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Tee und Muffins auf Telling Name Manor

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26.11.2019 13:01
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

South Carolina, 1858

Als ich die Silhouette von Telling Name Manor vor mir aufragen sah, schlich sich unwillkürlich ein Lächeln auf mein Gesicht. Die Briefe Williams hatten in mir das Bild eines zweifelsohne höchst exzentrischen Mannes erweckt, und dieser Anblick bestätigte jene Annahme schon, bevor ich dem Bewohner des beeindruckenden Gebäudes persönlich gegenüberstand, wirkte es doch so imposant wie fehl am Platze. Hauptsächlich deshalb, weil es so gänzlich unamerikanisch wirkte, und wäre die Umgebung nicht gewesen, hätte ich mich im heimischen England gewähnt.
Der Staub, der bei jedem meiner Schritte aufgewirbelt worden war, und immer noch in der Luft lag, das sanfte Rascheln trockenen Grases, durch das der Wind fuhr, der aber leider nur wenig Kühlung verschaffen konnte, das sinistre Zirpen der Grillen – all das ließen das altenglische Gemäuer  unstimmig wirken. Wie um mich zu vergewissern, dass ich nicht in einer anderen Welt gelandet war, drehte ich mich noch ein Mal um. Am Horizont, der dank der erst kürzlich untergegangenen Sonne hellgrau schimmerte, konnte ich das Dorf noch erahnen, durch das meine Reise mich geführt hatte. Die Bewohner waren voller Begeisterung für William gewesen. Zwar verlasse er sein Zuhause nur selten, doch wenn er es tat, konnte man sich keinen freundlicheren und großzügigeren Gentleman vorstellen. Sogar einige der Abolitionisten mussten ihm widerwillig zugestehen, dass es den Sklaven auf seiner Plantage wirklich gut zu gehen schien. Auch dies deckte sich mit der Vorstellung von ihm, dich ich dank seiner Briefe erlangt hatte. Von Anfang an war er mir wie ein Mann vorgekommen, der alle Menschen respektierte, waren sie nun weiß oder schwarz.
Voller Vorfreude, ihn endlich persönlich zu treffen, wischte ich mir noch mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn – an das Klima hier würde ich mich wirklich noch gewöhnen müssen – lief die Steinstufen hinauf und betätigte den Türklopfer. Jenes bronzene Kunstwerk zeigte ein Gesicht, welches auf der einen Seite gütig auf den Wartenden hinabblickte, auf der anderen grimmig die Zähne fletschte. Wieder musste ich lächeln. Schon oft hatten wir uns fasziniert über Gut und Böse ausgetauscht, ob sie in jedem Menschen gleichermaßen vorhanden waren, oder nicht. Dass seine Begeisterung so weit gingt, dass er sich sogar seinen Türklopfter nach dieser Thematik gestalten ließ, hatte ich nicht erwartet. Bevor ich jedoch weiter über diese Sache sinnieren konnte, wurde mir geöffnet.
Ein schwarzer Haussklave stand vor mir und bat mich freundlich, einzutreten. Er wirkte wirklich zufrieden und gesund, auch seine Kleidung sah weder billig noch abgetragen aus. Doch da ich schon davon gehört hatte, dass die Stellung der Haussklaven oft eher der ihrer weißen Herren ähnelte, als der der schwarzen Plantagenarbeiter, beschloss ich, daraus nicht sofort Rückschlüsse auf die gesamte Situation zu ziehen. Schon als er mir die viel zu warme Jacke abnahm, trat auch mein eigentlicher Gastgeber in den Flur und begrüßte mich herzlich: „Thomas! Sieh' an, du hast es also noch vor Einbruch der Dunkelheit geschafft! Das freut mich. Nicht, dass mein bescheidenes Zuhause schwer zu finden ist, doch ich hätte dich wirklich äußert ungerne im Dunkeln draußen umherirren lassen.“ Ich lächelte. „Keine Sorge. Meine Reisen führten mich nicht immer nur bei Tage durch die Welt, und vor allem nicht immer durch sichere Gegenden. Darüber habe ich in meinen Briefen ja zur Genüge berichtet.“
Wir verstanden uns sofort prächtig; die Transition von schriftlicher Kommunikation zum Luxus der realen Gespräche war einwandfrei geglückt. Am ersten abend jedoch blieb nicht viel Gelegenheit für Plaudereien, die Reise hatte mich erschöpft, so war ich froh, bald das Gästezimmer beziehen zu können. Als ich im Bett lag, konnte ich durch das Fenster den vollen Mond betrachten, der am klaren Südstaatenhimmel so leuchtend und fremd erschien.

