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Cappuccino der Erinnerung

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23.03.20 19:27
In Arbeit

CAPPUCCINO DER ERINNERUNG

 

Heute ist es Samstag. Heute kommt wieder der junge Herr zu Besuch, der sich jeden Samstag hier in meinem verwunschenen Café einen Kaffee holt. Er kommt nun schon seit einigen Wochen, jeden Samstag pünktlich um Acht. Er muss wohl in der Nähe wohnen, denn mit dem Auto kam er noch nie. Selbst bei jedem Wind und Wetter lässt er es sich nicht nehmen, sich auf den Weg zu machen, um sich einen Kaffee zu holen. Dass ihm mein kleines Café ausgesprochen gut gefällt, hat er schon mehrmals erwähnt. Er mag besonders die Lehmziegel, die von außen schon etwas bröckeln, von innen aber meinem Café ein ganz besonderen Charakter verleihen.

Gut gekleidet ist er ja und sein dunkles Haar ist immer mit etwas Gel aufgerichtet. Ich mag auch seine Stimme, sie ist angenehm warm und irgendwie beruhigend. Kurz nachdem er das Café betritt kommt noch ein Hauch seines guten Dufts in meine Nase. Wahrscheinlich dieses neue Parfum der großen Marke. Zugegeben könnte er sich mal wieder neue Schuhe leisten. 

Und da ist er wieder, immer höflich und zuvorkommend. Stets lässt er jedem den Vortritt, der mit oder auch nach ihm das Café betritt. Er findet dabei immer dieselben Worte:

„Die Dame, der Herr, bestellen Sie gerne vor mir, das Wochenende gehört ganz mir.“

Müsste ich ihn mit einem Wort beschreiben, so würde ich sagen, er ist ein Grand­sei­g­neur. Einer der die Tulpen und Rosen, die Hunde und Pferde, die Vögel und Wolken liebt. Und doch steht zu seinem sonnigen Gemüt ein Widerspruch. Er trägt eine Traurigkeit in seinen Augen. Ein Blick in seine Augen verrät, dass er das Funkeln vor langer Zeit verloren haben muss.

Ich habe mich schon gefragt, ob er denn niemals verreist. Samstags ist auf ihn verlass. Ich muss ja immer schmunzeln, wenn es regnet. Dann sieht man ihn mit seinem übergroßen Regenschirm, in einem quietschenden Gelb. Obwohl er sehr gut gekleidet ist, hat er sich beim Schirm wohl etwas im Geschmack vertan.

Es ist wieder Samstag, doch um Punkt Acht kam er heute nicht. Die letzten Monate hat er immer einen stets vitalen und gesunden Eindruck gemacht. Daher habe ich nicht in Erwähnung gezogen, dass er krank sei. Ich habe mir anschließend auch keine weiteren Gedanken gemacht. Dann blickte ich zur Türe und hörte das Klingeln und vernahm, dass er bereits noch während er in der Türe stand,

„Einen herzlichen guten Morgen“, wünschte.

Mit seinen Wünschen bekam ich noch ein kleines Näschen von seinem herrlichen Duft ab. Dabei grinste er, wie er es immer tat. Das ist schon sehr süß.

Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es bereits Neun war. «Wow» dachte ich. Heute kam er wohl nicht aus dem Bett. Ich begrüßte ich noch schnell und gab für Ihn seine Bestellung auf: 

„Einen Kaffee schwarz wie immer.“ 

Er zögerte noch kurz und sagte mit einem kurzen Lachen und seiner sehr warmen Stimme: 

„Ja, genau. Wie immer. Einen Kaffee. Schwarz.“

Kaum lief der Kaffee durch die Maschine, wandelte sich sein Ausdruck im Gesicht langsam. Es schien mir so, als würde auf einem die gesamte Traurigkeit weichen und das Funkeln wieder seinen Platz gefunden zu haben. Er sagte:

„Entschuldigen Sie bitte. Ich bekomme heute noch einen zweiten Kaffee. Ich bekomme bitte noch einen Cappuccino, groß. Mit etwas Zucker.“ 

Kurz überlegte er und bestätigte dann:

„Ja genau, ein Cappuccino, groß mit etwas Zucker.“

Das Leuchten seiner Augen erstrahlte den Raum. Er verabschiedete sich und wünschte noch ein schönes Wochenende.

