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Sommer 2021

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07.01.23 15:44
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Zuerst ist es ganz klein. Unscheinbar. Machtlos.  Es ist wie ein Embryo. Vielleich erkennt man ihn noch nicht richtig, spürt nur, dass er sich langsam entwickelt.
Doch anstatt einem Gefühl der Freude, durchflutete dich die Verlorenheit.  
Du fühlst dich einsam, alleine, unverstanden.
Du vergräbst deinen Kopf in deinem Schoß und machst dich so klein, wie du dich fühlst. Ein Embryo. Wie gerne wärst du wieder ein Kind! Ein Kind, das glücklich ist und sich keine Gedanken über die graue Welt macht, die Tag für Tag dein Leben regiert und es letztendlich schwarz färbt. Ein Kind, das alles mit Leichtigkeit bewältigt.
Aber du sitzt hier. Einsam, alleine, unverstanden. Die Stille scheint dich zu erdrücken, dem Raum jegliche Luft zu entziehen und dich zu betäuben. Eine Kälte durchfährt deinen gesamten Körper. Es ist eiskaltes Wasser, ein reißender Fluss, der deine Adern strömt. Du weißt, dass es dein Herz ist, das weint.
Es weint, weil es die alten Zeiten vermisst.
Es weint, weil der Druck zu groß ist.
Der Druck, immer alles richtig machen zu müssen. Der Druck, immer funktionieren zu müssen. Wie ein Computer wirst du von der Gesellschaft gesteuert und musst abrufbar sein.
Dein Herz weint, weil es einsam ist und es kein Herz findet, welches mit ihm im Einklang schlägt.
Die betäubende Stille lähmt deinen Körper, raubt dir deinen Lebenswillen und dringt in deinen Kopf ein. Dort jagt ein Gedanke den anderen. Der Teufel jagt sein Opfer. Sie sind Gefangene deines Schädels, eines Gerüstes ohne Ausweg. Gefangene eines Käfigs, aus dem du selbst niemals entkommen wirst. Du weißt, dass der Teufel früher oder später das Opfer überwältigen wird, möglicherweise überwältigt hat, denn es sind Fragen auf die du keine Antwort findest. Fragen, die mächtiger sind als alle anderen Gedanken. Fragen, die dich im Teer des Selbstmitleides versinken lassen.
Schwer, als seien deine Füße aus Blei, zieht es dich immer weiter in die dunkle, ausweglose Perspektive. Immer weiter, immer tiefer. Du versinkst in einem Meer und es nur eine Frage der Zeit, bis du ertrinkst und das salzige Wasser schmeckst, das deine Lunge füllt.
 Irgendwann siehst du nur noch Schwärze, spürst das dunkle Blau, das dich umgibt und an dir klebt als sei es eine zweite Haut. Du hörst immer und immer wieder die gleichen Fragen. Du hörst sie, wie ein nie fortgehendes Echo. Alles ist schwer. Das Schluchzen schmerzt in deiner Kehle. Da ist eine dunkle Wolke über dir und sie liegt schwer auf deinen Schultern. Deine Seele verliert den Sonnenschein und aus dem leuchtenden Gelb wird ein düsteres, finsteres Blau, das all die Sonnenstrahlen fortnimmt, die einst dein Gesicht wärmten. Und du stellst dir immer und immer wieder die gleichen Fragen und du versinkst immer und immer tiefer im Teer. Ist da niemand, der dir hilft? Wieso nicht?
Und plötzlich entsteht aus der Schwere, aus dem Ballast, den du dir selbst an die Füße geschnürt hast, eine Energie. Aber es ist keine gute. Der Embryo wächst. Er wird machtvoll. Das Wasser in deiner Seele verdampft. Rauch steigt auf. Aus dem Blau wird nun ein Rot.
Die Farben deiner Seele, die Farben, die du um dich herum wahrnimmst, verändern sich. Alles was nicht schwarz ist, ist rot. Das Blut in deinen Adern kocht nun. Fort ist das viele Wasser, das sich vorhin wie ein reißender Fluss in deinem Körper ausgebreitet hat. Stattdessen ist dort jetzt glühend heiße Lava. Du spürst sie, wie sie dich auftauen lässt.  Die Tränen auf deinen Wangen sind versiegt. Denn es ist zu heiß, als dass sie hätten überleben können. Du fühlst dich zu allem fähig. Stark, unbesiegbar. Überwältigt von dem neuen Gefühl springst du auf. Deine Faust brennt, deine Knöchel sind blutig. Du versuchst die Mauern um dich herum zu zertrümmern, aber sie sind zu stark. Du versuchst den Schädel, deinen selbstgezimmerten Käfig aufzubrechen, doch ohne Erfolg.  Aber das hält dich nicht davon ab, weiter zu machen. Du spürst keinen Schmerz. Nicht einmal einen Hauch. Du bist blind, alles vor deinen Augen ist rot. Feuer. Ein Schrei verlässt deine Kehle. Animalisch, laut, gefährlich. Aber die Hitze in deinem Kopf ist nicht versiegt. Die Lava in deinen Adern ist noch nicht fort. Der Teufel in deiner Lunge ist noch da.
Noch ein Schrei, mehr ein Brüllen. Du fühlst dich noch stärker, siehst rot. Du fühlst dich wie ein wildes Tier. Unberechenbar und wild, respekteinflößend. Ja, das willst du sein. Du hast die Macht.
Noch ein Brüllen, dann ein weiterer Schmerz, der sich von deiner Hand durch deinen gesamten Körper zieht. Und dann…
nichts.
Lediglich ein Schmerz, dort wo du mit deiner Hand etliche Male auf die Wand eingeschlagen hast.  Bis eben war er nicht da gewesen, doch jetzt…
Du schmeckst Eisen in deinem Mund. Das Blut ist warm. Es gehört zu dir und gleichzeitig ist es dir fremd.
Der Rauch in deinem Kopf ist weg, die Lava in deinen Adern verschwunden und du spürst, wie dich die Kälte wieder übermannt. Alles, was du siehst, ist blau und du spürst wie das Blei an deinen Füßen, dich zurück auf den Boden befördert. Du hockst dich wieder hin, versuchst dich so weit wie möglich in die Zimmerecke zu schieben. Du spürst, wie du im Teer versinkst, wie der Fluss erneut deinen Körper erobert und alles mitreißt, was gut ist.
Und du stellst dir immer und immer wieder die gleichen Fragen, auf die du keine Antwort findest. Doch diesmal löst es nichts in dir aus. Kein Rot. Keinen Rauch. Keine Lava. Es sind lediglich Tränen. Dunkle Tränen, die auf dem Boden Flecken hinterlassen und auf deiner Zunge ihren salzigen Geschmack entfalten. Es sind Tränen, die von deinem Herzen kommen. Du spürst, wie es seine Macht verliert. Einsam wie ein Häufchen Elend. Du sitzts in der Ecke, deine Beine sind angewinkelt. Du vergräbst deinen Kopf in deinem Schoß und wischst die Tränen an deinem Hosenbein ab. Dunkle Schlieren, ziehen sich wie Tinte über den hellen Stoff.
Am Ende ist es wieder ganz klein wie ein Embryo. Unscheinbar. Aber du spürst es mit jeder Träne, die über deine Wange rollt und du spürst es in jeder Faser deines Körpers. Denn so unscheinbar es auch ist…
Du versinkst gerade in einem blauen Meer und nur jemand, dessen Seele gelb leuchtet und der in der Lage ist, einen Teil seines Leuchten abzugeben, kann mit seinem Boot nah genug heranfahren und nach dir tauchen, um dir das wahre Licht zu zeigen. 
Dann spürst du die Wärme in deinem Gesicht als hätte sich die Sonne zu dir gedreht. Dann spürst du das Lächeln, das deinen Mund umspielt. Dann hörst du dein Lachen, wie es durch die Luft hallt. So unbeschwert und leicht. Du kannst den süßen Honig in deinem Mund schmecken als flüssiges Gold des Lebens.  Kein Bleiblock ist an deine Füße gebunden. Stattdessen hältst du einen Luftballon in der Hand, der dich zum Schweben bringt, dich hoch hinaus in die Welt zieht und dir das Gefühl vom Fliegen schenkt.

