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Das Mädchen ist wieder da

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07.09.18 23:04
Fertiggestellt

Das Mädchen ist wieder da.
Ich weiß, es ist meine Tochter. Sie hat das Gesicht ihrer Mutter und darin die Augen ihrer Tante, meiner Schwester. Sie heißt Anna. Sie kennt mich nicht und ich kenne sie nicht. Ich habe sie zuletzt vor dreizehneinhalb Jahren gesehen. Das Alter würde stimmen. Anna hatte vor drei Wochen Geburtstag und ist 14 Jahre alt.
Anna kennt mich nicht, aber sie weiß von mir, sonst wäre sie nicht innerhalb weniger Tage zweimal vor dem Laden herumgelaufen.
Heute hat sie eine Freundin mitgebracht. Daraus schließe ich, dass sie ins Geschäft kommen und mich kennenlernen will.
Nein, sie wird mich nicht ansprechen. Sie will mich ansehen. Abschätzen, ob ihr unbekannter Vater wohl nett ist. Ob es Übereinstimmungen gibt. Das wird dann die Freundin klären müssen.
Entweder: Er sieht total aus wie du! Oder: Ich glaub’ ja nicht, dass der dein Vater ist. Da gibt’s überhaupt kein bisschen Ähnlichkeit.
Sie wird mindestens so viele Fragen an mich haben wie ich an sie. Aber sie wird keine stellen. Später vielleicht. Erst mal kucken, dann über alles nachdenken und vielleicht später noch mal wiederkommen.

