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Qui sibi nomen imposuit

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6.12.2018 17:42
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Warnungen: Transfeindlichkeit, Alkoholkonsum

Qui sibi nomen imposuit


„Schaut doch! Die Bäume, die Mauer! Alles so stimmungsvoll! Es ist der perfekte Platz für ein Grab.“ Rina deutete mit weit ausholenden Handbewegungen zunächst in der Gegend herum und dann auf den Boden. Steffen packte seine schwankende Mitschülerin am Oberarm und sagte mit hochgezogenen Augenbrauen: „Das liegt daran, dass das ein Grab ist. Wir sind auf dem Friedhof. Wow, wie betrunken bist du denn?“ Unwillig machte Rina sich los. „Das meine ich ja, deshalb ist, nicht wäre. Hier ist ein Grab, und das ist cool so.“ Sie war etwas unsicher auf den Beinen, doch wollte sie sich weder von Steffen noch von Matthias, dem Dritten im Bunde, helfen lassen. 

Matthias, der wie immer nüchtern geblieben war, da er keinen Alkohol trank, sah sich besorgt um. „Seid mal ein bisschen leiser, bis wir in der Kapelle sind, ja?“ Steffen nickte beruhigend. „Kein Problem. Aber beeilen wir uns lieber, bis Rina noch weitere spannende Entdeckungen macht, die sie uns mitteilen muss …“ Die drei hasteten, im Fall von Rina und Steffen etwas schwankend, zwischen den Gräbern hindurch, bis sie die kleine Kapelle erreicht hatten. Endlich konnten sie die Tür hinter sich zu ziehen, besonders Matthias war sichtlich erleichtert.

„Krass! Ich kann nicht glauben, dass die Tür immer offen ist! Wenn ich das gewusst hätte … ich hätte hier fürs Latein-Abi gelernt!“ Mit strahlenden Augen drehte sich Steffen im Kreis und nahm von dem Kapelleninneren auf, soviel er im Dunkeln sehen konnte. „Du Freak!“, murmelte Rina und kicherte. Der Genannte verzog kurz das Gesicht, so wurde er nicht gerne bezeichnet, aber selbst einem angetrunkenen Steffen war klar, dass Diskussionen mit einer betrunkenen Rina nicht viel Wert hatten. Stattdessen setzte er sich einfach auf den Boden und öffnete seinen Rucksack, um einige Flaschen herauszuholen. „Danke fürs Tragen, Mann!“ meinte Matthias, der sich im Schneidersitz neben ihm niederließ. Steffen grinste. „Tja, wenn man zu cool für einen Rucksack ist, ist man eben immer vom guten Willen anderer abhängig.“ Er reichte dem Freund eine Colaflasche. Der restliche Rucksackinhalt diente dem Zweck, Rina und ihn auch des letzten Rests an Nüchternheit zu berauben. Während Matthias die Flasche öffnete und sie dabei, um sich vor der heraufsteigenden Kohlensäure zu schützen, vom Körper weghielt, argumentierte er: „Ey, wir haben Abi. Nie wieder Schule! Ich werd‘ nie wieder einen Rucksack mit einer Trilliarde an Sachen drin durch die Gegend schleppen.“ Diese Aussage inspirierte Rina zu einem lauten Juchzen und einem gerufenen: „Scheiß auf Schule! Es ist vorbei!“ Matthias schaute sich besorgt um, doch wollte er nicht gleich wieder die Stimmung drücken, in dem er Rina um Ruhe bat. Sie waren ja jetzt hinter geschlossenen Türen und das Dorf schloss ja schließlich auch nicht direkt an den Friedhof an. Statt sich weiter zu sorgen, begann er, durch die Kapelle zu gehen, um sämtliche Kerzen anzuzünden, damit sie, wenn die Sonne vollständig untergegangen war, nicht im Dunkeln sitzen würden.

„Was ist denn das? Sieht ja edel aus!“ Rina hatte sich inzwischen neben Steffen plumpsen lassen und kramte in seinem Rucksack herum, um auch die letzte Flasche rasch ans Kerzenlicht zu bringen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, im schummrigen Flackern die Aufschrift zu entziffern. „Häh, was soll das denn heißen? Weltenbrand?“ Steffen kicherte. „Weinbrand! Hab‘ ich bei uns im Keller gefunden … Wir können es mit der Cola mischen oder einfach so trinken, ich kenn‘ mich da nicht so aus …“ Er zuckte mit den Schultern.

