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Lucid - Der erste Morgen

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24.06.26 20:13
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Die Welt endete nicht an einem einzigen Tag.

Sie endete auch nicht mit einem Knall, nicht mit einer letzten Rede vor den Vereinten Nationen, nicht mit einem Feuerball am Horizont, der die Menschheit in einem Augenblick auslöschte. Das wäre einfacher gewesen. Sauberer. Etwas, dem man später einen Namen hätte geben können, ein Datum, eine Ursache, oder etwa einen Schuldigen.

Doch die Wahrheit war unbequemer.

Die Welt endete langsam. Sie endete in Sommern, die heißer waren als alle Sommer zuvor. In Feldern, die aufrissen wie alte Haut. In Flüssen, die sich zu schmalen braunen Linien zurückzogen. In Wäldern, die erst verdorrten und dann brannten. Sie endete in Nachrichtenmeldungen, die niemand mehr hören wollte, weil sie sich zu oft wiederholt hatten: Rekordtemperaturen, Jahrhunderthitze, Extremwetter, Ernteausfälle, Wasserknappheit, Energieengpässe, etc. Eben immer neue Begriffe für dieselbe Wahrheit.

Wir waren gewarnt worden.

Nicht ein- oder zweimal. Jahrzehntelang. Die Wissenschaft hatte gesprochen, geschrieben, gerechnet, gewarnt. Diagramme waren gezeichnet, Berichte veröffentlicht, Konferenzen abgehalten worden. Kinder hatten auf Straßen demonstriert, Forschende vor Parlamenten ausgesagt, Satelliten Bilder einer Welt geliefert, die sich sichtbarer veränderte, als viele Menschen bereit waren zuzugeben.

Und doch war die Antwort der Menschheit meist dieselbe geblieben: später. Später, wenn es wirtschaftlich besser passte. Später, wenn die nächste Wahl vorbei war. Später, wenn die Industrie bereit war. Später, wenn andere Staaten zuerst handelten. Später, wenn die Krise wirklich ernst wurde. Als sie ernst wurde, war später jedoch längst vorbei.

Julian Weiss war zwanzig Jahre alt, als er zum ersten Mal begriff, dass die Welt nicht an einem Mangel an Wissen scheitern würde. Sie würde an einem Überschuss an Konsequenz scheitern. Damals studierte er Physik. Für die meisten seiner Kommilitonen war die Zukunft ein offener Raum aus Möglichkeiten: Abschlüsse, Forschungsstellen, Auslandssemester, erste Wohnungen, erste große Liebe, nächtelange Gespräche in viel zu kleinen Küchen. Auch Julian hatte diese Dinge. Nicht so selbstverständlich wie andere, aber trotzdem er hatte sie.

Er hatte Freunde. Er hatte Nächte, in denen er zu lange wach blieb und am nächsten Morgen trotzdem in der Vorlesung saß. Er hatte Musik, billigen Kaffee, überfüllte Seminarräume und jenen merkwürdigen Stolz, der entsteht, wenn man zum ersten Mal das Gefühl hat, sich selbst ein Leben aufzubauen.

Aber er hatte auch etwas anderes. Einen Blick für Muster. Vielleicht kam es von seiner Kindheit. Vielleicht davon, dass er früh gelernt hatte, Stimmungen in Räumen zu lesen, bevor jemand laut wurde. Vielleicht aber auch davon, dass seine Eltern aus allem eine Prüfung gemacht hatten, denn eine gute Note war nie einfach eine gute Note gewesen, sondern die Mindestanforderung. Ein Fehler war nie nur ein Fehler, sondern ein Beweis dafür, dass er sich nicht genug angestrengt hatte. Müdigkeit galt als Ausrede. Angst als Schwäche. Traurigkeit als Störung im Ablauf.

Julian hatte als Kind gelernt, Emotionen dorthin zu sperren, wo niemand sie sehen konnte, nicht, weil er keine hatte, sondern weil sie zu Hause niemanden interessiert hatten. Er war aber auch nicht ohne Wärme aufgewachsen. Draußen, jenseits der Erwartungen seiner Eltern, hatte es Menschen gegeben, die lachten, stritten, Fehler machten und trotzdem bleiben durften. Freunde, mit denen er Unsinn redete, Lehrer, die ihn nicht nur wegen seiner Leistung ansahen, auch Momente, in denen er fast vergaß, wie eng sich das eigene Zuhause anfühlen konnte.

Doch etwas in ihm blieb vorsichtig. Er zeigte nur, was sicher war. Und Sicherheit fand er in Zahlen. Zahlen logen nicht, wenn man sie richtig verstand. Sie schrien nicht. Sie stellten keine Erwartungen, die sich täglich veränderten. Sie verlangten keine Dankbarkeit für Liebe, die nie wirklich gegeben worden war. Zahlen waren kalt, ja — aber ihre Kälte war ehrlich.

Als sich die Welt ab 2015 zu verändern begann, sah Julian deshalb früher als viele andere, dass es sich nicht um einzelne Krisen handelte. Es waren keine voneinander getrennten Nachrichten. Ein Hitzesommer war nicht nur Wetter. Ein steigender Strompreis war nicht nur Markt. Ein Ernteausfall war nicht nur Pech. Eine Migrationsbewegung war nicht nur Politik. Eine instabile Regierung war nicht nur das Ergebnis schlechter Reden und wütender Wähler.

Alles hing zusammen. Ressourcenknappheit, Konflikte, Hass, Angst.
Und Angst war der effizienteste Brennstoff, den die Menschheit je entdeckt hatte.

Zunächst blieb der Zerfall leise.
2016 wurden die Sommer länger, die Winter unberechenbarer und die Debatten härter.
2017 begannen erste Staaten, Energie nicht mehr nur als Ware zu behandeln, sondern als Druckmittel. Lieferverträge wurden neu verhandelt, Rohstoffabkommen militarisiert, Handelswege überwacht. Seltene Erden, Lithium, Uran, Gas, Öl, Wasser — alles bekam plötzlich den Klang von Sicherheitspolitik.
2018 fielen in mehreren Regionen die Ernten schlechter aus. Es gab noch genug zu essen, zumindest in den wohlhabenden Ländern. Noch. Aber die Preise stiegen. Erst langsam, dann sichtbar. Die Nachrichten sprachen von temporären Engpässen, von angespannten Märkten, von Herausforderungen. Herausforderung war eines dieser Wörter, die Menschen benutzten, wenn sie "Katastrophe" noch nicht sagen wollten. Julian saß in Vorlesungen über Thermodynamik, Plasmaphysik und Materialbelastung, während draußen die Welt ihre eigenen Gleichungen schrieb. Wärme blieb nicht folgenlos. Energie verschwand nicht einfach. Druck baute sich auf, bis ein System ihn nicht mehr halten konnte.
Was in der Physik galt, galt auch für Gesellschaften.
2019 erreichte die Krise seinen Alltag.
Nicht dramatisch genug, um alles zum Stillstand zu bringen, aber gerade dramatisch genug, um niemandem mehr zu erlauben, sie zu ignorieren.

Ein Labor an der Universität wurde für mehrere Wochen nur eingeschränkt betrieben, weil Energiekosten und Netzlasten neu priorisiert werden mussten. Einige Forschungsprojekte wurden eingefroren. Fördergelder verschoben sich in Richtung Krisenmanagement, Energiespeicher, Sicherheitsforschung. In den Mensen wurden Gerichte teurer. Züge fielen aus. Freunde erzählten von Eltern, deren Betriebe unter den Energiekosten litten. Andere sprachen davon, das Studium abzubrechen.
Julian hörte zu. Meist sagte er wenig, weil er schon damals das Gefühl hatte, dass jedes falsche Wort etwas in ihm öffnen könnte, das er nicht wieder geschlossen bekam. Stattdessen rechnete er. Er rechnete Netzlasten nach, verglich Energieerträge, las Klimamodelle, studierte Reaktorkonzepte, schrieb Notizen in Dateien, die niemand außer ihm sah. Er war kein Genie, aber er war schnell. Ungewöhnlich schnell. Vor allem schnell darin, Zusammenhänge zu erkennen, die andere erst sahen, wenn sie bereits auf dem Tisch lagen.

Einer seiner Professoren bemerkte es. Es begann mit einer Nachfrage nach einem Seminar, dann mit einer Empfehlung, dann mit einer internen Arbeitsgruppe. Julian wurde in Räume eingeladen, in denen Menschen über Energie nicht mehr sprachen, als sei sie ein technisches Problem. Sie sprachen über Energie wie über Frieden.
Oder über Krieg.

Im Jahr 2020 verlor die Welt etwas, das schwerer zu ersetzen war als Strom.
Vertrauen.
Die ersten Fälschungen waren plump gewesen. Manipulierte Bilder, schlecht geschnittene Videos, oder automatisierte Kommentare unter Artikeln. In den Kommentaren nannte man diese immer "Bots". Doch die Systeme wurden besser. Stimmen konnten nachgebildet werden, Gesichter konnten Dinge sagen, die nie gesagt worden waren, Satellitenbilder verändert, Dokumente erzeugt und Befehle imitiert werden. Jeder Beweis brauchte plötzlich einen zweiten Beweis, und selbst der war nur so lange gültig, bis jemand ihn anzweifelte. Regierungen beschuldigten einander der Sabotage. Oppositionen beschuldigten ihre Regierungen der Lüge. Bürger beschuldigten Medien, Medien beschuldigten Plattformen, Plattformen beschuldigten anonyme Netzwerke, und irgendwo zwischen all dem wurden echte Warnungen ununterscheidbar von erfundenen.
Es war nicht so, dass niemand mehr die Wahrheit sagte. Es war viel schlimmer, denn niemand wusste mehr, wem er glauben sollte, wenn die angebliche Wahrheit ausgesprochen wurde.

Julian hasste diese Zeit mehr, als er zugegeben hätte. Denn sie griff genau das an, woran er sich festhielt. Wirklichkeit. Nachweisbarkeit. Ursache und Wirkung. In einer Welt, in der jedes Bild eine Lüge sein konnte, wurde Physik für ihn fast zu einer Form von Trost. Eine Druckwelle hatte eine Form. Eine Explosion hinterließ Spuren. Strahlung folgte Gesetzmäßigkeiten. Metall verformte sich nicht nach politischer Überzeugung. Energieflüsse hatten keine Ideologie. Wenn Menschen logen, blieben die Gesetze der Physik konstant. Vielleicht war das der Grund, warum man ihn 2021 für HELIOS vorschlug.