Gleich betreten sie den Laden. Sie schauen mich beide so intensiv an, als wäre ich die Ware und nicht einfach nur der Verkäufer. Ich stiere wahrscheinlich genau so intensiv zurück, und Anna errötet. Nicht, dass sie jetzt gleich wieder wegläuft. »Du bist Anna«, stelle ich fest und strecke ihr die Hand hin, »ich bin Tobias.« Das erschreckt sie, aber sie ist neugierig. Sie wird bleiben. »Hallo – das ist meine Freundin Claire«. Ich schüttele auch Claire die Hand.
Wir schweigen ein wenig verlegen, dann frage ich, ob wir nicht alle nach nebenan gehen wollen, in das kleine Café, in dem ich einen großen Teil meiner Zeit verbringe. Die Mädchen nicken eifrig. Wir ziehen eine neutrale Umgebung vor. Ich hänge das Schild in die Tür, das Anna und Claire Anlass zu einem befreienden Kichern bietet: »Der Laden ist offen und ich bin eigentlich da. Aber im Moment bin ich (ein Pfeil nach rechts mit »100 m« darunter) und trinke was. Kommen Sie doch auch. Es gibt dort einen hervorragenden Kaffee und sehr leckeren Kuchen.«
Mein Lieblingsecktisch ist frei. Wir bestellen eine Latte und zwei Cola. Jetzt sitzen wir da und warten, dass etwas passiert. »Du hast sicher genau so viele Fragen an mich, wie ich an dich. Ich schlage vor, wir machen das so: jeder stellt zehn Fragen. Immer abwechselnd, und Claire ist der Schiedsrichter und passt auf, dass beide gleich viel erzählen können. Was haltet ihr davon?« Einverständliches Nicken.
»Wer fängt an?« Ich soll anfangen. Ich frage, seit wann sie weiß, dass ich ihr Vater bin. Sie weiß, dass es einen anderen Vater gibt, seit sie ungefähr acht oder neun Jahre alt ist. Ihre Mutter hatte mit ihr mal wegen irgendwas geschimpft und dabei gesagt »Du bist genau so wie dein leiblicher Vater« oder so ähnlich. Das hat Anna gleich mitbekommen und auch durchaus verstanden, was »leiblich« bedeutet. Mutter und Tochter haben sich kräftig angeschrien. »Dein Vater war ein Waschlappen. Als du ein halbes Jahr alt warst, haben wir uns getrennt. Ich habe ihn vergessen und das solltest du auch schleunigst tun.«
Nun ist Anna dran. Sie fragt, ob das stimmt, dass ich sie verlassen habe, als sie ein halbes Jahr alt war. Ich gestehe, dass das stimmt. Aber andererseits auch nicht wirklich. Wir beschließen, dass ich ihr die ganze Geschichte erzähle. Ich sage aber auch gleich dazu, dass das meine Sicht der Angelegenheit ist. Claire entscheidet, dass meine Geschichte mindestens fünf Fragen wert sein muss und ich deshalb erst noch eine stellen soll.
Ob sie das Wissen, einen anderen Vater zu haben, nicht belastet hat, will ich wissen. Ein wenig schon, gibt sie zu. Zuerst fand sie es toll, zumal ich Seefahrer bin, wie ihre Mutter erwähnt hat. Allerdings hat sie das nicht so gesagt, sondern, dass ich alles hingeschmissen habe, um auf einem Schiff unter Deck zu arbeiten. Da muss ich doch auch ein bisschen kichern. »Unter Deck arbeiten«. Das ist die Dramatik, zu der Annas Mutter schon damals fähig war. Ich sehe Segelschiffe, die die Weltmeere befahren, Matrosen, die Wanten und Rahen aufentern, um große weiße Segel zu setzen. Und dann sehe ich mich als einzigen unter Deck Kartoffel schälen. Tobias, der Versager.
Irgendwann hat Anna mich dann gehasst, weil ich sie nicht gesucht habe. Sie hat sich vorgestellt, dass ich überall nach meiner Tochter suche, die ihre böse Mutter vor mir versteckt hält. Diese Phase war aber nur kurz, denn ihr Stiefvater ist ein toller Vater, der immer zu ihr hält, wenn sie Ärger mit ihrer Mutter hat, auch heute noch. Deshalb hat sie mich nicht wirklich vermisst. Sie hat ein paar Mal nachgefragt, um mehr über mich zu erfahren. Aber ihre Mutter ist dann immer ausgeflippt. Und so hat sie es gelassen.
Nun soll ich meine Geschichte erzählen. Wir bestellen noch etwas zu trinken und dann fange ich an.
Also: Als ich Annas Mutter kennenlerne, studieren wir beide Jura. Sie ist so gut wie fertig mit den Studium, ich stecke noch mitten drin. Aber es läuft ganz gut. Was Annas Mutter sehr wichtig ist, das ist die Karriere. Meine Karriere. Sie will, dass ich Richter werde. Ok. Sie hat gerade ihre erste Stelle in einer Kanzlei angetreten, da wird sie schwanger. Einerseits freut sie sich aufrichtig auf unser Kind, andererseits ist sie sauer, weil sie jetzt weiß, dass sie keine Karriere machen kann. Um so wichtiger wird deshalb meine Aufstieg.
Es gibt ernsthafte Probleme, weil ich klar stelle, dass ich eigentlich weder Richter werden noch mein Leben auf eine steile Laufbahn ausrichten will.
Dann wird Anna geboren, und wir sind alle begeistert. Annas Mutter geht so bald wie möglich wieder arbeiten und stellt fest, dass sie doch selbst noch richtig vorwärts kommen kann. Trotz Kind. Ihre Mutter, also Annas Oma, zieht in die Nähe und kümmert sich leidenschaftlich um das Baby.