Ich erwachte früh am nächsten Morgen, was mich etwas wunderte. Wegen der Hitze des Tages, die immer noch in der dunklen Luft zu hängen schien, hatte ich lange nicht schlafen können. Auch hatte ich mir eingebildet, seltsame, schleifende Geräusche zu hören, die ich nicht ganz zuordnen konnte, und deshalb auf meinen übermüdeten Zustand geschoben hatte. Nun war es allerdings angenehm kühl und ruhig. Wahrscheinlich war ich gestern Nacht, als ich die Klänge wahrzunehmen glaubte, schon halb in Träumen versunken gewesen.

Das Frühstück wurde uns vom selben freundlichen Haussklaven gebracht, der mich am Tag zuvor hereingelassen hatte. Ich fragte mich, wie viele Sklaven William wohl hatte, wagte es aber nicht, ihn darauf anzusprechen. Dieses Thema war schon in unseren Briefen nur am Rande erwähnt worden, ich glaube, wir beide empfanden es als etwas unangenehm. England war, trotz meiner vielen Reisen, immer noch meine Heimat und darauf war ich stolz, eben auch besonders auf die Tatsache, dass die Sklaverei bei uns schon seit vielen Jahren abgeschafft worden war. Dennoch widerstrebte es mir, mich deshalb gegenüber Sklavenhaltern als moralisch überlegen zu fühlen, ganz besonders einem solch gebildeten und intelligenten Mann wie William es war. Verwunderlicherweise war auch er gebürtiger Engländer – er hatte es nie geschafft, mir wirklich verständlich zu machen, wieso er sich entschieden hatte, ausgerechnet hier, im schwülen South Carolina sein Leben zu verbringen.
Als er mir am Vormittag jedoch eine kurze Führung über seine Ländereien gewährte, mir die Tabakplantage zeigte, die sein ganzer Stolz war, merkte ich, dass er wirklich mit zufrieden mit der Existenz war, die er sich hier aufgebaut hatte. Auch, wenn ich mir dieses Leben nicht wünschen würde, ich konnte mich nur für ihn freuen.
Eines jedoch wunderte mich: „Ich sehe, du hast dich hier gut eingelebt, deine Geschäfte laufen hervorragend und sogar dein Akzent scheint mir nahezu befremdlich, eine Frage drängt sich mir jedoch auf: Da du anscheinend keine Probleme hast, dich der amerikanischen Kultur anzupassen, komme ich nicht umhin, dein Haus mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Es ist so gestaltet, dass ich mich, wenn ich es ansehe, in London wähne – wenn diese drückende Schwüle nicht wäre, natürlich. Ist das etwa doch ein kleines Zeichen des Heimwehs?“
Er lachte auf. „Als Heimweh würde ich das nicht bezeichnen. Eher als ein weiteres anerkenndes Nicken meinerseits in Richtung der Tatsache, dass eben alles auf der Welt aus Gegensätzen besteht. Ich lebe ein amerikanisches Leben in einem englischen Herrenhaus. Ich befürworte Freiheit, ich halte Sklaven. Nichts ist einfach und vor allem ist nichts eine Einheit, außer man führt dies künstlich herbei.“
Ganz konnte ich ihm nicht folgen, doch bevor ich weiter nachfragen konnte, führte er mich wieder ins Haus. „Komm', es gibt Tee! Und natürlich die köstlichen Muffins meiner Köchin, und wenn es sich für ein Gericht lohnt, die Treppen heraufzueilen, dann für diese.“

