschreckte ihn zu Tode. „Erwin.“ stotterte er ins Telefon. „Was los ist? Nichts war … beschäftigt.“ Seine Mimik verzog sich ins Zornige. „Danke. Schönen Tag noch. Tschüss.“ Dem Geburstagsglückwünscher konnte er nicht eilig genug wieder los werden.

Er beugte sich zu Boden und sammelte sein Erbstück zusammen. Als er wieder aufschaute sah er Kinder vor seinem Haus. Drei Ältere stießen einen deutlich Jüngeren hin und her bis er zu Boden stürzte. „Hey!“, brüllte er aus seiner Eingangstür hinaus. Die Bande ergriff die Flucht. Ihr Opfer blieb jedoch wimmernd am Boden liegen. Er war verletzt. Offenbar hatten sie ihn auch noch getreten.

Bei ihm angekommen ging er in die Hocke und strich ihm über den Arm. Er zuckte jedoch ängstlich zusammen. „Alles gut. Ich hol dir jemand gegen die Schmerzen. Es ist gleich wieder besser okay.“ Seine Versuche sein Vertrauen zu gewinnen bis der Krankenwagen kam blieben erfolglos. Außerdem bekam er das Gefühl, das er bei den vielen weiteren Leuten plötzlich ganz dicht machte.

Einem Sanitäter und später auch einem Polizisten berichtete er, was er gesehen hatte. Danach ging er kurz vor der Abfahrt nochmal an den Krankenwagen heran. „Sind sie der Vater?“, fragte der Notarzt, der zwar mitgehört hatte aber anscheinend nur halb gefolgt war. „Nein. Ich hab nur von meiner Wohnung aus gesehen was ihm passiert ist.“ „Kennen sie die Familie, vielleicht?“ „Nein. Tut mir Leid. Sagt er ihnen auch nichts? Darf ich nochmal?“ Der Junge vermittelte den Eindruck als wollte er etwas von ihm. Man lies Jamiro hinein.

„Na. Willst du immer noch nicht sagen, wer du bist?“ Er schüttelte leicht den Kopf. Trotz seiner immer noch recht großen Angst schien er ganz froh über seine Nähe zu sein. Er startete noch einen zweiten Versuch ihn zu entspannen, stieß aber immer noch gegen Schweigen. Schließlich beschloss der Notarzt loszufahren. Der Junge klammerte sich daraufhin an seinem Handgelenk fest. „Bitte“, stotterte er ängstlich. „Ich kann nicht mitfahren.“ Eigentlich wollte etwas von ihm hart bleiben aber der größere Teil musste ihm wenigstens das Hinterherkommen versprechen. So lies ihn der Junge etwas missmutig gehen.

Außerhalb des Krankenwagens stieß er mit seiner Mutter zusammen. „Jamiro! Was ist los? Was hast? Was fehlt dir?“ Die Polizei war schon weg. „Nichts Mama. Ich bin in Ordnung. Beruhige dich.“ Er schob seine Mutter von der Straße zu seinem Eingang. „Ich muss kurz in die Klinik, danach löse ich mein Versprechen ein. Du kannst so lange hier bleiben.“ „Blödsinn. Ich fahr dich natürlich.“ „Mit mir ist nichts, ehrlich. Ich hab nur einem kleinen Jungen versprochen da zu sein. Okay fahr mich, du gibst eh keine Ruhe.“ Er änderte seine Richtung zum Auto seiner Mutter.

Später setzte er sich an das Bett des noch immer namenlosen Jungens. „Tut dir noch was weh?“ Müde schüttelte er den Kopf. Von der Notoperation hatte er schon erfahren, genaueres wusste er aber auch nicht. „Willst du nicht eine Mama oder einen Papa bei dir haben?“ Wieder schüttelte er den Kopf. „Eine Oma oder ein Opa vielleicht?“ Mit dieser Frage stieß er auch wieder gegen eine Wand. „Ich bin ja da hmh.“ Noch immer sah er seine Angst in den Augen. Irgendwas sagte ihm auch, das er hier nicht mit einem Zaubertrick weiterkam. Er legte seine Hand auf das Bett, damit er die Option bekam sie zunehmen wenn er wollte. Ansonsten versuchte er mit Beobachtung weiter zu kommen.