Offiziell war HELIOS ein multinationales Forschungsprogramm zum Schutz kritischer Infrastruktur. Ein nüchterner Name für eine immer weniger nüchterne Welt. Die Ziele klangen defensiv: sichere Energieversorgung, mobile Notstromsysteme, elektromagnetische Abschirmung, Drohnenabwehr, Materialforschung, Schutz sensibler Anlagen, Analyse physikalischer Schadensmuster nach Angriffen. In den Dokumenten stand nichts von Krieg, oder Konflikt. Aber alle wussten, warum es HELIOS gab. Julian lehnte zuerst ab. Er hatte nie Soldat werden wollen, nie Waffen entwickeln. Nie Teil eines Apparats sein, der am Ende vielleicht genau jene Eskalation beschleunigte, die er fürchtete. Doch die Antwort, die man ihm gab, war einfach und grausam:
Wenn Menschen wie er nicht halfen, würden andere die Systeme bauen. Schlechter. Schneller. Rücksichtsloser.
Und so sagte Julian zu. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Verantwortung. Das war der erste Kompromiss, den die Welt ihm abverlangte. Es sollte nicht der letzte bleiben.
HELIOS lag nicht an einem Ort, den man auf Karten besonders markiert hätte. Die Einrichtung war nach außen hin ein Forschungs- und Sicherheitszentrum, verteilt auf mehrere Gebäudekomplexe, geschützt durch Zäune, Zugangsschleusen, Kameras und eine Sprache, die alles Menschliche hinter Abkürzungen verbarg. Julian arbeitete dort an Energie- und Schutzsystemen. Er berechnete Lastverteilungen für mobile Reaktoreinheiten, modellierte elektromagnetische Abschirmungen, prüfte Materialreaktionen auf Hitze, Druck und Fragmentbeschuss. Manchmal ging es um Krankenhäuser. Manchmal um Stromknotenpunkte. Manchmal um Anlagen, deren genauer Standort ihm nicht genannt wurde.

Er fragte selten nach. Das machte ihm Angst. Noch mehr Angst machte ihm jedoch, dass er verstand, warum.

Luna Bruckner traf er in einem Besprechungsraum ohne Fenster.
Sie saß bereits dort, als Julian eintrat, die Ärmel ihres grauen Pullovers hochgeschoben, ein Tablet vor sich, zwei Stifte in ihrem langen, dunkelbraunem Haar, als hätte sie sie dort vergessen. Auf dem großen Bildschirm an der Wand liefen Datenströme, Warnprotokolle und Simulationen möglicher Netzüberlastungen. Ihr Blick folgte den Zahlen nicht hektisch, sondern konzentriert — wach, scharf und müde zugleich.
„Du bist Weiss?“, fragte sie, ohne aufzustehen.
Julian blieb einen Moment in der Tür stehen. „Kommt darauf an, wer fragt.“
Sie sah auf. In ihren Augen lag ein kurzer Funke Belustigung. „Jemand, der seit drei Stunden auf deine Lastverteilungsmodelle wartet.“​​​​​​
​​​„Dann ja.“
„Gut. Dann hoffe ich, du bist so nützlich, wie alle behaupten.“
Julian legte seine Unterlagen auf den Tisch. „Das hängt davon ab, wie realistisch eure Eingabedaten sind.“ 
Luna lehnte sich zurück. „Unsere Eingabedaten sind ein brennender Kontinent, drei instabile Stromnetze und ein Verteidigungsministerium, das gerne gestern eine Lösung gehabt hätte.“
„Also nicht besonders realistisch.“
Für einen Moment sahen sie einander nur an. Dann lachte Luna. Es war kein großes Lachen. Eher ein kurzer Bruch in der Schwere des Raumes. Aber Julian erinnerte sich später daran, weil es das erste Geräusch seit Wochen gewesen war, das nicht nach Alarm, Lüftung oder Tastaturen geklungen hatte.
Ihre Zusammenarbeit begann nicht romantisch, vielmehr mit Reibung. Luna war Ingenieurin in derselben Abteilung, spezialisiert auf Energiesysteme, Schutzarchitekturen und die Integration physikalischer Modelle in reale Anlagen und Systeme. Anders als Julian dachte sie weniger in perfekten Gleichungen und mehr in dem, was eine Anlage unter schlechten Bedingungen tatsächlich aushielt. Sie kannte die Differenz zwischen Theorie und Kabelbrand. Zwischen Simulation und einem Techniker, der nachts um drei mit zitternden Händen versuchte, ein Notstrommodul wieder hochzufahren.
Julian respektierte das sofort, er sagte es nur nicht. Für sie wirkte er anfangs kontrolliert bis zur Unverschämtheit. Er sprach ruhig, wenn andere laut wurden. Er korrigierte Fehler, ohne die Stimme zu heben. Er konnte Berichte über Tote, zerstörte Infrastruktur oder zivile Risiken lesen und danach mit derselben Präzision über Energieverluste sprechen, als hätte sich nichts in ihm bewegt. An seiner Stelle wäre sie schon hunderte Male an die Decke gegangen, doch Julian blieb immer gelassen. Zumindest nach Außen hin.

Eines Nachts, als sie gemeinsam an einer Abschirmungsberechnung arbeiteten, sagte sie es ihm ins Gesicht.
„Du redest von Verlusten, als wären es schlechte Messwerte.“
Julian sah nicht sofort auf. Die Zahlen auf seinem Bildschirm spiegelten sich schwach in seinen zweifarbigen Augen.
„Weil Messwerte manchmal das Einzige sind, was uns noch von Panik unterscheidet.“
„Und Menschen?“
Jetzt sah er sie an.
„Menschen sind der Grund, warum ich die Messwerte ernst nehme.“
Luna schwieg. Es war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Danach veränderte sich etwas zwischen ihnen. Luna begann, genauer hinzusehen. Sie sah, dass Julian nach schlimmen Berichten länger im Labor blieb als nötig. Dass er Kaffee kalt werden ließ, weil er vergaß zu trinken. Dass seine Hände manchmal ganz leicht zitterten, wenn eine Simulation zu viele rote Markierungen zeigte. Dass er nicht distanziert war, weil ihm die Welt egal war. Er war distanziert, weil sie ihm zu viel bedeutete. Und Julian begann, Luna Dinge zu erzählen, die er sonst niemandem erzählte. Nicht alles. Nie alles auf einmal. Zuerst waren es kleine Sätze, fast beiläufig, versteckt zwischen Arbeit und Erschöpfung.„Meine Eltern hätten gesagt, Müdigkeit ist eine Frage mangelnder Disziplin.“
Oder:
„Zu Hause war es ruhiger, da interessierte aber auch keinen was.“
Oder, viel später, nach einem Angriff auf ein Umspannwerk, bei dem ein Krankenhaus mehrere Stunden ohne stabile Versorgung geblieben war:
„Ich glaube, ich habe als Kind irgendwann aufgehört, darauf zu warten, dass jemand fragt, wie es mir geht.“
Luna hatte damals nicht sofort geantwortet. Sie hatte nur den Blick vom Bildschirm genommen und ihn angesehen, als hätte sie verstanden, dass dieser Satz für ihn schwerer gewesen war als jede technische Präsentation.
„Ich frage“, sagte sie leise. Julian schluckte.
„Ich weiß.“
Das war der Anfang. Dann kam der Tag, an dem die Warnsysteme schrien.
Es war im Jahr 2022, an einem Morgen, der erschreckend normal begann. Kein roter Himmel. Keine Vorahnung. Nur übermüdete Menschen, flackernde Bildschirme und der Geruch von Kaffee, der zu lange auf einer Heizplatte gestanden hatte.
Um 06:17 Uhr registrierte ein Raketen-Warnsystem in einem der großen Militärblöcke mehrere Startsignaturen.
Um 06:18 Uhr bestätigte ein zweites System die Meldung.
Um 06:19 Uhr tauchten abgefangene Kommunikationsfragmente auf, in denen hochrangige Offiziere scheinbar einen Erstschlag autorisierten.
Um 06:21 Uhr verbreiteten sich erste Videos in den Netzwerken. Ein Regierungschef, kreidebleich, angeblich in einem Bunker, sprach von Verrat und Vergeltung. Ein General erklärte, man habe keine Wahl. Ein Nachrichtensender meldete Explosionen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht stattgefunden hatten.
Um 06:24 Uhr wussten mehrere Geheimdienste, dass etwas nicht stimmte.
Um 06:26 Uhr war es zu spät.
Die Warnungen waren falsch, oder eben nicht vollständig. Genau das machte sie so gefährlich.
Ein Teil der Sensordaten stammte von echten Störungen. Einige Satelliten waren durch Cyberangriffe geblendet worden. Andere Daten waren manipuliert. Kommunikationskanäle waren mit gefälschten Befehlen geflutet worden. Deepfakes bestätigten, was die Systeme bereits zu sehen glaubten. Panik füllte die Lücken, in denen Gewissheit hätte sein müssen. Der Empfänger der Warnungen stufte den Angriff als echt ein und reagierte. Der erste Gegenschlag war begrenzt gedacht. Ein militärisches Ziel. Eine Warnung, ein Signal, dass man nicht kampflos sterben würde. Doch ein begrenzter Schlag bleibt nur begrenzt, solange alle Beteiligten dieselbe Wirklichkeit teilen. Das taten sie nicht mehr.