Die Frau, die dann jedoch die Tabletts mit dem Tee und den Gebäckstücken in – im Übrigen prächtig ausgestattete – Bibliothek brachte, wo wir den Tee einnehmen wollten, war jedoch bestimmt nicht die Köchin. Dies war zumindest mein erster Gedanke – vorurteilsbelastet, wie ich nicht zu sein verleugnen kann, stellte ich mir Köchinnen schon immer als hektische und beleibte Frauen vor, das war diese jedoch mitnichten. Ich kann sie, wenn ich die Augen schließe, noch immer vor mir sehen, so sehr ich mir inzwischen auch wünsche, dass dem nicht so wäre, denn nie wird das Bild, das ich vor Augen habe, jenes sein, das sich mir in dieser ersten Sekunden unserer Begegnung bot. Doch auch, wenn ihre Gestalt sich vor meinem inneren Auge verändert, weiß ich doch noch, wie sie damals aussah: Sie trug ein Kleid aus dunklegrünem teurem Stoff, so enganliegend, dass ich beim Anblick ihrer fraulichen Rundungen wohl errötete, was sie unzweifelhaft bemerkt hatte und mit einem amüsierten Lächeln zur Kenntnis nahm. Ihre dunklen, fast schwarzen welligen Haare fielen ihr fast bis auf die Hüfte und hoben ihr blasses Gesicht mit den leuchtend blauen Augen hervor. Kurzum, die Frau war eine Schönheit. Auch erinnere ich mich, dass ich mich sofort fragte, warum William seine Frau, denn für diese hielt ich sie, nie in einem Brief erwähnt hatte. Immerhin wirkte sie auf mich, als wäre sie fast dreißig, es wäre lächerlich gewesen, zu hoffen, sie sei in diesem Alter noch unverheiratet. Ganz zu schweigen davon, dass es wohl nirgendwo ein Mann geben könnte, der fähig wäre, ihr zu widerstehen.
„Ah, ich vergaß, du hast meine Nichte noch gar nicht kennengelernt – auch sie besucht mich zur Zeit um dem Großstadtleben ein wenig zu entkommen.“ Er stellte sie als Virginia vor, doch mehr Informationen gab er mir nicht. Ich war verwirrt. Er hatte auch nie eine Nichte erwähnt, und dass sie so plötzlich auftauchte, hätte mich vielleicht vermuten lassen sollen, dass ihre Anwesenheit nicht ganz so einfach zu erklären war, doch ich schwieg. Vermutlich war es auch ihre Schönheit, die mich still sitzen und sie bewundern ließ. Unaufgefordert setzte sie sich dann zu uns, was mich noch mehr verwunderte. Wusste sie denn gar nicht, was sich gehörte, oder waren das nur die seltsamen amerikanischen Sitten?
Nun saß sie da und sah mich so seltsam aufmerksam und gleichzeitig auffordernd an, dass ich mir schon rein aus Verlegenheit einen der Muffins nahm. Wieder wunderte ich mich unbewusst darüber, wie britisch Williams Bräuche doch geblieben waren, wo er doch schon seit durchaus einigen Jahren in der neuen Welt lebte. Doch zunächst konzentrierte ich mich erst mal auf den Geschmack des wirklich köstlichen Gebäckstückes. Es war noch warm, im genau richtigen Maße weich und schmolz mir im übertragenen Sinne auf der Zunge. Die Rosinen harmonierten wunderbar mit dem nicht zu süßen Teig – perfekt. Ich nickte William zu. „Deine Köchin ist wirklich Gold wert!“ Amüsiert über meine Begeisterung meinte er nur lakonisch: „Ich weiß.“
Nun griffen wir, fast zeitgleich, zu den Teetassen, und ich wandte mich Virginia zu, hätte fast instinktiv die Rolle des Gastgebers eingenommen, um zu fragen, ob sie denn keinen Tee wolle. Glücklicherweise hielt ich mich noch rechtzeitig zurück, das wäre William gegenüber schließlich äußert unhöflich gewesen. Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass die junge Frau auf den zweiten Blick doch deutlich jünger schien, als ich zunächst angenommen hatte. Bei näherem Hinsehen wirkte sie nicht wirklich wie dreißig, allerhöchstens schien sie mir zwanzig zu sein, was mir die Hoffnung gab, das sie vielleicht doch noch unverheiratet sein könnte. Zwar sagte mir mein Gewissen, dass ich ja immerhin hergekommen war, um William zu besuchen, und nicht, um eine Frau zu finden, doch konnte ich mich der Gefühle, die sich in mir zu regen begannen, nicht erwehren.
Noch munterer als zuvor nahm ich einen großen Schluck des mit Milch verfeinerten Schwarztees. Dann noch einen, den trotz meines nun größeren Enthusiasmus war mir nichts eingefallen, womit ich eine Unterhaltung mit der schweigsamen Schönheit in Gang bringen könnte.
Als ich meine Tasse in großen Schlücken fast vollständig geleert hatte, kam mir endlich der Gedanke, dass ich sie doch einfach fragen könnte, wie es ihr bei ihrem Onkel bis jetzt gefiel, ob ihr Stadt- oder Landleben lieber war.
Wieder wandte ich mich ihr zu und nun erschrak ich fast. Mittlerweise musste ich mir eingestehen, dass sie wirklich, wirklich jung wahr und schämte mich dafür, sie so voreilig als attraktive und heiratsfähige Frau eingeschätzt hatte. Obwohl sie wirklich äußerst hübsch war, davon brachte mich nichts ab, obwohl mich dieser Gedanke sehr verstörte. In ihren großen Augen lag ein so kindlich-hilfloser Blick, dass es mir das Herz zerriss; ihre Glieder waren so dünn und noch weit entfernt von den weiblichen Formen, die ich zuerst in ihr gesehen hatte. In diesem Moment war ich der Überzeugung, dass Virginia höchstens dreizehn sein konnte. Das Schlimme war, dass ich sie nicht weniger anziehend fand als vorher.
„Ist dir nicht gut, Thomas?“ Williams Stimme klang besorgt. „Du bist auf einmal so blass geworden.“
„Ich... Ich glaube, das Klima bekommt mir wirklich nicht. Mir ist plötzlich ganz schwindelig geworden. Bis zur nächsten Mahlzeit werde ich mich auf mein Zimmer zurück ziehen, sofern das in Ordnung ist.“
Mit diesen Worten stand ich abrupt auf und rannte aus dem Raum. Dies war wohl äußerst unhöflich, doch meine eigenen Gedanken hatten mich zu sehr erschreckt.