Dieser Moment blieb mir noch die gesamte Woche über im Gedächtnis. Ich erinnere mich sehr gerne daran, denn unter der Woche ist es immer recht langweilig. Es passiert nicht viel und die anderen Gäste sind auch nicht so zuvorkommend wie der junge Herr. Ich freue mich schon immer auf den Samstag.

Und so stand auch schon wieder ein neuer Samstag vor der Türe. Ich überlegte, wann der junge Herr heute wohl kommen würde. Kaum schlug die Uhr Acht schaute ich zur Tür. Doch auch diesen Samstag kam er nicht wie gewohnt pünktlich um Acht. Aber kaum war es Neun stand klingelte die Türe und ich roch einen Hauch des leckeren Parfüms, das der junge Herr immer trägt.

„Einen wunder schönen guten Morgen“, wünschte er mir und einem älteren Herrn, der gerade seine Brötchen bezahlte.

„Ich bekomme heute wieder einen Cappuccino, einen großen mit etwas Zucker, bitte. Und ich nehme einen Kaffee, schwarz, wie immer.“ 

Auch heute schien er mir wieder besonders aufgeheitert zu sein.

So raste die Zeit und einige Samstage gingen ins Land. Ich freute mich jedes Mal, wenn ich den jungen Herrn bedienen dufte. Es war ja auch immer sehr unkompliziert mit ihm. Seinen Kaffee schwarz hatte er immer passend bezahlt. Auch seitdem er einen Cappuccino zusätzlich bestellt, hatte er das Geld immer passend und abgezählt dabei. Nur von seinem festen Rhythmus um Acht wich er ab. Einmal kam er sogar erst kurz vor Zehn.

Doch an diesem Samstag ist irgendetwas komisch, dachte ich. Es war kurz vor Zehn und er war noch nicht da gewesen. Als die Uhr langsam vor sich hin tickte und es mittlerweile Elf war, dachte ich, dass ihm wohl etwas zugestoßen sein müsse. Zu mindestens konnte er keinen Autounfall gehabt haben, da er ja immer zu Fuß unterwegs war. Ich dachte ihm wird schon nichts passiert sein. Als ich um Zwölf den Laden schloss, war er immer noch nicht da gewesen. Kurz bevor ich abschloss, schaute ich nochmal in die Seitenstraßen, ob er nicht vielleicht doch noch auf dem Weg war. Doch außer leere Gassen, in denen die Blumen sich im Wind verbeugten sah ich nichts. Siesen Samstag kam er nicht.

Während der gesamten Woche blieb mir der junge Herr im Gedächtnis. Ich versuchte eine Erklärung zu finden, warum er nicht kam. Dabei musste ich mich selbst ermahnen, denn was ist schon ungewöhnlich daran, wenn ein Gast nur ein einziges mal nicht komme. So war auch der nächste Samstag schnell wieder da. Es war ein besonders schöner Tag. Die Sonne schien und morgens war es schon herrlich warm. Es duftete nach einer warmen Frühlingsluft. Heute kommt er bestimmt wieder, dachte ich mir. Wahrscheinlich war doch nur verreist. Doch auch an diesem Samstag kam er nicht wieder. 

So vergingen einige Samstage stets mit dem Gedanken an ihn und der Hoffnung, dass es im gut ginge. 

Nach einigen vergangenen Samstagen stand er dann plötzlich wieder in meinem Café und sagte:

„Guten Morgen, ich hätte gerne einen Kaffee, schwarz.“ 

Danach machte er eine längere Pause und ergänzte:

„Wie immer.“ 

In diesem Moment tat er mir sehr leid, denn die Traurigkeit hat in seinen Augen wieder ihren Platz eingenommen, aber noch schlimmer als zuvor. Er schaute sehr traurig aus. Als ich ihm sein Kaffee reichte bezahlte er wieder auf den Cent genau und sagte: „Auf Wiedersehen.“ Das war sein kürzester Besuch seitdem er das erste Mal hier gewesen war.