Innerhalb weniger Stunden tauchten ähnliche Warnungen in anderen Staaten auf. Manche waren vollständig gefälscht. Manche beruhten auf echten Angriffen, die als Reaktion auf falsche Angriffe ausgeführt worden waren. Manche wurden von autonomen Verteidigungssystemen fehlinterpretiert. Überall erschienen Videos, Tonaufnahmen und Dokumente, die bewiesen, was bewiesen werden sollte. Jeder Staat sah sich als Opfer. Jeder Gegenschlag wurde als Erstschlag des anderen verstanden. Jede Lüge erzeugte eine Wahrheit aus Feuer. In HELIOS standen die Menschen vor Bildschirmen und sahen zu, wie die Welt in Echtzeit zerbrach. Julian arbeitete sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf. Er berechnete Ausfallwahrscheinlichkeiten, half bei der Umleitung von Energieflüssen, priorisierte Schutzsysteme für Krankenhäuser und Kommunikationszentren, analysierte Einschlagsdaten und versuchte, aus widersprüchlichen Meldungen physikalisch plausible Ereignisse herauszufiltern. Luna war die ganze Zeit in seiner Nähe. Nicht immer neben ihm, aber im selben Chaos. Sie koordinierte technische Teams, prüfte Schäden an Verteilsystemen, verband Julians Modelle mit realen Anlagen, schrie einmal einen Offizier an, der ein Umspannwerk opfern wollte, ohne zu begreifen, dass daran eine halbe Stadt hing.
Irgendwann, tief in der zweiten Nacht, fanden sie sich in einem Wartungsgang wieder, weil der Hauptkorridor wegen eines Fehlalarms gesperrt war. Für drei Minuten hatten sie nichts zu tun. Drei Minuten in einer Welt, die brannte. Luna sank mit dem Rücken gegen die Wand. Julian blieb stehen, als wüsste sein Körper nicht mehr, wie Sitzen funktionierte.
„Wir können nicht alles retten.“, sagte sie.
Er starrte auf seine Hände. „Ich weiß.“
„Nein“, sagte Luna. „Du weißt es als Satz. Aber du glaubst es nicht, du fühlst es nicht.“
Julian antwortete nicht.
„Julian.“
Sein Name klang aus ihrem Mund anders. Nicht wie eine Akte. Nicht wie eine Erwartung. Einfach wie er.
„Wenn du jetzt zusammenbrichst, rettest du niemanden mehr“, sagte sie.
Er lachte einmal leise. Es klang brüchig. „Das ist ziemlich pragmatisch.“
„Ich bin Ingenieurin. Wir nennen das Romantik.“
Trotz allem musste er lächeln. Es war klein. Fast unsichtbar. Aber Luna sah es. Später würde Julian sich nicht an alle Alarme dieses Tages erinnern. Nicht an jede Zahl, nicht an jede Entscheidung, nicht an jede Meldung. Aber er würde sich an diesen Wartungsgang erinnern. An kaltes Licht. An den metallischen Geruch der Lüftung. An Luna, die neben einer Wand saß, während draußen die Welt auseinander fiel, und ihn ansah, als sei er nicht nur nützlich. Als sei er wichtig, nicht wegen dem, was er konnte, sondern trotz allem, was er versteckte.
Der Krieg, der an diesem Tag begann, bekam später viele Namen. Manche nannten ihn den Ersten Ressourcenkrieg, andere den Kaskadenkrieg. Wieder andere sprachen vom Krieg der falschen Sonnen, weil so viele Städte in jenen Jahren unter künstlichen Feuern aufleuchteten, heller als jeder Morgen, aber ohne etwas von dessen Wärme oder Hoffnung in sich zu tragen. Doch Namen kamen erst, als Menschen wieder Zeit hatten, auf das Grauen zurückzublicken und es in Worte zu zwingen.
Zuerst kamen die Ausfälle.
Stromnetze kollabierten, Lieferketten brachen, Häfen wurden blockiert, Satelliten zerstört und Datenzentren angegriffen. Krankenhäuser liefen auf Notstrom, bis auch der versagte, während Millionen aus Regionen flohen, in denen Wasser, Nahrung oder Schutz fehlten. Autonome Waffensysteme trafen Entscheidungen, die kein Mensch mehr rechtzeitig stoppen konnte, und Staaten zerfielen nicht immer durch Eroberung. Manche zerfielen durch Hunger, manche durch Angst, manche durch die einfache Tatsache, dass niemand mehr sicher wusste, welcher Befehl echt war.
Der Krieg tötete nicht nur durch Bomben. Er tötete durch Kälte und Hitze, durch Durst, fehlende Medikamente und Stromausfälle in Operationssälen. Er tötete durch Grenzen, die sich schlossen, durch Hilfe, die zu spät kam, und durch Lügen, die schneller waren als jede Rettung. Und irgendwo inmitten dieses langsamen Zusammenbruchs wurden Julian Weiss und Luna Bruckner Freunde. Dann mehr als Freunde. Nicht, weil die Welt ihnen Raum dafür ließ, sondern weil sie sich diesen Raum stahlen: zwischen Schichtwechseln und Alarmen, zwischen Berechnungen, die über Leben entschieden, in kurzen Gesprächen auf Treppenstufen, in geteilten Mahlzeiten aus Automaten und in Blicken über Konferenztische hinweg, die länger dauerten, als sie müssten.

Luna lernte, Julians Schweigen zu lesen. Julian lernte, dass Offenheit nicht automatisch bestraft werden musste. Bei ihr durfte er müde sein, ohne sofort funktionieren zu müssen. Er durfte wütend sein, ohne dass seine Wut gegen ihn verwendet wurde. Er durfte Angst haben, ohne kleiner zu werden. Vielleicht war genau das der gefährlichste Trost von allen, denn wer nichts mehr hat, kann nichts verlieren.
Julian hatte Luna.
Und damit hatte die Zeit einen Hebel gefunden.
Jahre später, als Städte nur noch als Narben auf Karten existierten und die Menschheit einen Großteil ihrer eigenen Zukunft begraben hatte, würde Julian begreifen, dass der Krieg nie der Anfang gewesen war. Er war das Ergebnis einer Spezies, die genug gewusst hatte, um sich zu retten, aber nicht genug Mut besessen hatte, es rechtzeitig zu tun. Energie war zur Waffe geworden, weil sie knapp war. Wahrheit war zur Waffe geworden, weil niemand sie mehr schützte. Und Angst war zur Waffe geworden, weil sie billiger war als Hoffnung.

 

Der Krieg machte aus der Zeit etwas Seltsames.
Früher hatte sie sich bewegt wie ein Fluss. Manchmal zu schnell, manchmal quälend langsam, aber immer in eine Richtung. Es hatte Montage gegeben und Geburtstage, Semesterferien, Prüfungstermine, verpasste Züge, erste Schneefälle, Sommernächte, die nach Asphalt und Regen rochen. Nach dem Beginn der Kaskade zerfiel Zeit in kleinere Einheiten.
Schichten. Alarme. Berichte. Einschläge. Ausfälle. Reparaturfenster. Schlafzyklen von neunzig Minuten, wenn man Glück hatte. Stunden, die sich wie Tage anfühlten, und Wochen, die verschwanden, ohne Spuren zu hinterlassen.
Für Julian Weiss begann die Welt nach 2022 nicht mehr morgens, sie begann, wenn ein Bildschirm rot wurde. HELIOS lief im Dauerbetrieb. Was einst ein Forschungsprogramm gewesen war, hatte sich in einen Knotenpunkt aus Wissenschaft, Verteidigung und Verzweiflung verwandelt. Die Abteilungen, die früher sauber voneinander getrennt gewesen waren, vermischten sich in der Praxis. Energieversorgung wurde zu Überleben. Materialforschung wurde zu Schutz. Analyse wurde zu Entscheidung. Jede Berechnung, die in einem Labor entstand, konnte wenige Stunden später darüber bestimmen, ob ein Krankenhaus Strom bekam, ob ein Bunker standhielt oder ob ein ganzer Stadtteil in Dunkelheit fiel.
Julian gewöhnte sich an die Geräusche. Das Summen der Serverräume. Das gedämpfte Rauschen der Lüftungsanlagen. Schritte auf Linoleumböden. Funksprüche hinter geschlossenen Türen. Das kurze, aggressive Piepen priorisierter Warnmeldungen. Die Stimmen von Menschen, die zu müde waren, um noch laut zu werden. Er gewöhnte sich auch an Dinge, an die sich niemand gewöhnen sollte: Listen mit Namen. Karten mit roten Zonen. Nachrichten von Außenposten, die irgendwann nicht mehr antworteten.
Manchmal fragte er sich, ob die Welt außerhalb von HELIOS noch existierte oder ob sie nur noch als Datenstrom in den Bildschirmen weiterlebte. Luna Bruckner war eines der Dinge, die sich seiner Berechenbarkeit widersetzten. Sie arbeitete in derselben Abteilung wie er, an der Schnittstelle zwischen Energiesystemen, Schutzarchitekturen und realer Infrastruktur. Julian modellierte Lasten, Druckwellen, Abschirmungen und mögliche Überlebensfenster und Luna sorgte dafür, dass diese Modelle in einer Welt funktionierten, in der Kabel brannten, Bauteile fehlten, Menschen Fehler machten und kein Plan jemals so ausgeführt wurde, wie er geschrieben worden war. Sie war keine romantisierte Sanftheit inmitten des Krieges. Sie war scharfkantig, wenn es nötig war. Direkt. Manchmal gnadenlos pragmatisch. Sie konnte einen Raum voller ranghöherer Männer zum Schweigen bringen, indem sie nur eine technische Schwachstelle aufzeigte und danach die Augenbrauen hob, als warte sie darauf, dass jemand den Mut hatte, ihr zu widersprechen.
Julian mochte das an ihr, auch wenn er es nicht zugeben konnte. Stattdessen korrigierte er ihre Simulationen, wenn ihm eine Annahme zu optimistisch erschien. Luna korrigierte seine, wenn sie merkte, dass er vergessen hatte, dass eine Gleichung keine kalten Hände bekam, wenn sie bei minus zwölf Grad eine Leitung reparieren musste.
„Dein Modell nimmt an, dass die Wartungseinheit innerhalb von vier Minuten am Knotenpunkt ist“, sagte sie eines Nachts, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
„Bei freier Strecke, ja.“
„Es gibt keine freie Strecke.“
„Dann sechs Minuten.“
„Acht.“

Julian blickte zu ihr hinüber. „Acht ist ineffizient.“
Luna drehte sich langsam zu ihm. „Acht ist menschlich.“
„Menschlich ist nicht unbedingt ein technischer Parameter.“
„Doch. Ihr nennt ihn nur immer erst dann so, wenn jemand gestorben ist. “

Der Satz blieb zwischen ihnen stehen.
"Wusstest du, dass man sich sagt, dass Menschen mit Heterochromie alles viel genauer wahrnehmen und den asboluten Durchblick haben?"
"Aberglaube.."
"Offensichtlich, denn du scheinst besagten Durchblick nicht zu besitzen."
Julian sah zurück auf sein Modell und änderte die Zahl auf acht. Luna bemerkte es. Sie lächelte nicht, aber sie sagte auch nichts.
So begann vieles zwischen ihnen: nicht mit Geständnissen, sondern mit kleinen Korrekturen. An Modellen. An Annahmen. Aneinander.