 

Dann leuchtet deine Seele wieder gelb und hat das dunkle, umschließende Blau vielleicht für immer besiegt.

 

Autorennotiz

Dieser Text entstand kurz nach einer Zeit, in der es mir sehr schlecht ging. Ich verfasste ihn, um meine Gefühle zu verarbeiten. Deshalb ist er ein wenig trauriger als meine sonstigen Texte. Mit der Zeit habe ich ihn ein wenig aufpoliert. Ich freue mich auf eure Gedanken dazu!

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BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 08.01.2023 um 16:21 Uhr
Hallo Mira,
ein zutiefst philosophisches Werk hast Du veröffentlicht. Es ist, als ließe es mich in meine dunkelsten Zeiten versinken, als ich keinen Ausweg fand, den Schmerz zu überwinden. Doch am Ende beschreibst Du das, was uns am Leben hält - die Hoffnung, dass der Schmerz erträglich wird und eines Tages überwunden ist.
Liebe Grüße
Bernd
Miras Profilbild
Mira (Autor)Am 08.01.2023 um 19:04 Uhr
Vielen Dank für deine Gedanken zu dem Text!
Du hast Recht- würde es die Hoffnung nicht geben, behaupte ich zu sagen, wäre vieles auf dieser Erde ganz anders. Unter anderem auch ich selbst...
Liebe Grüße
Mira

Autor

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Kurzbeschreibung

Manchmal wird einem alles zu viel, so dass Trauer und Wut die Haupakteure in unseren Köpfen und Körpern sind...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Nachdenkliches auch im Genre Schmerz & Trost gelistet.