Ein normal genährter Junge, normal groß auf den ersten Blick. „Wie alt bist du denn?“ Keine Antwort aber er nahm seine Hand. Sprechen konnte er aber vielleicht war was mit den Augen. Er schaute noch immer starr in eine Richtung. Nur das Zittern seiner Angst zeigte sich als Bewegung. „Schau mich mal bitte an?“ Sein Blick huschte für eine Sekunden zu ihm rüber. Zu Kurz um zu beurteilen, ob er ihn sehen konnte. So weit er wusste, war es Blinden aber nicht möglich ihre Augen zu kontrollieren. Also fiel dieser Gedanke auch weg. Hören konnte er ihn auch, das hatte ja die Reaktion bewiesen. Ahnungslos kratze er sich an der Stirn. Wieso fand er bloß keinen Zugang zu diesem Jungen?

Seine Mutter schaute ins Zimmer herein. Trotz aller Mühe hatte sie ihm immer noch nicht abgenommen, dass er für ihn hier war. Sie glaubte, dass er Bauchkrämpfe verheimlichte und er hier war um das abzuklären. Sie kannte ihn wirklich schlecht aber gut das war eben ihre Art. „Hast du einem komischen Namen?“, wurde eingeschüchtert gefragt. Er blickte wieder zum Kind, dass ihn noch immer verängstigt anschaute. „Einen sehr komischen. Erkwin. Ich heiße Jamiro Erkwin.“ Die Augen wurden groß. „Wie der Magier?“ Von Angst war nun gar nichts mehr zu sehen. Er grinste. „Findest ihn toll was?“ „Nee. Kenn ihn nicht aber er soll mit Stella Willkens bald auftreten. Dann weiß ich das.“ „Du hast also noch Karten bekommen?“ „Nö aber Papa hats ganz fest versprochen. Es ist Stellas letzter Auftritt, weißt du? Sie tritt nicht mehr auf.“ Anscheinend hatte er ihm schon viel versprochen und nicht gehalten. Jedenfalls vermittelte er den Eindruck als wüsste er schon enttäuscht zu werden.

„Ich könnte vielleicht dafür sorgen, das du Backstage darfst. Stella Willkens mal ganz nah. Wäre das was?“ „Das kannst du?“ „Ja. Ist gar nicht so schwer.“ „Oh bitte. Das wäre so cool.“ „Gut aber dein Papa muss einverstanden sein.“ „Das muss er. Ich …“ „Was ist los?“ „Lacht sie auch nicht über meinen Namen?“ „So was unlustiges macht sie nicht. Findest du Namen denn lustig?“ Er schüttelte den Kopf. „Siehst du? Weißt du Leute die sich über Andere lustig machen sind einfach nur unzufrieden mit sich selbst.“ Der Kleine blickte bedrückt weg. Da war sie wieder die Angst. „Das ganze zu beenden ist nicht leicht aber es ist möglich.“ „Zuerst einmal musst du wissen, das kein Mensch der Welt etwas besseres ist. Jeder hat etwas das er gut und nicht gut kann. Was kannst du denn gut?“ Er zuckte mit den Schultern. „Selbsteinschätzung liegt mir auch nicht aber vielleicht gibt es etwas was du Zuhause gern machst. Du magst Magier, oder?“ Er nickte. „Dann verrate ich dir was, damit machst du deinen Papa ganz Stolz.“ Er beugte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas zu. Das munterte ihn sofort wieder auf.