Zwischen uns gibt es immer heftiger Streit, und eines Tages gibt Annas Mutter bekannt, dass es zwischen uns aus ist. Ich gebe Anna und Claire gegenüber zu, dass ich das eigentlich genau so gesehen, mir aber damals nicht wirklich eingestanden habe. Als vernünftige Menschen und Juristen einigen wir uns darauf, einen Vertrag aufzusetzen, der alle möglichen offenen Fragen genauestens regelt.
Es läuft letztlich darauf hinaus, dass ich einwillige, aus Annas Leben und dem ihrer Mutter völlig zu verschwinden und nichts zu unternehmen, um einen Kontakt zu Anna herzustellen bis sie achtzehn Jahre alt ist.
Mir wird klar, dass ich niemals ein Vater für Anna sein kann. Höchstens der Mann, der sie am Wochenende manchmal abholt, weswegen ihre Mutter dann immer furchtbar böse ist, so dass sie eigentlich Angst hat, mit mir mit zu gehen und sich die ganze Zeit dabei unwohl fühlt. Ich erkenne, dass wir uns alle unwohl fühlen werden und, na ja, schließlich unterschreibe ich den Vertrag.
Als ich am nächsten Abend in die Wohnung zurück komme, sind Anna und ihre Mutter ausgezogen. Ihre Sachen sind weg, aber ansonsten ist die Wohnung penibel in »vertragsgemäßem« Zustand. Seither habe ich nie wieder etwas von den beiden gehört.
Nein, das stimmt nicht ganz. Annas Mutter taucht irgendwann einmal in einem großen Artikel in einer juristischen Fachzeitschrift auf, wo sie als eine der wenigen weiblichen ganz großen Vertragsspezialisten gerühmt wird. Und Anna, das gebe ich gerne zu, habe ich bei Facebook gefunden, aber da ich mich nie um ihre »Freundschaft« beworben habe – das wäre ein klarer Vertragsbruch – erfahre ich nicht sehr viel, weil das meiste den Freunden vorbehalten bleibt.
Ob wir aufhören sollen, frage ich Anna und Claire, aber sie wollen unbedingt wissen, wie es weiter geht.
Ok. Ich erzähle, dass ich ein Urlaubssemester genommen und auf dem Containerschiff meines Onkels »zur See« gefahren bin. Mit Beginn des nächsten Semesters bin ich aber wieder wohlbehalten an der juristischen Fakultät zurück und beende brav und gar nicht mal schlecht mein Studium. 
Als ich wieder mit einer Frage an der Reihe bin, frage ich Anna wie sie mich denn gefunden hat. Das war eigentlich nicht schwer und sie hat auch Glück gehabt. Zu ihrem vierzehnten Geburtstag hat ihre Mutter(!) ihr nach längerem Quengeln meinen Namen verraten und sogar die aktuelle Adresse angefragt. Für eine Rechtsanwältin ist das natürlich kein Problem. Auch, dass ich jetzt dieses Antiquitätengeschäft betreibe, ist kein Geheimnis. Und weil das ja eigentlich nicht weit weg liegt, ist Anna vor kurzem mit dem Zug hergekommen, um sich mal »umzusehen«.
Heute sind sie mit Claires Vater gekommen, der hier arbeitet und die beiden zum Shoppen in der Stadt abgesetzt hat und nachher wieder mitnimmt.
Das muss jetzt reichen, bescheidet man mich. Jetzt soll ich den Rest erzählen.
So viel gibt es da nicht mehr zu sagen. Ich arbeite in einer Anwaltskanzlei. Es ist totlangweilig. Danach heuer’ ich in der Rechtsabteilung eines größeren Unternehmens an. Aber für mich bleibt das eine Übergangslösung.
Irgendwann komme ich beim Spazierengehen an dem Geschäft vorbei. Wow! Ein ganzer Laden voller altem Schiffskram und Seemannszeugs! Und das ausgerechnet in einer Stadt fernab jeder Küste.
Ich bin gleich rein und schau mir alles an. Und dabei bleibt’s natürlich nicht. Ich bin immer öfter da und freunde mich mit dem Inhaber an.
Eines Tages sagt er, dass er den Laden aufgeben will und sich zur Ruhe setzen. Ich sag »ok« und übernehme das Geschäft.
Es gibt ein paar echte Schätze, viel Krams natürlich und einen großen Schrank voller Seekarten. Aber das beste sind allerlei Sachen aus Walknochen und Elfenbein, die wirklich einmalig geschnitzt sind. Dosen, Messergriffe, Becher und sowas. Das muss ich euch gleich mal zeigen, wenn wir zurück sind. Das wird euch gefallen, das weiß ich. – Überhaupt: Sollten wir nicht mal wieder rüber gehen. Wann werdet ihr denn abgeholt?
Oh ja, es wird Zeit.

Jetzt geht die Tür auf und die beiden Mädchen kommen in den Laden. Antonia und Yasmin sind Freundinnen. Sie wohnen da, wo ich wohne. Nur ein paar Häuser weiter. Sie gehen hier in der Gegend zur Schule und kommen öfter an meinem Geschäft vorbei. Wenn wir uns dann sehen, winken wir uns kurz zu. Es ist nie viel los in meinem Laden. Deshalb stehe ich oft am Fenster und schaue hinaus.
Antonias Vater interessiert sich für Seekarten. Er hat schon einige gekauft. Erst neulich war er im Laden und hat welche zurücklegen lassen. Die möchte er nun kaufen. Ob ich sie heute Abend mit nach Hause nehmen kann? Klar, keine Frage, ich werde sie ihrem Vater heute Abend bringen.
»Super!« sagt Antonia und Yasmin sagt »Cool!«. Sie nicken, winken kurz an der Tür und sind verschwunden.

Ich glaube, es geht mir nicht gut.

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Kurzbeschreibung

Endlich lernt er seine Tochter kennen. Sie steht mit einer Freundin draußen vor dem Laden. Sie trauen sich nicht hinein, noch nicht. Aber gleich werden sie die Ladentür aufstoßen …

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