In dieser Nacht schlief ich sehr schlecht. Der Vorfall vom Tee saß mir noch in den Knochen, außerdem hörte ich wieder die komischen Geräusche, und war mir sicher, mir nicht zwei Nächte hinter einander das Selbe einbilden zu können. Ich lauschte angestrengt. Das Geräusch war ein schabendes Schleifen, das von über mir zu kommen schien. Wahrscheinlich irgendwelche Arbeiten, die auf dem Dachboden verrichtet wurden, auch wenn mich mir darunter wirklich nichts vorstellen konnte. Lange lag ich grübelnd wach, und als ich doch in einen Schlummer sank, tauchten Bilder von Virginia vor meinem inneren Auge auf, in denen ich nicht unterscheiden konnte, ob sie ein kleines Mädchen oder eine junge Frau war. Entsprechend müde, verwirrt und schlecht gelaunt begab ich mich am nächsten Morgen zum Frühstück, bemühte mich jedoch, mir meine Niedergeschlagenheit nicht anmerken zu lassen. Vermutlich war es wirklich das ungewohnte Klima gewesen, das mir gestern die Sinne verwirrt hatte.
Als ich den Speiseraum betrat, nahm ich sofort die Gestalt mit den langen schwarzen Haaren wahr, die mit dem Rücken zu mir am Esstisch saß. Virginia war es. Innerlich straffte ich mich – ich wollte ihr nicht in aufgewühltem Zustand gegenübertreten. Ich setzte mich zu ihr und lächelte, etwas schüchterner, als ich eigentlich wollte, allerdings auch erleichtert. Mir gegenüber saß kein kleines Mädchen, sondern eine junge Frau, das war eindeutig. „Verzeih', dass ich gestern so plötzlich verschwunden bin! Ich fürchte, die Hitze machte mir etwas zu schaffen...“
Sie lächelte, strahlte mich geradezu an: „Aber das macht doch nichts! Die Hauptsache ist doch, dass Sie sich nun wieder wohlfühlen. Nun frühstücken Sie aber erst mal. Der Tee ist schon gekocht, wenn mein Onkel kommt, können wir mit dem Essen beginnen.“
Kurz überlegte ich, ob ich sie auf die komischen Geräusche ansprechen sollte, doch dann erinnerte ich mich, dass auch sie ja nur ein Gast hier war. Außerdem schien es mir wirklich unschicklich, eine junge Frau mit irgendwelchen Schauergeschichten zu belästigen. Ich würde William später danach fragen.

Als er auftauchte, erkundigte er sich besorgt nach meinem Wohlempfinden und freute sich, dass ich mit gutem Appetit aß. Er schien sehr darauf erpicht, eine Unterhaltung zwischen mir und Virginia anzufachen, und ich begann, hoffnungsvolle Erwartung zu spüren. Zwar war ich in meinen Briefen nicht allzu stark auf das Thema der Liebe eingegangen, doch hatte ich ab und zu erwähnt, dass mir eine Frau an meiner Seite noch fehlte, worauf er immer mit Ausdrücken des Bedauerns reagiert hatte...
Als sie sich hinüberbeugte, um mir den Tee einzuschenken, konnte ich nicht verhindern, einen Blick in ihren Ausschnitt zu werfen, wandte mich jedoch sofort errötend ab. Doch es war definitiv ein ansprechender Anblick gewesen. Dieser Gedanke schien mir auch auf der Stirn zu stehen, denn William zwinkerte mir zu und hob seine Tasse, als würde er auf mein Wohl anstoßen.
Den Großteil des Tischgespräches bestritten Virginia und ich, und ich spürte Williams wohlwollenden Blick auf uns ruhen. Die junge Frau war auch wirklich eine entzückende Gesprächspartnerin – intelligent, gewitzt, doch immer rasch dabei, mir bewundernd Recht zu geben. Letzteres tat sie jedoch mit einem frechen Zwinkern, sodass mir bewusst war, dass sie damit hauptsächlich meiner männlichen Geltungssucht entgegenkommen wollte.
Nach einer Weile spürte ich jedoch, wie wieder eine Veränderung in meiner Wahrnehmung vorging. Zunächst waren es Virginias Gesichtszüge, die zu verschwimmen schienen. Die vollen Lippen unter dem Lippenrot, sonst so selbstbewusst lächelnd, schienen nun das unschuldig-vertrauensvolle Lächeln eines kleinem Mädchen einem erwachsenen Mann gegenüber zu formen; die für eine Frau recht markanten Wangenknochen versteckten sich wieder unter den volleren Wangen junger Kinder; auf ihrer reinen, blassen Haut tauchten feine Sommersprossen auf, wie bei Kindern, die viel im Freien spielen. Eine erschreckende Hitze stieg in mir auf, mit unaussprechlichem Entsetzen wurde mir gewahr, dass ich sie nun noch attraktiver fand. Als ich meinen Blick senkte, und bemerkte, dass ihre weiblichen Brüste zu den noch nicht erblühten Knospen einer Minderjährigen geworden waren, ballte ich eine Faust und presste meine Fingernägel in die Handfläche, auf dass der Schmerz meine aufsteigende Erregung verdecken sollte.
Diesmal jedoch riss ich mich zusammen. Statt wieder aufzuspringen, brachte ich den Rest des Frühstücks so gelassen wie möglich hinter mich. Danach zogen William und ich uns für Gespräche und Zigaretten in die Bibliothek zurück – ohne Virginia, was mich erleichterte.