„Verstanden?“ Er nickte eifrig. Danach legte ihm Jamiro seine Karten hin. Sofort durchsuchte er den Stapel und nahm sich die Karo zwei. „Die gefällt mir.“ „Dann nimmst du diese für den Trick.“ „Jetzt brauchen wir nur noch deinen Papa.“ Er zog es vor ihm flüsternd zu antworten. „Okay. Dann ruf ich ihn an und du übst fleißig.“ Sein Handy fand den Weg in seine Hand noch bevor er das Zimmer verlassen hatte. Telefonieren folgte aber erst außerhalb der Klinik. Seine Mutter kam hinzu als er fertig war. „Geh ruhig nach Hause. Das dauert noch etwas.“ Schlechtes Gewissen plagte ihn, seine Mutter einfach so stehen zu lassen aber er wusste, das er mit mehr Aufmerksamkeit nur noch mehr Sorge aufwühlte.

„Mach ich das gut so, Herr Erkwin?“ „Sieht schon sehr gut aus. Du kannst mich aber sehr gerne duzen.“ Er legte die Karten beiseite. „Was mach ich eigentlich, wenn sie mich wieder schlagen?“ „Du sagst das deinen Eltern, deinem Lehrer.“ „Und dann?“ „Kümmern die sich darum, dass sie bestraft werden.“ Jamiro setzte sich wieder. „Lass dir nicht einreden, dass das feige ist. Das sagen sie nur weil sie nicht betraft werden wollen.“ „Aber ich hab schon dreimal die Schule gewechselt. Jedesmal beginnt es von vorn.“ „Dann war dieser Weg nicht die Lösung. Das wird schon. Vertrau mir.“ „Hmh.“ Schließlich trafen die besorgten Eltern ein. Jamiro hatte sie in aller Ruhe vor dem Raum abgefangen und ihnen alles erzählt. Unter anderem hatte er auch Vorschläge gemacht. Anschließend ermunterte er den Jungen erneut. Diesmal darum, den Kartentrick seinen Eltern zu zeigen.

Er zeigte etwas zittrig die Karo zwei. Dann drehte er sie zwei mal bis er sich etwas beruhigt hatte. Nach zwei weiteren Umdrehung lag die Herz vier hinten auf. Er lächelte und drehte noch ein einziges mal. Nun war der Kartenrücken wieder zu sehen. Eifrig wie er war bewies er auch gleich, das er sie nicht hatte in seinem Ärmel verschwinden lassen. Jamiro war erleichtert und lies die kleine Familie alleine.

Er hatte ja immer noch das Problem mit seiner Mutter. Nur weil er es sagte, würde sie wohl keine ruhige Nacht bekommen. Er stellte sich vor den Eingang und holte tief Luft. Dann ging er wieder ins Innere und schleppte seine Mutter mit. Er lies sich gezielt auf diese Krankheit untersuchen. Auch wenn er dadurch tatsächlich selbst bange bekam, sie könnte doch wieder da sein.

Zwei Tage später schaute Jamiro an der Schule des Jungens vorbei. Er kam wohl gerade recht. Wieder hatten ihn die selben drei Jungs eingekesselt und wieder ergriffen sie du Flucht als Jamiro kam. „Bist du okay?“ Schwer atmend versteckte er sich hinter ihm. „Jetzt ist Schluss damit. Wo ist der Direktor?“ Jamiro hatte die hilflose Situation des Jungen so sehr gereist, das er sich vielleicht etwas zu deutlich ihm Ton vergriff. „Was sind das für Zustände hier? Muss man hier zu sehen wie ein Kind verprügelt wird obwohl sie von Mobbing wissen!“ Seine Ausdrucksweise war noch etwas unfreundlicher. Dabei bremste er schon seine Wut vor dem Jungen.

Er war geladen genug, die Eltern auch beim Zusammentreffen deren Anderen zu unterstützen. Diese glaubten doch tatsächlich es handelte sich hierbei nur um eine harmlose Jungskappelei. Triftige Gegenargumente hatten sie aber wegen dem siebenjährigen Altersunterschied und der zahlmäßigen Überlegenheit nicht. Letztendlich standen die drei trotz Rückendeckung ihrer Eltern vor Gericht.