„Was? Mit meiner Cola mischen? Nee, trinkt ihr euer ekliges Gesöff lieber unverdünnt!“, beschwerte Matthias sich scherzhaft, während er seine Flasche übertrieben panisch von Steffen weghielt. Der schraubte den Deckel des unbekannten Alkohols auf, nahm einen tiefen Atemzug und verzog das Gesicht. „Oh, okay … ich muss sagen, bevor ich mich daran wage, muss ich schon extrem dicht sein!“

Nun saßen die drei in einem Kreis, zwischen sich einige Flaschen und ein paar kleine Chipstüten. Für ein paar Augenblicke waren sie alle still. Schließlich hob Steffen leicht verlegen eine Bierdose und sagte: „Also dann. Auf uns. Auf das Abi und unsere Zukunft und unsere Freundschaft.“ Deutlich leiser fügte er ein „und so“ hinzu, da er kein Mensch für feierliche Reden war, erst recht nicht dafür, ein angemessenes Ende für diese zu finden. Das störte die anderen beiden aber nicht, die jetzt mit ihm anstießen und sein „Auf uns!“ mit großer Ernsthaftigkeit wiederholten. Dann war es wieder eine Weile still, bis auf ein langsam einsetzendes Chips-Knirschen.

„Auch wenn man nicht zu auffällig sein darf, das hier ist schon ein Hammer-Ort zum Feiern! Ich wusste doch, dass unser Pfarrersohn irgendwann mit nützlichem Insiderwissen würde aufwarten können …“ Steffen grinste seinen langjährigen besten Freund an und Rina nickte begeistert.

„Ja, die anderen hängen jetzt in den Clubs ab, in denen wir schon tausendmal waren. Darauf hätte ich jetzt heute keine Lust!“ Wie zur Bestätigung wagte nun sie es, wirklich einen Schluck des Weinbrands zu nehmen und der nächste Teil ihres Satzes wäre fast in einem Hustenanfall untergegangen. „ … zu früh für Nostalgie! Die will ich vielleicht bei einem 10-jährigen Klassentreffen wieder sehen, aber vorher können die mir alle gestohlen bleiben.“

„Oh ja! Sobald der Abiball rum ist, werde ich erstmal alle aus Facebook löschen …“ Steffen lehnte sich mit genießerischem Gesichtsausdruck nach hinten und wäre fast rückwärts umgefallen.

„So schlimm?“ Rina sah ihn so mitfühlend an, wie es ihr in ihrem inzwischen schon sehr schwankenden Zustand möglich war. „Ich meine, dich haben doch alle in Ruhe gelassen. Also, eigentlich hat so gut wie niemand mit dir geredet …“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Sie war ja schon ohne Alkohol sehr direkt, aber so fehlte ihr jeder Filter.

Steffen lachte bitter, doch bevor er etwas sagen konnte, bemühte Matthias sich, das Thema zu wechseln: „Ist doch alles egal, jetzt! Wir haben die Schule überstanden, schaut mal in die Zukunft, Leute!“

„Nee, ich möchte das jetzt wissen! Was ist denn das Problem zwischen dir und den anderen, Steffen?“ Sie konnte manchmal sehr hartnäckig sein, was zum Beispiel in Streitgesprächen mit Lehrern oft unterhaltsam und ergiebig gewesen war, doch wenn sie ihre Freunde so in die Mangel nahm, war das für diese nicht ganz so angenehm.

Die beiden Jungen tauschten einen hilflosen Blick aus, bevor Steffen möglichst nonchalant sagte: „Ach, die, die nicht mit mir reden, das sind ja hauptsächlich die, die mich noch aus der Grundschule kennen. Da war ich halt noch ganz anders. Aber das ist jetzt auch egal.“ Letzteres sagte er sehr bestimmt, aber Rina ließ sich nicht abwimmeln.

„Was soll das denn heißen? Du warst in der Grundschule so schlimm, dass Leute deswegen fast zehn Jahre später noch nicht mit dir reden wollen? Das glaubst du wohl selbst nicht.“ Sie kicherte ungläubig und hickste.

Steffen umklammerte seine Bierdose so fest, dass es leicht knackte und ihm die säuerlich riechende Flüssigkeit über die Hände lief. „Schlimm habe ich nicht gesagt, nur anders.“

„Hä?“ Rina starrte, verwirrt. Matthias blickte nur noch schweigend und peinlich berührt in seinem Schoß.

