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Weiße Blumen

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16.11.20 10:10
Fertiggestellt

Ich bin auf dem Weg in die Fußgängerzone. Meine Schwester hat Geburtstag und ich muss ein Geschenk für sie besorgen. In meiner Familie bin ich dafür bekannt, dass meine Präsente die zu beschenkende Person frohlocken lassen und Glückseligkeit bringen, gleichzeitig aber immer eine Geschichte offenbaren, die dem bloßen Auge verborgen bleibt und die die persönliche Verbindung des Dreigestirns aus Beschenktem, Schenkender und Geschenk in sich trägt. Gut, meistens sind die Geschenke von meiner Schwester und ich schenke mit, aber egal.
Es ist nicht so, dass ich nicht gerne schenke und sich meine Schwester deshalb um die Geschenke kümmert. Nach dem 90. Geburtstag unseres Opas hat sie mir vorgeschlagen, dass wir doch zusammen schenken könnten und ich ab jetzt besser nichts Eigenes mehr schenken solle. Die Nachmittage bei meinem Opa bestanden häufig aus wirtschaftlichen Diskussionen, einen besonderen Hass hatte mein Opa seit jeher auf die Chinesen, die seiner Meinung nach „Abschaum“ waren und eh nie etwas Sinnvolles gebacken bekommen würden. Bei manchem Gedankengut, vor allem der älteren deutschen Bevölkerung, ist es wohl gut, dass es in ein paar Jahren aussterben wird.
Zu seinem Geburtstag hatte ich einen Kuchen gebacken, der die chinesische Flagge imitieren sollte, also mit rotem Zuckerguss und verziert mit gelben Sternen. Die Ironie, nämlich dass die Chinesen doch etwas gebacken bekommen, kam zugegeben nicht bei jedem gut an, das war allerdings nicht das Schlimmste an dem Geschenk. Neben schrägen Blicken sämtlicher Familienangehöriger schüttelte auch der Feuerwehrmann den Kopf, als ich ihm erklären wollte, warum ich Chinaböller auf dem Geburtstagskuchen platziert hatte.
„Mein Opa ist alt, aber ein kluger Mann“, hatte ich damals vor mich hin gemurmelt, während ich auf dem hinteren Teil des Feuerwehrautos saß. Umringt wurde ich von Einsatzkräften der Feuerwehr und des Rettungsdienstes, denen anzusehen war, dass sie sich ihren Sonntag auch anders vorgestellt hatten, als die 1-Zimmer-Wohnung eines 90-jährigen Mannes zu löschen und 25 Familienangehörige zu evakuieren. Aber jetzt mal ehrlich, wie hätte ich wissen können, dass jemand auf die Idee kommen würde, die Kerzen auf dem Kuchen anzuzünden? Wegen der vielen Menschen auf kleinem Raum hatte ich den Kuchen nur auf den Küchentisch gestellt und mich, bewaffnet mit Flaschenbier und schlechter Laune, in die 80er- Jahre-Dekoration integriert. Erst mit dem Knall aus der Küche fiel mir ein, dass ich Chinaböller statt Kerzen verwendet hatte. Für die Kücheneinrichtung und die drei Finger meines Opas kam die Erkenntnis allerdings ein wenig spät.
Seitdem schenke ich immer mit meiner Schwester zusammen, was heißt, dass sie das Geschenk organisiert, während meine Aufgabe darin besteht, meine Unterschrift möglichst leserlich auf die Grußkarte zu schreiben.
A propos schreiben, ich hatte für den Geburtstag meiner Schwester schon ein Buch besorgt mit dem Titel „Ausgrenzung, Rassismus, Menschlichkeit– warum Flüchtlinge die besseren Deutschen sind“. Ich brauche also nur noch ein Mitgeschenk, deswegen bin ich auf dem Weg in die Stadt. Zu meiner Rechten erblicke ich das große Schaufenster eines Blumenladens. Kurz überlege ich, meiner Schwester rote und gelbe Blumen in den Farben von China zu schenken, quasi in Erinnerung an alte Zeiten, ich verwerfe die Idee aber schnell wieder und betrete den Laden. Mein Kommen kündigt eine Glocke an, die über der Eingangstür montiert ist. Statt mich im Laden willkommen zu heißen, hört sich die Glocke eher so an, als wäre sie ein Überbleibsel aus einem Konzentrationslager und wolle meine letzten Stunden auf dieser Erde einläuten. Für einen Moment muss ich mich an den stechenden Blumenduft gewöhnen, der sich mir wie Nadelstiche in die Nase bohrt. Mir fällt sofort auf, dass hier für einen Blumenladen zu viele Menschen und zu viele weiße Blumen sind. Wo man hinschaut, nur weiße Blumen. Und auch nur weiße Menschen, die alle ein bisschen zu Deutsch aussehen. So Annikas und Gertruds eben, die gerade auf dem Weg zu einer Grillparty sind und die bei nur acht verschiedenen Salaten als Mitbringsel „einfach ein schlechtes Gewissen haben“. Warum sind nur Deutsche in Blumenläden?
Um hier nicht mehr Zeit als zwingend nötig zu verbringen, blicke ich mich nach der Verkäuferin um. Ich erblicke eine Frau, die sich durch eine grüne Gartenschürze von den anderen Personen im Laden abhebt, und bewege mich schnellen Schrittes auf sie zu. Ich wende mich an die Verkäuferin.