Auf der Bühne, im Rampenlicht, vor unzähligen begeisterten Leuten. Er liebte dieses Gefühl. Für einen Trick fuhr er ihr durch die kurzen roten Haare. Diese wurden länger. Als sie lang genug waren band er sie zu seinem hohen Pferdeschwanz zusammen. Anschließend verlängerte er es noch weiter. Bei einer Länge etwas größer als sie selbst verlief die Farbe ins Weiß über. „Oh die Farbe lässt etwas nach.“ Dem etwas peinlich berührten Spott zur Folge drehte sie sich hektisch um. Ihre Mimik zeichnete sich geschockt. Verärgert griff sie nach ihrer Haarpracht und schlang es um seinen Hals. Beim Versuch ihn zu erwürgen rissen ihre Haare ab und ein roter Wollschal mit weißen Enden baumelte um seinen Hals. Das war ihr letzter Trick zusammen.

Backstage kam der Karo zwei Junge auf ihn zu gerannt und umarmte ihn. „Du bist Erkwin. Wie toll. Du bist klasse.“ Jamiro erwiderte die Umarmung. „Denk immer daran, kein Mensch ist etwas besseres.“ Er stupste sein Gesicht hoch. Lächelnd tauchte Stella hinter ihm auf, die sofort auch umarmt wurde. „Ihr seit so toll. Du darfst nicht aufhören Stella, ja?“ Allmählich trat auch seine Begleitperson in Erscheinung. Der telefonierende Mann war niemand, den Jamiro bereits schon kennengelernt hatte. Eins wusste sein Instinkt aber wieder sofort. Etwas belastete ihn. Trotzdem galt seine Priorität dem hellauf begeisterten Jungen.

Nach der Führung hatte Stella etwas auf dem Herzen. Er setzte sich zu ihr und nahm einen Zettel entgegen. ''Ist es eine Last oder etwas Gutes das Unheil in anderen Menschen sehen zu können?'' Jamiro lachte als er den Zettel gelesen hatte. „Ihm wäre das jedenfalls unangenehm", antwortete er auf ihre Frage ''Dir?'' „Nein, ihm. Die Begleitung unseres Fans.“ Sie rückte ihm näher unter die Augen und starrte ihm ganz tief hinein. „Versuchst du jetzt über mich was rauszukriegen? Vergiss es.“ Sie lächelte. ''Würdest du die Magie für Jemanden aufgeben?'' Er setzte ein Ja an, lies es dann aber bleiben. Die Reaktion auf ihre Frage hatte sie offenbar unzufrieden gemacht. Sie schrieb wieder etwas auf und faltete das Papier zusammen. Dort schrieb sie weiter und zeigte ihm das.

''Wenn du jemals mit dem Gedanken spielst, deine Magie aufzugeben. Lies das!''

Er lächelte und wollte das Innere sofort lesen. Allerdings verhinderte sie das. Vielleicht sollte er es tatsächlich erst dann lesen, wenn der Fall eingetreten war. Sie lächelte stolz, als hatte sie so eben seinen Gedanken miterfasst. Jamiro steckte sich den Zettel in die Tasche zu seinen Karten. Lächelte zurück und löste damit ihr Gehen aus.

„Eine Frage, Nelli. Warum hörst du wirklich auf?“ Ohne sich zu ihm zu drehen hielt sie die Karo neun hoch. Aus dieser einzelnen Karte schwang sie einen Fächer von insgesamt fünfzehn Karten. Hiervon sah er nur das Gesicht der ersten Karte und die am Ende des Fächers. Eine Karo fünf. Die Restlichen zeigten ihre Rückseiten. Sie schloss den Fächer auf die einzelne Karo fünf. Nach einen Sekundenstopp klappte draus hervor ein richtiger Fächer, mit dem sie sich nun Wind zu fächerte. Dann ging sie komplett aus den Raum.