Der Krieg draußen wurde derweil größer.
2023 war das Jahr, in dem viele Menschen aufhörten, vom Kriegsende zu sprechen. Anfangs hatten Regierungen noch versprochen, die Lage zu stabilisieren. Begrenzte Operationen. Kontrollierte Antworten. Deeskalation durch Stärke. All diese Worte wurden so oft benutzt, dass sie irgendwann jede Bedeutung verloren. Jeder begrenzte Schlag erzeugte einen neuen begrenzten Gegenschlag. Jede zerstörte Anlage machte eine andere Anlage strategisch wichtiger. Jede Lüge, die als solche entlarvt wurde, hatte vorher bereits genug Menschen überzeugt, um echte Gewalt auszulösen. Die Deepfakes wurden besser. Nicht perfekter, denn Perfektion war gar nicht nötig. Sie mussten nur schnell genug sein. Ein Video musste nicht ewig glaubwürdig bleiben. Es musste nur die ersten fünf Minuten überleben. Fünf Minuten reichten für Panik. Fünf Minuten reichten für Märkte, für Befehle, für Mobs vor Regierungsgebäuden, für Raketenabwehrsysteme, die in erhöhte Bereitschaft versetzt wurden. Fünf Minuten waren eine Ewigkeit, wenn Angst den Takt vorgab.
Und Angst war der effizienteste Brennstoff, den die Menschheit je entdeckt hatte.
Luna hasste diesen Satz, als Julian ihn eines Abends aussprach. Nicht, weil er falsch war, sondern weil er wahr war. Sie standen in einem Kontrollraum, dessen Fenster auf einen Innenhof zeigten. Draußen fiel schmutziger Schnee, grau vom Staub der Brände, die seit Wochen in der Ferne immer wieder aufflammten. Auf den Bildschirmen liefen Meldungen über Energiepreise, Rationierungen und neue Priorisierungslisten. Ein Krankenhausverbund hatte beantragt, zusätzliche Versorgung zu erhalten. Ein militärischer Kommunikationsstandort stand in derselben Region auf derselben Liste. Der Kommunikationsstandort bekam Vorrang. Luna las die Entscheidung dreimal. Dann stellte sie das Tablet so hart auf den Tisch, dass einer der Techniker zusammenzuckte.
„Sie nehmen dem Krankenhaus die Reserve weg.“
Julian sah auf die Daten. „Der Standort stabilisiert mehrere regionale Frühwarnkanäle.“
„Ich weiß, was er tut.“
„Wenn die Kanäle ausfallen, könnten noch mehr Menschen sterben.“
„Und wenn die Intensivstation ausfällt, sterben Menschen, die gerade schon dort liegen.“
Julian schwieg einen Moment zu lange. Luna sah ihn an.
„Sag es.“
„Was?“
„Die Rechnung.“

Er atmete langsam ein.
„Strategisch betrachtet ist die Priorisierung nachvollziehbar.“
Luna lachte, aber es war kein Lachen. Es war ein Geräusch, das irgendwo zwischen Wut und Unglauben brach.
„Strategisch betrachtet“, wiederholte sie.
„Luna—“
„Nein. Nicht Luna.“
Sie trat näher, ihre Stimme leiser, aber schärfer. „Sag mir nicht meinen Namen, als wäre das eine Abkürzung für Beruhigung.“
Julian spannte den Kiefer an.
„Ich sage nicht, dass es richtig ist“, sagte er. „Ich sage, dass die Entscheidung aus Systemsicht—“
„Aus Systemsicht ist meine Mutter wegen solchen beschissenen Entscheidungen gestorben.“
Der Raum wurde still. Nicht vollständig. Die Geräte summten weiter. Irgendwo piepte ein Terminal. Aber die Menschen in ihrer Nähe bewegten sich nicht mehr. Julian sah Luna an. Sie hatte ihm nie viel über ihre Familie erzählt. Einzelne Sätze nur. Eine Mutter. Eine kleine Wohnung. Ein Vater, der irgendwann gegangen war oder vielleicht einfach nicht geblieben. Eine Kindheit, die nicht reich, aber warm gewesen war. Mehr wusste er nicht. Lunas Gesicht war hart, aber ihre Augen verrieten sie.
„Sie war krank“, sagte sie. „Nicht plötzlich. Nicht dramatisch genug für eine Schlagzeile. Eine dieser Krankheiten, bei denen Ärzte sagen, dass es schlecht aussieht, aber dass man Zeit gewinnen kann. Monate vielleicht. Vielleicht Jahre. Mit der richtigen Behandlung. Mit den richtigen Medikamenten. Mit Strom für die Geräte, mit Fahrten zur Klinik, mit einer Wohnung, die im Winter nicht auskühlt und im Sommer nicht zur Falle wird.“
Julian sagte nichts. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass jedes Wort zu groß und gleichzeitig zu klein wäre.
„Dann wurden die Preise schlimmer“, fuhr Luna fort. „Energie. Miete. Lebensmittel. Medikamente. Alles. Und jeder sagte, es sei temporär. Jeder sagte, es würde sich stabilisieren. Jeder sagte, man müsse priorisieren.“ Sie schluckte.
„Am Ende haben wir priorisiert. Heizung oder Fahrten. Medikamente oder Essen. Rechnungen oder Hoffnung.“
Julian spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
„Luna…“
„Nein.“
Ihre Stimme brach fast, aber sie hielt sie fest. „Hör zu. Einmal hörst du einfach nur zu.“
Er nickte langsam.
„Vielleicht wäre sie trotzdem gestorben“, sagte Luna. „Wahrscheinlich sogar. Ich bin nicht naiv. Ich weiß, was die Ärzte gesagt haben. Aber sie hätte eine Chance gehabt. Eine größere. Eine würdigere. Sie hätte nicht in einer Wohnung liegen müssen, in der wir nachts nur ein Zimmer geheizt haben, weil alles andere zu teuer war. Sie hätte nicht sehen müssen, wie ich so getan habe, als hätte ich keine Angst vor der nächsten Rechnung.“
Ihre sonst kastanienbraunen Augen verloren fast jegliche Farbe und fingen an in Tränen zu ertrinken. Sie hasste es sichtbar.
„Also ja, Julian. Ich verstehe Systeme. Ich verstehe Prioritäten. Ich verstehe verdammte Lastverteilungen. Aber jedes Mal, wenn jemand sagt, dass Energie nur ein Marktproblem ist, will ich schreien. Energie ist Leben. Wärme ist Leben. Behandlung ist Leben. Und wenn ihr alles in Tabellen presst, dann verschwinden die Menschen darin, bevor sie überhaupt tot sind.“
Julian stand reglos da. Er hatte in seinem Leben viele Vorwürfe gehört. Von seinen Eltern. Von Lehrern. Von Vorgesetzten. Von sich selbst. Aber dieser traf anders, weil Luna nicht versuchte, ihn kleinzumachen, sie versuchte, ihn zurückzuholen.
„Ich presse sie nicht in Tabellen, weil sie mir egal sind“, sagte er leise.
„Dann warum?“ Ihre Stimme brach mitten im Satz. Sie war deutlich erzürnt, dass Julian sie einfach nicht verstand. Die Antwort lag so lange in ihm, dass sie sich beinahe fremd anfühlte, als er sie aussprach.
„Weil ich sonst nicht funktionieren kann.“
Luna sah ihn an. Er zwang sich weiterzusprechen.
„Wenn ich jeden Namen sehe, jede Geschichte, jedes Gesicht, dann…“ Er brach ab, suchte nach einer Formulierung, die nicht wie Schwäche klang, und fand keine. „Dann weiß ich nicht, ob ich noch weitermachen kann.“
Für einen Moment war nur das leise Summen der Geräte zu hören. Luna wurde nicht weich. Nicht sofort. Aber ihre Wut veränderte ihre Richtung.
„Julian“, sagte sie, „Emotionen sind verflucht nochmal nicht dazu da, erstickt zu werden.“
Er sah weg.
„Genau das tun wir doch mit allem“, fuhr sie fort. „Mit der Erde. Mit Warnungen. Mit Menschen. Wir drücken alles runter, was unbequem ist, bis es keine Luft mehr bekommt. Und dann wundern wir uns, wenn es stirbt.“ 
Der Satz traf ihn härter, als sie wissen konnte. Vielleicht, weil er darin nicht nur die Welt erkannte. Sondern sich selbst. Die Erde erstickte an dem, was man zu lange ignoriert hatte. An Hitze, Rauch, Abgasen, an politischen Ausreden, an der Weigerung, Schmerz ernst zu nehmen, solange er noch nicht das eigene Haus erreicht hatte. Und Julian? Julian hatte sein ganzes Leben damit verbracht, alles in sich zu ersticken, was zu laut, zu weich, zu verletzlich gewesen war. Trauer. Wut. Sehnsucht. Angst.
Alles, was seine Eltern als Störung behandelt hatten. Alles, was niemand hatte sehen wollen. Luna trat einen Schritt zurück. Ihre Stimme wurde müder.
„Ich will nicht, dass du zerbrichst. Aber ich will auch nicht, dass du dich selbst begräbst und es Disziplin nennst.“
Dann ging sie. Sie nahm ihr Tablet, schob die Tür auf und ließ Julian im Kontrollraum zurück, zwischen Bildschirmen voller Zahlen und einem Satz, der nicht mehr aus seinem Kopf verschwand.

Emotionen sind nicht dazu da, erstickt zu werden.

In dieser Nacht träumte Julian zum ersten Mal von dem Mann mit den alten Händen. Er stand in einem Raum, den er nicht kannte. Steinwände, Kerzenlicht, der Geruch von Tinte, Staub und kaltem Regen. Auf einem Tisch lagen Zeichnungen von Maschinen, die unmöglich alt und unmöglich vertraut wirkten. Zahnräder, Linsen, Flugapparate, Anatomische Skizzen. Eine Sprache, die er nicht lesen konnte und dennoch verstand. Ein alter Mann beugte sich über ein Blatt Papier. Sein Gesicht lag im Schatten.
„Du kommst immer mit Augen voller Schmerz“, sagte der Mann.
Julian wollte fragen, wer er war. Doch seine eigene Stimme antwortete in einer Sprache, die er nie gelernt hatte.
„Ich weiß nicht, wie ich ihn zurücklassen soll.“
Der alte Mann hob den Blick.
„Dann lerne zuerst, dich selbst nicht zurückzulassen, Lucid.“

Julian erwachte mit einem Schlag. Sein Herz raste. Der Ruheraum war dunkel bis auf den dünnen Lichtstreifen unter der Tür. Irgendwo draußen lief ein Generator unrund. Für einige Sekunden wusste er nicht, welches Jahr es war. Dann kam die Welt zurück.

HELIOS. Krieg. 2023.