Mit zusammengepressten Lippen wühlte Steffen in seinem Rucksack und zog schließlich seinen Geldbeutel hervor. Mit zitternden Fingern wühlte er hektisch in einem Stapel an Fotos, Kinokarten und anderen Erinnerungsstücken, bis er fand, was er suchte. Er warf das kleine Bild in Rinas Richtung und sie hob es verwirrt auf. Als sie es im Kerzenschein begutachtete, wurde ihr Blick noch verwirrter.

Das Foto war ein Einschulungs-Foto das ein kleines Mädchen mit zwei langen blonden Zöpfen zeigte. Sie umklammerte eine selbstgebastelte Schultüte, die grüne Mammuts und orangefarbene Dinosaurier zeigte und hinter deren Größe das Mädchen fast verschwand.

„Wie süß! Wer ist das?“ 

Steffen hatte die Knie an den Körper gezogen und umfasste sie so fest mit seinen Händen, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „Ich bin das“, antwortete er so leise, dass Rina es fast von seinen Lippen ablesen musste. 

„Was?“ Stieß sie jetzt entsetzt hervor. „Du bist eigentlich ein Mädchen?“ Ihr Blick schnellte zwischen dem Foto und Steffens Gesicht hin und her. Er wusste, dass sie jetzt nach Spuren des Kinderbildes in ihm suchte und hätte am liebsten mit den Händen sein Gesicht verborgen doch er riss sich zusammen.

„Nein. Ich bin kein Mädchen. Damals wusste ich nur nicht, dass ich ein Junge sein darf.“

„Najaaa,“ begann Rina und an diesem langgezogenen dahingeschluderten Ausdruck bemerkte man ihre Trunkenheit und ihren Zweifel. „Du bist ja kein Junge, du verkleidest dich nur wie einer. Zwar ziemlich gut, aber trotzdem. Du bist das Mädchen auf dem Bild, nur, dass du jetzt eine Frau bist.“

Steffen krümmte sich, als hätte sie ihm in den Magen geschlagen, doch sie war zu fasziniert von der Fotografie, um das zu merken. „Das stimmt nicht“, er sprach ganz leise, als wusste er, dass er nicht zu Rina durchdringen würde. „Das ist Stephanie. Ich bin Steffen.“

„Stephanie mit ph?“

„Ja. Ist das wichtig?“

„Klar! Ich will doch wissen, wie du richtig heißt.“

„So heiße ich nicht richtig. So haben mich bloß meine Eltern genannt, weil sie es nicht besser wussten, oder wissen konnten.“

„Stephan-„

„Nenn‘ mich bitte nicht so. Nie. Und erzähle niemandem davon. Die, die es wissen, haben mir das Leben in den letzten Jahren schwer genug gemacht.“

Rina schüttete nun abwechselnd Matthias‘ Cola und Weinbrand in einen Plastikbecher und nahm dann einen großen Schluck. Ihr Gesicht war nachdenklich und vor allem skeptisch. „Ich finde das krass spannend! Erzähl‘ doch mal – wann hast du gemerkt, dass du lieber ein Junge sein wolltest? Glaubst du, das ist für immer so? Vielleicht trägst du einfach lieber kurze Haare und so, und es ist nur eine Phase? Deshalb musst du ja nicht gleich so tun, als ob du ein Junge wärst.“

Steffens Stimmte zitterte jetzt, doch er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Er hatte geglaubt, Rina, seit sie vor zwei Jahren in die Nähe gezogen war und in seine Jahrgangsstufe gekommen war, ganz gut kennen gelernt zu haben, und nie hätte er sich diese Reaktion ausmalen können. 

„Ich bin nicht spannend. Ich bin einfach ich. Und deine Fragen sind schrecklich und unhöflich und … ach!“ Ärgerlich griff er die Vodkaflasche  und stürzte so viel Flüssigkeit herunter, wie es eben ging, ohne dass er in Husten ausbrach. Matthias machte kurz eine Geste, als wolle er ihm die Flasche abnehmen, hielt sich dann aber zurück. „Wie würde es dir denn gefallen, woran ich dich frage, woran du merkst, dass du ein Mädchen bist?“

Rina, deren Augen sich nun kaum noch auf einen Punkt fokussieren konnten, grinste lasziv und deutete dann, während sie langsam die Beine ausbreite, mit beiden Händen in ihren Schoß: „Weil es bei uns beiden da  unten genau gleich aussieht, oder nicht, Stephanie?“