„Endlich kommen wir dazu, uns zu unterhalten! Ich hoffe, du hast dein gestriges Unwohlsein gut überstanden“, meine William, und ich meinte, einen mehrdeutigen Unterton aus seiner Stimme herauszuhören. Statt gleich mit meinen seltsamen Sinnestäuschungen herauszuplatzen, beruhigte ich ihn: „Ja, mir geht es nun schon deutlich besser! Es tut mir auch wirklich Leid, dass ich mich gestern so abrupt zurück zog. Heute jedoch bin ich auch bereit, für die Führung durch das Haus, die du erwähnt hast.“ Besonders interessierte es mich, ob er mich auch auf den Dachboden führen würde, und sich mir so die Quelle der seltsamen Geräusche erschließen könnte.
„Selbstverständlich werde ich dir den Rest des Hauses zeigen! Doch nun lass' uns nach dem Essen erst ein wenig ruhen.“ Mit diesen Worten zog er sein Zigarettenetui vor und ich tat es ihm gleich. Eine Weile saßen wir nur genussvoll rauchend da. Dann richtete William sich urplötzlich auf, als käme nun eine wichtige Ankündigung: „Weißt du, eigentlich verabscheue ich Amerika.“ Ungläubig sah ich ihn an: „Du- Es war doch deine Entscheidung, hier zu wohnen, dachte ich? Ich meine, du hast hier deinen Reichtum gemacht, dieses riesige und wunderschöne Landhaus erbaut... Um Himmels Willen, du hast dir sogar den Akzent angeeignet! In deinen Briefen schwämtest du mir sogar von der, wie du sagtest ''leeren Ästhetik der Plantagenlandschaft'' vor, selbst die grässliche Hitze schien dir zuzusagen!“ Ich war ausgesprochen verwundert.
William verzog das sonst so freundliche Gesicht zu einem bitteren Lächeln: „Augen zu und an England denken.“ Mein Blick schien ihm Frage genug und er fuhr fort, mit einem Tonfall, als würde er mir etwas Selbstverständliches erklären: „Alles, was ich hier tue, ist zum Wohl des Mutterlandes.  Amerika ist die Müllhalde Englands und ich kümmere mich hier um den Abfall, der nur schwer verrottet.“ Es ist überflüssig zu erwähnen, dass mich diese Erklärung nur unzureichend bis gar nicht zufrieden stellte, doch er wechselte nun abrupt das Thema, und diesen neuen William, der nun viel ernster blickte, wagte ich nicht zu unterprechen. Selbst sein Akzent war nun ein anderer geworden, eine Mischung aus den entschwindenden Endsilben Britanniens und den aufdringlichen „R“s des amerikanischen Südens. Nun redete er wieder über das Thema, das uns in unseren ersten Briefen zu seitenlangen Diskussionen angeregt hatte: Das Gute, das Böse und das Gleichgewicht derselben.
„Du erinnerst dich doch an meine Theorie, dass in der Welt eine absolute Balance guter und böser Kräfte herrscht muss, die sich nicht verändert, und dass es, infolgedessen möglich wäre, sämtliches Böse aus der Welt zu halten, wenn man es nur auf einen Ort komprimierte? Auch wenn du es nicht in diesem Wort ausgedrückt hast, du hieltest es für Schwachsinn. Ich aber kann dir nun sagen, dass ich den Beweis vollbracht habe.“ Sprachlos sah ich ihn an. Natürlich hatte ich das für Schwachsinn gehalten – weil es Schwachsinn war.
Ich selbst glaube eher daran, dass das Böse in jedem Menschen lauern kann, und, unter den falschen Umständen unaufhaltsam wachsen würde, kurz, dass es eine unendliche potentielle Menge des Bösen in der Welt gab.
„Du glaubst mir nicht, ich weiß.“ Er lächelte vielsagend. „Doch keine Ungeduld, es wird alles bewießen werden. Ich bin mir sicher, du hast gemerkt, wie sich die Gestalt Virginias vor deinen Augen veränderte.“
Von plötzlicher Aufregung gepackt sprang ich auf, Williams Augen waren ruhig auf mich gerichtet. „Du wusstest, dass das passieren würde? Wie kann das sein, erklär' mir das! Ist Virginia-“ Ich wusste gar nicht, was ich fragen sollte. War Virginia kein Mensch?
Tadelnd schüttelte er den Kopf. „Du fragst falsch. Nicht Virginia war es, die sich veränderte. Hast du denn nicht gemerkt, welche Gefühle sich in dir regten, dass alles von dir ausging?“
Wütender und lauter als ich wollte, erhob ich Einspruch: „Was auch immer es war – die Gefühle kamen nicht von mir. Noch nie habe ich für ein Kind solches-“ Ich konnte es nicht aussprechen.
„Na gut, na gut.“ Mit einer Geste bedeutete William, dass ich mich wieder setzen sollte. Zögernd tat ich dies und bemühte mich, ruhig zu atmen.
