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Gehen - einfach weggehen...

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21.05.20 22:16
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

War ihr Koffer so schwer oder lag das an ihrem Herzen, das alles schwer machte? Sie wusste es nicht und ging weiter - in der linken Hand ihren grauen Koffer und über der rechten Schulter ihre schwarze Umhängetasche. Der Weg schien so lang und wollte nicht enden.
Einige Menschen gingen an ihr vorbei. Aber sie sah sie nicht. Sie waren in diesem Moment nur Gestalten, die sich bewegten. Es waren wohl noch gute 30 Meter bis zur Bushaltestelle. Der Griff vom Koffer schnitt ihr allmählich in die Hand. Sie setzte ihn ab. Dann hing sie ihre Tasche über die linke Schulter und hob den Koffer mit der rechten Hand hoch. 'Weiter. Geh einfach weiter - und schau dich bloß nicht um' dachte sie und atmete tief durch. Die Entscheidung war ihr nicht leicht gefallen - wirklich. Es war einfach aussichtslos und eine andere Lösung fiel ihr nicht ein, als alles hinter sich zu lassen und zu gehen. Niemand würde sie vermissen. Also war es bestimmt richtig so.
Der Himmel war grau und passte zu ihrem Inneren. Sie konnte und wollte jetzt nichts helles oder buntes sehen. Der Wind zerrte an den Bäumen, die neben dem Bürgersteig in die Höhe ragten. Die Blätter rauschten mal leise und dann wieder lauter. Sie wünschte sich, dass der Wind sie auf seinem Rücken davon tragen würde. Egal wohin, Hauptsache weg von hier.
Sie war fast an der Haltestelle angekommen, als ein Wassertropfen auf ihre Hand fiel. Sie blickte in den Himmel und weitere Tropfen folgten - trafen auf ihre kurze Jeansjacke, auf ihre glatten rotblonden Haare und ihr blasses Gesicht. 'Na und? Auch egal jetzt' dachte sie ud erinnerte sich, wie sie als Kind stets versucht hatte, im Regen ihre Sommersprossen wegzuwaschen... 'Dumm. Ich war so dumm' war ihr Gedanke. Sie stellte ihren Koffer neben der Bank im Wartehäuschen ab und wischte sich wie damals mit beiden Händen durchs Gesicht. Aber diesmal, um ihre Tränen wegzuwischen, die der Regen für sie versteckt hatte.
Außer ihr war niemand dort. Sie mochte sich nicht setzen und blieb stehen. An der durchsichtigen Wand, auf der Bank - die üblichen Schmierereien, die wohl jede Haltestelle schmückten. Aber das alles nahm sie eigentlich gar nicht wahr. Ihre Gedanken liefen schon wieder zurück nach gestern... Stopp! Nicht! Sie wollte es nicht! Nicht schon wieder dieses Bild, das in ihr Herz stach. Verdammt! Warum? Warum nur? Verfluchtes Gestern!
Gestern, als sie in die Wohnung kam. Gestern, als sie schon im Flur dieses Stöhnen hören konnte - von zwei verschiedenen Stimmen. Gestern, als sie ins Schlafzimmer kam und ihren Verlobten mit ihrer besten Freundin sah. Gestern, als er mit ihrer besten Freundin Sex hatte...
Sie schloss ihre Augen und hielt sich mit ihren Händen die Ohren zu. Schluss! Aufhören! Und genau das tat sie. Sie machte Schluss. Mit ihrem Verlobten, mit ihrer Freundin, mit dieser Stadt. Einfach mit allem...
Plötzlich spürte sie, wie irgendwas an ihrer Jacke zupfte. Sie öffnete die Augen und nahm ihre Hände von ihren Ohren weg. "Hast Du viel Aua im Kopf?" Ein Paar blaue Augen sahen sie besorgt von unten an. Ein Kind mit rotblonden Zöpfen und Sommersprossen im Gesicht stand vor ihr und schaute sie mit großen Augen an. - Gestern war verschwunden... Ihr verletztes Herz strömte auf einmal eine wohltuende Wärme aus. Der Regen hatte aufgehört und ein paar Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Wolken. Dann ging sie in die Hocke, sah das Kind an und lächelte. "Jetzt nicht mehr" sagte sie zu dem kleinen Mädchen. "Wie geht das Aua einfach so weg?" war die nächste Frage von der Kleinen. Da antwortete sie:"Das hast du wohl gemacht." In diesem Moment fiel ihr wieder ein, was ihre Großtante mal zu ihr gesagt hatte, und sie erzählte es dem kleinen Mädchen. Dann richtete sie sich wieder auf und blickte kurz in den Himmel, der sich auftat und Platz für die Sonne machte. Sie schaute wieder hinunter zu dem kleinen Mädchen, doch es war verschwunden. Sie ging vor das Haltehäuschen und schaute sich überall um. Aber sie fand es nicht. Nur ein paar Gänseblümchen lagen dort, wo das Mädchen zuvor stand... Gänseblümchen - die hatte sie damals auch immer gepflückt... Sie hob sie auf und steckte sie in ein kleines Loch in der Bank.
Der Bus fuhr heran. Sie nahm ihr Gepäck in die Hand und ging bis zur Bordsteinkante. Nachdem der Bus hielt, öffnete der Busfahrer die Türen. Sie schaute sich noch einmal um - und es tat gar nicht mehr so weh. Dann stieg sie in den Bus, suchte sich einen Platz und setzte sich. Den Koffer und die Tasche hatte sie auf dem Sitz neben sich platziert. Die Türen schlossen sich und der Bus fuhr los. Einmal schaute sie noch zu den Gänseblümchen rüber, während sie den Satz von ihrer Großtante leise wiederholte:"Jeder kann die Welt ein bisschen verzaubern - auch Du."
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Autorennotiz

Eure Ideen, Gedanken oder Verbesserungsvorschläge könnt Ihr mir gerne schreiben.
Ich freu mich.

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BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 24.01.2022 um 17:59 Uhr
Liebe Silly,
nach mehr als einem Jahr, habe ich diese Geschichte noch einmal gelesen. Sehr konsequent und folgerichtig handelt Deinen Protagonistin. Die Begegnung mit dem kleinen Mädchen an der Bushaltestelle und zum guten Schluss, der Satz der Großtante machen die Geschichte endgültig stimmig. Danke!
Liebe Grüße Bernd

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Kurzbeschreibung

..eine Frau, die sich von allem löst und eine wundersame Begegnung mit ihrer Vergangenheit hat...