Er setzte sich auf und vergrub das Gesicht in den Händen.
"Lucid.."
Das Wort blieb wie ein Splitter in ihm stecken. Er erzählte niemandem davon. Am nächsten Morgen fand Luna ihn in einem Wartungsraum, wo er seit Stunden allein an einer Simulation arbeitete, die längst fertig war. Sie blieb in der Tür stehen.
„Du hast nicht geschlafen.“
„Doch.“
„Julian.“

Er schaute mit müdem Blick über den Bildschirm. „Ich habe die Augen zugemacht. Ungefähr das Gleiche.“
Luna sagte nichts. Nach ihrem Streit hätte er erwartet, dass sie ging. Oder dass sie eine neue Diskussion begann. Stattdessen stellte sie einen Becher Kaffee neben seine Tastatur und legte ein trockenes Brötchen daneben.
„Iss.“
„Ich arbeite.“
„Du simulierst gerade ein Stromnetz, das stabiler ernährt wird als du.“

Trotz allem zog ein kurzes Lächeln an seinem Mundwinkel. Luna sah es.
„Da. Er lebt noch.“
„Bedauerlich für deine Argumentation.“
„Meine Argumentation gewinnt auch gegen Tote.“

Julian machte seine mittlerweile viel zu lange gewordenen blonden, schon fast weißen Haare zusammen und nahm das Brötchen. Es war hart und schmeckte nach nichts, aber er aß trotzdem. Zwischen ihnen blieb etwas Unausgesprochenes, aber nicht mehr Feindliches. Der Streit hatte nichts zerstört. Er hatte eine Stelle freigelegt, die vorher unter Beton gelegen hatte. In den folgenden Wochen sprach Julian weniger wie ein Bericht. Nicht, wenn die Lage eskalierte. Aber manchmal, wenn nur Luna da war, ließ er einzelne Sätze fallen, als prüfe er, ob die Welt sie aushielt.
„Meine Eltern hätten gesagt, Müdigkeit ist eine Charakterschwäche.“
Luna verzog das Gesicht. „Wow. Sympathische Menschen.“
„Sie waren.. kompliziert.“
„Das ist das höflichste Wort für Arschlochverhalten, das ich heute gehört habe.“
Julian sah sie an. Luna hob die Hände. „Was? Ich bin Ingenieurin. Ich darf Dinge präzise benennen.“​​​​​​
Er wollte widersprechen, doch stattdessen lachte er leise. Es überraschte sie beide. Dieses Lachen war der erste Riss, durch den etwas Warmes fiel. Danach wurde ihre Sprache miteinander anders. Nicht in Besprechungen, nicht vor Vorgesetzten, nicht wenn die Welt wieder einmal so tat, als müsse sie bis Mittag entschieden haben, wer leben durfte. Aber in den Zwischenräumen, die sie sich stahlen, fiel die Förmlichkeit von ihnen ab wie Staub aus Kleidung.
Aus „Ihre Annahme ist nicht belastbar“ wurde irgendwann: „Das ist mutig gerechnet, Weiss.“
Aus „Könnten Sie bitte die Daten prüfen?“ wurde: „Kannst du mal kurz schauen, bevor ich dieses Terminal aus dem Fenster werfe?“
Aus „Frau Bruckner“ wurde „Luna“.
Aus „Weiss“ wurde „Julian“.
Und später, wenn die Nacht lang genug war und niemand mehr Energie hatte, erwachsen zu tun, wurde aus Julian manchmal einfach „Jules“. Er behauptete, er hasse es. Luna behauptete, sie glaube ihm kein Wort. Beide hatten ein bisschen recht.

2024 brachte keinen Frieden.

Das war schlimmer. Menschen konnten sich an fast alles gewöhnen, wenn es lange genug dauerte. An Ausgangssperren. An Lebensmittelkarten. An Stromfenster. An das Brummen von Drohnen in der Ferne. An Nachrichten, die man nur noch las, um zu wissen, welche Region als Nächstes nicht mehr auf der Karte funktionierte. HELIOS wurde erweitert. Neue Schutzräume. Neue Serverkapazitäten. Neue Labors unter Beton und Erde. Die Arbeit wurde spezialisierter, schneller, härter. Julian leitete inzwischen kleinere Teams, obwohl ihm die Rolle unangenehm war. Er war gut darin, Entscheidungen zu treffen. Zu gut, fand Luna manchmal. Denn jedes Mal, wenn jemand ihm Verantwortung gab, nahm er sie an, als müsse er beweisen, dass er unter ihrem Gewicht nicht zusammenbrach.
„Du weißt schon, dass du nicht Atlas bist, oder?“, sagte Luna einmal, als sie ihn um zwei Uhr morgens über drei Bildschirmen fand.
„Technisch gesehen trug Atlas den Himmel, nicht die Welt.“
„Oh mein Gott.“ Sie zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf fallen. „Du bist wirklich der einzige Mensch, der mitten in der Apokalypse mythologische Klugscheißerei betreibt.“
„Ungenaue Metaphern destabilisieren die Kommunikation.“
„Ungenaue Metaphern destabilisieren gleich meine Faust in dein Gesicht.“
Er sah sie an.
„Das war ebenfalls ungenau.“
„Aber emotional und wahrscheinlich auch physisch sehr stabil.“
Er lächelte. Sie auch. Solche Momente waren klein. Fast lächerlich klein im Vergleich zu dem, was draußen geschah. Aber gerade deshalb wurden sie wichtig. Sie waren Beweise dafür, dass nicht alles von der Kaskade verschlungen worden war. Dass Menschen noch Witze machen konnten, auch wenn der Kaffee aus Ersatzpulver bestand und jedes Fenster in HELIOS aus Sicherheitsgründen verdunkelt war. Manchmal saßen sie nach der Schicht auf einer Treppe zwischen zwei Sicherheitstüren, weil dort die Lüftung wärmer blies als im Aufenthaltsraum. Luna erzählte von ihrer Mutter. Nicht nur von ihrer Krankheit, sondern von ihr als Mensch. Dass sie zu laut zu schlechten Radiosongs gesungen hatte. Dass sie Pfannkuchen immer anbrannte und trotzdem behauptete, genau so müssten sie schmecken. Dass sie in den schlimmsten Monaten, als das Geld knapp und die Heizung fast aus war, noch versucht hatte, Luna zum Lachen zu bringen.
„Sie hat einmal gesagt, wenn die Welt untergeht, will sie wenigstens vorher noch die Stromrechnung ignorieren“, erzählte Luna. Julian sah sie an.
„Das ist… erstaunlich vernünftig.“
„Oder maximal verantwortungslos.“
„Beides schließt sich nicht aus.“
Luna lächelte traurig. „Sie hätte dich gemocht.“
Der Satz traf ihn unerwartet.
„Warum?“
„Weil du so aussiehst, als würdest du dringend jemanden brauchen, der dir ungefragt Essen hinstellt.“
„Das ist eine sehr spezifische Grundlage für Zuneigung.“
„Meine Mutter war eine sehr spezifische Frau.“

Julian senkte den Blick.
„Dann hätte ich sie vermutlich auch gemocht.“
Luna sagte nichts, aber ihre Schulter berührte seine. Sie zog sie nicht weg. Er auch nicht.

In jener Nacht schlief Julian wieder schlecht. Die Träume kamen nun häufiger. Nicht jede Nacht und nicht regelmäßig genug, um daraus ein verlässliches Muster abzuleiten, aber oft genug, dass er begann, den Moment zu fürchten, in dem er die Augen schloss. Es waren keine gewöhnlichen Träume. Nichts daran fühlte sich weich oder zufällig an, nichts hatte diese verschwommene Logik, mit der das Gehirn die Reste eines Tages sortierte. Diese Bilder kamen schärfer. Fremder. Als wären es Erinnerungen, die nicht zu seinem Leben gehörten und trotzdem in ihm abgelegt worden waren.

Er sah eine Stadt aus hellem Stein, über der ein Himmel voller Sternbilder hing, die er nicht kannte. Er sah eine Frau mit grauem Haar, die ihm eine Formel erklärte, während draußen Glocken läuteten, und einen Jungen, der ihn Meister nannte, mit einer Ehrfurcht in der Stimme, die Julian selbst im Schlaf beschämte. Dann wieder stand er auf einem Schlachtfeld, auf dem niemand moderne Waffen trug, und doch war der Geruch von Blut derselbe wie in den Berichten, die HELIOS täglich erreichten. Er sah eine Maske, weiß und glatt, mit schmalen Schlitzen für die Augen. Er sah Luna in einem Raum voller Staub, die seinen Namen sagte, ohne dass Ton aus ihrem Mund kam. Und immer wieder dieses eine Wort. Lucid. Manchmal wachte Julian auf und wusste Dinge, die er nicht wissen sollte: einzelne Wörter in Sprachen, die er nie gelernt hatte, den Aufbau eines mechanischen Geräts, das er nie gesehen hatte, den exakten Verlauf eines Sternbildes, das über Europa nicht sichtbar war. Es waren keine großen Offenbarungen, nichts, womit er etwas anfangen konnte, und vielleicht machte gerade das sie so verstörend. Sie wirkten nicht wie Botschaften. Eher wie Splitter von etwas Größerem, das irgendwo hinter seinem Bewusstsein lag und gegen die Oberfläche drückte. Er schrieb nichts davon auf. Das wäre zu real gewesen. Stattdessen suchte er nach Erklärungen, die weniger unmöglich klangen. Schlafmangel. Stress. Traumafolgen. Überarbeitung. Das Gehirn als Mustererkennungsmaschine im freien Fall. Er glaubte nicht wirklich daran, aber es war einfacher, als der Alternative einen Namen zu geben.

Luna merkte es natürlich. Luna merkte inzwischen fast alles.
„Du machst dieses Gesicht wieder“, sagte sie eines Morgens, während sie beide vor einem Automaten standen, der Kaffee versprach und braune Plörre ausgab.
Julian blinzelte. „Welches Gesicht?“
„Das Gesicht von jemandem, der gerade innerlich sieben Katastrophen berechnet und so tut, als wäre nur eine davon relevant.“
„Das ist mein normales Gesicht.“
„Eben.“
Er nahm seinen Becher. „Ich hatte nur schlecht geschlafen.“
„Du hast immer schlecht geschlafen.“
„Dann hatte ich konsequent geschlafen.“
„Jules.“

Er hielt inne. Sie benutzte den Namen selten. Gerade selten genug, dass er Wirkung hatte.
„Was ist los?“
Er hätte ausweichen können. Er war gut darin. Ein trockener Kommentar, eine technische Frage, ein Blick auf die Uhr. Irgendetwas. Stattdessen sagte er:
„Ich träume Dinge, die sich nicht wie Träume anfühlen.“
Luna wurde ernst. Nicht erschrocken. Nicht spöttisch. Ernst.
„Was für Dinge?“
„Fragmente. Orte. Menschen. Stimmen.“
„Krieg?“
„Auch.“

„Nur dieser Krieg?“
Er sah sie an. Das war das Problem mit Luna. Sie stellte selten die bequemen Fragen.
„Ne..“, sagte er. Sie nickte langsam, als hätte sie nicht verstanden, aber akzeptiert, dass Verstehen gerade nicht das Wichtigste war.
„Seit wann?“
„Seit dem Streit.“
„Unserem Streit?“
„Joa.“
„Okay.“

Er runzelte die Stirn. „Okay? So hat man früher auf unangenehme SMSen geantwortet.“
„Was soll ich sagen? Dass du verrückt bist? Das wäre erstens unhöflich und zweitens in diesem Gebäude keine besonders exklusive Diagnose.“
Trotz der Müdigkeit musste er kurz lachen. Luna lehnte sich gegen den Automaten. „Machen sie dir Angst?“
Julian antwortete nicht sofort. Dann nickte er.
„Schon etwas.“

Der Satz war klein. Aber für ihn fühlte es sich an, als hätte er eine Wand eingerissen. Luna legte ihre Hand nicht sofort auf seine. Sie machte keine große Geste daraus. Sie blieb einfach da, neben ihm, mit schlechtem Kaffee in der Hand und Augen, die nicht wegschauten.
„Dann musst du damit nicht allein sein“, sagte sie.
Julian blickte in seinen Becher.
„Ich weiß nicht, ob ich gut darin bin.“
„Worin?“
„Nicht allein zu sein.“
Luna atmete leise aus.
„Merkt man."
Er sah sie an, während er eine Augenbraue hoch gezogen hatte.
Sie zuckte mit den Schultern. „Sorry. “ Und dann, völlig unpassend, mitten in HELIOS, während draußen ein Krieg tobte und ein Kaffeeautomat endgültig den Glauben an Qualität verriet, lachten sie beide. Nicht lange, nicht laut, aber echt. Vielleicht war es genau das, was Julian am meisten Angst machte. Nicht der Traum, nicht das Wort Lucid, nicht einmal die Möglichkeit, dass etwas mit ihm nicht stimmte, sondern dass Luna eine Tür in ihm geöffnet hatte und nicht erschrocken war, als sie sah, wie dunkel es dahinter war.