„Wenn es dich beruhigt: Die Gefühle gingen nicht wirklich nur von dir aus. Ich habe sie dir eingegeben. So leid es mir tut, du bist Teil eines Experiments. Eigentlich könntest du dich freuen – das Thema fasziniert dich genauso wie mich, und nun spielst du eine solch wichtige Rolle dabei, die Chemie des Bösen zu entschlüsseln.“
Er sprach mit einer Gelassenheit, die mich rasend machte, und schien wirklich zu glauben, dass ich mich freute, dass er mir, wie auch immer, solche Empfindungen aufgezwungen hatte. In meinem Kopf regten sich Abscheu, Angst und Wut, doch ich konnte alles nicht in Worte fassen. Müde meinte ich nur: „Erkläre.“
Und das tat er. Gestikulierend schritt er im Raum umher - es war offensichtlich, dass er sich gerne reden hörte - und ich war von seinen Worten gleichzeitig abgestoßen und fasziniert. Anscheinend – und Zweifel konnte ich mir in meiner Situation nicht wirklich leisten – war es ihm gelungen, die Atome des Bösen einzufangen. Kleine Partikel, die in der Luft hängen, und sich an jeden von uns heften und wieder davonschweben, wie Schneeflocken. Nur, wenn ein Mensch wirklich böse ist, schlechte Gedanken hegt, unsagbare Dinge tut, bleiben sie an ihm kleben, dringen in ihn ein und werden ein Teil seines Ichs. „Am Anfang dachte ich noch, es gäbe keine Möglichkeit, einen Menschen, der nicht von Grund auf schlecht ist, mit diesen Atomen zu infiltrieren, doch ich hatte mich geirrt. Mir gelang es, ein Elixier herzustellen, das aus dem reinen Bösen besteht, doch das war erst der Anfang. Nach einer langen Zeit des fruchtlosen Experimentierens konnte ich verschiedene Arten der Verwerflichkeit unterscheiden und filtern. Gewalttätigkeit, Mordlust, Kinderschändung...“ Er sah mich aufmerksam an und ich zuckte unwillkürlich zusammen. „Aber diese Atome können nicht in mir sein, ich habe nie-“ - „Natürlich hast du nicht, und wärest du nicht hierher gekommen, hättest du auch nie gewollt. Ich sagte doch, du warst Teil meines Experimentes. Ich habe dafür gesorgt, dass der Tee und die Muffins eine nicht geringe Menge des Elixiers enthielten, und dann das Spiel genossen. Vorherige Experimente haben gezeigt, dass die Wirkung schneller und heftiger auftritt, wenn wirklich Kinder anwesend sind, doch konnten wir den letzten Probanden kaum unter Kontrolle halten, weshalb Virginia sich als Lockvogel bereiterklärte. Die Halluzinationen sind doch fast genauso gut, nicht wahr? Und die Wirkung wird nicht geschwächt. Du hast die Gedanken gedacht, die Atome sind nun in dir gefangen.“
Sprachloses Entsetzen ergriff mich, fast wäre ich ohnmächtig geworden wie eine Frau. „Du musst das doch rückgängig machen können! Du kannst doch nicht wollen, dass ich so bleibe. Wenn du schon solche grässlichen Experimente vollziehen musst, dann nimm' doch wenigstens die schwarzen Sklaven, davon hast du doch hier genug!“ Dies waren Worte, die ich zuvor nie ausgesprochen hätte, doch Verzweiflung ist wohl der beste Katalysator für fragwürdige Moral.
Der zuvor so fröhlich-arrogante William wirkte plötzlich ärgerlich: „Ach, die schwarzen Sklaven sollen also für Experimente herhalten, die ich den weißen Herren nicht zumuten kann.“ Er lachte bitter, doch im gleichen Moment veränderte sich sein Gesichtsausdruck und wurde schadenfroh: „Keine Sorge, das werden sie noch! Sie spielen sogar bereits brav ihre Rollen in meinem Experiment, jedoch ohne das zu wissen. Möchtest du es sehen?“ Natürlich wollte ich nicht. Stattdessen kam mir der – zugegebenermaßen äußerst undurchdachte – Plan in den Sinn, zu fliehen. Ich stand auf, stürmte zu Tür und wunderte mich gar nicht, wieso William keine Anstalten machte, mich aufzuhalten. Als ich die Tür aufriss, und zwei Haussklaven, die nun nicht mehr so freundlich wirkten, mich schmerzhaft packten und festhielten, erkannte ich, dass ich gefangen war. Augenscheinlich hatte er erwartet, dass mich seine Worte in Erregung versetzen würden.
Nun kam William aus der Bibliothek geschlendert. „Zwar hast du nicht geantwortet, doch bin ich mir sicher, dass du mein Experiment sehen willst, schließlich bist auch du ein Teil davon. Lass uns nach oben gehen!“ Er lächelte freundlich und machte eine Geste, als wolle er mir den Vortritt gewähren, doch waren es die Sklaven, die mich vorwärtszerren mussten.