Am nächsten Samstag stand er wieder pünktlich um Acht im Laden. Ich dachte schon, es geht ihm besser. Doch man sah ihm an, dass er geweint hatte. Er zögerte kurz mit seiner Bestellung, also entgegnete ich ihm und fragte, ob er gerne einen Kaffee hätte. Er überlegte noch einige Zeit. Daraufhin bestellte er sich wie gewohnt seinen schwarzen Kaffee. Ohne ihn dabei überrumpeln zu wollen war ich doch etwas verwundert und fragte ihn zugleich, ob er denn sich denn nicht zu seinem Kaffee noch eine Cappuccino wünscht. Als er bezahlt hatte, seinen Kaffee fest in der Hand hielt, so sehr, dass er fast überlief, sagte er: 

„Das wäre mein allergrößter Wunsch.“ In diesem Moment floss ihm eine Träne über das Auge und er ging.

Kaum war er fort betrat eine ältere Dame das Café. Wär sie jemals davor in meinem Café gewesen, würde ich mich daran erinnern. Denn sie war wunderschön und ihre Aura war eine ganz besondere. Es war so, als würde sie durch ihr betreten die Zeit kurz zum Stillstand zu bringen. Zugleich war es auch ein komischer Anblick, denn sie machte nicht den Anschein, dass sie gerne etwas bestellen möchte. Sie stand da und schaute aus dem Fenster. Nach kurzer Zeit ging ich zu ihr und fragte, ob ich ihr behilflich sein kann. Sie erwiderte, dass sie nur kurz einen Augenblick benötige und dann auch schon wieder fort sei. Ich sagte ihr, dass Sie sich gerne die Zeit nehmen kann und falls sie doch etwas bestellen möchte, ich jederzeit für sie da sein werde. Sie stand noch einige Minuten dort, während ich die anderen Gäste bediente. Kaum bezahlte der letzte Gast, verließ auch sie das Café.

Die ältere Dame blieb mir noch im Kopf, denn ich konnte mir nicht erklären was ihre Absicht war.

Am nächsten Samstag betrat sie erneut das Café. Ich dachte, vielleicht klärt es sich heute auf, was sie letzte Woche wollte. Ich war wieder sehr überrascht von Ihrer Schönheit. Sie war sehr schlicht gekleidet, mit einem tollen langen Haar was für Ihr alter sehr außergewöhnlich war. Sie schien sich noch an mich zu erinnern, denn sie kam direkt auf mich zu. Mit einem Lächeln sagte sie:

„Erinnern Sie sich noch an letzten Samstag?“ 

„Ja“, sagte ich. „Daran erinnere ich mich noch gut.“

„Entschuldigen sie bitte, ich war letzten Samstag etwas verdrossen.“ 

Die ältere Dame hatte sichtlich traurige Augen, es schien so, als hätte auch sie das Funkeln verloren.

Die ältere Dame sagte: „Es tut mir leid. Wissen Sie, ich suche nach einem jungen Herrn.“

Sehr überrascht antwortete ich: „Sie suchen nach einem jungen Herrn?“. 

Wie es nicht anders sein konnte, kam mir sofort der junge Herr in den Sinn, der bei mir schon so oft einen Kaffee geholt hatte. 

„Ich kenne einen jungen Herrn“, antwortete ich. „Er war hier Stammgast. Er war stets pünktlich um Acht hier in meinem Café und bestellte sich einen Kaffee. Er ist ein sehr freundlicher junger Herr.“

Die ältere Dame unterbrach mich zugleich während ich mit dem schwärmen gerade beginnen wollte.

„Von dem Sie gerade sprechen, hatte er einen gelben Schirm?“ 

Ich musste sofort zu schmunzeln beginnen:

„Komisch dass sie fragen, aber ja, genau, quietschend Gelb.“

„Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung“, sagte die ältere Dame: „Dann muss es der junge Herr sein, den ich suche. Fahren Sie gerne fort.“

„Er kam dann plötzlich etwas später und bestellte sich zu seinem Kaffee, den er schwarz trank, einen Cappuccino, einen großen, mit etwas Zucker.“

„Ach ja, einen Cappuccino … zauberhaft … Können Sie mir bitte genauso einen Cappuccino zubereiten?“, fragte die ältere Dame

„Sehr gerne“, antwortete ich.

 „Ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten und Ihnen Ihre Zeit stehlen. Aber wissen Sie, ich suche nach diesem jungen Herrn. Ich hätte ihn sehr gerne kennen gelernt.“

„Nein, ich höre Ihnen sehr gerne zu“, sagte ich und fragte zugleich. „Sie kennen ihn gar nicht? Auch Sie müssen wissen, ich habe einige Fragen. Denn plötzlich kam er nicht wieder und als er wieder kam hatte er eine große Traurigkeit in den Augen“.