„Entschuldigung, ich brauche einen bunten Blumenstrauß für den Geburtstag meiner Schwester, können Sie mir da weiterhelfen?“

Sie blickt auf, wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß aus dem Gesicht und antwortet:

„Eigentlich gerne, aber mit den bunten Blumen wird es hier schwierig. Wir haben uns auf weiße Blumen spezialisiert, deswegen ist auch der Name unseres Blumenladens „White flowers“. Wir sind in der ganzen Region für unsere weißen Blumen bekannt.“

Ich ärgere mich kurz, dass ich nicht auf den Namen des Blumenladens geachtet habe, aber antworte:

„Also haben sie hier keinen extra Raum, wo sie noch bunte Blumen haben?“

„Nein.“, entgegnet die Blumenverkäuferin mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie merkt anscheinend, dass ich die Idee und Philosophie des Blumenladens so gar nicht gut finde. Mir graust es bei dem Gedanken, die Stadt nach einem anderen Blumenladen abzusuchen. Alleine in diesen hier zu gehen hat mich viel Überwindung gekostet, und mir graust es vor dem Gedanken, mir nochmal einen Laden zu suchen, der schon aus großer Entfernung die Straßen mit seinem Gestank verpestet. Und die ganzen Leute hier…

„Kann ich ihnen einen Blumenstrauß mit weißen Blumen machen, oder wollen sie hier stehenbleiben, bis sie Wurzeln geschlagen haben?“.

Erst jetzt bemerke ich, dass ich die Blumenverkäuferin nach ihrer Antwort nur angestarrt habe, ohne ein Wort zu sagen. Obwohl mein Gehirn durch den Blumengeruch wie betäubt ist, fällt mir ein bissiger Unterton auf, der sich in ihre Stimme gemischt hat. Was hatte ich ihr getan?

„Das mit den weißen Blumen verstehe ich nicht… Warum nur weiße Blumen?“

Die Verkäuferin richtet sich auf.

„Vor allem aus Tradition. Durch eine Fehllieferung hatten wir vor mehreren Jahren für ein paar Wochen nur weiße Blumen, die wir verkaufen konnten. Bei den Kunden kam das sehr gut an, und seitdem ist das unser Markenzeichen geworden. Und die Deutschen mögen weiße Blumen besonders gerne, da ist es doppelt praktisch, wenn wir hier nur weiße Blumen verkaufen, stimmt´s?“

Nur langsam dringt das Gesagte in meinen Kopf ein. Sie hat doch nicht etwa… „Sie wollen hier also nur deutsche Kunden haben, oder wie?“, platzt es aus mir heraus.

„Naja, immerhin weiß ich dann, dass die Kunden ihre Ware auch bezahlen. Und ich muss keine Angst haben, überfallen zu werden. Diese Afrikaner treiben sich schon an viel zu vielen Orten herum, da brauche ich die in meinem Blumenladen nicht auch noch.“

Mir fehlt die Spucke, um eine schnelle Antwort darauf geben zu können. Natürlich hatte ich gehört, dass rassistische Menschen des Öfteren eigenwillige Theorien und Vorstellungen haben, aber dann hautnah damit konfrontiert zu werden, war nochmal ein anderes Kaliber.

„Wurden Sie denn schon einmal von einem Afrikaner überfallen? Oder haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Afrikaner Blumen hat mitgehen lassen, ohne sie vorher zu bezahlen?“

„Die sind doch so geübt im Stehlen und Betrügen, die haben das mittlerweile perfektioniert. Das kann man mit dem bloßen Auge gar nicht mehr erkennen.“

„Also haben sie noch keinen dabei erwischt?“

„Ich habe doch gesagt, die sind viel zu listig, als dass man sie erwischen könnte. Aber von einem Deutschen wurde ich auf jeden Fall noch nie bestohlen, dafür leg ich meine Hand ins Feuer.“

Da ist sie wieder. Diese Abscheu vor dem eigenen Land und der eigenen Nationalität.

„Ich werde hier nicht fündig, schönen Tag noch.“, höre ich mich sagen. Ich verlasse den Laden. Die Klingel am Eingang verabschiedet mich mit schiefem Ton und schickt mich auf die laute und chaotische Straße zurück.

Wegen eindimensionalen Menschen wie dieser Blumenverkäuferin haben Menschen mit Migrationshintergrund immer noch das Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu sein. Zurecht. Und wegen Menschen wie mir können Menschen wie die Blumenverkäuferin immer noch so denken und sprechen, weil sich keiner traut, offen mit ihnen zu reden und sich ihrer Sorgen anzunehmen. Aber ist es meine Aufgabe, diese Leute aufzuklären?
Ein Buch wird dieses Jahr als Geschenk für meine Schwester ausreichen müssen, beschließe ich und mache mich auf den Heimweg.

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Kurzbeschreibung

Konfrontation mit Alltagsrassismus - mal anders