Wie ich schon vermutet hatte, begaben wir uns zum Dachboden, und unter all der Verzweiflung und der Enttäuschung über den Verrat des Mannes, den ich für einen Freund gehalten hatte, regte sich auch meine Neugierde. Als William die Tür öffnete und ich in den Raum gestoßen wurde, bot sich mir ein äußerst seltsamer Anblick. Das Dachgeschoss, das aus einem riesigen Raum bestand, war offensichtlich Schlafquartier und Wohnung der Sklaven. Wie seltsam schien mir dann der Luxus, die, auf Grund ihrer hohen Zahl schmalen, aber mit weichen Matratzen und seidener Bettwäsche bestickten Betten, zum größten Teil leer, doch auf manchen lagen Sklaven, die entspannt und fröhlich schienen und keiner Arbeit nachgingen. Das Seltsamste waren jedoch die Weißen, die in abgerissenen Kleidern durch das Zimmer eilten, so schnell es eben ging – sie alle zogen mit einem schleifenden Geräusch das linke Bein nach, einge verzogen bei jedem Schritt schmerzhaft das Gesicht. Beschäftigt waren sie mit Arbeiten wie Wäsche waschen und dem Abziehen der Betten. Am Kopfteil des Raumes stand der Haussklave, der mir bis jetzt am häufigsten begenet war, doch statt zu einem freundlichen waren seine Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln verzogen, in seiner Hand hielt er eine Peitsche.
Ich vermochte es nicht wirklich, den Sinn hinter der Szene, die sich mir bot, zu erkennen, weshalb ich William einen fragenden Blick zu warf; so, als wären wir noch Freunde, als könnte ich ihm immer noch vertrauen. Als würde er mir ein neues Heim anpreisen deutete er in den Raum: „Hier, lieber Thomas, siehst du nicht nur den sozialpolitischen Aspekt meines Experiments, sondern auch deinen Arbeitsplatz für, nun ...den Rest deines Lebens, würde ich sagen.“ Ich wollte protestieren, doch ein schmerzhafter Stoß in die Seite zeigte mir, dass es sich nicht unterbrechen lassen wollte. „Wie ich sagte, die Schwarzen sind ein Teil meines Experiments. Sie sind hier, um die Atome des Bösen von ganz alleine anzuziehen – in dem ich ihnen die Möglichkeit gebe, Rache zu üben, die selbe Gewalt auszüben, die so lange über sie ausgeübt wurde. Ich gebe einer unterdrückten Rasse die Illusion von Macht und damit mir die Realität einer Atmosphäre des Sadismus, die wie ein Magnet für meine geliebten Atome ist. Ganz abgesehen davon, dass meine Sklaven mit Begeisterung für mich arbeiten, ich den Ruf eines fortschrittlichen Philantrophen habe und somit das Vertrauen vieler Menschen in der Umgebung. Und mit Menschen meine ich diese seltsamen degenerierten Amerikaner, die früher oder später nur Gefäße des Bösen sein werden, damit die zivilisierte Welt so rasch wie möglich frei davon sein kann.“
Das ist Wahnsinn. Das muss ein Traum sein. William hat den Verstand verloren. All dies wollte ich sagen, doch in mir regte sich Widerstand, meine Panik zu zeigen. Ich hatte verloren, ja, doch wenn ich meine Gefangenschaft hier alleine dadurch erträglich machen könnte, Zweifel in William zu sähen, dann sollte dies wohl so sein. Ich richtete mich gerade auf, dann schaute ich ihm direkt in die Augen. „Es wird nicht funktionieren. Ich weiß nicht, was du in meinen Tee getan hast, doch an deine Atome glaube ich nicht. Selbst wenn – was du hier tust, wird sie nicht anziehen. Was hier geschieht, die Umkehrung der Sklaverei, ist Gerechtigkeit und nichts anderes. Sollte deine Theorie stimmen, wirst du hiermit deine Atome abstoßen, wenn überhaupt.“
Ich glaubte mir selbst nicht, glaubte nicht, dass jegliche Art der Unterdrückung Gerechtigkeit sein konnte, doch mir war nur noch geblieben, William zu verwirren, und dass er nicht ganz so sicher war, wie er vorgab, merkte ich daran, dass er, wenn auch nur für eine Sekunde, meinem Blick nicht standhalten konnte.
„Oh, Diskussionen über die Moral der Sklaverei haben wir ja schon immer gerne geführt! Ich denke, es wird dich freuen, dass wir dies jetzt ein Lebensalter lang tun können.“
„Wenn es eines ist, das mich freut, ist es, den Gedanken an den Zeitpunkt, an dem hier alles außeinander fällt. An dem du deinen Sklaven zu viel Macht gegeben hast, in der Hoffnung, sie mögen deine wahnsinnigen Atome anziehen. Der Zeitpunkt, an dem überwältigt wirst. Und ich schwöre dir, wenn dieser Tag gekommen ist, werde ich dafür sorgen, dass du deine eigene Droge kosten wirst, und ich werde es genießen, zu sehen, wie es dich in den Wahnsinn treibt.“
Er lächelte. „Wir werden sehen. Wer weiß – in ein paar Jahren, wenn England vollkommen frei von jeglichem Bösen ist, und ich zurückkehre, nehme ich dich vielleicht sogar mit, schließlich bist du ein Freund. Als Beispiel für die gelungene Infiltration durch die Atome des Bösen darfst du dann jedem von den Gedanken erzählen, die dich beim Anblick kleiner Mädchen erfüllen.“
Wut stieg in mir hoch, doch noch bevor ich etwas entgegnen konnte, wurde mir mit einer Eisenstange das linke Bein zertrümmert, und dann wurde mir wirklich schwarz vor Augen.
 