Ende 2024 verlor HELIOS einen Außenposten. Der Angriff kam während eines Unwetters, das die Sensorik störte und die Reaktionszeit verkürzte. Später würde man von einer komplexen Angriffskette sprechen: Cyberstörungen, ein Drohnenschwarm, gezielter Beschuss auf die Energieversorgung und ein Timing, das entweder hervorragend geplant oder grausam zufällig gewesen war. Offiziell hieß es, der Standort sei evakuiert worden, bevor die Hauptstruktur versagte. Inoffiziell wussten alle, dass das nicht stimmte. Luna war an diesem Tag nicht im Außenposten, aber für elf Minuten glaubte Julian, sie sei dort gewesen. Eine falsche Meldung hatte ihren Namen auf einer Liste geführt, weil sie am Vortag für eine Remote-Kopplung des Systems eingetragen worden war. Elf Minuten lang stand ihr Status auf unbekannt. Elf Minuten lang beantwortete sie keine Nachricht, weil die internen Kanäle überlastet waren. Elf Minuten lang arbeitete Julian weiter, zumindest nach außen.

Er gab Anweisungen, priorisierte Systeme, korrigierte einen Fehler in einer Evakuierungssimulation und sagte einem Operator mit ruhiger Stimme, welche Leitung getrennt werden musste, um eine Kettenüberlastung zu verhindern. Niemand im Raum hätte ihm angesehen, dass in seinem Kopf immer wieder derselbe Name gegen jede andere Information schlug. Luna. Dann kam sie durch die Tür. Lebendig. Staub auf der Jacke, eine kleine Platzwunde an der Schläfe und sichtbar wütend, weil irgendjemand während des Alarms ihre Zugriffsrechte zurückgesetzt hatte.
„Wer zur Hölle hat mein Profil gesperrt?“, rief sie in den Raum. „Wenn ich rausfinde, welcher Sicherheitsclown—“
Weiter kam sie nicht. Julian stand auf. Zu schnell. Sein Stuhl kippte nach hinten und schlug auf den Boden. Alle sahen zu ihm, doch Julian sah nur Luna. Für einen Moment war sein Gesicht völlig offen. Keine Kontrolle, keine Berechnung, keine jener inneren Mauern, hinter denen er sonst alles verschloss. Nur blanke Angst, so unverstellt, dass Luna mitten im Satz verstummte.
„Julian?“
Er ging zu ihr, nicht dramatisch und nicht wie in einem Film, sondern wie jemand, dessen Körper vor seinem Verstand entschieden hatte, dass Abstand keine Option mehr war. Dann zog er sie an sich. Zu fest. Luna erstarrte kurz, vielleicht aus Überraschung, vielleicht weil sie spürte, dass diese Umarmung nicht nur Erleichterung war, sondern der Nachhall von etwas, das beinahe in ihm zerbrochen wäre. Dann legte sie langsam die Arme um ihn.
„Hey“, sagte sie leise. „Ich bin da.“
Julian antwortete nicht. Seine Finger krallten sich in den Stoff ihrer Jacke, als müsste er sich davon überzeugen, dass sie wirklich vor ihm stand und nicht nur eine weitere falsche Meldung war, die sein Kopf ihm zeigte, um ihn später umso grausamer zu korrigieren.
„Jules.“
Er schloss die Augen.
„Ich dachte, du wärst weg.“
„Bin ich nicht.“

Seine Stimme war kaum mehr als Luft. „Ich wüsste nicht, was ich getan hätte, wenn schon.“
Luna hielt ihn fester. Um sie herum taten Menschen sehr angestrengt so, als müssten sie auf Bildschirme schauen.
Später, in einem leeren Technikraum, saßen sie auf dem Boden zwischen Kabelschächten und Ersatzteilen. Luna hatte ein Pflaster an der Schläfe. Julian hatte die Hände ineinander verschränkt, als müsse er sie daran hindern, wieder nach ihr zu greifen.
„Du hast mich vor allen umarmt“, sagte Luna. Er sah zu Boden. „Da war wohl das Herz kurz lauter, als Kopf und Verstand.“
„Historischer Moment.“
„Bitte reich ihn nicht zur Archivierung ein.“
„Zu spät. Ich habe innerlich schon eine Gedenktafel montiert.“

Er lachte schwach. Dann wurde er wieder still. Luna beobachtete ihn.
„Du darfst Angst um mich haben“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Nein. Du weißt es wieder nur als Satz.“
Er atmete aus.
„Weißt du, das macht mir irgendwie Angst.“
„Angst?“
„Dass du wichtig bist.“

Luna schwieg. Julian schloss die Augen, als hätte er den Satz nicht sagen wollen und sei trotzdem froh, dass er draußen war.
„Das klingt schlimmer, als ich es meine.“
„Nein“
, sagte sie leise. „Tut es nicht.“
Er sah sie an.
„Es heißt nur, dass du etwas zu verlieren hast.“
„Das soll tröstlich sein?“
„Nein. Das soll ehrlich sein.“

Luna rückte näher. Ihre Schulter berührte seine. Wie damals auf der Treppe. Nur dass diesmal keiner von beiden so tat, als wäre es Zufall.
„Ich habe auch Angst um dich“, sagte sie. Julian wollte etwas Rationales sagen. Etwas über Wahrscheinlichkeiten oder Sicherheitsprotokolle oder darüber, dass sein aktueller Einsatzbereich statistisch weniger riskant war als ihrer. Er sagte nichts davon.
„Okay“, sagte er stattdessen.
Luna sah ihn an. „Okay? Das hat man früher auf unangenehme SMSen zurückgeschrieben.“
„Wow. Ich übe.“
„Was übst du?“

„Nicht sofort alles kaputtzureden.“
Sie lächelte.
„Stark. Charakterentwicklung.“
„Bitte sag das nie wieder.“
„Keine Chance.“

Luna nahm seine Hand, verschränkte ihre Finger zwischen seine. Kurz schien alles rundherum verstummt zu sein. Die Blicke trafen sich und ohne ein einzelnes Wort verstanden beide, dass etwas zwischen ihnen die Grenze überschritten hatte, die sie monatelang mit Arbeit, Sarkasmus und schlechten Ausreden bewacht hatten. Julian sah auf ihre Hände. Dann wieder zu ihr.
„Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll“, gab er leise zu.
Luna lächelte schwach. „Das ist okay. Du warst heute schon erstaunlich weit vorne mit ganzen Gefühlen.“
„Bitte mach daraus keinen Leistungsbericht.“
„Zu spät. Ich gebe dir eine solide Drei minus.“

Er wollte lachen, doch es blieb irgendwo zwischen seiner Brust und seinem Hals hängen. Stattdessen wurde sein Blick wieder ernst. Zu ernst vielleicht, denn Luna hörte auf zu lächeln.
„Ich bin froh, dass du da bist“, sagte er. Luna atmete langsam aus. Dann wurde es still. Nicht unangenehm. Nicht leer. Eher so, als hätte der Raum beschlossen, ihnen für einen Moment keinen Krieg aufzuzwingen. Luna saß so nah bei ihm, dass Julian die Wärme ihrer Schulter spürte. Ihr Daumen strich langsam über seinen Handrücken, vielleicht absichtlich, vielleicht nur, weil auch sie nicht wusste, wohin mit all dem, was gerade zwischen ihnen stand. „Jules“, sagte sie leise. Er sah sie an. Der Spitzname traf ihn anders als sonst. Nicht neckend. Nicht leicht. Sondern nah.
„Ja?“ Luna öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, doch diesmal fand auch sie keine Worte. Das allein machte Julian fast nervöser als jeder Alarm. Luna, die sonst immer irgendeinen Kommentar fand, irgendeine scharfe Beobachtung, irgendeinen Satz, der die Schwere aus einem Raum schnitt, saß plötzlich vor ihm und schwieg. Und vielleicht war genau das die Antwort. Julian bewegte sich nicht sofort. Er wollte nicht wieder einen Moment kontrollieren, der nicht kontrolliert werden wollte. Er wollte sie nicht zu etwas machen, das er analysierte, absicherte oder korrekt einordnete. Also blieb er einfach da, mit ihrer Hand in seiner, und ließ zu, dass sein Herz schneller schlug. Luna bemerkte es.
„Denkst du gerade wieder zu viel?“, fragte sie.
„Ja.“
„Überraschend.“
„Ich versuche, es zu lassen.“
„Und?“
„Katastrophal.“

Sie lächelte, aber ihre Augen blieben ernst.
„Dann vielleicht nur kurz nicht denken.“
Julian schluckte. Für einen Moment sahen sie einander nur an. Keine Sirenen. Keine Einsatzpläne. Keine Wahrscheinlichkeiten. Nur zwei Menschen auf einem kalten Boden zwischen Kabelschächten und Ersatzteilen, die beide viel zu lange so getan hatten, als wäre Nähe etwas, das man nach dem Krieg erledigen könnte. Julian hob langsam die freie Hand. Er berührte nicht sofort ihr Gesicht, stoppte kurz davor, als müsste er ihr noch immer die Möglichkeit geben, auszuweichen. Luna tat es nicht. Also legte er seine Finger vorsichtig an ihre Wange, knapp unter dem Pflaster an ihrer Schläfe. Seine Berührung war so behutsam, dass Luna beinahe traurig lächelte.
„Ich geh nicht kaputt“, flüsterte sie. Julian sah auf das Pflaster, auf den kleinen dunklen Rand getrockneten Blutes darunter.
„Das hat heute kurz anders ausgesehen.“
Lunas Blick wurde weich.
„Hey.“
Er sah ihr wieder in die Augen.
„Ich bin hier.“
Und diesmal sagte sie es nicht, um ihn zu beruhigen. Sie sagte es, als würde sie ihm erlauben, es wirklich zu glauben. Julian beugte sich langsam zu ihr. Noch immer zögernd. Noch immer mit dieser letzten Vorsicht eines Menschen, der gelernt hatte, dass alles Kostbare verschwinden konnte, sobald man es zu fest hielt. Luna kam ihm entgegen. Der Kuss war zuerst kaum mehr als eine Frage. Vorsichtig. Warm. Unsicher genug, um echt zu sein. Dann atmete Luna leise gegen seine Lippen aus, und Julian spürte, wie etwas in ihm nachgab, das seit Jahren angespannt gewesen war. Nicht alles. Nicht der ganze Schmerz, nicht die Angst, nicht der Krieg. Aber genug, dass er für einen Augenblick nicht funktionieren musste.
Nur fühlen.
Seine Hand blieb an ihrer Wange, ihre Finger hielten seine fest, und der Technikraum um sie herum wurde zu einem Ort außerhalb der Welt. Kein schöner Ort. Kein romantischer. Kabel an den Wänden, Metallregale, Staub, der Geruch von Öl und kaltem Beton. Aber es war ihrer. Für diesen einen Moment. Als sie sich voneinander lösten, blieb Luna nah genug, dass ihre Stirn fast seine berührte
„Okay“, flüsterte sie. Julian atmete zittrig aus.
„Schon wieder okay?“
„Diesmal gutes okay.“
„Gut.“
„Sehr gut sogar.“

