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404 not found

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19.5.2018 23:52
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

„Stimmst du hiermit zu, dass wir das heutige Gespräch, am 7. Juni 20XX, für den späteren Verlauf unserer Ermittlungen aufzeichnen und verwenden dürfen?“

„Ja.“

„Wir brauchen noch einmal deinen Namen, nur fürs Protokoll.“

„Tiara. Tiara Meiß, 17 Jahre.“

„Dein Alter brauchst du gar nicht sagen.“

„‘Tschuldigung.“

„Halb so wild. Kommen wir zur ersten Frage: In was für einer Beziehung standest du mit Maik?“

„Maik und ich kannten uns schon lange. Wir waren so etwas wie beste Freunde. Wir waren auch einmal kurz in einer Beziehung, er und ich.“

„Du sagst, ihr kanntet euch schon lange. Wann habt ihr euch denn kennengelernt?“

„Das war… damals, in der Grundschule. Ich war gerade erst in diesen Vorort gezogen, deswegen war ich relativ ängstlich an meinem ersten Schultag. Maik muss das wohl irgendwie bemerkt haben und kam direkt mit einem breiten Grinsen auf mich zu. Dann fragte er mich ‚wollen wir Freunde sein?‘ und ich fand das so blöd, dass ich es ihm nicht ausschlagen konnte. So war er schon immer, komisch und doch irgendwie einfühlend.“

„Darf ich fragen, auf welche Grundschule ihr gegangen seid?“

„Auf die katholische Grundschule, direkt hier neben der Polizeiwache.“

„Aha. Ist dir denn in letzter Zeit irgendetwas an seinem Verhalten aufgefallen, irgendetwas Merkwürdiges?“

„Nicht wirklich, nicht, dass mir etwas einfallen würde… Allerdings hat er sich die letzten Jahre immer weiter zurückgezogen. Früher konnte man sich echt noch gut mit ihm treffen, einfach ein wenig herumschlendern, aber die letzten Jahre hat er eigentlich nur in seinem Zimmer verbracht. Immer, wenn ich ihn gefragt hab‘, was er denn letztes Wochenende gemacht hat, er war immer vor seinem PC. Fast, als ob er ihn eingesaugt hätte.“

„Also hattest du in letzter Zeit nicht mehr so viel mit ihm zu tun gehabt, wenn ich das richtig verstehe?“

„Ja, genau. Um ehrlich zu sein, ihn als meinen besten Freund zu bezeichnen würde ein falsches Bild der Situation zwischen uns beiden geben. So eng waren wir gar nicht mehr befreundet, weil er eben nie da war, wenn irgendetwas Interessantes passiert ist. Oder wenn generell etwas passiert ist. Er hat halt immer gefehlt, aber dann doch nicht genug, um ihn dazu zu überreden, auch mal Zeit mit seinen echten Freunden zu verbringen.“

„Was meinst du mit ‚echten Freunden‘?“

„Wenn man sich mit Maik unterhalten hat, dann gab es immer nur ein Thema: Diese bescheuerten Internet-Foren. Irgendwelche Chaträume, in denen er ja so ‚unglaublich tolle Freunde auf die man sich immer verlassen kann‘ getroffen hat. Da verbrachte er dann halt auch die meiste Zeit, unterhielt sich mit wildfremden Menschen, deren Namen er oft gar nicht mal kannte. Es fielen immer nur komische Usernames, die sich die Leute da gaben. Er kannte diese Menschen ja noch nicht einmal richtig, es waren nur Silhouetten. Ich will mir gar nicht vorstellen, was da immer hinter dem Bildschirm sitzt, da läuft mir direkt ein kalter Schauer übern Rücken.“

„Hatte er sonst noch etwas erwähnt? Irgendwas, was mit seinem, nennen wir es mal ‚Verschwinden‘, in Verbindung stand?“

„Nein, auch nicht. Die Gespräche über die Foren sind das einzige, wovon ich ihnen erzählen kann. Wüsste ich mehr, glauben sie mir, ich würde ihnen alles sagen.“

„Von seinen Eltern habe ich erfahren, dass seine Schulnoten in letzter Zeit ziemlich abgesackt sind. Glaubst du, dass ihn das irgendwie beeinflusst hat?“

„Nein, das kann man ausschließen, denke ich. Auch wenn Maik zugegebenermaßen früher mal besser in der Schule war, war sie ihm nie besonders wichtig. Er wollte immer schon Bäcker werden und jetzt nach der zehnten von der Schule gehen. Dass er Bäcker werden wollte, das wusste er schon in der Grundschule, da haben wir immer Matschkuchen gebacken…“

„Und was genau hat er an dem Tag seines ‚Verschwindens‘ getan?“

„Er kam ganz normal in die Schule, zwei Minuten oder so zu spät. In den ersten beiden Stunden hatten wir Mathe, da hat er erstmal eine ordentliche Standpauke von unserem Lehrer verkraften müssen. Danach hat er sich auf seinen Tisch gelegt und versucht zu schlafen, woraufhin er dann vom Matheunterricht verwiesen worden ist. Unser Lehrer hatte echt keinen guten Tag. Was nach den beiden Stunden passiert ist, das kann ich ihnen nicht sagen, da waren wir in unterschiedlichen Kursen. Da fragen sie am besten irgendwen anders.“

„Jetzt noch eine Frage an dich: Brauchst du noch psychologische Hilfe? Können wir dir da irgendwie helfen?“

„Nein, ich glaube, ich sollte das ganz gut verkraften. Wie gesagt, so eng waren wir ja gar nicht mehr befreundet, irgendwie…“

„Na gut. Gibt es sonst noch etwas, dass du sagen willst?“

„Nein. Ich glaube nicht. W-Wie gesagt, er wollte immer schon Bäcker werden, und er h-hat mir versprochen, dass ich seine ersten Brötchen probieren dürfte, und er würde sie mit viel Liebe backen und…“

„Hey, du brauchst doch nicht weinen. Soll ich dir ein Taschentuch geben?“

„N-Nein, es geht schon so. Wobei, ich hätte doch noch eine Sache zu sagen: Wenn sie Maik in nächster Zeit sehen sollten, dann sagen sie dem Arsch bitte, dass er schleunigst wieder zu uns zurückkommen soll, weil ich unglaublich sauer auf ihn bin. Hast du mich verstanden?!?“

 

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