Diesen ''Auftritt'' hatte sie also gesehen. Es war ein sehr heißer Sommer, der schon viele Jahre zurücklag. Wie alt er gewesen war wusste er nicht mehr aber keinenfalls volljährig. Er hatte in seinem Baumhaus gesessen und Tricks für seine Eltern geübt. Nach einiger Zeit war ihm das zu langweilig geworden, weshalb er auf die Straße ging und einfach jemanden beanspruchte. Ja, dem Mädchen hatte es damals nicht gefallen aber den Fächer hatte sie bis heute behalten. Er blickte schmunzelnd zu Boden. „Ich hab dich also zur Zauberei gebracht“, stellte er ungehört fest.

Zwei Tage später saß Jamiro bei einem Interview. Im Hintergrund hatte er den Mann entdeckt, den er schon mal zur Voraussicht zum Karo fünf ernannt hatte. „Sie sind doch die Begleitung von Karo zwei gewesen.“ „Oh Gott dieser Spitzname. Ja, ja der war ich.“ Er lachte direkt mal, wenn auch ziemlich seltsam. „Der Junge liebt einfach alles was irgendwie nicht ganz normal ist. Verzeihung ich meine natürlich was unmöglich erscheint.“ Eine weitere Person kam auf sie zu. „Hier ihr Wasser.“ „Vorsicht!“ Noch bevor er das Wasserglas annehmen konnte kickte er eine Steckdose weg. „Verzeihung“, wiederholte er sich beschämt über seine Panikattacke. „Mir ist etwas ganz dummes passiert. Etwas sehr dummes.“ Er wollte weglaufen. „Wenn ich helfen kann.“ „Schon gut. Ich muss telefonieren.“ Eilig verschwand er in einen der vielen Räume.

Währenddessen lies sich Jamiro sehr viel Zeit um zu gehen. Er wusste oder er hoffte, das er etwas für ihn tun konnte. „Warten sie bitte.“ Der Mann rannte ihn fast um. „Verzeihung. Ich … Sie … Also ich brauch ein Wunder. … Also ich glaub nicht dran. Das ist nicht mein Ding aber er mag das.“ „Ich soll also für Jemanden … “ „Ja, ja, ja. Also zaubern natürlich. Das sind Tricks, das ist mir klar aber er muss das durchziehen. Ich zahle. Natürlich bezahle ich sie. I … Ich kann …“ „Erzählen sie mir doch erst einmal um wen und was es hier eigentlich geht.“ „Mein Bruder … Ich wollte ihm einen Streich spielen verdammt nochmal und dann war da diese Steckdose.“ „Er liegt also im Krankenhaus.“ „Heinz-Heilmann-Klinikum.“ Die Antwort dauerte aber er sagte zu.

Egal wie sehr er auch Krankenhäuser verabscheute er konnte nicht ablehnen. So stand er tatsächlich zu seiner nächsten freien Zeit im Zimmer des Mannes. Alleine seine Anwesenheit hätte ihn zum Aufmuntern gereicht aber natürlich gab er ihm trotzdem eine kleine private Show. Als er ging öffnete er den Zettel von Nelli Wang. ''Tus nicht'', stand darin. Eigentlich hätte er sich das auch denken können.

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RhodaSchwarzhaars Profilbild RhodaSchwarzhaar

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Kapitel:15
Sätze:2.727
Wörter:23.916
Zeichen:136.109

Kurzbeschreibung

Zweiundfünfzig Karten führen durch das Leben des erfundenen Magiers Jamiro Erkwin. Immerzu landet er in seltsame Situationen. Doch stimmt es, das seine Karten sein Leben lenken, bestimmen oder gar über es entscheiden?

Kategorisierung

Diese Story wird neben Vermischtes auch in den Genres Abenteuer, Drama, Freundschaft und Familie gelistet.

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