Er schloss kurz die Augen, und diesmal war es nicht, um etwas wegzusperren. Luna sah ihn an. „Du wirkst gerade, als hättest du Angst, dass ich gleich einen Wartungsbericht über den Kuss schreibe.“
„Würdest du?“
„Nur intern.“
„Bewertung?“

Sie tat, als müsste sie ernsthaft überlegen.
„Technisch etwas vorsichtig. Emotional ziemlich katastrophal. Aber mit Potenzial.“
Julian lachte leise.
„Das klingt besser als 'ne Drei minus.“
„Definitiv. Mindestens Zwei plus.“

„Mindestens?“
„Übertreib’s nicht, Weiss.“

Er sah sie an, und in seinem Blick lag etwas so Offenes, dass Luna diesmal zuerst still wurde.
„Ich will das nicht kaputtmachen“, sagte er. Luna strich mit dem Daumen über seine Finger.
„Dann versuch nicht, es perfekt zu machen.“
Er nickte langsam.
„Ich weiß nicht, wie das geht.“
„Merkt man.“
Sie lächelte sanft. „Aber wir haben ja offensichtlich gerade mit Üben angefangen.“
Julian sah auf ihre verschränkten Hände. Dann wieder zu ihr.
„Und was ist das jetzt?“
Luna legte den Kopf leicht schief.
„Gerade?“
„Ja.“

Sie sah sich kurz im Technikraum um, als würde sie die Antwort irgendwo zwischen Ersatzteilen und Sicherungskästen finden.
„Gerade ist es ein leerer Technikraum, ein beschissener Tag, ein Kuss, den wir vermutlich beide schon länger vor uns hergeschoben haben, und zwei Menschen, die morgen sehr wahrscheinlich so tun werden, als wären sie professioneller, als sie sind.“
Julian schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Das klingt überraschend präzise.“
„Ingenieurin.“
„Stimmt.“

Luna lehnte sich wieder an seine Schulter, diesmal ohne Zögern.
„Wir müssen es nicht sofort benennen“, sagte sie. Julian legte seine Wange vorsichtig an ihr Haar.„Gut.“
„Aber wir tun auch nicht so, als wäre nichts passiert.“

Er atmete langsam aus.
„Auch gut.“
Eine Weile saßen sie einfach so da, zwischen Kabeln, Staub und Ersatzteilen, während irgendwo hinter den Wänden HELIOS weiterarbeitete, als hätte die Welt nicht gerade für einen winzigen Moment aufgehört, auseinanderzufallen. Dann erklang in der Ferne ein gedämpfter Alarm. Luna seufzte. „War ja klar.“
„Timing katastrophal.“
„Wie immer.“

Sie löste sich nicht sofort von ihm. Er auch nicht. Erst als der Alarm ein zweites Mal ertönte, stand Luna auf und zog ihn mit sich hoch. Ihre Hand blieb in seiner, einen Moment länger als nötig. An der Tür blieb sie stehen.
„Jules?“
„Ja?“

Sie sah ihn an, und diesmal war da kein Witz in ihrem Blick.
„Bitte sperr das hier nicht wieder irgendwo in dein Archiv.“
Julian sah sie lange an. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein.“
Luna nickte.
„Gut.“
Sie öffnete die Tür, und der Lärm von HELIOS kehrte zurück. Stimmen, Schritte, Geräte, Krieg. Aber als sie gemeinsam hinaustraten, hielt Julian ihre Hand noch immer fest. Und diesmal ließ keiner von beiden zuerst los. Das war der Abend, an dem aus dem, was zwischen ihnen gewachsen war, etwas wurde, das keiner von beiden noch vernünftig wegargumentieren konnte.

2025 war das Jahr, in dem die Welt begann, alt auszusehen. Nicht in den Kalendern. Dort standen weiter Monate und Tage, als hätte Zeit noch dieselbe Bedeutung wie früher. Aber auf den Gesichtern der Menschen lag etwas Ausgezehrtes. Städte wurden nicht mehr wiederaufgebaut, sondern provisorisch stabilisiert. Brücken trugen Notkonstruktionen. Fenster waren mit Folien ersetzt. Straßennamen verschwanden unter Ruß und Staub. Manche Regionen wurden nur noch als Versorgungszonen bezeichnet, nicht mehr als Heimat. Julian war dreißig geworden. Er hatte den Tag vergessen. Luna nicht.
Sie fand ihn spät am Abend in einem Analysebüro, in dem drei Bildschirme Licht auf sein Gesicht warfen. Er trug denselben Pullover wie am Vortag, hatte einen Stift hinter dem Ohr und sah aus, als hätte ihn jemand aus einem sehr wissenschaftlichen Grab gezogen.
„Alles Gute“, sagte sie.
Julian sah auf. „Wozu?“
Luna starrte ihn an.
„Bitte sag mir, dass das ein Witz war.“
Er dachte nach. Dann schloss er die Augen. „Oh.“
„Oh“, wiederholte sie. „Der Mann, der komplexe Netzinstabilitäten sechs Stunden vorher erkennt, vergisst seinen eigenen Geburtstag.“
„Zu meiner Verteidigung: Mein Geburtstag versucht nicht, ein Umspannwerk zu zerstören.“
„Noch nicht. Gib ihm Zeit.“

Sie stellte eine kleine Packung auf den Tisch. Kein richtiges Geschenk. Dafür gab es längst kaum noch Möglichkeiten. Es war ein Schokoriegel, vermutlich aus irgendeiner Notration gerettet, mit einer Schleife aus Isolierband darum. Julian sah ihn an, als hätte sie ihm etwas Unbezahlbares gegeben
„Luna…“
„Ja, ich weiß. Wahnsinnig glamourös. Halt dich zurück.“
Er nahm den Riegel vorsichtig in die Hand.
„Danke.“
Das Wort war schlicht. Aber seine Stimme machte es groß. Luna setzte sich auf die Tischkante. „Wünsch dir was.“
„Das funktioniert bei Schokoriegeln glaub' ich nicht.“
„In der Apokalypse gelten andere Regeln.“

Julian sah sie an. Für einen Moment war der Krieg weit weg. Nicht verschwunden. Nur weit genug, dass etwas anderes atmen konnte.
„Dann wünsche ich mir, dass du morgen noch da bist.“
Lunas Gesicht veränderte sich kaum. Aber ihre Augen wurden weich.
„Das ist ein beschissener Geburtstagswunsch.“
„Ich bin Anfänger.“
„Merkt man.“
Sie nahm seine Hand. Diesmal nicht nur kurz.
„Ich bin morgen da“, sagte sie. Julian wollte ihr glauben. Ein Teil von ihm tat es. Ein anderer Teil erinnerte sich an Staub in einem Traum. An Lunas stummen Mund. An eine Hand, die aus seiner glitt.

In derselben Nacht träumte er wieder. Er stand in einer Straße, die er kannte und nicht kannte. Gebäude ragten um ihn auf, beschädigt, aber nicht durch den Krieg, den er kannte. Der Himmel darüber war violett, durchzogen von Lichtspuren wie Narben. Menschen liefen an ihm vorbei, doch ihre Gesichter verschwammen, sobald er versuchte, sie anzusehen. Dann sah er Luna. Sie stand am Ende der Straße, barfuß im Staub, das Haar voller Asche. „Du bist zu spät“, sagte sie. Diesmal hörte er ihre Stimme. „Nein“, antwortete er. Aber seine eigene Stimme klang älter. Viel älter. Luna sah ihn traurig an. „Doch. Aber nicht zum letzten Mal.“ Der Boden zwischen ihnen riss auf. Julian rannte. Er erreichte sie nicht.
Als er erwachte, war sein Kissen feucht von Schweiß. Luna lag neben ihm auf der schmalen Liege im Bereitschaftsraum, eine Hand unter der Wange, erschöpft bis in den Schlaf. Sie hatte sich irgendwann nach ihrer Schicht zu ihm gelegt, ohne großes Gespräch, ohne Drama.
Einfach, weil beide gelernt hatten, dass Nähe manchmal die einzige verfügbare Medizin war.
Julian blieb reglos liegen. Er sah sie an. Die Linie ihres Atems. Den kleinen Schatten unter ihren Augen. Die Falte zwischen ihren Brauen, die selbst im Schlaf nicht ganz verschwand. Er dachte an ihren Satz. Emotionen sind nicht dazu da, erstickt zu werden. Sehr vorsichtig, als könnte jede Bewegung die Welt beleidigen, legte er seine Hand auf ihre. Luna bewegte sich kaum.
„Du denkst zu laut“, murmelte sie. Julian erstarrte.
„Sorry.“
„Schon okay.“ Ihre Augen blieben geschlossen. „Ist irgendwie dein Ding.“
Er musste lächeln. „Schlaf weiter.“
„Nur wenn du aufhörst, innerlich das Ende der Welt zu debuggen.“
„Ich verspreche nichts.“
„War klar.“

Sie drehte ihre Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen.
„Jules?“
„Ja?“

„Wenn du wieder schlecht träumst, weck mich.“
„Du brauchst Schlaf.“
„Du auch.“
„Das ist kein Argument.“
„Doch. Ihr Theoretiker erkennt nur praktische Wahrheit nicht, wenn sie euch ins Gesicht fällt.“

Er sah an die Decke.
„Ich habe Angst, dass ich dich irgendwann nicht retten kann.“
Jetzt öffnete Luna die Augen.
Für eine Weile sagte sie nichts.
Dann stützte sie sich leicht auf den Ellenbogen.
„Ich bin kein Projekt, Julian.“
„Das weiß ich.“
„Nein. Hör mir zu. Ich will nicht der nächste Punkt auf deiner Liste werden. Nicht Krankenhausversorgung, nicht Netzstabilität, nicht Luna-Sicherheitsprotokoll Version drei Punkt sieben.“

Er verzog das Gesicht. „Version drei Punkt sieben wäre übertrieben.“
„Julian.“

Er wurde still. Sie strich mit dem Daumen über seine Finger.
„Du darfst mich lieben. Du darfst Angst haben. Du darfst alles fühlen, was du die ganze Zeit wegdrückst. Aber du darfst nicht glauben, dass Liebe bedeutet, alles kontrollieren zu können.“
Er schluckte.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Dann lernen wir es halt.“
„So einfach?“

Luna schnaubte leise. „Nichts daran ist einfach. Aber ich hab mir leider einen emotional unterentwickelten Physiker ausgesucht, also muss ich wohl realistische Erwartungen haben.“
Er sah sie an. „Ausgesucht?“
Sie merkte zu spät, was sie gesagt hatte.
„Oh, halt die Klappe.“
Zum ersten Mal seit Tagen lachte Julian richtig. Luna warf ihm ein Kissen ins Gesicht. Es war kein Frieden. Aber es war ein Moment, der sich weigerte, Krieg zu sein. Und davon hatten sie zu wenige.