Steffen rappelte sich auf und stolperte von ihr weg als habe sie sich auf ihn gestürzt. „Nenn‘ mich nicht so, habe ich gesagt! Und wie es bei uns“ – seine Finger bildeten Anführungszeichen – „da unten aussieht tut mal überhaupt nichts zur Sache!“

„Ehh, ich würde sagen, das tut alles zur Sache?“ Jetzt stand auch Rina auf und näherte sich ihm langsam und vorsichtig, ihn dabei begutachtend, als hätte sie ihn noch nie zuvor gesehen. „Ich meine, du kannst dich kleiden, wie du magst, und stylen, wie du willst, aber du hast mich belogen? Ich dachte zwei Jahre lang, du wärst ein Junge? Stell dir mal vor, dass ich mich in dich verliebt hätte! Ist ja ekelhaft. Ich mein‘, natürlich verzeih‘ ich dir, du bist immer noch super nett und alles, aber du bist halt Stephanie.“

„Nenn‘ ihn nicht so!“ Jetzt reichte es auch dem Matthias. „Er hat dir jetzt zwei Mal gesagt, dass er den Namen nicht hören will. Weißt du überhaupt, was für ein Vertrauensbeweis das war, dass er dir dieses Bild gezeigt hat, und du verhältst dich dann so?“

„Hey, hey, beruhigt euch!“ Rina schaute verwirrt umher und konnte gar nicht verstehen, wieso ihre Freunde plötzlich so aufgewühlt waren. „Ich mein das ja nicht böse. Es ist nur …“ Ihr Becher schwankte in ihrer Hand, doch sie konnte ihn gerade noch halten, bevor er runter fiel. Dann trank sie ihn mit einem langen Zug aus, während sie sich bemühte, ihre Gedanken zu sammeln. „Ist das nicht einfach voll kindisch, so zu tun, als wäre man das andere Geschlecht? Im Kindergarten hat man doch manchmal so gespielt … Im Spiel bin ich jetzt das und das … Aber Stephanie kann das doch nicht einfach für den Rest ihres Lebens tun. Das ist doch nur … ein freundlicher Ratschlag von mir.“

„Sag‘ den Namen nicht noch mal!“ Matthias, der vorhin noch so auf Ruhe gepocht hatte, schrie nun fast.

Steffen war ganz still geworden und hielt die Augen geschlossen, um die Welt um ihn herum nicht mehr sehen zu müssen. „Das andere Geschlecht“, murmelte er spöttisch und bei den erneuten Fingergänsefüßchen ließ er die Vodkaflasche fallen, reagierte jedoch nicht, als sie auf dem Kapellenboden zersplitterte.

„Oh fuck, das müssen wir aufräumen …“ Matthias bückte sich, um die Glasscherben aufzuheben, warf dann aber Steffen einen Blick zu, ob er ihm irgendwie helfen konnte und blieb schließlich ratlos irgendwie in der Schwebe stehen.

Rina schnaubte spöttisch und wandte sich nun zur Tür. „Ich werde hier garantiert nix aufräumen. Ihr spinnt ja heute übelst rum und seid super dramatisch. Danke für die Getränke, aber das Putzen überlasse ich lieber dir und deiner besten Freundin.“ 

Matthias blieb jedes Wort im Hals stecken, so beobachtete er sie nur, wie sie nach draußen torkelte. Als die Tür unsanft ins Schloss fiel, kam wieder Leben in ihn und er wandte sich zu Steffen um.

Der war in die Knie gegangen, sammelte mit bloßen Händen die Scherben der Vodkaflasche ein und wischte ab und an mit den zerschnittenen und blutschmierigen Fingern die Tränen weg, die ihm über die Wangen liefen. „Das ist alles so ein Dreck. Egal wo ich sein werde, sobald jemand rauskriegt, dass … oh, scheiße. Ich werde einfach immer wieder Stephanie sein und ich weiß nicht wie, ich die ganze Scheiße aushalten soll.“

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Kurzbeschreibung

Drei Jugendliche, die soeben das Abi geschafft haben, möchten dieses Ereignis gemeinsam feiern. Als Steffen jedoch gedrängt wird, ein Geheimnis aus seiner Vergangenheit preiszugeben, läuft der Abend nicht ganz so, wie geplant, und es zeigt sich, wie fragil Freundschaften sein können.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Trauriges auch in den Genres Freundschaft und Tragödie gelistet.