.



Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin, und ich weiß auch nicht, wie viel von Williams Theorie ich wirklich glaube. Fakt ist, dass ich in meinen Träumen immer noch Virginia sehe, so wie ich sie nicht sehen möchte. Das einzige, was ich möchte, ist meine Rache. Zu meinem Glück kann ich sagen, dass meine Lage nicht hoffnungslos ist. Mir gelang es nach einiger Zeit, eine Art Freundschaft zu dem mir bekannten Haussklaven aufzubauen. Ich hatte ihm davon erzählt, dass England auf dem Weg dahin ist, dass niemand mehr unterdrückt werden muss, weder Schwarz noch Weiß. Er, des Auspeitschens müde, scheint von dieser friedlichen Vorstellung mehr als angetan, und der Gedanke daran, dass, wenn wir alle Sklaven auf unsere Seite bringen, William alleine dasteht, erfüllt mich mit Hoffnung.

Einzig der Gedanke an die Dinge, die ich mit William anstellen will, wenn ich ihn in meiner Macht habe, lässt mich manchmal daran glauben, dass ich hier wirklich von besonders vielen Atomen des Bösen umgeben bin.

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Sätze:256
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Kurzbeschreibung

Ein Engländer besucht seinen amerikanischen Freund auf dessen Tabakplantage. Zunächst ist er begeistert von dessen Gastfreundschaft und vor allem seiner hübschen Nichte, doch seltsame nächtliche Geräusche und verwirrende Halluzinationen zeigen ihm, dass hier etwas nicht stimmen kann... [Warnungen: Sklaverei, Gewalt, Erwähnung von Kindesmissbrauch]

Kategorisierung

Diese Story wird neben Horror auch in den Genres Historik und Mystery gelistet.

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