Im Laufe des Jahres wurden sie vorsichtiger und zugleich offener. Sie hielten ihre Beziehung nicht geheim, nicht wirklich. In HELIOS blieb ohnehin wenig verborgen. Aber sie machten kein großes Thema daraus. Der Krieg hatte jedem Menschen das Recht genommen, normale Dinge normal zu erleben. Also nahmen sie sich, was sie konnten. Ein Blick über einen Konferenztisch. Eine Hand im Rücken des anderen beim Vorbeigehen. Geteilte Kopfhörer in einem Serverraum, während draußen ein Alarm auf niedriger Priorität lief. Ein Kuss in einem Fahrstuhl, der wegen Stromsparmodus zwischen zwei Etagen stehen blieb. Luna nannte es „die schlechteste romantische Kulisse seit Erfindung der Liebe“. Julian sagte, statistisch gesehen müsse es irgendwo schlimmer sein. Sie sagte, er solle bitte nie Dating-Ratgeber schreiben. Er sagte, das sei bereits unter seinen langfristigen Lebenszielen priorisiert niedrig. Sie küsste ihn trotzdem. Solche Gespräche retteten nichts. Kein Netz. Keine Stadt. Keine Nation. Aber sie retteten etwas in Julian. Etwas, das er lange für entbehrlich gehalten hatte.
 

Je näher das Jahr 2026 rückte, desto häufiger kamen Julians Träume zurück. Sie wurden kürzer, härter, weniger wie Bilder und mehr wie Einschläge. Manchmal waren es nur Fragmente: Staub, Beton, ein metallisches Kreischen, Lunas Hand, Blut an seinen Fingern. Manchmal hörte er seine eigene Stimme, gebrochen und unmöglich alt, als käme sie aus einem Leben, das noch nicht geschehen war und trotzdem längst auf ihm lastete. Nicht schon wieder. Er sagte Luna nicht alles. Das war sein Fehler. Oder vielleicht nur seine Menschlichkeit. Er erzählte ihr von den Träumen, ja. Von den fremden Orten, von dem Namen Lucid und von diesem beunruhigenden Gefühl, manchmal Erinnerungen an Dinge in sich zu tragen, die nie geschehen waren. Aber von der wiederkehrenden Szene mit ihr erzählte er nicht. Nicht vollständig. Er konnte es nicht, denn solange er sie nicht aussprach, blieb sie vielleicht nur Angst. Nur ein Traum. Nur das Gehirn eines Mannes, der zu viel verloren hatte, bevor er überhaupt wusste, wie Verlust richtig funktionierte. An einem Abend im Februar 2026 standen Julian und Luna auf dem Dach eines Nebengebäudes von HELIOS. Der Zugang war eigentlich gesperrt, aber Luna kannte den Techniker, der das Schloss wartete, und Julian hatte inzwischen gelernt, dass manche Regeln nur deshalb existierten, damit man sie mit gutem Grund ignorierte. Der Himmel über ihnen war dunkel, aber nicht still. In der Ferne flackerten Lichtpunkte am Horizont, zu weit entfernt, um eindeutig zu sein. Vielleicht Wetterleuchten. Vielleicht Abwehrfeuer. Vielleicht beides. In dieser Welt war selbst der Himmel nicht mehr verlässlich genug, um nur Himmel zu sein.
Luna zog die Jacke enger um sich. „Weißt du, was ich vermisse?“
Julian sah zu ihr. „Normalen Kaffee?“
„Auch. Gott, ja. Aber nein.“
„Internet ohne Weltuntergang?“
„Das ist sehr hoch auf der Liste.“
„Menschen, die das Wort alternativlos nicht benutzen?“
„Okay, jetzt machst du mich traurig.

Er lächelte schwach, während Luna wieder zum Horizont blickte. Der Wind fuhr über das Dach, kalt und trocken, voller Staub, der aus irgendeiner zerstörten Gegend stammen konnte oder nur von der Straße unter ihnen. Inzwischen war selbst Staub nicht mehr unschuldig.
„Ich vermisse Langeweile“, sagte sie. Julian dachte darüber nach. „Langeweile?“
„Ja. Dieses dumme Gefühl, wenn nichts passiert und man sich genau darüber beschwert. Wenn man Sonntagabend auf dem Sofa liegt und irgendeinen schlechten Film laufen lässt, weil man zu faul ist, etwas Besseres auszusuchen. Wenn das größte Problem ist, dass morgen Montag ist.“
„Das klingt schön.“
„Es war schön. Wir waren nur zu blöd, es zu merken.“

Julian steckte die Hände in die Taschen und sah hinaus in die Dunkelheit, in der immer wieder ein fernes Licht aufflammte. „Ich glaube, Menschen merken meistens erst, was Frieden ist, wenn er weg ist.“
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass irgendwann jemand wieder dumm genug sein darf, sich über Montage zu beschweren.“

Er sah sie an. „Das ist dein Ziel?“
„Ja.“ Luna nickte, ohne Spott, ohne Ironie. „Eine Welt, in der Leute wieder harmlose, komplett unnötige Probleme haben.“
„Das ist überraschend poetisch.“
„Ich bin vielseitig.“
„Offenbar.“

Sie lehnte sich an ihn, und Julian legte den Arm um sie. Früher hätte er über diese Bewegung nachgedacht, hätte sie innerlich geprüft, eingeordnet, vielleicht sogar zurückgehalten, aus Angst, zu viel zu zeigen. Jetzt tat er sie einfach. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander, während unter ihnen HELIOS weiterarbeitete und über ihnen der Himmel flackerte.
Dann sagte Luna leise: „Du bist kein emotionsloser kalter Stein, Julian.“
Er antwortete nicht sofort. „Ich weiß nicht, ob ich das immer glaube.“
„Musst du nicht. Dann glaub ich es halt für dich mit.“
Julian schloss die Augen. In seiner Brust lag Schmerz, schwer und warm, aber diesmal erstickte er ihn nicht. Er ließ ihn da sein. Er ließ ihn atmen.
„Das ist unfair“, sagte er.
„Was?“
„Dass du das kannst.“
„Was denn?“
„Mich ansehen, als wäre ich in dem großen Ganzen mehr als nur nützlich.“

Luna wurde still. Dann nahm sie seine Hand, nicht hastig, nicht dramatisch, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn manchmal mehr aus dem Gleichgewicht brachte als jeder Alarm.
„Du bist mehr als das, was du leisten kannst“, sagte sie. „Für mich bist du sehr viel mehr.“
Der Satz war einfach, fast zu einfach, und vielleicht war er genau deshalb so schwer zu glauben. Julian sah zum Horizont, wo die Dunkelheit in unregelmäßigen Abständen aufleuchtete.
„Ich will nicht, dass diese Welt das Letzte ist, was du siehst.“
Luna drückte seine Hand. „Dann sorg mit mir dafür, dass sie es nicht bleibt.“
Er sah sie an. „Mit dir?“
„Ja, natürlich mit mir. Was dachtest du denn? Dass du allein dramatisch im Regen stehst und die Menschheit rettest?“
„Es regnet nicht.“
„Noch nicht. Gib dir Mühe, du bist doch der tragische Typ.“

Er lachte leise, und Luna lächelte, als hätte sie genau darauf gewartet.
Für einen Augenblick, einen einzigen absurden Augenblick auf einem gesperrten Dach in einer sterbenden Welt, sah Julian nicht den Krieg, nicht die Karten, nicht die roten Zonen und nicht die Träume. Er sah Luna. Nicht als Verlust, der bevorstand. Nicht als Fixpunkt einer Katastrophe. Nicht als Grund für etwas, das die Zeit selbst zerreißen würde.
Nur Luna.
Lebendig.
Warm.
Echt.
Dann heulte irgendwo unter ihnen ein Alarm auf. Der Moment zerbrach nicht. Er endete nur. Das war der Unterschied, den Julian erst später verstehen würde. Manche Dinge endeten, weil die Zeit weiterging. Andere, weil sie Gewalt erfahren hatten. Und manche endeten überhaupt nicht. Sie veränderten nur ihre Form. Als sie zurück in den Komplex liefen, griff Luna nach seiner Hand. Julian hielt sie fest, diesmal ohne Zögern, und irgendwo tief in ihm, unter Angst, Liebe und Schlafmangel, bewegte sich etwas, das noch keinen Namen hatte. Oder vielleicht doch. Noch ließ die Zeit Julian glauben, dass Liebe etwas war, das man schützen konnte, wenn man nur klug genug war. Wenn man schnell genug rechnete, stark genug blieb und jedes Risiko früh genug erkannte.

 

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Kapitel: 2
Sätze: 1.232
Wörter: 11.485
Zeichen: 70.480

Kurzbeschreibung

Die Welt endet langsam. Als Klimakrise, Energieknappheit und digitale Lügen die Menschheit in einen globalen Krieg treiben, arbeitet der junge Physiker Julian Weiss bei HELIOS an Systemen, die retten sollen, was noch zu retten ist. Dort begegnet er Luna Bruckner — einer Ingenieurin, die hinter seinen Zahlen wieder Menschen sichtbar macht. Zwischen Alarmen, Verlusten und einer zerbrechenden Welt entsteht etwas, das Julian längst nicht mehr für möglich gehalten hat. Liebe. Doch als Luna vor seinen Augen stirbt, zerbricht in ihm nicht nur die Hoffnung. Sondern die Zeit selbst.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Science Fiction auch im Genre Fantasy gelistet.