Der älteren Dame schien dies nicht weiter zu verwundern und sagte: 

„Obwohl ich ihn nicht kenne, teile ich mit ihm dieselbe Traurigkeit. Wissen Sie, um den jungen Herrn zu finden, bin ich zwei Hinweisen gefolgt. Auf einem Bild, das vor einigen Samstagen aufgenommen wurde, war der junge Herr zu sehen, als er im Regen tanzte. Wie toll er doch gekleidet war, und passend zu seinen gelben Schuhen hielt er diesen gelben Regenschirm in der Hand. Und warum ich nun hier stehe, ist der zweiter Hinweis, dem ich gefolgt bin. Ein Bild auf dem ein Cappuccino zu sehen war, daneben Stand ein kleiner Kaffee, vermutlich der Kaffee des jungen Herrn. Auf dem Becher stand der Name ihres Cafés. Was für eine romantische Beschreibung sich doch unter dem Bild fand. «Für eine kurze Ewigkeit bin ich dein«. 

Die ältere Dame wollte fortfahren, doch sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie die passenden Worte gefunden hat:

„Wissen Sie, es war das letzte Bild meiner geliebten Tochter das Sie im Internet gespeichert hat, bevor …“

Die ältere Dame hatte plötzlich ein Kloß im Hals und bemühte sich nicht zu weinen. Jetzt sah ich es auch. In Ihren Augen war dieselbe Traurigkeit zu sehen wie bei dem jungen Herrn. Ich reichte ihr den Cappuccino und sagte dabei folgendes:

„Vielleicht hilft Ihnen dieser Cappuccino der Erinnerung“.

Über diesen Satz machte ich mir nicht viele Gedanken, er kam doch einfach so heraus aus mir. Überraschender Weiße schien die ältere Dame davon sehr berührt zu sein. Sie nahm den Cappuccino in beide Hände, als wollte sie sich daran wärmen und starrte ihn noch eine kurze Zeit an bevor sie einen Schluck nahm.

Als Sie einen Schluck trank passierte etwas Magisches. Ihre Augen fingen an zu leuchten und ein Zauber machte sich breit. Es war so, als wäre die gesamte Traurigkeit plötzlich verschwunden gewesen. 

Es war kurz vor Neun und wie es der Zufall es wollte stand auf einmal auch der Junge Herr im Café. Nichts ahnend sah er mich an und überlegte wohl noch was er sich heute bestellten wollte. Als er in seiner Jackentasche nach dem Kleingeld kramte, sah er auf den Boden auf die Schuhe der älteren Dame. Ohne sie dabei anzusehen sagte er: „Wow, Sie haben aber schöne Schuhe. Zugegeben, ich könnte mir in der Tat auch mal wieder neue Schuhe leisten.“

Sein blick wanderte während er erzählte von den Schuhen in das Gesicht der älteren Dame. Als er in die verzauberten Augen der älteren Dame sah, neigte sich sein Kopf leicht schräg und fing zeitgleich an breit zu grinsen, so breit zu grinsen, dass er seine Augen zusammenkneifen musste, damit sein grinsender Mund überhaupt noch im Gesicht einen Platz fand. Seine zugekniffenen Augen konnte man kaum noch sehen. Doch eins konnte man deutlicher denn je sehen. Deutlicher als ich es jemals bei ihm zuvor gesehen habe. Er hielt den gleichen Zauber in den Augen wie die ältere Dame. Er nahm ihre Hand während er tief in Ihre Augen blickte, als würde er noch einmal in die Augen seiner geliebten blicken und sagte: „Für eine Ewigkeit bist du unser“.

Er ging und trug das Funkeln hinaus in die Welt.

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AugustGliers Profilbild AugustGlier

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Kurzbeschreibung

Eine Verkäuferin eines Cafés erzählt die Geschichte eines jungen Herrn und einer älteren Dame. Wie sie durch einen Cappuccino das Funkeln wieder fanden.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Schmerz & Trost auch in den Genres Liebe, Trauriges, Nachdenkliches, Tragödie gelistet.